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F R A N K F U R T E R
A L L G E M E I N E
S O N N T A G S Z E I T U N G
S E I T E
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Gesellschaft
A G S Z E I T U N G S E I T E 5

Sprung ins kalte Wasser: Nur ein kleiner Teil der Universitätsabsolventen wagt sich mit seinem Bachelor auf den Arbeitsmarkt.

A ls sie im Herbst 2009 ihr

Abschlusszeugnis in den

Händen hielt, war sie zu-

versichtlich: ein Bachelor,

der neue „berufsqualifizierende Re- gelabschluss“ der Hochschulen. „Jetzt geht’s los“, dachte sie. Sie war nach dem Abitur nicht wie an- dere ins Ausland gegangen und hat- te zügig studiert. Jetzt, mit 23 Jah- ren, wollte sie arbeiten und auf ei- genen Beinen stehen. Je schneller sie in die Praxis kam, desto besser. Zuerst versuchte sie es bei den großen Unternehmen. Sie hatte In- ternationales Marketing studiert und wäre am liebsten als Kreative in der Werbung eingestiegen. Man- che Stellen wollte sie um jeden Preis. Bald hat sie es auch mit Trai- neeprogrammen und Praktika pro- biert. In Hamburg, in München, in der Provinz. „Am Ende war mir al- les egal. Ich habe mich auf alles be- worben, was irgendwie mit Wer- bung und Marketing zu tun hatte.“ 150 Bewerbungen. Vier Vorstel- lungsgespräche. Meistens kam nicht einmal eine Absage. Oft hätte eine Ausbildung zur Werbekauf- frau genügt. Einmal sollte sie in ei- nem Callcenter anfangen. „Dafür hast du nicht studiert“, dachte sie. Dabei lag ihre Abschlussnote über dem Durchschnitt. Sie hatte mehr Praktika hinter sich als das Studium vorschrieb. Sie ließ hoch- wertige Bewerbungsfotos machen und ihren Lebenslauf von Profis checken. Für Vorstellungsgesprä- che schminkte sie sich dezenter als sonst. Sie beschreibt sich als team- fähig und humorvoll. Nach einem halben Jahr war sie verzweifelt. Sie hielt es kaum mehr allein aus. Dazu kam die Angst vor der wach- senden Lücke im Lebenslauf. Im Sommer schrieb sie sich für einen Master in Betriebswirtschaft ein. „Ich kann nicht sagen, ob es am Ba- chelor lag“, sagt sie heute. Viel- leicht am Fach. Vielleicht an der Krise. Mit dem Master jedenfalls erhofft sie sich bessere Chancen. Der Bachelor wurde – von Tei- len der Wirtschaft – herbeigesehnt. Der Bachelor war – an den Univer- sitäten – umstritten. Jetzt ist er da. Während die Umstellung der Studi- engänge auf einen ersten Abschluss

Der Neue im Abschlusstest

Die Chancen am Arbeitsmarkt sind für selbstbewusste Bachelor-Absolventen nicht schlecht. Größer als die Skepsis der Unternehmen ist das Misstrauen der Studenten selbst. Von Julia Schaaf

nach etwa drei Jahren Regelstudien- zeit – den Bachelor – und ein zwei- jähriges Aufbaustudium – den Mas- ter – so gut wie beendet ist, wagen sich die ersten Absolventen auf den Arbeitsmarkt. Dieser Schritt je- doch, behauptet eine aktuelle Un- tersuchung, münde systematisch in eine Sackgasse. Ein Professor von der Universität des Saarlandes hat Stellenanzeigen ausgewertet und kommt zu dem Ergebnis: Es gibt keine Einstiegsangebote speziell für Bachelor-Absolventen. Entweder wird Berufserfahrung verlangt. Oder – und das betrifft das Gros der Ausschreibungen – es geht um Praktika. „Das ist unredlich“, schimpft Christian Scholz, Profes- sor für Betriebswirtschaftslehre und Initiator der Studie. Besonders greift er 15 Großunternehmen an, deren Personalvorstände sich schon 2004 öffentlichkeitswirksam auf die Fahnen geschrieben hatten, den Ab- solventen der neuen Kurzstudien- gänge „attraktive Einstiegschan- cen“ zu unterbreiten. Eine Auswer- tung der Internetseiten dieser Fir- men befindet: 86 Prozent der Ange- bote seien Praktika. Scholz sagt:

fert sich Volker Meyer-Guckel, stellvertretender Generalsekretär des Stifterverbands für die Deut- sche Wissenschaft. Thomas Sattel- berger, Personalvorstand der Deut- schen Telekom und Mitinitiator der kritisierten „Bachelor Wel- come“-Initiative befürchtet, man wolle den Bologna-Prozess kaputt- reden und den Studenten Angst machen. „Ich ärgere mich richtig über diese zweifelhafte Studie“, sagt Sattelberger. „Professor Scholz muss zur Kenntnis neh- men, dass die Welt der Unterneh- men anders tickt, als er sich das in seinem universitären Elfenbein- turm vorstellt.“ Tatsächlich scheint die Vorge- hensweise des Saarbrücker Be- triebswirts zumindest fragwürdig. Seine Auswertung bezieht sich nur auf Stellenangebote, in denen Ba- chelor als Adressaten erwähnt wer- den. Die Unternehmen halten da- gegen, sie differenzierten in den meisten Fällen gar nicht zwischen Ausschreibungen für Bachelor, Master oder den alten Titeln Ma- gister und Diplom. Hochschulab- schluss erforderlich, heiße es schlicht. Der Rest sei eine Frage von Kompetenzen und Persönlich- keit. „Das ist eine typisch deutsche Denke, dass man nur auf den Ab- schluss guckt“, sagt Sattelberger. Unbestritten bleibt allerdings, dass Bachelor-Absolventen auf dem Ar-

„Viele Unternehmen machen sich gar nicht die Mühe, sich auf diesen neuen Typ einzustellen.“ Die Gegenseite schäumt. „Das ist weniger eine wissenschaftliche Studie als vielmehr ein polemi- scher und politischer Beitrag“, erei-

beitsmarkt mit Bewerbern höherer Abschlüsse konkurrieren müssen. Im Idealfall läuft es wie bei Tere- sa Conrad. „Ich habe wirklich Glück gehabt“, sagt die Dreiund- zwanzigjährige, die in St. Gallen In- ternational Affairs studiert hat. Im Juli verschickte sie erste Bewerbun- gen. Im September hatte sie zwei Angebote. Im Oktober bekam sie ihr Zeugnis. Seit November arbei- tet sie bei einer kleinen, renommier- ten Strategie- und Organisationsbe- ratung in Berlin – regulär als Bera- terin. Einstiegsgehalt: 3000 Euro

Einmal sollte sie im Callcenter anfangen. „Dafür hast du nicht studiert“, dachte sie.

brutto. Ihr erster Eindruck ist gut. Sie sei nicht die Kleine, die Kaffee kochen müsse. Sie werde einbezo- gen und übernehme eigenständig Aufgaben. Zwar mache sie noch Fehler. Aber „nur aus Fehlern lernt man“, sagt sie. Bei Ulrike Dehner, Bachelor in Sozialökonomik, lief es ähnlich glatt: Zehn Bewerbungen, davon vielleicht ein Drittel auf Praktika, sechs Vorstellungsgespräche. Nir- gendwo wurde explizit ein Bache-

Illustration Thilo Rothacker

lor-Abschluss verlangt. Nirgendwo war er ausdrücklich unerwünscht. Zwei Monate nach Abgabe ihrer Abschlussarbeit trat sie im Oktober 2009 eine Stelle beim Berufsförde- rungswerk Nürnberg an, wo sie eu- ropäische Bildungsprojekte betreut. Sie findet, Qualifikation und Tätig- keit passten ganz gut zusammen. Die neueste Absolventenbefra- gung der Hochschulen, für die das

International Centre for Higher Education Research in Kassel (In- cher) die Angaben von 33 000 Stu- denten ausgewertet hat, wartet mit Erfolgsmeldungen auf: Bachelor-Ab- solventen sind nicht häufiger arbeits- los als Hochschulabgänger mit ande- ren Abschlüssen (vier Prozent). Sie suchen nicht länger nach einer Stel- le (im Schnitt drei Monate) und sind mit ihrem Beschäftigungs- niveau mehrheitlich zufrieden. Geis- tes- und Sozialwissenschaftler sto- ßen zwar auf größere Schwierigkei- ten – aber das war bei den alten Stu- diengängen auch schon so. Nur Na- turwissenschaftler und Mathemati- ker mit Bachelor sind deutlich unzu- friedener als Kommilitonen mit an- deren Abschlüssen. Und die Ein- stiegsgehälter liegen um bis zu

20 Prozent niedriger. Der Arbeitsmarkt befindet sich im Umbruch. Selbst ein Bachelor- Fan wie Telekom-Vorstand Sattel- berger gibt zu, dass im Mittelstand nach wie vor eine Menge Skepsis gegenüber dem neuen Abschluss herrsche. Was der Personaler nicht kennt, stellt er nicht ein. Es gibt Unternehmen, die Bachelor kate- gorisch abblitzen lassen. „Wie soll ich direkt nach meinem Studium schon zwei Jahre Berufserfahrung vorweisen?“, klagen Jobsuchende frustriert. Unter den Ingenieuren und Informatikern, sagt Stefan Renzewitz, Personalmarketingex- perte beim Recruiting-Dienstleis- ter access Kelly OCG, würden

deutlich mehr Master-Absolventen als Bachelor gesucht. Jahrelang hat- te die Wirtschaft geklagt, das Studi- um in Deutschland dauere zu lang, sie brauche jüngere Absolventen. Jetzt ist man erschreckt, wie wenig Lebens- und Praxiserfahrung

21 Jahre alte Berufseinsteiger mit- bringen. Große Unternehmen ha- ben deshalb Einstiegsprogramme

speziell für Bachelor aufgelegt mit Mentoren und Schulungen. „Die Ausbildung wird ein bisschen ins Unternehmen
speziell für Bachelor aufgelegt mit
Mentoren und Schulungen. „Die
Ausbildung wird ein bisschen ins
Unternehmen hinein verlagert“,
sagt Renzewitz – wo man sich
dann dieser Aufgabe stellt. Ange-
sichts von drohendem Fachkräfte-
mangel und sich erholender Kon-
junktur bemerkt er aber auch ei-
nen allmählichen Wandel: „Die Ba-
chelor sind willkommener, als sie
glauben.“
Zehn Jahre nach Einführung
des neuen Abschlusses scheinen
die Zweifel an den Hochschulen
größer als auf Seiten der Wirt-
schaft. Die Incher-Studie mit ihren
Erfolgsnachrichten steht zugleich
für ein massives Misstrauensvo-
tum: Drei von vier Universitätsab-
solventen schließen direkt an den
Bachelor einen Master an. Und
das nicht, weil sie keinen Job gefun-
den hätten. Die meisten haben das
von vornherein geplant. Schon sor-
gen sich Studentenvertreter um ei-
nen Mangel an Aufbau-Studien-
AM
RANDE
DER
GESELLSCHAFT
„Der Sinn der Reform
ist bei den meisten
nicht angekommen“,
sagt ein Berufsberater.
plätzen. Wenn aber ein „Regel-
abschluss“ die Ausnahme bleibt, ist
das ein Armutszeugnis.
Armin Dielforder, der in Müns-
ter sein Aufbaustudium in Geowis-
senschaften macht, ist überzeugt,
dass mit einem Bachelor in seinem
Fach überhaupt keine sinnvolle Tä-
tigkeit möglich sei. Dielforder un-
terscheidet strikt zwischen Ausbil-
dung und Bildung und glaubt, erst
nach etwa fünf Jahren Hochschule
ein „fertiger Akademiker“ zu sein,
der zu denken gelernt habe und
vielseitig Verantwortung überneh-
men könne. Er habe sich deshalb
für „ein ganzes Studium“ entschie-
den – also Bachelor und Master im
Kombipack. Alte Vorbehalte gegen-
über einem neuen Abschluss. Viele
Professoren teilen diese Sichtweise.
Andreas Eimer seufzt. „Der
Sinn der Studienstrukturreform ist
bei den meisten Studierenden
nicht angekommen“, sagt der Lei-
ter des Career Service der Universi-
tät Münster. Immer wieder muss er
seine Pappenheimer aufklären, dass
der Bachelor kein minderwertiger
Abschluss und der Weg auf den Ar-
beitsmarkt keinesfalls ein Versagen
sei – sondern eine Option. Um ge-
gebenenfalls später wieder gezielt
an die Universität zurückzukehren.
„Wir haben doch jahrelang disku-
tiert, dass es in der jetzigen Berufs-
welt nicht adäquat ist, einmal fünf
bis sechs Jahre studiert zu haben,
um damit dann 35 Jahre zu arbei-
ten.“ Durchschnittlich vier kom-
plett verschiedene Tätigkeiten übe
ein deutscher Akademiker im Lau-
fe seines Erwerbslebens schon heu-
te aus; in Amerika seien es zehn.
Vergangenen Herbst hat Eimer ei-
nen Master in Organisationspsycho-
logie an einer englischen Universi-
tät erworben, berufsbegleitend.
Mit Mitte vierzig. Das, sagt Eimer,
sei das Ziel.
In Deutschland heiße es immer,
„je länger du studiert hast, desto
schlauer bist du halt“, sagt Johanna
Hasting. Warum?, fragt sie. Und
stimme das überhaupt? Die Neun-
undzwanzigjährige leitet das Büro
eines Europaabgeordneten in Brüs-
sel. Ein Traumjob, sagt sie. Als sie
sich 2003 an der Universität Erlan-
gen-Nürnberg für einen Bachelor
in Amerikanistik einschrieb, hatte
sie noch die Wahl. Aber sie wollte
keinen langwierigen Magister, son-
dern ein praxisnahes, rasches Studi-
um. Sie sah sich nicht als Akademi-
kertyp, eher als Pionierin, immer
auf Zack. Schon im Januar 2006, di-
rekt nach dem Examen, hatte sie ih-
ren ersten Job: eine Hospitanz bei
der Robert-Bosch-Stiftung in der
Abteilung für Internationale Poli-
tik. Seitdem ging es steil bergauf.
Ein paar Jahre später sattelte sie ei-
nen Master drauf.
Andreas Eimer sagt: „Im Mo-
ment sind es die selbstbewussten
Bachelor-Absolventen, die sich am
Arbeitsmarkt plazieren.“
Und die anderen?
EIN BAUM NUR SCHAUM KEIN TRAUM Franz Josef Wagner 56 Hundehalter 56 Tanne oder Fichte?
EIN BAUM
NUR SCHAUM
KEIN TRAUM
Franz Josef Wagner 56
Hundehalter
56
Tanne oder Fichte? Öko oder
doch behandelt? Seite 59
Die alten Schwächen der neuen
Restaurant-Führer, Seite 58
Der Liedermacher Gisbert zu
Knyphausen, Seite 57
Kunstmarkt
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Bundespresseball
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Herzblatt
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