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Philosophie des Geldes – Zum Hauptwerk Georg Simmels


Ein Film von Henning Burk
Beitrag: Volker Eklkofer & Simon Demmelhuber

Inhalt Werk "Philosophie des Geldes" (1900) entwi-


ckelt. Darin stellt er die provokante These auf,
Geld trennt zwischen Oben und Unten dass Geld, eigentlich ein profanes Mittel zur Ab-
wicklung des ökonomischen Verkehrs, in den
Geld als Mün- modernen Gesellschaften mehr und mehr zum
zen oder Schei- "Gott" geworden ist. Geld, so Simmel, durch-
ne ist wertlos - dringt alles, es hat sich zum Selbstzweck aufge-
dennoch mes- schwungen.
sen wir ihm
größte Bedeu- Wie ist das
tung bei und heute? In der
schenken ihm Sendung ste-
Vertrauen. Je- hen aktuellen
der strebt nach Bildern und
Geld und will, selbst wenn er viel davon hat, im- Aussagen von
mer noch mehr besitzen. Moral und Gesetz wer- Börsenmak -
den, wenn es darum geht, große Vermögen an- lern, Finanzbe-
zuhäufen, nicht selten ausgeblendet. Superrei- amten, Spie-
che frönen einer maßlosen Geldgier und bedau- lern und weite-
ern wohl nur, dass sie sich noch immer kein ewi- ren Protagonisten die Thesen Simmels ungefil-
ges Leben kaufen können. Die "systemrelevan- tert gegenüber und belegen die Aktualität seines
ten" Banken sind ungeachtet aller Krisen und Denkens.
staatlicher Hilfspakete nach wie vor groß und
mächtig. Sie nehmen ungeniert Einfluss auf die
Politik, ihre Vorstände und Führungskräfte erhal- Fakten
ten obszön hohe Einkommen. Noch 2008, im
Jahr ihrer Pleite, schüttete die Hypo Real Estate Georg Simmel
(HRE) ihren Managern Bonuszahlungen in Höhe Soziologe und "Großstadtphilosoph"
von 25 Millionen Euro aus.
Georg Simmel wird am 1. März 1858 in Berlin
Geld - es ist wichtig, weil wir es begehren als Sohn eines wohlhabenden, zum Christentum
konvertierten jüdischen Kaufmanns geboren. Als
Als virtuelles Buchgeld vermehrt sich Geld ohne der Vater 1874 stirbt, übernimmt Julius Friedlän-
jeden direkten Bezug zu den Waren wie von der, ein Musikverleger, die Vormundschaft; spä-
selbst und wird immer mehr - bis die Blase ter hinterlässt er Simmel seinen Besitz. Dieser
platzt. Diese Analyse stammt nicht aus der Zeit entscheidet sich für eine akademische Laufbahn
der Finanzkrise 2008/09, sie ist über hundert und studiert Geschichte, Kunstgeschichte und
Jahre alt. Georg Simmel, einer der Gründungs- Philosophie an der Friedrich-Wilhelms-Universi-
väter der deutschen Soziologie, hat sie in seinem tät Berlin. Obwohl protestantisch getauft, begeg-

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net er schon früh antisemitischen Ressentiments, Georg Simmel und die


die seine Karriere in den kommenden Jahren be- Eigendynamik des Geldes
hindern. Trotz einiger Widerstände wird er 1881
promoviert. Eine ordentliche Professur bleibt ihm Um den Handel
verwehrt, es muss sich 1885 mit dem Titel eines zu erleichtern, er-
Privatdozenten begnügen. fand der Mensch
das Geld und
Simmel, des- machte damit die
sen Denken u. Arbeitsteilung
a. von Darwin möglich. Wer Wa-
und Nietzsche ren gegen Waren
beeinflusst tauschen wollte,
wird, macht musste nicht
sich bald einen mehr auf die beschwerliche und zeitraubende
Namen als Suche nach geeigneten Partnern gehen. Zu-
Mitbegründer nächst wurde mit Muscheln oder Feuersteinen
der Soziologie. bezahlt, dann kamen metallische Münzen zum
1892 erhält er Einsatz. Ihre Handhabung war jedoch kompli-
einen Ruf auf ziert, der Transport nicht ungefährlich. So stell-
einen soziologischen Lehrstuhl der Universität ten die Vorläufer unserer Banken in der frühen
Chicago, doch er bleibt Berlin treu. Dank seines Neuzeit gegen Hinterlegung von Gold papierene
ererbten Vermögens kann er als unabhängiger Schuldscheine als Zahlungsmittel aus. Aus die-
Wissenschaftler leben und arbeiten. Seine Vorle- sen privaten Banknoten entwickelten sich die
sungen werden zu regelrechten Events, zahlrei- Geldscheine. Schließlich ging das Geldschöp-
che Bewunderer füllen die Hörsäle, Frauen sind fungsmonopol auf den Staat über, der im Gegen-
bei ihm - zum Ärger mancher Kollegen - als zug Rechtssicherheit versprach.
Gasthörerinnen willkommen.
Geld erhielt eine Trifunktionalität
Das aufstrebende Berlin des Industriezeitalters
fasziniert Simmel, die kapitalistische Dynamik • als neutrales Tauschmedium,
der Stadt und ihre besondere Ästhetik werden • als verbindliche Recheneinheit und
zum Forschungsgegenstand. Simmel heiratet die • als Wertaufbewahrungsmittel.
Malerin und Schriftstellerin Gertrud Kinel. In
seinem Haus verkehren u. a. die Dichter Ste- In einer eingespielten Geldwirtschaft musste
phan George und Rainer Maria Rilke, auch der man nun nicht mehr alle Wertverhältnisse von
Philosoph Ernst Bloch ist sein Gast. Simmels Waren untereinander kennen, sondern nur noch
Interesse ist breit gefächert. Neben sozilogischen den jeweiligen Geldwert. Zudem sanken, dank
Schriften schreibt er Ideenportraits z. B. zu Goe- der Liquidität des Geldes, die Transaktionskos-
the und beleuchtet, manchmal auch unter Pseud- ten. Vertreter der klassischen Nationalökonomie
onym, Themen wie Mode, Essen oder Parfüm. sahen das Geld als neutralen "Schleier" über
Im Jahr 1900 veröffentlicht er die "Philosophie dem güterwirtschaftliche Geschehen liegen.
des Geldes", 1908 das Werk "Soziologie". Geld, so ihre Auffassung, ist nur ein Mittel zum
Handeln, hat aber keinen wirklichen Einfluss auf
1908 scheitert ein Ruf an die Universität Heidel- wirtschaftliche oder gar gesellschaftliche Prozes-
berg an der Missgunst eines antisemitischen His- se.
torikers, der ein vernichtendes Gutachten über
ihn verfasst. 1910 wird er nicht einmal zum Fest- Der Philosoph und Soziologe Georg Simmel
bankett anlässlich des 100. Gründungsjubiläums hält das für einen Irrtum. Geld meint er, ist nicht
der Berliner Universität eingeladen. Erst 1914, neutral, es wirkt sich gerade in der Moderne
im Alter von 56 Jahren, wird Simmel auf einen spürbar auf die gesellschaftliche und wirtschaftli-
Lehrstuhl berufen - zu seinem Leidwesen nach che Entwicklung aus und treibt sie voran. Sim-
Straßburg, aus der Sicht eines Berliners in die mel argumentiert wertrelativistisch: Dinge entwi-
tiefste Provinz. Am 26. September 1918 stirbt er ckeln ihren Wert dynamisch in einem Wechsel-
an Leberkrebs. prozess.

Ausführliche biografische Informationen liefert Bei seiner Einführung hatte Geld durchaus einen
Georg Simmel online. substantiellen Wert (Gewicht, Metallwert der

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Münzen), sonst hätten es die Menschen nicht an- grenzt Geld Schichten voneinander ab, Wohlha-
erkannt. Mit dem fortschreitenden Ausbau der bende sind "sozial bevorzugt". Simmel erläutert
Geldwirtschaft entfiel der Eigenwert des Geldes dies am Beispiel des Fahrens mit der Bahn in
mehr und mehr - schon seine bloße Existenz ge- der 1. Klasse: "Allein man erkauft mit dem höhe-
nügte bald, um die Wirtschaft anzukurbeln. Da- ren Preise das ausschließliche Zusammensein
mit war die Wandlung vom Substanzwert zum mit Personen, die einen solchen nur anlegen, um
Symbolwert eingeleitet. Im Zeitverlauf änderte von den billiger Fahrenden abgeschlossen zu
das Geld seinen Charakter und übernahm eine sein. Hier kann sich der Wohlhabendere einen
Doppelrolle: Einerseits diente es der Abwicklung Vorteil ganz unmittelbar dadurch, dass er mehr
des wirtschaftlichen Verkehrs, andererseits ver- Geld bezahlt - nicht erst vermöge eines sachli-
folgte es "eigene" Ziele und schwang sich zum chen Äquivalents für seinen Aufwand - verschaf-
Selbstzweck auf - indem es Begierden schuf, fen."
Wünsche und Bedürfnisse in die Welt setzte.

Die Geldwirt-
schaft brachte
den Menschen
individuelle
Freiheit. Sie
konnten sich
aus überliefer-
ten Traditionen
und Abhängigkeiten lösen und wurden selbstän-
diger. Dazu Simmel: "So ermöglicht das Geld,
indem es zwischen den Menschen und die Dinge
tritt, jenem eine sozusagen abstrakte Existenz, Geld fördert aber auch die Entwicklung eines
ein Freisein von unmittelbaren Rücksichten auf freien Arbeitsmarktes und die Entstehung vieler
die Dinge und von unmittelbarer Beziehung zu spezialisierter Berufe. Gesellschaften können
ihnen, ohne das es zu gewissen Entwicklungs- sich auf diesem Wege entfalten (doch wer nicht
chancen unserer Innerlichkeit nicht käme; wenn mitspielt, wird schnell an den Rand gedrängt).
der moderne Mensch unter günstigen Umstän- Auch kulturelle Vielfalt entsteht, ohne ein funktio-
den eine Reserve des Subjektiven, eine Heim- nierendes Geldsystem wären die meisten kultu-
lichkeit und Abgeschlossenheit des persönlichs- rellen Errungenschaften ebenso wenig denkbar
ten Seins - hier nicht im sozialen, sondern in ei- wie Modetrends. Technische Neuerungen und
nem tieferen, metaphysischen Sinn - erringt, die neue Medien (als Simmel seine "Philosophie des
etwas von dem religiösen Lebensstil früherer Geldes" verfasst, sind dies Telegrafie und Tele-
Zeiten ersetzt, so wird das dadurch bedingt, dass phonie) erfahren den entscheidenden Schub
das Geld uns in immer steigendem Maße die un- durch die Geldwirtschaft.
mittelbaren Berührungen mit den Dingen erspart,
während es uns doch zugleich ihre Beherrschung
und die Auswahl des uns Zusagenden unendlich Ersatzreligion Geld
erleichtert."
Je abstrakter Geld wird, desto "gottähnlicher"
In der Moderne wird es. Eine entfesselte Geldwirtschaft gibt eini-
verleiht Geld gen Menschen weit mehr Freiheiten, als ihnen
seinen Besit- die "alten Religionen" je einräumten. Zynismus
zern Potenz, es und "Blasiertheit" sind typische Begleiterschei-
regt ihre Phan- nungen. Schließlich verselbständigt sich die
tasie an und be- Geldwirtschaft und drängt andere Lebenszwecke
flügelt das Kon- in den Hintergrund. Die ökonomischen Akteure
kurrenzdenken. können das Geld nicht mehr kontrollieren.
Wer Geld hat,
fühlt sich als Jemand, der sich ohnehin schon alles kaufen
Gestalter und kann, wird von dem Bedürfnis getrieben, ein im-
hat zudem Macht. Geld ist universell einsetzbar mer größeres Vermögen anzuhäufen, um die
und öffnet den Zugang zu allem, was Menschen Reize des Geldes noch zu verspüren. Vor allem
produzieren können. Mit Geld lässt sich Arbeits- in den Großstädten, wo die Banken das Leben
kraft ebenso kaufen wie Kreativität. Zudem dominieren, lässt sich dieser Trend zum Streben

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nach Geld als einzigem Ziel beobachten. "Die Simmels Werk ist keine ideologische Schrift,
entweder offenbare oder in tausend Gestalten sondern eine nüchterne Beobachtung der
verkleidete Geldhaftigkeit der Beziehungen", so Geldwirtschaft.
Simmel, "schiebt eine unsichtbare, funktionelle
Distanz zwischen die Menschen."
Den Kapitalismus will Simmel nicht attackie-
Und weiter: "Der ren. Für Simmel brachte das Geld den Men-
Mangel an Definiti- schen Freiheit, doch das einstige Mittel zum
vem im Zentrum der Handeln mauserte sich zum Lebenszweck,
Seele treibt dazu, in zur Ersatzreligion, die bei der Sinnsuche in
immer neuen Anre- die Irre leiten kann.
gungen, Sensationen,
äußeren Aktivitäten
eine momentane Be- Die vollständige Fassung der "Philosophie
friedigung zu suchen; des Geldes" ist bei Georg Simmel online zu
so verstrickt uns die- finden.
ser erst seinerseits in
die wirre Halt- und Ratlosigkeit, die sich bald als
Tumult der Großstadt, bald als Reisemanie, bald
als die wilde Jagd der Konkurrenz, bald als die
spezifisch moderne Treulosigkeit auf den Gebie-
ten des Geschmacks, der Stile, der Gesinnun-
gen, der Beziehungen offenbart."

Didaktische Hinweise

Die Sendung kann in den Fächern Sozialkunde, Arbeit-Wirtschaft-Technik sowie Wirtschaft und
Recht ab der 9. Jahrgangsstufe eingesetzt werden.

Lehrplanbezug (Bayern)

Mittelschule

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9. Jahrgangsstufe
9.7 Ein aktuelles Thema
Politik und Gesellschaft stehen vor erheblichen Herausforderungen. Die Schüler sollen nach ihrer
Interessenlage ein bedeutsames Thema aus dem politischen Geschehen aufgreifen und
multiperspektivisch untersuchen. Sie erhalten auf diese Weise die Möglichkeit, sich an der
Themenwahl sowie an der Methodenbestimmung zu beteiligen. Dadurch wird ihr Interesse für
politische Fragen geweckt, ihre Einsichtsfähigkeit in Zusammenhänge gestärkt und ihr politisches
Wissen vertieft.
9.7.1 Zugang
- Themenwahl
- Leitfragen
- Methodenbestimmung, z. B. Medienrecherche, Expertenbefragung
9.7.2 Untersuchung
- mögliche Aspekte, z. B. politische, soziale, historische, geographische, rechtliche, ethische,
religiöse, wirtschaftliche
- Verknüpfungen und rationale Urteilsbildung
9.7.3 Präsentation
- sachgerechte, verständliche und übersichtliche Darstellung, in der Zusammenhänge aufgezeigt
werden

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Arbeit-Wirtschaft-Technik
9.5 Aufgaben und Bedeutung der Geldinstitute

Realschule

Wirtschaft und Recht


9. Jahrgangsstufe
9.1 Geld- und Kapitalmarkt

Sozialkunde
10. Jahrgangsstufe
10.4 Strukturen gesamtwirtschaftlicher Vorgänge
- Volkswirtschaftliche Verflechtungen und Wechselbeziehungen
- Wechselbeziehungen zwischen den einzelnen Wirtschaftsteilnehmern

Gymnasium

Wirtschaft und Recht


9. Jahrgangsstufe
9.1 Wirtschaftliches Handeln der privaten Haushalte
- Entwicklung und Funktionen des Geldes

Lernziele

Die Schülerinnen und Schüler sollen


• Einblick erhalten in das Denken des Soziologen und Philosophen Georg Simmel (1858-1918);
• Simmel als aufmerksamen Beobachter ökonomischer Vorgänge kennen lernen;
• verstehen, dass die Thesen Simmels bis heute nichts an Aktualität eingebüßt haben;
• angeregt werden, Geld als vermeintlichen Träger einer quasi-religiösen Verheißung zu
hinterfragen;
• über eine sich verselbständigende Geldwirtschaft nachdenken.

Arbeitsaufträge / Beobachtungsaufträge

Begründen Sie, warum Banker und Börsianer Georgs Simmels "Philosophie des Geldes" lesen
sollten! Warum sind Simmels Beobachtungen aktuell?

Wie wirkt sich - laut Simmel - das permanente Streben nach Geld auf die Psyche des Menschen aus?
Welche Folgen hat das für den Zusammenhalt einer Gesellschaft?
Wie wird die Kultur beeinflusst?

Diskutieren Sie, warum gerade viele "Superreiche" maßlos geldgierig sind. Warum häufen sie immer
größere Vermögen an, die sie niemals ausgeben können? Warum hinterziehen sie, wie z. B. der Ex-
Postchef Klaus Zumwinkel, Steuern, obwohl sie ohnehin über ein Millionenvermögen verfügen?

Warum haben Moral und Gesetz in der Finanzwirtschaft zunehmend weniger Gewicht?
Versuchen Sie, im Sinne Simmels zu argumentieren!

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Literatur- und Internettipps

Flotow, Paschen v. Geld, Wirtschaft und Gesellschaft. Georg Simmels Philosophie des Geldes.
Frankfurt: Verlag Suhrkamp, 1995 (ISBN-10: 3518287443)

Rammstedt, Otthein. Hg. Georg Simmels "Philosophie des Geldes": Aufsätze und Materialien.
Frankfurt: Verlag Suhrkamp, 2003 (ISBN-10: 351829184X).

Simmel, Georg. Philosophie des Geldes. Köln: Verlag Glb Parkland, 2001 (ISBN-10: 3893400060).

Links

http://socio.ch/sim/index_sim.htm
Georg Simmel online

http://socio.ch/sim/geld/index.htm
Georg Simmel online: Die Philosophie des Geldes

http://www.simmel-gesellschaft.de/
Georg Simmel Gesellschaft

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