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BRASILIEN

und die deutsch-brasilianische Kolonie

BLUMENAU

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SB

BRASILIEN

UND DIE

DEUTSCH-BRASILIANISCHE KOLONIE

BLUMENAU

VON

Dr. phil. WETTSTEIN

OBERLEUTNANT A. D.

Mit 2 Karten, 36 Tafeln und 34 Abbildungen im Text

1

Leitspruch: Das Deutschtum im Ausland ist unsere wichtigste Kolonie!

LEIPZIG

Verlag von Friedrich Engelmann

1907

55

Dem

bisherigen deutschen Gesandten für Brasilien

Herrn v. TREUTLER

gewidmet

vom Verfasser.

Vorwort.

Die Überschrift „Brasilien und die deutsch-brasilianische Kolonie

Blumenau" soll besagen, daß die mitgeteilten grundlegenden Tatsachen und

Vorgänge, die in geographischer, geschichtlicher und rechtlicher Hinsicht nicht

nur für die einzelne Kolonie Blumenau, sondern für ganz Brasilien gelten, erst

allgemein unter dem Thema Brasilien behandelt werden

sollen, bevor

die

Sonderangaben über Blumenau einsetzen. Durch diese stoffliche Gliede-

rung, die vom allgemeinen zum besonderen fortschreitet, werden hier und

dort Wiederholungen nötig, zumal mangels genügenden statistischen Materials

einzelne Beweise sowohl im allgemeinen wie im besonderen Teil herangezogen

werden mußten.

Trotzdem glaubte ich

diese Disposition wählen zu sollen,

weil einerseits das Fortschreiten von der Ursache zur Wirkung und anderer-

seits die besondere Eigentümlichkeit der Volkswirtschaft in Blumenau bei

dieser Inhaltsgliederung klarer zutage tritt. Der Mangel an geeignetem Stoff war um so empfindlicher, als amtliches brasilianisches statistisches Material nur

sehr spärlich vorhanden ist und gleichzeitig gerade das „WahP'konsulat in

Blumenau glatt versagt hat, während die Konsulate in Florianopolis, Join-

ville, Curitiba, Porto Alegre und S. Paulo entsprechend der gütigen Empfehlung des früheren Gesandten in Rio de Janeiro, Herrn von Treutier, in entgegen- kommendster Weise die Arbeit unterstützt haben. Gerne hätte ich zu der Abhandlung über die Verkehrsverhältnisse ver-

gleichsweise Zahlen aus Buenos Aires beigezogen, da dieser stark befahrene

und

hoch

entwicklungsfähige Großmarkt für die künftige Entwicklung

Blumenaus (Ausfuhr von Mate, Gemüsen und tropischen Früchten) von großer

Bedeutung sein wird. Auf meine diesbezügliche Anfrage beim Kaiserlich deut-

schen Generalkonsulat in Buenos Aires erhielt ich unfrankiert folgende geradezu

klassische Antwort:

„Auf die Eingabe vom 14. v. Mts. Abgesehen davon, daß ich nicht ersehen kann, weshalb Sie für eine

volkswirtschaftliche Arbeit über die Verkehrsverhältnisse in Südbrasilien einer Fülle statistischen Materials über einen in Argentinien belegenen Hafen

wie den von Buenos Aires bedürfen, bin ich auch nicht in der Lage, An-

trägen von Privatpersonen zu entsprechen, deren Erledigung eine monate-

lange Arbeit erfordern würde.

Der Verweser des Kaiserlichen Generalkonsulats,

gez. Seh."

VIII

Vorwort.

Wieviel Fragen meines Fragebogens der Herr Vertreter ausfüllen wollte,

blieb ihm ja ganz überlassen, auch waren die gestellten Fragen von einem

wohlunterrichteten Konsul zum grossen Teil ohne weiteres zu beantworten

und

wenn der Herr Verweser zu ihrer Beantwortung Monate brauchte, so

schätzt er seine Arbeitskraft sicher nicht allzuhoch ein.

Daß er ferner trotz

meiner Mitteilung, daß es sich um eine volkswirtschaftliche Veröffentlichung

handle, nur amtlichen Anfragen Wert beizumessen scheint, beweist, wie eng

dieser Herr die Aufgaben der Konsulate auffaßt.

Um so dankbarer bin ich den Privatpersonen, die mir in so liebens-

würdiger Weise Material zugesandt haben.

In erster Linie Herrn Richard

Hinsch

(Blumenau),

Pfarrer

Dr. Aldinger

(Hammonia)

und Kaplan

Tertilt

(Münster i. W.),

der mit die

besten

und

charakteristischsten Photographien

dieses Buches aufgenommen hat. Ferner P. Cletus Espey (Blumenau), A. Hahn

(Ararangua), C. Hoepke (Florianopolis), Dr. Jacobs (Blumenau), Pastor Menzel (Villa V. Agres), Ingenieur Lange (Curitiba), Ingenieur Odebrecht (Blumenau),

J. Probst (Blumenau),

Redakteur Riede (S. Cruz), Pfarrer

Rudolph (Timbö),

Meteorologen Scheidemantel (Blumenau) und Siegel (Curitiba), Superintendent

Schrader (Blumenau), P. cand. Spannagel (Lages), Lehrer und dem „Urwaldsboten" (Blumenau).

Staude (S. Matheus)

In vielen Fällen konnte ich Material

verwenden,

das ich mir in 2V'2Jähri-

ger Tätigkeit als Ingenieur, Kolonisationsbeamter und Leiter von Bahnbau-

vorarbeiten in Blumenau und durch meine Studienreisen nach Neu-Württem-

berg, Baumschneiz, Porto Alegre und S. Paulo an Ort und Stelle selbst ge-

sammelt habe.

Hin und wieder griff ich auch auf meine langjährigen Er-

fahrungen in Deutsch-Südwestafrika und der Kapkolonie zurück.

Eine Schrift kann nur dann getreu unterrichten, wenn sie die Verhält-

nisse so schildert, wie sie tatsächlich sind, weder im guten noch bösen

übertreibt, noch auch aus Furcht vor Verantwortung und um es mit dem oder

jenem nicht zu verderben, wichtige Vorgänge zu vertuschen sucht.

Es mag

sich deshalb mancher über die vorliegenden Ausführungen wenig ergötzen,

aber ich hoffe wie bei den „Streiflichtern" 1 ) auch diesmal, daß der Leser die

Überzeugung gewinnen möge, daß mich bei Lob und Tadel nur das Streben

geleitet hat, die Verhältnisse mit ihren Licht- und Schattenseiten so im Bild

festzuhalten, wie sie sich dem unmittelbaren Beobachter darstellen.

Heidelberg, 30. September 1907.

Dr. Wettstein.

J ) „Streiflichter" auf die Frage, was aus Deutsch-Südwestafrika gemacht werden

kann (Verlag von Zürcher & Furrer in Zürich).

Inhaltsverzeichnis.

Widmung

Vorwort

Verzeichnis der Textabbildungen

Verzeichnis der Tafeln

Deutsche Weltwirtschaft

Südamerika.

Seite

V

VII

XII

XIII

1

Die Seefahrt nach Ostindien und die handelspolitische Bedeutung Südamerikas.

Geographische Grundlagen. Geschichtliche Entwicklung. Panamerikanische

Kongresse. Latinoamerikanische wissenschaftliche Kongresse. Konkurrenz BrasilienArgentinien

Brasilien.

2

Allgemeine Betrachtungen. Geographische Grundlagen. Wagerechte Gliede-

rung.

Senkrechte Gliederung. Bergschätze. Wasserkräfte. Klima und

Fruchtbarkeit des Bodens. Flüsse und Pflanzenwelt. Tierwelt. Bevölke-

rung. Bewohner Rio de Janeiros. Charakter der brasilianischen Bevölke-

rung. Deutsche Einwanderung. Erhaltung des Deutschtums in wirtschaft-

licher Hinsicht

Geschichtliche Grundlagen. Portugiesische Entdeckung.

Kolonisation

durch das Kaiserreich.

Kolonisation der Republik.

Auswandererfrage.

Geschichte der Kolonie Blumenau. Künftige Entwicklung

IT

59

Verfassung. Münzsystem, Maß und Gewicht. Junta Commercial. Steuern

für Bund, Staaten und Munizipien.

Die republikanische Form keine Ge-

währ für persönliche Freiheit. Vorteile der indirekten Steuern. Einfuhr- zölle und Zündholztrust. Wirkung der Ausfuhrzölle Gerichtspflege. Wechselwirkung zwischen dem volkswirtschaftlichen Wert

der Kolonie Blumenau und der Ordnung ihrer Rechtspflege

76

90

Verwaltung und Einwanderung. Loslösung der Südstaaten? Verwaltung in

den einzelnen Staaten. Verwaltung im Munizip Blumenau. Deutsche Kon-

sulate

94

Hanseatische Kolonisationsgesellschaft m. b. H. Gründung und Aus-

gangsbedingungen. Erschließungsarbeiten und -Kosten. Kulturfortschritte in den Hansakolonien. Auskunft für Auswanderer

Wirtschaftliche Lage. Brasilien ein Land der Naturalproduktion.

Wirtschafts-

99

formen. Papiergeldunwesen. Anteil deutschen Kapitals in Brasilien. Ge-

samthandel Brasiliens. Spezialhandel mit den Vereinigten Staaten und mit Deutschland. Für die Komark Blumenau wichtige Einfuhr- und Aus- fuhrwaren. Tilgung der äußeren Schuld. Wirtschaftliche Entwicklungs-

fähigkeit Brasiliens

111

X

Inhaltsverzeichnis.

Seite

Wirtschaftliche Lage in S. Paulo und Südbrasilien. Streiflichter auf die wirt- schaftliche Lage in S. Paulo, Paranä und Rio Grande. Wirtschaftsformen

in Sta. Catharina. Gesamthandel und Entwicklungsfähigkeit. Verlegung

der Hauptstadt. Ost-Westbahn S. Francisco^Asuncion. Kolonisation des

Urwaldgebirges und der Hochlandtäler. Catharina

Das Deutschtum im Staat Sta.

Die Komark Blumenau.

120

Allgemeine Übersicht. Senkrechte Gliederung. Natürliche Vorbedingungen. Boden-

schätze.

Bodenqualität. Wagerechte Gliederung. Bisherige und abseh-

bare Entwicklung infolge der natürlichen Vorbedingungen

130

Wirtschaftsleben. Verteilung der Bevölkerung und Besiedlung. Verteilung

der Bevölkerung auf Stadt und Land. Grundstückeinteilung. Anordnung

der Grundstücke. Koloniegröße. Landpreise. Verkaufsbedingungen. Quali-

tative Zusammensetzung der Bevölkerung. Vermehrung der Bevölkerung.

Ausbeutung des Kulturlands

139

Landwirtschaft, Wesen und Bedeutung. Formen der Landwirtschaft.

Ertragsfähigkeit des Bodens. Leistungen der verschiedenen Arbeitskräfte. Allgemeiner Wohlstand. Preisbewertung der Grundstücke

l~)f>

Landwirtschaftliche Erzeugnisse. Tierische Erzeugnisse. Vieh-

bestand. Aufbesserung der Viehrassen. Verarbeitung der tierischen Er-

zeugnisse. Butter, Schmalz, Ausfuhr von Fleisch- und Fleischwaren .

.

lüt>

Pflanzliche Erzeugnisse. Mais, Bohnen, Zuckerrohr, Kaffee, Tabak, Reis,

Baumwolle, Hanf, Gemüse. Obstbau.

Weinbau. Anbauversuche in der

Hansa. Erzeugnisse des Hochlands. Schlußforderungen

181

Handel. Handelsergebnisse in Sta. Catharina, Dona Francisca, Brusque und

Blumenau. Der Blumenauer Handel und seine geographische Begrenzung:

Welthandel, Küstenhandel, interlokaler und lokaler Handel. Aufgaben

des Blumenauer Handels und seine Entwicklung. Handelnde Personen. Gegenstände des Handels. Gruppen von Handelsartikeln. Güte und Preise der Waren. Selbständiger Handel. Einfluß des Klimas auf den Handel.

Schlußwort

Kleingewerbe. Entwicklung zu selbständigem Gewerbe

Industrie.

Anfänge einheimischer Industrie.

Art der Betriebe.

zelnen Industriezweige. Schlußfolgerung

190

212

Die ein-

217

Bankanstalten. Mangel einer Geldzentrale. Kreditgewährung in der alten

und neuen Kolonie. Gründung von Sparkassen

Schlußwort über das Wirtschaftsleben

220

225

Volksleben. Kulturelle Erhaltung der Einwanderer. Staatswesen und Verwaltung.

Erhaltung des Deutschtums in nationaler Richtung. Kirche. Schule. Presse.

Deutsches Kabel. Kunst und Wissenschaft. Schlußwort

Einleitung

Verkehrsverhältnisse. 1

)

228

251

Allgemeiner Teil. Das Verkehrswesen und seine Wirkungen auf die Volks-

wirtschaft. Die Verkehrswirtschaft. Doppelrolle des Verkehrs. Anforde- rungen an das Transportwesen. Preisverhältnis der Güter. Transportfähig- keit der Güter. Preisausgleichung. Verhältnis des Transportpreises zu

l ) Dieses Kapitel ist als Dissertation gedruckt, dadurch erklären sich Wiederholungen

und wird auf dieses Kapitel besonders hingewiesen.

Inhaltsverzeichnis.

XI

Seite

dem Tauschwert. Verkehrschaffende Wirkung der Verkehrsmittel. Ände- rung des Charakters der Produktion. Ausgleichung der Bodenwerte und der Lohnsätze

252

Wirtschaftlicher Charakter der Verkehrsmittel. Technische Ele-

mente der Verkehrsmittel. Verkehrsgruppen. Die Verkehrsmittel als stehende Kapitalanlagen. Intensität des Verkehrs. Richtungslinien des

Verkehrs

273

Die Verkehrsmittel als Gegenstand der Gemeinwirtschaft. Organe

der Gemeinwirtschaft und ihre Betätigung: Das Mutterland. Bundesregie-

rung. Staatsregierung. Munizipalverwaltung. Hanseatische Kolonisations-

gesellschaft. Privatpersonen. Bahnkonzessionäre

285

Besonderer Teil. Die einzelnen Verkehrsmittel in ihrer Tätigkeit. Laufpikaden.

Saumpfade. Fahrbare Wege. Fähren und Brücken. Fahrzeuge der Land-

wege.

Eisenbahnen in Blumenau, Sta. Catharina, Rio Grande do Sul, Pa-

ranä, S. Paulo, Brasilien, Argentinien, Andenbahn, panamerikanische Bahn 296

Post und Telegraphie: In Blumenau, Taxen für Postsendungen und Tele-

gramme, Post und Telegraphie in Joinville, Sta. Catharina, Rio Grande,

Brasilien

318

Fluß verkehr: In Blumenau, in Joinville, in Südbrasilien

324

Hafenverkehr: In Itajahy, Guaratuba, S. Francisco, Itapocu, Porto Bello, Florianopolis, Massiambu, Imbituba, Ararangua, Laguna

327

Küstenverkehr

332

Ozeanverkehr

336

Anlagen.

Weltkarte

Karte der Komark Blumenau

Budget der Paranäbahn

Kurstabelle

Wetterbeobachtungen in Blumenau

Anlage I

Die deutsche überseeische Auswanderung von 18711905

 

Anlage II

Tarife der Paranäbahn

Anlage III Anlage IV

Anlage V

Ortsbestimmungen brasilianischer Hafenorte

Anlage Via u. b Anlage VII

Anlage VIII

.

Verzeichnis der Textabbildungen.

Abbildung

  • 1. Straßenbild aus Rio de Janeiro

  • 2. Die neuangelegte 30 m breite Hauptstraße in Rio de Janeiro

  • 3. Hauptbahnhoi in Säo Paulo

  • 4. Neue deutsche Kolonisten in der Blumenauer Hansa

n

Deutsch-brasilianischer Kolonistensohn

  • 6. Sohn des Botokudenhäuptlings Monjan (der Starke) Bacharel Francisco Cogogn- Topp als Kind im Urwald gefangen und von den Franziskanern erzogen .

.

.

  • 7. Gefangene Bugerfrauen und Kinder Straßenleben in Säo Paulo

s.

'.). Neu angesiedelte deutsche Kolonisten in Sta. Catharina (Joinviller Hansa)

.

.

  • 10. Bahnstrecke bei Säo Francisco do Sul

1

1

Deutsche Ansiedler in der Blumenauer Hansa

  • 12. Brücke über den oberen Sellinfluß (Blumenauer Hansa)

1.;.

1

l.

loo Jahre alter Kaffeebaum in Säo Paulo

Deutsche Kolonie bei Blumenau

L5. Grundstückseinteilung

  • 16. Blumenauer Kolonieanwesen

  • 17. Geflügel auf dem Hansahof

  • 18. Deutsche Ansiedlung am Braco do Norte in Tubaräo (Sta. Catharina)

  • 19. Ananaskulturen in Säo Paulo

.

.

.

.

Seite

;1

11

19

47

53

55

5'

69

73

'°

101

107

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141

143

155

1' 1

183

1S '

  • 20. Hauptgeschäft der Hanseatischen Kolonisationsgesellschaft m. b. H. (Blumenauer Hansa)

  • 21. Dampfschneidemühle (alte „Gewittermühle") bei Blumenau

  • 22. Deutscher Franziskaner, Volksschullehrer, in Blumenau

  • 23. Pfarrer Dr. Aldinger mit seinen Schulkindern. Kirche von Hammonia

Im Hintergrund Schule und

207

215

241

245

  • 24. Deutscher Kolonistenwagen und deutsche Kolonisten zu Pferd vor dem Hotel zur Stadt Berlin" (Blumenauer Hansa)

  • 25. Gedeckte Holzbrücke (Joinviller Hansa)

  • 26. ürwaldpikade Rio Plate—Moema

  • 27. Schematische Darstellung des Hauptverkehrs von Blumenau

269

275

279

281

  • 28. Saltobrückenpfeiler bei Blumenau, seit Jahren vollendet, aber noch immer ohne Brückenbahn

  • 29. Brücke über den Raphael (Blumenauer Hansa)

  • 30. Tiefliegende Brücke in der Joinviller Hansa

  • 31. Kabriolett mit Zweigespann (Blumenau)

  • 32. Übliche Landkutsche in Blumenau

  • 33. Gedeckte Drahtseilfähre am Nordarm des Tubaräo (Sta. Catharina)

  • 34. Bucht von Rio de Janeiro

302

303

304

307

325

333

Verzeichnis der Tafeln.

Tafel

zu Seite

I. Deutsche Ansiedlung in Sta. Catharina (Titelbild).

II.

Urwald im Randgebirge von Sta. Catharina

17

III.

Muschelberge bei Joinville

26

IV.

Pinienwald des Hochlands von Sta. Catharina

31

V.

Jagdbeute in Sta. Catharina

37

VI.

Reisende Brasilianer

41

VII.

Deutsch-brasilianisches Kolonistenpaar

.

49

VIII.

Schießender Indianer

58

IX.

Brasilianische Vende (Kaufhaus)

04

X.

Brasilianische Ansiedlungen in Lucena

83

XL

Munizipalkammer in Säo Bento

91

XII.

Fähre über den Itapocu

97

XIII.

Brasilianische Ochsenkarrete

110

XIV.

Viehzucht auf dem Hochland

124

XV.

Stadtplatz Blumenau

130

XVI.

Deutsches Kolonistenanwesen in Sta. Catharina

135

XVII.

Tabakernte in der Joinviller Hansa

147

XVIII. Bananenpflanzung

 

157

XIX.

Holzarbeiter im Urwald von Sta. Catharina

163

XX.

Ochsen beim Holzpuschen als Zugtiere

167

XXI.

Haus eines deutschen Kaufmanns

177

XXII.

Dörren des Mates

191

XXIII.

Maultierkarawane in Südbrasilien

197

XXIV.

Baumriese in Sta. Catharina

208

XXV.

Pirahy Wasserfall bei Joinville

217

XXVI.

Deutsche Kirch- und. Schulgemeinde in Tubaräo

228

XXVII.

Saumpfad im Urwald von Sta. Catharina

251

XXVIII.

Ruhende „Truppe" auf dem Hochlande von Südbrasilien

256

XXIX.

Planwagen-Verkehr auf der Joinville-Serra-Straße

264

XXX.

Bahnhof in Joinville

273

XXXI.

Hafen von Sä 3 Francisco do Sul

289

XXXII.

a) Kahnfähre bei Neu-Bremen. b) Wegbau durch Hansakolonisten

.

.

.

296

XXXIII.

Bahn Säo Francisco-Joinville

313

XXXIV.

Brücke (Holz- und Eisenkonstruktion,) über den Nätal

320

XXXV.

Hafen von Joinville

329

XXXVI.

Hafenleben im Hamburger Hafen

339

Deutsche Weltwirtschaft.

Es bedeutet ein wichtiges Zusammentreffen der Ereignisse, daß unser

deutsches Volk zu einer Zeit seine nationale Erhebung vollzog, in der die An-

wendung des Dampfes und der Elektrizität und die dadurch ermöglichte He-

bung und Umgestaltung der Verkehrsmittel völlig neue Grundlagen schuf. So

wurden dem kontinental gelegenen Deutschland gleich günstige Vorbedingungen

gewährt, wie sie vordem nur den weithin an den offenen Ozean grenzenden

Staaten gegeben waren.

Auch im einzelnen waren damit dem jungen Reich

die technischen Mittel an die Hand gegeben, sich durch neue Verkehrslinien

von Eisenbahnen, Dampfschiffen und nicht zuletzt durch Telegraph und Kabel wachsenden Anteil an der handelspolitischen Beherrschung der kommerziell

noch nicht

aufgeteilten Welt zu

sichern.

Der hochbedeutende Einfluß der

Verkehrsmittel muß geradezu als die Vorbedingung der Entwicklung heutiger

Weltwirtschaft bezeichnet werden: die modernen Verkehrsmittel geben

den Schlüssel für die großen Aufgaben der jüngsten Gegenwart

und der absehbaren Zukunft!

In den wenigen Jahren seines Bestehens hat sich das Deutsche Reich

deshalb zum Welthandelsstaat entwickeln können und wir sind heute zu

Weltwirtschaft und Weltpolitik gezwungen, wenn wir nicht im Getriebe der

weltpolitischen Ereignisse als Macht untergeordneter Bedeutung beiseite ge- drängt werden und auf billige Rohstoffe und günstigen Absatz deutscher Er-

zeugnisse verzichten wollen.

Für unsere Weltwirtschaft gebrauchen wir überseeische Stützpunkte

und leistungsfähige Kolonien, um günstige Handelsbedingungen zu wirt-

schaftlicher Ausdehnung, dem Leitmotiv moderner Kolonialpolitik, zu erlangen.

Seit den 80er Jahren ist der Erdteil Afrika in den Vordergrund unseres

Interesses gerückt, und gleichzeitig ist ein bedeutender Umschlag, ein selbst

in breiteren Volksschichten wachsendes Interesse für unsere reichsdeutschen

Kolonien wahrzunehmen.

Dagegen sind

die weit größeren Aufgaben,

die

„das Deutschtum im Ausland, unsere wichtigste Kolonie," ] ) uns stellt, nur

x ) E. v. Liebert, Die deutschen Kolonien und ihre Zukunft.

Wettstein, Brasilien und Blumenau.

2

Südamerika

von wenigen richtig erkannt worden, obwohl die Zeiten der Schlagbäume alter Art vorüber sind und die handelspolitischen Grenzen heute vielfach die staat-

lichen an Bedeutung übertreffen. Das Wohnen und Wirken von 400 000 Leuten deutscher Abstammung in Südbrasilien gegenüber den wenigen Tausend Weißen

unserer reichsdeutschen Kolonien sollte uns doch zu Gedanken darüber an- regen, wohin wir mit einseitiger Betonung der reichsdeutschen Kolonialinter-

essen steuern!

Bei solcher Sachlage

dürfte es angebracht sein, einmal eine deutsch-

völkische Kolonie Südamerikas näher zu betrachten;

diese

Schrift will

sich

deswegen mit Brasilien und der deutsch-brasilianischen Kolonie Blu-

men au eingehend befassen.

Aufbauend auf den geographischen Bedingtheiten des Erdteils Südamerika

oder Colombia", soll

der Bundesstaat Brasilien 1 ) und

die alte Provinz, der

heutige Staat Sta. Catharina, und ableitend aus der Kolonisationsgeschichte

dieser Länder und der Komark Blumenau soll die heutige wirtschaftliche Lage

dieses Municipiums gemeinfaßlich behandelt werden. Auf Grund solcher Be- trachtungen werden sodann die Verkehrsverhältnisse der Komark Blumenau

allgemein nach volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten behandelt und im ein- zelnen in ihrer praktischen Entfaltung aufgeführt werden, so daß der Leser,

dessen Gedanken hinüber übers Meer gefolgt sind, von dem Ende der letzten

Urwaldspikade an auf dem Rücken des Saumtiers, der Achse des Wagens, im Zuge des Dampfrosses und an Bord zuerst des Flußdampfers, dann des

Ozeanfahrers wieder nach der Heimat gelangen kann.

Südamerika.

Der „Erdteil" Südamerika hat sich den westwärts fahrenden See-

fahrern

auf

ihren

Wegen nach

der indischen Inselwelt wie eine gewaltige

Weltschranke in den Weg gestellt; und es entsprach dem geschichtlichen Zug

des Weltverkehrs nach den Gewürzinseln Asiens, daß mit der Eröffnung des

Suezkanals das handelspolitische Interesse für Südamerika sank, zumal die politische Aufteilung Afrikas zunehmend unser Interesse in Anspruch nahm. Sobald der Panamakanal den Durchlaß zum westlichen Verkehr eröffnet hat

l ) Literatur über Südbrasilien: vgl. A. Hettner, Das südliche Brasilien.

Zeitschr. d.

Gesellschaft für Erdkunde. 26. Jahrg. 1891. A. Hettner, Das Deutschtum in Südbrasilien.

Geographische Zeitschrift.

8. Jahrg. 1902.

Im Übrigen O. Cannstatt, Kritisches Repeti-

torium der deutsch-brasilianischen Literatur. 1902.

Südamerika.

3

und die kommerziellen Rollen in Afrika verteilt sind, wird auch der deutsche

Handelspolitiker dem weit aussichtsvolleren südlichen Erdteil der westlichen

Halbkugel, Südamerika, wieder sein erhöhtes Interesse zuwenden. Hoffen wir, daß dann nicht die besten Handelsstützpunkte bereits vergeben sind! Wie

wechselnd die deutsche Teilnahme diesem Erdteil zugewandt war, das be-

weisen am deutlichsten die Wandlungen unserer Auswanderungspolitik,

das beweist das schwankende Interesse, das wir bald dem südamerikanischen

Preußen", Chile, bald dem zukünftigen Ausfuhrland en gros für Auswanderer,

Argentinien, bald dem Lande zuwenden,

in

dem

wir

kraft

einer

starken

deutsch abgestammten Bevölkerung bereits eine natürlich befestigte Grundlage

für deutsche Handelsbeziehungen besitzen, Brasilien. Noch ruht das Schwergewicht des überseeischen Verkehrs von und nach

Südamerika in Europa, besonders im Ärmelkanal, aber die Wirkungen des Handelspols der Vereinigten Staaten machen sich zunehmend bemerkbar, wenn

sie auch noch weniger gefestigt sind als meistens angenommen wird.

Wenn sich die vorliegende Arbeit in der Hauptsache auch nur mit einer

einzigen deutschvölkischen Kolonie in diesem Erdteil befassen soll,

so

will

sie doch die Richtlinien und Ausstrahlungen des sie umgürtenden Verkehrs

widerspiegeln;

sie

will

die Kolonie

als

kleineren Bestandteil eines großen

Ganzen und besonders auch die Wege zeigen, wie diese eine ausschlaggebende Bedeutung für die Entwicklung unserer südamerikanischen Überseeinteressen

erlangen könnte, ja erlangen sollte!

Südamerika trägt in höherem Grade

als

irgend ein anderer Erdteil die

Kennzeichen eines einheitlichen Baues (Sueß).

Aber wie

der ganze Erdteil

sich als Verkehrshindernis

den Ostindienfahrern in den Weg legt,

so ver-

sperren in seinem Innern von Nord nach Süd zweifach und mehrfach wie

gewaltige Mauern die Küsten-, West-, Zentral- und Ostkordilleren den Verkehr.

Um so bevorzugter erscheinen dadurch die riesenhaften Stromgebiete

des Amazonas und La Plata,

und sie heben mit deutlicher geographischer

Keilschrift die Bedeutung

des von ihnen

durchfluteten oder zwischen ihren

Armen eingeschlossenen Brasiliens hervor, zumal auch noch das Flußsystem

des Orinoco in einer in der Welt einzig dastehenden Art an den Amazonas

von der Natur angegliedert wurde und es nicht mehr eine Frage der Technik

sondern nur noch der Zeit bedeutet, wann diese drei Flüsse ein Verkehrs-

system der Welt abgeben, wie es

großartiger kaum

zu denken ist.

Da-

durch wird in absehbarer Zeit der Nachteil ausgeschaltet,

daß der mittlere

Küstenabstand Südamerikas 550 km beträgt, während er für Gesamteuropa

nur

340 km,

für Nordamerika

470 km

mißt 1

).

Andererseits verdankt es

Südamerika diesem Stromsystem, daß es zu 45% aus Tiefland (0 200 m)

besteht, während im Durchschnitt die Erdoberfläche nur 32 % Tiefland besitzt.

Vgl. Max Eckert, Grundriß der Handelsgeographie.

4

Südamerika.

Der weitaus größte Prozentsatz des Tieflandes kommt aber wiederum Brasilien

zugute.

Von

den 135 Mill. qkm der Erdoberfläche (gegenüber 375 Mill. qkm

Wasserfläche) nimmt Amerika 41 Mill., Südamerika 17 Mill. qkm ein.

Wie nun der Erdteil Südamerika, seine Landmassen von Nord nach Süd

verschmälernd, sich durch alle Zonen erstreckt, ja deren Charakter besonders

scharf hervortreten läßt und andererseits weit in den Ozean hineinragt, von

dessen Klima es stark beeinflußt wird, so umfaßt wiederum das im breitesten

Teil Südamerikas gelegene und in mächtigen kontinentalen Landmassen die

natürliche Grundlage einheitlicher Gestaltung besitzende Brasilien alle Zonen

mit Ausnahme der kalten und zeigt besonders im Süden,

den wir näher be-

trachten wollen, den starken Einfluß

des Ozeans auf das Klima des Landes.

In ähnlicher Bildung wie der Erdteil verschmälert sich das brasilianische Berg-

und Tafelland

in

den Südstaaten.

Diese gliedern sich als Anhängsel dem

übrigen großen Staatenblock an; und wenn deren Loslösung auch keine zwin-

gende Möglichkeit bietet, einzelne geographische Vorbedingungen für eine

vielleicht später zu vollziehende Trennung sind ebenso wie in Uruguay vor-

handen.

Weniger günstig als die Stromsysteme des Binnenlandes zeigen an der Ostküste, besonders im Süden, lange Strecken keine verkehrserleichternde Gliederung; namentlich in dem zweitsüdlichsten Staat, Sta. Catharina, in dem

die Kolonie Blumenau liegt, fehlt

das

für die kulturelle Entwicklung eines

Staats so wichtige Zusammentreffen der Mündungen fahrbarer Ströme mit

guten Häfen.

Dieser Mangel an geeigneter Küstengliederung, dieses Fehlen von

Golfen, außer dem von