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30 MEDIENwissenschaft 01/2016

Medien/Kultur

Hermann Haarmann, Michael Hanke, Steffi Winkler (Hg.):


Play it again, Vilém! Medien und Spiel im Anschluß an
Vilém Flusser
Marburg: Tectum 2015 (Kommunikation & Kultur, Bd.6), 319 S.,
ISBN 9783828835054, EUR 35,95

Die Beziehung von Medien und Spiel Komplex „,magischer‘ Spiele“ betrach-
– so die Herausgeber_innen dieses tete, deren Funktionsweise und Kräfte-
Tagungsbandes des II. Internatio- fluss den teilnehmenden Spieler_innen
nalen Kongresses zur Medienkultur dabei verborgen bliebe (Medienkultur.
nach Vilém Flusser, der 2014 an der Frankfurt: Fischer 1997, S.106) und die
FU Berlin stattfand – sei zu einem tatsächliche medienkulturelle Praxis
zentralen Phänomen im fortschreiten- seiner Gegenwart bestenfalls als „eine
den Prozess der ‚Computerisierung‘, Verschleierung der Möglichkeiten, die
‚Mediatisierung‘ und ‚Gamification‘ der [...] Techno-Imagination offenste-
der Gesellschaft zu zählen (vgl. S.9ff.). hen“ (ebd., S.101f.) bezeichnete.
Ihre Beschreibung habe Flusser in der Diese spezifische medienkulturkri-
grundsätzlichen Feststellung einer tische Stoßrichtung wird allerdings in
„Tendenz zur ,Ludizität‘“ (Nachge- den meisten weiteren Beiträgen nicht
schichten. Düsseldorf: Bollmann 1990, weitergeführt, die entweder allge-
S.120) seiner Gegenwart bereits schon meinere oder engere Perspektiven auf
unternommen. Einleitend fragt in den Spielbegriff überhaupt oder auf
diesem Sinne Hermann Haarmann – spezifische Aspekte des Flusser’schen
in Anklang sowohl an Neil Postman Œuvres einnehmen. Drei Punkte sind
als auch an Max Horkheimer und hier besonders hervorzuheben: Die
­Theodor W. Adorno – ob wir uns ,zu denkbar beste ludologische Grundsatz-
Tode spielten‘ und nach den früheren frage wird von Florian ­Rötzer gestellt,
Leitmedien Film und Fernsehen nun nämlich „welchen Vorteil“ es überhaupt
Computer und Computerspiele einen habe, „die Welt als Spiel zu betrach-
neuerlichen unterhaltungskulturindu- ten“ (S.82). Die treffendste Aussage zur
striellen Verblendungszusammenhang Verortung von Flussers medienanth-
konstituierten (vgl. S.22ff.). Dies war ropologischer Position macht Steffi
in der Tat auch zentrales Thema des Winkler, nämlich dass es „zu kurz
Kulturkritikers Flusser, der „die Syn- greift, ihn als naiven Utopisten oder
chronisation von Massenmedien und als pathetischen Apokalyptiker zu fas-
Konsensus“ in der kodifizierten Welt sen“ (S.160). Und den hellsichtigsten
der Massenkultur (Kommunikologie. Befund zu Flussers ihrerseits schon
Frankfurt: Fischer 1998, S.49) als spielerischer Konzeption des Spiels
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liefert ­Siegfried ­Zielinski: dass es sich des Subjekts im Spiel mit den Medien
nämlich um „Themen [handele] , die fokussiert“ (S.229), auf Flusser beruft,
[Flusser] intellektuell nicht erfunden, zumal dieser für das Denken nach dem
sondern eher wach und geschickt auf- „Glaubensverlust“ an die Geschichte
gegriffen und griffig formuliert sowie eine grundsätzliche Abkehr von huma-
als popularisiertes Denken ins Spiel nistisch-individualistischen Ideologien
gebracht hat“ (S.278). propagiert. Ob aber der Spielbegriff
Diese drei Punkte hängen durch- überhaupt noch in einem emphatischen
aus zusammen: Oszilliert Flussers Sinne wie etwa demjenigen Schillers zu
weitreichende (und oftmals eher spiel- gebrauchen sei, lässt sich mit Matthias
förmige als wissenschaftsdiskurskon- Kroß’ pointierter Feststellung bezwei-
forme) Verwendung des Spielbegriffs feln, dass gerade nach Flusser der
zwischen Schiller’scher Ästhetik und Mensch gegenwärtig nicht eigentlich
Huizinga’scher Kulturwerttheorie zum Spielen ‚berufen‘, sondern viel-
einerseits und mathematischer Infor- mehr ‚verdammt‘ sei (vgl. S.52).
mationstheorie und formaler game Insgesamt bietet der vorliegende
­theory andererseits, so konturieren Band vielerlei interessante und pro-
diese drei Punkte Flussers ambivalente funde Kommentare zu den ludolo-
Anthropologie des homo ludens zwi- gischen Aspekten in Flussers Œuvre
schen Selbstverwirklichung und Selbst- und deren in der Tat zentralen Stellung
abschaffung. Und so kommt es denn dort, aber über diese Kommentierung
auch, dass der „Spielende selbst zum hinaus nur wenige anschlussfähige
Spielball des Spiels wird: er scheint das Analysen zur aktuellen medienkultu-
Spiel zu meistern, ohne es zu durch- rellen Gegenwart. Aus diesem Grund
schauen, und das Spiel verschluckt ihn“ dürfte er auch mehr dem internen
(Kommuni­kologie, S.200). Es darf daher Gebrauch der Flusser-Forschung als
als fraglich gelten, wenn Guido Bröck- der Medienkulturwissenschaft oder
ling sich in seinem Plädoyer für eine den game studies dienen.
emanzipatorische Pädagogik, „welche
die eigenständige und eigensinnige Axel Roderich Werner (Bochum)
Gestaltungs- und Handlungsfähigkeit