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WISSEN
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Juli / August 2019

NR. 04

Abschalten?
Abschalten?

Umschalten!

Wie Sie Stress loswerden und Energie gewinnen

* Te i l n e h m e n k ö n n e n h e r a u s r a g e n d e U n i v e r s i t ä t s s t u d e n t ( i n n) e n a l l e r Fa c h r i c h t u n g e n a u s E u r o p a . W e i t e r e I n f o r m a t i o n e n z u m Ev e n t k ö n n e n a u f r 3 w a r d .b c g .d e e i n g e s e h e n w e r d e n .

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R 3WARD. THE BCG TRIPLE SCHOL ARSHIP.

Wa s w ä re , w e nn du mit e in e r e inz ige n Ent s ch e i dung d e in e G e ge nw a r t , d e in e Ve r g a nge nh e it un d d e in e Zukun f v e r b e s s e r n k ö nnt e s t ? Kl ing t unm ö g l i ch? Ni cht mit d e m B CG T RIPL E S CH O L A R SHIP. Ko mm zu uns e re m Ev e nt un d du ha s t a m En d e d e s Ta g e s d i e Cha n c e , g l e i ch dre if a ch v o n d e r Gro up ge f ö rd er t zu w e r d e n:D u ha s t e in J o b a ng eb o t in d e r Ta s ch e. W ir z a hl e n d ir d e in e Stu d i e ng eb ühre n zur ü ck . Un d o b e n dr auf b e k o mms t du e in e n M e nt o r aus d em B CG S e ni o r L e a d e r ship Te a m. Da mi t d e in e K a r r i e re b e i uns g enau s o l äu f , w i e du e s w il l s t .* We lc om e t o t he Gr ou p.

F Ü R A L L E KU R Z V O R D E M S T U D I E N A B S C H L U S S . M Ü N C H E N , 2 3 . –2 6 . 0 8 . B E W E R B U N G S S C H L U S S : 2 1 . 0 7 . R 3 WA R D. B C G . D E

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EDITORIAL

NICHTS IST SPANNENDER ALS DIE WIRKLICHKEIT

DER STRENGE VATER

NICHTS IST SPANNENDER ALS DIE WIRKLICHKEIT DER STRENGE VATER Der Kriminalkommissar im »Tatort« sagt zu seinem

Der Kriminalkommissar im »Tatort« sagt zu seinem Kollegen:

»Wir müssen die Alibis überprüfen, das ist wichtig bei einem Mordfall.« Und der Vater auf dem Sofa sagt zu den Kindern:

»Diesen Unsinn brauchen wir uns nicht anschauen.« Er schaltet den Fernseher aus. Die Kinder, mein Bruder und ich, protestieren, wir hatten uns auf den Krimi gefreut. Aber da ist nichts zu machen. »Miserable Dialoge«, sagt der Vater, und wir müssen mit ihm »Monopoly« oder »Malefiz« spielen. Abends fernsehen – das war damals das Größte. Und wir hatten eigentlich Glück mit unserem Vater. Hitchcock, Stanley Kubrick, Fassbinder, wir durften alles sehen. Es sei denn, die Dialoge waren nicht gut. »Polizisten reden doch so nicht miteinander«, sagte mein Vater. »Dass Alibis wichtig sind in einem Mordfall, wissen sie.« Er hat selbst ein Leben lang geschrieben, als Journalist und Romanautor. Die Entschei- dung über die Qualität der Dialoge traf er relativ schnell. So schauten wir zu Beginn eines Filmes weniger auf den Bildschirm als auf das Gesicht unseres Vaters. Und so lernten wir allmählich, was gute Dialoge ausmacht: Ein junger Mensch redet anders als ein alter, ein Tierpfleger anders als ein Erdkundelehrer. Und was sie reden, ist nicht logisch, hat mit der Handlung oft nichts zu tun. Noch heute, viele Jahre nach seinem Tod, denke ich manchmal mitten in einem Film: Mein Vater hätte schon abgeschaltet. Wir würden längst »Mensch ärgere Dich nicht« spielen. Liebe Leserin, lieber Leser, »Der Tatort in dir« (S. 66) heißt das kleine Tema in diesem Heft, das mich zu dieser Erinnerung führte.

Andreas Lebert, Chefredakteur

zu dieser Erinnerung führte. Andreas Lebert, Chefredakteur AUS DER REDAKTION Eva-Lena Stange studiert Biochemie und

AUS DER REDAKTION

Eva-Lena Stange studiert Biochemie und hat Hörsaal und Labor für eine Weile gegen unsere Redaktion getauscht: Sie hat das Spiel »Contrary« mitentwickelt, über die Ostsee geschrieben (S. 32) – die sie lieber mag als die Nordsee – und über Heimweh (S. 68), obwohl sie selbst unter Fernweh leidet.

Warum wird ein Mensch zum Mörder? Steckt in jedem von uns kriminelle Energie? Wie geht das Leben nach einem traumatischen Erlebnis weiter? Das Magazin ZEIT VERBRECHEN holt echte Kriminalfälle aus Deutschland ins Hier und Jetzt. Spannend und informativ zugleich.

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Alina Emrich und Kiên Hoàng sind Meister im Umschalten: Die Fotografin und der Fotograf haben ein gemeinsames Kind und wechseln nicht nur zwischen Studio und Zuhause, sondern auch vor und hinter die Kamera: Für die Bilder zur Titelgeschichte (S. 20) hat Kiên Hoàng seine Partnerin fotografiert.

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Peter Rigaud; Hashim Badani; Vidicom; Kiên Hoàng Lê und Alina Emrich /LÊMRICH (2)

Fotos

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ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS  Die Mobilität der Zukunft S. 88 INHALT Das Bewusstsein

Die Mobilität der Zukunft S. 88

INHALT

VK.COM/WSNWS  Die Mobilität der Zukunft S. 88 INHALT Das Bewusstsein der Vögel S. 58 Die

Das Bewusstsein der Vögel S. 58

S. 88 INHALT Das Bewusstsein der Vögel S. 58 Die Seele der Ostsee S. 32 6

Die Seele der Ostsee S. 32

6

AM ANFANG DREI FRAGEN

38

WIE TICKEN DIE DEUTSCHEN?

68

GEBRAUCHSANLEITUNG FÜR EIN

1. Können wir Sucht übertragen?

Das ZEIT WISSEN-Gespräch

GEFÜHL: HEIMWEH

2. Ist Schönheit friedlich?

über verblüfende Methoden

3. Sind Könige glücklich?

der Meinungsforschung

73

DIE ZUMUTUNG Was ist eine Frau?

12

JUNGES WISSEN, ALTES WISSEN Lisanne Traub (19) und Vilas Turske (70) teilen eine Leidenschaft: Richtig atmen

46

KOMM, WIR MESSEN DAS SELBER Bauanleitung für einen Feinstaubsensor. Idiotensicher!

78

DIE DIÄTEN DER STARS Ernährung als neue Religion

16

GEORDNETE VERHÄLTNISSE Eine Infografik zum Thema Geburtstage

50

BESSER DURCHBLICKEN Was wir von Experten lernen können. Diesmal: Sterneköchin, Fotografin, Reinigungskraft,

86

DAS EXPERIMENT Was die Umarmungsrichtung über uns verrät

 

Psychoanalytiker, Baugutachter

88

MOBILITÄT DER ZUKUNFT

18

MEINUNGSTURBULENZEN

Wie werden unsere Straßen im

Im letzten Heft verteidigte unser Autor Flugreisen. Jetzt

56

DIE GROSSEN DENKSCHULEN Warum Nazis sich nicht auf

Jahr 2025 aussehen?

antwortet er seinen Kritikern

Nietzsche berufen können

96

CITIZEN-SCIENCE

 

98

BUCHTIPPS / APPS

20

UMSCHALTEN! Wie gelingt es, Stress abzu- bauen und Energie zu behalten? (Siehe rechte Seite)

58

WAS WEISS DER RABE? Die Wissenschaft ergründet das Bewusstsein von Tieren. Ihre Erkenntnisse machen demütig

102

KANN MAN DAS NOCH BESSER MACHEN? Diesmal: Das Feuerzeug

32

DIE OSTSEE

66

DER TATORT IN DIR

104

IMPRESSUM / DIE BESTE FRAGE

Porträt eines Sees, der seit seiner Geburt ein Meer sein will

Wie das Krimi-Gucken unser Rechtsverständnis verändert

106

DIE WELT AUS DER SICHT EINER ERDBEERE

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ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS  20 Abschalten? Umschalten! Erst im Büro, dann mit Freunden

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Abschalten? Umschalten!

Erst im Büro, dann mit Freunden in der Kneipe: Andere Menschen, andere Gefühle, andere Aufgaben. Beim Übergang von einer Situation in die nächste bedient sich unser Gehirn verschiedener mentaler Landkarten. Das kann man trainieren und damit viel Stress loswerden.

+ ZEIT WISSEN-Kartenspiel »Contrary« – das Spiel der Gegensätze

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AM ANFANG DREI FRAGEN

1. Können wir Sucht übertragen?

Menschen beeinflussen einander ununterbrochen, tauschen Gedanken, Gefühle und Bakterien aus. Wie ansteckend ist Abhängigkeit?

Text Tobias Bug

Foto Laura Zalenga

W as hätte ich denn tun sollen? Hier rumsitzen und dir zuschauen, wie du dir eine Spritze setzt, und ich selbst setze mir keine?«, fragt Harry seine Freundin Marion. Für ihn un-

vorstellbar. Die Jugendlichen suchen Glück – und finden es im Heroin. Auch Harrys Mutter Sara und sein Kumpel Tyrone werden süchtig. In Darren Aronofskys Film Requiem for a Dream überträgt sich die Sucht wie ein Laueuer. »Sucht ist wie eine ansteckende Krankheit. Die Opioid-Abhängigkeit in den USA gleicht einer Epidemie, mancherorts ist ein Viertel der Bevölkerung betroffen«, sagt Reinhard Haller, ehemaliger Chefarzt der Sucht- klinik Maria Ebene in Österreich. Die Wege der Sucht sind dabei verschiedene, einer ist genetisch: »Erbliche Charaktereigenschaften wie Risikobereitschaft oder Introversion begünstigen eine Suchtentwicklung«, sagt der kanadische Neurowissen- schaftler Marc Lewis. Die DNA bestimmt eine Alkohol- sucht beispielsweise etwa zur Hälfte. Für Lewis ist eine Abhängigkeit aber vor allem das Ergebnis eines Lern- effekts: Man sieht oder erfährt, dass etwas guttut, und wiederholt es immer wieder. Daher ist das soziale Um- feld so entscheidend beim Übertragen von Sucht. »Eltern leben den Umgang mit Suchtmitteln vor, Kinder übernehmen solche Verhaltensmuster«, sagt Reinhard Haller. So wie Kinder von Sportlern auch eher Sport treiben. Und die, die geschlagen werden, auch selbst eher zuhauen. Stress oder Entfremdung feuern die Sucht an, und nicht nur Drogen, jedes Verhalten kann ab- hängig machen: kritisieren, Bilder posten, konsumieren, trinken, essen, Sex. »Die Sucht ist die Krankheit des Nicht-genug-Kriegens und Nicht-aufhören-Könnens«, so Haller. Selbstbewusste Menschen könnten Sucht eher

auf andere übertragen, Ich-schwache Menschen seien eher dafür empfänglich. Werden die Kinder älter, spielen Gruppendyna- miken auch außerhalb der Familie eine große Rolle. »Das haben die anderen auch gemacht!« – so begründe- ten fast alle Jugendlichen in seiner Klinik ihren Erst- konsum, sagt Haller. Ob man sich dabei kenne, sei nicht entscheidend, sagt Helle Larsen. Für eine Studie beob- achtete die Psychologin der Universität Amsterdam eine Gruppe sich fremder Probanden in einer Bar. Das ein- deutige Ergebnis: »Alle haben sich an das Trinkverhalten der anderen angepasst – ohne Einfluss von Freunden«, so Larsen. Dabei mache es keinen Unterschied, ob man zum Trinken aufgefordert werde oder nicht – abschauen genüge. Das Gleiche gilt fürs Rauchen. »Seitdem in den Niederlanden Rauchen an öffentlichen Plätzen verboten ist, gibt es deutlich weniger Raucher«, sagt Helle Larsen. Studien belegen: Menschen greifen seltener zur Zigarette, wenn sie weniger Raucher sehen. Hirnforscher Marc Lewis war einst selbst abhängig:

von Morphium, das er als Student seinen Laborratten stahl. Nach einer Überdosis dem Tode nah, kam er erst nach sechs Jahren wieder davon los. Er betrachtet Sucht nicht als eine ansteckende Krankheit, sondern eher wie eine schlechte Gewohnheit. Er sagt, Abhängige könnten ihre Sucht »verlernen, indem sie bessere Gewohnheiten einüben«. Reinhard Haller nennt das »Sucht auf Sucht übertragen«, die Substitutionstherapie sei eine aner- kannte Methode. Denn in den meisten Fällen ist ex- zessives Joggen immer noch besser als exzessives Saufen. »Süchte müssen keine Raubtiere, sie können auch Haus- tiere sein«, sagt Haller. Und die Erfahrung aus Gruppen- therapien, in denen sich Süchtige gegenseitig unter- stützen, habe gezeigt: »Nicht nur Abhängigkeit ist übertragbar, sondern auch Gesundung.«

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AM ANFANG DREI FRAGEN

2. Ist Schönheit friedlich?

Was schön ist, ist gut – denkt unser Gehirn. Doch es täuscht sich. Schönheit hat auch hässliche Seiten, manchmal sogar kriegerische

Text Andrea Böhnke

Foto Paul Fuentes

S pieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?«, heißt es in dem Märchen der Brüder Grimm. »Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier, aber Schneewittchen ist tausendmal schöner als

Ihr.« Wie die Stiefmutter reagiert, ist be- kannt: Sie tut alles, um Schneewittchen zu töten. Die Schönen sind die Guten, die Hässlichen die Bösen – das gilt nicht nur im Märchen. Studien zeigen, dass schöne Menschen für ehrlicher, freundlicher und intel- ligenter gehalten werden. Wir vertrauen ihnen mehr, verzeihen ihnen eher Fehler und kooperieren lieber mit ihnen. Sie verdienen mehr Geld. Forscher nennen das »Attraktivitätsstereotype«. Schönheit ruft nicht nur positive Gefühle hervor, sie kann einem auch Frieden geben. Das meint zumin- dest Winfried Menninghaus vom Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt. Vor allem eine Schönheit würden viele Menschen als beruhigend und harmonisierend empfinden: die der Natur. »Die schöne Natur vermittelt uns das Gefühl, zu dieser Welt zu passen, in ihr zu Hause sein«, sagt Menninghaus. »Ge- gen die heutigen Städtelandschaften protestiert unser ästhetisches Sensorium hingegen.« Die Frage danach, ob Schönheit friedlich ist, hat in der Architektur eine ganz eigene Brisanz, weiß Harald Bodenschatz, Architektursoziologe an der Technischen Universität Berlin. »Viele Menschen sind schockiert, wenn sie Kirchenglocken mit Hakenkreuzen sehen. Oder wenn sie hören, dass Emil Nolde nicht nur schöne Wiesen gemalt hat, sondern auch Nationalsozialist war.« Oder der Palazzo della Civiltà Italiana in Rom, ein bom-

bastischer Bau mit 216 Rundbögen: Muss man ihn häss- lich finden, weil er unter dem Diktator Benito Musso- lini gebaut wurde? Und seine senkrechten Bögen auf

allen vier Seiten für Mussolinis Vornamen stehen, die waagerechten für dessen Nachnamen? Nein, sagt Bo- denschatz. »Wir müssen aufhören, Schönheit mit ange- nehm, ruhig und friedlich zu verknüpfen. Schönheit war und ist oft mit Gewalt und Unfrieden verbunden.« Das Gleiche gilt übrigens auch für die Kunst und die Literatur. Im Film war es erst die Femme fatale, die ihre Attraktivität als Waffe einsetzte, heute ist es das Bond-Girl. In der Ilias von Homer löst die schöne Helena den Trojanischen Krieg aus. Und in verschiedenen Sagen betören weibliche Nymphen die Seefahrer mit ihrem Gesang. Schönheit kann blenden, sie kann täu- schen. Das meint auch Sozialwissenschaftler Johannes Krause von der Heinrich-Heine-Universität in Düssel- dorf. Von Schönheit als Waffe spricht er aber nicht: »Sie ist ein Instrument, das man gezielt einsetzen kann, wenn man sich ihrer bewusst ist.« Asma al-Assad, die attraktive Gattin des syrischen Präsidenten, wurde anfangs von vielen für eine zweite Prinzessin Diana gehalten. Heute gilt sie als das schöne Gesicht der Diktatur ihres Mannes. »Lady Di, da war was dran an dem Vergleich«, sagt der ehemalige EU- Botschafter in Syrien in einer Fernsehdokumentation. »Und wir Diplomaten, wir ließen uns verführen.« Wenn schöne Menschen unschön oder gar feind- lich handeln, verliert die Schönheit ihre positive Wir- kung. Dann kann ihr Ansehen sich sogar ins Gegenteil verkehren und Schönheit zum Handicap werden. Trotz- dem jagen ihr die Menschen hinterher. Kaufen Anti- Aging-Cremes, Parfüms und Cellulite-Lotions. Sie las- sen sich die Haut glätten, die Brüste vergrößern und die Oberschenkel absaugen. Ästhetikforscher Winfried Menninghaus hält das für paradox: »Biologisch gesehen gibt Schönheit uns Frieden. Aber der heutige Schön- heitswahn ist das Gegenteil von Frieden.«

»Biologisch gesehen gibt Schönheit uns Frieden. Aber der heutige Schön- heitswahn ist das Gegenteil von Frieden.«

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Robert Polidori, St. Andreas-Saal, Kreml Moskau, Russland 2005

Foto

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AM ANFANG DREI FRAGEN



3. Sind Könige glücklich?

Könige haben keine Geldsorgen und sind mächtige Symbolfiguren. Doch trotz Prunk und Glamour hört man immer wieder von Depressionen oder Fluchtgedanken

Text Filipa Lessing

Foto Robert Polidori

D er König ist der größte Schwerarbeiter in Bhutan«, sagte einst ein bhutani- scher Mönch über Seine Majestät, König Jigme Singye Wangchuck. Der vierte König von Bhutan war 34 Jahre

lang, bis 2008, der mächtigste Mann des kleinen Königreichs am östlichen Rand des Hi- malayas. König sein bedeutet in Bhutan viel Verant- wortung – kann das glücklich machen? Die Antwort der empirischen Glücksforschung lautet: Es kommt drauf an. Denn vor allem solche Menschen sind glücklich, die Aktivitäten mit einer hohen persönlichen Bedeutung oder mit einer starken sozialen Komponente ausüben. Vielleicht auch deshalb übernehmen Mitglieder von Königsfamilien auffallend häufig Verantwortung für soziale Projekte und engagieren sich für Kinder, Minderheiten oder die Umwelt. Die britische Prinzessin Diana etwa hatte während ihrer Ehe mit Prinz Charles die Schirmherrschaft über mehr als 100 Wohltätigkeitsorganisationen inne. Glück ist ein solch subjektiver Zustand, dass die Psychologie ihre Antworten nur in Häppchen liefern kann. Eines davon: Menschen sind glücklicher, wenn sie die Kontrolle über ihre Freizeit haben. Selbstbestim-

mung aber ist am königlichen Hof meist rar. In vielen royalen Familien schränkt eine strenge höfische Etikette die persönliche Freiheit erheblich ein. So brauchte der japanische Kaiser Akihito für seine Abdankung vom Thron sogar die Erlaubnis des Parlaments. Sein Nach- folger, Kaiser Naruhito, wird seit seiner Krönung von einem Apparat von 800 Beamten behütet. Als Kron- prinz hatte er während eines Besuchs in Großbritannien notiert: Die Queen gießt sich selbst Tee ein!« Apropos England: Meghan Markle gab für ihre Ehe mit dem Enkel der Queen nicht nur ihre erfolgreiche

Schauspielkarriere auf, sondern auch ihre Religion und ihren US-amerikanischen Pass. Ihr Ehemann Harry ge- stand vor ein paar Jahren, es habe in der Tat eine Zeit gegeben, in der er raus aus den Pflichten als Royal und aus der Öffentlichkeit wollte. Auf der Plus-Seite der Glücksbilanz steht der Reichtum vieler Könige. Forscher der Princeton Univer- sity stellten fest, dass mit wachsendem Einkommen auch die allgemeine Lebenszufriedenheit steigt. Unter- stützt wird dies durch den Effekt des »relativen Einkom- mens«. Demnach messen Menschen ihren eigenen Wohlstand am Wohlstand anderer. Wer reicher als die Menschen um sich herum ist – und das sind viele Königs- familien –, fühlt sich in der Regel besser. Doch Reichtum und vor allem Macht haben auch ihre Schattenseiten. Vor allem bei Königen, die viel Macht in ihrer Person vereinen, sind Neider nicht fern. So lebte der französische König Karl VII. Anfang des 15. Jahrhunderts stets in Furcht vor einem Giftanschlag durch seinen eigenen Sohn. König Jigme Singye von Bhutan entschied sich gleich gegen eine Machtfülle. Er demokratisierte sein Land und verankerte das »Brutto- inlandsglück« als ein Ziel in der neuen Verfassung. Was denn nun – Glück durch Reichtum und En- gagement oder Unglück durch Neider und höfische Eti- kette? Es gibt laut Glücksforschung noch einen Faktor:

Glück ist vor allem eine Sache guter Gene. Jeder Mensch verfügt über eine erbliche Bandbreite des subjektiven Wohlbefindens, den sogenannten Soll-Wert. Dieser kann zwar kurzfristig variieren, etwa bei einer Traum- hochzeit oder einem Trauerfall. Doch nach spätestens einem Jahr hat sich das subjektive Glücksempfinden in der Regel wieder eingependelt. Ob »blaues Blut« glück- lich macht, hängt also von den Genen der royalen Familie ab. Könige sind eben auch nur Menschen.

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JUNGES WISSEN

ÜBER DAS

ATMEN

Unsere Expertin:

Lisanne Traub, 19, studiert an der Musikhochschule Detmold Fagott im 2. Semester. Sie hat mehrere Bundespreise bei Jugend musiziert gewonnen und im

Bundesjugendor-

chester gespielt

musiziert gewonnen und im Bundesjugendor- chester gespielt Aufgezeichnet von Hella Kemper Foto Patrick Pollmeier O hne

Aufgezeichnet von

Hella Kemper

Foto

Patrick Pollmeier

O hne meinen Atem erklingt mein Fagott nicht. Erst wenn ich Luft gebe, wird ein Ton hörbar. Ich ver- wandle den Atem also in

Musik. Durch ihn kann ich mich künstlerisch ausdrücken. Deshalb ist es ein großes Glück, dass mich meine Lehrer früh gelehrt haben, an meiner At- mung zu arbeiten – ich hätte mich musika- lisch sonst nicht so weit entwickeln können. Selbst während der Sommerpause, wenn ich kein Fagott übe, absolviere ich meine Atem- lektionen: Beispielsweise halte ich mit dem Atemstrom ein Blatt Papier an der Wand. Oder ich lege mir ein dickes Buch auf den Bauch und atme gegen sein Gewicht an. Für Musiker ist es wichtig, richtig zu atmen. Wenn ich meinen Körper nicht kenne, wie soll ich etwas von mir zeigen können?

Richtig zu atmen heißt: mit dem ganzen Körper, tief in den Bauch und den Rücken. Dabei aktiviere ich alle Muskeln, nicht nur die Lunge. Das kann ich aber nur, wenn mir bewusst ist, wie die Atmung funktioniert. Zuerst muss ich wahrnehmen, wie die Luft ein- und ausströmt, ich muss meinen Atem spüren. Eine wichtige Rolle spielt das Zwerchfell – das ist ein erstaunlich großer und starker Muskel, der an den Lendenwir- beln, also weit unten am Rücken, ansetzt. Das war mir lange Zeit nicht bewusst, aber es ist der Grund dafür, dass man am tiefsten atmet, wenn man in den Rücken atmet. Hier kommt das Becken ins Spiel; es braucht einen korrekten Stand, damit das Zwerchfell arbeiten kann. Dafür müssen die Beine richtig positioniert sein. Eine gute Atmung fängt also bei den Füßen an. Verkrampfe ich, weil ich falsch

stehe, kann ich nicht so viel Luft holen, wie ich für mein Fagott brauche. Meine Atmung unterstützt mich aber nicht nur dabei, die richtige Körperhaltung einzunehmen, son- dern auch Stress abzubauen. Ich lege mich dann auf den Boden und sage zu mir selbst:

»Ich erlaube, dass mein Hals frei wird.« Das ist für mich ein wichtiger Satz. Mithilfe der Alexandertechnik habe ich so gelernt, Ver- spannungen zu lösen, die mich beim Fagott- spielen behindern. Um zu entspannen, gehe ich spazieren. Dann öffnen sich meine Sinne, und ich nehme die Natur wahr – ich atme durch. Am liebsten rieche ich den Duft von Tannen. Klare Luft ist für mich wichtig. In meiner Heimatstadt Neckarsulm nahe Heil- bronn ist die Luft dick und stickig. Dort habe ich das Gefühl, nicht richtig atmen zu können; dann muss ich raus ins Grüne.

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Kraftstoffverbrauch l/100 km: innerorts 5,7/außerorts 4,2/kombiniert 4,8, CO-Emissionen in g/km: kombiniert 109. ¹ Ein Finanzierungs- angebot d er Vo lkswagen Ban k G mbH, Gifho rner St r. 57, 3 81 12 Braunsc hweig. Bo nitä t vora us ges etzt . E s b es teht ein gesetz liches Wider ru fsrecht für Ve rb rauch er. F in anzi erung sbeis piel für eine n G ol f I Q. DR IVE 1,0 l TS I 6 3 k W (85 PS ) 5 -G ang, ba si erend au f e iner jährli chen Fa hrleistung vo n 1 0.0 00 km, Fa hrz eugpr eis 24. 030 ,0 0 , A nzahlung 5.918, 00 , Nettod arlehensbetra g 1 8.112, 00 , Sollzinssatz (gebunden) p. a. 0,00%, effektiver Jahreszins 0,00%, Laufzeit 36 Monate, Schlussrate 11.235,64 , Gesamtbetrag 18.112,00 , 36 mt l. Finan zierung sra ten à 1 91,01 , Wa rtungPlu s m tl. ab 12,99 , Vo lksw age n A utoVe rsicher ung mtl. ab 25,00 . Wa rtu ngPlus ist ein An geb ot de r Vol ksw agen Le asi ng , G ifh or ne r Str. 5 7, 381 12 Br aunsc hw eig. Ve rs ich erung slei stung en gemä ß B ed in gu nge n d er Vo lks wa gen Auto ve rsi cheru ng AG , G ifho rne r Str. 5 7, 381 12 Br aunsc hweig. Gü lti g f ür Pri vat kun den bi s z um 30.0 6.2 01 9, be im te il - nehm ende n H ändler. A lle vo rg ena nnte n L eis tu ngen si nd ge bu nd en an die Laufz ei t/Lauf leistu ng des Fina nzier ung sv er tra ges. Abb. ze igt Sond erau ssta ttung gegen Meh rpreis.

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ALTES WISSEN

ÜBER DAS

ATMEN

Unser Experte:

Vilas Turske, 70, bildet in seiner Yoga-Akademie in Potsdam Atem- lehrer aus. Davor hat er viele Jahre als Kunsthändler gearbeitet und in Irland einen großen Landschaftspark angelegt

und in Irland einen großen Landschaftspark angelegt Aufgezeichnet von Hella Kemper Foto Lena Giovanazzi W ir

Aufgezeichnet von

Hella Kemper

Foto

Lena Giovanazzi

W ir haben verlernt, rich- tig zu atmen: mit dem ganzen Körper, so wie Kleinkinder es noch tun. Die atmen tief in ihren

Torso hinein, nicht nur mit dem Brustkorb. Beim Einatmen drückt das Zwerchfell nach unten, der Bauch wölbt sich vor, Luft kann in die Lunge strömen. Beim Ausatmen drückt das Zwerchfell nach oben und presst die Luft aus den Lungen, der Körper wird voll beatmet. Die Lunge selbst hat keine Muskeln, das Zwerchfell und die Atemhilfsmuskeln sind der Motor, der den Sauerstoff in den Körper gelangen lässt. Viele Erwachsene sind aber mit Sauerstoff unterversorgt – sie atmen nur mit halber Kraft. Viele kommen zu mir, wenn sie in einer Notsituation sind:

Asthmatiker lernen, mit der Enge, die in der

Lunge entsteht, umzugehen; aus Kampf wird Freiheit. Menschen mit Ängsten er- atmen sich ihre Selbstwahrnehmung und damit ihr Selbstbewusstsein zurück. Auch mich hat eine Krise innehalten lassen. Ich hatte vier Bandscheibenvorfälle, war übergewichtig und ausgebrannt nach zehn Jahren als Kunsthändler mit Galerien in Zürich, Los Angeles und London. Mein linkes Bein war gelähmt, sein Hauptnerv tot. Ich hatte Angst, nicht mehr laufen zu können, wurde depressiv und hatte jede Lebensfreude verloren. Bis mir klar wurde:

Mit bewusstem Atmen kann ich meinen Körper präzise ansteuern und mit ihm in Dialog treten. Der Atem unterstützte den Heilungsprozess, er hat mich gelehrt, meine Beinmuskulatur wieder an- und entspannen zu können. Erst wenn wir begreifen, dass unser Atem jeden Tag anders ist, dass kein

Atemzug dem anderen gleicht, können wir uns unserer selbst gewahr werden. Ich schließe meine Augen: Ich atme ein, Pause, ich atme aus, Pause. Ich erfahre die Stille zwischen den Atemzügen. Ich be- obachte mich, kontrolliere oder manipuliere aber nicht, sondern nehme nur wahr. Bereits in dem Moment verändert sich mein Atem und mein Zustand. So wurde der Atem für mich die Essenz von allem. Durch ihn bin ich an einem Ort angelangt, an dem ich mich alterslos fühle. Ich habe auch erfahren, dass mich der Atem zum Tor der Meditation führt: In der Stille höre ich meinen Körper, wie das Blut fließt, das Herz schlägt. Ge- danken sind Lärm. Die Stille ist ein großer Raum. Aber in diesen Raum kann ich nur ohne Angst eintreten. Dann führt mich mein Atem zu mir selbst, und dann ist die Leere das höchste Maß der Fülle.

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ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS So intensiv. Und doch so mild. Ex tr a l an ge
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So intensiv. Und doch so mild.

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Ex tr a l an ge co nc hie rt . D am it une rw ün sch te Bit te rs tof fe en tw ei ch en.

Erle be n S ie de n v ol le nd et en Ge sc hm a ck du nk le r Taf el ch oc ol ad e–m it Li nd t E xc el le nce . F ür al le Ta fe ln ve rw en de n w ir fe in st e C ac ao bo hn en . A be r d as Ge he im ni s d es ha rm onis ch , a ng en e hm du nk le n G es ch ma ck s i st di e C onc h e. De nn er st da s ex tr a l an ge Co nc hi eren lä ss t d ie un er wü ns ch te n B it te rs tof fe en tw ei ch en . E rf ah ren Sie me hr au f www.l in dt .d e/ Ex ce ll e nc e

SC HWEIZER M AÎT RE CH OCOL AT IER S EI T 1845

ei ch en . E rf ah ren Sie me hr au f www.l in dt

BMFSFJ, GoCompare, Guinness Book of World Records, Hamburger Institut für Sozialforschung, IfD Allensbach, myMarktforschung, Statistisches Bundesamt, TNS Emnid, YouGov

Quellen

Mirko Merkel

Infografik

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

GEORDNETE VERHÄLTNISSE

Geburtstage

Jede und jeder hat einen, wir feiern ihn jedes Jahr. Wenn nicht, kommt keiner mehr. Geburtstage sind das Gerüst des Lebens. Zeit, sie hochleben zu lassen

2012 11.881 2013 2014 12.355 13.270 2015 2016 13.637 14.635 2017 14.712
2012
11.881
2013
2014
12.355
13.270
2015
2016
13.637
14.635
2017
14.712

Frauen mit Mehrlingsgeburten (2017 darunter 287 Drillinge)

27 %

Frauen 19 % 21 % 19 % 14 % 1 %
Frauen
19 %
21 %
19 %
14 %
1 %
38 %
38 %
Anteil der Studierenden, die sich durch soziale Netzwerke häufig oder sehr häufig an Geburtstage erinnern
Anteil der Studierenden, die
sich durch soziale Netzwerke
häufig oder sehr häufig an
Geburtstage erinnern lassen
Männer
über 20
10 %
16
bis 20
8 %
11
bis 15
11 %
6 bis 10
33 %
1 bis 5
34
%
keinen
3 %

Seit 1944

schicken sich Mary Wheaton und Pat Shardelow ein und dieselbe Geburtstagskarte zu

2017

2016

2015

2014

2013

2012

2011

2010

2009

2008

2007

2006

2005

2004

2003

2002

2001

2000

1999

1998

1997

1996

1995

1994

1993

1992

1991

1990

1989

1988

1987

1986

1985

1984

1983

1982

1981

1980

1979

1978

1977

1976

1975

1974

1973

1972

1971

1970

228

Menschen mit demselben Geburtsdatum feierten am 4. Juli 2012 miteinander

Geburtsdatum feierten am 4. Juli 2012 miteinander 34,75 % 35,49 % 34,97 % 34,98 %
Geburtsdatum feierten am 4. Juli 2012 miteinander 34,75 % 35,49 % 34,97 % 34,98 %
Geburtsdatum feierten am 4. Juli 2012 miteinander 34,75 % 35,49 % 34,97 % 34,98 %
Geburtsdatum feierten am 4. Juli 2012 miteinander 34,75 % 35,49 % 34,97 % 34,98 %
Geburtsdatum feierten am 4. Juli 2012 miteinander 34,75 % 35,49 % 34,97 % 34,98 %
Geburtsdatum feierten am 4. Juli 2012 miteinander 34,75 % 35,49 % 34,97 % 34,98 %
Geburtsdatum feierten am 4. Juli 2012 miteinander 34,75 % 35,49 % 34,97 % 34,98 %
Geburtsdatum feierten am 4. Juli 2012 miteinander 34,75 % 35,49 % 34,97 % 34,98 %
Geburtsdatum feierten am 4. Juli 2012 miteinander 34,75 % 35,49 % 34,97 % 34,98 %
Geburtsdatum feierten am 4. Juli 2012 miteinander 34,75 % 35,49 % 34,97 % 34,98 %
Geburtsdatum feierten am 4. Juli 2012 miteinander 34,75 % 35,49 % 34,97 % 34,98 %
Geburtsdatum feierten am 4. Juli 2012 miteinander 34,75 % 35,49 % 34,97 % 34,98 %
Geburtsdatum feierten am 4. Juli 2012 miteinander 34,75 % 35,49 % 34,97 % 34,98 %
Geburtsdatum feierten am 4. Juli 2012 miteinander 34,75 % 35,49 % 34,97 % 34,98 %
Geburtsdatum feierten am 4. Juli 2012 miteinander 34,75 % 35,49 % 34,97 % 34,98 %

34,75 %

35,49 %

34,97 %

34,98 %

34,83 %

34,50 %

33,91 %

33,26 %

32,74 %

32,07 %

30,82 %

29,96 %

29,18 %

27,94 %

26,98 %

55 %
55 %

der Deutschen schreiben einen persönlichen Geburtstagsbrief (nur 29 Prozent zur Geburt)

Schätzfrage: Wie viele Geburtstage von Freunden, Bekannten und Verwandten kennen Sie auswendig?

9 % 5 % 5 % 40 % 16 % 25 %
9 %
5 %
5 %
40 %
16 %
25 %

keine Angabe

allein vom Vater

allein von

der Mutter

überwiegend

vom Vater

von beiden

gleichermaßen

überwiegend

von der Mutter

Die jährliche Betreuung der Geburtstagsfeier des gemeinsamen Kindes wird übernommen …

Wassermann

Stier

Steinbock

Löwe

Skorpion

Schütze

Zwillinge

Fische

Jungfrau

Widder

Waage

Krebs

Die Sternzeichen der hundert reichsten Menschen (1996 bis 2016). Jef Bezos, der reichste, ist Steinbock

(1996 bis 2016). Je f Bezos, der reichste, ist Steinbock 10,3 % 10,0 % 9,8 %
(1996 bis 2016). Je f Bezos, der reichste, ist Steinbock 10,3 % 10,0 % 9,8 %

10,3 %

2016). Je f Bezos, der reichste, ist Steinbock 10,3 % 10,0 % 9,8 % 9,2 %
2016). Je f Bezos, der reichste, ist Steinbock 10,3 % 10,0 % 9,8 % 9,2 %

10,0 % 9,8 %

Bezos, der reichste, ist Steinbock 10,3 % 10,0 % 9,8 % 9,2 % 8,6 % 7,8

9,2 %

reichste, ist Steinbock 10,3 % 10,0 % 9,8 % 9,2 % 8,6 % 7,8 % 5,9

8,6 %

ist Steinbock 10,3 % 10,0 % 9,8 % 9,2 % 8,6 % 7,8 % 5,9 6,9

7,8 %

5,9
5,9

6,9 %

6,7

%

6,2 %

6,1 %

%

12,5 %

% 7,8 % 5,9 6,9 % 6,7 % 6,2 % 6,1 % % 12,5 % 26,13

26,13 %

25,03 % weiß nicht / keine Angabe »Happy 23,41 % Birthday 22,14 % to You«
25,03 %
weiß nicht /
keine Angabe
»Happy
23,41 %
Birthday
22,14 %
to You«
20,01 %
17,96 %
3
%
gar kein
17,05 %
Lied
16,06 %
20
%
15,39 %
14,81 %
35
%
14,89 %
15,08 %
Sonstige
15,32 %
15,51 %
15,69 %
10
%
15,72 %
16,07 %
1
%
16,22 %
15,95 %
»Lobe den
5
%
15,38 %
Herren«
13
%
14,29 %
7
%
»Alles Gute
12,77 %
7
%
zum
11,89 %
»Wie schön,
Geburtstag«
10,72 %
dass du
»Zum
»Viel Glück
9,94 %
geboren bist«
Geburtstag
und
9,04 %
viel Glück«
viel Segen«
8,76 %
8,45 %
8,50 %
Anteil der außer-
8,34 %
ehelich geborenen
8,31 %
Kinder in Deutsch-
7,97 %
7,23 %
land 1970 bis 2017
Die populärsten Geburts-
tagslieder der Deutschen.
Knapp die Hälfte der 14- bis
29-Jährigen hören am liebsten
»Happy Birthday to You«

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

Meinungsturbu-

lenzen hatten wir in der vorigen ZEIT WISSEN-Ausgabe angekündigt. Da-

raus wurde ein kleiner Sturm mit 1800 Kommentaren unter der Online- Fassung des Arti- kels. Die Debatte fliegt weiter unter bit.ly/zw-fliegen

STANDPUNKT

Das Contra zum Contra

Flugreisen werden zu Unrecht pauschal verurteilt, argumentierte unser Autor in der vorigen Ausgabe. Hier antwortet er seinen Kritikern

Text Niels Boeing

1. Meine Argumentation wurde als Freibrief für bedenkenloses Fliegen kritisiert. Nichts könnte falscher sein: In meinem Artikel betone ich, dass ich Inlands- flüge für unsinnig halte und häufiges Herumjetten für Kurzurlaube fragwürdig finde. Selbstverständlich sollten Flugreisen nur in Fällen unternommen werden, in de- nen es noch keine praktikable Alternative gibt. Aber weil der weltweite Flugverkehr derzeit deutlich weniger zu den menschengemachten Treibhausgas-Emissionen beiträgt als einige andere Sektoren, halte ich ihn nicht für den entscheidenden Hebel, um die Emissionen in den nächsten Jahren rasch zu senken. 2. Im Pariser Klimaabkommen hat sich die Staa- tengemeinschaft verpflichtet, die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Das bedeutet: Ab 2050 darf kein COmehr emittiert werden. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht jeder Staat einen Plan, in welchen Schritten Emissionsquellen reduziert und schließlich ganz beseitigt werden sollen. Was derzeit noch nicht substituiert werden kann, sollte in dieser Roadmap nach hinten geschoben werden. Emissionsquellen hingegen, die nach heutigem technischem Stand in wenigen Jah- ren ersetzt werden können und dabei bedeutende Ein- sparungen bringen, sind zuerst dran. Dies trifft auf die Stromerzeugung aus Braun- und Steinkohle ebenso zu wie auf Verbrennungsmotoren. Die Alternativen hierzu sind bereits vorhanden – mit Regulierungen und finan- ziellen Anreizen kann der Umstieg beschleunigt werden.

3. Fluglinien und Flugzeughersteller müssen

über eine Kerosin- und eine CO-Steuer dazu gedrängt werden, klimaneutrale Antriebstechnologien zu entwi- ckeln, wenn sie weiterhin günstige Flugreisen anbieten

wollen. Wer beispielsweise nicht in Power-to-Liquid- Treibstoffe investiert, ist dann bald raus aus dem Markt. Folge: Der fossile Flugverkehr nimmt ab.

4. Massenhafter individueller Verzicht sei ein

wesentlicher, wenn nicht gar der wichtigste Hebel, um eine wirksame Klimapolitik in Gang zu setzen, wurde mir entgegengehalten. Ich bin anderer Meinung. Der Ausbau der erneuerbaren Energien, eine der bedeu- tendsten Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte, ist nicht das Ergebnis von Verzichtsakten gewesen, sondern eines entschlossenen staatlichen Eingriffs in den Markt: des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, das von zahlreichen Staaten übernommen wurde. Ein solcher Eingriff kann aus Einsicht seitens der politischen Ent- scheider geschehen oder politischem Druck folgen, wie ihn die Anti-Atomkraft-Bewegung ausgeübt hat. In diesem Sinne sind die heutigen Aktivisten von Ende Gelände und im Hambacher Forst, die für einen raschen Kohleausstieg streiten, die derzeitige Avantgarde der Klimapolitik – wenn ihr viele folgen, könnte in relativ kurzer Zeit eine substanzielle Verringerung der CO- Emissionen erreicht werden. Ich behaupte: schneller als über viele einzelne Verzichtsentscheidungen. PS: Nein, ich bin nicht mit der Firma verwandt.

Ich behaupte: schneller als über viele einzelne Verzichtsentscheidungen. PS: Nein, ich bin nicht mit der Firma
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E

I

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Umschalten!

"What's News" VK.COM/WSNWS  Umschalten! Wenn unser Alltag ein Film wäre, hätte er harte Schnitte:

Wenn unser Alltag ein Film wäre, hätte er harte Schnitte: Job, Familie, Partner, Kinder, Freunde, Hobby, Ferien – immer wieder neue Situationen, neue Gefühle, auch neue Freuden und Sorgen. Wie gelingt es, Stress loszuwerden und Energie zu behalten?

Text Tobias Hürter

Fotos Kiên Hoàng, Alina Emrich

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ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS »Schalt doch mal ab« ist der übliche Rat für gestresste
»Schalt doch mal ab« ist der übliche Rat für gestresste Menschen. Doch wer das versucht,
»Schalt doch mal ab« ist der übliche Rat für gestresste
Menschen. Doch wer das versucht, hat schon verloren

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

F ußballspiele werden mit dem Kopf gewon- nen, das zeigte sich selten so deutlich wie im Halbfinale der letzten Champions-League- Saison. Mit 3 : 0 hatte der FC Barcelona, laut Uefa-Rangliste die stärkste europäische

Vereinsmannschaft der Saison, den FC Liverpool im Hinspiel des Halbfinales abgefertigt. Was sollte da im Rückspiel schiefgehen? Souveränen Schrit-

tes liefen die Barça-Stars um Lionel Messi und Sergio Busquets im Anfield-Stadion auf. Aber dann fiel schon kurz nach dem Anpfiff das 1 : 0 für Liverpool. Bald nach der Halbzeit das 2 : 0 und das 3 : 0. Gleichstand mit dem Hinspiel. Spätestens jetzt hätte Barcelona umschalten müssen. Doch während die Engländer wie ein Wirbelwind übers Feld fegten, fiel den Katalanen nichts

Besseres ein als »Ball zu Messi« und Hof- fen auf einen Geniestreich. In der 79. Minute überrumpelte Trent Alexan- der-Arnold sie mit einem Eckstoßtrick. Vollgasfußball gegen Tiki-Taka: vier zu

null. Messi und Co. waren aus dem Turnier geflogen. Als »fucking mentality giants« pries Liverpool-Trainer Jürgen Klopp seine Spieler. Sein Kollege Niko Kovač vom FC Bayern, den die Liverpooler zuvor aus der Champions League gekickt hatten, nannte die Liverpooler »die mit Abstand stärkste Mannschaft im Umschaltspiel«. Das Leben ist in mancher Hinsicht wie ein Cham- pions-League-Spiel. Man muss sich immer wieder auf andere Situationen einstellen, sich neu zurechtfinden, das Umschaltspiel beherrschen – vom Schreibtisch zum Meeting zur Kantine, von der Familie zum Job und zurück, vom Deadline-Stress zum Strandurlaub, von den Kindern zum Partner, vom Fernsehkrimi zur Bett- ruhe. Worauf kommt es dabei an, wie gelingt es gut, und was geschieht dabei in uns? Dazu haben Psycho- logen und Neurowissenschaftler einiges Neues zu sagen. Umschalten kann man trainieren – und es sich mit ein paar Tricks einfacher machen. Weniger Stress durch besseres Umschalten: Das ist eigentlich nicht der übliche Rat. Eher hören Menschen, die vom Leben strapaziert sind, die Empfehlung »Schalt mal ab!«. Aber wie soll das funktionieren? Ein Gehirn lässt sich nicht mal eben auf gesunde Weise ausknipsen. Man liegt in der Sonne, fern des Büros, hat endlich die lang ersehnte Ruhe – und die lästigen Gedanken an die Arbeit lassen sich nicht verscheuchen. Das Gehirn ist nun mal auf Dauerbetrieb pro- grammiert, von seiner Entstehung bis zum letzten Atemzug. Wer es abschalten möchte, hat schon verloren.

Das Leben ist wie ein

Champions-League-

Spiel: Man stellt sich andauernd auf neue

Situationen ein

Unermüdlich sucht es sich Beschäftigung, es plant und deutet, kramt in seinen Erinnerungen und gleicht sie mit der gegenwärtigen Lage ab. Wenn Psychologen er- forschen, womit das Gehirn sich beschäftigt, dann sprechen sie gern von »Aufgaben«. In ihren Experimen- ten stellen sie Freiwilligen tatsächlich Aufgaben, lassen sie Muster vergleichen und Zahlenreihen fortsetzen, aber im wirklichen Leben ist der Begriff der Aufgabe großzügig zu verstehen: Auch Kaffee kochen und eine Nummer ins Telefon tippen sind Aufgaben. Auch Ent- spannung kann man als mentale Aufgabe verstehen. Wenn jemand zwei Aufgaben gleichzeitig erledigt, gerät er in das berüchtigte Multitasking. Das ist oft Rou- tine, man bemerkt es gar nicht, zum Beispiel wenn man im Auto in einen anderen Gang schaltet und gleichzeitig mit dem Beifahrer redet. Es kann aber auch Stress er- zeugen, zum Beispiel wenn gleichzeitig das Telefon klingelt und das Baby schreit. Eine Unmenge von Stu- dien hat gezeigt, dass Menschen miserable »Multitasker« sind. Sie sind nicht gut darin, auf mehrere Reize gleich- zeitig zu reagieren. Sie werden langsamer und fehler- anfälliger. Laut einer Studie, die der Psychologe David Meyer mit einigen Kollegen machte, kann Multitasking die Zeit, die man zur Erledigung seiner Aufgaben braucht, um 40 Prozent verlängern. Schlauer ist es, umzuschalten: sich zuerst ganz der einen Aufgabe zu widmen, dann ganz der anderen. Menschen erledigen Aufgaben grundsätzlich schneller und zuverlässiger, wenn die Aufgaben zeitlich voneinan- der getrennt sind. Aber das ist leichter gesagt als getan. »Auch wenn wir eine Aufgabe abgeschlossen haben, laufen die kognitiven Prozesse, die wir für diese Aufgabe brauchen, weiter«, sagt Andrea Philipp. Sie ist Psycho- login an der RWTH Aachen und hat sich in vielen Studien mit dem Prozess des Aufgabenwechsels beschäf- tigt, in der Fachwelt als task switching bekannt. Das klassische Versuchsdesign zur Erforschung des Aufgabenwechsels sieht so aus: Probanden müssen in einer Laborsituation mehrere Aufgaben erledigen, zum Beispiel Gegenstände entweder nach ihrer Form oder nach Farbe sortieren. Wie leicht oder schwer fällt es ihnen, zwischen den Aufgaben umzuschalten? Die Umschaltverluste werden üblicherweise mit Reaktionszeiten und Fehlerraten beziffert: Wie stark bremst es die Probanden aus, zwischen verschiedenen Aufgaben umzuschalten, statt bei der gleichen Aufgabe zu bleiben? Wichtigster Befund: Umschalten ist Arbeit. Wer von einer Aufgabe zur anderen wechselt, wird lang- samer und macht mehr Fehler. Psychologen sprechen von »Wechselkosten«, auf Englisch: switch costs. In Andrea

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Philipps Experimenten zeigen sich diese Kosten darin, dass ihre Versuchspersonen schneller werden, wenn sie mehrmals hintereinander die gleiche Aufgabe erledigen, und langsamer, wenn sie von einer Aufgabe zu einer andersartigen wechseln. Auch wenn Umschalten Mühe macht, auf die Dauer kommt man nicht darum herum. Die schlechte- re Alternative wäre, immer nur mehr vom Gleichen zu tun – oder alles gleichzeitig. Wer sich bewusst bemüht, zwei Aufgaben nacheinander statt gleichzeitig zu erledi- gen, wird also unter dem Strich weniger Zeit brauchen und weniger Stress haben. Doch auch dieser Wechsel- prozess kostet Zeit, und eine Überlappung der beiden Aufgaben lässt sich nie ganz verhindern. Die gute Nachricht ist, dass man das Umschalten zwischen zwei Aufgaben trainieren kann. Je öfter man es tut, desto besser gelingt es. Ambitionierte Sportler trainieren das Umschalten auf neue Situationen gezielt. Ausdauersportler »visualisieren« vor Wettkämpfen mög- liche Verläufe samt ungeplanten Ereignissen wie Verlet- zungen oder Wetterumschwüngen. Fußballmannschaf- ten studieren den Wechsel zwischen Angriff und Verteidigung ein. Eine Reihe von Studien zeigt, dass Spitzenathleten sich auch dadurch auszeichnen, dass sie sich durch unerwartete Ereignisse im Wettkampf und im Training nicht verwirren lassen, sondern sich schnell auf sie einstellen. Sie »refokussieren«. Bei einer Trai- ningsverletzung schalten sie sofort auf Reha um, statt stur den Plan durchzuziehen. Nach einem verpatzten Hinspiel nutzen sie im Rückspiel ihre Chancen, wäh- rend die Gegner sich noch in Sicherheit wiegen. Allerdings: Dieses Vorgehen ist weder generelles Multitasking-Training noch generelles task switching- Training. Man wird nur besser darin, zwei bestimmte Aufgaben gleichzeitig zu erledigen oder zwischen ihnen zu wechseln. Für den Wechsel zwischen anderen Auf- gaben bringt das Training nichts. Psychologen sprechen von »nahem« Transfer zwischen ähnlichen Aufgaben im Gegensatz zu »fernem« Transfer zwischen unähnlichen. »Es gibt Belege für nahen Transfer«, sagt Andrea Philipp, »aber bisher keine für fernen Transfer.« Umschalten ist auch ein Frage des Talents. In Stu- dien hat sich gezeigt, dass verschiedene Menschen damit unterschiedlich viel Mühe haben, abhängig von ihrem persönlichen Stil. Die einen profitieren mehr als andere davon, schon eine Vorschau auf die nächste Aufgabe zu haben: schon zu wissen, ob sie umschalten müssen oder nicht. Umschalten braucht Zeit, und manche Leute brauchen mehr Zeit dafür, andere weniger. Von wel- chen Persönlichkeitseigenschaften hängt das ab? Diese Frage hat die Wissenschaft noch nicht geklärt.



Was genau passiert im Kopf eines Menschen, der von einer Aufgabe zu einer anderen umschaltet? »Das wüssten wir auch gern!«, sagt Andrea Philipp. Der Mechanis- mus des Umschaltens ist eines der großen Rätsel der Psychologie, intensiv beforscht, aber bisher ungelöst. Aus der kognitiven Neurowissenschaft wissen Forscher, dass Umschalten ein komplexer Prozess ist, an dem viele verschiedene Gehirnregionen beteiligt sind, von der Amygdala, die unsere Gefühle prägt, bis zum prä-

frontalen Kortex, der fürs Planen und Entscheiden zuständig ist. Aber wie genau funktioniert es? Eine ungefähre Vorstellung vom Umschaltprozess haben die Forscher immerhin: Während jemand mit einer Aufgabe beschäftigt ist, sind bestimmte Muster in seinem Kopf aktiviert. Es ist eine mentale Repräsenta- tion der Aufgabe samt den beteiligten Menschen, Gegenständen und Regeln. Wenn er zum Beispiel in einem Geschäftsmeeting sitzt, nimmt er mit bewussten Zielen und Absichten am Gespräch teil. Gleichzeitig passt er unbewusst seine Sprache und Gestik dem Kon- text an, etwa den anderen Sitzungsteilnehmern und dem Raum. Wenn er dann heim zu seiner Familie fährt, ak- tiviert er andere Verhaltensmuster, bewusste und unbe- wusste, rationale und emotionale – und muss zudem die Muster aus dem Meeting unterdrücken. Er will ja mit seinen Kindern anders umgehen als mit seinen Kollegen. Ein noch detaillierteres Bild vom Umschalten entwickelt die Forschungsgruppe des Kognitionspsy- chologen Christian Doeller am Max- Planck-Institut für Kognitions- und

Neurowissenschaften in Leipzig. Er und seine Mitarbeiter interessieren sich da- für, wie fundamentale Denkprozesse im Gehirn implementiert sind: Wie ent- steht Gedächtnis? Wie ruft das Gehirn gespeicherte Inhalte ab? Wie finden wir

unseren Weg durch die Welt? Doeller ist überzeugt davon, dass vielen dieser Prozesse ein universeller neuronaler Code zugrunde liegt. »Wir gehen davon aus, dass das Gehirn sein Wissen in ›mentalen Landkarten‹ speichert«, sagt er. Beim Denken greift man immer auf diese Wissenskarten zurück – und dazu gehört, die passende Karte heraus- zusuchen. Je nach Situation und Aufgabe schaltet man auf die Karte, die irrelevante Informationen ausblendet und relevante in den Vordergrund stellt. Um die Theorie der mentalen Landkarten zu über- prüfen, reicht das Instrumentarium der klassischen Psychologie nicht aus, denn es geht nicht nur um äußeres Verhalten, sondern auch um innere Vorgänge. Deshalb

Umschalten lässt sich trainieren. Forscher sprechen vom Aus- wählen mentaler Landkarten im Gehirn
Umschalten
lässt sich
trainieren. Forscher
sprechen vom Aus-
wählen mentaler
Landkarten im Gehirn

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ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS  Ganz bei sich, dann ganz bei den anderen: Das Denken muss

Ganz bei sich, dann ganz bei den anderen: Das Denken muss das Thema wechseln. Das geht nicht umsonst

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nutzt Doellers Forschungsgruppe bildgebende Verfahren wie die Magnetresonanztomografie. Während die Wis- senschaftler ihre Versuchspersonen mit Aufgaben be- schäftigen, können sie beobachten, welche Gehirn- areale gerade aktiv sind. Dabei interessieren sich die Forscher besonders für jene Gehirnregionen, die für die räumliche Orientierung zuständig sind: das Naviga- tionssystem des Gehirns. Die Inspiration für diesen Ansatz kommt aus der Physiologie: 2014 erhielten der Neurowissenschaftler John O’Keefe und seine Kollegen May-Britt und Edvard Moser den Medizinnobelpreis für die Entdeckung des Navigationssystems im Gehirn von Maus und Ratte. Sie hatten sogenannte »Ortszellen« im Hippocampus und »Gitterzellen« im entorhinalen Kortex gefunden. Beide Zelltypen codieren räumliche Information. Bald darauf entdeckten andere Forscher ähnliche Mechanismen auch in den Gehirnen von Fledermäusen, Affen und Menschen – und stellten fest, dass die Zellen nicht nur der räumlichen Navigation dienen, sondern auch für andere Denkprozesse wichtig sind: Entschei- dungen treffen, Wissen abrufen, das Gedächtnis aktivie- ren. Möglicherweise hat die Evolution auf für sie typische Weise ein bereits vorhandenes System für neue Aufgaben umgenutzt: zum Speichern und Abrufen von Informa- tion. Ein Großteil des Wissens ist im Gehirn folglich im gleichen Format repräsentiert wie räumliche Information. Nicht nur Orte und Richtungen sind auf diese Weise gespeichert, sondern auch Gerüche, Geschmäcker und Emotionen. Aus den räumlichen Landkarten wurden komplexe, multisensorische Wissenskarten. Mit diesem Kniff kann das Gehirn sehr schnell und effizient Infor- mation organisieren und Zusammenhänge kalkulieren, die in einer neuen Situation von Bedeutung sein können. In den Begriffskarten in unseren Köpfen liegen ver- wandte Konze te leichsam näher beieinander enau

insassen. Ein Formel-1-Wagen mit seiner maximalen Motorstärke und minimalen Besatzung liegt auf dieser Karte in einer Ecke, ein Reisebus in einer anderen. Ein Familien-Van liegt in der Mitte. In ihren Versuchen können die Leipziger Kognitionsforscher auch mitver- folgen, wie sich in den Köpfen von Probanden, die neue Konzepte und Zusammenhänge lernen, neue kognitive Landkarten herausbilden. Besonders interessant wird die Sache mit den Landkarten, wenn das Denken das Thema wechselt, also von einer Situation auf eine andere umschaltet. Dann muss das Gehirn eine neue Karte aufrufen und die alte deaktivieren. Damit der Umschaltprozess gut gelingt, müssen sich die Karten deutlich unterscheiden – in ihnen müssen verschiedene Verbände von Gehirn- zellen feuern. Sonst würde das Gehirn die beiden Situa- tionen durcheinanderbringen. Wie genau läuft dieses Umschalten? »Es wird ge- steuert von Arealen im präfrontalen Kortex, die gut darin sind, viele Informationen zu integrieren«, sagt die Neurowissenschaftlerin Mona Garvert, die am Leipziger Max-Planck-Institut forscht. Meldungen von den Sinnesorganen, Emotionen aus der Amygdala, Befind- lichkeitsberichte aus dem orbitofrontalen Kortex – das Gehirn sammelt alles, was wichtig sein könnte, prüft die Lage innerhalb und außerhalb des Körpers, vergleicht sie mit seinen Erfahrungen und seinen aktuellen Zielen und Absichten, entwickelt andere Hand- lun so tionen: Was könnte ich sonst



+

SPIEL

CONTRARY:

Was ist das

Gegenteil von …?

 

Das ZEIT WISSEN-Kartenspiel der Gegensätze

 

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Künstliche Intelligenz mag uns beim Erledigen von mehr und mehr Aufgaben überflügeln, aber wenn sie

plötzlich vor einer neuen Aufgabe steht, ist sie ratlos. Im Umschalten sind Menschen viel besser als Maschinen, und das hat mit der Geschicklichkeit ihres präfrontalen Kortex zu tun, jene kognitiven Landkarten zu aktivieren, die gerade relevant sind, und die irrelevanten Karten auszuschalten, damit sie uns nicht in die Irre führen. Natürlich kann das Umschalten auch schiefgehen. Die aktivierte Karte passt nicht, man schätzt die Situation falsch ein, man bewirkt mit seinem Verhalten nicht das, was man erwartet hat. Im Labor zeigt sich das an der erhöhten Fehlerquote einer Versuchsperson, auf einer Party erntet man vielleicht böse Blicke für einen missglückten Scherz. In solchen Situationen läuft ein Fehlersignal durchs Gehirn, das

Neuroforscher sehr gut messen können, bis auf die Ebene einzelner Zellen. Man fühlt sich irritiert. Im gesunden Gehirn löst dieses Unbe- hagen einen Lernprozess aus. Man revidiert sein Verhalten, prüft seine Wahrnehmung der Situation, spei-

chert die aktualisierte Karte im Hippocampus und macht künftig in ähnlichen Situationen passendere Witze. Schädi- gungen im präfrontalen Kortex können diesen Lern- prozess beeinträchtigen. So können Affen mit Störun- gen in einer bestimmten Region des präfrontalen Kortex (des ventralen Teils des orbitofrontalen Kortex) schon unter einfachen Bedingungen nicht mehr auf neue Situationen umschalten. Auch bei Menschen kommt diese Schaltstörung vor. Berühmt ist der Fall des amerikanischen Eisenbahn- arbeiters Phineas Gage, der im 19. Jahrhundert lebte. Bei Sprengarbeiten war ihm eine Eisenstange durch den Schädel gedrungen und hatte große Teile des linken Frontallappens seines Gehirns zerstört. Seine Auffas- sungsgabe und seine Sprachfähigkeit blieben weitgehend intakt. Doch es fiel ihm schwer, sich auf neue Situatio- nen einzustellen. Im Kontakt mit anderen Menschen wurde er schnell aggressiv. Komplexere Aufgaben bewäl- tigte er nur noch mit Listen, die ihm einen Schritt nach dem anderen vorgaben. Eine Schwierigkeit bei der Erforschung des Um- schaltens besteht darin, dass gar nicht klar definiert ist, wann zwei Aufgaben gleich sind und wann verschieden. Ist Autofahren auf der Autobahn eine andere Aufgabe als im Wohngebiet? Ist Kaffeekochen eine Aufgabe oder eine Abfolge von Aufgaben – was ändert sich, wenn man

eine Abfolge von Aufgaben – was ändert sich, wenn man #schaltum Wir haben Sportlerinnen und Sportler

#schaltum

Wir haben Sportlerinnen und Sportler gefragt, wie sie das Umschalten meistern und trainieren. Von Angrif auf Verteidigung. Von Ausdauer auf Kraft. Von völlig erschöpft auf hoch konzentriert. Von Sprint auf Elfmeter. Die Antworten lesen Sie auf Instagram unter @zeitwissen und #schaltum

plötzlich entgegen der Gewohnheit das Pulver vor dem Wasser in die Maschine füllen soll? In solchen Aufgaben- sequenzen bahnt eine Teilaufgabe die nächste an. Wäh- rend man das Wasser einfüllt, bereitet sich das Gehirn schon auf das Pulverlöffeln vor. Bei einer Änderung der gewohnten Reihenfolge muss man umschalten, obwohl man immer noch Kaffee kocht. Es kann sogar schon einen Unterschied machen, ob man eine Aufgabe im Sitzen oder im Stehen erledigt. Stehen erfordert mehr Körperkontrolle – und bean- sprucht damit mehr Gehirnkapazität, die dann für die aktuelle Aufgabe fehlt. Wie schnell und sicher man eine Aufgabe bewältigt, ist auch eine Frage der Übung. Tippen auf einer Tas- tatur zum Beispiel ist den meisten Menschen so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ihre Finger wie von allein über die Tasten tanzen. Sobald sie darüber nach- denken, an welcher Stelle auf der Tastatur welcher Buchstabe steht, werden sie langsamer. Beim Umschalten jedoch kann Routine hinderlich sein – vor allem dann, wenn man zu einer ähnlichen, aber nicht genau gleichen Aufgabe wechselt. Legt man einem routinierten Tipper eine englische QWERTY-Tastatur statt einer deutschen QWERTZ-Tastatur unter die Finger, so wird er sich gerade wegen der Ähnlichkeit besonders schwertun mit dem Umschalten. Eine ähnliche Situation entsteht, wenn man Zah- len zuerst auf einem Taschenrechner eintippt und dann auf einem Telefon. Die Geräte ähneln sich, aber die Zahlen sind einmal von oben nach unten angeordnet und einmal von unten nach oben, was Probanden im Labor beim Wechsel zwischen Taschenrechner und Telefon regelmäßig durcheinanderbringt. Das macht das Umschalten besonders knifflig und unvorhersagbar: In manchen Fällen gelingt der »nahe Transfer«, die Ähnlichkeit erleichtert den Wechsel. Ge- übte Autofahrer kommen mit jedem Automodell zu- recht. In anderen Fällen stören ähnliche Aufgaben sich gegenseitig. Dann kann es das Umschalten erleichtern, die Aufgaben möglichst unterschiedlich zu gestalten. Andrea Philipp untersucht zum Beispiel, ob Men- schen sprachliche Aufgaben besser auseinanderhalten können, wenn sie sich dabei in unterschiedlichen Spra- chen äußern sollen. Ihre Probanden haben weniger Schwierigkeiten, zwischen gesprochenem Deutsch und deutscher Gebärdensprache zu wechseln als zwischen Deutsch und Englisch. Philipp erklärt dieses Ergebnis damit, dass Deutsch und Englisch sich vergleichsweise ähnlich sind und diese Ähnlichkeiten beim Umschalten zwischen ihnen stören. Dagegen unterscheiden sich Deutsch und deutsche Gebärdensprache in wesentlichen

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ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS Der Mensch kann umschalten, künstliche Intelligenz nicht.
Der Mensch kann umschalten, künstliche Intelligenz nicht. Plötzlich vor einer neuen Aufgabe, ist sie ratlos
Der Mensch kann umschalten, künstliche Intelligenz
nicht. Plötzlich vor einer neuen Aufgabe, ist sie ratlos

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ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS  Man will ja schließlich mit seinen Freunden anders umgehen

Man will ja schließlich mit seinen Freunden anders umgehen als mit seinen Kollegen

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Aspekten, schon weil Deutsch mit den Stimmbändern gesprochen und mit den Ohren gehört wird, während Gebärdensprache mit den Händen gesprochen und mit den Augen gesehen wird. Ihre Sprecher drücken zeitliche Bezüge nicht mit Verbformen oder Adverbien aus, sondern mit räumlichen Gesten. Die Wörter sind ganz anders im Gehirn repräsentiert, die Sprachen unter- schiedlich mental codiert. Sie kommen einander nicht so leicht in die Quere. Daher lässt sich leichter zwischen ihnen umschalten. Seit Jahrzehnten erforschen Psychologen den Prozess des Umschaltens, aber eine der wichtigsten Fragen konnte die Wissenschaft noch nicht beant- worten: Was macht Umschalten manchmal so anstren- gend – und warum fällt es manchen Menschen leichter als anderen? Zum Beispiel wechseln zweisprachige Menschen mühelos zwischen Deutsch und Englisch hin und her, streuen englische Ausdrücke in deutsche Sätze und umgekehrt, während Menschen mit nur einer Mut- tersprache beim Sprachwechsel ins Stocken kommen. Im Alltag wechseln wir oft so geschmeidig von einer Aufgabe zur anderen, dass wir es gar nicht bemerken – und dann wieder verheddern wir uns dabei. Woran liegt das? Was an einem Aufgabenwechsel ist es eigentlich, das uns Schwierigkeiten macht? »Dazu gibt es zwei Theorien, von denen wohl keine die ganze Wahrheit enthält«, sagt Andrea Philipp. Die eine Theorie behauptet, dass die Wechselkosten durch den Prozess des Wechselns selbst verursacht werden: dadurch, dass eine Repräsentation der neuen Aufgabe im Kopf aufgebaut werden muss – Psychologen sprechen von task set reconfiguration. Die andere Theorie behauptet, dass der Aufwand des Wechselns nicht im Wechseln selbst liegt, sondern darin, dass das Nachbild der alten Aufgabe die Bearbeitung der neuen Aufgabe stört – so wie man sich zwingen muss, von einem Weg abzuweichen, den man zuvor jahrelang gegangen ist. »Vermutlich liegt die Wahrheit in der Mitte zwischen den beiden Theorien«, sagt Philipp. Wer von einer Auf- gabe zur anderen umschaltet, hat doppelt Arbeit: Er muss im Kopf aktivieren, was er für die neue Aufgabe braucht, und er muss unterdrücken, was er nicht mehr braucht. Je geschickter er im Umschalten ist, desto mehr Stress spart er sich, und desto mehr mentale Kapazität hat er frei für die wirklich wichtigen Dinge. Vor all den Aufgaben, die das Leben uns stellt, übersieht man leicht, was für ein mentales Kunststück es ist, zwischen ihnen umzuschalten. Wer schneller schaltet, hat mehr vom Leben. Und schafft es manchmal sogar ins Finale der Champions League.

Tobias Hürter bemüht sich stets, seine Manuskripte pünktlich abzugeben, aber diesmal war er sieben Tage zu spät. Schuld waren unerwartete Wechselkosten für häufiges Umschalten zwischen Krankenbesuchen, 75-Kilometer-Lauf, Familie, Recherchieren, Schreiben und Kurzurlaub.

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SECHS TIPPS FÜR BESSERES UMSCHALTEN

Nimm dir Zeit Umschalten ist ein komplexer mentaler Prozess, bei dem viele verschiedene Gehirnfunktionen zusammenspielen. In Studien hat sich gezeigt, dass Menschen leichter umschalten, wenn sie mehr Zeit dafür haben. Ein kleiner Spaziergang auf dem Weg nach Hause kann helfen, die Arbeit hinter sich zu lassen und am Abend ganz bei der Familie zu sein.

Arbeitspausen nach dem Workflow, nicht nach der Uhr Wer seine Arbeitsunterbrechungen so legt, dass er gerade eine Aufgabe abgeschlossen hat, muss nach der Pause nicht wieder mit der alten Aufgabe starten und spart sich eine oder zwei Runden sogenannte Wechselkosten (siehe nebenstehenden Artikel).

Stell dich bewusst auf den Wechsel ein Auch wenn ein großer Teil des Umschaltens unter der Oberfläche des Bewusstseins läuft: Es ist auch ein »Top-down-Prozess«, der willentlich beeinflusst werden kann. Wenn man sich in einer veränderten Situation bewusst macht, dass nun eine bestimmte kognitive Landkarte wichtig ist, dann beeinflusst der präfrontale Cortex, der die Landkarte ausgewählt hat, auch die Wahrneh- mung der Situation: Man sieht eher, was man wichtig findet. Wer sich also bewusst auf die neue Situation einlässt, hat eine höhere Sensitivität für sie und erleichtert sich den Wechsel.

Wechsle die Umgebung Umschalten ist kontextgetrieben. Signale aus der Umgebung fördern es. Es kann schon helfen, sich für eine neue Arbeitsauf- gabe an einen anderen Schreibtisch zu setzen. Hingegen können Störreize das Umschalten erschweren. Push-Nachrichten und das automatische E-Mail-Pop-up deaktivieren!

Gleich zu gleich Es fällt oft leichter, von einer Aufgabe zu einer ähnlichen um- zuschalten als zu einer andersartigen. Daher kann man sich zum Beispiel Wechselkosten sparen, indem man zuerst alle Mails erledigt und dann alle Telefonate, statt beides zu mischen.

Vermeide den Zeigarnik-Efekt Vor knapp einem Jahrhundert entdeckte die russische Psychologin Bljuma Zeigarnik den Efekt, dass unterbrochene, unerledigte Aufgaben eher im Gedächtnis haften bleiben als erledigte. Das kann das Umschalten auf eine neue Aufgabe erschweren. Es empfiehlt sich daher, eine Aufgabe möglichst zu Ende zu führen, bevor man zu einer anderen wechselt.

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DIE SEELE DER OSTSEE

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Dieser See will seit seiner Geburt ein Meer sein. Aber das ist gar nicht so einfach. Porträt eines sehr besonderen Gewässers

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Text Hella Kemper und Eva-Lena Stange

A n jenem Morgen ging die Sonne nicht auf. Nur ein düsteres, schwefliges Gelb kam aus der Nacht über den Horizont. Und mit ihm ein Sturm, der über die Schären blies und das Wasser vor sich

hertrieb, bis es an den Granitfelsen zer- schellte, mit Geräuschen, die an einen Güterbahnhof denken ließen. An jenem Morgen war die Ostsee nicht der Ententeich, auf dem Freizeitsegler vorm Wind den Spinnaker setzen. Sie war das, was sie immer sein wollte:

ein richtiges Meer. Eine ernst zu nehmende Naturgewalt. Fast viereinhalb Jahre ist jener Morgen her. Wochen- lang hatte der Sturm schon frisches Salzwasser aus der Nordsee in die kleine Schwester gepumpt, sodass diese endlich wieder zu einem gewaltigen Meer anschwoll. Denn eigentlich ist die Ostsee ein Missverständnis, in den schwedischen Schären ebenso wie am Strand der Kurischen Nehrung oder auf den Kreidefelsen von Rügen. Sie ist kein Ozean, an dessen Ufer wir wie Caspar David Friedrichs Mönch ins Jenseits blicken. Mit 377.000 Quadratkilometer Wasserfläche ist die Ostsee in Wirklichkeit ein kleines und flaches, im Durchschnitt nur 50 Meter tiefes Gewässer, etwa so groß wie die Land- fläche Deutschlands – gefüllt mit nur 21.000 Kubikkilo- meter Wasser und fast vollständig von Landmassen ein- geschlossen. Kann ein solches Mare clausum ein richtiges Meer sein? Um ihren Status als Meer hat die Ostsee von Be- ginn ihres Entstehens an gekämpft. Wer diesen Kampf verstehen will, muss in einen Kieler Keller hinabsteigen. Dort liegt ihre DNA. Klaus Schwarzer zieht die Plastik- folie, die sie vor dem Austrocknen schützt, so vorsichtig herunter, als entkleide er eine Geliebte. Im Fehmarnbelt zwischen dem deutschen Puttgarden und dem dänischen Rødby, einem der am stärksten befahrenen Seewege Europas, hat der Geologe sechs Meter Vergangenheit aus dem Grund der Ostsee gebohrt. Der armdicke Bohrkern liegt in einer Art Dachrinne. Wie die Jahresringe eines Baumes erzählen Ton, Sand, Seekreide und Schlick aus einem – zumindest erdgeschichtlich betrachtet – kurzen Leben. Klaus Schwarzer, der an der Universität Kiel seit 35 Jahren die Küstengebiete der Ostsee erforscht, liest in diesen sechs Metern Meeresboden wie in einem Tage- buch: »Wunderbar ästhetisch, allein die Farben, sehr rhythmisch.« Der Fehmarnbelt sei eine Schlüsselstelle für die Ökologie der Ostsee, sagt er. Knapp drei Viertel des salzigen und sauerstoffreichen Wassers, das aus der Nordsee einströmt, fließen durch diese Enge. Entstanden ist die Ostsee am Ende der letzten Eis-

zeit. Als es vor 16.000 Jahren wärmer wurde, begann der bis zu drei Kilometer dicke Eispanzer, der Nordeuropa unter sich begraben hatte, zu schmelzen und mit seinem Wasser Senken zu füllen, aus denen sich immer größere

Seen bildeten, bis sie zum Baltischen Eisstausee zusam- menwuchsen. »Das war die Geburtsstunde«, sagt Schwarzer. Stunde? Wohl eher Jahrhundert. Bis heute wissen Schwarzer und seine Kollegen nicht, wann und wo genau dieser (noch nicht diese) See das Licht der Welt erblickte. Erkennbar sind seine ersten Lebensjahrhun- derte an gleichmäßigen Tonschichten. Die breiteren re- präsentieren die Sommer, die schmalen haben sich wäh- rend der Winterhalbjahre gebildet, wenn Eis das Wasser versiegelte – typisch für einen See, nicht für ein Meer. Klaus Schwarzer nimmt eine Prise Matsch zwischen Zeigefinger und Daumen. »Ganz feiner Ton!« Ent- standen in den Jugendjahren der Ostsee, als das süße Wasser des Baltischen Eisstausees durch eine Senke in Mittelschweden über einen Vorläufer der Nordsee in den Nordatlantik ausfloss, denn der Weltmeeresspiegel lag 20 Meter unter dem des Baltischen Eisstausees. Eine Katastrophe für die ans Süßwasser angepassten Lebe- wesen, die nun im Salzwasser »verdursteten«. Ein Glücksmoment für den See: Denn der Nordatlantik schwappte seinerseits durch die Senke zurück und brachte große Mengen salzhaltigen Wassers. Aus dem See wurde erstmals die See, Yoldiameer genannt, nach einer Salzwasser-Muschel. Salz macht Wasser also zur femininen See, Süßwasser gibt dagegen dem See sein maskulines Geschlecht. Die Salze im Meer stammen aus dem Urozean, über Jahrmillionen wurden sie von den Flüssen aus dem Gestein herausgewaschen und kamen so mit dem Wasser ins Meer – aber nicht in die Ostsee. Als sich dann ohne die Last des Eises das Land im Norden der Ostsee zu heben begann, brach die Ver- bindung zu den Weltmeeren wieder ab, aus dem Yoldia- meer wurde der Ancylus-See, diesmal nach einer Süß- wasserschnecke benannt. Erst als mehr Gletschereis schmolz und den Spiegel der Weltmeere weiter steigen ließ, entstand die heutige Lebensader der Ostsee, das Kattegat und der Fehmarnbelt. Seitdem fließt über diesen Weg das für viele Organismen lebensnotwendige Salzwasser in das Ostseebecken. Führt die Ostsee also ein Leben auf Pump, ist sie bloß ein Möchtegern-Meer, abhängig von der Nordsee, die selbst bloß ein Seiten- meer des Atlantiks ist? Ostsee-Wasser ist ein Mix aus Regen, Fluss- und eben Meereswasser: weder süß noch salzig, sondern bra- ckig, was – abgeleitet vom niederdeutschen »wrak« – untauglich, verdorben, schwach bedeutet und einen Salzgehalt zwischen 0,5 und 30 Promille bezeichnet, eine geringe Menge, die wir aber schmecken können. Über die Wassergüte sagt das übrigens wenig aus, die ist hervorragend – nach EU-Norm hat die Ostsee Bade- wasserqualität. Doch die Ostsee kämpft mit diversen Salzwerten. Vom Boden zur Wasseroberfläche und auch von Westen nach Nordosten hin sinkt der Salzgehalt, Forscher sprechen von Einem Gradienten: Herrschen in der Beltsee mit 30 Promille Salzgehalt in Boden- nähe nahezu Nordsee-Verhältnisse, so ist das Wasser im

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Ist sie das wahre Mittelmeer des Kontinents? Historisch gesehen lag die Ostsee immer schon mittenmang. Oben: Laboe am Ostufer der Kieler Förde

Bottnischen und Finnischen Meerbusen fast süß, ver- dünnt durch Newa, Weichsel, Düna, Memel und Oder, die in die Ostsee münden – und durch Regen. Die meisten Tiere, die unter diesen Bedingungen leben, werden nur halb so groß wie ihre Verwandten im Ozean, weil sie einen großen Teil ihrer Energie dafür aufbringen müssen, den Salzgehalt ihres Körpers im mal süßeren und mal salzigeren Brackwasser konstant zu halten. Evolutionär hatten sie nicht genug Zeit, sich an das un- entschiedene Wesen der Ostsee anzupassen. Warum aber ist das Salz wichtig? Weil vom Salz- gehalt der Sauerstoffgehalt abhängt, und der ist für ein Meer existenziell. Doch ihre Topografie macht es der Ostsee schwer: Von Rügen bis Finnland reihen sich am Grund der Ostsee tiefe Becken aneinander. Getrennt werden sie durch flachere Gebiete: die Schwellen. Kommt das Wasser durch den Öresund, fließt es über die nur sieben Meter unter der Meeresoberfläche liegen- de Drodgenschwelle. Dringt es durch die Beltsee ein, muss es die Darßer Schwelle überwinden. Über beide Wege strömt es dann von Becken zu Becken. Das Pro- blem: Das süßere Wasser strömt ungehindert an der Meeresoberfläche. Das salzige dagegen ist schwerer, sinkt nach unten und muss jedes Becken zunächst wie eine Badewanne füllen, bevor es über die sich anschlie- ßende Schwelle ins nächste schwappen kann. »Bis es im bis zu 248 Meter tiefen Östlichen Gotlandbecken an- kommt«, sagt Andreas Lehmann, »kann ein Jahr ver- gehen.« Der Ozeanograf erforscht am Geomar in Kiel

langjährige Veränderungen der Ostsee. Er beschreibt, wie das salzige Tiefenwasser und das vom Wind ver- wirbelte und damit sauerstoffgesättigte Oberflächen- wasser durch eine stabile Sprungschicht getrennt werden. Diese verhindert, dass sich die beiden Schichten mischen und sauerstoffreiches Wasser in tiefere Zonen der Ostsee gelangen kann, wo der Sauerstoffnachschub aus der Nordsee auf sich warten lässt. Weil dann in diesen Be- reichen Sauerstoff fehlt, haben Fischer den Begriff »tote Zonen« geprägt, Forscher sprechen von Sauerstoffman- gelzonen. Gleich wie man sie nennt, sie sind zunächst ein natürliches Phänomen. Sie entstehen, wenn Lebe- wesen vom Schweinswal bis zum Einzeller in den oberen Wasserschichten sterben, nach unten sinken und zer- setzt werden. Dabei wird Sauerstoff verbraucht. Gleich- zeitig findet in der Tiefe keine Photosynthese statt, so- dass kein Sauerstoff nachproduziert wird. Es überleben Bakterien, die als Lebensgrundlage Schwefel nutzen und giftigen Schwefelwasserstoff produzieren. In diese Tiefe kann frischer Sauerstoff nur mit dem Salzwasser aus der Nordsee gelangen – doch das geschieht selten. Zum letzten Mal vor viereinhalb Jahren. »Die salzige Frischekur war aber schnell verpufft«, sagt Ulrich Bath- mann. Er leitet das Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) und vertritt in der Öffentlichkeit die Interessen der Ostsee so gewinnend wie kein anderer. Aus seinem Büro blickt er direkt auf seine Ziehtochter:

»Schon nach anderthalb Monaten hatte sich die Sauer- stoffzufuhr verbraucht.« Das Dilemma: Nur unter ganz

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Die Küste der Ostsee ist ein erdgeschichtliches Patchwork – sichtbares Archiv ihrer nacheiszeitlichen Entstehung, hier Kap Arkona auf Rügen

bestimmten Wetterbedingungen kann salz- und sauer- stoffreiches Nordseewasser eindringen. Zunächst muss die Ostsee Wasser verlieren. Das geschieht, wenn mindes- tens zehn Tage lang ein starker Ostwind das Oberflächen- wasser in die Nordsee rausdrückt und den Meeresspiegel einen halben Meter tieferlegt. Dann muss der Wind mindestens zehn Tage stark aus Nordwesten wehen, um frisches sauerstoffreiches Salzwasser aus der Nordsee in die Ostsee zu drücken. Zwischen Dezember 2014 und Mai 2015 sind auf diese Weise vier Gigatonnen Salz in die westliche Ostsee gelangt, die größte Menge seit mehr als einem halben Jahrhundert. Das würde reichen, den Chiemsee zu füllen – es muss für die Ostsee ein rauschendes Fest gewesen sein. Die Ostsee hängt also am Tropf der großen Schwester; würde der Nordsee-Zufluss gekappt, wäre das ihr Ende als Meer. So bleibt es für sie schwierig, sich abzugrenzen: Laut der internationalen Helsinki-Kon- vention aus dem Jahr 1974 – so etwas wie ihre Kranken- und Pflegeversicherung – liegt ihre Grenze zur Nordsee bei 57° 44' 43" nördlicher Breite, zwischen Skagerrak und Kattegat. Zöge man eine Linie, würde sie von Ska- gen an der Nordspitze Dänemarks zum schwedischen Marstrand führen. Betrachtet man dagegen ihre Lebens- ader als natürliche Grenze, beginnt die Ostsee erst süd- östlich der Enge zwischen Fehmarn und Rødby. Wer oder was bin ich? Bei dieser Frage nach der Identität hat es die Ostsee nicht leicht. Das fängt schon beim Namen an. Erst spät nach ihrer Geburt gaben ihr

die Niederländer einen. Als eine der führenden See- mächte der Frühen Neuzeit nannten sie sie auf ihren Karten die Oostzee, das im Osten liegende Meer; wie später auch andere Länder, die westlich von ihr liegen:

Deutschland, Dänemark, Schweden. Sie tauften sie Ost- see, Østersøen, Östersjön. Im Estnischen dagegen heißt sie Läänemeri, also Westsee. Im Polnischen, Russischen, Litauischen und Lettischen spricht man vom Baltischen Meer. Ihr Name ist unentschieden, eine Frage des Stand- punktes und der Perspektive. Sie ist den Launen ihrer Anrainer ausgesetzt wie den Winden und Wettern. Auch einen regelmäßigen, den Alltag strukturierenden Rhythmus hat sie nicht – wie etwa die Nordsee die Ge- zeiten. Ihre Küste: ein erdgeschichtliches Patchwork, Sand, Granit, mal steil oder kiesig, mal schlickig-flach. Ihr Sediment: ein Archiv nacheiszeitlicher Entstehungs- wirren. Und schließlich ihre Grenzen: ein historisches Durcheinander. Immer schon mittenmang, vielleicht das wahre Mittelmeer des Kontinents. Im Zentrum: die Wikingersiedlung Haithabu. In der Kehle des Ostseearmes Schlei gelegen, im heutigen Schleswig-Holstein, wuchs sie zu Beginn des 9. Jahr- hunderts zur Großstadt mit fast 2000 Einwohnern. Die geografische Lage machte sie zur internationalen Dreh- scheibe: Sie lag zwischen den Meeren. Die Schiffspassage um die Jütische Halbinsel galt wegen häufiger Stürme als gefährlich, sicherer war es, die Waren von Haithabu über die Schleswiger Landenge zu transportieren – eine frühe Nord-Ostsee-Connection, welche die an der

vidicom, aus dem Film »Die Ostsee von oben«

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Ostsee liegenden Länder einte. Im Kalten Krieg mar- kierte die See dagegen die Bruchlinie zwischen zwei Blöcken und war das Ende der Welt. Doch auf der Flucht wurde sie das Tor zur Freiheit. Etwa 6000 DDR-Bürger versuchten laut Stasi- Unterlagen-Archiv Rostock zwischen 1961 und 1989 eine Flucht über die Ostsee. Nur 900 gelang sie. Einer von ihnen war Peter Döbler: Er schwamm 1971 »rüber« – 48 Kilometer von Kühlungsborn nach Fehmarn. In 25 Stunden. Besonders augenscheinlich war die deutsch- deutsche Wirklichkeit auf dem Priwall, einer Halbinsel an der Trave-Mündung: Bis 1990 war ihr nordwestlicher Teil DDR-Grenze. Während im Sommer die Bundes-

deutschen auf der westlichen Seite badeten, lag der öst- liche Strand menschenleer da. Sperrgebiet. Immer wieder setzten Menschen Hoffnung in die Ostsee, vielleicht weil ihre Oberfläche so still und zahm wirkt. Im Frühjahr 1945, als zwei Millionen Deutsche vor der Roten Armee flüchteten, wurde sie zum Grab. Sowjetische U-Boote versenkten drei Schiffe mit Tau- senden Flüchtlingen, darunter die Gustloff, das einstige Kreuzfahrtschiff der Nazis. Nur wenige Tage vor der Kapitulation pferchten die Deutschen 9000 Gefangene aus dem KZ Neuengamme auf schwimmende Vernich- tungslager. Das Kalkül ging auf: Als die Cap Arcona und die Thielbek in der Lübecker Bucht dümpelten, beschoss die britische Luftwaffe die Schiffe. »Die Toten trieben an alle Ufer der Lübecker Bucht«, heißt es in Uwe Johnsons Jahrestagen, »von Bliestorf bis Pelzerhaken,

von Neustadt bis Timmendorfer Strand, [

Insel Poel [

Bis heute leidet die Ostsee unter dem Trauma beider Weltkriege: Auf ihrem Grund liegen 300.000 Tonnen Munition, Minen, Bomben und 5000 Tonnen chemi- sche Waffen wie Senfgas. Immer wieder verbrennen sich Fischer beim Einholen der Netze oder Touristen, wenn sie am Strand weißen Phosphor aufsammeln und glau- ben, Bernstein gefunden zu haben: Phosphor ist Be- standteil von Brandbomben und entzündet sich an der Luft. »Die Munitionsreste sind ein schleichendes Gift«, sagt Edmund Maser, Toxikologe an der Universität Kiel. Lösen sich die Stoffe im Wasser, sind sie nicht mehr ex- plosiv, aber giftig und krebserregend. Die Kieler Forscher entwickeln zusammen mit einer Hamburger Firma ein ferngesteuertes robotisches System, das die Munition unter Wasser in einem Container entschärfen kann. Etwa 85 Millionen Menschen leben heute im Ein- zugsgebiet der Ostsee. »Viele Anrainer auf kleinem Raum«, sagt IOW-Direktor Ulrich Bathmann. Eine Schicksalsgemeinschaft, denn das Meer lässt die Grenzen verschwimmen. Spült zum Beispiel Regen phosphat- und nitrathaltige Gülle von Feldern über die Oder oder die Weichsel ins Meer, kämpfen weite Teile der Ostsee mit den Nährstoffen. 97 Prozent ihres Wassers sind eutrophiert. Die Nährstoffe düngen auch Algen. Die wachsen dann schneller, und das Sonnenlicht kann

] bis an die

].

Sie ließen sich finden fast jeden Tag.«

nicht mehr so tief unter die Wasseroberfläche dringen. Mehr Algen bedeuten auch mehr Futter für Bakterien, die das organische Material in tieferen Schichten zer- setzen und dabei Sauerstoff verbrauchen. Helfen könnten verschärfte Düngeverordnungen. Doch Ulrich Bath- mann setzt lieber aufs Schwein. Forscher versuchen, eine Rasse zu züchten, die mehr Phosphor aus dem Futter verwertet und dennoch genauso viel Fleisch ansetzt. Auch Pflanzen wie das Büschelschön nehmen besonders effizient Phosphor aus dem Boden auf. Im Wasser filtern Muschelfarmen Nährstoffe heraus. Ein Kollege von Bathmann am IOW in Warnemünde, der Küstenfor- scher Gerald Schernewski, fordert dagegen, an der Quelle anzusetzen: Die EU solle nicht Massentierhalter subventionieren, sondern ökologische Landwirtschaft. Schernewski lehrt an der litauischen Universität Klaipėda und träumt von guter Wasserqualität, die Badestellen

Ein Meer im Zeit- rafermodus: Sein Wasser erwärmt sich schneller als das der großen Ozeane

auch in Küstenstädten ermöglicht. »Wir sollten uns an Skandinavien oder den Niederlanden ein Beispiel neh- men, diese Länder gestalten das Leben am Wasser.« Weil die Ostsee so klein ist, durchlebt sie viele Entwicklungen im Zeitraffermodus. Der Ozeanograf Andreas Lehmann beobachtet, dass die Wassertempera- tur der Ostsee steigt, sogar etwas mehr als die der Weltmeere: »Über die letzten 30 Jahre um circa 0,4 Grad pro Dekade.« Mit dem Klimawandel kommen auch andere Probleme: Ist das Wasser wärmer als 20 Grad, kann es passieren, dass sich ein Verwandter des Cholera- Erregers rasend schnell vermehrt. »Vibrionen können bei Badenden schwere Wundinfektionen auslösen«, er- klärt Schernewski, »das ist eine bisher unterschätzte Ge- fahr für uns Menschen.« Eine solche Entwicklung zeige auch, wie zart die Ostsee sei. Diese Zartheit ist plötzlich wichtig geworden und weist dem besonderen Meer eine neue Aufgabe zu. »Wir sehen heute an der Ostsee, was demnächst auf den Welt- meeren geschieht«, sagt Ulrich Bathmann, »sie ist eine Zeitmaschine. Darum hat sie für uns Forscher eine wichtige Modellfunktion.« Nicht ein dramatischer Seegang also macht die Ostsee zur Königin der Meere. Sie zeigt uns einen im- posanteren Horizont: die Zukunft.

Hella Kemper umwandert etappenweise die Ostsee, die ersten 300 Kilometer hat sie geschat; Eva-Lena Stange lebt an der Ostsee und taucht bis auf ihren Grund – auf der gemeinsamen Recherchereise waren Fischbrötchen ihr liebster Snack.

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Wir ziehen Ihnen die Wo llsocken aus.

Eine fachgerechte Wärmedämmung sorgt dafür, d ass Ihre Wärme dort bleibt, wo Sie sie haben wollen: in einem Zuhause mit Zukunft.

wo Sie sie haben wollen: in einem Zuhause mit Zukunft. Schluss mit der Zu gluft und

Schluss mit der Zu gluft und den dicken Socken in der kalten Jahreszeit. Eine Wärmedämmung schafft wohlige Wärme ohne schlechtes Gewissen. Damit nicht genug:

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»Sie sieht die Dinge eher emotional, ich betrachte sie von der statistischen Warte«

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DAS ZEIT WISSEN - GESPRÄCH

Sie fragen die Deutschen nicht nur danach, was sie denken und fühlen, sie zapfen ihnen sogar Blut ab – das Ehepaar Menno Smid und Doris Hess arbeitet seit 30 Jahren bei infas

Interview Andrea Böhnke und Andreas Lebert

Fotos Hartmut Nägele

»Beim Frühstück kann es schon mal laut werden zwischen uns«

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Doris Hess und Menno Smid, Sie erfor- schen seit 30 Jahren gemeinsam die Deut- schen. Wenn Sie frühstücken, sitzen dann die Deutschen mit am Tisch?

Smid: Sie sitzen insofern mit am Tisch, als dass wir über sie in der Zeitung lesen. Dort heißt es dann, die Deutschen würden dieses und jenes sagen. Und zu fast jedem Artikel gibt es eine Umfrage. Oen bleibt dann aber oft, wer da eigentlich geantwortet hat. Wie viele? Und wie groß ist der Fehlerspiel- raum? Wenn zum Beispiel tausend Leute befragt werden und hundert sagen, sie wür- den die FDP wählen, dann heißt es oft, das seien zehn Prozent. Der Fehlerspielraum liegt aber bei drei bis vier Prozentpunkten! Also würden entweder sechs oder 14 Prozent die FDP wählen. Das macht doch einen Unterschied! Über so etwas können Doris und ich uns aufregen.

Sind Sie einer Meinung?

Smid: Nein, natürlich nicht. Doris sieht die Dinge eher emotional, ich betrachte sie von der statistischen Warte. Mich regt manch- mal weniger auf, dass etwas Falsches in ei- nem Artikel steht. Ich ärgere mich mehr über die Prozesse, die zu solchen Fehlern führen. Da ergänzen Doris und ich uns dann wieder hervorragend! Am Ende knül- len wir die Zeitung zusammen, und dann geht es weiter.

Sie gehen zusammen zur Arbeit. Und was machen Sie da?

Smid: Wir sammeln und analysieren empi- rische Daten über Menschen, Institutionen und Unternehmen in Deutschland und Europa: Wie steht es um die Bildung? Wie sieht der Alltag aus? Welche Einstellungen, Motive und Werte haben sie? Hess: In einer groß angelegten und sehr in- novativen Studie befragen wir beispielsweise Zwillinge inklusive ihrer Eltern, Geschwister

und Partner. Die komplette Familie! Um ihre jeweils eigene Sicht auf die Dinge ein- zufangen, interviewen wir jeden einzeln. Das ist schon eine Kunst, so etwas zu kon- zipieren und organisieren! Es braucht eine gewisse Dramaturgie: Während das eine Kind befragt wird, beantwortet die Mutter ihren Fragebogen. Und dann kommen auch noch die Tests dazu.

Was sind das für Tests?

Hess: Wenn es um Zwillinge geht, ist es naheliegend, dass wir auch Speichelproben nehmen.

Sie nehmen Speichelproben?

Hess: Ja. Die Forschung hat sich hier in den vergangenen 30 Jahren sehr verändert. Die moderne Gesellschaft ist so komplex, dass wir auch komplexe Messmethoden anwen- den müssen. In der ZEIT- Vermächtnis- Studie haben wir Le Nez du Vin eingesetzt, den Duftkasten der Sommeliers. Wir haben den Befragten vier Düfte vorgehalten, und sie sollten einschätzen, wie ihr Leben riecht und wie die Gesellschaft riecht. Sie mussten auch begründen, warum sie diesen oder je- nen Duft gewählt haben. Warum riecht die Zukunft so? Das ist sehr spannend! Wir testen in unseren Interviews auch, wie fest die Teilnehmer mit ihren Händen zupacken können oder wie groß ihr Lungenvolumen ist, wir nehmen Blutproben. In einer Studie zur Umweltbelastung von Kindern haben wir zum Beispiel den Teppich im Haushalt abgesaugt, um die Staubpartikel einzufan- gen. Wir haben gemessen, wie laut es in der Umgebung ist, und den Urin der Kinder untersucht.

Sie fragen nicht nur, Sie messen auch.

Smid: Wir sind regelrechte Messfetischis- ten! Die Befragung ist übrigens auch eine Messung.

Und das machen die Menschen mit?

Hess: Insgesamt wird es leider immer schwieriger, die Leute dazu zu bewegen, dass sie teilnehmen. Wir müssen viel Über- zeugungsarbeit leisten. Wenn sich aber je- mand entschieden hat, ist er voll dabei! Ich bin immer wieder fasziniert, was dann alles machbar ist – auch was Biomarker wie Blut- oder Speichelproben angeht.

Kommt dafür ein Arzt?

Hess: Nein, nicht immer. Es geht auch ohne. Bei den Blutproben handelt es sich um Trockenblut. Ein kleiner Pikser in den Finger des Befragten genügt. Auch bei den Urinproben gibt es einen klaren Ablauf. Wir müssen schließlich gewisse Hygiene- und auch ethische Standards einhalten.

Sie sind 24 Stunden am Tag zusammen. Man könnte also sagen, Sie sind doppelt so lange verheiratet wie andere Menschen!

Hess: Wenn man als Paar gemeinsam ar- beitet, heißt das nicht, dass man den ganzen Tag zusammen ist. Wir sehen uns manch- mal erst abends zu Hause. Wir haben im Institut eine klare Struktur: Menno ist Ge- schäftsführer, ich leite zusammen mit einem Kollegen den Bereich Sozialforschung. Je- der hat seine eigenen Aufgaben und Ver- antwortungen. Das ist mir sehr wichtig. Smid: Andere Paare haben schon mehr Auszeiten voneinander, weil sie morgens unterschiedlich auseinandergehen. Aber sie haben einen Nachteil – sie müssen immer fragen: »Wie war dein Tag, Liebling?« Ich weiß im Großen und Ganzen, wie der Tag von Doris war. Die Sozialforschung ist un- ser gemeinsames Projekt – darüber können wir Tag und Nacht reden. Manchmal neh- men wir uns vor, über etwas anderes zu sprechen, und dann diskutieren wir doch wieder über die Zukunft des Instituts.

Wie sind Sie zur Soziologie gekommen, und wie haben Sie sich kennengelernt?

»Politik und Wissenschaft sind auf Daten angewiesen, um handeln zu können«

Menno Smid

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Smid: Ich bin in Bolivien aufgewachsen und nach Deutschland gegangen, um Inge- nieurwissenschaften zu studieren. Ich wollte danach eigentlich wieder zurückgehen und meinem Land helfen. Aber irgendwie passte das Studium nicht zu mir. Ich habe es abge- brochen und stattdessen Soziologie studiert. Nach dem Studium bin ich dann zu infas gegangen. Ich kam frisch von der Uni, wusste viel über neue Methoden und hatte ein echtes Problem damit, wie infas seine Fragebögen gemacht hat. Das entsprach überhaupt nicht dem, was ich gelernt hatte! Ich wollte alles radikal ändern – und in Doris hatte ich eine Verbündete. Hess: Dabei wäre ich um ein Haar Lehrerin geworden. Ich habe Geschichte, Soziologie und Pädagogik studiert und auch ein Refe- rendariat gemacht. Ich habe das wahnsinnig gern gemacht. Man sagt mir heute noch nach, ich sei furchtbar lehrmeisterhaft, aber damit muss ich leben. Ich habe mich da- mals für die Wissenschaft entschieden und bin auch dabei geblieben. Menno und ich haben uns 1988 im Institut kennengelernt. Ich hatte gerade erst angefangen und sollte direkt ein Projekt für ein Landesministe- rium übernehmen. Ich fand das sehr mutig vom Institut! Meiner Meinung nach war das Projekt aber unzureichend angegangen worden – also habe ich es komplett auf den Kopf gestellt. Menno hat mich hier voll unterstützt!

Ihr Institut muss sich auch auf dem Markt behaupten.

Smid: Das muss es. Wir stehen im Wett- bewerb und müssen uns auf öentliche Ausschreibungen bewerben. Ich bin Ge- schäftsführer, aber kein Betriebswirt. Ich möchte das Unternehmen wertorientiert führen. Zahlen spielen natürlich eine Rolle, aber für mich ist entscheidend, dass wir als

Team gute Arbeit leisten. Wir erbringen eine wissenschaftliche Dienstleistung, und das ist unter kapitalistischen Bedingungen nicht immer ganz einfach.

Weil es da zu Konflikten kommt?

Smid: Ja, klar. Es kommt schon vor, dass wir eine Ausschreibung wirklich spannend finden und uns sehr gerne auf sie bewerben würden. Aber mit dem Budget, das der Auf- traggeber zur Verfügung stellt, ist die Studie einfach nicht seriös durchführbar. Was nicht heißt, dass andere es nicht trotzdem machen würden. Es gibt auch in der Sozial- forschung Licht und Schatten!

Haben Sie das Gefühl, dass die Sozialwis- senschaften weniger angesehen sind als andere Forschungszweige?

Hess: Nein, eigentlich nicht. Obwohl die Kollegen in den Instituten und Universitäten tatsächlich lange dafür kämpfen mussten, dass es auch für groß angelegte Studien in den Sozialwissenschaften entsprechende Budgets gibt. Die sind heute aber immer noch niedriger als zum Beispiel in den Naturwissenschaften. Smid: Vor genau hundert Jahren wurde der erste Lehrstuhl für Soziologie gegründet. Die Sozialwissenschaften haben seitdem einen komplizierten Weg hinter sich, aber sie haben sich ihre Position erobert. Immer wenn sich die Gesellschaft verändert, braucht man die Sozialwissenschaften. Wie will man die Veränderungen sonst messen? Was war zum Beispiel, als die Flüchtlinge nach Deutschland kamen? Monate später hatten wir einen Auftrag, weil kaum einer wusste, was da eigentlich passiert war, was Integration ist, wie man sie fördern kann.

Das Tema »Flüchtlinge und Zahlen, Daten, Fakten« ist ein besonders brisantes.

Smid: Hier treen Ideologie und Evidenz aufeinander, also das, was manche Men-

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schen glauben zu wissen, und das, was tat- sächlich belegt ist. Der Widerstreit zwischen den beiden ist das Lebenselixier jeder Ge- sellschaft. Und wenn die Evidenz siegt, ist das ein großer Gewinn! Warum fällt es vielen Menschen so schwer, mit Statistik und Wahrscheinlichkeiten umzugehen? Weil sie aus dem Bauch heraus entscheiden!

Kann man nicht auch manches aus dem Bauch heraus entscheiden?

Smid: Im Alltag schon, wenn es zum Bei- spiel darum geht, welchen Joghurt ich esse oder welches Sofa mir gefällt. In der Politik sollte das aber anders sein. Wer hier rational entscheiden will, braucht Daten. Sonst wäre es eine ideologische Politik. Man kann die Welt nicht aus dem Bauch heraus re- gieren, das funktioniert einfach nicht!

Und was ist mit Teorien?

Smid: Eine Teorie ist nur gut, wenn sie sich empirisch belegen lässt. Es reicht nicht aus, etwas zu vermuten.

Spielt Evidenz auch in Ihrer Beziehung eine Rolle?

Smid: Ja, unbedingt! Wir streiten über Evi- denzen; auch darüber, was richtig und was falsch ist, wie viel etwas kostet oder was es überhaupt soll. Manchmal werden wir richtig laut und diskutieren. Eine typische Frage ist: »Kannst du das bitte noch mal be- gründen?« Wir verbringen auch mit unse- ren Kolleginnen und Kollegen viel Zeit da- mit, zu reden und zu streiten – aber ohne uns zu bekriegen. Manchmal geht es zu wie in einem englischen Debattierclub.

Sie pflegen also eine Streitkultur?

Hess: Nicht nur privat, wir haben sie auch im Institut eingeführt. Als ich mich damals vorgestellt habe, habe ich sage und schreibe sechs Stunden mit meinem späteren Chef und drei anderen Herren über neue Wege in der Forschung diskutiert. Sechs Stunden!

»In einer Studie zur Umweltbelastung von Kindern haben wir den Teppich im Haushalt abgesaugt, um Partikel einzufangen, und wir haben den Urin der Kinder untersucht«

Doris Hess

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DIE HITS DER DEUTSCHEN

Trinken Sie gern Kafee, fahren einen Golf und lieben Katzen? Dann sind Sie nicht ganz allein

Golf und lieben Katzen? Dann sind Sie nicht ganz allein Helmut Schmidt war der beliebteste Kanzler

Helmut Schmidt war der beliebteste Kanzler der Deutschen

Helmut Schmidt war der beliebteste Kanzler der Deutschen Currywurst ist seit 1991 das belieb- teste Kantinenessen

Currywurst ist seit 1991 das belieb- teste Kantinenessen der Deutschen

ist seit 1991 das belieb- teste Kantinenessen der Deutschen Bayern München ist, gemessen an der Zahl

Bayern München ist, gemessen an der Zahl der Mitglieder und Fan- clubs, der beliebteste Fußballverein

Mitglieder und Fan- clubs, der beliebteste Fußballverein Ka f ee trinkt jeder Deutsche im Schnitt 164

Kafee trinkt jeder Deutsche im Schnitt 164 Liter pro Jahr (2018) – mehr als Mineralwasser oder Bier

Liter pro Jahr (2018) – mehr als Mineralwasser oder Bier »Der Schuh des Manitu« ist, gemes-

»Der Schuh des Manitu« ist, gemes- sen an der Zuschauerzahl, der erfolg- reichste deutsche Film aller Zeiten

der erfolg- reichste deutsche Film aller Zeiten Braten, Rouladen, Steak: Laut Bun- des-Ernährungsreport

Braten, Rouladen, Steak: Laut Bun- des-Ernährungsreport steht Fleisch bei den Deutschen an erster Stelle

steht Fleisch bei den Deutschen an erster Stelle München gilt als die deutsche Stadt, in der

München gilt als die deutsche Stadt, in der es sich am besten leben lässt

die deutsche Stadt, in der es sich am besten leben lässt Der Golf ist seit 1975

Der Golf ist seit 1975 (mit einer Unterbrechung) der Pkw mit den meisten Neuzulassungen pro Jahr

der Pkw mit den meisten Neuzulassungen pro Jahr Katzen sind in deutschen Haushalten häufiger anzutre f

Katzen sind in deutschen Haushalten häufiger anzutrefen als Hunde

Sepp Spiegl/Ullstein; Karol Kozlowski/ddp; Getty Images; Fulvio Zanettini//laif; ddp; Getty Images; Look; Shutterstock; Plainpicture

Fotos

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Haben Sie schon erlebt, dass sich die Evi- denz nicht durchsetzt?

Hess: Es kommt durchaus mal vor, dass unsere Expertise dem einen oder anderen nicht gefällt. Wir machen viele Evaluatio- nen, bewerten also zum Beispiel, ob ein ge- plantes Gesetz etwas bringt oder nicht. Ist es gut oder schlecht? Für das Bundesminis- terium für Arbeit und Soziales (BMAS) haben wir im Vorfeld der Hartz-Gesetzge- bung bewertet, welchen Eekt es hat, wenn die Sozial- und die Arbeitslosenhilfe zusammengelegt werden. Wie gelingt es, Arbeitslose aus zwei verschiedenen Sozial- versicherungssystemen wieder in die Er- werbstätigkeit zu integrieren? Das BMAS war hier vorbildlich. Aber inwieweit der Gesetzgeber die Ergebnisse dann umsetzt oder nicht, können wir nicht beeinflussen.

Was war das Besondere an der Hartz- Evaluation?

Smid: Zum einen war es die größte Eva- luation, die jemals in Deutschland durch- geführt wurde. Zum anderen verläuft die Gesetzgebung normalerweise wie eine Ope- ration am oenen Herzen: Man schaut, ob es funktioniert, und wenn nicht, beschließt man, etwas anders zu machen, eine Novel- lierung. Das BMAS dagegen hat mit der Evaluation prüfen lassen, ob die verschiede- nen Maßnahmen wirken – auch nachdem sie eingeführt wurden. Das war in diesem Umfang einmalig.

Sie sind harte Empiriker, und Sie befragen die Menschen. Trauen Sie dem, was die Leute Ihnen erzählen?

Smid: Es gibt Verfahren und Methoden, die zum Beispiel verhindern, dass wir sozial erwünschte Antworten erhalten, die Befrag- ten uns also so antworten, wie sie meinen, antworten zu müssen. Das hängt natürlich stark davon ab, wie man eine Frage stellt. Das ist eine Wissenschaft für sich.

Wie stellt man denn Fragen?

Smid: Die Interviewer müssen die Fragen zum Beispiel immer gleich stellen, und zwar jedes Mal! Nur dann können wir sicher sein, dass unterschiedliche Antworten eine Bedeutung haben. Aus messtheoretischer Sicht wäre es ideal, wenn keine Menschen interviewen, sondern Roboter. Sie würden die Fragen auf jeden Fall immer exakt gleich stellen. Aber noch ist das unrealistisch.

Roboter, die Menschen nach ihren Werten und Einstellungen fragen – ist das die Zu- kunft der Sozialforschung?

Smid: Erst mal nicht. Aber wir werden künftig weniger befragen und mehr indi- rekt messen. Vor Kurzem haben wir eine Studie für das Bundesverkehrsministerium abgeschlossen, in der es um die Frage ging, welche Wege die Deutschen jeden Tag zu- rücklegen. Wie viel Strecke machen sie? Gehen sie zu Fuß, nehmen sie das Auto oder die Bahn, fahren sie Rad? Wir haben über 300.000 Menschen befragt. Ein Rie- senaufwand! Den könnten wir künftig re- duzieren, wenn wir mit Sensoren in Smart- phones messen, wie sich die Teilnehmer bewegen. Das wäre aber nur eine Ergän- zung der Befragungen.

Wo sehen Sie noch Chancen für technische Innovationen?

Smid: Warum sich nicht vorstellen, dass Sprachassistenten wie Alexa künftig die Telefongespräche einleiten? Ich bin mir auch sicher, dass wir nicht mehr lange an Computern sitzen und Gesprochenes ab- tippen oder eigene Gedanken aufschreiben. Es ist doch unsinnig, dass wir jedes Wort, das wir im Kopf haben, in Fingerbewegun- gen umsetzen müssen, um es dann auf dem Bildschirm zu sehen. Wenn mir etwas ein- fällt, sage ich es Alexa, der digitalen Assis- tentin, und sie stellt es auf die To-do-Liste in meinem Smartphone und Rechner. Hess: Darin unterscheiden wir uns grund- sätzlich! Ich spreche nicht mit Alexa. Und bei aller Technikeuphorie: Selbst wenn wir die Wege der Deutschen per Smartphone messen, wissen wir immer noch nicht, wa- rum sie etwas tun, wie sie sich dabei fühlen oder was sie sich wünschen.

Wie finden Sie heraus, was die Deutschen fühlen, denken und auch was sie wissen?

Hess: 2009 ist zum Beispiel das Nationale Bildungspanel des Leibniz-Instituts für Bil- dungsverläufe gestartet. Kurz gesagt sollen wir herausfinden, wie Bildung den Lebens- verlauf beeinflusst. Wir haben sechs unter- schiedliche Gruppen, die wir im Laufe der Jahre immer wieder befragen. Immer die- selben Personen! Das läuft inzwischen seit zehn Jahren. Als wir angefangen haben, waren die Jüngsten sechs Monate alt, also Babys. Damit wir nicht 30 Jahre warten müssen, bis unsere Babys erwachsen sind, haben wir auch eine Erwachsenenstichpro- be. Wir befragen jedes Jahr mehrere 10.000 Menschen und testen zum Beispiel auch, wie gut sie lesen oder ob sie mit dem Computer umgehen können.

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Wie machen Sie das bei Babys?

Hess: Wir beobachten, wie die Babys rea- gieren, wenn sie mit ihrer Mutter spielen. Es gibt ganz unterschiedliche Testverfahren, mit denen man Kompetenzen messen kann.

Was erhoen Sie sich von der Studie?

Smid: Es ist bekannt, dass Menschen aus bestimmten Schichten nicht studieren. Aber es gibt nur Teorien, woran das liegt. Wir sammeln empirische Daten darüber, wie die Herkunft die Bildung beeinflusst, welche Kinder höhere Bildungschancen be- sitzen und warum.

Was kann Deutschland in Sachen Bildung noch besser machen?

Smid: Wir wissen, dass lebenslanges Lernen notwendig ist. Aber wie kann man das ei- gentlich organisieren, und wie kann man es fördern? Diese Fragen sind für unsere Ge- sellschaft überlebenswichtig! Unsere Le- benswelt hat sich radikal verändert, zum Beispiel die Arbeit: Früher ging man nach der Schule in den Betrieb, trat in die Ge- werkschaft ein und wurde dann Rentner. Arbeit, Beruf, Lernen – das war institutio- nalisiert. Heute muss man flexibel sein, wechselt vielleicht öfter mal den Job, es gibt keine klaren Zeithorizonte mehr. Wie lässt sich unter diesen Bedingungen lebenslanges Lernen organisieren?

Haben Sie eine Idee?

Hess: Das Bildungssystem in Deutschland müsste weniger formalisiert sein. Vor allem an den Gymnasien herrscht nach wie vor das humanistische, fachorientierte Denken. Es geht hauptsächlich darum, Wissen zu vermitteln. Zertifikate zählen mehr als Qualifikationen. Sie entscheiden darüber, ob man einen bestimmten Job bekommt oder nicht. Die Schüler erfahren nicht, welchen Herausforderungen sie sich nach der Schule stellen müssen. Wie lernen sie selbst? Wie organisieren sie sich? Dabei sind das doch eigentlich wichtige Fragen! Und wenn sie sich organisieren und in der Schul- zeit demonstrieren, wie zum Beispiel bei »Fridays for Future«, wird nur die Frage aufgeworfen, ob das überhaupt zulässig ist.

Gibt es noch andere Bereiche, in denen die Deutschen Nachholbedarf haben? Wenn Sie ihnen eine Coaching-Woche verordnen könnten, was wäre das Tema?

Smid: Globalisierung. Auf der einen Seite sind wir extrem globalisiert: Viele Unter- nehmen haben Zweigstellen in New York oder Tokio. Ihre Mitarbeiter gehen gerne

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ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS  Menno Smid und Doris Hess erfor- schen am infas Institut

Menno Smid und Doris Hess erfor- schen am infas Institut für ange- wandte Sozialwissenschaft seit 30 Jahren gemeinsam die Deut- schen. Das Institut wurde 1959 von Wolfgang Hartenstein, Klaus Liepelt und Günter Schubert gegründet, damals noch unter dem Namen ifas. Dieses Jahr feiert es sein 60-jähriges Bestehen. Der Haupt- sitz ist in Bonn. Infas sammelt empirische Daten über die Gesell- schaft und erstellt Gutachten für Ministerien und wissenschaftliche Einrichtungen, darunter die Max- Planck-Institute und verschiedene Universitäten. Die rund 140 Wis- senschaftler erforschen den gesell- schaftlichen Wandel: Was bewegt die Menschen? Was wünschen sie sich? Wovor haben sie Angst?

die Menschen? Was wünschen sie sich? Wovor haben sie Angst? DIE VERMÄCHTNIS-STUDIE Wenn Sie an Ihr

DIE VERMÄCHTNIS-STUDIE Wenn Sie an Ihr Leben denken:

Was würden Sie kommenden Generationen gern weitergeben? Was empfehlen Sie der künftigen Gesellschaft? Wovon raten Sie ab? Diese Fragestellungen liegen der repräsentativen Studie von ZEIT, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft zugrunde. Die Studie untersucht gesell- schaftliche Entwicklungen in allen Lebensbereichen. Sie wurde 2015 zum ersten Mal durchge- führt. Für die neue Runde wurden 2070 Bürger interviewt.

dorthin und lernen andere Kulturen kennen. Sie entwickeln ein kosmopolitisches Be- wusstsein, und das brauchen wir auch! Auf der anderen Seite werden die Unternehmen aber ihrer Sozialisationsfunktion nicht ge- recht. Sie sind sich nicht bewusst, was es bedeutet, dass Menschen aus aller Welt zu ihnen kommen.

Was ist Ihre Prognose für die Zukunft?

Hess: Mir machen die nachwachsenden Generationen Honung. Die Generation unserer Tochter ist oen, tolerant und welt- weit vernetzt. Für sie macht es keinen Un- terschied, ob sie mit ihrem Laptop in Deutschland, Frankreich oder Usbekistan sitzt. Diese kosmopolitisch orientierte Ge- neration wird künftig hoentlich auch kos- mopolitische Lösungen für die Probleme unserer Gesellschaft finden.

Haben Sie auch Befürchtungen, was unsere Zukunft betrit?

Hess: Angesichts der rechtsradikalen Bewe- gung kann man natürlich befürchten, dass das Modell der Demokratie angekratzt wird oder dass es sich verändert. Aber latent gibt es diese Bewegung schon immer. Neu ist, dass sie in den Bundestag eingezogen ist. In der Vermächtnis-Studie haben wir festge- stellt, dass die Angst der Deutschen vor Fremdenfeindlichkeit viel, viel größer ist als vor Überfremdung. Das ist honungsvoll. Smid: Was einem Angst machen kann, ist die Programm- und Ideenlosigkeit mancher Politiker. Ich sehe die Gefahr, dass sich die Mittelschicht nicht mehr repräsentiert fühlt. Das kann dazu führen, dass sich die Menschen radikalisieren. Es droht ein Rückfall in Ideologie und Klassendenken.

Infas war früher stärker in die Politik ein- gebunden, Sie haben auch Wahlbericht- erstattung gemacht.

Hess: Oh ja! Wenn Wahlen waren, war denen im Institut ausnahmslos alles gewid- met. Jeder bei infas musste Wahlberichter- stattung machen. Ich war das erste Mal 1989 dabei. Smid: Es gibt ein wunderbares Bild von Doris, wie sie mit einem zusammengeroll- ten Heft in der Hand vor einem Raum mit Mitarbeitern steht und doziert. Es war eine ihrer Aufgaben, die Leute zu schulen. Da kam die Lehrerin wieder zum Vorschein! Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die letzte Volkskammerwahl der DDR, 1990, die war einfach genial.

Was war so genial?

Smid: Auch wenn es nicht weit entfernt war: Wir kamen vom Westen gefühlt ins Niemandsland. Wir sind mit unseren Com- putern unter dem Arm in den Palast der Republik gefahren worden, und es gab dort nichts: keine ausreichenden Stroman- schlüsse, kein Telefon. Unser Chef hatte einen Vorgänger vom Handy, ein Funktele- fon, in einer Art Rucksack auf dem Rücken. Und wir bekamen ein Magnetband, auf dem das gesamte Einwohnerregister der DDR gespeichert war. Jede Adresse! Damit konnten wir wunderbar Stichproben ziehen. Hess: Um die Hochrechnung machen zu können, die 18-Uhr-Prognose, mussten wir aber auch Daten haben. Diese mussten die Wahlberichterstatter aus den einzelnen Stimmbezirken hereintelefonieren. Es gab im Palast der Republik aber keine Infra- struktur! Wir mussten wochenlang alles vorbereiten. Mein Job war es, von morgens bis abends die Datengrundlage dafür zu schaen und zu prüfen, ob die Daten plau- sibel sind. Und das, obwohl ich vorher noch nie eine landesweite Wahl mitgemacht hatte! Das war sehr kompliziert, trotzdem hat es funktioniert.

Wenn Sie die Chance bekämen, noch ein- mal von vorn zu beginnen: Welche Nation – ausgenommen Deutschland – würden Sie erforschen?

Smid: Ich würde aufgrund meiner Ge- schichte natürlich das Dreiländereck Ecua- dor, Bolivien und Peru wählen. Das sind die einzigen Länder in Lateinamerika, in denen die indigene Bevölkerung überlebt hat und die Mehrheit stellt. Mich würde interessieren, ob es unter ihr so etwas wie eine Mittelschicht gibt und wie sich diese entwickeln wird. Das ist hochspannend! Ich bin fast jedes Jahr in Lateinamerika und schaue, ob es dort ein Institut gibt oder ich ein eigenes gründen kann. Doris kann sich das allerdings weniger vorstellen. Hess: Ich könnte mir Lateinamerika auch vorstellen, aber mich interessiert der arabi- sche Raum mehr, vor allem das Verhältnis zwischen Männern und Frauen: Wie sind die Rollen verteilt? Wie sind die Familien- strukturen? Wie ist der Alltag organisiert? Über diese Dinge wissen wir so wenig!

Im Vergleich dazu sind die Deutschen wahrscheinlich eher langweilig.

Smid: Ich finde die Deutschen alles andere als langweilig. Meine Familie hat die dunkle Seite des Deutschtums mitbekommen.

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KOMM, WIR MACHEN

News" VK.COM/WSNWS  KOMM, WIR MACHEN DAS JETZT SELBER! Überall der Streit um den Feinstaub und

DAS JETZT SELBER!

Überall der Streit um den Feinstaub und die Luftverschmutzung. Messwerte, Grenzwerte, Blutwerte. Kann man sich da einmischen? Unser Autor baut einen Feinstaubsensor und hängt ihn vors Fenster

Text Max Rauner

Fotos Jan Burwick

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A m Abend des 6. April er-

reichte die Feinstaubbelas-

tung vor dem Amtsgericht

Stuttgart mit ziemlicher Si-

cherheit einen Rekordwert.

Dort steht neben der sechs- spurigen Straße Am Neckartor ein kleiner Container mit Geräten, die die Luftver- schmutzung messen. Die Kiste war schon oft in den Nachrichten, weil ihre Messwerte als Grundlage für Fahrverbote dienen. An jenem Samstag im April jedoch kam die dreckige Luft nicht von den Autos. Im Messcontainer selbst kokelte ein Schwel- brand. Wie viel Feinstaub dabei in die Um- welt gelangte, lässt sich nicht sagen, denn um 20 Uhr sendete die Station ihr letztes Lebenszeichen. Danach war sie kaputt. Die Polizei geht von politisch moti- vierter Brandstiftung aus. Ein paar Stunden zuvor hatten sich die Gegner der Diesel- Fahrverbote gleich um die Ecke zu ihrer Samstagsdemo versammelt. War es vielleicht jemand von denen? Sicher ist, dass viele Mit- glieder der Facebook-Gruppe »Kein Diesel- Fahrverbot in Stuttgart« auf die Nachricht vom Schwelbrand begeistert reagierten. 700 Likes, Herzchen, Smileys. »Brave Buben. Die haben Mut«, kommentierte Facebook- User Hans Westermaier. Messgeräte anzünden, weil man Fahr-

verbote ablehnt – das ist ungefähr so, als würde man Wetterstationen zerstören, weil es zu oft regnet. Elf Tage nach dem Brand- anschlag lieferte die Baden-Württembergi- sche Landesanstalt für Umwelt, die das Luft- messnetz betreibt, eine neue, 250.000 Euro teure Station. Die Messungen werden fort- gesetzt. Die Proteste auch. Die Messstationen für Luftverschmut- zung sind im Streit um Fahrverbote zwi- schen die Fronten geraten. Halb Deutsch- land interessiert sich plötzlich für die Vermessung der Luft. Lange Zeit drehte sich die Debatte um Stickstoffdioxid (NO), nun rückt der Feinstaub in den Fokus. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) emp- fiehlt strengere Grenzwerte als die EU. In Deutschland werden die WHO-Empfeh- lungen für Partikel unter 10 Mikrometer (PM10) an vier von fünf Messstationen überschritten, die Grenzwerte für Partikel unter 2,5 Mikrometer (PM2,5), die bis in die Lungenbläschen vordringen können, an fast allen Stationen. Besorgte Bürger beob- achten die Live-Daten wie Allergiker die

Pollenflugvorhersage. Fahrverbotsgegner und manche Verkehrspolitiker dagegen zweifeln die Messmethoden an. Umweltwis- senschaftler und Meteorologinnen, die sonst im Stillen ihrer Schadstoffbuchhaltung nachgehen, geraten in die Schusslinie. In München ließ Oberbürgermeister Dieter Reiter 20 städtische Messgeräte auf- stellen, obwohl für die gesetzlich verbindli- chen Messungen das Land Bayern zuständig ist. Die Geräte der Stadt maßen prompt niedrigere Werte als die fünf Münchner Stationen des Bayerischen Landesamts für Umwelt. Man habe »jetzt endlich belastbare Fakten«, jubelte Reiter. Ein Hauch von »al- ternativen Fakten« lag in der Luft. In Hamburg installiert der Natur- schutzbund (Nabu) ein Bürger-Messnetz auf privaten Balkonen entlang der Elbe, um die Luftverschmutzung durch Schiffe zu doku- mentieren. Die Sensoren stammen vom Start-up Breeze. Doch wer einen Umwelt- skandal erwartet hatte, wurde enttäuscht. Die Werte für Feinstaub und NOseien »sehr gut« oder »gut«, steht an vielen Tagen auf der Übersichtskarte von Breeze, was dem Nabu zu missfallen scheint. Er kündigt eine alternative Bewertungsskala an. In Stuttgart haben Bastler das Citizen- Science-Projekt »Luftdaten.info« gegründet und einen Feinstaubsensor zum Nachbauen entwickelt (siehe rechte Spalte). Wenn es nach den Bastlern geht, werden Messgeräte für Luftverschmutzung bald so allgegen- wärtig sein wie Außenthermometer. Und dann ist da noch der Meteorologe Jörg Kachelmann, der die Debatte von der Schweiz aus verfolgt. Seine These: 15 Mil- lionen Kamine und Holzheizungen in Deutschland verpesteten die Luft im Winter- halbjahr vielerorts stärker als der Verkehr. Kachelmann stänkert auf Twitter gegen »skrupellose Holzofenbesitzer« und #Rei- chenfeinstaub. Der Smog verlagere sich von den Hauptverkehrsachsen in die bürgerli- chen Viertel. »Kamine sind ja auch schön gemütlich«, sagt Kachelmann, »aber eine Riesensauerei mit furchtbaren Folgen.« Die Lage ist also etwas unübersichtlich. Warum ist das offizielle Messnetz so grob- maschig? Was taugen die Selbstbau-Senso- ren? Und sind die Kamine wirklich das größere Problem? Zwischen Flensburg und Garmisch- Partenkirchen betreiben die Landesbehör- den rund 650 Messstationen für Luftver-

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So bauen Sie einen Feinstaub- sensor und vernetzen ihn mit 5000 anderen in Deutschland

Nur Mut! Diese Bauanleitung ist dem Citizen- Science-Projekt Luftdaten.info ent- lehnt. Sie brauchen 55 Euro und etwa drei Stunden Zeit. Programmierkennt- nisse sind nicht erforderlich, Sie sollten aber wissen, wie man ein Computer- programm und (Windows- und Linux- Nutzer) einen Treiber installiert. Die folgenden Links finden Sie auch unter

zeit-wissen.de/0419quellen

Links finden Sie auch unter zeit-wissen.de/0419quellen Die Bauteile kaufen Am bequemsten bestellt man den Bausatz

Die Bauteile kaufen Am bequemsten bestellt man den Bausatz beim Elektronikhändler (bit. ly/fs-sensor). Inhalt: der Feinstaubsen- sor SDS011 (im Foto unten links), der Mikrocontroller NodeMCU ESP8266 (oben links; lassen Sie sich vom Na- men nicht einschüchtern), der Tempe- ratur- und Feuchtesensor DHT22 (das blaue Teil), USB-Kabel und -Netzteil, 20 cm Schlauch, mehrere Steckkabel.

USB-Kabel und -Netzteil, 20 cm Schlauch, mehrere Steckkabel. Die Software überspielen Dies ist je nach Computer

Die Software überspielen Dies ist je nach Computer der schwie- rigste Part. Der Mikrocontroller braucht eine Art Betriebssystem. Das ist die Datei latest_de.bin, bitte downloaden von bit.ly/fs-firmware. Dann das Pro- gramm NodeMCU-PyFlasher von der

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schmutzung. Die vielleicht berühmteste Anlage steht an der Max-Brauer-Allee in Hamburg. Dies ist die erste Straße Deutsch- lands, die (auf 580 Metern) für Dieselautos mit schlechten Abgaswerten gesperrt wurde. Im Container an der Allee stehen Messgerä- te dicht gedrängt. Durch Rohre wird die Außenluft angesaugt. Es zischt und grum- melt, als würden hier die Hinterlassenschaf- ten des fossilen Zeitalters verdaut. Die NO-Kurven an der Max-Brauer- Allee sehen werktags aus wie Kamelhöcker:

Morgens und nachmittags steigt die Kon- zentration durch den Berufsverkehr auf das Drei- bis Vierfache im Vergleich zur Nacht. Auch die Feinstaubkonzentration hängt vom Verkehr ab, schwankt aber zusätzlich an allen elf Messstationen der Stadt im Zeitraum von Tagen, abhängig von der Wetterlage. Schiffe, Industrie, Landwirtschaft und Kamine verursachen Feinstaub, außerdem trockener Boden und Wind. Als im April ein Sandsturm von Branden- burg gen Westen fegte, kam der Staub bis an die Elbe. »So hohe PM10- Werte habe ich hier noch nie gesehen«, sagt Hendrik Hollstein von der Um- weltbehörde. Er ist zuständig für die Interpretation der Hamburger Daten. Warum hat eine Zwei-Millio- nen-Stadt wie Hamburg nur ein

Dutzend Messstationen? »Wir haben sogar mehr als gesetzlich vorgeschrie-

ben«, sagt Hollstein. Es komme nicht darauf an, dass man an jeder zweiten Straßen- ecke die Luft analysiere. Sondern: dass die Messstationen an repräsentativen Orten stehen. Einerseits in typischen Wohngebie- ten, andererseits an typischen Hauptver- kehrsstraßen mit höchster Schadstoffbelas- tung, so wie an der Max-Brauer-Allee und Am Neckartor. Der Abstand zu Kreuzungen, Bäumen, Häusern und Balkonen, die Höhe der Ansaugrohre, der Winkel zur Haupt- windrichtung – all das ist penibel geregelt. Um die Ausbreitung der Schadstoffe über das Stadtgebiet abzuschätzen, nutzen die Behörden Computersimulationen. »An großen Straßenkreuzungen halten sich die Leute nur kurze Zeit auf«, sagt hin- gegen Jörg Kachelmann. »Die Messstationen gehören in die Wohngebiete.« Gegenargu- ment der Behörden: Erstens stehen in den Wohngebieten schon welche; zweitens wur- den die europaweit gültigen Grenzwerte für

NOund Feinstaub genau für diese Art von Messnetz ausgehandelt. Wer die Stationen anders aufstellte, müsste auch die Grenz- werte neu verhandeln. Es gibt noch einen anderen Weg: die Demokratisierung des Messens. Statt über Standorte zu streiten, könnte man doch ein- fach viel mehr Sensoren verteilen. Das ist die Idee von Luftdaten.info. Inzwischen haben knapp 5000 Hobbybastler in Deutschland den Billigsensor nachgebaut und vor ihre Wohnungen und Häuser gehängt. Alle fünf Minuten funken sie automatisch die Fein- staubdaten ins Netz, die sich dann über eine App abfragen lassen. Das Projekt solle »die

Auch kontrolliert niemand, wo das Volk seine Sensoren aufhängt. Relative Verände- rungen der Feinstaubkonzentration werden von den Sensoren allerdings gut erfasst. Soll man Deutschlands Luft lieber mit 5000 schlechten statt mit 650 guten Senso- ren messen? Im Umweltbundesamt laufen die Daten aller amtlichen Stationen zusam- men (bit.ly/UBA-luftnetz). Dort leitet Ute Dauert das Fachgebiet zur Beurteilung der Luftqualität. Jedes Jahr Ende Mai meldet sie die Werte an die EU-Kommission. Sie sagt:

»Wir verteufeln die Selbstbau-Netze nicht. Aber man muss wissen, was sie können und was nicht.« Das können sie: anzeigen, wie sich die Feinstaubkonzentration vor der eigenen Haustür im Laufe eines Tages oder einer Woche verändert; und wie der Feinstaub zunimmt, wenn jemand in der Nähe eine Ziga- rette raucht oder Würstchen grillt oder Gartenabfälle verbrennt. Außer- dem gibt die Deutschlandkarte von Luftdaten.info einen guten qualitati- ven Überblick, wo die Feinstaub- werte gerade besonders hoch sind. Und das können sie nicht: zuverlässige absolute Zahlenwerte ermitteln, die sich mit den Grenzwerten vergleichen lassen. Auf den Alarm eines Billig- sensors ist kein Verlass. Und die Kamine? Tatsächlich verur-

sacht der Straßenverkehr Jahr für Jahr weniger Feinstaub, während die

Emissionen der Kamine und Holz- heizungen seit 20 Jahren weitgehend sta- gnieren. Im Jahr 2017 hat die Holzverbren- nung in Häusern laut Umweltbundesamt fast so viel Feinstaub unter 2,5 Mikrome- tern ausgestoßen wie Autos, Lastwagen und Busse zusammen, nämlich knapp 20 Pro- zent (Industrieanlagen verursachen fast 40 Prozent der PM2,5-Emissionen, Land- wirtschaft und andere Quellen den Rest). Diese Kamin-Abgase lassen sich mit einem ganz besonderen Sensor aufspüren. Er kostet nichts und ist seit Generationen darauf geeicht, den Feinstaub aus Holzfeu- ern zu erschnüffeln. Es ist die menschliche Nase. Funktioniert sogar ohne Strom.

menschliche Nase. Funktioniert sogar ohne Strom.   — Der fertige Feinstaubsensor. Fliegengitter halten die

Der fertige Feinstaubsensor. Fliegengitter halten die Insekten fern. Fehlt nur noch das Seil zum Aufhängen

user experience verbessern«, sagt Jan Lutz, der das Bürger-Messnetz von Stuttgart aus mit angeschoben hat. Bevor man zum Beispiel joggen gehe, könne man einfach die aktuellen Feinstaubwerte abfragen. Die Bastler setzen auf Masse, die Be- hörden auf Qualität. Umweltwissenschaft- ler der Universität Breslau haben billige Feinstaubsensoren vier unterschiedlicher Hersteller ein halbes Jahr lang mit einem kalibrierten Hightech-Gerät verglichen (die Studie bezieht sich auf Partikel mit einem Durchmesser unter 2,5 Mikrometern). Auch der von Luftdaten.info verwendete Sensor SDS011 war dabei. Ergebnis: Die Billigsen- soren überschätzen die absoluten Werte mit- unter drastisch. Die angezeigten Höchst- werte waren um das Drei- bis Fünffache zu hoch. Außerdem haben sie Probleme bei relativen Luftfeuchtigkeiten von mehr als 80 Prozent, sie halten Nebel für Feinstaub.

Max Rauner dankt dem ZEIT-Kollegen Harro Albrecht für Fachsimpeleien über Sensortechnik. Wie das Start-up Breeze die Feinstaubüber- wachung revolutionieren will, hören Sie im ZEIT WISSEN-Podcast unter zeit.de/zw-podcast.

Infografiken Carsten Rael

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Webseite bit.ly/fs-flasher herunterladen (unter »Assets«) und auf dem eigenen Computer installieren und starten. Den Microcontroller per USB-Kabel an den Computer anschließen und die Datei latest_de.bin mithilfe des NodeMCU-PyFlashers überspielen. (Einige Betriebssysteme brauchen ei- nen Treiber. Informationen dazu unter luftdaten.info/feinstaubsensor-bauen.)

dazu unter luftdaten.info/feinstaubsensor-bauen.) Die Elektronik zusammenstöpseln Nun werden die beiden

Die Elektronik zusammenstöpseln Nun werden die beiden Sensoren für Feinstaub und Temperatur/Luftfeuch- tigkeit mit dem Mikrocontroller ver- bunden. Dafür verwenden Sie die sieben Steckkabel und halten sich an den oben abgebildeten Schaltplan.

und halten sich an den oben abgebildeten Schaltplan. Von den dünnen Beinchen des Tempe- ratursensors rutschen

Von den dünnen Beinchen des Tempe- ratursensors rutschen die Kabel leicht ab. Wer löten kann, lötet sie fest.

Die Bauteile aneinanderbinden Eine kurze Entspannungsübung, bevor der Sensor ans WLAN angeschlossen wird. Stecken Sie einen Kabelbinder

ans WLAN angeschlossen wird. Stecken Sie einen Kabelbinder (vom Baumarkt) durch jeweils ein Loch im Feinstaubsensor

(vom Baumarkt) durch jeweils ein Loch im Feinstaubsensor und im Mikrocon- troller, so wie auf dem Foto zu sehen (der Kabelbinder in Weiß). Festziehen, fertig. Das sieht nicht schön aus, erfüllt

aber den Zweck, dass die Bauteile später nicht unkontrolliert im Gehäuse herumschlackern und womöglich einen Kurzschluss verursachen.

und womöglich einen Kurzschluss verursachen. Den Temperatursensor fixieren Nun stecken Sie den

Den Temperatursensor fixieren Nun stecken Sie den Plastikschlauch auf den Ansaugstutzen und fixieren den Temperatursensor (blau) mit einem zweiten Kabelbinder am Schlauch. Im Prinzip können die Daten dieses Sensors dazu dienen, Mess- werte zu korrigieren (siehe Haupttext). Das wird aber noch nicht gemacht.

Das Gehäuse bauen Gegen Regen schützen zwei recht- winklige Abwasserrohre aus dem Bau- markt (Marley Silent HT-Bogen DN 75, 87°). Da passt der Sensor ziemlich genau hinein. Der Schlauch sollte kurz

der Sensor ziemlich genau hinein. Der Schlauch sollte kurz  vor der einen Ö f nung

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vor der einen Öfnung enden. Das USB-Kabel herausfädeln und ans Netzteil stecken. Öfnungen mit einem Fliegennetz abdecken.

Ans WLAN anschließen Das USB-Netzteil in die Steckdose stecken. Nun erscheint in den WLAN- Einstellungen des Computers ein Gerät mit dem Namen »Feinstaubsensor- « und einer Nummer. Die Nummer no- tieren und dann vorübergehend den Computer mit dem Feinstaubsensor- WLAN verbinden. Daraufhin öfnet sich ein Browser-Fenster, in das man Namen und Passwort des Heim- WLANs einträgt. Falls das nicht funktioniert, versuchen Sie, mit dem Smartphone eine Verbindung zum Feinstaub-WLAN herzustellen und den Sensor auf diese Weise zu konfi- gurieren, wie auf Luftdaten.info be- schrieben. Registrieren Sie den Sensor unter meine.luftdaten.info. Geschaft!

Sie den Sensor unter meine.luftdaten.info. Gescha f t! Die Daten interpretieren Dies sind die Feinstaubwerte vor
Sie den Sensor unter meine.luftdaten.info. Gescha f t! Die Daten interpretieren Dies sind die Feinstaubwerte vor

Die Daten interpretieren Dies sind die Feinstaubwerte vor dem Fenster des ZEIT WISSEN-Chefredak- teurs, gemessen im Innenhof der ZEIT, 4. Stock. Oben: Der 5-Minuten-Takt zeigt kurzfristige Schwankungen der letzten 24 Stunden. Auch die Bau- arbeiten im Hof und die Abluft der Restaurants tragen dazu bei. Unten:

das »gleitende 24-Stunden-Mittel« der letzten Tage. Für einen Vergleich mit den Grenzwerten ist nur dies relevant.

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Sie sehen was, was du nicht siehst

Expertinnen und Experten blicken hinter die Fassade. Was wir lernen können von Baugutachtern, Sterneköchinnen, Psychoanalytikern, Fotografinnen und Reinigungskräften

Text Max Rauner und Katrin Zeug

Illustrationen Noma Bar

E in gutes Restaurant, sagt Dalad Kambhu, erkenne man an den Messern der Köchin. Die Klingen müssen scharf und gepflegt sein. Sie sollten keine

Kerben haben, die von grobem Umgang oder billigem Material zeugen. Wer das Kochen liebt, liebt seine Messer. An einem Sonntag im April steht Dalad Kambhu in der winzigen Küche ihres Berliner Restaurants und redet über Messer und Speisekarten und Google-Bewertungen und gute Zutaten. Es soll um die Frage gehen, woran sie als Expertin ein gutes Restaurant erkennt – und was man als Nicht-Expertin davon lernen kann. Denn Experten sehen was, das du nicht siehst. Dank ihrer Erfahrung, Ausbildung, Leidenschaft oder allem zusammen blicken sie hinter die Fassaden und unter die Ober- flächen der Welt. Sie lassen sich nicht blen- den. Im besten Fall erspähen sie dort eine tiefere Wahrheit. Es gibt Experten für alles, für Wahlumfragen, Beziehungen, Nerven- krankheiten, Wetterprognosen, Waschma- schinen, Teppiche, Abenteuerurlaube und eben auch für gutes Essen. Und wenn man Glück hat, kann man an dem stillen Wissen

der Fachleute teilhaben und für den eigenen Alltag davon profitieren. Zum Beispiel bei der Frage, welches Restaurant etwas taugt.

Die Sterneköchin

Die 32-jährige Dalad Kambhu betreibt das Tai-Restaurant Kin Dee in Berlin und wurde Anfang dieses Jahres mit einem Mi- chelin-Stern ausgezeichnet. Sie selbst be- nutzt sieben Messer: ein ganz kleines, dessen schmale Klinge man mit einer Zange ver- biegen kann, um Samen und Kerne aus Obst und Gemüse zu pulen; ein weiteres kleines, wie man es in Tailand für Gemüse- schnitzereien verwendet; und fünf größere zum Ausbeinen, zum Filetieren von Fisch und Fleisch, zum Zerkleinern von Gemüse und Obst. Dalad Kambhu schärft sie selbst, alle zwei Wochen mit einem Schleifstein und einem Keramikstab. »Ich mache sie nicht mehr ganz so scharf wie früher«, sagt sie, »seit ich mir mal einen Teil des Fingers abgeschnitten habe.« Ihr linker Zeigefinger ist neben dem Fingernagel nun ein wenig abgeflacht. Halb so schlimm, denn Kambhu arbeitet nicht mehr als Model, sondern als Chefköchin.

Inspiriert von ihrer Tante, die als Autodi- daktin ein Restaurant in Paris leitet, hat sich Dalad Kambhu das Kochen in den Restau- rantküchen New Yorks selbst beigebracht, vielleicht muss man sagen: erkämpft, denn viele Restaurantbetreiber ließen diese schöne Frau lieber am Empfang arbeiten als in der Küche. Vorbei. Heute ist sie eine von elf Sterneköchinnen in Deutschland. Nur, wer geht schon in die Küche eines Restaurants und sagt zum Chefkoch: Könnte ich mal bitte die Messer sehen? Zum Glück gibt es noch andere Kriterien. Besser durchblicken mit der Sterneköchin Dalad Kambhu, das heißt, auf das Interieur zu achten: Kambhu zeigt auf ihrem Handy den Instagram-Auftritt eines Berliner Szene- Restaurants. Samtige Fauteuils, viel Glitzer und Deko, fancy Instagram-Posts, wow! Vom gegrillten Oktopus war sie nicht be- geistert. Man müsse sich fragen, sagt Kambhu, wofür Restaurants ihr Geld aus- geben. Wenn die Einrichtung zu pompös ist, fehlt das Geld womöglich beim Kauf der Zutaten, oder die Speisen sind überteuert, so wie in diesem Fall der Oktopus. Auf Zutaten achten: Regionale und sai- sonale Zutaten sind besser als Importware,

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ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS Wo Laien an der Oberfläche kratzen, erblicken Fachleute

Wo Laien an der Oberfläche kratzen, erblicken Fachleute eine zweite Ebene der Realität. Wie lässt sich ihr Wissen anzapfen?

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ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS Lass dich nicht täuschen! Die Kippbilder, die diese Serie

Lass dich nicht täuschen! Die Kippbilder, die diese Serie illustrieren, sind das Markenzeichen des Künstlers Nomar Bar

Noma Bar / Dutch Uncle

Illustrationen

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das hat sich herumgesprochen. Woran er- kennt man sie? Daran, dass das Menü häufig wechselt. Bohnen zur Bohnenzeit, Him- beeren nicht im Januar. Und Gemüse, das auch im Schrebergarten wachsen würde. Dalad Kambhu richtet Salate mit Kohlrabi anstelle von importierter Papaya an, und wenn sie keinen Pak Choi aus Deutschland bekommt, nimmt sie Fenchel. Auf Transparenz achten. Steht in der Speisekarte, von welchem Hof das Restau- rant sein Fleisch bezieht? Ein Pluspunkt. Die Speisekarte: 270 Gerichte, untergliedert in Chinesisch, Thai, Vietnamesisch? Lieber nicht. »Wie wollen Restaurants bei dieser Vielfalt Qualität schaffen, wenn sie nicht zehn Köche haben?«, sagt Dalad Kambhu. Weniger ist mehr. Im Kin Dee, wo neben ihr drei weitere Köchinnen arbeiten, stehen nur drei Hauptgänge zur Wahl. Und das kann man getrost ignorieren:

Bewertungen auf Google, Yelp, TripAdvisor und anderen. Nach Kambhus Erfahrung sagen die wenig aus. Ein paar Straßen vom Kin Dee entfernt hat das Café Einstein seinen Stammsitz. An der Eingangstür prangen 17 Aufkleber von diversen Genuss-Guides. Am Kin Dee klebt ein einziger Sticker: »Beliefert von Markthalle Neun«. Aber woran soll man sich orientieren, wenn man neu in einer Stadt ist oder im Urlaub? »Frag Freunde, deren Geschmack du vertraust«, sagt Kambhu. Schade, dass man sich ihren Freundeskreis nicht ausleihen kann. Natürlich können auch Expertinnen mal irren. In ihrem Restaurant hat Dalad Kambhu einmal einen italienischen Koch beschäftigt, der hatte gute Messer, aber er hat sie als Chefin nicht akzeptiert. Sie hat ihm gekündigt.

Die Fotografin

Martina Sandkühler sagt, wenn jemand ihr Studio betritt, um porträtiert zu werden, dann laufen in ihrem Kopf zwei verschiede- ne Programme ab: Im einen grüßt sie freundlich, fragt nach dem Job, den Vor- stellungen und den Wünschen für die Fotos. In dem anderen Programm scannt sie den Menschen vor sich. Wenn man ganz genau hinschaue, sagt sie, erkenne man einiges vom Charakter. Lacht die Person oenher- zig, oder schmunzelt sie eher vorsichtig? Welche Ausstrahlung hat sie? Welche Form haben die Augen, die Lippen, hat der Hals?

Sind die beiden Gesichtshälften gleich? Ste- hen Haare ab? All das hat Einfluss auf die Wirkung. Ebenso wie die Haltung, die Po- sition der Schultern, wie eine Person sitzt, wie sie atmet. Martina Sandkühlers Blick will nicht entlarven, er ist einer, der nach dem Schönen sucht. Schön sei, sagt sie, was authentisch ist. Das, was zum Vorschein kommt, wenn sich jemand wohlfühlt. Sandkühlers foto- grafischer Blick ist jahrzehntelang geschult

DIE SERIE

BESSER

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Was wir von Experten für den Alltag lernen können

1. TEIL: JURISTIN, KOMMISSAR, DOMINA, ZAUBERER, MATHEMATIKER (nachbestellbar unter zeit.de/zw-archiv)

2. TEIL: FOTOGRAFIN, STERNEKÖCHIN, BAUGUTACHTER, PSYCHOANALYTIKER, REINIGUNGSKRAFT (in dieser Ausgabe)

3. TEIL: HACKERIN, WARENTESTER, FRISEURIN, PERSONALCHEF, ÄRZTE (erscheint am 20. August)

darin, Details wahrzunehmen und zu er- kennen, welche davon etwas über den Men- schen verraten. Mit der Zeit wurde dieser Blick fokussierter. Der Blick der Experten ist kein über- sinnlicher. Auch sie können immer nur das sehen, was da ist. Aber es scheint, als sei immer mehr da, wenn ein Experte oder eine Expertin daraufblickt. Als entfalte sich die Welt, ein Thema, ein Moment umso mehr, je mehr Ahnung jemand hat. Leidenschaften, Erfahrungen und Wissen lassen uns in man- chen Ausschnitten der Wirklichkeit Dinge sehen und erkennen, die anderen verhüllt bleiben. In anderen Fällen wiederum staunen wir, was andere sehen und erkennen können, wo sich uns selbst nichts offenbart. Martina Sandkühler kennt den Men- schen nicht, der vor ihr steht, nicht seine

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Geschichten, Sorgen, Hoffnungen. Ihr Blick ist eine wohlwollende Momentaufnahme. Manchmal komme es vor, sagt sie, dass sie Fotos mache, auf denen sich die Person nicht wiedererkennt oder mag. Weil sie eine andere Vorstellung von sich hatte. Vielleicht die, wie sie sich morgens im Spiegel ange- schaut hat, oder die von einer besonderen Fotografie aus ihrer Erinnerung. Meist ist es die Vorstellung eines jüngeren Ichs. Ah!, sagen die Leute dann, wenn sie sich auf den Fotos sehen, so sehe ich also aus! Und fragen sich, ob sie nicht nur anders aussehen, als sie denken, sondern auch anders sind. Manchmal nimmt sich Martina Sand- kühler ihre Kamera und streift durch die Straßen ihres Viertels oder die Natur. Sie achtet auf Formen, Symmetrien, Schatten und Licht, auf besondere Szenen. »Foto- grafieren ist dann ein sehr einsamer Vor- gang«, sagt sie. »Mit der Kamera nehme ich viele Nuancen wahr, aber ich fotografiere sie, ohne Einfluss zu nehmen. Ich bin eins mit mir und dem, was ich sehe. Mein Blick steht im Vordergrund. Ich bin, ich gehe, ich schaue, ich drücke ab. Meine Aufmerksam- keit ist dann erhöht und sehr fokussiert. Das genieße ich sehr.« Besser durchblicken! Von Martina Sand- kühler können wir lernen, wie man auf Fotos gut aussieht. Erstens: in die Linse schauen, als würde man das Auge der Fotografin su- chen. Zweitens: um sich zu entspannen, mit der Körperhaltung spielen. Mal das Gewicht vom einen auf den anderen Fuß verlagern, mal die Schulter nach vorn drehen. Drittens:

an etwas denken, was man mag, zum Bei- spiel die eigenen Kinder, Schokoladeneis, das Meer. Viertens: Wer auf einer Veranstal- tung oder Feier ist, wo Fotografen um ein Lächeln bitten, nicht lange zieren. Aufhören zu essen und dann ungezügelte Freude. So geht es am schnellsten vorbei.

Die Reinigungskraft

Besser durchblicken wirkt manchmal, als blicke jemand unter eine Oberfläche. Für Paul Frömming aber fängt alles mit der Oberfläche an und endet dort auch wieder. Er arbeitet seit 14 Jahren als Reinigungs- kraft in Hotelzimmern, Büros, Schulen, Kitas. Die Oberfläche ist sein Geschäft. Angeraute Kunststoflächen, glatter Kunst- sto, Glas, Fliesen, Holz, Laminat oder PVC-Boden – jedes Material braucht eine

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andere Behandlung. Marmor und Natur- stein mag Frömming besonders, weil es eine Kunst ist, sie von Flecken zu befreien. Oberflächen tragen Spuren von Ver- gangenem. Wenn Paul Frömming ein Hotel- zimmer betritt, dann bekommt er eine Ah- nung von dem, was dort geschah. Flaschen und Sektgläser oder deren klebrige Ränder auf Tischplatten erzählen oft von einem Date, auch zerwühlte Bettlaken oder zu- rückgelassene Rechnungen. Frömming sagt, nach Pärchen gebe es am meisten zu putzen. Wenn Kissen, Decken und Handtücher da- gegen noch dort liegen, wo sie hingehören, hat wahrscheinlich eine Person auf Ge- schäftsreise übernachtet, routiniert darin, im Hotel zu schlafen, und zu beschäftigt, ein Chaos anzurichten und über die Stränge zu schlagen. Wenn Frauen allein reisen, sehe vor allem das Bad nach einem großen Auf- tritt aus. Allein reisende Männer scheinen das Bad kaum zu benutzen. Inzwischen putzt Frömming nicht mehr selbst, sondern prüft als Objektleiter für Tiger Facility Services die Arbeit anderer. Sein Blick ist geschärft für Staubmäuse, Kalkränder, Spinnweben, Haare. Typische Verräter unsauberer Arbeit: dreckige Fuß- leisten und Lampenschirme. Um die 15 Minuten Zeit hat eine Reinigungskraft für ein 25 Quadratmeter großes Hotelzimmer, inklusive Bad, Betten, Müll und Fußleisten. Im Privatleben zügele er seinen Spür- blick, sagt Paul Frömming. Zum Beispiel wenn er bei Freunden zum Essen eingeladen sei. Er weiß: Jeder Mensch hat ein indivi- duelles Sauberkeitsbedürfnis. Seine eigene Wohnung putzt er aber täglich. Besser durchblicken! Hier sind die Tricks vom Profi. Erstens: nicht zu viel Putzmittel benutzen und nicht zu viele verschiedene. Ein saures und dadurch Kalk lösendes Mittel taugt für fast alles und spart Flaschenberge mit WC-Enten, Sprühknöpfen und Scheuer- pulvern. Zweitens: das Vier-Farben-System nutzen. Rote Lappen immer und ausschließ- lich für die Toilette, gelbe für alles andere im Bad, grüne für die Küche und blaue für Oberflächen wie Fensterbänke, Fernseher oder Schreibtische. Drittens: immer von oben nach unten putzen, also den Boden zuletzt. Viertens: Wenn es mal schnell gehen muss, weil Besuch vor der Tür steht, alles, was rumliegt, in die Schränke schmeißen, denn wenn es ordentlich ist, werden die Blicke nicht so sehr zum Prüfen gereizt.

Der Psychoanalytiker

»Die Oberfläche ist Teil der Wahrheit, wenn nicht sogar alles, was wir haben«, sagt Michael Buchholz. Der Psychoanalytiker redet nicht von Dingen, er redet von Men- schen. Aber so wie Paul Frömming kann auch er nur das erkennen, was die Oberflä- che preisgibt. »Die Psychotherapie wird oft so dargestellt, als ginge es darum, jemandem die Maske wegzureißen, damit die wahre Persönlichkeit zum Vorschein kommt«, sagt er. Als könnten Psychotherapeuten hinter eine Fassade blicken und sehen, was einen Menschen bewegt, womöglich noch besser als der Mensch selbst. Ein Trugschluss, glaubt Buchholz: »Wir sind die Oberfläche. Dahinter gibt es Zurückgehaltenes, das

Worte sind nicht alles. Der Psychoanalytiker weiß, wie man einer alten Bekanntschaft wahrhaftig begegnet

aber Sagbares werden kann.« Die Metapher von der Fassade führe in die Irre. Was wäre denn ein Gebäude ohne Fassade? Könnte man die entfernen, ohne dass das Gebäude schwer beschädigt würde? Was würde man sehen? Jedenfalls nicht das wahre Gebäude, sondern nur ein Gerippe. »Richtiger ist, zu sehen, wie langsam Kommunikation ist im Vergleich zum Den- ken. Wir haben weit mehr Gedanken im Kopf, als wir je sagen können. Gesagtes ist nicht nur Fassade«, so Buchholz. Worte sind Mittel, um sich zu verständigen, aber sie sind nicht alles. Tonfall, Blicke, Gesten, der Atem – der Körper kommuniziert mit, als expressive Einheit der Person. Wir wissen es, aber wir ignorieren meist, dass wir es wissen. Therapie kann dazu beitragen, wieder darauf zu achten. Der Therapeut hat dafür keine anderen Instrumente als andere. Er hat nur geschulte, etwas sensiblere Antennen. Buch- holz erzählt von einem alten japanischen Brauch. Wenn sich zwei Freunde lange nicht gesehen hatten, knieten sie sich beim ersten Treffen schweigend einander gegenüber auf den Boden und schauten einander an, teils zwei Stunden lang. Dann erst redeten sie miteinander. Das ist etwas anderes als die

Idee, sich rasch »auszutauschen« – über letzte Urlaube oder die Ergebnisse des gest- rigen Meetings. Die Oberfläche zu lesen bedeutet einerseits, auf Details zu achten; andererseits, sich selbst bereit zu machen zum Sehen, zum Wahr-Nehmen. Die schnelle Rede über Emotionen mündet zu oft in Formelhaftigkeit und »Emo-Talk«, die alleinige Aufmerksamkeit auf »tiefe Motive« unterstellt oft zu viel oder Falsches. Besser durchblicken! Von Michael Buch- holz können wir lernen, wie man einander wahrhaftig begegnet. Ab und zu auf anderes zu achten statt nur auf Worte. Und dann:

Eine gut geführte Analyse sagt nicht, warum jemand wie ist, sondern macht auf Wider- sprüche aufmerksam; deren Klärung führt dann in ganz unbekannte Tiefen, die aber auf der Oberfläche des Gesprächs erscheinen. Dazu brauche es gutes Zuhören, sagt er, und: »Je mehr vorgefertigte Meinungen man hat, desto weniger hört man.«

Der Baugutachter

An einem Mittwoch im Februar stehen drei Männer in einem Dorf bei Salzgitter vor der Tür eines nagelneuen Einfamilienhauses. Endabnahme. Da ist der Bauherr, der zu- sammen mit seiner Frau 249.000 Euro für das Haus bezahlt hat. Da ist der Bauleiter, er hat die Handwerker koordiniert. Und dann ist da noch Heiko Püttcher vom TÜV Nord, beauftragt vom Bauherrn. Sein Job ist es, hinter die Fassade zu schauen. Seit 18 Jahren arbeitet Püttcher als Baugutachter und begleitet das Häuserbau- en vom Fundament bis zur Schlüsselüber- gabe. Er dokumentiert Mängel und sagt manchmal als Zeuge vor Gericht aus, wenn es zum Streit kommt. Rund zehn Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts wer- den fürs Bauen ausgegeben. Besser durch- blicken kann also ganz schön viel wert sein. Püttcher hat Schlosser gelernt, Ingenieur- wissenschaften studiert und als Architekt gearbeitet. Er fragt: »Wo fangen wir an?« »Wie beim Duschen«, schlägt der Bau- leiter vor, »von oben nach unten.« Sie gehen die Treppe hoch und versammeln sich im Kinderzimmer. Heiko Püttcher muss jetzt die Fehler finden. Er weiß sehr viel über Bauvorschriften und Industrienormen, aber vor allem weiß er etwas über Menschen. »Handwerker sind oft muskelbepackt, aber auch wie Kinder«,

Anbieter: Zeitverlag Gerd Bucerius GmbH & Co. KG, Buceriusstraße, Hamburg

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hatte er auf der Hinfahrt gesagt. »Sie spüren sehr genau, wenn sie nicht respektiert wer- den.« Und das passiert oft. Deshalb spricht er nun im Kinderzimmer erst mal ein Lob aus. Das Bordprofil an der Fensterbank, das sei »ordentlich gemacht«. Small Talk über Dreifachverglasung. Dann öffnet er das Fenster und steckt seinen Schlüssel in einen Spalt unter der Rollladenführung. »Da fehlt das Dichtband, da kommt Feuchtigkeit rein«, sagt er freundlich und rät zur Abdich- tung mit Silikon. »Manchmal sind’s ganz kleine Sachen«, sagt Püttcher in die Runde. Er wirkt in diesem Moment eher wie ein Therapeut als wie ein Mann vom TÜV. Manchmal rufen Bauherrinnen ihn an und weinen, weil die Fliesen nicht eben sind oder eine Wand feucht bleibt. Er rate so gut wie nie, vor Gericht zu ziehen, sagt Püttcher später, sondern dazu, miteinander zu reden. »Wir Menschen leben von Erfahrungen. Aber mit dem Bauen haben die wenigsten Erfahrung.« Sie glauben, ein Haus müsse so glatt sein wie ihr Smartphone.

Nach drei Stunden endet der Rundgang vor der Haustür. Ein Stück Bitumen unter der Schwelle muss noch repariert werden, ein Auangbehälter im Technikraum fehlt, au- ßerdem die Dichtung an den Rollläden, aber sonst ist Püttcher zufrieden. »Sie haben ein ordentliches Haus«, sagt er zum Bau- herrn, »und schöne Farben.« Wie findet Heiko Püttcher einen Feh- ler? »Man hat ein Gefühl für Dinge«, sagt er auf der Rückfahrt, »das zieht mich magisch an. Das kribbelt so.« Es ist das stille Wissen der Experten. Wie findet man gute Hand- werker? »Mundpropaganda«, sagt Püttcher. »Fragen Sie Ihre Bekannten.« Besser durchblicken! Sei nicht zu geizig, das kann man von dem Baugutachter lernen. Nimm nicht das billigste Angebot. Zwei- tens: Gerade die vermeintlich einfachen Dinge gehen oft schief. Drittens: Auch die Liebe spielt mit rein. Eine stabile Beziehung ist ein gutes Fundament fürs Hausbauen. Ein Haus jedoch, das die Beziehung stabili- sieren soll, ist keine gute Idee. Viertens: Zeig

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Respekt gegenüber den Handwerkern. Bau- en ist ein Knochenjob. Fünftens: Hausbauen ist wie die EU. Man sucht nach Kompro- missen. Sechstens: Baugutachter kosten Geld, senken aber die Nervenbelastung. Heiko Püttcher hat sich angewöhnt, während der Baustellenbegehung ab und zu innezuhalten und für ein paar Sekunden ins Leere zu starren. Manche Bauleiter werden dann unruhig und geben im nächsten Au- genblick versteckte Mängel zu Protokoll. Es ist ein Phänomen, das auch Psychologen, Kriminalbeamte und andere Experten in dieser Serie zu Protokoll gaben: Schweigen bringt oft andere zum Reden und Verbor- genes zum Vorschein. Um besser durchzu- blicken, genügt manchmal eben schon der Blick ins Nichts.

Max Rauner und Katrin Zeug sind als kleines

Reiseteam unterwegs durch die Landschaft des Expertenwissens. Vorschläge für besondere Sehens- würdigkeiten nehmen sie noch entgegen unter redaktion@zeit-wissen.de.

ZEIT LEO Festival-Zelt

1.– 4. August
1.– 4.
August

Was? Ein Zelt voller Ideen und Abenteuer: Das ZEIT LEO Festival-Zelt bei »A Summer’s Tale« lädt Kinder ein, kreativ zu sein und herumzutoben. Mit einem bunten Programm und vielen Highlights sorgt das Festival-Zelt für unvergessliche Sommer-Abenteuer.

Wo? Bei »A Summer’s Tale« in Luhmühlen. Hier trefen sich alle Generationen und genießen ein vielseitiges Programm mit Konzerten, Lesungen, Filmen, Theater, Workshops und Outdoor-Angeboten. In diesem Jahr sind für die Großen unter anderem Zaz, Maximo Park, 11 Freunde Live und Kate Nash dabei. Für die Kleinen gibt es Konzerte von Bummelkasten und D!e Gäng – und das ZEIT LEO Festival-Zelt!

Wann? Das ZEIT LEO Festival-Zelt hat vom 1. bis 4. August bei »A Summer’s Tale« für die kleinen Festivalgäste den ganzen Tag geöfnet. Tickets für das Festival gibt es unter www.asummerstale.de

Weitere Informationen unter:

für das Festival gibt es unter www.asummerstale.de Weitere Informationen unter: www.zeitleo.de In Kooperation mit:

www.zeitleo.de

In Kooperation mit:

für das Festival gibt es unter www.asummerstale.de Weitere Informationen unter: www.zeitleo.de In Kooperation mit:
für das Festival gibt es unter www.asummerstale.de Weitere Informationen unter: www.zeitleo.de In Kooperation mit:

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DIE GROSSEN DENKSCHULEN

Friedrich Nietzsche Friedrich Nietzsches Idee des Übermenschen wird bis heute von Rechtsextremen missbraucht – aber
Friedrich Nietzsche
Friedrich Nietzsches Idee
des Übermenschen wird bis
heute von Rechtsextremen
missbraucht – aber sie kann auch
helfen, eine Antwort auf den
Rechtspopulismus zu finden

Text Tobias Hürter

Collage Julia Ossko, Eugen Schulz

W er im Sommer 1881 am Ufer des Silvaplanersees im Engadin flanierte, traf dort vielleicht einen einsamen Spaziergänger

mit irrem Blick und ei- nem mächtigen Schnurrbart, der schlechte Zähne verdeckte: Friedrich Nietzsche, ent- pflichteter Professor der Universität Basel und jetzt »Fugitivus errans«, wie er sich selbst nannte, umherirrender Flüchtling. Auf der Suche nach einem erträglichen Klima reiste er kreuz und quer durch Eu-

ropa. Nördlich der Alpen ist es ihm im Winter zu kalt, in Venedig zu feucht. In Genua stört ihn die »unstäte Bewölkung«.

In Nizza raubt ihm die Frühlingshitze »den Muth und die Kraft des Willens«. Postkarten von seinen Reisen künden von unaufhörli- chen Kopfschmerzen und Brechanfällen. Immer wieder zieht es ihn ins Engadin. Hier entwickelte er sein berüchtigtes Konzept des Übermenschen. Hier kam ihm sein »schwerster Gedanke«, wie er ihn später nannte, der Gedanke der ewigen Wieder- kunft: Die Menschheitsgeschichte wieder- holt sich immer von Neuem. Die Ideen des Übermenschen und der ewigen Wieder- kunft werden die Grundpfeiler seines Werks Also sprach Zarathustra, das 1883 erscheint. Zu Lebzeiten war Nietzsche ein Nie- mand. Seine Bücher verkauften sich misera-

bel, seine Kollegen ignorierten ihn. Heute ist er ein Star. Politiker berufen sich auf ihn, Hollywood-Autoren zitieren ihn. Nichts davon hätte er wohl gern gesehen, aber er wäre kaum überrascht gewesen. Seine wuch- tige Sprache lockt jeden, der Eindruck ma- chen will. Wer sich aber gründlicher auf seine Gedanken einlässt, dem kann er helfen, unsere Zeit des Populismus und des mora- lischen Individualismus besser zu verstehen. Nietzsche interessierte sich für die Lüge, für das Hässliche, für den Neid. Er war der erste Philosoph, der sich dem »Tod Gottes« stellte: dem Verlust eines einzigen religiösen Glaubens, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Er wusste, dass dieser Verlust

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für viele Menschen die Welt zusammen- brechen lassen würde, ihr Verständnis von Sinn und Moral. Wie sollen wir leben, wenn Gott es uns nicht mehr vorschreibt? Er betrachtete die Menschheitsge- schichte als ewigen Kampf zwischen Herr- schern und Beherrschten um die richtigen Werte. In seiner Genealogie der Moral (1887) entwickelt er eine Theorie darüber, wie die Konzepte des Guten und Bösen entstanden sind. In der Antike hätten sie eine einfache Bedeutung gehabt, glaubte er, nämlich im Sinne der Reichen und Mächtigen. Was ih- nen nutzte, galt als gut, was ihnen schadete, als schlecht. Das Gute stand synonym für die Werte der Aristokraten: Siege, Wissen, Ruhm, sexuelle Freizügigkeit. Doch die Unterdrückten begehrten auf, die »Sklaven« oder die »Herde«, wie Nietzsche sie nannte. Ihnen fehlten die Mittel, um die Herrschaft abzuschütteln, also versuchten sie es mit einem Trick: Sie gaben den Mächtigen die Schuld. Sie machten ihnen ein schlechtes Gewissen. Die wichtigste Waffe in diesem Kampf ist laut Nietzsche die christliche Lehre. Sie ist die Rache der Unterdrückten, ein Teufelsinstrument, um den Mächtigen Schuldgefühle zu machen. Das Christentum stellte die Werte auf den Kopf. Plötzlich ist alles, was die Herr- schenden verkörpern, schlecht und alles am Dasein der Herde gut. Armut ist edel. Un- bildung ist Lauterkeit. Zu wenig Sex ist Keuschheit. Zu schwach zu sein, um sich zu rächen, ist Vergebung. Das Reich Gottes gehört den Verlierern! Doch eine Gesellschaft, die den allge- genwärtigen Neid verleugnet, ist krank. »Ressentiment« nannte Nietzsche das Ge- fühl der Demütigung, das ein Mensch ver- spürt, wenn er etwas begehrt, aber nicht haben kann. »Der Mensch des Ressentiment ist weder aufrichtig, noch naiv, noch mit sich selber ehrlich und geradezu«, schrieb er, »seine Seele schielt; sein Geist liebt Schlupf- winkel, Schleichwege und Hinterthüren, alles Versteckte muthet ihn an als seine Welt, seine Sicherheit, sein Labsal; er versteht sich auf das Schweigen, das Nicht-Vergessen, das Warten, das vorläufige Sich-verkleinern, Sich-demütigen.« Nietzsche selbst dürfte Neid nicht fremd gewesen sein. Er hatte wenig Geld, Sex und Anerkennung. Aber er wollte es nicht schönreden. Er gestand sich ein, lieber schöner, stärker und mächtiger sein zu wollen. Eine Gesellschaft voller

Egoisten, die sich mitfühlend und solida- risch geben, hätte er verachtet. Wem an Logik liegt, der wird an Nietz- sches Werk keine Freude haben. Es strotzt vor Ungereimtheiten. Einerseits zum Bei- spiel verkündete Nietzsche den »Willen zur Macht«. Der Mensch ist einer, der die Welt, in der er lebt, gestalten will, statt nur von ihr gestaltet zu werden – der sich verwirklichen will. Andererseits verkündete Nietzsche den Amor Fati: die Liebe zum Schicksal. Bejahe die Wirklichkeit so, wie sie ist! Nietzsche scherte sich wenig um solche Widersprüche. Er wollte kein Theoriege- bäude errichten, sondern den Menschen in ihrem Ringen um ein würdiges Dasein hel- fen. Aber damit setzte er sich der Gefahr aus, missbraucht zu werden. Jeder kann sich den

Friedrich Nietzsche, geboren 1844 in Sachsen, legte eine furiose Karriere als Altphilologe hin. Schon mit Mitte 20 wurde er Professor in Basel. Nach wenigen Jahren zog er sich zurück und lebte als freier Philosoph vor allem von den Zuwendungen seiner Freunde. Zeit seines Lebens litt er an Krankheiten – manche Forscher vermuten Syphilis, andere einen Gehirntumor oder eine Demenz. In den letzten Jahren vor seinem Tod im Jahr 1900 konnte er weder gehen noch sprechen.

Nietzsche zusammenbasteln, der ihm passt. So wie vor 80 Jahren die Nationalsozialisten, die Nietzsche zur Rechtfertigung ihrer Ras- senideologie heranzogen. Es herrscht weit- hin Einigkeit unter Nietzsche-Experten, dass die Nazis Nietzsche grob missverstan- den. Zwar pries er in seiner Genealogie der Moral »die prachtvolle, nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie«, aber die Germanen-Tümelei der Nazis wäre ihm viel zu blöd gewesen. Er kritisierte die jüdische Religion, war aber keineswegs ein Antisemit. Er entwickelte die Idee des Übermenschen, verachtete aber politische Demagogie und hätte vermutlich auch die Gestalten des heutigen Rechtspopulismus verachtet. Dennoch wird Nietzsche bis heute von rechtsextremen Ideologen vereinnahmt. Die

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Rhetorik des Alt-Right-Aktivisten Richard Spencer zum Beispiel, der sich ausdrücklich auf Nietzsche beruft, erinnert an Nietzsches Zarathustra. Spencer träumt davon, die USA zu einem christlichen, ethnopopulisti- schen Staat umzubauen. Genau das, wogegen Nietzsche wetterte. Nietzsche wusste selbst, dass sein Den- ken Gefahren birgt. »Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit«, schrieb er in seiner Auto- biografie. Damit meinte er die Sprengkraft seines Werks für die etablierten Herrschafts- formen, aber sicherlich nicht die Umdeu- tung durch die Rechtsextremen von einst und jetzt. Er versuchte, die Entwicklung des Menschen weiterzudenken, und fragte: Wer wollen wir eigentlich sein? Er stellte sich künftige Menschen vor, die in echter Frei- heit und Selbstbestimmung leben, ihre Werte selbst definieren und mitfühlend aus innerer Stärke sind, nicht aus Bigotterie. Heute gibt es rechte Wortführer, die Donald Trump allen Ernstes als Übermen- schen à la Nietzsche bezeichnen. Doch für Nietzsche selbst hätte Trump eher das Gegenteil verkörpert. Machtwütige Manager, die rastlos um die Welt jetten, hätte er als Sklaven gesehen. Eher wäre Greta Thunberg, die unbeirrbare Vorkämpferin der »Fridays for Future«-Bewegung, ein Übermensch in seinem Sinne. In Also sprach Zarathustra erzählt Nietz- sche die Geschichte, wie der Prophet Zara- thustra aus den Bergen zu den Menschen herabsteigt, ihnen seine Vision des Über- menschen predigt und damit kein Gehör findet. Also wechselt Zarathustra die Taktik und spricht über den »letzten Menschen«:

das Gegenteil des Übermenschen. Der letzte Mensch ist das Ende der Geschichte. Er will sich nicht mehr entwickeln. Er will sich nicht anstrengen. Alles soll möglichst so bleiben, wie es ist. Die Menschen sind be- geistert. Das ist es, was sie hören wollten. Das ist auch die Taktik vieler Rechts- populisten von heute: Ihr Versprechen ist das des letzten Menschen. Sie denken nicht vorwärts, sondern rückwärts, in eine Ver- gangenheit, die es nie gab. Sie wollen ande- ren Menschen verbieten, anders zu leben – genau die Art von Verbot, die Nietzsche hasste. Was wollen wir? Die letzten Men- schen sein oder uns weiterentwickeln? Es liegt allein an uns, hätte Nietzsche gesagt.

Im nächsten Heft: Karl Marx

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ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS In der Altstadt von Delhi betreiben die Jainas ein
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In der Altstadt von Delhi betreiben die Jainas ein Krankenhaus für Vögel (oben). Die Tierärzte behandeln gebrochene Flügel, verabreichen Medikamente und entfernen Tumoren. Die Patienten: Hühner, Tauben, Papageien, Raben und andere Gefiederte

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WAS WEISS DER RABE?

Selbst Vögel und Fische haben ein Bewusstsein, glauben Anhänger des Jainismus. Die neuen Erkenntnisse der Wissenschaft kommen ihrer Weltsicht verblüfend nahe

A m Rand eines wuseligen Basars in Alt-Delhi ragt über dem Labyrinth der neoner- leuchteten Marktstände ein rotes Gebäude auf, ein drei-

stöckiger Komplex mit einer Reihe von Käfigen auf dem Dach und der Aufschrift »Birds Hospital«. An einem heißen Tag im letzten Frühjahr zog ich mir am Eingang des Krankenhauses die Schuhe aus und ging zum Empfangsbereich im zweiten Stock hinauf, wo ein Mann Ende zwanzig gerade einige Patienten aufnahm. Eine ältere Frau stellte eine Schuh- schachtel vor ihm ab und öffnete den Deckel, worauf ein blutverschmierter weißer Sittich zum Vorschein kam, den eine Katze zerrupft hatte. In dem kleinen Käfig, den der Mann vor mir in der Schlange hielt, saß eine Taube, die mit einem Glasturm im Bankenviertel kollidiert war. Ein Mädchen kam herein, vielleicht sechs Jahre alt, in den bloßen Hän- den ein weißes Huhn mit schlaff herab- hängendem Kopf. Die zentrale Station des Kranken- hauses ist ein zwölf Meter langer, schmaler Raum mit vierfach übereinandergestapelten Käfigen entlang der Wände und Ventilatoren unter der Decke, die vergittert sind, damit sich kein flappender Flügel in den rotieren- den Blättern verfängt. Ich ging den Raum ab und machte eine grobe Zählung. Viele

Text Ross Andersen

Fotos Hashim Badani

Käfige schienen leer. Erst bei näherem Hin- sehen erspähte ich in dunklen Ecken die Vögel, meistens eine Taube. Der jüngste Tierarzt im Haus, Dheeraj Kumar Singh, machte mit Jeans und Mund- schutz seine Runde. Der älteste Arzt absol- vierte seit über einem Vierteljahrhundert die Nachtschicht und hatte in Tausenden Stunden Tumoren entfernt, mit Medika- menten Schmerzen gelindert und Antibio- tika verabreicht. Gegen ihn ist Singh ein Frischling, was man nicht glauben würde, wenn er die Tauben bei der Untersuchung schnell und geschmeidig in den Händen wendet. Sein Assistent reichte ihm ein Ny- lonband, das er zweimal um den Flügel einer Taube wickelte, ehe er das Tier mit einem Plopp wieder auf der Tischplatte absetzte. Die Anhänger des Jainismus – einer alten Religion, deren höchstes Gebot Ge- walt nicht nur gegen Menschen, sondern auch gegen Tiere verbietet – haben mehrere solcher Vogelkrankenhäuser errichtet. Die im Empfangsraum hängenden Bilder illus- trieren, wie ernst manche Jainas das Verbot nehmen. Auf einem Gemälde blickt ein mittelalterlicher König in blauen Gewän- dern durch ein Fenster seines Palastes auf eine herannahende Taube, deren blutender Flügel von einem sie weiter verfolgenden Falken aufgeschlitzt worden ist. Der König holt den armen Vogel in seinen Palast, wo-

rauf der wutentbrannte Falke Ersatz für sein entgangenes Mahl fordert. Da säbelt sich der König Arm und Fuß ab, um den Greif mit seinem eigenen Fleisch zu füttern. Ich war ins Vogelkrankenhaus und nach Indien gereist, um das Moralsystem der Jainas aus erster Hand kennenzulernen. Weniger als ein Prozent der indischen Bevöl- kerung sind Jainas. Über Jahrtausende ha- ben sie Kritik an der hinduistischen Mehr- heit geübt und dabei den einen oder anderen Erfolg verbucht. Im 13. Jahrhundert konn- ten sie einen Hindukönig konvertieren und davon überzeugen, die ersten Tierschutzge- setze des indischen Subkontinents zu erlas- sen. Es gibt sogar Belege, dass die Jainas direkten Einfluss auf den Buddha hatten. Und als Gandhi seine radikalen Ideen zur Gewaltlosigkeit entwickelte, war ein befreun- deter Jaina seine philosophische Muse. Im Staat Gujarat, in dem Gandhi auf- gewachsen ist, sah ich jainistische Mönche, die in den kühlen Morgenstunden barfuß auf der Straße liefen, weil Autofahren für sie ein gewalttätiger Akt gegenüber den unzäh- ligen Lebewesen vom Insekt bis hin zu grö- ßeren Tieren ist. Die Mönche essen kein Wurzelgemüse, um die empfindlichen un- terirdischen Ökosysteme nicht zu stören. Ihre weißen Gewänder sind aus Baumwolle statt aus Seide, da sie sonst Seidenraupen töten müssten. In der Regenzeit verzichten

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sie auf Reisen, um nicht in die Pfützen voller Mikroben zu treten, deren Existenz die Jainas postulierten, lange bevor der Westen sie unterm Mikroskop entdeckte. Die Jainas bewegen sich auf so behut- same Weise durch die Welt, weil sie glauben, dass Tiere ein Bewusstsein haben und in verschiedenen Graden menschenähnliche Gefühle wie Sehnsucht, Angst, Schmerz, Trauer oder Freude empfinden. Die Vorstellung, Tiere besäßen ein Bewusstsein, war in der west- lichen Welt lange umstritten, wird aber inzwischen von vielen Wissenschaftlern bekräftigt, die sich mit tierischer Kognition befassen. Und zwar nicht nur bei den offensichtlichen Fällen wie Primaten, Hunden, Elefanten und Walen. Inzwischen sam- meln Wissenschaftler zuneh- mend Belege dafür, dass Lebe- wesen, die sich auf einem weit entfernten Ast des Stammbaums der Evolution entwickelt haben, ebenfalls ein Innenleben besit- zen. Für viele Wissenschaftler ist die Frage nicht mehr, welche Tiere ein Bewusstsein haben, sondern welche keines haben. Es gibt kein mysteriöseres Rätsel als das Bewusstsein, jenen Zustand, der unser gesamtes waches Leben begleitet und uns sagt, dass wir in einem Körper stecken und von einer Welt aus Farben, Geräuschen und Berüh- rungen umgeben sind, die wie- derum durch unsere Gedanken gefiltert und von unseren Ge- fühlen gefärbt werden. Selbst in einer säkulari- sierten Welt hat das Bewusstsein noch seinen mystischen Nimbus. Die einen halten es für die letzte Grenze der Wissenschaft, die anderen für eine Art immateriellen Zauber, der jenseits unserer Erkenntnis liegt. Der weltweit anerkannte Philosoph David Chalmers sagte einmal zu mir, das Bewusst- sein sei möglicherweise eine der grundle- genden Komponenten des Universums, wie die Raumzeit oder wie Energie. Es könne in Verbindung zu der unsichtbaren, unbe- stimmbaren Arbeit der Quantenwelt stehen oder sogar etwas völlig Immaterielles sein.

Diese metaphysischen Ansätze kommen ins Spiel, weil uns die Wissenschaft eine zufrie- denstellende Erklärung des Bewusstseins bislang schuldig bleibt. Wir wissen, dass unsere Sinnessysteme Informationen über die Außenwelt an unser Gehirn senden, wo diese in Nervenzellen verarbeitet werden. Aber wir wissen nicht, auf welche Weise diese Signale in das Weltbild integriert wer- den, jenen kontinuierlichen Strom momentaner Eindrücke, die von einem sich bewegenden Körper wahrgenommen werden, einem »Zeugen«, wie die hin- duistische Philosophie sagt. In der westlichen Welt wurde das Bewusstsein lange als ein dem Menschen vorbehalte- nes Geschenk Gottes angesehen. Die westlichen Philosophen be- trachteten nichtmenschliche Tiere als gefühllose Maschinen. Selbst nachdem Darwin die Ver- wandtschaft zwischen Men- schen und anderen Tieren nach- gewiesen hatte, glaubten viele Wissenschaftler, das Bewusst- sein habe sich so spät entwickelt, dass der erste geistige Funke erst nach unserer Abzweigung von den Schimpansen und Bonobos gezündet habe. In seinem Buch

Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der

bikameralen Psyche von 1976 ver- mutet Julian Jaynes, das Ganze habe noch später stattgefunden. Erst die Entwicklung der Spra- che habe uns in den kognitiven Zustand versetzt, in dem wir empirische Welten konstruieren können. Als immer mehr Wis- senschaftler das Verhalten und den Gehirnzustand unterschied- licher Lebewesen untersuchten, geriet diese Vorstellung ins Wanken. Inzwischen erscheinen jedes Jahr unzählige Fachartikel, die nahelegen, dass viele Tiere ein Bewusstsein haben. Das erste bewusste Lebewesen auf un- serer Erde wurde vor vermutlich über einer halben Milliarde Jahren zum Leben erweckt, bei einem Wettrüsten zwischen einem Raubtier und seiner Beute auf dem Meeres- boden. Ein Ereignis von kosmischer Größe, das der Natur plötzlich vollkommen neue

Hier wohnen die Vögel während ihres Aufenthalts im Birds Hospital

die Vögel während ihres Aufenthalts im Birds Hospital Wenn es ihnen besser geht, dürfen sie in

Wenn es ihnen besser geht, dürfen sie in die Volieren aufs Dach: Für Flugübungen

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Möglichkeiten eröffnete. Damit scheint neben unserer menschlichen Welt ein ganzes Universum auf, in dem andere Tiere ähnli- che Erfahrungen machen. Diese Offenba- rung, diese neue Dimension unserer Lebens- wirklichkeit,verdankenwirderWissenschaft. Nur kann sie uns leider nicht sagen, wie wir uns gegenüber den Billionen bewusster Lebewesen, mit denen wir die Erde teilen, angemessen verhalten können. Das ist ein philosophisches Pro- blem und wird uns wie viele philosophische Probleme noch lange begleiten. Von Pythagoras und ein paar anderen Philosophen abge- sehen, gibt es in der westlichen Welt keine Tradition des Nach- denkens über tierisches Bewusst- sein. Östliche Denker dagegen setzen sich seit Langem mit diesem Thema auseinander, al- len voran die Jainas, die die Frage des tierischen Bewusst- seins seit fast 3000 Jahren als eine moralische Frage erörtern. Viele der strengen Glau- benssätze der Jainas würden keiner wissenschaftlichen Über- prüfung standhalten. Kein Glaube bietet uns exklusiven Zugang zur Wahrheit. Doch als die vielleicht erste Kultur der Welt, die Mitleid auch mit Tie- ren fordert, waren die Jainas Vorreiter für eine Ausweitung der menschlichen Moralvorstel- lungen. Die Orte, an denen sie beten und Tiere pflegen, schie- nen mir gut geeignet, um die derzeitigen Grenzen der For- schung über Tiere als bewusste Lebewesen zu erkunden. Im Vogelkrankenhaus frag- te ich Dheeraj Kumar Singh, ob ihm einige seiner Patienten Probleme bereiteten. Er zeigte mir eine Glanzkrähe, die sich weigerte, aus der Hand zu fressen, und ihm immer die Haut blutig pickte, wenn er sie aufnehmen wollte. Ihre Federn waren schwarz wie Vinyl, nur um den Hals hatte sie einen milchkaffeehellen Kragen. Immer wieder fächerte sie ihren gebrochenen Flügel auf. »Ein paar Tage nachdem sie kam, hat sie angefangen, ei- nen speziellen Ruf auszustoßen, wenn sie

Hunger hatte«, sagte Singh. »Kein Vogel hier macht so etwas.« Dieser Ruf war nicht der einzige Fall von Vogel-Mensch-Kommuni- kation. Einmal hatten sie einen Graupapagei mit einem Vokabular von 900 Wörtern, und in Indien wurden einige dieser Tiere sogar darauf abgerichtet, die vedischen Mantras zu rezitieren. Umgekehrt nehmen Vögel nur selten verbale Symbole in ihre eigenen Pro- tosätze auf. Und selbstredend hat noch keiner von sich gesagt, er besitze ein Bewusstsein. Das ist bedauerlich, da die Philosophie eine solche Aussage – selbst beim Menschen – als den bestmöglichen Nachweis für den Besitz eines Bewusst- seins ansieht. Ansonsten kann ich, solange ich auch in die schwarze Pupille der Krähe star- re und hoffe, bis ins Trugbild ihres Geistes vorzudringen, nie tatsächlich wissen, ob sie ein Bewusstsein hat. Ich muss mich immer mit Indizien begnügen. Krähen haben für ihre Größe ein ungewöhnlich großes Gehirn, und ihre Nervenzellen sind im Vergleich zu anderen Tieren sehr dicht gepackt. Zwar können Neurowissenschaftler die Komplexität der Hirnaktivi- tät messen, nur hat bis jetzt noch kein Gehirnscan ein eindeutiges Anzeichen für Bewusstsein in den Nervenzellen gefunden. In- sofern bietet die Neuroanatomie keinen schlagenden Beweis da- für, dass ein bestimmtes Tier ein Bewusstsein besitzt. Wenn aber das Gehirn eines Tieres unserem sehr ähnelt, wie zum Beispiel bei Primaten, die von der Lehrmei- nung als Erste zu bewussten Lebewesen erhoben wurden, dann liegt diese Vermutung zu- mindest nahe. Von Säugetieren wird allge- mein angenommen, dass sie ein Bewusst- sein besitzen, weil sie ein ähnlich großes Gehirn wie Menschen haben und auch über eine Hirnrinde verfügen, den sogenannten Cortex, der als das Zentrum unserer Wahr- nehmung angesehen wird. Vögel dagegen besitzen keinen Cortex. In den 300 Millio- nen Jahren, seit sich der Genpool der Vögel von unserem abgespalten hat, haben ihre

Tiere empfinden Trauer, Sehnsucht, Angst und Freude, sagen die Jainas

Trauer, Sehnsucht, Angst und Freude, sagen die Jainas Wandmalerei im Birds Hospital: Der König füttert mit
Trauer, Sehnsucht, Angst und Freude, sagen die Jainas Wandmalerei im Birds Hospital: Der König füttert mit

Wandmalerei im Birds Hospital: Der König füttert mit seinen Gliedmaßen den Falken

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Gehirne andere Strukturen entwickelt. Da- bei ist jedoch eine Cortex-ähnliche Schicht entstanden. Vielleicht kennt die Natur also mehrere Wege, um dem Gehirn ein Be- wusstsein einzupflanzen. Auch können wir aus den Verhaltens- weisen der Tiere Schlüsse ziehen; allerdings ist es nicht immer leicht, bewusste von un- bewussten Handlungen zu unterscheiden. Aufschlussreich ist der Gebrauch von Werk- zeugen. Australische firehawk raptors (Feuer- falken) fliegen bei Waldbränden mit bren- nenden Zweigen in benachbarte Gebiete, um Beutetiere aufzuschrecken. Die Falken sind also möglicherweise in der Lage, für Dinge, die sie in ihrer Umgebung sehen, einen neuen Zweck zu erfinden. Es könnte sich aber auch um erlerntes Verhalten han- deln. Krähen gehören zu den geschicktesten Mechanikern unter den Vögeln. Seit Lan- gem wissen wir, dass sie Stöcke zu Haken biegen, und vor Kurzem wurde eine Krähen- art beobachtet, die aus drei stockähnlichen Teilen Werkzeuge bastelte. In Japan macht sich eine Krähenpopulation den Autover- kehr zunutze, um Walnüsse zu knacken. Die Vögel werfen eine Nuss an einer Kreuzung ab und warten, bis die Ampel auf Rot schaltet, um sich die Kerne zu holen. Während ich mit Singh sprach, wurde es der Krähe langweilig, und sie drehte sich zum Fenster, als wollte sie ihr schwaches Spiegelbild begutachten. 2008 hat eine Els- ter, ein weiteres Mitglied der großen Familie der Rabenvögel, als erster Nicht-Säuger den sogenannten Spiegeltest bestanden. Die Elster hatte am Hals einen hellen Fleck, den sie nur im Spiegel sehen konnte. Als sie ihr Spiegelbild sah, versuchte sie sofort, den Fleck zu untersuchen. Singh erklärte mir, die Krähe werde bald ein Stockwerk höher gebracht, in einen Käfig auf dem Dach, wo die Vögel mehr Platz haben, um ihre lädierten Flügel aus- zuprobieren. Mit etwas Glück würde das wilde Tier bald wieder kühne Flüge unter- nehmen, sich wie ein Akrobat in die Böen werfen und schneebedeckte Abhänge hi- nuntersegeln. Übrigens werden die Vögel, die im Krankenhaus sterben, an einem Fluss vor der Stadt begraben, eine angemessene Geste, da Krähen selbst Bestattungen vor- nehmen – oder besser gesagt eine Leichen- schau: Sie versammeln sich um den Toten wie eine Mordkommission, die versucht, die Todesursache festzustellen.

Ich fragte Singh, wie er sich fühle, wenn er auf dem Dach einen Vogel freilasse. »Wir sind dazu da, ihnen zu helfen«, sagte er. Dann fügte er hinzu, nicht alle Vögel flögen gleich davon. »Manchmal kommt einer wieder und setzt sich auf meine Schulter.« Krähen sind keine Schulterhocker, aber Singh sieht des Öfteren ehemalige Krähen- patienten über dem Krankenhaus kreisen.

Es gibt Hinweise, dass Fische ein Gedächtnis besitzen und sich an Ereignisse von vor zehn Tagen erinnern

Vielleicht, weil sie Ausschau nach ihm halten. Krähen können nämlich mensch- liche Gesichter erkennen. Menschen, die sie nicht mögen, werden böse angekrächzt. Sind die Tiere dagegen jemandem wohlge- sinnt, legen sie manchmal kleine Geschenke wie Votivgaben an einer Stelle ab, wo der- jenige sie ganz sicher findet – einen Knopf oder eine glänzende Glasscherbe. Wenn sich aus solchen Verhaltenswei- sen ein Bewusstsein deduzieren lässt, so kann das zweierlei bedeuten: Entweder hat sich das Bewusstsein im Laufe der Evolution auf mindestens zwei verschiedene Weisen entwickelt, oder es hat sich herausgebildet, bevor Vögel und Säugetiere verschiedene evolutionäre Wege gingen. Beide Szenarien würden uns in der Annahme bestärken, dass die Natur leichter als bisher gedacht aus Molekülen wache Geister knüpfen kann. Das wiederum würde bedeuten, dass grö- ßere wie auch kleinere Tiere rund um den Globus Erfahrungen machen, die unseren in gewissem Maße ähneln. Am Tag nach meinem Besuch im Vo- gelkrankenhaus fuhr ich mit dem Auto aus Delhi hinaus und folgte einer Landstraße entlang des Yamuna, der in der eisigen Kälte des Himalaya entspringt, in Richtung Südosten. Der Fluss ist über weite Strecken schwarz von den Abwässern der Stadt, er ist einer der dreckigsten Flüsse der Welt. Plas- tikflaschen trieben im Strom. In Indien, wo Flüsse eine besondere Bedeutung im spiri- tuellen Leben einnehmen, ist das eine meta- physische Bankrotterklärung. Früher führte der Yamuna Millionen von Fischen. Inzwi- schen hat ihn die menschengemachte Tech-

nosphäre, die bis ins letzte Gewässer der Welt reicht, entweiht. Bis zum tiefsten Punkt der Weltmeere gelangt heute unser Müll: Auf dem Grund des Marianengrabens wurde vor Kurzem eine dahintrudelnde Ein- kaufstasche gesichtet. Zuletzt schwammen wir vor etwa 460 Millionen Jahren im selben Genpool wie die Tiere, die sich zu Fischen weiterentwickel- ten, über 100 Millionen Jahre bevor wir uns von den Vögeln trennten. Die Vorstellung, dass wir über derart immense Zeiträume mit anderen Tieren verwandt sind, erschien den meisten Menschen allzu irrwitzig, weshalb sich Darwins Theorie, das Universum befin- de sich im steten Wandel, erst spät im kol- lektiven menschlichen Bewusstsein etabliert hat. Aber es ist nun mal so: Unsere Hände sind umgewandelte Flossen, der Schluckauf ein Relikt der Kiemenatmung. Die Wissenschaft scheint es den Fischen übel genommen zu haben, dass sie nicht mit uns aus dem Wasser gestiegen sind, um die ätherischen Lüfte des Landes zu atmen. Ihre Kurzsichtigkeit in ihrem trüben Reich wird bisweilen als kognitive Einschränkung ange- sehen. Aber es gibt neue Hinweise, dass Fische ein Gedächtnis besitzen und sich an Ereignisse erinnern können, die über zehn Tage zurückliegen. Und sie sind des Betruges fähig. Weib- liche Forellen können einen Orgasmus »vor- täuschen«, indem sie zittern, als würden sie gleich ihre Eier ablegen, vielleicht damit un- erwünschte Männchen ihren Samen unge- nutzt verschleudern. Es gibt hochauflösende Aufnahmen von einem Zackenbarsch, der sich mit Aalen verbündet, um aus Riffs Beutetiere zu locken. Die Fische koordinie- ren ihre Aktion mit ausgeklügelten Kopf- bewegungen. Dieses Verhalten legt nahe, dass Fische eine sogenannte Theory of Mind besitzen. Damit wird die Fähigkeit be- zeichnet, sich über den Geisteszustand an- derer Lebewesen Gedanken zu machen. Deutlich beunruhigender ist eine Ver- haltensweise, die in Experimenten zu der Frage beobachtet wurde, ob Fische Schmerz empfinden. Schmerz ist ein besonders in- tensiver Bewusstseinszustand, der über die schlichte Erkennung eines zugefügten Scha- dens weit hinausgeht. Selbst die einfachsten Bakterien haben an ihren äußeren Mem- branen Sensoren. Sobald die Sensoren auch nur Spuren gefährlicher Chemikalien ent- decken, reagiert das Bakterium mit einem

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automatischen Fluchtreflex. Bakterien ha- ben jedoch kein zentrales Nervensystem, in dem diese Signale in eine dreidimensionale Wahrnehmung der chemischen Umgebung umgewandelt werden könnten. Fische besitzen viel mehr Sensoren als Bakterien. Ihre Sensoren melden sich, wenn die Wassertemperatur steigt oder wenn sich ein Angelhaken ins Fleisch bohrt. Forellen, denen im Labor Säure injiziert wurde, zeigten nicht nur eine lokale Reaktion, sondern warfen sich mit dem ganzen Körper hin und her, hyperventilierten und rieben ihr Maul am Rand des Aquariums oder am Kiesbett. Gab man ihnen Morphium, hörten sie damit auf. Solche Tierversuche sind natürlich mo- ralisch fragwürdig. Doch was die Laborfische erleiden, ist nichts im Vergleich zu den Milliarden Meerestieren, die wir jedes Jahr umstandslos aus dem Wasser fischen. Manche leben noch Stunden weiter, nachdem sie schon in die Kühlkammern der globalen Seafoodverwertung ge- schaufelt wurden. Fische empfinden Schmerz anders als Menschen. Im kom- plexen Spiegelsaal des mensch- lichen Bewusstseins nimmt Schmerz eine existenzielle Di- mension an. Weil wir wissen, dass uns der Tod droht, und wir um die verlorene Zukunft trau- ern, sind wir dazu verleitet, un- seren Schmerz für das tiefste denkbare Leid zu halten. Aber unser Wissen kann den Schmerz auch erträglicher machen, sei es, weil uns klar ist, dass er wieder aufhören wird. Wenn wir nun einen uns kognitiv unterlegenen Fisch zu schnell aus den Meeres- tiefen ziehen, dann können wir sein Auf- bäumen an Deck vielleicht als einen stum- men Schrei begreifen, der aus der Angst heraus entsteht, der unerträgliche Leidens- zustand werde von ewiger Dauer sein. Die Jainas erzählen die Legende von Neminatha, der ein besonderes Ohr für die Notrufe leidender Tiere gehabt haben soll. Seine Liebe zu den Tieren entstand, als er in den Auen am Yamuna in der Nähe seines

Heimatdorfes Shauripur das Vieh hütete. Neminatha ist einer von vierundzwanzig jai- nistischen »Furtbereitern«, den sogenannten Tirthankaras, prophetenhaften Figuren, die einen metaphorischen Fluss überquert ha- ben, um sich aus dem Kreislauf der Wieder- geburt zu befreien und anderen den Weg zur Erleuchtung zu zeigen. Ihre Gewaltlosigkeit ist beispiellos. Ein Tirthankara soll sich im Mutterleib vollkommen still verhalten und nicht die kleinste Welle im Fruchtwasser verur- sacht haben, um seiner Mutter keinen Schaden zuzufügen. Neminatha ist einer der wenigen Furtbereiter, die als his- torische Persönlichkeiten ver- bürgt sind. Den Jainas zufolge hat er sein Dorf am Tag seiner Heirat für immer verlassen. Als er auf einem Elefanten zu seiner Hochzeit ritt, hörte er gequälte Schreie, worauf ihm sein Ele- fantenlenker erklärte, das seien die Tiere, die für das Fest ge- schlachtet würden. Daraufhin änderte Neminatha sein Leben, heiratete nicht seine Braut, son- dern ging auf den heiligen Berg Girnar in Gujarat, sechzig Kilo- meter vor dem Arabischen Meer. Noch vor Sonnenaufgang machte ich mich an den Aufstieg zum Girnar, streng dem vorge- gebenen Weg zur Erleuchtung folgend. Ich musste 7000 in den Berg gehauene Stufen erklim- men und um neun Uhr einem Ritual in einem alten Tempel nahe dem Gipfel beiwohnen. Im Gir-Nationalpark hatte ich tags zuvor zwei Indische Löwen gese- hen, die kaum von ihren afrika- nischen Verwandten zu unter- scheiden sind. Das Raubtier beherrschte einst die Region und wurde von der Kolonialbesatzung des British Empire fast vollständig ausgerottet. Noch heute zählt der Indische Löwe zu den seltensten Raubkatzen der Welt und ist sogar noch seltener als der Schneeleopard, sein Nachbar im Norden, dessen Anblick auf einem der gezackten Felsen des Himalaya als Krönung jeder Pilgerreise gilt. Ich ver- suchte nicht mehr an die Löwen zu denken, die seit einiger Zeit auch die Wälder von

Manche Krähe kreist nach der Entlassung häufiger mal über dem Krankenhaus

nach der Entlassung häufiger mal über dem Krankenhaus Vögel, die im Krankenhaus sterben, werden am Fluss

Vögel, die im Krankenhaus sterben, werden am Fluss vor der Stadt beerdigt

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Girnar besiedelten, und lief im Dunkeln an den kleinen Hütten und Zelten der Basis- station vorbei. Das erste Licht des Tages hatte die Languren auf die Findlinge am Wegesrand gelockt. Ein Affe sah dem Ver- käufer zu, der gerade seinen Stand mit Essen und Getränken für die jainistischen Pilger aufbaute. Er wartete, bis ihm der Mann den Rücken zukehrte, dann flitzte er heran und klaute sich eine Banane. Im Gir-Nationalpark hatte ich ge- sehen, wie Hirsche die Affen als Luftüberwachungssystem nutz- ten. Die Languren saßen hoch oben in den Bäumen und hiel- ten Ausschau nach Leoparden und Löwen. Sobald sie eine Katze orteten, stießen sie einen speziellen Schrei aus. Die Hir- sche waren nicht die Einzigen, die den Schrei verstanden; auch der Löwensucher, der mich be- gleitete, kannte ihn. Bei meinem Aufstieg auf den Girnar wurde ich von bar- fuß laufenden Frauen in orange, grün und pink schillernden Saris überholt. Ihre zarten silbernen Fußspangen klimperten leise. Als ich an eine Wegmarkierung gelangte – noch 1000 Stufen bis zum Tempel –, nahm ich den Rucksack ab und schwang mich auf eine Mauer, um die Beine baumeln zu lassen. Zwei Serpen- tinen weiter unten mühte sich ein älterer Mönch in weißem Gewand die Stufen hinauf. Wenn die Mönche und Nonnen der Jainas dem weltlichen Leben entsagen, kappen sie alle Ver- bindungen zu ihrer Familie. Sie umarmen ein allerletztes Mal ihre Kinder und schwören, sie niemals wiederzusehen, es sei denn, der Zufall führt sie auf einem der Wege zueinander, auf denen die Mönche und Nonnen, ihr gesamtes Hab und Gut auf dem Rücken, den Rest ihres Lebens wandern. Eine Weile war alles still, bis auf ein Summen, das von einer schwarzen Wespe über einem dichten Gestrüpp aus Bougain- villeen kam. Der letzte Vorfahr, den ich mit der Wespe gemein hatte, lebte vor vermut- lich über 700 Millionen Jahren. Das Aus-

sehen des Insekts verstärkte noch den Ein- druck evolutionärer Distanz. Mit seiner länglichen Gestalt und den matten, wie ge- fliest aussehenden Augen wirkte es viel zu fremd, als dass ich ihm ein Bewusstsein zu- schreiben wollte. Doch der äußere Anblick kann täuschen: Wissenschaftler vermuten, dass manche Wespenarten große Augen herausgebildet haben, um soziale Stimuli aufzunehmen, und dass andere die Gesichtszüge einzelner Mitglieder aus ihrer Kolonie erkennen können. Wespen sind wie Bienen und Ameisen Hautflügler, eine Ordnung der Insekten, die hochausdifferenzierte Verhal- tensweisen an den Tag legt. Ameisen können Brücken bil- den, indem sie sich nebeneinan- derstellen, sodass ganze Kolo- nien eine Spalte überqueren können. Honigbienen lernten im Labor abstrakte Konzepte wie »ähnlich«, »anders als« oder »null«. Und sie können auch voneinander lernen. Wenn eine Biene eine neue Technik zur Nektargewinnung entwickelt hat, können ihre Nachbarinnen ihr Verhalten nachahmen, so- dass es sich – sogar generations- übergreifend – über die gesamte Kolonie verbreiten kann. In einem Experiment wur- den Honigbienen zu einem Boot auf einem See gelockt, in das die Wissenschaftler Zucker- wasser gefüllt hatten. Als sie zu ihrem Stock zurückflogen, teil- ten sie den anderen Bienen per Schwänzeltanz den Standort mit. Doch anstatt sogleich zur neuen Nektarader auszufliegen, blieben diese im Stock, so als hätten sie im Geist die Land- karte aufgeklappt und wären zu dem Schluss gekommen, mitten im See könnten wohl kaum Blumen stehen. Seit zehn Jahren untersucht der Neuro- wissenschaftler Andrew Barron von der Macquarie University in Australien die fei- nen Nervenstrukturen im Gehirn von Ho- nigbienen. Er nimmt an, dass bei ihnen räumliche Informationen auf ähnliche Weise verarbeitet werden wie im menschlichen

Jainistische Pilger steigen auf den Girnar, einen heiligen Berg im Bundesstaat Gujarat

auf den Girnar, einen heiligen Berg im Bundesstaat Gujarat Auf diesem Berg soll Neminatha Zugang zum
auf den Girnar, einen heiligen Berg im Bundesstaat Gujarat Auf diesem Berg soll Neminatha Zugang zum

Auf diesem Berg soll Neminatha Zugang zum Geist aller Tiere erlangt haben

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Mittelhirn. Das mag überraschend klingen, da das Gehirn einer Honigbiene nur eine Million Nervenzellen enthält, das mensch- liche Hirn dagegen 85 Milliarden. Doch hat die Forschung zur künstlichen Intelligenz bereits gezeigt, dass komplexe Aufgaben zu- weilen mit relativ einfachen neuronalen Schaltkreisen gelöst werden können. Frucht- fliegen besitzen nur 250.000 Nervenzellen und zeigen dennoch komplexe Verhaltens- weisen. Bei Experimenten im Labor suchten sie zum Beispiel bei schlechten Paarungs- chancen Trost im Alkohol, den sie sich aus vergorenen Früchten holten. Viele wirbellose Tiere haben nur ein rudimentäres Nervensystem, bei dem die Nervenzellen wurmförmig im Körper ver- teilt sind. Vor über einer halben Milliarde Jahren sind jedoch infolge natürlicher Selek- tion Gliederfüßler mit anderen Körperglie- dern und neuen, spezialisierten Sinnesorga- nen entstanden, mit denen sie sich aus ihrem eintönigen Leben nach dem Reiz-Reaktions- Schema befreiten. Die ersten Tiere, die sich im dreidi- mensionalen Raum bewegten, standen vor einer ganzen Reihe neuer Probleme, deren Lösung vielleicht die Entwicklung eines Bewusstseins war. Nehmen wir die schwarze Wespe. Während sie über den hauchdünnen Blütenblättern der Bougainvilleen schweb- te, rauschten die verschiedensten Informa- tionen in ihren faserigen Schädel – Sonnen- licht, Schallschwingungen, Blütenduft –, wo sie jedoch nicht zur selben Zeit ankamen. Um ein korrektes, ruckelfreies Bild der äu- ßeren Welt zu erhalten, musste die Wespe die Signale synchronisieren und zudem Ab- weichungen korrigieren, die durch ihre ei- genen Bewegungen entstanden – eine an- spruchsvolle Aufgabe, da manche Sensoren auf beweglichen Körperteilen wie dem drehbaren Kopf liegen. Der Neurowissenschaftler Björn Mer- ker vermutet, dass die ersten Gehirne der Tiere diese Probleme lösten, indem sie ein internes Modell über die Welt erstellten, in dessen Mittelpunkt ein Avatar des eigenen Körpers stand. Bewusstsein ist Merker zu- folge nichts anderes als der multisensorische Blick aus dem Innern dieses Modells. Die Synchronisierungsprozesse und die Störge- räusche unserer beweglichen Körper kom- men darin nicht vor, ebenso wenig wie die Mechanismen, die unser Begehren in Bewe- gung umwandeln. Als ich mich wieder auf

den Weg den Berg hinauf machen wollte, stand ich einfach auf und ging los, ohne an die einzelnen Muskelkontraktionen zu den- ken, die bei jedem Schritt erforderlich sind. Wenn eine Wespe fliegt, nimmt sie vermut- lich auch nicht jeden einzelnen Flügelschlag wahr. Sie bewegt sich schlichtweg willent- lich durch die Welt. Hätte einer ihrer aquatischen Vorfah- ren das erste aufkeimende Bewusstsein der Erde erlebt, so wäre es kaum mit unserem Bewusstsein vergleichbar. Es wäre farblos und bar konturierter Gegenstände gewesen und hätte sich episodenhaft ein- und aus- geschaltet. Vielleicht wäre es ein trüber, aus binären Gefühlen bestehender Gesichtskreis gewesen, eine Blase aus gut und schlecht,

Fruchtfliegen suchen Trost im Alkohol vergorener Früchte, wenn die Chance auf Paarung ausbleibt

wahrgenommen von einem zentralistischen Wesen. Für uns, die wir die Sterne am ande- ren Ende des Kosmos leuchten sehen, ist diese Existenz unvorstellbar klaustropho- bisch – was aber nicht heißt, dass ihr kein Bewusstsein innewohnte. Als der Mönch an mir vorüberging, flog die Wespe gen Sonne davon. Der Mönch trug eine weiße Maske, die manche Jainas aufsetzen, um keine Insekten oder andere kleine Lebewesen einzuatmen. Ich nickte ihm zu und lehnte mich an den war- men Fels. Eine Viertelstunde vor der Zere- monie erreichte ich schließlich den Tempel, dessen marmorner Innenhof in hellem Weiß erstrahlte, als hätte ihn die Bergsonne gebleicht. Drinnen flackerten Dutzende Kerzen in eleganten Wandnischen und auf Tellern, die an Ketten von der Decke hin- gen. Dort oben prangte auch eine steinerne Lotosblüte, deren sanft gebogene Blätter das Aufsteigen einer reinen, ätherischen Seele aus der schmutzigen Erde symbolisieren. Auf dem Boden saßen vierzig Jainas in adretten Reihen im Lotossitz. Die Frauen trugen Saris, die Männer waren ganz in Weiß gekleidet. Ich suchte mir eine stille Ecke und sah in den dunklen, von zwei Säulenreihen gesäumten Gang, an dessen Ende eine schwarze Marmorstatue von



Kerzen beleuchtet wurde. Ein sitzender Mann. In den fassförmigen Thorax waren Edelsteine eingesetzt, die mich durch die Dunkelheit hindurch wie ruhige Augen an- sahen und eine hypnotische Wirkung ent- falteten. Da zupfte mich mein Nebenmann am Hemd. »Neminatha«, sagte er und nickte der Statue zu. Hier auf diesem Berg soll Neminatha einen Zustand reinen Bewusst- seins erlangt haben, in dem er Zugang zum gesamten Universum einschließlich des Geistes aller Tiere bekam. Die Jainas halten den Menschen für ein besonderes Wesen, da wir in unserem Naturzustand dieser Er- fahrung der Erleuchtung am nächsten kommen. Kein anderes irdisches Wesen findet so leicht wie wir einen Weg in das Bewusstsein des anderen. Die Pilger begannen zu singen, erst leise, dann immer lauter. Einer rollte eine riesige Trommel heran und schlug mit ei- nem dunklen Schlägel darauf. Zwei andere ließen Becken schallen. Zu beiden Seiten des Gangs kamen Männer und Frauen herein und bildeten je eine Reihe am Rand. Eine Frau mit orangenem Sari und goldener Krone blieb vor der Statue stehen, hob ein Gefäß über deren Kopf und übergoss sie mit einer Mischung aus Milch und Weihwasser. Anschließend tat es ihr ein Mann in weißem Gewand nach. Der Gesang schwoll zu rauschhafter Lautstärke an. Die Pilger hoben die Arme und klatschten, schneller und immer schneller. Doch bevor es zum Höhepunkt kam, fiel die Spannung wieder ab. Die Trommeln und Glocken und Becken ver- stummten, und es erklang ein letzter Ton aus dem Schneckenhorn. Der klare tiefe Ton hallte noch lange im Tempel und in den uralten Gipfeln nach. Als ich hinausging, fragte ich mich, ob dieses jainistische Gotteshaus in ferner Zukunft vielleicht als ein symbolischer Ort dienen würde, um jenes Augenblicks in der Ge- schichte der Menschheit zu gedenken, in dem wir aus dem Traum erwacht sind, die einzigen bewussten Lebewesen zu sein, die die Natur hervorgebracht hat. Vielleicht kommen dann Menschen aus aller Welt hierher, um Neminatha zu huldigen. Denn immerhin steht er stellvertretend für den ersten Menschen, der, als er tierische Schreie hörte, ihre Bedeutung verstand.

Aus dem Englischen übersetzt von Frank Sievers

Abbildung Shutterstock

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Der Tatort in dir
Der Tatort
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News" VK.COM/WSNWS  Der Tatort in dir Die Fernsehermittler aus dem »Tatort« missachten oft das

Die Fernsehermittler aus dem »Tatort« missachten oft das Gesetz. Sie brechen in Häuser ein und ohrfeigen schon mal einen Beschuldigten. Was macht das mit uns?

Text Andrea Böhnke

S onntagabend, halb zehn. Showdown im Tatort aus Münster. Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne aka Jan Josef Liefers sitzt auf einer Bank im Zoo. Er lugt hinter einer Zeitung hervor und beobachtet einen

Tierarzt, der einem Pinguin eine Spritze verpasst. Der Veterinär will mit dem regungslosen Tier verschwinden, doch Boerne springt auf: »Oh, der ist ja wirklich putzig, der kleine Frackträger. Darf ich den

mal streicheln?« Der Mediziner versucht Boerne abzu- wimmeln. »Doktor Gremlich«, ruft Kriminalhaupt- kommissar Frank Tiel, gespielt von Axel Prahl, aus dem Hintergrund. Der Tierarzt dreht sich um. Boerne nutzt den Moment, schnappt sich den Pinguin und rennt davon. Typisch Boerne und Thiel, denkt der Tatort- Fan. Illegal, wissen Juristen. Die Polizei darf nur etwas beschlagnahmen, wenn ein Richter dies angeord- net hat – bei Gefahr im Verzug auch ein Staatsanwalt. Mal ganz abgesehen davon, dass Boerne gar kein Er- mittler ist, sondern Rechtsmediziner.

Wie die Münsteraner halten es auch die anderen Tatort- Ermittler mit den Paragrafen nicht so genau. Sie lassen schon mal Beweismittel verschwinden oder ohrfeigen einen Beschuldigten, wenn dieser schweigt. Die Fern- sehkommissare brechen im Schnitt dreimal pro Folge das Gesetz. Das habe ich zusammen mit einem Team von Studierenden aus Dortmund und Bochum gezählt, angehenden Journalisten und Juristen. Wir sichteten mehr als 130 Stunden Tatort – unter Anleitung des Medienrechtlers Tobias Gostomzyk von der Technischen Universität Dortmund. »Ausgangspunkt war die Beob- achtung, dass es im Tatort regelmäßig zu Rechtsver- stößen durch die Kommissare kommt«, sagt Gostomzyk. »Das wollte ich quantifizieren.« Die Tatort -Ermittler verstoßen vor allem gegen das Verfahrensrecht. In der Strafprozessordnung ist bei- spielsweise festgeschrieben, dass die Beamten einen Be- schuldigten über seine Rechte aufklären müssen, bevor sie ihn vernehmen. Die Fernsehkommissare verzichten darauf allerdings gern, wie der folgende Dialog zeigt.

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Ermittler Torsten Falke (Wotan Wilke Möhring):

»Und? Wenn Sie uns nicht helfen, dann hat das auch Konsequenzen für Sie, ne? Große Probleme!«

Die Befragte auf Französisch: »Je veux un advocat.« Falke: »Bitte?« Ermittlerin Julia Grosz (Franziska Weisz): »Ja, sie will einen Anwalt.« Falke: »Auch das noch.«

In manchen Folgen begehen die Ermittler sogar eine Körperverletzung oder vereiteln eine Bestrafung. So brechen Nina Rubin (gespielt von Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) in einer Folge des Berli- ner Tatorts in ein Haus ein, um hier nach Beweisen zu suchen. Der Ludwigshafener Kommissar Mario Kop- per (Andreas Hoppe) wird in seiner Abschiedsfolge gleich mehrfach selbst kriminell: Totschlag, Unterdrü- ckung von Beweismitteln, Sachbeschädigung, unbe- fugter Gebrauch eines Fahrzeugs. In den meisten Fällen bleiben die Verstöße der Ermittler ungesühnt. Im Tatort sind die Kommissare viel draußen unter- wegs, befragen Zeugen und sammeln Indizien. »In Wirklichkeit müssen die Ermittler jedes Gespräch, das sie führen, in einer Akte dokumentieren«, sagt Dirk Peglow. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter und im Bereitschaftsdienst der Kriminalpolizei beschäftigt. »Jeder Ermittlungs- schritt muss auch Jahre später noch nachvollziehbar und reproduzierbar sein«, sagt Peglow. Auch tragen die TV- Kommissare selten Schutzanzüge, wenn sie einen Tatort betreten. »Das ist in der realen Praxis unvorstellbar.« Trotzdem hat er Verständnis für die Tatort-Regie. »Fern- sehserien oder -filme müssen eine gewisse Dramaturgie haben. Anders lässt sich die Polizeiarbeit in 90 Minuten gar nicht darstellen.« Die Kommunikationswissenschaftlerin Carina Jasmin Englert dagegen hält es für problematisch, dass der Tatort ein teils falsches Rechtsbild vermittelt. Sie hat den Einfluss des Crime-TV erforscht und arbeitet heu- te im hessischen Landespolizeipräsidium. »Viele Laien beziehen ihr Wissen aus Fernsehsendungen«, sagt Eng- lert. »Es ist schon vorgekommen, dass ein Betroffener nach einem Kellereinbruch gefordert hat, die Polizei solle doch Fingerabdrücke nehmen.« In einigen Tatorten wird der Polizei im Abspann für Tipps gedankt, da kann das Publikum schon mal auf die Idee kommen, dass sie das Drehbuch quasi autorisiert. Was wir für rechtens halten, hängt auch davon ab, was wir in den Medien darüber sehen, hören und lesen. Der Soziologe Niklas Luhmann ging sogar davon aus, dass wir alles, was wir über die Welt wissen, durch die Medien wissen. Eine These, die umstritten ist. Tobias Gostomzyk sagt: »Vorstellungen über die Arbeit der Polizei ergeben sich nicht allein durch das Fernseh- gucken am Sonntagabend.« Schulbildung und eigene Erfahrungen spielten ebenso eine Rolle. Auch Niklas

Luhmann ließ in seinen Schriften offen, wie das, was die Medien vermitteln, auf die Zuschauer wirkt. Wer verlässliche Aussagen treffen will, müsste die Bevölkerung befragen. Tobias Gostomzyk macht etwas Ähnliches jedes Jahr im Kleinen: Er bittet die Erst- semester, einen Richter zu zeichnen. Dabei kommt fast immer das gleiche Bild heraus: ein Mann in Robe, Hammer in der Hand, manchmal eine Perücke auf dem Kopf. Dabei sind in Deutschland die meisten Richter weiblich, einen Hammer haben sie nicht und in der Regel auch kein Kunsthaar. Haben die Studierenden vielleicht zu viele Gerichtsshows und -serien geschaut? Carina Jasmin Englert hat sich in ihren Forschun- gen vor allem mit dem sogenannten CSI-Effekt be- schäftigt. Der Begriff leitet sich von der amerikanischen Fernsehserie CSI ab, in der Ermittler mithilfe von Blut- spuren, Fingerabdrücken und DNA-Analysen Verbre- chen aufklären. »Serien wie diese stellen die Methoden der Kriminaltechnik und Gerichtsmedizin oft als All- heilmittel dar«, sagt sie. Das hat Folgen, wie zahlreiche Studien belegen. Amerikanische Staatsanwälte berichten zum Beispiel, dass die Geschworenen an den Gerichten verstärkt auf forensische Beweise pochen. Fehlen diese, würden sie den Angeklagten eher freisprechen. Auch wenn das Rechtssystem in Deutschland ein anderes ist: »Den CSI- Effekt kann es auch hier geben«, sagt Englert. Auch durch den Tatort der ARD. Die wenigsten Zuschauer wissen, wie die Polizei tatsächlich ermittelt. Sie können das, was im Fernsehen gezeigt wird, schwer mit der Realität abgleichen. Hinzu kommt, dass die Grenzen zwischen real und fiktional im Tatort fließend sind. Zwar sind die Handlungen fiktiv, aber die Kommissare er- mitteln in realen Städten und beschäftigen sich oft mit realen gesellschaftlichen oder politischen Problemen. »Edutainment« heißt diese Mischung aus Information und Unterhaltung, abgeleitet aus education (Bildung) und entertainment (Unterhaltung). Dass die Tatort-Kommissare auch anders können, zeigt eine neuere Folge aus Dresden. Darin sagt Kom- missariatsleiter Peter Michael Schnabel, gespielt von Martin Brambach: »Wir haben seine DNA, was könn- ten wir damit anfangen! Man könnte sein Alter be- stimmen, Haarfarbe, Augenfarbe, sogar die Schuhgröße bestimmen – aber ich darf es nicht. Manchmal denke ich, wir sollten das einfach machen.« Ermittlerin Henni Sieland (Alwara Höfels), die schon öfter das Gesetz ge- brochen hat, wenn sie es für nötig hielt, entgegnet: »Es gibt aber auch Gründe dafür, dass wir nicht alles machen dürfen, was möglich ist, Herr Schnabel. Das müssten Sie ja am besten wissen! Oder nicht?«

Andrea Böhnke hat für die Studie bis zu vier »Tatort«- Folgen pro Tag gesehen. Einige Wochen lang verbrachte sie mit den TV-Kommissaren mehr Zeit als mit Freunden und Familie. Danach blieb der Fernseher sonntagabends erst mal aus.

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Gebrauchsanweisung für ein Gefühl: HEIMWEH

In der Fremde ist alles anders – das verunsichert. Aber was wäre, wenn nicht der Ort unsere Herkunft definiert, sondern etwas, das wir mitnehmen können?

Text Eva-Lena Stange

Illustration Mark Long

1. Definition

Zwei der Patienten, die im Jahr 1688 aus einer fremden Stadt ins Berner Hospital eingeliefert worden waren, zeigten auffällige Symptome: Sie wirkten niederge- schlagen, waren blass und appetitlos. Später begannen sie außerdem zu zittern und zu fiebern. Ihr Gesund- heitszustand verschlechterte sich schließlich so sehr, dass sie ohne Hoffnung auf Besserung nach Hause ge- schickt wurden. Dort verschwanden alle Symptome, beide Patienten waren plötzlich und ohne weitere Be- handlung beschwerdefrei. »Diagnose: Heimweh«, stellte der junge Medizinstudent Johannes Hofer fest. Seine Hypothese: Sie waren durch die Trennung von ihrer Heimat krank geworden und hatten sich vor Sehnsucht nach ihrem Zuhause schier verzehrt. In seiner Dissertation gab Hofer dem Phänomen den Namen »Nostalgia«, ein Begriff, der die griechi- schen Wörter für »Heimkehr« und »Schmerz« mitein- ander verschmolz. Besonders häufig wurde »Nostalgia« bei Schweizer Söldnern diagnostiziert, die auf den Schlachtfeldern Europas ihr Geld verdienten. Auf diese Weise erhielt das Heimweh den Beinamen »Schweizer- krankheit«, obgleich natürlich auch Soldaten anderer Nationen immer wieder davon befallen wurden: Allein im Amerikanischen Bürgerkrieg wurden mehr als 5000 Fälle von »Nostalgia« dokumentiert, 74 Soldaten sollen an den Folgen sogar gestorben sein. Das amerikanische Militär stufte selbst noch im Zweiten Weltkrieg Heim- weh als offizielle Krankheit ein. Heute wissen wir, dass es keine biologische Ursache für dieses Leiden gibt. Die britische Psychologin Margaret Stroebe definiert Heimweh als »einen negativen emotio- nalen Zustand, der durch Trennung von zu Hause und von Bindungspersonen hervorgerufen wird« – also als eine Art Mini-Trauer, bei der sich die Betroffenen wie nach dem Verlust einer geliebten Person fühlen.

2.

Merkmale

Wer unter Heimweh leidet, denkt ununterbrochen an zu Hause. »Man dreht sich gedanklich im Kreis, grübelt und ist davon innerlich absorbiert«, sagt Friedrich Götz. Der Psychologe forscht an der Universität Cambridge über Heimweh. Gegrübelt wird über Familie und Freunde, das Essen, das Wetter. Allein ein Geruch reicht aus, um sich nach dem Zuhause zu sehnen. Doch das muss keine negativen Folgen haben: Leichtes Heimweh führt dazu, dass wir Kontakt zu unseren Bezugspersonen in der Heimat suchen, um Bestätigung und Halt zu finden. Stärkeres Heimweh macht uns dagegen un- glücklich. Oft empfinden Betroffene Müdigkeit, fühlen sich abgeschlagen, können sich schlecht konzentrieren oder nicht einschlafen – die Symptome ähneln denen einer Depression. Heimweh sorgt auch dafür, dass wir uns weniger für eine neue Umgebung interessieren. Es fällt uns schwer, uns am neuen Ort einzuleben. Dann kann Heimweh mit Ängstlichkeit, Einsamkeit und so- zialer Isolation korrelieren und bereits bestehende Stim- mungsschwankungen, Neurosen oder Schlafprobleme verschlimmern. Einige Studien zeigen sogar Zusam- menhänge mit Internetsucht und Herzerkrankungen.

3. Vorkommen

Weltweit leben über eine Viertelmilliarde Menschen dauerhaft außerhalb ihres Geburtslandes. Besonders starke Sehnsucht empfindet, wer seine Heimat nicht freiwillig verlassen hat. In einer Studie gaben Geflüchtete an, dass Heimweh während ihres Aufenthaltes in Deutschland der größte emotionale Stressfaktor sei. Doch auch wenn ein Exil selbstgewählt ist, vermissen wir unser Zuhause: im Urlaub, auf einer Dienstreise oder als Au-pair. Mehr als die Hälfte der ausländischen

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ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS Heimweh kann so schlimm sein, dass es krank macht. Ein

Heimweh kann so schlimm sein, dass es krank macht. Ein gutes Rezept: Sein Herz für Neues öfnen. Und wissen: Millionen haben es schon überstanden

ö f nen. Und wissen: Millionen haben es schon überstanden Angestellten eines niederländischen Konzerns gaben in

Angestellten eines niederländischen Konzerns gaben in einer Studie an, regelmäßig Heimweh zu empfinden, 19 Prozent sogar besonders intensiv. Auch auf Reise- Blogs wird die Sehnsucht nach zu Hause oft benannt; Studierende im Auslandssemester berichten etwa, wie sie mit Heimweh umgehen. Der Psychologe Friedrich Götz fand heraus, dass das Heimweh von Studierenden im Ausland am Anfang des Semesters am stärksten ist, dann aber linear abnimmt. Die Teilnehmenden seiner Studie hatten ihren Zustand über mehrere Monate jeden zweiten Tag per Smartphone selbst eingeschätzt. Auch bei einem Umzug innerhalb eines Landes sind viele nicht vor Heimweh gefeit: In einer amerika- nischen Studie gaben 94 Prozent der befragten Studie- renden an, in den ersten zehn Wochen in einer neuen Stadt Heimweh verspürt zu haben. Besonders empfind- lich reagieren Kinder: Für eine andere amerikanische Studie wurden Schüler befragt, die ihre Ferien zum ersten Mal in einem Sommerzeltlager verbrachten. Das Ergebnis: 99 Prozent von ihnen litten unter Heimweh. Aber nicht jeder ist gleichermaßen anfällig: Wer emo- tional instabil ist und Schwierigkeiten hat, sich sozio- kulturell anzupassen, hat mehr Heimweh. Ob sie geo- grafisch besonders weit entfernt von der Heimat waren oder die Sprache im Gastland nicht beherrschten, beein- flusste das Heimweh der Befragten dagegen nicht.

4. Zweck

Heimweh ist ein Ausdruck der emotionalen Bindung an die Heimat – und die sozialen Kontakte spielen da- bei unter Umständen eine größere Rolle als der Ort selbst. So gaben in der gerade veröffentlichten Ver- mächtnis-Studie der ZEIT, des Wissenschaftszentrums Berlin und des Infas (Institut für angewandte Sozial- wissenschaft) der Großteil der Befragten an, Heimat sei für sie dort, wo sie sich geborgen fühlen (88 Prozent) oder wo die Familie oder der Partner lebt (80 Prozent). Nur 64 Prozent sehen dagegen ihre Heimat dort, wo sie aufgewachsen sind. »Sind Kinder in Begleitung ihrer Familie, bekommen sie gewöhnlich kein Heimweh«, bestätigt der Evolutionsbiologe Bernhard Verbeek die These von der sozialen Heimat. »So ist das auch bei Nomaden: Sie ziehen von Ort zu Ort, aber die Familie ist immer präsent. Dadurch kennen sie kein Heimweh.« Die Gruppe bietet Sicherheit; wer sich gut binden kann, überlebt in ihrem Schutz. Nichtsdestoweniger kehren Nomaden regelmäßig an Orte zurück, die gute Lebensbedingungen bieten. Dieses Verhalten ist auch in der Tierwelt verbreitet: Störche nisten immer wieder am selben Ort, Kröten wandern zum Laichen kilome- terweit zu ihrem Geburtstümpel. Auf diese Weise kön- nen sie sicher sein, gute Bedingungen für ihren Nach- wuchs vorzufinden. Als unsere Vorfahren noch als Jäger und Sammler lebten, könnte Heimweh eine ähnliche

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DIE ZUMUTUNG

"What's News" VK.COM/WSNWS DIE ZUMUTUNG  Manches Wissen wächst in verdammt hohen Gebieten.

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Manches Wissen wächst in verdammt hohen Gebieten. Trotzdem sollte man sich hin und wieder dorthin aufmachen, auch wenn es richtig anstrengend wird. Willkommen auf dem Pfad der Sexualforschung

Was ist eine Frau?

Dumme Frage, denken Sie. Aber so dumm ist die gar nicht. Erst 1998, da war die Mondlandung fast 30 Jahre her, wurde die genaue Anatomie der Klitoris entdeckt

Text Katrin Zeug

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ГРУППА "What's News" VK.COM/WSNWS  Basislager Gehen Sie erst los, wenn Sie die folgenden

Basislager

Gehen Sie erst los, wenn Sie die folgenden Grundlagen in Ihren Rucksack gepackt haben

D ie beste Vorbereitung für diese Tour wäre es, alles, was Sie über Frauen (und Männer) wissen, zu vergessen:

darüber, wie Frauen fühlen und den- ken, über ihre Begierden, ihre Sexuali-

tät, ihr Verhalten und auch über ihre körperliche Konstitution. Geht aber nicht. Die Vor- stellungen sitzen sehr tief. Darum werden wir Schritt für Schritt vorgehen. Wir beginnen in einem gut abge- sicherten Gelände: In der Regel hat eine Frau – wie alle Menschen – in jedem ihrer Zellkerne, egal ob in Ge- hirn, Leber oder Brust, 23 Chromosomenpaare, auf denen ihre Erbinformationen gespeichert sind. Nur ei- nes dieser Chromosomenpaare unterscheidet sich bei Frauen und Männern: Es besteht bei Frauen aus zwei X-Chromosomen, bei Männern aus einem X- und ei-

nem Y-Chromosom. Das X-Chromosom ist eines der größten Chromosomen des Menschen, mehr als 1000 Gene liegen darauf. Das Y-Chromosom ist eines der kleinsten Chromosomen, mit nur ein paar Dutzend Genen. Dieser Unterschied führt dazu, dass sich unge-

fähr ab der 6. Schwangerschaftswoche bei einem weib- lichen Embryo weibliche Genitalien wie Eierstöcke, Gebärmutter und Vagina ausbilden. Die Eierstöcke und Nebennieren produzieren von Anfang an soge- nannte Geschlechtshormone, die Einfluss auf die Ent- wicklung nehmen. Da Frauen im Durchschnitt mehr Östrogene und weniger Androgene produzieren als Männer, werden Östrogene als »weibliche« und Andro- gene (wie zum Beispiel Testosteron) als »männliche« Geschlechtshormone bezeichnet. Blut transportiert sie durch den Körper an ihre jeweiligen Rezeptoren. Do- cken sie dort an, beispielsweise an der Brust, wirken sie auf die Zelle ein. Kurz vor der Pubertät erhöht sich ihre Produktion. Androgene führen zu einem Wachstums- schub, zu Körperbehaarung, Muskelaufbau und einer Vertiefung der Stimme, Östrogene lassen unter anderem Brüste wachsen, Milchdrüsen, das Becken und die Gebärmutter. Im Laufe der Pubertät bekommen Mäd- chen zum ersten Mal ihre Menstruation. Sie gilt als Zeichen dafür, dass die fruchtbare Phase beginnt, die mit der Menopause, der letzten Menstruation, endet.

die mit der Menopause, der letzten Menstruation, endet. Erster Anstieg Los geht’s! Auf leichten Anhöhen begegnen

Erster Anstieg

Los geht’s! Auf leichten Anhöhen begegnen Sie Erkenntnissen, die Sie ins Schwitzen bringen können

A n dieser Stelle der Tour machen wir einen Abstecher in unbekannteres Terrain. Wir gehen einen Pfad, der seltsamerweise wenig beschritten ist, obwohl er gar nicht so schwer ist und wunderschöne

Aussichten bietet; ein Geheimtipp sozu- sagen. Es geht um die Klitoris, das anatomische Pendant des Penis. Die meisten werden in der Schule gelernt haben, wie ein Penis, vielleicht auch ein Herz oder eine Niere aussieht. Aber eine Klitoris? Fakt ist: Männer kommen durchschnittlich dreimal so oft beim Sex wie Frauen. Dass das nicht an der Anatomie oder anderen

komplizierten Eigenheiten der Frau liegt, legte zuletzt wieder eine 2017 publizierte Forschungsarbeit aus Amerika nahe, für die rund 53.000 Menschen befragt wurden: heterosexuelle Frauen und Männer und homo- sexuelle Frauen und Männer. Das Ergebnis: Am sel- tensten von allen kommen Frauen, die mit Männern Sex haben. Und am häufigsten kommen Männer, die mit Frauen Sex haben. Frauen, die mit Frauen schlafen, haben dagegen so gut wie ebenso oft einen Orgasmus wie Männer, die mit Männern schlafen. Andere Stu- dien zeigten: Das Wissen um die Klitoris korreliert mit der Häufigkeit der Orgasmen der Frau. Je mehr Wissen

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– vor allem der Frauen selbst über ihren Körper –, desto mehr Orgasmen. Unter Forschern und Lehrern hatte dieses Wissen lange jedoch wenig Priorität. Unbekannt war die Klitoris aber natürlich nicht. Die alten Griechen glaubten, das weibliche Genital sei ein männliches, nur nach innen gewölbt. Frauen fehle das Feuer, es auszustülpen. Im Mittelalter wurde eine große Klitoris zum Teil als Zeichen des Teufels und Erkennungsmerkmal einer Hexe gedeutet, manche Ärzte und Hebammen rieten aber auch, sie kreisförmig zu reiben, wenn eine Frau schwanger werden sollte. Realdo Colombo untersuchte sie an der Universität in Prada anatomisch und beschrieb die Klitoris in seinem 1559 erschienenen Buch De re anatomica als den »Sitz der weiblichen Wonne«, und 1844 zeichnete der deut- sche Anatom Georg Ludwig Kobelt sie erstmals im Ganzen. Doch kurz darauf fand der Zoologe Edouard van Beneden heraus, dass der Orgasmus der Frau für die Fortpflanzung völlig überflüssig ist. Während Frauen für ihre Rechte kämpften und erste Erfolge beim Ar- beits-, Familien- und Wahlrecht errangen, kam es in Mode, die unter ihnen angeblich verbreitete Hysterie zu behandeln, indem man ihnen die Klitoris wegoperierte. Als eine Ursache des »weiblichen Leidens«. Auch der elektrische Vibrator wurde in dieser Zeit nicht erfunden, um Frauen Lust zu bereiten, sondern um durch die von ihm ausgelösten »Krämpfe« aufwühlende Gedanken, nervöse Kopfschmerzen und die allgemeine Unleidlich- keit der Frauen zu vertreiben. Der Gynäkologe William Acton schrieb 1857 in einer damals sehr einflussreichen Abhandlung über die »Reproduktionsorgane«: »Grund- sätzlich hegt eine anständige Frau nicht den Wunsch nach eigener sexueller Befriedigung. Sie gibt sich ihrem Mann zwar hin, aber nur, um ihm zu gefallen.« Sigmund Freud trug etwas später ebenfalls dazu bei, dass das mit dem Orgasmus bei Frauen kompliziert wurde: In seinen Abhandlungen zur Sexualtheorie schrieb er 1905, dass zwar die leitende erogene Zone beim Mädchen an der Klitoris gelegen sei, sich diese aber in der Pubertät durch eine »Verdrängungswelle« zum Scheideneingang ver- lagere. Kurz: Der Orgasmus einer reifen Frau habe nicht klitoral, sondern vaginal zu sein. Bis heute hat sich die Idee gehalten, dass eine normale Frau durch die Pene- tration eines Penis kommen können sollte – obwohl die meisten es nicht tun. Als die australische Medizinstudentin Helen O’Connell für ihre Chirurgieprüfung lernte, fand sie in ihrem Anatomiebuch, gedruckt 1985, kaum eine

Erwähnung der Klitoris, geschweige denn eine korrek- te Abbildung. Als ausgebildete Urologin begann sie, Leichen zu sezieren, historisches Material zu sichten, später auch Magnetresonanzbilder und 3-D-Rekon- struktionen zu erstellen, und entdeckte die Klitoris neu:

im Ganzen fast so groß wie ein Penis, ist von ihr nur ein kleiner Teil, nämlich die Klitoris-Eichel, sichtbar. Ge- meinsam mit den Labien, dem Ausgang der Harnröhre und dem Scheidenvorhof bildet die Eichel die Vulva, das äußere Genital der Frau. Nicht sichtbar sind dagegen die Schenkel, die mit der Eichel über einen Schaft ver- bunden und deren Schwellkörper mehrere Zentimeter groß sind. Sie verlaufen rechts und links des Scheiden- eingangs und umschließen hufeisenförmig Vagina und Harnröhre. Betrachtet man ihren Ursprung, stellt sich heraus: So falsch lagen die Griechen mit ihrem Penisver- gleich nicht. Jeder Embryo entwickelt am Anfang einen Geschlechtstrakt, in dem sowohl die Vorläuferstruktu- ren für weibliche wie auch für männliche Genitalien angelegt sind. Nach ein paar Wochen gibt das auf dem Y-Chromosom gelegene SRY-Gen den Startschuss zur Ausbildung der Hoden. Die von diesen produzierten Hormone formen im Normalfall Nebenhoden, Penis, Samenblase und -leiter aus und unterdrücken die Ent- stehung der weiblichen Genitalien. Gibt es dieses Gen nicht, bilden sich Eierstöcke, die Östrogene produzie- ren, sowie Eileiter, Gebärmutter, Vagina, Klitoris und Labien – wobei die Klitoris aus demselben Gewebe ent- steht, aus dem auch ein Penis entstehen könnte. Im Gegensatz zum Penis dient die Klitoris weder der Reproduktion noch dem Urinieren. Sie hat keinen anderen Zweck, als Lust zu bereiten. An ihrer Eichel laufen mehr Nervenenden zusammen als in irgendeinem anderen Körperteil, inklusive Fingerspitzen, Zunge und Lippen – und doppelt so viele wie in der Eichel eines Penis. Sie ist über das Rückenmark mit dem Gehirn verbunden. Bei Erregung – egal ob durch Berührung, andere Sinneswahrnehmungen oder Gedanken – leitet das parasympathische Nervensystem die Informationen in die Klitoris, was dazu führt, dass ihr Schaft steif wird, sich ihre Schwellkörper mit Blut füllen und auf die doppelte Größe aufblähen. Über Berührung wird das sympathische Nervensystem stimuliert, das den Orgas- mus auslöst. Während des Orgasmus kontrahieren die Muskeln des Unterleibs rhythmisch und können so ein- gedrungenes Sperma in Richtung Eileiter bewegen. Anders als der Penis erschlafft die Klitoris danach nicht, sodass mehrere Orgasmen hintereinander möglich sind.

nicht, sodass mehrere Orgasmen hintereinander möglich sind. Unsere Bergführer: Hertha Richter-Appelt ist Psychologin

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