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Feuilleton

FR ANKFURTER AL LG EMEINE SONNTAG SZEITUNG

2 5. NOVEMBER 2018

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S EITE 4 1

NICHTS DISKRIMINIERT MEHR ALS ARMUT

Nichts diskriminiert mehr als Armut

Wa s i st heute l ink s? Ein Gespräc h m it Ber nd Stegemann , d em Vo rd enker der Bewe gung „Aufstehen“: über Identitätspolitik und Klassenkampf, Moral als Luxus – und die Frage, ob die Linke und die Rechte sich verbünden dürfen

Sie sind Mitinitiator der Bewegung „Aufstehen“, die im September ge- gründet wurde. Wie ist das Feedback bisher? Der Zuspruch ist nachhaltig gut:

165 000 Menschen haben sich angemel- det, mehr als hundert lokale Gruppen wurden ge gr ündet. Zu uns eren Ve ra n- staltungen kommen viel mehr Leute, als wenn die Politiker im Namen ihrer Par- tei einladen. Aber aufgrund des schnel- len Wachstums gibt es auch organisatori- sche Probleme, weil wir kein Geld und noch keine Strukturen haben. Wir ma- chen das ja alle ehrenamtlich.

„Aufstehen“ bezeichnet sich als „Sammlungsbewegung“, das Ziel ist ein überparteiliches linkes Bündnis. Danach sieht es zurzeit aber kaum aus: Vo n d er SPD ist k aum jemand dabei, die Grünen finden sich darin noch weniger wieder, und auch inner- halb der Linken kritisieren viele, dass das Projekt vor allem zu einer Spal- tung geführ t hat. Was ist da schiefge- laufen? Sie beschreiben die Perspektive der Par- teien und nicht der vielen Menschen, die sich bei uns engagieren. Manche in den Parteien mögen sich davon bedroht fühlen, dass sich Menschen in einer überparteilichen Organisation zusam- menfinden. Aber sehr viele Menschen kommen eben gerade zu uns, weil es eine Bewegung ist und keine Partei. Mehr als achtzig Prozent der Men- schen, die sich angemeldet haben, sind parteilos. Die werden nicht irgendwo ab- gezogen, sondern beteiligen sich erstma- lig an einer politischen Bewegung. Es gibt ein riesiges Nichtwählerpotential von dreißig bis vierzig Prozent in Deutschland, in den unteren Einkom- mensklassen ist das noch höher. Das sind die Menschen, die sich angespro- chen fühlen. Es ist wohl eher die Angst aus einer Parteiinnensicht, wenn man das für gefährlich hält.

Viele können auch deshalb nichts mit „Aufstehen“ anfangen, weil sich die Bewegung im Streit zwischen Identi- tätspolitik und Klassenpolitik, dem derzeit zentralen Konflikt innerhalb der Linken, ganz klar auf eine Seite stellt. Auch in Ihrem neuen Buch „Die Moralfalle“ äußern Sie heftige Kritik an identitätspolitischen Positio- nen. Wer sich für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung einsetzt, ohne die sozialen Fragen einzubezie- hen, den halten Sie für Teil einer nai- ven, heuchlerischen und hypermorali- schen Elite. Es gibt ein Ungleichgewicht zwischen diesen beiden Richtungen. Ursprünglich sollte das mal ein Dreiklang sein: Gen- der, Race, Class sind die drei verschiede- nen Arten von Diskriminierung und Aus- grenzung. Das Problem ist, dass Gender und Race in den letzten zwanzig Jahren einen massiven Aufschwung erlebt ha- ben, Class dagegen zu einem uncoolen Objekt geworden ist. Natürlich gibt es keine Klassen mehr im Sinne der alten Industriearbeiterschaft. Aber es gibt glei- che Diskriminierungserfahrungen auf- grund von ökonomischen Verhältnissen. Das heißt, man muss dringend einen neuen Klassenbegriff erarbeiten, um den Kampf zwischen Kapital und Menschen wieder zum politischen Konflikt zu ma- chen. Das ist die Hauptagenda von „Auf- stehen“, und ich finde es entlarvend, dass sich das identitätspolitische Lager davon angegriffen fühlt. Sie behaupten, als Lippenbekenntnis, immer, es sei ein Dreiklang. Aber in dem Moment, in dem der dritte Ton plötzlich wieder an- fängt zu klingen, sagen sie: „So haben wir das aber nicht gemeint. Das Wich- tigste ist schon die Identitätspolitik.“

Das Wich- tigste ist schon die Identitätspolitik.“ Der Dramaturg Bernd Stegemann Das merkt man zurzeit etwa

Der Dramaturg Bernd Stegemann

Das merkt man zurzeit etwa an dem Hashtag #unten. Es gibt viele Kritiker, die sagen – ich spitze das mal zu: „Es ist eine Unverschämtheit, dass Deutsche an- fangen, rumzujammern. Die wissen doch gar nicht, was Diskriminierung ist! Armut kann nicht so schlimm wie Rassis- mus und Sexismus sein.“

Aber warum muss man diese morali- schen Kämpfe gegen die sozialen ab- wägen? Gerade in den Schichten, die finanziell benachteiligt sind, ist der Anteil von Migranten und Frauen überdurchschnittlich hoch. Es ist doch nicht nur ein Projekt linkslibera- ler Akademiker, sich dafür einzuset- zen, dass Frauen gleiche Löhne be- kommen und Menschen anderer Her- kunft auf dem Arbeitsmarkt nicht dis- kriminiert werden. Gerade deshalb ist es albern zu sagen, dass es Diskriminierung nur auf ethni- scher oder sexueller Ebene gibt. Der größte Diskriminier ungsfaktor der Welt ist Armut. Das muss wieder klar wer- den, denn vor allem Frauen und Men- schen mit Migrationshintergrund würde eine andere Sozialpolitik deutlich mehr helfen als nur Anerkennungspolitik.

Es gibt viele Menschen, bis in die Mit- telschicht, die die Kritik am Neolibera- lismus teilen; die aber die Idee der Emanzipation und Weltof fenheit nicht aufgeben wollen und sich deshalb in „Aufstehen“ nicht wiederfinden. Ich erlebe eher, dass sich die Mittel- schicht jetzt ganz erleichtert den Ha- beck-Grünen zuwendet, und ich würde nicht sagen, dass die links sind. Das ist eher eine Spielart der klassischen bürger- lichen Selbstrettungsstrategie: Man ver- sucht, mit ein bisschen schlechtem Ge- wissen und einem „bewussten Umgang“ mit sich und der Welt innerhalb eines komplett falschen Systems so wenig Schaden wie möglich anzurichten. Das ist als politisches Programm letztlich konservativ, und es sind vor allem sym- bolpolitische Dinge, die da ausgehandelt werden. Und dazu gehört natürlich auch die Frage: Wie stehe ich zur Mi- gration? Ich halte es für Doppelmoral, wenn man sich aus einer sehr privilegier- ten Position heraus moralisch für offene Grenzen einsetzt und gleichzeitig in sei- ner alltäglichen Lebenswelt – durch Ab- grenzung des eigenen Milieus, des Ar- beitsmarktes, der Schulen – alles dafür tut, dass man eigentlich gar nicht in Be- rührung damit kommt.

Sie sagen, das Ziel von „Aufstehen“ sei, die soziale Frage wieder in den Mittelpunkt zu stellen. Aber durch Ihre explizite Kritik an offenen Gren-

zen entsteht der Eindruck, dass Sie gerade dadurch punkten wollen. Das geht so weit, dass manche Sie für eine „national sozialistische“ Bewe- gung halten. Die Angriffe kommen aus verschiede- nen Richtungen. Der eine kommt er- wartbar aus der neoliberalen Richtung und lautet, da wollen Leute wieder den deutschen Sozialstaat schützen. Dies ver- brüdert sich auf eine wirkungsvolle Wei- se mit einer moralischen Invektive, die sagt, man muss ganz grundsätzlich für offene Grenzen sein, sonst ist man auto- matisch Rassist. Da vermengt sich ein moralischer Auftrag mit einer ökonomi- schen Ideologie. Parteipolitisch bildet sich das in der Nähe zwischen den Ha- beck-Grünen und der Merkel-CDU ab, oder wie es Winfried Kretschmann so entlarvend gesagt hat: Die Grünen sind für die Moral zuständig, die CDU für die Wirtschaft. Eine solche Politik schließt aber die Teile der Gesellschaft aus, die erstens den Sozialstaat brau- ch en, we il sie in prek ären Ve rh ältniss en leben, und die sich zweitens diese Moral gar nicht leisten können, weil sie im All- tag mit Problemen konfrontiert werden, die auch etwas mit den Folgen der Mi- gration zu tun haben. Diese Folgen wür- den sie wenigstens gerne benennen dür- fen, ohne gleich als Rassisten bezeichnet zu werden. Je reflexhafter sie dafür je- doch moralisch abgekanzelt werden, des- to eher führt das dazu, dass sie beim nächsten Mal ihr Kreuz bei der AfD machen.

Ab er die Vorstellung, man kö nnte die- se Probleme lösen, indem man weni- ger Flüchtlinge aufnimmt, entspricht doch genau den Parolen der AfD. Es ist doch keine linke Politik, soziale Ungleichheit durch härtere Einwande- rungsgesetze zu bekämpfen, statt etwa den Sozialstaat zu verbessern. Aber es ist nicht gleich rassistisch, auf die Probleme hinzuweisen. Man kann doch erst einmal feststellen, dass es in Stadtteilen mit hohem Migrationsanteil andere Probleme gibt als vielleicht in Hamburg-Blankenese. Denn sonst kann man auch nicht darüber nachdenken, wie der Staat da helfend eingreifen kann, indem man die Frage stellt, ob es in solchen Stadtvierteln nicht zum Bei- spiel sehr viel mehr Lehrer und Sozialar- beiter geben müsste. Migration ist doch zuerst einmal Migration in die Sozialsys- teme. Man muss darüber sprechen, was das bedeutet und wie man als Staat da gegensteuern kann. Und dann muss man natürlich die Frage stellen, wie sich ein entwickelter Sozialstaat wie Deutsch- land mit offenen Grenzen vereinbaren lässt.

Foto Andreas Müller

Aber Ihr Fokus liegt ja auch nicht dar- auf, die Sozialsysteme zu stärken, son- dern zu sagen: Wir schaffen das nicht! Also müssen wir Migration be- grenzen. Das Hauptanliegen von „Aufstehen“ ist die Stärkung des Sozialstaates, insofern stimmt Ihre Aussage nicht. In einer De- mokratie muss es jedoch möglich sein, über die Frage, wie viel Migration realis- tischer Weise zu schaffen ist, eine politi- sche Debatte zu führen, ohne dass eine solche Frage schon für moralisch ver- werflich gehalten wird. Aber was seit 2015 passiert, ist, dass es ein moralisches Verdikt gibt: „Wir schaffen das!“ Im Sin- ne von: „Ihr schafft das schon.“ Das ist Bevormundung. Die Entscheidung ist doch nicht: Wollen wir die Grenzen ge- nerell dicht machen oder generell offen halten. Nicht einmal die Grünen for- dern, dass wir jedes Jahr eine Million Menschen aufnehmen sollen, zugleich halten sie aber an der Forderung nach offenen Grenzen fest und wollen die Gründe für Asyl immer weiter auswei- ten. So vermeiden sie eine konkrete Aus- sage über die Steuerung von Migration, indem sie die Fahne der Moral hochhal- ten.

Die Probleme, die Sie beschreiben, sind globale Probleme. Muss man sie nicht auch global lösen? Mit „interna- tionaler Solidarität“, um es pathe- tisch zu sagen? Ja, gut, aber wer soll denn da solidarisch sein? Solidarität ist als Wert und als ge- lebte Erfahrung planmäßig zerstört wor- den, weil die Menschen global in einem Wettbewerb gegeneinander antreten müssen. Bei der Zerstörung der Solidari- tät und des Klassenbegriffs hat der Neo- liberalismus ganze Arbeit geleistet. Um beides wieder zu einer politischen Kate- gorie zu machen, muss man bei null an- fangen.

Sie machen in Ihrem Buch auch die Theorien der Postmoderne für diese Zerstörung verantwortlich. Aber die Machttechniken, die Sie als „postmo- dern“ beschreiben, die Selbstoptimie- rungsstrategien und Entsolidarisie- rungseffekte, die den Neoliberalis- mus kennzeichnen – all das wurde doch von den postmodernen Den- kern nicht erfunden oder gar propa- giert, sondern in erster Linie kritisch analysiert. Ich behaupte keine Kausalität, aber na- türlich ist die Dekonstruktion von Be- griffen etwas, was dem Neoliberalismus als Werkzeug sehr zupasskommt. Wenn alles zum Einzelfall erklärt wird und kei- ne Zusammenhänge mehr in einem

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Überbau erkannt werden können, ist das die passende Ideologie für den Kapi- talismus. Die fatale Folge ist, dass mit diesem Theorieduktus Kritik fast un- möglich ist. Die Postmoderne kann den Leuten immer nur ein Rezept an die Hand gegeben: Optimiere dich selbst! Das ist natürlich für viele Menschen in prekären Lagen eine völlig sinnlose An- sage, weil sie gar keine Hebel dafür in der Hand haben.

In Ihrem vorherigen Buch „Das Ge- spenst des Populismus“ vertreten Sie die Forderung, eine Bewegung zu schaffen, die Rechte und Linke zu- sammenbringt, um die reiche Elite zu bekämpfen. Jede populistische Bewe- gung, egal ob rechts oder links, habe eine positive Wirkung, weil sie die Eliten aufschrecke. Wie weit ist es von einer solchen These zur Quer- front? „Querfront“ ist ein Begriff des bürger- lichen Liberalismus, der jede Art von Kritik, die von den Rändern kommt, diskreditieren will. Leider ist dasselbe Milieu, we nn es um die Ve rteilung des Reichtums geht, wesentlich weniger sensibel. Die 45 reichsten Haushalte besitzen in Deutschland so viel, wie die gesamte ärmere Hälfte, also 40 Millio- nen Menschen. Das ist eine krasse Fehlentwicklung, der gegenüber die regierenden Politiker offensichtlich ohnmächtig sind. Also müssen demo- kratische Mehrheiten her, die daran etwas ändern wollen. Welche Art von Populismus es dafür braucht, gilt es herauszufinden.

Hätten Sie keine Bedenken, diese Mehrheiten mit Hilfe von Kapitalismuskritikern von rechts zu gewinnen? Es ist ja eine Sache, die Abgehängten zu überzeugen, die durch ö ko nomische Ve rhä lt ni sse zu r AfD getrieben werden. Aber die AfD wird auch von gutbürgerlichen Rassisten gewählt. Es gibt einen Kern von Hardcore-Rassis- ten, die sind für einen demokratischen Konsens verloren, aber das sind viel- leicht fünf Prozent. Der Aufschwung dieser Partei kommt vor allem von Pro- testwählern – oder von denen, die be- fürchten, abzurutschen. Die Angst vor Prekarisierung wächst exponentiell, wenn die, die noch Arbeit haben, sehen, was mit denen passiert, die arbeitslos werden und nach zwölf Monaten Hartz IV bekommen. Diesen Menschen muss man Angebote machen.

Die Fr ag e i st , w ie gr oß die Ve rs u- chung ist, mit rechtsextremen Partei- en gemeinsame Sache zu machen. Nach dem Motto: Hauptsache gegen den Kapitalismus! Bei vielen linkspo- pulistischen Parteien ist man sich da nicht so sicher. Da besteht bei uns keine Gefahr. Wenn man sich nur die Biographien anschaut:

Sah ra Wa ge nk nec ht , Lud ge r Vol lme r, Wolfgang St reeck

Niemand will Ihnen eine ideologische Nähe zu rechtem Denken unterstel- len. Die Frage ist, ob Sie aus strategi- schen Gründen damit flirten. Es gibt eher umgekehrt Annäherungs- versuche der Rechten. Das Lob von Alexander Gauland für „Aufstehen“ war der Inbegriff einer Unverschämtheit. Er weiß, wie er uns am meisten schaden kann, so schlau ist er ja leider. Wenn es eine Alternative für alle, nicht nur für Deutsche gibt, hat er ein großes Pro- blem. Ich glaube, er hat Angst vor uns.

Interview Harald Staun

Bernd Stegemann: „Die Moralfalle. Für eine Befreiung linker Politik“. Matthes & Seitz, 205 Seiten, 18 Euro. Erscheint am 30. November.

& Seitz, 205 Seiten, 18 Euro. Erscheint am 30. November. NACHRICHTEN Wie lässt sich angemessen mit
& Seitz, 205 Seiten, 18 Euro. Erscheint am 30. November. NACHRICHTEN Wie lässt sich angemessen mit

NACHRICHTEN

Wie lässt sich angemessen mit dem „Spätdienst“ eines renommierten Autors umgehen, fragte am vergan- genen Dienstag der Literaturwissen- schaftler Christian Metz in seiner Besprechung des neuen Buchs von Mar tin Walser in der F.A.Z., wenn der seine Leser „bei genauer Lektü- re provokativ mit der Bagatellisie- rung von Auschwitz“ konfrontiere? Zumal, wenn dieses Buch von Sei- te n d es Rowo hlt-Ve rl ag s a ls „di e Summe, ja das Resultat der Poetik Mar tin Walser s“ präsentiert werde? Metz zeigte in seiner Analyse sehr präzis e, wie Wa lser an einer be- stimmten Stelle von „Spätdienst“ Auschwitz als eine tödliche Katastro- phe unter vielen darstellt – und wies darauf hin, wie extrem schwer es fällt, ernsthaft behaupten zu wollen, dass dies dem Autor einfach so un- te rl aufe. Vi elmehr stehe Wa lser s „Bekenntnis“ in direktem Zusam- menhang mit seiner Paulskirchen- rede, in der er 1998 mit seiner For- mulierung von der „Geißel Ausch- witz“ exakt jener Relativierung der Schoa das Wort redete, um sich dann darauf zurückzuziehen, es habe sich um ein Missverständnis gehandelt. Walser macht also ein- fach immer weiter. Und wie reagiert die Kritik insgesamt? „Ein schönes und bewegendes Buch“, las Ulrich Greiner, überlas die prekäre Stelle einfach und behauptete in der „Z ei t“ : „ Nu n i st es wa hr, d ass Wa l- ser seit seiner Paulskirchenrede 1998 mit dem hal tlo sen Vo rw ur f l eb en muss, er sei ein Revisionist und Anti- semit. Das ist Quark, und zwar breit getretener. Da kann man schon bit- ter werden.“ Gerrit Bartels fand es zwar im „Tagesspiegel“ problema- tisch, „einf ach Golgatha, Verdun und Auschwitz“ zu reihen, „aber ihn nun gleich wieder als Ge- schichtsrevisionisten und Holo- caust-Relativierer zu entlarven, wie es die ,F.A.Z.‘ prompt getan“ habe, war ihm dann doch zu viel. „Nichts ist ohne sein Gegenteil wahr, könn- te man walseresk anfügen“, so Bar- tels. Arno Widmann schwärmte in der „Frankfurter Rundschau“: „Wal- ser zeigt uns, dass Schreiben immer ein Sic h-etwas-Vo rm achen ist. Der Autor ist ein Vortur ner. Er zeigt uns, wie ein Felgumschwung funk- tioniert und dass wir ihn können, wenn wir trainieren und unseren Bauch abt ragen. Das ist der Walser- weg. Wir sind ihn gegangen, ob wir es wissen oder nicht.“ Und genauso ka m e s e ine m b eim Lese n vor: Wa l- ser turnt vor, und die Kritik turnt ihm nach. Schließlich ist er ja der an- geblich so g roße Walser. Um ihm, den manche für den letzten Großen halten, zu gefallen, machen sie ihm alles nach, statt genau hinzuschau- en. In solchen Momenten ist die Kritik tatsächlich am Ende. Wir ge- hen nicht den Wa lser we g. jia

*** Zweieinhalb Jahre ist es her, dass ein Großaufgebot der Polizei in das Berliner Bordell „Artemis“ stürm- te, alles durchsuchte und die Prosti- tuierten unter „unwürdigen Bedin- gungen“ vernahm. Die beiden Be- treiber, Hakki und Kenan Simsek, sowie vier Angestellte wurden am Abend der Razzia festgenommen und kamen für vier Monate in Un- tersuchungshaft. Die Staatsanwalt- schaft warf ihnen Beteiligung an Zwangsprostitution, Steuerhinterzie- hung und Sozialabgabenbetrug vor. So wie die Behörden es tags darauf öffentlich darstellten, klang es, als sei ihnen der große Wurf gelungen:

Die Frauen im „Artemis“ seien in Abhängigkeit gehalten und ausge- beutet worden, um größtmöglichen Gewinn zu er wir tschaf ten. Von Menschenhandel war die Rede, von Ve rbind ungen zu den Hell’s A ngels. Der Medienwirbel war gewaltig. Viele reagierten erleichtert, dass im Berliner Sex-Gewerbe aufgeräumt wird. Andere wunderten sich. Unter Prostituierten galt das Bordell sogar als bevorzugter Arbeitsplatz (F.A.S. vom 25. März). Am Dienstag hat nun das Berliner Landgericht ent- schieden, auch in den übrigen Punk- ten keine Anklage zuzulassen. Die Simsek-Brüder seien vielmehr für die erlittene Freiheitsentziehung zu entschädigen, die millionenteure Po- lizeiaktion hätte man sich sparen können. Das Gericht hielt fest, dass die sexuellen Dienstleistungen der Prostituierten nicht kontrolliert oder überwacht worden seien. Die Frauen im „Artemis“ hätten frei ent-

scheiden können, wie oft sie ihre se- xuellen Dienstleistungen anbieten

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wollten.