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Humboldt-Universität zu Berlin

Kultur-, Sozial- und Bildungswissenschaftliche Fakultät

Institut für Musikwissenschaft und Medienwissenschaft

Masterstudiengang Musikwissenschaft

Masterarbeit

Die Musik in der Kinderradiosendung „Edo Lilipoupoli“ als soziopolitischer und ästhetischer Kommentar

Music in the children’s radiobroadcast „Edo Lilipoupoli“ as socio-political and aesthetic comment

vorgelegt von

Aikaterini Giampoura

katerina.giampoura@gmail.com

Einschreibnummer: 553530

Erstgutachterin: Prof. Dr. Jin-Ah Kim

Zweitgutachter: Dr. Nepomuk Riva

Berlin, im Dezember 2014

INHALT

1.

EINLEITUNG

5

1.1 Gliederung und Quellenlage

7

1.2 Zur Arbeitsmethode

9

1.3 Das Konzept des Humors in Lilipoupolis

12

 

1.3.1

Humor - eine phänomenologische Annäherung

16

1.4 Definitionsrahmen des Begriffs „Kommentar“

17

1.5 Die „Satire“ als Methode von Lilipoupolis

19

 

1.5.1

Anwendung und Funktion der Satire in Lilipoupolis

22

2.

HISTORISCHER UND SOZIOPOLITISCHER HINTERGRUND DER

UMGESTALTUNG DES DRITTEN PROGRAMMS DES STAATLICHEN

 

RUNDFUNKS GRIECHENLANDS

25

2.1 Vom Ende der Militärdiktatur bis zum Beginn der Sendung

25

2.2 Ein unabhängiges Hörfunkprogramm unter der Federführung

von Manos Chatzidakis

29

2.3 Arbeitsklima und Kooperationsgeist aus der Perspektive der Mitwirkenden

33

2.4 Negative Reaktionen auf das Dritte Programm

38

 

2.5 Fazit

42

3.

LILIPOUPOLIS HIER: ANALYSE UND INTERPRETATION

43

3.1

Konzeption und Vorbilder

43

3.1.1 Form und Struktur der Sendung

48

3.1.2 Die Welt von Lilipoupolis: Charakterrollen, Namen, Orte

51

3.1.3 Formationsphasen: Thematik und Charakterrollenentwicklung

54

3.1.4 Zwischenfazit

59

3.2

Die Rolle der Musik und des Tons in Lilipoupolis

60

3.2.1 Das musikalische Idiom von Lilipoupolis

64

3.2.2 Die Musik als Kommentar

66

3.2.2.1 Volk von Lilipoupolis

66

3.2.2.2 Bürgermeister Charchoudas’ Marsch

71

3.2.2.3 Wir sind keine Zulu

76

4. SCHLUSSBETRACHTUNGEN

80

LITERATUR

85

ANHANG

I. Fragebogenmuster

89

II.

Tabellen

91

III. Gesprächs- bzw. Fernsehsendungsausschnitte

94

IV. Liedtexte

111

V.

CD-Inhalt

112

VI.

Notenmaterial

113

NAMENREGISTER

121

EIGENSTÄNDIGKEITSERKLÄRUNG

122

1. EINLEITUNG

„Wir verbinden Sie jetzt mit der Radiostation von Lilipoupolis“. Mit dieser Ankündigung begann im Dezember 1977 die erste Ausstrahlung der Kinderradiosendung „Edo Lilipoupoli“ 1 durch das Dritte Programm des staatlichen griechischen Rundfunk ERT. 2 Drei Jahren sind nach dem Untergang der siebenjährigen Militärdiktatur Griechenlands schon vorbei, das Land bleibt allerdings von der vergangenen soziopolitischen Situation immer noch geprägt, während die Leute erleben langsam die ersten flüchtigen Eindrücken eines freien Lebens.

In diese Übergangsphase fällt die Entstehung der Radiosendung „Edo Lilipoupoli“ (Hier Lilipoupolis), 3 die sich zwar ursprünglich an Vorschulkindern orientierte, 4 im Laufe der Zeit jedoch ein stetig steigendes erwachsenes Hörpublikum hinzugewann. Thematisch bezog Lilipoupolis ein breites Spektrum an pädagogischen und gesellschaftlichen Aspekten ein, die in die Handlung jeder täglichen Episode eingebettet und durch eine dialogartige Struktur vermittelt wurden. Mit fortschreitender Dauer erweist sich die Sendung als Forum der indirekten, humoristisch gefärbten Kritik am aktuellen politischen und gesellschaftlichen Geschehen Griechenlands. Dem Humor kommt hierbei eine nicht hoch genug einzuschätzende Bedeutung zu, war er doch das entscheidende Anknüpfungsmoment bzw. die Kommunikationsbrücke zwischen der fiktiven Welt von Lilipoupolis und der gesellschaftlichen Realität des Landes, wobei letztere den Autorinnen der Sendung als bevorzugte Inspirationsquelle diente. Im Fall von Lilipoupolis ist es also von besonderem Interesse, einen Blick darauf zu werfen, welche Formen des Humors zum Einsatz kamen und auf welche Art und Weise sie in die Sendungsstruktur implementiert wurden.

1 griech. Εδώ Λιλιπούπολη , dt. „Hier Lilipoupolis“.

2 ERT: Elliniki Radiofonia Tileorasi, dt: Griechischer Rundfunk und Fernsehen [griech: Ε . Ρ . Τ : Ελληνική Ραδιοφωνία Τηλεόραση ].

3 Im

„Lilipoupolis“ verwenden.

weiteren

Verlauf

der

Arbeit

werde

ich

die

deutsche

Übersetzung

des

Sendungstitels

bzw.

einfach

nur

4 Laut der vom 16.12.1977 datierten Presseankündigung des künstlerischen Leiters des Dritten Programms, Manos Chatzidakis, in der liberal-konservativen Zeitung Kathimerini war Lilipoupolis Bestandteil eines neu konzipierten Kinderprogramms, das sich mit mehreren täglichen Kinderradiosendungen an Kinder von 4 bis 12 Jahren wandte. Vgl. „Manos Chatzidakis verkündete gestern ein ehrgeiziges Drittes Programm“, in: Kathimerini, 16.12.1977, S. 4; Ι ch übersetze den Titel eines Zeitungberichts, nur wenn er zum Verständnis der Ereignisse beiträgt.

Das Spannende an der Untersuchung von Lilipoupolis besteht meiner Meinung nach darin, dass die Sendung als eine Art gesellschaftliche Momentaufnahme gedeutet werden kann, in welcher die althergebrachten konservativen Sitten und Normen auf satirisch überzeichnete Weise dargestellt und kritisiert wurden. Insofern war Lilipoupolis ein von einer Künstlergruppe mit fortschrittlicher ideologischer Orientierung geschaffenes mediales Ereignis, das bewusst, wenn auch unter Rückgriff auf Formen der indirekten Kritik, wie beispielsweise die Andeutung oder den Spott, gegen den bis dahin in Griechenland vorherrschenden Konservatismus Stellung bezog. Die Stoßrichtung lag auf der Hand: die alten, durch die früheren autoritären Regimes etablierten Wert- und Moralvorstellungen, die nach Ansicht der Sendungsmacher und – macherinnen das geistige Leben des Landes verkümmern ließen, können nicht länger akzeptiert werden und müssen durch Werte ersetzt werden, die sich auf die progressiven und liberalen Ideen von Demokratie und Freiheit berufen. Natürlich war diese Haltung keinesfalls auf die Gesamtheit der griechischen Gesellschaft übertragbar, vielmehr nur für bestimmte soziale Gruppen repräsentativ, den Akteuren der Sendung und ihren Gleichgesinnten kann sie aber auf jeden Fall und uneingeschränkt attestiert werden. Genau diese soziopolitischen Elemente, nicht zuletzt aus der Perspektive der Mitwirkenden, möchte ich mit der vorliegenden Arbeit näher beleuchten. Damit möchte ich zum Verständnis darüber beitragen, welche Lebenswerte und welche weltanschaulichen Inhalte die Mitwirkenden durch die Sendung vermitteln wollten.

In ihren Äußerungen führen die Mitwirkenden das liberal-progressive Profil von Lilipoupolis immer wieder auf die freiheitlichen Arbeitsbedingungen des Dritten Programms insgesamt, vor allem aber auf die Persönlichkeit und den weichen und generösen Führungsstil dessen damaligen künstlerischen Leiters Manos Chatzidakis zurück. 5 Davon ausgehend lassen sich die zwei folgenden Ausgangsfragen formulieren:

1. Welcher Zusammenhang besteht zwischen künstlerischer Freiheit und Humor einerseits, zwischen künstlerischer Freiheit und Politik 6 andererseits?

5 Beispielweise: Einführungstext von Regina Kapetanaki: „Weil der tapfere und großzügige Manos für uns da war“, in:

Nikos Karatzas (Hrsg.). Εδώ Λιλιπούπολ η . Τα τραγούδια [Lilipoupolis hier. Die Lieder]. Ianos, Athen 2010, S. 11;

]“,

Einführungstext von Marianina Kriezi: „Als Leiter des Dritten hat er uns alle Rundfunkmittel zur Verfügung gestellt [

in: Karatzas 2010, S. 13.

6 Hier wird ‚Politik’ auch als allgemeine Weltanschauung und Lebenshaltung aufgefasst und nicht nur als parteibezogene Politisierung.

2.

Auf welche Art und Weise erfuhr Humor in Lilipoupolis musikalischen Ausdruck, und warum kann der Kinderradiosendung gerade deswegen eine kommentierende Eigenschaft zugeschrieben werden?

Zusammenfassend lässt sich die dieser Arbeit zugrunde liegende Fragestellung wie folgt formulieren: Aus welchen Gründen und auf welche Weise ist die Kinderradiosendung „Edo Lilipoupoli“ als soziopolitischer und ästhetischer Kommentar aufgebaut worden? Ferner und über das konkrete Fallbeispiel der zu untersuchenden Radiosendung hinausweisend, ergibt sich mit Blick auf Bergsons These „Unser Lachen ist immer das Lachen einer Gruppe“, 7 die allgemeine soziologische Frage: Wer lacht über wen? 8

7 Henri Bergson. Das Lachen. Ein Essay über die Bedeutung des Komischen. Übers. Roswitha Plancherel-Walter, Felix Meiner Verlag, Hamburg 2011, S. 16.

8 Diese Frage wurde ursprünglich nicht von mir, sondern von Horst Weber (1988) so formuliert. Für mein Anliegen halte ich sie jedoch für sehr geeignet. Vgl. Horst Weber. „Der Serva-padrona-Topos in der Oper. Komik als Spiel mit musikalischen und sozialen Normen”, in: Archiv für Musikwissenschaft, 45. Jg., H. 2 (1988), S. 109.

7