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30/10/2018 Fritz Eschen: Berlin unterm Notdach (Lehmstedt Verlag) / Rezension

Fritz Eschen - neuer Fotoband


Fritz Eschens atemberaubende Bilder aus Berlin 1945-1955
© Die Berliner Literaturkritik, 29.06.10

Von Matthias
Reichelt

Seit seiner
Gründung im
Jahr 2003
nimmt sich der
kleine
Lehmstedt
Verlag in
Leipzig der

„Kulturgeschichte Mitteldeutschlands“ an, wie der


Schwerpunkt von ihm selbst beschrieben wird. Darunter
fällt eine gleichermaßen liebevolle wie sorgfältig edierte Reihe von fotohistorischen Büchern zu
erschwinglichen Preisen, bei denen die Druckqualität erfreulicherweise von Band zu Band gesteigert
wurde. Nach Bänden mit Fotografien ehemaliger DDR-Fotografen wie z.B. von Gerhard Weber über
das „Land der Mulde“ oder über den kürzlich verstorbenen Roger Melis und Bernhard Heydens
Fotografien aus dem Prenzlauer Berg ist nun ein Buch mit den Nachkriegsbildern von Fritz Eschen
erschienen.

Eschens Werk ist nicht unbekannt und wurde in vielen Büchern in unterschiedlicher Auswahl
publiziert. Dies ist das wohl umfangreichste Buch und vereint Fotografien, die während der ersten
zehn Nachkriegsjahre in Berlin entstanden.

Fritz Eschen wurde 1900 als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Berlin geboren. Nach einer
kaufmännischen Ausbildung arbeitete er in verschiedenen Firmen. Mit der Heirat der Tochter des
Firmeninhabers der Privat-Telefongesellschaft erlangte er eine Position in der Geschäftsführung, die
ihn jedoch nicht glücklich machte. Wie Jens Bove in seinem Aufsatz des vorliegenden Buches ausführt,
wollte er dem „höchst ungeliebten Büroalltag“ entfliehen. Ab 1928 begann er als Autodidakt eine
Karriere als freier Fotograf für die Agenturen Associated Press und Defot und Neofot-Fotag und
durchstreifte das kulturelle und öffentliche Leben in Berlin mit erstaunlichen Resultaten.

1933 bedeutete für ihn ebenso wie andere jüdische Berufstätige eine Zäsur. Die Nazis sorgten dafür,
dass er aus dem „Reichsverband der Deutschen Presse“ ausgeschlossen wurde, was einem
Berufsverbot gleichkam. Seine zweite Ehe mit der nichtjüdischen Lipsy Thumm bewahrte ihn lange
vor der Deportation, während seine erste Frau Rose sowie der gemeinsame Sohn Peter in Auschwitz
ermordet wurden. Fritz Eschen wurde zur Zwangsarbeit verpflichtet und sollte dann doch noch

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deportiert werden. 1943 gehörte er glücklicherweise zu den in der Rosenstraße inhaftierten Juden, die
aufgrund erfolgreicher und öffentlicher Proteste vor allem von nichtjüdischen Ehefrauen freigelassen
werden mussten.

Gleich nach der Befreiung zog Fritz Eschen mit seiner Kamera, die nach eigenem Bekunden „ein
untrennbarer Bestandteil meines Daseins“ geworden war, durch das zerstörte Berlin und hielt die
Versuche zivilen Lebens inmitten von Trümmern fest. Was für die meisten Deutschen als Fiasko,
Entbehrung und Leiden empfunden wurde, war für Eschen die wiedergefundene Freiheit und die
Rückkehr eines würdevollen Lebens. Besonders die Kinder, frei von jeglicher Schuld am Genozid
sowie am Krieg, stellte er nur zu gerne in den Fokus seiner Fotografien. In jenen Bildern ist eine
deutliche Empathie Eschens für die Kinder zu spüren. Die Aufnahmen, die das Leben von
Erwachsenen in der Trümmerstadt zeigen, sind dagegen von einer Distanz geprägt und folgen eher
dem Bedürfnis der Dokumentation einer schweren Zeit.

Eschens wohlwollende Haltung zu portraitierten Antifaschisten wie dem Kabarettisten und


Schauspieler Werner Fink, der sich sehr mutig als Nazigegner durchs Dritte Reich schlug, ist ebenso
deutlich spürbar wie die zu Erich Kästner, den er inmitten von Kindern seines Stücks „Emil und die
Detektive“ 1947 ablichtete.

Der Sohn aus zweiter Ehe, Klaus Eschen, wurde wie sein Vater ebenfalls Fotojournalist, studierte aber
später Jura. Neben der Berlinischen Galerie und anderen Institutionen nahm er sich des
fotografischen Nachlasses des Vaters an. Klaus Eschen wird einigen noch als Mitglied des
Sozialistischen Anwaltkollektivs und als Mitbegründer des Republikanischen Anwaltsvereins in
Westberlin während der Studentenbewegung bekannt sein. Doch zurück zum Vater: Atemberaubend
sind dessen Bilder der Trümmertopographie bekannter Straßenecken in Mitte und im westlichen
Berlin.

Fritz Eschen konnte nach dem Krieg eine beachtliche Karriere als Fotograf ausbauen und arbeite für
alle wesentlichen Zeitungen in Berlin. Gleich 1946 wurde er zum Vorsitzenden der neugegründeten
„Arbeitsgemeinschaft der Bildreporter“ im „Verband der Deutschen Presse“ gewählt. Als er 1964
während der Arbeit an einer Reportage starb, hinterließ er ein Archiv mit ca. 90.000 Aufnahmen im
Mittelformat.

Literaturangabe:

ESCHEN, FRITZ: Berlin unterm Notdach. Fotografien 1945-1955. Im Auftrag der Deutschen Fotothek
hrsg. von Mathias Bertram und Jens Bove. Bilder und Zeiten, Band 8. 176 S., 154 ganzseitige
Abbildungen, 24,90 €.

Weblink:

Lehmstedt Verlag

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