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Essay

Wien, den 07.12.2017

Das Verhältnis von Richard Dawkins‘


Theorien über die künstliche Intelligenz
zu Günther Anders

Stefan Schößwendter
01628770
A 198 420 425 2 / WS17
a01628770@unet.univie.ac.at

180067 LPS Conditio humana


Univ.-Prof. Mag. Dr. Konrad Liessmann

Institut für Philosophie

Universitätsstraße 7

A-1010 Wien
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung..................................................................................................................................3

2 Die Desertion ins Lager der Geräte bei Günther Anders.........................................................3

3 Richard Dawkins‘ Theorien zur künstlichen Intelligenz............................................................5

4 Welche Gefahr geht von der künstlichen Intelligenz aus?.......................................................6

5 Fazit..........................................................................................................................................7

Literaturverzeichnis.....................................................................................................................9

2
1 Einleitung

Da sich Günther Anders in seinem Werk Die Antiquiertheit des Menschen 1 unter anderem
mit dem Spannungsfeld des menschlichen Lebens und der Geräte bzw. Computer befasst, ist
in der Lehrveranstaltung des öfteren eine Diskussion über die künstliche Intelligenz
entstanden. In diesem Zusammenhang ist auch ein Video, welches auch im Moodle Kurs zur
Lehrveranstaltung verlinkt ist, erwähnt worden in dem Richard Dawkins sich dazu äußert,
dass es möglicherweise gut ist wenn die Menschen aussterben und die künstliche Intelligenz
die Kontrolle über den Planeten übernimmt. Da Richard Dawkins ein Philosoph ist, der mich
persönlich sehr interessiert habe ich entschieden in meiner zweiten Arbeit seine Theorien,
denen von Günther Anders gegenüberzustellen.

Ziel dieses Essays ist es, die Grundidee der „Desertion ins Lager der Geräte“ darzulegen, sie
mit Richard Dawkins‘ Theorien zu verknüpfen und einen Ausblick zu machen, in wie weit die
künstliche Intelligenz zur Gefahr für uns werden kann, wie es in Dystopien wie The Matrix
immer wieder dargestellt wird.

2 Die Desertion ins Lager der Geräte bei Günther Anders

In Die Antiquiertheit des Menschen 1 widmet Günther Anders einen großen Teil seinem
Konzept der prometheischen Scham. Dabei geht es um ein Schamgefühl, das wir Menschen
empfinden, wenn wir unseren nahezu perfekten Geräten gegenüberstehen und erkennen,
dass wir nicht ansatzweise so perfekt wie sie sind. Wir Menschen sind geboren und nicht
gemacht, das heißt nicht bis ins kleinste Detail geplant, so wie die Geräte.1 Dieses geboren
sein ist der Makel für den wir uns laut Günther Anders schämen.

In dem Kapitel über die prometheische Scham geht der Autor in §4 auf die „Desertion des
Menschen ins Lager der Geräte“ ein. Desertion ist laut Duden das Nomen zum Verb
desertieren2 welches „fahnenflüchtig werden, die Truppe verlassen [um zum Feind

1 Vgl. ANDERS, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen 1. Über die Seele im Zeitalter der zweiten
industriellen Revolution. 3. Auflage. München: Verlag C. H. Beck 2010, S.21ff.

2 „Desertion“ auf Duden online. URL: https://www.duden.de/node/735431/revisions/1140782/view


(Abrufdatum: 25.01.2018)

3
überzulaufen]“3 bedeutet. In den Anmerkungen zu seinem Buch erläutert Günther Anders
den Begriff Desertion wie folgt:

„Die Desertion des Bedrohten ins Lager, mindestens ins Wertsystem, des Bedrohenden
ist uns heute ja aus der Politik geläufig. Und daß der Bedrohte nicht nur die
Urteilsmaßstäbe des Bedrohers, sondern auch dessen Gefühle, übernimmt, und fast
stets dazu gebracht werden kann, diese Desertion im Wahn der Freiwilligkeit
durchzuführen, haben wir in den letzten zweieinhalb Jahrzehnten oft genug erlebt.“ 4

Wir verlassen also das Lager der Menschen und desertieren ins Lager der Geräte, wenn wir
den Wunsch hegen ein Ding zu sein, und uns nach den Urteilsmaßstäben der Geräte
beurteilen.

„Gemessen an seinen Aufgaben, belehrte ein amerikanischer Luftwaffen-Instruktor seine


Kadetten, sei der Mensch, wie die Natur ihn nun einmal hervorgebracht habe, eine
„faulty construction“, eine Fehlkonstruktion“5

Wie in dem Zitat sichtbar, führt Günther Anders das Sinnbild des Menschen als „faulty
construction“ ein. Dadurch wird deutlich, wie sehr sich manche Menschen (wie zum Beispiel
der Luftwaffen-Instruktor) den Maßstäben nach denen Geräte beurteilt werden unterwerfen.
Der Mensch ist nicht gemacht und wurde auch nicht gemacht, und wird trotzdem als etwas
schlecht gemachtes bezeichnet, da er z.B. viel langsamer und fehlerhafter rechnet als ein
Computer.6 Die prinzipielle Unvergleichbarkeit von allem was konstruiert ist mit dem
Menschen, wird vernachlässigt. Wir unterwerfen uns hier selbst den Kriterien, zum Beispiel
Rechengeschwindigkeit, nach denen wir Maschinen bewerten und erkennen, dass wir ihnen
unterlegen sind.

Die Maschinen können in sehr kurzer Zeit in einem hohen Maße verbessert werden, dazu
muss man sich nur anschauen wie sich Mobiltelefone in den letzten 30 Jahren verändert
haben. Wir Menschen hingegen können uns nicht einfach upgraden. Wir stecken in unserem
Makel behafteten Körper fest. Unsere Maschinen können bis zum Mars fliegen, aber wir
Menschen können nicht mit ihnen fliegen, da unsere Körper zu schwach sind. Wir sehen uns
als schlechtes „Gerät für Geräte,“ da wir als Piloten so schlecht geeignet sind. Unsere

3 „desertieren“ auf Duden online. URL: https://www.duden.de/node/735324/revisions/1393226/view


(Abrufdatum: 25.01.2018)

4 ANDERS: Die Antiquiertheit des Menschen 1, S.326

5 Ebd. S.31f.

6 Vgl. Ebd. S. 31f.

4
Maschinen machen also an unserer Stelle die Erfahrungen und Erlebnisse, die wir selbst
gerne machen würden.7

„Je größer das Elend des produzierenden Menschen wird, je weniger er seinen
Machwerken gewachsen ist, um so pausenloser, um so unermüdlicher, um so gieriger,
um so panischer vermehrt er das Beamtenvolk seiner Geräte, seiner Untergeräte und
Unteruntergeräte; und vermehrt damit sein Elend natürlich auch wieder: denn je
vielköpfiger und je komplizierter diese selbstgeschaffene Bürokratie seiner Geräte wird,
um so vergeblicher werden seine Versuche ihr gewachsen zu bleiben.“ 8

Es ist ein nie enden wollender Kreislauf: Je besser unsere Geräte werden, desto
unerreichbarer wird ihr Können für uns. Und damit steigt der Wunsch selbst ein Ding zu sein,
seiner menschlichen Schwächen zu entgehen. Und damit wiederum steigt der Drang weitere,
noch bessere Geräte zu entwickeln.

Der Mensch hegt den Wunsch sich selbst zu Verdinglichen. Günther Anders geht in §3 auf die
Selbst-Verdinglichung durch Make up ein, durch die man sich ein bisschen mehr wie ein Ding
fühlt. Doch tatsächlich wie ein Gerät zu funktionieren, nicht mehr so eingeschränkt zu sein,
das können wir nie erreichen.

3 Richard Dawkins‘ Theorien zur künstlichen Intelligenz

In dem Video A.I. Might Run the World Better Than Humans Do äußert sich Richard Dawkins
wie bereits in der Einleitung erwähnt wurde, über die künstliche Intelligenz, und die
Möglichkeit, dass sie in Zukunft an die Stelle von menschlichem Leben treten könnte.

Dies kann man auch als eine Art Desertion verstehen. Richard Dawkins unterwirft sich nicht
wie bei Anders den Bewertungsmaßstäben der Maschinen, sondern den Maschinen generell.
Das menschliche Leben sollte komplett von künstlicher Intelligenz, künstlichem Leben ersetzt
werden.

Richard Dawkins geht davon aus, dass es in Unserem Gehirn nichts gibt, das man nicht auch
technologisch nachbauen könnte. Deshalb sieht er z.B. keinen Grund warum Maschinen nicht
auch theoretisch Schmerz empfinden können sollten. Und irgendwann wird die künstliche
Intelligenz soweit sein, dass sie sich ohne unser zutun selbst verbessern kann.
7 Vgl. Ebd. S.34f.

8 Ebd. S. 35.

5
„It could be said that the sum of not human happiness but the sum of sentient-being
happiness might be improved, they might make a better job do a better job of running
the world than we are, certainly that we are at present, and so perhaps it might not be a
bad thing if we went extinct.“9

Bei Richard Dawkins ist es ganz offensichtlich keine Verdinglichung der Menschen, sondern
eine Vermenschlichung der Dinge. Die Vorstellung, dass die Maschinen die Erde beherrschen,
dass sie quasi die nächste Stufe der Evolution sind, scheint nur möglich wenn man sie
vermenschlicht. Es ist aber keine logische Notwendigkeit dafür gegeben, dass die künstliche
Intelligenz eine möglichst gute Kopie des Menschen ist.10

Die Fähigkeit Schmerz zu empfinden ist z. B. nicht besonders nützlich. Schmerz ist ein
Schutzmechanismus, den die Maschinen nicht brauchen, da sie verletzte Körperteile einfach
austauschen können.

Möglicherweise wird aber die Selbstverdinglichung genau so erreicht. Wenn wir den
Maschinen möglichst viele menschliche Eigenschaften antrainieren, so ist zwar nicht der
Mensch verdinglicht, aber zumindest menschliches. Vielleicht ist die Entwicklung von
menschenähnlichen Robotern, die zwar menschlich denken, fühlen und handeln aber
trotzdem nicht geboren wurden, sondern gemacht und somit fähig sind all jene Dinge zu tun,
für die der menschliche Körper zu schwach ist, genau die Lösung für den nie enden
wollenden Kreislauf der „Bürokratie er Geräte“ bei Anders.

4 Welche Gefahr geht von der künstlichen Intelligenz aus?

Die Idee, die künstliche Intelligenz könnte die Kontrolle übernehmen und der Mensch würde
demnach aussterben, wie sie von Richard Dawkins formuliert wurde, löst in den meisten
Menschen ein Gefühl des Unbehagens aus. Die Angst, die künstliche Intelligenz könnte
irgendwann an den Punkt kommen an dem sie die Menschen nicht mehr braucht und uns in
weiterer Folge auslöschen will wurde in der Lehrveranstaltung des öfteren diskutiert. Wir
schauen bei dieser Vorstellung bereits durch die Augen der Maschinen und sehen uns als

9 DAWKINS, Richard: „Why A.I. Might Run the World Better Than Humans Do“, 2017,
http://bigthink.com/videos/richard-dawkins-richard-dawkins-why-ai-might-run-the-world-better-than-
humans-do (Zugriff 24.01.2018).

10 Vgl. Ebd.

6
überflüssige Platzverschwendung. Dies wurde in Filmen wie z.B. The Matrix ebenfalls zum
Thema gemacht.

Doch ist diese Angst vor künstlicher Intelligenz wirklich gerechtfertigt? Nicht wirklich, da
künstliche Intelligenz in Wirklichkeit nichts mit menschenähnliche Roboter zu tun hat. Es
heißt nämlich künstliche Intelligenz und nicht künstliche Menschen. Intelligenz ist laut Binet
und Simon die Fähigkeit zu urteilen, zu verstehen und zu denken. 11 Die Menschen sind
intelligent, aber sie sind viel mehr als das. Sie haben z.B. Emotionen und Bedürfnisse.

In vielen Filmen lassen sich künstlich Intelligente Computerprogramme nicht mehr


abschalten und wollen die Leute vernichten die dies versuchen. Doch Lebenswille hat mit
Intelligenz nichts zu tun. Auch Angst vorm Tod bzw. Herunterfahren nicht. Künstliche
Intelligenz wird in Zukunft vielleicht die Mathematik selbstständig weiterentwickeln,
allerdings nur aus dem Grund, dass Menschen sie dazu programmiert haben. Aus eigenem
Antrieb werden die Maschinen nicht handeln. Warum auch? Es gibt keine Notwendigkeit für
sie irgendetwas zu tun, für das sie keinen Befehl erhalten. Sie empfinden keine Freude dabei,
oder haben das Bedürfnis fertigzustellen womit sie angefangen haben. Zwar könnte man
vielleicht irgendwann Maschinen so programmieren, dass sie genau so funktionieren wie die
Maschinen in The Matrix oder anderen Science-Fiction-Dystopien, doch diese müssten
absichtlich so programmiert werden. Die Theorie von Dawkins besagt zwar, dass es nichts in
unserem Gehirn gibt, das nicht auch in Technologie nachgebaut werden könnte, aber es hat
für die Wissenschaft keinen besonderen nutzen dies zu tun. Es ist nicht sinnvoll, die
Irrationalität oder Brutalität mancher Menschen nachzubauen. Sinnvoll hingegen ist es
Computern Problemlösefähigkeit anzutrainieren. Vor Künstlicher Intelligenz als solche muss
man sich nicht fürchten.

5 Fazit

Vereinzelt lassen sich Motive von Günther Anders bei Richard Dawkins finden. Die „Desertion
ins Lager der Geräte“ lässt sich bei beiden Denkern finden. Während der Mensch bei Günther
Anders ins Lager der Geräte desertiert indem er sich ihren Urteilsmaßstäben unterwirft und
sich selbst als „faulty construction“ sieht, desertiert er bei Richard Dawkins deshalb ins Lager
11 Vgl. STEMMLER, Gerhard; HAGEMANN, Dirk; AMELANG, Manfred; BARTUSSEK, Dieter: Differentielle Psychologie
und Persönlichkeitsforschung. 7. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer 2010, S. 150.

7
der Geräte weil er dem Feind freie Hand lässt und erkennt, dass die Maschinen die besseren
Menschen sind.

Das Prinzip der Verdinglichung wurde bei Richard Dawkins zur Vermenschlichung umgekehrt.
Wenn man Günther Anders nämlich weiter denkt, erkennt man das wir nie den Maschinen
ebenbürtig sein werden, und somit die einzige Möglichkeit zur Auflösung der
„prometheischen Scham“ die Vermenschlichung der Geräte ist. Denn in die andere Richtung
ist eine Verschmelzung von Maschine und Mensch nicht möglich.

Die Angst vor der Übernahme der Geräte ist allerdings nicht begründet, da wir von
künstlicher Intelligenz sprechen, und nicht von künstlichen Menschen. Machtgier,
Überlebenstrieb oder Motivation hat nämlich nichts mit Intelligenz zu tun.

8
Literaturverzeichnis

ANDERS, Günther: Die Antiquiertheit des Menschen 1. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen
Revolution. 3. Auflage. München: Verlag C. H. Beck 2010.

DAWKINS, Richard: „Why A.I. Might Run the World Better Than Humans Do“, 2017,
http://bigthink.com/videos/richard-dawkins-richard-dawkins-why-ai-might-run-the-world-better-than-
humans-do (Zugriff 24.01.2018).

STEMMLER, Gerhard; HAGEMANN, Dirk; AMELANG, Manfred; BARTUSSEK, Dieter: Differentielle Psychologie und
Persönlichkeitsforschung. 7. Auflage. Stuttgart: Kohlhammer 2010.