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VORWORT ZUR NEUAUSGABE 1980

Struktur und Krise der späten römischen Republik gehören zu den eigen- artigsten und, wenn man das so steigern darf, paradoxesten der Weltgeschichte. Das macht diese Epoche interessant nicht nur im Rahmen der Geschichte, als Phase des Niedergangs der Republik und einer merkwürdig unterirdischen Vor- bereitung auf das Prinzipat, sondern zugleich innerhalb einer Theorie strukturel- ler Zusammenhänge - als extremes Beispiel für die potentielle Verträglichkeit scheinbar höchst widersprüchlicher Elemente und als Typus einer "Krise ohne Alternative". Eine Bürgerschaft, die mit den nur leicht adjustierten Institutionen einer kleinen Gemeinde ein Weltreich regiert. Eine potentiell mächtige, reiche, breite Schicht bourgeoisen Charakters, die sich mit Selbstverständlichkeit innerhalb aristokratisch geprägt.er Formen bewegt. Die Parteiungen drehen sich regel- mäßig um Minima, während die ganze Verfassung bedroht ist. Eine allgemein anerkannte Führungsschicht verteidigt. die überkommene Verfassung, obwohl keiner sie angreift. Eine Gesellschaft zerstört ihre Ordnung, obwohl, ja: indem sie sie zu erhalten sucht. Eine virulente Krise spielt sich ab, in der sich hundert Jahre lang keine Alt.ernative zum Herkommen bildet; in der alle potentiell Mächtigen mit dem System zufrieden und die Unzufriedenen über einzelne Sit.uationen hinaus machtlos sind; in der die Reformen sich zumeist so schädlich auswirken wie die Mißstände, in der Effizienz und verfassungsgemäßes lIandeln verschiedentlich zu Gegensätzen geraten. Wir finden Große Einzelne, die den sachlichen .Aufgaben der neuen Wirkli~hkeiten allein gewachsen sind und die doch - über Einzelfragen hinaus - nicht mit einer Sache werben; die man um so mehr bekämpft, je mehr man sie braucht. Schließl.ich kann der Überwinder der Republik seine Monarchie nur begründen, indem er die Republik wieder herzu- stellen vorgibt.: Als die Probleme der öffentlichen Ordnung, des Rechts und der allgemeinen Wohlfahrt so dringend geworden waren, daß die Erledigung des Pensums endlich als wichtiger angesehen werden konnt.e als die Verteidigung der überkommenen Formen (und der gesellschaftlichen Identität). In der Herausarbeitung dieser und anderer Paradoxe hat ein Rezensent geradezu ein Leitmotiv dieses Buches gesehen: Un'~leitmotiv revient frequemment

au cours du livre, celui de ,paradoxe'. Er schließt, indem er auf das paradoxe ter-

minal hinweist, das der Titel suggeriere: res publica amissa, la Republique

persiste

res publica restituta, la monarchie du Principat l' a evincee 1.

1 J. Beranger in Revue des Etudes Latines 45, 1967, 592. 594.

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Wenn es denn aber damals so paradox zuging, so ist dies einerseits Symptom für eine Krise ganz besonderer Art; und es ist danach zu forschen, warum sich hier vertrug, was scheinbar unverträglich ist. Andererseits ist aber auch nach den Voraussetzungen und Grenzen jener Erwartungen zu fragen, denen das hier Wahrzunehmende widerspricht. Das sollte, indem es über manche unserer Er- wartungen aufklärt, zu jener Orientierung beitragen, die von der Historie gerade in einer Zeit des Umbruchs erwartet werden kann. Da eine Strukturanalyse nicht bei den sogenannten römischen "Eigenschaften" stehenbleiben kann, son- dern soweit wie möglich auf die Konstellationen der Interessen und des Handeins durchstoßen muß (in denen das so Etikettierte enthalten ist), ist sie ohnehin darauf angewiesen, das Besondere von sehr allgemeinen Kategorien her zu er- schließen. Das spezielle Thema, dem sich dieses Buch angesichts der späten Republik gestellt hat, ist deren Struktur sowie die Struktur des Krisenprozesses, der in ihr abläuft (soweit er nicht bloß kontingent ist). Dabei richtet sich die Frage nicht nur auf die Bedingungen des Niedergangs, sondern zugleich auf diejenigen, die dessen Prozeß so lange hinhielten, die also die jahrzehntelange Existenz der res publica amissa ermöglichten. Beides läuft in gewissem Umfang auf das gleiche hinaus. Denn die Struktur der späten Republik ist nicht nur diejenige der Reproduktion ihrer überkommenen Formen, sondern zugleich diejenige ihrer Schwächung und Auflösung und der Bildung neuer Gewalten. Will sagen: die Handlungskonstel- lationen der damaligen Gesellschaft waren derart strukturiert, daß diese, indem sie die Republik bewahrte, zwangsläufig und ohne es zu wissen, an deren über- windung arbeitete. Es geht im Zentrum um das Politische, dabei aber zugleich um dessen Krise, die gerade darin bestand, daß die eigentlichen Veränderungen politisch nicht einzufangen waren, zwar in dessen Bereich sich vollzogen, aber nicht in der Weise politischer Auseinandersetzungen und Entscheidungen, sondern in der der pro- zessualen Kumulation von Nebenwirkungen daraus. Noch in den heftigsten Aus- einandersetzungen und Bürgerkriegen stand für lange Zeit nicht die Sache zur Debatte, die sich dann in ihrer Folge herausbildete. Es zeigt sich eine sehr eigen- artige Diskrepanz zwischen Kontroversität (dem relativ geringen Umfang des Strittigen) und Mutabilität (dem großen Umfang des Sich-Wandelnden). Daraus ergeben sich bemerkenswerte Konsequenzen für die Frage, wie weit diese Gesell- schaft noch Herr über das in ihrer Mitte ablaufende Geschehen war. Seit die Erfahrung prozessualer Veränderungen sich zunehmend auf Abläufe bezieht, die sich unbeschadet der Verschiedenheit der Parteistandpunkte als potentiell höchst negativ erweisen, wird das "Automatische" daran zu einem vordringlichen Problem. Das Prozessuale und sein mögliches Verhältnis zum Politischen muß um so mehr zum Thema auch historischer Arbeit werden, je mehr die spezifischen Voraussetzungen neuzeitlicher Geschichte schwinden (auf Grund derer mindestens für verhältnismäßig Viele prozessuale Veränderung

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mindestens überwiegend erfreulich war). In diesem Zusammenhang sollte die späte römische Republik als besonderes Modell des Verhältnisses von Prozessua- lem und Politischem in der allgemeinen Debatte von Interesse sein.

Das Buch wird - bis auf die Korrektur einiger Druckfehler - unverändert vorgeleg~. Wohl wären innerhalb des jetzigen Textes gewisse sachliche und stilistische Verbesserungen, auch Ergänzungen indiziert gewesen. Aber sie hätten das Wesentliche kaum berührt. Andererseits hätten grundsätzliche Änderungs- wünsche, die sich auf die Anlage des Buches beziehen, nur durch tiefere Eingriffe erfüllt werden können. Dadurch wäre der Druck stark verteuert worden; ich wüßte auch nicht, wo ich die Zeit und vor allem: die Muße dazu hätte hernehmen sollen. Zudem sollte die neue Ausgabe nicht länger warten: denn die Nachfrage nach dem Buch ist, wie der Absatz (und nicht zuletzt die hohe Zahl seiner aus Institutsbibliotheken gestohlenen Exemplare) zeigt, nach wie vor sehr groß. Das Thema ist ja auch zentral und hat sonst noch keine vergleichbare Behandlung erfahren. Als Ausweg aus dem Dilemma von Umarbeitungswunsch und Zeitnot er- schien es praktisch, dem Buch eine kommentierende Neue Einführung beizu- geben. Sie bezieht sich auf Fragestellung und Entstehung des Buches 2 , sucht zwei grundsätzliche Versäumnisse auszugleichen und weist zugleich auf .die wichtigeren Fälle hin, in denen ich heute vom Text von 1966 abweichen würde. Zusammen mit diesem sollte sie ein neues Ganzes ergeben: indem sie einen breiteren Zugang zur Sache vermittelt und zu deren theoretischer Durch- dringung beiträgt. In ihr wird zugleich zu zentralen Einwänden der Rezensenten Stellung genommen. Das eine der beiden Versäumnisse ist theoretischer Natur: Es hätte mehr zur genauen Absteckung des gesamten Rahmens sowie verschiedener einzelner Fel- der getan werden müssen. Wohl sind mehrere Kategorien und Modelle ent- wickelt und ist viel Mühe darauf verwandt worden, auf den Zusammenhang der Erscheinungen zu reflektieren und ihn möglichst umfassend in all seinen Inter- dependenzen einzufangen 3. Aber erst durch eine genauere Absteckung des Frage- Rahmens wäre es möglich gewesen, den Ort der einzelnen Aussagen innerhalb des Ganzen deutlich zu markieren und dieses damit so luzid zu machen, daß überprüfbar wird, was man von ihm erfaßt hat und was nicht. Nur so läßt sich sagen, was hier gesagt, läßt sich wissen, was hier gewußt wird. Freilich grenzt diese Forderung, mindestens beim jetzigen Stand der Wissenschaft, vielleicht aber mit Notwendigkeit ans Utopische. Aber etwas näher, als es hier geschehen,

~~-----'~

• Dabei hat mich, soweit das nicht vom Wege abführte, zugleich die Nebenabsicht be- stimmt, unter der Frage nach der Rolle der Theorie innerhalb historischer Forschung über meine Arbeitsweise Auskunft zu geben. 3 Ohne es damit entschuldigen zu wollen: es hat zuweilen auch zu einem komplizierten Satzbau geführt, in dem Wunsch, das sachliche Interdependenz gefüge auch sprachlich wie- derzugeben, ohne es allzusehr aufzulösen.

XII Vorwort zur Neuausgabe 1980 kann man ihrer Erfüllung schon kommen, und das soll in
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Vorwort zur Neuausgabe 1980
kann man ihrer Erfüllung schon kommen, und das soll in der Einführung zu die-
ser Neuausgabe versucht werden.
Das zweite Versäumnis hängt mit dem ersten eng zusammen. Es besteht
darin, daß das Problem, ja die Sache, um die es hier geht, nicht so erläutert
wurde, daß die relativ fremde neue Fragestellung zugleich genügend deutlich, in
der Sache legitimiert und in die Forschung eingebürgert worden wäre. Die allge-
mein ausgesprochen freundliche Aufnahme des Buches kann nicht darüber hin-
weg täuschen, daß weithin verkannt wurde, worum es ihm eigentlich ging. Ich
hatte gedacht, die Fragen nach der Struktur der res publica amissa, nach dem
eigentümlichen Zusammenhang der damaligen Gesellschaft, nach ihren Par-
teiungen, nach den Gründen des Niedergangs wider Willen der Beteiligten, nach
Kategorien, um den merkwürdigen Zustand und die besondere Art der Krise zu
begreifen, verstünden sich von selbst, sobald sie einmal gestellt seien.
Da aber offenbar strukturgeschichtliche Betrachtungen in der Wissenschaft
von der Alten Geschichte noch relativ unver~raut sind, scheint es angeraten zu
sein, ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß hier nicht so sehr Einzelheiten wie
deren Zusammenhang interessierten, nicht so sehr demographische, wirtschaft-
liche, soziale Fakten und Mißstände wie das Gewicht, mit dem sie in das politi-
sche Wirkungsgefüge eingingen (und überhaupt erst zu Faktoren wurden), nicht
nur die Art politischer Gruppierungen, sondern insbesondere die eigentümliche
Diskrepanz zwischen ihnen und dem allgemeinen Veränderungsgeschehen. Es
handelt sich im ganzen um einen Versuch, Diskussion, Kategorien, wissenschaH-
liche Erörterung auf ein Feld zu erstrecken, das bislang vornehmlich Gegenstand
eher pauschaler Bemerkungen in Einleitungen oder am Rande von Abhandlun-
gen gewesen ist. Oberhalb der Frage nach politischen Regeln und Techniken
(die man gleichsam vom einzelnen Politiker her betrachten kann) soll die nach
dem Ganzen des Regelwerks, anders gesagt: nach der "Physiologie" der römi-
schen Republik etabliert werden. Es scheint mir geboten, die begriffliche Erfas-
sung verschiedener Gesellschaftszustände (in Hinsicht auf Stabilität/Labilität,
Intensivierung/Extensivierung u.a.) und spezifischer Formen des Wandels zum
Thema historischer Forschung zu machen. Es reicht nicht mehr, Veränderung
nur im einzelnen nachzuerzählen (und gar noch beschränkt auf die Politik), es
reicht auch nicht, sie auf bestimmte Faktoren zu beziehen. Man muß sie auch
im ganzen begreifen, und das heißt nicht zuletzt: Man muß anfangen, bestimmte
Formen davon zu unterscheiden und auf den Begriff zu bringen. Feststellungen
wie die der "Extensivierung" oder der "Krise ohne Alternative" sollten nicht
nur als Etikett, sondern als Möglichkeiten, wichtige Beobachtungen aufein-
ander zu beziehen und in ihrem Zusammenhang zu begreifen, dienen.
Schließlich ist es, wie ich meine, eine zentrale Feststellung über eine Epoche,
wie weit, was in ihr geschieht und sich wandelt, zum Gegenstand von Politik
wird, ja überhaupt zu Bewußtsein kommt; wie weit die Gesellschaft das Ge-
schehen in Politik einfangen oder prozessualer Kumulation von Nebenwirkun-

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gen überlassen muß; wie weit sie, um es zu wiederholen, insofern Herr über das ist, was in ihrer Mitte sich vollzieht. Das Problem prozessualer Abläufe in den verschiedenen Epochen müßte sich heute - aktuellermaßen - geradezu aufdrän- gen, Wo man als Prozeß nicht mehr zumal den freundlichen "Fortschritt" wahr- nehmen kann, sondern insbesondere die Gefahr der unfreundlichen, zunehmend kostenproduzierenden "Sachzwänge" erfahren muß. Allein, wie auch immer es um die Empfänglichkeit der Wissenschaft für solche Fragen bestellt sein mag, sie hätten jedenfalls schärfer herausgearbeitet werden sollen. Dies Versäumnis soll hier nach Möglichkeit aufgeholt werden. Zum Schluß möchte ich meinen Rezensenten und zugleich den Ffeiburger, Basler und Kölner Studenten, mit denen ich verschiedene Probleme des Buches diskutieren konnte, danken für alles, was ich von ihnen lernte. Siegfried Unseld bin ich besonders verpflichtet dafür, daß er freundlicherweise diese wohlfeile Ausgabe unternahm.

Niederbachem bei Bonn, Juni 1980

EINFüHRUNG ZUR NEUAUSGABE 1980

Astate without the means of sorne change is without the rneans of its conservation. Edrnund Burke, Reflexions on the Revolution in France. London 1967. 19f.

Versuche, ein weniger geläufiges, und sei es noch so zentrales Problem zu lösen, sind offenbar nur dann als Versuche, dieses Problem zu lösen, verständ- lich, wenn man ganz klar machen kann, um welches Problem es sich handelt und warum es eines ist. Andernfalls erscheinen die auf dieses Problem zielenden Versuche wie Antworten auf Fragen, die der Leser sich stellen mag, die aber nicht unbedingt vom Autor beantwortet werden sollten. Der Leser mag dem Buch also einiges entnehmen, doch mit dem Problem bleiben ihm dessen Per- spektive und wesentliche Aussage verborgen. Das Paradigma dieser Situation findet sich in Grimms Märchen. Da Rot- käppchen im Bet~ und unter der Haube der Großmutter nur diese und nicht den Wolf vermutet, vermögen alle abweichenden Beobach~ungen sie zunächst kei- nes Besseren zu belehren. Sie nimmt Nase, Ohren und "Maul", aber nicht das Gesicht wahr. So kann der Wolf sie, bevor sie sich's versieht, verschlingen. Ob es überhaupt die Großmutter war, die dort lag, hätte Rotkäppchen sich fragen sollen. Dann wäre ihr gleich aufgegangen, was gespielt wurde. Aber das hätte nicht nahegelegen, hätte der Lebenspraxis widersprochen. Darauf mußte sie erst kommen, und eben dazu hatte sie keine Zeit mehr. Dieserart Irrtümern hat das hier neu aufzulegende Buch nicht genügend vor- gebeugt. Zwar meine ich, das Interesse der Untersuchung in der Einleitung um- schrieben und deren Weg durch immer neue Fragen relativ genau markiert zu haben. überdies ist vielen Lesern auch einige~aßendeutlich geworden, worum es geht. Aber es blieb doch offenbar einiger Anlaß für Mißverständnisse. Die wichtigste Ursache dafür war, wenn ich es recht sehe, daß die Frage und Thematik, obwohl sie neu waren, nicht hinlänglich herausgearbeitet worden sind. Sie hätten vielleicht, gegen die vorangegangene Forschung abgesetzt, jedenfalls aber hätte der Rahmen abgesteckt werden müssen, in dem sich die Untersuchung bewegte, in dem ihre Ergebnisse etwas besagen sollten und, je nachdem, wichtiger oder unwichtiger, zentraler oder eher peripher waren. Ein- heit und Umfang des Themas wären zu bezeichnen gewesen, gleichzeitig hätten

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die Grenzen des Interesses der Arbeit gegen andere Interessen deutlich gezogen und der Ausschnitt des Themas explizit im Blick auf die Gesamtheit dessen bestimmt werden sollen, was als Struktur und Geschichte der späten Republik aufzufassen ist. Das sei hier nachgeholt.

1. DIE KONZENTRATION AUF DAS POLITISCHE

Meine Absicht war zunächst zu verstehen, wie die römische Republik unter- gegangen ist. Als ich die einschlägigen Erklärungen dafür studierte, erschien es mir aber weniger bemerkenswert, daß sie unterging, als daß sie so lange exi- stierte. Deswegen schob sich mit der Zeit eine zweite Frage in den Vordergrund, nämlich wie dieses Gemeinwesen, diese res publica amissa so lange funktionieren konnte. Insoweit wurde deren S~ruktur zum Thema. Der Weg, auf dem ich die Lösung suchte, war die möglichst konkrete Er- mi~tlung der politischen Wirkungszusammenhänge. Die sozialen Mißstände, die schweren, zum Teil blutigen politischen Konßik~e, die Verfassungsänderun- gen, -durchbrechungen und -aufweichungen, das Versagen der Institutionen vor so vielen Aufgaben, den Widerstand gegen alle Reformen, die Diskrepanzen - oder, wie es scheint, Widersprüche - zwischen herkömmlicher Ordnung und neuen Wirklichkeiten, die Korruption und alle sonst noch üblicherweise ange- führten "Faktoren" des Untergangs mochte ich nicht ohne Weiteres als virulent ansetzen. Ich wollte vielmehr, was wir global unter diesen Ausdrücken zu fassen suchen, auf seine tatsächlichen Auswirkungen hin erforschen. Vielleicht war ja das, was uns unvereinbar oder unhaltbar anmutet, was zum Teil schon den Zeitgenossen als untragbar erschien, in Wirklichkeit gar nicht so unerträglich oder virulent? Vielleicht ist die Stringenz der Auswirkung, die Schlüssigkeit, mit der etwas sich widerspricht oder Konsequenzen zeitigt, von Fall zu Fall ver- schieden? Wie soll man ermitteln, daß Faktoren, die eine lange Zeit über wirk- ten, erst nach Jahrzehnten - und nicht viel eher oder viel später - zum Unter- gang der Republik führten? Freilich konnte es nicht ausreichen, nur die bisher genannten Faktoren auf ihre tatsächlichen Auswirkungen hin zu verfolgen. Es war vielmehr der umfas- sende Handlungs- und Wirkungszusammenhang, in dem sich die späte Repu- blik reproduzierte und veränderte, möglichst bis ins einzelne nachzurechnen. Diesen Zusammenhang suchte ich zunächst und vor allem im Politischen. Und die Bedingungen des PoUtischen meinte ich einerseits in gewissen Grund- zügen der überkommenen Verfassung (im weiten Sinne des Wortes), anderer- seits in den synchronen Konstellationen des politischen Handeins und der politischen Interessen (samt den Meinungen, we1cl1e diese lenkten) zu finden. Darin folgte ich, ohne viel darüber nachzudenken, der Tradition; genauer ge- sagt: der Tradition nicht der politischen Geschichtsschreibung, aber des primär politischen Interesses althistorischer Forschung. Diese Weise des Ansetzens erscheint mir heute als zu eng und methodisch verfehlt. Sie zog auch einige

XVI Einführung zur Neuausgabe 1980 ungute Konsequenzen nach sich. Allein, es ist mir auch heute
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ungute Konsequenzen nach sich. Allein, es ist mir auch heute noch durchaus
unklar, ob das Ergebnis meiner Analyse (samt den bei seiner Gewinnung erar-
beiteten Kategorien und Modellen) zu erzielen gewesen wäre ohne das relativ
untheoretische, langwierige, lange Zeit nach allen Seiten offene, gleichsam
schwimmende Sich-Herumschlagen mit der ungeordneten Fülle des Materials:
den immer wieder neu ansetzenden intensiven Umgang mit den Quellen und
den daraus zu ermittelnden Fakten, das immer wieder neu der ganzen Komple-
xität sich aussetzende Analysieren, Ermitteln und In-Beziehung-Setzen aller
auszumachenden Faktoren und ihrer Zusammenhänge - bis schließlich die
Pflöcke so einzuschlagen waren, daß sie den Zusammenhang des Ganzen zu
tragen vermochten: des Ganzen einer historischen Konstruktion, die, wie ich
. fand, die Struktur der damaligen Republik im wesentlichen zutreffend wieder-
gibt.
Die Konzentration auf das Politische, freilich im Sinne einer ganz neuen
Auffassung seiner Problematik, scheint sich dabei an der Materie bewährt zu
haben. Die~ gab wohl letztlich den Ausschlag dafür, daß es dabei blieb, unbe-
schadet der Voraussetzungen von der Wissenschaftstradition her.
Denn das scheint mir auch heute noch richtig zu sein: Der Prozeß der
Krise der res publica hat sich, woher er auch gespeist war, wesenWch im Politi-
schen vollzogen. Im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereich bildeten
. sich zwar wichtige Voraussetzungen, reichhaltiger Zündstoff, bedeutende An-
triebe dafür, conditiones sine qua non. Allein, wann und wie sie sich auswirkten,
das hing aufs Ganze des Krisenverlaufs gesehen weit weniger von ihnen selbst
als von den einzelnen Konstellationen sowie vom politischen Konstellations-
wandel ab. Im Politischen lag die eigentliche Veränderung, der eigentliche
Mechanismus, die eigentliche Dynamik (und Beschleunigung) des Krisenprozes-
ses. Es ist durchaus unklar, wie weit der Veränderungstendenz in diesem Be-
reich überhaupt eine entsprechende Tendenz im Wirtschaftlichen und Gesell-
schaftlichen parallel gelaufen ist. In diesen Bereichen entfaltete sich ohnehin
kaum eigenständige Dynamik. Sofern nennenswerte Veränderungen in ihnen
vorgingen, waren sie meist von der Politik hervorgerufen: So etwa das Anwach-
sen der stadtrömischen Bevölkerung, respektive des Anteils der Bürger (beson-
ders der Freigelassenen) an ihr l , das auf die Klimax der Getreideverteilungs-
gesetze zurückzuführen war, oder die zunehmende Bereicherung der Ritter, die
diese der Ausbeutung der Provinzen (und der relativen Wehrlosigkeit des
Senats ihnen gegenüber) verdankten. Und diese Veränderungen schlugen sich
nicht einfach in Veränderungen der politischen Rolle von Rittern und plebs
urbana nieder. Wenn der Größe der plebs in den SOer Jahren zeitweilig ein
stärkerer Einfluß korrespondierte, so ist durchaus unklar, ob dieser nicht
wesentlich auf P. Clodius und vor allem auf die durch Caesar völlig veränderte
1 Vgl. P. A. Brunt, Italian Manpower 225 B. C. - A. D. 14. Oxford 1971. 100ff.

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politische Lage des Senats zurückzuführen ist 2 Das politische Interesse und die Macht der Ritter ist niemals einfach Funktion ihrer wirtschaftlichen Lage ge- wesen. Wenn ferner die politische Rolle der Veteranen zugenommen haben sollte, so folgte das, soweit wir sehen können, nicht aus einer Veränderung der ländlichen plebs (aus der sie als Soldaten rekrutiert worden waren), sondern aus derjenigen der Machtverhältnisse zwischen Senat und Großen Einzelnen, aus der politisch bedingten Anspruchssteigerung, in gewissem Sinne aus einem Mentalitätswandel. Hier erwies sich die Rolle des "Großen Einzelnen", des herausgehobenen Feldherrn als Strukturfaktor. So wenig die Herausforderun- gen zu leugnen sind, die etwa aus der Not der Bauern vor 133 oder aus ver- schiedenen Hungersnöten (etwa auf Grund der Sperrung der Zufuhren durch Seeräuber vor 67) 3 resultierten: Im ganzen hat nicht wirtschaftliche oder gesell- schaftliche Veränderung auf die Politik gedrückt, sondern die Veränderungen im Politischen haben es bedingt, welchen Gebrauch man von den wirtschaftlich- gesellschaftlichen Gegebenheiten machte. Wie diese sich auswirkten, folgte also nicht aus ihrer gleichsam absoluten eigenen Stärke oder Schwäche, sondern daraus, wie stark oder schwach man sie politisch zur Geltung brachte. So sehr die Krise aus dem Reservoir der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ver- hältnisse gespeist wurde, so sehr hing es doch gleichsam von der Handhabung der Kanäle ab, wie das geschah, das heißt von der Geschichte des Politischen. Wenn man sich damit begnügen will, "Ursachen" der Krise aufzuzählen, mag es hinreichen, auf die Aushebung von Proletariern, den Einfluß von Reichtum und Sklaven und das Anwachsen von Schichten hinzuweisen, deren Loyalität gegenüber der Republik schwach war. Wenn man hingegen den Mechanismus der Krise nachzeichnen und verstehen möchte, kommt es darauf an, vielfältige Verhältnisse von Faktoren zu erkennen, und zwar wesentlich auf dem politi- schen Feld 4 Dort also hatte die Krise ihren Zusammenhang. Sie gewann ihre Dynamik aus dem Kampf der Oligarchie gegen die Großen Einzelnen. Sie vollzog sich wesentlich in der Veränderung der politischen Machtverhältnisse und Gegen- sätze, der Machtlagerung, der Stellung des Senats und seiner möglichen Gegner, der in respektive hinter den verschiedenen Institutionen der Verfassung wirken- den Macht, der Ansprüche und Erwartungen und der daraus resultierenden Mentalität, sie bestand im Ausleiern ehedem fester Beziehungen, im Wandel der politischen Kultur, auch in einer Erschlaffung der Funktion des Politischen et,c.

2 Zum Problem Clodius und plebs urbana s. jetzt W.Nippel, Die plebs urban« und die

Rolle der Gewalt in der späten römischen Republik. In: H,---l\1:ommsenfK-F. Werner (Hrsg.), Vom Elend der Handarbeit. Probleme der historischen Unterschichtenforschung. Stuttgart

1981.

3 Diese sind unten gewiß unterschätzt. Vgl. P. A. Brunt, The Roman Mob. In: Past and Present 35, 1966, 3 ff. t Das sei gegen Brunt (in: Journal of Roman Studies 58, 1968,230) gesagt, der offenbar nicht sieht, daß es bei diesem Geschäft ohne gewisse Abstraktionen nicht abgeht.

XVIII Einführung zur Neuausgabe 1980 Im Politischen ist dieser Prpzeß folglich nachzurechnen. Sofern außerpolitische
XVIII Einführung zur Neuausgabe 1980
Im Politischen ist dieser Prpzeß folglich nachzurechnen. Sofern außerpolitische
Bedingungen in ihn hineinwirken, is~ es wesentlich deren Umsetzung in politi-
sche Verhältnisse, die interessiert.
Dabei ist zu beachten, daß der Krisenprozeß sich nicht so sehr im Vorder-
grund der jeweiligen politischen Auseinandersetzungen abspielte als vielmehr
darin, daß deren Nebenwirkungen sich dahinter zu langfristiger Veränderung
kumulierten. Diese Veränderung stellte eine mächtige Tendenz dar, die gleich-
wohl gelegentlich vom Vordergrund her gebremst und vielleicht gar zurück-
gedämmt werden konnte, die sich aber letztlich wohl mit Notwendigkeit durch-
setzte: in Richtung auf die Auflösung der republikanischen Form und die Kon-
zentration der Macht in der Hand Großer Einzelner.
Kennzeichnend an dieser politischen Krise war, daß sie - vor der Zeit des
Augustus - politisch nicht einzufangen, also auf die Tagesordnung zu bringen
war.
Sie endete nach langen Bürgerkriegen in einem neuen politischen System,
innerhalb dessen dann zwar eine andere, oder überhaupt: eine Sozialpolitik
getrieben werden konnte, in deI? aber das alte Gesellschafts-(und Wirtschafts-)
System beibehalten wurde.
Insofern scheint es innerhalb einer Betrachtung der Krise der späten Repu-
blik indiziert zu sein, sich wesentlich auf die politischen Kräfte und die Verhält-
nisse zwischen ihnen zu konzentrieren und die wirtschaftlichen und gesellschaft-
lichen Umstände nur insofern in die Betrachtung einzubeziehen, als sie ins
Politische transferiert wurden, respektive sie unter der Frage zu behandeln, wie
weit sie dorthin transferierbar waren.
Von dieser Position aus legte es sich nahe, auch bei der Frage nach der un-
erwartet zähen Existenzfähigkeit der Republik im Politischen anzusetzen. Das
ergab auch, so scheint mir, ein im ganzen angemessenes Bild des politischen
Funktionierens. Dieser thematische Ausschnitt erschien mir als so selbstver-
s~ändlich, daß ich ihn nicht näher bezeichnet habe; denn die Charakteristik als
"Verfassungswirklichkeit" war natürlich ganz unzulänglich und obendrein
irreführend 5. Ich hätte deutlich machen müssen, daß es bei meiner Frage nur
um die politische Struktur der späten Republik und deren Funktionieren ging,
nicht um die Struktur des Ganzen. Zugleich wurde nicht klar genug, inwiefern
mit diesem neuen Ansatz ein Themawechsel in der Behandlung der späten
Republik angepeilt wurde.
~ Kritik z. B. bei J. Bleicken (in: Savigny Zeitschrift für Rechtsgeschichte 85, 1968,
4521.), G.Crifo (in: Jura 18, 1967, 239ff.). Ich würde den Begriff heute in diesem Zusam-
menhang vermeiden. Gleichwohl ist für die späte Republik mit einern ganz deutlichen
Bewußtsein der Differenz zwischen der Ordnung, wie sie wa~, und der, wie sie sein sollte, zu
rechnen. Das war u. Anm. 4,11 gemeint. Dagegen war in der frühen Zeit rechte Ordnung
wohl die tatsächliche Ordnung abzüglich des Wenigen, was daran von Fall zu Fall a.ls miß-
bräuchlich oder gefährlich bekämpft wurde. Wie man diese Unterschiede innerhalb der
gewachsenen Verfassung begrifflich fassen kann, ist eine interessante Fra.ge.

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Was hier implizit unter politischer Struktur verstanden ist, das heißt welche Aspekte davon behandelt wurden, wird gleich noch zu erörtern sein. Jedenfalls trieb mich nicht, wie Jochen Bleicken meinte, ein Interesse am "römischen Staat", das in irgendeiner Weise demjenigen Mommsens am "Staatsrecht" ent- sprochen hätte. Die Verfassung war mir nur wichtig, insofern sie bedingtj bedingend in die Grundzüge des Funktionierens der Struktur eingeknüpft war. Andererseits konnte vieles von dem, was in der damaligen Gesellschaft an Not und Mißständen, an sozialer Krise zu beobachten war, draußen bleiben 6. Wenn etwa sehr viele Bauern ihr Land verloren oder Hunderttausende von Armen in großem Elend lebten, so besagt dies im politischen Zusammenhang für sich noch nichts. Was es ausmacht, hängt davon ab, ob daraus etwa Aufruhr, neue Gefolgschaften oder gar ein Angriff auf das Bestehende resultierten. Und das wiederum war wesentlich bedingt durch die jeweiligen Spielräume und Grenzen des politischen Handeins und Denkens, die Ansprüche, die Hemmungen sowie durch das Bedingungsgefüge, in dem Bauern und Arme mit anderen politischen (oder politisierbaren) Kräften standen. Peter Brunt hat mit Recht gegen den Abschnitt über die plebs urbana eingewandt, daß ich die Not und das Ausmaß der Unzufriedenheit, das Machtpotential in dieser Bevölkerungsschicht unter- schätzt hätte? Aber gerade dann wird die Grundthese des Buches um so be- achtlicher, daß die plebs urbana trotz großer Not und Unzufriedenheit mit diesem und jenem und trotz ihrer ungeheuren zahlenmäßigen überlegenheit politisch so wenig auszurichten vermochte und sich, ohne zur Bildung einer Alternative beizutragen, im Rahmen des Bestehenden bewegtes. In Hinsicht auf die verschiedenen Kräfte wird hier ja die Frage auf drei ver- schiedenen Ebenen angesetzt: (1) Was sie in den einzelnen Situationen ver- mochten (wenn es galt, dies oder jenes durchzusetzen). Sodann was sie über die Situation hinaus ausrichteten, negativ (2), indem sie als Störfaktor in den allgemeinen Schwächungsprozeß eingingen, oder positiv (3), indem sie direkt darauf hinwirkten, daß eine Alternative gegen die Republik ents~and. Muß man, wiees mir heute erscheint, die Wirkung der plebs auf den ersten beiden Ebenen höher veranschlagen, wird es um so bemerkenswerter l daß sie auf der dritten Ebene gleich null war. Gewiß wäre es zum Beispiel richtig gewesen, auch den Sklaven einen eigenen Abschnitt zu widmen, zumal sie gelegentlich ein bedrohliches Potential in Rom darstellten und vor allem durch ihre Erhebungen mindestens als Aufgabe und,

• Dies wurde vor allem von Brunt moniert (wie Anm. 4. 229f.). Bleicken 451. , Brunt ebd. Ferner: The Roman Mob (wie Anm. 3). '---_ 8 Ähnlich jetzt E. S. Gruen, The Last Generation of the Roman Republic. BerkeleyjLos AngelesjLondon 1974. Das bleibt höchst auffällig, zumal angesichts des weitgehenden Fehlens einer Polizei (dazu vgl. noch meine Besprechung von Lintotts Violence in Repub- lican Rome in: Historische Zeitschrift 213. 1971, 395ft). Denn es kann kaum richtig sein, wenn Brunt die Macht der Nobilität in der Stadt mechanisch auf die Größe ihrer Clientelen zurückführt (Mob 21f.).

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Einführung ZU! Neuausgabe 1980

da sie so leicht nicht zu besiegen waren, als Störungen die Politik mitbestimm- ten. Ebenso hätte es gut getan, wenn die zahlreichen Auswirkungen aus dem Herrschaftsbereich eingehender charakterisiert worden wären: Einerseits die Summe der Versäumnisse in der Bewältigung der von da her sich stellenden Aufgaben, die sich auf die politische Struktur auswirkten; andererseits vor allem der Wandel in der Stellung und Mentalität der römischen Magistrate, der sich aus der Interdependenz von Krise und Provinzialverwaltung ergab 9. Wenn dies hier nicht nachgeholt worden ist, so liegt es daran, daß dadurch die These zwar vervollständigt, aber im Ganzen kaum verändert worden wäre. In der Struktur und Krise des Politischen in der späten Republik hat die Arbeit ihr einheitliches und zusammenhängendes Thema. Sie versucht damit, zum Gegenstand einer Untersuchung zu machen, was bis dahin nur in gelegent- lichen Äußerungen oder Überblicken oder am Rande gesellschafts- und ver-

fassungshistorischer Monographien behandelt worden

war 10. Die Ergebnisse

sollten zeigen, wieviel aus einer solchen Betrachtung zu gewinnen ist, zwar auch für die Deutung einzelner Situationen und Handlungen (woran Althistoriker ja in erster Linie interessiert sind), vor allem aber für das Verständnis der späten Republik und ihrer Krise im Ganzen. Es fragt sich nun allerdings, was hier als Struktur des Politischen verstanden worden ist.

2. RÖMISCHE POLITISCHE STRUKTUR UND NEUZEITLICHE KATEGORIEN UND ERWARTUNGEN

Auch bei der Herausarbeitung dessen, was man grob die poli~ische Struktur der späten Republik nennen sollte, hat mich keine Theorie geleitet. Ich suchte nach den an der Politik irgendwie beteiligten Kräften, nach ihren Interessen, nach Art und Grund ihrer Beteiligung respektive Nicht-Beteiligung; nach den Wegen politischen Wirkens, den Formen der Politik, der Gruppierungen; nach den Streitpunkten und Übereinstimmungen; nach den aus Verfassung und her- kömmlichen Denkformen sowie aus der Verschränkung der Kräfte untereinan- der sich ergebenden Grenzen ihres Planens und Handeins und eben damit nach den Möglichkeiten zur Erhaltung und Reproduktion des Bestehenden. Schließ-

• Dazu s. die Rezension von Ch. W. Starr in: American Journal of Philology 89, 1968, 482. Eine ungebührliche Vernachlässigung der Oberschichten der italischen Städte (ebd. 483) scheint mir insofern nicht gegeben zu sein, als Spezifisches über sie kaum auszumachen ist. Zu ihrem Verhalten zu Beginn des Bürgerkriegs s. H. Bruhns, Caesar und die römische Oberschicht. Göttingen 1978. 10 Eine gewisse Ausnahme von dieser Regel bildete L. R. Taylors Party Politics in the Age of Caesar. BerkeleyjLos Angeles 1949. Aber dort ging es auch nicht um eine Betrach- tung der Struktur des Politischen, sondern um eine - übrigens hoch interessante - Studie politischer Techniken (Aufstieg, Wahlkampagne, Allianzen, Propaganda, Manipulation der Religion etc.). Die Fragen nach der besonderen Art der Parteiungen, der politischen Rolle von Ständen und Schichten, der Interessenlagerung:, des besonderen Verfassungszustands und der Motorik der Krise sind dort kaum gründlich angepackt worden.

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lieh habe ich versucht, die eigenartigen, für uns in vieler Hinsicht paradoxen Erscheinungen und Zusammenhänge im ganzen zu charakterisieren und als "Extensivierung" zu begreifen. Mechanische Erklärungen der Zustände wie diejenigen mit der "Konser- vativ:ität" der Römer, den Institutionen der Verfassung, der Macht der Nobili- tät kraft Clientel schienen - und scheinen - mir nicht ausreichend zu sein, um das eigenartige Festhalten am Alten und die daraus .resultierende bemerkens- werte Wehrlosigkeit der Republik gegenüber ihren Problemen zu erklären. Ob die Institutionen, darunter so absurd anmutende wie das Wahlrecht und die religiöse Obstruktion, galten, die Clientelen funktionierten, die Nobilität mächtig war und man am Alten festhalten konnte, hing ja nicht vom bloßen Vorhanden- sein dieser Faktoren ab, sondern auch davon, daß sie in irgendeiner Weise noch funktionierten und nicht in Frage gestellt wurden 11. Eben dies war festzustellen und zu begründen. So wurde ich auf die Kräfteverhältnisse, in deren Rahmen solche Faktoren wirkten, verwiesen, auf die Interessen und die sie lenkenden Meinungen, auf das ganze komplizierte politische Interdependenz-Gefüge der damaligen Gesellschaft. Es bestimmte mich dabei zunächst die Annahme, daß Bewahrung und Ver- änderung aus dem Handeln der an der Politik Beteiligten zu erklären seien. Dabei trug ich wohl mehr oder weniger naiv neuzeitliche Erwartungen an das alte Rom heran: Etwa diejenige, daß große Veränderungen eigentlich aus dem Aufkommen einer Alternative zum Bestehenden resultieren müßten, wie in den neuzeitlichen Revolutionen, und daß beim Versagen einer Aristokratie eigent- lich eine breite Schicht, primär die der Ritter, diese Alternative bilden müßte, und sei es indem der Gedanke an eine Monarchie in ihr Wurzeln schlug. Damit verknüpfte sich die weitere Erwartung, daß Bürger und besonders Politiker, wenn Form und Geschick eines Gemeinwesens auf dem Spiele stehen, eigentlich nach politischen, auf das ganze Gemeinwesen bezogenen und nicht nach "pri- vaten" Gesichtspunkten handeln müßten; daß das bedrohte Ganze, insofern:

das Pensum in irgendeiner Form zum Gegenstand von Politik und politischen Gegensätzen hätte werden müssen. Diese letzteren Erwartungen waren von heute gesehen wohl zum guten Teil altmodisch. Fortgesetzte und sich kumulierende Erfahrungen mit modernen westlichen Wohlfahrtsgesellschaften machen einem das Handeln der römischen Politiker und Bürger sehr viel vertrauter und weniger verwunderlich. überdies war ich in manchem wohl weniger an der Realität des Zeitalters der Staatlich- keit als an den Lehrbüchern darüber 12 orientiert gewesen. Immerhin bleibt die Neuzeit mit ihrer Staatlichkeit und ihren großen-Alternativen ein hochinter- essantes Gegenbeispiel. Und es scheint mir nach wie vor, daß die an ihr orien- tierten Erwartungen Wesentliches am römischen Befund erschlossen haben und

11 Vgl. zur religiösen Obstruktion etwa Museum Helveticum 32, 1975, 202. 12 Zumal an C. Schmitts Verfassungslehre, vgl. etwa u. S. 9 zum citoyen.

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Einführung zur Neuausgabe 1980

erschließen können 13. Man hätte ihnen nur, nachdem sie dies geleistet, kritischer gegenübertreten und sie entschiedener auf die Besonderheit Roms hin durch- dringen müssen. Es wäre erstens ~erminologisch größere Sorgfalt indiziert gewesen. Denn so treffend sich aus dieser Sicht die erstaunliche Ferne des römischen Alltags vom Krisenprozeß, der sich daraus nährte, erschließen ließ, so wenig angebracht war es etwa, die in diesem Teil der Politik wirksamen Motive als "privat" - und sei es in Anführungsstrichen -zu bezeichnen. Im Rahmen der Adelsgesellschaft war zweifellos jedes Knüpfen familiärer Bindungen und jedes Handeln nach deren Maßgabe durchaus politisch, auch wenn es die res publica im ganzen nicht im Auge hatte 14 Zweitens hätte eine Reihe von Unschärfen vermieden werden müssen, die aus der zu raschen übertragung moderner Kategorien auf das spätrepublikanische Rom folgten. Die neuzeitliche Unterscheidung von Staat und Gesellschaft 15 zum Beispiel ist für diese Epoche im ganzen unangebracht. Es ist schon die Frage, ob mit der Anwendung des Staatsbegriffs auf vormoderne Zeiten nicht zahlreiche falsche Assoziationen sich einschleichen. Jedenfalls ist Gesellschaft in diesem eingeschränkten Sinn nur gegen den neuzeitlichen Staat abzusetzen. Wohl kann das Arbeiten mit diesen Kategorien auch in Rom etwas zutage för- dern. Allein, es ist zugleich hinderlich bei dem Versuch, die Besonderheit der römischen Phänomene recht in den Blick zu bekommen. Wenn etwa S. 156 von der "altrömischen Form der Einheit von Staat und Gesellschaft" gesprochen wird, so besagt diese Formulierung eigentlich nur, daß damals ungeschieden und folglich noch nicht vorhanden war, was in der Neuzeit sich ausbilde~e, in- dem es sich voneinander schied (und was heute wieder zu verschmelzen be- ginnt). Obwohl sie ein Positivum auszudrücken scheint, bezeichnet diese For- mulierung den römischen Tatbestand, den sie meint, negativ, als Gegenteil des entsprechenden modernen. Denn da zwei Größen, die es nicht gab, schwerlich eine Einheit bilden konnten, ist als deren Einheit nur das Fehlen einer Schei- dung festzustellen. Wie sehr es in die Irre führen kann, wenn man bei diesen modernen Begriffen stehenbleibt, wird besonders sinnfällig, wenn gleich darauf behauptet wird, daß die römische Gesellschaft - als die vermeintliche Einheit sich auflöste - "den Staat zu ihrem Diener machte". Wie wenn es eine Schei- dung von Staat und Gesellschaft dann in der späten Republik gegeben hättel Zwar wird ungefähr deutlich, was gemeint ist: Die Gesellschaft, ,als Summe von Individuen" wurde "der eigentliche Beziehungspunkt des politischen Han-

1. Auch J. Bleicken, der an sich für die Frage nach der Alternative nicht viel übrig hat, bemerkt: "Ich bestreite allerdings nicht, daß die Art, wie M. nach der Alternative fragt und sie (vergeblich) sucht, den Blick für die Möglichkeiten und für den Charakter der römischen Republik ungemein schärft" (wie Anm. 5. 457). Vgl. RStuveras in: Revue BeIge de Philologie et d'Histoire 46, 1968, 975. ,. u. S. 13f. 47. 187. Auch Gruen (wie Anm. 8) 49. 15 Vgl. dazu Bleicken 456.

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delns"; "die Innenpolitik hatte sich im ganzen zu einer Abfolge von Balance- akten zwischen Partikularinteressen verwandelt". Aber begriffen ist das nicht. Um die Fragen, um die es hier geht, angemessen zu erfassen, sind vielmehr andere, aus der Sache zu entwickelnde Kategorien indiziert. Da damit eine zentrale Thematik der Struktur der römischen Republik angeschlagen ist, sei das etwas weiter ausgeführt. Zunächst ist zu betonen, daß im Text unter der Suggestion der falschen modernen Begrifflichkeit zwei recht verschiedene Tatbestände vermengt wor- den sind. Erstens ist es ein besonders charakteristischer Zug der römischen Ver- fassung, der etwa als mangelnde Ausgliederung einer politischen Ordnung aus dem Ganzen der Gesellschaft (statt als Einheit von Staat und Gesellschaft oder als "Verstaatlichung" der Gesellschaft) zu begreifen ist. Es handel~ sich um ein entscheidendes Merkmal der gewachsenen Verfassung, das sich nur positiv nicht so griffig formulieren läßt. Der zweite Tatbestand ist die besondere Orien- tierung der römischen Bürgerschaft auf das Allgemein-In~eresse der res publica, eine besondere Form der Aufgaben- und Pflichtenbezogenheit. Beides hängt nicht notwendig, aber in diesem Falle genetisch eng miteinander zusammen und wirkt auch in spezifischer Weise aufeinander im Sinne der Erhaltung und des Funktionierens der Verfassung. Die Veränderung zur späten Republik hin besteht dann (statt in einer "Aushöhlung der S~aatlichkeit") in einer bemerkenswerten Schwächung der Allgemein-Orientierung zugunsten von Partikular-Orientierungen, im Auf- kommen tiefer Gegensätze und, was die Verfassung angeht, in einer besonderen Wehrlosigkeit der mangelhaft ausgegliederten politischen Ordnung. Allein, am Tatbestand dieser mangelnden Ausgliederung ändert sich auch dann nichts. Anders gesagt: Es tritt kein Bruch der Homogenität ein, sondern eine Extensi- vierung. Rom bleibt, trotz aller Krisen, im Rahmen seiner gewachsenen Ver- fassung. Was mit den Kategorien Ausgliederung der politischen Ordnung, gewach- sene Verfassung und Homogenität gemeint ist, klärt sich am schnellsten durch einen Vergleich mit der Entstehung der athenischen Demokratie. Dort ist eine politische Ordnung aus dem Ganzen der Gesellschaft ausgegliedert worden:

Trotz weiterbestehender gesellschaftlicher Ungleichheit wurde in politicis ein ganz neues Verhältnis zwischen den Bürgern begründet und praktisch wirksam, das auf Gleichgewicht beruhte. Ein solches Zerreißen der Entsprechung von politischer und gesellschaftlicher Verfassung ist nur möglich über Institutionen, die die gesellschaftlich Schwachen in der Summe zu politisch Starken werden lassen. Breite Bürgerschichten mußten also über~das Zen~rum der politischen Ordnung verfügen, dieses Zentrum mußte allererst überhaupt gedanklich und praktisch für Nicht-Regierende verfügbar werden. Die Herrschaft über das Gemeinwesen mußte auf die Gesamtheit der Bürger übergehen, die ganze insti- tutionelle Ordnung daraufhin neu eingerichtet werden. Ja, die Bürgerschaft

XXIV Einführung zur Neuausgabe 1980 mußte sich neu schaffen, indem ihre Angehörigen sich künftig wesentlich
XXIV Einführung zur Neuausgabe 1980
mußte sich neu schaffen, indem ihre Angehörigen sich künftig wesentlich als
Bürger vers~ehen und in Anspruch nehmen mußten, wenn sie denn politisch
bestimmend sein wollten. Dadurch kamen sie in ein ganz neues, intensives Ver-
hältnis zu- und bildeten sie eine qualitativ neue Einheit miteinander. Einer-
seits entstand also, freilich in einer Reihe von Akten, eine gestiftete Verfassung,
andererseits eine neue gesellschaftliche Zugehörigkeitsstruktur, eine politische
Identität, in der die Bürger-Eigenschaft die einzige allgemein wichtige oberhalb
des Hauses war. Insgesamt war es eine ganz neue, künstliche, aus dem komple-
xen Ganzen gesellschaftlicher Beziehungen ausgegliederte Ebene, auf der man
sich in politicis künftig bewegte. Sie war zwar nicht bewußt entworfen, aber
doch einer Reihe von Setzungsakten entsprungen, die sich zunehmend auf das,
Ganze der politischen Ordnung erstreckten 16.
Seit der Entstehung der Demokratie war das politische Wissen der Griechen
endgültig heterogen geworden (nachdem dessen Homogenität schon vorher
stark erschüttert worden war). Denn jetzt waren gründlich, nämlich im Zen-
trum der Hefl1schaft verschiedene Ordnungen möglich. Die breiten Bürger-
schichten hatten sich endgültig von der herkömmlichen einen rechten Ordnung,
die aristokratisch geprägt war, gelöst. Übrigens ist auch diese politische Form
in der Forschung mit den Kategorien Staat und Gesellschaft begriffen worden:
als Identität der beiden Größen 17. Da erscheinen dann Athen und Rom im
Banne einer allein gegen die Neuzeit gesetzten Betrachtungsweise als gleich.
In der römischen Republik ist dagegen die überkommene Ordnung politisch
zwar verschiedentlich im einzelnen verändert worden. Aber das Zentrum der
Verfassung, die Frage, wer herrscht, ist dort nie zur Disposition gekommen.
Nie hat man ein zusammenhängendes System sekundärer Institutionen auf-
gebaut. Nie hat die Bürgerschaft sich dort gründlich neu konstituiert. Das
Äußerste in dieser Richtung stellte die Begründung der Schwurgemeinschaft
der plebs dar. Dort wurde zwar in politicis aus sozialer Not und Ohnmacht
Macht geschaffen, aber diese Macht begnügte sich mit Modifikationen der über-
kommenen Ordnung.
Will man das gleiche positiv fassen, so wäre zunächst festzustellen, daß in
Rom das Überkommene im ganzen immer als vorgegeben angesehen wurde.
Bestenfalls Teile konnten in Frage gestellt werden, nie der Kern der Ordnung.
Das bedeutete, daß das meiste an den Regeln dieser Verfassung, auch an den
üblichen Praktiken und Rechten der einzelnen Organe Präzedentien, wieder-
holter Übung, Konventionen verdankt wurde. Einen Zusammenhang hatte
diese Verfassung nicht als System von Organen und Regeln, sondern als politi-
sche Ordnung einer religiös, kulturell, gesellschaftlich und wirtschaftlich ganz
bestimmt verfaßten Gesellschaft. Will sagen: Wir haben es mit einem höchst
16 Vgl. eh. Meier. Die Entstehung des Politischeu bei den Griechen. Frankfurt. 1980.
17 So z. B. V. Ehrenberg, Der Staat der Griechen. Zürich/Stuttgart· 1965. Dazu, freilich
unzulänglich. Gnomon 41, 1969, 365ff. m. Literaturhinweisen.

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komplexen Gebilde zu tun, in dem untrennbar zusammenhängt, was wir heute nach politisch, religiös, gesellschaftlich, wirtschaftlich scheiden (und was dank Ausgliederung der politischen und anderer Bereiche bei uns auch wirklich zu scheiden ist, wenn auch in abnehmendem Maße). Tatsächliche Machtverhält- nisse, "Clientel-Bindungen, gesellschaftliches Wissen vielfältiger Art gehörten in Rom nicht zur Ambiance der Verfassung (als Bedingungen ihrer Möglichkeit) oder zur Verfassungswirklichkeit, sondern sie lagen zugleich im Zentrum der Ordnung und waren unmittelbare, gar nicht wegzudenkende oder heraustrenn- bare Teile davon. Die verschiedensten Institutionen und Regeln setzten sie un-

mittelbar voraus 18. Was eine

direkt und in potentiell höchst verschiedener Weise aus ihrer Deckung in (in der

Regel durchhaltenden) Machtkonstellationen, ihrer Verquickung mit dem gesellschaftlichen Wissen, ihrem Sitz innerhalb des Austrags von Konflikten etc. Vieles was in unserm Sinne "nur" politisch oder gesellschaftlich ist, gehörte dort zur rechtlichen Ordnung. Die Organe und Regeln der "Verfassung" waren also gegen die vorgegebene tatsächliche Gesellschaftsstruktur nie verselbstän- digt worden, weil sich nie eine breitere Schicht gegen den traditionell herrschen- den Adel verselbständigt hatte 19. Daher war das Funktionieren der Verfassung in besonders hohem Maße darauf angewiesen, daß die Bürgerschaft im ganzen "in Form blieb". Ungewöhnlich viel hing von deren "Moral", Disziplin, Soli- darität, oder wie man es auch nennen will, ab. Entscheidendes mußte von Situation zu Situation in "Gegenwärtigkeit" geleistet werden, auch wenn es zahlreiche Mechanismen und Instanzen gab, die speziell für den geregelten, ver-

fassungsmäßigen Ablauf der

Diese Art der Verfassung ist unten als "gewachsene Verfassung" begriffen, aber nicht genauer behandelt worden. Abstrakter ließe sich von "nomistischer Verfassung"21 sprechen. Sucht man das zu ihr gehörige spezifische politische

Denken zu formulieren, so bietet sich wohl am ehesten die Formel der "Homo-

18 Vgl. u. S. 50. 119f. 124f. zu Wahlsystem und ClienteJ. Das Ganze soll weiter ausge- führt und begründet werden in W. Kunkels Römische Staatsordnung und Staatspraxis im Rahmen des Handbuchs der Klassischen Altertumswissenschaft. Vgl. einstweilen: Der Ernstfall im alten Rom. In: Der Ernstfall, hrsg. A.Peisl(A.Mohler. Berlin 1979, sowie in:

Savigny-Zeitschrift für Rechtsgeschichte 95, 1978, 385f1. zu Bleicken, Lex Publica 1975. 10 Sie hatten andererseits nicht die weite Kapazität, wie die ebenfalls gewachsene eng- lische Verfassung sie dank des Parlaments besitzt. Der Vergleich Roms und Englands in Hinsicht auf die Kapazität einer nicht insgesamt aus dem Ganzen ausgegliederten politi- schen Ordnung scheint heute besonders interessant zu werden. • 0 Vgl. Museum Helv. (wie Anm. 11). Hist. Ztschr. (wie Anm. 8), Ernstfall (wie Anm. 18) 53f. Wenn Brunt (wie Anm. 4) 230 fragt, was die besond~-rs"ambitionierten Senatoren des 1. von denen des 4. Jh.s unterschied, so darf man eben nicht nur auf die weit angewachse- nen Möglichkeiten verweisen, sondern muß zugleich das Nachlassen der gesellschaftlichen Kontrollen und Hemmungen sehen. Dem korrespondierte die Verengung der Normen, die dann vielfach durchbrachen wurden. " Vgl. einstweilen Entstehung (wie Anm. 16).

Insthution war und vermochte, folgte weithin

Politik sorgen konnten 20.

XXVI Einführung zur Neuausgabe 1980 genität des politischen Wissens" an. Es ist die kaum formulielie,
XXVI Einführung zur Neuausgabe 1980
genität des politischen Wissens" an. Es ist die kaum formulielie, sondern eher
selbstverständlich vorgegebene, von Hoch und Niedrig geteilte Übereinstim-
mung über das, was rechte Ordnung ist. Sie gründet in einem relativ engen
Ineinanderrasten von Erwartungen, Erfüllungen und Erwartungserwartun-
gen 22 und den daraus resultierenden Festlegungen und Begrenzungen des Han-
delns. Sie läßt wenig Distanz zur Wirklichkeit. Sie ist zwar vereinbar mit Kon-
flikten, auch mit heftigen, ja blutigen Auseinandersetzungen. Aber die können
immer nur Teile des Ganzen berühren (dort, wo es die je Beteiligten betrifft), nie
das Ganze selbst, das vorgegeben bleibt. Auch der Schwurverband der plebs
blieb paliikular, seine Solidarität wurde nicht so umfassend und grundsätzlich,
daß sie sich nur in einer ganz neuen Verfassung hätte verwirklichen können.
Dieser Homogenitätsbegriff läßt es zu, zugleich Veränderungen des Wissens
genauer zu erfassen, etwa dort, wo wie in Griechenland dieses Wissen zuneh-
mend erschütter~ wurde, wo man in Hinsicht auf das Ganze eine Diskrepanz
zwischen rech~er Ordnung und status quo feststellte, wo dann zunehmend
Distanz zur Wirklichkeit möglich wurde, also AnsMze zur Heterogenität des
politischen Wissens erwuchsen - bis die Homogenität zerbrach und man im
Politischen
eine ganz neue Ordnung gegen die alte setzte 23 • In Rom dagegen fand
die Erschütterung statt, ohne daß über lange Zeit Ansätze zu einer Heterogeni-
tät, zu einer Alternative sich bildeten. Darin bestand die besondere Wehrlosig-
keit der späten Republik. Freilich fragt es sich, ob dadurch das Problem der
fehlenden Alternative wirklich so viel größer wurde. Jedenfalls schälte es sich
wesentlich reiner heraus (was das damalige Rom so modellhaft macht).
Dies also war der eine Aspekt dessen, was ich fälschlich als Einheit von
Staat und Gesellschaft in der klassischen Republik bezeichne~ habe. Der andere
war die relativ starke Orientierung der Bürgerschaft auf Aufgaben und Pflich-
ten im Interesse des Gemeinwesens. Die vielfältigen äußeren Gefahren nötigten
dazu, und die Weise, wie man sich dieser Probleme annahm, bot so viele Bei-
spiele und Vorbilder und gab denen, die sich engagierten, so viel Überzeugungs-
kraft, daß sich im Ineinanderrasten von Erwartungen, Erfüllungen und Erwar-
tungserwartungen diese Einstellung stabilisiert haben muß. Damit objekti-
vierten sich die entsprechenden politischen Maßstäbe, wurden die Instanzen
mächtig, die sie zu verkörpern und einzuschärfen vermochten. Die Motivierung
dieser Allgemein-Orientierung war gewiß nicht ideal, sondern durchaus irdisch.
Gleichwohl wurde etwas nach irdischen Maßstäben recht Ungewöhnliches er-
reicht. Zeugnis dafür ist die ganze Geschichte der Außenpolitik Roms wie seiner
Verfassung (im weiten Sinne des Wortes).
Man darf diese relativ starke Allgemein-Orientierung nur nicht mißverste-
hen. Denn mit ihr ist nicht vermacht, daß die Römer dieser Zeit nicht ihre per-
sönlichen und Geschlechter-Interessen kräftig und phantasievoll betrieben
22 N.Luhmann, Rechtssoziologie. Reinbek 1972. 33ff. 51f. 64ff.
2. Vgl. einstweilen Entstehung (wie Anm. 16).

Einführung zur Neuausgabe 1980

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hätten. Das haben sie ganz sicher getan. Vielmehr muß die Sache der res publica im ganzen und (was die andere Seite davon ist) der Instanzen, in denen sie sich konzentrierte und die sie folglich zu bestimmen hatten, so stark gewesen sein, daß eine bemerkenswerte Konvergenz allgemeiner und partikularer Interessen gegeben war. Einsatz für das Allgemeine wurde offenkundig mit so viel Anse- hen, Einfluß und Macht honoriert, daß die Einzelnen ihre ganz persönlichen oder Geschlechter-Ansprüche in politischer und militärischer Leistung verwirk- lichten. Parallel dazu muß ein Druck gewirkt haben, der sie davon abhielt, ihre Forderungen zu weit zu treiben, so weit nämlich, daß dadurch die Solidarität des Standes und die Führungsposition des Senats bedroht worden wäre. Hier wirkten sehr verschiedene Umstände zusammen, die Macht gewisser Regeln, die Autorität (und das Einigungsvermögen) der principes, die auf deren Einhal- tung drangen, verschiedene überkommene Prozeduren, die eine Kombination

von Spielräumen und Geschlossenheit ermöglichten 24, aber

der Aufgaben (und die Stärke Roms, die es ermöglichte, sie auf Grund gewisser überkommener Richtsclmuren zu erledigen), nicht zuletzt das Standes-Interesse und negativ natürlich das Fehlen größeren Konfliktstoffes. Gleichwohl haben auch in der klassischen Republik sicher zahlreiche Parti- kular-Interessen gegen die Allgemein-Orientierung verstoßen oder haben sie wenigstens kaum Rücksicht darauf genommen. Das ist nur selbstverständlich. Worauf es hier ankommt, ist nur, das relativ (I) weitgehende Ausmaß zu beto- nen, in dem die gemeinsame Sache der res publica damals verfochten und durch- gesetzt wurde. Es wäre unsinnig, diese Feststellung als "Idealisierung" zu bezeichnen 25. Das kann nur sinnvoll sein gegenüber moralistischen Mißverständnissen der hier wirksamen Faktoren respektive einer entsprechenden Ausdrucksweise. Wenn man etwa annehmen wollte, die Römer seien besonders selbstlos gewesen oder sie hätten sich aus besonders edlen Motiven in freien Stücken für das Gemeinwohl eingesetzt und verbraucht. Ich muß zugeben, daß ich bei meinem Versuch, die Besonderheit der klassischen Republik zu beschreiben, mehrfach

auch das Gewicht

bei verwundert/bewundernden Beobachtungen stehengeblieben bin, die als Annahme besonderer Tugenden mindestens mißverstanden werden konn~en (vgl. dagegen S. 56). Mindestens beweg~en sie sich zum Teil noch im Kontext einer einfachen Absetzung gegen andere Gesellschaften. Trotz aller Vorsicht konn~e dabei als bewußte ethische Haltung oder Leistung eines ganzen Volkes respektive seines Adels erscheinen, was in Wirklichkeit zum guten Teil Sache bestimmter Institutionen war. Es ist etwa fraglich, ob man die Weise, in der~sich das römische Volk der Führung seines Adels fügte, als "Willigkeit" oder "Sich-Anvertrauen" richtig

.~

O' Museum Helv. (wie Anm. 11) 204ff. 05 So Brunt (wie Anm. 4) 230.

XXVIII Einführung zur Neuausgabe 1980 beschreibt (u. S. 45.52.58)26. Wohl gab es da, aufs Ganze
XXVIII Einführung zur Neuausgabe 1980
beschreibt (u. S. 45.52.58)26. Wohl gab es da, aufs Ganze gesehen, eine Selbst-
verständlichkeit, es herrschte gewiß auch vergleichsweise viel Vertrauen zum
Adel. Aber "Willigkeit" erfordert mindestens die Möglichkeit der Unwilligkeit,
und die finden wir nur ausnahmsweise, auf einzelne Situationen bezogen;
grundsätzlich war sie wohl nicht gegeben. Ähnlich setzt das "Sich-Anver-
trauen" eine Entscheidung voraus, die in Rom vom Volk gegenüber dem Adel
gewiß nie getroffen worden ist. Solche "voluntaristischen" Etiketten sollten nur
mehr als unzulängliche Versuche verstanden werden, etwas'zu charakterisieren,
was mit Kategorien etwa der Institutionenlehre Arnold Gehlens oder der
Wissenssoziologie mindestens ein gutes Stück weit erklärt werden kann. Dann
würden die völlig anderen Umstände, unter denen in Rom gehandelt wurde,
deutlich. Darin mußte ein ganz anderes Verhältnis zwischen Pflichterfüllung
und Interesse, zwischen Disziplin und Einsicht bestehen und sich reproduzie-
ren.
Mit diesen Bemerkungen soll - um das ausdrücklich festzustellen - nicht
einfach ein Pendel- zur anderen Seite gestoßen und der modischen Tendenz
nachgegeben werden, Motive wie Pflichterfüllung, Opfer, Hingabe an das
Gemeinwesen zu leugnen respektive eine egoistische, psychologische oder auch
ideologische Triebkraft dahinter zu entlarven. Man kann auch die Nüchternheit
bis zur Verfälschung übertreiben. Hier sollte dagegen nur die Betrachtung der
römischen Besonderheit aus der unmittelbaren Feststellung besonderer, im
Vergleich zu heutiger oder anderer Zeit auffälliger Züge herausgenommen und
in den Kontext einer gesellschaftlichen Situation hineingestellt werden, in dem
aus institutionellen Vorgegebenheiten heraus andere Motive stärker waren als
heute (und folglich etwa, was heute selbstlos wäre, damals einen guten Schuß
Egoismus enthalten haben mochte). Pflichterfüllung, Opfer, Hingabe an das
Gemeinwesen hatte dann mehr Sinn, und ist für uns verständlicher, ohne daß
man deswegen leugnen müßte, daß es sich um Pflichterfüllung, Opfer, Hingabe
an das Gemeinwesen gehandelt habe.
Es wäre interessant, ein Modell jenes Prozesses zu entwerfen, in dem Ein-
sicht und Überzeugungskraft Einzelner zusammen mit zahlreichen Ergebnissen
von momentaner Reaktion auf Situationen sowie von Auseinandersetzungen
immer neu in ein je vorgegebenes Regelsystem eingingen, dieses bewahrten,
modifizierten und fortbildeten. Darin müßte erklärbar und begreiflich werden,
wie sich aus gewissen Ausgangspositionen auf Grund einer besonders engen
Wirklichkeitsverhaftung, der Konstanz bestimmter Machtzentren sowie äuße-
rer Erfolge der Stadt eine im ganzen einheitliche und begrenzte Verfassungs-
"entwicklung" ergab.
Auf diese Weise würde der so ungewöhnliche und erstaunliche Rahmen, in
dem in Rom gehandelt wurde, weniger rätselhaft. Andererseits würde die Tat-
2. Zum Verhältnis Vertrauen/Mißtrauen in der römischen Verfassung Ernstfall (wie
Anm. 18) 53.

Einführung zur Neuausgabe 1980

XXIX

sache verständlich, daß diese Handlungen über die Generationen hin zumeist durchschnittlichen principes und Senatoren verdankt wurden. Man braucht dann etwa angesichts dessen, was als senatorische "Weisheit" erscheinen mag, nicht mit ungewöhnlicher intellektueller Kapazität dieser Körperschaft zu rechnen, sondern wesentlich mit Institutionen und Positionen, die es vergleichs- weise leicht machten, weise zu handeln (und oft auch mit einer Überlegenheit, die selbst dann zu Erfolgen führte, wenn man es nicht sehr weise angefangen hatte). Entsprechendes gilt für das Einigungsvermögen und die "Disziplin" des Adels. Alles Mögliche, wovon man sagen könnte, es habe den Römern "im Blut gelegen", kann nur institutionelle Vorgegebenheit gewesen sein, die dem Ein- zelnen in der Erziehung mitgegeben und "einversinnt" wurde, die folglich auch eine lange Folge von Generationen dieses Volkes kennzeichnete, die aber kaum mit dem römischen Volk, sondern erst mit seiner Geschichte entstand. Auch für die Verfassungsgeschichte (im weiten Sinne des Wortes) sind "die Römer" nicht das Agens, sondern das Referenzsubjekt2 7 , agentes zwar je im einzelnen, aber erst die spezifische Richtung der Kumulation von Impulsen, zu der jeweils Vor- gegebenheiten das Entscheidende beitrugen, machte das Ganze. Das Modell freilich, in dem das erklärbar würde, kann hier nicht entwickelt werden. Es gehörte übrigens nur am Rande zum Thema. Wichtig ist hier lediglich, daß mit seiner Hilfe zu zeigen ist, daß man keineswegs die Erstaunhchkeit und Ungewöhnlichkeit der römischen Verhältnisse herabzumindern braucht, um diese in unserer deI Vergangenheit gegenüber eher nüchternen Zeit verständlich zu machen. Zudem wird mit Hilfe eines solchen Modells deutlicher, warum die Feststellung des ganzen Ausmaßes von Erstaunlichkeit und Ungewöhnlichkeit etwa der Allgemein-Orientierung keine "Idealisierung" impliziert. Die Frage, wie die Allgemein-Orientierung unter den Bedingungen der gewachsenen Verfassung spezifisch ausgeprägt war, muß hier beiseite bleiben. Wenn 'nun auf die angedeuteten Weisen d:e klassische Republik genauer beschrieben und begriffen wird, sind zugleich die Spezifika der späten Republik dagegen besser abzusetzen, etwa als Erstarrung und Schwächung der gewach- senen Verfassung und als Nachlassen, wenn nicht Aufhören der Konvergenz allgemeiner und partikularer Orientierung. In summa scheint sich zu zeigen, daß durch moderne Erwartungen und Kategorien, wie sie sich im Text von 1966 niedergeschlagen haben, zwar wich- tige Erkenntnisse zu erzielen sind; daß aber die Eigenart der römischen Phäno- mene nur herauskommt, wenn entschiedener, als es hier geschehen, die Ebene der einfachen Entgegensetzung des antiken gegen- moderne Befunde durch- brochen wird. Es werden dann zwar ebenfalls moderne Kategorien zu gebrau-

W. D. Stempel geprägt worden.

Geschichte - Ereignis und Erzählung. München 1973. 329. Vgl. H. Lübbe, Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse. Basel 1977. 75ff.

27 Dieser Begriff ist von

R. KoselleckjW. D. Stempel,

xxx

Einführung zur Neuausgabe 1980

chen (und zu entwickeln) sein, aber sie müssen geeignet sein, das Positiv-Beson- dere an den römischen Phänomenen in deren Zusammenhang zu erfassen 28. Wenn diese heute einem Verständnis über den engsten Kreis der Eingeweihten hinaus zugänglich, das heißt vergleichbar werden sollen, so müssen die Katego- rien relativ allgemein sein. Sie müssen vielfach zugleich einen Platz innerhalb bestimmter Theorien, also expliziter und konsistenter Systeme haben, die - ohne aus den Quellen abgeleitet zu sein - der Identifizierung, Erscbließung und Erklärung von historischen Phänomenen dienen 29. Dies soll gleich zu drei Problemen gezeigt werden, die im Zusammenhang des ~uches zentral sind. Dabei geht es dann auch um einen dritten Punkt, in dem ich 1966 zunächst beim Negativen stehengeblieben war, das sich von modernen Erwartungen her ergab: die Krise ohne Alternative. Das Fehlen der Alternative ist allerdings, von heute gesehen, ein ganz entscheidendes Merkmal der römischen Krise. Seine Feststellung ist notwendig zur Orientierung der Moderne über Rom wie über ihre eigenen Erwartungen. In diesen wie in anderen Punkten sind zahl- reiche Beobachtungen erst recht wahrzunehmen, einzuschätzen und zu ver- stehen, wenn das Fehlen von Voraussetzungen, die wir mit Selbstverständlich- keit mitzudenken pflegen, ausdrücklich registriert wird. Fehlanzeigen sind dann unerläßlich zur Kontrolle des eigenen methodischen Zugangs. So kann schon die Besinnung auf die Alternativlosigkeit der damaligen Krise Wesent- liches an der Politik, am Denken, an der Ausprägung von Persönlichkeiten erschließen 30. Allein, worum es sich hier handelt, wird recht erst deutlich, wenn der Begriff der Alternative genauer bestimmt wird als eine besondere Konstellation von Interessen, Handlungen und Meinungen innerhalb einer Krise. Ferner wäre die Frage eingehender zu verfolgen gewesen, wie weit in Rom damals überhaupt mit einer Alternative hätte gerechnet werden können, anders gesagt: ob hier nicht eine interessante Struktureigentümlichkeit der römischen Gesellschaft als Kapazitätsgrenze auszumachen gewesen wäre. Schließlich hätte versucht wer- den müssen, durch die negative Feststellung hindurch den positiven Tatbe- stand, der hier statt dessen vorlag, zu bestimmen. Wenn nun die Ebene der Negation moderner Erwartungen an verschiedenen Stellen nicht entschiedener durchstoßen wurde, so hängt dies damit zusammen, daß die Reflexion auf die besondere Gesamtheit der politischen Struktur Roms nicht energisch genug war. So sehr ich versucht habe, diese zu erfassen, so viele Zusammenhänge dabei ans Licht kommen sollten, so wirkte es sich doch aus,

2. Das gilt, um nur noch ein Beispiel anzuführen, auch für die römische "kollektive Moral", die hier ebenfalls einseitig von heute (oder gestern) gesehen ist und die erst im Kontext vorchristlicher Möglichkeiten ihr spezifisches Profil gewinnt. 2" Vgl. dazu J. Kocl«i in: J. Kocka/Th. Nipperdey, Theorie und Erzählung in der Ge- schichte. München 1979. 9f. ." Vgl. Ch, Meier, Die Ohnmacht des allmächtigen Dictators Caesar. Frankfurt 1980.

Einführung zur Neuausgabe 1980

XXXI

daß mir die Aufgabe, den Rahmen des Ganzen theoretisch abzustecken, nicht

allerdings, ob es so leicht möglich gewesen

wäre, die Arbeit in ein und demselben Buch so weit über das Vorgegebene hinauszutreiben. Jedenfalls hätte mir wohl keine moderne Theorie geholfen. Die Behandlung der Frage, was eigentlich sinnvoll und unter Berücksichti- gung der modernen wissenschaftlichen Debatte als politische Struktur zu ver- stehen sei, kann hier nicht nachgeholt werden. Das würde viel zu weit führen. Der Beitrag zum Thema, der hier geboten wird, hat seine Einheit in der Frage nach dem Funktionieren der aristokratisch geprägten politischen Ordnung unter den Bedingungen der Extensivierung. Der Akzent liegt dabei auf den politischen Interessen, den Möglichkeiten, sie durchzusetzen, und der daraus resultierenden Lagerung der Macht. Innerhalb dieses Ausschnitts ist ein wich- tiges Versäumnis anzumerken: Es hätte nämlich auch die Strukturgeschichte von Senat und Senatsadel während der späten Republik als besonderer Strang der Extensivierung eine eigene Behandlung verdient. Daß darüber hinaus viele Einzelfragen des Funktionierens der Verfassung, die Rolle der Gerichte, die Probleme der Gewalt3 2 , der (offenbar sich wandeln- den) politischen Erziehung, der gesellschaftlichen Identität wie der Sklaven und der Provinzialverwaltung weitgehend ausgelassen worden sind, scheint mir weniger schlimm zu sein: Sie hätten das Gesamtbild zwar um interessante Züge ergänzen, aber kaum als wesentlich anders erscheinen lassen können. Zur Frage nac~ der politischen Struktur gehörte aber auch diejenige nach den Grenzen des politischen Systems. Dessen Funktionieren ist in Hinsicht nicht nur auf die an ihm beteiligten politischen Kräfte, sondern zugleich auf die ihm im Gesamtsystem gestellten Aufgaben zu betrachten. Damit ist speziell die Frage nach Krise und Kapazität des Politischen in der späten Republik auf- geworfen. Es gibt einen spezifischen Zusammenhang zwischen Machtlagerung, Kapazi- tät und Krise. Er ist nicht unabhängig von den Institutionen der Verfassung, aber nur bedingt durch sie bestimmt. In ihm sind die strukturellen Möglichkei- ten einer Gesellschaft zu erfassen, mit ihren Problemen fer~igzuwerden. In ihm erschließt sich der besondere Charakter der Veränderung, das besondere Ver- hältnis zwischen dem Politischen und dem Prozessualen und alles, was von daher bestimmt ist. Da dies die zentralen Fragen sind, die in diesem Buch nicht unbedingt immer gestellt, doch in irgendeiner Weise gemeint sind, möchte ich abschließend darlegen, wie ich sie heute anpacken und lösen würde.

bewußt war Bl Auch hier fragt sich

31 Dazu J. Rüsen in KockajNipperdey (wie Anm. 29) 327ft. 32 Dazu Nippel (wie Anm. 2).

XXXII Einführung zur Neuausgabe 1980 3. WEITERFÜHRENDE ANSÄTZE a) Parteiungstheorie Das eigentliche Problem der
XXXII Einführung zur Neuausgabe 1980
3. WEITERFÜHRENDE ANSÄTZE
a) Parteiungstheorie
Das eigentliche Problem der Erkenntnis einer historisch fernen Art politi-
scher Gruppierungen liegt darin, daß es offenbar äußerst schwierig ist, das
Problem als solches zu erkennen. Die Wissenschaftsgeschichte zeigt jedenfalls,
daß man zunächst lange dazu neigte, einfach das aus der eigenen - oder einer
anderen, eher vertrauten - Zeit gewohnte Bild politischer Parteiungen auf die
Vergangenheit zu übertragen und die beobachteten Besonderheiten in das
scheinbar vorgegebene Schema einzuzeichnen. Als dann mit fortschreitender
Forschung für die einzelnen Epochen mehr und mehr Fakten bekannt wurden,
die mit diesem Bild nicht recht übereinstimmten, brachte man daran Modifika-
tionen an 33.
Für die späte römische Republik bedeutete das etwa, daß man statt mit
Konservativen und Demokraten, Senats- und Volkspartei gern mit Adelsfak-
tionen rechnete, die man sich mehr oder weniger geschlossen und dauerhaft
vorstellen konnte. Dabei wurde aber ein anderes Faktum moderner Gewöh-
nung weiter für selbstverständlich gehalten und gar nicht in Frage gezogen: die
Gegenstandsunabhängigkeit der Parteiungen. Das heißt, man nahm weiterhin
an, daß die Gruppierungen für die gesamte Politik galten, daß also die Politiker
sich unabhängig von den Gegenständen regelmäßig in den gleichen Fronten
fanden. Die Frage, ob die Gruppierungen evtl. gegenstandsabhängig gewesen
sein können, wurde nicht gestellt. Sie wurde allerdings wenigstens einmal ab-
weichend. vom üblichen Bild beantwortet. Doch obwohl diese Antwort von
einem allgemein so hoch angesehenen Gelehrten wie Matthias Gelzer s~ammte34,
hat mau sie offensichtlich zumeist nicht einmal wahrgenommen. Mein eigener
Versuch einer eingehenden Rekonstruktion der damaligen Parteiungen hat
zwar, wie ich glaube, ein im ganzen zu~reffendes Bild davon gezeichnet. Aber es
fehlte auch ihm an theoretischer Durchdringung (oder anders gesagt: an der
richtigen Konturierung des Ganzen).
Ob man die Art politischer Gruppierungen in einer Gesellschaft erfaßt hat,
ist erst klar, wenn man weiß, was man dazu wissen muß. Beschränkt man sich
darauf, das in die Augen Stechende oder das nach irgend naheliegenden An-
nahmen Dazugehörige zu behandeln, so läuft man Gefahr, das Ganze eines
Mosaiks von einigen Steinen statt von dessen Rahmen her zu erschließen oder
anders gesagt: die Spitze des Eisbergs für diesen selbst zu halten. Gerade weil
wir für entferntere historische Epochen, insbesondere für die Antike oft nicht
33 Vgl. etwa H. Strasburger in: RE 18, 775 ff. Taylor (wie Anm.
10) 12. Ch. Meier in RE
Suppl. 10, 553f. Es würde sich lohnen, das einmal im einzelnen zu untersuchen .
Ch. Meier in: J. Bleicken/Ch. M./H. Strasburger, Matthias Gelzer ~nd die römische
Geschichte. Kallmünz 1977. 41 ff. Weitere Abweichung bei Taylor (wie Anm. 10. Vgl. Ch.
Meier wie Anm. 33. 567f.).

Einführung zur Neuausgabe 1980

XXXIII

genug Quellen besitzen, um alle Fragen zu beantworten, die sich in Hinsicht auf die Parteiungsstruktur stellen, ist es notwendig, sich wenigstens des Rah- mens bewußt zu sein, in dem das Bekannte etwas besagen kann. Diesen Rahmen kann nur eine Parteiungstheorie bilden. Eine solche Theorie gibt es noch nicht. Denn die Parteientheorie der politischen Wissenschaft setzt die Existenz von Parteien immer schon voraus. Sie bezieht sich nur auf die Neuzeit. Eine Parteiungstheorie, die zugleich etwa den antiken und mittel- alterlichen Gemeinwesen gerecht werden will, muß sehr viel weiter und elemen- tarer ansetzen. Ihre Aufgabe wäre es, zunächst zu bestimmen, welche möglichen Faktoren und Relationen das Ganze eines Parteiungssystems ausmachen, sodann die Ebenen zu konstituieren, auf denen diese untereinander in Beziehung gesetzt werden können, schließlich den Bereich der möglichen Verschiedenheiten sol- cher Systeme abzustecken,. innerhalb dieser Möglichkeiten bestimmte Typen herauszuarbeiten und dabei nicht zuletzt die spezifischen, einmaligen Voraus- setzungen der neuzeitlichen Parteiungssysteme deutlich zu machen. Dadurch müßte es möglich werden, die gesamte Problematik, die hier liegt, in den Blick zu bringen, insbesondere die Bedingungen verschiedener unserer Vorstellungen zu markieren; kontrollierbar zu machen, wie weit Rekons~ruk­ tionen, also theoretische Nachbildungen von Parteiungssystemen das Ganze umfassen (und ggf. die Leerstellen zu kennzeichnen, die mangels Quellen ver- bleiben) ; vor allem aber zu Bewußtsein zu bringen, daß von Fall zu Fall nicht einzelne Elemente, sondern das gesamte Beziehungsgefüge besonders und je eigener Rekonstruktion bedürftig ist, das ein Parteiungssystem ausmacht. Wie sehr Parteiungen in aristokratischen Gesellschaften bei regelmäßig recht partikularen Themen der Politik unterschiedlich sein können, lehrt zum Beispiel der unten (S. 187fL) angestellte Vergleich zwischen der späten römi- schen Republik und dem England des 18. Jahrhunderts. Unverkennbar hängt dabei die Art politischer Gruppierung in England mit dem Vorhandensein des Parlaments zusammen. Gleichwohl sind, wie die englische Geschichte seit dem 17. Jahrhundert zeigt, die verschiedensten Formen von Parteiungen in diesem Parlament möglich gewesen, je nach dem Verhältnis zur Krone, nach den In- halten der Politik und nach deIl). Wahlrecht (und damit zugleich nach Maßgabe der politischen Organisation). Um ein drittes Beispiel zu nennen: In aristokra- tisch regierten Gemeinwesen ohne Parlament kann die Art der Gruppierung ebenfalls sehr verschieden ausfallen. Es kann eine eindeutige Konzentration des politischen Einflusses in einem Kreis adliger Familien diesen die Freiheit geben, sich ganz nach Gesichtspunkten ihrer Geschlechte~interessensowie von Freund- und Feindschaften zu gruppieren, und das kann dann dazu führen, daß sich daraus für einige Zeit gleichbleibende und die ganze Politik durchwaltende Faktionen ergeben 35. Auch können auswärtige Hegemonialmächte, wie zeit-

35 Vgl. etwa die athenischen Gruppierungen vor der Tyrannis des Peisistratos, Herodot

XXXIV Einführung zur Neuausgabe 1980 weilig in den mittelalterlichen italienischen Städten, die Gruppierungen auf
XXXIV Einführung zur Neuausgabe 1980
weilig in den mittelalterlichen italienischen Städten, die Gruppierungen auf
große dauerhafte Gegensätze festlegen. Andererseits ist es fraglich, wie lange
das anhält, ob es gar die Regel ist. Manches spricht dagegen; in der Regel muß-
ten in den aristokratischen Gemeinwesen mindestens breitere Teile des Adels
auch zusammenarbeiten (sonst wäre auch die Gefahr der Sprengung der Einheit
zu groß gewesen), und die Faktionsbildungen scheinen jedenfalls in der Regel
nur kleine Kreise umfaß~ zu haben. Außerdem kann eine regierende Aristokra-
tie so weit durch divergierende Interessen ihrer Anhänger bestimmt sein, daß
feste gegenstandsunabhängige Gruppenbildungen unmöglich werden.
Kurz, man wird eine brauchbare Parteiungstheorie nur im Blick auf die
Fülle der Möglichkeiten erarbeiten können, also etwa auf griechische Poleis
wie auf die römische Republik, auf mittelalterliche Städte wie auf die sehr ver-
schiedenen neuzeitlichen Parteiungen auf dem europäischen Kontinent, in
England und Amerika. Man muß zugleich wohl außereuropäische Kulturen
einbeziehen. Erst dann wird ganz einleuchten, wie viele mögliche Beziehungen
zwischen ähnlich immer wieder vorkommenden Faktoren es gibt.
Um wenigstens einen Anfang zu machen, sollen im folgenden die Umrisse
einer Parteiungstheorie gezeichnet werden, in allgemein formulierten Fragen
und Thesen, so wie sie mir nach dem Studium der römischen, griechischen sowie
einiger florentinischer und englischer Beispiele als angemessen erscheinen. In
diesem Rahmen müßte sich dann das unten im Text gezeichnete Bild der römi-
schen Parteiungen neu und besser erschließen lassen.
Ein Parteiungssystem ist danach wesentlich bestimmt durch dreierlei
Faktorenkomplexe :
den Inhalt der Politik,
die Konstellation der Entscheidungszentren,
die Lagerung der Macht.
Diese sind als gesonderte analytische Ebenen zu untersuchen. Erst so kann
man sich der Fülle der möglichen Bedingungen vergewissern, bevor man sich
dann der Ermittlung des gesamten Zusammenhangs eines Parteiurigssystems
zuwendet.
Auf der Ebene des Inhalts läßt sich innerhalb eines politischen Systems die
Gesamtheit der politischen (und politisierbaren) Themen zusammenfassen.
Mindestens sind es partikulare Interessen Einzelner und bestimmter Gruppen,
höchstens wird die gesamte Ordnung zum Problem. Dazwischen liegt ein weiter
Bereich von Fragen, die sich von den verschiedensten Richtungen her auftun
können, außen- und innenpolitischer, wirtschaftlicher, sozialer, konfessioneller,
kultureller Natur bis hin zu Sinnbedürfnissen. Es mag primär um die bloße
Erledigung anfallender Aufgaben oder um Strukturreformen gehen. Es fragt
1. 59ft Ferner Aristoteles, Politik 1303 b 18ff. (z. T. offensichtlich ganz ähnliche Fälle wie
der der Entstehung der Parteiung zwischen Guelfen
Istorie Fiorentine, 2: Buch a. A.
und Ghibellinen nach Machiavelli,
Einführung zur Neuausgabe 1980 xxxv sich, was im gegebenen Rahmen einer Gesellschaft zum Gegenstand politischer
Einführung zur Neuausgabe 1980
xxxv
sich, was im gegebenen Rahmen einer Gesellschaft zum Gegenstand politischer
Aktion werden kann, was nur unter erheblicher Veränderung dieses Rahmens,
was überhaupt nicht. Ferner: Was in der Regel und was in Ausnahmefällen auf
die politische Tagesordnung kommt und ggf. auch: für die Parteinahme ins
Gewicht fällt.
In den Inhalten schlagen sich selbstvers~ändlich die verschiede-
nen Interessen und Meinungen darüber nieder. Sie erst machen sie ja zu politi-
schen Themen und bestimmen ihr spezifisches Gewicht in der Politik. Aus
ihnen erst ergibt sich etwa, ob man Fragen der politischen Existenz in äußerster
Nervosität oder in Dickfelligkeit, in Streit oder Einigkeit oder welcher Gra-
duierung davon begegnet. Entsprechend: Ob man das Verfechten partikularer
Interessen für legitim oder illegitim hält und stärker oder schwächer im Ver-
hältnis zu anderen Themen betreibt. Die eigentliche Absicht der Analyse von
Parteiungen auf dieser Ebene liegt darin, vom Inhaltlichen her zu bestimmen,
welcher Art Veranlassungen zur Partizipation an Politik und Parteiungen für
die verschiedenen Teile einer Gesellschaft bestehen. Wie weit sind eher partiku-
lare Probleme, wie weit Fragen der Struktur oder der politischen Existenz be-
herrschend?
Man sollte die Parteiungen einer Gesellschaft in einer bestimm~en Epoche
nie behandeln, ohne genauere Kenntnis über die Inhalte der Politik, deren Art
und besonders deren Relation untereinander zu verlangen und zu geben 36. Da-
bei muß allerdings deutlich sein, daß es sich nur um eine analytische Ebene
unter anderen handelt.
Verschiedene Probleme, die sich auf der Ebene der Inhalte und Meinungen
stellen, reichen zugleich auf andere Ebenen hinüber. So gerät man mit der
Frage nach der Verknüpfbarkeit verschiedener Inhalte schon in den Zusam-
menhang der Lagerung der Macht (ob etwa, wie im neuzeitlichen Europa, die
großen Strukturprobleme und die Vertretung kleiner Interessen von Einzelnen
und Gruppen in und zwischen den gleichen Parteien ausgetragen werden). Das
gleiche gilt von den Quellen, aus denen sich die Meinungen über die Inhalte der
Politik speisen, sowie von den Mechanismen der Politisierung von Themen
(etwa in der modernen "Wettbewerbsdemokratie" im Unterschied zu Par-
teiungssystemen ohne organisierte Parteien oder mit eher persönlichkeits- oder
klientelorientierten Par~eien).
Bei der Konstellation der Entscheidungszentren geht es um die öffentlichen
Organe, in denen formal die für das Gemeinwesen bindenden Beschlüsse gefaßt
werden. Die Frage, ob die wi.chtigen Entscheidungen nicht in Wirklichkeit
anderswo fallen, etwa in Parteizentralen oder au(;I>arteitagen, kann in diesem
Zusammenhang vernachlässigt werden. Sie betrifft weniger die Art des Par-
teiungssystems als Verschiebungen zwischen Parlamentariern (evtl. einschließ-
lich der Regierung) und Parteigremien innerhalb eines Par~eiungssystems. In-
3. Es ließe sich an unzähligen Beispielen nachweisen, welche Folgen es hat, wenn dies
versäumt wird.
XXXVI Einführung zur Neuausgabe 1980 sofern wäre sie bei der Lagerung der Macht zu berücksichtigen.
XXXVI Einführung zur Neuausgabe 1980
sofern wäre sie bei der Lagerung der Macht zu berücksichtigen. Auf dieser
Ebene geht es zunächst nur darum, wie es formal um die Zentren bes~ellt ist.
Denn eben davon hängt die Art der Parteiungen unter anderem ab. Um beim
Beispiel zu bleiben: Die Verlagerung der tatsächlichen Entscheidung in organi-
sierte Parteien ist in einem Mehrparteiensystem daran 'gebunden, daß es ein
Parlament gibt, dessen Mehrheit zugleich die Regierung stellt. Eben dies ist
aber, wie gesagt nur eine mögliche Konstellation von Entscheidungszentren.
Allgemein ist nach der Zahl und dem relativen Gewicht dieser Zentren zu fragen.
Dabei kann ein äußerlich einheitliches Zentrum - wie etwa der amerikanische
Kongreß - in mehrere, auf ihren Gebieten relativ selbständige einzelne Zentren
(Kommissionen) zerfallen 37. Ebenso ist zu un~erscheiden, ob ein Zentrum für
bestimmte Perioden von gleichbleibenden oder je nach Situation wechselnden
politischen Kräften oder Kombinationen bestimm~ist. Es fragt sich nach Kon-
zen~ration oder Dezentration der politischen Entscheidungen, nach Hierarchien
zwischen den Zentren, dem Verhältnis von Verfügung und Kompromiß, nach
den Umfängen, Gebieten und möglichen Überschneidungen der Entscheidungs-
gewalt (etwa wie weit es für bestimmte Gebiete verschiedene Entscheiqungs-
organe gibt). Mit der Frage der Verknüpfung von bestimmten Entscheidungs-
zentren mi~ bestimmten Kräften an der politischen "Basis" kommt man schon
in den Zusammenhang der Lagerung der Macht.
Auf dieser Ebene ist das ganze politische Feld in Hinsicht a.uf das, was in ihm
Macht ist oder dazu werden kann, zu analysieren. Die Machtfaktoren sind aus-
zumachen und näher zu bestimmen (etwa nach Regel und Ausnahme, nach
spezifischen Hinsichten, in denen sie wirken). Schließlich sind ihre Relationen
innerhalb der Gesamtheit der Machtlagerung zu untersuchen. Es frag~ sich
etwa, was zu Macht werden kann (übrigens einschließlich außenpolitischer Fak-
toren), wie weit es organisiert oder organisierbar ist, welche Formen der Organi-
sation und Bindung (etwa zwischen Politikern, den Trägem bestimmter Inter-
essen und Meinungen und weiteren Kreisen poten~ieller Teilhaber an Politik)
bestehen, welche Möglichkeiten und Grenzen poli~ischen Wirkens sie lassen.
Man hat danach zu forschen, in welchem Umfang (im Verhältnis zur Gesamt-
heit der je aufzubietenden Macht), in welcher Kontinuität (nur von Fall zu Fall
oder durchgehend in der gesamten Politik, evtl. wechselnd nach Regel- und
Ausnahmesituationen) und zu welchem Grad der Verfügbarkeit (etwa der Kon-
zentration an bestimmten Stellen oder eher nur im Rahmen je neuer Kompro-
misse oder schließlich je nach Gegenstand unterschieden) Macht sich zusam-
menfassen läßt. An dieser Stelle wäre das Potential organisierter In~eressen
(etwa zur Herbeiführung oder Blockierung von Entscheidungen), wären aber
auch die strategischen Positionen zur Beeinflussung von Politik zu prüfen. Hier
stellt sich zugleich die Frage nach der Verknüpfbarkeit verschiedener Inhalte
37 Vgl.
etwa jüngst zu den USA P.
Graf Kielmansegg in W. HennisjU.MatzjP. K.,
Regierbarkeit 2. Stuttgart 1979. 147ff.

Einführung zur Neuausgabe 1980

XXXVII

von Politik, nach dem organisatorischen Gewicht, das den Meinungen über die Inhalte zugeschlagen werden kann (oder mit dem man diese eindämmt), nicht zuletz~ auch nach dem möglichen Eigengewich~ oder der weitgehenden Funk- tionalisierung der Inhaber der Entscheidungszentren. Fußend auf der Analyse der verschiedenen Ebenen müßte es dann möglich sein, die Parteiungssysteme im ganzen zu begreifen. Grundunterscheidungen wie die von gegenstandsabhängigen und -unabhängigen Parteiungen wären hier zu treffen, typische Verhältnisse von Inhalten, Organisationsformen und Konstellationen der Entscheidungszentren festzustellen. Wahrscheinlich bilden die moderne westeuropäische Art der Parteiungen und die der späten römischen Republik in wesentlichen Hinsichten die extremsten Ausformungen: Einmal ist die Gegenstandsunabhängigkeit so weit getrieben, daß die gleichen Parteien dauerhaft die großen Fragen der Gesellschaftsreform, die wichtigen Entschei- dungen der Außenpolitik wie die des Alltags und schließlich die Interessenver- tretung der ihnen zugehörigen oder zuneigenden Individuen oder Gruppen in Regel und Ausnahme unter sich austragen (und zum Teil sogar Heimat und Sinnerfüllung bieten). Dabei müssen ihre Anhänger Abweichungen im einen oder anderen Punkt in Kauf nehmen, weil die Geschlossenheit der Partei jeden- falls wichtiger ist, so lange die Dinge so liegen, wie sie es tun. Im anderen Fall gibt es verschiedene Arten von Parteiungen in Regel und Ausnahme, wech- selnde Gruppierungen im politischen Alltag, Parteinahmen je nach Bindungen oder den Einwirkungen von anderen, die auf Grund ihrer Bindungen handeln. Einmal weitgehende Kristallisation von großen und kleinen Interessen, zum anderen weitgehende Vereinzelung der Interessen, einmal Einbeziehung der partikularen Themen in den größeren Zusammenhang, zum anderen Fragmen- tierung der Politik, einmal (bisher jedenfalls) ständige Konzentration von sehr viel Macht in zentralen Positionen, zum anderen Konzentration zwar in gewis- sen Fragen bei weitgehender Dezentration in allen übrigen. Es wäre interessant, diesen Vergleich weiter auszuführen und durch Heran- ziehung anderer Parteiungssysteme, etwa desst'u der Vereinigten Staaten aus- zufalten. Dabei ließe sich fragen, ob das amerikanische nicht insgesamt dem römischen Beispiel näher ist als dem modernen europäischen. Freilich sollte man diesen wie andere Fälle weniger auf einer Skala zwischen den genannten Extremen verorten als vielmehr im Rahmen einer mehrdimensionalen Analyse. In die einzelnen analytischen Ebenen sowie in die Feststellung der Inter- dependenzen innerhalb des gesamten Parteiungssystems müßten zahlreiche Einzelheiten wie etwa typische Zielsetzungen und ~Motive von Politikern, die Rolle von Programmen oder die politische Chance von Interessen, die allen gemeinsam sind, einzubringen sein. In sie gehen zugleich vielerlei Bedingungen von Parteiungen ein, etwa die Struktur der Gesellschaft samt deren außen- politischer Ambiance; die Verfassung; der Charakter der Staatlichkeit; Rechts- anschauungen, sittliche Gebote und Verbote, politische Tugenden, "Mentalitä-

XXXVIII Einführung zur Neuausgabe 1980 ten"; Auffassungen über Möglichkeiten und Grenzen der Politik, Erfahrungen
XXXVIII Einführung zur Neuausgabe 1980
ten"; Auffassungen über Möglichkeiten und Grenzen der Politik, Erfahrungen
und Erwartungen, überhaupt der zeitliche Horizont des politischen Denkens
und HandeIns; die Größe des Gemeinwesens, Verkehrs- und Kommunikations-
verhältnisse ; das Bildungsniveau; die gesellschaftliche Identität und Zugehörig-
keitsstruktur ; der Ort des Politischen.
In einem solchen theoretischen Rahmen also wären die römischen Parteiun-
gen zu behandeln. Wohl sind die wichtigen Feststellungen zum Inhalt der Poli-
tik unten getroffen 38. Auch die Vielzahl und wechselnde Besetzung der Ent-
scheidungszentren ist behandelt, ihre Bedeutung für die römische Art der
Parteiungen herausgestrichen. Das gleiche gilt von der mangelnden "Kristalli-
sation von großen und kleinen Interessen", der breiten "Lagerung der Macht"',
der Vereinzelung der Interessen, dem Wechsel der Parteiungen im Alltag und
zwischen Alltag und Ausnahmesituationen.
Schließlich ist auch die Gegenstandsabhängigkeit der römischen Parteiungen
festgestellt worden. Aber der Begriff (und die explizite Unterscheidung zur
Gegenstandsunabhängigkeit) fehlt. Ein Strang der Untersuchung endet gleich-
sam mit dieser Beobachtung. Daß hier die eigentliche Differenz zum modernen
Parteiungssystem und zur modernen Parteienvorstellung lag, ein wichtiger
Schlüssel zum Verständnis und zur Identifikation der römischen Art politischer
Gruppierungen sowie zu deren Vermittlung ist mir nicht oder nicht hinlänglich
bewußt gewesen. Im Begriff der Gegenstandsabhängigkeit ist die offene Parti-
kularität der verschiedenen Kräfte gemeint, die sich je nach Situation anders
gruppieren. Maßgebend sind dabei freilich nicht nur der jeweilige Gegenstand,
sondern auch das jeweilige Entscheidungszentrum und - natürlich auch - die
jeweils ins Spiel kommenden Bindungen und sachlichen Motive.
Der Begriff der Gegenstandsabhängigkeit bezeichnet den zentralen Unter-
schied zum modernen Parteiungssystem. Wie bedeutsam das erschließende
Potential eines solchen zentralen, den wesentlichen Zug einer Sache erfassenden
Begriffs ist, was er also in der Durchdringung eines umfassend und mit ver-
schiedenen eigens entwickelten Kategorien vorgelegten Materials zusätzlich
erbringt, zeigt sich hier besonders deutlich.
Die wesentliche und, wie mir nach wie vor scheint, zutreffende Aussage über
die relativ geringe politische Rolle von Geschlechtern und Faktionen in Rom
wäre zum Beispiel in ihrem Ausmaß und in ihren Grenzen viel besser klarzu-
machen und zu begreifen gewesen, wenn ich diesen Schlüssel konsequent be-
tätigt hätte. Mir hatte es so geschienen, wie wenn der Wechsel der Parteiungen
von Punkt zu Punkt das eigentlich Bemerkenswerte gewesen wäre. Das brachte
mich dazu, die Konstanten darin zu unterschätzen. Sobald aber die Proble-
matik des Verhältnisses von Parteiungen und Gegenständen klar ist, erweist sich,
38 Gegen Crifo (wie Anm. 5) 242 ist festzuhalten, daß in der Regel (I) wirtschaftliche und
soziale Gegensätze in der Politik keine Rolle spielten', Er selbst weist nur auf Ausnahmen
hin (die meist auch in Bürgerkriegssituationen gehören), Vgl. auch 0, S, XVI ff.

Einführung zur Neuausgabe 1980

XXXIX

daß die Wechselhaftigkeit nur eine Seite dessen ist, was hier eigentlich vorliegt, eben der Gegenstandsabhängigkeit der Parteiungen. Dann wird es möglich, auch die andere Seite, das Wiederkehrend-Gleichbleibende angemessen zu würdigen. Eine der Konstanten war die wiederkehrende Opposition der Senatsmehr- heit gegen große Gesetzesprojekte, insofern eine Parteiung zwischen Optimaten und Popularen (wenn auch die letzteren, abgesehen von einem Unterbau, meist von Situation zu Situation andere waren). Diese Gruppierung ist bestimmend nur in Ausnahmesituationen. Bei kleineren Agenden bezieht sie sich nur auf beschränkte Teile der Politik. Sie ist aber immer wieder mindestens in der Agi- tation gegenwärtig. Relativ stetig war die Zusammenarbeit einer Reihe von Persönlichkeiten, die durch Einfluß und Überzeugung in die Lage gekommen waren, das Zentrum der senatorischen Politik zu bilden. Hier lag eine Aufgabe kontinuierlicher "Verfassungspolitik", die von einzelnen Persönlichkeiten wie Catulus und Cato offenbar zusammen mit einem führenden Kreis von Senatoren wahrgenommen wurde. Sie waren zum Teil untereinander verwandt, und das mag ihren Zusam- menhalt befördert haben. Vor allem aber bildeten sie den Kern der führenden Senatskreise. Die Macht, welche sie ausübten, war nur zum Teil "Faktions- macht" großer Patrone, entsprang vielmehr wesentlich aus steter Mühewal- tung, Überzeugungsarbeit, aus dem gemeinsamen Interesse der Senatsmehr- heit, schließlich aus einem Faktor, der kaum gering zu veranschlagen ist: den Prämien, die innerhalb des Senats dem gezollt wurden, der die Sache des Hau- ses konsequent und verantwortungsvoll wahrnahm. Diese Herren verkörperten geradezu den Führungsanspruch des Senats, hatten das Gewicht der senatori- schen Verantwortung für die res publica auf ihrer Seite, auch die Kraft, die sich aus der Erfahrung des vielfältigen Versagens ableiten ließ, da die Grenzen der Macht des Senats nicht wahrzunehmen waren. Dem konnte man sich nur schwer entziehen. Auch die Herren um Catulus und Cato wirkten freilich nur in bestimmten Hinsichten zusammen. In weiten Teilen der Politik dagegen, in denen dies nicht notwendig oder aktuell war, taten sie das nicht oder nur be- dingt. Den besonderen Charakter ihrer Zusammenarbeit versteht man also nur im Rahmen der Gegenstandsabhängigkeit der Parteiungen. Mit dieser wesent- lichen Einschränkung kann ich Erich Gruen zustimmen, wenn er diese Gruppe

cohesive and formidable nennt3 9 • In einer ähnlichen Lage mögen die Meteller

und ihre Verbündeten zur Zeit Su1las sich befunden haben (u. S. 182ff.). Auf andere Weise bildeten die Geschlechter und Geschlechterverbindungen in der regelmäßigen Politik Konstanten. Mindestens in den Fällen, in denen ihre gemeinsamen Interessen zur Debatte stand~n, müssen sie zusammenge- wirkt haben 40. Nur waren das vergleichsweise wenige Situationen. Freilich

'9 Wie Anm. 8. 57. Vgl. 94. 40 So schon u. S. 176, von Brunt (wie Anm. 4) 231 übers"ehen, dessen Kritik hier bedingt anerkannt ist. Nur hätte er nicht verkennen sollen, daß das Fehlen eines zweiten Kandida-

XL Einführung zur Neuausgabe 1980 sollte man annehmen, daß der Einzelne auch sonst nicht allein
XL
Einführung zur Neuausgabe 1980
sollte man annehmen, daß der Einzelne auch sonst nicht allein s~and, sondern
mindestens als Hintergrund und Kraftquelle sein GeschlecM im Rücken hat~e.
Freunde und Verwandte werden ihm öfter auch direkt beigesprungen sein.
Gerade wenn die regelmäßige Partikularität der Themen je nur wenige durch
Verpflichtungen direkt engagiert sein ließ, blieb viel Spielraum für die Unter-
stützung von Freunden und Verwandten. Ich habe das in meiner Darlegung
unterschätzt. Allein, aufs Ganze gesehen, muß es wohl dabei bleiben, daß Ge-
schlechter oder gar Faktionen nicht durch die gesamte Politik hin - oder auch
nur durch größere Teile davon - zusammenarbeHen konn~en. Die Partikularität
der Themen und die ungeheure Vielfalt der Beziehungen, auf die der Senator
im Laufe der Zeit angewiesen war, schlossen es gewiß aus, daß verwandtschaft"
liehe Verbindungen mehr als eine, freilich verdichtete, Unterstützung unter
anderen geboten hätten.
Angesichts des unten vorgelegten Materials wäre es höchst verwunderlich,
wenn es in Rom damals gegenstandsunabhängige Faktionen gegeben hätte.
Wer dies behauptet, hat wohl mindestens die Vermutung der Wahrscheinlich-
keit gegen sich. Der Aufweis von noch so vielen Familienverbindungen oder
noch so vielen Fällen des Zusammenwirkens Verwandter spricht nur für die
Fähigkeit, ein frei konstruiertes Modell mit Beispielen zu illustrieren, nicht für
die Richtigkeit dieses Modells 41 - es sei denn, man vermöchte die genannten
Fragen anders zu beantworten als es hier geschehen ist. Einen Einwand gegen
die hier vorgetragene, sachlich nur leicht modifizierte, Auffassung können
solche Aufweise jedenfalls nicht darstellen.
Wenn man gegen diese (zwar nicht unseren Erwartungen, aber angesichts
der römischen Verhältnisse) naheliegende Rekonstruktion eingewandt hat, die
römischen Politiker müßten Dilettanten gewesen sein oder Mangel an poli~i­
scher Leidenschaft gelitten haben, wenn sie keine Faktionen gebildet hätten 42 ,
so verkennt man die Sachlage. Denn es kann doch wohl nicht dilettantisch sein,
wenn Politiker unter Einhaltung der vorgegebenen und kaum zu erschüttern-
den Regeln und Bindungen das tun, was der Erhaltung und Mehrung ihrer
Macht dient. Eben darin - und nicht in der Herstellung eines unter den damali-
gen Verhältnissen unmöglichen Systems - mußte sich die ingenuity and
resourcefulness of Roman politicians erweisen. Nicht der Zusammenschluß zu
gegenstandsunabhängigen Parteien, sondern das Verfechten der eigenen Inter-
essen auf den zur Verfügung stehenden Wegen - und nur nach Möglichkeit auch
die Verbindung mit anderen Politikern respektive der Zusammenhalt von
Geschlechtern - kann als allgemeines Element der Politik angesehen werden.
ten bei Pompeius und Caesar gerade das Auffällige ist. Wären die Machtverhältnisse andere
gewesen, hätte sich eben im Zweifel einer gefunden I Vgl. zur Sache seinen Aufsatz in:
Proceedings oi the Cambridge Philological Society 1965. 1 ff.
• 1 Vgl. Historische Zeitschrift 208. 1969. 369 fi.
•• Stuveras (wie Anm. 13). Gruen (wie Anm. 8) 128; 28. Viel vorsichtiger K. v. Fritz. The
Theory of the Mixed Constitution. New York 1954. 248.

Einführung zur Neuausgabe 1980

XLI

Das eigentlich Bemerkenswerte an den damaligen Parteiungen sind nicht so sehr die Faktionsbildungen und deren Grenzen wie die Behandlung der großen

Themen, nämlich das

der "neuen Mächte", zumal des Pompeius und seiner Militärclientelen. Wenn die Senatsmehrheit sich in der Abwehr großer Projekte zusammen- schloß, also zur Partei wurde und gleichwohl die Autorität des Hauses als ver- antworUiches Führungsorgan erhalten blieb, so ist auch dies nur innerhalb der Gegenstandsabhängigkeit der Parteiungen zu verstehen. Wohl kann man darauf verweisen, daß der Senat sich dank der allgemeinen Anerkennung der über- kommenen Ordnung in diesen Fällen als die Partei erweisen konnte, die in den Augen der Öffentlichkei1; das Ganze vertrat. Aber eben dies hing ja an der Bedingung, daß die Gegensätze, um die es dann ging, nur gelegentlich auftraten und zu speziellen Gruppierungen führten. Gerade der Wechsel von Regel und Ausnahme ermöglichte für so lange Zeit die Beibehaltung der alten aristokra- tisch geprägten Struktur. In der Gegenstandsabhängigkeit des einmütigen Auf- tretens der Senatsmehrheit lagen deren Stärke und Schwäche, genauer gesagt:

lag die Schwäche begründet, die das Senatsregime in der Regel für die wichtig- sten Interessen angenehm mach1;e, dank derer es sich behaupten konnte, und die Stärke, die es ausnahmsweise bewies. Eben weil der Senat in der Regel eben nicht in der Hand einer Faktion (oder Faktionengruppe) war, konnte er in der Ausnahme in seiner Mehrheit so einmütig wie eine Partei handeln. Hinzu kam, daß dann ja die Verteidigung des Überkommenen auf der Tagesordnung stand, in der man sich einig war. Umgekehrt war auch Pompeius' Macht, so groß sie war, aufs Ganze gesehen, relativ gering, weil sie mangels Kristallisation großer und kleiner Interessen nicht in eine umfassendere Kräftegruppierung dauerhaft einzubinden war. Wohl gab es auch für Minderheiten die Möglichkeit, sich von Fall zu Fall mit Hilfe der Volksversammlung durchzusetzen. Und Pompeius hat das mehrfach getan. Aber soviel dabei für ihn und unter Umstär>den für die Aufgaben der res publica geleistet werden mochte, im Hinblick auf die Verfassung stellte dies nur eine SWrung dar: Es schuf Machtverhältnisse, die im Bestehenden nicht zu integrieren waren, weil sie zu dessen Desintegration beitrugen. Auf ähnliche Weise bildeten die plebs urbana und die Ritter (sofern sie gemeinsame Inter- essen verfolgten) vor allem ein Störpotential. Und sie waren auf gelegentliche Wirkungen beschränkt. Dieses römische Parteiungssystem enthält für den heutigen Historiker zahl- reiche Probleme. So ist etwa in der Deutung der Politik das in den einzelnen Situationen je kontingente Zusammentreffen d~verschiedenen Parteiungs- möglichkeiten zu bedenken 44 Allgemein bereitet das Verständnis der unüber-

Problem der "ParteiUchkeit" des Senats 43 und der Rolle

43 Gewisse Unklarheiten in diesem Punkt boten Anlaß zu der Kritik von E. W. Gray. Erinnert sei etwa an dasjenige, das 58 das Wirksamwerden der "concordia ordinum" aus Senat und Rittern zugunsten Ciceros verhinderte. An sich hätte sie damals, dem Ge-

XLII Einführung zur Neuausgabe 1980 brückten Partikulari~ät von Entscheidungszentren, Themen und beteiligten
XLII
Einführung zur Neuausgabe 1980
brückten Partikulari~ät von Entscheidungszentren, Themen und beteiligten
Interessen manche Schwierigkeiten. Wie etwa die vielfach weit von Rom ent-
fernt Wohnenden in den jährlich in der Stadt abgehaltenen Wahlen sich ohne
übergreifende Parteiungen zur Geltung bringen konnten, ist nicht einfach zu
sehen (vgl. u. S. 190ff.). Als Komplemen~ der starken Partikularität sind be-
stimmte Voraussetzungen anzunehmen, durch die das Ganze in irgendeiner
Weise gesichert blieb (oder man sich mindestens vorstellen konnte, daß es
gesichert sei).
An dieser Stelle tut sich die Frage nach der Leistungsfähigkeit dieses Par-
teiungssystems auf. Einerseits vermochte es allen mächtigen Interessen in Rom
zu genügen. Andererseits verfehlt.e es offensichtlich das Pensum der Republik;
wenn man un~er diesem Begriff einma~ die Aufgaben zusammenfassen darf,
deren Lösung in einem Gemeinwesen kräftig erwartet wird oder aus deren
Nicht-Erledigung mindestens virulente Weiterungen für dessen Struktur er-
wachsen. Wenn es in manchen Zusammenhängen interessant ist, solche Miß-
stände in einem Gemeinwesen festzustellen, die den Zeitgenossen bewußt
waren, so geht es in diesem speziell um diejenigen, die - gleichgültig ob bewußt
oder unbewußt - virulent, krisen~reibend waren. Und wie weit man in einem
Gemeinwesen solchen Mißständen begegnen und speziell: durch politisches
Handeln begegnen kann, ist fraglos eine für dessen Zustand aufschlußreiche,
zentrale Frage.
Da die Senatsoligarchie angesich~s drängender Aufgaben eher die Macht
dessen, der sie löste, fürchtete als die Erledigung wünschte, da also sachliche
Effizienz und Verfassungsmäßigkeit zu einer Alternative geworden waren und
da zudem eine ganze Reihe von Mißständen schon mit ihrer führenden Stellung
gegeben war, bestand das eigen~liche Problem des politischen Systems in seinem
Wandel. Die Frage war, wie weit er sich politisch bewirken ließ.
Dabei geht es nun nicht mehr um die Gegenstandsabhängigkei~ der Partei-
ungen. Denn das gegenstandsabhängige Sys~em war in den früheren Jahrhun-
derten im allgemeinen mit dem Pensum der Republik fertig geworden. Auch
der erfolgreiche Angriff der plebs auf die patricischen Positionen ist in solchem
politischen Rahmen erfolgt. Andererseits können auch gegenstandsunabhängige
Parteiungen vermutlich unfähig sein, notwendige Reformen durchzuführen.
Man kann die geringe Veränderungskapazität des politischen Systems der
genstand entsprechend, zustande kommen müssen (ohne deswegen, was Cicero verkannte,
gegenstandsunabhängig sein zu können. Dies wäre vielmehr nur dann möglich gewesen,
wenn wirklich, wie Cicero meinte, die Verteidigung der res publica ständig der maßgebende
Gesichtspunkt der Gruppierung gewesen wäre). - Übrigens sind natürlich in Hinsicht auf
die Gruppierungen auch weitere Differenzierungen angebracht. E. Badian stellt z. B. (Auf-
stieg und Niedergang der alten Welt, hrsg. H. Temporini 1,1. 669) persönliche Ideosynkra-
sien gegen die Anerkennung von Politikerverbindungen fest, wo es in Wirklichkeit um die
Unterscheidung zwischen Zugehörigkeit zu einem, wie· immer gearteten politischen Freun-
deskreis und der Rolle als Exponent und Werkzeug eines solchen Kreises ging (u. S. 98).
Einführung zur Neuausgabe 1980 XLIII späten Republik auch nicht einfach auf die Macht von Clientelen
Einführung zur Neuausgabe 1980
XLIII
späten Republik auch nicht einfach auf die Macht von Clientelen 45, verwandt-
schaftlichen oder lokalen Bedingungen zurückführen. Denn erstens ist fraglich,
wie stark diese überhaupt noch waren, zumal die frei geschlossenen, dann aller-
dings auf längere Sicht verpflichtenden Freundschaftsbeziehungen damals
gegenüber denen der Verwandtschaft und der Clientel zunehmend in den Vor-
dergrund drängten. Zweitens konnten sich, wie das griechische Beispiel zeigt
auch unter antiken Umständen stärkere neue Solidaritäten siegreich gegen
aristokratische Freundschafts- und Clientelbindungen durchsetzen.
Es muß also irgend etwas anderes sein, was die Kapazi~ät der Parteiungen
zur Veränderung oder anders gesagt: die Fähigkeit der Gesellschaft ein-
schränkte, sich zur politischen Herbeiführung von Veränderungen zu entspre-
chender Macht zu gruppieren. Die Lösung dieser Frage ist unten darin gesehen
worden, daß die mit dem System Zufriedenen zu stark und die Unzufriedenen
zu schwach waren, als daß eine solche Gruppierung sich hätte bilden können.
Man muß hinzufügen,daß es strukturell wohl ausgeschlossen war, eine breitere
politische Kraft zu bilden, die den Problemen des weltweiten Herrschafts-
bereichs hätte begegnen können. Umgekehr~ scheint gegen das Betreiben einer
monarchischen Lösung die republikanische Identität der römischen Bürger-
schaft (wenigstens in bestimmten maßgebenden Teilen) gesprochen zu haben.
Erst ganz zum Schluß, nach langen Bürgerkriegen, hatten sich die Machtver-
hältnisse so weit verschoben, daß Augustus eine Alternative zum Bestehenden
begründen konnte. Damit ist schon der nächste große Fragenkomplex ange-
schnitten, wie denn die Krise vorangetrieben wurde, wenn sie nicht Gegenstand
politischer Gegensätze war.
Hier genügt es, abschließend festzustellen: Wenn es in Rom nicht gelang, die
krisentreibenden Handlungskonstellationen in Politik einzufangen, wenn damit
der Bereich des politisch Entscheidbaren gemessen am Pensum immer geringer
wurde, so rückte das Politische aus dem Zentrum des Gemeinwesens heraus.
Nicht unbedingt so sehr im Hinblick auf die Aufmerksamkeit, obgleich auch
die nachgelassen haben mochte, auch nicht so sehr im Hinblick auf den Ver-
änderungsprozeß, der sich, wie gesagt, wesentlich im Politischen vollzog, aber
in Hinblick auf die Auswirkungen des Pensums. Dieses wurde jetzt nicht mehr
in der Form politischer Auseinandersetzungen und Entscheidungen, insofern in
der Mitte der Gesellschaft erledigt, sondern es wirkte sich in der Form der
Kumula~ion von Nebenwirkungen daraus aus, das heißt processualiter.
b) Krise ohne Alternative
Der Ausdruck "Krise ohne Alternative" ist-zunächst zu definieren. Zu-
s~ände als Krise zu bezeichnen, is~ heute modisch und wohlfeil. Man braucht
4. Vgl. zu den Clientelen die sehr anschauliche Schilderung einer modernen Analogie in
Sizilien bei W. E. Mühlmann/R. J. Llaryora. Klientschaft. Klientel und Klientelsystem in
einer sizilianischen Agro-Stadt. Tübingen 1968.
XLIV Einführung zur Neuausgabe 1980 also ein Kri~eriumzur genaueren Bes~immung. Der Begriff der Krise scheint
XLIV Einführung zur Neuausgabe 1980
also ein Kri~eriumzur genaueren Bes~immung. Der Begriff der Krise scheint aus
vielen Gründen nur angebracht zu sein, wenn man von einem System ausgeht.
Krisen sind dann als Prozesse zu verstehen, die ein System gefährden 46. Diese
Gefährdung ist festzumachen an der Virulenz krisentreibender Faktoren: Es
müssen in ihm Konstellationen gegeben sein, auf Grund derer so gehandelt
wird, daß das daraus resultierende Geschehen sein Funktionieren ernsthaft in
Frage stellt respektive zu seiner Auflösung führt. Diese etwas umständliche
Formulierung ist in Rücksicht darauf gewähl~, daß kaum einzelne Handlungen
oder Unterlassungen zu einer Systemkrise führen können. Sie können höchstens
dazu beitragen. Entscheidend sind die Zusammenhänge, in denen das System
insgesamt von den an ihm Beteiligten praktiziert wird. Dabei geht es insbeson~
dere auch um die Reproduktion von Ansprüchen und Erwartungen. Denn die
Virulenz von Mißständen gewinnt ihre objektive Fak~izität zum guten Teil aus
deren Institu~ionalisierung. Eben daher kann sozusagen dasselbe übel einmal
erträglich und das andere Mal virulent sein; und zwar weil durch Ansprüche und
Erwartungen die Konstellationen des Handeins verschieden bestimmt sind.
Wie jeder Begriff und jedes Kriterium können auch diese falsch oder fragwürdig
angewandt werden.
Die Frage nach der Alternative bei einer Krise hat es primär mit der Lage-
rung der politischen Macht zu tun, genau gesagt mit deren Neugruppierung in
Hinsicht auf die Krise. Das setzt die Bildung gewisser Potentiale im Umfeld der
Politik voraus, die evtl. nicht immer möglich ist. Und es impliziert zugleich eine
Fähigkeit, neue Verhältnisse auch zu legitimieren.
Diese Frage ergab sich mir aus der Betrachtung der Neuzeit. Sie läßt sich
allerdings auch aus der der griechischen Geschichte ableiten. Denn auch dort
haben brei~ere Schichten, zumal die Bauern, in der Krise der archaischen Zeit
allmählich eine Alternative herausgebildet, die sich dann in Isonomie und
Demokratie verwirklich~e47: In irgendeiner Weise hat es also in Krisen ver-
schiedentlich die Möglichkeit gegeben, daß die Notleidenden und Benachteilig-
ten, an einem Mangel an Rechten Leidenden, allmählich eine neue Front gegen
das Bestehende aufbauten, eben dami~ die Krise zum Gegenstand oder Anlaß
vielfältiger Änderungsbestrebungen, neuer Ansprüche und Anschauungen und
dann auch von Politik machten, indem sie geradezu auf Reform oder Umsturz
hinwirkten. Dabei spielt es keine Rolle, wie weit der Mangel, an dem sie leiden,
einer objektiven Verschlechterung ihrer Lebensbedingungen und wie weit einer
stärkeren Sensibilität respektive einer Anspruchssteigerung entspringt. Die
Bildung einer solchen Kraft soll hier als Alternative verstanden werden, gleich-
gültig ob ihre Wirkung in Richtung auf eine Verbreiterung der politischen Basis
(also etwa auf Demokratie) ausgeübt wird, oder auf eine Monarchie, falls dies
•• Vgl. dazu R. Vierhaus, Zum Problem historischer Krisen. In: K.-G. Faber/Ch.Meier,
Historische Prozesse. München 1978. 313ff.
• 7 Vgl. Entstehung (wie Anm. 16).

Einführung zur Neuausgabe 1980

XLV

den Interessen der Benachteiligten eher entspricht. Freilich kann dabei eine Systemkrise nur dann erledigt werden, wenn es sich nicht nur um vorüber- gehende Usurpationen respektive um die Bekämpfung von Symptomen han- delt 48 Als Alternative im speziellen Wortsinn sei also eine letztlich in der Breite der Gesellschaft wirksame Kraft verstanden, die sich darin äußert, daß Überzeu- gungen von der Notwendigkeit einer neuen Ordnung sich derart institutionali- siet'en, daß sie in nennenswertem Ausmaß zu realisieren sind. Alles, was davor liegt, kann bestenfalls Ansatz zu einer Alterna~ive sein. Ob es mehr wird, muß sich herausstellen. Entsprechende Meinungen und Interessen müssen sich also derart zu Interessenschwerpunkten verschränken und in den Interessenhaus- halt eines größeren Kreises von Menschen einlagern, daß ihre Verfolgung sich diesem aufzwingt; daß die betreffenden Meinungen und Interessen sich mithin versachlichen, objektivieren. Neue Maßstäbe müssen sich etablieren, wie auch immer sie sich zwischen denen, die messen, und denen, die daran gemessen werden wollen, im allmählichen Prozeß herausbilden mögen. Neue Gegeben- heiten müssen sich abzeichnen, die dazu herausfordern, formuliert zu werden und in der Formulierung, im Durch- und Weiterdenken sowie in der breiter werdenden Rezeption dieser Gedanken dann schließlich gegeben sind. Einen wesentlichen Aspekt der Bildung einer Alterna~ive stellt ein Vorgang dar, der als "Ausweitung des Interessenhorizonts" zu beschreiben ist. Dieser hat drei Seiten: Erstens besteht er in einer Sensibilisierung, also einer Steigerung der Erwartungen an die Ordnung. Diese wird dann gleichsam alternativhaltig dadurch, daß zweitens eine Abstrahierung von den unmittelbaren Interessen der Einzelnen auf universalere Zielsetzungen hin erfolgt und daß drittens eben darin soviel Solidarität entsteht, daß sich Unzufriedenheit und neue Einsicht zu einem Willen materialisieren. Nur so kann das gegenüber den jeweiligen Partikularinteressen zunächst nebensächliche allgemeine Interesse an einer neuen Ordnung zentral werden. Es streckt sich dann den Gelegenheiten, sich zu realisieren, gleichsam entgegen. So massiert sich ein Kern im politischen Feld, von dem her auf die Dauer einerseits die Legitimität des bestehenden Systems (mindestens in wesentlichen Zügen) wirksam in Zweifel gerät 49, andererseits das Ganze besser vertreten wird. Für viele Unzufriedene und Suchende ist damit eine Sache gegeben, an der sie sich orientieren und für die sie leben können. Der Vorgang der Alternativbildung konzentriert sich also im Politischen, aber seine Wurzeln und seine Auswirkungen greifen sehr viel weiter. So lange umgekehrt in einer Krise keine Altern_ative sich ausbildet, ist das

48 Insofern hat die Tyrannis bei den Griechen keine Alternative gebildet, obgleich sie im einzelnen vielen Mißständen abhelfen und vorübergehend ein geordnetes Regime schaffen mochte. •• u. U. in Form der "Schweigespirale" im Großen. Dazu das gleichnamige Buch von E.Noelle-Neumann. München/Zürich 1980.

XLVI Einführung zur Neuausgabe 1980 Verhältnis des betreffenden politischen Systems zu den virulenten Problemen des
XLVI Einführung zur Neuausgabe 1980
Verhältnis des betreffenden politischen Systems zu den virulenten Problemen
des Gesamtsystems gestört. Als Krise ohne Alternative ist mithin zu identifi-
zieren eine bestimmte Relation zwischen virulenten, krisentreibenden Abläufen
und der Art der Parteiungen; oder auch zwischen (unerfreulicher, nicht "fort-
schrittlicher") Mutabilität und Kontroversität. Der Begriff bezieht sich auf die
Fähigkeit einer Gesellschaft, ihre Kräfte so zusammenzufassen und zu mobili-
sieren, daß es möglich wird, die Krise selbst (und nicht nur gewisse ihrer Sym-
ptome) zum Gegenstand der Politik (und nicht nur des Geredes) zu machen.
Es sollte einleuchten, daß die Frage nach der Alternative ungemein wichtig
ist. Sie ist geeignet, etwas Entscheidendes an einer Gesellschaft zu erschließen,
an deren Möglichkeiten zur Problemverarbeitung, welche ihrerseits nicht nut
für die Politik, sondern für psychische Orientierungen, Sinngebungen, für das
geistige Leben, die Mentalität, ja die gesellschaftliche Identität in einer Epoche
ausschlaggebend sein mögen.
Allgemein gesagt geht es um das Verhältnis zwischen Politischem und Pro-
zessualem als Modi der Veränderungsbewirkung. Das Politische ist dabei pri-
mär als die Ebene genommen, auf der die verschiedenen Kräfte sich in Ausein-
andersetzung ausgleichen 50, das Prozessuale als Wirkungszusammenhang, der
sich wesentlich aus nicht intendierten Nebenwirkungen des Handeins kumu-
liert. Gewiß greifen politische Auseinandersetzungen und prozessuales Ge-
schehen jeweils aufs komplizierteste ineinander. Eines wirkt auf das andere und
geht aus dem anderen hervor. Im Politischen selbst finden zahlreiche Prozesse
statt (in denen etwa die politische Kultur sich verändert). Auch die Alternative
muß im ganzen processualiter entstehen, um dann schließlich auf der Ebene
politischer Auseinandersetzung aufzutreten. Gleichwohl lassen sich auf längere
Strecken eines Veränderungsablaufs verschiedene Weisen der Be~irkungunter-
scheiden unter der Frage, wieviel an diesem Ablauf im Politischen, in politi-
schen Entscheidungen und im komplexen Gang ihrer näheren und ferneren
Vorbereitungen eingefangen worden ist. Es ist etwas grundlegend anderes, ob
ein Veränderungsgeschehen nur respektive wesentlich prozessual sich vollzieht
oder ob es in beachtlichem Maße auch im Kontext politischer Auseinander-
setzungen verarbeitet wird. In jenem Fall erfaßt Politik eher Oberflächen-
respektive Tagesfragen, und das Entscheidende des Wandels wird von ihr nicht
berührt; bis schließlich die neuen Realitäten sich soweit durchgesetzt haben,
daß sie politisch angepackt und "ausgetragen" werden können; aber an dem
Punkt ist dann die Alternative schon gegeben, und oft genug relativ plötzlich,
eher aus dem Negativen der Vernichtung als aus einer schon breit verwurzelten
positiven neuen Kraft resultierend. Im anderen Fall geschieht der Prozeß der
Alternativbildung zugleich im Politischen, in der Verarbeitung der neuen Be-
60 Dabei ist die andere Seite des Politischen, die integrative (welche erst diese Ausein-
andersetzungen hegen kann) vorausgesetzt, für die Verhältnisse innerhalb des Gemein-
wesens.

Einführung zur Neuausgabe 1980

XLVII

dingungen, indem sich diese in Einsicht und politischen Willen umsetzen und zur Klarheit von letztlich politischen Gegensätzen führen. Damit vollzieht sich die Krise nicht nur gleichsam unter dem Tisch, sondern in der Mitte der Gesell- schaft. Solches politische "Einfangen" und die mit ihm gegebenen Auseinander- setzungen sind nicht unbedingt positiv im Vergleich zur prozessualen Kumula- tion von nichtintendierten Nebenwirkungen. Es besteht primär nicht darin, Gefahren abzuwenden, sondern sie auf den Tisch zu bringen. Ob man das eine dem anderen vorziehen soll, ist eine Frage, deren Beantwortung von der Ein- schätzung menschlicher Möglichkeiten abhängt. Beides kann irgendwann mörderisch sein. Aber jedenfalls ist es etwas anderes, ob und wie weit eine Ver- änderung in letztlich politischen Auseinandersetzungen erwirkt oder voran- getrieben wird oder ob sie nur processualiter geschieht. Zu diesem wesentlichen Unterschied (samt einigen daran anschließenden Phänomenen) bildet die Frage nach der Alternative den Schlüssel. Freilich ist dieser Schlüssel nur zu gebrauchen, wenn man hier ein Problem sieht. Wenn man dagegen die Frage der Beibehaltung und des Niedergangs eines Systems allein vom Willen der darin Lebenden abhängig sein läßt 51 - wie wenn grundlegender Wandel nur geschieht, wenn er gewollt, also die Alter- native schon vorhanden ist -, so wird man kaum entdecken können, wie sich Veränderungsprozesse aus nichtintendierten Nebenwirkungen von Handeln

Und wenn man akademische Lösungsvorschläge oder

kumulieren können 52.

gewisse Ansatzpunkte, auf denen viel später eine neue Form der Gesellschaft aufgebaut wird 53, bereits für die Alternative zum Bestehenden hält, so wird man für die Problematik des Einfangens der Krise in politische Gegensätze, also des Aufkommens und der Institutionalisierung ganz neuer politischer Kräfte kaum offen sein. Das Erkenntnispotential des Begriffs der Krise ohne Alter-

61 So Brunt (wie Anm. 4) 229. H. Schneider, Wirtschaft und Politik. Untersuchungen zur Geschichte der späten römischen Republik. Diss. Marburg 1974. 269. Vgl. eh. Meier in:

Hist. Prozesse (wie Anm. 46) 40, 66. 62 Die Gesamtheit der spezifischen Konstellationen, aus denen dieser Prozeß sich speist, gilt es einzufangen. Eine einzige Ursache oder ein Ursachenbündel zu suchen (so K. Hop- kins, Structural Differentiation in Rome. In: I. M. Lewis (Hrsg.), History and Social An- thropology. LondonjNew York u.a. 1968. 70f.) schiene mir eine ungebührliche Verengung zu sein. Übrigens ist etwa die Wirkung der Lage der Veteranen in dem von ihm beschriebe- nen Ausmaß (ebd. 65) nur nach und in Bürgerkriegen zu beobachten. 63 J. Gaudemet hat in seiner Rezension (in: Revue Historique de Droit 46, 1968, 85) darauf hingewiesen, daß die Republik doch manche fruchtbaren, zukunftweisenden Neue- rungen hervorgebracht habe, etwa die außerordentliche~2mperien oder das Gewicht der Legionen. Das ist unbestreitbar. Nur waren das zunächst vor allem Störungen, erst im Zu- sammenhang des Principats sinnvolle Ansatzpunkte und Glieder einer neuen Ordnung. Darauf kommt es in diesem Zusammenhang an. Eine andere Frage ist, ob nicht der Vor- bereitungsprozeß und die Begründung der Monarchie das Komplement dieser Arbeit über die späte Republik hätten bilden müssen. Vgl. auch Starr (wie Anm. 9) 483. Zu Bleicken (wie Anm. 5) 459 s. u. S. 100ff., freilich zu kurz.

XLVIII

Einführung zur Neuausgabe 1980

native erschließt sich vielmehr nur angesichts der Frage nach der Verände- rungsverursachung und nach dem Verhältnis von Politik und Prozeß in diesem Zusammenhang. Mindestens muß man, um mit diesem Begriff arbeiten zu können, mit der Möglichkeit rechnen, daß sich in einer Krise lange Zeit keine Kraft bildet, die direkt und nennenswert auf eine Änderung hinarbeitet. Worauf auch immer das im einzelnen zurückgeführt werden kann, man muß zugleich strukturelle Gren- zen politischer Macht,- und Willensbildung jedenfalls in Erwägung ziehen. Dabei ist gegenüber den Formulierungen im Text eine Modifikation anzu- bringen, die sehr wichtig ist. Sie betrifft die Dauer der Alternativlosigkeit. So- fern sich nämlich die Systeme, in denen Krisen tobten, nicht einfach aufgelöst haben respek~ive fremden Mächten anheimgefallen sind, hat sich in der Welt- geschichte auf die eine oder andere Weise noch immer eine Möglichkeit grund- legender Veränderung, also eine Kraft gefunden, die diese bewirkte. Insofern stellt die Krise ohne Alternative zumeist nur eine Phase einer Krise dar. Ver- mutlich ist die Beobachtung, die man im archaischen Griechenland machen kann, gar nicht untypisch: daß die Alternative im Frühstadium der Krise fehlt und sich dann erst allmählich bildet. Wohl kann man sich fragen, ob gewisse Kri~en nicht überhaupt erst dadurch entstehen, daß eine Alternative zum überkommenen auftritt. Aber auch abgesehen von dem Problem, wie es ohne Krise zu einer solchen Alternative kommen kann, ist es jedenfalls kaum wahr- scheinlich, daß dieser Fall häufig eintritt. Insofern steht die Krise der römischen Republik welthistorisch gar nicht einsam da. Freilich hat sie gewisse Merkmale, die, wenn auch wohl nicht ein- malig, so doch besonders sind. Sie sind mit der "Extensivierung" gegeben, der Tatsache, daß alle möglichen Krisenmomente sich lange relativ wenig konse- quent auswirkten, ferner damit, daß fast keine Gefahren von außen droh~en und daß es eine vergleichsweise breite Schicht von Wohlhabenden gab, die die Tendenz auf Bewahrung des Bestehenden bestärkte. Nicht zuletzt spielt aber auch di_e spezifische Wehrlosigkeit eine Rolle, die sich aus den Denkweisen und der Realitätsprägung der gewachsenen Verfassung ergab, sowie allgemein die Begrenzung der antiken politischen Kapazität. Alle diese Umstände zusammen machen die Krise der späten Republik zu einem besonderen Modellfall. Zur prozessualen Motorik dieser Krise sind im Text verschiedene Beobach- tungen zusammengetragen. Sie ließen sich wesentlich erweitern. Doch wenige Stichworte müssen hier genügen. Es lassen sich verschiedene circuli vitiosi oder besser: vitiöse Spiralen beobachten. Etwa die zwischen Korruption, Bereiche- rung, höheren Standards, Ärgernis und Einrichtung von Gerichten gesteigerter Korruption, unter anderem zur Bestechung der Richter sowie angesichts höhe- rer "Preise" etc. Oder diejenige zwischen Versagen des Senats und vielfacher Erfahrung 'eigener Schwäche, Resignation, Bekundungen der Stärke, neuem Versagen etc. Mit der Summe der übertretungen herkömmlicher Regeln' in den

Einführung zur Neuausgabe 1980

XLIX

verschiedensten Sektoren des Lebens erschlaffte die Übereinstimmung, Ge- schlossenheit und Macht der gesellschaftlichen Sanktionen, auf denen die Be- wahrung der überkommenen Institutionen beruht hatte. Die Prägung der Bedingungen, unter denen Rechte wahrgenommen wurden, lockerte sich, die Abwehrmittel wurden allmählich verschlissen, es erweiterten sich die Hand- lungsspielräume und die Summe der Übertretungen. -All diese Prozesse aber sind zwar zu beobachten oder zu erschließen, jedoch in ihrer Auswirkung kaum genauer zu erfassen. Mit Korruption 64 und schwa- chen politischen Organen kann ein Gemeinwesen, wie man weiß, längere Zeit leben. Die eigentliche Dynamik erhielt der Prozeß der Krise auf dem Hintergrund solcher und ähnlicher Aufweichungen in einem anderen Zusammenhang, näm- lich im Kampf der Senatsoligarchie gegen Politiker, die sich mit großen Pro- jekten durchzusetzen versuchten. An diesen Auseinandersetzungen ist im ein- zelnen alles kontingent. Es wäre ganz gewiß vieles sehr anders verlaufen, wenn nicht bestimmte Männer in bestimmten Situationen auf bestimmte Weise auf- getreten wären oder gefehlt hätten und nicht verschiedene Ereignisketten zu- weilen recht zufällig aufeinandergestoßen wären. Es war der res publica keines- wegs verhängt, durch Caesar und in den Jahren seit 49 unterzugehen. Gleichwohl ist eine bestimmte Struktur in diesen Auseinandersetzungen wahrzunehmen, die wohl, wie auch immer, den eigentlichen Mechanismus des Krisenprozesses ausmachen mußte. Einerseits mußte die Vielfalt der Mißstände und Aufgaben mit großer Wahrscheinlichkeit immer wieder einzelne Politiker veranlassen, größere Projekte zu betreiben und das hieß zumeist: in größerem Stil Macht anzustreben. Andererseits sprach sehr viel dafür, daß die Senats- mehrheit sich dem mit Nachdruck entgegenstemmte. Das ist unten dargelegt worden. Man könnte noch einiges anfügen, um die institutionellen Imperative der senatorischen Abwehrpolitik, die institutionellen Chancen derer, die sie verfoch- ten, darzulegen (vgl. o.S. XXXIX). Man könnte den Prozeß der Versteifung auf die, eben dadurch immer starrer werdende, überkommene Ordnung noch genauer nachzeichnen. Man könnte ein Erklärungsmodell entwickeln, in dessen Rahmen das vielfache Versagen und die mangelnde fortune der Senatsaristokra- tie verständlicher würden: als Prozeß der Verengung der senatorischen Norm, des mißtrauischen Sich-Abschottens gegen neue Realitäten in der Proklamie-

54 Dazu Gruen (wie Anm. 8) 160. Ich würde allerdings nicht so weit gehen, die Krisen- haftigkeit solcher und ähnlicher Symptome zu leugnen. Gruens Buch bildet, -wie mir scheint, einen sehr wichtigen Beitrag zur Diskussion über die späte Republik. Aber er fragt nicht eigentlich nach deren Struktur. Dadurch, daß man ?-B. feststellt, es seien weiterhin - oder gar, wie ich finde, mehr als vorher - nobiles gewählt worden, ist erst etwas über die Wahlchancen der nobiles, nicht schon etwas über die Macht der Magistrate oder der Nobili- tät gesagt. Ähnliches gilt vom Aussagebereich der anderen Abschnitte. Mit der Feststellung von dieserart Konstanten kann man kaum etwas über die Krisenhaftigkeit der Zustände aussagen, folglich diese auch nicht abstreiten.

L Einführung zur Neuausgabe 1980 rung alter Väter-Art, und das in Situationen, für die die
L
Einführung zur Neuausgabe 1980
rung alter Väter-Art, und das in Situationen, für die die nicht gemacht war und
in denen man sie auch nicht praktizieren konnte: sozialpsychologische Aus-
wirkungen einer Schwäche, die in der Entmutigung selbständiger, Regungen,
dem Beschneiden der Möglichkeiten, der Förderung von Mediokrität oder min-
destens von sturer Bravheit resultieren mußten (und übrigens dadurch zum
Aufstieg ungewöhnlicher Männer beitrugen, daß die, die sich dem Comment
fügten, zunehmend versagten).
Wichtiger wäre in diesem Zusammenhang der Versuch, das eigenartige
Wechselspiel von Stärke und Schwäche des Senats eingehender zu studieren:
Die merkwürdige Tatsache, ~aß man ihm allgemein die Verantwortung für das
Ganze der res publica zusprach, daß aber eben die, die das taten, zumeist auah
an den Mißständen und der regelmäßigen Schwäche des Senats interessiert
waren. So kam es denn mit einiger Notwendigkeit (zum Teil auf Grund der
Abfolge der Generationen) immer wieder zu dem Versuch, die Zügel anzuziehen,
der dann so oft mit neuen Niederlagen und Schwächungen endete. Insgesamt,
um alle weiteren Einzelheiten zu übergehen, war im Senat ein starkes Potential
vorhanden, das auf Selbstgewißheit, starre Verteidigung des überkommenen
und damit auf immer neue Konflikte mit denen, die sich der aus neuer Realität
erwachsenden Forderungen annahmen, hinwirkte.
Auf der anderen Seite konnte sich eben wegen der allgemeinen Verhaftung
im Überkommenen keine Sache bilden, in der diese Forderungen sich zur Ge-
schlossenheit hätten massieren können, um die Grundsätzlichkeit eines Angriffs
gegen das Bestehende zu gewinnen. Man kam offenbar gar nicht auf die Idee,
daß eine neue Ordnung fällig war. Was diese Konstellation für die Rolle von
Außenseitern wider Willen wie Pompeius, was für die von mutwilligen Außen-
seitern wie Caesar bedeutete, braucht hier nicht wiederholt zu werden. Gerade
die unsachlich-persönliche "Sache" Caesars, die causa, die keine causa hatte
(Cicero ad Atticum 7,3,5), weist auf das gänzliche Fehlen einer Objektivierung
und "Prinzipialisierung" der Gegnerschaft gegen das Bestehende hin. Man
könnte aber auch an so offenen, sensiblen, phantasievollen Männern wie Clodius,
Curio und Cicero zeigen, wie es ihnen auf Grund dieser Alternativlosigkeit an
Position, Richtung und Realisierungschancen fehlte und wie auch sie die Krise
förderten respektive an ihr scheiterten, anstatt irgendwie zu ihrer Verarbeitung
beizutragen. Doch waren das nur Symptome.
Mangels solcher Alternative wurde die bestehende Ordnung allmählich ver-
nichtet, ohne daß sie verneint worden wäre. Sie wurde zerrieben im heftigen
Austrag von Gegensätzen. Wenn diese sich auch inhaltlich nicht auf die beste-
hende Ordnung erstreckten, so taten sie es in ihren indirekten Auswirkungen.
Wenn die neuen, nicht zu integrierenden Kräfte keine Alterna~ive bildeten,
so störten sie doch das Funktionieren des alten Systems erheblich. Das senato-
rische Monopol auf wichtige Entscheidungen wurde im Endeffekt immer weiter
aufgeweicht, die wichtigsten verfassungsmäßigen Abwehrmittel wurden ver-

Einführung zur Neuausgabe 1980

LI

schlissen, die Voraussetzungen für die sinngemäße Handhabung der verfas- sungsmäßigen Rechte schwanden, die Spielräume des Handeins wurden stark erweitert, vor allem verlagerte sich zunehmend Macht auf Große Einzelne. Gerade indem der Senat ständig die Verfassung verteidigte, ohne daß sie ange- griffen worden wäre, nötigte er Männer wie Pompeius und Caesar, sich eine Position neben und gegen ihn aufzubauen. Bis auf diesen, mindestens von Pompeius ursprünglich so nicht gewollten, Vorgang entstand der ganze Prozeß aus der Kumulation nichtintendierter Nebenwirkungen. Ja, selbst bei der Ver- lagerung der Macht auf Große Einzelne ist es in allen Fällen bis Augustus frag- lich, ob sie um einer neuen Ordnung willen geschah, also in Hinsicht auf den Niedergang der res publica nicht ebenfalls eine nichtintendierte Nebenwirkung war. Wenn Caesars Adoptivsolm, der spätere Augustus, zuletzt unverkennbar eine neue Ordnung anstrebte, so hat er diese Problematik lange wohlweislich im Vorhof der Politik belassen. Es entstand, um es zu wiederholen, bis in seine Zeit keine Sache gegen das Bestehende, wenn man darunter einen Anknüp- fungspunkt für zahlreiche Interessen im Sinne einer Ausweitung des Interessen- horizonts versteht. Man könnte sich freilich fragen, ob die Begründung der Monarchie, die

letztlich die Lösung brachte, nicht notwendig persönlich, also "unsachlich" hätte erfolgen müssen 55. Allein, wenn Monarchien zur legitimen Alternative werden sollen, müssen sie sich wenigstens mit Sachen verknüpfen und an ihnen versachlichen. So war es auch bei Augustus, der schließlich die Problematik des Gemeinwesens neu definierte, indem er neben dem defendere das curare in den Vordergrund schob: Wo der Senat als wichtigste Aufgabe die Verteidigung der alten res publica bestimmt hatte, machte Augustus es evident, daß sie in der Fürsorge für deren Probleme bestand. Nicht zuletzt war das Bedürfnis nach Frieden, Ruhe und rechtlicher Ordnung zu besorgen. Freilich vermochte der erste Princeps sich dabei zugleich in die Rolle des Verfechters der alten Ordnung einzuschleichen und den Senat unter neuen Vorzeichen gleichsam auch in Kon- servativität zu überholen. Es ist hier nicht der Ort, um zu fragen, warum erst Augustus und nicht schon Caesar die Alternative zum Überkommenen schaffen konnte; wie weit die Verlängerung des Zermürbungsprozesses durch 15 weitere Jahre des Bür- gerkriegs und der Not die Voraussetzungen für ihn schuf; und wie weit es seine persönliche Leistung war, in günstiger Situation binnen relativ kurzer Zeit so- viel Erwartungen auf sich zu konzentrieren und dann allmählich (nicht zuletzt dank langer Lebenszeit) für das Prinzipat zu institutionalisieren.

daß sich die Alternative In Rom erst nach sehr langer

Krise bildete. Und dazu hat gewiß entscheidend beigetragen, daß es in Rom kein starkes Bedürfnis nach staatlicher Effizienz gab, daß im Gegenteil - kon-

Wichtig ist jedenfalls,

55 Die Frage nach der Sache ist zwar modern, aber nicht unangebracht. Daß auch schon in der Antike stellen konnte, zeigt das oben angeführte Cicero-Zitat.

man sie

LII

Einführung zur Neuausgabe 1980

zentriert im Senat, aber in irgendwelcher Weise auch in der wohlhabenden Schicht - eine republikanische Identität vorhanden war, die sich so leicht nicht aufgeben konnte. Was auch immer Augustus an Ersatzlösungen bot und wie sehr er gerade breiteren Schichten der Ritter (und Italiker) neuerdings teilgab an politischen Ehren und Rechten, bei einer so stark auf den Senat ausgerichte- 'ten Bürgerschaft bedeutete sein Regime trotz aller Vorteile, die es bot, in einem entscheidenden Punkt auch Verzicht. Neben diesen Ergänzungen der unten vorgebrachten These in Hinblick auf das römische Beispiel sollte aber mit Nachdruck hervorgehoben werden, daß der Typ der Krise ohne Alternative relativ allgemein zu verstehen ist. Auch bei unsicheren und umstrittenen Führungsstrukturen und auch beim Vorhanden- sein zahlreicher sachlicher und evtl. sogar recht prinzipiell formulierter Ein- wande gegen das Bestehende ist vermutlich eine Krise solchen Typs möglich. Maßgebend für sie ist nur dies: Die Konstellationen, in denen in dem betreffen- den System gehandelt wird, müssen derart sein, daß normalerweise erwartbares Handeln eine virulente Krise antreibt, ohne daß es möglich wäre, diese Konstel- lationen ihrerseits zum Gegenstand breiten Änderungswillens, das heißt schließlich politischen Handeins zu machen. Diese Beschaffenheit der Konstellationen führte dazu, daß die Vertretung von naheliegenden Interessen im Effekt in Kollision geriet mit dem Wunsch, das bestehende System zu erhalten. Wcr ctwa systemgerecht nach Maßgabe seiner Verpflichtungen handelte, mußte unter den Umständen der späten Republik im Jahre 60 Caesar zum Consul wählen. Wer bestimmte drängende Aufgaben lösen wollte, gewann dabei unter diesen Umständen so viel Macht, daß er gefährlich wurde, zumal der Senat seine Norm verengt hatte, also in Versuchung war, auch weniger ungewöhnliche Männer sich zum Gegner zu machen und ihnen dann nicht die Waage halten konnte. Diese im ganzen sinnlose Kollision war im einzelnen sinnvoll, indem sie sich aus den unter den gegebenen Konstellationen durchaus sinnvollen Handlungen der verschiedenen Politiker und Gruppen der Bürgerschaft ergab. Das führt zur letzten Frage in diesem Zusammenhang: derjenigen nach der Kapazität dieses spätrepublikanischen Sys~ems. Was den Krisenprozeß angeht, sollte jedenfalls so viel deutlich geworden sein: Die Feststellung seiner Alternativlosigkeit bedeutet für Rom nicht nur, daß lange kein breiterer Kreis als Träger einer Reform zur Verfügung stand (was man schon lange wußte) oder daß es für eine Monarchie lange kaum An- haltspunkte gab (was auch schon seit einiger Zeit in der Forschung bekannt wird), sondern daß wir es hier mit einem besonderen Krisentyp zu tun haben, der sich als eigenartiges Verhältnis von Mutabilität und Kontroversität oder von Prozessualem und Politischem fassen läßt und bestimmte Eigenschaften aufweist. Man sollte das Verständnis für historischen Wandel nicht nur einer- seits in der Abfolge des Geschehens und andererseits von bestimmten Ursachen

Einführung zur Neuausgabe 1980

LIII

her versuchen. Vielmehr sollte es möglich sein, verschiedene Weisen des Ver- änderungsvollzugs zu unterscheiden, mithin das Problem der Veränderung all- gemeiner anzufassen.

c) Zum Problem der politischen Kapazität

Unter politischer Kapazitä~ sollte man ganz allgemein die Fähigkeit eines Systems verstehen, politisch angemessen auf alle Anforderungen zu reagieren, die der gemeinsamen Behandlung bedürfen. Dazu gehört nicht zuletzt die An- passung des politischen Systems an Veränderungen, sofern es dieser Aufgabe anders nicht gerecht werden kann. Dieser letzte Aspekt interessiert hier.

Es stellt sich hier also angesichts wichtiger, die Ordnung in Mitleidenschaft ziehender Prozesse die Frage, wie weit die Kapazitä~ des betreffenden Systems ausreicht, um die Konstellationen selbst, aus denen processuali~er mit Ver-

änderungswirkung gehandelt wird,

zu machen. Es müßte dann soviel Macht an einer Stelle versammelt werden können, um Institutionen welcher Art auch immer einzuführen, die es erlauben, die Gesamtheit der Handlungen und Prozesse innerhalb einer Gesellschaft einer wie auch immer gearteten, von dieser Gesellschaft respektive einer Mehrheit in ihr gewollten Ordnung wieder konform zu machen. Die Problematik, um die es hier geht, ist verwandt mit der der "Regierbar- keit" 56, wenn denn diese ebenfalls eine breite Machtbasis voraussetzt, die es ermöglicht, bestimmte Lösungen erfolgreich und kräftig anzustreben. Freilich greift die Kapazitätsfrage, wie sie hier interessiert, tiefer. Dabei ist zu betonen, daß die Fähigkeit eines Regimes, hier und dort Reformen anzubringen, nicht gleichbedeutend ist mit der Gegebenheit solcher Kapazität. Eben die Reformen können das Institutionengefüge (im weiteren Sinne des Wortes) ja so starl~ belasten, daß es nur unbeweglicher wird oder auch stärker gestört, so daß seine Fähigkeit zur Erneuerung eher abnimmt. Livius hat für diesen Tatbestand im Hinblick auf die späte Republik die kurze Formel geprägt: nec vitia nostra nec remedia pati possumus 57. Das Problem der Kapazität kann man sehr verschieden zu beschreiben suchen. Man kann von unzulänglichen Institutionen, fehlender Einsicht, zu enger Basis, mangelndem Integrationsvermögen und vielem anderen sprechen. Das bleibe dahingestellt. Hier geht es vor allem darum, daß ein bestimmter Machtbedarf unbefriedigt bleibt, nämlich nach Macht nicht nur in den, sondern über die Verhältnisse. Dies wiederum ist ein Problem der Gruppierung der Kräfte. In Rom konnte das an sich vorhandene allgemeine Interesse an der Erhaltung der res publica nur im Ernstfall zur Geltung gebracht werden, beim senatus consultum ultimum 5B •

zum Gegenstand politischer· Entscheidung

66 Dazu s. den Anm. 37 genannten Regierbarkeitsband, samt Bd. 1. 61 Weder die Gebrechen noch die Heilmittel ertragen wir mehr. 68 Vgl. dazu jetzt J. von Ungern-Sternberg, Untersuchungen zum spätrepublikanischen

LIV Einführung zur Neuausgabe 1980 Viele, die in der Verfolgung ihrer eigenen Ansprüche ständig Dinge
LIV
Einführung zur Neuausgabe 1980
Viele, die in der Verfolgung ihrer eigenen Ansprüche ständig Dinge taten, deren
Nebenwirkungen sich zur Schwächung der überkommenen Verfassung kumu-
lierten, konn~en dann für den Senat ins Spiel gebracht werden~ Aber das half
ihm nur vorübergehend; und wie weit es der Republik half, ist sehr die Frage.
Hinterher waren die Dinge meist schlimmer als vorher.
Der eigentliche Mangel an Kapazität besta.nd darin, daß keine Macht vor-
handen war, die das Ganze der bedrohten Ordnung erfolgreich verfechten oder
ein neues Ganzes direkt anstreben konnte. Daraus resultierte die Wehrlosigkeit
dieser Gesellschaft gegenüber dem, was sie anrichtete, wenn ihre Angehörigen
unter ihren speziellen Handlungskonstellationen das taten, was Menschen immer
tun: nämlich ihre Pflichten und Interessen wahrnehmen, ihr Leben sichern,
ihren Unterhalt verdienen, ihre Lebensumstände verbessern, die ihnen sich
bietenden Möglichkeiten auszuschöpfen trachten, sich auszuzeichnen suchen,
verwalten, Politik machen, reformieren, Gegner bekämpfen, nach Macht streben.
Die Frage, wie die Kapazität einer Gesellschaft allgemein genauer gefaßt
werden kann, wird erst nach vergleichenden Untersuchungen größeren Stils zu
beantworten sein. Man wird jedenfalls ausgehen können von einer Grundunter-
scheidung: Ob die Alternative sich durch Verbreiterung oder durch Verengung
der Verfügung übel' politische Macht bildet, modern gesagt: durch Veränderung
in Richtung Demokratisierung oder in Richtung auf Oligarchie oder Monarchie
(wobei von der Problematik der streckenweisen Konvergenz dieser Richtungen
abgesehen sei).
Im Falle der breiteren Alternative ist für die Neugruppierung der Macht,
das heißt weithin der Interessen, wie schon angedeutet, ein "Universalisierungs-
potential" maßgebend, also die Fähigkeit, neue allgemeinere Interessen gegen
die Partikularinteressen hervorzutreiben und in kräftigen Zusammenhängen
zu befestigen. Schließlich gilt es, das gemeinsame Nebeninteresse an der allge-
meinen Ordnung gegen die verschiedenen viel näherliegenden Spezialinteressen
stark zu machen. Dazu gehören zunächst Einsichten, Ansprüche und Positio-
nen, von denen hel' diese zu entwickeln sind; sodann organisa~orische Möglich-
keiten als Kristallisationspunkte für neue Gruppierungen; schließlich eine
irgendwie geartete Verwandlungsfähigkeit der gesellschaftlichen Identität.
Denn bloße Einsichten und Ansprüche an eine wünschbare neue Ordnung
bleiben leicht akademisch, und organisieren kann man nur Kräfte, die minde-
stens potentiell schon vorhanden sind. Diese potentielle Kraft aber muß in
irgendeiner Weise aus der Verwurzelung und Stabilisierung der Einsichten und
Positionen im gemeinsamen "Selbstverständnis" breiter Schichten - übel' die
gewohnten Zugehörigkeiten hinweg 59 - erwachsen. Damit ist, ohne daß ich das
Notstandsrecht. München 1970. Ch.Meier, Ciceros Consulat. In: G. Radke (Hrsg.), Cicero,
ein Mensch seiner Zeit. Berlin 1968. 61 ff. Ernstfall (wie Anm. 18).
GO Vgl. zu dieser Problematik einstweilen meinen· Aufsatz Die Politische Identität der
Griechen. In: O. Marquard/K. Stierle, Identität. München 1979. 371 ff.

Einführung zur Neuausgabe 1980

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schon genauer beschreiben könnte, die gesellschaftliche Identität irgendwie berührt. Deren Wandel muß in einer Umschichtung bestimmter Komponen~en bestehen. In Rom war die Möglichkeit, überhaupt nur Einsicht in die Krise oder in die Voraussetzungen einer neuen Ordnung zu gewinnen, denkbar gering. Zur her- kömmlichen gewachsenen Verfassung gehörte eine besonders dich~e Wirklich- keitsverhaftung, die kaum auch nur Distanz zum Gegebenen zuließ. Unter den höheren Schichten gab es offenbar keine Positionen, von denen her grundsätz- lich Unzufriedenheit mit dem Bestehenden hätte entwickelt werden können,

und auf die niederen Schichten ließ sich eine neue Ordnung nicht bauen. Anders kann es nur bei den Großen Einzelnen gewesen sein, die aus welchen Gründen immer eine Sonderstellung und zuletzt die M~marchie anstrebten: Dort konnte das persönliche Interesse mi~ dem an der Bewältigung der Krise zur Deckung kommen. Das war eine gute Voraussetzung zu neuen Einsichten; aber es ist schwer zu sehen, wie weit die verschiedenen Machthaber wirklich die Krise begriffen und wie weit sie nur von Fall zu Fall das Notwendige taten, so gut es ging, und auch das oft nur, indem sie ihr eigenes, freilich im günstigen Fall wohlverstandenes, mit dem des Ganzen verwobenes Interesse im Auge hatten. Immerhin muß mindestens Augustus gewußt haben, wie er den verschiedenen Teilen der Bürgerschaft und dem Herrschaftsbereich gerecht werden konnte. Die beschränkten Einsichtsmöglichkeiten der spätrepublikanischen Römer sind dabei nur besonders starke Ausprägungen einer bestimmten Verhaftung der gesamten klassischen Antike im Gegebenen. Bei allen Unterschieden näm- lich zwischen Römern uud Griechen gab es damals in Hinsich~ auf die Struk~ur der Gemeinwesen keinen Erwartungshorizont über eine gewisse Verbesserung der eigenen politischen Stellung bestimmter Schichten hinaus. Man kannte nicht die abstrakten Überhöhungen von Zielsetzungen im Namen eines Ganzen, die in der neuzeitlichen Geschichte trotz aller möglichen Parteilichkeit gerade dort eine gewisse Evidenz hatten, wo sich Alternativen zum Bestehenden bil- deten. Damit stieß die Zielsetzungskapazität an eine Grenze, sobald die Anteile der potentiell mächtigen Schichten an den politischen Rechten gesichert waren. Bei aller Ausweitung des Verfügungsspielraums, bei aller Verfassungserkennt- nis, die wenigstens die Griechen erreichten, wurde in politicis nirgends die Schwelle überschritten, jenseits derer der vorhandene Stand an Möglichkeiten von Ordnung nur als vorläufig verstanden und Erwartungen auf eine ganz andere, bessere Zukunft produziert werden können. So war auch der für Neue- rungen grundsätzlich so hilfreiche Gedanke der-"Überholtheit" oder "Über- lebtheit" einer noch bestehenden Ordnung nicht denkbar. Und schon gar nicht

gab es die temporale Argumentation mit

Die antike gesellschaftliche Identität war bei Griechen wie Römern, wenn

60 Die Griechen kamen gelegentlich wenigstens in die Nähe dieser Schwelle. s. Entste- hung (wie Anm. 16) 435ff.

dem Neuen 60

LVI Einführung zur Neuausgabe 1980 auch in recht verschiedener Weise in Bürgergemeinden institutionalisiert wor- den,
LVI
Einführung zur Neuausgabe 1980
auch in recht verschiedener Weise in Bürgergemeinden institutionalisiert wor-
den, überschaubaren, relativ unvermittelten Formen der Teilhabe am politi-
schen Ganzen. Rom hatte diese Identi~ät zwar stark überdehnt, aber niemals
durch eine nationale, das heißt vermittelte, die Einwohnerschaft großer Ge-
biete umfassende Identität abgelöst. Es war in der Antike zwar möglich, daß
die Teilhabe der Bürger am Gemeinwesen mehr oder weniger in bestimmten
Schichten oder Ständen konzentriert war. Allein, es gab nie die Scheidung von
Staat und Gesellschaft mit all ihren Spezialisierungen, die durch die nationale
Identität überwölbt werden (oder wurden). Denn die Spezialisierung, die Auf-
fächerung der Gesellschaft in relativ eigenständige Sektoren, die inneren
Distanzen und als Komplement dazu eine nationale Identität scheinen mir
zusammenzugehören. In der Antike dagegen war die gesellschaftliche Identität
in der Regel dadurch bestimmt, daß die Bürger, die das Gemeinwesen trugen,
dies gerade als Bürger taten, das heißt unter stärkster Betonung ihrer gemein-
samen Bürger-Eigenschaft und unter Vernachlässigung oder sehr geringer Aus-
bildung von Spezialisierungen (die nur in ein relativ abstraktes Ganzes einzu-
fangen gewesen wären).
Indem in der Antike das Ganze von konkreten, handfesten, nicht relativier-
baren Teilen, den Bürgern, ausgemacht wurde, war politische Ordnung dort
eher Sein als Aufgabe oder Mittel. Man gewann nicht den Abstand, um das
Ganze so umfassend zu begreifen, daß die politische Ordnung als Teil, als äußer-
lich erscheinen konnte. Das Ganze war so wenig abstrakt und fern, daß man
sich nicht so leicht ihm gegenüber, von ihm abhängig fühlen und folglich ihm
auch nicht mit so hohen Erwartungen begegnen konn~e (die dann ideologisch
auch noch ihre Partikularität verschleiern können). Auf Grund der mangelnden
Ausgliederung eines eigenen wirtschaftlichen Bereichs konnte auch das Ideal
der efficiency kaum aufkommen. Um;ählige Aufgaben etwa der Wirtschafts-,
Gesellschafts- und Bildungspolitik stellten sich gar nicht. Selbst die Gewähr-
leistung der öffentlichen Ordnung wurde zum guten Teil von den Bürgern selbst
erledigt.
Schließlich gab es auch keine organisatorischen Möglichkeiten als Kristalli-
sationspunkte für die Bildung einer breiteren Alternative. Das Fehlen des
Gedankens an eine Repräsentativverfassung (abgesehen von Städtebünden)
ist offensichtlich nur Ausdruck der Tatsache, daß man über die Bürgerge-
meinde hinaus einen politischen Zusammenhang brei~erer Schichten nicht her-
stellen, konnte. Das muß die Kehrseite der relativ konkreten, engen gesellschaft-
lichen Identität gewesen sein. Breitere Alternativen gab es daher nur in Ge-
meindestaaten. Insofern war das Universalisierungspotential völlig überfordert
angesichts der Größe der Probleme und schon der Größe des Raums in der spä-
ten Republik.
Das Endergebnis dieser Überlegungen ist, um das in Parenthese anzufügen,
für keinen Kundigen überraschend: Es kam nur die Monarchie als Lösung in

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Frage. Insofern bieten sie dem Althistoriker nichts Neues. Sie sind sinnvoll nur, wenn man den Vorgang von außen, das heißt von der Gegenwart her betrachtet und die Besonderheit Roms von allgemeinen Kategorien her zu begreifen (und vergleichbar zu machen) sucht. Die Frage, welche Kapazität die Monarchie als die andere denkbare Alter- native voraussetzt, reicht über den Themenkreis dieses Buches hinaus. In Hin- sicht auf die Identität ging es eher um Abbau und Schwächung. Wohl haben die Principes sich gern und immer weitergehend auf Angehörige von Schichten und Völkern gestützt, die noch nicht zum Senatsadel gehörten (respektive herangezogen worden waren). Aber so sehr diese ihnen gute, verläßliche Beamte stellen mochten, so sehr blieben sie doch ebenfalls auf die alten Adelsideale fixiert. Im ganzen ging es darum, vom neuen Machtzentrum her allmäh- lich und unter zahlreichen Zugeständnissen Widerstände abzubauen und neue Einsichten, Maßstäbe in der gesamten Bürgerschaft zur Geltung zu bringen. So konnte sich die neue Ordnung allmählich legitimieren, gestützt auf eine Macht, deren Voraussetzungen in der späten Republik entstanden, die eigent- liche Alternative aber erst schaffend, als diese Macht schon da war, und auch dann noch unter dem Mantel einer res publica restituta.