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HS: Technikwissen zwischen Universität, Staat, Wirtschaft und Gesellschaft | Prof. Dr. Hürlimann

KAPITALISMUS UND TECHNOKRATIE

Zur kapitalistischen Rationalität. Verwertung, technologische Entwicklung, Systemerhalt.

Z UM TECHNOKRATIEBEGRIFF Technik unabhängig von Kapitalismus, das heißt in Abstrahierung des Ökonomischen zu denken und zu kritisieren, führt zu defizienten Analysen mit unzureichendem Erklärungsgehalt. Bezeichnend für die deutsche Technokratie-Diskussion in den 1950/60er-Jahren ist die undifferenzierte Verwendung des Technokratie-Begriffs. Mit letzterem beanspruchte man die „ausgedehnte Verwendung technischer Mittel und technologischer Verfahren“ [LENK, 1973, 12] aufzugreifen: Technokratie wurde „zur Beschreibung sozialer Zustände und Vorgänge“ [ebd., 14], „im Sinne eines Programms“ [ebd.] und als analytischer Begriff zur „Gesellschaftskritik“ [ebd.] verwendet.

Zum einen liegt eine Verwendung des Begriffs mit Betonung auf eine „ausschließliche, einsinnig determinierende Bedeutung der sogenannten ‚Sachzwänge‘ und ‚Sachgesetzlichkeiten‘ und die totale Bestimmung aller sozialen Phänomene durch diese unter dem Gesichtspunkte der optimalen Leistung und Funktionstüchtigkeit“ [ebd.] vor; im Rahmen jener Technokratievorstellung sollte die politische

Entscheidungsfindung letztlich durch „eindeutige technische Problemlösungen der Experten zu ersetzen“ [ebd., 12 f.] sein, da das Gesellschaftssystem den Charakter eine technologischen Apparatur angenommen habe, die sachgemäß zu bedienen sei. Zum anderen wird mit dem Technokratiebegriff umschrieben, „dass

die technische ‚Machbarkeit‘, die neue Durchführbarkeit [

Leitlinien schaffe und neue Bedürfnisse präge“ [ebd., 13]; ferner wird die Prägung der „Verhaltenseinstellungen und Deutungen anderer Sozialbereiche“ [ebd.] durch technisches Denken festgestellt. Jene Beschreibungen kumulierten in der Vorstellung einer „technizistischen Hintergrundideologie“ [ebd.]: So sei die Sachgesetzlichkeit der technischen Entwicklung die legitimierende Instanz zur Begründung politischer Entscheidungen geworden, was zur diskursiven Ausschaltung moralisch- politischer Probleme führe und eine Entpolitisierung der Massen sowie eine Unschärfe zwischen „moralisch- politischer Praxisentscheidung und technischer oder sozialtechnologischer Problemlösung“ [ebd.] zur Folge

immer mehr die Ziele bestimmte, neue

]

habe; dabei sei ein „überzogener Planungsoptimismus, der alle sozialen Probleme durch technologische Systemplanung (im weitesten Sinne) unter Verzicht auf rein politische Entscheidungsfindung zu lösen hofft“ [ebd.] ein weiteres Charakteristikum des der technokratischen Ideologie.

Es lässt sich resümieren, dass der Technokratie-Begriff hier zur Beschreibung eines gesellschaftlichen Syndroms verwendet wird, da jener Begriff auf verschiedene, aber gleichzeitig auftretende gesellschaftliche Phänomene referiert, die in Zusammenhang mit der technologischen Entwicklung einerseits und mit dem kapitalistischen Verwertungskalkül andererseits stehen. Es wird begrifflich also auf die Akkumulations- und Hegemonialstrukturen der fordistischen Gesellschaftsformation der 1950/60er-Jahre bezuggenommen, zu der nachfolgend ein kompakter zeitgeschichtlicher Überblick gegeben werden soll. Bevor Marcuses und Habermas‘ gesellschaftskritische Interpretation der fordistischen Formation angebracht wird, sollen die gesellschaftlichen Phänomene, auf die beide bezugnehmen, in ihrem historisch-faktischen Gehalt fixiert werden, um so als Diskussionsgrundlage zu dienen.

Marcuses Begriff der Eindimensionalität dient als Chiffre für die gesellschaftlichen Lebensverhältnisse im Spätkapitalismus, die jener durch den Primat des Technischen beherrscht sieht; subjektive Spontaneität sei dadurch verunmöglicht und das Leben im Spätkapitalismus ein nur noch starrer, einförmiger und zerstörerischer Betriebsvorgang, in dem es keinen Raum für überindividuell reflektierte Sinnsetzungen gebe.

Thomas Pawelek, 368732, BA-KulT-WTG-4, sechstes Fachsemester | große Leistung | Hausarbeit

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Habermas schließt sich Marcuses Interpretation an, doch bezieht den Aspekt der kapitalistischen Verwertungslogik und ihren Einfluss auf die positiven wie negativen Potenziale der Technik stärker ein. Dort wo Marcuse von der Notwendigkeit einer neuen Technik spricht, durch die Mensch und Natur versöhnt werden sollen, verweigert sich Habermas utopischen Motiven; vielmehr verfolgt er das epistemologische Ziel, der Kritischen Theorie ein schärferes begriffliches Instrumentarium an die Hand zu geben, mit dem sich das technokratische Syndrom adäquater beschreiben lässt. Der Widerspruch zwischen Technik und Mensch, der sich bei Marcuse infolge der Rationalisierung auftut, wird bei Habermas zu einem Gegensatz von zweckrationalen und kommunikativen Handeln im Rahmen der verschiedenen gesellschaftlichen Subsysteme; jene Unverhältnismäßigkeit zwischen Technik und Mensch, wie sie von Marcuse konstatiert wird, spiegelt sich bei Habermas in Form einer übermäßigen Beeinflussung der gesellschaftlichen Subsysteme durch die Subsysteme zweckrationalen Handelns wieder.

Marcuses Interpretation dient mir lediglich zur Kontextualisierung des Habermas’schen Ansatzes im Rahmen der deutschen Technokratie-Diskussion nach dem Zweiten Weltkrieg; ein eingehender Vergleich wird nicht beabsichtigt. Mit dieser Arbeit stelle ich Habermas als einen Diskussionsteilenehmer vor und nehme dafür hauptsächlich bezug auf seinen Aufsatz Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie‘.

F ORDISTISCHE FORMATION Mit dem Marshallplan von 1947 erfolgte eine gesellschaftliche Umstrukturierung nicht nur Deutschlands, sondern ganz Westeuropas [vgl. DOERING- MANTEUFFEL / RAPHAEL, 2012, 33 ff.]. Die Überführung Deutschlands in ein neues europäisches und globales Ordnungsgefüge durch eine nationale Neuordnung von Wirtschaft und Gesellschaft bezog ihre ordnungspolitischen Inhalte aus den Erfahrungen, die die USA seit dem New Deal im Verlaufe der 1930er- Jahre gesammelt haben. Durch eine nationale Koalition von Unternehmern, Gewerkschaften und Regierung auf Basis eines liberalen Konsenses konnten Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit mit Hilfe des Keynesianistischen Programms überwunden werden; der Regierung wurde die fiskalpolitische Steuerung zugewiesen, um Beschäftigung, Geldwertstabilität und Wirtschaftswachstum in ein ausgewogenes Verhältnis zueinander zu setzen und langfristig zu sichern.

Die Ausbreitung des liberalen Konsenses in Westeuropa gründete auf dem Verbund von Marktwirtschaft und parlamentarischer Demokratie, der nach 1945 zur politökonomischen Norm werden sollte. Er wurde von dem Glauben getragen, dass soziale Spannungen durch Produktivität und Wachstum überwunden werden können. Die Idee von Klassenkampf und Revolution verlor an Aktualität angesichts der Subsumtion der gewerkschaftlichen und unternehmerischen Interessen durch die marktwirtschaftliche Ordnung, die als Rahmen für die Aushandlung der unterschiedlichen Interessen diente; die Aushandlungen vollzogen sich in Anbetracht der verschiedenen korporatistischen und arbeiterischen Traditionen der Länder der entstehenden Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft nicht auf gleiche Weise.

Die auf die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg folgende, sich zunächst in den USA herausgebildete „kapitalistische Formation“ [HIRSCH / ROTH, 1986, 46] wird als Fordismus bezeichnet; Produktion, Handel und Finanzsysteme wurden zunehmend internationalisiert, während sich neue Formen der internationalen Arbeitsteilung herausgebildet hatten. Internationaler Konkurrenzdruck durch die „Realisierung komparativer Vorteile bei der Einführung neuer Produktionsstrukturen und politischer Regulierungsmodi“ [ebd., 47], die Normierung der entwickelten kapitalistischen Gesellschaften nach amerikanischem Vorbild, die selektive Industrialisierung peripherer Länder sowie neue rohstoff- und arbeitskraftbezogene Ausbeutungsformen ermöglichten stabile Profitraten und eine Periode des wirtschaftlichen Konjunkturaufschwungs und gesellschaftlichen Wohlstands, die bis in die 1970er-Jahre anhielt. Der vereinheitlichende Charakter der fordistischen Formation ergab sich aus der Unterordnung

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nationaler Gesellschaften unter spezifische, gleichgerichtete strukturelle Anpassungsmechanismen eines hegemonial strukturierten Weltmarkts, durch den „kapitalfraktionelle Gegensätze und Klassenkonflikte überformt und eigenständige Traditionen relativiert“ [ebd.] wurden.

Die graduelle Etablierung der fordistischen Arbeitsorganisation hatte eine Steigerung der Arbeitsproduktivität zur Folge [vgl. ebd., 50]; sie resultierte aus einer weitgehenden Präzisierung und Standardisierung der Produktionskomponenten, einer Zerlegung des Arbeitsprozesses bei gleichzeitiger Vertiefung der Arbeitsteilung und einer Dequalifizierung der Produktionsstellen zugunsten der Managementebene. Die Massenproduktion von Konsumgütern basierte auf dem arbeitsorganisatorischen und technologischen Modell des Taylorismus. Aufgrund des nun merklich höheren Reallohnniveaus, das sich „mit einer weitgehenden ökonomischen und sozialstrukturellen Homogenisierung und Egalisierung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft verband“ [ebd., 51], konnten die industriell erzeugten Massenprodukte von relevanten Teilen der Arbeiterklasse abgenommen werden.

In den 1950er-Jahren gelang es, die unterschiedlichen ordnungspolitischen Vorstellungen der westeuropäischen Länder auf eine gegenseitige Kompatibilität auszurichten, die auf der gemeinsamen Ansicht beruhte, dass das makroökonomische Veränderungspotenzial durch staatliche Steuerung aufgefangen und durch wissenschaftliche Planung und Expertise gehegt werden könne [vgl. DOERING- MANTEUFFEL / RAPHAEL, 2012, 36 ff.]. Ein integratives Verständnis von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft erlaubte es, Produktivität, Vollbeschäftigung und Wohlstand als ein gemeinsames Anliegen zu begreifen. Damit erfüllte sich der Anspruch des amerikanischen Hilfsprogramms, im Zuge des Wiederaufbaus eine homogene politische und wirtschaftliche Ordnung in Europa zu errichten und letzteres als einen offenen Markt gestalterisch zu erschließen. Die Entfaltung der Volkswirtschaften vollzog sich auf Basis der geteilten ordnungspolitischen Grundannahme eines verbindlichen Rahmens, bestehend aus Nationalstaat, europäischer Integration, westlichem Bündnis unter Führung der USA und dem globalen Währungssystem von Bretton Woods. Zusätzliche Kontur und Festigkeit erhielt diese gemeinsame Erhebung einzelnen Länder zu einem neuen Europa durch den ideologisch und machtpolitisch geführten Kalten Krieg mit dem zum Gegner erklärten Ostblock.

Die Rekordhöhen erklimmenden Wachstumsraten zwischen 1958 und 1967 führten zum einen dazu, dass der Ertrag des Aufschwungs bis in die unteren Gesellschaftsschichten durchsickern konnte, und zum anderen zu einem immer größer werdenden Reformdruck. Das selbsttragende fordistische Produktionsmodell westeuropäischer Gesellschaften gründete auf der standardisierten, auf Zerlegung von Arbeitsschritten basierenden Massenproduktion und der damit einhergehenden stabilen Massennachfrage, während die Gewerkschaften angesichts der Produktivitätssteigerung und den wachsenden Unternehmergewinnen auch entsprechende Lohnzuwächse forderten, durch die die Massennachfrage stabil bleiben konnte.

Privater Wohlstand und Massenkonsum waren Kennzeichen der zum Wirtschaftswunder stilisierten Installation des neuen, fordistischen Produktionsregimes, Von 1957/58 bis 1973/74 kam es zu einer Veränderung der Lebensformen und der materiellen Erwartungshaltung, während die Erinnerungen an den Krieg verblassten. Es herrschte Aufbruchsstimmung: neue Jugendkulturen entstanden, das Stadtbild und der Wohnraum wurden funktionalistisch umgestaltet und die Infrastruktur auf allen Ebenen der Gesellschaft ausgebaut. Es herrschte eine gewisse Form von Arbeitsteilung: der niedrigbezahlte, nur niedrige Qualifikationen verlangende Arbeitssektor wurde mit Arbeitsmigranten aus dem Mittelmeerraum besetzt, während die Durchlässigkeit von hiesigen Arbeitnehmer hin zu besseren, höher-qualifizierteren Positionen erweitert wurde; der Bedarf an ausgebildetem Fachpersonal stieg, weil qualitatives Wachstum sich nur über technische Modernisierung, Automatisierung und Effizienzsteigerung von Industieranlagen realisieren ließ.

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Die Politik arbeitete sich an einer umfangreichen Modernisierung und Reform der Gesellschaft ab, die auf den Übergang von Industrieproduktion zu Wissensproduktion und Expertenwissen zulief; von staatlicher Seite wurde diese sozioökonomische Entwicklung weniger moderiert als umfassend geplant. Während Kapital und Arbeit in Deutschland miteinander arbeiteten, arbeiteten jene in Frankreich, Italien und Großbritannien gegeneinander – das durch Streiks, politische Gewalt, leerlaufende Reformvorhaben und massive Inflation gezeichnete und Italien bildete den Gegenpol zum deutschen Model von Globalsteuerung und wirtschaftlicher Stabilität, das durch den sozialliberalen Konsens der Großen Koalition ermöglicht und durch das 1967 verabschiedete Gesetz zur Förderung der Stabilität und des Wachstums der Wirtschaft beschlossen wurde.

Genanntes Gesetz enthielt Maßnahmen zur Stabilisierung des Preisniveaus, des Beschäftigungsgrades, der Außenhandelsbilanz und des Wirtschaftswachstums; dieses Vorhaben war „Ausdruck einer technokratischen Utopie, die meinte, den Fortschritt normieren und dauerhaft gestalten zu können“ [ebd., 42]. Die Reformära stand im Zeichen einer Realutopie: nicht nur die Wirtschaft war Anwendungsfeld staatlicher Steuerung und Modernisierung, sondern auch die Rechts- und Gesellschaftspolitik, die sich der Emanzipation und Liberalisierung verschrieb; Fortschrittsoptimismus und der Glaube an die totale Machbarkeit einer klassen- und schichtenübergreifenden, ideologiefreien, pragmatischen Modernisierung bildeten die Leitprinzipien jener Zeit. Die sich in Formierung begriffene Neue Linke trat als Gegenprotagonist auf, indem sie Zweifel an der Dauerhaftigkeit dieser Fortschrittssequenz anmeldete. Der Klassenkampf kehrte zurück, wenn auch in anderer Form: in Ländern, in denen der liberale Konsens weniger wirkmächtig und die gesellschaftliche Ungleichheit auch während des Aufschwungs deutlich sichtbar war, verbanden sich die gegen die etablierten sozialen Normen aufbegehrenden Studentenproteste mit denen der unqualifizierten Arbeiter, die für höhere Löhne kämpften und die Einlösung des kapitalistischen Glücksversprechens einklagten. Die ‘68er-Bewegung „verkörperte den Aufbruch in eine offene, andere Zukunft als die, welche die Planer der Globalsteuerung auf Dauer stellen wollten und mit dem Fortschritt identifizierten“ [ebd., 44]; der politische und kulturelle US-amerikanische Führungsanspruch wurde in Frage gestellt, während man gleichzeitig mit dem Kommunismus liebäugelte, bevor die Entspannungspolitik vorankam. Die integrative Kraft westlicher Gesellschaften nahm seit dem Ende der 1960er-Jahre ab, ihr innerer Zusammenhalt wurde geschwächt.

Auch die 1970er-Jahre standen im Zeichen von Modernisierung, die sich im Rahmen des etablierten marktwirtschaftlich-liberalen Systems vollzog; die Aufgaben des Staates wurden ausgeweitet und dessen Aufgabenfelder mit rationaler Planung und wissenschaftlichen Expertentum zu gestalten versucht. Man verfolgte die Vision einer Gesamtpolitik: zentral waren die Expansionen im Bildungswesen und im Gesundheitsbereich, außerdem Städtebau, Raumordnung und Verkehrswesen wie auch Energie und Umwelt. Das modernisierende Reformprogramm einte die liberalen und sozialdemokratischen Parteien, doch es kam auch in gemäßigten konservativen Parteien zur Geltung, was als Zeichen für die Stärke dieses modernistischen Paradigmas gewertet werden kann. Charakteristikum der Reformzeit von 1969 bis 1975 war die massive Beschleunigung des sozialstaatlichen Ausbaus, der wiederrum den gesellschaftlichen Anspruch auf staatliche Leistungen vergrößerte. Die sozialpolitische Expansion leitete die finale Phase des westeuropäischen Modernisierungsmodells ein; kritische Stimmen, die auf die veränderten demographischen und zunehmend unsicher werdenden ökonomischen Rahmenbedingungen hinwiesen, blieben ungehört. Die Erdölkrise von 1973/74 wurde zum ersten längeren Stresstest für das westeuropäische Modell der Sozialpolitik. Doch gelang es jenem, die Gesellschaftsordnung des Booms für weitere drei Jahrzehnte zu stabilisieren; rechtlich abgesicherte Leistungen und kollektive Erwartungen an individuelle Zukunftssicherheit und Besitzstandswahrung wurden zur Selbstverständlichkeit. Konjunkturelle Umbrüche

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wie auch der wirtschaftliche Strukturwandel konnten in den Folgejahrzehnten von den, nach dem westeuropäischen Sozialmodell operierenden Gesellschaften einigermaßen abgefedert werden.

S IGNATUR Für Marcuse gehört die

Eindimensionalität zur Signatur moderner Gesellschaften. Mit dem Begriff der Eindimensionalität versucht Marcuse die starre Einförmigkeit der gesellschaftlichen Organisation einzufangen: „Naturwissenschaftlich angeleitete Produktions- und Dienstleistungstechnologie und die rationale Verwaltungspraxis, die auf der Anwendung unpersönlicher Regeln durch hierarchisch kooperierende Experten beruht, sind zu den beherrschenden Strukturelementen industrieller Gesellschaften geworden.“ [OFFE, 1969, 73]; zudem herrsche ein fehlendes Bewusstsein dafür, um „die kapitalistischen Ursprungsbedingungen dieses Rationalisierungsprozesses in allen seinen Manifestationen wiederzuerkennen“ [ebd., 74]. Die „beständige Akkumulation abstrakt-zweckmäßiger Verfahrensweisen“ [ebd.] führe, Marcuse folgend, zur Etablierung eines Primat des Technischen, durch den „Technik nicht mehr eindeutig dem partikularen Interesse an der Verwertung von Kapital untergeordnet ist“ [ebd.]; jene Totalisierung des Technischen in Form einer abstrakten Herrschaft der Technik über die Gesellschaft bringt in Marcuses Konzeption den sogenannten eindimensionalen Menschen [MARCUSE, 2014] hervor, dessen Subjektivität vom objektiven Geist der gesellschaftlichen Verhältnisse auf einen, dem Technischen äquivalenten Funktionsmodus zugerichtet sei. Marcuse fasst diese Entwicklung als einen überindividuellen, historischen Prozess auf, so dass die „Interessen bestimmter sozialer Klassen oder Gruppen“ [OFFE, 1969, 74] bei ihm nicht mehr als Explanans für jene „technologische Verfassung“ [ebd.] herhalten können.

E INDIMENSIONALITÄT

ALS

Marcuse konstatiert, dass die „[wissenschaftliche] Rationalität [

Herrschaft geworden“ [ebd.] sei: so seien bereits die „ersten Anfänge der Produktion von Technologie auf der Ebene (natur)wissenschaftlicher Grundlagenforschung“ [ebd.] mit instrumenteller, das heißt ihren Gegenstand verwaltender und manipulierender Vernunft durchdrungen. Marcuses Kritik der technischen Rationalität zielt in erster Linie auf den „szientifischen Formalismus“ [ebd., 75] der die Technologie präformiere und dessen Logik den ökonomischen Verwertungszusammenhang strukturiere. In diesem Zusammenhang nimmt die Wissenschaftlichkeit für Marcuse einen repressiven Charakter an: jene Ausblendung der praktischen Bedeutung der Naturgegenstände für den Menschen und das damit einhergehende Desinteresse an einer „Befriedung des Kampfes ums Dasein“ [ebd.], sowie das Unvermögen der Wissenschaft, ihr objektives Substrat als „Stoff von Bedürfnissen zu begreifen“ [ebd.] lassen Wissenschaft für Marcuse zu einer Instanz werden, die sich letztlich gegen die menschlichen Interessen richte. Nur durch eine Rekonfiguration des Technischen und dessen historisch-manifester Überstruktur lasse sich aus dieser repressiven Form der Vergesellschaftung ausbrechen; denn eine „Umwälzung politischer und ökonomischer Institutionen“ [ebd., 76] ist für Marcuse unzureichend, da damit nicht die dahinterstehende abstrakte, sich gleichsam gesellschaftlich materialisierte Herrschaft des Technischen entthront werde, sondern in ihrer prozeduralen Eigenlogik bestehen bleibe. Marcuses Ausführungen zur Genese dieser neuen Technik bleiben nur vage, so dass sich daraus keine konkreten Handlungsempfehlungen ableiten lassen; jene konzeptuelle Offenheit im Hinblick auf die aus der Analyse zu ziehenden politischen Konsequenzen ist wahrscheinlich

Grund für die intensive Rezeption des Eindimensionalen Menschen.

]

als solche zum Organisationsprinzip von

Nach Marcuse erfolge im Rahmen spätkapitalistischer Vergesellschaftung eine „Gleichschaltung der Bedürfnisse und die Tilgung progressiven Denkens“ [ebd., 77] in ökonomischer, politischer und kultureller Hinsicht. Durch die zunehmende entschädigende Integration der wertschöpfenden Arbeiterklasse in den kapitalistischen Verwertungs- und Verteilungsprozess werde ein vitales Begehren nach einem, im ganzheitlichen Sinn zu verstehenden besseren Leben minimiert und damit auch das gesellschaftstransformierendes Potenzial, das einst von der Arbeiterklasse ausgegangen sei; die kulturindustrielle Manipulation dieses zufriedenen Bewusstseins erfolge zum Zwecke der Verunmöglichung

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einer „Erfahrung von Not und Mangel selbst“ [ebd.] und, daraus resultierend, einer ausbleibenden „Artikulation auf der Ebene politischer Praxis“ [ebd.]. Marcuses erkenntnistheoretischer Perspektivwechsel ist bedingt durch die unmögliche sozialstrukturelle Lokalisierbarkeit eines Zentrums der „gleichwohl objektiv fortbestehenden Widersprüche“ [ebd., 78] und, damit zusammenhängend, bedingt durch die Unmöglichkeit, die politische Ökonomie als gesellschaftskritisches Analyseraster zur Formulierung objektiver Aussagen beizubehalten: „Das System der Bedürfnisse, der verbindliche Ausgangspunkt von jeder, auch von Marcuses kritischer Theorie“ wechselt vom Ressort der politischen Ökonomie in das der Psychoanalyse hinüber“ [ebd.].

Jene zum damaligen Zeitpunkt „etablierten sozialistischen Gesellschaften“ [ebd., 79] seien für Marcuse keine Beispiele für befreite Gesellschaften, da die realsozialistischen Staaten die „westliche Produktions- und Verwaltungsrationalität“ [ebd.] unter die ihren jeweiligen institutionellen Rahmenbedingungen subsumiert haben , was nur dazu führe, „daß Bürokratie und Produktionsdisziplin die Entstehung neuer Formen von Freiheit und Spontaneität blockieren und unterdrücken“ [ebd.]; Marcuse konstatiert „in West und Ost eine technisch fundierte Strukturähnlichkeit der Repression“ [ebd.]. Für ihn bleibt nur eine sehr vage und widersprüchliche „Denkmöglichkeit“ [ebd., 80] übrig: So könnten doch die Staaten der Dritten Welt als beispielhafter Raum des Alternativen und Transformativen dienen, nach denen sich gerichtet werden könne.

Die für Marcuses Analytik zentrale Kategorie der technologischen Rationalität ist in ihrem analytischen Anspruch nach zu kritisieren, da sich durch sie eine kausale Verkehrung von Ursache und Wirkung vollzieht. Es ist richtig, dass die Rationalisierung der untereinander vernetzten gesellschaftlichen Sektoren eine Eigendynamik hervorbringt, die sich der Steuerung durch bewußte menschliche Zielsetzungen entzieht, so dass die Verwendung des technischen Fortschritts und die zunehmende Produktivität zu einem ungeplanten Resultat vorgegebener ökonomischer, politischer und technischer Notwendigkeiten der gesellschaftlichen Organisation wird [vgl. BERGMANN, 1968, 94]:

Technologische Rationalität bezeichnet – Marcuse zufolge – die Logik der spätkapitalistischen Gesellschaft, das Gesetz ihrer ‚eindimensionalen‘ Entwicklung zu immer vollkommeneren Formen der Herrschaft über Menschen und Natur. Die Produktion von Massenwohlstand und Destruktionsmitteln ist zu einem profitablen System vereinigt, dessen Dynamik keine immanenten Grenzen gesetzt scheinen. [ebd., 94 f.]

Doch eben jene Vernachlässigung eines fundamentalen Moments kapitalistischer Vergesellschaftung ruft scharfe Kritik an Marcuses nichtökonomischen Ansatz hervor, ist

in Gestalt des Profitmechanismus eine Eigendynamik

konstitutiv, die produzierten Reichtum zum Mittel der Kapitalakkumulation werden läßt. Wissenschaft, Technik und Bürokratie sind keiner vergleichbaren Dynamik unterworfen, sie transformieren sich nicht selbstständig von Instrumenten zu Zwecken der Herrschaft [ebd., 95 f.].

einzig der kapitalistischen Produktionsweise [

]

Wissenschaft, Technik und Bürokratie erhalten erst durch ihre Verflechtung in den Prozeß der Kapitalverwertung, als Instrumente für die Kapitalakkumulation, den von Marcuse beschriebenen verdinglichten Charakter. Die Wendung vom ‚Apparat‘, der über die gesamte Gesellschaft herrsche, verfällt der technokratischen Ideologie, die Marcuse Analyse gerade durchbrechen will. [ebd., 97]

Jene kategoriale Subsumtion von „Wissenschaft und Technik, Kapitalinteressen und politischer Herrschaft“ [ebd. 99] reduziert die analytische Komplexität ihres Gegenstandes, indem die Relationalität und das Prioritätengefälle zwischen jenen gesellschaftlichen Subsystemen verdeckt wird, durch deren Zusammenwirken sich die gesamtgesellschaftliche Reproduktion vollzieht; durch diese methodische Weichenstellung wird eine Aufschlüsselung jener komplexen Abhängigkeiten verunmöglicht, so dass ein differenzierter analytischer Zusammenhang zwischen Wissenschaft und Technik, Kapitalinteressen und politischer Herrschaft nicht hergestellt werden kann:

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Technik setzt sich nicht geradlinig in Herrschaft über Menschen um, sondern nur vermittelt durch die sozialen und institutionellen Mechanismen ihrer Anwendung. Im Begriff der ‚technologischen Rationalität‘ subsumiert Marcuse heterogene Instrumente der Herrschaft; ihre identische Funktion als Mechanismen zu ihrer Stabilisierung bezeichnet indes noch nicht die Konstellation der Interessen, denen die Ausübung von Herrschaft folgt. [ebd., 103].

T ECHNIK,

W ISSENSCHAFT

UND

I DEOLOGIE Um kurz zu

rekapitulieren: Zum Ausgangspunkt für Habermas‘ Kritik an Marcuse ist des letzteren

] [

totaler Herrschaft verschmelzen, wenn alle gesellschaftlichen Erfahrungsbereiche dem Zugriff einer am Modell der wissenschaftlich-technischen Entwicklung oder am Modell der Bürokratie des kapitalistischen Betriebes gewonnenen technischen Rationalität ausgeliefert werden. [DUBIEL, 1988, 95]

Überzeugung, daß Ökonomie, Kultur und Politik zu einem einheitlichen und historisch neuen Typus

Weil er nun aber in der Tradition von Max Webers Zivilisationskritik und der Geschichtsphilosophie von Horkheimer und Adorno in der wissenschaftlich-technischen Rationalisierung den dominanten Grundzug der Moderne sah, setzte er im ‚Eindimensionalen Menschen‘ seine ganze, wenn auch schwache Hoffnung auf das Projekt einer neuen Technik und Wissenschaft. [ebd., 96]

Die Habermas‘sche Kritik an Marcuse setzt auf zweierlei Weise an: zum einen durch die Feststellung von undifferenzierter Begrifflichkeit, zum anderen durch die Verweigerung des utopischen Auswegs einer neuen Technik. Die Differenz zu Marcuse äußert sich bereits durch die breitere historische Perspektive der Habermas’schen Analytik, die zur Erklärung für die Entstehung der modernen kapitalistischen Gesellschaften eingenommen wird:

Die kapitalistische Moderne ist dann auf den Weg gekommen, wenn die ‚Subsysteme zweckrationalen Handelns‘ von kulturell definierten Produktionszwecken unabhängig geworden sind und die neuentstandene Gesellschaftsordnung nur noch mit einer höchst irdischen, unpolitischen, - nämlich einer ökonomischen Verwertungsrationalität legitimiert werden kann. [ebd., 99]

Im Vergleich mit Marcuse erfolgt bei Habermas eine Erweiterung des Analyserasters um den Bereich des Ökonomischen, um so die Ursachen und Folgen technologischer Rationalität besser verstehen zu können. Seine Analytik priorisiert das asymmetrische Verhältnis zwischen dem ökonomisch, nach Zweckrationalität funktionierenden Subsystem und den anderen gesellschaftlichen Subsystemen, das sich durch die relative Verselbstständigung des ökonomischen Subsystems im Laufe der Geschichte eingestellt hat. Habermas verfolgt demnach ein erkenntnistheoretisches Ziel zur

Gewinnung eines kritischen Maßstabs für die spezifischen Krisen und Entfremdungsphänomene, die entstehen, wenn die ‚Subsysteme zweckrationalen Handelns‘ sich auf Kosten der ‚soziokulturellen Lebenswelt‘ ausbreiten, wenn immer mehr gesellschaftliche Teilbereiche – und nun erkennen wir Marcuse technokratische Argumentation wieder – den Imperativen einer technischen Rationalität unterworfen werden [ebd., 98].

Bereits 1954 legt Habermas mit seinem Aufsatz Die Dialektik der Rationalisierung. Vom Pauperismus in Produktion und Konsum [HABERMAS, 1954] eine Analyse zur Widersprüchlichkeit der gesellschaftlichen Rationalitätsstrukturen vor, die zwar in Teilen auf Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie‘ vorgreift, sich aber noch zwischen einem „durch Heidegger inspirierten Kulturkonservatismus, der die ‚Seinsvergessenheit der Moderne beklagt, und linker Kapitalismuskritik“ [ISER / STRECKER, 2010, 26] bewegt. Doch bereits darin geht es Habermas um gesellschaftliche Entfremdungserscheinungen, zu denen vor allem ein Verlust des subjektiven Erfahrungsvermögens gehört, die er am Beispiel des Arbeiters „in der Produktion des industriellen Großbetriebs“ [HABERMAS, 1954, 704] expliziert; Habermas greift den Marx‘schen Begriff des Pauperismus auf, um letzteren durch Einbeziehung subjektiver gesellschaftlich-kultureller

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Verelendungsgehalte, die sich am, durch die kapitalistische Arbeitsorganisation zugerichteten Subjekt zeigen, zu aktualisieren:

Der Arbeiter, dessen Initiative, Verantwortungsfreude und universales Reaktionsvermögen durch langsame Gewöhnung gelähmt wurden, dieser Arbeiter soll, vom Arbeitsrhytmus befreit, von sich aus im spontanen Umgang mit den Dingen die Kontakte wiederherstellen, Wahrnehmungen machen und Erfahrungen sammeln? Und das, obwohl er von alledem acht Stunden täglich mit der Präzision des Automaten entwöhnt und entfremdet wird? [ebd., 720}

[Das] menschliche Volumen wird zwar zunehmend freier für den Einsatz in den ‚zusätzlichen‘ Fakultäten des Daseins. Jenes Volumen ist aber unter den entfremdenden Arbeitsbedingungen soweit deformiert, daß die ‚freigesetzten Kräfte‘, die in das Vakuum der entlasteten Bezirke einströmen, aus sich keine neuen Bewährungssituationen erzeugen können. [ebd.]

Die technische Entwicklung wird von der Dynamik der Perfektion getrieben, sie hat den Charakter einer ziellosen Expansion, die zugleich vom kontakthaltigen, anschaulich kontrollierbaren Umgang mit den Dingen entfernt, also ‚Welt‘ verstellt. Nicht nur der Arbeiter vor der Maschine und der Konsument vor ihren Erzeugnissen erfährt, daß die Substanzen gleichsam flüssig werden, überall dort wo sie als Bestand verwaltet und im hastigen Hinblick auf irgendwelche Bestellungen übersehen werden. [ebd., 722]

Bereits hier lässt sich das gesellschaftskritische Motiv der Verkehrung erkennen, das auf die irrationalen gesellschaftlichen Zustände verweist. In Technik und Wissenschaft als ‚Ideologie‘ wird jenes Motiv erneut aufgegriffen und ausgearbeitet; der metaphorische Gehalt der Verkehrungstopik bekommt im „Ideologie“- Aufsatz eine differenziertere Form: die gesellschaftlichen Lebensverhältnisse scheinen nunmehr verkehrt, weil sich die gesellschaftlichen Subsysteme, die im Modus der Zweckrationalität operieren, auf Kosten der Eigenständigkeit anderer gesellschaftlicher Subsysteme verselbständigt haben und letztere in dominanter Weise bestimmen.

Habermas beginnt seine Kritik durch eine Bestimmung des Begriffs der Rationalisierung, den er als Prozess der „Ausdehnung der gesellschaftlichen Bereiche [versteht], die Maßstäben rationaler Entscheidung unterworfen werden“ [HABERMAS, 1969, 48]; der Rationalisierungsprozess geht mit der Industrialisierung der Arbeit sowie dem Eindringen der instrumentalen ratio in andere Bereiche der Gesellschaft einher. Das Fortschreiten gesellschaftlicher Rationalisierung vollzieht sich hier in Abhängigkeit von der „Institutionalisierung des wissenschaftlichen und des technischen Fortschritts“ [ebd.]; parallel wirkt Rationalisierung transformierend in bezug auf die Institutionen und „alten Legitimationen“ [ebd.].

Für Marcuse bedeutet Rationalisierung die Verwirklichung einer bestimmten Form von Rationalität, mit der sich eine „bestimmte Form uneingestandener Herrschaft durchsetzt“ [ebd., 49]; sie geht einher mit einer Beschränkung des Anwendungsbereiches von Rationalität auf einen vorgängigen Bestand wissenschaftlich- technischer Entscheidungsdispositionen, die an sich nicht mehr reflektiert werden und damit dem „gesamtgesellschaftlichen Interessenzusammenhang“ [ebd.] entzogen sind. Deshalb kann Marcuse jene Gleichsetzung von Rationalisierung mit der Institutionalisierung einer bestimmten Herrschaftsform vornehmen. Der „technische[n] Vernunft“ [ebd.] ist eine politische Vernunft inhärent, die sich nicht zu erkennen gibt; Technik demnach nicht neutral, sondern Agent und Träger bestimmter „Zwecke und Interessen der Herrschaft“ [ebd., 50]. Die politische Herrschaft durchläuft einen Gestaltwechsel und verliert dabei ihren ursprünglich personalen und „ausbeuterisch-unterdrückenden“ [ebd.] Charakter. Der Erhalt und Fortschritt des gesellschaftlichen Systems sowie die daraus resultierenden individuellen Vorteile für die Bevölkerung dienen als neue Legitimationsgrundlage von Herrschaft. Marcuse spricht in bezug auf die

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modernen demokratischen Gesellschaften deshalb von Herrschaft, weil er keine objektive Notwendigkeit mehr in den, darin auf sich zu nehmenden Lasten der Bevölkerung sieht, was jenen gesellschaftlichen Organisationszusammenhang für ihn irrational werden lässt. Ferner wird eine logische Disparität konstatiert: Das „Potential der entfalteten Produktivkräfte“ [ebd.] geht, durch die Beschneidung des gesellschaftlichen Rationalitätsvermögens, nicht als normativer Maßstab in der Bewertung der Produktionsverhältnisse ein, um das eine anhand des anderen messen und kritisieren zu können. Zu kritisieren ist hingegen an Marcuse, dass er seine Behauptung von der Möglichkeit einer anderen Gesellschaft nicht belegt, auch vollzieht sich bei ihm keine eingehende Prüfung genannter Repressionen in ihrem funktionalen Gehalt für das Funktionieren von Gesellschaft. Ferner operiert Marcuses Kritik ebenso mit einer politischen Vernunft und geht dabei über spekulative Annahmen nicht hinaus.

Habermas fragt, Marcuses Analytik damit auf einer tieferen Ebene fundierend und deren Schlussfolgerungen gleichzeitig relativierend, nach dem „Apriori“ [ebd., 52] der wissenschaftlich-technischen Rationalität und schließt hinsichtlich letzterer auf etwas „historisch entstandenes und also vergängliches“ [ebd.]. Jene „Unfreiheit erscheint weder als irrational noch als politisch, sondern vielmehr als Unterwerfung unter den technischen Apparat, der die Bequemlichkeiten des Lebens erweitert und die Arbeitsproduktivität erhöht“ [ebd., 53]; die technologische Rationalität ist in den Gesellschaftszusammenhang integriert und erfüllt auf diese Weise eine herrschaftsstabilisierende Funktion. Das politische Substrat, mit dem sich die technische Vernunft verwirklicht, ist der Ausgangspunkt für Marcuses Analytik und Theorie der spätkapitalistischen Gesellschaft.

Die spezifische Organisationsform der Gesellschaft organisiert das Leben des Subjekts vollumfänglich, so Marcuse: „im materialen Apriori von Wissenschaft und Technik [ist] ein durch Klasseninteresse und geschichtliche Situation bestimmter Weltenentwurf“ [ebd., 54] enthalten. In Marcuses Entwurf zeichnen sich mystische und messianische Motive ab, es geht Marcuse um eine Befreiung oder Wiederbelebung der gefallenen Natur und damit einhergehend um die Beförderung einer neuen Naturerfahrung, in dessen Rahmen Natur nicht länger dem „Funktionskreis instrumentalen Handelns“ [ebd., 55] unterworfen wäre. Marcuses Denken befindet sich in einer gewissen Nähe zu Heidegger, wenn von einer „Hege und Pflege“ [ebd.] statt einer Naturbeherrschung gesprochen wird.

Bei Marcuse vollzieht sich eine Relativierung des Revolutionierungsbegriffs: es wird lediglich die Veränderung der institutionellen Rahmung angestrebt, ausgehend von einer Neutralität der Produktivkräfte. Marcuses Kritik zielt auf eine Beibehaltung der „Struktur des wissenschaftlich-technischen Fortschritts“ [ebd.] bei Änderung der Zielauswahl und der handlungsleitenden Werte: „das Neue wäre die Richtung dieses Fortschritts, aber der Maßstab der Rationalität selber bliebe unverändert“ [ebd.]. Jene Erneuerung des klassischen Verhältnisses von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen ist für Habermas methodisch defizient, lässt sich damit nicht die „Zwiespältigkeit dieser Rationalität“ [ebd., 59] einfangen, die sich aus dem Verhältnis von wissenschaftlich-technischer, die institutionellen Grenzen sprengender Eigendynamik der Produktivkräfte sowie des daran gekoppelten, weil inhärenten „Maßstab[s] zur Legitimation der einschränkenden Produktionsverhältnisse“ [ebd.] ergibt. Habermas konkludiert, dass Marcuses Modell des „Sündenfalls“ [ebd.] und der „Unschuld des wissenschaftlich-technischen Fortschritts“ unzureichend und widersprüchlich ist, reduziert er damit die Technikauswirkungen auf ihre politische Handhabung und geht im gleichen Atemzug von einer grundsätzlichen Indifferenz der Technik gegenüber des Politischen aus

In Habermas‘ Kritik aktualisiert sich Marcuses Problemstellung, die in erster Linie als das Problem der präzisen kategorialen Bestimmung der Erweiterung der rational formierten Wissenschaft und Technik „zur Lebensform, zur ‚geschichtlichen Totalität‘ einer Lebenswelt“ [ebd., 59 f.] neugefasst wird. Dazu macht Habermas sich an eine Reformulierung des Weberschen Rationalitätsbegriffs, aber „in einem anderen

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Bezugssystem“ [ebd., 60], „um auf dieser Grundlage Marcuses Kritik an Weber ebenso wie seine These von der Doppelfunktion des wissenschaftlich-technischen Fortschritts (als Produktivkraft und Ideologie) zu erörtern“ [ebd.].

Habermas versteht unter Rationalisierung eine begriffliche Strategie Webers zur Kenntlichmachung der Resonanzen zwischen wissenschaftlich-technischem Fortschritt und dem institutionellen Rahmen von sich modernisierenden Gesellschaften. Der Rationalisierungsprozess ist das grundlegende Motiv „der älteren Soziologie überhaupt“ [ebd.]: „nämlich begrifflich den institutionellen Wandel zu konstruieren, der durch die Erweiterung des Sub-Systeme zweckrationalen Handelns erzwungen wird“ [ebd.]. Der Soziologe Parson beansprucht, einen Satz an „Entscheidungen zwischen alternativen Wertorientierungen“ vorzulegen, „die bei jeder beliebigen Handlung vom Subjekt gefällt werden müssen“ [ebd., 61], unabhängig von ihrer kulturellen oder historischen Kontextualisierung.

Habermas fasst den Weberschen Begriff der Rationalisierung neu und transzendiert dazu das kategoriale Gefüge Parsons durch die methodische Setzung einer fundamentalen Differenz zwischen Arbeit und Interaktion. Arbeit wird von Habermas als zweckrationales Handeln (im Sinne von instrumentalen Handeln oder einer rationalen Wahl) definiert, das sich nach technischen Regeln richtet, die aus empirischem Wissen gewonnen werden und bedingte Prognosegehalte hinsichtlich physisch wie auch sozialen beobachtbaren Ereignissen ermöglichen, deren Wahrheitsgehalt zutreffend oder nicht zutreffend sein kann. Jenes Handeln, das heißt „Verhalten rationaler Wahl“ [ebd., 62], geht einher mit „Strategien, die auf analytischem Wissen beruhen“ [ebd.], die sich deduktiv von Wertesystemen ableiten und die Form wahrer oder falscher Sätze annehmen:

Zweckrationales Handeln verwirklicht [demnach] definierte Ziele unter gegebenen Bedingungen; [

strategische Handeln [hängt] nur von einer korrekten Bewertung möglicher Verhaltensalternativen ab, die sich allein aus einer Deduktion unter Zuhilfenahme von Werten und Maximen ergibt [ebd.].

[das]

]

Unter kommunikativem Handeln will Habermas hingegen eine „symbolisch vermittelte Interaktion“ [ebd., 62] verstanden wissen, die sich nach „obligatorisch geltenden Normen [richtet], die reziproke Verhaltenserwartungen definieren und von mindestens zwei handelnden Subjekten verstanden und anerkannt werden müssen“ [ebd.]. Technische Regeln bzw. Strategien und gesellschaftliche Normen unterscheiden sich in ihrem Geltungsbezug: erstere gelten durch die Richtigkeit empirischer oder analytischer Sätze, während letztere in einem intersubjektiven Verständigungsprozess über Intentionen begründet und durch als allgemein anerkannte Verbindlichkeiten/Verpflichtungen gesichert werden. Ein Regelverstoß besitzt unterschiedliche Folgen: zum einen den Mißerfolg im Sinne eines „Scheitern[s] an der Realität“ [ebd., 63] bei Verhaltensinkompetenz, zum anderen Sanktionen bei Verhaltensabweichung, die lediglich lose und auf Konventionen beruhend mit den Regeln verbunden sind. Das Subjekt findet sich ausgestattet mit der „Disziplin von Fertigkeiten“ durch erlernte „Regeln zweckrationalen Handelns“ [ebd.]; die Konstitution subjektiver „Persönlichkeitsstrukturen“ erfolgt durch die Verinnerlichung von Normen. Daraus resultieren an Fertigkeiten gebundene Problemlösungskompetenzen; die Einübung von „Normenkonformität“ [ebd.] erfolgt wiederrum durch Motivationen. Die institutionelle Zusammensetzung der Gesellschaft gründet demnach in „Normen, die sprachlich vermittelte Interaktionen leiten“ [ebd.].

Habermas grenzt den „institutionellen Rahmen einer Gesellschaft oder der soziokulturellen Lebenswelt“ [ebd., 65] analytisch von den „Sub-Systemen zweckrationalen Handelns [ab], die darin ‚eingebettet‘ sind“ [ebd.]. Menschliche Handlungen unterliegen einer potenziell doppelten Determinierung: „Soweit Handlungen durch den institutionellen Rahmen determiniert sind, werden sie durch sanktionierte und wechselseitig verschränkte Verhaltenserwartungen zugleich dirigiert und erzwungen.“ [ebd.]. Aber nur eine Institutionalisierung garantiert die hinlängliche Folgewahrscheinlichkeit von Handlungen aus „technischen Regel und erwarteten Strategien“ [ebd.].

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Habermas grenzt die traditionale Gesellschaft von den „primitiveren Gesellschaftsformen“ [ebd.] ab, um anhand dieses Unterschieds die gesellschaftlichen Veränderungen herauszuarbeiten, die sich im Übergang zur Moderne vollzogen haben. Traditionale Vergesellschaftung vollzieht sich nach den „Kriterien von Hochkulturen“ [ebd.], die eine zentralisierte Herrschaftsgewalt, eine „Spaltung der Gesellschaft in sozioökonomische Klassen“ [ebd.] und durch ein herrschaftslegitimierendes Weltbild zur Ermöglichung einer mehrwertproduzierenden „arbeitsteiligen Organisation des gesellschaftlichen Produktionsprozesses“ [ebd., 66] umfassen, welches eine „ungleich[e] und doch legitim[e]“ [ebd.], sich vom Verwandtschaftssystem abgrenzende Verteilung von Reichtum und Arbeit ermöglicht, jedoch: technische Innovationen in Hochkulturen nur innerhalb eines bestimmten Rahmens toleriert. In der traditionalen Gesellschaftsform herrscht das Primat der institutionellen Rahmung, durch den eine kritische Zersetzung der „traditionalen Form der Legitimation“ [ebd., 67] abgewehrt wird: „‘Traditionale‘ Gesellschaften existieren solange, als sich die Entwicklung des Sub-Systeme zweckrationalen Handelns innerhalb der Grenzen der legitimierenden Wirksamkeit von kulturellen Überlieferungen hält.“ [ebd.]. Mit der Etablierung des Kapitalismus wird die „Neuerung als solche“ [ebd., 68] institutionalisiert, was eine kontinuierliche technologische Entwicklung ermöglicht, gleichzeitig aber stetige gesellschaftliche Umwälzungen nach sich zieht; jene Institutionalisierung von Fortschritt garantiert zwar eine „permanente Erweiterung der Sub-Systeme zweckrationalen Handelns“ [ebd.], doch führt parallel zu einer latenten Instabilität des institutionellen Rahmens durch die Installation und Institutionalisierung von selbstgeregeltem wirtschaftlichem Wachstum [vgl. ebd.]. Neu ist hier jene Permanenz der „Ausdehnung der Sub-Systeme zweckrationalen Handelns“ [ebd.] und die damit einhergehende Infragestellung der Legitimationsform von Herrschaft durch kosmologische Weltinterpretationen“ [ebd.]; die Logik letzterer „bemißt sich an der Grammatik einer entstellten Kommunikation und an der schicksalhaften Kausalität abgespaltener Symbole und unterdrückter Motive“ [ebd., 69]. Der Übergang zur Moderne ist gekennzeichnet durch eine Konfrontation der „Rationalität von Sprachspielen“ [ebd.] mit einer Zweck-Mittel-Rationalität als „Ende der traditionalen Gesellschaft“ [ebd.]. Der „Gerechtigkeit der Äquivalenz von Tauschbeziehungen“ [ebd.] versprechende Warentausch zwischen privaten Eigentümern ist dem kapitalistischen Produktionsregime elementar, wodurch Herrschaft in der „gesellschaftlichen Arbeit“ [ebd.] fundiert wird, statt aus einer transzendenten Sphäre abgeleitet zu werden, die sich mit dem Material kultureller Überlieferung füllt. Das ehemals politische traditionale Herrschaftsverhältnis wird in eine „Eigentumsordnung“ [ebd., 70] bzw. ein „Produktionsverhältnis“ [ebd.] überführt, welches sich „an der Rationalität des Marktes“ [ebd.] legitimiert; dadurch wird gesellschaftliche Arbeit mit der Legitimation der institutionellen Rahmung durch das kapitalistische Produktionsregime verknüpft. Herrschaft wird ökonomisiert: und zwar durch die „Einrichtung eines ökonomischen Mechanismus, der die Erweiterung der Sub-Systeme zweckrationalen Handelns auf Dauer stellt“ [ebd.] sowie durch „Schaffung einer ökonomischen Legitimation, unter der das Herrschaftssystem an die neuen Rationalitätsforderungen dieser fortschreitenden Sub-Systeme angepaßt werden kann“ [ebd.]. Mit Weber gesprochen erfolgt eine Rationalisierung von unten als dauerhafter Anpassungsdruck in Folge der „Institutionalisierung eines territorialen Tauschverkehrs für Güter und Arbeitskräfte auf der einen, des kapitalistischen Unternehmens auf der anderen Seite“ [ebd., 71]; „kumulativer Fortschritt der Produktivkräfte“ geht einher mit einer „horizontale[n] Ausdehnung der Sub- Systeme zweckrationalen Handelns“ [ebd.]. Die traditionalen Zusammenhänge werden durch die Bedingungen instrumentaler oder strategischer Rationalität zersetzt; es formiert sich eine „Infrastruktur einer Gesellschaft unter Modernisierungszwang“ [ebd.]. Das Subjekt wird darin eingeübt, in seinem Handeln zwischen Interaktionszusammenhang und Zweckratio changieren zu können.

Jener äquivalente Rationalisierungszwang von oben setzt sich in Form einer Säkularisierung der Herrschaftslegitimation und Handlungsorientierung durch; er ist verbunden mit einem Verlust an Geltungsmacht der „traditionellen Weltbilder“ [ebd., 72], einer Transformation in „subjektive

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Glaubensmächte und Ethiken“ [ebd.] zur Sicherung der „private[n] Verbindlichkeit der modernen Wertorientierungen“ [ebd.] und der Modifizierung zu Konstruktionen, die den Bestand der Überlieferung zu kritisieren und nach Maßgabe des „formalen Rechtsverkehrs und des Äquivalenztausches“ [ebd.] auf Basis des Naturrechts zu reorganisieren vermögen. Durch jenen Prozess werden die Bedingungen für die Entstehung von Ideologien geschaffen: durch Ersetzung der traditionellen Legitimation von Herrschaft mittels Anbindung an die moderne Wissenschaft und durch Rechtfertigung aus Ideologiekritik. „Ideologien sind gleichursprünglich mit Ideologiekritik.“ [ebd.].

Habermas konstatiert zwei Entwicklungstendenzen seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert: zum einen das „Anwachsen der interventionistischen Staatstätigkeit“ [ebd., 74] zur Systemsicherung, zum anderen die „wachsende Interdependenz von Forschung und Technik, die die Wissenschaft zur ersten Produktivkraft gemacht hat“ [ebd.]; jene Tendenzen verwirklichten sich in Form einer Desintegration von institutioneller Rahmung und Sub-Systemen zweckrationalen Handelns eines einst liberalen Kapitalismus. Letzterer erfuhr mit Ende des 19. Jahrhunderts eine Repolitisierung seines institutionellen Gefüges, indem das Wirtschaftssystem und Herrschaftssystem zusammengeschlossen wurden:

„Die Dauerregulierung des Wirtschaftsprozesses durch staatliche Intervention ist aus der Abwehr systemgefährdender Dysfunktionalitäten eines sich selbst überlassenen Kapitalismus hervorgegangen, dessen tatsächliche Entwicklung seiner eigenen Idee einer bürgerlichen Gesellschaft, die sich von Herrschaft emanzipiert und Macht neutralisiert, so offensichtlich zuwiderlief.“ [ebd., 75]

Für die Kritik am Herrschaftssystem hatte jener Prozess gravierende Folgen, lässt sich das Herrschaftssystem nun nicht mehr unmittelbar an den Produktionsverhältnissen kritisieren. Der so transformierte kapitalistische Staat stellte eine „Ersatzprogrammatik“ [ebd., 76] auf, die an einer „die Dysfunktionen des freien Tauschverkehrs kompensierenden Staatstätigkeit orientiert ist“ [ebd.], und dabei gesellschaftsintegrativ wirkt, indem bürgerliche Leistungsideologie und Wohlfahrtssicherheit verknüpft werden. Jener neue staatliche Kapitalismus verpflichtet sich auf den Erhalt der Stabilitätsbedingungen „eines soziale Sicherheit und Chancen persönlichen Aufstiegs gewährenden Gesamtsystems“ [ebd., 77] und auf die Vorbeugung von Wachstumsrisiken durch eine Neuverhandlung des Verhältnisses zwischen Privatrechtsinstitutionen und staatlicher Interventionstätigkeit zum Zwecke der Sicherung von Kapitalverwertung und der „Loyalität der Massen an diese Form“ [ebd.] der privaten Kapitalverwertung. Jene Form von Staat betreibt eine negative Politik, die einer Neuabmessung ihres Gegenstandsbereiches gleichkommt: jene negative Politik orientiert sich „nicht an der Verwirklichung praktischer Ziele, sondern an der Lösung technischer Fragen“ [ebd.]; es geht um „präventive Handlungsorientierungen auf administrativ lösbare technische Aufgaben“ [ebd., 78], die nunmehr zum Aufgabenbereich des Staates gehören. Im gleichen Atemzug büßt die politische Öffentlichkeit ihre Problematisierungsfunktion soweit ein, dass lediglich die „Randbedingungen des Systems“ [ebd.] problematisiert werden können. Eine Frage bleibt unbeantwortet: „[Wie] wird die Entpolitisierung der Massen diesen selber plausibel gemacht?“ [ebd., 79]; mit Marcuse gedacht geschieht dies möglicherweise durch eine ideologische Funktionalisierung von Wissenschaft und Technik.

Mit der Verwissenschaftlichung der Technik seit Ende des 19. Jahrhunderts benennt Habermas die zweite spätkapitalistische Entwicklungstendenz, die sich in einer Integration von „Wissenschaft, Technik und Verwertung“ [ebd.] zu einem System realisiert; jene Bereiche sind gekoppelt an eine staatliche Auftragsforschung und die Förderung des „wissenschaftlichen und technischen Fortschritt[s] auf militärischem Gebiet“ [ebd.]. Der wissenschaftlich-technische Fortschritt wird als „[unabhängige] Mehrwertquelle“ [ebd., 80] entdeckt, so dass die „Arbeitskraft der unmittelbaren Produzenten“ [ebd.] an Bedeutung verliert; der „Dualismus von Arbeit und Interaktion“ [ebd.] bricht auf bzw. tritt im Bewusstsein der Menschen seit der spätkapitalistischen Transformation des „Produktivkräftepotenzial[s]“ [ebd.] und der

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„Institutionalisierung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts“ [ebd.] zurück. Kritisch sieht Habermas das Zusammenfallen gesellschaftlicher und systemerhaltender Interessen, wird dadurch verhindert, dass das

System sich als solches selbst thematisch wird und problematisiert: „Die private Form der Kapitalverwertung und ein loyalitätssichernder Verteilerschlüssel für soziale Entschädigungen bleiben als solche der Diskussion entzogen.“ [ebd.]. Der Fortgang des gesellschaftlichen Systems scheint lediglich durch die „Logik des wissenschaftlich-technischen Fortschritts“ [ebd., 81] bestimmt zu sein, so Habermas kritische Einschätzung. Er sieht in der Installation dieses Scheins eine Gefahr, ermöglicht letztere einen Legitimationsstandpunkt, mit dem sich der Funktionsverlust hinsichtlich praktischer Fragen im Rahmen einer demokratischen Willensbildung in modernen Gesellschaften erklären und dessen Ersetzung durch „plebiszitäre Entscheidungen über alternative Führungsgarnituren des Verwaltungspersonals“ [ebd.] legitimieren lässt. Die Leistung jener Ideologie besteht in einer Transformation des gesellschaftlichen Selbstverständnisses

durch die Ersetzung des „Bezugsystem[s] des kommunikativen Handelns und [

vermittelter Interaktion“ [ebd.] durch ein „wissenschaftliches Modell“ [ebd.] von Herrschaft; eine „Selbstverdinglichung des Menschen unter Kategorien zweckrationalen Handelns und adaptiven Verhaltens“ [ebd., 82], was zu einer Veränderung des „kulturell bestimmten Selbstverständnisses einer sozialen Lebenswelt“ [ebd., 81] führt, ist die Konsequenz davon. Gerade durch die Integration des institutionellen Rahmens der Gesellschaft in die Sub-Systeme zweckrationalen Handelns, die einst in jenen „eingebettet waren“ [ebd., 83] kommt es zu einer Absorption des kommunikativen Handelns durch den „Funktionskreis zweckrationalen Handelns“ [ebd., 82]; mit Gehlens anthropologischen Logik der technischen Entwicklung lässt sich hier von Technokratie als der „[letzten] Stufe dieser Entwicklung“ [ebd.] sprechen. Habermas erkennt infolge darin eine massive Veränderung des gesellschaftlichen Systems: „Die manifeste Herrschaft des autorativen Staates weicht den manipulativen Zwängen der technisch-operativen Verwaltung.“ [ebd., 83], was nur zu einer Ablösung der moralischen Durchsetzung einer sanktionierten Ordnung durch „konditionierte Verhaltensweisen“ [ebd.] führt. Die Organisationen werden damit unter die „Struktur zweckrationalen Handelns“ [ebd.] gestellt. Da die spätkapitalistische Gesellschaft „eher durch externe Reize als durch Normen [geleitete] Verhaltenskontrolle“ [ebd.] gesteuert wird, lässt sich mit Habermas zurecht von einer „Entstrukturierung des Über-Ich“ [ebd.] als sozialpsychologisch-historisches Charakteristikum sprechen.

den Begriffen symbolisch

]

Im Unterschied zu traditionsmarxistischen Ansätzen konstatiert Habermas den Verlust zweier wichtiger Kategorien der Marxschen Theorie infolge der genannten gesellschaftlichen Transformation: gemeint sind „Klassenkampf und Ideologie“ [ebd., 84]. Obwohl der Klassenantagonismus passiv fortlebt, ist sein aktives Konfliktpotenzial aufgrund der staatlichen Regelung des Kapitalismus eingefroren. Eben jene „Konfliktvermeidungspolitik“ [ebd.], die als Entschädigungs- und Loyalitätspolitik fungiert, hält für Habermas den Fundamentalkonflikt latent. Letzterer wird nicht mehr thematisch, Kritikpotenziale verlagern sich hin zu sekundären oder derivierten Konflikten: „Konfliktträchtig sind die an der Peripherie des staatlichen Aktionsbereiches liegenden Bedürfnisse, weil sie von dem latent gehaltenen Zentralkonflikt entfernt sind und daher keine Priorität bei der Gefahrenabwehr genießen.“ [ebd., 85]. Ferner sind die spätkapitalistischen Widersprüche nicht mehr durch die Begriffe von Antagonismus und Konflikt von Klassen analytisch einzurahmen, wobei diese dennoch „Resultate des nach wie vor dominanten Prozesses privatwirtschaftlicher Kapitalverwertung und eines spezifisch kapitalistischen Herrschaftsverhältnisses“ [ebd.] sind und residual weiterbestehen. Der Klassenunterschied besteht für Habermas „in Form subkultureller Überlieferungen und entsprechender Differenzen nicht nur des Lebensniveaus und der Lebensgewohnheiten, sondern auch der politischen Einstellung“ [ebd., 86] fort; dazu gehört eine Verankerung als „Privilegienstruktur“ [ebd.]. Im Interesse des Staates folgt die Installation und systemische Integration eines, die Klassengrenzen transzendierendes Interesse an der „Aufrechterhaltung der kompensatorischen Verteilerfassade“ [ebd.]. „Unterprivilegierungen“ [ebd., 87] formieren sich zu

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Brandherden von Konflikten, deren Intensität die Grenzen der formalen Demokratie transzendiert, doch das System dennoch nicht „umwälzen“ [ebd.] kann: „Einem solchen Bürgerkrieg fehlen jedoch die revolutionären Erfolgschancen des Klassenkampfes, solange keine Koalitionen mit privilegierten Gruppen zustande kommt.“ [ebd.]. Die Vermittlung des Klassengegensatzes „zwischen Partnern, die in einem institutionalisierten Verhältnis der Gewalt, der ökonomischen Ausbeutung und der politischen Unterdrückung stehen“ [ebd., 88] reicht so weit, dass „die Kommunikation so weit entstellt und beschränkt ist, daß die ideologisch verdeckenden Legitimationen nicht in Frage gestellt werden können“ [ebd.]. Es ist für Habermas, als verharre die Geschichte einem ewigen Jetzt, fallen die Steigerung des Produktivitätsniveaus und Emanzipationshoffnungen auseinander. Habermas bilanziert, dass der „der in Regie genommene wissenschaftlich-technische Fortschritt selber zur Legitimationsgrundlage geworden“ [ebd.] ist und die Form ideologischer Gehalte transformiert wurde: vorherrschend ist nun mehr eine „gläserne Hintergrundideologie“ [ebd.], die das „emanzipatorische Gattungsinteresse als solches trifft“ [ebd., 89]. Habermas‘ Diagnose läuft darauf hinaus, dass „Wunscherfüllung und Ersatzbefriedigung“ [ebd.] im Rahmen der, wenigstens der Idee nach gerechten und herrschaftsfreien bürgerlichen Ideologie mittels einer erzwungenen Verengung der Kommunikation, durch die das „mit dem Kapitalverhältnis einst institutionalisierte Gewaltverhältnis“ [ebd.] maskiert werden konnte. Jenes „[technokratische] Bewußtsein“ [ebd.] mobilisiert nicht nur ideologische Gehalte, wie „Projektionen des ‚guten Lebens‘“ [ebd.] zur vermeintlichen Versöhnung mit der „schlechten Wirklichkeit“ [ebd.], vielmehr definieren strukturelle Bedingungen die Aufgaben der Systemerhaltung, die primärer Gegenstand der technokratischen Sorge ist:

„privatwirtschaftliche Form der Kapitalverwertung und eine die Massenloyalität sichernde politische Form der Verteilung sozialer Entschädigungen“ [ebd., 90]. Unterdrückung und Ausbeutung vollziehen sich jetzt mediatisiert im Rahmen des „loyalitätsverbürgenden politischen Verteilermodus“ [ebd.] zur Sicherung von Massenloyalität im Austausch mit „Entschädigungen für privatisierte [Bedürfnissen]“ [ebd.]. Die maßgebliche Differenz zur alten Ideologie besteht in einer Entpolitisierung der Rechtfertigungskriterien, die von der „Organisation des Zusammenlebens“ [ebd.] losgelöst sind und gleichzeitig an die „Funktionen eines unterstellten Systems zweckrationalen Handelns“ [ebd.] angebunden werden. Es lässt sich mit Habermas und Dubiel zusammenfassend folgendes festhalten:

Die Entpolitisierung der Masse der Bevölkerung, die durch ein technokratisches Bewußtsein legitimiert wird, ist zugleich eine Selbstobjektivation der Menschen in Kategorien gleichermaßen des zweckrationalen Handelns wie des adaptiven Verhaltens: die verdinglichten Modelle der Wissenschaften wandern in die soziokulturelle Lebenswelt ein und gewinnen über das Selbstverständnis objektive Gewalt. Der ideologische Kern dieses Bewußtseins ist die Eliminierung des Unterschieds von Praxis und Technik – eine Spiegelung, aber nicht der Begriff, der neuen Konstellation zwischen dem entmachteten institutionellen Rahmen und den verselbstständigten Systemen zweckrationalen Handelns. [ebd., 91]

Der Kern der Ideologie des Spätkapitalismus bildet nicht mehr die Selbstregulierungskraft des Marktes, sondern die Technokratie, das heißt eine von den politischen Eliten weit in die Bevölkerung hinaus abstrahierende Perspektive, in der alle Probleme des Lebenszusammenhangs sofort auf die Funktionsfähigkeit der großen Gesellschaftsmaschine bezogen werden. Im Rahmen dieser spätkapitalistischen Ideologie wird Politik zur Technik. Die Idee der Technokratie ist also eine Ideologie. [DUBIEL, 1988, 101]

Habermas formuliert auf Grundlage seiner Gesellschaftsanalytik weder ein revolutionäres Programm noch gibt er ein Kompendium theoretisch-praktischer Handlungsempfehlungen zu einer stückweisen Umwälzung der Verhältnisse; vielmehr schlussfolgert er angesichts der technokratischen Bedingung der Moderne mit philosophischer Weitsichtigkeit und entgegen des beschnittenen Denkens der Zweckrationalität, dass die Aufgabe der kritischen Reflexion nun mehr darin zu bestehen hat, „hinter ein historisch bestimmtes Klasseninteresse zurückgehen und den Interessenzusammenhang einer sich selbst konstituierenden Gattung als solchen [freizulegen]“ [HABERMAS, 1969, 91]. Die Fluchtpunkte jenes kritischen Unternehmens, das sich der sprachlichen Kommunikation zu bedienen trachtet, bestehen zum

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einen in der „Erhaltung einer Intersubjektivität der Verständigung“ [ebd.] sowie zum anderen in der „Herstellung einer von Herrschaft freien Kommunikation“ [ebd.]. Habermas liefert in seinem methodologischen Aufsatz demnach die notwendigen Präsuppositionen für einen gesellschaftlichen Reflexionsmodus, in dessen Rahmen ein Nachdenken über die menschlichen Gattungsinteressen überhaupt erst gelingen kann. Indem der Begriff der Kritik bei Habermas nicht einfach auf die unbestimmte Negation des Bestehenden zusammenschrumpft, sondern als eine reflexive und damit prozedurale Tätigkeit verstanden wird, deren Möglichkeit sowie Gelingen von der methodologischen Bestimmung einer ihr adäquaten Form abhängt, wird den Geisteswissenschaften und der Politik ein framework angeboten, in dessen Rahmen sich Kritik erst entfalten kann. Habermas glaubt dabei fest an den zwanglosen Zwang des besseren Arguments, falls ein Diskurs herrschaftsfrei verläuft, und deshalb ist es ihm in methodologischer, aber letztlich gesellschaftskritischer Absicht daran gelegen, die Bedingungen einer herrschaftsfreien Diskursivität zu bestimmen. Das aber ist keinesfalls nur als methodologische Vorbereitung für die eigentliche Arbeit der Gesellschaftskritik anzusehen, sondern als deren Ermöglichungsgrund bereits fundamentaler Teil jener Kritik. Habermas‘ Gedanke läuft im Wesentlichen auf eine Institutionalisierung der Kritik hinaus, die ihre Legitimation aus der ihr zugewiesenen Funktion als eines Korrektivs gegenüber den verkehrten Lebensverhältnissen bezieht. Gesellschaft soll sich also aus sich selbst heraus kritisieren können; damit soll sichergestellt werden, dass sich Gesellschaft zumindest daran orientieren kann, was sie zukünftig jedenfalls nicht (mehr) sein will. Auf diese Weise wäre ein vernünftiger Fortschritt möglich, da Gesellschaft durch die immanente, negierende Arbeit der Kritik in eine reflexive Prozedur eingelassen wird, die den Prozess einer kontinuierlichen Selbstbestimmung der Gesellschaft möglich macht. Indem die negierende Arbeit der Kritik all das von der Gesellschaft abträgt, was nicht mehr sein soll, wird jene immer bestimmter:

Gesellschaft differenziert sich aus als ein offenes System, das sich nach Maßgabe einer vernünftigen Reflexion im Modus einer herrschaftsfreien Diskursivität erhält bzw. verändert. So gesehen hätten wir es dann mit einer Gesellschaft zu tun, die aus ihren Fehlern lernt, und aufgrund ihrer auf sich selbst zurückgebogenen Reflexivität als vernünftig bezeichnet werden dürfte. Man sieht hieran gut, dass es Habermas um eine grundsätzliche Lösung des Problems gilt, während Marcuse im Partiellen und Nicht-zu-Ende-gedachtem verbleibt.

Habermas‘ Reformulierung des kategorialen Gerüsts des historischen Materialismus, die obigem Ziel zu Gute kommen soll, gründet auf der Ersetzung des Verhältnisses von „Produktivkräften und Produktionsverhältnissen“ [ebd., 92] durch abstrakte Arbeit und Interaktion. Jene entwicklungslogischen Triebkräfte, die den Boden für die Kumulation der in den Sub-Systemen zweckrationalen Handelns stattfindenden Lernvorgängen bieten, „scheinen nicht, wie Marx angenommen hat, unter allen Umständen ein Potential der Befreiung zu sein und emanzipatorische Bewegungen auszulösen“ [ebd.], seitdem die Steigerung der Produktivkräfte eine Steigerung von Herrschaft und die Absicherung ihrer Legitimationsgrundlage bedeutet. Die Ausdifferenzierung von Arbeit und Interaktion erfolgte erst unter „hochkulturellen Bedingungen einer staatlich organisierten Klassengesellschaft“ [ebd., 93], so dass die „Sub- Systeme ein technisch verwertbares Wissen hervorbringen, das relativ unabhängig von den sozialen Weltinterpretationen gespeichert und erweitert werden konnte“ [ebd.]; gesellschaftliche Normen wurden so von den herrschaftslegitimierenden Überlieferungen abgeschnitten, so dass sich der kulturelle gegenüber dem institutionellen Bereich gewissermaßen verselbstständigen konnte. Die traditionellen Legitimationen werden auf diese Weise am Maßstab der Zweck-Mittel-Ratio kritisierbar, die wirkmäßige „Rekonstruktion der überlieferten Weltinterpretationen“ [ebd.] geschieht aber erst durch die Integration von Gehalten des technisch-wissenschaftlichen Bereichs in die Überlieferung.

Zweckrationales Handeln ist als „Form aktiver Anpassung, welche die kollektive Selbsterhaltung vergesellschafteter Subjekte von der Arterhaltung tierischer Spezies unterscheidet“ [ebd.] zu verstehen. Jenes Missverhältnis zwischen aktiver und passiver Anpassung offenbart sich jedoch nicht, „als die Dynamik der

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kapitalistischen Entwicklung von den bürgerlichen Ideologien verdeckt blieb“ [ebd., 94]. Die der Substanz nach revolutionäre Marx‘sche Kritik der bürgerlichen Ideologie zielte darauf, „auch jene sekundäre Anpassung des institutionellen Rahmens in eine aktive umzuwandeln und den strukturellen Wandel der Gesellschaft selber unter Kontrolle zu bringen“ [ebd., 95] und damit die Selbstkonstitution der menschlichen Gattung zu vollenden. Ein alternativer Entwurf vom Gattungsfortschritt zielt hingegen auf eine, der Naturbeherrschung ähnelnde Beherrschung der Gesellschaft, indem letztere „nach dem Muster selbstgeregelter Systeme zweckrationalen Handelns und adaptiven Verhaltens [zu] rekonstruieren“ [ebd., 96] gilt. Die technokratische Ideologie verhüllt für Habermas dabei, dass letzteres „nur um den Preis der Schließung der allein wesentlichen, weil der Humanisierung zugänglichen Dimension, als ein Zusammenhang umgangssprachlich vermittelter Interaktion aufgelöst werden könnte“ [ebd.]. Die Menschen „machten ihre Geschichte mit Willen, aber nicht mit Bewußtsein“ [ebd., 97], so Habermas‘ Fazit zum bisherigen Gang der Geschichte.

K OMMUNIKATION UND H ERRSCHAFT Eine „Rationalisierung auf der Ebene des institutionellen Rahmens kann sich nur im Medium der sprachlich vermittelten Interaktion selber, nämlich durch eine Entschränkung der Kommunikation vollziehen.“ [ebd., 98]. Für Habermas ist eine „öffentliche, uneingeschränkte und herrschaftsfreie Diskussion über die Angemessenheit und Wünschbarkeit von handlungsorientierenden Grundsätzen und Normen im Lichte der soziokulturellen Rückwirkungen von fortschreitenden Sub-Systemen zweckrationalen Handelns“, so jener über das Ideal einer aufgeklärten Kommunikation im Zuge der politischen Willensbildungsprozesse, „das einzige Medium, in dem so etwas wie ‚Rationalisierung‘ möglich ist.“ [ebd.]. Es ist jener verallgemeinerte Reflexionsprozess, der Legitimationswechsel selbstbestimmt, statt unbewusst erfolgen lässt, der Habermas zufolge gleichzeitig zu einer Verringerung des repressiven Charakters gesellschaftlicher Normen führen würde. Habermas‘ Idee einer Rationalisierung im Zuge sprachlich vermittelter Interaktion und einer Entschränkung von Kommunikation

führt nicht per se zu einem besseren Funktionieren gesellschaftlicher Systeme, aber sie würde die

Mitglieder der Gesellschaft mit Chancen einer weitergehenden Emanzipation und einer fortschreitenden Individuierung ausstatten. Die Steigerung der Produktivkräfte deckt sich nicht mit der Intention des ‚guten Lebens‘, sie kann dieser allenfalls dienen. [ebd., 99]

] [

Nicht ob wir ein verfügbares oder zu entwickelndes Potenzial ausschöpfen, sondern ob wir dasjenige wählen, das wir zum Zwecke der Befriedung und der Befriedigung der Existenz wollen können, ist die Frage. [ebd.]

Für Habermas ist das „System der durch Massenmedien verwalteten Öffentlichkeit“ [ebd., 100] der Ort, an dem Kritik in Form der „Entschleierung der Differenz zwischen Fortschritten in Systemen zweckrationalen Handelns und emanzipativen Veränderungen des institutionellen Rahmens“ [ebd.] wirksam werden kann; seine Idee hebt ab auf eine Institutionalisierung von Kritik in ihrer prozeduralen Funktionsweise in dieser „[neuen] Konfliktzone“ [ebd.].

Den Studierenden werde das „einzige Protestpotential zugeschrieben, das sich durch erkennbare Interessen auf die neue Konfliktzone richtet“ [ebd.]. Begründet werde das durch die Privilegierung, die den Studierenden in sozialökonomischer Hinsicht zukommt, so dass sich ihre Interessen in Unabhängigkeit von ihrer sozialen Lage konstituieren können und sich deshalb auch nicht durch „Zuwachs an sozialen Entschädigungen systemkonform befrieden ließen“ [ebd., 101]. Jene Privilegierung sei ursächlich für eine grundsätzliche Entfremdung gegenüber der „[sozialstaatlichen] Ersatzprogrammatik für zerfallene bürgerliche Ideologien“ [ebd.] und der damit einhergehenden „Status- und Leistungsorientierung“ [ebd.]. Habermas spricht in Folge der sozialen Herkunft der Studierenden von einer Immunität gegenüber dem „technokratischen Bewußtsein“ [ebd.], die verstärkt wird aufgrund der überdurchschnittlichen Leistungen der Studierenden, ihres an Individualität, statt an Familie ausgerichteten Lebensentwürfen und ihrer sozialen

Thomas Pawelek, 368732, BA-KulT-WTG-4, sechstes Fachsemester | große Leistung | Hausarbeit

HS: Technikwissen zwischen Universität, Staat, Wirtschaft und Gesellschaft | Prof. Dr. Hürlimann

Herkunft die „keinen Erwartungshorizont“ [ebd.] hinsichtlich der Beschaffung von Arbeit fördert, gleichzeitig aber eine Affinität für ein Studium in „sozialwissenschaftlichen und philologisch-historischen Fachbereichen“ befördert. Jener Protest der Studierenden richte sich also, bedingt durch ihr Elternhaus und ihre Sozialisation, gegen die „Kategorie der ‚Entschädigung‘ selber“ [ebd., 102]. Jene privilegierten Studierenden, das heißt jener überindividuelle Typus historisch und sozioökonomisch kontingenter Subjektivierung, der in den Studierenden wirke, erlaube es ihnen, ein „prinzipielles Unverständnis für die sinnlose Reproduktion überflüssig gewordener Tugenden und Opfer“ [ebd.] sowie eine „Sensibilisierung“ gegenüber der „[strukturellen] Ausschaltung praktischer Fragen aus der entpolitisierten Öffentlichkeit“ [ebd., 103] aufzubringen. Es ist bei Habermas also derjenige Typus an Subjektivität, dessen Herausbildung in materieller Hinsicht im großen Maße vom kapitalistischen Status quo profitiert, der letzteren aus ideellen Gründen kritisieren und aufheben solle, während für Habermas diejenigen, die ökonomische Not leiden, viel zu sehr damit beschäftigt seien, sich am Leben zu erhalten, statt eine intellektuelle Sensibilität für die gesellschaftlichen Verkehrungen auszubilden, die für Habermas für das Formulieren von Systemkritik aber voraussetze.

Die Plausibilität dieser voraussetzungsreichen und von Habermas nicht mehr weiter reflektierten These, die vom subjektiven Leid des Einzelnen abstrahiert und es so nicht mehr zum Maß der objektiven Unwahrheit der Verhältnisse machen kann, ist an dieser Stelle zu diskutieren nicht mehr möglich. Jedenfalls ist das kritische Bedürfnis für Habermas weniger eine Sache des Affekts, sondern ganz eine des Verstandes, der sich mit gewissen systemischen Inkommensurabilitäten konfrontiert sieht, die ihm unerträglich sind. Habermas‘ Analytik ist selbst ein Kind seiner Zeit und zielt auf die Korrektur eines formell unlogischen Moments im Kapitalismus durch die systemische Integration einer institutionalisierten, alle gesellschaftlichen Subsysteme zusammenbindende Kritikprozedur, deren regulative Idee das vernünftige, von allen akzeptierte bessere Argument im Rahmen eines hypothetischen, herrschaftsfreien Diskurses ist, der ganz allein von jenen besseren Argumenten bestimmt wird. Dieser Vorstellung geht aber eine implizit bleibende utopische Erwartungshaltung voraus; eigentlicher Inhalt jener Vorstellung ist die Möglichkeit einer virtuellen diskursiven Zone innerhalb der kapitalistischen Betriebsamkeit und unter Anbindung an ihre einzelnen Subsysteme, in der das Systemganze unter Maßgabe vernünftiger Bedingungen und Ziele reflektiert wird.

Habermas rezipiert in erster Linie das subsumierende und integrative Moment von Marcuses Begriff der Eindimensionalität und bleibt deshalb selbst in jener technologischen Synthetik gefangen, was sich in seiner Argumentationslogik widerspiegelt, die ja einen systemischen Widerspruch zum Ausgangspunkt hat. Doch es wäre auch eine andere Form von Kritik möglich. Der Begriff der Eindimensionalität ließe sich durchaus auch in ästhetischer Weise begreifen und so zum Ausgangspunkt einer Kritik machen, die auf die objektive Ästhetik des Kapitalismus zielt und auf das Deutunspotenzials kapitalistischer Lebensästhetik reflektiert. Denn wenn alles so eindimensional ist, wie Marcuse behauptet, ließe sich der kapitalistische Lebensentwurf anhand seines Deutungspotenzials kritisieren, das ja dann ziemlich gering ausfallen müsste, wenn man Marcuse und Habermas in ihrer Analytik zu folgen gewillt ist. Dies hätte zumindest den Vorteil, dass hier an das Denken der frühromantischen Ästhetik angeschlossen werden könnte und man die Frage nach einem guten Leben aus einer anderen Perspektive stellen könnte: nicht durch Beschwörung einer neuen Technik, das heißt eines veränderten Umgangs mit Technik, sondern als Frage danach

Für Habermas ist die Herausbildung eines „unlösbare[n] Systemproblem[s]“ [ebd.] notwendig, damit die Möglichkeit einer grundlegenden Systemmodifizierung überhaupt in Aussicht gestellt werden darf; er verortet besagtes Konfliktpotenzial im Rahmen eines Diskurses über Gerechtigkeit, handelt es sich im Spätkapitalismus um eine kaum zu bewältigende Schwierigkeit, die Schere zwischen Leistung und Status „auch nur subjektiv überzeugend an den Mechanismus der Bewertung individueller Leistung zu binden“ [ebd.]. In der Zerstörung der Leistungsideologie glaubt Habermas eine fundamental destabilisierende

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Potenzial gegenüber dem System zu erkennen, da damit die „Legitimationsgrundlage des Spätkapitalismus zum Einsturz“ [ebd.] gebracht werden könnte.

LITERATURVERZEICHNIS

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DOERING-MANTEUFFEL, ANSELM / RAPHAEL, LUTZ: Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 2012.

DUBIEL, HELMUT: Kritische Theorie der Gesellschaft. Eine einführende Rekonstruktion von den Anfängen im Horkheimer-Kreis bis Habermas, Weinheim / München: Juventa, 2001.

HABERMAS (HG.), JÜRGEN: Antworten auf Herbert Marcuse, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1968.

—: Die Dialektik der Rationalisierung. Vom Pauperismus in Produktion und Konsum, in: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, August 1954: 701-724.

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HIRSCH, JOACHIM / ROTH, ROLAND: Das neue Gesicht des Kapitalismus. Vom Fordismus zum Post- Fordismus, Hamburg: VSA, 1986.

ISER, MATTIAS / STRECKER, DAVID: Jürgen Habermas zur Einführung, Hamburg: Junius, 2010.

LENK, HANS: „Technokratie“ als gesellschaftskritisches Klischee, in: LENK (HG.), HANS: Technokratie als Ideologie. Sozialphilosophische Beiträge zu einem politischen Dilemma, Stuttgart: Kohlhammer, 1981. 9-20.

—: Technokratie als Ideologie. Sozialphilosophische Beiträge zu einem politischen Dilemma, Stuttgart:

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MARCUSE, HERBERT: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Springe: zu Klampen, 2014.

OFFE, CLAUS: Technik und Eindimensionalität. Eine Version der Technokratiethese?, in: HABERMAS (HG.), JÜRGEN: Antworten auf Herbert Marcuse, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1968. 73-88.

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