Sie sind auf Seite 1von 148

Hanna Reitsch Das Unzerstörbare in meinem Leben

Meinen Eltern in tiefer Dankbarkeit gewidmet

Hanna Reitsch Das Unzerstörbare in meinem Leben mit 13 Abbildungen

Hanna Reitsch Das Unzerstörbare in meinem Leben mit 13 Abbildungen J. F. LEHMANNS VERLAG MÜNCHEN

J. F. LEHMANNS VERLAG MÜNCHEN

Das Aquarell auf dem Vorsatz zeigt das Elternhaus von Hanna Reitsch in Hirschberg/Schlesien.

2. Auflage 1975

© J. F. Lehmanns Verlag München 1975

Alle Rechte vorbehalten

Gesamtherstellung: Buchdruckerei W. Möller oHG, Berlin

Printed in Germany

ISBN 3-469-00533-8

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

7

1.

Kapitel: Mein Elternhaus und meine Fa-

milie

9

2. Kapitel: Das Geheimnis 18

3. Kapitel: Musikabende in meinem Eltern-

haus

22

4. Kapitel: Das verletzte Ehrgefühl

27

5. Kapitel: Die Sonntage daheim

31

6. Kapitel: Die Schokoladenbäume

35

7. Kapitel: Kindliche Krise 37

8. Kapitel: Familie, Heimat und die schöne

Welt

40

9.

Kapitel: Der Wunsch zu fliegen

49

10. Kapitel: Die Koloniale Frauenschule

53

11. Kapitel: Die heimlichen Schlüssel zu meinem Fliegen

58

12.

Kapitel:

Die

selbstverdienten

Flug-

scheine

63

13. Kapitel: Ich werde Testpilotin

73

14. Kapitel: Die Briefe meiner Mutter

76

15. Kapitel: Auslands-Missionen

81

16. Kapitel: Vom Einsatz im Krieg

85

17. Kapitel: Das tragische Ende

91

18. Kapitel: Erneut in der Gefängniszelle

95

19. Kapitel: Die verschwundenen Briefe

119

Schluß

131

Vorwort

Dieses Büchlein war ursprünglich für ältere Men- schen geschrieben, da Propaganda Massenmedien Reklame und Mode fast ausschließlich auf junge Menschen ausgerichtet sind. Doch glaube ich, daß gerade „Unzerstörbares“ den jungen Menschen nicht weniger interessiert und angeht als den älteren. Ich selbst bin 1912 geboren, gehöre also schon zur älte- ren Generation. Da ich mich aber noch jung und un- verbraucht fühle und noch mitten in meinem Fliegen und Schaffen stehe, erscheint mir die Tatsache selt- sam, bereits zu „jenen Älteren“ zu gehören. Wenn ich ehrlich bin, so finde ich mein Alter wunderbar und wünschte diesen Zustand, wie ich ihn jetzt erle- be nämlich gleichzeitig jung und alt zu sein noch viele Jahre erleben zu dürfen. Warum ich so glücklich bin und so begnadet reich, zwar ohne Geld, doch reicher als viele Millionäre der Welt, soll dies Büchlein verraten. Den Schlüssel dazu finden Sie in dem Vers, der von meiner weisen Mutter stammt:

„Glück ist nicht Reichtum, nicht Erfolg, nein, Glück ist Gottes Nähe, daß man in allem was geschieht, die Führung Gottes sehe.“

Dies schrieb sie mir in einem ihrer Briefe, als ich 22 Jahre alt war. Und es hat heute und so lange ich noch lebe, für mich die gleiche Gültigkeit.

Hanna Reitsch

1. Kapitel

Mein Elternhaus und meine Familie

Wenn meine Fliegerkameraden dieses Vorwort le- sen, höre ich sie schmunzelnd sagen: „Ja, die Hanna hat gut reden, sie fliegt seit über 40 Jahren und lebt heute gesichert wahrscheinlich sogar in Saus und Braus.“ Sie alle wissen nicht, wie viele Tränen ge- weint, was an Leid durchlitten und an Armut durch- standen wurde, um zu „diesem Glück“ zu gelangen, das unabhängig ist vom „Hosianna“ heute und dem „kreuziget“ morgen im eiligen Laufe dieser Welt. Die tiefste Wurzel dieses Glückes liegt in meinem Elternhaus meiner sehr glücklichen und harmoni- schen Familie und wohl ganz besonders in der un- gewöhnlichen Verbindung, die seit klein auf zwi- schen meiner Mutter und mir bestand. Meine Mutter stammt aus einer alten Tiroler Familie, deren Wur- zeln seit Generationen in Nordtirol und Südtirol lie- gen. Sie sagte als junges Mädchen: Drei Dinge wüß- te sie ganz genau. Erstens würde sie niemals aus ih- rem schönen Tiroler Land hinaus heiraten, zweitens würde sie niemals einen Protestanten und drit-

9

tens schon gar niemals einen Preußen heiraten. Aber alle drei Dinge sind geschehen, und sie wurde tief glücklich dabei. Ich aber bin durch diese Verbin- dung ein echter „Tiroler-Preuße“. Es paaren sich in meinen Geschwistern und mir, wie Menschen uns neckend sagen: „Preußischer Charme und Tiroler Gründlichkeit.“

Mein preußischer Vater kam 1905 als junger Augen- arzt zu einem Praktikum an die Universitäts- Augenklinik nach Innsbruck. Da er hoch musika- lisch und ein wirklicher Künstler im Cellospielen war, suchte er dort Verbindung zu musikalischen Familien. Man riet ihm, bei der sehr musikliebenden Familie der früh verwitweten Frau Helf-Hibler v. Alpenheim und ihren drei erwachsenen Töchtern in Schloß Rainegg Besuch zu machen. Im Volksmund wurde es „Ganner Schlößl“ genannt, da mein Ur- großvater Dr. Ganner in Bad Hall Salinenarzt war und das Schloß bis zur Inflation nach dem ersten Weltkrieg der mütterlichen Familie gehörte. Aus diesem Besuch meines Vaters in Rainegg entstand langsam eine tiefe Freundschaft mit der ganzen Fa- milie v. Alpenheim und führte schließlich zu seiner Heirat mit Emy, der ältesten der drei Töchter. Sie wurde meine Mutter. 1908 wurde meinem Vater ei- ne Augenklinik im herrlich gelegenen Hirschberg im Riesengebirge (Niederschlesien) angeboten. Dort wurden meine Geschwi-

10

ster und ich geboren, und wir lebten in der schönen Stadt, bis wir 1945 daraus vertrieben wurden. Die Augenklinik war mit einem Schwesternhaus der Frankensteiner Diakonissen verbunden, die nach der Vertreibung aus Schlesien in Wertheim a. Main ihr neues Mutterhaus errichtet haben.

Dort also in Ostdeutschland, das 900 Jahre lang deutscher Kulturboden war, lag in einem weiten, lieblichen Talkessel gebettet die kleine Stadt Hirschberg mit ihren 30 000 Einwohnern. Im Süden war das Tal von dem in seiner höchsten Erhebung 1600 m hohen Kamm des Riesengebirges umsäumt, im Norden von den bewaldeten Bergen des Bober- Katzbach-Gebirges und im Osten und Westen von Wäldern und Hügeln, die mit ihren Feldern, Burgen und Schlössern, nach beiden Himmelsrichtungen hin, in die weite Ebene hinüberwiesen.

Ich hatte einen zwei Jahre älteren Bruder und eine vier Jahre jüngere Schwester Kurt und Heidi. Da meine Mutter, während sie mich erwartete, fest glaubte, bei meiner Geburt sterben zu müssen, woll- te sie dem unter ihrem Herzen wachsenden Kinde, das dann wohl ohne eigene Mutter leben und wach-

sen müßte, alle Liebe mitgeben, zu der sie fähig war. So ist es wohl zu erklären, daß, nachdem sie mir in einer stürmischen Märznacht 1912 ohne

Komplikatio-

11

nen das Leben geschenkt hatte, diese besonders in- nige Verbindung zwischen ihr und mir entstanden ist. Sie hatte nicht etwa meine zwei Geschwister we- niger lieb, keine Rede davon, nur verband uns beide ein nicht in Worte zu kleidendes Verstehen bis zu ihrem tragischen Tode im Mai 1945.

Wir wohnten in Hirschberg auf der Promenade, im ersten Stock eines großen Hauses, 10 Zimmer gehör- ten zu unserer Wohnung. Diese lagen an einem herr- lichen, langen Flur, der wirklich so lang war, daß man sogar „radeln“ konnte. Dort befanden sich für uns eine Reckstange und eine Schaukel. Zur Woh- nung gehörte ein schöner Balkon und ein großer Garten, in dem hohe Bäume standen, die wunderbar zum Klettern geeignet waren. Dort gab es Wiesen und Sandkästen, herrliche Möglichkeiten zum Spie- len und zum Toben. Die Augenklinik lag 5 Minuten vom Haus entfernt. Während Vater um 6 Uhr früh zur ersten Visite seiner operierten Patienten ging er operierte täglich ging Mutter unter dem Vor- wand, Milch und Brötchen lieber selber einzuholen, statt unsere treue Köchin Selma darum zu bitten, rasch in die katholische Kirche, um für ihren gelieb- ten Mann und ihre Kinder zu beten. Mein Vater, der aus einer nach strengen preußischen Maßstäben aus- gerichteten, sehr musischen Familie stammte und zu dessen Vorfahren etliche evangelische Pastoren ge-

12

hörten, konnte zum Katholizismus keinen Zugang finden. Er hatte daher von Mutter vor der Ehe das Einverständnis erbeten, daß die Kinder evangelisch getauft und erzogen werden sollten. Damals konnte ein evangelischer Mann eine katholische Frau in ei- ner katholischen Kirche heiraten, getraut unter „pas- siver“ Assistenz eines katholischen Priesters. Die Hochzeit fand in Innsbruck im Klosterstift Wilten statt. Nach meiner Geburt trat Mutter zum evangeli- schen Glauben über, da sie es nicht ertragen konnte, einen anderen Glauben zu haben als den, in dem ihre Kinder erzogen werden sollten. Und so gab sie uns in Wirklichkeit das Schönste vom Katholizismus und das Schönste vom Protestantismus mit und blieb, was sie immer war, ein katholischer Protes- tant.

Seit ich fünf Jahre alt war, begleitete ich Mutter auf diesem täglichen Weg am Morgen zur Kirche. Und ob gerade hl. Messe war oder nicht, wir knieten ge- meinsam für einige Minuten vor dem Altar und bete- ten. Ich war voll Ehrfurcht erfüllt von dem Weih- rauchgeruch und der Heiligkeit, die ich in dieser Kirche mit dem geheimnisvollen roten, immer bren- nenden Licht empfand.

Wer von uns drei Kindern besonders brav war, durf- te Vater morgens, mittags oder abends bei seinen Klinik-Visiten begleiten. Da ein an den Augen

13

Operierter ja normalerweise nicht physisch krank ist, aber meist in verdunkeltem Zimmer sehr still liegen und viel Geduld aufbringen muß, hatten die Patien- ten große Freude an uns fröhlich plappernden Kin- dern. Die Eltern wollten mit diesen Besuchen bei den Kranken uns frühzeitig dazu erziehen, Leiden- den eine Freude zu machen und uns anregen, jeden Tag bewußt zu danken, daß wir selbst so unverdient gesund sein durften. Unsere Mutter wurde nicht mü- de, sich Dinge auszudenken, mit denen wir Kinder die Kranken und die in den Lazaretten mit jedem Kriegsjahr an Zahl wachsenden verwundeten Solda- ten erfreuen sollten. So hängte sie jedem von uns am Dreikönigstag Leinentücher um, die sie mit vielen Sternen aus Goldpapier beklebt hatte; sie setzte uns „goldene Kronen“ aus Papier auf die Blondschöpfe und ließ uns als Kaspar, Melchior und Balthasar von Krankenzimmer zu Krankenzimmer gehen. Sie hatte die Gabe, ihre Gedanken leicht und spielend in klei- nen oder auch längeren Gedichten auszudrücken. So erinnere ich mich, daß ich als Melchior folgenden kleinen Vers von ihr zu sagen hatte:

„Ich bin der alte Melchior und zieh’ die Weihrauchbüchs hervor. Weihrauch bedeut’ seit alter Zeit die Ehrfurcht, ja Ehrfürchtigkeit. Ehrfurcht, ich muß es nochmals sagen,

14

denn auf der Reise hört’ ich klagen, sie sei auf Erden verlorengegangen, drum können die Menschen zum Glück nicht gelangen. Drum lehr’ Du sie liebes Christkindlein, sich in Ehrfurcht Deiner Wunder freun’.“

Das erste, an was ich mich bewußt aus meiner Kind- heit erinnere, ist die Musik. Ich soll übrigens Melo- dien von Kinderliedern rein und klar gesummt ha- ben, bevor ich sprechen konnte. Meine Geschwister und ich haben die Musikalität von beiden Eltern ge- erbt, vor allem die des Vaters. Mit fünf Jahren haben wir drei begonnen, ein Instrument zu spielen: mein Bruder Geige, meine Schwester und ich Klavier. Und ich erinnere mich gut, daß wir Vater zu jedem Anlaß eines Familien- oder Kirchenfestes keine grö- ßere Freude machen konnten als durch gut geübtes, gemeinsames Musizieren. So durften mein Bruder und ich mit Vater schon Trios spielen, als Kurt neun und ich sieben Jahre alt waren. Wir spielten u. a. die leichtgesetzten Haydn-Trios (Variationen über das „Kaiserlied“). Das Üben war uns allerdings eine große Last. Doch um Vater zu erfreuen, hielt uns Mutter gütig, aber fest täglich dazu an. Unser Mu- sikzimmer lag neben Vaters Ordinationszimmer. Al- so wurde auch jedes „Pfuschen“ beim Üben von ihm gehört. Er unterbrach dann manchmal die Be-

15

Handlung seiner Patienten und kam in seinem wei- ßen Arztkittel rasch und leise herein und sagte mit seiner sanften, wohlklingenden Stimme: „Komm Hannerl, jetzt spielst Du diesen Lauf zwanzigmal ganz langsam und Du wirst sehen, wie er beim einundzwanzigstenmal, wenn Du ihn rascher spielst, perlend hervorsprudelt.“ Schluderte ich trotzdem gleichartig weiter, so konnte er rasch wieder er- scheinen, diesmal sogar streng und fast böse werden. Ohne meine gütige, immer strahlende und so gedul- dige Mutter hätte ich das Üben wahrscheinlich auf- gegeben, eben weil Vater nebenan jeden Fehler hör- te.

Vergöttert habe ich als Kind meinen „großen Bru- der“, der mir sehr heldisch erschien. Daß er es ver- stand, sich mit männlichem „Nimbus“ in frühester Kindheit zu umgeben, zeigt eine reizende Begeben- heit: Er war wohl vier Jahre alt, als er mit Mutter in der Stadt einer Dame begegnete, die eine riesengro- ße Dogge hatte, fast so groß wie ein Kalb. Mein Bruder suchte sofort Deckung hinter dem Rücken der Mutter. Als Mutter ihn liebevoll hervorholte und sagte: „Aber Kurt, Du hast doch nicht etwa Angst?“, faßte sich der kleine Kurt rasch, trat gelassen hinter ihrem Rücken hervor und sagte: „Nein Mutter, ich wollte ihn nur nicht zertreten.“ Mein Bruder war ein originelles Kind. Als er sieben Jahre alt war, also das zweite Jahr zur Schule ging, bekam er zum Ge-

16

Meine Mutter

Meine Mutter

Mein Vater

Mein Vater

burtstag eine Trommel. Es war 1917 inmitten des schweren 1. Weltkrieges. Unser Vater war als Mari- ne-Oberstabsarzt auf einem Kriegsschiff eingesetzt. Da ging mein Bruder eines Tages nach dem Unter- richt zu seinem Lehrer und sagte: „Herr Engel, ich möchte mich von Ihnen verabschieden.“ „Aber Kurt“, sagte der Lehrer erstaunt, „wo willst Du denn hin?“ „In den Krieg“, sagte Kurt. „Ja, wohin denn in den Krieg?“ fragte Herr Engel weiter. „Oh, die Sta- tionen schreibt mir meine Mutter noch auf.“ „Als was willst Du denn in den Krieg, Kurt?“ fragte der Lehrer weiter. „Als Trommler“, antwortete Kurt ernst, machte eine Verbeugung und ging. Sehr ent- täuscht kam er am nächsten Tag wieder zur Schule und erklärte lakonisch: „Mutter hat es mir nicht er- laubt.“

17

2. Kapitel

Das Geheimnis

Ich wuchs mit sieben Buben zusammen auf und trug, bis ich 6 Jahre alt war und in die Schule kam, meis- tens kurze Lederhosen wie die Buben, um besser mit diesen herumtollen zu können. Die nächsten Freunde meiner Eltern hatten je zwei Buben im Alter meines Bruders und von mir. Da war unsere Nachbarin, die im ersten Weltkrieg früh verwitwete Baronin v. Müllenheim-Rechberg mit ihren Söhnen Burkhard, der jetzt als Diplomat im deutschen Auswärtigen Dienst steht, und Wendelin, der wie ich Flieger wur- de und als junger Offizier der deutschen Luftwaffe am Anfang des 2. Weltkrieges in Polen fiel. Weitere Freunde der Eltern waren der Landrat v. Bitter und seine Frau. Ihre zwei ältesten Söhne, Konrad und Franz, gehörten zu unserem Freundeskreis. Hinzu kamen die zwei ältesten Buben des Superintenden- ten Warkow, Hans-Gerd und Günther. Es schien, als ob nur ich versehentlich ein Mädchen geworden wä- re. Alle diese Ehepaare hatten nach weiteren vier Jahren kleine Mädchen bekommen,

18

die dann die Freundinnen meiner vier Jahre jüngeren Schwester Heidi wurden. Zunächst aber waren sie für uns noch Babys und zum Spielen nicht zu ge- brauchen. Wenn mir das Toben der Buben im Garten zu wild wurde, schlich ich mich, von ihnen unbe- merkt, zu meinem geheimen Versteck davon. Dort hatte ich eines Tages ein bedrückendes Erlebnis. Ich hörte von der Straße her Schreien, Johlen und La- chen vieler Kinder. Neugierig stieg ich heimlich aus meinem Versteck über unseren Gartenzaun, der durch Büsche verborgen war. Ich lief dem johlenden Haufen Kinder nach. Zu meinem Erstaunen folgten sie einer alten buckligen Frau und riefen: „Hexe, Hexe“ und lachten voller Freude, wenn sie mit ei- nem Stock um sich schlug, sobald die Kinder sie am Kleide gezupft hatten. Zum Lachen fand ich das ganz und gar nicht. Ich schlich mich heim und such- te im Hause nach der Mutter, der ich erregt von die- ser vermeintlichen Hexe und den Kindern erzählte. Da nahm mich die Mutter auf den Schoß und sagte:

„Ich will Dir jetzt ein Geheimnis anvertrauen, aber Du darfst es mit niemandem bereden und mußt es ganz in Deinem Herzen bewahren. Gott hat uns Menschen das Leben geschenkt, um in seinem Sinn zu leben und Gutes zu tun, damit wir eines Tages zu ihm in den Himmel kommen. Der Lebensweg von jedem einzelnen Menschen führt über viele Tränen und über viel Leid das verstehst Du jetzt noch nicht. Der

19

eine wird krank, der andere verliert früh einen ge- liebten Menschen. Es gibt viele Möglichkeiten von Leid, das zu durchstehen ist und Tränen, die geweint werden müssen, damit man am Ende des eigenen Lebens in den Himmel gelangt. Gott hat aber einige Menschen schon bei der Geburt auserwählt, den Himmel zu erreichen und hat ihnen für Menschen unsichtbar in einem Buckel verborgen schon kleine Flügel mit auf den Erdenweg gegeben. Sie haben zwar das Leid und das Kreuz zu tragen, daß sie häß- lich sind und einen Buckel haben, aber ihnen ist der Himmel schon auf Erden sicher.“

Das war für mich ein wundersames Geheimnis, ich konnte es kaum erwarten, dieser Frau, die die ande- ren Kinder aus Unverstand Hexe nannten, wieder zu begegnen. Ich versuchte ganz nahe an ihr vorbei zu gehen und machte dabei einen tiefen, ehrfürchtigen Knix und strahlte sie an im Wissen um ihr Geheim- nis. Und so erging es mir noch etliche Jahre bei je- dem buckligen Menschen, den ich traf, und der mir fast wie ein Heiliger erschien. Erst viel später, als ich älter geworden war, verstand ich, was meine Mutter einst mit den im Buckel versteckten Flügeln gemeint hatte. Sie hatte es durch diese „geheime Ge- schichte“ nicht nur fertiggebracht, mir eine besonde- re Ehrfurcht vor körperlich Behinderten ins Herz zu legen, sondern ich begriff im Laufe der Jugend und des Lebens, daß gar jeder sein Kreuz mit auf den

20

Weg bekommt, der eine schon früh mit der Geburt, der andere erst im Laufe seines Lebens aber jeder „sein Kreuz anzunehmen hat“.

21

3. Kapitel

Musikabende in meinem Elternhaus

Bei uns daheim wurde gar jeden Mittwochabend klassische Kammermusik gespielt: Trios, Quartette oder auch Quintette. Künstler, die in unserer Stadt Konzerte gaben, machten bei uns Besuch und musi- zierten mit meinem Vater. Normalerweise aber war Vaters Pianist Otto Johl, der später mein verehrter und von allen Schulmädchen geliebter Gesanglehrer wurde im Lyzeum und der Studienanstalt, wo nur Mädchen erzogen wurden. Dort machten meine Schwester und ich unser Abitur. Otto Johl wurde auch mein Klavierlehrer. Ihm verdanken wir Schüle- rinnen einen reichen Schatz an schönsten Liedern. Er begleitete meinen Vater bei öffentlichen Kam- mermusik-Konzerten er leitete einen großen und einen kleinen Schulchor, einen städtischen Madri- gal-Chor und wurde zum städtischen Musikdirektor ernannt. Bei jenen „Hausmusikabenden“ durften wir Kinder, wenn wir brav waren, in der Pause Tee her- umreichen und Salzstangen, eine besondere Spezia- lität meiner Mutter. Wir durften auch abwech-

22

selnd Herrn Johl beim Klavierspielen die Noten um- blättern, was uns mit Stolz und Freude erfüllte. Wenn ich bei zu raschem Tempo den Noten nicht mehr folgen konnte und mit vor Angst glühendem Kopf nur noch die Augen von Herrn Johl anschaute, um zu erhaschen, wohin er auf die Noten blickte, wurde ich durch sein humorvolles Schmunzeln be- ruhigt. Er hatte mir meine Pein natürlich längst an- gemerkt, und ich hielt dann die nächste Seite früh genug zum Umblättern bereit und wartete nur auf sein Kopfnicken, so daß es immer rechtzeitig glück- te. Ich hätte ihn voll Dank dafür umarmen mögen. In dieser Zeit wuchs eine stille Verehrung für ihn in meinem Herzen. Seit Jahren liegt Herr Johl in Lich- tenfels/Oberfranken begraben. Nach Lichtenfels ver- schlug es ihn und seine Frau nach der Vertreibung aus unserer geliebten Heimat mit zwei unserer Leh- rerinnen, Fr. Dr. Sommer und Fr. Dr. Idzinsky, die noch heute „unsere Freundinnen“ sind, sowie mit vielen anderen Hirschbergern. (Frau Dr. Lotte Sommer ist inzwischen gestorben.) Sie wurden halt einfach „zufällig“ dort aus dem Vertriebenenzug ausgeladen und fanden in dem schönen Oberfranken ein neues Zuhause, aber keine wirkliche neue Hei- mat. Bei den Zusammenkünften unserer ehemaligen Abiturklasse, die oft in Lichtenfels im Haus unserer zwei verehrten alten Lehrerinnen stattfanden, gingen wir jedesmal zum Friedhof an Otto

23

Johls Grab und sangen ihm dort sein Lieblingslied. So alt wir auch inzwischen geworden sind, so hat sich an unserer Dankbarkeit und Verehrung für Otto Johl nichts geändert. Unsere Klasse galt als die mu- sikalischste Klasse der Schule. Wir stellten im be- rühmten „kleinen Chor“, der auch im Radio sang und Konzertreisen durchführte, den führenden ersten Sopran, den zweiten und auch den dritten Sopran.

Aber zurück zu meiner Kindheit und meinem El- ternhaus; denn dieses ist und bleibt die Wurzel mei- nes Glückes und Reichtums, so lange ich lebe. Mei- nes Vaters Lebensinhalt und -ziel waren

seine Berufung zum Arzt, um kranken Men- schen zu helfen;

seine Musik, die wie ein Teil seines Wesens selbst erschien;

und seine über alles geliebte Familie.

Für gesellschaftliches Leben hatten die Eltern daher keine Zeit. Es konnte aber jeder der vielen Freunde, die an Musik Freude hatten, zu den Kammermusik- abenden in unser Elternhaus kommen. Oft waren es 50 bis 60 Menschen, die alle leicht Platz fanden, da Warte- und Ordinationszimmer, die schöne alte Mö- bel hatten, ganz rasch durch Teppiche, durch Kerzen und chinesische Wandbehänge festlich in Gesell-

24

schaftsräume umgewandelt wurden. Vater hatte als junger Kriegsfreiwilliger an dem Boxer-Aufstand in China teilgenommen und hatte von dort einige schö- ne Erinnerungsstücke mitgebracht. Vier Zimmer mit weitgeöffneten Doppeltüren gingen ineinander über. Das hintere Zimmer blieb meist geschlossen. Dort- hin zogen sich diejenigen zurück, die unmusikalisch waren, aber ihren musikalischen Ehepartner gern zu uns begleiteten. In diesem Zimmer durfte „ge- dämpft“ geredet und auch geraucht werden, und es war bekannt, obwohl Vater selbst Nichtraucher und Abstinenzler war er konnte gesundheitlich be- sonders das Rauchen nicht vertragen , daß es in meinem Elternhaus die besten Zigarren und Zigaril- los gab und die erlesensten Weine im Keller lagen. Wenn für uns Kinder die Zeit zum Schlafengehen kam, begann für uns drei ein heimliches Vergnügen besonderer Art: In unserem langen Flur war für die Mäntel und Hüte der vielen Menschen natürlich eine große Garderobe, die tagsüber den Patienten diente. So lagen natürlich an solchen Musikabenden eine stattliche Zahl der uns Kindern komisch erscheinen- den Hüte darauf. Da waren Melonen von Herren, da waren mit Kunstfrüchten und Kunstblumen oder Schleiern verzierte Damenhüte. Damals ging doch keine Dame ohne Kopfbedeckung aus dem Hause. Diese Hüte also probierten wir drei Schlingel aus und freuten uns bei jedem Musikabend auf diese

25

anschließende „Gaudi“, bis der Spaß ein jähes Ende fand. Eine humorlose Dame, die einmal frühzeitig fortgehen mußte und sich unbemerkt leise davon- schleichen wollte, entdeckte uns drei Kinder in Py- jamas auf dem Flur, und ich hatte gerade ihren reichverzierten Hut auf, natürlich etwas zurechtge- bogen, damit er mir auch paßte, und schnitt dazu Grimassen. Mit einem Schrei des Entsetzens eilte die Dame ins Zimmer zurück, bevor wir eigentlich recht erfaßten, was da auf uns zukam. Sie holte mei- ne Mutter herbei, die uns ernst verwarnte und ins Bett schickte. Und am nächsten Morgen folgte die weit strengere Zurechtweisung durch unseren Vater, der diesem Vergnügen ein für allemal ein Ende setz- te.

26

4. Kapitel

Das verletzte Ehrgefühl

Ohne Klapse ging es bei solchen Zurechtweisungen freilich nicht immer ab. Meistens erhielt sie mein Bruder, weil seine Lausbubenstreiche am deftigsten waren. Wenn solch eine Strafe drohte, stopfte ich meinem Bruder vorsorglich seine Lederhose hinten mit harten Pappbilderbüchern aus. Mein Vater wun- derte sich, daß mein Bruder heldisch keine Miene vor Schmerz verzog. Er konnte ihn übers Knie legen und so toll schlagen, daß ihm selbst die Hand weh- tat. Bis er eines Tages hinter unsere Schliche kam, weil es auf meines Bruders Hosenboden so hohl und dumpf klang und Vater ihm, mißtrauisch geworden, hinterrücks in die Hose langte und die verbogenen Pappseiten zum Vorschein holte. Ich glaube, er hat damals selber gelacht. Danach aber vollzogen sich Strafprozeduren viel schmerzhafter für meinen Bru- der. Mich durfte man nicht schlagen, das ging gegen mein sehr ausgeprägtes Ehrgefühl, welches ich gera- de von meinem Vater geerbt hatte und das mir oft im Leben Pein bereitete. Als ich aber eines Tages mei-

27

nem Vater stolz das eben von meinem großen Bru- der erlernte „Rülpsen“ vorgemacht hatte, empfing ich im nächsten Augenblick eine Ohrfeige. Ich war wohl sieben Jahre alt und innerlich so verletzt, daß ich kurzerhand beschloß, heimlich für immer na- türlich aus dem Elternhaus davonzulaufen. Sofort verschwand ich weinend vor Entrüstung, noch dazu, da ich doch glaubte, es wäre großartig, was ich da als „Rülpsen“ erlernt hatte. Ich rannte, so schnell ich konnte, aus der Stadt hinaus gegen Westen zum He- likon, einem beliebten sonntäglichen Ausflugsziel einem Hügel, auf dem ein alter Tempel stand und nicht weit davon ein Turm, der „Hausberg“ hieß. Daran schlössen sich weite dunkle Wälder. Es war Spätnachmittag, als ich den Wald betrat. Zunächst fand ich alles unerhört aufregend, zum erstenmal allein so weit von der Stadt entfernt zu sein. Und dann das seltsam prickelnde Gefühl: Die werden alle schön weinen, wenn ich nicht mehr zurückkomme. Als ich schließlich zum Abendbrot um 19 Uhr noch immer nicht erschienen war, telefonierten die Eltern voller Sorge mit ihren Freunden und begannen dann all diejenigen eiligst aufzusuchen, die kein Telefon, aber Kinder in meinem Alter hatten. Damals war Kindesentführung oder gar Vergewaltigung von Kindern in unserer Heimat völlig undenkbar und ab- surd. Wo aber sollte ich geblieben sein? Inzwischen lief ich voller Herzklopfen einsam immer tiefer in

28

den Wald hinein. Es wurde darinnen ständig dunkler und unheimlicher. Jeder krumme Baum erschreckte mich plötzlich, weil er ausschaute wie ein Räuber aus einem Märchen oder wie Rübezahl, über den ich viele Geschichten gelesen hatte. Und so wußte ich auch, daß er böse Kinder in immer wieder verwan- delter Gestalt erschreckte. Schließlich war es mit meinem Heldentum aus, und mein verletzter Stolz war gebrochen. Ich begann bitterlich zu weinen und hatte schreckliche Angst und rief vergeblich nach meiner Mutter. Ich drehte um und rannte, rannte so schnell mich nur die Füße tragen konnten, wieder aus dem dunklen Wald hinaus und zurück ins El- ternhaus. Als ich gegen 9 Uhr abends klingelte, öff- nete Mutter mir die Tür und schloß mich still in ihre Arme. Sie sagte kein Wort des Vorwurfs, sondern ließ mich nur schluchzen. Aber ich sah zum ersten Mal im Leben, daß sie geweint hatte und ihre Augen rot von Tränen waren. Ich wurde gleich ins Bett ge- steckt. Vater und die Geschwister sah ich nicht; die kleine dreijährige Heidi hatte ohnedies noch nichts davon gemerkt. Mit den „zwei Männern“ (Vater und Bruder) war es aus Klugheit so abgesprochen wor- den. Die Tränen meiner geliebten Mutter aber waren die schlimmste und nachhaltigste Strafe, die ich be- kommen konnte. Am nächsten Morgen wurde die Sache einfach übergangen und kein Wort darüber verloren. Nie, nie mehr aber machte ich so etwas wieder. Und

29

Vater vermied es, mir je wieder eine Ohrfeige zu geben, obwohl ihm seine Hand wohl oft „gezuckt“ haben mag.

30

5. Kapitel

Die Sonntage daheim

Das Schönste der ganzen Woche waren die Sonnta- ge, die, solange wir noch Kinder waren, die ganze Familie immer gemeinsam verbrachte. War im Sommer gutes Wetter angesagt, wurden wir Kinder am Samstag ganz früh zu Bett geschickt und um halb 2 Uhr nachts geweckt. Im Dunkeln fuhren wir mit den Eltern bis zum Fuß des Riesengebirges. Dann ging es nach „Himmelreich“, der Endstation der elektrischen Talbahn, offiziell Giersdorf ge- nannt; ein anderes Mal fuhren wir nach Hermsdorf oder nach Schreiberhau. Immer wanderten wir in der Sommernacht in die langsame Morgendämmerung hinein; drei Stunden dauerte es bis hinauf zum Kamm des Riesengebirges. Dort oben gingen wir zur Adolfbaude oder zur Peterbaude, zur Spindlerbaude oder auch zur Schneegrubenbaude. Wir Kinder liefen in fröhlicher Unterhaltung voraus. Jedes hatte stolz seinen Rucksack auf dem Rücken. Wenn der weite Weg für die kleine Heidi beschwer- lich wurde, begann ich, Geschichten zu erzählen, was ich von kleinauf

31

leidenschaftlich gern tat. Dazwischen wurde an den letzten Baumstümpfen, bevor die Tannen immer kleiner wurden und schließlich den Latschen in der Höhe wichen, Halt gemacht und ein fröhliches Pick- nick veranstaltet. Wenn wir nach Stunden den Kamm erreichten, erlebten wir dort oben gemeinsam den Sonnenaufgang. Vater hatte es zeitlich immer gut vorausgeplant. Es war für uns Kinder ein gewal- tiges Erlebnis, dessen Wiederholung die Größe des Erlebten nur vertiefte. Zunächst war der Himmel weiß, fast fahl, dann wurde es im Osten lichter und lichter, das Weiß färbte sich langsam gelb, und das Gelb verwandelte sich in leuchtendes Gold. Bevor die Sonne selbst aufleuchtete, sah man nur Farben, die nicht blendeten, sondern den Vordergrund dop- pelt kontrastreich hervorhoben. Wenn das Licht beim Auftauchen des Sonnenballs grell wurde, setzte Vater jedem von uns eine tiefdunkle Kinderbrille auf, und wir durften das Schauspiel nur mit Hilfe dieser Brille weiterverfolgen. Für mich war es so, als öffnete sich einfach der Himmel und für einen Au- genblick schien Gottvater durch Licht und Glanz herabsteigen zu wollen.

Nach einem fröhlichen Frühstück aus den Rucksä- cken, auf Felsbrocken sitzend und nach ein paar dreistimmig gesungenen Jodlern, liefen wir um 6 Uhr früh wieder ins Tal hinunter. Bis wir dem Strom der

32

Beim Trio-Spiel mit Vater und Bruder

Beim Trio-Spiel mit Vater und Bruder

Das „Ganner Schlöß l“

Das „Ganner Schlöß l“

Sonntags-Bergwanderer begegneten, waren wir schon im Tal und bald wieder zu Haus. Nach einem erfrischenden Bad wurde daheim am Vormittag der Sonntags-Gottesdienst gehalten. Ich spielte am Flü- gel den von Mutter ausgesuchten Choral, den die Familie mehrstimmig sang. Dann las Mutter den für diesen Sonntag bestimmten Bibeltext, den wir Kin- der meist nicht verstanden. Aber Mutter legte ihn anschließend so verständlich für uns aus, daß wir fasziniert lauschten und uns gar nicht bewußt wurde, wie tief sich die verborgene Weisheit des Gesagten in unsere Herzen legte. Vater, der ein tief religiöser Mensch war, liebte es gar nicht die Pfarrer mögen es mir und ihm verzeihen in die Kirche zu gehen. Er wollte nicht, daß jemand die ihm heiligen Gefüh- le sehen könnte. Oft schlich er nach Mutters Text- Auslegung in sein danebenliegendes Ordinations- zimmer, ohne unseren Schluß-Choral mitzusingen. Eines Tages entdeckte ich die Ursache: Als ich mich einmal trotz der großen Spannung während Mutters Text-Auslegung erregt umwandte und zu Vater hin- blickte, ertappte ich ihn, wie er mit tränengefüllten Augen den Worten seiner geliebten Frau lauschte. Wenn er zu Tränen bewegt war, sollten wir Kinder es nicht merken. Auch an diesem Tag verschwand er rasch. Ich verriet ihn nicht an meine Geschwister, aber fühlte mich seit diesem kleinen Erlebnis mit ihm heimlich verbunden.

33

Vor den Mahlzeiten, bevor wir uns niedersetzten, wurde ein dreistimmiger Tiroler Jodler gesungen, mit dem wir wochentags, wenn uns Vater in seiner Sprechstunde nebenan zu lange warten ließ, ihn so- gar zum Abbruch der Sprechstunde verlocken konn-

ten. Er hieß: „Was tuat denn der Jagerbua

dem Sonntagsmahl wurde wegen der fehlenden Nachtruhe ausgiebig geschlafen. Danach spielten wir fröhlich mit den Eltern: Ratespiele oder Quartettspiele oder im Garten Boccia. Kein Kind will gern verlieren auch Erwachsene können es selten mit Humor. So liefen uns, wenn wir Verlierer waren, die Tränen herunter. Die Folge war, daß alle übrigen der Familie fröhlich über den Verlierer lach- ten, bis er schließlich mitlachen mußte. Die Eltern aber reichten dem „Sieger“ die Hand und sagten:

Nach

„Ich gratuliere Dir, das hast Du fein gemacht!“ Die- ser Schritt vom Verlieren zum Anerkennen des Sie- gers ist für ein Kind schwer, aber das immerwähren- de Beispiel der Eltern lehrte ihn uns unmerklich.

34

6. Kapitel

Die Schokoladenbäume

War das Wetter nicht günstig, um die Nachtwande- rung zu unternehmen und den Sonnenaufgang auf dem Kamm des Riesengebirges zu erleben, machte die ganze Familie am Sonntagmorgen einen zwei- stündigen Spaziergang in die wunderschöne Umge- bung von Hirschberg. Das war für uns drei Ge- schwister, solange wir noch klein waren, ein fröhli- ches Unternehmen, denn sonderbarerweise schien unser Vater ganz besondere Augen zu haben und entdeckte, wie er sie nannte, „Schokoladenbäume“. Es waren nur Bäume, deren Stamm so dünn war, daß wir zwar mit großer kindlicher Anstrengung sie schütteln konnten, so daß die Zweige sich stark bewegten. Während wir uns kräftig abmühten, warf Vater heimlich hinter unserem Rücken, in Goldpa- pier gewickelte Schokoladestangen in die jeweiligen Bäume. Sie purzelten über die Zweige und unsere Köpfe auf den Boden. Jubelnd hoben wir sie auf und verzehrten sie. Es fiel uns gar nicht auf, daß bei je- dem solchen Schokoladenbaum jedesmal

35

genau fünf Stück, also für jeden der Familie eine Stange herunterfiel. Mein Vater war sehr darauf be- dacht, daß wir nicht verwöhnt werden, und solch Zuckerln gab es höchstens mal am Sonntag. Wenn Patienten für uns Kinder zum Beispiel Konfektschachteln mitbrachten, so erhielten wir die- se nie. Der Inhalt wurde nach und nach bei den Sonntagsspielen aber jeweils nur eine Praline an den Sieger verteilt und je eine als Trostpreis an die Verlierer. Wir drei versuchten auf solchen Spa- ziergängen heimlich doch zu mehr Zuckerln zu ge- langen und liefen so weit voraus, daß die Eltern bei einer Wegkrümmung unseren Blicken zeitweilig entschwanden. Dann versuchten wir eifrigst an je- dem Baum zu schütteln in der Hoffnung, daß doch mal viele Stangen herunterfallen würden, um nach Herzenslust naschen zu können. Aber leider schien das Entdecken von Schokoladenbäumen nur den Augen des Vaters vorbehalten zu sein.

36

7. Kapitel

Kindliche Krise

Als ich etwa 8 Jahre alt war, hatte ich eine schwere Zeit, die mir noch heute lebendig in Erinnerung ist. Und zwar war die Liebe zu meiner Mutter so glü- hend gewachsen, daß ich nur eine einzige quälende Angst hatte, Mutter könnte mir vom Herrgott durch den Tod genommen werden. Mir erschien ein Wei- terleben ohne die geliebte Mutter völlig unmöglich. Diese innere Angst drückte sich in intensivsten Träumen aus, die sich Nacht für Nacht in veränder- ter Form wiederholten, die aber jede Nacht im Traum Mutter sterben ließ und ich erfuhr dies vom Herrgott jedesmal vorher und mußte darüber schweigen. Den ganzen grausamen Schmerz erlebte ich Nacht für Nacht, bis ich immer tränenüberströmt aus tiefer Qual erwachte. Ich erzählte es niemandem, hatte aber vor jeder Nacht eine sich steigernde Angst. Sie wurde so groß, daß ich so lange wie möglich, versuchte, wachzubleiben. Das veranlaßte mich, als übersensibles Kind, sobald ich die Ge- schwister fest und tief eingeschlafen wähnte, mich leise zu erheben und

37

barfuß durch die Wohnung zu streifen bis vor die Tür, hinter der ich die Eltern beisammensitzend wußte. Entweder lasen sie sich vor oder sprachen miteinander. Mich interessierte nicht, was sie rede- ten, sondern ich wollte nur die geliebte Stimme der Mutter hören. Oftmals setzte ich mich dazu vor der Tür auf den Boden, bis ich nach langem, beglücktem Lauschen ins Bett zurückschlich und anschlie- ßend wieder von neuem im Traum die Qual durch- litt. Eines Nachts aber war ich vor der Tür von Va- ters Zimmer sitzend eingeschlafen. Und als die El- tern um Mitternacht ins Bett gehen wollten, fanden sie voll Schreck mich schlafend im Nachthemd vor der Tür in der Ecke sitzend. Sie trugen mich ins Bett, und als Mutter noch allein an meinem Bett sit- zenblieb, schluchzte ich im Traum plötzlich wieder vor Schmerz auf, weinte bitterlich und erwachte. Ich konnte das Glück kaum fassen, daß Mutter mich in ihre Arme geschlossen hatte und mich zu beruhigen versuchte. Ich erzählte ihr die ganze Qual der vielen vorausgegangenen Nächte, und daß ich schon seit vielen Abenden leise zur Tür geschlichen wäre, hin- ter der ich sie reden gehört hätte. Mutter verstand es nun, mir lieb, aber energisch klarzumachen, daß man sich solche Gedanken nicht erlauben dürfe. Wen auch immer in der Familie man besonders ins Herz geschlossen hätte dieser Liebe dürfe man sich nur in Dankbarkeit gegen Gott erfreuen. Dann würde sich im

38

Traum auch nur die Freude ausdrücken und nicht die Angst, das Glück zu verlieren. Und die abendlichen Wanderungen zur Tür redete sie mir mit Überzeu- gungskraft aus. Um es aber wirklich zu verhindern, ließen die Eltern die Tür weit offen und den Flur er- hellt, so daß ich nicht mehr ungesehen hätte hin- schleichen können. Auf diese Weise gewöhnte ich es mir ab. Die weise Methode aber, mit der Mutter es verstand, die Liebe in Dank zu verwandeln, war für Mutter bezeichnend.

39

8. Kapitel

Familie, Heimat, und die schöne Welt

Bis meine Geschwister und ich die Schule mit der Matura beendet hatten, verbrachte unsere ganze Fa- milie fast alle Sommerferien in Nordtirol oder Südti- rol, zusammen mit unseren Tiroler Verwandten. Da war zunächst die von uns geliebte und verehrte Großmutter, Therese von Alpenheim, von uns ge- nannt das „Omamerl“. Von ihr ging eine Güte, eine Ruhe, eine Weisheit und Kraft aus, an die ich noch heute mit Ehrfurcht und Bewunderung denke. Sie war die stillste von allen, die wundersam zuhören konnte und hatte die Gabe, alles, was man ihr erzähl- te, so intensiv mitzuerleben, als sei es ihr eigenes Leben und Schicksal. Unmerklich war sie immer für uns alle der Mittelpunkt, nach dem man sich wäh- rend der Ferien ausrichtete. Sie hatte nach kurzer, sehr glücklicher, aber nur fünfzehnjähriger Ehe ihren Mann verloren, der damals Landgerichtsrat in Klau- sen war. Die älteste ihrer drei Töchter, Emy, die spä- ter meine Mutter wurde, war erst dreizehn Jahre alt bei seinem Tod. Nach seiner Erkrankung wurde sie

40

ins kaiserliche Zivil-Mädchen-Pensionat nach Wien gebracht, einer Stiftung Kaiser Franz Josefs, wo sie ihre Matura machte. Ihre zwei jüngeren Schwestern, Lisbeth und Hanna, zogen damals mit der so früh verwitweten Mutter zu den Großeltern ins „Ganner Schlößl“ nach Bad Hall. Später lebte sie in Innsbruck, zusammen mit der einzigen unverheirate- ten ihrer drei Töchter, Lisbeth, die jene Sommerferi- en mit uns allen verbrachte.

Tante Lisbeth hatte ohne Zweifel das schwerste Schicksal der drei Geschwister. Dreimal im Leben wurde ihr der Mann, den sie liebte und zu heiraten gedachte, durch das Schicksal genommen, so daß sie schließlich unverheiratet blieb. Und gerade sie, mit ihrem sprühenden Temperament, dem Wunsch sich mitzuteilen und das Schicksal geliebter anderer mit- zuerleben, wäre für Ehe und Familie wie geschaffen gewesen. Selbst hochmusikalisch, widmete sie dann ihr Berufsleben voll und ganz der Musik, aber hatte sich als Klavierlehrerin mühsam und hart durchs Le- ben zu schlagen. Sie war ich möchte es so nennen — eine „stille Heldin des Alltags“. Sie trug ihr Schicksal nach außen mit größter Fröhlichkeit und niemals klagend. Neidlos freute sie sich am Fami- lienglück ihrer zwei Schwestern und konnte, wie nur wenige Menschen, sich am Glück anderer und an der Schönheit der Natur und Welt erfreuen. So waren

41

meine Geschwister und ich, und die drei Kinder ih- rer jüngeren Schwester Hanna ihr besonders ans Herz gewachsen. In jenen gemeinsamen Sommerfe- rien widmete sie sich uns daher mit verströmender Liebe.

Dann gehörte zu diesem „Ferienkreis“ die Familie der jüngsten der drei Schwestern, nach der ich den Namen Hanna erhielt und die meine Patentante war. Später, vor allem nach dem 2. Weltkrieg und dem Tod meiner Familie, wurde sie meine engste Freun- din und zweite Mutter. Sie war nicht nur ein ganz einmaliger Mensch, sondern hatte eine ungewöhnli- che Familie, die durch ein besonders schweres Schicksal zu dem wuchs, was sie geworden war: Vor ihrer Hochzeit nämlich mit dem ältesten Sohn des Wiener Komponisten Richard Heuberger, welcher bekannt ist durch die Operette „Der Opernball“, er- blindete ihr Mann nahezu durch eine Netzhautablö- sung. Er hatte sie sich im l. Weltkrieg an der Dolo- mitenfront als Folge einer Kriegseinwirkung zuge- zogen. Er war ein Mensch voll dynamischer Aktivi- tät, ein begeisterter Bergsteiger, von Natur aus eher ungeduldig als geduldig und ein rein visueller Typ. Er lehnte es schon als Kind ab, daß man ihm je vor- las, und nun sollte er ein ganzes Leben lang nur vom Vorlesen anderer abhängig werden. Die ersten Jahre seiner Erblindung und Ehe waren daher für ihn und seine tapfere Frau unvorstellbar schwer. Er erbat

42

von seiner Frau drei Versprechungen, ohne die er das Ertragen der Blindheit niemals packen würde:

1. dürfe sie ihn niemals bemitleiden,

2. dürfe sie ihm selbst niemals erlauben zu klagen,

3. dürfe sie ihn nicht begleiten.

Letzteres war für Tante Hanna besonders schwer, und sie mag es wohl oftmals, ohne daß er es ahnte, heimlich getan haben aus übergroßer Angst um ihn, sich aber niemals dabei verratend. Er wurde als Blinder Universitäts-Professor in Innsbruck und er- hielt dort als Historiker einen Lehrstuhl für Ge- schichte des Mittelalters. Nach zunächst jahrelangen schwersten Kämpfen, um die Blindheit zu ertragen, die ihn fast an den Rand des Lebens führte, wurde er schließlich nicht nur dank seiner großen Persön- lichkeit, sondern auch vor allem dank seiner ganz ungewöhnlichen Frau einer der glücklichsten, ausgeglichensten und geduldigsten Menschen, die mir je begegneten. Erst mit 84 Jahren (ständig noch als Wissenschaftler arbeitend) starb er 1968, nach- dem er fünf Jahre vorher seine geliebte Frau verlo- ren hatte. Er hatte aber das große Glück, daß seine Tochter Gertrud, trotzdem sie als Lehrerin tätig war (und dies noch ist), sich ihm in derart liebevoller Weise widmete, daß er sich bis zu seinem Tod tief reich und glücklich fühlte. In hohem Alter sagte er mir einst: „Ich danke Gott für die Blindheit meiner Augen, denn

erst dadurch habe ich mit dem Herzen sehen ge- lernt.“ Seine Frau, meine Tante Hanna, hatte die Ga- be, trotz der drei Kinder, die sie ihm geboren hatte, Wolfgang, Gertrud und Helmut, sich ihm nicht nur verströmend zu widmen, sondern ihm alles, gar alles so plastisch zu beschreiben, daß er zu Freunden einmal sagte: „Ich sehe die Dinge ringsum mit den Augen meiner Frau; das ist zwar ein kleiner Umweg, aber ohne meine Blindheit und ohne meine Frau wä- re ich in meiner Ehe und Familie niemals so glück- lich geworden, wie ich es bin.“ Tante Hanna ver- stand es, auch ihre drei Kinder vollkommen auf den blinden Vater hin zu erziehen. So war er immer der geliebte und bewunderte Mittelpunkt, der alles, was jeder einzelne seiner Familie erlebte, durch genaues- te Beschreibungen so miterleben konnte, als wäre es sein eigenes Erleben. Durch ihn und seine Blindheit lebte seine Familie mehr und mehr dem Wesentli- chen und dem Bleibenden. Das Unwichtige, was die Tageszeitungen brachten, fiel einfach ab. Dies präg- te jeden einzelnen dieser Familie. Einst sagte Onkel Richard zu mir: „Wenn mich der Herrgott fragen würde, was ich mir wünschte, so würde ich ihm antworten: Herr, laß mich blind, ich danke Dir.“ Für einen Sehenden fast unfaßlich, ist er zu einem geis- tigen Glück und Reichtum gelangt, wie er ihn davon war er überzeugt sehend niemals hätte er- reichen können.

44

In diesen gemeinsamen Sommerferien wurden mei- ne Geschwister und ich von klein auf angewiesen, uns in besonders liebevoller Weise unserem blinden Onkel Richard zu widmen, der jeden kindlichen Spaß zu unserem größten Jubel mitmachte. Für je- den von uns war es eine besondere Auszeichnung, mit dem blinden Onkel Spazierengehen zu dürfen, und wir überboten uns dabei, ihm alles, was wir sa- hen, in den buntesten Farben zu schildern, so daß er die Berge in ihren verschiedenen Beleuchtungen, Bäume und Blumen, Menschen und Tiere, kurz al- les, was wir sahen und was uns begegnete, miterleb- te und selber zu sehen glaubte. Onkel Richard und ich waren nicht nur verwandtschaftlich verbunden, sondern wurden innige Freunde fürs Leben. Seit ich erwachsen bin, erhielt ich jede Woche bis kurz vor seinem Tod einen von ihm selbst getippten Brief. Kein Fremder könnte je glauben, daß ein Blinder ihn geschrieben habe. Darin malte er geradezu die Far- ben, in denen diese und jene Bergspitzen aufleuchte- ten, wenn er am Wochenende mit seiner Familie oder allein mit seiner Frau durch die Tiroler Berg- welt wanderte.

Seine drei Kinder waren in diesen vielen gemeinsa- men Sommerferien natürlich unsere liebsten Spiel- gefährten. Sie waren etwas jünger als meine Ge- schwister und ich, der älteste von ihnen, Wolfgang,

45

war so alt wie unsere jüngste Schwester Heidi. Alle drei waren besonders originell und zugleich bezau- bernd anzuschauen. Wolfgang, ein dunkler Locken- kopf mit großen, tief dunklen Augen, war der schwierigste von ihnen. Als er mit sechs Jahren in die Schule gehen sollte, weigerte er sich und sagte, sich sträubend: „Ich will werden wie der liebe Gott — er hat nichts gelernt und regiert die Welt.“

Von ihm könnte man ein Büchlein köstlichster Ge- schichten schreiben. Er war hochmusikalisch, spielte schon als kleines Kind, ohne Noten zu kennen, auf dem Klavier und improvisierte eigene musikalische Gedanken. Die Musik blieb auch weiterhin für ihn eine Hauptquelle des Lebens und hebt ihn über den Alltag seines Beamten-Daseins in Innsbruck, wo er mit seiner Familie lebt.

Seine Schwester Gertrud vereinigt wohl am begna- detsten die Fähigkeiten und Gaben beider Eltern. Sie gehört zu jener Generation, deren gleichaltrige männliche Freunde im 2. Weltkrieg fielen. So blieb sie unverheiratet, und wir beide sind bis zum heuti- gen Tage nicht nur Cousinen, sondern enge Freun- dinnen. Der jüngste der drei Geschwister, Helmut, war blond, blauäugig, ritterlich und charmant. Be- gabt und musisch, begann er als Zwölfjähriger schon zu dichten und kindliche Dramen zu schreiben, die

46

bei Familienfesten aufgeführt wurden. Später wurde er (und blieb es bis heute) ein begeisterter Bergstei- ger und erlebte eigentlich das, was sein Vater sich nur erträumte. Er war mehrfach als Wissenschaftler (Geograph) im Himalaya. 1954 gehörte er zu der kleinen Expedition von Professor Dr. Tichy (Wien), der mit dem Tiroler Bergsteiger Jöchler den 8153 m hohen Tscho Oyu bezwang. Helmut, mit dem mich seit klein auf eine besonders enge Freundschaft ver- bindet, ist heute Professor an der Universität in München.

Nach dem Tod der Meinen erwiesen sich diese Ver- wandten als ganz besonderer Reichtum für mich. Wie ich schon vorher erwähnte, wurde besonders Tante Hanna meine allernächste Freundin und zwei- te Mutter. Auch sie konnte wie ihre Mutter sehr in- tensiv zuhören und miterleben. Dazu machten ihre Warmherzigkeit, Weisheit, Klugheit und Bildung (letzteres allein schon durch all das, was sie täglich bis in die Nächte hinein ihrem blinden Mann vorlas) gar jedes Gespräch mit ihr sehr wertvoll. Oft haben wir miteinander Tränen gelacht, weil wir so gleich- artig humorvoll erlebten und empfanden. Sie war und blieb innerlich jung, so daß ich nie merkte, daß sie eine Generation älter war als ich selbst. Ihr Tod 1963, während ich in Ghana/Westafrika eine Flie- gerschule leitete, traf mich tief schmerzlich. Die

47

Verbindung mit den noch Lebenden dieser Ver- wandten und mit den Toten gehört zu diesen wun- dersamen unzerstörbaren und bleibenden Reichtü- mern.

Unsere Oster- und Herbstferien benutzten die Eltern, bis wir etwa 14 Jahre alt waren, um mit uns in die verschiedensten Städte und Provinzen Deutschlands zu reisen. Sie führten uns durch Museen, zeigten uns Kunstschätze aller Art und jeder dieser Reisen ging eine gründliche gemeinsame Vorbereitung auf das, was wir zu sehen bekamen, voraus. Auf diese Weise lernten wir unser herrlich schönes Heimatland inten- siv kennen und lieben. In den letzten Jahren vor der Matura wurden die Oster- und Herbstferien von den Eltern benutzt, um mit uns Kindern Reisen durch Europa zu machen: Nach Finnland und ins Balti- kum, nach Frankreich, nach England und Holland, nach Italien und anderen Ländern Europas, mit dem Ziel, uns die Schönheiten und die Eigenarten jedes dieser Länder und seiner Menschen nahezubringen. Dies machte auf uns junge Menschen einen so tie- fen, bleibenden Eindruck, daß alles, was wir dort lieben, ehren und schätzen lernten, auch nicht durch den schweren, bitteren 2. Weltkrieg und seine Fol- gen verblassen konnte.

48

Mein Onkel — Prof. Richard Heuberger

Mein Onkel Prof. Richard Heuberger

Die Koloniale Frauenschule in Rendsburg

Die Koloniale Frauenschule in Rendsburg

9. Kapitel

Der Wunsch zu fliegen

In meinem Leben gab es sehr früh ein Problem: Die Sehnsucht meiner Tiroler Mutter, auf Berge zu stei- gen, schien sich in mir in Flugsehnsucht verwandelt zu haben. Sonst wäre es für niemanden verständlich, warum ich, noch ehe ich wußte, was Fliegen heißt, mit weit ausgebreiteten Armen von jedem Fenster- brett und dem Balkongeländer hinunterfliegen woll- te. Ich durfte also nie aus den Augen gelassen wer- den. Als die Eltern glaubten, ich wäre verständig genug, erklärten sie mir, daß ich mausetot wäre, wenn ich hinunterspränge. Da sie mich aber beim Beten gelehrt hatten: „Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich in den Himmel komm“, schien mir diese Warnung in meinem dritten Lebensjahr kei- neswegs abschreckend. Ich las später in den Tage- büchern, die Mutter über uns Kinder schrieb, daß ich ihnen damals mit leuchtenden Augen geantwortet hätte: „Wird der liebe Gott dann sagen: Hannerl, wollen wir es hageln lassen?“ Hageln hatte mir zu jener Zeit den größ-

49

ten Eindruck gemacht es donnerte und klirrte so schön, und ehe man sich’s versah, war die Erde im Sommer weiß, voller lustiger, eiskalter Körner, die man lutschen konnte.

Als ich älter wurde und ständig vom Fliegen sprach, fürchteten die Eltern, daß sich in diesem kleinen Mädchen ein Geltungsbedürfnis entwickeln könnte. So versuchten sie, dieses im Anfangsstadium zu er- sticken. Sie dachten sich dabei etwas aus, was ihnen sehr erfolgversprechend schien: Vater nahm mich auf den Schoß, ich muß damals etwa 10 Jahre alt gewesen sein, und sagte: „Hannerl, wenn es dir ge- lingt, bis zum Abitur kein einziges Wort mehr über das Fliegen zu reden, darfst du anschließend in Grunau einen Segelflugkursus mitmachen.“ In Grunau war eine sehr bekannte und anerkannte Se- gelflugschule 12 km von Hirschberg entfernt, de- ren Schulleiter von 1930 bis 1932 der berühmte Se- gelflug-Pionier, mein späterer „Fliegervater“, Wolf Hirth, war. Meine Eltern hatten gehofft, daß dieses Schweigenmüssen über das Fliegen mich dazu brin- gen würde, das Fliegen langsam zu vergessen. In so langen Jahren aber bis zum Abitur, so glaubten und hofften sie, würde ich ganz gewiß einmal, wenn auch nur versehentlich, vom Fliegen reden, und da- mit wären sie ihres Versprechens entbunden. Sie ahnten aber nicht, wie

50

tief dieser Wunsch in mir saß. Durch dieses Ver- sprechen schien sich für mich „der Himmel zu öff- nen“. Der erste Gedanke am Morgen war ein inniges Gebet, daß der Herrgott mir den ganzen Tag helfen möge, kein Wort vom Fliegen zu reden. Dies wurde ständig schwerer, je klarer mir wurde, daß ich etwas werden wollte wie mein geliebter Vater. Ich wollte mein ganzes Leben lang ändern helfen. Durch sein wunderschönes Beispiel und Vorbild glaubte ich damals, dies am besten erfüllen zu können, wenn ich Ärztin würde. Da es für mich aber mit dem Fliegen unbedingt zusammenhängen sollte, so mußte es na- türlich eine „fliegende Ärztin“ sein. Wo aber muß eine Ärztin in der Ausführung ihres Berufes auch fliegen? Das erschien mir damals nur im ungeheuer weiten Afrika nötig. Dieser schwarze, so geheimnis- volle Kontinent war für mich der Inbegriff alles abenteuerlich Verlockenden, aber auch der Inbegriff von unheilbaren Krankheiten und vielen leidenden Menschen. Als Vater meinen Wunsch und meine Neigung erkannte, Ärztin werden zu wollen, unter- stützte er dies in besonderer Weise. Er erzählte nicht nur natürlich ohne Namensnennung von medi- zinischen Fällen, sondern er versuchte, das Interesse zu vertiefen, indem er sich von einem Schlachter in einer Schüssel Schweineaugen schicken ließ. Das Auge des Schweines, so erklärte er uns, wäre dem

51

Menschenauge besonders ähnlich. Mit dem Operati- onsbesteck, das mein Bruder und ich vorsichtig in die Hände nehmen durften, ließ er uns besondere Operationen am Auge durchführen, die er uns vor- machte und erklärte. Er verstand es, uns voll Ehr- furcht in die Wunder des menschlichen Körpers ein- zuführen in diesem Fall des Auges. In meinem Herzen also war es beschlossen, fliegende Ärztin in Afrika zu werden. Zunächst aber durfte es nur „Ärz- tin in Afrika“ heißen, um nicht das Wort „Fliegen“ zu gebrauchen. So vergingen Tag um Tag und Jahr um Jahr, und täglich betete ich erneut um mein Schweigen. Bis der Tag kam, an dem ich glückselig nach bestandenem Abitur nach Hause kam. Von den Eltern, die ja die Abiturprüfung ihrer Kinder selbst durchlitten, wurde ich herzlich beglückwünscht. Als mir aber Vater eine schöne goldene Armbanduhr dazu schenken wollte, lehnte ich dies ab und sagte leise: „Bitte, denkt an euer Versprechen und erlaubt mir jetzt, Segelfliegen zu lernen.“ Meine Worte ver- setzten den Eltern einen erheblichen Schock, Ich sah, wie sie blaß wurden, sich anschauten, aber sich stillschweigend einig waren, dies Versprechen hal- ten zu müssen. Ein Segelflugkursus dauerte damals 14 Tage und diese, so hofften sie, würden gut vorü- bergehen, und dann wäre es wohl mit meinem Flie- gen endgültig zu Ende.

52

10. Kapitel

Die Koloniale Frauenschule

Da ich als Ärztin nach Afrika wollte, sollte ich vor dem Medizinstudium eine hauswirtschaftliche Schu- le besuchen. Die Eltern hatten mich für das Jahr 1931 in der einzigen damals in Deutschland existie- renden Kolonialen Frauenschule in Rendsburg am Kaiser-Wilhelm-Kanal angemeldet (Foto). In diesem Jahr sollte ich nicht nur im Kochen, Waschen, Plät- ten und Nähen unterwiesen werden, sondern in allen in Afrika sich als notwendig erweisenden Dingen. So lernten wir dort über die normale Hauswirtschaft hinaus einen Farmbetrieb zu leiten, melken, schlach- ten, Wurst und Käse zu machen, einen Molkereibe- trieb zu leiten, Schuhe zu besohlen, zu drechseln, einen Zaun zu machen, Werkzeuge anzufertigen, zu reiten und zu schießen. Wer es wollte, konnte frei- willig sogar die Sprachen Kisuaheli und Herero er- lernen. Da ich aber hörte, daß es Hunderte von Ein- geborenen-Sprachen gibt, wollte ich nicht etwas ler- nen, was ich wahrscheinlich niemals brauchen wür- de.

53

Eine große Rolle spielten während dieses Jahres für uns „Kolo-Schülerinnen“ die Kriegsschiffe. Sie be- nutzten den Kaiser-Wilhelm-Kanal (jetzt Nord- Ostsee-Kanal), um auf kürzestem Weg von der Nordsee in die Ostsee zu gelangen und wieder zu- rück. Unsere „Kolo-Schule“ lag direkt am Ufer die- ses Kanals. Wenn die Kriegsschiffe majestätisch und mit herabgesetzter Geschwindigkeit den Bereich un- serer Schule passierten, so kündigten sie sich durch lautes Sirenengeheul an zwar nicht unseretwegen, sondern wegen einer damals in Rendsburg befindli- chen Drehbrücke, die über den Kanal führte und rechtzeitig geöffnet werden mußte, aber sowohl für die frohe Mädchenschar, wie auch für jegliche Be- satzungen der Kriegsschiffe, war dieses nötige Sire- nengeheul sehr willkommen; denn es kündete der „Kolo-Schule“ ihre Vorbeifahrt an. Bei Tag durften wir jede Lehrstunde unterbrechen, rannten zum Ka- nal und stellten uns entlang des Ufers auf. Wir ant- worteten dem lauten Ruf der Besatzungen, die alle winkend an der Reling standen, mit einem nicht minder lauten Ruf: „Zickezacke, zickezacke — Hoi, Hoi, Hoi.“ Kartoffeln mit kleinen Zetteln und Gruß- worten darauf wurden herüber- und hinübergewor- fen, und bei den jährlichen Sommerfesten unserer Schule waren die geladenen Herren fast immer Ma- rine-Offiziere jener Besatzungen. Während meiner „Kolo-Zeit“ gehörte zu den Geladenen auch

54

mein Bruder, der damals als Fähnrich in Flensburg- Mürwik an der Marine-Schule weilte und mich oft- mals übers Wochenende nicht nur zu meiner ei- genen Freude in Rendsburg besuchte. Passierten die Schiffe während der Nacht unsere Schule, so gab es für uns Sondervorschriften, um nur sittsam, mit Morgenröcken bekleidet, an den Fenstern zu win- ken, die durch grelle Scheinwerfer der Kriegsschiffe taghell beleuchtet wurden.

Diese Verbindung der Marine mit unserer Kolonial- Schule führte häufig zu Verbindungen fürs Leben.

Trotz meines brennenden Heimwehs wurde dieses Jahr in Rendsburg eines der schönsten, fröhlichsten Jahre meiner Jugend, an die ich mich erinnern kann. Es schenkte mir Freundschaften für mein ganzes Le- ben. Meine zwei Zimmergenossinnen, mit denen ich mein „Turmzimmer“ teilte — Anna-Luise v. Öster- reich, verheiratete v. Fabeck, und Gisela Wülfing, verheiratete Holzrichter sind bis zum heutigen Tag meine liebsten Freundinnen geblieben. Leider heiratete Anna-Lu ins ferne Chile und ist für mich dadurch fast unerreichbar. Sie schenkte ihrem Mann, einem Farmer, sieben gesunde Kinder und ist eine beispielhaft tapfere, tüchtige Frau geworden. Doch habe ich das Glück,

55

Gisela Holzrichter ganz in der Nähe Frankfurts, in Dillenburg, zu haben, wo ihr Mann als Landstall- meister des bekannten hessischen Hengstgestütes tätig ist. Gisela und ich waren während unseres Rendsburger Jahres wohl die zwei begeistertsten Reiterinnen. Ich wurde später durch mein Fliegen dem Reiten untreu, aber für Gisela hat sich neben einer glücklichen Familie mit zwei Kindern und drei Enkeln der große Wunsch erfüllt, daß sie noch heute täglich gemeinsam mit ihrem Mann auf edlen Hengsten reiten kann.

Wenn meine hauswirtschaftlichen Erfolge recht kümmerlich blieben, so lag das nicht an der Schule, sondern einem besonderen Umstand: Ich kam nicht dazu, das Gelernte anzuwenden. Als ich nach Hause kam und stolz darum bat, unsere treue Köchin für einen Tag ersetzen zu dürfen, kochte ich, da ich ge- wohnt war, für etwa siebzig Menschen zu sorgen, so viel Reis, daß die arme Familie 14 Tage nur Reis essen mußte und deshalb auf meine weiteren Koch- künste gern verzichtete.

Eine unserer damaligen Lehrerinnen, Frl. Dreves, hält bis zum heutigen Tag durch Rundschreiben und durch von ihr jährlich organisierte Zusammenkünfte die Verbindung mit uns „Kolo-Schülerinnen“ aller Jahrgänge. Das unvergeßlich schöne

56

Erleben jener Zeit in Rendsburg läßt uns bei diesen Treffen zu denen manchmal sogar jetzt in Afrika lebende ehemalige „Kolo-Schülerinnen“ herüber- kommen sofort ein festes Band der Zusammen- gehörigkeit empfinden, gleichgültig, ob wir uns vor- her durch die verschiedenen Altersstufen je kennen- gelernt hatten. Das Glück dieser Verbindung gehört zu den unzerstörbaren Reichtümern, die alle politi- schen Wirren sowie den tragischen zweiten Welt- krieg und die schwere Nachkriegszeit überdauerten.

57

11. Kapitel

Die heimlichen Schlüssel zu meinem Fliegen

In den ersten Ferien während meiner Kolonialschul- zeit begann ich mit dem versprochenen Segelflug- kursus. Wie es mir dabei erging und was ich dabei erlebte, kann man ausführlich nachlesen in meinem Buch „Fliegen mein Leben“ (J. F. Lehmanns Verlag, München, Kapitel 3, Seiten 3650).

Hier will ich nur andeuten, daß mein erster „Rut- scher“, aus Ungehorsam und Sehnsucht zugleich falsch ausgeführt, zu einem höchst unerfreulichen Flugabenteuer wurde. Ich wäre beinahe aus der Schule geflogen. Die über mich verhängte Strafe eines dreitägigen Startverbotes brachte mich auf eine eigene Methode, das Fliegen geistig zu trainieren; eine Methode, die ich noch heute mit Erfolg anwen- de und die ein wesentlicher Schlüssel für mein flie- gerisches Tun wurde. Den zweiten Schlüssel ich möchte sagen: den wesentlichen für mein Leben — muß ich meinem ersten Buch „Fliegen mein Leben“ doch entnehmen, weil es dabei um meine Mutter geht. Wolf Hirth aber, der

58

Schulleiter, sagte zu meinen Eltern, daß er in mir einen wie für das Fliegen geborenen Menschen sehe. Er nahm sich deshalb ganz besonders meiner an und wurde buchstäblich mein „Fliegervater“.

Nun aber zu jenem zweiten Schlüssel. Es war mir als Schülerin der Segelflugschule Grunau im April 1932 gelungen, einen Frauensegelflug-Weltrekord, und zwar im Dauerflug, zu erreichen. Ich hatte kurz vor- her die „C-Prüfung“ im Segelflug bestanden. Dazu war damals erforderlich, daß man länger als fünf Minuten mit Startüberhöhung vom Aufwind ge- tragen segelte. Wolf Hirth hatte an meinem Prü- fungsflug solch große Freude, daß er mir zur Beloh- nung erlaubte, ein ganz neues Segelflugzeug den „Grunau-Falken“ — zu fliegen, der bisher nur ihm selbst und seinen Segelfluglehrern vorbehalten war. Er gab mir die Erlaubnis, so lange in der Luft zu bleiben und zu segeln, wie es mir gefiel und der Aufwind es zuließ. Zum ersten Mal flog ich nun, ohne an eine zeitliche Einschränkung gebunden zu sein. Zum ersten Mal war ich frei wie ein Vogel. Mit wahrem Hochgefühl startete ich, durch Gummiseil katapultiert, und segelte den Grunauer Westhang entlang, hin und her, solange der Wind blies. Ich sang dabei glückselig all die Lieder, die Otto Johl uns während der Schulzeit gelehrt hatte. Ich jubelte sie in den Him-

59

mel hinein, dem ich entgegenflog. Ich merkte kaum, daß es kalt war in dem Flugzeug, das einen offenen Cockpit hatte, das durch Regenböen und Schneebö- en geschüttelt wurde, und es dort oben eigentlich höchst ungemütlich war. Noch dazu war der Holzsitz hart und das Sitzen darauf schmerzhaft. Nach mehr als 5 1/2 Stunden Flugzeit schlief der Wind ein, und ich wurde dadurch zum Landen ge- zwungen. Dankbar wie immer, wenn alles gut ge- lungen war, setzte ich auf dem Boden auf. Die Ka- meraden liefen mir begeistert entgegen und gratu- lierten zum „Weltrekord“. Jene fünfeinhalb Stunden waren damals zu meiner Überraschung ein Frauen- weltrekord. Abends schon brachte das Radio die Nachricht, und Glückwünsche und Blumen wurden ins Haus gebracht.

In mir jubelte es, ich war jung, ich fand es wunder- schön. Doch am Abend, als ich schlafen ging, lag auf meinem Bett ein Zettel, von meiner Mutter ge- schrieben: „Wie dankbar bin ich mit Dir für die Gnade des Glückes, die Dir der Herrgott mit diesem Flug geschenkt hat.“ Was hieß hier „Gnade des Glü- ckes“, dachte ich widerstrebend, als ich es las. Ich hatte Schnee und Kälte, Wind und Regen aushalten müssen, und noch spürte ich den schmerzhaften Druck des unbarmherzigen Sitzes. Was verstand Mutter denn vom Fliegen?

60

Je mehr ich darüber nachdachte und versuchte, die Worte der geliebten Mutter zu verstehen, um so mehr wurde mir klar, daß, wenn der Wind nach zehn Minuten aufgehört hätte zu blasen, ich schon nach zehn Minuten hätte landen müssen. Der langanhal- tende Wind war „die Gnade des Glücks“, der zum Erfolg geführt hatte. Als mir dies klar geworden war, falteten sich stumm die Hände, und es ging ein stiller Dank hinauf zum Himmel. Ich begriff nun, daß jegliches Tun erst durch „Gnade des Glücks“ zum Erfolg wird, auf welchem Gebiet wir es auch immer erleben mögen.

So war es stets meine Mutter, die auch bei jedem späteren fliegerischen Erfolg stillschweigend, in die- sem Sinne, an meiner Seite stand. Oft sagte sie, wenn Ungezählte jubelten und mich ehrten, wie da- mals, als ich 1941 Ehrenbürger meiner Heimatstadt Hirschberg wurde und fast die ganze Stadt auf den Beinen war: „Hannerl, gewiß sollst du dich dankbar freuen, aber vergiß nie: ,heute Hosianna morgen kreuziget’.“

Durch diesen wunderbaren Einfluß konnte mich kein Erfolg und keine Ehrung innerlich ohne tiefen Dank berühren. Auch konnte sich nach dem verlorenen Krieg, als ich durch die Amerikaner in eine Gefäng- niszelle gesperrt worden war und 1 1/2 Jahre

61

bei ihnen inhaftiert blieb, nicht eine Sekunde lang weder Haß noch Bitterkeit entwickeln, nur ein Ge- fühl und Gebet: „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Dadurch aber blieb ich selber Sieger, selbst in der Gefängniszelle der Amerikaner und trotz des verlorenen Krieges

62

12. Kapitel

Die selbstverdienten Flugscheine

Natürlich war für mich nach dem ersten vierzehntä- gigen Flugkursus, der mir von den Eltern bezahlt worden war, das Fliegen nicht beendet, sondern es fing erst an. Da die Eltern aber zunächst darüber gar nicht glücklich waren, gaben sie mir verständlicher- weise dafür auch keinerlei weitere finanzielle Unter- stützung. In ihnen war die Sorge groß, daß ich mir durch meinen glühenden Wunsch zu fliegen eine oberflächliche Welt aufbauen würde, die mir charak- terlich schaden könnte. Sie wollten der Erfüllung meines Wunsches zwar keine Hindernisse in den Weg legen, doch wollten sie seine Tiefe und Echt- heit ergründen, indem sie mich alle dafür notwendi- gen Opfer selbst bringen ließen. Während also mei- ne Freundinnen zu Tanz, Theater, in Opern und Konzerte gingen, arbeitete ich in jeder freien Stunde in der Werkstatt der Segelflugschule Grunau. Wäre Wolf Hirth nicht mein Fliegervater geworden, der größtes Interesse an meinem fliegerischen Fortschritt und vor allem ein weitherziges Verständnis für mei-

63

nen Wunsch zu fliegen hatte, wäre ich wohl nicht dahin gekommen, wohin ich fliegerisch kam, denn vom Start hängt vieles ab.

Nach dem Abitur besuchte ich ein Jahr die Koloniale Frauenschule in Rendsburg. In den Ferien danach, also vor Beginn des 1. Medizinsemesters in Berlin, durfte ich gar jeden Tag in Grunau in der Segelflug- werkstatt bauen helfen und dafür, sobald ein günsti- ger Wind blies, solange und soviel ich wollte, über dem Grunauer Westhang segeln. An jedem Morgen jener Ferien klingelte ich um sechs Uhr früh an Wolf Hirths Wohnungstür. Ich war für ihn und seine Frau Lala der pünktlichste Wecker. Während beide auf- standen, durfte ich in Wolf Hirths Arbeitszimmer seine Fliegerbücher durchstöbern. Ich lag dazu meist am Boden, um mich her ausgebreitet die mich am meisten interessierenden Bücher, Schriften und Ma- nuskripte. Eines davon über den „Leistungs- Segelflug“ gab er mir bald zum Korrigieren. So merkte ich gar nicht, wie die Zeit jeden Morgen ver- flog und ich immer tiefer in die Theorie des Leis- tungs-Segelfluges eindrang. Während des Früh- stücks durfte ich an Wolf Fragen stellen, die ich un- aufhörlich und in überreichem Maße immer hatte, bis es Wolf zu viel wurde und er mich freundlich loszuwerden suchte, um mit seiner Frau noch allein zu sein. Ich wurde dann von ihm

64

1934 in Finnland zur Einführung des Segelfluges

1934 in Finnland zur Einführung des Segelfluges

1943 in Rußland

1943 in Rußland

mit einem günstigen Trick in die Garage hinunter geschickt und bekam die mich verlockende Aufgabe, seinen alten „Wanderer“ von der Garage, die im Keller lag also recht steil nach oben rückwärts auf die Straße vor das Haus zu fahren. Das war für mich, noch ohne einen Führerschein zu haben, eine herrlich aufregende und beglückende Pflicht. Sie mußte aber hart errungen werden, und das wußte

Wolf Hirth genau. Denn der Motor des alten „Wan- derer“ mußte mit einer Kurbel angeworfen werden und sprang niemals an, ohne daß man mindestens dreißigmal mühevoll die Kurbel betätigen mußte. Ich war aber von der Aussicht, den Wagen selber hinausfahren zu dürfen, so begeistert, daß ich diese Mühe gerne auf mich nahm. Leider hatte dieser Spaß für mich sein Ende, als ich nämlich schon ge- wohnt, mit kühnem Tempo rasch rückwärtsfahrend vergaß, die Garagentür zu sichern und ein tücki- scher Windstoß einen Flügel just in dem Augenblick zuknallte, als ich im schönsten schwungvollen An- fahren war. Die Tür barst auseinander vom Wa- gen erwischte es nur die Stoßstange, der man den Stoß kaum ansah. Aber von nun an fuhr Wolf Hirth lieber selber den Wagen hinaus. Auf der Fahrt nach Grunau sangen wir beide fröhliche Lieder. Jeden Tag mußte sein Lieblingslied dabei sein: „Ich bin ja ein armer Wandergesell, gute Nacht liebes Mädchen,

gut Nacht“

Mein ganzes Leben lang kann ich dies

65

Lied nicht mehr hören, ohne sofort an unsere tägli- chen Singfahrten nach Grunau zu denken.

In der Grunauer Segelflugwerkstatt mußte ich nun von früh bis spät Nagelleisten vorbereiten, schmir- geln, Rippen bauen; ich lernte auch Schäften und spleißen. Sobald aber Westwind blies, war ich auf und davon und segelte so lange am Himmel, bis der Wind sich gelegt hatte. Mal wurde daraus ein Frau- enweltrekord von 6 Stunden, mal von 11 Stunden. Auch lehrte mich Wolf Hirth an günstigen Thermik- tagen den Motorschleppflug vom Hartauer Flugplatz bei Hirschberg starten. Der erste dieser Schleppflüge endete für mich nach einem einstündigen Gewitter- flug mit einer Landung auf dem Kamm des Riesen- gebirges (siehe „Fliegen mein Leben“, Seite 84, Lehmanns Verlag, München).

Für das um Ostern 1932 beginnende Medizinstudi- um erhielt ich von den Eltern einen sehr kleinen Wechsel, mit dem man keinerlei große Sprünge ma- chen konnte. Ich wohnte in Berlin zur Miete auf der Grolmanstraße bei zwei reizenden alten Damen:

Gräfin Schwerin und Frl. v. der Decken, die mir für sehr wenig Geld ein Zimmer überließen. Statt nun zu den Vorlesungen in die Universität zu gehen, lernte ich das Pensum meist am Abend und fuhr statt des- sen tagsüber mit der S-Bahn hinaus nach Berlin- Staaken,

66

wo ich mich bei der Luftfahrt GmbH, bei Otto Thomsen, zu einem Motorflugkursus anmeldete. Da ich noch nicht 21 Jahre alt war, benötigte ich dazu die Genehmigung und Unterschrift der Eltern. Wie aber war dies zu erreichen? Ich war in Berlin kurz nach meinem Eintreffen bei einem Freund meines Onkels eingeladen worden, Herrn v. Ledebur und seiner Familie. Er selbst war ein begeisterter Flieger, der mich im Motorflugzeug als Passagier schon am zweiten Tag hoch in die Lüfte nahm. Ihn bat ich nun, in Hirschberg meine Eltern aufzusuchen und sie davon zu überzeugen, daß, wenn man als fliegende Ärztin nach Afrika gehen wolle, man das Motorflie- gen doch besser erlernen solle zu einer Zeit, in der man auf der Universität noch nicht viel versäume. Die Eltern willigten ein, unter der Bedingung, daß ich es mir neben dem Medizinstudium selber verdie- nen würde. Sie ahnten nicht, daß ich nun meinen be- scheidenen Wechsel dafür verwendete, die Flug- stunden zusammenzusparen. Ich lebte nur noch von trockenem Brot und Milch, wurde aber von Freun- den reichlich mit Obst beschenkt. Nach 3 oder 4 Doppelsteuerflügen durfte ich bereits glückselig al- lein fliegen. Einer meiner Mitschüler war der große Staatsschauspieler Mathias Wieman. Mit ihm und seiner Frau verband mich seit dieser Zeit bis zu sei- nem Tod 1970 eine enge Freundschaft. Als ich 1942 als einzige Frau der deutschen Geschichte das Eiser- ne Kreuz 1. Klasse

67

verliehen bekam, setzte er folgenden lustigen Artikel in die „BZ — Am MITTAG“.

Glückwunsch für Hanna Reitsch

Lerche in Menschengestalt

An meine Flieger-Schulkameradin

Von Staatsschauspieler Mathias Wieman

Es klingt heute fast unglaublich, aber auch Hanna Reitsch hat das Fliegen einmal lernen müssen, und eine Zeitlang war ich dabei ihr Schulkamerad. Vor zehn Jahren, 1932, haben wir in Staaken im gleichen Kurs und beim gleichen Lehrer geschult, bei Gün- ther Wirthschaft, der im folgenden Sommer von ei- nem Ozeanflug nicht zurückkam.

Ich sehe das Bild noch vor mir, wie sie zum ersten Mal am Startplatz auftauchte, ein kleines Persönchen mit sehr hellen Haaren, sehr hellen Augen und einer ganz hellen Stimme, immer in Begeisterung, eine Lerche in Menschengestalt. Sie trug ein großes vier- eckiges Lederkissen in ihren Armen, halb so hoch wie sie selber, das brauchte sie, um im Flugzeug da- rauf zu sitzen, sonst hätte sie nicht hinausschauen können.

Es dauerte bloß ein paar Tage, dann hatte sie uns andere Schüler alle überholt und flog allein, wäh- rend wir noch lange am Doppelsteuer üben mußten. Das waren harte Schläge für unsern männlichen Stolz.

Wir retteten uns in ironische Hochachtung und nann- ten sie „Fräulein Flugkapitän“; fünf Jahre später war sie’s aber wirklich.

Und damals, 1932, hatte Hanna Reitsch es gar nicht eilig, uns zu überflügeln und mit dem Kursus zu En- de zu kommen; mir ging es genau so: solange wir noch Schüler waren, durften wir täglich fliegen. Aber dann, als ausgelernte Piloten ohne Geld, ohne eigene Maschine, wie sollte man sich dann zum pu- ren Luxus und Vergnügen wieder in die Lüfte erhe- ben?

Heute habe ich in alten Papieren gekramt und einen Brief gefunden, einen tief betrübten Brief vom 19. Juni 1932, in dem Hanna Reitsch nach ihrer Flug- zeugführerprüfung schrieb: „Vom Gedanken des Fliegens muß ich mich jetzt innerlich freimachen, und das ist unsagbar schwer. Seit der Prüfung ist in mir ein harter Kampf zwischen Pflichtgefühl und durchgehender Leidenschaft. Ersteres muß siegen. Alles, was ich im Leben empfing, was ich an Fähig- keiten habe, gehört nicht mir, sondern ich muß es so verarbeiten, daß ich den anderen Menschen helfen und etwas geben kann. Mein Fliegen wäre nur egois- tisch, ein Austoben, Genießen! Anders wäre es, wenn ich als verkappte Militärfliegerin mich fürs Vaterland einsetzen könnte. In der heutigen Zeit ein undurchführbarer, nur romantischer Gedanke.“

Liebe Hanna, Sie werden es verzeihen, daß ich Sät- ze, die Sie mir von zehn Jahren schrieben, hier wie-

der-

gebe; ich tue es auch nur, weil vielleicht heute wie- der junge Menschen in ähnlichen Zweifeln sind wie Sie damals und die die Bestätigung brauchen kön- nen, daß jeder echte Wunsch sich verwirklicht, mag er noch so „undurchführbar und romantisch“ er- scheinen. Sie sind nicht nur eine „verkappte Militär- fliegerin“ geworden, Sie tragen die beiden Eisernen Kreuze, zu der Zweiten nun das Erster Klasse. Ihr Fliegen ist das geworden, womit sie Hunderten und Tausenden von anderen Menschen helfen konnten, Fliegern, Soldaten, mit einem Wort, dem Vaterland. Ich bin meinem Schicksal immer wieder dankbar, daß es mich als Fliegerschul-Kameraden mit Hanna Reitsch zusammengeführt hat. Es ist eine große Sa- che, von Angesicht zu Angesicht sehen zu dürfen, wie das Unüberwindliche mit dem Zartesten zu- sammenhängt, und die göttliche Kraft wahrzuneh- men in einem durchsichtigen und schwingenden Ge- fäß von Menschengestalt.“

1934 hatte ich mein Medizinstudium endgültig auf- gegeben, um der Aufforderung von Professor Georgii zu folgen, als Forschungs- und Testpilot an die Forschungsanstalt für Segelflug nach Darmstadt zu kommen. Als ich im Frühjahr 1935 für besondere fliegerische Erfolge vom Ministerium einen hohen Orden bekommen sollte, bat ich höflich, den Orden doch bitte zu behalten, aber mich statt dessen auf eine

70

Verkehrsfliegerschule zu schicken zum Erlangen aller Flugscheine. Dies wurde anstelle der gedachten Auszeichnung genehmigt, und ich wurde im Herbst 1935 zur Verkehrsfliegerschule nach Stettin einberu- fen.

So also hatte ich die Genehmigung erlangt, gar alle Größen von Maschinen fliegen zu können. Am Ende des 2. Weltkriegs 1945 gab es wohl kaum einen Pi- loten auf der Welt (so behaupteten wenigstens die Amerikaner), der wie ich vom größten Bomber über Stukas, Jagdflugzeuge, Raketenflugzeuge, V l, Was- serflugzeug, Segelflugzeuge, bis hin zum rückwärts fliegenden Hubschrauber Erfahrungen mit all diesen Maschinen hatte.

Warum aber schreibe ich dieses Kapitel? Weil ich es großartig von meinen Eltern fand, daß sie, obwohl sie gegen mein Fliegen waren, es mich durchführen ließen, wenn ich bereit wäre, dafür alle Opfer zu bringen und es völlig selbst zu verdienen.

Wie wenig nützlich für das Leben der heutigen Ju- gend ist die oft falsche Nachsicht der Eltern, die mit ihrem selbst mühsam verdienten Geld ihre Kinder verwöhnen, anstatt in ihnen durch mühsam Selbster- rungenes, Fähigkeiten fürs Leben zu wecken, für die sie ihnen später tief dankbar sein würden. Es war weise und weit und klug von meinen Eltern

71

und das Vertrauen, was sie dabei in mich legten, wurde für mich selbst durch die große Verpflich- tung, die darin lag, zum besten Schutz.

72

13. Kapitel

Ich werde Testpilotin

Mein ursprünglicher Plan, „fliegende Ärztin“ in Af- rika zu werden, hatte sich schicksalhaft geändert. Nach dem zweiten Semester meines Medizinstudi- ums folgte ich im Mai 1934 der Aufforderung des damaligen Leiters des Deutschen Segelflugs und der Forschungsanstalt für Segelflug, Professor Georgii, um als Forschungspilotin an seine Anstalt nach Darmstadt zu kommen. Zunächst hatte ich dort Wet- terflüge durchzuführen, und ab 1935 wurde ich Test- Pilotin und Einflieger des Instituts für Segelflug un- ter dem hervorragenden Konstrukteur und Instituts- leiter Hans Jacobs. Ich kannte durch Jahre hindurch aus Begeisterung an meiner fliegerischen Arbeit keinen Urlaub und keine Ferien, nur über Weihnach- ten und Neujahr fuhr ich nach Hirschberg, wo sich im Elternhaus die ganze glückliche Familie zusam- menfand. Mein Bruder war seit 1929 als See- Offiziersanwärter in die Reichsmarine eingetreten und machte während seiner Ausbildung als Seeka- dett und als Leutnant

73

zur See auf den Kreuzern „Emden“ und „Karlsruhe“ zwei Weltreisen.

Meine Schwester Heidi, die 1935 ihr Abitur bestand, heiratete kurz darauf den Kavallerie-Oberleutnant Gustav Adolf Macholz und schenkte ihm bis 1942 vier Kinder, zwei Buben und zwei Mädchen, die ich wie eigene Kinder liebte. Ich selber aber war vom Fliegen völlig eingefangen und dachte nur an meine Testflüge. Wie es im Herzen meiner Mutter dabei ausschaute, zeigen ein paar Zeilen von ihr, die sie mir in einem ihrer vielen Briefe 1936 nach Dar- mstadt schrieb:

„Wenn andre fröhlich zum Tanze geh’n, schläfst Du in tiefer Ruh’. Wenn andre plaudernd beisammen steh’n, fliegst in einsamer Höhe Du. Wenn der Sturmwind über die Felder jagt und niemand sich ins Freie wagt, dann kämpfst Du hoch oben in bitt’rer Not und scheust nicht Kälte, Hunger und Tod. Sag’, Herzenskind, sag’, muß das sein, wann schlägst ei- nen anderen Weg Du ein? Solang’ es das Vaterland braucht und will, fliege ich weiter, stumm und still. Wenn anders ich besser ihm dienen kann, wird es ebenso freudig von mir getan.“

74

Mein Tag begann im Sommer in Darmstadt um vier Uhr früh, denn Meß- und Testflüge macht man am besten in völlig ruhiger Luft, von 5 bis 7 Uhr mor- gens ohne Einfluß von Auf- oder Abwinden, d. h. also, bevor die Sonne den Boden erwärmt und die Luftböigkeit einsetzt. Oft machte ich Test- oder Meßflüge auch die Nacht hindurch, um z. B. alle zwei Stunden während der Nacht in Aufstiegen auf 2000 bis 3000 m Höhe meteorologische Messungen oder Versuche von Nacht-Segelflügen in „Alto- Cumuli“-Wolken in 20005000m Höhe durchzu- führen.

75

14. Kapitel

Die Briefe meiner Mutter

Das Glück über meine fliegerische Arbeit gab mir unsichtbare Flügel und schien mir unbegrenzte Kräf- te zu verleihen. Aber die Sorge meiner Mutter um mich und mein Tun kam in ihren Briefen immer wieder durch Verse zum Ausdruck, in denen sie mich bat, doch maßzuhalten. Ich würde vor lauter Glück und Dank über meine fliegerische Arbeit wie eine Kerze sein, die an beiden Enden gleichzeitig brenne. Sie endeten mit den Worten: „Verström Dich nicht, mein Kind, spar Kraft und Zeit!

Nur dem, der sich in schöpferischer Ruh erneut, der Herrgott auf die Dauer Glück verleiht!“

Ich sammelte alle Verse, die Mutter mir schrieb. Ich las sie am Abend vor dem Einschlafen und nahm sie wie ein stilles Heiligtum auf jede Reise mit. Sie selbst aber schenkte ihnen so wenig Bedeutung, daß sie sie weder meinem Vater noch meinen Geschwis- tern jemals zeigte. Sie hatten

76

einen wundersamen Einfluß auf mein Leben. Sie vermochten Mahnungen annehmbar zu machen und überzeugten durch Schlichtheit und echte Frömmig- keit, durch Weisheit und durch die Liebe, mit der sie mich umschlossen.

Seit 1935 flog ich Tag für Tag und Jahr für Jahr in Darmstadt bis zum Ausbruch des Krieges als Testpi- lot der Forschungsanstalt. Ich flog in dieser Zeit elf neue Segelflugzeuge ein und mußte unter anderem mit jedem der verschiedenen Typen der in Deutsch- land existierenden Segelflugzeuge, sobald ein To- dessturz damit erfolgt war, fliegerisch prüfen, was die Ursache dafür gewesen sein könnte, ob dies durch menschliches Versagen eingetreten, ob durch schlechte Flugeigenschaften des Flugzeugtyps oder durch mangelnde Festigkeit des Flugzeuges. Diese Untersuchungen gehörten zu den Aufgaben unseres Institutes für Segelflug. Sie waren nicht gerade eine „Lebensversicherung“ für mich, denn ich mußte die jeweiligen Flug-Situationen, aus denen der Absturz erfolgt war, in großer Höhe nachfliegen. Natürlich tat ich dies nur mit angeschnalltem Fallschirm und hatte das Glück, niemals „aussteigen“ zu müssen. Ich wußte damals nie am Morgen, ob ich am Abend noch leben würde, aber ich fühlte mich als glück- lichster Mensch der Welt, voll Dank, daß mir solche verantwortungsvollen

77

Aufgaben übertragen wurden, die vielen anderen nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern der Welt das Leben retten und bewahren helfen sollten.

Die Eltern erfuhren durch meine Briefe von allem, was ich tat. Trotz ihrer Sorge wußten sie mich „in Gottes Hand“. Mutter bangte sogar weniger um mich, wenn sie mich hoch am Himmel wußte als unten am Boden. Diese Sorge von ihr war einerseits verursacht durch die vielen Neider, die sich selbst- verständlich auf der Welt gegen jeden erheben, der, auf welchem Gebiet auch immer, Erfolge hat und andere überflügelt. Da ich noch dazu ein Mädchen war, wirkte sich dies besonders schwierig aus und kostete mich viele heimliche Tränen und leidvolle, schlaflose Nächte.

Nach besonders gefährlichen und umwälzenden Testflügen mit den ersten Bremsklappen der Welt an den Flächen von Segel- und Motorflugzeugen, die

ich

in ungezählten senkrechten Sturzflügen aus 6000

m

Höhe jahrelang durchgeführt hatte, wurde ich

1937, erst 25jährig, zum ersten weiblichen Flugkapi-

tän der Welt ernannt. Bisher war dieser Titel in Deutschland nur den verantwortlichen Piloten von Verkehrsmaschinen vorbehalten. Von 1937 an konn-

ten

Männer oder Frauen, die als Flieger in der

78

Luftfahrtforschung tätig waren, unter besonderen Voraussetzungen diesen Titel erwerben. Die offiziel- len Bedingungen dafür waren üblicherweise folgen- de: Man mußte das 30. Lebensjahr vollendet haben, mußte seit 6 Jahren ununterbrochen im Besitz eines gültigen Flugzeugführerscheins sein, mußte in den letzen 3 Jahren entweder in der Forschungsfliegerei, in der Versuchs-, Erprobungs- oder Einfliegerei tätig gewesen sein und mußte mindestens 2000 Flugstun- den absolviert haben.

Die Ehrungen, die durch meine Ernennung zum Flugkapitän sowie durch ein paar weitere Frauen- Segelflug-Weltrekorde, die mir im Dauerflug, im Streckenflug, im Zielflug und Zielflug mit Rückkehr gelungen waren und die von Magazinen und Zeitun- gen veröffentlicht wurden, veranlaßten Mutter wie- der zu liebevollen Mahnungen in ihren Briefen.

Hanna, Kind, Erfolg und Ehre bergen in sich viel Gefahren, und vor ihnen mög’ der Herrgott täglich neu Dich treu bewahren.

Hanna, Kind, Erfolg und Ehre bei den Menschen sind vergänglich. Kraft und Ehr’ im eigenen Herzen unantastbar lebenslänglich!

79

Hast bewußt Du dies im Herzen, wird Dein Tagewerk gelingen, wirst dann allen, die Dir nahen, Freude, Kraft und Frieden bringen.“

80

Als Testpilot beim Anflug an Ballonseile mit der He- 111

Als Testpilot beim Anflug an Ballonseile mit der He-

111

Im Krieg 1944

Im Krieg 1944

15. Kapitel

Auslands-Missionen

Jedes Jahr zwischen 19341939 wurde ich entwe- der allein oder mit anderen Kameraden in Zusam- menarbeit unserer Forschungsanstalt mit dem Aus- wärtigen Amt für einige Wochen bzw. einige Mona- te ins Ausland geschickt, entweder um den Segelflug in das jeweilige Land einzuführen, beim Aufbau des Segelflugs zu helfen oder segelfliegerische For- schungsaufgaben durchzuführen. So wurde ich zweimal nach Finnland geschickt, einmal nach Por- tugal, dann nach Schweden, Ungarn, England, Frankreich sowie zu Forschungsexpeditionen nach Südamerika (Brasilien und Argentinien), Anfang 1939 nach Lybien (Nordafrika) und kurz vor Aus- bruch des Krieges nach Jugoslawien und Bulgarien. 1938 wurde ich von General Udet beauftragt, das von Hans Jacobs konstruierte und von mir eingeflo- gene erste voll-kunstflugtaugliche Segelflugzeug der Welt, den „Habicht“, vor den Hunderttausenden von Zuschauern der „International Air Races“ in Cleve- land, Ohio (USA), vor-

81

zufliegen. Der „Habicht“ hatte die Festigkeit einer damals modernen Jagdmaschine, und während der Erprobung mußte ich nicht nur Loopings, Rollen, Rückenflüge, sondern auch erstmals Loopings nach vorne damit durchführen. Zum Schluß der Erpro- bung mußte ich ihn im senkrechten Sturzflug bis zur Endgeschwindigkeit erfliegen, d. h. aus 6000 m Höhe im senkrechten Sturzflug so lange verharren, bis die Geschwindigkeit sich nicht mehr steigerte. Dies lag bei 440 km pro Stunde. Für ein Segelflug- zeug und dessen Festigkeit eine recht beachtliche Geschwindigkeit.

Die vielen Zuschauer in Cleveland rasten vor Be- geisterung, denn sie hatten noch niemals lautlosen motorlosen Kunstflug erlebt. Um ihnen auch wirk- lich einen Eindruck der Stille zu verschaffen, wur- den sämtliche Motoren der vielen Kunstflugmaschi- nen und der an der Riesenschau teilnehmenden Mili- tärmaschinen abgeschaltet. Dies wurde mir durch eine Leuchtrakete hinauf signalisiert, damit ich, in 1200m Höhe wartend, mich von meinem Schlepp- flugzeug löste. Das Schleppflugzeug entfernte sich sofort so weit als möglich, damit die völlige Stille für die Wirkung des lautlosen Kunstfluges nicht be- einträchtigt würde. Dem Veranstalter dieser weltbe- rühmten AIR RACES von Cleveland Clifford Henderson begegnete ich danach zum erstenmal

82

1972 wieder, als ich in den USA von der Organisati- on „International Order of Characters“ zum „Pilot des Jahres 1972“ ernannt wurde. Diese Gemein- schaft vereint Flieger verschiedenster Länder des Westens, die im zweiten Weltkrieg gegeneinander gekämpft haben und durch Leistungen besonders hervortraten. Sie werden alle zum „Ritter“ geschla- gen und erhalten dabei einen Spitznamen. Meiner ist „Supersonic-Sue“ (Überschall-Susanne).

Obwohl Clifford Henderson und ich durch die 34 Jahre, die wir uns nicht mehr gesehen hatten, erheb- lich älter ausschauten, erkannten wir uns sofort wie- der, und sein erstes Wort, nachdem wir uns in die Arme flogen, war: „Hanna — what you did 1938 with your ‚Habicht’ was outstanding. You have sto- len the show!“*

Die Zeitungen berichteten damals in Amerika und Deutschland begeistert darüber. Und als das Schiff, die „Bremen“, mit meinem „Habicht“ und mir in Hamburg wieder eintraf, wurde mir noch auf dem Schiff von der Hafenpolizei als erster Gruß ein Brief meiner Mutter überreicht. Und während

* „Hanna, was Du 1938 mit dem ,Habicht’ vorführ- test, war ungewöhnlich. Du hast einfach die Schau gestohlen!“

83

ich voll Jubel über das Erlebte stolz und glücklich war, lenkten die Zeilen und Verse meiner Mutter mein Glück wieder in die richtige Bahn, noch bevor ich den Heimatboden betrat.

Jedes Wort, jeder Blick, was immer Dich grüßt, erfülle mit Demut Dich, und fändest Du Schmach statt Ruhm und Ehr’, bleibe froh und unerschütterlich. Nicht um Dank und Ehr’, nein, aus Dank und Lieb’ fliegst Du fürs Heimatland. Und was auch immer mit Dir geschieht, Du bist in Gottes Hand!“

Diese wenigen Zeilen verliehen mir das richtige Maß für alle Ehrungen, die mich in der Heimat er- warteten.

84

16. Kapitel

Vom Einsatz im Krieg

Mit Ausbruch des Krieges hat General Ernst Udet mich in seinen Stab berufen, d. h. ich wurde von der Forschungsanstalt für Segelflug „entliehen“, weil es in der deutschen Wehrmacht nicht möglich war, eine Frau mit einem militärischen Dienstgrad einzuord- nen und zu besolden. Mir war es damals völlig gleich, von wem ich beruflich bezahlt wurde, ich wollte nur meinem Land in der Not des Krieges hel- fen. Welche Nachteile mir daraus erwuchsen, daß ich allen damit zusammenhängenden Fragen so we- nig Beachtung schenkte, zeigte sich nach dem Krie- ge, als ich mittellos und unversorgt dastand und kei- ne Stelle sich für mich zuständig ansah. Ich muß deshalb fast sagen: Gottlob war ich 1942 bei der Er- probung des ersten Raketenflugzeuges, Me-163, ab- gestürzt und schwer verletzt. Ich hatte dabei nicht nur meine Nase verloren, die künstlich wieder auf- gebaut und zusammengenäht wurde, sondern ich hatte vierfachen Schädelbasisbruch, Gesichtsschä- delbrüche und andere schwere Verletzungen, die mir noch

85

heute zu schaffen machen, die mir aber wenigstens eine Unfallrente einbrachten, die einen wichtigen Beitrag für meinen Lebensunterhalt bildet.

General Udet hatte sich ein kleines Sondererpro- bungs-Kommando geschaffen, dessen Chef der Konstrukteur und Institutsleiter Hans Jacobs und dessen Testpilotin ich war. Alle Nöte der Frontflie- ger und deren Änderungswünsche an Frontmaschi- nen besprach Udet mit uns beiden. Er stellte uns auf schnellstem Weg den jeweils erforderlichen Typ an Militärmaschinen zur Verfügung, damit wir umge- hend eine Änderung durchführen und erproben konnten. Auf diese Weise ließ sich ein zeitraubender bürokratischer Weg umgehen, bei einer Firma erst einen Änderungsantrag stellen zu müssen, der dann lange brauchte, bis er anlief. Durch diese Idee Udets konnten wir der Front oft schnellste Hilfe leisten.

Als ich 1941 für Versuche dieses Kommandos diesmal handelte es sich um sehr gefährliche Bal- lonkappversuche, bei denen ich mit Bombern viele Male in Ballonseile flog mit dem EK II ausge- zeichnet wurde und 1942 für weitere Testflüge, die den Kameraden an der Front das Leben zu erhalten und zu retten helfen sollten, als erste und einzige Frau das Eiserne Kreuz I. Klasse erhielt, kannte

86

die Begeisterung in meiner Heimatstadt keine Gren- zen. Ich wurde vom Oberbürgermeister von Hirsch- berg mit dem Auto in Berlin abgeholt und nach Hirschberg gebracht. Alle Orte Niederschlesiens, durch die unsere Wagenkolonne fuhr, waren ge- flaggt. In vielen Dörfern standen die Schulkinder Spalier, und wir mußten anhalten, während sie Lie- der sangen und mir Blumen überreichten. Es hat mich dies alles sehr ergriffen, aber ich wußte, daß es nicht mir persönlich galt, sondern daß ich für die Vielen gleichsam ein Symbol war für die in der Heimat „kämpfenden Frauen“, die den tapferen Sol- daten an der Front, die ihre Väter, Männer, Söhne und Brüder waren, auf ihre Weise halfen. Nach drei unvergeßlichen Tagen des Feierns, an denen ganz Hirschberg sich jubelnd beteiligte, schrieb eine Frontzeitung aus Anlaß meiner Auszeichnung mit dem EK I einen „Offenen Brief der deutschen Solda- ten“ an mich, mit beigefügtem Foto.

Liebe Hanna Reitsch!

Da stehst Du nun vor uns, lachend, wie nur ein glücklicher Mensch lachen kann, mit dem ganzen Gesicht, vor allem den Augen. Wir müssen Dir heu- te einmal schreiben, denn Du bist für uns das Sinn- bild der schaffenden und kämpfenden deut-

87

schen Frau, ein Sinnbild unserer tapferen Heimat, die wir im Herzen tragen.

Wir haben Deinen Weg verfolgt, lange schon. Jede Nachricht über Dich haben wir zweimal gelesen. Wir bewundern an Dir das Können und die Sicher- heit, die Zähigkeit und die Tapferkeit. Wir bewun- dern an Dir Dein strahlendes Lachen und daß Du trotz Deiner männlichen Taten Frau bist. Ein klein wenig Liebe ist in unseren Gedanken, so wie wir unsere Mutter und unsere Schwester lieben, wie wir jeder deutschen Frau in Liebe zugetan sind.

Oft und oft hast Du Dein Leben gewagt. Du hast an entscheidender Stelle mitgewirkt, neue Flugzeuge zu schaffen, die uns helfen sollen. Das danken wir Dir. Wir danken Dir, daß Du uns ein Beispiel gegeben hast, welcher Taten die deutsche Frau fähig ist. Du hast uns so ein Bild der kämpfenden Frau geschenkt, edel und rein, erhellt durch die Glut des reinen Her- zens, geadelt durch den selbstlosen Einsatz und den Verzicht auf leichte Freuden.

Du bist unser Kamerad. Du trägst die Ehren- und Leistungszeichen des Soldaten, und wir wissen, was es heißt, sie zu verdienen. Du hast Gefahr und

88

Schwierigkeit überwunden, Not und Einsamkeit des Kämpfers und die Last des täglichen Dienens. Du kennst den Kampf und das glückliche Gefühl, Sieger geblieben zu sein. Wir freuen uns mit Dir, daß Du diese hohe Anerkennung gefunden hast.

Wir sind rauhe Soldaten. Wenn Du uns hier sähest, wie wir in unseren Gräben liegen, uns auf den Win- ter rüsten und ein wachsames Auge auf den Gegner halten so haben wir nichts mit Dir gemeinsam, die Du Dich in die Lüfte erhebst. Wir wühlen uns in die Erde, deren Schwere Du überwindest. Unser Sprung herauf geht nur über die Deckung, wenn der Befehl zum Angriff kommt. Aber wir sehen biswei- len hoch oben über uns den Bussard und die kleinen Falken: Deine Vögel. Wir hören und sehen die grau- en Adler der Luftwaffe, Deine Kameraden, unsere Kameraden. Das hebt unsere Gedanken von der Er- de, empor in Deine Welt.

Wenn Du wieder die Gefahr um Dich spürst, so wis- se, wir denken an Dich und wünschen Dir Kraft, ein klares Auge und eine ruhige Hand. Und so grüßen wir Dich, kämpfende deutsche Frau, wir ,Männer an der Front’.“

Dieser Brief von der Front war für mich beglücken- der als jede Auszeichnung, die ich erhalten habe.

89

All diese Ehrungen erfüllten meine Mutter nicht et- wa mit Stolz, sondern weit mehr mit Sorge. In Ver- sen malte sie mir das Leben, wie es in Wahrheit sei. Denn im Glück und Erfolg sei man von Freunden umringt und würde bewundert, in Leid und Not aber seien es nur einige, ganz wenige, aber echte Freun- de, die zu einem hielten

In den Tälern blühen Blumen, kahl und einsam sind die Höh’n. „Wohin Dich der Herrgott sendet, wirst Du froh und furchtlos geh’n“

90

17. Kapitel

Das tragische Ende

Der Krieg brachte über Millionen von Menschen schwerstes Leid und unaussprechliche Tragödien auch über mich und die Meinen. Zunächst fiel der Mann meiner Schwester als Major vor Leningrad, kurz bevor Heidi ihr viertes Kind bekam. Im Früh-

jahr 1945 wurde beim Herannahen der Russen Hirschberg evakuiert, und meine Familie wurde wie Millionen andere aus Ober- und Niederschlesien, aus dem Sudentenland, aus Ostpreußen und Westpreu- ßen, aus Pommern und aus Mecklenburg sowie aus Brandenburg, aus der Heimat vertrieben. Die Mei- nen fanden Aufnahme durch Freunde im Schloß Leopoldskron in Salzburg. Kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner wurde bekannt, daß General Eisen- hower beabsichtige, die aus dem Osten geflüchteten Frauen und Kinder soweit wie möglich wieder zu- rückzuschicken in die von Russen besetzten Gebiete. Die geflüchteten Männer sollten alle gefangenge- setzt werden. Vater hatte als Arzt in den zeitweise

zu-

91

rückeroberten Gebieten im Osten erlebt, was an Frauen und Mädchen Grauenvolles geschehen war. Bevor er also von seiner ohne ihn schutzlosen Fami- lie eventuell getrennt würde, wollte er den Seinen die das Heiligste und Liebste bedeuteten, was ihm auf der Welt anvertraut war ein solches Schicksal ersparen, wie er es nun ausweglos auf sie zukommen sah. Mich selbst glaubte er beim abenteuerlichen Flug mit Generaloberst Ritter v. Greim in das von Russen eingeschlossene Berlin gefallen; und meinen Bruder Kurt, falls er lebend zurückkehren würde, wußte er seit 1940 glücklich verheiratet mit der jüngsten Tochter des ehemaligen Leibarztes von Kaiser Wilhelm II., Professor v. Niedner. So gab er die ganze übrige Familie und sich selbst, einen Tag vor dem Einmarsch der Amerikaner in Salzburg, Gott zurück.

Nach dem fast unmöglich erschienenen Rückflug aus dem brennenden Berlin mit Feldmarschall v. Greim, der inzwischen Oberbefehlshaber der Luft- waffe geworden war, wurden Herr v. Greim und ich in Österreich durch Amerikaner gefangen genom- men. Wir waren von Berlin über Lübeck, Schleswig, nach Plön zu Großadmiral Dönitz geflogen und von dort über Königgrätz, Graz nach Zell am See auf der Suche nach Feldmarschall Kesselring. Wir hatten uns terminlich um einen Tag geirrt und

92

glaubten, die Kapitulation würde am 9. Mai in Kraft treten statt am 8. Mai 1945. Wir wollten ursprüng- lich nach Auffindung von Feldmarschall Kesselring von Zell am See nach Königgrätz zurückeilen. Dies wurde durch unsere Gefangennahme durch die Ame- rikaner vereitelt. Als Gefangene wurde ich vor die sechs Grabhügel meiner geliebten Familie gebracht. Ein deutsches Schicksal unter Millionen anderer.

Wenige Tage später ging Feldmarschall v. Greim aus dem Leben. Er wurde aus unserer Haft im Not- Luftwaffen-Lazarett in Kitzbühl von einem jungen Amerikaner abgeholt. Er sollte als Gefangener nach England und anschließend nach Nürnberg gebracht werden. Er war der letzte Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, die zum Zeitpunkt seiner Er- nennung am 26. April 1945 im Führerbunker in Berlin praktisch nicht mehr existierte. So hatte er keinen Grund, sich dem Feind-Tribunal in Nürnberg zu stellen, um dem Sieger Rede und Antwort zu ste- hen für Dinge, für die nicht er die Verantwortung trug und die er als eine rein deutsche Angelegenheit ansah. Mit ihm schied einer der größten und edelsten Offiziere der deutschen Wehrmacht aus dem Leben, von jedem verehrt und geliebt, der ihn erlebt hatte. Selbst die russischen Gefangenen, die im Bereich seiner Luftflotte zu arbeiten hatten, betrachteten ihn wie einen Vater.

93

Mit tiefstem Leid im Herzen folgten für mich 1 1/2 Jahre amerikanischer Haft, mit Stationen in Gmun- den, in einer Gefängniszelle in Salzburg, Freising und Oberursel/Taunus.

Damals konnte ich nicht fassen, daß man so viel Leid ertragen könne, ohne dabei den Verstand zu verlieren, denn auch der Mann, den ich heiß liebte, verlor am Kriegsende sein Leben. Ein tiefes Glück ward mir aber zuteil: Mein Bruder und seine Frau waren am Leben geblieben und hatten heil die Kriegsgeschehen überstanden.

94

18. Kapitel

Erneut in der Gefängniszelle

Es war Frühjahr 1947. Vier Monate zuvor war ich

aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen wor-

den. „Sorry — it was a mistake

war ein Versehen) war alles, was ein amerikanischer Oberst mir bei der Entlassung sagte.

Es war der erste Frühling, den ich nach dem Krieg in Freiheit erlebte. Meine Heimat Hirschberg in Schle- sien war verloren und von Polen besetzt, meine Fa- milie lag in Salzburg begraben. Am 3. Mai jährte sich ihr Todestag. Ich wollte aus diesem Anlaß an ihre Gräber. Die Grenze nach Österreich aber war „hermetisch abgeschlossen“. Zunächst machte ich eine schriftliche Eingabe an den amerikanischen Obersten der CIC in Frankfurt und bat darum, für einen Tag nach Salzburg an meine Gräber fahren zu dürfen. Das Gesuch wurde abgelehnt. Ich suchte den amerikanischen Stadtkommandanten von Frankfurt auf und trug ihm flehentlich diese Bitte vor. Vergeb- lich! Ich wollte mich aber nicht weder durch Gegner noch durch Grenzen

95

(Verzeihung, es

von meinen Gräbern trennen lassen. Fast alle Ver- wandte, die mir noch geblieben waren, sind Öster- reicher. An sie schrieb ich und bat sie, mir zu verhel- fen, heimlich für einen Tag über die Grenze nach Salzburg gelangen zu können. Sie setzten sich mit einem der führenden österreichischen Segelflieger in Verbindung, der ihnen bald die Adresse eines jungen Salzburger Ingenieurs vermittelte, der mit seinem Wagen ungehindert die Grenze nach Deutschland und zurück passieren konnte. Er willigte ein, mich heimlich hinüber zu bringen. Am Donnerstag, dem 2. Mai 1947, sollte ich mich in Reichenhall um 20 Uhr in einer bestimmten Pension einfinden. Freund- liche Nachbarn verhalfen mir zum Reisegeld, um mit dem Zug von Oberursel nach Reichenhall fahren zu können. Es gab für Deutsche nur schäbigste Ab- teile im Zug, die so überfüllt waren, als befänden sich alle, die nicht eingesperrt waren, „unterwegs“. Ich trug ein altes steirisches Kostüm und einen „Kotzen“ (Umhang), und zur besseren Tarnung hatte ich mir aus reinem Glas eine Brille anfertigen lassen, die das Gesicht doch stark veränderte. So fuhr ich unerkannt gen Süden. Als Reise-Lektüre liehen mir Freunde ein schönes Buch von Gertrud von le Fort:

„Die ewige Frau“. Ich las fasziniert zwischen Kisten, Kartons, Säcken, alten verschnürten Koffern und Menschen eingequetscht. Die Fahrt verflog durch die Lektüre in

96

Feldmarschall Ritter von Greim

Feldmarschall Ritter von Greim

1956 auf dem Fliegerlager Klippeneck

1956 auf dem Fliegerlager Klippeneck

Windeseile. Als ich Reichenhall erreichte, hatte ich das Buch beendet. Es hat einen großen Eindruck in mir hinterlassen. Noch ahnte ich nicht, in welchem Gegensatz sein Inhalt zu dem stand, was ich erleben sollte.

In der Pension eingetroffen, erwartete mich ein jun- ger Bursche, der höchstens 20 Jahre sein konnte und sich als mein Begleiter vorstellte. Mir wurde freund- lich ein Zimmer angewiesen, in dem ich bis Mitter- nacht schlafen könnte. Pünktlich um 0.30 Uhr sollte die Fahrt über die Grenze in seinem Wagen erfolgen. Alle Papiere und die Kennkarte sollte ich in der Pen- sion in einem verschlossenen Umschlag hinterlegen. Als ich den jungen Mann fragte, wie er denn ohne Papiere mit mir herübergelangen wollte, antwortete er nur: „Bitte fragen Sie nicht, aber haben Sie Ver- trauen; es geht alles klar.“ Mir wurde die Sache et- was ungemütlich. Wußte der junge Mann eigentlich, wer ich war und was auf dem Spiele stand? In Zei- tungen und Büchern war ich während meiner Gefan- genschaft, ohne es zu wissen und ohne mich wehren zu können, auf eine politische Bühne gezogen wor- den, auf die ich nie gehörte. Ich war begeisterte Fliegerin ich liebte mein Land und meine Heimat und ich liebte die Welt. Die fliegerischen Erfolge, die ich errungen hatte, sollten „einer Deutschen“ wohl aber nicht

97

gelungen sein. So erfanden die Gegner politische Märchen und machten mich zum „outstanding Na- zi“. Und das hieß damals so gut wie „Verbrecherin“. Damit hofften unsere Gegner, die Menschen gegen mich zu beeinflussen. Ich wollte daher unter allen Umständen vermeiden, daß mein Name mit einem „heimlichen Grenzübergang“ in Verbindung ge- bracht würde. Die Zeitungen würden ja nicht den Tatsachen entsprechend berichten, sondern Sensati- onen erfinden, z. B. daß die „gefährliche Nazi“ zur Bildung einer neonazistischen Organisation versuch- te, nach Österreich zu gelangen oder ähnliches. Be- vor wir nach Mitternacht im Wagen abfuhren, teilte ich ernst und nachdrücklich meinem jungen Beglei- ter diese Sorge mit. Seine Antwort war ruhig und lakonisch: „Es geht alles klar, machen Sie sich keine Sorgen.“ Wir erreichten die Grenze. Er stellte etwas seitlich von der Zollschranke den Wagen ab. Er bat mich, sitzen zu bleiben, glaubte, in wenigen Minuten zurück zu sein und verschwand im Haus der Grenz- polizei. Er hatte mit einem befreundeten Grenzbe- amten den Zeitpunkt und das geheime Durchschleu- sen abgesprochen, nicht ahnend, daß die Dienstzeit seines Freundes plötzlich geändert worden war. Es vergingen 5 Minuten, 10 Minuten, und es wurde mir langsam ungemütlich. Plötzlich trat an Stelle meines Begleiters ein finsterblickender Grenzpolizist her- aus. „Steigen Sie aus und folgen

98

Sie mir“, schnarrte er mich an. Mir stockte der Atem. Ich betrat die Amtsstube. An einem Schreib- tisch saß ein grimmig dreinblickender Beamter, der zwei Pässe vor sich liegen hatte. Er maß mich von oben bis unten und sagte dann mißtrauisch: „Sie sind doch nicht 1,86m groß.“ Ich mußte lachen. „Nein“, antwortete ich, „keine 1,55 m.“ „Da steht es aber“, fuhr er fort. Ich trat zu ihm, schaute in den Paß, den er in der Hand hielt, sah einen völlig fremden Na- men und ein mir völlig fremdes Foto. „Das ist doch nicht mein Paß“, sagte ich erstaunt. Nun ging mir mit einem Male auf, was mein Begleiter gemacht hatte. Ich entdeckte ihn in einer Ecke hockend, völ- lig zerknirscht und stumm und hörte, wie einer der deutschen Beamten jetzt zwei amerikanische Solda- ten weckte, die auf Pritschen lagen und schnarchten. „Bad German people“, sagte der Deutsche und rüt- telte sie wach. Jetzt rollte eine mir unverständliche Lawine an. Warum nahmen sie dieses Grenzverge- hen so wichtig? Mein Begleiter wurde in ein anderes Zimmer geführt und getrennt von mir verhört. Durch Telefonate wurden weitere Polizisten herbeigerufen. Wenn die meinen richtigen Namen erfahren würden, der damals in Deutschland und Österreich fast jedem bekannt war ging es mir durch den Kopf , wür- den sie keine Erfindung scheuen, um diesen Grenz- übergang politisch zu färben. Jeder sollte in seinem

99

Ansehen geschädigt werden, darin lag System. Ich wußte, daß ertappte Grenzgänger vor den Richter kamen; sie wurden hart mit Gefängnis bestraft. Ich war entschlossen, meinen Namen nur dem Richter preiszugeben, er würde ihn nicht mißbrauchen, auch wenn ich meine Strafe zu verbüßen hätte. Dies alles spielte sich rasch in meinen Gedanken ab. Ich erfand einen Namen: „Maria Mattern“ nannte ich mich, aus Salzburg stammend. Jetzt war alles, was ich sagte, erfunden kein Wort entsprach der Wahrheit. Es folgte eine lange Befragung: Geburt, Zeit, Ort wo wohnhaft Mädchenname der Mutter Geburts- und Wohnort der Eltern. Alle meine Antworten wa- ren Erfindungen. Man suchte zu jener Zeit einen dem Gefängnis entflohenen, sehr gefährlichen, jun- gen, blonden Mörder H. Er hatte einen deutschen Polizisten sowie zwei Amerikaner getötet. Es wurde vermutet, daß er sich in dieser Gegend versteckt hielt. Er muß meinem jungen Begleiter äußerlich sehr ähnlich gesehen haben; denn man glaubte, in ihm den entlaufenen Mörder gefunden zu haben. In mir aber sah man die gefährliche Komplizin. Noch ahnten wir beide nichts von dieser absurden Ver- wechslung. Die Amtsstube füllte sich indessen mit der herbeigerufenen Polizei. In getrennten Zimmern wurden wir weiter verhört jeder log. Meine Aus- sagen wurden schriftlich niedergelegt, mir vorgele- sen,

100

und ich mußte sie unterschreiben. Jetzt kam für mich ein unerwartet schrecklicher Moment. Ich durfte ja meinen Namen nicht preisgeben so unterschrieb ich mit „Maria Mattern“. Kaum hatte ich den fal- schen Namen geschrieben, quälte mich das Gewis- sen. War dies nun eine Urkundenfälschung? Hatte ich jetzt wirklich ehrlos gehandelt? Solche innere Qualen, wie sie mich jetzt peinigten, hatte ich wäh- rend der vorherigen eineinhalbjährigen amerikani- schen Gefangenschaft niemals verspürt. Da fühlte ich mich völlig schuldlos war eben aus Rache von Seiten der Siegermächte eingesperrt worden. Hier aber glaubte ich mich nun wirklich schuldig. Meiner toten Familie meinen lebenden Angehö- rigen, würde ich jetzt ihnen allen Schande bereiten? Ich war wie gelähmt bei diesem Gedanken. Vorerst aber mußte ich versuchen, eisern durchzuhalten, bis ich vor den Richter kam. Nach endlosen „Kreuzver- hören“, in denen ich weiterlog, wurden wir in einen Gefängniswagen verfrachtet. Es war ein Kastenwa- gen mit einem winzigen, vergitterten Fenster. Vier bewaffnete Grenzsoldaten saßen neben uns. Schwei- gend rüttelten wir zum Reichenhaller Gefängnis. Dort angekommen, wurde mein Begleiter zu den Zellen der Männerabteilung geführt, ich zu denen der Frauen. Nach kurzer Eintragung meines falschen Namens „Maria Mattern“ wurde mir eine Zelle auf- geschlossen. Es

101

war inzwischen gegen 5.30 Uhr in der Früh. „Da, Mattern, ist Deine Pritsche“, fuhr mich eine Wärte- rin an, und die Zellentür schloß sich hinter mir. Im dürftigen Licht sah ich sieben junge Frauen vor mir. Sie sahen schrecklich verwahrlost und schmuddelig aus und waren gerade dabei, halb bekleidet, sich von ihren Pritschen zu erheben. Mit bösen, feindlichen Blicken musterten sie mich. Ich blieb zunächst, fast wie erstarrt, an der Zellentür stehn. In meiner ganzen vorherigen Gefangenschaft war ich immer in einer Zelle allein gewesen. Jetzt sah ich mich diesen sie- ben Frauen gegenüber, die mir wirkliche Verbreche- rinnen zu sein schienen. „Mattern, was schaust Du so dumm, Du glaubst wohl, was Besseres zu sein als wir?“, herrschte mich bald eine von ihnen an. Und es folgte ein höhnisches Gelächter der übrigen. Ich be- gab mich stillschweigend zu der mir angewiesenen Liege, die einen schmutzigen karierten Überzug hat- te. In meinen Umhang gewickelt, legte ich mich nie- der. Es quälte mich unaufhörlich meine vermeintli- che echte Schuld. Urkundenfälscher, richtiger Ur- kundenfälscher, hämmerte es in meinem Kopf. Wie gut, daß meine Eltern diese Schande nicht mehr er- leben mußten. Wie ein Mühlrad drehten sich diese Gedanken in meinem Kopf. Inzwischen nahm die Morgen-Toilette der übrigen Zelleninsassinnen ihren Lauf. Zur allgemeinen Verrichtung der Notdurft be- fand

102

sich ein stinkender Eimer im Raum und zum Wa- schen eine einzige Schüssel Wasser für alle. Der hörbare Vorgang auf dem Eimer wurde von den üb- rigen Frauen mit solchen Schweinigeleien begleitet, daß ich meine Ohren verschließen wollte. Was hatte ich noch vor wenigen Stunden in Gertrud von le Forts schönem Buch gelesen: Die polare Spannweite im Wesen der Frau sei sehr viel größer als bei dem Mann. Die Frau könne engelhaft gut sein, aber auch schlechter als ein Mann schlecht sein kann. Die Spanne reicht von der Madonna bis hin zur Dirne.

Die frivolen Witze hatten ein Maß erreicht, das mich zum Platzen brachte vor Abscheu. Wie ein Ventil machte ich plötzlich meinem Herzen Luft, verbot mit lauter Stimme diese Schweinereien und appel- lierte an das, was doch in jeder Frau, vor allem in jeder Mutter, als göttliches Geheimnis wohnen wür- de. Über die Hälfte von ihnen waren werdende Müt- ter, man sah es sehr deutlich. Erst war es still nach meinen Worten. Dann schluchzte plötzlich eine jun- ge Frau auf, die halbnackt auf der Liege neben mir saß und jetzt schreiend begann: „So wie Du, Mat- tern, habe ich auch mal gedacht. Ich bin Polin da kamt Ihr Deutsche ich war damals 15 Jahre alt, und Ihr habt mich zum Arbeitseinsatz von meiner Familie fortgeholt. Durch

103

die Einsamkeit und mein Heimweh habe ich mich einem Mann hingegeben, den ich liebte, der mich aber nur mißbrauchte und verließ. Und erst einmal

gefallen, tat ich dies wieder und wieder mit einem Mann nach dem ändern, bis ich plötzlich ein Kind erwartete, von dem ich nicht einmal wußte, wer sein Vater war. Als es geboren war, tötete ich es, um

meinen Eltern diese Schande zu ersparen erstickten ihre Worte in lautem Schluchzen.

Was wäre aus mir selber geworden, dachte ich, ohne das behütete Elternhaus, wenn ich mit 15 Jahren, von meiner Familie getrennt, in die Fremde geholt worden wäre? Hätte mich vielleicht ein ähnliches Schicksal ereilt? War es denn mein Verdienst, daß ich so geborgen aufgewachsen bin? Wie sah die Schuld wohl vor Gott aus? War die meinige nicht

vielleicht sehr viel größer, eben weil ich solch ein

Elternhaus und solche Erziehung genossen hatte

Ich stand jetzt leise auf, setzte mich auf die Liege meiner schluchzenden Nachbarin und drückte den Kopf der jungen Frau mit den klebrigen, fettigen Haaren und dem unsauberen Geruch an mich. Jetzt war mir das alles gleich; selbst wenn ich mich mit den schlimmsten Krankheiten anstecken würde. Ich fühlte mich mit einem Mal wie eine Schwester

dann

“,

?

104

zu ihnen allen gehörig, mit ihnen in der Schuld ste- hend als eine der ihren. Als ich ihr tröstend über die klebrigen Haare strich, sagte ich leise: „Weißt Du, es wäre mir selbst vielleicht auch nicht anders ergangen als Dir, wenn ich nicht so behütet aufgewachsen wä- re.“ Während unseres Gesprächs, das nun folgte, kam eine nach der andern, sie stellten oder setzten sich um uns herum. Die eine nur mit einem Schlüp- fer bekleidet, die Haare strähnig ins Gesicht hän- gend, die andere nur mit einem BH und einem Kor- sett um den schwellenden Leib. „Na“, sagte die im Schlüpfer, in eine Pause unseres Gesprächs hinein, „na und was sagst Du zu mir, Mattern? Hast Du für mich auch eine Entschuldigung?“ — Pause — „Was soll ich Dir sagen“, antwortete ich erstaunt, „warum bist Du denn hier?“ „Ich“, sagte sie, „ich habe mit meinem Freund zusammen einen ,Ami’ getötet. Er hat mich ja auch ständig verfolgt und stellte mir nach.“ Dann gab sie eine genaue Beschreibung von dem, was sich zugetragen hatte. Ich war entsetzt, aber durfte es nicht zeigen, um das Gespräch nicht abreißen zu lassen. Was blieb mir übrig, als leise zu sagen: „Töten ist eine große Schuld, wir sind alle schuldig.“ „Hast Du auch getötet, Mattern? Hier sind doch nur solche in dieser Zelle.“ Ich erschrak, ließ mir aber nichts anmerken. „Ich erzähle es Euch spä- ter“, sagte ich. „Auch ich trage Schuld und möchte nur

105

vor den Richter.“ „Ach, Mattern“, sagte eine andere, „da ergeht es Dir schlimm, da gibt es keine Gnade, der Richter ist ein Jude, da kannst Du als Deutsche nichts erhoffen.“ Ich spürte, wie es mich in der Keh- le würgte. Es ist mir gleich, dachte ich, nur meine Lüge muß ich endlich loswerden.

Dazwischen kam das sogenannte Frühstück. Jeder bekam einen Napf mit einer Flüssigkeit, in der ein paar Kohlblätter schwammen und dazu ein trockenes Stück Brot. Die Flüssigkeit rührte ich gar nicht an, sondern kaute nur das Brot langsam. Ich hatte ja am Abend zuvor in der Pension in Reichenhall ein köst- liches Nachtmahl bekommen. Die anderen sieben aber stürzten sich, von Hunger gepeinigt, auf alles, was ihnen da Mageres vorgesetzt wurde. Kaum hat- ten wir unsere Gespräche wieder aufgenommen, bei denen mir eine nach der anderen erzählte, was sie begangen hatte, hörte man wieder ein Schließen an unserer Zellentür. Der Riegel wurde aufgeschoben, und vor der geöffneten Tür standen mehrere Polizis- ten: „Mattern, raustreten“, rief einer von ihnen. Mir stockte das Herz. Die Blicke der Frauen ruhten vol- ler Mitleid auf mir. „Denkt an mich“, sagte ich leise, „ich komme bald wieder.“ Ich ließ meinen Umhang und Steiererhut bei ihnen zurück. Vor der Tür nah- men mich die Polizisten in ihre Mitte und sagten nur: „Vorwärts, los!“ Sie

106

führten mich in einen großen Raum, in dem viele Polizisten und Zivilisten, wahrscheinlich Kriminal- polizisten, versammelt waren. Nachdem die Tür hin- ter mir verschlossen worden war, begann ein Verhör. „Sie haben bisher nur gelogen“, sagte der Dienstäl- teste. „Jede Angabe von Ihnen wurde nachgeprüft und stellte sich als Lüge heraus.“ „Ja“, antwortete ich. „Also wie ist Ihr richtiger Name?“ „Den sage ich nur dem Richter“, sagte ich entschlossen. „Wir werden Sie schon zum Reden bringen“, fuhr der Frager fort. „Wir raten Ihnen im Guten, jetzt die Wahrheit zu sagen, bevor wir Methoden anwenden müssen, die für Sie kein Spaß sein werden.“ Blitzar- tig fiel mir alles ein, was ich je von Folter-Methoden gehört hatte. Ich wollte tapfer sein, bis ich das Be- wußtsein verlöre, nur meinen Namen durfte ich nicht preisgeben. Ich betete und flehte um ein Wunder. In diesem Augenblick schlug es energisch an die Tür. Einer der Polizisten öffnete, und im nächsten Mo- ment sprangen alle auf, klappten die Hacken zu- sammen und einer machte die nötige Meldung. In der Tür war ein goldbetreßter Polizei-Offizier er- schienen. Dem Range nach schien er mir ein General zu sein. Ich schaute ihm kurz in die Augen und mir war klar: den hat mir der Himmel geschickt. In sei- nen Augen leuchtete warme, echte Menschlichkeit. Ich sprang von meinem Stuhl auf, lief auf ihn zu und

107

sagte leise, so daß es die anderen nicht hören konn- ten: „Ich bin Flugkapitän Hanna Reitsch, Sie dürfen es niemandem sagen. Ich wollte mich erst dem Rich- ter zu erkennen geben, aber das scheint hier nicht zu gelingen.“ Dem hohen Polizei-Offizier blieb der Mund offen. „Wie“, sagte er leise, „das kann ja jeder behaupten, wie wollen Sie das beweisen, H. R. zu sein?“ „Bitte“, sagte ich leise, „schicken Sie einen Ihrer Beamten mit einem Brief von mir in jene Pen- sion, in der ich meine Papiere hinterlegt habe. Man wird sie ihm in einem verschlossenen Umschlag ge- ben.“ Er reichte mir einen Zettel, auf den ich rasch das Nötige schrieb und in einen Umschlag steckte, den ich verschloß und adressierte. Während der Po- lizei-Chef einen seiner Beamten beauftragte, mit dem Motorrad rasch dorthin zu fahren und auf Ant- wort zu warten, nahmen auf ein Zeichen des Chefs hin alle übrigen wieder ihren Platz ein. Er aber setzte sich mit mir in eine Ecke des Zimmers und sprach so leise, daß es die anderen nicht hören konnten: „Ja, wie kommen Sie denn hier in das Gefängnis?“ Ich erzählte, was sich bisher zugetragen hatte. Er horch- te aufmerksam, aber immer noch mißtrauisch zu. Er hatte viele Bilder von mir seit Jahren in Zeitungen und Magazinen gesehen. Darin aber schien ich im- mer groß und lang zu sein, vielleicht weil ich schmal bin. So klein, wie ich wirklich bin, hatte er mich

108

nicht vermutet. Nun wollte er wissen, wie der letzte Flug in das eingeschlossene Berlin und in den Hit- lerbunker gewesen wäre, wenn ich tatsächlich H. R. sei. Ich erzählte ihm ganz leise die ganze aufregende Geschichte, der er mit größter Spannung lauschte. Es hätte der Papiere gar nicht mehr benötigt. Ihm war längst klar, wer ich tatsächlich war, bevor er den Umschlag öffnete, der ihm inzwischen ausgehändigt wurde. Dann sagte er leise zu mir: „Ich muß jetzt allen diese Nachricht mitteilen, ich werde sie zum Schweigen verpflichten. Es ist dies nötig, da eine ungeheuerliche Verwechslung vorliegt. Als er sich nun mit klarer Stimme an die Anwesenden wandte und ihnen sagte, daß sie einem Irrtum verfallen seien und wer ich in Wirklichkeit sei, ging ein erstauntes Raunen durch den ganzen Raum. Jener unter ihnen, der mich an der Grenze verhört hatte, sagte entsetzt:

„Aber warum haben Sie mir das nicht gleich ge- sagt?“ Da antwortete ich ihm ärgerlich: „Mußten Sie als erstes zwei Amerikaner wecken, um einen eige- nen Deutschen, sogar eine Frau, zu verhaften?“ Der Angesprochene wurde rot bis über beide Ohren. Nun aber erfuhr ich voller Staunen durch den „General“, für wen sie meinen Begleiter und mich gehalten hat- ten. Ich konnte nun auch meinen Begleiter diesbe- züglich völlig entlasten. Die Enttäuschung, nicht den gefährlichen Mörder gefunden zu haben, war bei ihnen allen

109

groß. Nun aber eröffnete mir der hohe Polizei-Chef, daß er leider nicht befugt sei, mich aus dem Gefäng- nis zu entlassen, ich müßte bedauerlicherweise wie- der in die Zelle zurückgebracht werden. Es war Frei- tag vor Pfingsten, also bis zum folgenden Dienstag müßte ich noch in der Zelle bleiben, wenn es ihm nicht gelänge, noch am selben Tag den Richter zu erreichen. Der Abschied von allen war freundschaft- lich, besonders von meinem Retter, den mir der Himmel geschickt zu haben schien. Ich selbst aber war innerlich froh, wieder zu meinen Frauen in die Zelle zu kommen. Ich war davon überzeugt, daß ich ihnen durch ihr so rasches Vertrauen zu mir wirklich helfen könne. Wie schön schien sich dazu das Pfingstfest zu eignen. Ich bat meine Begleiter, sich nicht anmerken zu lassen, wer ich sei, wenn sie mich wieder in der Zelle ablieferten. Kaum hatte sich die Zellentür wieder hinter mir geschlossen, umringten mich die Frauen voller Neugier und Mitgefühl:

„Mattern“, riefen sie, „wir hatten ja solche Angst um Dich.“ Und eine sagte scheu: „Ich fing zum ersten Mal an, wieder zu beten, für Dich zu beten, Mat- tern.“ Ich war bewegt und spürte einfach, daß ich zu ihnen gehörte. Jetzt wollten sie natürlich genau wis- sen, was sich zugetragen hatte. Ich erzählte nur so viel, daß mir gesagt worden sei, ich hätte bisher aus- schließlich gelogen in meinem Bericht. Um alles andere, was

110

geschehen war, zu umgehen, deutete ich nur an, daß ich betont hätte, die volle Wahrheit erst dem Richter zu sagen. Ich würde ihnen später über alles berich- ten, als erster aber käme der Richter dran.

Es war in die Zelle eine gute Atmosphäre einge- kehrt. Wir sprachen über viele Probleme, meist sehr ernste, aber zuweilen wurde auch fröhlich gelacht. Nach zwei Stunden wurde abermals die Zellentür geöffnet. Ein Gefängniswärter erschien und sagte:

„Mattern, bitte zum Richter.“ Ich atmete direkt auf, denn die Schuld der vermeintlichen Urkundenfäl- schung lag noch immer schwer auf meinem Gewis- sen.

Der jüdische Richter empfing mich sehr freundlich. Ich konnte es kaum abwarten und sagte ihm gleich:

„Ich habe, glaube ich, etwas entsetzlich Schlimmes getan: Urkundenfälschung“, und dann erzählte ich ihm alles. Er horchte schweigend zu, und als ich en- dete, fragte er mich schmunzelnd: „Sind Sie schon einmal mit dem Fahrrad übers Trottoir gefahren? Na, sehen Sie schlimmer ist dies auch nicht, was Sie getan haben. Es ist eine Verfehlung oder Falsch- beurkundung, aber niemals eine ,Urkundenfälschung’.

Jetzt holen Sie rasch, was Sie noch in der Zelle ha- ben und kommen mit mir nach Hause. Meine

111

Frau erwartet uns zum Tee.“ Ich war sprachlos vor Freude, vom qualvollen Druck meiner großen Schuld so plötzlich befreit zu sein. Noch konnte ich mein Glück kaum fassen. Dann aber fielen mir plötzlich meine Frauen in der Zelle ein. Ich bat den Richter inbrünstig, mich über Pfingsten bei ihnen zu lassen. Er lehnte dies scharf ab und sagte, er dürfe dies nicht zulassen, wenn ein Verhafteter als un- schuldig erklärt wird. Er geleitete mich zu meiner Zelle, ließ sie offen, damit ich meine Utensilien ho- len könnte. Ich versuchte traurig, den Frauen in Eile zu erklären, daß ich von ihnen fort müßte und ent- lassen sei. Eine nach der anderen fiel mir weinend um den Hals. Ich weinte auch. Ich aber war mir ganz sicher, daß ich alles versuchen würde, wieder zu ih- nen zurückzukommen.

Obwohl mir der gütige Richter nach dem gemeinsa- men Tee in seinem Hause anbot, mit Genehmigung des Polizeichefs und in Begleitung eines Polizisten mich hinüber an meine Gräber zu bringen, schob ich den Zeitpunkt dafür noch unbestimmt hinaus, um etwas Wichtiges vorher zu erledigen. Sein Gewissen wollte ich nicht unnötig belasten. Er selbst mußte mir ja einen Besuch im Gefängnis ablehnen. Ich wollte aber unbedingt zu diesen Frauen zurück, de- nen vielleicht nur ich helfen konnte. Sie alle standen vor einem Ungewissen Schicksal und

112

vor einer schweren Strafe. Sie waren resigniert, ver- bittert, haßerfüllt und vor anderen verschlossen. Vielleicht waren sie durch Liebe zu retten. Aber der Weg war weit und schwer, und zunächst ging es da- rum, die Schuld einzusehen und die ihnen auferlegte Strafe innerlich anzunehmen. Sie liebten mich, und sie spürten, daß ich sie ins Herz geschlossen hatte. Ich würde versuchen, mich, während sie die Strafe zu verbüßen hatten, um sie zu kümmern. Wie aber kann man Menschen auf einen guten Weg zu brin- gen versuchen, wenn sie hungern und körperlich schmutzig bleiben müssen? Dies erst zu ändern, schien mir die wichtigste Voraussetzung. Es war Samstag vor Pfingsten. Sobald die Läden geöffnet waren, lief ich von einem Nahrungsmittelgeschäft zum ändern. Alles Gute und Nahrhafte gab es nur auf Karten, ich aber hatte keine. Ich riskierte es, auf die Gefahr hin, an Gegner zu geraten und sagte je- weils dem Geschäftsinhaber meinen Namen. Ein freundliches Lachen ging ausnahmslos über die Ge- sichter, und die Leute holten mir heimlich die schönsten Dinge hinter dem Ladentisch hervor. Ebenso erging es mir in einer Drogerie, in der ich viele nützliche Sachen für meine Frauen erstand. Dann lief ich, bepackt mit den köstlichsten Dingen, zum Gefängnis: mit Butter, Schinken, Wurst und Brot, mit Käse und Sardinen; auch mit allem, was eine Frau braucht, um körperlich sauber zu sein

113

und sich äußerlich auch schön und gepflegt herrich- ten zu können. An der Gefängnispforte wurde ich wie eine alte Bekannte begrüßt, und der Pförtner bat mich gleich um ein Autogramm, das er durch mei- nen raschen Aufbruch nicht mehr hatte erbitten kön- nen. Ich gab ihm dies, bat ihn aber, mich so lange als irgend möglich in meine alte Zelle zu den Frauen zu führen. Er lehnte erschreckt ab, da er fürchtete, ohne offizielle Erlaubnis dazu, seine Stelle zu verlieren. Nach langer Diskussion, in der ich ihn beschwor, nur seinem Gewissen vor Gott zu folgen, denn viel- leicht könne in diesem Augenblick niemand anders diesen Frauen für die Zukunft wirklich helfen außer mir. So ließ er sich schließlich erweichen, auf die Dauer von 1 bis 2 Stunden den Besuch in der Zelle zu ermöglichen. Mit vor Freude klopfendem Herzen erwartete ich das öffnen der Zellentür, die der Pfört- ner gleich wieder hinter mir verschloß. Er selbst be- ruhigte sich, daß wohl am Samstag vor Pfingsten bestimmt keine Kontrolle kommen würde. Wie sehr aber war ich selbst enttäuscht, als keine der Frauen mir entgegenkam. Das Band zwischen uns schien wie zerrissen. Scheu und stumm blieb jede an ihrem Platz. „Was ist denn los?“ fragte ich traurig. „Freut Ihr Euch nicht, daß ich zu Euch zurückgekommen bin? Ich habe Euch viel Schönes mitgebracht, schaut doch erst mal her.“ Das vertraute „Du“ war

114

aber für sie gefallen. „Jetzt wissen wir, wer Sie sind“, sagte eine von ihnen verlegen — und noch immer verließ keine ihren Platz. „Ach Unsinn“, sag- te ich, „für Euch bleibe ich die ,Mattern’, der Name spielt doch keine Rolle. Schaut, kommt doch her, mögt Ihr das alles wohl?“ Ich öffnete auf dem Tisch ein Paket nach dem ändern. Erst neugierig, dann mit Jubelrufen umringten sie den Tisch voller Gaben. Ich begann mit einem Messer aus meiner Tasche ihnen köstliche belegte Brote herzurichten, die sie mit größtem Genuß verzehrten. Nachdem sie aus- giebig gegessen hatten und alles übrige verteilt war, kam bei ihnen die bange Frage, warum ich denn in ihre Zelle gesperrt worden und dadurch zu ihnen ge- kommen wäre. Ich erzählte nun alles, was geschehen war. Vor allem bewegte sie bei meiner Erzählung das Schicksal meiner Familie, das ich angedeutet hatte und deren Gräber ich ja eigentlich besuchen wollte. Sie waren keineswegs stumpf, sondern voll echtem Mitgefühl. Der Panzer, den sie um ihr Inne- res gelegt hatten, war wie zerschmolzen. Nun aber baten sie, ich möge ihnen aus meinem Fliegerleben berichten. So begann ich vom Fliegen zu erzählen, was ich ja gar nicht vorhatte, und wob dort hinein den wundersamen Einfluß meiner Mutter. Spannen- de fliegerische Abenteuer verquickte ich mit vielem, was durch meine Mutter für mein Leben wesentlich geworden ist. Für die

115

Zuhörerinnen fast unmerklich lenkte ich von meinen Erzählungen und meiner Mutter auf jede einzelne von ihnen über. So streiften wir immer wieder vom Erleben des Fliegens und vom Segen meiner Mutter auf das Leben über, was jetzt vor ihnen stünde und so schwer zu meistern war. Jetzt galt es ja, mit voller Wahrheit vor dem Richter zu beginnen, denn nur auf Wahrheit könne man ein neues Leben aufbauen, das zum Segen werden kann und soll. Sie hatten dabei viele ernste Fragen: wie denn ein so verpfuschtes Leben wie das ihre doch noch zum Segen werden könne und was denn überhaupt hieße „zum Segen werden“? Da sagte ich ihnen auswendig viele Verse meiner Mutter, in denen sie wundersam die Antwort fanden. Jetzt füllten sich ihre Augen mit Tränen, und sie baten mich, ein paar Verse für sie niederzu- schreiben.

Während ich dies tat, öffnete sich wieder Schloß und Riegel. Der Pförtner erschien und sagte: die Zeit sei endgültig vorbei. Zum Abschied umarmten wir uns unter Tränen, und sie versprachen mir gleich nach Oberursel, meinem damaligen Wohnort, zu schrei- ben. Schweren Herzens verließ ich sie und das Ge- fängnis.

Nach Pfingsten fuhr ich, begleitet von dem gütigen Richter und einem Polizisten, hinüber nach Salz-

116

burg an meine Gräber, die ja das Ziel meiner Reise waren.

Als ich nach Tagen wieder in Oberursel eingetroffen war, lag dort ein Brief von meinen Frauen aus der Zelle, ein Gemeinschaftsbrief. Ein gepreßtes Gänse- blümchen aus dem Gefängnishof von Reichenhall lag dabei: „Unsere liebe Hanna Reitsch! Für uns wa- ren die Stunden, die Sie bei uns waren, als hätte sich der Himmel geöffnet. Sie sollen wissen, daß Sie von nun an auch auf uns als Frauen stolz sein können “ Ich schrieb ihnen sofort bewegt zurück, denn ich wußte, wie wichtig es war, jetzt schriftlich in Ver- bindung zu bleiben. Doch von nun an blieb jeder Brief von mir ohne Antwort, bis ich traurig und ent- täuscht aufhörte zu schreiben. Erst später erfuhr ich, welch böse Kräfte das Band zwischen uns zerrissen hatten. Erst nach einem Jahr erreichte mich nämlich ein Brief von einer dieser Frauen. Er war heimlich durch einen Boten, ohne Postmarke, in meinen Briefkasten gesteckt. Darin stand, daß sie meine Briefe erhalten hätten, aber an ihrem Inhalt erkann- ten, daß alle Briefe von ihnen an mich abgefangen würden. Auch wenn wir nie mehr voneinander hören würden, so wüßten sie durch meine vorangegange- nen Briefe, daß ich für sie beten und an sie glauben würde. Ich solle diesen Glauben an sie niemals auf-

117

geben. Dies Wissen würde ihnen Kraft verleihen. Lange Zeit hob ich diesen Brief auf und denke noch heut im Gebet an diese Frauen.

118

19. Kapitel

Die verschwundenen Briefe

Eines Tages, lange nach meiner Rückkehr aus Salz- burg, kam ein Geschwisterpaar aus Ludwigsburg, Christof und Sabine, zu mir nach Oberursel. Es wa- ren die zwei ältesten Kinder des Pfarrers K., die wie ich aus Niederschlesien stammten und von dort ver- trieben waren. Christof war der Führer einer Ju- gendgruppe des Versöhnungsbundes, und als deren Vertreter war er zu mir gekommen. Sie planten eine dreitägige Tagung in M. mit vielen Vorträgen. Ich sollte einen Vortrag übernehmen, das Thema stünde mir frei. Obwohl ich von dieser Art organisierter Versöhnung nicht viel hielt und überdies mir diese Institution ein allzu intellektuelles Unternehmen schien, das mit echter Versöhnung wenig zu tun hat- te, gab ich ihrer Bitte nach und war bereit, über das Thema zu reden: „Unser Beitrag zum Frieden.“ Sie fuhren glücklich, mich gewonnen zu haben, wieder ab. Nach einer Woche aber standen sie erneut vor mir, diesmal aber aufgebracht und erregt. Die Leite-

119

rin des gesamten Versöhnungsbundes, Frau X., die zugleich Landtagsabgeordnete war, hätte ihnen ent- setzt untersagt, „die böse Nazi-H. R.“ zur Jugendta- gung einzuladen oder sie gar noch einen Vortrag halten zu lassen. Christof aber hätte ihr erklärt, daß die Jugendtagung ohne mich nicht stattfinden solle. Er war sogar bereit, wenn die Erlaubnis nicht erteilt würde, die Führung niederzulegen und aus der Or- ganisation auszutreten. Nun aber kamen sie, um mich zu fragen, ob ich trotz der ablehnenden Hal- tung, die mir dort entgegengebracht würde, zu ihnen kommen wollte. Ich möge sie doch nicht im Stich lassen. Natürlich war ich bereit, was auch immer mich erwarten würde.

Der Tag nahte, an dem ich mit dem Zug nach Lud- wigsburg reiste, wo ich von den Geschwistern K. abgeholt wurde. Sie schienen recht bedrückt und be- sorgt zu sein, denn Frau X. hatte viele Menschen eingeladen, darunter Amerikaner, Geistliche, evan- gelische und katholische, alle sehr viel älter, als wir waren, und vor allem hielten sie sich für große Geg- ner der Vergangenheit und Gegner solcher Men- schen, die während des 3. Reiches Erfolge hatten. Ich war zunächst gespannt, was mich erwartete. Am Tagungsort eingetroffen, traf ich zunächst ungefähr 40 Jugendliche, meist Studenten, die, wie Christof mir berichtet hatte, große Idealisten im 3. Reich ge- wesen waren. Sie alle

120

waren vor dem Studium Jugendführer in der HJ ge- wesen. Nach dem verlorenen Krieg und nach allem, was sie seitdem ausschließlich nur noch hörten, wie schlecht oder verbrecherisch alles gewesen sei, für das sie gelebt hatten, war in ihnen alles zusammen- gebrochen. Sie glaubten nun resignierend an gar nichts mehr. Sie waren noch zu jung, um zu begrei- fen, wie es Völkern und Nationen nach verlorenen Kriegen ergeht und wie jegliche Lüge über Vergan- genes von den neuen Machthabern systematisch in die Herzen aller gelegt wird. So verlor in diesen jun- gen Menschen all das, was ihnen Werte bedeutet hatte, seinen Bestand.

Voll Zweifel, aber mit Freundlichkeit begrüßten sie mich. Mit eisiger Kälte aber behandelten mich die übrigen, die alle älter waren als ich. Keiner gab mir die Hand. Sie wendeten sich wie verabredet um, wenn ich auf sie zutrat. Nur Frau X. gab mir notge- drungen kurz, aber äußerst ablehnend die Hand. Ich war wie erstarrt und entsetzt von dieser kalten, feindlichen Atmosphäre. Und so etwas nannte sich „Versöhnungsbund“? Bald darauf begann die Ta- gung. Frau X. begrüßte alle Anwesenden und beton- te, daß wir alle uns um des gemeinsamen Zieles wil- len „duzen“ sollten. Ich fand dies völlig unange- bracht unter Erwachsenen, die sich bisher noch gar nicht gekannt hatten. Als nächstes verkündete sie,

121

daß durch die große Zahl an gemeldeten Vorträgen bedauerlicherweise einige ausfallen müßten, sie nannte die Themen, natürlich auch das Thema mei- nes Vertrages. Den Führer der Jugendgruppe packte der Zorn. Ich zwinkerte ihm beruhigend zu. Der Tag verlief in bedrückter Stimmung. Als ich am Abend in dem Gemeinschafts-Schlafsaal der Frauen auf meinem Bett lag, hatte ich den Eindruck, nur ein Wunder könne hier noch die Situation retten. Ich selbst vermochte nichts dazu zu tun. Es war läh- mend, wie eine Ausgestoßene behandelt zu werden. Der Himmel aber half in wundersamer Weise. Als wir am nächsten Morgen alle beim Frühstück saßen, wurde Frau X. ans Telefon gerufen und wegen einer wichtigen Angelegenheit den Vormittag über in den Landtag nach S. gebeten. Der Wagen, der sie holen solle, sei schon unterwegs. Sie teilte uns dies bedau- ernd mit und fügte hinzu, wir sollten durch Spazier- gänge die Gelegenheit nutzen, uns kennenzulernen. Kaum war ihr Wagen außer Sicht, trat Christof an meinen Tisch und sagte: „Bitte nutzen Sie die Gele- genheit, der ganze Vormittag gehört jetzt Ihnen.“ Da mir klar war, daß die meisten der Anwesenden ei- nem angekündigten Vortrag von mir fernbleiben würden, beschloß ich die Zeit zu nutzen, während alle beim Frühstück saßen. Ich schlug an meine Por- zellantasse, stand auf und sagte fröhlich: „Ich weiß, daß Sie entsetzt sind, wenn ich jetzt das Wort er-

122

greife und vor allem entsetzt sind, daß ich überhaupt hier unter Ihnen bin. Man muß Ihnen ja Sonderbares von mir erzählt haben, aus Ihrem Verhalten gegen mich zu schließen. Wenn Sie mich aber für eine ,gefährliche Nazi’ halten, so müßten Sie sich doch als Mitglieder des Versöhnungsbundes freuen, sich mit mir versöhnen zu können. Oder wollen Sie sich nur mit Versöhnten versöhnen?“ Ein leises Schmun- zeln ging über ihre Gesichter, und alle hörten mir jetzt interessiert zu. „Ich will Ihnen die Versöhnung leichter machen“, fuhr ich fort, „und Ihnen aus mei- nem Leben erzählen.“ Und dann begann ich von meinem Elternhaus, vom Anfang der Fliegerei zu sprechen, warum und für was ich Flugkapitän ge- worden war und die Ehrungen und Auszeichnungen im Krieg erhalten hatte. Es waren dies alles Einsätze gewesen, bei denen man das eigene Leben ständig aufs Spiel setzte, um das Leben vieler anderer retten zu helfen.

Es war still im Frühstückssaal so still, daß man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Auch er- zählte ich ihnen, wie ich zu jenem abenteuerlichen letzten Flug in das von Russen eingeschlossene Ber- lin kam mit dem damaligen Generaloberst Ritter v. Greim und was ich mit ihm im Bunker erlebt hätte. So ganz anders war dies in Wirklichkeit als all die verschiedenen Fälschungen, wie das Buch des engli- schen Historikers Trever Roper „Die letzten Tage

123

Hitlers“, der einen Augenzeugenbericht von Hanna Reitsch benutzte, den ich in Wirklichkeit nie ge- macht, nie gesehen und nie unterschrieben hatte. Es war atemlose Stille, als ich die Fälschungen be- schrieb, die wiederum aus Trever Ropers Buch von Zeitungen und Magazinen übernommen worden wa- ren.

Nach einer Stunde endlich kam ich auf mein eigent- liches Thema, nämlich „Unseren Beitrag zum Frie- den“, der bei uns selbst begänne, bei jedem einzel- nen. Ich führte dies vom kleinen persönlichen Be- reich beginnend aus und endete mit dem, was mich das Erleben des Fliegens für den Frieden lehrte; denn hoch über der Erde gäbe es keine Grenzen, keine Völker, keine Farben, keine Rassen und keine Sprachen. Dort bilde alles eine Einheit

Erst als der Wagen von Frau X. angerollt kam, ende- te ich. Und als sie eintrat, rauschte gerade der Beifall auf. Frau X. war bestürzt. Sie spürte, daß sie diese kleine Schlacht verloren hatte. Tiefbeglückt aber kam Christof auf mich zu. Er packte meine beiden Hände. Tränen standen ihm vor Dank und Bewe- gung in den Augen. Bald war ich von den übrigen Jugendlichen umringt. „Wir hätten Ihnen noch viele Stunden zuhören können“, sagte einer nach dem än- dern. „Woher nehmen Sie

124

nur die Kraft und den Glauben an den Sieg des Gu- ten und an den Sieg der Wahrheit, woher den Glau- ben an Gott, an die Menschen und an die Zukunft überhaupt, nach allem, was man Ihnen im Gefängnis angetan hat nach all dem Leid, das Ihnen Gott geschickt hat durch den Tod all Ihrer nächsten Men- schen und durch alle Verleumdungen über Sie?“ „Woher ich den Glauben nehme, davon erzähle ich Euch, wenn wir noch Zeit dazu finden im Laufe der Tagung.“ „Das müssen wir ganz einfach“, sagte Christof. „Könnten Sie im Anschluß an diese Ta- gung nicht noch einen Tag länger bleiben ganz für uns allein?“ Begeistert schlug nun Christof K. vor, sich in der Glöckner-Wohnung des ev. Kirch- turms zu treffen; die Wohnung stünde leer, er würde seinen Vater um Erlaubnis bitten, sie dafür benutzen zu dürfen. Die Tagung nahm nun ihren vorgeschrie- benen Verlauf, aber es war eine wundersame Verän- derung bei allen Anwesenden mir gegenüber einge- treten, gegen die Frau X. nicht anzukommen ver- mochte. Und jede Pause zwischen Vorträgen wurde von den Jugendlichen, aber auch von vielen der Er- wachsenen genutzt, mir Fragen zu stellen. Die Ju- gendlichen aber drängte es vor allem, mir ihre eige- nen Probleme, mit denen sie nicht fertig wurden, aufzudecken. Erst als wir nach der Tagung in der Glöcknerwohnung uns alle wieder trafen, konnte ich ungestört auf alle die

125

vielen schweren Fragen antworten. Oft blieb ich eine Antwort schuldig, wenn ich selbst vor Rätseln stand. Dann holte ich die Verse meiner Mutter hervor, die ich immer mit mir führte. An die 70 Gedichte waren mir während meiner Gefangenschaft wieder einge- fallen. Ich las ihnen eins nach dem andern vor. Kei- nes durfte ich auslassen, sie wollten alle hören und waren sehr bewegt. Sie spürten aus jeder Zeile die echte und dabei so schlichte Frömmigkeit, die Liebe zum Land und zur Heimat. Sie fühlten den starken Glauben aus ihren Worten an Werte, die für sie ins Wanken geraten waren. Aber nicht nur dieses Hei- ligtum der Verse meiner Mutter gab ich preis, auch noch einen anderen kleinen Kraftquell: Während meiner Gefangenschaft in Oberursel lernte ich den früheren Finanzminister Lutz Graf Schwerin v. Krosigk kennen, der durch diese gemeinsame Zeit mir ein naher väterlicher Freund geworden war. Un- sere Gespräche, unsere Sorgen und Qualen galten während unserer gemeinsamen Inhaftierung dem eigenen Land und der Wahrheit über die Vergan- genheit, und sie galten der Sorge um die Zukunft Deutschlands. Auf diese Gespräche hin schrieb mir Graf Schwerin v. Krosigk eine Reihe von Gedichten, in denen es ausschließlich um Deutschland und um den deutschen Menschen ging. Auch diese Gedichte führte ich als eigenen Trost mit mir und las

126

sie nun den Jugendlichen vor. Sie wurden nicht we- niger bewegt aufgenommen wie jene meiner Mutter. Darin fanden sie Antwort auf ihre vielen Fragen und begriffen, daß ihre Liebe zu Deutschland und ihr Einsatz dafür nicht umsonst gewesen war. Und sie verstanden auch, daß das nun zerbrochene Land ih- ren vollen Einsatz in noch viel stärkerem. Maß benö- tige als früher.

Bei unserem Abschied bat jeder darum, mir in volls- tem Vertrauen schreiben zu dürfen. Da ich nicht fal- sche Hoffnungen erwecken wollte und mir klar war, daß ich eine Korrespondenz mit all diesen 40 Ju- gendlichen niemals erfüllen könnte, so versprach ich, jedem von ihnen einmal ganz ausführlich zu antworten. Jeder könne sich alles vom Herzen schreiben, und niemals würde ein Fremder davon erfahren. So fuhr ich zurück nach Oberursel. Ich fühlte mich auf der Heimfahrt im Zug fast wie ent- blößt, weil ich gar alles, was mir selber heilig war, vor diesen Jugendlichen aufgetan, um sie in ihrer Zerbrochenheit wieder aufzurichten, um ihnen Kraft für neuen Glauben und neue Hoffnung ins Herz zu legen an Werte, die sich immer gleichbleiben, zu jeder Zeit und in jedem Land, gleichgültig, ob sie auch vorübergehend zertreten würden. Ich fror. Die „innere Entkleidung“ schien sich auf den ganzen Körper zu übertragen. Ich wünschte

127

mir jetzt nur, von diesen jungen Menschen richtig verstanden worden zu sein. Mit Ungeduld wartete ich auf die ersten Briefe, die mich langsam wieder „umhüllen“ sollten — aber sie blieben aus. Ein ein- ziger, mich tief ergreifender Brief erreichte mich von ihnen, den ich sofort ganz ausführlich beantwor- tete. Im übrigen aber blieb das von mir erhoffte Echo aus. Es quälte mich, daß ich mich derart vor ihnen geöffnet hatte und alles umsonst geschehen sei.

So vergingen zwei oder drei Monate. Da klingelte es an meiner Wohnungstür in Oberursel. Pfarrer K. stand vor mir, mit blassem Gesicht und ablehnen- dem Ausdruck. Als er mit mir allein im Zimmer saß, brach es gleich aus ihm heraus: „Wie konnten Sie unsere Jugend derart im Stich lassen? Das ist fast ein Verrat an der Jugend. Sie allein hatten die Herzen der Jugend gewonnen; weder wir evangelischen Pfarrer noch die katholischen Kollegen vermochten es, weder ihre Väter noch ihre Mütter. Sie aber ha- ben die Jugend aufgefangen in ihrer inneren Zerbrochenheit. Sie begannen durch Sie wieder voll Hoffnung zu glauben. Alle haben Ihnen in tiefem Vertrauen geschrieben. Sie versprachen zu antwor- ten, und Sie haben es nicht getan. Die jungen Men- schen schrieben Ihnen nicht nur einmal, sie schrie- ben zweimal, mein Christof sogar

128

dreimal. Dann kamen sie und schlugen mit der Faust auf den Tisch und riefen: Jetzt glauben wir an gar nichts mehr, Hanna Reitsch hat uns auch getäuscht und im Stich gelassen’.“

Dann war der Pfarrer einen Augenblick still: „Das war ein Verrat an den jungen Menschen“, fuhr er fort, „wie konnten Sie so gewissenlos sein?“ Mir schien der Kopf blutleer. Ich muß wohl aschfahl ge- worden sein. Dicke Tränen liefen mir langsam die Backen herunter. Dann sagte ich leise: „Dann sind alle Briefe der Jugendlichen abgefangen worden. Einen einzigen habe ich erhalten und sofort ausführ- lich beantwortet. Ich hatte selbst darunter gelitten, daß meine Worte die anderen nicht erreicht zu haben schienen.“ Jetzt war auch Pfarrer K. entsetzt, und Tränen standen auch in seinen Augen. „Das also ge- hört zu den Methoden, um ein besiegtes Volk ganz zu zerbrechen. Man zerstört ihnen ihre Beispiele und nimmt ihnen ihre Helden“, sagte er ernst. „Wie viele andere mögen Ihnen in eigener Not geschrieben ha- ben voll Dank, daß Sie im Land geblieben sind und all den Angeboten, ins Ausland zu kommen, nicht gefolgt sind. Armes Deutschland.“

Pfarrer K. war nach Ludwigsburg zurückgefahren. In den folgenden Monaten erlebte ich noch weitere

129

nicht minder bösartige Methoden, die alle dieses gleiche Ziel hatten. Ich wünschte damals nur eines:

nicht mehr leben zu müssen, damit nicht andere ohne daß ich es ahnen konnte auf solche Weise durch mich noch mehr in Verzweiflung geraten würden. Vorher aber wollte ich unbedingt über mein Leben schreiben und mich damit vor viele ungezähl- te Deutsche stellen, die in der Vergangenheit wie ich selbst das Beste wollten, an das Gute glaubten und von Verbrechen, die von den Deutschen began- gen sein sollten, nichts wissen konnten. Während ich, versteckt in der Eifel, an diesem Buch „Fliegen mein Leben“ schrieb (Lehmanns Verlag, München), wurde mir klar, daß Lügen sich niemals auf die Dauer halten können. Und daß es ein großer Tri- umph wäre für die bösen Kräfte, wenn ich meinem Leben selbst ein Ende setzen würde. Es galt jetzt, diese schwere Zeit, und wenn es viele Jahre dauern würde, durchzustehen und an den Sieg des Wahren und Guten zu glauben, das letztlich unzerstörbar bleibt. Nur ein tiefer Glaube konnte mir die Kraft dazu verleihen.

130

Schluß

Seit Kriegsende sind viele Jahre vergangen, in denen ich unglaublich viel erlebt habe: Reiches und Schö- nes im In- und Ausland, interessante menschliche Begegnungen, auch mit Staatsoberhäuptern in fernen Erdteilen, große fliegerische Erlebnisse, Erfolge und Ehrungen, aber auch ein unaussprechlich großes Kreuz an Leid und Tränen, an Enttäuschungen und an Verleumdungen durch Fälschungen, die immer wieder meinen Namen in Filmen, in Büchern, Ma- gazinen und Zeitungen in unwahrer Weise benutzen oder auf eine politische Bühne zerren, auf die ich nicht gehöre. Von meinem Verlag wurde ich gebe- ten, über all das zu schreiben, als Fortsetzung mei- nes Buches „Fliegen mein Leben“.

Ich gehöre bis zum heutigen Tag meiner Fliegerei, wenn auch durch meine Kriegsverletzungen nicht mehr beruflich, so doch sportfliegerisch. Ich fliege Hubschrauber und Motormaschinen, vor allem aber widme ich mich meinem über alles geliebten Segel- flug.

131

Was ich aber nie für möglich gehalten hatte, wurde in all diesen Jahren zur beglückenden Gewißheit und zu einem tiefen Reichtum: Die Liebe zu meinen To- ten und das Leid um sie hat sich wunderbar gewan- delt in eine ständige Gegenwärtigkeit. Sie sind im- mer, gleichsam wie lebendig, um mich und mit mir. Sie scheinen mich wie mit einem Schutzwall zu um- geben. Sie geben mir Kraft, und sie weisen mir noch heute den Weg, den ich darum klar und sicher gehe.

In mir klingt einer der letzten Verse meiner Mutter:

Eine heiße Seele, Herr, hast Du mir gegeben, daß ich immer brennen darf, ist mein Glück, mein Leben.

Daß die Flamm’, still, stark und rein, das ist mein Verlangen, und daß alle, die ich lieb’, froh zu Dir gelangen.

Und daß alles, was ich tu’, ändern werd’ zum Segen, daran, Herrgott, ganz allein, ist es mir gelegen.“

132

Das Wissen um das Unzerstörbare auf der Welt und im Leben eines jeden Menschen verleiht dem ein- zelnen Würde und Sicherheit. Es ist die stärkste Kraft gegen Lüge und Zersetzung und schenkt Hoff- nung, selbst dort, wo es fast aussichtslos scheint. Nur mit Hoffnung kann man fruchtbar an der Zu- kunft bauen helfen. Hoffnung haben aber heißt, selbst angesichts unserer heutigen Welt nicht zu ver- zweifeln, sondern sich Augen zu bewahren, die nicht nur das Böse sehen, sondern statt dessen das Gute erkennen und betrachten. Dies jedoch setzt voraus, daß man das Böse zunächst in sich selbst überwin- det, um es nicht auf den anderen zu werfen. Erst da- durch gelangt man zur Schau des Guten und damit auch zur Hoffnung. Hoffnung setzt für mich den Glauben voraus und das dankbare Wissen um Un- zerstörbares und Bleibendes.

133