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www.soziologie-heute.at ISSN 2070-4674 2.

JAHRGANG HEFT 8 DEZEMBER 2009 Euro 5,30

Dezember 2009 soziologie heute 1

soziologie heute
Glauben Sie noch oder wissen Sie schon?
G. W. Oesterdiekhoff und H. Strasser im Interview

SoziologInnen als ManagerInnen?


In der Gemeinwirtschaft haben SoziologInnen das bessere Potenzial

Die Macht der Repräsentation


Visualsoziologische Betrachtungen

Die Messung von Religion


problematisch - aber nicht unmöglich

Mit Marcel Mauss unter’m Christbaum


ein gabensoziologischer Blick auf das Weihnachtsfest

Lorenz von Stein


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Wegbereiter der Gesellschaftswissenschaft


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Vorrang
bei gesellschaftlichen Herausforderungen

Die öffentliche und die (ver)öffentlichte Meinung ist unser Anliegen. Ihr Partner bei „brennenden” Themen.
Kontakt: www.public-opinion.at
Dezember 2009 soziologie heute 3

Editorial
Werte Leserin, werter Leser,

Die Dezemberausgabe von soziologie heute nähert sich den gesellschaftlichen Phä-
nomenen von mehreren Seiten. So gehen Georg W. Oesterdiekhoff und Hermann Strasser im
Interview den Fragen nach, ob die Religion heute noch eine nennenswerte Rolle in
der Erfahrungswelt der Menschen spielt und ob es noch eine Zukunft des religiösen
Glaubens gibt. Ebenso diesem Thema - insbesondere der Messbarkeit von Religion
und Religiosität - widmet sich der Beitrag von Gert Pickel. Er zeigt dabei auf, mit wel-
chen Methoden in der Religionssoziologie gearbeitet wird und welche Probleme da-
bei zu bewältigen sind.
Dr. Claudia Pass
Sind SoziologInnen die „besseren“ ManagerInnen? Der Soziologe und Geschäftsfüh-
rer des Berufsförderungsinstituts OÖ Christoph Jungwirth meint, dass die input-output-
fokussierte Betriebswirtschaftslehre und die in Kausalzusammenhängen denkende
Rechtswissenschaft für die Herausforderungen in der Gemeinwirtschaft weniger um-
fassend vorbereitet als es Soziologie könnte - wenn sie gut gelehrt und gelernt ist.

Fotografie ist Teil unseres Alltages, aber wird selten hinterfragt. David Schommer, Foto-
graf und Student Soziologie, setzt sich seit einigen Jahren mit dem Phänomen „Foto-
grafie“ auseinander - in der Theorie und in der Praxis. Anna Krämer schrieb dazu den
Beitrag.
Rechtzeitig zum Weihnachtsfest, dem Fest der Liebe und der Gaben, stellen Stephan
Dr. Bernhard Hofer
Moebius und Frithjof Nungesser in Anlehnung an Marcel Mauss die Frage nach dem Sinn
der Gabe. Woher kommt die eigentümliche Verpflichtung, Gaben zu erwidern? Hat
sich die gesellschaftliche Bedeutung des Gabentauschs mit der Zeit verändert?

Mit zunehmender Globalisierung, Säkularisierung und Pluralisierung bekommen die


Grundwerte einer Gesellschaft immer größere Bedeutung, weil diese das Zusammen-
leben von Menschen grundlegend beeinflussen und gestalten. Monika Spethling-Reich-
hart und Kurt Lenzbauer gehen in ihrem Beitrag auf die Grenzen von Gemeinschaften ein,
wo es an gemeinsamen Normen und Werten in einer Gesellschaft fehlt.

Die Redaktion soziologie heute darf Ihnen an dieser Stelle frohe Festtage mit viel Zeit
zum Lesen und ein gutes Neues Jahr wünschen. Wir freuen uns schon jetzt darauf, Sie
Dr. Alfred Rammer auch im Neuen Jahr mit interessanten, zum Nachdenken und Handeln aufrufenden
Beiträgen erreichen zu dürfen. Eine Bitte dürfen wir damit verbinden: Wenn Ihnen
soziologie heute gefällt, empfehlen Sie uns weiter!
Interessante Lesestunden wünscht Ihnen

Ihre soziologie heute - Chefredaktion

soziologie heute ist das erste und bislang einzige populärwissenschaftliche Magazin für Soziologie im deutsch-
sprachigen Raum.
soziologie heute informiert zweimonatlich über sozialwissenschaftliche Erkenntnisse, analysiert aktuelle ge-
sellschaftliche Entwicklungen und bereitet die behandelten Themen auch für Laien verständlich auf.
soziologie heute richtet sich vor allem an bildungsorientierte LeserInnen, welche gesellschaftliche Vorgänge
und Phänomene hinterfragen wollen, mit Studium, Lehre oder Forschung konfrontiert sind und als Mei-
nungsführer oder kritische Konsumenten auftreten. Dazu zählen neben StudentInnen der Sozial-, Kultur- und
Geisteswissenschaften vor allem auch PädagogInnen im Schul- und Erwachsenenbildungsbereich, Menschen
in Sozial- und Gesundheitsberufen sowie die in diesen Bereichen tätigen Institutionen und Organisationen.
Ein besonderes Anliegen ist dem Herausgeber die Pflege des Kontaktes mit den Nachbardisziplinen. Aus die-
sem Grund wird soziologie heute auch immer wieder Ausflüge in Bereiche der Kulturwissenschaft, Ethnolo-
gie, Verhaltensforschung, Psychologie, Psychoanalyse, Politologie, Geschichte, Wirtschaftswissenschaft usw.
wagen - um einfach aufzuzeigen, dass die Soziologie letztlich ein Sammelbecken ist, in dem Erkenntnisse aller
Wissenschaften vom Menschen zusammenfließen.
soziologie heute präsentiert Themen, welche uns Menschen als Mitglieder einer Gesellschaft im Wandel bewe-
gen. In Interviews erläutern führende ExpertInnen ihre Sichtweise, in Reportagen wird aktuellen Ereignissen
und möglichen Entwicklungen nachgegangen und die Markt- und Meinungsforschung präsentiert die neues-
ten Untersuchungen. Besonderer Raum wird den Klassikern der Soziologie gewidmet. Hier erfahren Sie alles
über die Wegbereiter dieser relativ jungen Wissenschaft. Darüber hinaus widmen sich spezielle Rubriken den
neuesten Publikationen, Veranstaltungen und erläutern Fachbegriffe.
soziologie heute ist allerdings auch ein Medium, welches - ganz im Sinne dieser interdisziplinären Wissenschaft
- vernetzen will. Im Kleinanzeiger haben Sie die Möglichkeit, auf Ihre Produkte, Dienstleistungen oder Treffen
aufmerksam zu machen. Hier können Sie auch Kontakte knüpfen oder neue MitarbeiterInnen gewinnen.
Mit soziologie heute begeben Sie sich auf die wohl spannendste Reise der Welt: Entdecken Sie mit uns die
Gesellschaft.
4 soziologie heute Dezember 2009

Inhalt

Interview
Glauben Sie noch oder wissen Sie schon?
Georg W. Oesterdiekhoff und Hermann Strasser im Interview 6
Fotos: Strasser, Oesterdiekhoff - privat

Reportage
SoziologInnen als ManagerInnen? 12
In der Gemeinwirtschaft haben SoziologInnen
das bessere Potenzial
von Christoph Jungwirth Foto: BFI

Die Macht der Repräsentation 14


eine soziologische Auseinandersetzung mit Fotografie
von Anna Krämer entwickelt im Gespräch mit David Schommer Foto: David Schommer

Paradigmenwechsel in der Fotografie 17


als Folge der Digitalisierung des Mediums
über die Risiken der digitalen Fotografie
Foto: Hanspeter Kumpfmiller, privat
von Hanspeter Kumpfmiller

Die Messung von Religion 18


problematisch - aber nicht unmöglich
von Gert Pickel
Foto: Petra Dietz, pixelio

Mit Marcel Mauss unter‘m Christbaum 24


Ein gabensoziologischer Blick auf das Weihnachtsfest
von Stephan Moebius und Frithjof Nungesser
Foto: Archiv

Werte und Normen im Widerstreit 28


kultureller Gegebenheiten
von Monika Spethling-Reichhart und Kurt Lenzbauer Fotos: Spethling-Reichhart/Lenzbauer - privat

Netzwerk Sprache 31
Interview mit Irene Bauer
Foto: Irene Bauer - privat

Markt- und
Meinungsforschung
Die Leiden der alten Singles 32
Jedes Kind erhöht das Lebensglück
Lohnungleichheit zwischen jungen Frauen und Männern Foto: Rainer Sturm, pixelio
Dezember 2009 soziologie heute 5

Klassiker
Lorenz von Stein 36
- Wegbereiter der Gesellschaftswissenschaft in Deutschland
Foto: Archiv

Soziologie weltweit
Erziehung durch Lügen - Levi-Strauss hat das Denken befreit - 38 Foto: Stephanie Hofschlaeger, pixelio
Immer mehr gewalttätige Konflikte - Die Rangfolge der Korruption

Neues aus der Forschung


Ernährungssituation pflegebedürftiger Senioren 40
in Privathaushalten

Better Doctors, Better Patients, Better Decisions 40


- Envisioning Health Care 2020
__________________________________________________
Buchvorstellungen
Die Arbeit bleibt das Maß aller Dinge 42
Werte - ein Streifzug durch Philosophie und Wissenschaft 43
Kirche bleiben im Nahbereich 35
Das Schatzbuch des Lachens 35

Soziologische Begriffe - leicht und verständlich 44


Veranstaltungen 45
Ihr Kleinanzeiger 46

Sonderbeitrag
Der „Staatsfunk” - unreformierbar bis zuletzt? (B. Martin) 11 Foto: B. Martin, privat

IMPRESSUM
Medieninhaber und Herausgeber: i-trans Gesellschaft für Wissenstransfer, A-4040 Linz, Aubrunnerweg 1,
Tel.: 0043 (0)732 254024, Fax: 0043 (0)732 254137, Mail: office@soziologie-heute.at, ZVR: 286123776.
Redaktion: Dr. Claudia Pass, Dr. Bernhard Hofer, Dr. Alfred Rammer; Mail: redaktion@soziologie-heute.at.
An der Ausgabe haben mitgewirkt: B. Martin, H.Strasser, G. Oesterdiekhoff, Chr. Jungwirth, Anna Krämer, David Schommer, H. Kumpfmiller, Gert
Pickel, St. Moebius, F. Nungesser, M. Spethling-Reichhart, K. Lenzbauer, I. Bauer, V. Pernsteiner, G. Vonderach, P. Atteslander.
Layout: i-trans Gesellschaft für Wissenstransfer; Fotos der Titelseite: Stephanie Hofschlaeger, Dieter Schütz, Petra Dietz (alle: pixelio)
Fotos der Rückseite: Archiv, Obrecht, Dietmar Meinert (pixelio), BFI OÖ. Hersteller: Easy Media GmbH, A-4020 Linz, Sandgasse 16.
Aboservice: soziologie heute - Aboservice, A-4040 Linz, Aubrunnerweg 1, Tel.: 0043 (0)732 254024, Fax: 0043 (0)732 254137, Mail:office@soziologie-heute.at.
Erscheinungsweise: 6x jährlich Auflage: 5.000 Stück
Blattlinie: soziologie heute versteht sich als populärwissenschaftliches Informationsmedium mit dem Ziel, gesellschaftliche Entwicklungen und
Herausforderungen darzustellen und zu analysieren. soziologie heute ist parteiunabhängig und tritt für demokratische Grundrechte und Werte
ein. soziologie heute bekennt sich zu den Grundsätzen der sozialen Gerechtigkeit bei Aufrechterhaltung der Eigenverantwortlichkeit des Staats-
bürgers, zu den Grundsätzen der sozialen Marktwirtschaft, zur freien unternehmerischen Initiative und zum Leistungswettbewerb. soziologie
heute tritt für die Wahrung der Menschenrechte und für die Grundfreiheiten ein - wo immer diese auch bedroht sein mögen.
6 soziologie heute Dezember 2009

Glauben Sie noch...


Georg W. Oesterdiekhoff und Hermann Strasser
im Interview
Die Religion hatte in den vormodernen Gesellschaften eine wesent-
lich stärkere Verankerung und Bedeutung als in den modernen Ge-
sellschaften. Infolge der Einflüsse von Kultur und Bildung haben
sich Menschen in Industriegesellschaften weiter entwickelt und das
religiöse Wirklichkeitsverständnis durch das rational-logische und
empirisch-kausale Verständnis ersetzt. Der eigentlichen Sinnfrage
muss sich jedoch auch der moderne Mensch stellen. Wie verschafft
man sich Sinn, wenn nicht durch Berufung auf Traditionen? Spielt
die Religion heute noch eine nennenswerte Rolle in der Erfahrungs-
welt der Menschen? Gibt es noch eine Zukunft des religiösen Glau-
bens?
Diesen Fragen stellen sich die Soziologen Georg W. Oesterdiekhoff
und Hermann Strasser im Interview mit soziologie heute.

soziologie heute: Herr Strasser, Sie ha- gültig, auch wenn Viele angesichts der Religion nach wie vor die Orientie-
ben vor zwei Jahren einen Sammelband mannigfaltigen Glaubensangebote die rung vieler Menschen im alltäglichen
mit dem Titel „Woran glauben?” im Es- Übersicht verloren haben. Handeln, wenn wir nur an die Zehn
sener Klartext-Verlag herausgegeben, Gebote denken. Die Werte, die diesen
zu dem prominente Religionsforscher soziologie heute: Was ist Ihrer Mei- Verhaltensregeln zugrunde liegen,
interessante Beiträge geliefert haben. nung nach „Religion“ eigentlich? sind in die Verfassungen moderner
Wie kamen Sie zu diesem gleicherma- Gesellschaften ebenso eingegangen
ßen herausfordernden wie zweifelnden Strasser: Religion hat mit Bindung, wie in deren Gesetze, Bräuche und
Titel? Mit anderen Worten, welchen Zu- mit „religio“ (=Rückbindung) - wie der Sitten rund um die Werk- und Feier-
gang zur Religion haben Sie? Lateiner sagt - zu tun, mit dem Glau- tage, das Oster- und Weihnachtsfest,
ben an eine andere Welt, die von Göt- die Taufe, die Hochzeit und den Tod,
Strasser: In diesem Sammelband geht tern oder Geistern beseelt ist und das um nur einige Beispiele zu nennen.
es vor allem um eine Ortsbestimmung menschliche Handeln, Denken und Diese Sinnangebote und der damit
der Suche nach Sinn am Beginn des 21. Fühlen prägt bzw. prägen soll. Dieser verbundene normative Horizont kön-
Jahrhunderts und damit um die Frage, Verständnishorizont thematisiert das nen sich vom individuellen Handeln
wie der Wettstreit der Religionen heu- Verhältnis von Leit- und Multikultur bis zu politischen Machtverhältnis-
te aussieht und wie die Zukunft der Re- ebenso wie die Frage, wie viel Religion sen erstrecken. Insofern muss man
ligion zu beurteilen ist. Der Zugang zur eine Gesellschaft braucht, ja verträgt. die gesellschaftliche Funktion der
Religion hat vor allem damit zu tun, Kurz gesagt, unter Religion verstehe Religion von ihrer Bedeutung für das
dass es zwischen Gottes Liebe und ich einen Sinnhorizont, der mit einem Individuum unterscheiden. Eine Reli-
den Gesetzen der Natur, zwischen Ein- mehr oder weniger starken Glaubens- gion – denken Sie nur an das Chris-
heit und Vielfalt der Religionen eine bekenntnis verbunden ist und da- tentum oder den Islam – kann für den
Fülle von Lebensmöglichkeiten und durch normativ wird. Zusammenhalt einer Gesellschaft
Sinnvorstellungen gibt. Dem moder- wichtig sein. Wie überhaupt heute
nen Menschen, dem individualisier- soziologie heute: Wie schätzen Sie Religion nicht selten als Leitkultur,
ten Ich, mag Vieles erlaubt sein, Alles Umfang und Intensität des religiösen nicht unbedingt als Glaubensbe-
möglich erscheinen. Und doch scheint Erlebens in den gegenwärtigen Indus- kenntnis auftritt, wie die Diskussion
er an die Endlichkeit seines irdischen triegesellschaften ein? um Kreuz und Kopftuch in Europa
Tuns gefesselt zu sein und sich nach zeigt. Deshalb müssen noch lange
jenseitiger Befreiung, nach dem Heil, Strasser: Trotz rückläufiger Tendenz nicht alle an Gott glauben oder gar
zu sehnen. Deshalb ist die Antwort auf nach Mitgliedschaft, Kirchgangshäu- Mitglieder dieser Religionsgemein-
die Frage, woran wir glauben, zeitlos figkeit und Religiosität bestimmt die schaft sein.
Dezember 2009 soziologie heute 7

soziologie heute: Herr Oesterdiek- Gegenzug für diese materielle Versor- ben Fähigkeiten wie dem Himmelsgott
hoff, Sie arbeiten an einem 750-Seiten gung sicherzustellen, dass die Götter zugetraut, sodass man diesen als eine
Werk über Religion, betitelt „Traum- im Sinne des Wohls der Menschen Verallgemeinerung der toten Vorfah-
zeit der Menschheit. Wesen und Natur handeln. Nicht einmal der frommste ren verstehen kann. Die Menschen ha-
der Religion“. Welchen Stellenwert Christ oder Moslem im heutigen Euro- ben ganz konkret angenommen, dass
hatte denn die Religion früher, in den pa hat noch den Zugang zu einem der- die toten Vorfahren aus dem Himmel
vormodernen Gesellschaften? art archaischen und elementaren Ver- heraus den ganzen Kosmos in einer
ständnis von Gott, Mensch und Welt. direkten Weise befehligen, herstellen,
Oesterdiekhoff: Die Religion hatte Nicht einmal der frommste Gläubige steuern und kontrollieren. Sie haben
in den vormodernen Gesellschaften in Europa würde auf den Gedanken also geglaubt, dass die eigene Familie
eine wesentlich stärkere Verankerung kommen, dass Menschen den Göttern und der eigene Clan der Herr der Welt
und Bedeutung als in den modernen etwas zu essen und zu trinken geben ist. Sie haben die ganze Welt gleich-
Gesellschaften. Die Menschen be- müssen, damit sie leben können. Das sam mit dem elterlichen Haushalt
schäftigten sich täglich mit religi- haben aber archaische Menschen gleichgesetzt.
ösen Gedanken und Praktiken. Sie im buchstäblichen Sinne geglaubt.
investierten einen Großteil ihrer wirt- Schon vor diesem Hintergrund ist of- soziologie heute: Dann stellt sich
schaftlichen Bemühungen in religiöse fensichtlich, dass die in modernen Ge- aber die Frage, wie es möglich ist,
Projekte und Riten, sowohl mit Bezug sellschaften praktizierten Formen der dass Menschen vormoderner Kultu-
auf Arbeitszeiten als auch mit Blick Religion, auch die der fundamentalis- ren so einfältig waren, das zu glauben.
auf Güterverwendung. Religion ist in tischen Art, nur noch einen schwa- Wie ist es möglich, dass die Fähigkei-
der Psyche und im Alltag eines vor- chen Abglanz der „archaischen Vollre- ten von Menschen in dieser Weise so
modernen Menschen omnipräsent. ligion“, wie sie Mircea Eliade nannte, radikal überschätzt wurden?
Man kann sich davon noch einen Be- darstellen.
griff machen, wenn man die religiöse Oesterdiekhoff: Kinder bis etwa zum
Praxis eines heutigen Balinesen, Land soziologie heute: Wie konnten denn sechsten Lebensjahr haben in unserer
bewohnenden Inders, Peruaners oder die Menschen glauben, dass die Göt- Kultur noch eine so schwache Refle-
Afrikaners mit der eines frommen ter, mithin geistige Wesen, etwas zu xivität, dass sie ihre Eltern als Götter
Christen oder Moslem in Deutschland essen und zu trinken brauchen? ansehen, die nicht nur den Haushalt,
oder Frankreich vergleicht. Die Religi- sondern die ganze Welt beherrschen.
osität der ersten Gruppe ist ungleich Oesterdiekhoff: Der archaische Kleine Kinder trauen ihren Eltern zu-
stärker ausgeprägt, auch stärker als Mensch hat ein ganz anderes Wirk- nächst Allwissenheit und Allmacht
bei islamischen Terroristen. Denn lichkeits- und Naturverständnis als zu, glauben, sie hätten die ganze Welt
der Mensch der vormodernen Kultur der moderne Mensch. Alles Geistige unter ihrer Kontrolle. Nach der skep-
sieht in den Göttern und in der Pflege hat für ihn immer auch eine materi- tischen Krise des sechsten Lebens-
der Beziehung zu ihnen den Grund, elle Dimension, und alles Materielle jahres übertragen die Kinder mehr
der die Existenz der Welt und seines hat in seinen Augen immer auch eine und mehr die göttlichen Funktionen
Lebens ermöglicht. Er sieht den tägli- spirituelle Dimension. Welt, Natur von ihren Eltern auf die Götter. Nach
chen Lauf der Sonne und der Gestir- und Mensch sind geistig, mystisch der zweiten Krise in der Adoleszenz
ne, den Wechsel des täglichen Wetters und göttlich, während die Götter in zweifeln die Jugendlichen der Indus-
und der Jahreszeiten, Dürren, Stürme Menschen und Naturphänomenen triekultur an der anthropomorphen
und Kriege, Krankheit, Geburt und präsent und wirksam sind. Gott und Struktur des Gottes und an den realen
Tod sowie alle täglichen Ereignisse Mensch sind nicht radikal voneinan- Beziehungen zu ihm und werden häu-
als direkt von den Göttern gefertigte der getrennt, sondern leben in einer fig zu Agnostikern und Atheisten.
Phänomene. Die Götter entscheiden ungeteilten Sphäre des Wirklichen.
direkt über die Ereignisse des Lebens Der Ahnen- und Totenkult hat in Aus-
und den Verlauf der Welt. Die Welt tralien, Amerika, Afrika, Indien, Japan
ist nichts anderes als das, was die und China den Großteil der religiösen
Götter sind, wollen und tun. Deshalb Praxis auf sich vereinigt. Er hat aber
sieht der Mensch in allen vormoder- auch in Europa bis ins 18. Jahrhundert
nen Kulturen positive Ereignisse als eine große Rolle gespielt. Zwar ken-
Segnungen der Götter und negative nen alle genannten Kulturen auch den
Ereignisse entweder als Strafen der Hoch- und Himmelsgott, den Vater
Götter oder als Angriffe böser Geis- und Schöpfer, aber die Ahnengötter
ter, Letztere oft und zumeist durch und -geister waren in der kultischen
die Götter zugelassen. Deshalb bringt Praxis weit wichtiger. Die Menschen
der vormoderne Mensch den Göttern haben ihren gestorbenen Eltern,
Speise- und Trankopfer dar, um im Großeltern und Urgroßeltern diesel-

oder wissen Sie schon?