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BUCHBESPRECHUNGEN

Kulturgeschichte

Hans Belting: Das Unsichtbare Meisterwerk. Die modernen Mythen der Kunst,
München: Beck,1998, 551 S.

Als vor ungefahr zehn Jahren Hans Beltings Buch "Bild und Kult" erschien, machte
der Leser Bekanntschaft mit einem uberaus soliden, um Vollstandigkeit bemuhten
Buch der kleinen Schritte, in Rankes Geist und Stil erfaBt und stets um das Grund-
sdtzliche bemuht. Man fragte sich natfrlich, wie der Weg des Verfassers weitergehen
wurde, der die Bildwelt so beeindruckend bis an die Schwelle zur Neuzeit ausgeleuchtet
hatte.
Dal3 Belting das Grundsdtzliche nach wie vor am Herzen lag, hatten schon die
problemreichen Abhandlungen zum "Ende der Kunstgeschichte" zwischenzeitlich
verraten. Ob aber Dichte, Sicherheit und Llberzeugungskraftdes ersten groBenWurfes
in dem neuen Buch gewahrt blieben, das war nun die erste Frage. Und die zweite war
naturlich auf den Inhalt gerichtet: Wie wurde es sich fortsetzen?
Beltings Thema ist die ,,Erz£hlung" der beiden Jahrhunderte moderner Kunst. Weil
er aber glaubt, daBeine "offizielle Nacherzahlung nichts Neues bieten" konne (S. 10),
greift er zu einer "List", wie er etwas selbstironisch zugibt: Er stellt in Anlehnung an
Balzacs Erzahlung vom ,unbekannten Meisterwerk' die immer wieder von modemen
Künstlern gewagten Ansatze zur Verwirklichungeiner im Grunde utopischen Werksidee
dar. Das fiihrt ihn zur Untersuchung der Quellen und Vorbilder der Modeme, zur
Entstehung von Gemdlde- und Kunstsammlungen in Italien und Frankreich und in die
Gefilde der Rezeptionsdsthetik.
Dann beginnt sich ein Rad zu drehen, welches in immer neuen Ansdtzen von der
Aufnahme vermeintlich maf3stabsetzenderWerbebeispieleaus Antike und Renaissance
(Venus von Milo, Mona Lisa, Sixtinische Madonna) bis zu den aktiven kiinstlerischen
Untemehmungen modemer Meister von Gericault und Rodinbis zu Picasso und Marcel
Duchamp, ja bis zu einer Stippvisite bei den Amerikanem fiihrt. Belting geht bei dieser
erzdhlendenErklarung der Modeme den vorwiegendfranzosisch ausgeschildertenWeg,
den man auch auf literaturwissenschaftlichem Gebiet mit Erfolg beschritten hat (H.
Friedrich). Seine Darstellungsweise ist weit angestrengter und gesuchter als in seinem
Opus maximum, aber dafur auch interessanter, abwechslungsreicher und oftmals
geradezu souveran, was sich nebenbei an der konsequenten Ffnfteilung aller Kapitel
zeigt und sicher auch zeigen soll.
Man vermag allerdings nicht ganz einzusehen, weshalb die bisher als Paradebeispiele
in der Sammlung der Helden und Martyrer der modemen Kunst angesehenen Goya,
Seurat, Ensors, Rousseau, Braque (Erfinder und bedeutendster Bannertrager des
Kubismus), Dali, Giacometti, Miro, Max Ernst aus der franz6sischen oder frank-
reichnahen Riege im Kampf um das unmogliche Meisterwerk nicht auftreten. Die
Willkur des Funferrhythmus wurde nicht unbedingt gestort. Weshalbwird zum Beispiel
KandinskysWirken, nicht aber das von Klee, der so viel hintergrundigerund vielseitiger
ist, untersucht? Etwa nur, weil bei ihm nicht die Aufgipfelung sines Meisterwerks
vorliegt? Ob eine solche 3brigens bei Kandinsky mit der Komposition VII aus dem
Jahre 1912 wirklich so deutlich erfolgt, sei dahingestellt.

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Wenn man die Wirkung des Buches einem Res3mee unterwerfen will, so mischen
sich der Respekt vor einer originellen und vielfach zutreffenden Analyse modemen
künstlerischen Wollens und Wirkens mit dem Zweifel, ob die Theorie des unsichtbaren
Meiterwerks ein guter Ansatz gewesen ist. Die AuBerachtlassung derart vieler
traditionell als Trager der Modeme eingestufter Kfnstler diirfte diesen Zweifel
rechtfertigen.
Es muB nachgtragen werden, daB Belting sich mit Geduld und Scharfsinn den
wenigen Meisterwerken von Marcel Duchamp widmet, der es wie kaum ein anderer
verstanden hat, die Mitwelt mit raffinierten Kompositionen vor Rdtsel zu stellen und
durch lange Schaffenspausen und Tricks im Gesprach zu bleiben. Belting kommentiert
und interpretiert ihn eingehend und iiberzeugend. Es fdllt auf, dal3 er die beiden
Schamanen der ndchsten Generation, die in vielem seine Nachfolger waren und grol3te
Breitenwirkung hatten, namlich Beuys und Klein, vollig fbergeht: Eine Zurfckhaltung,
fur die man ihm nicht undankbar ist.
Mönchengladbach Hans Sprenger

Peter Betthausen: Peter H. Feist, Christiane Fork, Metzler Kunsthistoriker Lexikon,


Stuttgart/Weimar: Metzler, 1999, 523 S.
Wer sich mit Kunstgeschichte eingehender beschaftigen will, wird sich schwerlich
mit der neuesten Fachliteratur zufrieden geben. Zumal dann, wenn man in einem
Meinungsstreit Stellung beziehen muB, diirfte es notwendig werden, dessen Ursachen
nachzugehen. Dann konnte ein Lexikon wie das vorliegende aul3erstdienlich werden.
Bringt es doch die einzelnen Kunsthistoriker der frtiheren Generationen in ein
geordnetes Beziehungssystem und konnte somit jeden Forschenden befdhigen, die
Moglichkeiten einer gesicherten weiterfiihrenden Auskunft besser abzutaxieren.
Das vorliegende Lexikon bietet diese Hilfen in reichem MaBe, weil es neben dem
Werdegang der einzelnen Wissenschaftler auch deren wichtigste Werke und auch die
kritischen Stellungnahmen der zeitgenossischen Fachkollegen umfaBt.Berucksichtigt
werden 200 Personen, die "das Erforschen, Bewahren, Sammeln, Verstehen und
Verbreiten bildender Kunst, eingeschlossen die Architektur und die sogenannte
angewandte Kunst, folgenreich vorangebracht oder in einer fiir ihre Zeit typischen
Weise betrieben haben" (S.V), und deren Lebenswerk abgeschlossen vorliegt. Die
Auswahl umfa6t auch die Vorstufen einer im strengeren Sinne kunstgeschichtlichen
Wissenschaft aus den letzten vier Jahrhunderten, beriicksichtigt aber lediglich
deutschsprachige Autoren, einschlieBlich derer, die, von der NS-Diktatur vertrieben,
spater in anderen Sprachen weiterver6ffentlicht haben. Dagegen konnte eine gr6Bere
Anzahl von Archdologen, die mit antiker Kunst befal3twaren und die Methoden der
mittleren und neueren Kunstgeschichte mitbestimmt haben, nicht berfcksichtigt
werden. Eine Ausnahme stellen Winckelmann und einige Spezialisten der alteren
aul3ereuropaischenund der fruhgeschichtlichen Anfange der Kunst dar.
Die Konzeption des Lexikons bringt es mit sich, daB den Viten aller behandelten
Kunsthistoriker ein sehr groBer Platz eingerdumt wird. Dagegen treten die Disziplin-
geschichte und die Erorterung methodischer Fragen ziemlich zuruck. Einiges von
diesem Rfckstand kann durch Verweise auf parallel gelagerte Falle aufgefangen
werden. Die grol3tenDefizite deckt aber die jedem Artikel angeschlosseneBibliographie
ab, die eine gute Vorstellung von den Arbeitsgebieten der einzelnen Forscher bietet.
Die Beitrage nehmen viele Anregungen der Kunsthistorikerportraits von Waetzoldt
(1921, 1924), Hfttinger (1990) und Dilly (1988, 1990) auf und fuhren diese weiter.
Sie sind in ihrem Vorgehen gut aufeinander abgestimmt und durchweg sorgfaltig

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gearbeitet. Die zupackendste und durchsichtigste Darstellungsweise findet sich wohl


bei dem jungsten Mitglied der "Mannschaft", Christiane Fork. Die Haltung gegenuber
den portratierten Wissenschaftlem ist grundsatzlich verstandnisvoll. Meinungsstreit
wird mit peinlich eingehaltener Sachlichkeit, Rivalitat so gut wie nie dargestellt.
Interessant ist die Beurteilung von aul3enseiterischenLiebhabem des Fachgebietes.
Zwar ist hier ein gewisser Kastengeist unfberh6rbar, aber in dem goetheschen
BewuBtsein, daB ein gutwilliger und ertragreicher wissenschaftlicher Dilettantismus
unerlal3lich sei, gewinnt man auch dem Wirken dieser Parias Jberwiegend positive
Seiten ab (Scheffler, Hausenstein). Die Wissenschaftler, die Peter H. Feist portratiert,
sind entweder dezidiert sozialistisch oder ebenso entschieden volkisch eingestellt, es
sind judische Kunsthistoriker besonders aus dem Warburginstitut oder aber problem-
atische, in sich widerspruchliche Charaktere. Feist meistert seine Aufgaben immer
mit Bravour. Peter Betthausen hat unter anderem die Aufgabe, Leben und Werk der
unbedingten Hitleranhanger (Pinder, Weigert, Schrade, Stange) zu beurteilen. Er
,,erledigt" sie mit viel Sarkasmus. Im fbrigen sind ihm die Portrats der fdhigsten
Hochschullehrerpersonlichkeiten anvertraut: Filetstücke in einem Gemfse-Lamm-
Eintopf.
A1önchengladbach Hans Sprenger

Vidya Dehejia(Hg.): Devi. The Great Goddes. Female Divinity in Southem Asian
Art, Arthur M. Sackler Gallery, Washington in association with Mapin Publishing,
München: Ahmedabad and Prestel Verlag, 1999, 408 S. mit 250 Abb.

Das Buch begleitet als Katalog die bisher groBte Ausstellung, die der Darstellung
weiblicher Gottheit in der Kunst Sfdostasiens gewidmet ist. Die einzige nennens-
werte fru'here Ausstellung dieser Art, veranstaltet 1980 von der Universitat von
Califomien, fand in einem weit bescheidenerem Rahmen statt. Hier dagegen wer-
den immerhin Objekte aus 36 Sammlungen in USA, London und der Schweiz, die
aus 13 Staaten Indiens, aus Nepal, Tibet, Pakistan, Sri Lanka und China stammen,
vereinigt. DaB aber trotz dieser Fiille auch nicht der leiseste Eindruck von Vollstiin-
digkeit erregt wird, darf niemanden verwundem, der den riesigen Raum Südostasi-
ens (mit Kemland Indien), die zeitliche Spanne von gut 2000 Jahren und die ohne-
dies so iippige Vielgestaltigkeit indischer Kunst in Betracht zieht, die sich so sehr
von der Kunst anderer Lander, zum Beispiel der Agyptens mit ihrer relativen Homo-
genitat, unterscheidet. _
Neun Forscher teilen sich in der ersten Halfte des Buches in die Aufgabe, Haupt-
aspekte weiblicher Gotterdarstellung in indischer Kunst aufzuweisen. In groBenZiigen
widmen sich die Beitrage zunachst uberwiegend den mythischen Ursprungen der
religi6sen Kunst, vor allem den vedischen und tantrischen Schriften, ihren Gedich-
ten, Geschichten und ausgiebigen Gesprachsszenen, um dann immer betonter auf
die bildnerische Umsetzung dieser Vorgaben fberzugehen. Die Beschreibung der
Tempel und ihres überquellenden Figurenschmucks liefert eine Vorstellung des at-
mosphafischen Rahmens derartiger G6tterdarstellungen, wobei die Besonderheiten
der Volkskunst in den Rückzugsgebieten des mittleren Indien mit ihrem geheimnis-
vollen, fast totemischen Charakter eingehend gewürdigt werden. SchlieBlich er6ff-
net die Erorterung des Verhaltnisses der Modeme zum mythischen Bereich psycholo-
gischen Uberlegungen breitesten Raum.
Ganz anders geht man in den letzten 200 Seiten zu Werke. Unter der nuchtemen
Überschrift "Catalogue" sind Bilder und Figuren selbst Ausgangspunkte aller Er6ff-
nungen. Damit wird dem von allgemeinen Exkursen schon etwas ermfdeten Leser

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endlich Leben und Anreiz zu angeleiteter Mitarbeit geboten. So geht man zum Bei-
spiel von einer Auswahl von Bildem der berühmten "Tantric series" aus dem 17.
Jahrhundert aus, kleinen, meist rotgeranderten Bildtafeln, die trotz ihrer einge-
schrdnkten Farbskala rituelle Szenen von hochster Ausdruckskraft wiedergeben.
Zusammen mit den früheren und spateren "Rasamanjari Series", die ungefahr gleich-
zeitig im Punjabgebirge entstanden sind und aus derselben Malerfamilie stammen
diirften, bilden sie offensichtlich die Hohepunkte der Ausstellung. Sicher schlagen
diese Miniaturen des 17. Jahrhunderts den Bogen zu dem ersten "Devi Mahatmya"
- Manuskript des ffnfien oder sechsten Jahrhunderts - der Titel bedeutet "Ruhm der
Gottin" -, in dem die oberste Gottin als eine geheimnisvoll vielgestaltige, bisweilen
gftige, bisweilen furchterregende, alles Menschliche und G6ttliche fberragende
Gestalt erscheint. Sie gehort zu den wenigen Gottheiten, in deren Verehrung fast alle
Stamme Indiens bis heute übereinstimmen und von deren Macht auch die plasti-
schen Werke der Ausstellung eine eindrucksvolle Vorstellung geben.
Der "Katalog" leistet dem Leser auch insofem unschdtzbare Dienste, als er die
oben angedeutete Vielseitigkeit der G6ttin in groBen Abschnitten vor Augen fiihrt:
als kosmische Macht als Spenderin, als Heldin und Geliebte, als Schutzherrin (mit
vielen regionalenAbwandlungen) und schlie131ichals glfckverheiBende Seherin. Der
Herausgeber Vidya Dehejia, der ohnehin schon in mehreren einleitenden Kapitein
die Autorschaft iibemonimen hatte, ist bei der Einrichtung des Katalogs fast iiberall
(mit)tdtig gewesen. Ihm ist es sicher auch zu verdanken, daB die ersten Kapitel des
Buches ihre wohlabgestimmte Komposition erhielten. Wenn auch die Uberlappung
stofflicher Bereiche zu Wiederholungen, wenn auch unterschiedliche Sehweisen zu
manchen breiten Erorterungen gefuhrt haben, so sieht man an deutlichen Kfrzungen
in den Kapiteln iiber Tempel und Schreine oder iiber Regional- und Stammes-
gottheiten, daB die naheliegenden darstellerischen Gefahren in Grenzen gehalten
wurden. Gelegentliche Breite in den Kommentaren zu Bildem und Skulpturen des
zweiten Buchteils erweisen sich bei naherem Hinsehen und Uberlegen ohnehin fast
immer als Erfillung begnindeten Erkldrungsbedarfs. Fazit: Ein imponierendes
Gemeinschaftswerk mit einem guten Lenker vor und hinter den Kulissen. Die Aus-
stattung des Bandes 10t fbrigens keine Wfnsche offen.
M6nchengladbach Hans Sprenger

Renate Lohse-Jasper: Die Farben der Schönheit. Eine Kulturgeschichte der Schmink-
kunst, Hildesheim: Gerstenberg Buchverlag, 2000, 190 S.

In seiner programmatischen Schrift "Was ist und was will die Geistesgeschichte?"
(Gottingen 1959) hatte Hans-Joachim Schoeps ein neues Fach entworfen, dem er
aufgab, Historiographie mit einer neuen Optik, auf der Grundlage eines bislang ver-
nachldssigten Quellenmaterials, auszustatten, und diese "Geistesgeschichte im Sin-
ne der Zeitgeistforschung" als eine Moglichkeit zu begreifen, Geschichte auch von
unten, aus der Durchschnittlichkeit des Alltags und der jeweils maBgeblichen,
meinungs- und stilbildenden Schicht darzustellen. GewiB hat diese wissenschafts-
politische Absicht nicht die Gunst der Stunde gefunden, die Geistesgeschichte im
Sinn der Zeitgeistforschung hat jenes Schicksal erlitten, das Hans-Joachim Schoeps
an vielen seiner "untypischen" Helden festgestellt hat: sie waren vom Zeitgeist nicht
besonnt und fanden als Unterlegene oder Vorboten im zeitgenossischen Umfeld kei-
ne Beachtung. Kommt hinzu, dass sich die Geschichtswissenschaft inzwischen eine
neue, gleichsam alltagsgeschichtliche Sichtweise zugelegt hat und auch die eher
beildufigen Quellen verstarkt zur Kenntniss nimmt. Trotzdem kann die Geistes-

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geschichte im hier gemeinten Sinn mit ihrem wahrhaft interdisziplindren Charakter,


die Verschrdnkungen mehrerer Lebensbereiche in einer bestimmten Zeit und deren
Manifestationen aus Ausdruck epochaltypischen Zeitgeistes besser charakterisieren
als das mit den bisher gewohnten Mitteln erreicht werden konnte.
Dieser Vorspruch zur Anzeige des hier in Rede stehenden Buches ist berechtigt,
weil hier ein Versatzstuck menschlicher Gesittung, eben das dubere Menschenbild
und seine Manipulation, in einen kulturgeschichtlichen Zusammenhang gebracht
wird, und weil hier Kosmetik, Hygiene, auch Literatur und Kunst einer Epoche zu-
sammenfinden und auf einander bezogen werden. Frau Lohse-Jasper beabsichtigt,
dem Untertitel gemdb, eine Kulturgeschichte zu schreiben, und das hat sie opulent,
sprachlich gefdllig und reich an Querverweisen auf zeitgleiche Ereignisse und Per-
sonen denn auch geleistet. Dabei kommt ihr zudem eine intime Kenntnis der deut-
schen und italienischen Literatur zustatten.(pp. 56, 81, 100, 158); nebenbei: in as-
thetischen Zusammenhangen kommt natfrlich intensiv Thomas Mann ins Gesprach.
Der erste Eindruck nimmt fur das Buch ein: es ist reich bebildert, und zwar nicht
mit nur landläufigen Ansichten, aufwendig ausgestattet, das Buch hat auch verdien-
termaben "seinen Preis", die Darstellung parliert scheinbar mfhelos zwischen kul-
turgeschichtlichen, kiinstlerischen, literarischen Belegen hin und her; freilich, der
Versuchung nicht ganz widerstehend auch mal eine grelle Pointe oder eine gefallige
Leichtigkeit an die Stelle der historischen Niichternheit zu setzen (z. B. p. 81, iiber
die mannliche und weibliche Putzsucht, p. 167 uber Bodypainting und Punks); das
macht die Lekture auch fur den, dem Gegenstand selbst etwas Femerstehenden durch-
aus angenehm und eingangig. Absicht der Darstellung und ihre Ausfuhrung machen
schon die ersten Satze der Einleitung klar:
"Die Freude an Farben geh6rt zu den wichtigsten menschlichen Grund-
erfahrungen. Sie zieht sich durch von der Hohlenmalerei bis zum Farbfemsehen -
und bis zum modischen Schminktopf. Die Kunst der Korperbemalung ist iiber 30.000
Jahre alt: ... Das menschliche Empfinden reagiert sensibel auf die Begegnung mit
Farbe. Fur Baudelaire war das 'naive Sehnen' nach farbigem Korperschmuck ein
Ausdruck hochster 'Geistigkeit der Seele'...".(p. 6)
Und diesem Sehnen folgt Frau Lohse-Jasper von den "Frühen Hochkulturen"
(pp.9) , 3ber den,,Zauber der Renaissance" (pp.41), uber "Empire und Biedermeier"
(pp.72), iiber "Die Modeme und das 20. Jahrhundert"( pp.120), gleichsam die belle
epoque fur den hiesigen Gegenstand, bis hin zu einem Vorblick "Aufbruch ins neue
Jahrtausend" (pp.164), der mit der Chiffre "Klonphantasien" ( pp. 164) die jahrhun-
dertealte Sehnsucht nach unsterblicher Sch6nheit und nach dem EbenmaB unbe-
schddigter Korperlichkeit einfangt.
Verf. umschreibt diesen Gang durch die Kulturgeschichte mit den spater dann
ndher ausgefiihrten Stationen:
"Diese Kulturgeschichte der Schminkkunst beginnt mit babylonischen Salbolen
und Pomaden, bldttert dann in Kleopatras Handbuch der Sch6nheitsrezepte, besucht
die Insel der Aphrodite und folgt den archaologischen Spuren des Kosmetik bis zu
den Nymphen Kretas und dem Luxus der Thermen im alten Rom. Wir erleben den
Zauber der Renaissance, spfren den Duft der Madame Pompadour, besuchen den
"Dandy-Club" im London des 19. Jahrhunderts und flanieren auf den Pariser Boule-
vards der Belle Epoque ..."(p. 6)
GewiB ist die hier nur angedeutete Epochengliederung in der Darstellung selbst
breiter ausgelegt; nicht allenthalben sind die politisch-historischen Segmentierun-
gen mit den kulturgeschichtlichen kongruent, zumal dann nicht, wenn politisches
Alltagshandeln und kiinstlerisch-literarischer Zeitgeist auseinanderfallen. Das gilt

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wohl insonderheit fur die kulturelle Abstinenz der Politik im endenden 19. Jahrhun-
dert ( pp. 73).
Aber neben den aesthetischen Aspekten beobachtet die Arbeit auch die 6ko-
nomischen, die zumal in der 'Zeit der Modeme' ein zunehmend grol3eres Gewicht
bekommen. So geben die Deutschen (Frauen und Manner) pro Jahr 17,1 Milliarden
DM fur Kosmetika aus; fur den anthropologischen Selbstbetrug der ebenmal3igen
Schonheit und jugendlichen Korperlichkeit ist offenbar kein Preis zu hoch. Und die
prognostische Ahnung von H. M. Enzensberger wird vermutlich nicht zum ökono-
mischen Crash-down der GroBen im kosmetischen Gewerbe fuhren: "Der Luxus der
Zukunft verabschiedet sich vom Überflüssigen und strebt nach dem Notwendigen"
(pp. 173).
Wir mfssen hier die Darstellung nicht im Einzelnen nachzeichnen, wollen aber
auf einige, uns vielleicht noch aus familiarer Nahe anwehende Erinnerungen hin-
weisen : etwa auf die Rolle der Frau, der Mftterlichkeit, der Kosmetik in der natio-
nalsoziahstischen Propaganda (p. 137), auf die burgerliche und gemfthafie Gesellung,
fiir die die Marke 4711 steht (p. 138), auf die Mondialitdt, die die AVON-Beraterin
vorspielte (p. 140), auf die Trdume von Luxus und groBer Welt, die sich mit den
Düften der groBen Hduser (besonders Y. S. Laurent, pp.159) intemationalisierte, auf
den "Mythos der Schonheit", den das Femsehen auch in die Politik hineinmani-
pulieren mochte (p.174). Mit solchen Versatzstfcken aus der Lebenswelt am Ende
des 20. Jahrhunderts, die uns Frau Lohse-Jasper auch anbietet, wird nicht die groBe
Zeitgeschichte geschrieben, aber Aufklarung uber Zeitempfinden und Zeitgeist ge-
geben, die handgreiflicher ist als kulturpessimistisches Geraune.
Homburg Joachim H. Knoll

Politikgeschichte

Karl H. L. Welker:Rechtsgeschichteals Rechtspolitik.Justus Möser als Jurist und Staats-


mann (Osnabrücker Geschichtsquellen und Forschungen, 38), 2 Teilbde. Osnabrück:
Verein für Geschichte und Landeskunde von Osnabrück, 1996, XL, 1217 S.

Dieses wahrhaft monumentale Werk, mit dessen erstem Band derAutor in Frank-
furt a. M. zum Dr. jur. und mit dessen zweitem Band er in Osnabruck zum Dr. phil.
promovierte, beabsichtigt erstmals ein wirklich umfassendes Bild der gesamten -
schriftstellerischen wie auch juristischen und politischen - Tatigkeit des groBen
Osnabrucker Schriftstellers und Politikers Justus Moser (1720-1794) zu geben. Bis-
her beschrdnkte sich die durchaus reichhaltige Forschung entweder darauf, die ideen-
geschichtliche Stellung Mosers als Schriftsteller der deutschen Aufklarung zu um-
reiBen und ihn mit wenig passenden Etiketten wie "Konservativer" oder gar "Gegen-
aufkldrer" zu versehen, oder andererseits darauf, allein den Juristen und Politiker zu
untersuchen. Welker nimmt, und hierin liegt der groBe Vorzug seiner Arbeit, beides
in den Blick, und die Jurisprudenz dient ihm dabei als das vermittelnde Medium
beider Bereiche. Die Arbeit will Moser "erstmals sowohl als Schriftsteller als auch
als Praktiker gerecht werden", denn er war eben "nicht lediglich ein politisch enga-
gierter aufkl5rerischer Historiker und Literat, sondem zugleich aus voller Neigung
juris consultus".
DemgemaB verfolgt die Studie zwei Hauptziele. Zum einen geht es darum, aus
dem umfanglichen und in seiner Artüberaus disparaten schriftstellerischenWerk M6sers

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- das Dichtungen ebenso umfasst wie eine Fullejoumalistischer und tagespublizistischer


Beitrage, schlieBlich auch eine unvollendet gebliebene "Osnabruckische Geschichte"
- die Entfaltung seiner historischen und juristischen Sichtweise herauszupraparieren..
Die fberwiegende Zahl seiner Publikationen war, worauf Welker immer wieder mit
Nachdruck hinweist, nicht darauf gerichtet, literarischen Ruhm zu erwerben, son-
dem vielmehr "durchtrankt von dem Bedfrfnis, politische Entscheidungsprozesse
einzuleiten oder direkt mitzugestalten". Und zum anderen ist es das Anliegen der
Arbeit, den historisch-theoretischen Hintergrund der "rechtspolitischen Pragmatik"
M6sers aufzuhellen, d. h. es geht um den Nachweis, dass der groBe Osnabrfcker
seine politischen und rechtlichen Entscheidungen stets vor dem Hintergrund ausge-
breiteter und intensiver eigener historischer Forschungen getroffen hat. In genau
diesem Sinne ist der Titel "Rechtsgeschichte als Rechtspolitik" zu verstehen: Politi-
sches Handeln auf dem Hintergrund der Rückversicherung durch Analyse und Er-
hellung historischer Zusammenhdnge.
Welker kann nachweisen, dass dies um die Mitte des 18. Jahrhunderts nicht ein-
mal als etwas besonders Ungewbhnliches galt, denn in dieser Zeit waren, wie er
sagt, "vielfach der staatliche Normbestand wie auch die Rechtsanspruche einzelner
weitgehend unuberschaubar. Die ErschlieBungvon Urkunden und sonstigen Quellen-
texten, aus denen sich juristisch verwertbare Aussagen ergaben, setzte regelma6ig
archivalische Forschung voraus." Justus Moser war aber zweifellos, so das Resultat
der weit ausgreifenden Untersuchungen, ein fast unerreichbarer Meister dieses Fa-
ches, der das Wechselspiel zwischen Rechtsgeschichte und Rechtspolitik zu perfek-
tionieren verstand: So besteht die Hauptthese des Werkes denn auch in der Feststel-
lung, dass Moser "aufgrund seinerAuswertung geschichtlicher und juristischer Kennt-
nisse immer wieder von neuem die von ihm eingenommene rechtspolitische Positi-
on [bestimmte]. Dabei gewann der MaBstab der vorgenommenen Einschatzungen
wiederum die Bedeutung eines überzeitlichen Korrektivs."
Die zwei Bande entsprechen den beiden Elementen dieser These: "Theorie" ist
der erste betitelt, "Praxis" der zweite. Breit und ausfuhrlich rekonstruiert der erste
Band, nach einem konzisen Überblick uber die bisherige Forschung, das literarische
Schaffen Mosers, wobei sich der Autor erfreulicherweise nicht nur auf die im enge-
ren Sinne historisch-politischen Schriften beschrankt, sondem wirklich das Gesamt-
werk einbezieht: bewundemswert prazise Interpretationen widmet er dabei auch der
Tragodie "Arminius" und dem 1761 erschienenen Beitrag zur zeitgenossischen
Literaturästhetik "Harlekin, oder Verteidigungdes Grotesk-Komischen", aus der sich
interessante Aufschlfsse iiber die Wesensart des Osnabrückers gewinnen lassen.
Erhellend sind auch die Abschnitte, in denen Welker die Auseinandersetzungen
M6sers mit anderen prominenten Autoren der deutschen Aufklarung rekonstruiert
und auf diesem Wege die Eigenart der M6serschen Positionen gerade im Medium
der Kontrastierung - und zwar mit Friedrich Carl von Moser, Moses Mendelssohn
und Immanuel Kant - verdeutlichen kann. Mosers Absolutismuskritik wird wieder-
um anhand seiner Auseinandersetzung mit den Schriften und der Politik Friedrichs
des GroBen eingehend dargelegt. Hier erscheint der Kleinstaatspolitiker als Vertei-
diger des organisch und historische Gewachsenen gegen die Anspruche des zentrali-
stischen Machtstaats, als Anwalt des partikularen Rechts gegen Uberformung durch
generalisierende Kodifikation.
Der zweite Band wiederum zeichnet unter der Überschrift "Der unbekannte
Moser" zum ersten Mal iiberhaupt, und zwar unter Auswertung eines auBerordent-
lich umfangreichen Quellenmaterials und auf der Grundlage einer hieraus gewonne-
nen stupenden Detailkenntnis, die Berufslaufbahn des Protagonisten nach, der sich
vom Sekretar der osnabrdckischen Ritterschaft bis zum Landesdeputierten des Furst-

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bistums heraufarbeitete, der als "Advocatus Patriae" schlieBlichzum einflussreichsten,


die Geschicke des kleinen Territoriums geschickt (wenn auch nicht immer erfolg-
reich) leitenden Politiker aufstieg. Der Reichtum gerade dieses Teils der Arbeit, der
weit mehr ist als nur eine biographische Studie oder eine Rekonstruktion der inneren
Geschichte des Ffrstbistums zwischen 1750 und 1790, kann an dieser Stelle nur
angedeutet werden. Besonders aufschlussreich sind die Abschnitte uber Mosers Rolle
wahrend der Sukzessionsstreitigkeiten der Jahre 1764/65 und iiber Mosers Agieren
als Konfessionspolitiker. Aus der Bikonfessionalitat des kleinen Landes erwuchsen
in Osnabruck immer wieder Probleme, und der "Advocatus Patriae" musste sich
stets aufs Neue fiir die Schaffung von Bedingungen dafiir einsetzen, "daB die unter-
schiedlichen Konfessionsangehorigen ohne wechselseitige Storung miteinander le-
ben konnten"; die Konflikte, die das Alte Reich im GroBen zu bewaltigen hatte,
waren hier im Kleinen zu losen.
Welker kann mit seiner umfassenden, detaillierten und in jedemAbschnitt grund-
gelehrten Studie deutlich machen, dass es notwendig, ja dringend erforderlich war,
"von Mosers Schaffen ein Gesamtbild ohne Ruckgriff auf die im Schrifttum gdngi-
gen Attribute zu zeichnen." Die ebenso juristisch fundierte wie auch auf praktisches
Handeln gerichtete Voraussetzung seiner reichen schriftstellerischen Tatigkeit hat
Welker zweifelsfrei, mit umfassenden und iiberzeugendenargumenten, nachweisen
konnen. Mosers historisches Rechtsdenken half ihm nicht nur, so der Autor zusam-
menfassend, "sich im standischen Gefuge des Furstbistums Osnabrfck eine
einflussreiche Stellung aufzubauen, sondem ermoglichte ihm auch, mit rechts-
historischen Kenntnissen die Ausgestaltung einer Rechtspolitik zu unterstftzen, die
nicht allein in gefestigten Traditionen stand, sondem unter dem Anschein, auf altes
Recht zuruckzugreifen, auch dazu beitragen konnte, 'neues'Recht zu schaffen."
Speyer Hans-Christof Kraus

Ulrich Bielefeld und Gisela Engel (Hg.): Bilder der Nation, Kulturelle und politi-
sche Konstruktion des Nationalen am Beginn der europäischen Moderne; Hamburg:
Hamburger Edition HIS Verlagsgesellschaft,1998, pp 440.

Am Ende des Jahrtausends sind vielerlei Adjektive im Umlauf, mit denen offenbar
eine Fin de siecle Stimmung bekundet werden soll: postmateriell, postkapitalistisch,
postmodem und auch, im Gegenlauf zur sichtbaren Realitdt, postnational, so als
seien mit politischen Vereinheitlichungsprozessen und groBraurnigen Konstellatio-
nen die Nation und damit auch das Denken in abgrenzenden nationalen Chiffren an
ihr Ende gekommen. Wir kennen die Begriffe und Phanomene, die die angenommen
durchgangige Tendenz zur Universalisierung und Globalisierung in Politik, Wirt-
schaft und Kultur konterkarieren: Subsidiaritdt und Dezentralisierung aus dem Sprach-
gebrauch der Europaischen Union, Regionalisierung und Ethnisierung aus dem
Sprachgebrauch des EuropaRates. Die Transformation in grobrdumige, rational struk-
turierte und konzipierte Gebilde scheint einen Verlust von Beheimatung, von sozia-
ler Sicherheit und von Sicherheit in Sprache und Kultur der fur maBgeblich gehalte-
nen Gruppe mit sich zu bringen, weshalb "Heimat" und "Nation", in vielleicht auch
neuerer Konnotierung, als Sicherungsinstrumente gegeniiber Anonymisierung und
Bindungslosigkeit wieder favorisiert werden. Auf jeden Fall kann das Diktum von
der postnationalen Epoche so einfach nicht durch die Realitdt und die Identifikations-
suche in der überschaubaren Region oder Gemeinschaft approbiert werden.
Das MiBverstdndnis ruhrt nicht zuletzt daher, da(3 "Nation" in dem engen Ver-
bund von Nation, Nationalstaat und 19. Jahrhundert gesehen wird und sich solcher-

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maBen zeitlich und raumlich eingrenzt. Deshalb mag auch die vorliegende Publika-
tion auf die laienhafte Verwunderung stoBen, wie denn Nation und frühe Neuzeit
zueinander passen; ein Begriff von Nation, der sich nicht an die Definition von Na-
tion im politischen Vokabular des 19. Jahrhunderts heftet, konnte solche Verwunde-
rung sehr rasch aufheben. Zunachst stellen wir, ausgehend von der Realitat und den .
politiktheoretischen Diskursen fest, daB der Begriff "Nation" auch heute noch taugt,
um die politisch gewollte Gemeinschaft eines durch Sprache und Kultur definierten
Volkes zu beschreiben. Er hat fbrigens im Zusammenhang mit dem Gedankens des
"nation-building" afrikanischer Entwicklungslander im Zuge ihrer politischen Eman-
zipation eine neue Dynamik erhalten, die darin liegt, daB, ausgehend von der
Ethnisierung auffalliger und dominanter Bev6lkerungsgruppen, Staatenbildung im
Sinne von Nation durchaus ein Konzept sein kann, das dazu hilft und beitrdgt die
vorhandenen ethnischen Abgrenzungen zu fberw61ben und zu friedlichem Mitein-
ander zu animieren.
Da freilich der Begriff "Nation" in seiner Verschwisterung mit "Nationalismus"
.
beschadigt ist, wird eine Definition geboten sein, die nicht nur auf die politische
Dimension sieht, sondem auch deutlich macht, daB in ihr Kultur, Sprache, Raum
und Zeit aufgehoben sind. Bfndige Definitionen, die sowohl die geschichtliche, wie
auch die aktuelle Dimension erreichen, finden sich am Ende des Bandes in dem
Beitrag der Konstanzer Anglistin Aleida Assmann, "Die Gleichzeitigkeit des
Ungleichzeitigen. Nationale Diskurse zwischen Ethnisierung und Universalisierung"
(pp. 379). Dort heiBt es iiber einige Schliisselbegriffe u. a.: "Ethnien sind lands- _' <
mannschaftliche Verbdnde, die Herkunft, Region, Sprache und Brauchtum mit ein-
ander teilen" ..."Nationen sind demgegenfber WiR-gruppen von ausgedehnterer
Reichweite und abstrakter Koharenz. Sie bilden einen Integrationsverband fur un-
terschiedliche Ethnien" "...Nationalstaaten sind solche Herrschaftsformen, die der
Nation politische Selbstbestimmung zuerkennen", "..Nationalismus schlieBlich ist
eine kampferische Bewegung, die entweder die Politisierung ... oder aber die
Ethnisierung eines Nationalstaates betreibt" (p. 388f). Mit diesen Definitionen, und
mit diesem Beitrag insgesamt, wird die Geschichte an die Gegenwart herangeffhrt.
Damit kontrastiert diese Darstellung mit der soziologischen Manier, die im abschlie-
Benden Beitrag auch geschichtliche Formen mit modemen Umschriften versieht, so
wenn etwa "Nation" als "Grol3kollektiv" etikettiert wird. (p. 430). Die anderen Bei-
trage lassen indes den Nation-Begriff dort, wo er ihrem Thema gemal3 hingeh6rt,
namlich an dem je geschichtlichen Ort. Die diesem Essay-Band zugrunde liegenden
,,Symposien befal3ten sich (ndmlich) mit den Konstruktionen des Nationalen in der
Fruhen Neuzeit bis zu Erscheinungsformen des Nationalen in der Gegenwart" (p. 8),
also im Sinne einer interdisziplindr angelegten, chronologisch verfahrenden
Historiographie des Begriffes und der Inhalte von Nation.
Gisela Engel, Mitherausgeberin des Bandes, hat in einer geschickten Einleitung
neben der Zusammenstellung der Ertrdge des Gesamtarrangements und wesentli- .
cher Aspekte der Einzelbeitrdge vor allem auf Merkmale abgehoben, durch die sich
die Nation-Diskussion deutlicher konfiguriert: Das Land (p. 19f), Die K6rper (p. 20
ff), Literarischer Stil (p. 26ff), Die Konfession (p. 28ff), Die Juden (p. 33f), Die
Verrdter (p. 34ff). Auch bei ihr und den Einzelbeitrdgen wird wiederholt auf die
Ambiguitat des Nation-Begriffes verwiesen, wobei sie allerdings auch das Einver-
nehmen notieren kann: "Die Autoren und Autorinnen gehen mehr oder weniger be-
tont alle von einem Verstandnis von Nation aus, das nicht auch automatisch den
Nationalstaat mit seinen gelaufigen Charakteristika meint"(p. 13). Die meisten Bei-
spiele werden dem englischen Kontext in Literatur, Geschichte, Geographie ent-
nommen, wohl vor allem deswegen weil sich der Nation-Begriff am Beginn der

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Neuzeit am englischen Beispiel eher unmil3verstandlich reproduzieren und analy-


sieren IdBt.Auf dem Hintergrund der englischen Geschichte, ihrer Literatur, aber
auch der Monarchie und der geographischen Insellage kann der Nation-Begriff im
Sinne der fruhen Neuzeit eine klare Rahmung erhalten.
Der Gemeinsamkeitsvorstellung des Nation-Begriffs ist gewiB auch Ab- oder
Ausgrenzung jener nahe, die aufgrund besonderer, z.B., religioser Merkmale von
der Mehrheitsgesellschaft nicht als Teil von ihr akzeptiert werden. Das kann insbe-
sondere auf die Juden im England am Beginn der Neuzeit angewendet werden, die
als "nationless nation" bezeichnet, im England des 17. Jahrhunderts " auf Basis reli-
gi6ser Kriterien als Nation definiert werden, die kein Land hat, fiber das sie verffgt"
(p. 34); so nachzulesen in dem Beitrag von David S. Katz in freilich etwas anderer
Umschrift: Ein Nationalismus ohne Nation: Die englischen Juden in der friihen Neu-
zeit (pp. 299). In Ulrich Bielefelds Beitrag, der sich eher grundsatzlich mit "Die
lange Dauer der Nation"(pp. 401 ) annonciert, wird noch einmal zum Aktuellen Be-
zug angenommen, etwa auch in der raschen Formel: "Nationalstaaten gehoren als
historische Erscheinungen (sic!) zur Modeme, und solchermaf3en ist die Selbstbe-
schreibung als Nation modem." Freilich erfahren wir uber die Konsistenz und Ko-
hdrenz der Nationalstaaten wenig; wenn schon diese aktuelle Wendung nachgestellt
sein muf3te,dann hdtte man gerade diesen Aspekt gegenwartiger Diskussionen etwas
praziser und praxisndher gewfnscht.
Hamburg Joachim H. Knoll

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In der Redaktion eingegangene Bücher

Jürgen Hüllen, Zwischen Kosmos und Chaos. Die Ordnung der Schöpfung und die
Natur des Menschen. (Philosophische Texte und Studien, Bd. 56), Hildesheim-
Zürich-New York: Georg Olms Verlag, 2000.
Sigurd Martin Decke/Jürgen Schnakenberg (Hg), Gottesglaube - ein Selektionsvor-
teil? Religion in der Evolution - Natur- und Geisteswissenschaftler im Gespräch.
Gütersloh: Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, 2000.
Constantino Ponce de la Fuente, La Confession d'un pécheur devant Jésus Christ
rédempteur et juge des hommes. 1547. Précédé de Le procés du doute et de la
subjectivité dans l'Espagne du XVIe siècle.Grenoble: Editions Jérôme Million,
2000.
La théologie germanique. 1497. Traduction Pierre Poiret. Présentation et notes par
Marjolaine Chevalier. Grenoble: Editions Jérôme Million, 2000.
Dieter Lau, Der Mensch als Mittelpunkt der Welt. Zu den geistesgeschichtlichen
Grundlagen des anthropozentrischen Denkens. (Essener Beiträge zur Kulturge-
schichte Hrsg. v. D. Lau, Bd. 1), Aachen: Shaker 2000.
Wolfgang Vögele, Menschenwürde zwischen Recht und Theologie. Begründungen
von Menschenrechten in der Perspektive öffentlicher Theologie. (Öffentliche
Theologie; 14 ), Gütersloh: Kaiser, Gütersloher Verlagshaus, 2000.
Jim G. Tobias/Peter Zinke, Nakam - Jüdische Rache an NS-Tätem. Mit einem Vor-
wort v. A. Lustiger. Hamburg: Konkret Literatur Verlag 2000.

j
Berichtigung ,

In der ZRGG Heft 4/2000 (52, 4), Seite 335, wurden die hebrdischen
Zitate unrichtig wiedergegeben. Zeile 20/21 muB richtig heiBen:

Die FuBnote 11 auf der gleichen Seite mul3 richtig heil3en:

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