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:antifaschistische Nr.

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nachrichten g 3336 27.2.2003 19. jahrg./issn 0945-3946 1,30 ¤
www.antifaschistische-nachrichten.de

REP und Schill-Partei


erfolglos
Frankfurt/Hannover. Bei den hes-
sischen und niedersächsischen Land-
tagswahlen haben rechte Parteien kei-
No WAR!
ne Erfolge erzielen können. 500.000 in Berlin, Millionen Menschen
In Hessen halbierten die REP ihr weltweit auf der Straße …
Ergebnis auf 1,3 % (34553 Wähler-
stimmen) gegenüber 1998 mit 2,7 %
und 75114 Stimmen. In Niedersachsen
kam es sogar noch schlimmer, hier er-
reichten sie nur noch 0,4 % (17048
Stimmen) gegenüber 2,8 % (118.975
Stimmen) im Jahr 1998. Auch die
Schillpartei trat in beiden Ländern an,
allerdings nur mit wenigen Direktkan-
didaten. In Hessen wählten die „Partei
Rechtsstaatliche Offensive“ 0,5 % , in
Niedersachsen 1 %.
Die REP holten in Hessen ihre be-
sten Ergebnisse im Lahn-Dill-Kreis
(2,2 % Erststimmen, 1,9 % Zweitstim-
men), im Wahlkreis Wiesbaden 2 (2,3
Erst-, 1,7 % Zweitstimmen), Frankfurt
1 (2 % Zweitstimmen), Main-Kinzig2 „Der Krieg gegen Irak kann ver- ten. Der ganzen Region droht ein Chaos
(2,1 %), Main-Kinzig 3 (2,3 %) und hindert werden!“ So heißt es in gewalttätiger Auseinandersetzungen.
Offenbach-Stadt mit 2 %. Die Schill- der Abschlusserklärung des Trägerkrei- Dieser Krieg stellt einen schweren Ver-
Partei holte dort ihre „besten“ Ergeb- ses der Großdemonstration am stoß gegen das Völkerrecht dar und ist un-
nisse, wo sie auch Direktkandidaten 15.2.2003 in Berlin, an der mehr als ter keinen Umständen zu rechtfertigen. Die
aufgestellt hatte, z. B. in Fulda (1,5 % 500000 Menschen teilgenommen ha- Begründungen der USA für diesen Krieg
Erst-, 0,8 % Zweitstimmen) und in ben. Die Erklärung wurde gegen Ende sind vorgeschoben. Es geht nicht um die
Main-Kinzig 2 (1,6 Erst-, 1,0 Zweit- der Kundgebung in gekürzter Fassung Massenvernichtungswaffen des Irak, nicht
stimmen), was aber ja nicht wirklich vorgetragen. Wir dokumentieren die um Demokratie oder Menschenrechte,
viel ist. Die REP Niedersachsen verlo- Erklärung sowie die Rede der Palästi- auch nicht um den sog. Kampf gegen den
ren selbst in einstigen Hochburgen nenserin Sumaya Farhat-Naser und die internationalen Terrorismus. Vielmehr soll
massiv. 1998 erzielten sie z.B. in Wil- Rolf Beckers, Schauspieler und aktiver mit dem Feldzug gegen Irak der anglo-
helmshaven noch 8,3 %, jetzt stimm- Gewerkschafter aus Hamburg, einer amerikanische Anspruch auf die Kontrolle
ten nur 0,7 %, das sind 228 Menschen, der wenigen Redner, der sich auch kri- der Ölreserven der Golf-Region durchge-
für sie. Ähnlich die Entwicklung in tisch mit der Bundesregierung ausein- setzt werden. Gleichzeitig wird mit dem
Celle: 1998 erreichten sie hier 7 % = andersetzte und an ihre Rolle im Jugos- Krieg eine neue Ära eingeläutet, in der die
3441 Stimmen, 2003 waren es 1,4 % = lawienkrieg erinnerte. Weitere Reden USA sich das Recht herausnehmen wollen,
608 Stimmen. unter: www.friedensratschlag.de ■ vorgreifende „präventive“ Kriege gegen
Während die hessischen „Republi- jeden beliebigen Staat zu führen, wenn es
kaner“ auf ihrer Website zur Niederla- Millionen von Menschen sind heute in Eu- ihren globalen Machtinteressen dient.
ge noch schweigen, geben die Nieder- ropa und weltweit auf die Straße gegangen, Dazu sagen wir „Nein“ und wissen uns
sachsen-REP bereits die Vorverlegung um gegen den drohenden Irakkrieg zu pro- darin einig mit der US-amerikanischen
des für November geplanten Landes- testieren. Von London bis Ljubliana, von Friedensbewegung, die mit ihrem Protest
parteitags auf den 26. April bekannt. Paris bis Prag, von Warschau bis Wien, Von gegen den Kriegskurs der Bush-Adminis-
Landesvorsitzender und Spitzenkan- Sydney bis San Francisco, von Brüssel bis tration ein hoffnungsvolles Zeichen setzt.
didat bei der Landtagswahl Peter Lau- Berlin haben die Menschen deutlich ge- Wir begrüßen die jüngste Initiative der
er wird für den Vorsitz nicht mehr zur macht, dass sie keinen Krieg wollen – we- deutschen, französischen, russischen und
Verfügung stehen. u.b. ■ der im Irak noch anderswo. chinesischen Regierung, die Zahl der UN-
Krieg ist immer ein Verbrechen an der Waffeninspektoren aufzustocken und ih-
Aus dem Inhalt: Menschheit und eine Niederlage der nen mehr Zeit zu geben. Wir sagen auch
Menschlichkeit. Der Krieg gegen Irak wird entschieden Nein zu einer deutschen Betei-
Erb- oder Richtungsstreit Tausenden von Menschen das Leben kos- ligung am Krieg. Wir unterstützen den
beim FN? . . . . . . . . . . . . . . . . 7 ten, Abertausende von Existenzen zerstö- Antikriegskurs der Bundesregierung. Die-
Vor 60 Jahren – Geschwister ren und die Lebens- und Umweltbedingun- ser Haltung müssen jetzt aber konkrete Ta-
Scholl verhaftet . . . . . . . . . . 11 gen der ohnehin unter dem Embargo not- ten folgen:
leidenden Bevölkerung nachhaltig verwüs- Fortsetzung. S. 8
: meldungen, aktionen
Sängerin der Grand-Prix-
Band soll rechtsextreme
Barrikadenbau in Foren techumenat“, „Schönstatt“-Bewegung, Kontakte haben
Berlin. Der Berliner Publizist Arnulf „Ritter vom Hl. Grab zu Jerusalem“, „In- Belgien. Gegen die Sängerin der Rock-
Baring, unlängst Diskussionsteilnehmer itiativkreis katholischer Laien und Pries- band „Urban Tradd“ ermittelt der belgi-
auf einer Veranstaltung des um die „Jun- ter“, „Jugend 2000“, „Bund katholischer sche Staatssicherheitsdienst. Das geht
ge Freiheit“ angesiedelten „Instituts für Unternehmer“, „Junge Union“ u.a.m.. aus einem Schreiben der Behörde an Jus-
Staatspolitik“, will sich nun verstärkt in Unterstützung erhält das „Forum tizminister Verwilghen hervor. Demnach
die programmatische Debatte der FDP Deutscher Katholiken“ von hohen geist- wird die 25-jährige Musikerin der rechts-
einschalten. Nach Auskunft der FDP-Ge- lichen Würdenträgern, wie Joseph Kardi- extremen Szene zugeordnet. Die Frau
neralsekretärin Cornelia Pieper wolle nal Ratzinger, Leo Kardinal Scheffczyk wurde zweimal bei Veranstaltungen von
Baring in den „Liberalen Foren“ mitar- und Bischof Heinz Josef Algermissen, rechtsgerichteten flämischen Gruppen
beiten, in denen Themen wie Globalisie- die neben dem Paneuropäer Otto von verhaftet. Zudem soll sie an Gedenk-
rung und Bildung erörtert werden sollen. Habsburg, dem langjährigen SPD-Politi- feiern für den deutschen Nationalsozia-
Baring, der erst neulich das Bürgertum ker Friedhelm Farthmann, den CSU-Po- listen Rudolph Hess teilgenommen ha-
aufgefordert hatte auf die Barrikaden zu litikern Peter Gauweiler und Norbert ben. „Urban Tradd“ vertritt Belgien beim
gehen, weil die Regierung zu dringenden Geis, den „Criticon“-Autoren Hans Graf Europäischen Chanson-Wettbewerb. In
„Reformen“ nicht in der Lage sei, hatte Huyn und Konrad Löw und den „Le- diesem Jahr wurde der Teilnehmer vom
in der Vergangenheit auch schon beim bensschützern“ Johanna Gräfin von französischsprachigen Rundfunk RTBF
rechten „Bund Freier Bürger“ um den Westphalen und Karin Struck allesamt ermittelt. Medienminister Miller will
damaligen FDP-Landtagsabgeordneten dem Kuratorium des „Forums Deutscher prüfen, ob ein Auftritt beim Eurovisions-
Heiner Kappel referiert. hma ■ Katholiken“ angehören. Zu den diesjäh- Grand-Prix haltbar ist.
rigen Referenten gehört auch der CSU- aus den Internetnachrichten vom BRF
In guten Händen Europaparlamentarier Bernd Posselt, (www.brf.be) ■
Präsident der „Paneuropa-Union“,
Dresden. Das immer wieder in die öf- Bundesvorsitzender der „Sudetendeut- Werden NS-Opfer wieder
fentliche Kritik geratene Hannah- schen Landsmannschaft“ und zugleich
Arendt-Institut für Totalitarismusfor- im Kuratorium des „Forums“. Eigens zur ausgeladen?
schung an der TU Dresden erhält einen Abendmesse reist der Präsident des Köln. Die Stadt Köln hat ein „Haus-
neuen Direktor. Institutsdirektion und Päpstlichen Rates „Cor unum“, Erzbi- haltsloch“ und muss sparen. Die Streich-
Lehrstuhl gehen nun an den Heidelber- schof Dr. Paul Josef Cordes aus Rom an. liste, die die CDU geführte Verwaltung
ger Kirchenhistoriker Gerhard Besier. hma ■ präsentierte hat es in sich: unter anderem
An der politischen Zielrichtung der Ar- soll auch das Besuchsprogramm für ehe-
beit des Institutes, die Bestrebungen für Kappel gegen Moschee- malige Zwangsarbeiterinnen und
einen gesellschaftlichen und politischen Zwangsarbeiter komplett gestrichen wer-
Fortschritt zu diskreditieren, wird sich Bauten den. Die Projektgruppe „Messelager“ im
damit nichts ändern. Besier ist Autor des Bad Soden/Köln. Der Bundesvorsit- Verein EL-DE-Haus hat 1989 dieses Be-
dreibändigen Werkes „Der SED-Staat zende der „Deutschen Partei“, der ehe- suchsprogramm für ehemalige Zwangs-
und die Kirche“ (Ullstein) und gemein- malige FDP-Landtagsabgeordnete Hei- arbeiterinnen und Zwangsarbeiter,
sam mit Prof. Erwin K. Scheuch Heraus- ner Kappel, soll am 15. März auf den Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge initi-
geber des Buches „Die neuen Inquisito- Kundgebungen der neofaschistischen iert und begleitet es seit 1990 in enger
ren - Religionsfreiheit und Glaubens- „Bürgerbewegung pro Köln“ gegen den Kooperation mit dem NS-Dokumenta-
neid“. 1994 unterzeichnete Besier den in geplanten Bau von Moscheen sprechen. tionszentrum. Im September 2000 bewil-
der „Jungen Freiheit“ veröffentlichten Der evangelische Pfarrer werde in seiner ligte der Rat der Stadt 200.000 DM pro
„Berliner Appell“, im Jahr darauf stand Rede in Chorweiler und Mülheim „den Jahr zur Fortführung des Besuchspro-
er dem Blatt für ein Interview zur Verfü- Multi-Kulti-Plänen der Stadtspitze eine gramms bis 2005. Jetzt soll dieser Be-
gung. Artikel Besiers, Herausgeber von Absage erteilen“ und „Stellung gegen schluss den Streichungen zum Opfer fal-
„Kirchliche Zeitgeschichte“ und „Reli- die Umwandlung der Bundesrepublik len. Für das nächste Besuchsprogramm
gion – Staat – Gesellschaft“ finden sich Deutschland in ein Einwanderungsland“ vom 11. – 19. Mai 2003 haben bereits 15
auch in der rechtskonservativen Zeit- beziehen, heißt es bei „Pro Köln“, das Männer und Frauen aus der Ukraine ihr
schrift „Criticon“. hma ■ sich seit einiger Zeit um einen Schulter- Kommen zugesagt. Diese Menschen, die
schluss mit der neofaschistischen NPD im Durchschnitt 80 Jahre alt sind, wieder
Fundamentalistentreffen zu bemühen scheint. Kappels neue Par- auszuladen, wäre nicht nur peinlich, son-
tei, früher war er Bundesvorsitzender des dern würde de facto die Absage ihres Be-
Fulda. Das „papst- und kirchentreue“ „Bund Freier Bürger“, hat unterdessen suchs in Köln bedeuten – eines Besuchs,
„Forum Deutscher Katholiken“ führt ihre Kandidaten für die Bremer Bürger- der mit großen seelischen und körper-
vom 20. bis 22. Juni in der Fuldaer schaftswahl am 25. Mai nominiert. Auf lichen Anstrengungen verbunden ist. Die
Richthalle am Bahnhof einen Kongress der Kandidatenliste der „Deutschen Par- Projektgruppe Messelager appelliert nun
unter dem Motto „Freude am Glauben“ tei“, die von dem Lehrer Reinhold Thiel, an die Ratsfraktionen, sich dafür einzu-
durch. Die bundesdeutschen Anhänger Vorsitzender der „Pommerschen Lands- setzen, dass die Gelder für das Besuchs-
des erzkonservativsten Flügels des Vati- mannschaft“, angeführt wird, finden sich programm im Mai unverzüglich freige-
kans haben sich im September 2000 „zu auch ehemalige Mitglieder der sog. „Re- geben werden und die weitere Durchfüh-
einem lockeren Verband“ zusammenge- publikaner“. Parteichef Kappel hatte in rung des Besuchsprogramms gemäß des
schlossen, „denn ein neuer Aufbruch“ der Vergangenheit mehrfach auf Veran- Ratsbeschlusses von September 2000 in
brauche „auch eine organisatorische staltungen der sog. „Republikaner“ ge- vollem Umfang gewährleistet wird.
Stütze“. sprochen und sich auch mit deren einsti- Das Ganze ist mehr als peinlich: Wel-
Unter den eingeladenen Diskutanten gem Gründer, dem früheren Waffen-SS- chen Eindruck macht eine solche Maß-
und Referenten finden sich Angehörige Mann Franz Schönhuber, getroffen. nahme in einem Land, wo der Durch-
von „Opus Dei“, „Das Werk“, „Neoka- hma ■ schnittslohn bei 65 Euro liegt? Die Ex-

2 : antifaschistische nachrichten 5-2003


Zwangsarbeiter müssen meist mit einer Protestzug gegen braunes lung keinen Demokraten kalt lassen dür-
kargen Rente auskommen. Die bisheri- Jugendzentrum in Lobeda- fe. Man werde immer wieder daran erin-
gen Besuche haben gezeigt, wie wichtig nern, dass die Machtergreifung der Nazis
diese Einladung für die alten Menschen Altstadt in der Endkonsequenz 70 Millionen
ist. Und auch für die Historiker waren Jena. 70 Jahre nach der Machtergreifung Menschen das Leben gekostet habe.
die Informationen, die sie auf diese der Nazis von 1933 demonstrierten am 1. Nach der Kundgebung zogen die De-
Weise über die Geschichte Kölns im Februar 2003 rund 400 Menschen in Lo- monstranten vom Marktplatz durch die
Dritten Reich erhielten, von unschätzba- beda-Altstadt gegen das in der Jenai- Jenaische Straße, vorbei an dem von
rem Wert. Erste Proteste gegen die Strei- schen Straße 25 entstehende rechte Ju- NPD-Aktivisten angemieteten Gebäude.
chung des Besuchsprogramms laufen, gendzentrum. Neben linken Antifa- Abgesichert von einem massiven Poli-
aber der politische Druck muss sicher Gruppen und Jugendlichen der Jungen zeiaufgebot, kam es dabei zu keinen grö-
noch verschärft werden, um diese Maß- Gemeinde Stadtmitte gehörten auch Bür- ßeren Zwischenfällen. Einige der linken
nahme zu verhindern. u.b. ■ ger aus der politischen Mitte zu den De- Jugendlichen warfen mit Schneebällen
monstranten. Prominenteste Vertreter nach den rechten Jugendlichen, die den
Erinnerung an Guernica waren Bürgermeister Christoph Schwind Protestzug aus den Fenstern des Hauses
(CDU), Uni-Rektor Prof. Dr. Karl-Ulrich Nr. 25 beobachteten.
Dresden: Rund 1000 Neonazis mar- Meyn, Sozialdezernent Dr. Albrecht www.ag-netzwerke.de ■
schierten am Donnerstagabend in der
sächsischen Landeshauptstadt, um an die
Bombennacht des 13. Februar 1945 zu
erinnern. Die Ursachen des Zweiten
Weltkriegs spielten bei ihnen wie üblich
keine Rolle. Auf der Abschlusskundge-
bung sprachen sowohl der Bundesvorsit-
zende der NPD, Udo Voigt, als auch der
berüchtigte Hamburger Neonazi Christi-
an Worch. Prominente Rechte wie Stef-
fen Hupka, Horst Mahler und Franz
Schönhuber nahmen ebenfalls an der De-
monstration teil. Voigt erklärte in seiner
Rede unter anderem: „Wir Deutsche je-
denfalls haben den Luftkrieg gegen Zivi-
listen nicht begonnen und weder Atom-
bomben gebaut noch sie auf bewohnte Nazi-Aufmarsch in Hamburg am 22. Februar
Städte geworfen“. Hamburg. Am 22.2. wollten Neonazis aus dem Spektrum sog. „Freier Kamerad-
Die Antifa war nur mit 250 Gegende- schaften“ in Hamburg unter dem Motto „Amis raus – Freiheit rein“ marschieren
monstranten unterwegs, die Polizei hatte (12 Uhr, Ostpreußenplatz am U-Bahnhof Wandsbek-Gartenstadt). Die Absicht ist
rund 950 Beamte im Einsatz. Zehn durchsichtig: Sie wollen die breite Antikriegsstimmung ausnutzen und auf die Müh-
Gegendemonstranten versuchten zur Ab- len ihres deutschen Antiamerikanismus und Antisemitismus leiten. Das sollte ihnen
schlusskundgebung der Rechten zu ge- nicht gelingen. Im Vorfeld war der Naziaufmarsch kaum Thema in der Stadt. Kein
langen, wurden von der Polizei jedoch DGB forderte ein Verbot, kein SPD-Innensenator versuchte sich als Antifaschist zu
sofort abgedrängt, obwohl sie lediglich profilieren und der rechtspopulistische Innensenator nutzte nicht die Chance, sich
mit Konfetti warfen. von militanten Neonazis abzugrenzen. 500 bis 600 Leute nahmen an der Demo ge-
Am Tage fanden mehrere offizielle gen den Naziaufmarsch in Barmbek/Wandsbek teil. Nachdem ein Teil der Leute
Gedenkveranstaltungen statt, auf denen eine Polizeikette durchbrochen bzw. überrannt hatte, setzte nur noch ein kleiner Teil
auch Überlebende der Bombardierung die Demo bis zum Ende fort. Der Rest versuchte in kleineren oder größeren Grup-
der spanischen Stadt Guernica durch die pen an die Nazis ranzukommen. Laut Durchsage bei der Abschlusskundgebung
deutsche Legion Condor zu Wort kamen. schafften es sogar 70 bis 80 Leute auf den Auftaktplatz der Nazis.
Gemeinsam mit Überlebenden der An- Als die Route größtenteils weiträumig gesichert war, durften die Nazis mit Paro-
griffe auf Dresden wandten sie sich in ei- len wie „USA - internationale Völkermordzentrale“ losmarschieren. Wie viele sie
nem gemeinsamen Aufruf gegen einen waren, war vor lauter Polizei nicht zu erkennen.
Irak-Krieg. Auf dem Altmarkt kamen am Quelle: www.de.indymedia.org ■
Abend mehr als 1000 Menschen zu einer
Kundgebung zusammen. Politiker von
Stadt und Land, aber auch US-Botschaf- Schröder, der ehrenamtliche Beigeordne-
ter Daniel Coats und Vertreter aus Groß- te Dr. Dietmar Haroske (CDU), SPD- Nach Protesten keine Wehr-
britannien und Frankreich hatten am Fraktionsvorsitzender Thomas Ullmann, machtsausstellung auf Rügen
Morgen vor dem Mahnmal für die getö- PDS-Landtagsabgeordnete Dr. Karin
teten Dresdner Kränze niedergelegt. Kaschuba und der 1. Bevollmächtigte Rügen. Die Wehrmachtsausstellung
Am späten Abend kam es zu heftigen der IG Metall, Klaus Tänzer. wird nicht in Prora gezeigt werden. Das
Auseinandersetzungen zwischen Neona- Michael Ebenau vom Jenaer Aktions- veranstaltende Hamburger Institut für
zis und Linken. Mehr als 100 Rechtsex- bündnis gegen Rechts sagte, dass es nie- Sozialforschung hat der Stiftung „Neue
treme hatten eine weitgehend leere Stra- mand auf die leichte Schulter nehmen Kultur“ mitgeteilt, keine Vertragsver-
ßenbahn besetzt, die dann von etwa 70 dürfe, wenn es die selbsternannten Nach- handlungen mit ihr aufzunehmen. Damit
Linken angegriffen wurde. Nach Polizei- folger von NSDAP und Waffen-SS im- wird die Ausstellung „Verbrechen der
angaben gingen dabei nahezu alle Schei- mer noch gebe. Mit dem Kauf bzw. der Wehrmacht – Dimensionen des Vernich-
ben der Bahn zu Bruch. Anschließend Anpachtung von zwei Häusern in Jena tungskrieges 1941 - 1944“ definitiv nicht
wurden 18 Personen in Gewahrsam ge- habe die rechte Szene eine neue Qualität im ehemaligen Kraft-durch-Freude-Bad
nommen. erreicht. Bürgermeister Christoph Prora gezeigt werden, wie die Initiative
Junge Welt-Bericht vom 15.2.2003 ■ Schwind erklärte, dass diese Entwick- „Pro Ausstellung“ mitteilte.

: antifaschistische nachrichten 5-2003 3


Das kommt einigen Einwohnern der
Insel sehr gelegen. Im Dezember sprach „Den Gleichschritt übertönen!“
die Binzer Gemeindevertretung ihr Un- Bericht von der Kundgebung um fünf vor zwölf vor
behagen im Zusammenhang mit der Aus- dem Bochumer Hauptbahnhof am 22. Febraur 2003
stellung aus. Auch Gewerbetreibende der
Region fürchteten angesichts heraufbe- „Sollen sie doch versuchen, in Langen- Schulen für die Vorbeugung vor der Ent-
schworener rechter Krawalle um das dreer ihre Trommeln zu schlagen. Wir stehung faschistischen Gedankengutes.
Image der Region. Erfahrungen aus an- werden den Gleichschritt übertönen, Bildung sei nicht allein eine Ansamm-
deren Städten, in denen sich die gesamte denn wir sind zahlreich und unsere Her- lung von Wissen, sondern müsse
lokale Öffentlichkeit gegen rechtsradika- zen schlagen überall“, hieß es in einer menschliche Werte vermitteln. Daher be-
le Demonstrationen und für die Wehr- der Reden, die ab 5 vor 12 am Kurt- teilige sich die GEW an der Kundge-
machtsausstellung ausgesprochen hat, Schumacher-Platz vor dem Bochumer bung. Manfred Preuss von der Fraktion
blieben unberücksichtigt. Und legen Hauptbahnhof am 22. Februar gehalten „Bündnis 90 / Die Grünen im Bochumer
nahe, dass andere Interessen dem Einsatz wurden. Hier hatten sich nach Abschluss Rat“, der die Kundgebung vor dem
gegen die Ausstellung zugrunde lagen. der städtischen Kundgebung vom Huse- Bahnhof angemeldet hatte, verurteilte in
Die Mitglieder des Vereins „Prora03“ mannplatz etwa 800 Menschen versam- seinem Redebeitrag den alltäglichen
sind mit die entschiedensten Gegner der melt, die dem Bündnisaufruf demokrati-
Ausstellung. Der Verein will in dem scher Gruppen, Organisationen und Ver-
KdF-Bad „Prora03“ stattfinden lassen, eine sowie der alevitischen Gemeinde,
eine Veranstaltung, zu der mehr als des AStA, der Grünen und der PDS ge-
15 000 Jugendliche erwartet werden. In folgt waren. Diese hatten dazu aufgeru-
ihrem Rahmen soll eine andere Ausein- fen, einen faschistischen Aufmarsch in
andersetzung mit dem Ort der NS-Ge- Bochum zu verhindern.
schichte mit Lagerfeuern, Graffiti und Im Namen der Medizinischen Flücht-
sogar einer „Prora-Hymne“ stattfinden. lingshilfe erinnerte Kundgebungsmode-
Eine unverfängliche und zugleich fatale rator Knut Rauchfuss an Kurt Schuma-
Auseinandersetzung: Das KdF-Bad wird cher, nach dem der Bahnhofsvorplatz be-
somit nicht als ein Teil des nationalsozia- nannt ist und der zehn Jahre in national-
listischen Gesellschaftsbildes dargestellt, sozialistischen Konzentrationslagern ge-
in dem jegliches soziale Leben unter quält wurde. Rauchfuss zitierte den ehe-
Kontrolle des Staates stand, sondern ein maligen Vorsitzenden der Sozialdemo-
„Monument“ der deutschen Geschichte, kraten mit den Worten: „Die ganze natio-
das heute wieder unreflektiert genutzt nalsozialistische Agitation ist ein dauern-
werden kann. Die Wehrmachtsausstel- der Appell an den inneren Schweinehund Rassismus. Faschismus entstehe in der
lung, so der Gedankengang, stört in die- im Menschen. Das deutsche Volk wird Mitte der Gesellschaft. In diesem Zu-
ser Aufarbeitung. Jahrzehnte brauchen, um wieder mora- sammenhang ging Preuss auch auf ras-
Fast schon zynisch klingt die Tatsa- lisch und intellektuell von den Wunden sistische Wahlkampfparolen gegen die
che, dass es gerade die vom Landkreis zu gesunden, die ihm diese Art von Agi- doppelte Staatsbürgerschaft ein und for-
angeregte Idee der Verknüpfung der tation geschlagen hat!“ Rauchfuss rief derte die Verantwortung aller, auch im
Wehrmachtsausstellung mit „Prora03“ dazu auf, diesem moralischen Gene- Alltag einzugreifen.
war, die die Stiftung „Neue Kultur“ die sungsprozess in Bochum durch eine Um 12:34 setzten sich etwa 600 Leute
Planung für die Ausstellung von 2002 machtvolle Verhinderung des Nazi-Auf- mit der S-Bahn nach Langendreer-West
auf dieses Jahr verschieben ließ, wie es marsches einen Schritt nach vorne zu in Bewegung, wo sie im Anschluss über
der Journalist Klaus Ch. Kufner in einem verhelfen. Bürgermeisterin Gabriele eine Stunde lang den Bahnsteig blockier-
offenen Brief mitteilt. Nun wird von den Riedl (Bündnis 90 / Die Grünen) erinner- ten. Von da an stauten sich anreisende fa-
Gegnern der Ausstellung argumentiert, te an den Todestag der Geschwister schistische Gruppen auf den Gleisen des
beide Veranstaltungen seien logistisch Scholl, die heute vor 60 Jahren von den Bochumer Hauptbahnhofes. „Wir blei-
nicht miteinander vereinbar. Nationalsozialisten hingerichtet wurden ben hier, bis auch der letzte Faschist den
Damit scheint es klar, dass die Wehr- und mahnte, dass nicht nur in Bochum Innenstadtbereich einschließlich des
machtsausstellung statt in Prora in Pee- sondern nirgends mehr ein Platz für Fa- Bahnhofs verlassen hat, verkündeten die
nemünde auf Usedom gezeigt wird. Das schisten sein dürfe. verbliebenen Kundgebungsteilnehme-
neonazistische „Freie Infotelefon“, das Johannes Ludwig von der Initiative rInnen auf dem Bahnhofsvorplatz.
sich auf die Hetze gegen die Ausstellung „Erinnern für die Zukunft“ erinnerte dar- Schließlich wurde gegen 13:45 Uhr ein
und ihre Macher eingeschossen hat, mo- an, dass der Verein überlebende ehemali- S-Bahnwagen voll mit Neonazis nach
bilisiert bereits zu einer Demonstration ge jüdische MitbürgerInnen einlädt: Dortmund zurückgeschickt. 50 bis 70
am 2. August des Jahres. Bereitwillige „Was, bitte schön, sollen wir unseren weitere wurden noch so lange auf den
Unterstützung dürften die Hamburger Gästen eigentlich sagen, wie sollen wir Gleisen festgehalten, bis die Polizei die
Neonazis von ihren Usedomer und An- ihnen vor ihre Augen treten, wenn sie er- Blockade am Zielbahnhof Langendreer-
klamer Kameraden erhalten. Nun hat die fahren, dass es heutzutage in eben dieser West geräumt hatte. So lange harrten
Öffentlichkeit Usedoms die Möglichkeit, Stadt Bochum möglich ist, behördlicher- auch die antifaschistischen Demonstran-
ihren kritischen Umgang mit der deut- seits genehmigte, durch hiesige Polizis- tInnen vor dem Hauptbahnhof aus. Sie
schen Geschichte und dem gegenwärti- ten geschützte öffentliche Veranstaltun- zeigten sich entschlossen, der Polizei zu
gen rechten Ungeist zu beweisen. Die gen, Demonstrationen und womöglich beweisen, dass faschistische Aufmärsche
Einwohner Rügens haben in der Mehr- auch noch sogenannte Kulturfeste geben in Bochum undurchführbar sind.
heit gezeigt, dass sie dazu nicht in der darf, auf denen die Veranstalter und Mit- Berichte über die Ereignisse in Lan-
Lage sind. glieder als Nazis offen und unverblümt gendreer/Werne folgen in den nächsten-
Pressemitteilung zur Absage des Insti- für ihre sogenannten politischen Auffas- Tagen auf http://www.bo-alternativ.de.
tuts für Sozialforschung an die Stiftung sungen öffentlich auftreten dürfen.“ Dort sind auch die Reden im Wortlaut
„Neue Kultur“; http://www.links- Uli Kriegesmann vom Vorstand der nachzulesen.
lang.de; Quelle: indymedia ■ GEW betonte die Verantwortung der bo-alternativ.de, 22.2.03 ■
: antifaschistische nachrichten 5-2003
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Sitten reißen ein beim rechtsex-
tremen Front National (FN), an
die man früher nicht zu denken
Erb- oder Richtungsstreit
gewagt hätte. Da kämpfte man
jahre- oder jahrezehntelang für „Disziplin,
Respekt und Autorität“, und durfte im
beim Front National?
Geiste strammstehen. Und dann so etwas! dass man in den Reihen des FN die Füh- strategisch intelligenten und deshalb ge-
Der alternde Chef hatte sich, interviewt rungsfrage zu dem Zeitpunkt nicht wird fährlichen – Chefideologen der Partei,
durch die Tageszeitung La Provence, ein eröffnen wollen. Denn bereits im Sommer Bruno Mégret, zur zentralen Figur auf-
paar abfällige Bemerkungen über einen vorigen Jahres hatte Le Pen erklärt, sich gebaut. Dieser wurde jahrelang in die Po-
subalternen Kader – den Bürgermeister auch die nächste Präsidentschafts-Kandi- sition des Herausforderers des FN-Vorsit-
des südfranzösischen Orange, Jacques datur noch reservieren zu wollen. zenden geschrieben, während er auf des-
Bompard – erlaubt. Über ihn merkte er an: Doch hinter den Kulissen hat der Ge- sen Erbe lauern wollte – bis Le Pen sich
„Bompard hat so viel Chancen, Präsident danke an die Nachfolge des politischen aber durch dessen Position im öffent-
des FN zu werden, wie ich selbst (Le Pen) Übervaters bereits zu Verwerfungen ge- lichen Leben derart provoziert fühlte,
Chancen habe, Erzbischof zu werden.“ führt. Nachdem das Medientalent der dass er Mégret im Dezember 1998 vor
Und prompt giftete Jacques Bompard in jüngsten der drei Töchter des Chefs – der die Tür setzte. Mit seiner Position im Ap-
einem Schreiben, welches er an die wich- 35jährigen Juristin Marine Le Pen – durch parat hat Mégret – der zwar intelligent,
tigsten Führungsmitglieder der rechtsex- die Fernsehauftritte des Frühjahrs 2002 aber völlig uncharismatisch und außer-
tremen Partei verteilte und das durch die entdeckt worden war, begann ihr Vater halb der „Kader“strukturen nicht populär
FN-nahe Tageszeitung Présent (die dem hinter den Kulissen die „dynastische“ ist – alles verloren, seine politische Kar-
katholisch-fundamentalistischen Flügel Form der Nachfolge einzuleiten. Doch of- riere ist restlos gescheitert.
gehört) publiziert wurde, zurück: „Geste- fiziell erklärt er bis heute, „wenn (ihm) ■ „Medienstar“ Marine Le Pen
hen Sie mir zu, dass Sie eher Chancen ha- heute etwas zustoßen sollte“, dann sei der
ben, Erzbischof zu werden, als eines Tages amtierende FN-Generalbeauftragte (délé- Durch systematisches Personalisieren der
unter den Bedingungen des Mehrheits- gué général) Bruno Gollnisch sein wahr- Ereignisse innerhalb des FN und durch
wahlrechts gewählt zu werden.“ scheinlicher Nachfolger. Sei es, um die Bekanntmachen der Le Pen-Tochter glau-
Das hatte gesessen. Denn einerseits alte Garde im Parteiapparat bei der Stange ben manche Akteure in den Medien, auch
rührte er an eine politische Schwachstelle zu halten – oder sei es, um seine Tochter heute wieder Spannungen in der Partei
von Jean-Marie Le Pen. Dessen Wahlstra- vor politischer „Abnutzung“ zu verscho- hervorrufen zu können. Daher stürzten sie
tegie des „Allein gegen alle“, unter Ableh- nen. Aus den Medien hat sie das freilich sich auch begierig auf die Differenzen, die
nung von Bündnispolitik in die bürger- nicht herausgehalten. zum Ausdruck kamen. Teilweise sind sie
lichen Parteien hinein, kann zwar mitunter Im Gegenteil: Ihre Medienauftritte und real, vor allem zwischen Marine Le Pen –
beeindruckende Stimmergebnisse (wie Einladungen zu Interviews sind kaum die der Partei ein „modernes“, verjüngtes
beim ersten Durchgang der Präsident- noch zu zählen, und alle möglichen Pu- und für Frauen offeneres Image verleihen
schaftswahl im April 2002) hervorrufen – blikationen – bis hin zur Regenbogenzeit- soll – und dem Parteiflügel der katholi-
aber eben doch niemals den Sieg sichern. schrift VSD – interessieren sich nunmehr schen Fundamentalisten. Nachdem die
Andererseits aber kann Jacques Bompard für die politischen Beziehungen zwischen 35jährige, die geschieden und wieder ver-
seinerseits, und auf seiner Ebene als (über- der Le Pen-Tochter und Bruno Gollnisch. heiratet ist – was die Fundamentalisten be-
wiegend) Lokalpolitiker, Wahlsiege auch Auf jedes Bonmot, jedes vermeintlich reits stören dürfte – im Hochsommer 2002
unter dem Mehrheitswahlrecht vorweisen. böse Wort wird gelauert. Einer der Grün- erklärte hatte, für die Förderung „französi-
Bei den landesweiten Kommunalwahlen de dafür – neben der Sensationsbegierig- scher“ Geburten statt für die Bestrafung
im März 2001 konnte er das Rathaus, das keit eines bestimmten Medienbetriebs – von Abtreibung einzutreten, forderte der
er bereits seit 1995 führte, mit glatten 60 Chef der Rechtskatholiken, Bernard Anto-
Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang ny, bereits lautstark eine programmatische
sichern. In jüngerer Zeit konnte er bewei- Klarstellung. Im September lästerte Anto-
sen, dass er seine Erfolgsfähigkeit beibe- ny über die jungen Aufsteiger beim FN –
halten hat – denn als vor drei Monaten ein im Umfeld von Marine Le Pen, die im
Sitz im Bezirksparlament seines Départe- Juni 02 die Vereinigung „Génération Le
ments Vaucluse neu zu besetzen war, holte Pen“ übernahm – schon mal als „Nacht-
Bompard bei der organisierten Nachwahl clubber“.
für dieses Mandat 54,4 Prozent der Stim- Der katholisch-fundamentalistische Par-
men. Das war am 24. November 2002. teiflügel setzte deswegen längere Zeit auf
■ Vor dem FN-Kongress im April Bruno Gollnisch, um die Juniorin zu stop-
pen. Doch heute scheint man nicht mehr
Im Hintergrund des Streits steht, natürlich, so richtig an dessen Durchsetzungschan-
die seit Monaten schwelende Nachfolge- cen zu glauben. Ihm droht gerade seine
frage innerhalb des Front National. Des- extreme Loyalität zu Le Pen – der ihn
sen Gründer und Führerfigur wird im Juni nach dem Hinauswurf Mégrets auf dessen
dieses Jahres 75. Noch denkt er nicht dar- Platz einsetzte – zum Verhängnis zu wer-
an, das Heft aus der Hand zu geben. Le den, kann er sich doch nicht allzu laut ge-
Pen hat bereits öffentlich kalkuliert: Der gen eventuelle Nachfolgepläne des Chefs
nächste Parteitag – er findet vom 18. bis stellen.
21. April dieses Jahres in Nizza statt - liegt Jacques Bompard selbst steht den Ultra-
noch zu früh, als dass von seiner Abwahl liegt wohl auch darin, dass viele Journa- katholiken eher nahe und ist für seine Ab-
an der Parteispitze die Rede sein könnte. listInnen glauben, sie könnten das Spiel neigung gegen Modernisierungs-Schnick-
Und der übernächste Kongress wird wiederholen, das sie vor einem halben schnacks bekannt. 1999 hatte er den da-
dann im Jahr 2006 so gelegt werden, dass Jahrzehnt zum Schaden des Front Natio- maligen FN-Newcomer Samuel Maréchal,
er dicht an die (Präsidentschafts- und Par- nal mit dessen Prominenz betrieben hat- er ist mit einer anderen Le Pen-Tochter
laments-)Wahlen 2007 heran kommt, so ten. Damals hatten sie den – zweifellos verheiratet, auf Dauer zum Schweigen ge-

: antifaschistische nachrichten 5-2003 5


Ernst Zündel verhaftet bracht, als dieser eine „Lockerung“ der der Form her wirkte dieser Auftritt freilich
Parteipositionen zur Einwanderung andeu- eher hilflos. (Seinerzeit, in den Jahren
USA. Ernst Zündel – beziehungsweise tete. Nunmehr hat Bompard eine andere 1996 bis 1998, hatte die Ex-Nummer Zwei
in der englischen Schreibung Zundel – Variante ins Spiel gebracht. Nach einer der Partei, Bruno Mégret, zumindest noch
wurde von Beamten der US-Einwan- bitteren Feststellung zu den derzeit gehan- Blitzauftritte vor den Firmentoren direkt
derungsbehörde verhaftet. Ihm wird delten Nachfolgern für die FN-Spitze – absolviert, dabei immer gut von seinem
vorgeworfen, an einer behördlich an- „Wo auch immer meine Augen hinblicken, Ordnerdienst geschützt. Die Schnellauftrit-
geordneten Anhörung nicht teilge- nirgendwo sehe ich einen Mann oder eine te ähnelten zwar mitunter eher Komman-
nommen zu haben. Frau mit den Qualitäten....“ – bringt er doaktionen, aber immerhin stand dann in
Der gebürtige Deutsche ist inzwi- eine andere Variante ins Spiel: „Eine Be- der Presse, Mégret sei bei den Beschäftig-
schen weltweit bekannt. Schon seit wegung, die durch Aktivisten angeführt ten am Fabriktor gewesen.)
Jahren verbreitet er im Internet Nazi- wird? Warum nicht.“ Durch Männer vom Der FN bleibt nicht nur eine fast reine
Informationen und lässt sich ausführ- „Terrain“ eben. Wahlpartei, sondern noch dazu eine, deren
lich über die „Auschwitzlüge“ aus. Er Um solche zu sammeln, hat Bompard öffentliches Image stark auf eine Person
verneint, dass das Hitler-Regime für Anfang Februar 03 die Gründung eines zugeschnitten ist. Seit dem Herbst 2002
den Tod von Millionen Juden verant- neuen Clubs unter dem Namen „L’Esprit bringt die große Mehrheit der „Teilwah-
wortlich war. Im Januar 2002 ordnete public“ – ungefähr: Der staatsmännische len“ (in Frankreich wird jedes Mal auf der
schließlich die Menschenrechtskom- Geist – bekannt gegeben. Persönlich Ebene eines Wahlkreises neu gewählt,
mission Kanadas an, dass Zundel sei- macht er allerdings derzeit keine Ambitio- wenn der Inhaber seines Parlamentssitzes
ne Site einstellen muss. Damit war für nen auf die Parteispitze geltend; ihm geht sein Mandat aus irgendeinem Grunde
Zündel das Kapitel Kanada abge- es im Augenblick eher darum, wie die Par- niederlegt) einen Rückgang der FN-Stim-
schlossen. Er war 1958 dort einge- tei jetzt und künftig geführt wird. Die men gegenüber dem vorher erreichten
wandert und hatte seit 1996 sein Onli- Stagnation im zweiten Wahlgang im Mai Stand mit sich. In Maubeuge an der belgi-
ne-Informationsangebot eingerichtet. 2002 beweise, so Bompard nicht unrich- schen Grenze etwa (einer Stadt, die stark
Insgesamt über 50 Verfahren waren in tig, „sein (des FN) Fehlen an gesellschaft- von sozialer Krise und Entindustralisie-
Kanada deswegen gegen ihn eingelei- licher Einwurzelung, in der Jugend, bei rung betroffen ist und bisher dem FN eher
tet worden. den Arbeitern, bei den Angestellten.“ Sol- ein günstiges Terrain bot) war der Front
Schon vor der endgültigen Ent- che Mängel hatte Bruno Mégret um die National im Dezember 2002 nicht im
scheidung der Menschenrechtskom- Mitte der 90er Jahre durch eine Wendung zweiten Wahlgang, der Stichwahl um ein
mission hatte Zundel den Umzug in der Partei zur Sozialdemagogie, bis hin freigewordenes Mandat, vertreten. Und
die USA eingeleitet. Auch sein zur Gründung eigener Pseudo-Gewerk- dies zum ersten Mal seit 1988, denn in den
WWW-Angebot war längst bei einem schaften, zwecks echter sozialer Veranke- 15 Jahren davor hatte die rechtsextreme
texanischen Provider gehostet. Nur rung auszubügeln versucht. Partei hier stets den Einzug in die Stich-
die Einwanderung musste noch abge- ■ Strategische Probleme des Front wahl geschafft. Man kann wohl eine (vor-
schlossen werden. Die aktuelle Ver- National übergehende?) Demobilisierung eines
haftung dürfte allerdings aus seiner Teils ihrer Wählerschaft konstatieren.
Warte nicht als gutes Omen anzusehen Und doch: Nach dem Kampf um den Par- Auf frankreich-weiter Ebene hat die
sein. Ein von seiner Lebensgefährtin teiapparat und der Spaltung von 1998/99 stark rechtslastige und repressive Regie-
veröffentlichtes Schreiben legt nahe, ist der FN heute weiter entfernt als damals, rungspolitik in Sachen „Innere Sicherheit“
dass er schon vermutet hat, wegen ei- diese Probleme behoben zu haben. Nach wohl dazu beigetragen. So fragte sich ,Le
ner „bürokratischen Kleinigkeit“ von dem jüngsten Skandal um Massenkündi- Monde‘ aus Anlass des Jahreswechsel per-
den US-Behörden verhaftet zu wer- gungen bei der nordfranzösischen Firma spektivisch: „Wird (Innenminister) Nico-
den. Gegen bürokratische Verhaf- Metaleurop – ein Schweizer Aktionär hatte las Sarkozy den FN zurückgehen lassen?“
tungsgründe bietet die verfassungs- sich am 17. Januar von heute auf morgen (LM vom 31. Dezember 2002) Zumal der
rechtliche Redefreiheit, auf die sich aus einer Filiale seines Konzerns zurück- aktuelle Innenminister ein derartiger Hard-
Zundel immer beruft, offenbar keine gezogen, nachdem er diese über ein Jahr liner in Sachen Polizeipolitik (Ausdeh-
Hilfe. ■ hinweg systematisch hatte finanziell aus- nung der Vollmachten des Sicherheitsap-
Quelle: http://www.intern.de/news/3984.html trocknen lassen, und 830 Beschäftigte parats, Einführung neuer Straftatbestände,
buchstäblich (ohne Abfindung oder Ein- die sich oftmals gegen soziale Randgrup-
Baden-württembergischer halten von Kündigungsfristen) auf der pen richten...) ist, dass er es sich politisch
Straße sitzen lassen – eilte Marine Le Pen „leisten“ kann, mitunter frontal konfronta-
Städtetag ehrte Rechts- zwar in das Département Pas-de-Calais. tiv gegen Le Pen aufzutreten. Und das,
radikalen Dort liegt die betreffende Firma, aber auch ohne zu fürchten, deswegen als „Schlaffi“
Stuttgart. Für langjährige ver- ihr Wahlkreis (um Lens), wo sie im Juni in Sachen Innere Sicherheit vor einer rech-
dienstvolle Tätigkeit“ und vorbildli- 2002 kandidiert und über 30 Prozent der ten Wählerschaft dazustehen. Am 9. De-
ches kommunalpolitisches Engage- Stimmen erhalten hatte. Am 30. Januar, zember 02 etwa diskutierte Nicolas Sarko-
ment nahm Stadtrat Jürgen Schützin- auf dem Höhepunkt der Affäre, tauchte die zy in der Politsendung „100 minutes pour
ger aus Villingen-Schwenningen An- Tochter des FN-Chefs im betroffenen Ort convaincre“ auf France 2, die dem Minis-
fang Dezember aus den Händen von Hénin-Beaumont auf. Aufgrund „befürch- ter gewidmet war, einige Minuten lang mit
Oberbürgermeister Manfred Matusza teter Provokationen der CGT-Gewerk- Jean-Marie Le Pen, der als erster Disku-
(CDU) die Silberne Ehrennadel des schaft“, wie es hieß, traute die Jungpoliti- tant ins Studio zugeschaltet worden war.
baden-württembergischen Städtetags kern sich allerdings nicht in die Nähe der Nachdem Sarkozy zuvor lang und breit
entgegen und erhielt für 20 Jahre Ge- Fabrik – in welcher überwiegend die CGT seine repressive Politik verteidigt hatte,
meinderatstätigkeit obendrein die Eh- die Beschäftigten verteidigt – heran. Statt- griff er Le Pen rundheraus an, was dessen
renurkunde des Verbands. Keine Eh- dessen gab sie eine Pressekonferenz beim rassistische Vorstellungen zu „Nation“ und
rung wie jede andere: Schützinger war örtlichen FN-Regionalparlamentarier Stee- Staatsbürgerschaftsrecht betrifft. Der
langjähriger Landesvorsitzender der ve Briois zu Hause. Dort denunzierte sie Innenminister erinnerte Le Pen daran, dass
baden-württembergischen NPD und die EU-Integration und die Globalisierung, sein Vater Ungar – also Ausländer – gewe-
ist heute Landesvorsitzender und die das nationale Kapital wehrlos gemacht sen sei, und fügte offensiv und ironisch
hätten und so Arbeitsplätze zerstörten. Von hinzu: „Es wäre doch schade, nicht wahr,

6 : antifaschistische nachrichten 5-2003


wenn ich nicht Franzose sein dürfte?“ Ein Missverständnis und abgehakte(n)
Nicolas Sarkozy droht dabei weniger als Zwischenfall“. Hingegen ergriff Bernard Bundessprecher der rechtsradikalen
ein anderer als „Sicherheitsrisiko“ durch- Antony vom ultrakatholischen Flügel stär- „Deutschen Liga für Volk und Heimat“
zugehen. Le Pen jedenfalls „sah“, wie die ker Partei: Er bedauere, „dass Jean-Marie (DLVH), die am 3. Oktober 1991 von
Presse am folgenden Tag kommentierte, in Le Pen die Initiative von Bompard ehemaligen Funktionären der NPD,
der Debatte plötzlich „alt aus“. Nicht häu- schlecht aufgenommen hat.“ DVU, DSU und der neurechten Redak-
fig zuvor hatte der FN-Chef in einer De- ■ Der Streit setzt sich fort tion Nation und Europa als „Samm-
batte (in den Augen vieler Beobachter) so lungsbewegung der nationalen Rech-
unterlegen gewirkt, wie in dieser. Mitte Februar ging die Polemik unter FN- ten“ gegründet wurde und heute 230
Der Front National reagiert bisher auf Kadern weiter. In einem, auf den 11. Fe- Mitglieder zählt.
die Herausforderung, indem er den bruar datierten (und via ,Le Monde‘ veröf- Mit einiger Verspätung hat die Eh-
Schwerpunkt seines Diskurses vom Be- fentlichten) Brief an Marine Le Pen warf rung des braunen Funktionärs nun die
reich der „Inneren Sicherheit“ weg- und der Bürgermeister von Orange der Tochter Landes-SPD auf den Plan gerufen.
zum (für ihn „klassischen“) Thema der Le Pens – an die er sich dieses Mal direkt „Angesichts der anhaltenden Bedro-
Immigration hin verlagert. So erklärte FN- wandte – vor: „Sie kennen die Arbeit auf hungen für unsere Demokratie und un-
Generalsekretär Carl Lang im Januar: dem Terrain nicht. Wir handeln im realen seren Rechtsstaat, die laut Verfassungs-
„Wir werden unsere Kritik also auf dieses Leben, nicht im virtuellen der Medien- schutz nach wie vor von Rechtsextre-
Thema (die Immigration, Anm.) sowie auf welt. Ihre Missachtung betrifft zwar nur misten ausgehen, halte ich die Aus-
jenes der Integration der Türkei in die EU ihr eigenes Gewissen, aber ihre Unge- zeichnung Schützingers für einen
konzentrieren. Wir sind die einzigen, die schicktheit hat Auswirkungen auf die Be- schweren Rückschlag im Kampf gegen
diesen roten Faden im Hinblick auf die wegung. Es handelt sich demnach um ei- verfassungsfeindliche Bestrebungen“,
Wahlen des Jahres 2004“ – im März 04 nen schweren politischen Fehler.“ Anlass empörte sich der SPD-Verfassungs-
werden die französischen Regionalparla- für die scharfen Äußerungen war die zu- schutzexperte und Landtagsabgeordne-
mente, im Juni 04 wird das Europaparla- vor gefallene Aussage von Marine Le Pen, te Stephan Braun, der die Sache am
ment neu gewählt – „gewählt haben“. Jacques Bompard sei gerade mal fähig, Donnerstag, 13.2. weiterhin bekannt
(LM, 25. Januar 03) sich mit Abwässern zu beschäftigen – eine machte. Der Vorgang sei ein „Schlag
Und die angeblich so moderne und sof- Anspielung auf den Vortrag zur Abwasser- ins Gesicht aller Demokraten“. Die
te Anwärterin auf die Parteiführung, Mari- entsorgung, den Bürgermeister Bompard Auszeichnung des Rechtsextremisten
ne Le Pen, erklärte anlässlich ihres großen auf der „Sommeruniversität“ des FN im müsse umgehend zurückgenommen
Fernsehauftritts bei der Politikersendung August 02 in Annecy hielt. Am 13. Febru- werden, forderte Braun in einem Brief
„Grand Jury RTL-Le Monde-LCI“ am 26. ar giftete Jean-Marie Le Pen auf dem Sen- an den Städtetag.
Januar 03: „Ich sage nicht, dass dieser der LCI zurück, und bezeichnete die Vor- Dessen Präsident Bernd Doll (CDU)
Junge“ – gemeint war Innenminister Nico- haltungen des Bürgermeisters von Orange weist indes jede Verantwortung von
las Sarkozy – „nicht guten Willens ist. u.a. als „Wortschwälle“. Wenn Bompard sich. Die Ehrenordnung des Städtetags
Aber was er macht, ist völlig wirkungslos, eine „mangelnde Verwurzelung des FN sehe vor, dass die Stadt die Verantwor-
weil er nicht die Ursachen der Unsicher- auf dem Terrain“ beklage, dann solle er tung dafür trage, dass die zu Ehrenden
heit angreift. Die Immigration ist nicht die sich mal um die Situation der Parteisek- auch vertrauenswürdig seien. Politi-
einzige Ursache, aber eine der Hauptursa- tion „im Département Vaucluse kümmern, sche Bedenken treiben den CDU-Poli-
chen. Nehmen wir das ,aggressive Bet- für die er verantwortlich ist und in der er tiker offensichtlich nicht um. „Solange
teln‘ oder die Probleme der Prostitution“ – seit mindestens 20 Jahren keinerlei Fort- Parteien nicht verboten sind, solange
beides sind Gegenstände von jüngsten Ge- schritte auf diesem Gebiet gemacht hat.“ die Gemeinderäte von den Bürgern
setzesverschärfungen und Strafdrohungen, Die Regionalparlamentarierin in der Ile- rechtmäßig gewählt wurden, gut in den
die Sarkozy einleitete - „jedermann weiß, de-France (Großraum Paris) Lydia Sche- Kommunalgremien mitarbeiten und
dass das ausländische mafiöse Netzwerke nardi wiederum wandte sich in einem niemandem etwas tun, spricht nichts
sind. Warum also nicht die Immigration Brief an Bompard, der durch die Presse gegen eine Ehrung“, erklärte Doll vor
angehen?“ publik wurde. Darin hält sie Jacques Bom- der Presse. Im Rathaus von Villingen-
Derzeit ist aber nicht sicher, ob diese pard u.a. vor: „So ehrenhaft sie auch sein Schwenningen sieht man ebenfalls kei-
Rechnung aufgehen wird. Die Immigra- mag, die Verwaltung einer Kommune hat nen Handlungsbedarf. „Herr Schützin-
tion steht – anders als oft während der Sie, Herr Bürgermeister, von der Realität ger hat alle formalen Kriterien eines
80er und 90er Jahre – nicht im Mittel- des politischen Engagements und dem Da- Ehrennadelträgers erfüllt, eine politi-
punkt der innenpolitischen Debatte, mit sein einfacher Kader, die wir sind, ent- sche Bewertung seiner Gemeinderats-
allem Schüren von Ängsten, das seinerzeit fernt. Als Bürgermeister verfügen Sie über tätigkeit steht der Stadtverwaltung
damit einher ging. Zumal derzeit eher die, Geldmittel, über Posten, die Sie verteilen nicht zu“, erklärte Pressesprecher Ralf
von den neoliberalen Befürwortern einer können, über abzutretende Wohnungen. Glück Martin Höxtermann,
Teilprivatisierung der Rentensysteme dro- Als Kader der Bewegung haben wir nichts junge Welt, 17.2. ■
hend ausgemalte, „Überalterung der Be- anzubieten, und das macht den ganzen
völkerung“ für Furcht sorgt... Der FN Unterschied aus.“ Und: „Die Bewegung in de‘: „Ich schätze Bompard, aber er hat uns
könnte in den Augen des Publikums daher die Hände eines Vereins von Gemein- keine Lektionen zu erteilen. Es ist lange
auch zunehmend als „extremistisch“ er- schaftseigentümern zu legen“ – wo-ran her, dass er keinen Tür-zu-Tür-(Wahl)
scheinen, wenn er zu stark auf dieses allei- Bompard demnach zufolge denke, wenn kampf mehr macht. Es wäre ein Verbre-
nige Thema setzt. er eine Führung der Partei durch Aktivis- chen von Majestätsbeleidigung, wenn er
■ Innerparteiliche Reaktionen ten fordere – „wird nicht dazu führen, dass die Nachfolge von Jean-Marie Le Pen an-
Sie es schaffen werden, >die Massen zu streben würde“. Dessen Tochter hingegen
FN-Generalsekretär Carl Lang - der selbst mobilisieren<. Wir sind nicht wie die Ver- bringe dem FN „einen neuen Ton“ mit.
zu den Befürwortern einer stärker „sozia- treter eines Unternehmens, das Konkurs Schenardi warnte vor „denen, die inner-
len“ Strategie zählt - bezeichnete nach der angemeldet hat und dem ersten besten halb unserer Bewegung einen Elan der
eilig einberufenen Tagung des Politischen Aufkäufer seine Zukunft anvertraut.“ Hoffnung gern zerstören würden.“
Büros (des innersten Führungszirkels) Ihr Ehemann, Jean-Pierre Schenardi, Oh Neid und Missgunst, haltet Ihr sie
vom 6. Februar 03 die Vorwürfe zwischen seinerseits Regionalparlamentarier in Niz- gefangen, dann lasst sie nur nicht mehr
Le Pen und Bompard als „bedauerliches za, erklärte wiederum gegenüber ,Le Mon- los ... Bernhard Schmid, Paris ■

: antifaschistische nachrichten 5-2003 7


No War! Wir sind Teil einer machtvollen poli-
Fortsetzung von Seite 1 tischen und sozialen Antikriegs- und
● ein Nein im UN-Sicherheitsrat gegen globalisierungskritischen Bewegung,
jede kriegsfördernde Resolution, die nicht nur gegen Terror und Krieg
● die Verweigerung jeder direkten oder aufsteht. Wir sind angetreten, eine ande-
indirekten Unterstützung für den Krieg, re Welt möglich zu machen:
● der Abzug deutscher Truppen aus ● eine Welt der globalen Gerechtig-
Kuwait und aus der Golfregion, keit, in der die Lebensinteressen und
● die Rücknahme der Nutzungserlaub- elementaren sozialen Rechte aller Men-
nis für US-amerikanische Stützpunkte schen mehr zählen als das ökonomische
und der Überflugsrechte zu Kriegszwe- Kalkül einer kleinen Schicht Privilegier-
cken, ter;
● die Einstellung von AWACS-Flügen ● eine demokratische Welt, in der
deutscher Besatzungen im Fall eines sich der Friedenswille der Menschen
Krieges. durchsetzt.
Von dieser Berliner Kundgebung sen- Noch können wir den drohenden
den wir ein Signal an alle Menschen in Krieg gegen Irak verhindern. Unser
unserem Land aus: Wir müssen mit lan- Widerstand wird auch nach dieser bewe-
gem Atem, Mut und Zivilcourage gegen genden Demonstration weitergehen –
den drohenden Irak-Krieg und gegen je- auf allen Ebenen: in Schulen, Betrieben,
den anderen Krieg Widerstand leisten. Kirchen, auf der Straße, vor Kasernen kommt dann als nächstes? Welches Land

www.arbeiterfotografie.com
Für den Frieden zu arbeiten heißt und Militärstützpunkten. Mit Mahnwa- hat keine vernichtenden Waffen? Wel-
heute: chen, Demonstrationen, Blockaden, ches Land ist wirklich demokratisch?
1. Sprechen wir den Regierenden die- Streiks, Ostermärschen und vielen ande- Warum versagt die internationale Ge-
ser Welt jede Legitimation zur Kriegfüh- ren Formen unseres Protestes. meinschaft, wenn die Resolutionen der
rung und Unterdrückung ab! Krieg darf Frieden ist nicht alles, aber ohne UNO im Palästina-Israel Konflikt nicht

Info:
kein Mittel von Politik sein! Frieden ist alles nichts! respektiert werden? All dies sind Fragen,
2. Verweigern wir der US-Regierung die die Völker im Nahen Osten mit Angst
die Gefolgschaft in Krieg und Gewalt! „Aus den gequälten Seelen entsteht und Verbitterung stellen.
Solidarität und Freundschaft mit dem Hass, Zorn und Wut“ Als Palästi-
friedliebenden Amerika, nicht mit den Von Sumaya Farhat-Naser nenserin ver-
Kriegstreibern im Weißen Haus! Verbunden mit Millionen Menschen in urteile ich den
3. Setzen wir die universelle Geltung der ganzen Welt stehen wir heute hier, geplanten
des Völkerrechts und der Menschenrech- um den Krieg nicht als Mittel der Kon- Krieg gegen
te durch! Kein Staat hat für sich das fliktlösung gelten zu lassen. Wir sind ver- den Irak, weil
Recht, ein fremdes Regime abzusetzen bunden mit allen Menschen, die sich ge- ich weiß, was
oder zu beseitigen; dieses Recht haben gen den Krieg erheben: in New York, Pa- ein Krieg ist.
nur die betroffenen Völker selber - auch ris, London, Baghdad, Tel Aviv, Teheran, Wir sind Op-
im Fall des Diktators Saddam Hussein im Nablos, Ramallah und mit allen Men- fer der vielen
Irak. schen, die nicht demonstrieren dürfen. Kriege im Na-
4. UN-Waffeninspektionen sollen nicht Krieg kann niemals eine Rettung, und hen Osten:
nur im Irak durchgeführt werden, son- Gewalt kann niemals Frieden schaffen. Die Vertrei-
dern weltweit Schule machen! Es gibt Krieg tötet und zerstört. Wer sorgt sich bung der Hälf-
Länder, die sich aufgrund der Anhäufung um die Menschen in Irak? Anscheinend te unseres
riesiger Arsenale konventioneller und bleiben sie bedeutungslos, denn es geht Volkes ist auf
atomarer Waffen und vermuteter biologi- um die Beherrschung der Region und ih- den Krieg von
scher und chemischer Waffenprogramme rer Ressourcen. 1948 zurück-
für solche Inspektionen geradezu anbie- Die globalen geo-strategischen Kräfte- zuführen.
ten. Also: Inspektionen auch in den USA, verhältnisse verleiten die Mächtigen, sich Über drei
in Großbritannien und bei uns in als die alleinigen Besitzer der Weisheit Millionen
Deutschland! zu sehen, als die, die allein über das Flüchtlinge
5. Jede weitere Aufrüstung und der Recht verfügen, über Leben und Tod an- leben seit über
Umbau der Bundeswehr in eine Interven- derer zu bestimmen. 50 Jahren im
tionsarmee gehen an unseren Lebensin- Wer vom Krieg profitiert, sucht Recht- Exil, im Ge-
teressen vorbei. Das Geld dafür ist in fertigung dafür im Namen der Religion fühl des erlit-
Schulen und Krankenhäusern sehr viel und der Demokratie, im Namen von Si- tenen Un-
besser angelegt. Von Deutschland darf cherheit und Frieden. Mit dem gemeinsa- rechts und der
kein Krieg, keine militärische Interven- men Entschluss der Mächtigen zum Unterdrückung. Die 35-jährige Besat-
tion mehr ausgehen. Europa darf keine Krieg, um gemeinsam vom Krieg zu pro- zung unseres Volkes in der Westbank und
Militärmacht werden! fitieren, setzt sich die Globalisierung im Gazastreifen ist eine Folge des sog. 6-
6. Bekämpfen wir die Ursachen von durch, ungeachtet der Schäden an Frei- Tage-Krieges. Im Krieg von 1973 wur-
Gewalt, Terror und Krieg in der Welt! heit, Menschlichkeit und Moral. den Hunderttausende von Palästinensern
Setzen wir uns ein für eine Wirtschafts- Für die Kriegsführung stehen unbe- erneut vertrieben. Seit April 2002 sind
und Lebensweise, die nicht länger ökolo- grenzte Ressourcen bereit. Planung, Vor- wir einem ungewöhnlichen Kriegszu-
gische Ressourcen verschwendet und bereitung, Durchführung sowie Medien- stand ausgeliefert, in welchem täglich
endlich die globalen Probleme löst. Be- arbeit sind in vollem Gange. Was wäre Menschen getötet werden, ohne dass die-
seitigen wir Hunger, Armut, Analphabe- möglich, wenn ein Bruchteil all dieser se Toten inzwischen noch eine Zeitungs-
tismus, soziale Ungerechtigkeit und poli- Bemühungen und Kosten dem Frieden meldung wert wären. Wir werden unserer
tische, ethnische, rassische, geschlechtli- gewidmet würde? Wenn der Irak militä- Würde als Menschen beraubt, unsere Ge-
che und religiöse Diskriminierung. risch bezwungen ist: Welches Land sellschaft wird zerstört, unsere Existenz-

8 : antifaschistische nachrichten 5-2003


grundlage wird vernichtet. Wir alle, Pa- setzung. Das bewirkt ein Grundgefühl Schriftsteller und Künstler und alle ein-
lästinenser und Israelis, verlieren an der Ohnmacht und der Perspektivlosig- flussreichen Menschen sind jetzt, hier
Menschen und an Menschlichkeit, wir keit. Die Sehnsucht nach einem Leben in und heute gefordert, den Krieg zu ver-
entbehren im Alltag jegliches Sicher- Ruhe, Sicherheit und Frieden wird durch hindern.
heitsgefühl mehr als je zuvor, denn der die politischen Fakten und Entwicklun- Sumaya Farhat-Naser ist Professorin
Einsatz brutalster Kriegsmaschinerie und gen immer neuen Zerreißproben ausge- an der Bir-Zeit-Universität (Palästina)
Gewalt kann niemals Sicherheit bringen. setzt und von Enttäuschungen und Re- Aus der Rede von Rolf Becker, Schau-
Wir wollen und können keinen Krieg signation erstickt. spieler und Mitglied im Ortsvorstand
führen gegen Israel, wir wollen die Ver- Ein Krieg gegen Irak kann die Region des Fachbereichs Medien der Ge-
wirklichung unserer Menschen- und Völ- ins Schleudern bringen, die politischen werkschaft ver.di, Hamburg:
kerrechte. Wir wollen Frieden mit Israel. Systeme destabilisieren, und eine Situa- Nein zum Krieg ohne Wenn und Aber!
Das Land der ältesten Kulturen, der tion schaffen, wo Friedensaussichten in Wir haben Anlass, am Nein der Bundes-
Bögen und Arkaden, der vergoldeten weite Ferne rücken werden. Die Palästi- republik zum Krieg zu zweifeln. Zum ei-
blau und türkis gefärbten Kuppel und nenser befürchten ihren Albtraum von nen schwächt sie ihr Nein schon heute
Türme, der Dattelpalmen und Oliven- Massenvertreibung, Ausrottung von Dör- schrittweise ab, bindet ihre endgültige
bäume, der Poesie und Lyrik, dieses fer, Tötung und psychisches Brechen, Entscheidung an UNO und Weltsicher-
Land sieht mit Schrecken den Tod seiner vor allem der über 15.000 politisch Ge- heitsrat. Zum anderen erweitert sie ihre
Einwohner, seien sie Araber, Kurden, fangenen. Zugeständnisse an die US-Regierung:
Kildan, Assyrer, Armenier oder Palästi- Der Krieg würde einen nährreichen Überflugrechte, Spürpanzer, Flottenver-
nenser im IRAK. Boden für radikale politische Bewegun- bände am Golf, Bereitstellung von
gen bereiten. AWACS, Lieferung von Patriot-Raketen
Aus den gequäl- an Israel und die Türkei etc.
ten Seelen entsteht Was sind die Verweise dieser Regie-
Hass, Zorn und rung auf die UNO wert, nachdem sie
Wut: sich ohne UNO-Mandat und unter Ver-
● Eine Wut, die letzung von Grundgesetz und Zwei-Plus-
den Seelen der Vier-Verträgen, am Bombenkrieg gegen
Menschen die Jugoslawien beteiligte?
Menschlichkeit Unsere Kritik an der US-Regierung ist
beraubt, keine Kritik am amerikanischen Volk, im
● das Leben be- Gegenteil:
herrscht, sodass Wir grüßen die Friedensbewegung
das Leben, auch dort und weltweit.
das eigene, als sol- Wir begrüßen hier auch, dass zahlrei-
ches unwichtig che Kolleginnen und Kollegen aus den
wird, alle Be- Gewerkschaften versammelt sind. Wir
schränkungen auf- danken Herrn Bsirske, dass er hier zu
hebt und alle Wer- uns gesprochen hat.
te auslöscht. Aber wir müssen die DGB-Führung
Fragt sich je- daran erinnern, dass sie beim Krieg ge-
mand, wie solche gen Jugoslawien am ersten Tag uneinge-
Wut entsteht? schränkt Ja zum Krieg gesagt hat. Bis
Im letzten Golfkrieg erreichte die Zahl Die Aufforderung, Gewalt zu beenden heute ist das nicht aufgearbeitet. Ich
der Opfer des Krieges und seiner Aus- und sich an die internationalen humani- weiß, wovon ich spreche. Wir waren mit
wirkungen eine Million. Diesmal wird tären Gesetze und internationale Legiti- zehn Kolleginnen und Kollegen während
ihre Zahl in Irak und der gesamten Re- mität und Völkerrechte zu halten, UNO des Krieges im bombardierten Jugosla-
gion viel höher sein. Niemand bleibt er- Resolutionen respektieren, muss glei- wien. Wir haben gesehen, dass das kein
spart, weder Befürworter noch Gegner chermaßen für Alle gelten. Krieg gegen Milosevic, sondern ein
dieses oder jenes politischen Regimes, Wir fordern Abrüstung im ganzen Na- Krieg gegen die zivile Bevölkerung war.
auch nicht Unentschiedene oder Unge- hen Osten, einschließlich Israel. Wir fragen die DGB-Führung: Ist das
fragte. Wir sorgen uns um die Menschen in Nein heute nur ein Nein, solange die Re-
Die Bevölkerung wird stärker darunter Irak, auch um unsere Familien dort. Wir gierung Nein sagt? Wir bitten euch und
leiden, weil sie ihrer Macht beraubt wur- machen uns Gedanken, wie wir dem fordern euch auf: Hört auf die Mitglie-
de, ein politisches Regime zu wählen, Trauern begegnen werden mit denen, die der, hört auf die Basis. Wir bitten euch,
das im Einklang steht mit dem, was ver- es physisch überleben, und mit denen, entfernt euch nicht von uns. Wenn ihr
langt wird. Das irakische Volk hat das die psychisch zerbrechen werden. Politik über unsere Köpfe hinweg macht,
Recht auf Selbstbestimmung, auf ein po- Wir wissen was Besatzung ist, wir lauft ihr Gefahr, eines Tages eure Köpfe
litisches System seiner Wahl, das die kennen die Qual der traumatisierten Kin- zu verlieren. Die Geschichte hat das ge-
Souveränität des Iraks und seine der und Erwachsene. Niemand sollte je- zeigt.
Ressourcen wahrt. Ein Krieg bringt die mals solches erleben, auch nicht die Ira- Was können wir tun, außer wie heute
Gefahr eines unkalkulierbaren Chaos mit kis. gemeinsam zu demonstrieren? Der
sich, denn die Interessen vieler Staaten Heute telefonierte ich mit meiner Kampf wird von den Herrschenden im-
und politische Strömungen prallen auf Schwägerin in Baghdad. Ich fragte sie, mer an zwei Fronten geführt: Nicht nur
einander und jeder wird versuchen das was sie vorbereiten, welche Überlebens- im Irak, auch im Inneren in Form von
Momentum zu nutzen. Die Völker im maßnahmen sie getroffen hätten. Sie ant- Sozialabbau und Abbau von Arbeitsplät-
Nahen Osten erleben Gewalt, Demüti- wortete leise, bescheiden und doch si- zen, Kürzungen im Gesundheitswesen,
gungen und andauernde Erfahrungen cher: Da gibt es wenig zu tun, wir legen bei den Renten und so weiter. Wir müs-
von Ungerechtigkeit von ihren politi- unsere Seelen in Gottes Hand. sen an beiden Fronten Widerstand leisten
schen Systeme und die Palästinenser zu- Die Zukunft ist auch in unserer Hand. – für soziale Sicherheit, für Arbeitsplätze
sätzlich von der israelischen Mitlitärbe- Politiker, Journalisten, Wirtschaftsleute, und für Frieden! ■

: antifaschistische nachrichten 5-2003 9


Antikriegs-Wochenende am 7./8.2. in
München gegen NATO und Krieg!
Das Antikriegs-Wochen- Frieden und Abrüstung!“ –
de in München am 7. und OB Ude, DGB u.v.a. auf
dem Odeonsplatz
8. Februar war für viele
Menschen ein ermutigen- Am Samstag, den 8. Februar
der Auftakt zu noch größeren und gab es zwei Anti-Kriegskund-
wirksameren Aktionen der Anti- gebungen in der Münchner
kriegsbewegung. Dies wird auch Innenstadt. Die erste Idee zur
nötig sein. Auf der Sicherheits- zweiten Kundgebung, deren
konferenz hielt u.a. Verteidi- organisatorisches Rückgrat
gungsminister Dr. Struck (SPD) dann die Gewerkschaften wa-
eine Rede, die klar und deutlich ren, hatte Oberbürgermeister
die Parole ausgab, dass zukünftig Ude (SPD). Dabei wollte er
der Schwerpunkt der Aufgaben sich ausdrücklich abgrenzen
der Bundeswehr im multinatio- von der Demonstration gegen
nalen Einsatz und jenseits unse- die NATO-Sicherheitskonfe-
rer Grenzen liegen werde. Wer renz, zu deren Verbot er ein
davon ausgeht, dass damit friedliche bleiben: Gegen 23 Uhr stürmten die be- Jahr zuvor maßgeblich beigetragen hatte,
Zwecke verfolgt werden, der irrt. Auf den rüchtigten bayrischen USK das überfüllte und die ein breites Bündnis auch für 2003
zahlreichen Transparenten, die bei diesen Convergence Center – ein öffentliches schon seit Monaten vorbereitete. Nicht
Aktionen getragen wurden, konnte man Zentrum, wo sich AktivistInnen trafen, gegen die Sicherheitskonferenz – so die
neben einer strikten Antikriegshaltung um Besprechungen und Workshops abzu- Veranstalter der Odeonsplatzkundgebung
wie „Stoppt den globalen Krieg der halten. Dort waren angeblich Straftaten – sondern nur gegen den drohenden Irak-
NATO-Staaten“ auch Losungen sehen, vorbereitet worden – diese nebulöse und Krieg sollte hier demonstriert werden. So
die insbesondere die Kriegstreiberei der falsche Mutmaßung war die einzige Be- entstand eine Situation, in der auch die
US-Administration kritisierten. Die PDS gründung für den Einsatz. Von allen wur- Pressesprecher der Polizei alles taten, um
München stellte in den Mittelpunkt ihres den dort die Personalien festgestellt. im Vorfeld den Eindruck von einer „gu-
Protestes die Losung „Ausreiseverbot für Menschen, die das Gebäude nicht freiwil- ten“ (DGB + OB) und einer „bösen“ (ra-
die Bundeswehr“, um sich gegen weitere lig zur Personalienfeststellung verlassen dikalen, „gewalt-verdächtigen“ Demo zu
militärische Interventionen mit deutscher wollten, wurden brutal herausgeschleift. erwecken.
Beteiligung zu wenden. 22 Menschen wurden festgenommen, ei- Aber es kam dann anders am 8. Febru-
Am Freitag um 17 Uhr begann der nige davon wegen dem Gefahrenabwehr- ar.: Es gab zwei Demonstrationen, die
Auftakt mit einer Kundgebung auf dem paragraphen, einige auch wegen Wider- sich beide gegen den drohenden Irak-
Marienplatz, an der über 4.000 Menschen stand. Diese wurden erst Samstag nach- Krieg wandten und davon abgesehen
teilnahmen. Protestiert wurde gegen die mittag dem Haftrichter vorgeführt und unterschiedliche politische Ziele verfolg-
NATO Sicherheitskonferenz und gegen entlassen. ten und Herangehensweisen deutlich
den Empfang dieser unfriedlichen Ge- Am Samstag versammelten sich dann machten. Eine Konfrontation erfolgte je-
sellschaft durch die Stadt München. Die ab 12 Uhr auf dem Marienplatz ca. 25.000 doch nicht. Vielmehr konnte man beob-
Härte der kommenden Auseinanderset- Menschen zur Kundgebung des Anti- achten, dass beide Veranstalter zum Teil
zung wird dadurch klar, dass Tobias NATO-Bündnisses München. Es wurden ein Spektrum mobilisieren, das den je-
Pflüger von der Informationsstelle Mili- viele Reden gegen den Krieg und die Glo- weils anderen Aufrufern sicher nicht ge-
tarisierung aus Tübingen von der Polizei balisierung gehalten. Eine große Demon- folgt wäre. Dass es aber auch (wie es eine
im Anschluss an die Kundgebung festge- stration formierte sich dann durch die Überschneidung in den politischen Zie-
nommen wurde. Er hatte in seiner Rede Münchner Innenstadt, und in Ansprachen len gab) ein durchaus auf Tausende zu
darauf hingewiesen, dass die deutschen aus mitfahrenden Lautsprecherwagen schätzendes Potenzial gab, das es nicht
Soldaten in Kuwait den Befehl zu völker- wurde die Bevölkerung in den Häuser- nehmen ließ, an beiden Veranstaltungen
rechtswidrigen Angriffshandlungen ver- blocks über die akute Kriegsgefahr, die teilzunehmen und ab 12 Uhr vom Ode-
weigern sollten. Am späteren Abend kam Rolle der Nato und der rot-grünen onsplatz zum Marienplatz wogte.
er wieder frei. Aber dabei sollte es nicht Bundesregierung informiert. dil ■ M.B. ■

10 : antifaschistische nachrichten 5-2003


Vor 60 Jahren wurden die Geschwis-
ter Scholl von der Gestapo verhaftet

„Täter des
Wortes“
„So ein herrlicher, sonniger Tag und ich
soll gehen. Aber wie viele müssen heut-
zutage auf den Schlachtfeldern sterben,
wie viel junges hoffnungsvolles Leben. besuchten, fungierte als mäßigender Be- genug sind, einen Freund zu finden, dann
Was liegt an meinem Tod, wenn durch rater der Widerstandsgruppe. Erst nach werde ich gern jeder einen von meinen
unser Handeln Tausende von Menschen der deutschen Niederlage von Stalingrad Adjutanten zuweisen“. Gewaltsam wurde
aufgerüttelt und geweckt werden“, notier- kann er sich dazu durchringen, dass der angetrunkene Gauleiter von Studen-
te Sophie Scholl am 22. Februar 1943. „nicht der militärische Sieg über den Bol- ten aus dem Raum gedrängt und auf den
Wenige Stunden nach ihrer Verurteilung schewismus“, sondern die Niederlage des Straßen ertönten Parolen gegen das Dritte
durch den Volksgerichtshof wurde die 21- Nationalsozialismus „die erste Sorge für Reich.
jährige Philosophiestudentin zusammen jeden Deutschen“ sein müsse. Das letzte Erschüttert durch die Niederlage der
mit ihrem Bruder Hans und ihrem Kom- Flugblatt der Weißen Rose stammt aus Wehrmacht in Stalingrad und ermutigt
militonen Christoph Probst wegen Hoch- seiner Feder. durch diese ersten öffentlichen Unmuts-
verrats durch das Fallbeil hingerichtet. Der erste Schritt zum Widerstand be- äußerungen der Studentenschaft be-
Als Mitglieder der studentischen Wider- stand 1941 im Abhören ausländischer schloss die Weiße Rose, ein neues Flug-
standsgruppe Weiße Rose wurden Profes- Rundfunksender sowie gemeinsamen blatt, das sich direkt an ihre Kommilito-
sor Kurt Huber und Alexander Schmorell Lese- und Diskussionsabenden. Sophie nen wendete, zu verfassen: „Der Tag der
am 13. Juli 1943 und Willi Graf am 12. Scholl bekannte, dass für sie „Bücher zu Abrechnung ist gekommen, der Abrech-
Oktober hingerichtet. ersten Spuren des Widerstandes wurden. nung unserer deutschen Jugend mit der
Bis auf Professur Huber waren alle ... Stimulieren konnten Bücher, Erkennt- verabscheuungswürdigsten Tyrannis, die
Mitglieder des inneren Kreises der Wei- nisse vermitteln, Lichter aufgehen lassen. unser Volk je erduldet hat. Im Namen der
ßen Rose nicht älter als 25 Jahre. Sie wa- Aber das Existentielle ergab sich erst aus ganzen deutschen Jugend fordern wir von
ren zumeist in nationalkonservativen, der Verwirklichung von dem, was man dem Staat Adolf Hitlers die persönliche
christlich geprägten Elternhäusern aufge- selbst als richtig erkannt hatte“. Als Freiheit, das kostbarste Gut der Deut-
wachsen. Die Begegnung mit kritischen Handlungsmaxime galt für Sophie Scholl schen zurück, um das er uns in der er-
Intellektuellen wie Professor Huber, dem eine Stelle aus dem Jakobusbrief: „Seid bärmlichsten Weise betrogen hat. ... Es
Schriftsteller Theodor Haecker und dem Täter des Wortes, nicht Hörer allein.“ gibt für uns nur eine Parole: Kampf gegen
Herausgeber der katholischen Monats- Mit Flugblättern, die sie per Post an die Partei! Heraus aus den Parteigliede-
schrift „Hochland“ Carl Muth trug eben- Multiplikatoren wie Studenten, Lehrer rungen, in denen man uns politisch weiter
so zu ihrer Bewusstseinsbildung bei, wie und Ärzte verschickten sowie Wandparo- mundtot halten will! Heraus aus den Hör-
ihr gemeinsames Interesse für Philoso- len zogen die Mitglieder der Weißen Rose sälen der SS-, Unter- oder Oberführer und
phie, Kunst und Literatur. Dazu kamen ab Sommer 1942 die Konsequenzen aus Parteikriecher! Es geht uns um wahre
erste Erfahrungen von Fronteinsatz und ihrer antifaschistischen Haltung. Dabei Wissenschaft und echte Geistesfreiheit!“
Reichsarbeitsdienst. gelang es, ein Umfeld von bis zu 100 Am 18. Februar – dem Tag, an dem
Auch die Traditionen der bündischen weiteren Schülern, Studenten, Lehrern, Goebbels im Berliner Sportpalast den
Jugendbewegung hatten einige Mitglieder Professoren, Buchhändlern, Künstlern „Totalen Krieg“ verkündete – legten Hans
der Weißen Rose geprägt. So war Hans und Ärzten in München, Hamburg, Ulm, und Sophie Scholl dieses Flugblatt vor
Scholl 1937 vorübergehend verhaftet Freiburg, Stuttgart, Saarbrücken und Ber- Vorlesungsbeginn in der Münchner Uni-
worden, da er versuchte bündisches Ge- lin aufzubauen, die bei der Verbreitung versität aus. Als sie die letzten Exemplare
dankengut in die Hitlerjugend einzubrin- der Flugblätter halfen. von der Brüstung in den Lichthof warfen,
gen. Seine Verhaftung brachte auch So- Die sechs bis Februar 1943 verfassten wurden sie von Hausmeister Jakob
phie, die eine Führungsfunktion innerhalb Flugblätter, die an Tausende von Men- Schmied beobachtet, der die Studenten so
ihrer BDM-Gruppe hatte, auf Distanz schen verschickt wurden, enthielten so- lange festhielt, bis sie die Gestapo verhaf-
zum Nationalsozialismus. wohl Appelle an das Gute im Menschen ten konnte. Über Adressen, die bei ihnen
Aus der bündischen Tradition des Wan- zur moralisch-sittlichen Umkehr, Buße gefunden wurden, konnte die Polizei auch
dervogels und der katholischen Jugend und Reinigung, als auch zum passiven die anderen Mitglieder der Weißen Rose
kam auch Willi Graf. 1934 schloss er sich Widerstand und zur „Sabotage in rüs- verhaften.
16-jährig dem illegalen „Grauen Orden“ tungs- und kriegswichtigen Betrieben, Über Helmuth von Moltke war das
an. Aus seinem Adressbuch strich er kon- Sabotage in allen Versammlungen, Kund- letzte Flugblatt der Weißen Rose nach
sequent alle Namen von Freunden, die im gebungen, Festlichkeiten, Organisationen England gelangt. Die Flieger der Royal
Gegensatz zu ihm der Hitlerjugend beige- ... zur Verhinderung des reibungslosen Airforce verbreiteten das „Manifest der
treten waren. Ablaufs der Kriegsmaschinerie“. Münchner Studenten“ massenhaft über
Alexander Schmorells Mutter war Rus- Genau zwei Wochen nach der Kapitu- Deutschland: „Wir werden den Krieg so-
sin. Schon von daher geriet er in Wider- lation von Generalfeldmarschall Paulus in wieso gewinnen. Aber wir sehen nicht
spruch mit der rassistischen Ideologie Stalingrad kam es in München zur ersten ein, warum die Vernünftigen und Anstän-
vom slawischen „Untermenschen“. Sei- offenen Revolte von Studenten gegen die digen in Deutschland nicht zu Worte
nen Fronteinsatz in Russland erlebte er Nazidiktatur. Gauleiter Paul Giesler hatte kommen sollen. Deswegen werfen die
als „Heimkehr“. die Studenten, die vielfach schon Front- Flieger der RAF zugleich mit ihren Bom-
Der 24-jährige Christoph Probst war einsätze hinter sich hatten, als Schmarot- ben jetzt dieses Flugblatt, für das sechs
als einziger der Studenten bereits verhei- zer am Volkskörper beschimpft und die junge Deutsche gestorben sind, und das
ratet und hatte drei Kinder. Studentinnen aufgefordert, dem Führer die Gestapo natürlich sofort konfisziert
Kurt Huber, dessen Philosophievorle- ein Kind zu schenken statt zu studieren. hat, in Millionen von Exemplaren über
sungen die Mitglieder der Weißen Rose „Und wenn einige Mädels nicht hübsch Deutschland ab.“ Nick Brauns ■

: antifaschistische nachrichten 5-2003 11


: ausländer- und asylpolitik
Kenan Kolat, hat die Unionsforderungen
bereits scharf zurückgewiesen. Wenn die
Union auf diesen Forderungen beharre,
CDU/CSU mit neuen Zumutungen: solle die Regierung besser gar kein Zu-
wanderungsgesetz als so eins beschlie-
Besser kein ßen, forderte er. Die grüne Ausländerbe-
auftragte der Bundesregierung, Marielui-

Zuwanderungsgesetz se Beck, verkündete kurz danach, ihre


Partei überlege, ob es nicht besser sei,
die Anerkennung nichtstaatlicher und
Die parlamentarischen Bera- Aufenthaltsberechtigung oder seit 3 Jah- frauenspezifischer Verfolgung als Asyl-
tungen über das alte und neue ren eine unbefristete Aufenthaltserlaub- grund sowie Teile der geplanten Rege-
Zuwanderungsgesetz der rot- nis hat. CDU und CSU wollen das wie- lungen zur Förderung von Integration
grünen Bundesregierung scheinen der aufheben. Hier geborene Kinder sol- und Arbeitsmigration durch Verordnun-
schon gescheitert, bevor sie über- len in Zukunft nur dann die deutsche gen der Bundesregierung zu regeln oder
haupt begonnen haben. Die Union be- Staatsbürgerschaft erhalten, wenn ein El- auf andere Weise, jedenfalls so, dass die
steht auf einem Gesetz, das die vielen ternteil in Deutschland geboren ist. Fak- Zustimmung des Bundesrats nicht erfor-
rassistischen Gemeinheiten des seit tisch werden damit Kinder von Migran- derlich ist. Ob sie dafür aber die SPD ge-
Jahrzehnten geltenden „Gastarbei- tInnen erst in der dritten Generation als winnt, insbesondere Innenminister Schi-
terrechts“ nicht korrigiert, sondern „deutsche Staatsbürger“ anerkannt, erst ly, ist zweifelhaft. rül ■
weiter verschärft. 8 Millionen Flücht- die Enkelkinder der „Gastarbeiter“, die
linge und MigrantInnen sollen auch in in den 60er Jahren geholt wurden, gelten Quellen: Erklärung von Kenan Kolat vom 3.2.,
Zukunft Menschen zweiter und dritter dann von Geburt an als „Deutsche“. Berliner Zeitung, 1./2.2., Süddeutsche Zeitung,
Klasse bleiben. Pure Infamie ist auch die Forderung Nordwest-Zeitung, 6.2.2003
der Unionsparteien, das eigenständige
Nachdem das Bundesverfassungsgericht Aufenthaltsrecht für nachgezogene Ehe-
die Anfechtungsklage der CDU/CSU ge- gatten von 2 auf 4 Jahre zu erhöhen. Erst
gen die Zustimmung des Bundesrats zum vor drei Jahren hatte der Bundestag die
rot-grünen Zuwanderungsgesetz im De- Wartefrist für ein eigenständiges Aufent-
zember letzten Jahres für gültig erklärt haltsrecht auf 2 Jahre verkürzt, um die
hatte, weil die Ablehnung des Gesetzes Abhängigkeit von Frauen, die zu ihrem
durch den brandenburgischen CDU- Ehegatten nach Deutschland nachziehen,
Rechtsaußen Schönbohm durch den am- zu verringern. Ohne ein eigenständiges
tierenden Bundesratspräsidenten Wowe- Aufenthaltsrecht trauen sich die meisten
reit nicht korrekt beachtet worden sei, Frauen nicht, ihren Ehemann zu verlas-
hatte die Regierung ihr Gesetz kurz da- sen, auch wenn er sie z.B. misshandelt.
nach unverändert zur erneuten Beratung Weitere Änderungswünsche der Union
wieder in die Länderkammer einge- betreffen die Anerkennung nichtstaat-
bracht. Ende Januar beriet nun erstmals licher und frauenspezifischer Flucht-
der Innenausschuss des Bundesrats. Am gründe, die CDU und CSU ganz wieder
14. Februar kommt das Gesetz ins Ple- aus dem Gesetz gestrichen haben wollen,
num des Bundesrats. Mitte April sollen und das Nachzugsrecht für Kinder. Auch
die Beratungen im Vermittlungsaus- hier ist die deutsche Praxis schon jetzt in Die vom Bundesrat zu beschließenden, von den CDU-Län-
schuss von Bundesrat und Bundestag be- der EU mit Abstand am restriktivsten. dern vorgelegten Verschärfungsanträge zum Zuwande-
ginnen. Auf Druck der Union hatte die rot-grüne rungsgesetz (Bundesrats-Drucksache 22/1/03 vom
Ob diese Vermittlungen aber über- Regierung in ihrem Zuwanderungsgesetz 13.02.2003) stehen zum download bereit unter
haupt noch Sinn machen, ist offen. Denn das Nachzugsalter für Kinder bereits von http://www.fluechtlingsinfo-berlin.de/fr/pdf/Bundesrat_
ZuwG_Drs_22-1-03.pdf (240 KB)
die CDU- und CSU-regierten Bundeslän- 16 auf 12 Jahre verringert. Jetzt will die
der nutzten ihre Mehrheit im Innenaus- Union eine weitere Senkung auf 10 Jah- Diese Vorschläge sollen dann Gegenstand des „Vermitt-
schuss des Bundesrats, um eine Fülle re. Wer sich irgendwo auf der Welt mit lungsverfahrens“ werden. Sie würden zu einer umfassen-
von alten und neuen rassistischen Ge- der Überlegung trägt, nach Deutschland den Verschärfung des Ausländerrechts gegenüber dem gel-
meinheiten gegen Flüchtlinge und Mi- zu fliehen oder auszuwandern, soll in Zu- tenden Recht führen. Anbei nur wenige der 137 Verschär-
grantInnen zu beschließen, die nach ih- kunft neben allen anderen Sorgen und fungsanträge, ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit:
ren Vorstellungen in das künftige Gesetz Nöten auch noch fürchten, in diesem Fall
– Ziel ist die „Begrenzung der Zuwanderung“
aufgenommen werden sollen. Damit seine eigenen Kinder möglicherweise nie
– Leitlinie sind „nationale Interessen und nationale Iden-
würde das neue Gesetz für Flüchtlinge wieder zu sehen. tität“
und MigrantInnen endgültig ein noch Pure Beutelschneiderei sind schließ- – Streichung nichtstaatlicher und geschlechtsspezifischer
größeres Unglück, als es das seit Jahr- lich die Forderungen der Union, beim Verfolgung als Asylgrund und Abschiebungshindernis
zehnten geltende Ausländer- und Asyl- Nachzug von Ehegatten künftig bei der – Streichung der Härtefallregelung
recht ohnehin schon ist. Einreise eine Art „Eintrittsgeld“ von – bundesweite Verteilung geduldeter bzw. „bescheinigter“
So soll die minimale Reform des 1.500 Euro zu verlangen, und die Idee, Flüchtlinge
Staatsbürgerschaftsrechts, die SPD und MigrantInnen und Flüchtlinge an den – 1.500 EURO Visumsgebühr für Familiennachzug
– Senkung des Kindernachzugsalters auf 9 Jahre (ein-
Grüne mit der FDP 1999 nach der Kam- Kosten der geplanten Integrationskurse schließlich)
pagne der Union gegen den sog. „Dop- ohne Rücksicht auf ihre soziale Situation – Arbeitsverbot für nachgezogene Ehegatten, solange der
pelpass“ verabschiedet hatten, in einem zu beteiligen. Im Entwurf der Bundesre- Sprachkurs nicht abgeschlossen wurde
Kernbereich wieder rückgängig gemacht gierung ist vorgesehen, bei Sozialhilfebe- – eigenständiges Aufenthaltsrecht für sich (z.B. wg. Ge-
werden. Seitdem erhalten hier geborene zug auf solche Kostenbeteiligung zu ver- walt) trennende Ehepartner erst nach 4 (bisher 2) Jahren
Kinder bei der Geburt die deutsche zichten. – umfangreiche Verschärfung des Staatsangehörigkeits-
Staatsbürgerschaft, wenn ein Elternteil Der stellvertretende Vorsitzende der rechts (Einbürgerung)
mindestens 8 Jahre hier lebt und eine Türkischen Gemeinden in Deutschland,

12 : antifaschistische nachrichten 5-2003


Frankfurt. Das Aktionsbündnis
gegen Abschiebungen Rhein-
Main ruft im Falle des Beginn
Massenfluchten als Folge
eines Krieges gegen den Irak zu einer
Kundgebung am 2. Samstag nach
des Kriegs zu erwarten
Kriegsbeginn – 12 Uhr – Frankfurter Statt dessen ist sie dabei, mit anderen werden die Grenzen um die europäi-
Flughafen, Terminal 1, Bereich A auf: europäischen Mächten militärisch aufzu- schen Länder weiter ausgebaut, die Fes-
rüsten; sie sind gerade dabei, eine EU- tung Europa perfektioniert. Flüchtlingen
„Wir unterstützen die Aktionen von Eingreifgruppe mit einer Stärke von 100 soll schon der Zugang in die „Wohl-
RESIST zur Blockade der Airbase auf 000 Soldaten zusammenzustellen, die standsregionen“ so weit wie möglich
dem Frankfurter Flughafen und fordern weltweit einsatzfähig sein soll. Selbst der verwehrt werden. Die immer weiter sin-
zeitgleich dazu auf, im Frankfurter Flug- Interventionsradius von 4.000 km (!) kenden Flüchtlingszahlen präsentierte
hafen gegen die katastrophale deutsche rund um Brüssel wurde verbindlich fest- denn auch Bundesinnenminister Schily
Asylpolitik zu protestieren, die mit einer gelegt. Mit 18 000 SoldatInnen stellt die zu Beginn dieses Jahres als Erfolg seiner
Militarisierung nach innen und außen Bundesrepublik mit Abstand das größte Politik. Angesichts der gravierenden
einhergeht. Der Frankfurter Flughafen ist Kontingent. (Zeitung gegen den Krieg, Menschenrechtsverletzungen weltweit,
nach wie vor mit etwa 10 000 Abschie- Nr.12, Winter 2002/2003) angesichts großer Flüchtlingsströme auf
bungen pro Jahr Deutschlands Abschie- ... Die Doppelbödigkeit deutscher Po- der ganzen Welt und der Tatsache, dass
beflughafen Nr. 1. Hier wurden bereits litik zeigt sich noch an einem anderen arme Länder um ein vielfaches mehr
zwei Flüchtlinge, Kola Bankole und Aa- Punkt: Ist doch der Umgang mit den Flüchtlinge aufnehmen als die reichen
mir Ageeb während der Abschiebung in Ärmsten der Armen, den Verlierern der Industrienationen, ist dies skandalös und
Lufthansamaschinen durch Beamte des Globalisierung, den Flüchtlingen auf der beschämend zugleich.
BGS gewaltsam zu Tode gebracht. Hier Welt ein Prüfstein dafür, wie ernst es je- Auch die Türkei schottet weiter ab.
erhängte sich eine Asylbewerberin aus der Regierung in Sachen Menschenrech- Sie hat vergangenen Sommer ihren „Si-
dem Maghreb, Naimah Hadjar, weil sie te, Gerechtigkeit und Frieden ist. cherheitsstreifen“ entlang der irakisch-
abgeschoben werden sollte. Hier wurde Seit langem stellen irakische Flücht- türkischen Grenze militärisch verstärkt.
ein neues Internierungslager für 100 linge einen großen Teil der Asylsuchen- Der Iran seinerseits ließ große Teile der
Flüchtlinge geschaffen und ein Abschie- den in Deutschland dar. Wie wir alle wis- Grenze zum Irak neu verminen, als
beknast für 80 Migranten beschlossen. sen, hat sich die Lage im Irak nicht ver- „Lehre“ aus den großen Flüchtlingswan-
Wenn die rot-grüne Bundesregierung bessert. Ganz im Gegenteil ist das Leben derungen im letzten Golfkrieg, wo 2
in Sachen Irak bei einem Nein zu diesem dort durch das Embargo und den drohen- Millionen KurdInnen aus dem Irak in die
Krieg bleibt, ist sie doch weit davon ent- den Krieg noch gefährlicher geworden. Nachbarländer flohen. Auch heute kann
fernt, „friedlich“ und „fortschrittlich“ Folglich müssten also die Flüchtlinge dies wieder passieren – mit dem Unter-
geworden zu sein. Denn dieser plötzliche aus dem Irak mit offenen Armen aufge- schied, dass die lebensrettende Flucht
Pazifismus müsste sich darin widerspie- nommen werden, die Anerkennungsquo- diesmal nahezu unmöglich wird. Der
geln, keine AWACs Flugzeuge zu schi- ten weiter in die Höhe gehen. Nordirak ist hermetisch abgeriegelt und
cken, den Luftraum für US-Manöver zu Lassen wir die Fakten sprechen: Wur- kann so schnell zur Todesfalle werden.
verweigern, konsequent abzurüsten und den im Jahr 2001 noch über 65% der aus Der Bundesregierung ist all das noch
keinerlei militärische Abenteuer mehr in dem Irak Flüchtenden anerkannt, so fiel nicht genug: Mit ihrem „Aktionsplan
aller Welt durchzuführen. die Anerkennungsquote kontinuierlich Türkei“ wird verlangt, dass die Türkei
auf einen Minusrekord von knapp „wirksamere“ Ausreisekontrollen durch-
– Teilnahme am Sprachkurs „mit Erfolg“ für Verlängerung der 13% Ende letzten Jahres. 13% führen soll, um Flüchtlingswanderungen
Aufenthaltserlaubnis notwendig Anerkennung bei irakischen zu stoppen. Außerdem soll die Türkei die
– Streichung Zuwanderung im Auswahlverfahren Flüchtlingen - das ist absurd, ka- „Durchschiebung“ , wie sie es nennen,
– ein Bruttomonatslohn Gebühr für zuwandernde Arbeitskräfte tastrophal und äußerst gefährlich von irakischen Flüchtlingen über türki-
– Röntgenuntersuchung zur Altersfeststellung Jugendlicher für die Abgelehnten. Denn sie sches Territorium zurück in den Nordirak
– Anordnung zur sicherheitsbehördlichen Überwachung von laufen Gefahr, von hier aus wie- hinnehmen. (Quelle: Pro Asyl).
Ausländern möglich, ggf. Einweisung in besondere Einrichtun-
gen und Arbeitsverbot aus sicherheitsbehördlichen Gründen
der in den Irak abgeschoben zu Man erkennt, wie eifrig die „Friedens-
– Zwingende Ausweisung bei Verurteilung zu einer Freiheits- werden. Es zeigt einmal mehr, freundInnen“ und „MenschenrechtlerIn-
oder Jugendstrafe ab 2 Jahren (bisher: 3 Jahre) dass das Asylrecht bis zur Un- nen“ aus den Reihen der Bundesregie-
– Zwingende Ausweisung bei Verurteilung wegen Fluchthilfe kenntlichkeit verstümmelt wor- rung sich vorbereiten, mögliche Massen-
– Versagung Aufenthaltserlaubnis bei Verdacht (neu) „extre- den ist: Obwohl sich die Gefähr- fluchten als Folge des Krieges zu stop-
mistischer“ (neu) oder terroristischer Bestrebungen dungslage erhöht hat, verringert pen, und, sollte dies nicht gelingen, in
– Wiedereinführung der Duldung, die aber rechtlich nicht bes- sich die Anerkennungsquote und großem Umfang Abschiebungen über die
ser gestellt ist, als die bisher vorgesehene Bescheinigung
Schutzbedürftige müssen damit Türkei in den vom Auswärtigen Amt un-
(voraussichtlich mit zwingendem Arbeitsverbot – dieser
Punkt ist aber noch umstritten)
rechnen, in die Kriegs- und Kri- ter Joschka Fischer bis heute als „sicher“
– Beugehaft bis zu 18 Monate (zusätzliches ausländerrechtli- senregion zurückgeschickt zu erklärten Nordirak durchzuführen.
ches Instrument) – zusätzlich zur ebenfalls bis zu 18 Monate werden. Die Botschaft an die
möglichen Abschiebehaft Fliehenden aus dem Irak ist klar: FLUCHTURSACHEN BEKÄMPFEN ++++
– zur Erzwingung der zumutbaren und möglichen freiwilligen Zwar wollen wir diesen Krieg im DEN KRIEG STOPPEN ++++
Ausreise Verbringungshaft bis zu 4 Wochen Moment nicht, aber euch wollen FLUCHTWEGE ÖFFNEN ++++
– Leistungsumfang „Butterbrot und Fahrkarte“ bei §1a wir auch nicht! ABSCHIEBUNGEN VERHINDERN ++++
AsylbLG, Einbeziehung von Flüchtlingen mit Abschiebe-
schutz nach § 25 Abs. 3 (EMRK u.a.) ins AsylbLG, Strei-
Die Asylabschottungspolitik ■
chung § 2 Asylbewerberleistungsgesetz (d.h. Kürzung, führt zwangsläufig zur Militari- Kontakt und weitere Informationen:
Sachleistungen, Gemeinschaftsunterkünfte, eingeschränkte sierung der Außengrenzen. Alle Aktionsbündnis gegen Abschiebungen
med. Versorgung zeitlich unbefristet auch über 3 Jahre hin- Regierungs- und so gut wie alle Rhein-Main, c/o AG3F, Metzgerstr.8,
aus). Oppositionsparteien sind sich 63450 Hanau, Tel./Fax 06181-184892
Georg Classen darin einig, Flüchtlingsabwehr in Email:
http://www.fluechtlingsrat-berlin.de ■ Deutschland und in der Europäi- aktivgegenabschiebung@gmx.de
schen Union zu betreiben. So http://www.aktivgegenabschiebung.de

: antifaschistische nachrichten 5-2003 13


: neuerscheinungen, ankündigungen

„Einblicke in das ist auch repräsentativ für das


wird. Die drei Bände durch- aufgebracht hat. Die „Her-
Netzwerk der subversive Vorgehen des
zieht die Biographie eines NS- mann-Niermann-Stiftung“ hat
reichsdeutschen Deutschen Reiches bei ande-
Akteurs aus dem deutschspra- 1994 gegen ihre Kritiker aus
ren deutschen Minderheiten in
chigen Ostbelgien, des St. Vi- der KRAUTGARTEN-Redak-
Subversion“ Europa.“ thers Walter Schmald, der sei- tion einen Prozess ange-
Neundorf: Edition Krautgar- nen Dienst 1941 bei der Ab- strengt, der diese jetzt finan-
ten orte, 2001, ISBN: „Das besetzte Frank- wehr in Paris angetreten hatte ziell zu ruinieren droht. Der
2-87316-006-3, 24,54 Euro und später zum SD wechselte. Prozess dauert seit dem ersten
reich 1940 - 1943“ Seine Biographie wird ergänzt Urteil 1995 bis heute an.
Das Buch beschreibt mit gro- von Bruno Kartheu- durch weitere Lebensläufe Das Berufungsgericht in
ßer Detailfülle die Unterwan- ser von Ostbelgiern, die während Liege hat jetzt die Verurtei-
derung Ostbelgiens durch das des Krieges im Dienst der Ab- lung des Krautgarten durch
Deutsche Reich in den 1920er Neundorf: Edition Krautgar- wehr und des Sicherheitsdien- das Eupener Gericht aus dem
und vor allem in den 1930er ten orte, 2002, ISBN: stes standen. Jahr 1995 wiederholt und ver-
Jahren. Der Historiker Dr. 2-87316-015-2, 25 Euro schärft. In Ostbelgien scheint
Beide Bücher können bei damit das Recht der freien
Kartheuser beschreibt in sei- bruno.kartheuser@pi.be be- Nachforschung, der unzensier-
ner detailgesättigten und reich stellt werden; der Autor ten Veröffentlichung und des
illustrierten Studie die deut- steht für Lesungen aus sei- Widerstandes gegen völkisch-
sche Besatzungsherrschaft in nen Werken bereit. deutsche Umtriebe auf dem
Frankreich. „Rasch kamen zur Spiel zu stehen; schon das Ur-
politischen und militärischen Die Redaktion der ostbelgi- teil von 1995 wurde von einer
Niederwerfung und zur wirt- schen Literaturzeitschrift juristischen Fachzeitschrift als
schaftlichen Ausbeutung die KRAUTGARTEN, in deren „Zensur“ klassifiziert. Ein
totalitären und mordhaften As- Buchreihe die beiden Bände Sieg der „Hermann-Nier-
pekte des NS-Programms: die erschienen sind, bittet im mann-Stiftung“ könnte auch
Verfolgung und Deportation Übrigen um Solidarität auch für andere Regionen, die eine
der wehrlosen Juden (...) und finanzieller Art. Seit 1992 deutsche Vergangenheit ha-
die Bekämpfung der aktiven wehrt sie sich gegen eine neue ben, Vorbildcharakter bekom-
Gegner und des Widerstan- deutsche Subversion in Ost- men. Dabei müsste es ja ei-
des“. Dargestellt wird insbe- belgien, die – mit hohen Be- gentlich darum gehen, die fi-
sondere die Tätigkeit der Si- trägen aus Deutschland ausge- nanzielle Unterstützung von
Klaus Pabst führt dazu aus: cherheitsbehörden, speziell rüstet und zum Teil durch Be- halbamtlicher deutscher Seite
„Erschreckend ist vor allem des SD; ausführlich gewürdigt amte aus dem deutschen für so genannte „deutsche
das Ausmaß und die Zielsi- Innenministerium gesteuert – Minderheiten“, die den völki-
cherheit, mit denen das Deut- zu neuen Autonomiebestre- schen Sprengstoff noch nährt,
sche Reich schon in den bungen im deutschsprachigen zu unterbinden.
1920er Jahren, erst recht aber Teil Ostbelgiens beigetragen
nach 1933, eine konsequente hat. KRAUTGARTEN hat Solikonto des belgischen
und möglichst alle Bevölke- sich dabei besonders durch „krautgartens“:
rungsschichten erfassende Veröffentlichungen über die Konto 313 26 58 bei der
Subversion im Gebiet von Eu- Tätigkeit der Düsseldorfer Raiba Bleialf e.G. (BLZ 586
pen und Malmedy mit dem „Hermann-Niermann-Stif- 619 01); Bezeichnung:
langfristigen Ziel einer Rean- tung“ hervorgetan, die sich KRAUTGARTEN St. Vith,
nexion betrieb, und wie offen laut Satzung für „ethnische Vermerk: SOLIDAR.
die hinterhältige Methode, auf Minderheiten in Europa“ ein-
scheinbar harmlos-unpoliti- setzt
schen Wegen und mit reichen, und
aber geheimen Geldzuweisun- über
gen sehr konkrete politische lange
Ziele zu verfolgen, von den werden daneben die „Gegen- Jahre
Beteiligten intern auch zuge- kräfte“, der Widerstand, der be-
geben wurde.“ Das Buch ist unter teils gaullistischer, teils trächtli-
reich illustriert (51 Seiten Fo- kommunistischer Führung che
tos) und enthält im Anhang ei- wuchs. Das Buch – zweiter Sum-
nen dokumentarischen Teil Band einer vierbändigen Rei- men
mit Haushaltszahlen, Helfer- he, deren erster Teil die reichs- speziell
Listen und Original-Texten deutsche Subversion im Ost- für die
aus damaligen Publikationen. belgien der Zwischenkriegs- „deut-
Die Landeszentrale für politi- zeit beschrieb – liefert einen sche
sche Bildung Rheinland-Pfalz Überblick über die Kräfte, die Minder-
empfiehlt das Buch mit dem von 1940 bis 1943 in Frank- heit“ in
Hinweis: „In vielerlei Hin- reich am Werk waren; es be- Ostbel-
sicht kann dieses Buch ein reitet damit die Schilderung gien
Schlüssel zum besseren Ver- des Massakers in Tulle vom (70.000
ständnis der heutigen Lage Juni 1944 vor, die im Zentrum Perso-
Ostbelgiens sein. Die Studie des dritten Bandes stehen nen)

14 : antifaschistische nachrichten 5-2003


Blick in den Abgrund von 1933 schen
Herbst
„Wochenberichte“ des Untergangs – Notizen von 1932 und
Frühjahr
Erwin Eckert und Emil Fuchs als Buch erschienen 1933 weis-
machen
Das sind atemberaubende Seiten. Deutschland, die im „Bund der religiösen wollen.
Erwin Eckert und Emil Fuchs sind Sozialisten Deutschlands“ (BRSD) orga- Leser
die Autoren der „Wochenberich- nisiert waren. aus unter-
te“, die den rund 30 000 Lesern des In den einführenden Worten der Her- schied-
„Sonntagsblattes des arbeitenden Volkes“ ausgeber ist viel zu erfahren über das lichen La-
vom 5. Oktober 1930 bis 4. März 1933 komplizierte Spannungsverhältnis, das im gern der
einen kommentierenden Überblick über Dreieck Kirchen-SPD-KPD herrschte und Linken
die wichtigsten Ereignisse der jeweils in dem Eckert zeitweise zerrieben wurde. werden mit
letzten sieben Tage boten. Die Wochenberichte selbst atmen wenig sehr ver-
Friedrich-Martin Balzer, bekannter theologischen Geist. Sie sind vor allem schiedenen Augen und Wertungen durch
parteiloser Marxist aus Marburg, und ein Ausdruck scharfsinniger, sehr an den die Seiten streifen – die einen werden
Manfred Weißbecker, bis 1992 Professor Tatsachen orientierter Berichterstattung ihre Ausrufungszeichen dort setzen, wo
für deutsche Geschichte in Jena, haben über die damalige Zeit. über Streit in der KPD referiert wird, die
diese Wochenberichte für die heutige po- Die „Wochenberichte“ bieten weit anderen werden aufmerksam und dankbar
litische Öffentlichkeit gerettet. Viele, so mehr als nur eine Chronologie der Ereig- für unsere heutigen Flächentarifverträge
die Enkel der beiden verstorbenen Auto- nisse in Deutschland. Mich persönlich be- registrieren, wie sehr die Kämpfe zur Ab-
ren, die Rosa-Luxemburg-Stiftung in eindruckt es vor allem durch seinen wei- wehr von Lohnsenkungen von Betrieb zu
Sachsen, der Mannheimer Bürgermeister ten internationalen Blick. Es bereitet we- Betrieb die Kraft der Arbeiter, Lehrer und
und zwei evangelische Landeskirchen ha- nig Mühe, sich beispielsweise so durch Angestellten beansprucht hat und wie sehr
ben einen finanziellen Beitrag geleistet diese Wochenberichte zu blättern, dass sie damit zu kämpfen hatten, nicht gegen-
und der Pahl-Rugenstein Verlag hat dar- der Leser ein plastisches, ungemein kon- einander ausgespielt zu werden. Die einen
aus ein, abgesehen von leider etwas zu kretes Bild über den heraufziehenden werden mehr Gefallen finden an dem
häufigen Druck- und Satzfehlern ordentli- Konflikt zwischen Japan und den USA mehr schwungvoll-wertenden, zuweilen
ches, mit allen Anmerkungen und einem erhält. Das Buch liefert nicht nur Antwor- agitatorischen Stil Eckerts, die anderen
ausführlich kommentierten Personenver- ten auf die Frage „Wie kam es zur fa- mehr an dem eher abwägend-berichtenden
zeichnis über 600 Seiten starkes Buch ge- schistischen Machtergreifung?“, sondern Stil von Fuchs. Alle, die nach einer
macht. erstaunlicher Weise auch frühe Hinweise „Chronologie der laufenden Ereignisse
Das Engagement von kirchlicher Seite zur Beantwortung der Frage „Welche 1930-33“ aus linker Feder gesucht haben,
an diesem monumentalen Werk ist nicht Entwicklungen führten zu Pearl Har- werden so oder so hier auf ihre Kosten
zufällig. Beide Verfasser der Wochenbe- bour?“. kommen.
richte sind Theologen, bezeichneten sich Gelernt habe ich bei dieser Lektüre Nach so viel Lob muss ich auch noch
selbst als religiöse Sozialisten, wirkten in auch, wie stark sich – ohne dass das den Kritik loswerden. Die beschränkt sich je-
SPD und KPD und nach dem Krieg wei- Chronisten selbst natürlich immer klar ist doch nur darauf, dass Balzer und Weißbe-
ter in Ost und West in den verschiedenen – Entwicklungen sehr lange vorher ab- cker sich doch ein bisschen stark in ihren
Lagern der Arbeiterbewegung. zeichnen und damit auch grundsätzlich Forschungsgegenstand verliebt zeigen und
Wie ein Film läuft vor der Leserin oder beeinflussbar bleiben. Übermorgen wer- Eckert und Fuchs in etwas überirdische
dem Leser im Zeitraffer noch einmal die den vielleicht einige sagen, der große Zu- Geistesregionen befördert haben. Wenn
dramatische Zeit des Untergangs der Wei- sammenstoß, der die Welt vom Mittel- sie etwa schreiben, „vergleichbaren Leit-
marer Republik ab. Das „Sonntagsblatt“, meer bis an die Grenzen des Himalaja in artikeln und Kolumnen anderer Zeitungen
lediglich 16 Seiten im A4-Format und Brand gesetzt habe, wäre letztlich sehr jener Jahre dürften sie weit überlegen
später 4 Seiten im A3-Format stark, war plötzlich gekommen. Sie haben genauso sein“ (S. 30), tun sie damit nicht nur bei-
so etwas wie das nationale Organ der sich unrecht wie diejenigen, die uns heute et- spielsweise der von Eckert und Fuchs
als sozialistisch verstehenden und der Ar- was von der plötzlichen Machtergreifung häufiger mit Hochachtung herangezoge-
beiterbewegung verbundenen Christen in Hitlers in den wenigen Monaten zwi- nen „Weltbühne“ von Ossietzky Unrecht,
sondern müssen sich auch von Kühnl in
dessen „Nachbetrachtung“ sagen lassen,
Der Herausgabekreis und die Redaktion sind zu erreichen über:
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln Tel. 0221 / 21 16 58, Fax 0221 / 21 53 73.
dass manche „zeitgenössischen Analysen
email: antifanachrichten@netcologne.de, Internet: http://www.antifaschistische-nachrichten.de des linken Flügels der Arbeiterbewegung
Erscheint bei GNN, Verlagsges. m.b.H., Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. V.i.S.d.P.: U. Bach ... tiefer reichende Analysen der Klassen-
Redaktion: Für Schleswig-Holstein, Hamburg: W. Siede, erreichbar über GNN-Verlag, Neuer Kamp 25, interessen (liefern), die sich mit dem Fa-
20359 Hamburg, Tel. 040 / 43 18 88 20. Für NRW, Hessen, Rheinland Pfalz, Saarland: U. Bach, schismus verbanden.“ (S. 542). Das aber
GNN-Verlag Köln. Baden-Württemberg und Bayern über GNN-Süd, Stubaier Str. 2, 70327 Stuttgart, nimmt nichts weg von der dringenden
Tel. 0711 / 62 47 01. Für „Aus der faschistischen Presse“: J. Detjen c/o GNN Köln.
Erscheinungsweise: 14-täglich. Bezugspreis: Einzelheft 1,30 Euro. Empfehlung an jeden geschichtsbewuss-
Bestellungen sind zu richten an: GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln. Sonderbestellungen sind ten Linken, dieses Buch zu lesen und in
möglich, Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt. die Nachschlagwerk-Abteilung seines Bü-
Die antifaschistischen Nachrichten beruhen vor allen Dingen auf Mitteilungen von Initiativen. Soweit ein- cherregals zu stellen.
zelne Artikel ausdrücklich in ihrer Herkunft gekennzeichnet sind, geben sie nicht unbedingt die Meinung Manfred Sohn, uz vom 10.1.2003 ■
der Redaktion wieder, die nicht alle bei ihr eingehenden Meldungen überprüfen kann.
Herausgabekreis der Antifaschistischen Nachrichten: Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AGR); Annelie Erwin Eckert, Emil Fuchs: Blick in den
Buntenbach (Bündnis 90/Die Grünen); Rolf Burgard (VVN-BdA); Jörg Detjen (Forum kommunistischer Arbeitsgemein-
schaften); Martin Dietzsch; Regina Girod (VVN - Bund der Antifaschisten); Dr. Christel Hartinger (Friedenszentrum e.V., Abgrund. Das Ende der Weimarer Re-
Leipzig); Hartmut-Meyer-Archiv bei der VVN - Bund der Antifaschisten NRW; Ulla Jelpke; Jochen Koeniger (Arbeitsgrup- publik im Spiegel zeitgenössischer Be-
pe gegen Militarismus und Repression); Marion Bentin, Edith Bergmann, Hannes Nuijen (Mitglieder des Vorstandes der richte und Interpretationen, Pahl-Ru-
Arbeitsgemeinschaft gegen Reaktion, Faschismus und Krieg–Förderverein Antifaschistische Nachrichten); Kreisvereini-
gung Aachen VVN-BdA; AG Antifaschismus/ Antirassismus in der PDS NRW; Angelo Lucifero (Landesleiter hbv in ver.di genstein Verlag Nachf. Bonn 2002,
Thüringen); Kai Metzner (minuskel screen partner); Bernhard Strasdeit; Volkmar Wölk. 646 Seiten, 32 Euro

: antifaschistische nachrichten 5-2003 15


: aus der faschistischen presse
„Dieses asoziale Verhalten hat im we-
sentlichen drei Ursachen: den allgemei-
nen Werteverlust durch die 68er Bewe-
Weg mit dem Sozialklim- Grünen zur Deutschen Aufbau-Organisa- gung (,Recht auf Faulheit‘), die Politik
bim! tion führte, rückt die ideologischen Ver- der Gewerkschaften und die langwähren-
hältnisse wieder gerade: de Wohlstandsgesellschaft mit der ,ge-
Nation & Europa 2-2003 „Deutschland lebt über seine Verhält- wissen Unersättlichkeit in der Freiheit‘,
Der „Patient Deutschland“ bildet das Ti- nisse. Das wäre wegen der steigenden von der schon Platon sprach. In einer sol-
telthema der Februarausgabe von „Na- Schuldenlast schon problematisch ge- chen Gesellschaft wird Leistungsbereit-
tion & Europa“, im Editorial allerdings nug. Noch folgenschwerer ist die Art und schaft nicht angemessen belohnt und
steht die Kriegspolitik der USA im Weise, wie das Geld eingenommen und Leistungsverweigerung nicht gebührend
Mittelpunkt. Harald Neubauer fragt wie es ausgegeben, also umverteilt wird. geahndet“. Diese „Analyse“ könnte
„Und wer entwaffnet die USA?“ und lie- Es sind jährlich mehr als eine Billion wörtlich von einem Unternehmerver-
fert eine neue Erklärung für den Beginn Euro, die der Wirtschaft und den Bürgern band stammen und illustriert auf’s
des 2. Weltkriegs: entzogen werden, rund die Hälfte des Schönste Horkheimers Wort, dass, wer
„Damals, im ,Drôle de guerre‘, Bruttosozialprodukts, was eher an Zen- vom Kapitalismus nicht sprechen wol-
schwankten die Gefühle der Menschen tralverwaltungswirtschaft als an le vom Faschismus schweigen
auf beiden Seiten der Front zwischen Marktwirtschaft erinnert. müsse.
Friedenshoffnung und Kriegsangst. Die USA haben eine Karl Richter argumen-
Mehr als ein halbes Jahr, bis Mai 1940, Staatsquote von nur 18,3 tiert ähnlich auf einem
hätten die Politiker noch Zeit gehabt, den %. Die deutsche Sozial- anderen Gebiet: „Versu-
Polenkonflikt einzudämmen und das leistungsquote... liegt che, den transzenden-
ganz große Verhängnis abzuwenden. Sie bei über 32 Prozent, so ten Sinnzusammen-
taten es nicht, sondern organisierten ein hoch wie fast nirgends hang menschlicher
Menschheitsmassaker mit mehr als 50 auf der Welt“. Existenz wegzurationa-
Millionen Toten. Sehenden Auges mar- Mechtersheimer be- lisieren, gab es in der
schierte man in die Katastrophe, stellte nutzt nicht nur die Begrif- europä-ischen Geistesge-
Ultimaten, schlug Friedensangebote und fe der neoliberalen Markt- schichte immer wieder, in
Kompromißvorschläge aus“. radikalen, er vertritt auch ihre der Regel mit furchtbaren
So war das also: Das größte Verbre- Inhalte: Weniger Staat, weniger Folgen. Die Chronik der Verirrung
chen in der Geschichte begann nicht die Sozialleistungen, mehr Privatinitiative. reicht von den englischen Aufklärern des
deutsche Naziregierung mit dem Über- Wer das bezahlen soll, ist klar: „Ein 18. Jahrhunderts über die Abgründe der
fall auf Polen, es wurde von nicht na- Großteil der Arbeitnehmer übt keinen französischen Revolution und den Kom-
mentlich genannten Politikern „organi- Beruf mehr aus, sondern macht seinen munismus bis zum selbstverwirklichten
siert“. Aber auch wenn Neubauer keine Job. Die Balance zwischen Arbeit und Großstadt-Hedonismus unserer tage.
Namen nennt, erschließt sich aus dem Freizeit wurde stetig in Richtung Spaß- Was den Marquis de Sade mit den After-
Zusammenhang, dass er die Politiker der gesellschaft verschoben. Bis zu zwei philosophen der 68er... verbindet, ist im-
Westmächte meint – sie sollen verant- Monate Urlaub können viele nicht sinn- mer das gleiche: der Wahn von der
wortlich für „das ganz große Verhäng- voll nutzen. Die geringe Identifikation menschlichen Selbstvollkommenheit,
nis“ sein. Faschistischer Geschichtsrevi- mit der beruflichen Aufgabe und dem gepaart mit Worthülsen wie ,Freiheit‘,
sionismus der sich als Antiimperialismus Unternehmen sowie eine hohe Fehler- ,Emanzipation‘ und ,Toleranz‘“.
tarnt. quote sind Folgen dieser Entfremdung Richters Schuldzuweisungen unter-
In den letzten Jahren, ist die Erkennt- von der Arbeit. Seit 1970 steigen in scheiden sich allerdings partiell von de-
nis, dass Faschismus etwas mit Kapita- Deutschland die Löhne stärker als die nen Mechtersheimers. Verantwortlich
lismus zu tun hat, bei manchen in Ver- Produktivität“. Die arbeitenden Men- sind diesmal nicht die Gewerkschaften
gessenheit geraten, von anderen wurde schen verdienen zu viel, haben dauernd und die „68er“ sondern die Alliierten als
sie als sozialistische Geschichtsklitte- Urlaub und liefern, wenn sie überhaupt Befreier vom Faschismus:
rung denunziert. Dr. Alfred Mechtershei- arbeiten, nur Pfusch. Und wer ist an die- „Diese Institutionen sind in den Wohl-
mer, dessen Weg von der CSU über die ser Entwicklung schuld? standsgesellschaften des Westens weit-
gehend verstummt, teils aufgrund eige-
ner Schwäche, teils aufgrund äußerer
Eingriffe. Auf das Konto letzterer, näm-
BESTELLUNG: Hiermit bestelle ich … Stück pro Ausgabe (Wiederverkäufer erhalten 30 % Rabatt)
lich der Alliierten nach 1945, geht, daß
O Halbjahres-Abo, 13 Hefte 22 Euro
Erscheinungsweise: die traditionelle Wertewelt der Deut-
O Förder-Abo, 13 Hefte 27 Euro 14-täglich schen heute flächendeckend durch den
O Jahres-Abo, 26 Hefte 44 Euro
Bazillus des Hedonismus ersetzt ist:
O Förder-Abo, 26 Hefte 54 Euro
Selbsverwirklichung statt Gemeinwohl,
O Schüler-Abo, 26 Hefte 28 Euro
Genießen statt Leisten“.
O Ich möchte Mitglied im Förderverein Antifaschistische Nachrichten werden. Der Verein unterstützt finanziell
und politisch die Herausgabe der Antifaschistischen Nachrichten (Mindestjahresbeitrag 60,- DM). Bei Franz Schönhuber ist dann zu le-
Einzugsermächtigung: Hiermit ermächtige ich den GNN-Verlag widerruflich, den Rechnungsbetrag zu Lasten
sen, wie die „traditionelle Wertewelt der
meines Kontos abzubuchen. (ansonsten gegen Rechnung) Deutschen“ aussah: „War es beispiels-
weise nötig, die jahrhundertealte hierar-
Name: Adresse: chische Ordnung der Arbeitswelt mit ih-
rer Einteilung in Lehrlinge, Gesellen und
Konto-Nr. / BLZ Genaue Bezeichnung des kontoführenden Kreditinstituts Meister aufzulösen, indem man den al-
lein schon sprachlich scheußlichen Be-
Unterschrift griff des ,Azubi‘, des ,Auszubildenden‘,
anstelle des Lehrlings einführte?“.
GNN-Verlag, Zülpicher Str. 7, 50674 Köln, Tel. 0221 – 21 16 58, Fax 21 53 73, email: gnn-koeln@netcologne.de
Bankverbindung: Postbank Köln, BLZ 370 100 50, Kontonummer 10419507
tri ■

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