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BUCHBESPRECHUNGEN

die in den Blick rücken möchten, dass es sehr wohl eine bewegtere Zeiten  – um ein Lieblingswort von Kuschel
muslimische Distanzierung und auch einen hermeneu- aufzunehmen – „ausrufen“.
tischen Umgang mit den entsprechenden Koranversen Von Tobias Specker SJ, PTH Sankt-Georgen,
gibt. Die Bandbreite ist allerdings sehr groß und stellt Frankfurt a. M.
die inhaltlich wegweisende Marrakesch-Erklärung, die
nicht gruppenbezogene und individuelle Bürgerrechte
zu begründen sucht, in denselben Zusammenhang wie
den zumindest diskussionswürdigen „Offenen Brief an
al-Baġdādī“, der ganz im konservativen bis reaktionären Blume, Michael: Islam in der Krise. Eine Weltreli-
Quellenverständnis verbleibt. Kuschel sucht in diesem gion zwischen Radikalisierung und stillem Rück-
Punkt eher den breiten Konsens in der Ablehnung des zug. Ostfildern 2017, 191 Seiten. ISBN 978-3-84360-
Terrorismus als die Analyse, welches Islamverständnis 956-2
in der Lage ist, eine plurale Gesellschaft zu einen. Auch
wenn man Kuschel keineswegs eine Ausblendung proble- Mit seiner neuesten Veröffentlichung legt Michael Blume
matischer Stellen und Entwicklungen vorwerfen darf, ver- einen wichtigen Beitrag für die Diskussion um die angeb-
folgt er hier wie insgesamt die Lesart, die Verbindung von lich globale Islamisierung vor; „Islam in der Krise“ unter-
politischem Islam zu militantem Dschihadismus wenig zu zieht das Narrativ einer drohenden Expansion des Islam
akzentuieren und die religiös motivierte Gewalt allein als einer kritischen Prüfung. Unter Rückgriff auf statistische,
„Islam-Konstrukt“ (148) zu sehen. historische, wirtschaftliche und ideologische Zusammen-
Kuschel ist nicht nur belesen und im Gespräch, sondern hänge stellt er dabei einerseits den Schluss auf die Islami-
spricht auch mit der Autorität eines engagierten Profes- sierung als solche infrage, versucht aber andererseits auch
sorenlebens. Dies bedeutet vor allem: Er stellt nicht (nur) aufzuzeigen, wo das (von Muslimen wie Nichtmuslimen)
dar, sondern er will etwas. Er will bewegen, appellieren, wahrgenommene Selbstbewusstsein des Islam darüber
ja, in gewisser Weise auch erziehen. Dies schlägt sich hinwegtäuscht, dass es sich bei genauerem Hinsehen um
bereits formal darin nieder, dass Kuschel wiederholt gut einen Scheinriesen handelt. Blume richtet sich mit seinem
handhabbare und prägnante Kataloge zusammenstellt: Buch explizit an ein breites Publikum.
Helmut Schmidts „10 Erkenntnisse im Interesse des Dia- Das erste Kapitel bearbeitet das Problem, statistisch über-
logs“, 3 Leitlinien für einen christlichen Umgang mit dem haupt zu erfassen, wie hoch der Anteil von Muslimen an
Koran oder „10 Prinzipien einer Strategie der Entfeindung der Bevölkerung ist. Zunächst weist er die übliche Grund-
und Vertrauensbildung“ in der Analyse von Barack Oba- annahme zurück, dass die Mitgliedschaft in einer Kirche
mas Kairoer Rede. Neben der Analyse der koranischen bzw. Religionsgemeinschaft, wie in Deutschland üblich,
Figuren, deren Überarbeitung allerdings (mit Ausnahme zur Erfassung der Zahl von Gläubigen genutzt werden
des Kapitels über Jesus und Maria) doch zu gering ist, könne. Dies beruhe, so Blume, auf der Übernahme der
als dass man das Buch erwerben müsste, liegt in diesem überkommenen christlichen Vorstellung von Religion als
Zueinander von gesellschaftspolitisch-staatsmännischem Entscheidung, die so für andere Religionen nicht gelten
Raisonnement und theologischen Überlegungen die ein- könne. Schließlich bezieht der Autor auch das von ihm als
deutige Stärke des Buches. Inhaltlich baut dieses Zueinan- „stillen Rückzug“ bezeichnete Phänomen in seine Betrach-
der auf der eindeutigen Annahme auf, dass Religionen tung ein, wonach viele Menschen mit muslimischer So-
formbar sind: Es gilt, zugunsten der Verantwortung für zialisation die Religion kaum oder nicht praktizierten und
den Frieden und das Zusammenleben (59–65), bestimmte ihren Glaubensvorstellungen und Institutionen gegenüber
Traditionen auszuwählen und zu akzentuieren und andere skeptisch oder kritisch seien. Blume will hier auch einen
zurückzudrängen. Ähnlich wie Khorchide sieht Kuschel Zusammenhang zu der mangelnden religiösen und zivil-
religiöse Traditionen, systematische Überlegungen und gesellschaftlichen Freiheit in islamisch geprägten Gesell-
Zusammenhänge hier wesentlich als „Narrative“, die es schaften herstellen. Er sieht diese fehlende Freiheit und
aufzunehmen oder zu denen es „Gegennarrative“ (62) zu den Einfluss von Politik und Staat als ursächlich für die
etablieren gilt. Auch wenn die Grenze zur planenden Reli- fehlende Selbstorganisation derjenigen Muslime an, die
gionstechnologie manchmal haarscharf gestreift wird, darf zwar nicht unbedingt atheistisch sind, sich aber nicht von
man das Anliegen Kuschels nicht als bloßen Funktiona- den bestehenden religiösen Angeboten angesprochen füh-
lismus diskreditieren. Es ist zutiefst gegründet in der libe- len.
ralen theologischen Tradition, die den Kern von Religion Blume liefert in diesem Zusammenhang zahlreiche Daten
in ethischer Weisung und individueller Religiösität sieht. aus Befragungen und Statistiken, sowohl aus Deutschland
Dies ist es auch, was dann allen drei Religionen zugrunde wie auch aus islamischen Ländern.1 Was dem Kapitel
liegt und sie im Innersten verbindet: Die individuelle Hin- jedoch fehlt, ist die übergreifende Frage, welche Rolle die
gabe an den einen Gott und die Verantwortung für den nationalstaatliche Ordnung spielt, die die Welt seit dem
Nächsten – kurz, islām im nicht konfessionellen Sinne. 19.  Jahrhundert bestimmt. Die Frage nach nationaler
Alles andere – Dogma, Ritus und Institution – ist in der
Gefahr, Menschen zu separieren und muss – aber kann – 1 Ähnlich und etwas ausführlicher bereits Rohe, Mathias: Der
deswegen auch gestaltet werden. „Religion ist machbar, Islam in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme, München 2016,
Herr Nachbar!“ möchte man in Erinnerung an friedens- S. 75–80.

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Zugehörigkeit wird ja seither nicht nur ethnisch, sondern hang thematisiert er die bei muslimischen Menschen oft zu
durchaus auch religiös gefasst. Eine Betrachtung, welche beobachtende Tendenz, so der Autor, Kritik an der eigenen
Konzepte von Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft in Religion mit dem Wirken fremder Kräfte abzutun. Damit
der islamischen Vormoderne und heute das Problem der gehe auch eine pessimistische religiöse Grundhaltung ein-
Religionsfreiheit überhaupt erst bedingen, bleibt aus. Es her, die nicht mehr einen guten Gott, sondern eben dunkle
wäre z. B. zu fragen, inwiefern die christliche Vorstellung Mächte als wirksam in der Welt ansieht – auch dies ein
von Religion als confessio sich nicht nur auf das Konzept Aspekt der religiösen Krise des Islam, so Blume, dessen
der Religionszugehörigkeit auswirkt, sondern auch auf den monotheistische Deutung nicht mehr überzeuge.
Austritt aus einer Religion. Viele der hier getroffenen Feststellungen führen in die rich-
Im zweiten Kapitel führt der Autor die „Erstarrung“ tige Richtung. Der Bildungskrise wird dabei (im Anschluss
des Islam besonders auf das Verbot des Buchdrucks im an Kapitel 3) die Hauptschuld am Verschwörungsglau-
Osmanischen Reich zurück, das von 1485 bis 1727 bestand. ben gegeben. Dem ebenfalls, aber nur kurz angeführten
Hierzu stellt er das hohe Niveau von Bildung, Kultur und Zusammenhang von nicht wahrgenommener Selbstwirk-
Wissenschaft der klassischen islamischen Zeit den spä- samkeit und Verschwörungsglaube geht Blume leider nicht
teren Entwicklungen gegenüber. Gleichzeitig dient ihm weiter nach. Vielleicht wäre es gewinnbringend, auch die-
der europäische Aufschwung in den genannten Bereichen ses Gefühl der fehlenden Selbstwirksamkeit bei Muslimen
seit dem 15. Jahrhundert als Kontrastfolie. Auch zeich- mit der politischen und wirtschaftlichen Dominanz des
net Blume in diesem Zusammenhang das Problem einer Westens mitzudenken, bevor die Bildungskrise und feh-
„Lese- und Bildungskrise“ bei Moscheegemeinden und lende Selbstkritik allein herausgestellt werden.
ihren Imamen, deren fehlendes intellektuelles Niveau Mit dem fünften Kapitel wendet sich Blume einer religi-
wiederum mitverantwortlich sei für den stillen Rückzug, onswissenschaftlichen Fragestellung zu, die er nicht zum
wie in Kapitel 1 beschrieben. Der letzte Teil des Kapitels ersten Mal bearbeitet: dem Zusammenhang von Religion
skizziert schließlich die Umbrüche durch digitale und und Demographie.3 Um die Szenarien der Islamisierung,
weltumspannende Kommunikationsformen als Chance wie von Houellebecq und Sarrazin entworfen, zu hinter-
und Herausforderung zugleich für die islamische Reli- fragen, sei es entscheidend, so der Autor, nicht nur den
gionsgemeinschaft: Einerseits erlaube sie, die verkrusteten Kinderreichtum von patriarchalen Gesellschaftssystemen
Religionsstrukturen aufzusprengen; andererseits würden im Blick zu haben, wie er sich dann auch in konservativen
die neuen Technologien auch von denjenigen genutzt, bzw. traditionellen islamischen Kontexten findet. Sondern
deren Positionen keine Öffnung gegenüber der Moderne man müsse auch analysieren, ob die jeweilige Religionsge-
darstellten. meinschaft selbst (oder möglicherweise der Staat) die Rah-
Die Engführung der dem Islam attestierten Krise auf menbedingungen bietet, kinderreiche Familien überhaupt
fehlende/n Buchdruck und Wissenskultur ist angesichts zu unterstützen. Bezieht man diesen Faktor mit ein, zeige
der wenigen Belege zu pointiert. Weitere ökonomische sich ein völlig anderes Bild. Gerade für die Türkei oder
und politische Gründe für den Niedergang des Osma- den Iran, aber auch für Muslime im Westen, die Bildungs-
nischen Reichs und anderer Teile der islamischen Welt und wirtschaftlichen Aufstieg geschafft haben, zeichne sich
im Vergleich zum Aufstieg Europas müssten hier stärker – auch bei frommen Familien – ein Geburtenrückgang ab.
Berücksichtigung erfahren.2 Im sechsten und letzten Kapitel benennt Blume ganz
Das dritte Kapitel greift unter dem Titel „Fluch des Öls“ unterschiedliche Punkte, die zur Überwindung der Krise
die vom Autor beobachtete Stagnation der islamischen beitragen könnten. Neben den Leitlinien von Freiheit und
Welt nunmehr mit einer wirtschaftlichen Perspektive auf. Bildung, die die Muslime selbst fördern müssten, führt der
Hierfür legt Blume die Rentierstaatstheorie zugrunde, Autor konkrete und durchaus diskussionswürdige Aspekte
nach der die stetig fließenden Öl-Einnahmen dafür sorg- an, wie bspw. die stärkere Berücksichtigung islamischer
ten, dass Staaten wie beispielsweise Saudi-Arabien sich Geschichte im Schulunterricht.
gesellschaftlich nicht weiterentwickeln müssten. Gleich- Angesichts der zu kritisierenden Punkte im Einzelnen,
zeitig wird dies kontrastiert mit Staatseinkünften durch besonders der Engführung der islamischen Krise auf den
Steuereinnahmen, welche auch zu einer Demokratisierung fehlenden bzw. verspäteten Buchdruck, wäre ein Fragezei-
beitragen könnten. chen hinter dem Titel „Islam in der Krise“ nicht unbedingt
Die Betrachtung dieser Zusammenhänge ist nicht neu, fehl am Platz. Dennoch darf das Buch als wichtiger Schritt
aber weiterhin wichtig. Allerdings ließe sich auch hier in die richtige Richtung gesehen und allen empfohlen wer-
fragen, ob sich dieses Erklärungsmodell für die islami- den, die daran interessiert sind, das Narrativ der Islami-
sche Welt insgesamt anbietet, in der zwar einige wichtige sierung einmal kritisch zu hinterfragen.
Akteure ihre Einnahmen durch fossile Brennstoffe erwirt- Von Florian Jäckel, CIBEDO
schaften, aber eben nicht alle.
Im vierten Kapitel stellt Blume das Problem von Verschwö-
rungsglauben in den Vordergrund. In diesem Zusammen-
3 Siehe dazu bereits Blume, Michael: Die Amish. Ihre Ge-
2 Siehe dazu z. B. Lombard, Maurice: Blütezeit des Islam. Eine schichte, ihr Leben und ihr Erfolg, Filderstadt, 2013 und Vaas,
Wirtschafts- und Kulturgeschichte, 8.–11. Jahrhundert, Frankfurt Rüdiger/Blume, Michael: Gott, Gene und Gehirn. Warum Glau-
a. M. 1992. be nützt, die Evolution der Religiosität, Stuttgart 2012.

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