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Hausarbeit

im Sommersemester 2014

am Institut für Philosophie

der Julius-Maximilians-Universität Würzburg

zum Seminar

»Kultur und Epochenübergreifende Themen«

bei Prof. Dr. Jörn Müller

Die Moral des Thomas von Aquin in der Summa Theologiae

vorgelegt von Juan Ramón Gutiérrez Olarte

Matrikelnummer: 2009099

Masterstudiengang Philosophie

Fachsemester III

e-mail-Adresse: juan_ramon.gutierrez_olarte@stud-mail.uni-wuerzburg.de

Adresse: Siebenbürgenstrasse 101, 74081 H6

vorgelegt am: 30.03.2015


Erklärung zur wissentschaftlichen Redlichkeit

Ich versichere hiermit, dass ich die vorliegende Arbeit in allen Teilen selbständig verfasst
und keine anderen als die von mir angegebenen Publikationen, Vorlagen und Hilfsmittel
welcher Art auch immer benutzt und verwendet habe.

Ich versichere, dass ich diese Arbeit niemanden überlassen werde, der Absicht hat, diese
anderen gegenüber ganz oder teilweise als seine eigene auszugeben.

Würzburg, den 30.03.2015 Juan Ramón Gutiérrez Olarte


Wenn wir einen Blick auf die Fragen werfen, die die Philosophie anbietet, merkt man dass
die Gedanken über das Sein und die metaphysische Konsistenz der Dinge oder über die
Existenz der Nicht-Materie sehr jung sind im Vergleich zu anderen tausende von Jahren
alten Überlegungen.1 Man braucht nicht lange nachzudenken um zu erkennen mit welcher
Frage die Menschheit sich lange beschäftigt hat. Egal woher der Mensch kam oder wo er
siedelte hatte er doch dieselben Denkanstöße. Die Mehrheit der Mythen der alten Kulturen
thematisieren zwei Fragestellungen oder besser, eine zweiköpfige Fragestellung: die Frage
nach der Herkunft und die Frage nach dem Ziel. Diese Fragestellung brachte dem
Menschen einen unendlichen Durst. Geht man von der persönlichen Erfahrung aus, stellt
man selbst diese Unruhe fest, sobald der kindliche Geist Verstand angenommen hat.2

Woher er kommt und auch wohin er geht ist entscheidend für den Menschen zu wissen.
Wenn auf diese Frage keine Antwort gegeben ist, werden alle Bereiche des Lebens sinnlos.
Das lässt das Ausmaß dieser Thematik für das Menschenleben erahnen. Und es ist keine
übertriebene Dramatik: da die Antwort auf diese Frage den Sinn, den Zweck und die
Bedeutung des menschlichen Verhaltens beinhaltet, sind Ethik, Geburt, Tod, Kriege,
Frieden, Ernährung, Kultur, Bildung, Fortschritt, Entwicklung, Kunst, Philosophie und alle
anderen menschlichen Facetten davon abhängig. Die eine Frage enthält den Sinn des
ganzen menschlichen Daseins. Man kann einen Weg nie beginnen, ohne man nicht weiß
wohin man ihn geht.

In der Essenz bleibt diese einzige Kernfrage: wofür ist der Mensch geschaffen?

Wir werden die Antwort von einem der größten Vertreter der Philosophie des Mittelalters
analysieren, und zwar der von Thomas von Aquin. Seine Gedanken fassen tausende Jahre
von Tradition zusammen, die von den antiken Philosophen wie Platon und Aristoteles
geformt wurde.3

Signifikant erscheint seine Analyse zunächst wegen der Genauigkeit mit welcher die oben
eingeführte Frage behandelt wird - gemäß der strikten Methodologie jener Zeit. Die
Methodik besteht in der Eröffnung der These und dem mehrfachen Widerreden welche

1
Cf. Fraile and Urdanoz (1986, pp. 1–70)
2
Cf. Fraile and Urdanoz (1986, pp. 1–70)
3
Cf. Thomas and Martorell (1994b, pp. 8, 31–35)
1
ständig einer logischen Argumentation folgen und durch die aristotelischen Regeln des
Syllogismus bestimmt sind.4

Auch bemerkenswert ist, dass der Autor andere Konzepte in seine traditionell
eudämonistische Aufstellung einfügt, welche aufgrund einer übertriebenen spirituellen
Konzeption bereits aufgegeben waren.5

Sinnvoll ist es, das zentrale Objekt des mittelalterlichen Studiums klarzustellen, welches
Gott und die mit ihm verbundenen Themen war. So war die Frage nach Gott als Ursprung
und Ziel aller geschaffenen Ordnung nichts Ungewöhnliches.6 Ein erstes Jahrtausend des
Christentums war bereits vergangen und der Glauben war bereits soweit ausgereift, dass
man ihn von Kopf bis Fuß analysieren konnte. Das heißt, dass man im frühen Mittelalter
bereits begann die wichtigsten Fragen des Christentums zu reflektieren, was ein neues
Erwachen für den menschlichen Verstand bedeutete.

Thomas von Aquin war Theologe und folgte so der Wissenschaft, die in der damaligen
Zeit die Position erster Wichtigkeit einnahm. Die im Mittelalter festgesetzte Ordnung
drehte sich um Gott in seiner christlichen Ausführung. Darauf begründet ist auch Thomas
Werk um die Lehre der christlichen Religion besorgt. Es ist wohl wahr, dass das Mittelalter
vor allem für seinen Theozentrismus bekannt war. Dennoch kam es keinesfalls zu einem
Stillstand der Wissenschaften, sondern die Entwicklung des menschlichen Denkens ging
weiter im Verlauf der Geschichte.

Die Summa Theologiae spiegelt die Besorgnisse der Zeit wider. Heutzutage ist weitgehend
bekannt, dass Mittelalter nicht nur für Dunkelheit stand, sondern einen weitgehend
theologischen Charakter hatte und daher auch wissenschaftlichen Wesens war.7

In theologischen wie auch allen philosophischen Überlegungen wird auf die Ergebnisse
und Urteile vorheriger Autoren Bezug genommen, was bedeutet dass die
Untersuchungsmethode auf Fachautoritäten aufgebaut ist: auf die Patristik und das
Altertum.8 Die intellektuelle Denkaufgabe kulminierte jedoch im Beitrag des persönlichen
Kraftakts einer eigenen Reflexion. Doch wie gesagt sind die formalen Methoden und die
der Schriftabfassung dem Mittelalter eigen.

4
Cf. Thomas and Martorell (1994b, pp. 13–22)
5
Cf. Thomas and Martinez (1989, p. 31)
6
Cf. Thomas and Martorell (1994b, pp. 13 u. ff.)
7
Cf. Fraile and Urdánoz (1986 Intr.)
8
Cf. Thomas and Martorell (1994b, p. 14)
2
1. Thomas von Aquin9

Auch wenn die zeitliche Entfernung nicht das Ergründen aller Daten über das Leben von
Thomas von Aquin zulässt, lässt sich dennoch ein grober Umriss seines Lebens skizzieren.
Besonders die frühesten Ereignisse seines Lebens sind nicht mit Sicherheit zu
rekonstruieren; man datiert seine Geburt um 1224 im italienischen Roccasecca. Seine frühe
Bildung erfährt Thomas im Monasterium von Monte Casino. Später als er das
Erwachsenenalter erreicht, tritt er in eine der seiner Zeit relativ neuartigen religiösen Orden
ein, den Dominikanerorden. Einmal im Orden, wird er zum Studium an die Universität von
Napoli geschickt, die eine der ersten Europas war mit dem Fächerangebot des Rechts,
Kunst, Theologie und Medizin. In der Fakultät für Kunst stößt er zum ersten Mal auf die
Lehren des Aristoteles. In diesem ersten Studienabschnitt beginnt Thomas eine Abfassung
über die Trugschlüsse des Aristoteles zu schreiben. Zwischen 1245 und 1248 wird er
gerufen, seine Ausbildung in Paris fortzuführen. Auch führt ihn sein Bildungsweg nach
Köln, wo er Alberto Magno kennenlernt, welcher Thomas einmal als Schüler mit wacher
Auffassungsgabe und bewundernswerter Eignung zur Lehre beschrieb. Darauf gründet
letztlich seine Ernennung zum Bibelbakkalaureus, welcher Zeugnis der Eignung zur
kommentierten Lektüre der Bibel für Studenten der Unterstufe gibt. Aus dieser Zeit
stammen Thomas Vorlesungen über die ikomachische Ethik. Auch tritt er erstmals in
Kontakt mit dem Neoplatonismus und dadurch mit Augustinus von Hippo und der
platonischen Tradition.

Thomas schreibt über die Göttlichen amen von Dionisio Aeropagita (Pseudo-Dionisio)
und interessiert sich auch für die Bindung zwischen Gnade und Natur. Von 1252 an hält er
sich erneut in Köln auf, dann in Paris. 1256 wird ihm der Sentenzenbakkalaureus
verliehen, was ihn dazu befähigt die Sentenzien des Pedro Lombardo zu lesen und zu
kommentieren. So erhält er die licentia docendi und wird nach einiger Zeit als Maestro
Regente der Theologie nach Paris berufen. Aus dieser Zeit stammen seine Kommentare
über die Sentenzen, De Ente et Essentia und die Summe gegen die Heiden.

So kommt es, dass wir Thomas um 1259 noch in Paris antreffen, wo er sich mit den
Relationen der Philosophie und der Theologie und den griechischen Ausgaben der Werke
des Aristoteles beschäftigt. In dieser Zeit pflegt Thomas eine enge Freundschaft mit

9
Cf. Thomas and Martorell (1994b, pp. 4–7)
3
Guillermo de Moerbecke und beginnt, da er nun bereits über ein breites Spektrum an
Kenntnissen verfügt, die Abfassung der Summa Theologiae.

Im Jahr 1269 wird Thomas erneut nach Paris gesandt, wo in der Universität über das
averroistische Problem diskutiert wurde und der Orden der Dominikaner angeprangert
wurde. Thomas Haltung gegen die Philosophie und die Theologie als ergänzende
Wissenschaften war das Ergebnis der langen Jahre eigener Reflexion. Doch alles das bringt
ihn nicht vom Schreiben seines Werkes der Summa Theologiae ab. 1272 wird Thomas
abermals nach Italien gerufen um ein allgemeines Studium im dominikanischen Konvent
von Santa Sabina zu erstellen. Bekannt ist heute, dass er einige kirchliche Ernennungen
ablehnt, um sich weiter dem Studium widmen zu können. Er wird schließlich zum Maestro
Regente der Theologischen Fakultät von Napoli ernannt. Doch auch das brachte ihn nicht
vom Verfassen seiner Summe ab, wovon er bereits den dritten Teil begonnen hatte.
Aufgrund seiner mystischen Erfahrungen jedoch, die ihn die Summe als etwas
Überflüssiges betrachten lassen, sollte er sie nie beenden. Am 6. Dezember 1273 gibt er
das Schreiben komplett auf. Später wird er zum ökumenischen Konzil von Trento gerufen,
an dem er aufgrund einer Erkrankung nicht teilnehmen kann, da er auf dem Weg im
Kloster Fossanova am 7. März 1274 starb.

Man kann also sagen, das das Leben von Thomas von Aquin komplett dem Studium
gewidmet war und auch ohne zu Zögern das Urteil seines Lehrers Albertus Magnus
bestätigen, dass Thomas einer der kultiviertesten und gebildetsten Menschen seiner Zeit
war.

2. Das Entstehen der Summa Theologiae

Seit der Aufnahme seines Berufes beschäftigte sich Thomas mit der Produktion von
geschriebenen Texten zur Einführung der Theologie, was bereits seine Besorgnis um die
kohärente und pädagogische Übermittlung des Glaubens ausdrückt. Zahlreich waren im
Mittelalter auch die Kommentare zu den Sentenzen. Alle seine Schriften fertigte Thomas
mit der zeitgemäßen wissenschaftlichen Striktheit in Frageform an. Thomas ständiges
Bestreben war es aufgrund der großen Menge an theologischen Materialien eine
synthetische Erklärung der Theologie zu finden, welche bis zu seiner Zeit entstanden
waren und noch keine allgemeine oder besser gesagt allumfassende Integration erfahren
hatten. Die erste Umsetzung seines Projektes war die Summe gegen die Heiden. Dieses
Werk beinhaltet tatsächlich schon das philosophische Material für eine geordnete
4
wissenschaftliche Darstellung der Theologie; sein Ziel besteht in der Adaption
theologische Themen an die Mentalität außerchristlicher Gesprächspartner. Ein anderer
Versuch in dieselbe Richtung ist die Kurzfassung der Theologie für seinen Freund
Reginaldo de Piperno. Als die Summa Theologiae geschrieben war, galt sie als eine
Exposition, welche alle Aktivitäten des Gläubigen umfasste, sowohl religiöse als auch
kulturelle. Eine Summe also, in seiner vollen Bedeutung und Ausdehnung des Wortes.

Der Papst Honorius III (1148-1227) hatte den Dominikanern den Auftrag erteilt die
Beichte abzunehmen, was auch einer der Gründe für den Mönch Thomas war, seinen
Glaubensbrüdern ein Werkzeug des Urteilsvermögens und der Verwaltung des Sakraments
an die Hand zu geben. Dies ist der Grund, warum die Moral einen hohen Stellenwert in der
Summe hat und die Prolegomena zum menschlichen Handeln in I-II aufgenommen
wurde.10

Thomas Verlangen die Wahrheit in einer Kurzform darzustellen war so groß, dass er
darüber hinaus eine neue Fassung über die Kommentare der Sentenzen von Pedro
Lombardo anfertigte. Trotz der andauernden mühsamen Arbeit des Zusammenfassens und
Schematisierens erlangt er eine einfache und verständliche Form des Vermittelns. Mit
dieser Methode widmet er sich in seinen acht letzten Lebensjahren der Komposition der
Summa Theologiae.

»Mit den Elementen der Kommentare der Sentencias vervollständigt er den


sakramentalen und eschatologischen Teil. An diesem Punkt können wir die
Systematisierung der Theologie erahnen, jedoch ist es auch wahr, dass die
Summe der Theologie einen unvollendeten Charakter hat und deswegen seine
Leser nicht der Pflicht der Partizipation an einer theologischen Aufgabe
entzieht.«11

Wenn man sich jedoch eng an die historische Interpretation hält, ist die Unvollendung der
Summe keine Einladung zur Teilnahme an der theologischen Aufgabe, sondern das
Ergebnis einer freien Entscheidung seines Autors. Die Unvollkommenheit erlaubt uns noch
kein Urteil über ein glückliches oder unglückliches Ergebnis. Es ist schlichtweg ein
unvollendetes Buch.

10
Cf. Thomas and Martorell (1994b, p. 9)
11
Thomas and Martorell (1994a, p. 11)
5
In der Summe zeichnet sich abermals der persönliche Stil von Thomas von Aquin ab,
welcher nicht an eine bestimmte Klasse gebunden war und daher eine gesetzte,
harmonische und kohärente Gestalt annimmt. Im Übrigen verbreitete sich die Summe
schnell durch ihre Publikation in den Universitäten, welche aufgrund der Druckauflagen
eine bestimmte Anzahl an Exemplaren drucken ließen. Pius V (1504-1572) ordnete dann
den Druck des gesamten Werkes von Thomas an.

3. Das Lernsystem in den Universitäten des Mittelalters

Es ist offensichtlich, dass die Fassung der Werke im Mittelalter bereits stark vom
Unterrichtsstil der Universitäten beeinflusst war. Wie erwartet war das Fundament der
mittelalterlichen Kultur die Bibel, aus welcher die prinzipiellen wissenschaftlichen
Probleme im Bereich der Philosophie und der Theologie abgeleitet wurden. Sieht man die
Lektüre der heiligen Schrift als die würdevollste aller Studien an, da sie sich mit des
heiligsten Dokuments des Christentums widmet, so bedeutet ein „Meister der der heiligen
Seiten“ genannt zu werden nichts anderes als ein Meister der heiligen Schrift zu sein.
(Wenn man der Rekonstruktion seiner Biographie glaubt, hatte Thomas bereits während
seiner Entführung in Roccasecca durch seine Geschwister die Bibel auswendig gelernt, als
diese seinen Eintritt in den Dominikanerorden verhindern wollten).12

Wie schon erwähnt, hatten im Mittelalter kommentierte Lektüren unter Verwendung der
Exegetik der Patristik stattgefunden. Diese Kommentare wurden gesammelt und wurden zu
Sentenzen, die nach verschiedenen Kriterien geordnet wurden.13 Diese Texte waren als
Autorität anerkannt. Die frühe theologische Arbeit des Mittelalters hatte im Ordnen,
Klassifizieren und Kommentieren dieser Texte bestanden. Ab dem 12.Jhd. wurde aufgrund
der Gefahr zur unendlichen Verwicklung in Kommentare über Kommentare endlich das
Kritisieren der Kommentare notwendig. Passenderweise wurde in dieser Zeit der zweiten
Welle der theologischen Studien Aristoteles mit seiner Silogismus Theorie entdeckt, und
fand mit Nachdruck Eintritt in die abendländische Kultur. So entstand mit der Quaestio
eine neue theologische Arbeitsweise, um Fragen zu den kommentierten Bibelpassagen zu
stellen.

Auch wenn diese Methoden noch auf Autoritäten basiert waren, hörte man nicht auf zu
kritisieren. Die Quastio antwortet auf eine große Freiheit in den Untersuchungen der

12
Cf. Forment (DL 1998, pp. 7 u. ff.)
13
Cf. Heinzmann (1994, Kp. 1)
6
Heiligen Schriften. Durch diese Methode konnten schließlich liturgische, patristische und
canonische Fragen vertieft werden. In den akademischen Bereich wurde auch die
Disputatio eingeführt, welche aufgrund ihrer Dialektik die kommentierte Lektüre ablöste.
Auf diese Weise zeichnete sich die Theologie trotz der Abwendung von Autoritäten als
eine lebendige und fortschrittliche Aufgabe ab. Das vollendete Resultat dieser Aufgabe ist
der Articulus, der aller vorherigen Analyseformen beinhaltet. Die Summe ist die Fusion
aller Studienmaterialien in Form von Artikeln für eine effiziente pädagogische Lehre.
Thomas von Aquin nutzt die Artikelform als wirksames Beweismittel der Wahrheit.14

Bei der Entstehung der Sammlung der Kommentare wird noch der Rahmen eines weiteren
akademische Grades abgesteckt: der des Sentenzenbakkalaureus. Ein Student, der zu jener
Zeit den Weg der Theologie beschreiten wollte, musste zunächst die Bibel lesen und
kommentieren, sowie die Senetencias des Pedro Lombardo. Aber diese Methode des
Kommentierens (lectio) und Kritisierens (disputatio) war nicht ganz ausreichend,
woraufhin die Summe als fortschrittliche Methode entstand. Wie bereits angesprochen, war
eine komplette Synthese der damaligen Kommentarsammlungen notwendig. Es gab eine
Themensammlung, die sich an den großen Themen des Christentums orientierte. Die
Themen wurden nach einer Verfeinerung in einer konhärenten und organischen Form
gebracht. Unter dem Strich hatte eine Summe des Mittelalters das Ziele eine allumfassende
Vereinigung mentaler Aktivitäten einzubinden, die für die heilige Schrift benötigt wurden.

Also musste ein Theologiestudent zunächst den Bibelbakkalauraeus als Grundlage für den
Sentenzenbakkalaureus machen und dann als letzten Schritt den Grad des Masters der
Sacra Pagina machen. Im Grunde waren im Mittelalter die sich komplementieren
Aktivitäten bereits die Exegese und die Erarbeitung der Kommentare, die später zu
Summen wurden.

Aufgrund des Problems der Vervielfältigung der damaligen Zeit ist es schwierig zu
ermitteln wie das Werk aussah, das unmittelbar aus der Feder des heiligen Thomas
stammte. Wichtig ist jedoch, dass die Substanz in seiner Essenz beibehalten wird. Der
Artikel entsteht in der scholastischen Tradition, die verschiedenen Autoritäten, die
kontrovers erscheinen einander entgegen zu setzen und daraus neue Erkenntnisse zu
ziehen. Aber auch die kommentaristische Methode des Aristoteles (Proposition,
Contraposition und Lösung) beeinflusste die wissenschaftliche Methodik des 13.Jhd stark:

14
Cf. Thomas and Martorell (1994a, pp. 17 u. ff.)
7
»Bis Mitte des 12. Jahrhunderts werden neue Bücher des Aristoteles eingeführt,
insbesondere jene um den Silogismus als neue Form der wissenschaftlichen
Beweisführung.«15 In der Summe gegen die Heiden und im Kompendium der Theologie
entscheidet sich Thomas für eine Abfassung in Kapiteln, bei der Summa jedoch für die
Artikelform.

»Quaedam vero disputatio est magistralis in scholis non ad removendum


errorem, sed ad instruendum auditores ut inducantur ad intellectum veritatis
quam intendit: et tunc oportet rationibus inniti investigantibus veritatis
radicem, et facientibus scire quomodo sit verum quod dicitur: alioquin si nudis
auctoritatibus magister quaestionem determinet, certificabitur quidem auditor
quod ita est, sed nihil scientiae vel intellectus acquiret et vacuus abscedet.«16

Die Probleme werden als Alternativen angegangen, deren Gründe im Für und Wider
abgewogen werden. Dies ist eine alternative Form der Fragestellung (wofür im
Lateinischen das Adverb ‚utrum‘ verwendet wird) um beide Alternativen der Frage zu
beleuchten. Einzig auf diese Weise wird ein echter Fortschritt im Procedere möglich. In
den Artikeln der Summe wird das sed contra zugunsten der der anderen Alternative
präsentiert, dem Gegenteil der ersten Propositionen, jedoch nur als Prolog der eigenen
Lösung von Thomas. In der Lösung klären sich dann alle Zweifel und hier ist, wo Thomas
versucht klare und wahre Ideen zu geben. Es ist der Teil in welchem Thomas seine
Denkschritte offenbart. Auch ist dies der Abschnitt, in dem seine Metaphysik mehr als
seine Dialektik erkennbar ist. Es geht nicht darum die Gegenseite kategorisch abzulehnen,
sondern darum den Kern der Wahrheit den sie beinhaltet einzugrenzen. Darum wird die
Frage oftmals nach ihren verschiedenen Sinnen verglichen. In der Abfassung der Summa
Theologiae war Thomas sehr behutsam in der Exposition der Theologie: In den 2669
Artikeln wiederholt sich fast kein einziger.

4. Die Themen der Summa Theologiae

Mit dem Ziel eine grobe Idee der Strukturierung der Summa Theologiae zu bekommen,
verschaffen wir uns eine kurze Zusammenfassung der Fragen, mit welchen sich Thomas
beschäftigt. Hier muss angemerkt werden, dass Thomas dem „natürlichen“ Modell folgt in
dem Sinne, dass er als Ausgangspunkt Gott den Geber aller Dinge nimmt, um später auf

15
Thomas and Martorell (1994a, p. 30)
16
S. Thomas Aquinas (2000a, Quodl. IV, q. 9, a. 3 ad arg.) N.B.: Die fette Buchstaben sind meine.
8
die Geschöpfe und den Menschen einzugehen und sich am Ende an dessen Herkunft zu
richten. Die göttliche Beispielhaftigkeit und das Menschenbild verbinden sich gegenseitig,
derart dass die Rückwirkung des Bildes auf sein göttliches Modell den Dreh- und
Angelpunkt der Moral darstellt. Die thomistische Moral ist nicht ausgekoppelt von der
christlichen Lehre – beide vereinen sich im Begriff Gottes als Einheit und Dreifaltigkeit.

»EINLEITUNG: die Theologie als heilige Lehre: q. 1.


ERSTER TEIL: Gott als Einheit und Dreifaltigkeit und das exitus jeden
Geschöpfes aus Ihm:
1. Existenz und wesentliche Attribute Gottes: qq. 2-26.
2. Dreifaltigkeit und die göttlichen Personen: qq. 27-43.
3. Herkunft der Schöpfungen aus Gott:
Erzeugung der Schöpfungen: qq. 44-46.
Unterscheidungen der Schöpfungen: qq. 47-49.
Die Engel: qq. 50-64, geistliche Schöpfungen.
Das Universum: qq. 65-74, körperliche Schöpfungen.
Der Mensch: qq. 75-102, Schöpfung aus Seele und Leib.
Konservierung und Steuerung der Schöpfungen: qq. 103-119.
ZWEITER TEIL: Bewegung des Menschen zu Gott:
ERSTER TEIL DES ZWEITEN: menschliches Handeln im Allgemeinen:
1. Letztes Ziel des menschlichen Lebens: qq. 1-5.
2. Mittel zum letzten Ziel:
Menschliches Handeln von selbst: qq. 6-48.
Ursache der menschlichen Handelns:
Innere Ursache: die Habite: qq. 49-89.
Äußerliche Ursache: das Gesetz und die Gnade: qq. 90-114.
ZWEITER TEIL DES ZWEITEN: menschliches Handeln im Speziellen:
1. Theologische Tugenden (mit Untugenden und Gottesgaben):
Der Glaube: qq. 1-16.
Die Hoffnung: qq. 17-22.
Die Nächstenliebe: qq. 23-46.
2. Die Kardinaltugenden (mit Untugenden und Gottesgaben):
Die Besonnenheit: qq. 47-56.
Die Gerechtigkeit: qq. 57-122.
Die Stärke: qq. 123-140.
9
Die Mäßigung: qq. 141-170.
3. Besondere Lebensweisen: qq. 171-189.
DRITTER TEIL: Christus, der Weg zum ewigen Leben:
1. Christus, der Heiland der Menschlichheit: qq. 1-59.
2. Die Sakramente als Heilungszeichen:
Die Sakramente im Allgemeinen: qq. 60-65.
Die Sakramente im Speziellen:
Die Taufe: qq. 66-71.
Die Firmung: qq. 72.
Die Eucharistie: qq. 73-83.
Das Sakrament der Beichte: qq. 84-90, a. 4.
DAS BEIHEFT: von seinen Schülern:
Das Sakrament der Beichte: qq. 1-28.
Die Letzte Ölung: qq. 29-33.
Die Priesterweihe: qq. 34-40.
Die Trauung: qq. 41-68.
3. Traktat der vier Letzten Dinge: qq. 69-99«17

Der zweite Teil ist der originelle und neuartige, von welchem zudem die meisten
Manuskripte erhalten blieben - unter anderem wegen den Diensten die er dem Sakrament
der Buße geleistet hat. Die Theologie als Wissenschaft des Glaubens und allem was dem
Glauben abstammt, folgt und imitiert das Wissen Gottes. Aus dieser Sicht erlangt man
eine Integration der weltlichen Realität und der Beziehung zu seinen Kausalitäten. Trotz
des aristotelischen Blickwinkels ist das Entscheidende an der Summe die theologische
Wahrnehmung, auf welche mehr die christliche als die aristotelische Tradition Einfluss
hatte. Die Sicht, die Gott auf die Dinge hat, ist die die Einheit gibt und die wir als zeitliche
Disposition der Offenbarung finden.

Die Summa Thealogiae ist pädagogischer Natur, denn Gott war pädagogisch in seiner
Offenbarung. Durch die Präsentation der Gliederung der Summe (Herkunft und Umkehr)
lässt sich eine interne Dynamik der untersuchten Fragen wahrnehmen. Thomas behält in
seinem Werk hindurch die klare Absicht die Geschichte der Bibel einzuführen und enthüllt
sie in der wissenschaftlichen Verständlichkeit der Theologie.

17
Thomas and Martorell (1994a, pp. 24–25)
10
5. Ethik in der Summa Theologiae

In seine Moraltheologie fließt ein Großteil der bis dahin existierenden ethischen Doktrinen
ein. Deswegen wird sie sich einige Zeit darauf als Modell für die moralische Bildung in
katholischen Schulen herangezogen. Auch wenn der Prolog des moralischen Teiles sehr
knapp gefasst ist, enthält er doch bereits alle Elemente die man beachten muss, um das
menschliche Verhalten so zu begreifen wie Thomas es tut (und wie er es vorgibt, dass Gott
es ebenfalls wahrnehme).

Wie bereits erwähnt, setzt die thomistische Moral an, wo die Schöpfung und ihre
Konsequenzen analysiert sind. Auf diesem intellektuellen Weg vom Schöpfer zu seinen
Geschöpfen und zurück, versteht man komplett, dass die Existenz des Geschöpfes und
spezieller des Menschen erst vor der Rückkehr und der bestätigten Erlösung Jesus Christus
betrachtet wird. Die Moral erscheint so als diejenige Art zu handeln, die durch seine
Existenz des Menschen hinweg überwacht werden muss, um der Rückkehr zum Ort seiner
Herkunft sicher zu sein: Gott. Für Thomas ist Moral genau dieses Streben des Geschöpfes
in Richtung seines Ursprungs:

»Quia igitur principalis intentio huius sacrae doctrinae est Dei cognitionem
tradere, et non solum secundum quod in se est, sed etiam secundum quod est
principium rerum et finis earum, et specialiter rationalis creaturae, ut ex dictis
est manifestum; ad huius doctrinae expositionem intendentes, primo
tractabimus de Deo; secundo, de motu rationalis creaturae in Deum; tertio,
de Christo, qui, secundum quod homo, via est nobis tendendi in Deum.«18

Vergessen wir nicht, dass die Absicht von Thomas immer eine theologische bleibt. Darum
wird die Moral nicht nur als der Weg nach Gott bezeichnet, sondern wird auch als die
Erfüllung des Abbild Gottes im Menschen selbst betrachtet. Das ist was der Mensch sein
sollte: ähnlich zu Gott. Denn eine der Hauptaufgaben der Theologie ist es, das Bild Gottes
zu zeigen das insbesondere in der Bibel verbildlicht wird, und alles das was sich davon
ableitet; die Konzeption des Menschen in der Bibel mit einbezogen.

So orientiert sich der moralische Weg an der Teilnahme am Leben Gottes, welches Gott
selbst dem Menschen anbietet und in welchem der Mensch sein vollkommenes Ziel
erreicht, die Verwirklichung und das Glück. Die Summe Theologicae versucht die Moral

18
S. Thomas Aquinas (2000b, S. Th. I, q. 2, pr.) N.B.: Fette Buchstaben sind meine.
11
auf seinen biblischen Ursprung hin zu kürzen. Denn wenn die Moral sich vom Studium des
Glaubens trennt, wird sie zum reinen Legalismus (die Geschichte hat bereits große Stücke
über dieses Phänomen erzählt). Denn das theologische Studium muss als direkte Quelle
Gott selbst haben. Diese Denkordnung, die Gott das Ziel allen Bestrebens der
menschlichen Tätigkeit ansieht, schließt jedoch nicht aus, dass jene Tätigkeit nicht frei und
autonom sei und darum auch Irrtum und Fehlern ausgesetzt wäre.

Der Unterschied der thomistischen zu den vorangegangenen Philosophien besteht in der


Betrachtung des letzten Zieles menschlicher Handlung als übernatürlich und transzendent
zu dieser Welt und diesem Leben. Darüber hinaus war Thomas der erste der »[...] die
gesamte Moral vom letzten Ziel und der Glückseligkeit abhängig machte.«19

Hier wie auch im Kommentar zur ikomachischen Ethik bleibt Thomas der aristotelischen
Tradition treu, fügt jedoch seine theologische Sichtweise hinzu.20 Und genau diese
Harmonisierung zwischen Theologie und Philosophie macht den Charakter der
thomistischen Moral aus. Thomas geht vom theologischen Axiom aus, welches besagt,
dass Gnade die Natur weder destruiert noch eliminiert, sondern sie zur Fülle bringt. Diese
Einstellung zeigt welche tiefe Überzeugung Thomas von der Einheit der Realität hatte,
deren Sphären wir zwar zu unterscheiden, jedoch niemals zu trennen vermögen. Was aber
fest gestellt sein sollte, ist dass die Moral bei Thomas immer eine theologische Moral ist
und keine einfache philosophische Ethik. Auch wenn Thomas eine gewisse Art von Glück
zulässt, nach dem auch in diesem Leben schon durch tugendhaftes Handeln erlangt werden
kann, senkt er seine menschlichen Ideale nicht herab und hebt immer das Ziel jenseits
diesen Lebens heraus: Die Einigkeit mit Gott.

Sicherlich haben wir keine komplett offensichtlichen Beweise für die Existenz eines
Lebens vor diesem das wir leben. Und Thomas versucht auch keinesfalls Beweise zu
finden wo es keine gibt. Und dennoch versucht er uns zu sagen, dass es keinen
Widerspruch gibt zwischen Verstand und Glauben und dass, obwohl der Glaube an der

19
Thomas and Martinez (1989, p. 29)
20
Cf. Papadis (1980, pp. III–V): »Die Kommentierung der Nikomachischen Ethik kennt eine sehr lange
Tradition, die mit den griechischen Aristoteles-Kommentatoren anfängt und über die Kommentare und
Übersetzungen vor allem der Araber und anschießend der Scholastiker, zu denen par excellence der
Kommentar des Thomas gehört, bis in die Gegenwart reicht.
Für die historisch richtige Bewertung des Kommentars des Thomas ist es sehr wichtig, folgendes zu
berücksichtigen: 1) daß der Kommentar das Werk primär eines Theologen ist und 2) daß er in einer Zeit
entstanden ist, ‚in der die Durch die Ausbreitung des Aristotelismus hervorgerufene intellektuele und
moralische Krise sich immer mehr verschärft‘«
12
Grenze des menschlichen Verstandes liegt, leitet er ihn in der Frage nach der korrekten
Handlung wie ein Leuchtturm.

6. Abhandlung der Glückseligkeit

Es scheint als hätte Thomas die Abfassung so gut geplant, dass sogar jede Questio beinahe
denselben Umfang hat. Dabei sind zwei große Divisionen in der Einleitung der Questiones
zu unterscheiden. Der erste Teil gibt eine allgemeine Analyse des letzen Zieles, indem
sogar die Ergebnisse der aristotelischen Überlegungen über das letzte Ziel bedacht werden
(es wird sogar das letzte Ziel des Leblosen überdacht). Dabei nutzt Thomas die
Gelegenheit um das Konzept der Natur zu erklären als den Beginn jeder auf ein Ziel
gerichteter Tätigkeiten: das natürliche Ziel eines jedes Gegenstands.21 Alle weiteren
Questios beschäftigen sich mit dem Objekt der Glückseligkeit im Einzelnen, das heißt mit
der Betrachtung des letzten Ziels nicht mehr aller Wesen, sondern des Menschen im
Speziellen. Und innerhalb dieser Betrachtung will Thomas hervorheben, was es ist,22 das
uns als menschliche Wesen erfüllen kann, die spezielle Fortschreibung, die aus der
Glückseligkeit gewonnen wird.23 Und zum Schluss noch den Weg wie der Mensch diese
Glückseligkeit erlangen kann: Durch das Studium, das die Konditionen vorgibt, die zur
Teilnahme notwendig sind.24 Es ist um es anders auszudrücken die Abhandlung der
Moraltheologie in seiner Essenz.

Nun ist eine Charakteristik sichtbar, die die thomistische Ethik einzigartig macht und aus
der endlichen Konzeption in jedem Agenten herrührt. Thomas erkennt diese sogar in jenen,
die keine direkten Agenten sind. Darüber hinaus verfolgt er die eudämonistische Richtung
des Altertums sowohl Plantons als auch Artistoteles. Für alles weitere genügt eine

21
Cf. S. Thomas Aquinas (2000b, S. Th. I-II, q. 1, a. 2, s. c., und co.)
22
Cf. S. Thomas Aquinas (2000b, S. Th. I-II, q. 2, a. 8, co. und ad 1)
23
Cf. S. Thomas Aquinas (2000b, S. Th. I-II, q. 3, a. 5; a. 6; und a. 8, co.) »Si igitur intellectus humanus,
cognoscens essentiam alicuius effectus creati, non cognoscat de Deo nisi an est; nondum perfectio eius
attingit simpliciter ad causam primam, sed remanet ei adhuc naturale desiderium inquirendi causam. Unde
nondum est perfecte beatus. Ad perfectam igitur beatitudinem requiritur quod intellectus pertingat ad ipsam
essentiam primae causae. Et sic perfectionem suam habebit per unionem ad Deum sicut ad obiectum, in
quo solo beatitudo hominis consistit, ut supra dictum est.«
24
Cf. S. Thomas Aquinas (2000b, S. Th. I-II, q. 4; q.5, a. 5, co.; a. 7, co.) »Sed beatitudo hominis perfecta,
sicut supra dictum est, consistit in visione divinae essentiae. Videre autem Deum per essentiam est supra
naturam non solum hominis, sed etiam omnis creaturae, ut in primo ostensum est. Naturalis enim cognitio
cuiuslibet creaturae est secundum modum substantiae eius, sicut de intelligentia dicitur in libro de causis,
quod cognoscit ea quae sunt supra se, et ea quae sunt infra se, secundum modum substantiae suae. Omnis
autem cognitio quae est secundum modum substantiae creatae, deficit a visione divinae essentiae, quae in
infinitum excedit omnem substantiam creatam. Unde nec homo, nec aliqua creatura, potest consequi
beatitudinem ultimam per sua naturalia.«

13
Beobachtung des menschlichen Verhaltens, in vergangen sowie in contemporären Zeiten,
um festzustellen dass die einzige Suche (die nach dem Wohlbefinden, dem Glück und der
Fülle) in einem Zustand von Gnade war und immer sein wird, erfüllt mit allem Guten und
frei von Bösem.

Thomas vergisst auch nicht, dass eine Eigenschaft die den Menschen abhebt seine
Rationalität ist, woraufhin er schließt, dass seine Erfüllung mit jenem verbunden sein
muss, was sein spezifisches Handeln ist: dem Intellekt.25 Es wurde bereits erwähnt, dass
die Verwandlung in das Transzendente, Übernatürliche und darum theologische das letzte
Ziel des menschlichen Handelns ist und damit ausschlaggebend zum Verständnis dessen
wird, was Thomas als Moral begreift und dies nicht nur in der Summe, sondern auch in
seinen weiteren Werken:26

»In seiner Summa theologiae führt Thomas von Aquin einen neuen und für die
heute vorherrschende Sicht wohl befremdenden Ansatz zur Frage nach der
Notwendigkeit des Glaubens ein. Aber auch für ihn selbst ist der Ansatz neu,
denn während er zur Beantwortung der Frage in anderen Werken das Prinzip
zugrundelegt, daß man nur nach etwas streben kann, was bereits bekannt ist,
und daraus folgert, daß der Glaube deshalb notwendig ist, weil er die
erforderliche Vorkenntnis der künftigen Glückseligkeit leistet, begründet er in
der Summa die Notwendigkeit des Glaubens anhand der Tatsache, daß dem
Menschen Erkenntnis von Wirklichkeiten eigen ist. Wenngleich auch alle
anderen Wesen mit Wirklichkeiten tatsächlich zu tun haben, zeichnet es den
Menschen aus, Wirklichkeiten gerade als Wirklichkeiten begegnen zu können,
d. h. nicht nur in der Wirklichheit zu leben, sondern sie bewußt zu er-leben.
Indem er ”Wirklichkeit" denkt, transzendiert der Mensch die Welt der
Wirklichkeiten, unter denen er sich vorfindet. Mit anderen Worten, Thomas
gründet die Notwendigkeit des Glaubens nunmehr auf nichts anderes als den
Bewußtseinsvorgang des Abstrahierens. Dies ist der Kontext, in dem sich
Glauben als eine Notwendigkeit zeigt, und nicht bloß als ein Angebot,
vorausgesetzt nur, daß der Mensch nach Erfüllung, Glück, Endgültigkeit
verlangt.«27

25
Cf. S. Thomas Aquinas (2000b, S. Th. I-II, q. 3, a. 8)
26
Cf. Pynckaers; Pope; Wieland; im Pope (2002, pp. 23-24, 30 und ff, 61-68)
27
Hoye (1995, p. 374)
14
Es wurde bereits die theologische Vision erwähnt, die Thomas immer präsent ist. Die
Merkmale des Glaubens sind notwendig um Erklärung für das menschliche Dasein zu
finden. Andernfalls würden wir vor einem Problem ohne Ausgang stehen, (abgeleitet von
all den irrationalen Formen der Ethik, die sich auf nichts stützt oder auch dem
Existentialismus der verzweifelten Art) oder zumindest in einer ausschließlich weltlichen
Sichtweise des menschlichen Handelns (ohne jemals ein Glück jenseits des Lebens zu
erlangen, worauf Aristoteles voller Erleuchtung schließt).28 Bei Thomas spricht man von
einem rationalen Eudämonismus,29 trotz des übernatürlichen Charakters des Zieles, denn
es ist immer der Verstand, der aufgerufen ist das Objekt des vollen Glückes zu entdecken
und nach diesem seinen Willen zu richten. Ansonsten bleibt klar aus der eigenen Erfahrung
jedes menschlichen Wesens und auch der historischen Erfahrung der Menschheit, dass
keines der Güter die sich hier in diesem Leben finden, den Hunger des Menschen auf die
Ewigkeit sättigen kann. Egal was uns in diesem Leben glücklich macht, so führt es uns nie
zum vollkommenen Glück. Es wird immer der Tod da sein als Hinweis auf die Korruption
der irdischen Güter, welches auch immer es sein mag. Beim Sex können Liebesakt und
Gefallen nicht für immer andauern. Es handelt sich um Leckerbissen und irgendwann
kommt ein Moment an dem der Mensch satt ist und nicht mehr weiter essen kann. Auch
wenn jemand unbegrenzt Geld besäße, gäbe es Dinge die er nicht erwerben kann (wenn
man einfach daran denkt, dass das Geld selbst vergänglich ist und einen rein
konventionellen Tauschwert hat). Nichts ist sicher in diesem Leben außer der Liebe, die
auf Gott gegründet ist. Nicht einmal die Wissenschaft kann das letzte Ziel des Menschen
sein, bedenkt man dass die Kenntnisse auf tausend verschiedene Arten wieder verloren
gehen können und das reine Wissen ohne Liebe manchmal nur zu Hochmut führt. Sex,
Essen, Geld, Sicherheit und Wissenschaft: Alles das kann das Leben des Menschen nicht
erfüllen, selbst nicht in dem Fall, dass sie alle gemeinsam und auf eine Weise unendlich
wären.30 Trotzdem schließt Thomas nicht aus, dass der Körper und der Geist teilnehmen
können am Guten und der Glückseligkeit.31 Es ist nur genau die Zeit zu wählen um sich
von allem verderblichen Extrem zu distanzieren: fleischloser Spiritualismus oder nackter
Hedonismus.

28
Cf. Papadis (1980, pp. 105–121)
29
Cf. Thomas and Martinez (1989, p. 31)
30
Cf. S. Thomas Aquinas (2000b, S. Th. I-II, q. 2)
31
Cf. S. Thomas Aquinas (2000b, S. Th. I-II, q. 2, a. 5; und a. 7)
15
7. Gott als Glück des Menschen

Wie bereits erwähnt, hat Thomas die Summa Theologiae geschrieben als er bereits über ein
weites Spektrum an Wissen verfügte. Dies gibt zu verstehen, dass es nicht das erste Mal
ist, das sich Thomas mit dem Thema des Glücks und dem menschlichen Handeln
auseinandersetzte. Im Kommentar der Sentenzen des Pedro Lombardo, der Summe gegen
die Heiden und im Kommentar zur icomachischen Ethik hatte er das Thema
Glückseligkeit schon abgelegt.32 Wenn er beim Verfassen des Kommentars der Sentenzen
noch nicht ganz mit den aristotelischen Werken vertraut war, ist es verständlich, dass die
Glückseligkeitstheorie noch nicht der aristotelischen Finalismus zum Ausdruck kommt wie
jener der in der Summa Theologiae.

Abbildung 1: Charta synoptica Iæ-IIæ partis Summae Theologiae S. Thomae de Aquino33

32
Cf. Thomas and Martinez (1989, pp. 34–36)
33
Alarcón (2000)
16
Als kleinen Anhang zu den angestellten Beobachtungen ist es interessant sich die
statistische Landkarte der Summe Theologicae I-I zu nehmen, um die internen
Beziehungen zwischen den Hauptkonzepten der thomistischen Moral zu visualisieren.

Man sieht, dass das Glückseligkeitskonzept eine ausreichende Wichtigkeit besitzt um


zusammen mit anderen Konzepten wie der Mensch oder die Konsistenz verwendet zu
werden. Und wiederum ist es wichtig den theologischen Aspekt der Glückseligkeit
herauszuheben, denn wenn man die synoptische Karte des Kommentars zur
Nicomachischen Ethik betrachtet, sieht man, dass das Wort das im Zusammenhang mit
Glückseligkeit benutz wird das Wort felicitas, also Glück ist.34 Daraus leitet sich ab, dass
es tatsächlich einen Fortschritt im Denken von Thomas gab, dahingehend dass er am Ende
seines Lebens nicht mehr einfach an ein irdisches Glück als Gipfel des tugendhaften
Handelns glaubte, sondern an ein Glück, das eingeschlossen in einen übernatürlichen
Genuss an dem Gott (als Besitzer alles Guten par excellence) Teilhabe hatte. Aus alldem
ist erkennbar, dass Thomas sein Konzept der Glückseligkeit fortentwickelt. Da er
überzeugt war, von Gott gerufen zu sein um an seiner Vollkommenheit teilzunehmen, wagt
er als das größte Streben des Menschen das anzudeuten, was für viele Jahrhunderte für das
Menschengeschlecht undenkbar war: die Teilhabe am göttlichen Leben.

***

34
Cf. Alarcón (2000, Charta synoptica Sententiae libri Ethicorum S. Thomae de Aquino)
17
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18