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sonntag KURIER 31.

OKTOBER 20] 0

s
vonjohanllilhag~

chaun Sie mich bitte nicht


an, Ich schau' furchtbar
aus! Es schaut furchtbar
aus! Sie können sich nicht
vorstellen, was gestern los
\'.'3r", sagt die Hausherrin in
breitem \\'ienerisch lind
bittet, ihr Visavis Platz zu
nehmen, Vorbei an ihrem
Schreibtisch, der überstlt ist mit Papiersta-
peln,Vorbei an Müllsacken, die vullgepackt
sind mitgespenderer Kleidung, glauht man,
sich vorstellen zu können, was sie meint.
Doch das, was in den nächste n eineinhalb
Stunden an Eindrücken wie Erzählungen
folgt, übersteigt die Vorstelhmg.
Ute Bock, 68, Seit zehn JahrellinPension,
sitzt hinter ihrem Schreibtisch im "Verein
flOchtlingsprojekt Ute Bock" im zwei/en
\Viener Bezirk u nd will zu erzählen begin-
nen, was los war, als dasTelefo n läutet. "Mo-
ment! Buck. Ja. Ja. Ja, ichkümmere mich dar-
um." Nach drei weiterenAnrufen von Hilfe-
suchenden, die innerhalb kürzester Zeit foI -
gen, legt sieden Hürer beiseite. »Können Sie
mich dann hier einsperren, damit ich erzäJl-
len ka nn?" ,fragl.sieeinen ihrer SO ehrenamt-
lichen Mitarheiter, der einen Mül!sack mit
Kleidern zu den bereits vorhandenen in die
Küche pfercht. "Das ist eine missbrauchte
KOche" , schickt sie voraus, ehe sie in selbige,
die nebenan liegt, geht. "Wir haben nichl
den Platz lilld d ie Leute, um alle Spenden
gleichzu verstaue n undzu sortieren. Wullen
Sie einen Kaffee?" Ja, man will. Die mitge-
brachte Topfengolatsche will sie nicht.
"Danke, aber mir reicht der Kaffee. Ich ess'
immer erst gegen vier oder fünf Uhr."
Um diese Uhrzeit hat sich dip gebürtige
Linzerin bereits neun Stunden um jene ge-
kümmert, die in ihr Wiener Vereinshaus
kommen, weil sie einen SchlafplatzslIchen,
eineMeldezetteJbrauchen,Rechtsberatung
in ihrer Muttersprache benötigen, kein Geld
für E$Sen oder Kleidung haben. Es sind A~yl­
werber, Hüchtlinge, politisch Verfolgte, die

frOhstück mit ute bock

"Wenn man ein Problem hl


Unerbittlich. Die pensionierte Erzieherin (68) kümmert sich um Asylwerber, denen es an allem auch an diesem Vormi\tag vor Bocks BUro in
fehlt. Bei Kaffee spricht sie Klartext in puncto Spenden, Erziehung und eigenes Aussehen. der Großen Sperlgasse 4 sitzen und auf Hilfe
hoffen. "Das \'I'ichtigste ist ihnen, dass sie
hier gemeldet sind. DieAngst illegal zu sein,
auf der Straße aufgehalten zu werden und
sich nicht ausweisen zu können, ist furcht-
har", sagt Bock und deute t auf einen Stapel
an eingeschriebenen Brict"en.

Gewogene Hausherren Dank ihres Engage-


mentssind rund 1400 Menschenoffiziell bei
ihr gemeldel, verfUgen über eine Postan-
schrift. Dankder \VienerTafel, einer Blicke-
reiundeinemHandlervomHannovermarkt
gibt es gratis Lebensmittel. Dank Benefiz-
Festivals \\ie "Bock auf Kultur", bei denen
Kabarettisten und Musiker seit 2003 zu-
gunsten ihres Vereins auftreten, und dank
Dokumentar-Filmen wie "Bock for Presi-
VON kURIER AM SONNTAG. S. 37 dent" (2009) und "Die verrückleW eh der U te
Bock" (2010) ihres Ex-Schwagers, dem
Psychiater und Filmemacher HuuchangAI-
AUFLÖSUNG OES RÄTSELS lahyari, die auf ihre Arbeit aufmerksam ma-
• • • • G • • • S • • • I.B • • • O.K • • • • • SUDDKU-ltlSUNGEN
APA.R I SOTTO_RAUCH.EEN_STAU
chen, wird gespendet. "Ich bekomme jeden
.RASANT. ROTW I LO_eAOGASTE 1 N Ersten im Monat einen Pack'll Kontoauszü-
SOS.V.AGENT.STE I F.S_P_R I ST ge, wo ich seh', wie viele 20 oder 30 Euro
_F.RUNo.e_ . L E I PZ I G_ I
HOFER.TEER L I EBe.e.pe spenden. Das ist großartig. Aber es ist nie ge-
.R_ I .AKH_A . T _S.AMBER nug!"15.000Euro brauchtsiemollatlich,um
.M I Mose_e H .ZA E H N E. R . Bedürftigen Geld für Essen geben zu kön-
L ANS.TRAUM WENN.K.ASS
• • V.A RN. L. _. R_G EMU E T nen. Rund 40.000 Euro kostel die Instand-
_MARNE. t LL _PUTeR_H_U haltung der Wohnungen in der Engerlhstra-
_UL.OISNEY .EF.W.ZOPF
.S 1 MENON.R.A • • A_.T.G 1 RA F F E ße,imKabeiwerkuder in derGoldschJaggas-
. 1 OEN_H_B 1 LLARO_GUTES.U.L. sc, in denen 400 Menschen wohnen, .. weil es
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.A.CRe eK.ese LE I_R 1 TT E R.AGA Hausherren gibt, die mir gewogen sind", er-
ALP I N I_T UR I N.PANNE.ER L ESEN
Laubengang (1-10J
I.OSUNGEN EINS PASST NICHT
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VISUll ILLUSIONS ltlSUNG
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kltlrtBock.
Sie selbst wohnt über ihrem Büro, neben
Frauen uod Familien mit zwei bis vier Kin-
dern. Demnächst kommt einesechsköpfige
>,0) .&""""''''' ........... '''...,_._ Familie dazu. "Ich brauch' ka eigene Woh-
,;'I _ " '·... E'd' ~t&...._ " ... _ . E_ -'-'- "' ~""' ''''''' '''''''
nung auße rlw lb. Ich bill eh immer da", sagt
31. OKTOBER 2010 m ein sonn lag KURIER
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Lt, rennt man nicht davon ll

Bock, die nach der Volksschule in Traun im sich wegen Drogenhandels festgenommen, 11te
dritten Bezirk aunvuchs . .Jcll mach' das al· Bock des Drogenmissbrauchs verdächtigt.
les nicht allsGlaubensgründen.lch will ein- Die Anklage wurde fallen gelassen, das
fachnichtglauben,dassderMenscheinczu- Schlotternde Knie Diese Sorgen sind "Mama Image blieb. "Ich werd' immerwiederdrauf
fallige, sch lccht.c chemische Verbindung Bock", wie sie viril' ncnnen, geblieben. Die angesproch' n, aber mittler.veile is' es mir
ist." Seit wann sie das weig, erkltlrt sich strengen Irziehungsmethoden atlch. "Ich wurscht. Nur die Menschen, die sind mir
durch ihre 'lila. "Ich habe mich nach der 1...1a~ sag' immer: .Hearst, sei ein Mann! v".'ovor nicht\~urscht."
tura bei deTS tadt Wien gemeldet, d ie damals fürchtest du dich? \\"enn's ein Problem gibt, Es sind Armenier, Bulgaren, Rumänen,
nur tl-Beamte in der Erzieherei aufgenom- dann finden wir einen Lösung!'" Selbst nie Tschetschenen oder Kosovaren, denen sie
men hat. Man hat mir gesagt: ,Machen Sie Angst gehabt? "Kein. Ned \~irklich . Ko - "belfen muss. weil ich nicht anders kann",
das zwei I ahre und dann gehen Sie in die Ver- miseh,abcriehhab'immererstimnachhin- und denen sie immer sagt: "Lernts die Spra-
wallUng: Ich hab' ja Buchhaltung g'lernt." ein schlotternde Knie", sagt sie, lacht und che, suchts Arbeit. nehmts es als Chance,
Aus zwei lahren sind 48 gewurden. denkt an eine Situation wie diese: "Da wo llte vennasselts es nicht."
Begonnen hat alles 1%2 in Biedermanns·
dorf, in einem Ileim für schwererziehbare Strumpfstricken Ute Bock spricht mit ihnen
Somlerschüler. "Meine Familienverhältnis- sonntagsfragen allen nur deutsch, "ich komm' damitdurch,
se waren nicht die besten, aber",,'as ich da er- weil ich mittlerweile weif~, was sie brau-
lebt habe, war grauenhaft, sag' ich Ihnen." langschläfer oder ehen" . Was braucht es seitens der Politik, der
\\'as genau? "Burschen, die daheim miss· Frühaufsteher? Medien? "Darauf aufmerksam machl'll!Die
handelt worden sind, gedroschen bis zum Als ich Heimmulter in Bieder· achtjtlhrigen Schwestern aus dem Kosovo
Schädelbasisbruch. Einmal hat einer vun ei- mannsdorf war. musste ich im sind ja nur zwei. Aher wo sind die 200, die
nem Erzieher eine verpasst bekommen, so- mer um fünf Uhr aufs tehen. die schon abgeschoben worden sind, und die
dass er Nasenbluten hat te, die V'i and voll war Hauslüre aufs perren. die ersten 200,dieesbaldwerden?DasistnichtdieFek-
mit BI utspri tzern. So was vergisst man nicht. Burschenaufwecken DJs ist mir ter allein . Das ist die Bundesregierung."
Daran gewöhnt man sich, aber es ist einem gebliehen: Ich wache jeden Tag Auch deshalb will Ute Bock nicht in den
einfach nicht egal!" Dass andere an ihrer umfünf Uhr auf. zwischen sieben Ruhestand geben. ,,\'\-'as soll ich denn tun?
Stelle davo ngerann t wären, quittiert sie mit und Jcht Uhr sIehe ich Jut Mich in den Park setzen, die Kronenzeitung
einem Lachen. "Dasis t meineErziehung. Bei lesen und Strumpf stricken? Eine Zeit lang
uns zu Haus'wardas so: ,\Venn man Prob le- habe ich Marken gesammelt, aber die habe
me har, dann rennt man nicht davon, geht ichhergeschenkt." Ihr Herzhat sie nie anje-
irgendwohin raunz'n, sondern wird damit manden verschenkt. ~Tcll ""'ar nie sehr an-
fcrtig!" Ein Satz, der sitzt, ZIl111al sie ihn mit sprechend." \Vie bitte? "Naja, mein rauer
einem Handschlag auf den Tisch unter- Ton ", sagt sie trocken, nimmt einenSchluck
STreicht. Kaffee, lässt den Satz beim Gegenüber si-
Sie, die tl.lteste Tochter, Schwester Helga ckern u nd lacht. "Schaun S'. Ich bin so. Ich
und Bruder Michael wurden vom Vatcr ,,,der mach' das bis ich umfalle. Ganz sicher."
immer im Mittelpunkt war. weil ihm alles
andere wurscht war", sTreng erzogen. ,Aber
wirwurdenniemisshandelt.MeinVaterwar
selbstständig, meine Mutter Sekretärin . Wir