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HS Bonn-Rhein-Sieg

Seminar Verbraucherjournalismus 2017

Wie vermittle ich Inhalt?

Ausgangspunkt der Diskussion: ein Filmausschnitt aus dem


„Ikea-Check“ (ARD, 25.8.14). Er befasst sich mit der Qualität
von Ikea-Produkten am Beispiel von Billy-Regalen sowie
Gläsern, einer Lampe und einer Kommode. Die verschiedenen
Erzählstränge: der Besuch bei einer Ikea-Katalog-Sammlerin,
die Preisentwicklung von Billy-Regalen in den vergangenen 30
Jahren, das Einsammeln alter Billy-Regale bei Privatleuten, der
Qualitätsvergleich dieser alten Regale mit neuen „Billys“ durch
einen Schreiner, das mehrfache Auf- und Abbauen neuer Regale
in der Fußgängerzone zwecks Prüfung der „Umzugsfähigkeit“,
ein optischer Vergleich von Ikea-Möbeln mit ähnlichen des
Konkurrenten Höffner (wieder in der Fußgängerzone) und ein
Sicherheits- und Belastungstest verschiedener Produkte im
TÜV-Labor.

Die verschiedenen Ebenen der Informationsvermittlung:

1. Primärinformationen:
Die Informationen werden für den Rezipienten klar
erkennbar als zentrale Fakten rund um den
Berichtsgegenstand transportiert. Sie sind von
wesentlicher Bedeutung für das Verständnis des
Sachverhalts. Zu den Primärinformationen gehört die
Kernaussage („Headline“) der Geschichte.

In o.a. Filmbeispiel sind zwei verschiedene Headlines denkbar:


 Die Qualität ist heute noch gerade so gut, dass der Kunde
sich nicht beschwert.
Oder:
 Der Preis ist gesunken, aber die Qualität auch.
Primärinformationen sind u.a.:
 Billy-Regale sind heute schmaler als früher.
 Deren Bretter sind dünner geworden.
 Sie biegen sich bei Belastung stärker, aber noch im
Rahmen der Vorschriften.
2

 Nach mehrmaligem Auf- und Abbau sind die Regale


wackeliger als zuvor, aber laut Expertenurteil noch
verwendbar.
3

2. Sekundärinformationen und Subtext:


Beide untermauern Plausibilität und Bedeutung der
Primärinformationen, allerdings in unterschiedlicher
Weise:

a) Sekundärinformationen werden ebenfalls als klar


erkennbare Fakten transportiert. Allerdings stehen sie
anders als die Primärinformationen nicht in direkter
Verbindung zur Kernaussage/Headline. So haben sie in
aller Regel auch keine Belegfunktion. Es handelt sich bei
ihnen vielmehr um Ergänzungen oder Erläuterungen, die
der Verbesserung des Verständnisses dienen oder den
Primärinformationen womöglich erst entscheidendes
Gewicht verleihen („Fallhöhe“ = bspw. dramatischer
Einzelfall). Da Sekundärinformationen inhaltlich weiter
entfernt von der Kernaussage sind als
Primärinformationen, benötigt der Rezipient für
Verständnis und Einordnung eine entsprechend größere
gedankliche Leistung (Transferleistung).

In o.a. Filmbeispiel u.a.:


 Der Schreiner verweist auf eine veränderte
Erwartungshaltung der Konsumenten, die inzwischen bei
Möbeln von kürzeren Lebenszyklen ausgehen.
 Er erklärt überdies, dass die Konkurrenz ähnliche
Werkstoffe anwendet, z.B. furniertes statt massives
Material
 Die Ikea-Sprecherin nennt als Begründung den
Umweltschutz (Einsparen von Ressourcen).

b) Beim Subtext werden die Informationen erst gar nicht


als Fakten „vermarktet“. I.d.R. handelt es sich um
Darstellungen, die der Rezipient in ein Faktum
übersetzen muss (wobei unterschiedliche
Übersetzungen je nach Konditionierung des Rezipienten
nicht auszuschließen sind). Subtext-Informationen
erhalten gerade durch diese Eigenleistung des
Rezipienten ein besonderes Gewicht. Gleichzeitig
können sie nicht überfordern, da sie im Zweifel nicht als
Information wahrgenommen werden. Oft erscheint der
Subtext belanglos für die eigentliche „Geschichte“,
dennoch kann er unterschwellig von großer Bedeutung
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sein, bspw. indem der Rezipient sich erst dadurch mit


dem Thema identifiziert.

In o.a. Filmbeispiel u.a.:


 Das Verhalten der Pressesprecherin von Ikea und ihre
Begründung, dass Materialeinsparungen dem
Umweltschutz dienten (Einsparen von Ressourcen), wirkt
wenig glaubhaft.
 Ein Passant erzählt von seiner umfangreichen
Aufbauerfahrung bei Billy-Regalen (identifikationsstiftend).

Sekundärinformationen und Subtext bilden i.d.R. nicht


die „Headline“ der Geschichte. Sie sind nicht immer
leicht voneinander zu trennen – wichtiger ist die ihnen
gemeine Eigenschaft, dass sie eine Transferleistung des
Rezipienten für eine wesentliche Erkenntnisgewinnung
verlangen.

3. Ableitung:
1 und 2 setzen den Rezipienten in den Stand, seine
eigenen Schlussfolgerungen (über die zentrale
„Headline“ hinaus) zu ziehen.

In diesem Fall denkbar:


 Ikea geht bei seinen Einsparmaßnahmen so geschickt vor,
dass der Kunde diese billigend in Kauf nimmt – oder gar
nicht erst bemerkt.

Die Unterschiede im Überblick:

Vermarktun Transfer Bedeutung/Funktion


g als erforderlich?
Information
?
Primärinfo ja Nein  Anlass des Berichts
 Kerninformation plus
sie ergänzende
Fakten
Sekundärinf ja Ja (gelenkt,  Fallhöhe (Fallbsp.)
o erkennbarer  Verbesserung des
Kontext zur Verständnisses
Primärinfo) (Erläuterungen)
Subtext nein Ja (frei, kein  Identifikation im
erkennbarer Alltag
Kontext zur  Erlauben von
Primärinfo) Eindrücken
5

 Relevanz- und
Erkenntnisverstärku
ng

Die verschiedenen Erzählwege:

O.a. Filmausschnitt bot dem Rezipienten mit seinen


verschiedenen Erzählsträngen zunächst viele Details auf den
drei Informationsebenen. Nach zwei Dritteln lieferte er ein
Zwischenergebnis für das Billy-Regal und erst am Ende das
Ergebnis (Ikea-Qualität ist ausreichend).

Arbeitet man sich so an das Ergebnis heran, ist der Erzählweg


induktiv. Nimmt man das Ergebnis vorweg und erläutert man
anschließend dessen Zustandekommen, ist der Erzählweg
deduktiv.
6

deduktiv Induktiv
START Ergebnis (das Erfahrung (das
Allgemeine) Besondere)

ZIEL Erfahrung (das Ergebnis (das


Besondere) Allgemeine)

HALTUNG Dem Rezipienten Auf Augenhöhe mit dem


des überlegen („Ich weiß Rezipienten („Lass es
Verfassers was, und erkläre es uns gemeinsam
Dir.“) herausfinden!“)

Auch wenn der induktive Weg sympathischer klingen mag, ist er


nicht immer vorzuziehen. Berichte und Nachrichten bspw.
sollten i.d.R. deduktiv angelegt sein, um dem Rezipienten die
Entscheidung zu überlassen, inwieweit er sich jenseits des
Ergebnisses noch mit Erfahrungen im o.a. Sinne befassen
möchte. Bei anderen Formen (Reportagen, investigativen
Dokumentationen, Porträts, Magazinberichten und Tests im
Fernsehen) liegt der induktive Weg näher. In jedem Fall sollte
man sich fragen: Welche Herangehensweise mag für „meine“
Zielgruppe die interessantere sein?

Welcher Inhalt für welches Medium?


Der Bericht „Bra jobbat“ aus der Zeitschrift „Öko-Test“
(11/2013) beschäftigt sich ebenfalls mit Ikea-Möbeln. 20
Produkte vom Klapptisch bis zum Kleiderschrank wurden auf
Schadstoffe untersucht. Aufbau und Handhabung flossen nur
einmal in die Bewertung ein, weil sich ein Stuhl aufgrund eine
Konstruktionsfehlers gar nicht zusammenmontieren ließ. Alle
Möbel bestanden den Schadstofftest (nur bei dreien gab es
kleinere Mäkeleien). Ein deutlich positiveres Bild von Ikea als
bei den früheren Untersuchungen von „Öko-Test“. Die
Kernaussage – Ikea-Möbel: viel weniger Schadstoffe als früher –
wird anhand von vielen Primärinformationen herausgearbeitet,
wie etwa:
 17 von 20 Möbeln bleiben bei den Ausdünstungen der
verschiedensten Schadstoffe unter den strengen
Grenzwerten von „Öko-Test“.
7

 Kleinere Abwertungen gab es bei drei Möbeln, da dort


problematischere Substanzen nachgewiesen wurden.
 So bekam der Klapptisch „Ingathorp“ nur die Note „gut“,
weil halogenorganische Verbindungen in der Beschichtung
gefunden wurden.
 Im Lack des Bettgestells „Hemnes“ steckten an Stelle von
Phthalaten Ersatzweichmacher, deren gesundheitliche
Bedeutung noch nicht hinreichend erforscht sei.
 Alles in allem aber seien die Produkte viel verbraucher-
und umweltfreundlicher als noch vor 25 Jahren.
 Damals wurde bspw. noch viel PVC eingesetzt und in 2000
wurde in Fertigparkett und Laminat sowie einigen Möbeln
Formaldehyd gefunden.

Das ist nur ein kleiner Ausschnitt der Primärinformationen. Der


Bericht geht in die Tiefe und nennt viele Details, bspw. die
Produktnamen und die chemischen Substanzen. Er wird
abgerundet mit einer Testzusammenfassung für jedes einzelne
der 20 untersuchten Produkte. Der Bericht arbeitet auch mit
einigen Sekundärinformation, aber: Subtext fehlt! Er bedient
damit eine – im Vergleich zum Film völlig andere –
Erwartungshaltung des Rezipienten: zahlreiche, detaillierte
Informationen und nichts, das auch nur scheinbar von der
Sache ablenkt.

Es schälen sich folgende Stärken und Schwächen bzw.


Spezifika des jeweiligen Mediums heraus:

Fachzeitschrift Film

+ Infodichte -

+ Infokompatibilitä -
t
- +
Raum für
Auslegung
Genauwissenwoller (Subtext) Breite Masse
 Tendenziell  Nebenherkonsumenten
gebildet Zielgruppe  „Konzentrierte“
 Gewisse  Zufälliggucker
Vorkenntnisse  Regelgucker
 Nicht arm  Genauwissenwoller
 Haben gezielt  Nichtgenauwissenwoller
bezahlt  Nicht per se
 Spezifisches Interessierte
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Interesse am  Nutzwertorientierte
Themen-Genre  Anteilnehmer (am
Schicksal Dritter)
 Alte und Junge
 Gebildete und weniger
gebildete

Die Fachzeitschrift liefert nicht nur eine viel höhere


Informationsdichte (die der Rezipient auch erwartet), sondern
hat auch die Möglichkeit dazu, weil sie die Aufnahmemodi der
Information (bspw. Tempo, Rhythmus, Selektion, Wiederholung)
dem Rezipienten anheim stellt (Infokompatibilität).
Situationsbeschreibungen oder Abschweifungen vom sachlichen
Kern, die Raum für Subtext und die Auslegung durch den
Rezipienten geben würden, laufen hier Gefahr, als sachfremd
decouvriert zu werden, während sie dort (= im Film) eher
dankbar als Puffer zwischen Informationen angenommen
werden. Schließlich gilt es, einmal eine eher spezielle, einmal
eine eher unspezifische Zielgruppe zu bedienen.

Zwischen diesen Extremen liegt das „breite Mittelfeld“ u.a. mit


den wichtigen Publikationsformen Tageszeitung
Massenzeitschrift und vielen Erzählformen im Netz. Die Wahl
der Infodichte, das etwaige Schaffen von Raum für Auslegung
sind hier immer wieder aufs Neue zu prüfen.

So nutzt „Spiegel“-Reporter Markus Feldenkirchen in seinem


Beitrag „Die Stimme der Chlorhühner“ für die Rubrik „Global
Village“ („Der Spiegel“, 16/2015) facettenreich die
Möglichkeiten von Sekundärinformationen - und vor allem
Subtext: die Tischplatte des Lobbyisten für US-Chlorhühner ist
„gewienert“ und an den Wänden seines Konferenzraums
„hängen Schwarz-Weiß-Aufnahmen der großen amerikanischen
Hühnerbarone, in Szene gesetzt, als handele es sich um
nationale Berühmtheiten.“ In der Gesamtschau bereichern oder
prägen sie gar das Bild eines Lobbyisten, der kein Verständnis
für die europäische Abneigung gegenüber Hühnern die mit
Chlorwasser desinfiziert wurden, aufbringt – wo dieses doch
laut Untersuchungen ausgesprochen schwach konzentriert und
völlig unbedenklich sei.

Möglichkeiten und Grenzen:


9

Oft ist es – zeitlich oder thematisch bedingt – schwierig,


Sekundärinformationen und/oder Subtext zu generieren,
umgekehrt stellt sich häufig – medienabhängig – das Problem,
Träger für Primärinformationen zu generieren. Suchte man zu
den Primärinformationen o.a. Berichtes von „Öko-Test“ filmische
Gestaltungselemente, ergäbe dies streng genommen:
 die Produkte (auch historisch)
 deren Herstellung (auch historisch)
 Laboruntersuchungen
 Grafiken
 Experten (O-Töne)

Schwer, sich so einen Film vorzustellen. Es sei denn, man kürzt


die Primärinfomation drastisch und erweitert jenen gleichzeitig
um Elemente, die dann wieder Sekundärinformationen bzw.
Subtext liefern.

Welche Anforderungen gelten für Experten?


Verbraucherjournalismus kommt selten ohne Experten aus. Ob
es um den Vergleich bzw. die Bewertung von
Produkten/Dienstleistungen geht oder um das Aufdecken eines
kritikwürdigen Umstandes – selbst, wenn der Journalist über
eine eigene hinreichende Expertise verfügen sollte (was bei der
Breite des Themenspektrums eher unwahrscheinlich bleibt), so
steigert die Einbindung Dritter die Glaubwürdigkeit und
entbindet den Journalisten von der Pflicht, eigene
Tatsachenbehauptungen zu belegen. Mithin stützen Experten
die These(n) eines journalistischen Produkts (Bsp.:
Schreinermeister im „Ikea-Check“ – s.o.). Im Extremfall sind sie
sogar Anlass des Berichtes – stützen also nicht die
Berichtsthese, sondern formulieren sozusagen diese (fiktiv
gewähltes Bsp.: Ein Forscher stößt auf krebserregende
Substanzen in Zahncremes). Dritte Variante: Bei kontrovers
angelegten Themen sorgen verschiedene Experten mit
unterschiedlichen Ansichten für einen Diskurs.

In allen Fällen ist die Wahl der Experten von großem


Gewicht. Unabdingbar sind deshalb deren:
 Kompetenz
 Glaubwürdigkeit
 Unabhängigkeit
1

Kompetenz ist dabei nicht zwingend an formale Kriterien wie


(wissenschaftliche) Ausbildung, Zugehörigkeit zu einer
Institution (Verbraucherzentrale) gebunden, denn natürlich kann
Expertise auch auf anderen Wegen gewonnen werden. Letztlich
muss man sich dennoch darüber im Klaren sein, dass im
späteren Konfliktfall (z.B. Beschwerde eines Unternehmens,
über das kritisch berichtet wurde), die Begründung, den oder
die richtigen Experten ausgewählt zu haben, ohne einen
solchen formalen Background deutlich schwerer fällt. Und es
steigt der Anspruch mit der Komplexität, aber auch dem
Gewicht des Themas, kurzum: Je härter die Vorwürfe und je
ernstzunehmender die zu erwartenden Folgen, desto
qualifizierter auf auch der formalen Ebene der Experte!

Erst so wird ein kompetenter Experte also auch glaubwürdig.


Und für dessen Glaubwürdigkeit ist ebenfalls vonnöten: seine
Unabhängigkeit.

“Men‘s Health” titelt bspw. Am 1. April 2016: “Bier ist das


perfekte isotonische Getränk” für Sporttreibende und stützt
diese Aussage im Wesentlichen auf die Expertise des
Ernährungswissenschaftlers Günter Wagner vom Institut für
Sporternährung in Bad Nauheim. Dieses Institut lässt bei einem
flüchtigen Blick auf dessen Homepage zunächst keine Zweifel
an Kompetenz und Glaubwürdigkeit des Experten aufkommen,
eine weiterführende Recherche im Netz führt jedoch recht
schnell zu einer gewissen Nähe von Günter Wagner zur
Bierbrauerei „Bitburger“. Außerdem lassen sich zahlreiche
Experten finden, laut denen andere Getränke als isotonische
den gewünschten Zweck ebenso oder gar besser erfüllen. Dabei
ist es unerheblich, ob Günter Wagner womöglich gar auf der
„Payroll“ der Brauerei steht, allein Anschein und Möglichkeit
lassen den Verdacht der Parteilichkeit aufkeimen und
beschädigen die Glaubwürdigkeit des Experten.

(Einschränkung: Ein Diskurs ist auch mit abhängigen,


parteiischen Experten denkbar, z.B. in Talkshows. Allerdings ist
er oft bei weitem nicht so ergiebig, wenn Parteien ihre
(erwartbare) funktionsbedingte Sicht der Dinge vortragen.)

Von zwar nachrangiger, dennoch nicht zu


unterschätzender Bedeutung (mit wiederum
medienspezifischen Abstufungen) sind deren:
1

 Präzision
 Verständlichkeit
und (bei best. Medien)
 Authentizität
 Auftreten (sympathisch, angemessen)

„Ja!“ zur „Tendenzberichterstattung“?


Zunächst einmal handelt es sich um eine gern von Kritisierten
benutzte Klassifizierung, wenn diese nicht nur „schlecht
weggekommen“ sind, sondern auch die Berichterstattung
erkennbar „Schlagseite“ hatte. Ungeachtet dessen ist jedoch zu
prüfen, ob es nicht gute Gründe für eine klare Tendenz in einer –
nach wie vor der Objektivität verpflichteten – Berichterstattung
(also kein Kommentar, wo man eine Tendenz sowieso erwarten
darf) gibt. Voraussetzungen hierfür sind:

 Die Tendenz steht erst nach der Recherche fest.


 Bei der Recherche wurde jeglicher Sorgfaltspflicht
Genüge getan = Überprüfung der Quellen;
konsequenter Versuch, weitere Quellen zu
erschließen; Gelegenheit zur Stellungnahme für die
Kritisierten.

Sind diese Bedingungen erfüllt, ist durchaus denkbar, dass ein


Bericht Partei nimmt. Nicht im Sinne einer
Voreingenommenheit, sondern durch die Abhandlung eines
objektiv kritikwürdigen Umstandes, für den der Kritisierte keine
hinreichend guten Gründe vorbringen kann.

(Oft hat auch das Verhalten der Kritisierten Einfluss auf den
„tendenziösen Charakter“ eines Berichts. Ein Kritisierter, der
sich bspw. den Sachverhalt bedauernd einem Interview zur
Verfügung stellt, wird in aller Regel mehr Raum haben als einer,
der „mauert“. Trägt der Bericht alle anderen Aspekte
gleichermaßen vor, wirken diese in der zweiten Variante
natürlich in der Summe tendenziöser. Das ist dann aber nicht
1

das Problem des Journalisten. Im Gegenteil: Das Verhalten eines


Kritisierten (im obigen Sinne) sollte gerade keinen Einfluss auf
die Veröffentlichung von Vorwürfen nehmen – auch nicht
hinsichtlich Schärfe und Umfang.)

Tendenzberichterstattung und Ausgewogenheit


schließen sich in einem wohlverstandenen Sinne deshalb
nicht aus. Erstere kann ein Ergebnis sein. Letztere ist die
Herangehensweise zum Erzielen eines Ergebnisses (was
tendenziös sein kann, aber nicht sein muss). Ausgewogenheit
erlaubt auch das Verfolgen einer tendenziösen
Berichtshypothese. Wichtig ist wiederum, dass die Recherche
(s.o.: Quellenüberprüfung, Gelegenheit zur Stellungnahme usw.)
ausgewogen und vorurteilsfrei erfolgt.

Erste Bilanz: Verbraucherjournalismus


heißt…
 ein breites Themenspektrum (vom Produktvergleich bei
Möbeln mit direktem Nutzwert bis zur Magazin-Story über
einen US-Landwirtschafts-Lobbyisten, der am sich
abschottenden Europa verzweifelt)
 verschiedene Ebenen der Informationsvermittlung
 viele Darstellungsformen
 vielseitige Herangehensweisen

Aber jeweils unter Berücksichtigung:

 der jeweiligen Zielgruppe


 des jeweiligen Gefäßes (Medium)
 und - nicht zu unterschätzen - der Vorstellungen der
Redaktion.

Diese Bedingungen (Senkrechte) erlauben und beschränken im


folgenden Tableau die Ausformungen o.a. Parameter
(Waagerechte):

Nutzw Ebenen der Darstellungsfor Herangehensw


ert Inhaltsvermittlung m eisen
(beispielhaft) (beispielhaft)
Zielgru Direkt  Primärinformatio  Bericht deduktiv
ppe versus versus
1

indirek n  Reportage induktiv


Gefäß t  Subtext /  Interview
Sekundärinform.  Glosse berichtend
 Ableitung versus
Redakt
erzählend
eur
sachlich
versus
bewegend

ernsthaft/
versus
spaßig/ironisch
1

Wie formuliere ich sachlich richtig?


Schwieriger als man gemeinhin denkt. Und sollte dies nicht
gelingen, mit der Gefahr juristischer Konsequenzen – gerade bei
einer Verbraucherberichterstattung, die auch vor der Nennung
von (Firmen)namen nicht Halt macht. Das Spektrum reicht von
der Aufforderung zur Abgabe einer Unterlassungserklärung über
die Gegendarstellung bis hin zur Klage auf Schadensersatz. Im
folgenden Beispiel würde der frei erfundene Hersteller des
Dolly-Fahrrades gewiss angestrengt über all dies nachdenken.

Ausgangspunkt ist diese stichwortartige Zusammenfassung


einer ebenso erfundenen Pressekonferenz:

TÜV Niemandsland
Untersuchung von 10 Kinderfahrradlenkern

Prüfzeitraum: 2.5. – 6.5.2016

Stichprobenerhebung: 25.4. – 29.4. 2016; Kauf je eines


Fahrrades pro Typ im Fachhandel oder Supermarkt.

Untersuchung auf polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe


(PAK)

Maßstab (Richtwerte des Bundesinstituts für Risikoforschung):


Summe aller PAK-Substanzen (16): 10mg/kg
Benzoapyren: 1mg/kg

Untersuchungsergebnisse mit Überschreiten der Richtwerte:


DOLLY Gloria Z3 (3 - 6 Jahre)
Summe aller PAK-Substanzen: 40mg/kg
Benzoapyren: 20mg/kg
FLOTTI Brummbär 09 (3 – 6 Jahre)
Summe aller PAK-Substanzen: 12mg/kg
Benzoapyren: 2mg/kg
SPEEDY My first (0 – 3 Jahre)
Summe aller PAK-Substanzen: 32mg/kg

Zahlreiche Substanzen aus der Gruppe der PAK sind potentiell


krebserregend. Als besonders kritisch ist Benzoapyren
anzusehen, das potentiell Blasenkrebs auslöst. Die Übertragung
von PAK-Substanzen in den Körper erfolgt über Hautkontakt.

Auszüge aus PK-O-Tönen:


1

Volker Klebrig (Versuchsleiter):


„Solche PAK-Substanzen geraten in aller Regel durch die
Beimischung von billigen Teerölen bei der Kunststoffproduktion
in die Fahrradlenker. Verwendet man hochwertigere Rohstoffe
als Geschmeidigmacher, stellt sich das Problem nicht so
schnell.“

Günther Schluder (Vorsitzender TÜV Niemandsland):


„Das Verhalten von Dolly erfüllt meines Erachtens den
Tatbestand der Körperverletzung.“

Daraus wird – einmal angenommen – dieser Artikel:

Krebsgefahr im Lenkergriff
TÜV hat Kinderfahrräder getestet
Überall, 20.5.2016. Kinder mit DOLLY-Rädern werden schneller
schwerkrank. Das ist das erschreckende Ergebnis einer Studie
des TÜV. Aber nicht nur auf DOLLY-Drahteseln fährt es sich
gefährlich – jedes dritte Kinderfahrrad hat krebserregende
Schadstoffe in den Lenkergriffen.

Die Experten hatten die Griffe von zehn Kinderfahrrädern für


das Alter bis sechs auf polyzyklische aromatische
Kohlenwasserstoffe (PAK) hin untersucht. PAK verursacht bspw.
Blasenkrebs. Am schlechtesten schnitt Marktführer DOLLY ab. In
den Lenkergriffen der Reihe „Gloria Z3“ befinden sich 20mg/kg
der besonders gefährlichen PAK-Substanz Benzoapyren. Der
gesetzliche Grenzwert für Benzoapyren liegt bei 1mg/kg. Also
eine Überschreitung um das 20fache - und 20mal zuviel an
Schadstoffen, die via Hautkontakt auf den Körper des Kindes
übertragen werden.

TÜV-Vorstand Günther Schluder brachte es gestern bei einer


Pressekonferenz auf den Punkt: „Das Verhalten von DOLLY erfüllt
den Tatbestand der Körperverletzung.“ Zumal PAK-Substanzen in
Fahrradlenkern völlig unnötig sind: Sie gelangen dort hinein,
wenn in der Kunststoffproduktion billige Teeröle beigemischt
werden.

Bei DOLLY war bis Redaktionsschluss niemand für eine


Stellungnahme zu erreichen. Es dürfte auch kaum ein Trost sein,
dass zwei weitere Hersteller (in geringerem Umfang) den Lenkern
krebserregende Substanzen zugesetzt hatten.
1

Der ein oder andere Fehler wird sofort aufgefallen sein. Aber
auch alle?

Krebsgefahr im Lenkergriff
TÜV hat Kinderfahrräder getestet
Überall, 20.5.2016. Kinder mit DOLLY-Rädern (unzulässige
Verallgemeinerung) werden schneller schwerkrank (zu
weitgehende Schlussfolgerung). Das ist das erschreckende
Ergebnis einer Studie des TÜV (Konkretisierung „Niemandsland“
fehlt) . Aber nicht nur auf DOLLY-Drahteseln (unzulässige
Verallgemeinerung) fährt es sich gefährlich – jedes dritte
Kinderfahrrad (unzulässige Verallgemeinerung) hat
krebserregende (ohne „potentiell“ mglw. inhaltliche
Verschärfung) Schadstoffe in den Lenkergriffen.
Die Experten hatten die Griffe von zehn Kinderfahrrädern für
das Alter bis sechs auf polyzyklische aromatische
Kohlenwasserstoffe (PAK) hin untersucht. PAK (unzulässige
Verallgemeinerung) verursacht bspw. Blasenkrebs. Am
schlechtesten schnitt Marktführer DOLLY ab. In den
Lenkergriffen der Reihe „Gloria Z3“ (unzulässige
Verallgemeinerung) befinden sich 20mg/kg der besonders
gefährlichen PAK-Substanz Benzoapyren. Der gesetzliche
Grenzwert (falscher Begriff) für Benzoapyren liegt bei 1mg/kg.
Also eine Überschreitung um das 20fache (Rechenfehler: 19fach)
- und 20mal zuviel an Schadstoffen, die via Hautkontakt auf den
Körper des Kindes übertragen werden (zu weitgehende
Schlussfolgerung).
TÜV-Vorstand Günther Schluder brachte es gestern bei einer
Pressekonferenz auf den Punkt (Sichzueigenmachen einer Aussage
Dritter): „Das Verhalten von DOLLY erfüllt (durch Verkürzung
wird aus Meinungsäußerung Tatsachenbehauptung) den Tatbestand
der Körperverletzung.“ Zumal PAK-Substanzen in Fahrradlenkern
völlig unnötig (Verschärfung: Experte sagt, nicht so schnell)
sind (fehlende Distanzierung): Sie gelangen dort hinein („in
der Regel fehlt“, so ist es eine Verallgemeinerung, außerdem
fehlende Distanzierung), wenn in der Kunststoffproduktion
billige Teeröle beigemischt werden.
Bei DOLLY war bis Redaktionsschluss niemand für eine
Stellungnahme zu erreichen. Es dürfte auch kaum ein Trost sein,
dass zwei weitere Hersteller(nur ein weiterer mit
krebserregender Substanz) (in geringerem Umfang) den Lenkern
krebserregende (s.o.) Substanzen zugesetzt hatten (nicht
belegte Behauptung über die Absicht).

Nun ist nicht alles gleich folgenschwer, der Rechenpatzer bspw.


ist vernachlässigbar. Ausgesprochen gefährlich sind allerdings
drei Fehlertypen:
1

 die Verallgemeinerung über den bekannten Fall


hinaus (ins Grundsätzliche),
 damit verwandt: unbegründete bzw. nicht belegte
Schlussfolgerungen
 und Tatsachenbehauptungen, die ursprünglich von
Dritten stammen, und die der Autor nicht belegen
kann.

Alle drei Typen sind für einen medienrechtlich auch nur


halbwegs beschlagenen Anwalt ein gefundenes Fressen.

Testen – aber richtig!


Ausgangspunkt: ein Film zum Thema „Waschmittel‘: Pulver, Gel,
Kapsel oder Tabs?“ aus der Sendung „markt“ (NDR Fernsehen
vom 8.2.2016). Ein Praxistest mit vier anonymisierten
Produkten, durchgeführt von drei Hauswirtschaftsschülerinnen,
kommt zu dem Ergebnis, dass Pulver am besten ist.

Eine sinnvolle Herangehensweise? Es versteht sich von selbst,


dass ein journalistisches Projekt von Anfang bis Ende
durchdacht sein sollte. Hier empfiehlt sich diese Reihenfolge:

START ZIEL WEG


Themenfindung Erkenntnisgewinn Einzelne
für den Zuschauer Rechercheschritte
mit den und ihre Darstellung
 Oberthema Anforderungen: im Bsp.:
Bsp.: Waschmittel  Validität  Praxistest mit
 Themaeingrenzung  Relevanz Hauswirtschafts-
Pulver, Gel, Kapsel schülerinnen
oder Tabs?  Ergänzende
Experten-
Einschätzung

Die Zielfestlegung hat nämlich Auswirkungen auf den Weg. Ist


das Ziel fest vor Augen, erscheint längst nicht mehr jeder
denkbare Wegschritt sinnvoll. Im Beispiel:
Kann ein Praxistest überhaupt valide Ergebnisse bringen? Und
wenn ja: Wie muss dieser aufgebaut sein, damit diese
Ergebnisse für den Rezipienten auch nützlich, also relevant,
sind?
1

Ein denkbares Prüfmuster ist das Folgende:


1

WAS? WORAUF?
 Testobjekt  Kriterien
Colorwaschmittel Fleckenbeseitigung
 Größe Stichprobe  Maßstäbe
1 Pulver Fleck entfernt? Ja/nein? (nach
1 Gel Augenschein)
1 Tab
1 Kapsel (jeweils anonymisiert)
 Beschaffenheit der Stichprobe
(homogen / heterogen)
heterogen
 Zahl der Prüfmuster je Probe
1 Packung
WER? WIE?
Grundsätzlich denkbar, aber im Anforderungen:
Einzelfall abzuwägen:  Realistisch
Experten  Fair
Nicht eingesetzt beim Test, nur  Belegbar
Einschätzung im O-Ton Vorgehen im konkreten Fall: Jeweils
Laien diverse Flecken, großflächig
Drei händisch eingerieben auf bunten
Hauswirtschaftsschülerinnen Textilien. Am darauffolgenden Tag
Journalist Waschgang parallel in baugleichen
Nicht eingesetzt beim Test Waschmaschinen. Vergleich der
Waschergebnisse qua Augenschein.

Die Schwächen des Tests werden so schnell erkennbar: Nur


eine Stichprobe pro Produktart erlaubt keine grundsätzliche
Einschätzung über den konkreten Test hinaus. Nur eine solche
grundsätzliche Aussage wäre aber relevant. (Erschwerend und
weiter erkenntnisreduzierend kommt hinzu, dass die konkret
getesteten Produkte anonym blieben.) Fleckbeseitigung ist
kaum das einzig relevante Kriterium für ein Colorwaschmittel.
Laien sind kaum geeignet, eine Verschmutzung standardisiert
und identisch durchzuführen (siehe auch Unterkriterium „fair“),
schon allein deshalb sind größte Zweifel an der Validität des
Ergebnisses erlaubt. Die Beurteilung der Waschleistung qua
Augenschein ist zwar realistisch, z.B. wechselnde
Lichtverhältnisse können aber beim Vergleich untereinander in
Grenzfällen zu ungerechten Ergebnissen führen. Unklar ist, ob
die Schürzen verwahrt wurden; so ein Beleg wäre jedenfalls
sinnvoll, sollte es kritische Nachfragen zu der Bewertung geben,
die die Validität in Frage stellen.
2

Die Anwendung eines solchen Checkrasters ist nicht nur in der


Ex-post-Analyse sinnvoll, sondern freilich auch ex ante – wenn
man einen eigenen „Test“ vorhat. Ungeachtet dessen sollte man
mit der Begrifflichkeit „Test“ sehr vorsichtig umgehen, denn:

(weil nicht in der Veranstaltung behandelt, nicht


klausurrelevant:)
Testberichterstattung kann Tatsachenbehauptungen wie
Meinungsäußerungen beinhalten. Schon Meinungsäußerungen
wie Testurteile unterliegen jedoch strengen Anforderungen.
Nach der bisherigen Rechtsprechung ist u.a. zu beachten:
Meinungsäußerung Tatsachenbehauptung
Juristische Prüfung: Juristische Prüfung :
1. Überwiegt öffentliches Interesse  Eigene Tatsachenbehauptung ?
gegenüber Eingriff in Betrieb? Belegbarkeit muss gegeben sein.
2. Keine Schmähkritik?  Tatsachenbehauptung Dritter ?
3. Wahrung der journalistischen Distanzierung genügt (« Er sie
Sorgfaltspflicht (Orientierung der findet... »)
Juristen an Warentest-Urteile)?
Heißt:
 Neutralität (begründete
Ausnahmen sind kenntlich
zu machen)
 Sachkunde (zufällige
Auswahl der Prüfmuster,
Aktualisierungen
berücksichtigen,
fachmännische
Durchführung)
 Objektiv richtige Ergebnisse
(Fehler begründen
Unterlassungsanspruch,
jedoch nicht zwingend
Schadensersatz.)
 Beachtung der relativen
Richtigkeit
(Preisunterschiede kenntlich
machen!)

Der „Kniff“, das eigene Vorhaben statt Test Stichprobe zu


nennen, ist sicherlich ein wertvolles Signal, dass bspw.
Repräsentativität nicht angestrebt wird. Er ist aber kein Garant
dafür, auf juristischer Ebene ungerupft davon zu kommen! Man
beachte im übrigen die Doppeldeutigkeit des Wortes
Stichprobe, denn auch repräsentative Tests kommen nicht ohne
Stichprobe aus. Weniger kritische Formulierungen wären bspw.
Experiment, Versuch, Vergleich etc.