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ALTSTIPENDIATEN DER STIFTUNG

Der Chancen-Ökonom
GUIDO NEIDHÖFER, ein junger Wissenschaftler mit internationaler Erfahrung, hat sein Thema
gefunden: die Chancengleichheit. Seine Forschungen sind ein Plädoyer für Bildungsgerechtigkeit.
Text Dirk Manten – Foto Wolfgang Roloff

G
rundschulbesuch in Florenz, Abitur in Neidhöfers: „Sie ist allein schon ökono- Vorschule für Sinti- und Roma-Kinder und
Bonn, Bachelorstudium in Rom, Mas- misch wichtig, jenseits aller Überlegungen unterrichtete dort über mehrere Jahre hin-
terstudium und Promotion in Berlin, zur sozialen Gerechtigkeit, da eine erfolg- weg einen Tag pro Woche in Fächern wie
dazwischen Forschungsaufenthalte in Städ- reiche Volkswirtschaft auf die Förderung Geografie und Italienisch. In Lima wieder-
ten wie Buenos Aires oder Lima: Guido aller vorhandenen Talente und Fähigkeiten um arbeitete Neidhöfer in einem Projekt
Neidhöfer (33) hat eine beeindruckende angewiesen ist.“ Ungleichheiten sind für ihn für Kinder und Jugendliche mit, die von
Bildungsbiografie. Die internationale Pers- „nur dann akzeptabel, wenn sie das Ergeb- Klebstoff, Lösungsmitteln und anderen
pektive prägt auch die wissenschaftliche Drogen abhängig waren.
Arbeit des zugewandt-freundlichen Ökono- Nach Abschluss seiner Promotion war
men. Neidhöfer, der in Rom geboren wurde Guido Neidhöfer, der auch Mitglied der
und neben der deutschen auch die italieni- Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
Foto: privat

sche Staatsbürgerschaft besitzt, hat 2017 im (GEW) ist, einige Monate als wissenschaft-
Böckler-Promotionskolleg „Steuer- und licher Mitarbeiter beim Deutschen Institut
Sozialpolitik bei wachsender Ungleichheit“ für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin
promoviert. tätig, bevor er im Herbst vorigen Jahres in
In seiner Arbeit über den globalen Zu- die Abteilung Arbeitsmärkte, Personalma-
sammenhang zwischen Einkommensun- nagement und soziale Sicherung des re-
gleichheit und sozialer Mobilität zeigt nommierten Zentrums für Europäische
Neidhöfer unter anderem, dass Menschen Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim
aus bildungsfernen Familien, die zudem in wechselte.
ärmlichen Verhältnissen aufwuchsen, im Seinen Kernthemen, den Ursachen und
Vergleich zu Menschen aus bildungsnahen Guido Neidhöfer als Student (2000) Folgen ökonomischer Ungleichheit und der
Milieus weit geringere Chancen haben, ei- sozialen Mobilität, wird Guido Neidhöfer
nen besseren sozialen Status zu erlangen als auch an seiner neuen Wirkungsstätte ver-
ihre Eltern. Außerdem sind Menschen aus nis unterschiedlicher persönlicher Anstren- bunden bleiben – nicht zuletzt weil seine
bildungsnahen Familien viel eher in der gungen sind, aber nicht, wenn sie durch Forschungstätigkeit in der Wissenschafts-
Lage, die soziale Position der Eltern zu hal- ungerecht verteilte Startchancen zustande community bereits Anerkennung gefunden
ten oder gar auszubauen. kommen“. hat. Bereits 2016 wurde ihm, als er im Vor-
Aus diesem Befund leitet Neidhöfer Chancengleichheit ist aber auch jenseits feld seiner Doktorarbeit in einer Studie den
„ganz eindeutig“ die politische Forderung des professionellen Wissenschaftsbetriebs Zusammenhang zwischen ökonomischer
ab, dass der Staat „in bessere Bildungsmög- ein wichtiges Thema für Neidhöfer. Von Ungleichheit und den sozialen Aufstiegs-
lichkeiten für Kinder aus bildungsfernen seinen Eltern, beide Astrophysiker, hat der chancen einer Generation in Lateinamerika
Familien investieren“ muss. „Das fördert die Vater zweier Kinder eine Sensibilität für untersuchte, der mit 2500 US-Dollar dotier-
Chancengleichheit.“ Benachteiligte übernommen. Während sei- te Nancy and Richard Ruggles Memorial
Chancengleichheit ist der Dreh- und nes Bachelorstudiums gründete er in Rom Prize für Nachwuchswissenschaftler ver­
Angelpunkt der wissenschaftlichen Arbeit zusammen mit Kommilitonen eine Art liehen.

52 MITBESTIMMUNG  |   Nr. 4  |   August 2019


aus der stiftung

Guido Neidhöfer vor dem ZEW: „Ungleichheiten


sind nur akzeptabel, wenn sie das Ergebnis unter-
schiedlicher persönlicher Anstrengungen sind.“

MITBESTIMMUNG  |  Nr. 4 | August 2019 53