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Ulrich Kobbe

Diplom-Psychologe
am Westf. Zentrum für
Forensische Psychiatrie
Lippstadt Lippstadt/München, im Mai 1990

T h e s e n p a p i e r
zur Arbeitsgruppe "MaßregelVollzug - Anachronismus oder notwendi-
ges ordnungspolitisches Instrument?"

These l
"Maßregeln" sind historisch gesehen zweifelsohne ordnungspoliti-
sche Mittel, die hinsichtlich Abhängiger sowohl zur "moralisch-
sittlichen" Besserung wie zur vorübergehenden "Verwahrung" einge-
setzt wurden.
These 2
Staatliche Drogen(therapie)politik findet statt zwischen
- quasi schwellenlosen Offerten, d.h. (in NRW über " Booster"-Pro-
jektleitstellen) als aufsuchende Sozialarbeit ("pick up"), Kon-
taktläden, stabilisierende Sozialarbeit;
- eklektischen Versorgungsstrategien wie dem "Erprobungsvorhaben
' Methadon' " (als Substitutionsprogramm) in NRW;
- niedrigschwelligen Angeboten wie z.B. "sanftem Entzug" (in NRW
bei CLEANOK in Lengerich), fakultativ "kaltem Entzug" (in NRW
geplant bei COUDEX), therapeutischen Maßnahmen nach dem "Stop-
and-Go"-Prinzip, an Beratungsdiensten der Gesundheitsämter;
- institutionellen Therapieplätzen mit psychiatrischer Schwelle in
Landes krankenhäus ern;
- schließlich institutionellen Therapiemöglichkeiten in Maßregel-
vollzugseinrichtungen oder -Stationen mit hohem Schwellencharak-
ter.
Hinzu kommen u. a.
- niedrigschwellig Beratungseinrichtungen mit ambulantem Bera-
tungs- und Behandlungsangebot in freier Trägerschaft, Aids-Bera-
tungsstellen in verschiedener Trägerschaft;
- Elternkreise, Elterninitiativen wie die Initiative "Drogenfreies
Leben" in Bonn;
- stationäre Therapieeinrichtungen mit - angesichts verschiedener
Psychotherapie- und Soziotherapiekonzepte - unterschiedlichstem
Schwellencharakter in ebenfalls verschiedenster Trägerschaft;
- (meist) niedrigschwellige Rehabilitationsangebote in Nachsorge-
einrichtungen verschiedenster Träger;
- therapeutische Wohngemeinschaften, Wohndependancen. . .
- 2 -

Insofern ist der MaßregelVollzug - lediglich - eine von vielen


staatlichen Interventionsstrategien im Spektrum zwischen gesell-
schaftlicher Negierung/Vernachlässigung - differenzierter Beratung
und Behandlung - institutionellem Einschluß/gesellschaftlichem
Ausschluß.
These 3
Die Reform der Institutionen des MaßregelVollzugs wie der juristi-
schen Grundlagen (§ 64 StGB, MaßregelVollzugsgesetze der Länder)
hat das Schwergewicht der Intervention mittlerweile auf den Aspekt
der Behandlung gelenkt. Hiermit wurde die Palette der psychosozia-
len Kontrollinstanzen aber auch um ein weiteres Dispositiv erwei-
tert.
These 4
Die Einrichtungen des MaßregelVollzugs und die anderen Therapie-
einrichtungen für Drogenabhängige haben nicht unbedingt dasselbe
Klientel und befinden sich nicht (mehr) in Konkurrenz zueinander.
These 5
Drogentherapie im Maßregelvollzug hat seine Berechtigung für be-
stimmte Abhängigkeitsklientele, nämlich
- für Patienten mit langen Haftstrafen;
- für schwer persönlichkeitsgestörte Patienten, die eine langfri-
stige Psychotherapie benötigen, die auf diesem Wege problemlos
finanzierbar ist;
- für nur auf der Handlungsebene zugängliche Patienten mit ambiva-
lenter Behandlungsmotivation, die zunächst die (ggf. symboli-
sche) Barriere von realen Mauern und Gittern bei gleichzeitiger
intensiver Motivationsarbeit benötigen.
These 6
Drogentherapie im MaßregelVollzug hat als Alternative zur Straf-
haft gesundheitspolitisch seine Berechtigung, solange die Krimina-
lisierung von Drogenabhängigen und die Verurteilung zu hohen Haft-
strafen wegen Erwerb, Besitz, Konsum, Transport von BtM anhält.
Hierbei ist zugleich eine extensive Anwendung der Möglichkeiten
des § 35 BtMG zu fordern.
These 7
Drogentherapie im Maßregelvollzug hat seine Berechtigung nur dann,
wenn ein differenziertes Behandlungssystem mit Ausschöpfung der
verfügbaren ' Lockerungsmaßnahmen' einschließlich langfristiger
Beurlaubung und quasi ambulanter Nachsorge gewagt und verwirklicht
wird.
These 8
Es gibt fraglos in praxi Kooperationsmöglichkeiten zwischen den
MaßregelVollzugseinrichtungen und anderen Therapieeinrichtungen:
- z. B. wäre an eine Weiterverlegung bzw. Entlassung aus dem Maßre-
gelvollzug gemäß § 35 BtMG bei Erreichen der Zwei-Jahres-Frist
oder bereits im Rahmen von Beurlaubungen zu denken;
- 3 -

- z.B. sind (in NRW) Beurlaubungen in Nachsorgeeinrichtungen an


der Tagesordnung.

These 9
Andererseits ist ebenfalls auch eine (zunehmende ?) Distanzierung
zwischen Einrichtungen oder Stationen der forensischen Psychiatrie
einerseits und Institutionen der "freien" Drogenarbeit anderer-
seits zu verzeichnen. Zudem wird anscheinend an verschiedenen Or-
ten in der Bundesrepublik "ein immer stärkerer Bedarf an geschlos-
senen Behandlungsplätzen formuliert".

Da die Behandlungsangebote im MaßregelVollzug angesichts der Si-


cherungsaufgaben und hierdurch entstehender Kapazitätsschwierig-
keiten Gefahr laufen, Ansätze einer differenzierteren Vorgehens-
weise bei Drogenabhängigen nicht erschließen zu können, stellt
sich in NRW u. a. die Frage, inwieweit nicht alternative Organisa-
tionsformen auch für die Behandlung strafrechtlich untergebrachter
Drogenabhängiger zu verwirklichen sind. Die Planung integrierter
Behandlungskonzeptionen betrifft so die enge konzeptionelle, orga-
nisatorische und personelle "Vernetzung" von Behandlungseinheiten
an beispielsweise drei Standorten in Westfalen-Lippe mit den vor-
handenen Therapieangeboten in der Versorgungsregion. D. h. , daß in
derselben Therapieeinrichtung Patienten behandelt werden, die

a) sowohl strafrechtlich gemäß § 64 StGB untergebracht und "frei-


willig" in Therapie sind,
b) primär regional orientierte und somit dezentralisierte Thera-
pieplätze ohne besonderen Sicherungscharakter annehmen können,
c) ein persönlichkeits- und konfliktorientierteres Behandlungsan-
gebot angesichts unterschiedlicher Strukturen der obengenannten
Behandlungseinheiten erhalten.

These 10
Der MaßregelVollzug gemäß § 64 StGB ist ebenso wie andere Drogen-
therapien kritisch auf seine therapeutisch versus disziplinierend
begründeten Strukturen zu überprüfen.
Die interinstitutionellen Unterschiede bezüglich der Qualität der
Behandlung und die ideologischen Anachronismen existieren in bei-
den Therapiebereichen gleichermaßen, wenn auch inhaltlich äußerst
verschieden.