Sie sind auf Seite 1von 233

1

1 Institut für Medien- u. Kommunikationswissenschaft Wegwerfen und durch ein leeres Vorsatzblatt ersetzten!
1 Institut für Medien- u. Kommunikationswissenschaft Wegwerfen und durch ein leeres Vorsatzblatt ersetzten!

Institut für Medien- u. Kommunikationswissenschaft

Wegwerfen und durch ein leeres Vorsatzblatt ersetzten!

Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft Friedensfrauen im Cyberspace Über den Einsatz digitaler Kommunika
Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft Friedensfrauen im Cyberspace Über den Einsatz digitaler Kommunika

Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaft

Friedensfrauen im Cyberspace

Über den Einsatz digitaler Kommunikation in der globalen Vernetzung

weiblicher Friedensinitiativen

wissenschaftliche Begleitforschung zum Projekt

wissenschaftliche Begleitforschung zum Projekt Diplomarbeit zur Erlangung des Akademischen Grades Magistra

Diplomarbeit

zur Erlangung des Akademischen Grades Magistra phil

Eingereicht bei o. Univ. Prof. DDr. Christina Schachtner

von

Monika Neumayer

Mat. Nr.: 8620821

Klagenfurt, am 20. Oktober 2005

EHRENWÖRTLICHE ERKLÄRUNG

Ich erkläre ehrenwörtlich, dass ich die vorliegende Schrift verfasst und die mit ihr unmittelbar verbundenen Arbeiten selbst durchgeführt habe. Die in der Schrift verwendete Literatur sowie das Ausmaß der mir im gesamten Arbeitsvorgang gewährten Unterstützung sind ausnahmslos angegeben. Die Schrift ist noch keiner anderen Prüfungsbehörde vorgelegt worden.

(Unterschrift)

(Ort, Datum)

I

Danksagung

Ich danke der Organisatorin des Projekts 1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005" Ruth- Gaby Vermot-Mangold und der Projektmanagerinnen Maren Haartje, Rebecca Vermont, die mir in Gesprächen, bei meinen Anfragen und Interviews Interesse und Geduld entgegenbrachten. Christina Schachtner "meiner" Frau Professor und Diplomarbeit-Betreuerin danke ich für den Kosmos an neuen Perspektiven und Handlungsmöglichkeiten, den sie mir in unserer Zusammenarbeit erschloss, für die kritisch begleitende Auseinandersetzung mit meinen Schriftstücken, Ideen, Hirngespinsten und Hoffnungen, deren Essenz letztendlich in diese Arbeit fruchtend einflossen. Mein Danke geht auch an Doris Wastl-Walter, als Mensch (!) und als wissenschaftliche Leiterin der Begleitforschung von "1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005" für die Teilnahme an diesem Projekt.

Ich danke meinen Eltern, meinen Kindern Lucia und Paula sowie meinem Lebensmenschen Renè für ihren moralischen Rückhalt und ihr Verständnis. Meinen Freundinnen Astrid und Claudia danke ich für ihre Anregungen und Diskussionen und dafür, die vielen Seiten hier gegengelesen zu haben. Und natürlich Danke ich auch dem Bundesministerium für die Gewährung eines 18 monatigen Studienabschlussstipendium, das mich in der Diplomarbeitsphase finanziell (gerade noch) über Wasser hielt!

Besonders aber Danke ich den Friedensfrauen, die ich im Zuge meiner Forschungsarbeit kennenlernen durfte! Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, erfüllt mich mit Stolz. Ihr Mut, ihr Engagement und ihre Hingabe sollen mir lebendig in Erinnerung bleiben und meine Zukunft vorbildhaft begleiten! Ich danke Clara Charf, Lau Kin Chi, Vera Chirwa, Nomvuyo Skota Dayile, Asha Khalil Abdalla Elkarib, Kamla Bhasin Fatoumata Maïga, Sandy Fong, Nora Liliana Franco, Zainap Gaschajewa, Fatoumata Maiga, Fadila Memesevic, Aida Abu-Ras, Margo Okazawa-Rey, Supwadee Petrat, Marina Pikulina, Sima Samar, Nicci Simmonds, Paulynn Paredes Sicam und Karen N. Tanada.

Abstract

PEACE WOMEN IN CYBERSPACE:

The use of computer-mediated communication in gendered peace building efforts.

RESEARCH TOPIC:

The use of computer-mediated communication in gendered peace building efforts focused on the 1000 Women for the Nobel Peace Prize 2005 project. The study analyzes

the temporal structure of the project, the group purpose of the concerned team, the external context and the technical system infrastructure of their virtual interaction, the personal context of the team-members and the choice of shared virtual or non-virtual (public) sphere of communication.

INVESTIGATION AND RESULTS Analyzing interviews with coordinating women as well as newsletters and online information of the www.1000peacewomen.org has been the source for the investigation. Here are few selected findings about how peace women constitute global networking in virtual space:

Computer mediated communication in the community of the coordinating team means above all "e-mailing". The coordinating women constitute their virtual networking not on any kind of corporate or shared platform but in addition to traditional forms of meetings and conferences.

In the process of searching for nominations in the different regions, e-mail was useful but mostly "not enough" to get to the grass root-organisations and the peace women on the sub-national level. To reach the organizational goals the personal contacts, acquaintances and face to face communication counts most and is clearly related to specific cultural backgrounds.

To use the internet as a source of information is common among the coordinating women, using it for interactive cooperation and collaboration (despite e-mailing) depends on the cultural setting and other factors like national state of democratic development or the asymmetric economic opportunities concerning internet access itself.

To handle open conflicts or life in a daily situation of violence or war, makes it difficult, to be present online or connected in any way. Especially for the political south, but also recognizes in marginalized area of highly developed countries computer mediated communication is not even an option–- and not only because of worsening infrastructure.

The diversity of languages, cultural, ideological and personal settings was not seen as grave barriers of virtual interaction by the peace women. Mainly the basic economic determinants of the global digital divide, especially the lack of resources are rated to cause informational restrictions in general.

CONCLUSION Virtual collaboration and cooperation in a team containing these specific factors of diversity have to follow the principal of lowest level of technical conditions and lowest necessity of resources in order to bring computer-mediated communication down to a common denominator for all participants of the group. Virtual presence and any kind of website is an important vehicle for public relations. Information, publicity and virtual communication makes the achievements of peace women sustainable visible.The use of Small-media software and application for collaborative workinggroups like WIKIs and Weblogs could be helpful, if distributed under Open Source, Common License or GNU.

The ability of bringing together traditional, regional and digital networks of peace building seems to be the real attainment of the 1000peacewomen´s internet based communication. The women campaigning the project are spreading the global network-communication from digital space to traditional networks of gendered peace interests. By doing that they overcome social hierarchy and empower dynamic structures for peace action and the realization of democratic gender relations and create a alternative public sphere for their interests and aims.

Vorwort

Cyberspace – wo ist das?

Die unendlichen Weiten des Cyberspace - unfassbarer Raum phantastischer Visionen einer schönen neuen Welt. Abgehoben von der realen Körperlichkeit, befreit von Konventionen und weit ab von schnöder Alltäglichkeit fließen die Kommunikationsströme ins Daten-Nirwana. Dass im Cyberspace aber durchaus „irdischen“ Zielen entgegen gearbeitet wird, begründet zumeist eine Reduplizierung der bestehenden Macht- und Geschlechterverhältnisse und steht im Kontext mit jenen Ungerechtigkeiten und sozialen Konflikten, die bisweilen auch zu Kriegen führen.

Krieg und Frieden im Cyberspace – der Krieg stand schon bei der Erfindung des Internet Pate – und wie kommt nun der „Frieden“ ins Netz der globalen Möglichkeiten? Wie machen sich Frauen virtuell Platz für die Vernetzung ihrer Friedensinteressen?

Was bedeutet eigentlich „Frieden“ - einfach nur die Abwesenheit von Krieg? Wie können Frauen als Gleichberechtigte die Werte einer Zivilgesellschaft stärken, wo doch die Warlords, Militärs und Kriegstreiber, ebenso wie strukturelle Gewaltmechanismen in den meisten Weltregionen die besseren Karten haben? Welches Gegengewicht zur herrschenden Geschlechterhierarchie kann die Vernetzung von Frauen hier wirklich setzten?

„We do it the female way – not only the e-mail way!“ – meinte Kamla Bhasin, Friedensnetzwerkerin aus Indien bei einem unserer gemeinsamen Workshops im Rahmen des Projekts "1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005" und fasste damit sehr eindringlich zusammen, wie sehr sich die digitale Vernetzung der Friedensfrauen an

pragmatischen Kommunikationszielen orientiert. Die Friedensaktivistinnen arbeiten mutig daran, das digitale Netz über sich hinauswachsen zu lassen, denn die Zahl der Friedensfrauen an der Basis, die über das Internet erreichbar sind, ist in den meisten Ländern denkbar gering.

Zumeist schafft das Internet in einer Welt höchst unterschiedlich entwickelter Staaten eher eine Verstärkung sozialer Ungleichheit (vgl. Bühl) und wirtschaftlicher Klüfte, die letztlich den Zugang zu den Neuen Medien bestimmen. Die Chancen für „digitale“ Friedensarbeit verteilen sich dementsprechend polarisiert. Im Cyberspace ist nur sichtbar, wer auch „angeschlossen“ und "vernetzt" ist. „To be connected - or not ?“ wird zur Exsistenzfrage im Cyberspace. Je näher die Friedensarbeiterin am Konflikt dran ist, desto deutlicher verstärkt sich diese Situation.

Der Traum, dass die von Ungleichheit gezeichnete Weltgesellschaft ausgerechnet im Cyberspace die Lösung aller oder auch nur einiger ihrer Probleme findet, bleibt ein solcher. Die Chance jedoch, dass Frauen gerade die Neuen Medien, als Neuland abseits traditioneller Geschlechterrollen für sich und die Verwirklichung ihre Ziele erobern, erscheint mir nach den Gesprächen mit den Friedensfrauen als durchaus real. Frauen ergreifen in unterschiedlichster (digitaler) Form ihre Chance diese Cyber-Welt friedlich und zu friedlichen Zwecken zu „bevölkern“. Ihre Friedensarbeit besteht auch darin den Cyberspace nicht den „Warlords“ oder profitgetriebenen Globalisierungstendenzen zu überlassen, sondern aktiv für ihre Ziele im Sinne eines gemeinsamen Friedensbegriffes mitzugestalten.

1

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

7

 

1.1 Vorgehensweise

7

1.2 "1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005"

9

1.3 Problemstellung

12

1.4 Relevanz der Forschungsthematik

15

1.4.1 Kommunikationswissenschaftliche Relevanz

15

1.4.2 Praktische, feministische, politische Relevanz

21

1.5 Fragestellung

23

1.6 Zielsetzung

25

2

Forschungsprozess und Methodenwahl

27

2.1 Methodendiskussion

27

2.2 Forschungsdesign

29

2.2.1 Einzelfallstudie

30

2.2.2 Dokumentenanalyse

31

2.2.3 Auswahlentscheidungen und Aufbereitung

32

2

 

Die Fallgruppe unter den Koordinatorinnen:

34

Aufbereitung der Interviews:

35

Selektive Aufbereitung der Newsletter-Texte:

35

Selektive Auswertung

36

 

2.3

Forschungsverfahren

36

2.3.1 Interview

37

2.3.2 Qualitative Inhaltsanalyse

39

2.4 Konstruktion deskriptiver Systeme

40

2.5 Auswertung

41

3

Begriffsabgrenzung und theoretischer Bezugsrahmen

42

3.1.1 Netz

42

3.1.2 Interaktivität

44

3.1.3 Cyberspace und Virtualisierung des Sozialen

48

3.1.4 Netzkommunikation

53

3.1.5 Netzkommunikation als Ausprägung von Medialisierung

57

3.1.6 Netzwerke

59

3.1.7 Öffentlichkeit und Gemeinschaft im virtuellen Raum

64

3

 

Globale Öffentlichkeit – Weltöffentlichkeit

71

Virtuelle Gemeinschaft

76

Virtuelle Gemeinschaft als globaler "Frauenraum"

81

3.1.8

Theoretische Dimensionen des deskriptives System

83

4

Dimensionierte Fallbeschreibung und ihre Ergebnisse

86

4.1

Zeitliche Struktur

86

4.1.1 Konzeptionsphase:

89

4.1.2 Vernetzungs-Phase

92

4.1.3 Verwirklichung bzw. Umsetzungsphase

96

4.1.4 Nachhaltigkeitserwägung und Fortführung

97

4.2

Gemeinsame Absicht

99

4.2.1 Ideelle Ziele

100

4.2.2 Strategische Ziele

102

4.2.3 Konkrete Ziele

105

4.2.4 Alltägliche Ziele

107

4.3

Äußerer Zusammenhang

108

 

4.3.1

Diversität und Gemeinschaft

109

4

4.3.3 Regionale Unterschiede und kulturelle Eigenheiten:

112

4.3.4 Amerika

113

4.3.5 Europa

115

4.3.6 Asien und Ozeanien

117

 

Ozeanien:

118

Mekong-Region

118

Philippinen

121

Südostasien

122

China

125

Zentral und Nordasien

126

Mittlerer / Naher Osten

128

4.3.7

Afrika

129

4.4

Technische System-Infrastruktur

131

4.4.1 Computergebrauch offline

135

4.4.2 Information

137

4.4.3 Kommunikation

138

4.4.4 Aktion

139

5

 

4.5.1 Wirkungskreis

143

4.5.2 Genderspezifische Technikzuschreibung

145

4.5.3 Medienkompetenz und Bildung

145

4.5.4 Alter

146

4.5.5 Emotionen

147

4.5.6 Engagement

147

4.6

Kommunikationsraum

148

4.6.1

persönliche Anwesenheit / Vermitteltheit

149

4.6.2

öffentlich / privat

153

5

Fazit

157

Literaturverzeichnis

168

Abbildungsverzeichnis

178

Anhang und Primärquellen

II

 

Newsletter

II

Interviews:

II

Maren Harrtje,

IV

Rebecca Vermot,

VIII

6

Supawadee Petrat (Kratae)

XXV

Nomvuyo Skota Dayile

XXX

5.1.1

Paulynn Paredes Sicam

XXXV

Kurzbiographien

XXXVIII

7

1 Einleitung

Jeder Mensch hat das Recht auf freie Meinungsäußerung; dieses Recht umfasst die Freiheit, Meinungen unangefochten anzuhängen und Informationen und Ideen mit allen Verständigungsmitteln ohne Rücksicht auf Grenzen zu suchen, zu empfangen und zu verbreiten. Artikel 19, Allgemeine Erklärung der Menschenrechte

Die vorliegende Arbeit entstand als Projekt der wissenschaftlichen Begleitforschung zu 1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005. Dieses Forschungsvorhaben wurde als internationale Kooperation des Institutes für Sozialgeographie der Universität Bern, dem Interdisziplinären Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung der Universität Bern und dem Institut für Medien- und Kommunikationswissenschaften der Universität Klagenfurt organisiert.

Im Zuge der Forschungstätigkeit für diese Diplomarbeit nahm ich an zwei der Koordinatorinnentreffen der Organisation 1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005 (13.-15. Oktober 2004 in Walenstadtberg und 8. April 2005 in Zürich) teil, und absolvierte gemeinsam mit Univ. Prof. Dr. Christina Schachtner ein Referat auf der Konferenz Women, Peace & Civil Society (12. Oktober 2004) an der Universität Bern.

1.1 Vorgehensweise

Die Einleitung dieser Arbeit soll den Leser/ die Leserin für die Thematik sensibilisieren, den Entstehungszusammenhang der Arbeit sowie die Problemstellung und die Vorgehensweise klären. So werden im ersten Kapitel der Forschungszusammenhang und seine wissenschaftliche, praktische und politische Relevanz argumentiert, die Problemstellung umrissen, sich ergebende konkrete Fragestellungen geäußert und Erkenntnisziele formuliert.

8

Das zweite Kapitel enthält zum einen eine Diskussion der methodischen Vorgehensweise. - die getroffenen methodischen Entscheidungen zusammengefasst und argumentiert - zum anderen wird der Forschungsprozess als solcher skizziert.

Die theoretische Rahmenbildung im dritten Kapitel dient der Begriffsabgrenzung. Im Bestreben, die Bedeutungen der zentralen Begriffe zu konkretisieren, soll transparent werden, was hinter diesen zentralen Begriffen an empirisch beobachtbarem Daten und theoretischen Kontexten steckt und wie sie ihren Inhalt in die spätere Analyse einbringen. Zugleich bleibt der Forschungsprozess insofern offen, als er sich die Freiheit vorbehält, zu gegebenem Zeitpunkt empirisch begründet weitere theoretische Erklärungsversuche und entsprechende Konzepte einzubeziehen.

Im vierten Kapitel werden die aus der Codierung der Textmaterialen erhobenen Daten zur Beschreibung des Falles genutzt, ausgewertet und einer weiteren Interpretation von Wirkungszusammenhängen zugänglich gemacht. Hier werden alle sechs im Laufe des Forschungsprozesses entwickelten Dimensionen zur Datenanalyse für sich in abgeschlossenen Abschnitten besprochen. Die einzelnen Abschnitte setzen sich detailliert mit den unterschiedlichen Kategorien oder Teilaspekten der Dimensionen auseinander und stellen die jeweiligen Auswertungsergebnisse vor.

Im fünften Kapitel werden die Ergebnisse der Datenauswertung und ihrer Interpretation nun hinsichtlich der Beantwortung der vorangestellten Forschungsfragen reflektiert und als Grundlage zur Entwicklung praktisch relevanter Überlegungen genutzt. Kriterien zur Ermöglichung virtueller Vernetzung werden ermittelt und in Relation zu den beschrieben Rahmenbedingungen erörtert. Weiters versucht das Fazit , die gewonnene Erkenntnis hinsichtlich ihrer Gültigkeit über das gesetzte Fallbeispiel hinaus zu hinterfragen.

9

In den Vorsatz der Arbeit ist ein englischsprachiges Abstract eingelassen, das Vorwort widmet sich dem persönlichen motivationalen Entstehungszusammenhang der Arbeit. Interviewtranskripte mit Kurzbiographien der Befragten sowie das Textmaterial der untersuchten Newsletter finden sich im Anhang.

1.2 "1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005"

Die Unternehmung, in deren wissenschaftlichem Geleit diese Arbeit entstand, setzt sich zum Ziel, die Friedensarbeit von Frauen ins Licht der Weltöffentlichkeit zu rücken und regionale Friedensbemühungen von Frauen in einem globalen Kontext zu vernetzten.

Das Projekt 1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005 ist bestrebt, Frauen, die sich in der Friedensarbeit engagieren und außerhalb ihres engeren Wirkungskreises kaum Beachtung finden, zu suchen, auszuwählen und sie alle gemeinsam für den Friedensnobelpreis 2005 vorzuschlagen. Die Porträts dieser Frauen sollen um die Welt gehen, ihre Sorge und Leistung für eine gewaltfreie, sichere Zukunft sichtbar machen und dabei gleichzeitig auf die Tatsache hinweisen, dass bisher mehrheitlich Männer mit dem Friedensnobelpreis gewürdigt wurden.

Der Ablauf des Projekts umfasst verschiedene Phasen, meine Forschung begleitete hauptsächlich die weltweite Organisation und Durchführung der Nomination, bei der Koordinatorinnen auf allen Kontinenten Informationen über Frauen in der Friedensarbeit suchen, sammeln, entgegennehmen und auswerten.

Die gesamte Liste dieses Pools von Friedensfrauen wurde dem Nobelpreis-Komitee als Vorschlag für den Friedensnobelpreis 2005 zugesandt. Die mit dieser Eingabe an das Komitee verbundene politische Forderung ist, den Friedensfrauen gesellschaftliche Anerkennung für ihre Leistung zu verschaffen . Denn es sind zumeist gerade Frauen, die sich in

10

unterschiedlichsten und vor allem alltäglichen Konfliktsituationen um Aussöhnung bemühen, die aber zumeist unbedankt bleiben und selten mit Auszeichnungen belohnt werden. Das Ziel des Projektes besteht also darin den Frauen, die weltweit ihr Engagement dem Frieden widmen, eine Würdigung zukommen zu lassen, die ihnen bisher verwehrt blieb. Bisher erhielten rund 80 (zumeist ältere) Herren und 20 Organisationen diesen renommierten Preis 1 , dem stehen bisher nur 12 Frauen gegenüber.

Vor der Eingabe an das Nobelpreiskomitee erstellte ein internationales Konzil die endgültige 1000 Frauen umfassende Liste, die am 29. Juni 2005 bei weltweit stattfindenden Pressekonferenzen der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Die Dokumentation des Projektes sieht die Publikation eines Buches mit Biographien verschiedener Friedensfrauen, eine Wanderausstellung sowie die Aufbereitung der gesammelten Inhalte durch neue Informationstechnologien vor. Die weltweit gesammelten Daten sollen unter Berücksichtigung der Datensicherheit für Forschende und Studierende zugänglich gemacht werden und erhalten bleiben, sowie als Ausgangspunkt für weiterführende Vernetzungsbemühungen bewirtschaftet werden.

Das organisatorische Zentrum des Projekts liegt in der Schweiz, von hier aus wurde eine Vernetzung der unterschiedlichsten Initiativen und Organisationen in globalen und lokalen Zusammenhang forciert. Diese Vernetzung dient dem Austausch zwischen den Akteurinnen mit dem Ansinnen, jene Gemeinsamkeiten sichtbar zu machen, die sich trotz unterschiedlicher Situationen, Regionen und kultureller Eigenheiten aus der Friedensarbeit ergeben. Die Organisatorinnen und regionalen

1 Daten laut Angaben der Nobel Price Fondation 2005 (http://nobelprize.org/search/all_laureates_yd.html) zuletzt besucht 20050810

11

Koordinatorinnen vernetzen die Schaltstelle in Bern mit Initiativen in der ganzen Welt. Dabei entsteht sowohl horizontaler und vertikaler Vernetzungsbedarf, 2 der sprachliche Barrieren zu überwinden hat, kulturelle Unterschiede einbezieht, geographische Hürden bewältigt und in (notwendigerweise) hohem Ausmaß auf digitaler Kommunikation beruht.

Die Nominationsphase, der Projektabschnitt also, in dem es um die Suche nach und die Entscheidung für 1000 Nominationen durch die Initiative ging, stellt den zentralen Zeitraum der Untersuchung dar. Die weltweite Ermittlung von Friedensarbeiterinnen musste organisiert werden. Aufgabe war es dabei, die Mitarbeit von Politikerinnen, Journalistinnen und lokalen NGOs zu motivieren und Eingaben für die Auswahl zu erheben. Das Vorgehen von rund 20 weltweit verteilten Koordinatorinnen musste organisiert werden, das Projekt an sich weiter bekannt gemacht werden. Die Organisationskommunikation hatte also einerseits die Aufgabe, Austausch und Vernetzung unter den Friedensfrauen zu bewirken und andererseits Möglichkeiten zu eröffnen, die das politische Anliegen des Projektes einer breiteren Öffentlichkeit erschließen.

2 Horizontale und vertikale Vernetzung bezieht sich hier auf die Ebenenkonstruktion von drei Tracks vergleichbar mit dem Konzept der "multitrack diplomacy" von John W. McDonald und Louise Diamond "The concept is an expansion of the original distinction made by Joseph Montville in 1982, between track one (official, governmental action) and track two (unofficial, nongovernmental action) approaches to conflict resolution." (McDonald 2003) - einem Trackmodell, das inzwischen neun Tracks unterscheidet. Innerhalb des Projekts werden drei Tracks für die in der Friedensarbeit tätigen Frauen definiert: "women who are active on the Track ll Level and work for national or international (non-governmental) organisations or institutions, are networked, and have connections with the Track l women active on the governmental or parliamentary level. … with Track lll women on the grass-roots level, women who are active locally and not necessarily part of an organisations?" (http://www.1000peacewomen.org/weg.html)

12

1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005 kann innerhalb einer "Typologie organisierter Interessen nach Handlungsfeldern und Politikbereichen" (Frerich/Wiemert 2002: 24) als gesellschaftlich-politische Vereinigung bezeichnet werden und ist ein transnational tätiger nicht staatlicher Akteur, eine "Nichtregierungsorganisation" (non governmental organizations, NGO). Die Definition als NGO für die Organisation 1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005 widerspricht zwar dem Projektcharakter der Initiative, hier jedoch wichtiger eingeschätzt ist jenes Wesensmerkmal einer NGO, das sie als Gruppe "mit autonomem Status den staatlichen Organisationen und dem Staatsapparat gegenüber" (Take 2002: 39) definiert.

Die internationale Vernetzung von NGOs ist als strategisch geleitet anzusehen und "entspricht dem Zweck ihrer Ziele" (Take 2002: 87). NGOs sind deshalb oft netzartig mit anderen NGOs verbunden und weisen überlappende Mitgliedschaften auf. Ähnlich wie dies auch in virtuellen Netzwerken zu beobachten ist, sind NGOs unabhängig, basieren auf Freiwilligkeit und Solidarität und es kommt zum gegenseitigen Ressourcenaustausch und gemeinsamer Bearbeitung gesellschaftlicher Problemlagen oder anderer Thematiken.

In dieser Arbeit soll nun das Projekt 1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005 als Netzwerk seiner Akteurinnen und als virtuelle Gemeinschaft analysiert werden. Im Zentrum steht dabei die virtuelle Vernetzung jener Frauen, die sich als Koordinatorinnen und Managerinnen an diesem Projekt beteiligten.

1.3 Problemstellung

Die Welt des Internets ist eine unvermutet kleine. Zwar sind Dreiviertel aller AmerikanerInnen regelmäßig online, unter den 35 – 54 jährigen Frauen sogar 81 Prozent (Nielsen-Netrating 2004), doch für die Länder an der Peripherie der amerikanisch-europäisch zentralisierten

13

Internetgeographie fallen die Nutzungszahlen weitaus geringer aus, wenn sich kommerzielle Marktforschungsinstitute überhaupt die Unkosten machen, welche zu erheben. Abseits der als neue Märkte erkannten Regionen sind nicht nur die UserInnen rar, sondern auch kaum aktuelle Statistiken greifbar. Anders bei den Regierungsorganisationen: So rechnet beispielsweise der CIA (CIA-Factbook 2005) für Afghanistan mit - alles in allem - rund 1000 (!) InternetuserInnen, wohingegen 94 Millionen UserInnen in China surfen. Hafkin und Taggert (2001: 27), geben in ihrer Studie für vierzig der 225 Nationen eine Internetverbreitung von weniger als 1 Prozent an, die meisten davon am Afrikanischen Kontinent. Der Zugang zu neuen Informations- und Kommunikationstechnologien ist also nicht überall in gleicher Weise gegeben.

Schon in den Neunzigerjahren wurde erst in politischen Diskussionen, später beispielsweise auch in globalen Entwicklungsberichten der UNO (UNO/Human Development Program 1999) ein "Digital Divide" thematisiert, das eine Spaltung der (Informations-)gesellschaft entlang der Achse digitaler Konnektivität prophezeite. Eine solche digitale Spaltung wurde in den folgenden Jahren Gegenstand von Forschungsarbeiten (vgl. Norris 2001; Arnhold 2003; u.a.), die sich sowohl auf die Analyse nationalstaatlicher Gefüge und gesellschaftlicher (Rand-)gruppen konzentrierten, als auch dieses Phänomen der Spaltung aus einer globalen Perspektive betrachteten. Die ursächliche Begründung für diese Spaltung glaubten diese Arbeiten in der Ausprägung ökosozialer, bildungsabhängiger, kultureller und geschlechtsspezifischer Entwicklungsfaktoren zu finden, die letztlich jedoch nur Indikatoren für das "Digital Divide" sind.

Inzwischen wird davon ausgegangen, dass auch die Internetverbreitung selbst nur einen dieser Entwicklungsindikatoren darstellt und die digitale Spaltung Ausdruck einer "sozialen Ungleichheit" (Bühl 2000: 216) ist, die sich in Macht- und Ressourcenverteilung äußert und mit der "Virtualisierung der Sozialstruktur" (Bühl 2000: 215) einhergeht.

14

Der Ausschluss aus dem virtuellen Raum bedeutet in einer modernen Wissens- bzw. Informationsgesellschaft eine Benachteiligung in allen Lebens- und Wirkungsbereichen. Dieser pessimistischen Sicht der Entwicklung (steigende soziale Ungleichheit durch ungleiche Verteilung von Ressourcen wie bspw. Bildung und Zugang zum Internet etc.) steht die optimistische Haltung gegenüber, das Internet als Chance der Demokratisierung zu sehen und die Schaffung und Gestaltung virtueller Räume zur Stärkung weiblicher Interessen wahrzunehmen. Dieses "Netzengagement" (Schachtner/Winker 2005: 11) soll Solidarität und Verständigung fördern und eine globale Öffentlichkeit der Zivilgesellschaft der Globalisierung wirtschaftlicher und militärischer Interessen gegenüber stellen. Die Stärkung der Zivilgesellschaft wird als wichtige Strategie der Friedenssicherung, der gesellschaftlichen Konfliktbewältigung und Konfliktbearbeitung gesehen. Insofern werden in der Virtualisierung von Kommunikation auch Potenziale für einen sozialen Wandel mit friedenspolitischer und feministischer Relevanz geortet. Um diese Potenziale zu eröffnen und praktisch nutzbar zu machen, ist es notwendig, einzelne gesellschaftliche Gruppen nach dem Kontext ihres Handelns zu erfassen und die individuellen Nutzungsgewohnheiten, die infrastrukturellen Grundlagen und die äußeren Zusammenhänge ihres Wirkens zu analysieren.

Die Virtualisierung von Kommunikation sowohl innerhalb von Organisationen als auch hinsichtlich einer Teilhabe an globaler Öffentlichkeit bildet den in dieser Arbeit behandelten Problemzusammenhang, der anhand des Fallbeispiels des Projektes 1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005 in einen konkreten Nutzungs- und Handlungszusammenhang für den Einsatz neuer Kommunikationstechnologien gesetzt wird.

15

1.4 Relevanz der Forschungsthematik

1.4.1 Kommunikationswissenschaftliche Relevanz

Das Internet stellt eine dezentral organisierte, eigendynamische, digitale Netzwerkstruktur auf globaler Ebene dar, die zu unterschiedlichsten Formen der Kommunikation genutzt wird, zumeist aber einen hohen Medialisierungsgrad im Gebrauch seiner Kommunikationsformen aufweist. Die gesellschaftlichen, technischen und wirtschaftlichen Veränderungen, die dieser "Zusammenschluß von regionalen, nationalen und übernationalen Computernetzen" (Burkart 2002: 367) mit sich brachte, stellt für die Kommunikationswissenschaft insofern eine Herausforderung dar, als sie gefordert ist, viele ihrer Konzepte und theoretischen Ansätze neu zu überdenken. Dabei greift wiederum die interdisziplinäre Orientierung der Medien- und Kommunikationswissenschaft in ihrer heutigen Prägung, die stets Konzepte und Modelle aus angrenzenden Fachgebieten wie der Soziologie, der Psychologie, der Philosophie, der Pädagogik, der Politikwissenschaft oder auch der Linguistik und Theaterwissenschaft (usw.) für ihre Theoriebildung einbezieht. Vor allem die kulturwissenschaftliche Perspektive "Kulturwissenschaft als Kommunikationswissenschaft" (Karmasin / Winter 2003:9) stellt hinsichtlich aktueller Problemstellungen einer differenzierten Internetforschung einen "Bezugspunkt für neue offenere und komplexere Ideen und Konzeptionen von Medien- und Kommunikationswissenschaft" (Karmasin / Winter 2003: 11) dar.

Vor der Verbreitung neuer Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), die als sprunghafte Veränderung der Grundlagen gesellschaftlicher Kommunikation gesehen werden können, setzte sich die Medien- und Kommunikationswissenschaft jedoch zumeist mit Theorieansätzen auseinander, die sich mit dem Phänomen der Massenmedien beschäftigten, oder interpersonale Kommunikation als Gegenstandsbereich erfassten. Versuche, die angebrochene

16

Medienrevolution (Margolis/Resnick 2000, Dijk/Hacker 2000, Möller 2005) bzw. die beschleunigten Entwicklungen einer Medienevolution (vgl. Mainzer 1999, 109-149) in vorhandene Theorieansätze einzubinden, wie das beispielsweise ein um die Implikationen neuer Medien erweitertes Feldschema (Maletzke 1984) der Massenkommunikation leistet (Burkart / Hömberg 2004), blieben bisher ihre empirischen Einlösung schuldig.

Eine wesentliche "Neuerung" kann in einer dem Internet inhärenten Eigenschaft gesehen werden: Die am Netzwerk Teilnehmenden sind prinzipiell sowohl Sender als auch Empfänger. Das gilt als ein inzwischen von der Medien- und Kommunikationswissenschaft durchaus anerkanntes Phänomen, das in die bisherigen Modelle von Massenkommunikation nur schwer einzuordnen ist. Denn das Internet stellt die technische Basis für eine "Vielzahl kommunikativer Aktivitäten" (Burkhart 2002: 363) dar und setzt voraus, dass die Rolle des Senders und die des Empfängers neu überdacht werden (Vgl Burkart 2002: 364). So fordern es zumindest die Lehrbücher.

Versuche, die herkömmliche Mediendefinitionen auf den Computer an sich, E-mailing, das Intra- oder Internet oder auf unterschiedliche Erscheinungsformen digitaler Kommunikation anzuwenden (vgl. Faulstich 2000: 23-28), blieben bald hinter dem sich rasch entwickelnden IKT- Bereich zurück, denn "ein an den technischen Eigenschaften festgemachter Medienbegriff reicht hier nicht aus", wie auch Höflich (1996:

60) feststellt. Mit dem Begriff "Hybridmedium" versuchte im folgendem die Theoriebildung von Höflich (1996, 1998, 2003) sich mit der Eigenschaft des Internets, zwischen den unterschiedliche Kommunikationsmodi zu wechseln, auseinanderzusetzen.

Die Idee, auch in technisch vermittelter Kommunikation direkte Interaktion zu ermöglichen, wie es bisher zumeist nur in der interpersonalen Kommunikationsform des Telefonierens möglich war, ist jedoch an sich nicht neu. Bereits Enzensberger forderte in einem Kursbuchartikel

17

(Enzensberger 1970) Medien technisch so zu gestalten, dass sie im Sinne eines emanzipatorischen Mediengebrauchs sowohl Empfangs- als auch Sendegerät sein können, um damit Kommunikation im eigentlichen Sinne zu ermöglichen. Was im Internet nun als möglicher Entwicklungstrend abzulesen ist, ist als prinzipielle Überlegung also nicht wirklich neu, wie sich an folgendem Zitat ablesen lässt:

"Zum ersten Mal in der Geschichte machen die Medien die massenhafte Teilnahme an einem gesellschaftlichen und vergesellschafteten produktiven Prozeß möglich, dessen praktische Mittel sich in der Hand der Masse befinden. Ein solcher Gebrauch brächte die Kommunikationsmedien, die diesen Namen bisher zu unrecht tragen, zu sich selbst. In der heutigen Gestalt dienen diese Apparate wie das Fernsehen oder der Film nämlich nicht der Kommunikation sondern ihrer Verhinderung. Sie lassen keine Wechselwirkung zwischen Sender und Empfänger zu, technisch gesprochen reduzieren sie den feedback auf das systemtheoretische Minimum." (Enzensberger 1997:99.)

Enzensbergers "Baukasten einer Theorie der Medien" und die Konzeption des emanzipatorischen Mediengebrauchs erfuhr, bedingt durch die neuen Technologien und die daraus resultierende "Suche" nach einem Modell, in dem der Empfänger auch gleichzeitig Sender ist, ebenso eine Renaissance wie Bert Brechts Radiotheorie (Brecht 1967).

Theorieansätze, die sich mit dem direkten interaktiven Kommunikationsprozess auseinandersetzten, dienten somit als konzeptuelle Grundlage für eine umfassende Auseinandersetzung, die sich mit der computervermittelten Kommunikation als "computervermittelter interpersonaler Kommunikation" befasste und die Vermitteltheit von Kommunikation durch Computer als einen kommunikativen Rahmen darstellte, der bereits bei Goffmann 3 eine umfassende theoretische Entwicklung erfuhr. Auf dieser Grundlage fand

3 Höflich gibt dazu an verschiedenen Stellen mehrere unterschiedliche Quellen aus den

Werken Goffmans an.

18

nun auch im deutschsprachigen Raum ein wissenschaftlicher Diskurs zur Thematik der Netzkommunikation statt, wie er in der angloamerikanischen Forschungstradition bereits wesentlich früher einsetzte und der die Theorieentwicklung in unserem Sprachraum bis heute stark beeinflusst.

Als hilfreich in der Definition des Sender – Empfänger Verhältnis erwies sich die Veranschaulichung durch die Kürzel: One to One (ein Sender - ein Empfänger), One to Many (ein Sender ein Empfänger) und Many to Many.(viele senden und viele empfangen) 4 (vgl. Höflich 1996: 119). Dieses Konzept erfasst sowohl die prinzipielle Sender-Empfänger-Relation der Datenströme als auch deren kommunikatives und mediales Potenzial.

Erst der eigentliche und alltägliche Gebrauch dieser Technik gibt den Blick auf die damit verbundenen gesellschaftlichen Implikationen frei, So brachten vor allem die Cultural-Studies eine weitere wichtige Position in den medien- und kommunikationswissenschaftlichen Diskurs ein, indem der kulturelle Kontext und die alltägliche Praxis der Medienrezeption und – aneignung unter der Perspektive sozialer Veränderung zur Basis ihrer Analyse wurde (vgl Hepp 1999: 234).

"Weil also Phänomene der gesellschaftlichen Kommunikation Augenblicke auf die Welt aufmachen, die nicht (mehr nur) mit Bezügen auf gesellschaftliche Strukturen erschlossen werden, muss eine mit sozialtheoretischen Modellen operierende Kommunikationswissenschaft entweder ihre Kompetenzgrenzen einbekennen oder sie improvisatorisch (ex tempore) durchbrechen." (Bauer, 2003: 128)

4 Diese Kategorisierung von "Communication-Flow"-Qualitäten findet erstmals in einem

Aufsatz von Everett Rogers (1986) in dieser Form Erwähnung, in dem damit die

Interaktivität "Neuer Medien" beschrieben wird.

19

Das Internet brachte in den vergangenen Jahren eine Vielzahl an neuen Kommunikationsformen hervor, die sich nicht nur in unterschiedlichen Diensten wie E-mailing, Usenet etc. äußern, sondern vor allem im World Wide Web (WWW) und den darauf basierenden Webapplikationen ständig neuartige Einsatzmöglichkeiten für eine wachsende Zahl von Teilnehmerinnen darstellen.

Die Vielfalt der Nutzungsofferte, die das Internet bietet, bringt eine Vielfalt an Gratifikationsmöglichkeiten mit sich. Von dieser Überlegung geht der kommunikationswissenschaftliche Use- and Gratification-Ansatz aus, der sich hinsichtlich der neuen IKT und bezüglich des Internets mit ganz ähnlichen, Fragestellungen wie diese Arbeit auseinandersetzt, nämlich was die Menschen mit dem Internet machen, welcher Nutzen und welche Bedürfnisbefriedigung sich aus dem alltäglichen Umgang mit den

Angeboten digitaler Kommunikationstechnologie

theoretische Ansatz orientiert sich aber an der bereits durch das Internet

Dieser

ergeben etc

und seine Dienste bedienten Bedürfnislagen. Damit lässt sich daraus wohl auch keine Erkenntnis über den möglichen innovative Nutzen und die Einsetzbarkeit des Internets im Sinne eines Empowerments von Frauen - im speziellen: weiblicher Friedensarbeit im globalen und lokalen Vernetzungskontext - erwarten.

Je nach Art der kommunikativen Voraussetzungen, wie sie die jeweilige Webapplikation (bzw. der jeweilige Internetdienst) mit sich bringt, beeinflusst die verwendete Technologie die Interaktion der Teilnehmenden und bildet, wie das bei Höflich (1998) formuliert wird, den Rahmen (frame as structure), aus dem sich jeweils spezifische Einflüsse auf die computervermittelte Kommunikation ergeben. Der "abgrenzbare computerbezogenen Medienrahmen" (Höflich 2003: 22) zeichnet auch die Möglichkeiten des medialen Handelns vor, die als solche beschreibbar und erforschbar werden. "Neue Nutzungsofferte der IKT bilden distinkte Kulturen aus, die sich durch eigenen Regeln und emergente Gebrauchsweisen kennzeichnen lassen, deren Mitglieder ein spezifisches,

20

kollektiv getragenes Verhältnis zum Medium Computer aufbauen. Aber auch unter den Nutzern des selben medialen Angebotes oder des selben Systems ist die Ausbildung unterschiedlicher multipler Nutzkulturen möglich" (Höflich 2003, 23).

Wenn nun die Verbindung aller an Datenleitungen angeschlossenen Rechner ein Netzwerk bildet, bei dem alle Teilnehmenden sowohl Informationen senden als auch empfangen können, bildet dies einerseits einen gigantischen Ressourcenpool an Informationen, und andererseits einen Raum für Kommunikation. Das Rechnernetz wird zu einem Netzwerk, das potentiell jeden mit jedem verbinden kann. Das Netz erhält damit seine soziale Dimension, wird Ort gesellschaftlicher Kommunikation. Der Ort der Kommunikation ist der Cyberspace, in dem sich so die "Virtualisierung des Sozialen" (Becker/Paetau 1997) vollzieht. Der Cyberspace wird zum Raum gesellschaftlichen Diskurses und erhält, so er als solcher auch genutzt wird (!), den Stellenwert eines öffentlichen Raumes. Das Internet verändert also auch die Wertigkeit der bisherigen Konzepte von "Öffentlichkeit", mit denen sich die Medien – und Kommunikationswissenschaft traditionell auseinandersetzt.

"Wenn hier über Cyberspace und Virtual Reality, über Internet und Homepages debattiert und geforscht wird, dann – so die unausgesprochene Vorraussetzung – handelt man von ganz anderen Dingen als von Massenmedien oder Massenkommunikation. Hier wird grundlegend Neues verhandelt, das inkompatibel ist mit allem, was mit Medien bisher zu tun gehabt hat." (Schneider 1997: 38). Die Netzstruktur des Internets bildet lokale und translokale Gemeinschaften aus und ermöglicht neue Formen der Gegenöffentlichkeit oder die Aggregation von gleichgerichteten Interessen in einem global / lokalem Zusammenspiel, wie es bisher nicht möglich war. Institutionalisierte (herkömmliche) Medien stehen nun den unterschiedlichen Produkten "kleiner Medien" (vgl. Arns 2002: 8 und 38-41) oder "Indymedia" (Möller 2005: 138) gegenüber. Die Produktion und Distribution von kleinen unabhängigen freien Medien

21

(small

zugänglicher.

media)

wird

kostengünstiger,

erschwinglicher

und

somit

Ob nun durch die technischen Grundlagen der IKT ein Prozess der Evolution oder die erneuernde Kraft einer Revolution in Gang gesetzt wurde, sei dahingestellt. Auf alle Fälle wird damit der wissenschaftliche Blick auf die herkömmliche Organisation von Medien, die Ökonomie von Medienunternehmen, die journalistische Arbeit und deren Professionalisierungsgrad, die Grundlagen von Public Relations und die Position des "Medienkonsumenten" maßgeblich verändert.

Letztlich verändern das Internet und die Innovationen der IKT die Art, in der wir in vielen Lebensbereichen des Alltäglichen miteinander kommunizieren, wenn wir arbeiten, lernen, soziale Kontakte pflegen, uns politisch engagieren, Geschäfte treiben oder uns amüsieren. Sowohl für den Einzelnen als auch für Gruppen, Organisationen und Unternehmen und Nationen weitet bzw. ändert sich die kommunikative Grundlage ihres Wirkens.

So ergibt sich für die Thematik dieser Arbeit eine ganze Reihe von medien – und kommunikationswissenschaftlichen Aspekten, die einerseits aus den herkömmlichen zentralen Themen des Fachbereiches erwachsen und gleichzeitig auf beobachtbare Veränderungen medialer Umwelt reagieren und hier die Basis für die forschungsleitenden Fragestellungen sein sollen.

1.4.2 Praktische, feministische, politische Relevanz

Auch im digitalen Raum wetteifern die Meinungen um Gehör, verbieten Obrigkeiten die freie Rede, herrscht ein ständiger Krieg um Ressourcen und toben Konflikte um Religion, ethnische Zugehörigkeit und Grenzziehungen unterschiedlichster Art. Die Zielsetzungen und der Standpunkt feministischer Diskussionen lassen sich immer nur vor dem

22

Hintergrund der alltäglichen Lebensrealität von Frauen begreifen. Die stark divergierenden Situationen der Frauen, die hier als Akteurinnen beobachtet und befragt werden, bedingen auch sehr unterschiedliche Perspektiven hinsichtlich feministischer und friedenspolitischer Fragestellungen. Die Initiierung globaler Netzwerke, die Schaffung und Gestaltung virtueller Räume, in denen politische Netzwerke globale Diskussion und Gemeinschaft organisieren und politische Forderungen formulieren und grenzüberschreitende Solidarität begründen können, entspricht einer Ressourcenerschließung, die das Potenzial der neuen Medien für die Ziele der Frauen konkretisiert. Insofern bildet Netzkommunikation in der feministischen Debatte eine Thematik, in der sich Erwartungen und Hoffnungen ausdrücken (vgl. Schachtner/Winker 2005: 8).

Die Identifizierung und Erforschung von Netzwerken im Hinblick auf eine Vernetzung regionaler und globaler Friedensinteressen von Frauen ist für die Kommunikations- und Paritzipationsmöglichkeit der Frauen von praktischer Relevanz. (vgl. auch "Demokratisierungstheorem" Bühl 2000:

294). Der virtuelle Raum bietet "Möglichkeiten für Frauen und Frauengruppen zur Selbstdarstellung im Netz, zur Verbesserung der Chancengleichheit im öffentlichen Raum online und offline, zur wechselseitigen Stärkung und Förderung durch kommunikativen Austausch und durch Beratung online sowie zur Erweiterung der Erfahrungshorizonte und Handlungsmöglichkeiten durch die Nutzung des Netzes als Ressource" (Schachtner/Winker 2005: 9).

Die Betonung von herkömmlichen Dichotomien wie Krieg/Frieden und ihre Attribution mit Weiblich/Männlich, sowie eine besondere Betonung von Ungleichheit (vgl. Greven 2000: 13) und die mitunter einhergehenden Viktimisierung (Braig, 1999) von Frauen in hierarchisch geprägten und patriarchal beherrschten Strukturen findet ihre Entsprechung in der Polarisierung von Arm und Reich im Nord-Südkonflikt. Der Cyberspace stellt in vielerlei Hinsicht einen Ort der Reproduktion der

23

Geschlechterungleichheit und der bestehenden Machtverteilung dar (vgl. "Reproduktions-Theorem" Bühl 2000: 297). "Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass sich der virtuelle Raum zu einem zentralen Mechanismus der Vergesellschaftung entwickelt, an den sich Erwerbs-, Bildungs-, Partizipations-, und Machtchancen knüpfen." (Schachtner / Winker 2005

10).

Um solchen Tendenzen gegenzusteuern, artikulierte bereits die Vierte Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 in ihrem Abschlußbericht folgende Forderung: “Increase the participation and access of women to expression and decisionmaking in and through the media and new technologies of communication". (UNO 1995).

Das Empowerment von Frauen innerhalb ihrer persönlichen Lebenswelt im Kontext globalen Austausches (vgl. Hall 1992) findet seine Virtualisierung in der Netzkommunikation, im "Von-einander-wissen" und "Um-einander-sorgen" (Duval 2005: 240) bis zum gezielten gemeinsamen Vorgehen auf frauenpolitischer Ebene.

Im Sinne eines fruchtbaren Beitrags zur Dekonstruktion von existierenden Geschlechterhierarchien soll hier aus feministischer Perspektive dafür argumentiert werden, jene Möglichkeiten aufzuzeigen, die die technische Entwicklung im Sinne einer Verminderung von Unterschieden, einer Demokratisierung des Geschlechterverhältnisses und zu Gunsten einer Selbstermächtigung benachteiligter Gruppen bietet.

1.5 Fragestellung

Wie nehmen Frauen verschiedener Länder und Kulturen mit unterschiedlichen sprachlichen, persönlichen und technischen Zugängen zum Internet an einem gemeinsamen, organisierten Vorgehen im virtuellen Raum teil? Welche besonderen Situationen ergeben sich daraus hinsichtlich ihrer Diversität und Gemeinschaft?

24

Wie kann unter den besonderen Bedingungen internationaler Zusammenarbeit grenzüberschreitende virtuelle Vernetzung von Frauen in der Praxis organisiert bzw. optimiert werden?

Wie kann das Bestreben der Frauen nach Chancengleichheit, Pluralität, Gleichberechtigung und Unabhängigkeit in ihrer virtuellen Gemeinschaft durch Netzkommunikation unterstützt werden?

Welche Hemmnisse begegnen den Friedensfrauen in ihrem Bestreben nach virtueller Vernetzung. Wie erleben die Frauen ihren persönlichen Handlungsspielraum im virtuellen Raum?

Welche Formen der Netzkommunikation unterstützen die Arbeit der Frauen in welcher Hinsicht? Welche Anforderungen sollten also an die Arbeitsmittel und Werkzeuge gestellt werden, die eine sinnvolle virtuelle Vernetzung ermöglichen?

Wie können die funktionellen Eigenschaften von Software-Produkten den kollaborativen/kooperativen Absichten der Frauen entgegenkommen, ihr soziales Miteinander im virtuellen Raum unterstützen und einfachen Zugang schaffen?

Inwieweit unterstützen neue Formen des Publizierens (small media) die Friedensarbeit? Sind sie für die Friedensarbeit der Frauen zielführend, förderlich, nötig, praktisch oder überflüssig?

Wie kann vom Code bis zur Anwendung dem Bestreben der Frauen nach Chancengleichheit, Pluralität, Gleichberechtigung und Unabhängigkeit in ihrer virtuellen Gemeinschaft entsprochen werden?

25

1.6 Zielsetzung

Ziel der Arbeit ist es, den Einsatz digitaler Netzkommunikation in der Friedensarbeit von Frauen allgemein und speziell im Rahmen des Projekts 1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005 aus der Perspektive der beteiligten Akteurinnen zu erheben und auf die oben genannten Fragestellungen hin zu analysieren. Wie die Fragestellung auch schon nahe legt, soll hier der ganz subjektive Nutzen von neuen IKT vor dem Hintergrund alltäglicher Handlungszusammenhänge in ihrem spezifischen Umfeld erforscht werden. Die hier vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, den virtuellen Raum als zusätzlichen Kommunikations- und Informations- und Aktionsraum auszuloten. Das heißt im konkreten Fall eine sowohl globale als auch lokale Vernetzung, die weder von kommerziellen oder nationalstaatlichen Interessen getragen wird, die sowohl inter- als auch intraorganisational abläuft und ebenso auf virtueller als auch realer Begegnung der AkteurInnen basiert, als Rahmen zu erfassen und ein dafür geeignetes Beschreibungs- und Analyseschema zu finden.

Am Beispiel dieser Initiative und ihrer Akteurinnen sollen die Voraussetzungen (Hemmnisse und Chancen) sowie die Einsatzmöglichkeit und Funktion der Neuen Medien bei der Durchführung eines solchen Projekts analysiert werden, um daraus handlungsrelevante Empfehlungen für virtuelle Vernetzungsstrategien zu geben und Kriterien für den "ermöglichenden" Einsatz 5 von Informations- und Kommunikationstechnologien zu begründen.

5 Enabling meint hier: Ermöglichen im Sinne einer nicht indoktrinierenden Hilfestellung, beispielsweise in Form von Aufbau geeigneter Infrastrukturen etc.

26

Im Ausblick sollen vor allem neue Forschungsfragen zu dieser Thematik aufgeworfen werden und konkrete Kriterien für die Ermöglichung des multikulturellen, mehrsprachigen, grenzüberschreitenden Einsatzes von IKT auf Basis des WWW präsentiert werden. Dabei findet das Konzept einer gemeinsamen Plattform als infrastrukturelle Vorraussetzung, sich beständigen, selbst geschaffenen, gemeinsamen virtuellen Raum aufzubauen, wie dies etwa im kollaborative Einsatz von WIKIs geschieht, besondere Beachtung.

27

2 Forschungsprozess und Methodenwahl

2.1 Methodendiskussion

Aus den konkreten Forschungsfragen resultiert nun die Notwendigkeit methodischer Entscheidungen. Der Forschungsprozess beabsichtigt, einen Erkenntnisgewinn über den im Mittelpunkt stehenden Forschungsgegenstand – die digitale Netzkommunikation der Friedensfrauen des Projekts - zu erzielen und empirisch begründet Aussagen über Wirkungszusammenhänge zu treffen. In der Folge sollen theoretische Aussagen über (vergleichbare) soziale Phänomene möglich werden, da eine "Theorie auf unterschiedlicher Ebene der Generalisierung unerlässlich ist, um soziale Phänomene zu verstehen." (Strauss 1991: 31). Ziel ist es, in ihrer Beschreibung ähnliche Vernetzungsszenarien handlungsrelevante Erkenntnisse zur Verfügung zu stellen.

Wie aus der Fragenstellung der Arbeit bereits abzuleiten, eröffnet die Anwendung quantitativer sozialwissenschaftlicher Methoden hier nicht die Komplexität des Gegenstandes. Das eher "kleine" Forschungsfeld und die gegebene Nähe zum Forschungsgegenstand begründen bereits, warum auf standardisierte quantifizierende Verfahren zu Gunsten eines qualitativen Vorgehens verzichtet wird.

Da es also vor allem um ein Verstehen im Rahmen dieses konkreten Fallbezugs geht, sieht sich diese Arbeit den von Mayring (2002) aufgestellten Postulaten qualitativer Sozialforschung verpflichtet, insbesondere wenn es heißt "die von der Forschungsfrage betroffenen Subjekte müssen Ausgangspunkt und Ziel der Untersuchung sein" (Mayring 2002: 48-49).

Der Dynamik des Untersuchungsgegenstandes wird hier mit ähnlicher Beweglichkeit und Offenheit in der Methodenwahl begegnet (Vgl Flick 2002: 17).Die hier vertretene Maxime des "Verstehens als

28

Erkenntnisprinzip" sowie der erkenntnistheoretische Ansatz des Konstruktivismus (Schmidt 1998: 151-163) liefern hier das erkenntnistheoretische Fundament für das methodische Vorgehen. Für den Forschungsprozess dieser Arbeit bedeutet dies eine eindeutige Orientierung am Spektrum qualitativer Forschungsmethoden.

Nicht auszuschließen ist jedoch, dass auf der Grundlage dieser (hier nun anhand der qualitativen Fallanalyse geschaffenen) Erkenntnisse weitere quantitative Analyseschritte sinnvoll erscheinen könnten.

Die Friedensfrauen und ihre Arbeit stellen den eigentlichen Ausgangspunkt dar. Ihr kommunikatives Handeln und Interagieren soll hier auch im Mittelpunkt stehen, wenn die unterschiedlichen theoretischen Perspektiven und Konzepte in den kommenden Kapiteln reflektiert werden. Die theoriegeleitete Frageposition an den Untersuchungsgegenstand soll ermöglichen, methodisch ein "Gerüst", ein Koordinatensystem der Orientierung zu konstruieren, in dessen Dimensionen der Untersuchungsgegenstand beschrieben werden kann. Die Dimensionen repräsentieren unterschiedliche, in kategorisierten Unterscheidungen beobachtbare Sachverhalte. Dieses Koordinatensystem dient der adäquaten Beschreibung des Untersuchungsgegenstandes. Schlüsse auf Wirkungszusammenhänge ergeben sich aus den erkennbaren Relationen der Kategorien.

Für qualitative, wie auch für andere Methoden gelten Gütekriterien, an denen man ihre Qualität erörtert. Eine konkrete Kontrolle der Vorgehensweise, um eine Nachvollziehbarkeit der Schussfolgerung zu ermöglichen und die Wege der Erkenntnisgewinnung transparent zu gestalten, gilt der qualitativen Sozialforschung dort als Bewertungsgrundlage, wo den quantitativen Methoden die Kriterien der Validität, Reliabilität und Wiederholbarkeit als Mechanismus der Wertung gegenüberstehen. "Der Forschungsprozess muss trotz seiner Offenheit methodisch kontrolliert ablaufen, die einzelnen Verfahrensschritte müssen

29

expliziert, dokumentiert werden und nach begründeten Regeln ablaufen." (Mayring 2002: 29). So versucht diese Arbeit, den Kriterien der qualitätsvollen Verfahrensdokumentation, der schlüssigen Argumentation, des planvollen Vorgehens und der Nutzung mehrfacher Lösungswege zu einer Fragestellung (Triangulation) zu entsprechen. (vgl. Mayringer 2002:

147)

2.2 Forschungsdesign

Die Forschungskonzeption sieht eine Fallanalyse vor, in deren Ablauf unterschiedliche Forschungsverfahren und Datenerhebungsmethoden Verwendung finden. Anhand verbaler Daten aus Interviews mit den Teilnehmenden des Projekts sowie einer Dokumentenanalyse der Newsletter der Organisation.

Am Beginn des Forschungsprozesses standen Interviews mit den Organisatorinnen, die in einer ersten Kodierung dazu beitrugen, einen Gesprächsleitfadens für die Interviews ausgewählter regionaler Koordinatorinnen zu entwickeln und unter den 19 Koordinatorinnen Gesprächspartnerinnen zu wählen (Sampling). Weiters ermöglichte diese erste Kodierung der ersten Interviews die einsetzende Dimensionierung des Problemzusammenhangs

Die zweite Phase von Interviews sah Gespräche mit den ausgewählten Regionalkoordinatorinnen vor und lieferten in einer ersten Auswertung weitere wesentliche Anregungen für Kategorien innerhalb der empirisch und theoriegeleitet festgelegten Dimensionen.

Der Erhebung verbaler Daten in diesem Untersuchungsplan steht die Auswertung von Dokumenten gegenüber. Die Konstruktion eines deskriptiven Systems - eines mehrdimensionalen Kategoriensystems – ermöglicht die inhaltsanalytische Auswertung ausgewählter Dokumente und den neuerlichen Bezug auf die Interview-Transkripte.

30

2.2.1

Einzelfallstudie

Wie begründet sich nun die Entscheidung für die Einzelfallanalyse als Forschungskonzeption?

Die hier vorliegende Einzelfallanalyse oder Fallstudie (vgl. Mayring 2002 41 u.a.) wurde deshalb als Untersuchungsdesign gewählt, weil sie dem Paradigma qualitativer Forschung in diesem Problemzusammenhang deutlich entgegenkommt. Die Wahl des Untersuchungsplanes legte hier eine qualitative Fallanalyse nahe, da diese "die Komplexität des ganzen Falles, die Zusammenhänge der Funktions- und Lebensbereiche" (Mayring 2002: 42) erschließt, denn "Fallanalysen stellen eine Hilfe dar bei der Suche nach relevanten Einflussfaktoren und bei der Interpretation von Zusammenhängen." (Mayring 2002:42).

Zumeist werden Einzelfallanalysen für den Objektbereich "Mensch" konzipiert und dabei ist ein "einzelner" – wie die Bezeichnung dieser Analyseform schon nahe legt - gemeint. Die Fallanalyse als Untersuchungsdesign wird jedoch inzwischen auch erfolgreich auf umfassendere Gegenstandsbereiche ausgedehnt, unter Vorraussetzung der Beibehaltung der gleichen Regelgeleitetheit wie in den biographischen Einzelfallstudien. "Der Gegenstand einer Fallanalyse kann dabei auch ein komplexeres soziales System sein (Familie, gesellschaftliche Subgruppe usw.), die Grundgedanken bleiben die selben" (Mayringer 2002: 41) wie auch Brüsenmeister (2000: 65) in ähnlicher Weise feststellt.

Das bedeutet, dieses Design passt sich schlüssig an den Untersuchungsgegenstand und das Forschungsumfeld einer Organisation an. "Fallanalysen haben in der Soziologie oft geholfen, Institutionen genauer zu analysieren, da sie die Innensicht, das Handlungsverständnis unterhalb der Regeln institutioneller Strukturen freigelegt haben." (Mayring 2002: 44)

31

Weiteres Argument für die Einzelfallanalyse ist hier vor allem die Möglichkeit auf den gesamten Fallzusammenhang zurückgreifen zu können, wenn sich dies im Laufe des Forschungsprozesses als notwendig erweist. So bleibt der Rückgriff auf bereits in einem früheren Forschungsschritt ausgewertete Daten oder noch nicht erschlossene Quellen praktisch immer möglich. "Die Einzelfallanalyse will sich während des gesamten Analyseprozesses den Rückgriff auf den Fall in seiner Ganzheit und Komplexität erhalten, um so zu genaueren und tiefgreifenderen Ergebnissen zu gelangen" (Mayringer 2002: 42)

Das Forschungsdesign einer Fallanalyse anhand qualitativer Methoden ermöglicht die Integration ganz unterschiedlicher Datenquellen, wie dies hier nötig war. Der Forschungsprozess insgesamt folgt einem dynamischen Wechsel induktiver und deduktiver Vorgehensweisen und dem Reagieren auf Zwischenergebnisse aus laufenden Datenerhebungen und Auswertungen. (vgl. Brüsenmeister 2000: 67) Das für dieses Vorgehen geforderte kontrollierte Ablaufschema (vgl. Mayringer: 43) versteht sich auch als Gliederungsschema dieser Arbeit. Das Forschungsarrangement beinhaltet sowohl die Erhebung verbaler Daten als auch die Analyse bestehender Dokumente. Im Folgenden soll nun die Motivation für den Entschluss zur Dokumentanalyse dargelegt werden:

2.2.2

Dokumentenanalyse

Die im Forschungsplan festgelegte Analyse schriftlicher Daten versteht sich als Dokumentenanalyse und bedient sich des Verfahrens der qualitativen Inhaltsanalyse. "Dokumentanalysen können aber vorteilhaft in jeden Forschungsplan eingebaut werden, sobald sich Quellen dafür anbieten." (Mayering 2002: 49)

Die Entscheidung für eine Dokumentenanalyse kann nur vor dem Hintergrund des Forschungsprozesses und sozusagen als (Zwischen-) Ergebnis der Interviewauswertung gesehen werden und begründet sich

32

aus

beschrieben wird.

dem

jeweiligen

Fall

heraus,

wie

in

der

Datenauswahl

näher

Ein Vorteil bei der Wahl einer Dokumentanalyse ist die non-reaktive Erhebung (Mayring 2002: 51) von Daten, das heißt, die Daten müssen nicht erst erhoben werden, sondern liegen als solche schon vor. Daraus ergibt sich bei entsprechender Auswahl der zu analysierenden Elemente eine besondere "ökologische Validität" (Ballstaedt 1994: 167) da das Dokument innerhalb des untersuchten Handlungskontexts entsteht, und somit sowohl den Anspruch beinhaltet, einen konkreten Realitätsbereich darzustellen, eine Aussage über den Textproduzenten zu machen, als auch den Appell bzw. die vom Textproduzenten angestrebte Wirkung beim Leser mitzuliefern.

2.2.3 Auswahlentscheidungen und Aufbereitung

Das hier verwendete Samplingverfahren wendet "die schrittweise Festlegung von Samplestrukturen im Forschungsprozess" (Flick 2002:

102) an. Dieses Auswahlverfahren wird beispielsweise bei Strauss (1991:

71) beschrieben und zeichnet sich durch die "Auswahl von Fällen und Fallgruppen nach konkret inhaltlichen statt abstrakt-methodologischen Kriterien, nach ihrer Relevanz statt nach ihrer Repräsentativität" (Flick 2002, 107) aus. Die Sampling-Strategie in dieser Untersuchung ist auf alle Fälle eine, die die Begründung für ihre Entscheidung aus dem Forschungsprozess heraus offen darlegt.

Die Entscheidung zur inhaltsanalytischen Aufbereitung der Newsletterdaten ergab sich aus der strukturellen Beschreibung der Interviewtranskripte in einem ersten Auswertungsschritt. Dabei wurde klar, dass sich nur sehr wenige Textsequenzen mit eindeutigem Erzählcharakter fanden und viel mehr Sequenzen mit Argumentationen und Bewertungen, was es schwer machte, die "Logik des Handelns" (Brüsenmeister 2000: 168) damit für die Analyse zu erschließen.

33

Die Newsletter erschließen hier einerseits die Kommunikation der Organisation mit den Medien und unterstützenden Mitgliedern (Öffentlichkeitsarbeit im weitesten Sinne). Viel wichtiger für die Analyse ist allerdings, dass der Newsletter eine wichtige Form der kommunikativen Vernetzung innerhalb des Projektes darstellt: Dieser regelmäßigen Publikation wurde von den Teilnehmenden die Funktion der informativen Vernetzung der Koordinatorinnen und aller Interessierten und auch der beteiligten ForscherInnen untereinander auf organisierter Basis zugeschrieben. Alle Teilnehmenden veröffentlichten dort Texte - sowohl die politischen Initiatorinnen und Koordinatorinnen in der Schweiz, als auch die Regionalkoordinatorinnen.

Der zweite wichtige Aspekt der Dokumentenanalyse ist Folgender: Die Newsletter geben Einblick in die Arbeit der Koordinatorinnen und geben durch ihre Erlebnisberichte und Problemschilderungen auch einen indirekten Zugang zur Problematik der Vernetzung im Allgemeinen und in den einzelnen Regionen. Die laufende Archivierung des Newletters geschah im "News"-Bereich der Homepage von 1000 Frauen für den Friedensnobelpreis und blieb im Sinne der vom Projekt erwünschten Transparenz öffentlich abrufbar.

Erhebung von Daten:

1. Set an Interviews: Rebecca Vermot, Projektmanagerin in Bern, 24.6.2004 interviewt in Bern (Zeichenumfang: ca. 22.000) sowie Maren Harrtje, Projektmanagerin und Koordinatorin für Westeuropa, 24.6.2004, interviewt in Bern (Zeichenumfang: ca. 8.000)

Die Gespräche mit den Managerinnen des Projekts standen an einem sehr frühen Punkt des Forschungsprozesses, sie setzten den verstehenden Zugang zur Institution. Die Interviews folgten vor allem der explorativen Zielsetzung, eröffneten die Möglichkeit weiterer

34

Datenerhebungen und begründeten das Sampling unter den 19 Koordinatorinnen unterschiedlicher Weltregionen.

2. Set an Interviews, geführt in Walenstadtberg- Monte Vuala, nahe Zürich am 13.10.2004 im Rahmen des 3. Koordinatorinnentreffens.

Kamla Bashin, Indien (Umfang ca. 5200 Zeichen) Nomvuyo Skota Dayile, Südafrika (Umfang ca. 8000 Zeichen) Supawadee Petrat (Kratae) Thailand (Umfang: ca. 6500 Zeichen)

Mailinterview mit Paulyn Sicam, Philippinen geführt am 28.9.2004 (Umfang ca. 3000 Zeichen)

Die Fragen des Interviews (inkl. Übersetzung) und die Kurzbiographien der Interviewten finden sich im Anhang. Die Wahl der Interviewpartnerinnen für die zweite Erhebung verbaler Daten kann also als Zwischenergebnis des Forschungsprozesses gesehen werden.

Die Fallgruppe unter den Koordinatorinnen:

Hier wurde vor allem der asiatische Raum als Weltgegend ausgesucht, da hier die wirtschaftlichen Entwicklungsunterschiede zwischen den Nationen und einzelnen Regionen sehr unterschiedlich ausfällt, die Internetdiffusion teilweise bereits sehr hoch ist und die Unterschiede zwischen Stadt und Land besonders deutlich ausgeprägt sind. Auch bezüglich der kulturellen, gesellschaftlichen und demokratiepolitischen Ausgangsbedingungen für Netzkommunikation erwies sich in einer ersten Recherche Asien als besonders vielfältige und interessante Region für die Analyse der gestellten Thematik. Einerseits zum Vergleichszweck und andererseits als besonderer Fall innerhalb ihrer Region wurde eine afrikanische Koordinatorin für ein Interview ausgewählt. Afrika gilt in vielen Bereichen als weißer Fleck auf der Landkarte einer Geographie des Internets und gilt

35

als die am wenigsten durch Digitalisierung erschlossene Kommunikationssphäre, wobei das an sich hoch entwickelte Südafrika einerseits eine Ausnahme bildet, andererseits gerade jene Faktoren viel krasser aufzeigt, die für die Ungleichheit im Zugang zu IKT und Netzkommunikation verantwortlich sind.

Die interviewten Frauen kommen aus sechs verschiednen Ländern, in drei Fällen wurde das Interview in englischer Sprache durchgeführt. (Für alle Frauen bedeutete dies, nicht in ihrer unmittelbaren Muttersprache bzw. für die meisten auch nicht in der Sprache ihrer alltäglichen Arbeit zu sprechen.) In einem Fall kam ein Emailinterview zustande, auf das methodisch im Folgenden noch eingegangen wird.

Aufbereitung der Interviews:

Die Gespräche wurden in allen Fällen mit Tonband aufgezeichnet und transkribiert. Die gewählte Protokollierungstechnik entspricht einer wortwörtlichen Abschrift, jedoch ohne sprachliche Färbungen besonders einzubeziehen, da sie keinerlei Aussagewert bezüglich der Fragestellung vermuten lassen.

Selektive Aufbereitung der Newsletter-Texte:

Die analysierte Zeitspanne des Erscheinens dieses Online-Newsletter erstreckt sich von der Ausgabe 1/2003 im Juni 2003 bis zur Ausgabe 10/2005 im Juni 2005 und umfasst somit alle bis zur Bekanntgabe der Nominierten am 29. Juni 2005 erschienen zehn Newsletter, die auch als Ausdrucke im Anhang dieser Arbeit zu finden sind. Die untersuchten Dokumente umfassen teilweise auch Texte der Hompage, so dies für die Arbeit sinnvoll und zweckmäßig erschien. Die Mailingliste des Newsletters bestand ab dem ersten Newsletter kurz nach dem Launch der Homepage, sie umfasste alle Koordinatorinnen und unterstützenden Teilnehmenden, alle Sponsoren, wissenschaftlichen Mitarbeiter der Begleitprojekte, alle

36

Vereinsmitglieder sowie Politikerinnen, Journalistinnen und Aktivistinnen anderer NGOs und eine im Laufe des Projekts wachsenden Zahl an Interessierten, die sich auf der Homepage für den Erhalt des Newsletters eintragen konnten.

Diese schriftlichen Dokumente wurden ausgewählt weil sie, wie sich im Forschungsverlauf herausstellte zu einem wichtigen Onlinekommunikationsmittel unter den Teilnehmenden wurden. Sowohl die Organisatorinnen in Bern, als auch die Regionalkoordinatorinnen veröffentlichten dort Texte und schilderten die Situation ihre Arbeit. Der Newsletter sollte für die Organisation den Zweck erfüllen, alle Teilnehmenden, Unterstützenden oder Interessierten über das Projekt und den Stand der Dinge im Projektverlauf zu informieren. Daraus entsteht der Anspruch, die Dokumentenanalyse dieses Materials könne einen wesentlichen Beitrag dazu liefern, die subjektiven Handlungszusammenhänge der Friedensfrauen, ihrer Vernetzung und Kommunikation allgemein und speziell im virtuellen Raum darzustellen.

Selektive Auswertung

Aus den Interviews resultierten für die Auswertung der Newslettertexte spezifische Kriterien für die Selektion von Textpassagen, die zu den entwickelten Dimensionen einen Belang aufweisen. Passagen, die diesen Dimensionen nicht entsprachen – sozusagen keine Aussage und keinen ersichtlichen Bezug zu den gesuchten Dimensionen und Zusammenhängen gaben, wurden nicht kodiert.

2.3 Forschungsverfahren

Die Wahl der Erhebungsmethoden, die für die empirische Untersuchung Verwendung fanden, sollen hier kurz dargelegt werden:

37

2.3.1

Interview

Die Interviews wurden in zwei Sets aufgeteilt und zu verschiedenen Zeitpunkten des Projekts geführt. Einmal zu Beginn der Nominations- Phase das andere mal mit regionalen Koordinatorinnen aus ausgewählten Regionen gegen Ende dieser Phase. Die Interviews werden persönlich zwischen Interviewerin und jeweils einer Interviewten im unmittelbaren Arbeitsumfeld der Interviewten geführt. Im ersten Interviewset fanden die Gespräche im Besprechungscafe in der Nähe des Organisationsbüros in Bern statt. Das zweite Set fand im Rahmen des 3.Koordinatorinnentreffens in Walentstadtberg statt. Die Interviewsituation weist also eine eindeutige Nähe zum Forschungsumfeld auf. In einem der Fälle kam ein Mail-Interview zustande, was selbst als Faktum in die Analyse einbezogen wurde. Nachdem hier der virtuelle Raum als Arbeitsumgebung der Frauen erforscht werden soll, kann ein Onlineinterview als eine Befragungssituation im üblichen Arbeitsumfeld gelten. Im Folgenden wird die Wahl der Interviewmethode argumentiert.

Die mündliche Form der Befragung bzw. die Erhebung von Daten auf sprachlicher Basis stellt die üblichste Form der qualitativen Erhebungstechniken dar, da sich darin menschliches Handeln besonders gut erschließt (vgl. Hron 1994: 119).

Im ersten Set von Interviews Stand vor allem die Orientierung im Forschungsbereich, die Erfassung des Forschungsgegenstandes und die Erarbeitung von Dimensionen zur Beschreibung (deskriptives System) als Zielsetzung im Mittelpunkt. Daher wurde eine möglichst offene Gesprächsführung gewählt, die nur durch die grobe Themenvorgabe auf den Untersuchungsgegenstand gerichtet (problemzentriert) wurde. "In den gängigen Methodenlehren wird den offenen Befragungsverfahren explorierende und Hypothesen generierende Funktion zuerkannt." (Hron 1994: 128) sowie insbesondere für die Analyse "sozialer Einheiten wie Organisationen und Gruppen und die möglichst umfassende Analyse der

38

Handlungskontexte von Individuen." (Hron 1994: 128) eingesetzt. Es wurde versucht diese Interviews in einer typisch narrativen Struktur zu gestalten um subjektive Bedeutungsstrukturen (vgl Mayringer 2002: 73) damit zugänglich zu machen.

Im zweiten Set wurden stark thematisch fokussierte Interviews durchgeführt, die durch einen Leitfaden strukturiert wurden. "Die Methodenlehren empfehlen den Einsatz strukturierter Interviews um qualitative Anhaltspunkte für das Vorhandensein bestimmter Variabler" (Hron 1994, 120) zu finden. Daher erscheint diese Interviewform als hier durchaus angebracht. Die "non-direktive Gesprächsführung" (Flick 2002:

119) als Grundlage der Nichtbeeinflussung wird hier als wichtigstes Kriterium bei der Durchführung beachtet, die Zielsetzung richtete sich auf die "subjektive Verarbeitung von Bedingungen des eigenen Handelns", wie nach Flick (2002: 125) die Methode des fokussierten Interviews in den Forschungsprozess eingeordnet wurde.

Der Leitfaden besteht aus wenigen theoriegeleitet entwickelten Fragen, die allen ausgewählten Koordinatorinnen bereits bei der Intervieweinladung als Gesprächsstimulus vorgelegt wurden und wie sie sich nun auch im Anhang wiederfinden.

Die Entwicklung der Fragestellungen und die Gesprächsführung orientierten sich am Schema der Zulässigkeit von Frageformen bei spezifischen Interviewformen, wie sie bei Helffreich (2004: 94) darstellt werden.

E-Mailinterview

Eines der Interviews der Koordinatorinnen kam - wie bereits erwähnt - auf der Basis eines Email-Interviews zustande. Die empirische Tatsache an sich ,wie dieses Interview in gerade dieser Form und gerade mit dieser Koordinatorin online zustande kam, wird ebenso in die auswertende

39

Analyse mit einbezogen, wie dies in Mann/Steward (1999:129) vorgeschlagen wird: Ihre Strategie für die Durchführung von Onlineinterviews legt nahe, vor allem auf die genaue Abwägung des computervermittelten kommunikativen Rahmens, in dem das Interview stattfindet, zu achten und ihn in die Analyse einzubeziehen.

2.3.2 Qualitative Inhaltsanalyse

Die Fallanalyse integriert eine Dokumentenanalyse in Form einer qualitativen Inhaltsanalyse. Zweck dieser Analyse soll es sein "bestimmt Aspekte aus dem Material herauszufiltern [und] unter vorher festgelegten Ordnungskriterien … das Material auf Grund bestimmter Kriterien einzuschätzen" (Mayringer 2002: 115)

Diese Inhaltsanalyse geht so vor, dass "konkrete empirische Tatbestände" (Mayring 2002: 100) verallgemeinernd immer eine Stufe abstrakter als das Material selbst beschrieben und einem Konzept zugeordnet werden. Im Zentrum dieser Inhaltsanalyse steht ein theoriegeleitet am Material entwickeltes Kategoriesystem, durch das diejenigen Aspekte festgelegt sind, die aus dem Material herausgefiltert werden sollen.

Kodierung

Die Kodierung umschreibt jenen Prozess bei dem das Textmaterial für die Abstraktion erschlossen wird. Dafür wird das Material in einem Analyseschritt in Sinneinheiten von Sätzen bis Absätzen zerlegt und eine Kategorie für die jeweilige Sinneinheit formuliert. Weitere der Kategorie entsprechende Textstellen werden dort zugeordnet (Subsumtion), neue Kategorien werden induktiv gebildet, bis ein für alle Elemente schlüssiges Kategoriensystem entsteht. In Überarbeitungsschritten werden die Kategorien möglichst aussagekräftig benannt und der Logik nach überarbeitet. Die Auswertung erfolgt dann entlang des entwickelten Kategoriesystems, wobei die Ergebnisse bezüglich der Fragestellung und

40

der theoretischen Grundlage analysiert werden. Die zweite Möglichkeit der Auswertung besteht in einer quantitativen Gewichtung, also: Welche Kategorien kommen besonders oft vor? Auf diese deskriptive Quantifizierung wird am Rande hingewiesen, so sie besonders Auffällige Ergebnisse bietet, ansonsten wird sie aber vernachlässigt.

2.4 Konstruktion deskriptiver Systeme

Dieses Analyseinstrument wird sowohl beim Aufbereitungs- als auch beim Auswertungsverfahren Anwendung finden und sowohl bei der Analyse der verbalen als auch der schriftlichen Daten gleichermaßen eingesetzt werden. Letztlich handelt es sich bei den Transkripten, wie allgemein in den qualitativen Methoden, immer um eine Auseinandersetzung mit dem Material "Text" (vgl. Mayringer 2002: 53)

Die Konstruktion eines deskriptiven Systems bezeichnet das "Erstellen von Kategoriesystemen von Klassifikationen" (Mayering 2002: 99). Die Konstruktion der Kategorien, die dann immer einen Schritt abstrakter als das Material sind, entsteht im Vorgang der Kodierung und stellt eine Verallgemeinerung dar, die aus der Ebene konkreter empirischer Sachverhalte hervorgeht.

Die Konstruktion deskriptiver Systeme steht "im Spannungsverhältnis zwischen Empirie und Theorie" (Mayringer 2002: 100). Zum einen müssen die Kategorien mit allen anderen theoretischen Aussagen und Konzepten übereinstimmen, zum anderen müssen sie dem empirischen Material angemessen sein.

Mehrmals wurde die Kodierung der Textmaterialien und Transkripte überarbeitet, die Materialien wurden mitunter einer neuerlichen Auswertung unterzogen, zumal die theoretische Auseinandersetzung mit bestehenden Konzepten, welche für die Thematik relevante Ansätze boten, gleichzeitig mit neuen Erkenntnissen aus der Datenanalyse immer

41

neue

Forschungsprozess lieferten.

Perspektiven

und

Anregungen

für

den

weiteren

Letztlich entstand ein deskriptives System, das in sechs Dimensionen jeweils unterschiedlich viele Kategorien beinhaltet. Diese Kategorien beschreiben die Ausprägungen einer Dimension und erklären sich aus dem thematischen Zusammenhang bzw. dem Untersuchungsgegenstand heraus.

2.5 Auswertung

Im Sinne einer gegenstandsbezogenen Theoriebildung, die davon ausgeht, dass der Forscher während der Datensammlung theoretische Konstrukte entwickelt, durch neuerliche Fragestellung an den Untersuchungsgegenstand die Konstrukte verfeinert und verknüpft, sodass Erhebung und Auswertung gleichzeitig geschehen, werden Daten hier kodiert und die Kategorien nach jeder Datenerhebung bzw. - auswertung abgeglichen, verfeinert, angepasst. Gewonnene Erkenntnisse fließen dann wiederum in eine Re-Formulierung und Spezifizierung der Forschungsfragen ein. In diesem Fall mündet die Auswertung der Daten in die Konstruktion eines deskriptiven Systems, das dann auch für die Auswertung der verbalen Daten eingesetzt wird. Sowohl durch die Bearbeitung der Dokumente als auch durch die Verarbeitung verbaler Daten liegen nun Erkenntnisse über das Forschungsfeld vor, die in entsprechender Weise auch Antworten auf die anfänglich formulierten Forschungsfragen geben. Diese werden entlang der Dimensionen des deskriptiven Systems dargestellt und durch Inhalte aus dem Datenmaterial paraphrasiert und theoretisch reflektiert.

42

3 Begriffsabgrenzung und theoretischer Bezugsrahmen

3.1.1

Netz

Was ist nun ein Netz? Was wird hier mit dem Begriff eines Netzes, eines Netzwerkes oder mit dem Begriff Netzkommunikation bezeichnet? Grundlegend betrachtet stellt ein Netz eine Struktur von Verbindung zwischen Knoten dar. "Netz" bezeichnet die Beschreibung einer Struktur, zumeist wird von digitalen Netzen die Rede sein, aufbauend auf technischen Netzen von miteinander gleichmäßig verbundenen Rechnern – konkret vom Internet. Zurück zu diesem Netz aus Rechnern, die Knoten darstellen, und den digitalen Datenverbindungen, die den Konnex dazwischen herstellen und als Gesamtheit das Internet bilden. Prinzipiell könnten auch andere digitale Netze dieser Definition entsprechen, doch aufgrund seiner enorm raschen und weitgehenden Verbreitung wird hier hauptsächlich vom Internet als digitalem Netz gesprochen werden.

Faßler (2001: 21) nimmt "drei Geschwindigkeiten" wahr, mit der sich dieses Netz in seinen Entwicklungs- und Nutzungsfeldern voranbewegt. Zum einen das Netz als Projekt, als globales Weltvorhaben, zweitens als unüberschaubarer Prozess, der durch Selbstorganisation gekennzeichnet ist, und der Gesellschaft "neue Serien von Emergenz" (Faßler 2001: 21) beschert, mit der Wirkung, dass – drittens - Netzwerke die Position einer Infrastruktur erlangen "die den Aufbau, die Gliederung und Dynamik der Wahrnehmungs- und Kommunikationsumgebungen festlegt" (a.o. O.: 21). Diese "Geschwindigkeiten" erfassen auch eine wesentliche Eigenschaft des Internets als "temporäres Netzwerk" (Mussgnung 2002: 18), das derart dynamisch erscheint, dass "jeder Versuch der Fixierung zu jedem Zeitpunkt einen vergangenen, nur noch begrenzt gültigen Zustand beschreibt" (Mussgnung 2002:19). Greifbarer bleibt allemal das durch die Netzstruktur des Internet "Bewirkbare", das hier in seiner

43

kulturwissenschaftlichen Dimension vor dem Hintergrund der Wechselwirkung gesellschaftlichen und medialen Wandels (vgl. Krotz 2003:15) verstanden werden soll.

Doch "Netz" als Struktur verwobener Verflechtung hat in der zunehmenden Komplexität konkreter Lebenszusammenhänge, in denen der Mensch in der modernen Informations- bzw. Wissensgesellschaft lebt, eine Vielzahl weiterer Bedeutungen. Netze – Vernetzung und die Bildung von Netzwerken - stellen eine Strategie dar, Komplexität zu denken, damit umzugehen, Orientierung zu erlangen und das Netz als "Wegesystem" zu erfassen, das Erfahrungen, Beziehungen, Bindungen, Wissen und Kommunikation im Sinne einer Orientierung strukturiert. Netzstrukturen ordnen, sie handeln nichtlinear und komplex, wie Gleich in seinen zehn Netzgeboten konstatiert. (Gleich 2004: 60 ff.).

Distributive Netze, wie die Struktur des Internets sie abbildet, haben kein Zentrum nur eine Ausdehnung, das Netz ist das Zentrum (vgl. Mussgnung 2002: 190), was ihm seine integrativen Eigenschaften und die Fähigkeit, vielfältige Elemente zu verbinden, verleiht. Durch ihre dezentrale Eigenschaft bilden Netze eine hohe Redundanz, erhalten sich nicht zuletzt dadurch aber besonders flexibel, fehlerresistent, dynamisch und tendenziell chaotisch. Durch ihre Logik, einerseits zu ordnen und andererseits Chaos zu erzeugen, erwächst die innovative Kraft, Neues entstehen zu lassen. Aus diesem Widerspruch des Ordnens und Zerstreuens erwächst dem Netz seine emergierende Wirkung 6 . Es ist

6 Das Phänomen der Emergenz kann damit umrissen werden, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Emergenz (von lat.: emergere, "auftauchen", "hervorkommen") bezeichnet das Entstehen neuer Strukturen oder Eigenschaften aus dem Zusammenwirken der Elemente in einem komplexen System. "Der Ausdruck "emergence" wird im Englischen häufig in einem alltagssprachlichen Sinn gebraucht und

44

unmöglich sich in Netzten linear zu bewegen, jeder Knoten des Netzes erfordert eine Entscheidung und ändert die Richtung der Bewegung. Navigation und Benutzerführung leiten mitunter die Wege, die die Userin im Netz zurücklegt, die Logarithmen von Suchmaschinen agieren (bisher) nicht der Semantik menschlichen Denkens entsprechend, ihre Suchergebnisse ermöglichen neue Wege und führen damit zu innovativen Verknüpfungen. "Dabei muss gewollt werden, was zugleich nicht gewollt wird: die zunehmende Wahrscheinlichkeit von nicht kontrollierbaren Rekombinationen" (Luhmann 1986: 161). Diese Eigenschaften von Netzstrukturen sind aber prinzipiell und lassen sich in unterschiedlichsten Arten von Netzen wiederfinden, sowohl in biologischen Netzwerken als auch in der sozialen Vernetzung, beispielsweise in politischen Netzwerken oder Frauennetzwerken mit nicht (ausschließlich) virtuellem Charakter.

3.1.2

Interaktivität

Eine weitere charakteristische Eigenschaft von Netzstrukturen kann in ihrer besonderen Ökonomie des Gebens und Nehmens gesehen werden. Durch das Gefüge logisch gegebener, gegenseitiger Abhängigkeiten entwickeln Netze eigene Symbiosen und bilden Kooperationen aus. Im Falle des Internets bedeutet dies, die potentielle Fähigkeit, real herrschende ökonomisch, politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich determinierende Kontexte zu unterlaufen. Inke Arns bezieht sich hinsichtlich dieser Netzeigenschaft auf die "Geschenkökonomie" als netzkulturelle Ausprägung in der digitalen Kommunikation. Fredrichs und Wiemert (2002) verweisen auf die Reziprozität von Netzeigenschaft als "konstitutives Prinzip schlechthin" (Fredrichs / Wiemert 2002: 188), das sie

bezeichnet dann das "Auftauchen" oder (erstmalige) "Erscheinen" irgendeiner Entität." (Stephan 2000)

45

als "relatives Gleichgewicht zwischen den Tauschpartnerinnen" in Frauennetzwerken auch empirisch belegen konnten. Dieses Geben und Nehmen, Senden und Empfangen, weist auf jene Eigenschaft von Netzwerken hin, die alle anderen Attribute erst bedingt: die Interaktivität

Die Interaktivität, wie sie Netze prinzipiell aufweisen und IKT als Eigenschaft der Neuen Medien anbietet, bedeutet mehr als einfach die Änderung von Angeboten und Gebrauchsweisen, sie impliziert einen veränderten Medienbegriff. Die Problematik ergibt sich aus der bisherigen Trennung zwischen Individual- und Massenkommunikation, die nun zu Konstruktionen wie dem Begriff "interaktive Massenmedien" (Höflich, 2003: 12) führt und kaum die Vielfalt an medialen Kommunikationsformen und neuen Medienformaten abdeckt oder erfasst, die seit der massenhaften Verbreitung des Internet entstanden sind.

Andererseits gibt die Entwicklung damit der "Massenkommunikation" als bisherigem Inbegriff öffentlicher medial vermittelter Kommunikation nur zurück, was stets ureigenes unausweichliches Attribut von Kommunikation war: Interaktivität, bei der sogar keine Antwort eine Antwort ist - "Es ist nicht möglich nicht zu kommunizieren" (Watzlawick 1969: 53). Die Anwendbarkeit dieser Aussage kann aus dem zwischenmenschlichen Kontext realer Kommunikation, für die sie Watzlawick mit seinen Axiomen entwarf, auch auf die Teilnehmenden von Netzkommunikation angewandt werden. "Die computerbasierten, globalen Netzwerke wirken wie eine massive Rückholaktion der Interaktivität in das Kommunikationsgeschehen". (Faßler 2001: 135)

Vor dem Hintergrund der im Abschnitt 3.1.6 beschriebenen Konzepte von Öffentlichkeit muss das nicht zwingend die Auflösung der unterschiedlichen Funktionen von Massenkommunikation (als veröffentlichter Kommunikationsinhalt ohne direkte Feedbackmöglichkeit) und der Individualkommunikation (als privater, direkt interaktiver Kommunikation) bedeuten. Wie Höflich (2003: 13) darlegt, kann es sich

46

hier nicht um eine Verschmelzung aller Medien in einem Universalmedium handeln, wie dies im Begriff der Konvergenz als Prognose impliziert wird. Eher erwiese es sich als analytisch sinnvoll, künftig darauf einzugehen, dass Interaktivität (sowohl direkt als indirekt) ein Wesensmerkmal der Vernetzung ist, in der Kommunikation heute öffentlich und privat stattfindet.

Eine weitere Verquickung von Wortbedeutungen für ein und denselben Begriff, soll hier noch geklärt werden: Interaktivität bezeichnet in ähnlichen Kontexten unterschiedliche, aufeinander bezogene Aktionen. Je nach wissenschaftlicher Disziplin und zugrunde liegendem theoretischem Bezugsrahmen bleibt zwar der logisch gleiche Prozess bezeichnet, doch handelt es sich nicht immer um die kommunikative oder soziale Interaktion, sondern mitunter um Datenströme oder auch um die gegenseitige Beeinflussung von gesellschaftlichen, kulturellen oder ökonomischen Systemen und Subsystemen, untereinander. "Interaktivität" gilt innerhalb der hier vorgestellen Forschungsthematik hauptsächlich im Sinne sozialer Interaktion und wird als Austauschprozess zwischen Netzakteurinnen betrachtet und steht damit im Gegensatz zum interaktiven Austausch zwischen Mensch und Maschine, bzw. Klient- und Serverrechner.

Bath (1997: 58) beschreibt "Interaktivität als wesentliches Merkmal von "Multimedia": "Interaktiv setzt sich zusammen aus ;inter` = zwischen und ,aktiv` = tätig, wirksam, wobei der Begriff in den letzten Jahren in Bezug auf die "Akteure" einen Bedeutungswandel erfahren hat. Wurde früher mit Interaktivität eine menschliche Kommunikation, Handlung oder wechselseitige Beeinflussung zwischen Individuen und Gruppen assoziiert, bezeichnet er jetzt eher einen Datenaustausch zwischen Computer und Anwenderin bzw. zwischen Rechnern untereinander. Meist bedeutet dies jedoch nur, dass die Anwenderin Ausgaben erzeugen kann, die in einem Spektrum programmierter Auswahlmöglichkeiten liegen. Die "Aktivität" wird also stark begrenzt. (…)" Die im "Hypertext" als

47

Organisationsprinzip von nicht linearen Textstrukturen festgeschriebene Entscheidungsmöglichkeit über die virtuellen Abzweigungen und Verläufe während des Navigierens erfordert zwar die "Aktivität" eine Entscheidung zu treffen, über den nächsten anzuklickenden Link, gibt aber keine direkte Feedbackmöglichkeit.

Das Internet "lebt" wie alle Netzstrukturen von der Interaktivität, denn ohne aktive Teilhabe, ohne Partizipation ist das Netz seiner grundlegenden und intendierten Netz-Fähigkeiten beraubt. Interaktivität beschreibt für die politische Kommunikation die weitestgehende Möglichkeit der Partizipation, der Teilhabe am stattfindenden Diskurs und bietet Raum für globale Zusammenarbeit und die Herausbildung interessengeleiteter Gemeinschaften. Hinsichtlich der später erörterten Konzepte von Öffentlichkeit kann Interaktion auch als "ein Prozess der wechselseitigen Orientierung von Menschen in bestimmten Situationen verstanden werden, bei der die Übergänge zur Kommunikation fließend bleiben, die Interaktion jedoch aufgrund ihrer höheren Dichte Aktivität auf der Gegenseite auslöst." (Winker 2005: 27). Winker bezieht "Aktivität" hier auf konkret frauenpolitisch gerichtetes Handeln als Aktion, ohne zu unterscheiden, ob online oder offline ausgeführt.

Ob im größeren Kontext gesellschaftlicher Kommunikation oder als Kommunikation von Gemeinschaften – Interaktivität ist das eigentliche Wesen des Internet. Das WWW entstand letztlich auch aus der Intention heraus, ein wissenschaftsbezogenes Kollaborationstool globalen Ausmaßes zu entwerfen. Erklärtes Ziel bei der Erfindung des WWW war die Verwirklichung einer Reader-Writer-Konzeption. Alle sollten sowohl Daten empfangen als auch zur Verfügung stellen können, Informationen lesen und schreiben (auf die textbasierte Kommunikation übertragen sozusagen sowohl hören, sprechen als auch antworten) können: Eine Interaktivität also, wie sie der interpersonalen Kommunikation generell zugrunde liegt und wie sie herkömmlich Gemeinschaft im Kleinsten begründet. Nach dem Vorbild der herkömmlichen Medien dient das WWW

48

überwiegend als Informationsquelle (One-to-Many) und wird von Medienunternehmen als solche produziert. "Die Nutzung dieser Internet- Information entspricht eher der Individualisierung des passiven Medienkonsums als einer gemeinschaftsbildenden Interaktivität." (Neumayer 2005: i. V.).

So wird im weiteren davon ausgegangen, dass Interaktivität, also die prinzipielle Gegenseitigkeit, ein Aufeinander–Bezug-Nehmen darstellt, wie es in der digitalen Netzkommunikation direkt und indirekt möglich ist, im einseitigen Gebrauch - das heißt in der nicht feedbackorientierten Verwendung rein distributiver oder massenmedialer Formate und Formen des Interneteinsatzes - aber nicht vorkommt.

3.1.3 Cyberspace und Virtualisierung des Sozialen

"Cyber" geht zurück auf das griechische "kybernetike", die Steuermannskunst, da der Cyberspace für ein Navigieren im Raum (space) steht" (Bath 1997: 62), erklärt Bath ihren Leserinnen kurz und bündig zur "Entmystifizierung" des Vokabulars neuer IKT. Zumeist setzt die Begriffsdefinition (Höflich 1996, Reid 1995) des "Cyberspace" bei seiner historisch ersten Erwähnung an, nämlich bei William Gibsons Science Fiction Roman "Neuromancer", in dem dieser Begriff eine neuronale Vernetzung der Mitglieder einer restlos virtualisierten Gesellschaft beschreibt (Gibson 1987). Ein weltumspannendes (hallizunogenes) System neuronaler Vernetzung steht sozusagen Pate für das wissenschaftliche Konzept des Cyberspace, das in unterschiedlichen Spielarten in fast allen diesbezüglichen theoretischen Überlegungen vorkommt. Zum Ausdruck kommt dabei das konstruierte Verhältnis von Raum, Zeit, Realität und sozialer Vernetzung. "Cyberspace ist der imaginäre, computergenerierte Raum "hinter" dem Computerbildschirm, der statt einer realen Anwesenheit Telepräsenz – eine Illusion von Nähe trotz geographischer Distanz - vermittelt" (Höflich 1998: 141), und definiert die Rahmenbedingungen für die Kommunikation im Cyberspace als

49

vermeintlich

Kommunikationsmöglichkeiten" (a.a.O.)

"assoziierte,

grenzenlos

anmutenden

Wenn hier von Kommunikation im Cyberspace bzw. von Netzkommunikation oder Kommunikation im virtuellen Raum gesprochen wird, bezeichnet dies all jene kommunikativen Vermittlungsprozesse die Online – das heißt über Datenverbindung mit dem Internet - erfolgen, im Gegensatz zur Offline-Kommunikation, also von Angesicht zu Angesicht zwischen räumlich nicht getrennten Kommunikationsteilnehmern geführter Kommunikation bzw. der medial - durch analoge Medien - vermittelten Kommunikation.

"Das was das Internet von allen anderen Netzen unterscheidet, ist seine Immaterialität" (Schachtner 2005a: 127) Diese Immaterialität ist eine für die Netzakteurinnen wahrnehmbare Tatsache. Aufgabe der Medien ist es (Mussgnug 2002: 179), Verbindung herzustellen, "Was Technik zu vermitteln versucht, ist, die Vermittlung überflüssig zu machen." (Mussgnung 2002: 182). Die wahrgenommene Immaterialität einerseits und gleichzeitig die imaginierte Räumlichkeit andererseits weisen ein großes Ausmaß an scheinbarer "Unvermitteltheit" (Mussgnung 2002:182) auf.

Zeit und Distanzgefühl sind historisch determinierte Größen, die sich nun – ebenso wie bei anderen technischen Entwicklungen wie beispielsweise durch die. Verbreitung der Eisenbahn, des Telefons, des Flugverkehrs, des Fernsehen etc. - verändert haben. Der Cyberspace vermittelt aber nicht nur eine veränderte Geschwindigkeit, sondern vor allem eine zusätzliche Raumerfahrung, er bietet die Möglichkeit, ein stationäres Daten-Ereignis als "Raum" zu erleben und mitzugestalten (Vgl. Mussgnung 2002: 54). "Der virtuelle Raum bewegt und verändert sich ununterbrochen mit den kommunikativen Akten derer, die ihn nutzen." (Schachtner 2005b 167).

50

Der Cyberspace steht in einem bestimmten Verhältnis zum Wirklichkeitsbegriff. Im Gegensatz zu Fiktion und Simulation ist der Begriff der Virtualität "weniger im Bereich des Realen angesiedelt, sondern vielmehr auf eine Transgression des Wirklichen auf Potentialitäten, Mögliches hin [ausgerichtet], ohne jedoch mit der Fiktion als gegenüber der Wirklichkeit autonomer Welt in eins zu fallen." (Karpenstein-Eßbach 2004: 187) Aus der Differenz und Nähe zum Realen entstehen virtuelle Welten. Virtualität erzeugt Möglichkeitsräume – als solcher kann der Cyberspace als virtueller Raum hier angesehen werden.

Als eine Eigenschaft von Netzen generiert der virtuelle Raum sozusagen Topographien, die aus der Abstraktions- und Formalisierungsfähigkeit des Menschen und deren Verknüpfungen zur Realität erwachsen und nicht direkt mit ihrer inhaltlichen Vermittlung verbunden sind. (vgl. Faßler 2001:

65) „Gerade deshalb werden elektronische Netzte im Zuge sozialer Veränderungen selbst als Räume wahrgenommen" (Faßler 2001: 65)

Die Raumanalogie (Raummetapher) im Begriff Cyberspace stellt sich als eine Art kognitiv konstruierte Topologie für eine Erweiterung der Kommunikationsmöglichkeit dar, die – wie alle technisch vermittelten Medien - das Zeit-Raum-Kontinuum, in dem die Kommunikation stattfindet, verändern, "quasi eine Erweiterung des Angebots an Kommunikationsräumen" (Höflich 2003: 27) bieten.

Für die Kommunikation im Cyberspace bedeutet dies einige "Imaginationsleistungen", die den "Cyberakteuren" (Höflich 2003: 30) abverlangt werden. Wenn von konstruktivistischen Überlegungen ausgegangen wird, erweitert der Cyberspace das, was wir ohnehin schon an Wirklichkeit für uns konstruieren, um eine weitere "Wirklichkeitssphäre" (Höflich 2003: 31).

Diese Imaginationsleistung erschwert jedoch nicht die Kommunikation, sondern macht es leichter, den Raum des Möglichen mit kognitiv

51

Fassbarem zu bekleiden. "Indem das elektronische Netz in Bezugnahme auf räumliche Metaphern konstruiert wird, lässt sich das Virtuelle "erden"." Durch Metaphern wie "Datenautobahn" "Chatroom" oder auch "Post" wird das Geläufige mit dem Neuen verbunden. "Das Neue unterscheidet sich vom Alten und muss dennoch genügend an Gemeinsamkeit mit ihm aufweisen, um durch die Unterscheidung erkennbar zu sein. Erst durch die bestehende Differenz wird das Neue anschlussfähig an das bereits bestehende" (Nowotny 2005: 9) "Virtueller Raum ist somit die Bezeichnung für eine Spannung, zwischen dem Neuen und dem Tradierten!" argumentieren Funken und Löw (2003: 11-12) und betrachten das Internet als eine Heterotopie des gleichzeitig ausschließenden und einbeziehenden Miteinanders innerhalb einer Netzstruktur.

"Netze sind als technologische Errungenschaften keine aus dem gesamtgesellschaftlichen Geschehen herauszulösende Erscheinung. Ein raum- zeittheoretischer Blick auf die Netze muss die Raum- Zeit- Dimension in Relation zu anderen Dimensionen betrachten" (Funken/Löw 2003). Herkömmliche Staatsgebilde sind in diesem Fall nicht mehr auf der Höhe der Räume "und die Realität der Möglichkeiten, der Entwicklungsmöglichkeiten wachsen". (Mussgnug 2002: 57-59)

Daraus ergibt sich der gesellschaftliche (auch frauenpolitische) Stellenwert der Netzkommunikation im Gefüge medialer und nicht medialer Kommunikationspraktiken, die Praktiken ausbilden und einen standardisierten Gebrauch ausformen, "nicht nur prozeduale Regeln, die den Verlauf der medialen Kommunikation bestimmen, sondern auch ein Kalkül, in das eingeht, zu welchem Zweck das jeweilige Medium verwendet werden kann, um auf sozial adäquate Art und Weise intendierte Kommunikationsabsichten realisieren zu können." (Höflich 1998: 150). Was Höflich hier vorrangig für die interpersonale Kommunikation feststellt, lässt sich auch auf den größeren Rahmen gesellschaftlicher Kommunikation und öffentlicher Diskussion übertragen. Wenn sich die

52

Konstruktion von Öffentlichkeit über das "Wie und Was" von Kommunikation definiert (vgl. Plake/Jansen/Schuhmacher 2001: 21), stellt sich der Cyberspace als der Ort dar, in dem netzkommunikative Öffentlichkeit "räumlich" verankert wird.

Dieser neue Raum von Öffentlichkeit zeichnet sich durch einen Virtualisierung des Sozialen aus. Bezeichnenderweise lässt sich für die Sozialität in virtuellen Netzwerken eine Art der Virtualität als grundlegend feststellen: "Häufig wird das Virtuelle als das Künstliche bezeichnet und vom Natürlichen abgegrenzt. Das Phänomen, dass die Individuen an einem anderen Ort agieren, als sie sich tatsächlich befinden […] So wenig, wie man bei kanalisierten Flüssen zwischen dem Künstlichen und dem Natürlichen unterscheiden kann, so wenig gelingt dies beim Eintritt in den "Cyberspace". (Paetau 1997: 118) Paetau zeigt damit auf, dass Sozialität im virtuellen Raum nichts "Unwirkliches" sein kann und die Begriffe "Wirklichkeit und Virtualität" nicht als Gegensätze dargestellt werden können. Die Grenzen kommunikativen Handelns gestalten sich somit zwischen den Öffentlichkeitssphären des "Virtuellen" und des "Wirklichen" als fließend.

Der Cyberspace stellt sich als ein Konstrukt heraus, das die in der menschlichen Kognition notwendige "Topologie" von Kommunikation liefert (ähnlich wie dies für gesellschaftliche Diskurse das Konstrukt "Öffentlichkeit" darstellt). Eine Raumanalogie, die letztlich auch von der Wissenschaft als solche genutzt wird, "als sinnvolles Konzept, um einerseits die sozialen und kommunikativen Praktiken zu dessen Ausgestaltung, andererseits aber auch die damit einhergehenden, sozial bedingten Begrenzungen von Kommunikation zum Thema zu machen." (Paetau 1997: 110). Für die Netzakteurinnen selbst ist der virtuelle Raum ein Erdachter, der nicht "wirklich" oder direkt im Verhältnis zum Funktionieren ihrer Kommunikation steht.

53

In Folge wird vom "Cyberspace" als vom "virtuellen Raum" die Rede sein. Dies erscheint als der geeignete Begriff zum ersten, weil er als solcher in der deutschsprachigen Literatur einschlägig Verwendung findet, zum zweiten um zumindest in den Eckpfeilern theoretischer Begriffsabgrenzung eine durchgehend deutschsprachige Grundterminologie beizubehalten, wie sie in der deutschsprachigen Theoriebildung auch angestrebt wird.

3.1.4

Netzkommunikation

Unter Netzkommunikation wird jene soziale Interaktion bezeichnet, die sich bei ihrer Vermittlung auf digitale Vernetzung stützt. Mit mehr oder weniger geringen Abweichungen kann Netzkommunikation mit dem gleichgesetzt werden, was in der anglo-amerikanischen Forschungstradition mit "computer mediated communication" bezeichnet wird (vgl. Schneider 1997, 30) und in entsprechender Übersetzung beispielsweise bei Höflich (1996) als "computervermittelte Kommunikation" geführt wird. Auch die Bezeichnung Online-Kommunikation (im Gegensatz zu Offline-Kommunikation) drückt einen wichtigen Wesenszug der Netzkommunikation aus, die ja anhand von Computern und über digitale Datenverbindungen vermittelt wird.

Netzkommunikation ist jede Form von Kommunikation zwischen Menschen, die via digitale Netzwerke miteinander in Verbindung treten, unabhängig von der technologischen Peripherie, Plattform oder Software, die dabei zum Tragen kommt. Netzkommunikation kann in der Gestalt von E-Mailing, Foren, Bulletin-Bords, News-Groups, List-Servers auftreten. Im Bereich der synchronen Kommunikation tritt Netzkommunikation zumeist als Instant Messaging, Internet-Relay-Chat oder webbasierte Chat- Applikation auf. Netzkommunikation umfasst soziale Interaktion via Video- und Audio-Streaming und entsprechende Conferencing - Anwendungen ebenso wie Voice-over-IP-Anwendungen, Netzkommunikation tritt auch in Multiplayer-Onlinegames (bspw. MUD´s und MMOG´s) in Erscheinung.

54

Auch das Personal Publishing und die so entstehenden "Kleinen Medien" (vgl. Arns 2002: 39) wie Weblogs und Wikis (vgl. Neumayer 2005:

i.V.), und der Austausch von RSS-Daten (Content-Syndication) zählen inzwischen zu den populären und üblichen Formen von Netzkommunikation. In Peer-to-Peer Social Networks tritt die Netzkommunikation mit der Betonung auf gezielter sozialer Vernetzung in Erscheinung. Andere technologische Entwicklungen, wie "collaborative tools" bspw. Wikis, forcieren die Organisation der Zusammenarbeit auf der Basis von Netzkommunikation. Groupware unterstützt Organisationsaufgaben und E-Learning Programme verwenden die Netzkommunikation in der Virtualisierung von Wissensvermittlungsprozessen.

Aus den vielen verwirklichten und potentiellen Anwendungsgebieten der Netzkommunikation resultieren unterschiedliche Forschungsperspektiven im Hinblick auf Phänomene der Netzkommunikation. Im Zuge dieser Forschungsarbeit beschäftigte ich mich vorrangig mit dem sozialen Gebrauch der Netzkommunikation, also mit der Bildung, Unterstützung und Erhaltung von Beziehungen zwischen Individuen, Gruppen und Gemeinschaften und mit den kulturellen Aspekten der Netzkommunikation.

Netzkommunikation umfasst also eine Vielzahl von unterschiedlichen Kommunikationsformen und Medienformaten gleichzeitig und bringt eine Verschmelzung und Vermischung konventionalisierter Formen der Individual-, Gruppen- und Massenkommunikation hervor. Der Kommunikationsmodus der Netzkommunikation ist in der überwiegenden Anzahl der Fälle eine Verschriftlichung von Kommunikation, die mitunter Merkmale oraler Kommunikation beinhaltet Netzkommunikation ist Kommunikation "zwischen Schreiben und Sprechen" (Schachtner 2002a:

16).

55

Netzkommunikation nimmt eine eigene Stellung in der Virtualität des Cyberspace ein, denn durch die Eingabe von (Sprach-)Daten vollzieht sich das reale (kommunikative) Handeln der Netzakteurinnen, die damit den Wirklichkeitsbezug herstellen und zugleich so diesen Raum erst entstehen lassen. Letztlich lässt sich die Interaktion, wie sie in der Netzkommunikation stattfindet, nicht mit demselben Schema eines Verständigungsprozesses beschreiben wie die Situation einer sozialen Interaktion im realen Raum und wird daher unter dem Aspekt eines neuen Interaktionsraumes analysiert. Dieser neue Interaktionsraum entsteht durch die kommunikative Interaktion und die Dichte der Kontexte auf virtueller Ebene. "Bei der Online Kommunikation handelt es sich […] nicht um ein Medium, wie es Beiträge über "das" Internet gelegentlich unterstellen. Die unterschiedlichen Protokolle der weltweiten Computernetze eröffnen statt dessen einen neuen Kommunikationsraum, innerhalb dessen sich verschiedene Kommunikationsmodi ausdifferenziert haben und weiter ausdifferenzieren werden." (Rössler 1998: 131)

Netzkommunikation kann sich sowohl einseitig als auch zweiseitig vollziehen, als Massenmedium fungieren oder auch zur direkten Interaktion dienen, ohne dass physische Präsenz nötig wäre. "Netzkommunikation z. B. ist wirklich und auch wieder nicht, sie ist interaktiv, aber auch einbahnig." (Schneider 1997: 33)

Netzkommunikation aus feministischer Perspektive

Aus dem kommunikativen Handeln entsteht also ein sozialer Raum der wiederum unter verschiedenen Perspektiven erforscht werden kann. Die Fragestellung dieser Arbeit setzt vor allem die Perspektive von Netzkommunikation hinsichtlich der Verwirklichung feministischer und global friedenspolitischer Interessen an.

Der politische Aspekt beschäftigt sich mit der Netzkommunikation als Instrument der Partizipation bzw. erforscht die demokratiepolitischen

56

Implikationen der Netzkommunikation hinsichtlich einer Geschlechterdemokratie und der globalen Entwicklung von zivilgesellschaftlichen Netzkulturen jenseits nationaler Determinismen. Die hier gewählte Perspektive analysiert die Herausbildung von Netzkultur(en) und Netzgemeinschaft(en) hinsichtlich ihrer feministischen Implikationen also dahingehend, welche Möglichkeiten die Netzkommunikation bietet, Benachteiligungen, die aus dem Geschlechterverhältnis erwachsen, abzubauen und Selbstbestimmtheit zu fördern (Schachtner/Winker 2005:

8).

Aus diesem Kontext heraus erweisen sich besonders zwei Aspekte der Netzkommunikation als besonders interessant. Zum einen ist in vielen öffentlichen Bereichen netzmedialer Settings (Foren/Chats/Newsgroups u.s.w.) durch die gewährleistete Anonymität eine Loslösung von realen Handlungskontexten und auch soziokulturellen Kontexten gegeben. Identität wird in der Netzkommunikation neu entworfen und "als Projekt, das nach vorne hin offen ist" (Schachtner 2002a: 21) gedacht. Netzkommunikation - so der zweite und hier zentrale Aspekt - wirkt darüber hinaus gemeinschaftsbildend und grenzüberschreitend. "Online- Netze versprechen eine Ergänzung, manchmal eine Alternative zu erodierenden Netzen jenseits der Neuen Medien zu sein" (Schachtner 2002a: 22). Virtuelle Netzwerke können vor dem Hintergrund frauenpolitischer Zielsetzungen die Artikulation von frauenpolitischen Themen und deren Positionierung in der öffentlichen Debatte positionieren. Als Virtualisierung des sozialen Netzwerkens von Frauen (Biber / Hebecker 1997: 174), eröffnet Netzkommunikation neues demokratisches Potential, um "verbesserte Formen für die kulturellen und politischen Kämpfe benachteiligter Minderheiten breitzustellen" (vgl. Drüecke/Winker 2005: 41)

57

3.1.5 Netzkommunikation als Ausprägung von Medialisierung

Wie bereits ausgeführt verwendet Höflich das Konzept des Computerrahmens zur Analyse jener Interaktionen, die hier als Netzkommunikation dargestellt werden. Er definiert sie als "Kommunikation, die computervermittelt zwischen Menschen stattfindet "(Höflich 1996: 15) allerdings bezieht er sich auf Kommunikation zwischen Individuen und Gruppen, die sonst nie miteinander in Kontakt kämen. "CVK [computervermittelte Kommunikation – Anm. M.N.] erfolgt vorwiegend unter bislang Fremden, also mit Personen und Personengruppen, zu denen bisher keine Sozialkontakte bestanden haben und womöglich auch nicht folgen werden (wenngleich dies jedoch nicht ausgeschlossen ist)" (Höflich 1996: 148). Inzwischen hat es sich durchwegs durchgesetzt die Netzkommunikation als eine medialisierte Form der Kommunikation zu betrachten, die durchaus mit realen Kontakten und Kontaktmöglichkeiten in Wechselbeziehung stehen kann, aber nicht muss, die jedoch nicht von vornherein nur dort oder dann stattfindet, wo es sonst keine Kommunikation gäbe.

Schneider (1997: 33) verweist darauf, dass in den Medientheorien und Theorieansätzen zur Massenkommunikation immer der Faktor des Massenhaften unreflektiert mitgedacht wird – wodurch es zu den Dichotomien Massenkommunikation versus interpersonale oder face-to- face Kommunikation bzw. Massenkommunikation versus Gruppenkommunikation oder auch bürgerliche Öffentlichkeit versus Medienöffentlichkeit erst überhaupt kommen konnte, und wie sie heute in der Analyse sozialer Interaktion und kommunikativen Handelns vor allem in Bezug auf die Netzkommunikation nicht mehr hilfreich erscheinen. Sie fordert in ihrer Schlussfolgerung, dass die bisherigen Analysen von Gruppenbildungsprozessen etc. um jene Prozesse, die durch die Netzkommunikation in Gang gesetzt worden sind ergänzt werden müssen.

58

In Anbetracht der medientechnischen Diversität und ihrer gleichzeitig in viele Richtungen orientierten Weiterentwicklung kann Kommunikation als soziale Interaktion in Prozessen der Gruppen- bzw. Gemeinschaftsbildung oder als Verständigungsprozess zwischen zwei Personen kaum mehr als Interaktion ohne technische Hilfsmittel gesehen werden, da Kommunikation in zunehmenden Maße medialisiert stattfindet und diese Medialisierung alle Lebensbereiche betrifft.

Medialisierung bezeichnet einerseits die Prozesse einer sich verändernden Kommunikation durch die Entzeitlichung, die Enträumlichung und die Vervielfältigung, wie sie die Medienentwicklung mit sich bringt. Zum anderen werden damit Veränderungsprozesse beschrieben, die sich aus der Medienvermitteltheit von Kommunikation und dem damit einhergehenden kulturellen und gesellschaftlichen Wandel ergeben.

Medien sind kulturelle Produkte, die der sozialen Kommunikation dienen, allen Medien ist zueigen, dass sie die natürlichen Einschränkungen von Kommunikation erweitern. (vgl. Schulz 2004: 5). Wobei es Schulz vor allem um die funktionale Perspektive von Kommunikation und hier wiederum vor allem um Massenmedien geht. Der Zusammenhang von Medienwandel und sozialem Wandel wird, wie bei (Behmer et.al. 2003) als interdependente Wechselwirkung beschrieben, medialer Wandel ist ein Aspekt des allgemeinen sozialen Wandels. (Schulz 2004: 8) Der Prozess der Medialisierung wird hier dargestellt als gekennzeichnet durch Extension, i.e. die Tendenz zur Ausweitung von Kommunikationsmöglichkeiten, und Substitution, bei der soziales Handeln oder auch soziale Institutionen durch Medien ersetzt werden. Den digitalen Kommunikationsmedien mit direkter Feedbackmöglichkeit räumt Schulz allerdings nur im Rahmen der privaten Kommunikation einen Stellenwert ein. Doch den neuen Medien ist auch definitorisch neu zu begegnen, sie bieten sowohl ein hohes Maß an Selbstselektion und Selbstbestimmung (Schulz 2004: 12) als auch an Selbstorganisation.

59

Daraus leitet Schulz seine These der fortschreitenden Medialisierung ab und ortet steigende Konvergenz und stete Kontinuität als wesentliche Entwicklungsrichtungen medialen Wandels, in dem die neuen Medien letztlich einfach weitere Spielarten des Hybridmediums bzw. eine Rekonfiguration herkömmlicher Medien bleiben. (Schulz, 2004: 13)

Letztlich zeichnet Schulz ein tristes apokalyptisches Szenario für das Zusammenwirken von sozialem und medialem Wandel: Sein Konzept der Medialisierung sieht eine klare Tendenz zu Wirklichkeitsverlust, Ungleichverteilung von Partizipations- und Vermittlungschancen als Ergebnis dieses Wandels. So erweist sich die Frage nach einer Definition des Begriffes Medium im Zusammenhang mit Netzkommunikation als eine Frage nach dem Ausmaß und dem Grad der Medialisierung von Kommunikation allgemein (vgl. Faßler 2003: 70), die sich in der Netzkommunikation je nach Form und Format stark ändern. Ein Newsletter weist ganz andere Merkmale der Medialisierung von Kommunikation auf als ein Chat, ein E-Mail oder der Kommentar in einem Weblog. Mediendefinitionen haben vor dem Hintergrund der Entwicklungen der modernen Informations- und Kommunikationstechnologie mitunter eine kurze Gültigkeitsdauer. Netzkommunikation hat massenmedialen Charakter – mitunter aber nicht nur solchen. Die Definition der Medialisierung von Kommunikation bestimmt grundlegend die Sichtweise der Netzkommunikation als hier verwendeten Begriff

3.1.6

Netzwerke

Im hier gegebenen Zusammenhang verstehe ich Netzwerk als ein Phänomen in Netzstrukturen, das durch Verdichtung entsteht. Vor dem Hintergrund dieser Definition sei jedoch festgestellt, dass es im Weiteren nicht um "Netzwerke" als technische Vernetzung geht, sondern um deren kommunikationsrelevante Folgen für die soziale Vernetzung. Daraus resultiert die Notwendigkeit, den Netzwerkbegriff in seiner Differenzierung

60

von Datennetzwerken (hinsichtlich ihrer Zugänglichkeit und netzpolitischen Grundlage) und politischen Netzwerken (hinsichtlich ihrer Position im öffentlichen Diskurs) in seiner Ausprägung als virtuelles Netzwerke (auf der Basis ihrer technischen Vermitteltheit im Kontext zu ihrer Position und ihrer Konzeption von Öffentlichkeit) zu analysieren.

"Virtuelle Netzwerke lassen sich über die technischen und ästhetischen Voraussetzungen ihres Internetauftritts sowie durch die Vielzahl ihrer Akteurinnen begreifen. Lebendig werden Netzwerke aber durch die Gemeinschaft ihrer Akteurinnen, in virtuellen Netzwerken Community genannt. Diese füllt das Netzwerk mit Leben, sie ‚bewohnt‘ und gestaltet es. (Duval 2005: i. V.)

Der Begriff Netzwerk ist in vielerlei Hinsicht ein altbekanntes Schema oder Verbindungsmuster, wie es auch im beruflichen, ökonomischen Netzwerk eine Entsprechung findet. Ob es nun um das "soziale Netz", dass für die Absicherung durch Sozialleistungen sorgen soll, die nachbarschaftliche Hilfe, um Bindungen und Abhängigkeiten in der Familie bis hin zu mafiösen Tendenzen oder gesamtgesellschaftliche Netzwerke, wie den Generationenvertrag geht – Vernetzung und Netzwerkbildung haben viele Gesichter und machen Menschen nachhaltig lebensfähig. Vernetzung steigert die Lebens- und Strategiefähigkeit sowie das Durchsetzungspotential der Akteure (Bullinger / Nowak 1998). Die neuen Netzkulturen und ihre medientechnische Determiniertheit verändern die Ausprägungen sozialer Vernetzung.

"Technische Vernetzungen spielen im Rahmen der gesellschaftspolitischen Entwicklung der letzten Jahrzehnte eine bedeutende Rolle. Sie werden als Wiege des modernen Netzwerkbegriffs und als Vorlage gesellschaftlicher neuer Zusammenschlüsse benannt." (Goy 2004: 127). Der Terminus Netzwerk ist, lange bevor er uns in seiner digitalen Verfasstheit wieder begegnet, bereits ein umfassend untersuchtes Phänomen, das die Komplexität sozialer Beziehungen oder

61

auch politischer Mobilisierungsstrukturen beschreibt. Wie Goy in ihrer Analyse beruflicher Netzwerke herausarbeitet, wurzelt der Begriff des Netzwerkens in den 1970er Jahren. Das Netzwerk als enthierarchisierte Organisationsform wurde zur Strategie und Kultur der Gegenöffentlichkeit, in dem ein oppositioneller Gemeinschaftsgedanke eine neue Form demokratischer Partizipation ausbildete. "Seit Jahrzehnten ist der Begriff des Netzwerks im sozialwissenschaftlichen Kontext neben sozialen Netzwerken im Zusammenhang von Initiativen, Zusammenschlüssen, Selbsthilfegruppen und frauenspezifischen Gruppierungen zu finden. Dabei wird das Bild des Netzes häufig als Gegenüberstellung zu hierarchischen Ordnungsmustern herangezogen, mit dem Ziel, auf gesellschaftliche Defizite aufmerksam zu machen und diese durch vernetzte Kommunikations- und Strukturierungsmuster ergänzend auszugleichen. Die verschiedenen kleineren und größeren Netzwerke sollen politisch virulente Zusammenschlüsse außerhalb der etablierten vor allem parlamentarischen Zusammenhänge entfalten." (Goy 2004:127)

Akteure solch eines losen Zusammenschlusses, wie ihn ein Netzwerk darstellt, können sowohl einzelne Personen, Organisationen, wie zum Beispiel NGOs oder Organisationsteile aus unterschiedlichen Bereichen sein, die ohne zentrale Steuerung und Hierarchie zwar besonders flexibel und innovativ bleiben, die allerdings auch wenig berechenbar sind. Darauf bezieht sich auch die Annahme, dass mit der Vernetzung die Strategiefähigkeit, Lebensfähigkeit und das Ducksetzungspotential der Akteurinnen eines Netzwerkes steigt (Vgl. Weber 2002: 11) So sieht Weber (2002: 10) die Netzwerkstruktur auch als die Idealform von Organisationen selbst, als Gegenvorschlag zur hierarchischen Pyramiden- Organsiation, wie sie in Wirtschaft und Bürokratie vorherrscht und die mit der Komplexität nicht mehr zu Rande kommt, die sich aus den heutigen Anforderungen ergibt.

Das scheint für den Umgang mit Komplexität zwar sinnvoll, klammert aber die beabsichtigte emergierende Wirkung der ursprünglichen

62

"Netzwerkidee" aus. Denn was in Netzwerken "wirkt" ist die Emergenz, die aus den Querverbindungen zwischen eigenständigen, von einander unabhängigen AkteurInnen erwächst und in einer Vernetzung durch ein gemeinsames Anliegen - und nicht durch organisationale Abhängigkeiten - Veränderungen ermöglicht.

Gerade aus der Eigenschaft des Netzwerks, neue Verbindungen zu nutzen und zu verdichten, die über institutionelle, gesellschaftliche, kulturelle und nationale Grenzen hinweg verlaufen und diese damit aufzuweichen und durchlässig machen, resultiert der Einfluss und Wandel im Sinne des jeweils verfolgten Interesses, das innerhalb der wahrgenommenen Grenzen nicht mehr zu lösen, nicht mehr zu bewegen ist. (vgl. Schachtner 2002b)

Aus kommunikationswissenschaftlicher Sicht kann das Internet als ein Netz kommunikativer Verbindungen angesehen werden. Es bildet eine globale Kommunikationsgemeinschaft, in der alle Teilnehmenden prinzipiell mit allen anderen Teilnehmenden via digitale Datenübertragung miteinander in Kontakt treten können. Wo Netzkommunikation stattfindet, bildet der interaktive Austausch durch seine Qualität hinsichtlich Intensität, Häufigkeit bzw. Beschleunigung des Austauschprozesses eine Verdichtung aus, die zur Ausprägung von Netzwerk-Strukturen führt. Die enge Verwobenheit der Beziehungen eines Netzwerkes beruht letztlich darauf, das Potential bestehender Verbindungen der Netzstruktur als solches zu verwenden. (vgl. Garton/Haythornthwait/Wellmann1999, 86)

Im Datennetz Internet als Infrastruktur begegnen uns soziale Netzwerke auf der Ebene der Information und des Informationsaustausches, der Kommunikation und der gemeinschaftlichen Aktion, deren Ziele auch außerhalb des gemeinsamen virtuellen Raumes liegen können. Denn kommunikative Vernetzung bildet unterschiedliche Grade von Dichte aus, Netzwerke entstehen aus Verdichtung (vgl. Mussgnug 2002: 194). Das Netz vernetzt viele Netze (Garton/Haythornthwait/Wellmann 1999, 87)

63

ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Interessenslagen und kultureller Kontexte. Die Akteurinnen eines Netzwerkes wollen "gemeinsam ihre Interessen vertreten, ihre Möglichkeiten und Macht für einander einsetzen und miteinander ergebnisorientierte Aushandlungsprozesse […] führen" (Goy 2004, S 127).

Kurz und bündig: "When a computer network connects people or organisations, it is a social Network. (Garton/Haythornthwait/Wellmann 1999: 75) Fredrich und Wiemert (2002: 18) gehen davon aus, dass eine enger gesteckte Definition nötig ist, damit mit dem Netzwerkbegriff nicht zu inflationär umgegangen wird und schlagen für die Analyse von Netzwerken die Perspektiven der Unterscheidung nach Dichte (der Beziehungen und Bindungen), nach Inhalten (Ressourcen, Tauschobjekte, Nutzen) und nach Dauer (inklusive der inneren Dynamik der Qualität und Stärke der Beziehungen) innerhalb des Netzwerks vor. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal ergibt sich aus der Zahl der AkteurInnen und Akteursgruppen, nach ihren Zielen und Handlungsorientierungen bzw. danach, in welchem sozialen Feld sie agieren (Politik, organisational oder interorganisational ect.). Das Netzwerk wird als "Organisationsform zur Bewältigung bestimmter Handlungsprobleme" (Fredrich/Wiemert 2002: 19) aufgefasst.

Ein einheitliches Bild dessen, was ein Netzwerk nun ausmacht, lässt sich in der sozialwissenschaftlichen Diskussion derzeit noch nicht ausmachen. Goy (2004: 128) stellt dazu fest, dass die an Netzwerken Partizipierenden "in der Regel, projektbezogen; interdisziplinär, sowie problemlösungsorientiert bzw. bedürfnisorientiert vorgehen und dabei praktische und/ oder politisch gestalterische Ziele verfolgen sowie Synergieeffekte durch das Bündeln von Ressourcen und Know-How nutzen wollen."

64

3.1.7 Öffentlichkeit und Gemeinschaft im virtuellen Raum

Virtueller Raum als Ort neuer Öffentlichkeit

Das Internet schafft Öffentlichkeit(en), der Cyberspace als "mediale Sphäre binärer Netze" (Faßler 2001: 71) stellt eine Sphäre der Öffentlichkeit dar. Mit der digitalen Netzkommunikation erweitert sich die potentielle Öffentlichkeit über den physischen Raum in virtuelle Räume. Wenn der virtuelle Raum also jenen imaginierten "Topos" darstellt, in dem Netzkommunikation stattfindet, so kann er als Raum gewertet werden, in dem sich sowohl Öffentlichkeit als auch Privatheit entspinnen (vgl. Schachtner 2005b: 185).

Der Begriff Öffentlichkeit ist ein vielgestalter, der sich nur schwer in einer klaren Definition einfangen lässt, vielmehr ist "Öffentlichkeit" ein zu Konstruierendes, ein Konstrukt in dessen Sichtweise die Kultur politischer Diskussion in demokratischen Systemen verhandelt wird. Der Cyberspace nimmt diesbezüglich als "Ort der Öffentlichkeit" noch eine besondere Stellung ein, die sich einerseits aus seinen besonderen Eigenschaften und den netzpolitischen Vorraussetzungen ergibt. Andererseits stellt sich der virtuelle Raum aufgrund seiner geringen historischen Verankerung in den Gesellschaften und der schnelllebigen Entwicklung neuer Kommunikationsformen als besonders formbar und offen für die Einschreibung beliebiger, auch neuer, Formen und Konzepte von Öffentlichkeit dar. (Vgl. Kücklich, 1998) Die Konzeptionalisierung von Öffentlichkeit im Internet, wie sie sich in unterschiedlichen Netzkulturen vollzieht und wie sie demokratiepolitische Diskussionen allgemein erarbeiten, sind in nach wie vor in Bewegung und geben somit die Chance "den Öffentlichkeitsbegriff mit Erkenntnissen der feministischen politischen Theorie zu verbinden" (Drüecke / Winker 2005: 39)

Welche Form(en) der Öffentlichkeit entstehen durch die digitale Netzkommunikation und welches Verständnis von Öffentlichkeit bildet die

65

Grundlage

geschlechterdemokratischen Netzkommunikation?

eines

gesellschaftlichen

Wandels

im

Sinne

einer

Bei Plake, Jansen und Schuhmacher (2001: 19) wird festgestellt, dass das Verständnis von "Öffentlichkeit" sich auf unterschiedliche Objektbereiche bezieht und dass es sich darüber definiert, ob damit ein Geschehen, eine Kommunikation oder ein Raum als "öffentlich" bezeichnet wird. Diese "drei Konnotationen des Öffentlichkeitsbegriffs, nämlich a) Vorgänge von allgemeinem Interesse, b) Kommunikation, die sich an alle richtet, sowie c) Zugangsoffenheit von Räumen, Plätzen, "Sozialräumen" und institutionalisierten Bereichen sind Elemente von Öffentlichkeitsbegriffen, die sich in vielen Definitionen wieder finden." (Plake/Jansen/ Schuhmacher 2001: 20)

Im demokratietheoretisch-politikwissenschaftlichen Ansatz, der Öffentlichkeit als Kommunikation auffasst, geht es um die "Kommunikation, die einen Konsens zustande kommen lässt".(Plake/Jansen/Schuhmacher 2001: 21) Bezieht sich Öffentlichkeit auf Kommunikation, ist der Gegenstand derselben nicht definitorisch, das Objekt und seine Relevanz sind Konstruktionen, Öffentlichkeit äußert sich (demokratiepolitisch) im gemeinsamen Konsens bzw. in der Emergenz von Sinn. Öffentlichkeit äußert sich schlichtweg darin "dass und wie kommuniziert wird" (Plake / Jansen / Schuhmacher 2001: 21).

Dieses "Wie" der Kommunikation setzt sich hier vor allem mit dem Verhältnis zwischen "virtueller" und "realer" Öffentlichkeit auseinander. Dabei sind die Authentizität und Wahrhaftigkeit ebenso Thema wie die Konstruktion von Identität im virtuellen Raum, der als "vage Sphäre" gilt.

Öffentlichkeit im virtuellen Raum stellt durch dessen Eigenschaften die herkömmliche gesellschaftliche Definition von "privat" und "öffentlich" in Frage. Das gewandelte Verhältnis zwischen massen- bzw. individualkommunikativen Aspekten vor dem Hintergrund des generellen

66

gesellschaftlichen Wandels setzt die Definition von "öffentlich" und "privat" in ein neues Zusammenspiel. Ähnlich verhält es sich mit der geographischen Dimension von Öffentlichkeit; die Widersprüchlichkeit von "lokal" und "global" schwindet in ihrer bisherigen Ausprägung (Vgl. Schachtner 2005b: 186, sowie Schachtner 2002b)

Die Öffentlichkeit als kulturspezifische Konstruktion und nationalstaatlich durchgesetzte Rechtssphäre (Zensur, Datenschutz, Redefreiheit etc.), weicht sich mit zunehmender Verbreitung des Internets deutlich auf. Zum einen kann das den Eigenschaften von distributiven Netzen zugeschrieben werden, hier vor allem jenem (nicht rein technischen) Phänomen des sogenannten "Gilmore-Effekts" 7 (Lorenz-Meyer: 2003). Zum anderen schafft eben diese Netzkommunikation auch hinsichtlich der gesellschaftlichen Veränderungen, die mit ihnen einhergehen, neue Gegebenheiten für Öffentlichkeit(en). Diesen Veränderungen wird zumeist mit der Forderungen nach Steuerung und Regelung (auf Seiten der Macht) begegnet oder sie werden als Freiraum und Chance zur Verwirklichung von gesellschaftlichen Wandlungsprozessen, zur Realisierung von gesellschaftlichen Utopien oder Wunschvorstellungen oder zur Ausweitung des Handlungsspektrums der Teilnehmenden jenseits von hierarchischer Ordnung verstanden und analysiert. Vermeintlich fehlende gesetzliche Rahmenbedingungen und die fehlende - weil unmögliche - Kontrolle der gleichberechtigten Teilhabe am politischen Diskurs im Internet stellen nicht nur nationalstaatliche Grenzziehungen in Frage.

7

"The

Net

treats

censorship

as

a

defect

and

routes

around

it"

John

Gilmore

(http://cyber.law.harvard.edu/people/reagle/inet-quotations-19990709.html)

67

Wenn es in dieser Arbeit also nun um Öffentlichkeit geht, dann darum, welche Veränderungen, welchen kulturellen und gesellschaftlichen Wandel die digitale Netzkommunikation für die bisherigen Konzepte von Öffentlichkeit mit sich bringt.

Interaktivität und gleichberechtigte Austauschprozesse, wie sie das Internet in Form von digitaler Netzkommunikation ermöglicht, lassen als erstes an das Ideal einer diskursiven Rationalität denken, wie sie Jürgen Habermas (1990) in der Tradition der politischen Philosophie des vergangenen Jahrhunderts festschrieb. Erklärungen für strukturellen Wandel der Öffentlichkeit, der sich im Zeitalter digitaler Netzkommunikation entfaltet, lassen sich daraus aber nicht ableiten. Zwar bilden Medienentwicklung und Medialisierungsprozesse zentrale Quellen für Veränderungen von Öffentlichkeit, allerdings bietet die Analyse der Veränderungen der bürgerlichen Gesellschaft durch die Entwicklung von Massenmedien die Grundlage für das Verständnis - aber nicht für die Analyse - der aktuellen Wandlungsprozesse. Zwischen den Polen der herkömmlichen Medien (als Vermachtete) und der egalitären Medien (als freie grenzüberschreitend interaktive digitale Netzkommunikation) werden demokratiepolitische Überlegungen darüber verankert, wie die Defizite moderner Demokratien ausgeglichen werden können. Die idealtypische Gegenüberstellung von vermachteter Medienöffentlichkeit und egalitärer Diskursöffentlichkeit, wird von Holmes (2002), Dahlenberg (2001) u.v.a. in Anlehnung an die demokratietheoretischen Überlegungen von Habermas (1981, 1990) für die Analyse einer veränderten Öffentlichkeitskonzeption hinsichtlich der Entwicklungen der IKT. Habermas selbst jedoch nimmt zum Internet, "dem er demokratiepolitisch jedes Entwicklungspotential abspricht, [von dem er] vielmehr sogar Rückschritte erwartet, indem er die neuen Medien in der Funktion sieht, zu einer Fragmentierung der Öffentlichkeit im weltweiten Maßstab beizutragen" (Plake, Jansen, Schuhmacher 2001: 39 sowie Bühl 2000: 290), nie ausführlicher Stellung. Ob nun diese Fragmentierung als viel beschriebenes postmodernes

68

Phänomen von Gesellschaftsentwicklung (Brunner 1997) gesehen wird oder wie bei Fraser (1996) als ein wichtiger Prozess zur Bildung von subalterner Gegenöffentlichkeit gelten kann, in der auch marginalisierte, noch nicht im öffentlichen Bewusstsein vorhandene Thematiken sichtbar werden, ist eine Frage, deren Beantwortung weiteren Arbeiten zu diesem Thema überlassen bleibt.

Für Luhmann haben Massenmedien nicht die Funktion, Öffentlichkeit herzustellen, sondern sie zu repräsentieren, als öffentlich gilt im System der Massenmedien ausschließlich als Produkt erzeugte veröffentlichte Meinung. Die Tatsache der Veröffentlichung gilt als Öffentlichkeit- konstruierend, Themen sind öffentlich und in einem allgemeinen Zustand des Bewusstseins, wenn sie Thema der Medien sind und der Rezipient durch ihr Auftreten um das Thema weiß und noch wichtiger: wahrnimmt, was andere auch wissen. Für die Systemtheorie Luhmanns ist die Öffentlichkeit als eine Institutionalisierung der politischen Kommunikation zu sehen (Plake, Jansen, Schuhmacher 2001:43). Themen sind sozusagen ein Reflex von Ereignissen. Medien bilden eine Eigenwirklichkeit, in der es um die Erlangung von Aufmerksamkeit für nicht direkt erlebbare Bedeutungen von Themen der Gesellschaft geht. Öffentlichkeit ist hier die gesellschaftsinterne Umwelt der gesellschaftlichen Teilsysteme. Was in dieser Konzeption von Öffentlichkeit wenig Beachtung findet, ist die Möglichkeit zur unmittelbaren, aktiven Teilnahme, wie sie das Internet heute bietet.

Dessen ungeachtet bilden die systemtheoretischen Überlegungen Luhmanns einen wertvollen Beitrag und zwar besonders zur Kritik an den euphorischen Utopien, wie sie manche Netzkulturen ausbilden, indem sie ein neues athenisches Zeitalter heraufdämmern sehen. Dies optimistische Sichtweise trifft jedoch nur innerhalb kleiner Teilöffentlichkeiten im Internet zu, also innerhalb einer Gemeinschaft von Teilnehmenden, die sich mit mehr oder minder durchlässiger Grenzziehung selbst konstituiert und eine virtuelle Gemeinschaft bildet (Dahlenberg 2001).

69

Öffentlichkeit steht in der heutigen Gesellschaft in einem Abhängigkeitsverhältnis zu massenwirksamen Kommunikationsmedien, da sich erst aus diesen heraus eine öffentliche Meinung konstituiert, bzw. diese massenwirksamen Kommunikationsmedien ein Form bieten, öffentlichkeitsrelevante Themen auf breiter gesellschaftlicher Ebene zu diskutieren. "Zwar kann sich im Internet jeder äußern, doch wahrscheinlich nehmen nur wenige davon Notiz" (Plake/Jansen/Schuhmacher 2001: 65). Auch bringt diese Sicht von Öffentlichkeit hier in die Analyse ein, dass es sich bei dem in den Medien artikulierten Bürgerwillen nur um das handelt, was an medialer Wirklichkeitskonstruktion daraus gemacht wird. Die Entstehungszusammenhänge dieser Konstruktion im System der Medien verändern diesen Bürgerwillen so sehr, dass eine Gegendarstellung durch Gegenöffentlichkeiten erforderlich ist.

Im Zusammenhang mit dem Internet kann eine dreigeteilte Phänomenologie der Öffentlichkeit angesetzt werden: Zum ersten, politische Prozesse, die das Netz selbst betreffen, also der medienpolitische Kontext, die Zugangmöglichkeit, die ökonomische Organisation des Internet etc. kurz gesagt: medienpolitische