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Lukacs über Rationalität und Irrationalität

Tom Rockmore

Wie viele andere Denkformen hängt auch der Marxismus von einer tief verwurzelten
Dichotomie ab, die grundlegend für sein Selbstverständnis ist. Gemeinhin ist der
Marxismus seit Engels hauptsächlich durch die Zurückweisung des Idealismus zu-
gunsten eines Materialismus charakterisiert worden, wobei letzterer hauptsächlich,
wenn nicht sogar ausschließlich, als Antithese zu ersterem verstanden wird. Dieser
Dualismus, der auf andere Weise auch durch solche Unterscheidungen wie die zwi-
schen Wissenschaft und Ideologie oder rationalem und bürgerlichem Denken ausge-
drückt wird, soll zwischen rationalen und irrationalen Theorieformen differenzieren.
Auf dieser Verständigungsebene bedeutet «rational» soviel wie «an sich mit dem
Umsturz des Kapitalismus zugunsten des Kommunismus verbunden», und
«irrational» bedeutet «an sich auf die Erhaltung des Kapitalismus ausgerichtet>>.
Mit der möglichen Ausnahme der offenen politischen Betonung ist die ständige
Berufung des Marxismus auf eine dualistische Analyse der Beziehung zwischen
Marxismus und Nichtmarxismus als rational und irrational alte Tradition. Allein die
Idee einer radikal neuen Denkform, die mit allem, was vorher war, konsequent bricht,
durchzieht als ein Hauptthema die gesamte philosophische Tradition der Moderne,
spätestens seit Descartes. Generationen von Philosophen haben immer wieder Be-
griffsschemata vorgeschlagen, in der Absicht, alle vorhergehenden Denkformen für
im Grunde genommen ungeeignet zu erklären. Bei Kant finden wir die Behauptung,
daß frühere Formen der Philosophie dogmatisch seien. Busserl argumentiert, die Phi-
losophie habe niemals die Form einer strengen Wissenschaft angenommen. Deshalb
müßten wir noch einmal von vorne anfangen. Heidegger gemäß hat die Philosophie
seit den Vorsokratikern den Weg der Wahrheit, auf den wir zurückkehren müssen,
verlassen. Was auch immer sie sonst sein mögen, jedes dieser Argumente verfolgt die
strategische Absicht, eine Wesensunterscheidung zwischen Philosophie und Ge-
schichtsphilosophie einzuführen, aufgrund derer die Philosophie von einer Berück-
sichtigung früherer Formen befreit ist.

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Der Marxismus gilt als führendes Beispiel in der Bemühung, angeblich rationales
Denken von seiner irrationalen Vergangenheit zu trennen. Aber die Marxisten haben
nicht immer ein angemessenes Verständnis der Geschichtsphilosophie, die sie bemüht
sind, hinter sich zu lassen, bewiesen. Luklics ist das herausragende Beispiel eines
marxistischen Denkers mit einer außergewöhnlichen Beherrschung der Geschichts-
philosophie. Ein Versuch, die Entwicklung seines Denkens während seiner langen
marxistischen Periode nachzuvollziehen, kommt einer Reihe von Bemühungen gleich,
durch eine angemessene historische Analyse eine Wesensunterscheidung zwischen
Materialismus und Idealismus oder, wie er es versteht, eine Unterscheidung zwischen
rationalen und irrationalen Denkformen zu treffen.
Jede Analyse von Luklics' marxistischem Standpunkt muß auch auf seine komple-
xen philosophischen Anleihen eingehen. Für unsere Zwecke können wir in Lukacs'
Marxismus fünf Hauptstränge ausmachen: Marx, Engels, Regel, Fichte und Lask. Auf
Marx geht Lukacs' Beschäftigung mit der Entfremdung sowie sein Interesse an der
Gebrauchsgüter-Analyse und der Ideologie zurück. Von Engels übernimmter-und
das ist ein Wendepunkt in der Philosophie- die zwischen Idealismus und Materialis-
mus trennende Sichtweise. Von Regel macht er sich zahlreiche Ideen, darunter vor
allem den Totalitätsbegriff, zu eigen. Die Anleihen bei Fichte und Lask werden nicht
oft erwähnt und sind nicht im Detail bekannt. Luklics verdankt Fichte den Ansatz,
menschliches Sein als etwas grundlegend Aktives anzusehen, was sich in seiner Inter-
pretation des Proletariats als Lösung zu dem kantischen Problem vom 'Ding an sich'
widerspiegelt.
Die Rolle, die Lask in der Formierung von Lukacs' Denken spielt, ist nicht genau
bekannt, aber entscheidend, um dessen Bemühungen zu verstehen, sich für die We-
sensunterscheidung zwischen Materialismus und Idealismus auszusprechen, die einen
grundlegenden Aspekt marxistischen Glaubens darstellt. In seiner neo-kantischen
Untersuchung zum Geschichtsproblem, die unter dem Stichwort Irrationalitätspro-
blem erfolgt, vertrat Lask die Meinung, daß das isolierte historische Ereignis nicht
bekannt sein könne und daß Geschichte als Wissenschaft unmöglich sei. Bei seinem
ersten Durchbruch zum Marxismus wandelte Lukacs das, was in Lasks Stellungnahme
eine Forderung nach den Bedingungen geschichtlicher Kenntnisse ist, in eine Forde-
rung nach der innewohnenden Irrationalität sogenannten bürgerlichen Denkens um,
das unfähig ist, seinen Gegenstand zu kennen. Da Lask vor seinem zu frühen Tod ein
führender Neo-Kantianer war, ist es nicht übertrieben zu sagen, daß Lukacs' Marxis-

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mus durch seinen Einfluß ein neo-kantischer Marxismus oder ein Marxscher Neo-
Kantianismus ist.
In Lukacs' marxistischer Zeit können wir mindestens vier Hauptstadien seiner Ar-
gumentationsweise zugunsten des Marxismus ausmachen, und zwar durch sein Be-
mühen, eine Unterscheidung zwischen Idealismus und Materialismus vorzunehmen.
In Geschichte und Klassenbewußtsein, seinem ersten Durchbruch zum Marxismus,
hielt Lukäcs eine strenge Dichotomie zwischen dem Marxismus und dem sogenannten
bürgerlichen Denken aufrecht, das er als eine Reihe von Phasen sah, welche das Pro-
blem vom 'Ding an sich', das wohl in Hegels mythischer Geschichtsanalyse gipfelte,
meistem sollte. Nach Lukacs stellten der Marxismus oder die Theorie der Gebrauchs-
güter-Analyse, die geeignet war, alle zeitgenössischen Probleme zu lösen, die Einheit
von Theorie und Praxis her, die im Idealismus fehlte, da er aufgrundseines bürgerli-
chen Blickwinkels angeblich nicht in der Lage war, seinen Gegenstand zu kennen.
In seinen späteren Werken entwickelte Lukacs seine epistemologische Sichtweise
von der Wesensunterscheidung zwischen Marxismus und bürgerlichem Denken, Ma-
terialismus und Idealismus weiter. In Der junge Hege/, das der wichtigste marxisti-
sche Forschungsbeitrag zu diesem Denker bleibt, trieb er die in Geschichte und Klas-
senbewußtsein begonnenen Pionierarbeiten weiter voran, um eine hegelianische Form
des Marxismus herauszuarbeiten. Während Lukäcs früher behauptet hatte, daß die
Idealisten nicht an die ökonomischen Dimensionen sozialer Wirklichkeit dächten,
beteuerte er nun, daß sich Hegel durch seine Kenntnis der bürgerlich-politischen
Ökonomie absetze. Lukacs argumentierte weiter, daß Hegel - im Gegensatz zu Marx
- nicht in der Lage sei, die Grenzen bürgerlich-politischer Ökonomie zu überschrei-
ten, eine Abgrenzung, die sich an dem grundlegenden Unterschied in idealistischen
und materialistischen Analysen der Entfremdung festmachen läßt. Noch einmal soll
betont werden, daß die Stoßrichtung der Diskussion in eine Wesensunterscheidung
zwischen Marxismus und sogenanntem bürgerlichen oder idealistischen Denken geht.
Eine dritte Phase erreicht Lukacs' fortwährende Anstrengung, diesen Unterschied
herauszustellen, in den Diskussionen über Existentialismus und Irrationalismus. In
der polemischen Analyse Existentialismus oder Marxismus? verarbeitet Lukacs En-
gels' kanonisch-marxistische Sichtweise, daß kein dritter Weg zwischen Materialis-
mus und Idealismus da sei, um Existentialismus und Idealismus zu assimilieren. In
Die Zerstörung der Vernunft unterscheidet Lukäcs, Hegels ungerechter Unterschei-
dung folgend, zwei Formen von Idealismus: einmal den objektiven Idealismus, der zu

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Regel führt und den Marx in Materialismus umwandelt, zum anderen den subjektiven
Idealismus, der, vom späteren SeheHing und von Kierkegaard ausgehend, zu unter-
schiedlichen Formen von Irrationalismus führt und Nietzsche sowie die Lebensphilo-
sophie Diltheys und anderer einschließt, die ihren terminus ad quem im Nationalso-
zialismus findet.
Jedes einzelne Stadium, das in Lukacs' Marxismus bisher betrachtet wurde, stellt
eine Phase in dem fortwährenden Bemühen dar, der marxistischen Forderung nach
einer Wesensunterscheidung zwischen Marxismus und nichtmarxistischem Denken,
zwischen Materialismus und Idealismus gerecht zu werden. Da der Marr.ismus in sich
selbst hartnäckig die einzig mögliche Form sozialer Rationalität sieht, entwickelt die-
se Argumentation eine Strategie, nichtmarxistische Philosophie als a-rational und so-
gar irrational zu diskreditieren. Aber es ist wichtig festzuhalten, daß diese radikale
Absicht innerhalb des Marxismus und moderner Philosophie überhaupt Tradition ist.
Denn mit seiner Strategie, sich für sich selbst auszusprechen, indem er alle anderen
Forderungen nach Rationalität unterbietet, lehnt sich der Marxismus - trotz der von
ihm geforderten Opposition gegen die philosophische Tradition - eng an die
Hauptrichtung moderner Philosophie an.
Die Forderung nach einer Wesensunterscheidung zwischen Marxismus und
Nichtmarxismus, die grundlegend für den Marxismus seit Engels und für Lukacs'
Marxismus bis in seine Spätphase hinein ist, erfahrt in Lukacs' abschließendem Den-
ken eine radikale Änderung. Lukacs' letzter Standpunkt stellt eine interessante neue
Form des Marxismus vor, in welcher er den strengen Dualismus zwischen Marxismus
und Nichtmarxismus abschwächt. Besonders interessant ist diese Phase hinsichtlich
der Argumentation für den Materialismus und gegen den Idealismus, da Lukacs hier
die Opposition zwischen Marxismus und anderen Formen der Philosophie relativiert.
Am Ende ist er schließlich in der Lage, die Beziehung zwischen Marxismus und
Nichtmarxismus zu verstehen, was erfolgreich die Notwendigkeit aus dem Weg
räumt, sich auf eine unhaltbare Trennung zwischen den geschichtlichen und systema-
tischen Aspekten der Philosophie zu verlassen. Im weiteren Verlauf dieses Aufsatzes
möchte ich kurz einige der Wege umreißen, auf denen sich Lukacs von seinem frühe-
ren marxistischen Dogmatismus abwendet, um sich einer neuen, vielleicht sogar auf-
regenderen Form des Marxismus zuzuwenden.
Das letzte Stadium der Lukacsschen Auseinandersetzung ist in der postum veröf-
fentlichten Ontologie-Studie enthalten, dem wohl wichtigsten Werk aus Lukacs'

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Nachlaß, das unter dem Titel Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins veröffentlicht
wurde. 1 Dieses Buch stellt eine neue und wichtige Phase in Lukacs' Marxismus vor.
Zweifellos ist Geschichte und Klassenbewußtsein dasjenige Werk aus Lukacs' marxi-
stischer Periode, welches auf die spätere marxistische Diskussion bedeutenden und
anhaltenden Einfluß ausgeübt hat und auch weiterhin ausüben wird. Aber als Beitrag
zum Marxismus ist seine postum veröffentlichte Ontologie-Studie wohl sein wichtig-
ster marxistischer Text.
Lukacs hatte nicht die Zeit, die Vorbereitungen des Manuskripts zur Veröffentli-
chung abzuschließen. Aber als er starb, war es so weit abgeschlossen, daß wir seine
Bedeutung und seinen Platz innerhalb seines Denkens ermitteln können. Dieses Buch
zeigt Lukacs' Standpunkt in einem neuen Stadium, welches hier genauso weit von der
vorhergehenden stalinistischen Periode entfernt ist, wie diese von seiner anfänglichen,
jedenfalls als marxistisch bekannten Zeit entfernt war. Es läßt sich der Standpunkt
vertreten, daß diese Studie einen neuen Höhepunkt in Lukacs' marxistischer Periode
markiert. Angesichts ihrer Bedeutung für die marxistische Philosophie ist sie der ein-
zig und allein wichtigste Beitrag zur marxistischen Philosophie, der in diesem Jahr-
hundert veröffentlicht wurde. Aber aus zahlreichen Gründen, zu denen u.a. die über-
mäßige Länge und, zumindest bis vor kurzem, relative Unzugänglichkeit gehören, ist
dieses Buch nicht allgemein bekannt und wird es in absehbarer Zeit wohl auch nicht
werden. Selbst die Marxisten kennen es nicht besonders gut, und auch den Lukacs-
Spezialisten ist es nur wenig besser geläufig. 2 Es ist nicht möglich, dieses vielschich-
tige Buch hier detailliert zu beschreiben. Es wird jedoch nützlich sein, diese Untersu-
chung zur gesellschaftlichen Ontologie in groben Zügen zu charakterisieren - eine
Aufgabe, die sich vielleicht am ehesten vor dem Hintergrund der vorhergehenden
marxistischen Werke Lukacs' durchführen läßt.
Selbst für eine oberflächliche und unvollständige Beschreibung ist es hilfreich, den
Unterschied zwischen der Studie in ihrer Gesamtheit und den Prolegomena zu er-
wähnen. Die Prolegomena, die Lukacs zuletzt schrieb, unterscheiden sich beträchtlich
von der übrigen Untersuchung. Obwohl die Prolegomena Teil des gesamten Buches
sind, ist ihr Ursprung streng an einen äußeren Anlaß gebunden. Nach Meinung des
Herausgebers wurden sie allein als Antwort auf die Kritik von Freunden und Studen-
ten an anderen Teilen des Werks geschrieben. Das Ergebnis ist das gigantische Resü-
mee einer Untersuchung, die Lukacs außerstande war zu vollenden und die vielleicht
auch nicht vollendet werden konnte.(vgl. 0 II, Nachwort, 737) Der Herausgeber

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bringt richtig vor, daß sich die Prolegomena vom übrigen Buch darin unterscheiden,
daß sie den strengen Dualismus vermeiden, der wohl für seine historischen und sy-
stematischen Teile charakteristisch ist. Weiterhin legen sie ein höheres Maß an Frei-
heit von marxistischer Orthodoxie an den Tag, was sich in einer Tendenz äußert, wie
sie in den Werken aus Lukacs' marxistischer Zeit noch nie dagewesen ist, nämlich,
alle Hauptvertreter des klassischen Marxismus - einschließlich Lenin - zu
kritisieren. 3
Die übliche Schwierigkeit, ein wichtiges philosophisches Werk zu beschreiben,
wird noch verstärkt durch die verwirrende Anzahl von Themen, die Lukacs hier an-
schneidet. Wir können unterscheiden: einmal die verschiedenen Phasen, in denen
Lukacs das Verhältnis von Marx und Marxismus zu nichtmarxistischer Philosophie
analysiert, zum anderen die Darstellung der Entwicklung seiner Sichtweise des Mar-
xismus. In diesem Essay haben wir bisher drei Stadien des Lukacsschen Marxismus
beschrieben. Diese umfassen seinen anfänglichen Durchbruch zum Marxismus in Ge-
schichte und Klassenbewußtsein, eine weitere, eher leninistische Art des Marxismus
in seiner monographischen Studie Der junge Hege/ und seine späteren stalinistischen
Schriften Existentialismus oder Marxismus? und Die Zerstörung der Vernunft.
Lukacs' Ontologie-Studie stellt das vierte und letzte Stadium seiner marxistischen Pe-
riode dar.
Offe_nsichtlich spiegeln die verschiedenen Stadien des Lukacsschen Marxismus
wichtige Veränderungen auf einem vieigestaltigen und komplexen intellektuellen
Weg wider, der sich über mehr als sechs Jahrzehnte erstreckte, und zwar von Lukacs'
berühmter Konversion zum Marxismus Ende 1918 bis zu seinem Tod 1971. Aber wie
im Denken eines jeden bedeutenden Philosophen gibt es auch in Lukacs' Werk ein
wichtiges Element der Kontinuität. Ein durchgängiges Thema in Lukacs' Marxismus
ist die Sorge um die marxistische Orthodoxie in Geschichte und Klassenbewußtsein
sowie allen späteren Schriften. Obwohl sich sein Verständnis für den orthodoxen
Marxismus änderte, während er seine verschiedenen marxistischen Stadien durch-
schritt, blieb er dem Prinzip der Orthodoxie unweigerlich verpflichtet. In Lukacs'
letzter marxistischer Phase erfahren viele Elemente Veränderungen, was sein Ver-
ständnis des Marxismus anbelangt; aber die wahrscheinlich wichtigste Veränderung
ist die stille, doch begrifflich bedeutsame Distanzierung von marxistischer Orthodoxie
jeglicher Art.

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Allgemein gesprochen, können wir sagen, daß Lukacs am Ende seines langen
Werdeganges in einer Diskussion, die nicht länger auf irgendeine Weise als orthodox
erkennbar ist, zu vielen Themen zurückkehrt, die er zuvor in seiner marxistischen
Anfangsphase behandelt hatte. Wenn wir, unter Einbeziehung Lukacs' früherer mar-
xistischer Sichtweisen, dem Marxismus im allgemeinen folgen und Orthodoxie und
Unorthodoxie als wahre Gegensätze begreifen, die das begriffliche Universum unter
sich aufteilen, ist es nur gerecht zu sagen, daß Lukacs' abschließende Haltung zumin-
dest unorthodox, wenn nicht gar ketzerisch ist. Lukacs' Distanzierung von marxisti-
scher Orthodoxie in seiner letzten Phase endet in einer eigenartig freien Form von
Marxismus, die eindeutig den Kanon verletzt, den er früher zu respektieren gesucht
hatte.
Von diesen traditionellen Überzeugungen sind drei für seine früheren Ansichten
zum Marxismus besonders wichtig. Sie schließen eine Tendenz ein, den Meinungen
von Marxisten, deren Qualifikationen hauptsächlich - oder ausschließlich - politi-
scher Natur sind, entscheidendes philosophisches Gewicht einzuräumen; eine weitere
Tendenz, nichtmarxistische Denker allein schon aus diesem Grund aus Routine abzu-
weisen; und eine weitere Tendenz, jenes marxistische Dogma unkritisch zu verteidi-
gen, daß Marx' Beitrag hauptsächlich- oder sogar in seiner Gesamtheit- ökonomi-
scher Art sei. Jede dieser Tendenzen gehört zu der orthodoxen Verteidigung des
Marxismus durch die versuchte Disqualifizierung des Nichtmarxismus.
Indem er diese charakteristischen Züge seines marxistischen Zugangs zu marxisti-
schem Materialismus und deutschem Idealismus aufgibt, verändert Lukacs aus seiner
neuen, unorthodoxen Perspektive heraus buchstäblich seine Fähigkeit, beide Denk-
formen zu verstehen. Es wäre falsch, die Diskrepanz zwischen früheren und späteren
Phasen in Lukacs' Denken zu übertreiben, legt es doch starke Elemente der Kontinui-
tät an den Tag; aber es ist nicht zuviel gesagt, daß die stillschweigende Aufgabe der
marxistischen Orthodoxie während seiner letzten Phase in einer tiefgreifenden Verän-
derung seiner Lesart Marx' und des Marxismus sowie ihrer Beziehung zum deutschen
Idealismus ihren Ausdruck findet.
Besonders deutlich ist der Wandel in Lukacs' Verwertung der marxistischen Klas-
siker in seiner Untersuchung zur Ontologie. Nach Geschichte und Klassenbewußtsein
maß Lukacs den Behauptungen von Marxisten schon aus Routine philosophische Be-
deutung bei und bezog sogar Stalin ein. Die Untersuchung zur gesellschaftlichen On-
tologie legt eine zwar respektvolle, doch häufig kritische Haltung gegenüber klas-

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sisch-marxistischen Denkern an den Tag. Insbesondere aber kritisierte Lukacs Stalin
und stalinistische Schriftsteller. Natürlich bleibt seine philosophische Verpflichtung
dem Marxismus gegenüber bestehen; aber genauso natürlich fühlt er nicht länger die
Notwendigkeit, seine eigenen Meinungen durch Zitate aus den marxistischen Klassi-
kern zu stützen oder alle Gesichtspunkte, die die politischen Anführer der marxisti-
schen Bewegung äußern, auch mit zu vertreten.
Darüber hinaus gibt es eine wichtige Veränderung, was Lukacs' Fähigkeit angeht,
nichtmarxistisches Denken zu schätzen. Wegen seines angeblich bürgerlichen Cha-
rakters überging Lukacs während der gesamten frühen Periode seiner marxistischen
Zeit den Idealismus, auch solche Standpunkte, die er bewunderte und denen er un-
zweifelhaft verpflichtet war, wie z.B. denjenigen Hegels. Diese Haltung, die ihn im
Prinzip daran hinderte, den ständigen Beitrag eines jeden nichtmarxistischen Denkers
zu würdigen, ist in seiner Untersuchung zur Ontologie im wahrsten Sinne des Wortes
wie weggewischt. Zum ersten Mal in seiner marxistischen Zeit macht eine neue Ein-
stellung es Lukacs möglich, auch die Bedeutung von Standpunkten zu schätzen, die
sich von seinen eigenen unterscheiden. Seine größere Sensibilität für andere Arten der
Philosophie spiegelt sich auf vielfältige Weise wider: u.a. in einer größeren Sensibili-
tät für die philosophischen Unterschiede zwischen Idealismus und Materialismus und
in einer gesteigerten Fähigkeit, nichtmarxistische Denker positiv aufzunehmen.
Mehrere Beispiele sollen die Veränderung in Lukacs' Haltung nichtmarxistischen
Philosophen gegenüber veranschaulichen. Die Aufmerksamkeit, die er Regel zukom-
men läßt, ist ein ständiges und immer präsentes Thema während seiner marxistischen
Periode. In Diskussionen über Regel vor seiner Untersuchung zur Ontologie kritisierte
er den hegelianischen Idealismus fortwährend aus dem Blickwinkel der Unterschei-
dung zwischen Materialismus und Idealismus heraus. In der Abhandlung über die
Ontologie wird diese Unterscheidung kaum erwähnt. Vielleicht ist es sogar noch be-
merkenswerter, daß Lukacs einem Denker wie Nicolai Hartmann im ersten Teil dieser
Untersuchung ein langes und höchst anerkennendes Kapitel widmet. Lukacs zufolge
ist Hartmann der einzige Nichtmarxist, der die Dialektik in positivem Licht sieht. 4
Der Wandel in Luk::ics' Fähigkeit, nichtmarxistisches Denken anzuerkennen, wird
weiterhin in seiner Interpretation von Marx' Beziehung zu Regel reflektiert. Lukäcs
behauptet, daß wir das Denken von Marx nicht als einen radikalen Bruch mit der vor-
hergehenden philosophischen Tradition verstehen dürfen; vielmehr können wir es so
verstehen, wie Lenin - vielleicht als unbewußtes Echo auf Hegels Ansatz zur Ge-

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schichte der Philosophie- vorschlägt, nämlich als etwas, das in sich selbst alles Wert-
volle der vorausgegangenen Philosophie bewahrt, aber dennoch weiter geht als frühere
Denker. Lukacs schreibt:
«Die Erinnerung an die bedeutenden Vorläufer scheint uns dennoch
nützlich zu sein, schon weil aus ihr sichtbar wird, daß die Bedeutung
des Marxismus nicht auf seinen radikalen Bruch mit bestimmten meta-
physischen und idealistischen Tendenzen der bürgerlichen Philosophie
beschränkt werden darf, wie das die Periode Stalin-Schdanow verkünde-
te, sondern um Lenins Ausdruck zu gebrauchen, darauf, daß er 'sich al-
les Wertvolle der mehr als zweitausendjährigen Entwicklung des
menschlichen Denkens und der menschlichen Kultur aneignete und ver-
arbeitete'.» (0 II, 397)
Dieser Abschnitt markiert eine deutliche Diskrepanz .zwischen zwei unterschiedli-
chen, nicht zu vereinbarenden Sichtweisen der Natur des Marxismus: zunächst findet
sich dort ein Zugang - Lukacs verbindet ihn mit dem Stalinismus - zum Marxismus
als einzigartig und nicht verbunden mit bürgerlicher Philosophie, die er einfach bei-
seite geschoben hat. Schließlich gibt es zweitens einen andersartigen, nicht zu verein-
barenden Ansatz, den Lukacs hier Lenin zuschreibt und der den Marxismus als etwas
sieht, das alles, was früheres Denken an Positivem hervorgebracht hat, in sich auf-
nimmt und weiter entwickelt. Offensichtlich können diese beiden Auffassungen von
Marxismus nicht miteinander versöhnt werden. Es kann nicht der Fall sein, daß der
Marxismus radikal mit dem Nichtmarxismus bricht und daß der Marxismus alles, was
in früherer Philosophie möglich war, aufgreift und weiter entwickelt. Entweder bricht
der Marxismus endgültig mit der früheren Philosophie und läßt sie hinter sich; oder
der Marxismus entwickelt den positiven Beitrag vorhergehender Philosophie weiter.
Beides jedoch kann er nicht tun. Ich kann die Tragweite dieser Feststellung nicht
stark genug betonen, denn der frühere Zugang zum Marxismus war im allgemeinen
charakteristisch für Lukacs' marxistische Werke bis zur Entstehung der Untersuchung
zur Ontologie. Jedoch ist es der spätere Zugang zum Marxismus, der für dieses letzte
Werk charakteristisch ist.
Ein weiterer Unterschied liegt in der Bewegungsrichtung dieser Untersuchung, die
sich zum ersten Mal in Lukacs' marxistischer Periode von einer streng ökonomischen
Lesart des Denkens von Marx wegbewegt. In Geschichte und Klassenbewußtsein ar-
gumentierte Lukacs, daß sich Marx von anderen Philosophen durch seine Analyse der

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ökonomischen Basis der Gesellschaft abhebe. Und in späteren Werken behauptete er,
daß für den Marxismus als Denkform ein Achten auf die Ökonomie charakteristisch
sei. Auf Marx angewendet, zieht diese marxistische Sichtweise nun unweigerlich die
Schlußfolgerung nach sich, daß Marx erst dort ein reifer Denker wird, wo er sein ju-
gendliches Interesse an der Philosophie hinter sich läßt. Dies ist eine Schlußfolgerung,
die Lukacs so niemals gezogen hat, ebensowenig wie Marx. Aber sie wurde von Al-
thusser gezogen und hat zu einer angeregten Diskussion in der Literatur geführt. 5
Vielleicht wendet sich Lukacs nun, mit Althusser im Gedächtnis, sogar gegen die
Möglichkeit einer Diskontinuität in Marx' Denken, indem er eine wichtige Erklärung
zur Einheit des Marxschen Standpunktes von der Früh- bis in die Reifezeit hinein
abgibt. Lukacs wählt zur Erörterung dieses Aspekts verschiedene Wege, von denen
zwei hier erwähnt werden sollen. Auf der einen Seite verteidigt Lukacs die sogenannte
Kontinuitätsthese, d.h. die Kontinuität der Marxschen Sichtweise durch seine gesamte
Entwicklungslautbahn hindurch, indem er verneint, daß Marx in seinen späteren
Schriften frühere Standpunkte je verworfen habe.(vgl. 0 I, 301, 566f., 606 Anm., 639)
Auf der anderen Seite kommt Lukacs auf den Entfremdungsbegriff zurück, der zentra-
les Thema in seiner marxistischen Anfangsphase war. In der Literatur ist in einem
Teil der Bemühungen, sich für eine Wesensunterscheidung zwischen Marxschem-
oder marxistischem - Materialismus und deutschem Idealismus auszusprechen, vorge-
schlagen worden, daß Marx diese Auffassung nach den «Pariser Manuskripten» hinter
sich läßt. In einem langen Kapitel, das seine Abhandlung über gesellschaftliche Onto-
logie abschließt, widerlegt Lukacs diese Lesart des Marxschen Standpunktes.(vgl. 0
li, Kap. 4)
Diese kurzen Anmerkungen genügen, um zu zeigen, daß die Diskussion zur Onto-
logie aus einem allgemeinen Blickwinkel heraus eine wichtige neue Phase in Lukacs'
Marxismus markiert. Ich möchte nun die Absicht dieses Buches skizzieren. In einem
ersten Schritt können wir auf Lukacs' Bemerkungen in einer Reihe von Interviews zu-
rückgreifen, die er in den Wochen vor seinem Tod gab und die teilweise im Nachwort
seiner Untersuchung zur gesellschaftlichen Ontologie abgedruckt sind. 6 Zwei Äuße-
rungen vor allem illustrieren kurz und präzise seine Theorie der Ontologie.
Als Erwiderung auf eine Aufforderung, sein letztes Werk zu kommentieren, erläu-
tert Lukacs:
«Nach Marx stelle ich mir die Ontologie als die eigentliche Philoso-
phie vor, die auf der Geschichte basiert. Nun ist es aber historisch nicht

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zweifelhaft, daß das anorganische Sein zuerst ist, und daraus - wie, das
wissen wir nicht, aber wann, das wissen wir unge:llihr- geht das organi-
sche Sein hervor, und zwar in dessen pflanzlichen und tierischen For-
men. Und aus diesem biologischen Zustand geht dann später durch au-
ßerordentlich viele Übergänge das hervor, was wir als menschliches ge-
sellschaftliches Sein bezeichnen, dessen Wesen die teleologische Set-
zung der Menschen ist, das heißt die Arbeit. Das ist die entscheidendste
neue Kategorie, weil sie alles in sich faßt.» (0 II, Nachwort, 739)
Und als Erwiderung auf eine weitere Aufforderung, zu präzisieren, in welchem Um-
fang Marx selbst diese These entwickelt habe, fügt er den folgenden Kommentar an:
«Marx hat vor allem ausgearbeitet, und das halte ich für den wich-
tigsten Teil der Marxschen Theorie, daß es die grundlegende Kategorie
des gesellschaftlichen Seins ist, und das steht für jedes Sein, daß es ge-
schichtlich ist. In den Pariser Manuskripten sagt Marx, daß es nur eine
einzige Wissenschaft gibt, nämlich die Geschichte, und er fügt sogar
noch hinzu: 'Ein ungegenständliches Wesen ist ein Unwesen'. Das heißt,
eine Sache, die keine kategoriale Eigenschaft besitzt, kann nicht existie-
ren. Existenz bedeutet also, daß etwas in einer Gegenständlichkeit von
bestimmter Form existiert, das heißt, die Gegenständlichkeit von be-
stimmter Form macht jene Kategorie aus, zu der das betreffende Wesen
gehört. Hier trennt sich die Ontologie scharfvon der alten Philosophie.»
(0 II, Nachwort, 739 f.)
Offensichtlich liegt Lukacs' grundsätzliches Ziel in diesem Werk darin, Marx' Grund-
haltung einzunehmen, um die Elemente einer Ontologie des gesellschaftlichen Seins
zu entwickeln. Marx folgend, betrachtet er die Ontologie als diejenige Philosophie, die
dem korrekten Geschichtsverständnis zugrunde liegt. Eine Konzeption menschlicher
Geschichte aus ontologischer Perspektive heraus setzt eine dreifache Unterscheidung
voraus, und zwar zwischen anorganischem Sein, welches organischem Sein vorangeht
und folglich zugrunde liegt, organischem Sein, etwa in tierischen und pflanzlichen
Formen, und schließlich gesellschaftlichem oder menschlichem Sein.
Lukacs glaubt, daß das Wesen menschlichen gesellschaftlichen Seins in der teleo-
logischen Setzung liegt: ein Ausdruck, den Lukacs ständig einsetzt, ohne je darüber
zu reflektieren. 7 So wie er hier gebraucht wird, steht der Ausdruck in eindeutiger Be-
ziehung zu früheren Standpunkten in der Geschichte der Philosophie, einschließlich

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Platons Auffassung, daß ein Zimmermann eine Vorstellung von dem, was er macht,
haben muß, um es zu machen, einschließlich auch Fichtes Begriff des Strebens und
des Begriffs der Intentionalität, der wiederum bedeutend für die Phänomenologie ist.
Aus dieser allgemeinen Warte heraus können wir sagen, daß Arbeit für Lukacs das
Charakteristikum menschlichen Seins ist, da vor unserer Aktivität eine Vorstellung
von dem, was wir zu erfüllen beabsichtigen, da ist.
Lukacs behauptet, daß die Kategorie der Arbeit erst in jüngster philosophischer
Tradition auftauche. Aus epistemologischer Sicht ist diese Kategorie von zentraler
Bedeutung, da wir auf ihrer Grundlage alle anderen gesellschaftlichen Kategorien
entwickeln können. Als Begriff ist die Arbeit schon von anderen Denkern vorwegge-
nommen worden, insbesondere von Aristoteles und Hege!. Aber Luk:ks behauptet,
daß die Marxsche Auffassung von Arbeit ein konkretes Überdenken dessen darstellt,
was für Hege! noch ein rein abstrakter Begriff war. Offenbar denkt Lukacs an eine
kategoriale Interpretation gesellschaftlichen Seins, d.h. an eine kategoriale Annähe-
rung an das Wissen über die gesellschaftliche Welt. Natürlich bleibt Lukacs durch
diese kategoriale Annäherung an das Wissen eng mit dem epistemologischen Ansatz
verbunden, der, mit Kant beginnend, durch die klassische deutsche Philosophie hin-
durch sichtbar bleibt.
Aber Lukacs unterscheidet sich, wenigstens behauptet er dies, von der klassischen
deutschen Philosophie durch den realistischen Nachdruck, den er auf die Immanenz
der Kategorie legt, die sowohl im Gedächtnis des Betrachters lebendig ist, als auch im
gesellschaftlichen Kontext funktioniert. Lukacs zufolge ändern sich die Dinge nicht in
sich selbst und aus sich selbst heraus; vielmehr ändern sie sich als Folge auf eine be-
wußte Setzung, in welcher das Ergebnis dem Ziel entspricht. Lukacs behauptet, daß
wir die menschliche Gesellschaft als teleologische Setzung verstehen können, oder,
genauer gesagt: als etwas, das aus der Bemühung folgt, durch zielgerichtete Aktivität
Werte zu erlangen. Indem er nun betont, daß teleologische Aktivität beides sei, die
grundlegende Kategorie für das Verständnis gesellschaftlichen Lebens und die
grundlegende Kategorie, die ihm als seine eigentliche Grundlage innewohnt, bestätigt
Lukacs erneut die spinozistische, doppelbödige Form des Marxismus, die bereits in
Geschichte und Klassenbewußtsein zum Ausdruck kam.
Als Antwort auf die Frage, inwieweit Marx dies oder eine ähnliche Sichtweise
herausgearbeitet habe, bricht Lukacs eindeutig mit seinen eigenen früheren Überzeu-
gungen, und zwar in zweierlei Hinsicht. Auf der einen Seite löst er in seiner Bemer-

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kung zum wichtigsten Teil der Marxschen Theorie das fundamentale marxistische
Dogma des nahtlosen Geflechts, das Marx und den Marxismus verbindet, einfach auf.
Marxisten verschiedenster Couleur sind doch in ihrer Überzeugung vereint, daß ihre
eigenen Standpunkte, wenn auch nicht zwangsläufig die ihrer Mitstreiter, das Wesen
des Marxschen Denkens bewahren.
In seinen früheren marxistischen Schriften hat Lukacs als ein zentrales Element
seiner eigenen Orthodoxie niemals die Unterscheidung zwischen Marx und dem
Marxismus zugelassen. Aber hier gestattet er sie. In seiner Anspielung auf Marx'
Denken in dieser Schlüsselpassage suggeriert Lukacs stillschweigend, daß es einen
Unterschied zwischen den Standpunkten Marx' und dem Marxismus gibt. In Lukacs'
Vorstellung, daß Marx' Position eine separate begrifiliche Einheit sei, ist implizit ent-
halten, daß sie nicht mit dem Marxismus· zusammengefaßt werden soll. Es ist nicht
übertrieben zu sagen, daß Lukacs auf diese Weise ein grundlegendes Element des of-
fiziellen Marxismus in Frage stellt; weiterhin untergräbt er zugleich eine Hauptkom-
ponente seiner eigenen -früheren - Ausformung marxistischen Glaubens.
Auf der anderen Seite zeigt Lukacs dadurch, daß er festhält, Marx habe vor allem
herausgearbeitet, daß die Basiskategorie gesellschaftlichen Seins in seinem geschicht-
lichen Charakter liege, seine Absicht an, über eine buchstabengetreue Wiedergabe der
Marxschen Theorie hinauszugehen, indem er sie - dem ihr innewohnenden Geist ge-
mäß - ausarbeitet. Die eindeutige Implikation ist, daß Marx' Position nicht absolut
vollständig ist, sondern weiter entwickelt werden muß. Dies impliziert weiterhin, daß
das Kriterium für eine annehmbare Theorie nicht mehr länger allein darin liegt, daß
man einer Sichtweise, nämlich der Marxschen Theorie, die Treue schwört. Vielmehr
ist für Lukacs Marx' Denken nicht zuletzt auch insoweit interessant, als es die not-
wendigen Mittel enthält, die die Entwicklung einer gesellschaftlichen Ontologie, die
Marx nur andeuten konnte, zuläßt.
Obwohl sie wichtig sind, werden diese Neuerungen doch von Lukacs' Behauptung
überschattet, daß der wichtigste Teil der Marxschen Theorie im Verständnis vom ge-
schichtlichen Charakter des gesellschaftlichen Seins liege. Auf diese Weise schreibt
Lukacs Marx' Denken- oder vielmehr entdeckt in ihm - die höchst zeitgemäße These
zu, daß die Ontologie auf der Geschichte basiert. Man muß wohl kaum betonen, daß
eine analoge These auf sehr unterschiedliche Art von Heidegger entwickelt wurde,
und zwar als Grundlage seiner sogenannten Fundamentalontologie. 8

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Lukacs erläutert seine These nun, indem er auf eine Passage aus den «Pariser Ma-
nuskripten» verweist, in welcher Marx festhält, daß es nur eine Wissenschaft - näm-
lich die der Geschichte- gibt, und in welcher es weiter heißt, daß ein ungegenständli-
ches Wesen ein Unwesen ist. Obwohl dies teilweise das Argument der «Autorität>> ist,
ist die Erläuterung wichtig. Lukacs will eindeutig die Marxsche Sichtweise stützen,
daß sich alle Wissenschaften letztendlich aus der Geschichtswissenschaft ableiten und
von ihr abhängig sind. Vermutlich versteht Lukacs «Geschichtswissenschaft» in die-
sem Zusammenhang als die kategoriale Interpretation gesellschaftlichen Seins in
Worten der Arbeit oder teleologischen Aktivität.
Lukacs' Interpretation der Marxschen Äußerung über das Wesen als etwas, das
Gegenständlichkeit erfordert, erlaubt ihm, auf der Immanenz der Kategorien inner-
halb der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu bestehen. Auf diese Weise verbindet
Lukacs kategoriale Immanenz implizit mit einer realistischen Sichtweise, welche er
hier als in entscheidender Weise von früheren Formen der Ontologie verschieden be-
trachtet. Bezeichnenderweise erörtert Lukacs diesen Punkt nun als grundlegenden
Realismus der Marxschen Sichtweise und nicht mehr, indem er sich, wie in früheren
Schriften, entweder auf die Unterscheidung des Materialismus vom Idealismus oder
die Unterscheidung des proletarischen vom bürgerlichen Denken bezieht. Auf dieselbe
Weise ist Lukacs auf der Hut, nicht zu behaupten, daß die historische Sichtweise als
solche noch nie dagewesen sei. In der Tat gibt er zu, daß einige frühere kategoriale
Systeme ebenso historische Kategorien enthielten. Seiner Meinung nach liegt der ent-
scheidende Unterschied in der Einsicht, daß für den Marxismus Geschichte die Ge-
schichte kategorialer Veränderungen ist. Diese Lesart führt zu der, daß durch die Zeit
hindurch selbst die Kategorien Veränderungen unterworfen sind, Schlußfolgerung
und weiterhin zu der Behauptung, daß die Kategorien Teil der gegenständlichen
Wirklichkeit sind.
Aus diesem Gedankengang lassen sich zwei Schlußfolgerungen ableiten. Da alles,
was existiert, kategorial ist, kann einerseits nichts existieren, was nicht Kategorie ist.
Dies ergibt sich als direkte Konsequenz aus Lukacs' Bemühen, kategoriale und reali-
stische Ansätze zusammenzufassen. Während er darauf beharrt, daß alles, was exi-
stiert, eine Kategorie ist, behauptet er andererseits, daß sich der Marxismus von älte-
ren Philosophien abgrenze, die kategoriales Sein als Basiskategorie betrachten, in
welcher die Seinskategorien entstehen. Obwohl sich Lukacs auf ein Beispiel bezieht,
das er Leibniz entnommen hat, identifiziert er die älteren Denker, die er im Sinn hat,

278
ansonsten nicht. Natürlich ist einer dieser Denker Regel. Es ist hilfreich, daran zu
erinnern, daß ausgerechnet Regel versucht, die Kategorien der Wirklichkeit, ein-
schließlich auch historischer Kategorien, aus dem allgemeinen, doch a-historischen
Seinsbegriff abzuleiten.
Diese Erwähnung macht es uns möglich, Lukacs' Anspruch auf Originalität seiner
marxistischen Sichtweise vor dem Hintergrund klassischen deutschen Denkens zu se-
hen, besonders in der Beziehung zu Hegels Idealismus. Lukacs behauptet nicht, daß
sich der Marxsche- oder marxistische- Blickwinkel von einer kategorialen Perspek-
tive durch die Aufmerksamkeit, die er der Geschichte als solcher schenkt, unterschei-
det; vielmehr glaubt er, daß sich der Materialismus vom Idealismus durch seine ent-
schiedene Erweiterung der historischen Dimension zum kategorialen Grundgerüst
selbst hin unterscheidet. Die kategoriale Grundstruktur gilt nicht länger als unverän-
derliches begriffliches Netz, das vor dem Wissensgegenstand und unabhängig von
ihm existiert. z.B. im Sinne Kants oder vielleicht sogar Fichtes; im Gegenteil. Die
veränderliche Grundstruktur ist dem Gegenstand innewohnend. Zusammenfassend
kann man sagen, daß in Lukacs' Interpretation der Marxschen Hinwendung zur Ge-
schichte der fiir das klassische deutsche Denken typische kategoriale Ansatz eine
neue, historisch relevante Form in einer neuen Art historischen Realismus annimmt.
Wie in seinen früheren Schriften entwickelt Lukacs die systematischen Gedanken
größtenteils durch eine detaillierte Diskussion verschiedener Sichtweisen in der Ge-
schichte der Philosophie. In diesen früheren Schriften bedeutete die Überzeugung, daß
der Marxismus als Wahrheit sich wesensmäßig vom Nichtmarxismus unterscheidet,
gleichzeitig, daß aus einem epistemologischen Blickwinkel heraus der Nichtmarxis-
mus als solcher nicht wahr sein konnte; er war überhaupt nur in dem Maße wahr, in
dem er zum Aufstieg des Marxismus beitrug. Allgemein gesehen, liegt der beeindruk-
kendste Aspekt der Lukacsschen Relativierung der Differenz zwischen Vernunft und
Unvernunft in seiner neu entdeckten Fähigkeit, eine wohlwollende und Einblick ge-
währende Diskussion nichtmarxistischen Denkens zu liefern.
Um Lukacs' gesteigerte Sensibilität fiir wichtige Standpunkte in der Geschichte der
Philosophie zu charakterisieren, wollen wir uns seinen Auseinandersetzungen mit Ni-
colai Hartmann, Regel und Marx zuwenden. In der Ontologie sind die beiden
Hauptrepräsentanten nichtmarxistischen Denkens Hartmann und Regel. Angesichts
von Lukacs' früherer Zurückweisung des Nichtmarxismus als solchem, ist schon allein
die Wahl der Überschrift fiir sein Kapitel über Hartma.nn, «Nicolai Hartmanns Vor-

279
stoß zu einer echten Ontologie», bedeutsam. Offenbar hat Lukacs, indem er Hart-
manns Sichtweise als einen Schritt in Richtung echter Ontologie bewertet, bereits
stillschweigend die Klassenperspektive fallen lassen, die er früher, in Geschichte und
Klassenbewußtsein etwa, als Hauptkriterium philosophischer Wahrheit vorbrachte.
Die Analyse von Hartmanns Ontologie ist in zwei Teile untergliedert, die eine Be-
schreibung ihrer Grundprinzipien und eine kritische Bewertung einschließen. Lukacs
ist vor allem von Hartmanns Bemühung beeindruckt, eine ontologische Theorie auf-
zustellen. Lukacs behauptet, daß Hartmanns Theorie in ihrer Immanenz theologische
Untertöne generell vermeide und darüber hinaus der Tendenz widerstehe, Ontologie
in Epistemologie zu verwandeln. (0 I, 424) Lukacs zufolge ist Hartmanns Ontologie
äußerst neuartig, was die Aufmerksamkeit anbelangt, mit der ein kategoriales Grund-
gerüst ausgearbeitet wird. (0 I, 438) Gemessen an seiner eigenen Beschäftigung mit
gesellschaftlicher Ontologie, betrachtet Lukacs Hartmanns Ansatz als in zweifacher
Hinsicht unzulänglich: ihm gelingt es nicht, etwas zur gesellschaftlichen Ontologie,
über die er bestenfalls vage Bescheid weiß, beizutragen (0 I, 450 f.), und er zeigt kein
wirkliches Verstehen der Dialektik. (0 I, 467)
Lukacs' Regel-Diskussion ist insofern doppelt wichtig, als das letzte Kapitel der
Ontologie eine ausgedehnte Diskussion des Denkens Hegels präsentiert, wie es für
Lukacs' gesamte marxistische Periode bedeutsam ist, und als es wesentlicher Teil sei-
ner Bemühung ist, aus Marxschem bzw. marxistischem Blickwinkel heraus eine ge-
sellschaftliche Ontologie zu erarbeiten. Die Abhandlung über Regel findet in diesem
Buch in äußerst gedrängter Form statt, und dastrotzder monographischen Länge sei-
nes Regel-Kapitels, die sogar dazu führte, daß es getrennt publiziert wurde. Wenn
man die Diskussion über Marx ausnimmt, sind Lukacs' Bemerkungen über Regel de-
taillierter als über jeden anderen Philosophen. Nun ist Regel ein Sonderfall, oder zu-
mindest wurde er einer, und zwar teilweise durch Lukacs' eigene «Pionierleistung» in
Geschichte und Klassenbewußtsein, die zeigen sollte, daß Marx durch seine Bezie-
hung zu Regel verstanden werden müsse.
Es läßt sich der Standpunkt vertreten, daß Lukacs' Betonung der Bedeutung Hegels
für das Verständnis von Marx zu seiner Fähigkeit im Widerspruch steht, Hegels Idea-
lismus zu schätzen. Es mutet etwas paradox an, daß wir in seiner Untersuchung zu
Regel eine enge Verbindung zwischen seiner verstärkten Sensibilität für den Nicht-
marxismus und einer noch recht orthodoxen marxistischen Lesart Hegels ausmachen
können. Lukacs' «Restorthodoxie» wird auf verschiedene Weise sichtbar, besonders

280
aber durch seinen schnellen Rückgriff auf Marx und den Marxismus, um Hegels Posi-
tion zu kritisieren oder auch zu beschreiben.
Aufgrund der «Restorthodoxie» in Luklics' Regel-Analyse ist es wohl dieser Teil
der Untersuchung zur Ontologie, der Geschichte und Klassenbewußtsein am nächsten
steht. Wir erinnern uns an Lukacs' Bemühungen im früheren Buch, Antinomien im
klassischen deutschen Denken aufzuzeigen, die aus einer mutmaßlichen Unfähigkeit
herrühren, den wahren Gegenstand der Geschichte zu begreifen. Als er sich der Onto-
logie zuwendet, ist Lukacs nicht länger daran interessiert, den antinomischen Charak-
ter der klassischen deutschen Philosophie an sich nachzuweisen; aber er ist nach wie
vor daran interessiert, den antinomischen Charakter des Standpunktes von Regel
nachzuweisen.
Lukacs diskutiert Hegels Denken aus ontologischer Perspektive unter der Über-
schrift «Hegels falsche und echte Ontologie». (0 I, Kap. 3) Er behauptet, Regel sei der
erste Denker, der nach Heraklit den Begriff des Widerspruchs als grundlegendes onto-
logisches Prinzip betrachtet habe. (0 I, 469) Aber er glaubt, daß - wie die Marxisten
schnell sahen- Regel in seinem Denken Vernunft und Wirklichkeit nur scheinbar
miteinander verband. Um seine Behauptung zu stützen, weist er darauf hin, daß wir
uns nur an Hegels Panlogismus zu erinnern brauchen. Darüber hinaus behauptet er,
daß wir, wenn wir uns heute auf Hegels Denken verlassen wollen, dies nur dann tun
können, wenn wir den Weg weiter gehen, auf dem sich bereits die klassisch-
marxistischen Denker bewegten. In diesem Sinne übernimmt Lukacs nun für seine
eigenen Zwecke einen vielleicht etwas unglücklichen Satz, den Marx zuvor auf Ricar-
do bezog. Luklics gemäß müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß alles, was in bezug
auf Hegels Haltung neuartig ist, mitten im Dünger der Widersprüche erscheint. (vgl.
0 I, 469)
Daraus die Schlußfolgerung zu ziehen, daß Lukacs an diesem Punkt seiner Ent-
wicklung Hegels Denken aus marxistischer Perspektive schlichtweg zurückweist, wäre
etwas voreilig. Wie in seinen früheren Schriften schlägt Lukacs hier auf vielfältige
Weise weiterhin eine entschieden positive Lesart hegetsehen Denkens vor. Zum Bei-
spiel registriert er die Bedeutung von Hegels Analyse zur widersprüchlichen Natur der
gegenwärtigen Situation. Er schreibt:
«Dieser 'Dünger der Widersprüche' erscheint bei Regel vorerst als
die Erkenntnis der Widersprüchlichkeit der Gegenwart, als Problem
nicht nur des Denkens, sondern zugleich als das der Wirklichkeit selbst,

281
als primär ontologisches Problem, das aber weit über die Gegenwart
hinausweist, indem es als dynamische Grundlage der gesamten Wirk-
lichkeit gefaßt wird und als ihr Fundament darum als das eines jeden
rational ontologischen Denkens über diese.» (0 I, ebd.)
So bietet Regel eine Verständnismöglichkeit der Gegenwart als Ergebnis eines dia-
lektischen gesellschaftlichen Prozesses an, der sich selbst auf den dialektischen Prozeß
der anorganischen Natur gründet. Lukacs preist diese Einsicht als «die erste Vereini-
gung von dialektischer Abfolge und realer Geschichtlichkeit». (0 I, 470) Wie erbe-
tont, liegt das Ergebnis in einem tiefgreifenden Verständnis der Gegenwart als Au-
genblick in einem länger andauernden Prozeß, dessen andere Dimensionen Vergan-
genheit und Zukunft sind.
Darüber hinaus sieht Lukacs in der Idee vom Widerspruch, die für ihn die Grund-
lage zu Hegels Versuch bildet, die reale Welt zu begreifen, die Hauptschwachstelle im
Denken Hegels. Lukacs glaubt, daß Hegels Denken oder, genauer gesagt, seine Logik
in sich antinomisch sei wegen der vielfaltigen Spannungen, die, was Regel nicht
wußte, dadurch erzeugt würden, daß in ihr gleichzeitig zwei verschiedene, doch un-
vereinbare Ontologien präsent seien. (0 I, 475) Zunächst gibt es dort eine falsche
Ontologie, jenen Aspekt in Hegels Standpunkt, den Lukacs zurückweist. Hegels fal-
sche Ontologie beschreibt er als die Sichtweise, in welcher die echten ontologischen
Zusammenhänge erst in Form logischer Kategorien den ihnen angemessenen gedank-
lichen Ausdruck erhalten. Dann gibt es noch die wahre ontologische Sichtweise, in
der die logischen Kategorien nicht als reine Denkmomente verstanden werden, son-
dern als dynamische Bestandteile der wesentlichen Bewegung der Wirklichkeit selbst.
Lukacs schreibt:
«Einerseits erhalten bei Regel die echten ontologischen Zusammen-
hänge ihren angemessenen gedanklichen Ausdruck erst in den Formen
von logischen Kategorien, andererseits werden die logischen Kategorien
nicht als bloße Denkbestimmungen gefaßt, sondern müssen als dynami-
sche Bestandteile der wesentlichen Bewegung der Wirklichkeit selbst,
als Stufen, als Etappen auf dem Wege des Sichselbsterreichens des Gei-
stes verstanden werden. Die prinzipiellen Antinomien also, die sich uns
bis jetzt gezeigt haben und im folgenden zeigen werden, entspringen aus
dem Zusammenstoß zweier Ontologien, die im bewußt vorgetragenen

282
System von Regel unerkannt vorhanden sind und vielfach gegeneinan-
der wirksam werden.» (0 I, 483)
Lukacs' Kritik basiert auf zwei Voraussetzungen. Wie in seinen früheren Schriften
fährt er fort, sich darauf zu berufen, auf der Priorität des Seins vor dem Denken zu
bestehen - diesmal in Form einer realistischen Theorie des gesellschaftlichen Seins.
Lukacs behauptet fortlaufend, daß es im Grunde genommen ein Fehler sei, Sein
jedweder Art dem Denken über das Sein unterzuordnen. Im Hinblick auf Regel liegt
ein relevanter Unterschied darin, daß Lukacs annimmt, daß es Regel trotz größter
Anstrengungen nicht gelungen sei, eine einheitliche Sichtweise vorzulegen, da hege-
lianiseher Idealismus letztendlich dualistisch sei. Nun ist allgemein bekannt, daß He-
gel den Monismus hervorhob und andere, etwa Kant9 , wegen ihrer Unfähigkeit kriti-
sierte, den Dualismus hinter sich zu lassen. Indem er nun die Erscheinung des Dua-
lismus gegen Regel heraufbeschwört, legt Lukacs zur Beurteilung Hegels dieselben
Maßstäbe an, an denen letzterer andere Denker maß.
Lukacs' Behauptung, Hegels Denken enthalte einen ungelösten Dualismus, ist eine
bedeutende Modifizierung seiner früheren Kritik an Regel. In Der junge Hege/, wo
sich Lukacs Marx' Bemerkungen über die Phänomenologie in den «Pariser Manu-
skripten>> anschließt, argumentiert er, daß Regel fälschlich vom Denken ausgeht, wo-
hingegen Marx richtigerweise vom gesellschaftlichen Zusammenhang seinen Aus-
gang nimmt. Hier macht sich Lukacs weiterhin die marxistische Sichtweise zu eigen,
indem er dem berühmten Hinweis im zweiten Nachwort zum Kapital folgt, worin
Marx Hegels Dialektik sozusagen erst auf die Beine hilft. Aber aus seiner Perspektive
gestaltet sich die Beziehung zwischen Marx und Regel nun komplizierter, als es die
Marxisten, vermutlich Lukacs selbst, zuvor gesehen hatten. (vgl. 0 I, 503) In früheren
Schriften hatte Lukacs diese Beziehung als einfache Umkehrung verstanden. Doch
nun behauptete er, daß wir bei Regel beides finden, und zwar sowohl die Art des Zu-
gangs, die er aus marxistischem Blickwinkel früher zurückgewiesen hat, als auch die
Art des Zugangs, aus welcher heraus er früher die hegelianische Sichtweise verworfen
hat.
Für Lukacs' gegenwärtige Beschäftigung mit der gesellschaftlichen Ontologie ist
die Tatsache wichtig, daß Lukacs in Regel eindeutig den unbewußten «Zulieferer»
zweier nicht zu vereinbarender Ontologien sieht. Aus seiner realistischen Perspektive
heraus weist Lukacs die erste Ontologie Hegels zurück, akzeptiert jedoch die zweite.
Das, was Lukacs die zweite Ontologie Hegels nennt, übernimmt aus seiner Sicht die

283
Funktion, die Beziehung von Marx und Regel zu erklären und zugleich basisbildend
für seine eigene Gesellschaftsontologie zu sein. In seiner früheren Untersuchung zur
Beziehung zwischen Marx und Regel arbeitete Lukacs mit einer simplen, vielleicht
sogar simplistischen und ausschließlichen. Dichotomie zwischen Materialismus und
Idealismus. Im Gegensatz dazu macht Lukacs nun den Vorschlag, daß die beiden on-
tologischen Sichtweisen in Hegels eigener Haltung angesiedelt seien: als Alternati-
vantworten auf Hegels angebliches Grundproblem, wie das Reich der Vernunft in ei-
ner postrevolutionären Welt verwirklicht werden könne. (vgl. 0 I, 485)
Für die andere Art, auf die Lukacs nun Regel liest, ist ein Preis zu zahlen. Seine
neue- dualistische- Lesart der Ontologie Hegels unterminiert seine ständigen Ver-
weise - hier wie auch anderswo - auf Regel als Idealist. Als Folge von Lukacs' neuer
Regel-Interpretation wird die Unterscheidung zwischen Materialismus und Idealismus
(oder zumindest diese Unterscheidung in ihrer gewöhnlichen - dichotomischen -
Form) überflüssig zur Beschreibung des Unterschieds zwischen marxistischen und
nichtmarxistischen Perspektiven. Wenn beide Ontologien, die idealistische und die
materialistische bzw. realistische, in Hegels Denken zusammen existieren oder still-
schweigend zusammen existieren, ergibt sich daraus die Konsequenz, daß die ge-
wöhnliche Kritik an Regel als Idealist aus materialistischer Sicht unterminiert wird.
Denn daraus folgt, daß Regel beides ist, Idealist wie Materialist; und es folgt weiter-
hin, daß das gewöhnliche marxistische Verständnis vom wesensmäßigen und nicht
graduellen Unterschied zwischen den beiden Perspektiven irrelevant oder zumindest
ungenügend ist, zwischen Regel und Marx zu unterscheiden.
Mit seinem stillschweigenden Entschluß, die Unterscheidung zwischen Materia-
lismus und Idealismus aufzugeben, zumindest die Unterscheidung, wie sie in der Re-
gel getroffen wird, bewegt sich Lukacs vom Marxismus, für den die Unterscheidung
grundlegendes Dogma ist, weg, nämlich zurück in Richtung Marx, für den sie unbe-
deutend ist.
In diesem Werk wird Lukacs' verstärkte Sensibilität für nichtmarxistisches Denken
von einer in ähnlichem Maße gewachsenen Sensibilität für Marx' Stellungnahme be-
gleitet. In diesem Rahmen kann kein Anspruch auf eine detaillierte Erläuterung der
letzten Phase, in welcher Lukacs Marx als ontologischen Denker las, erhoben werden,
selbst nicht in Umrissen. Es wird genügen, lediglich einige Hauptgesichtspunkte aus
Lukacs' abschließender Marx-Lektüre zu erwähnen. Genauso wie Marx' Kritik an He-
gel ontologisch ist, ist auch seine eigene Theorie von einer grundlegend ontologischen

284
Sichtweise geprägt, in welcher er menschliches Sein als menschliche Praxis versteht.
(vgl. 0 I, 37 u. 87)
Lukacs behauptet, daß Marx' neue Theorie der Ontologie, die in seinen frühesten
Schriften begann, aus einer doppelten Beziehung zu Hegels Standpunkt erwuchs: aus
der Kritik an Hegels Logismus einerseits und aus der Weiterfiihrung des hegelschen
Verständnisses von gesellschaftlichem Sein als historischem Prozeß andererseits (vgl.
0 I, 107), mit besonderer Betonung der ontologisch grundlegenden Rolle der Öko-
nomie innerhalb der gesellschaftlichen Wirklichkeit. (vgl. 0 I, 109)
Im Vergleich zu früheren Diskussionen weist Lukacs' Untersuchung zu Marx, wie
er sie hier durchführt, zahlreiche neue Charakteristika auf. Diese schließen eine ver-
änderte Lesart der Haltung Hegels ein - und folglich der Beziehung von Marx dazu -
sowie eine auf die ontologische Natur von Marx' Denken gerichtete Aufmerksamkeit.
Es ist allgemein bekannt, daß Lenin darauf beharrte, daß die meisten Marxisten daran
scheiterten, Marx zu begreifen, weil sie mit Regel nicht vertraut waren. Ähnlich be-
steht nun Lukacs hartnäckig darauf, daß der Marxismus seit Lenin die wahre Natur
Marxscher Ontologie überwiegend aus den Augen verloren habe. Lukacs argumen-
tiert, daß die Hauptaufgabe gegenwärtig darin liege, die Aufmerksamkeit auf die wah-
re Natur des Marxschen Standpunktes zu lenken, nicht nur um seiner selbst willen,
sondern vor allem, um die Entwicklung des menschlichen Seins zu ermöglichen, auf
eine Art, die weder von der Theologie noch von anderen Formen utopischen Denkens
abhängig ist. Er schreibt:
«Dieser Exkurs mußte gemacht werden, um zu zeigen, daß die heu-
tige Aufgabe der Marxisten nur sein kann: die echte Methode, die echte
Ontologie von Marx wieder zum Leben zu erwecken, vor allem um mit
ihrer Hilfe nicht nur eine historisch getreue Analyse der gesellschaftli-
chen Entwicklung seit Marx' Tod, die heute noch so gut wie völlig fehlt,
wissenschaftlich möglich zu machen, sondern auch um das gesamte
Sein, im Sinne von Marx, als in seinen Grundlagen historischen
(irreversiblen) Prozeß zu begreifen und darzustellen. Das ist der einzige
theoretisch gangbare Weg, den Prozeß des Menschwerdens des Men-
schen, das Werden des Menschengeschlechts ohne jede Transzendenz,
ohne jede Utopie gedanklich darzustellen. Nur so kann diese Theorie je-
nes stets irdisch-immanent bleibende praktische Pathos wiedererhalten,
das sie bei Marx selbst hatte und das später - teilweise vom Leuinsehen

285
Zwischenspiel abgesehen - theoretisch wie praktisch weitgehendst ver-
loren ging.» (0 I, 122)
Im Hinblick auf Lukacs' frühere Äußerungen über den unabwendbaren Sieg des
Kommunismus erscheint es interessant, daß er hier nun die relative, wenn auch nicht,
wie in früheren Schriften, absolute Überlegenheit des Marxschen Standpunktes als
den einzig möglichen Weg, das Ziel vor Augen zu erreichen, betont. Lukacs macht
drei Elemente aus, die erforderlich sind, zu dieser Zeit die echte Marxsche Ontologie
wieder zum Leben zu erwecken. (vgl. 0 I, 122 f.) Erstens ist eine fundamentale Kritik
an zeitgenössischer Ideologie, besonders in ihrem Verhältnis zum Neopositivismus,
notwendig. Zweitens, und sozusagen als Vorbedingung, ist eine grundlegende Kritik
an der stalinistischen Vorstellung zum Marxismus erforderlich. Drittens, und das wird
aus seinen Bemerkungen zu Regel deutlich, muß eine Untersuchung zu Hegels Erbe
im Marxismus geschrieben werden.
In diesem Entwicklungsstadium hat Lukacs seine Hingabe an den Marxismus oder
seinen Glauben, daß er sozusagen der einzige Weg sei, nicht zurückgeschraubt; und
seine Terminologie ist immer noch eine marxistische. Aber es scheint fast so, als ob
Lukacs' Hingabe hier durch eine realistischere Sichtweise von Marx gemildert würde:
durch die Einsicht, daß Marx' Haltung der Philosophie kein Ende setzt, sogar durch
ein Bewußtsein dafür, daß Marx' Sichtweise, trotz ihrer neuartigen Züge, auch nur
eine andere Theorie in der philosophischen Tradition darstellt, wodurch sie eine Be-
wertung erforderlich macht. Es ist nicht übertrieben festzuhalten, daß in dem Maße,
wie sich andere in der philosophischen Tradition gewohnheitsmäßig für den relativen
Vorteil eines Ansatzes vor seinen Alternativen aussprechen, Lukacs am Ende seiner
marxistischen Phase eine ähnliche Argumentation zugunsten von Marx' ontologischer
Perspektive durchführt.
Selbstverständlich soll diese Reihe von Bemerkungen nicht als vollständige Be-
schreibung der Untersuchung zur Ontologie von Lukacs verstanden werden, und sei es
auch nur skizzenhaft. Obwohl ich auszugsweise die «Prolegomena» und Teile des er-
sten Bandes erläutert habe, habe ich dennoch nichts, oder so gut wie nichts, über die
systematische Auseinandersetzung mit solch wichtigen Themen wie Arbeit, Repro-
duktion, Ideologie und Entfremdung, die den zweiten Band füllen, ausgesagt. Trotz-
dem sind diese Bemerkungen ausreichend, um die Rolle zu beurteilen, die Lukacs'
Abschlußphase in der marxistischen Bemühung um die Widerlegung des Idealismus
zugunsten des Materialismus spielt.

286
Ich habe gezeigt, daß sich der Marxismus weitgehend durch eine Zurückweisung
von nichtmarxistischem, mutmaßlich bürgerlichem Denken formt; und ich habe die
Art und Weise untersucht, wie Lukacs diesbezüglich auf zwei Arten argumentiert: mit
den Begriffen der angenommenen Rationalität oder Irrationalität des Wissensgegen-
stands aus materialistischer oder idealistischer Sichtweise heraus und mit den Begrif-
fen der angenommenen Rationalität und Irrationalität von Marxismus und nichtmar-
xistischem Denken als solchen.
Zwischen den beiden Arten der Lukacsschen Auseinandersetzung gibt es eine
auffallende Ähnlichkeit. In jedem einzelnen Fall setzt er Wesensunterscheidungen
zwischen nichtmarxistischen und marxistischen Denkformen und zwischen Irratio-
nalität und Rationalität voraus. Wenn wir nun über Lukacs' Untersuchung zur gesell-
schaftlichen Ontologie nachdenken, erkennen wir, daß er in seiner Endphase diese
«Zwillings»-Unterscheidungen, die in seinen früheren Schriften durchweg als Argu-
mentationsgrundlagen vorausgesetzt wurden, zugunsten des Marxismus und gegen
den Nichtmarxismus relativiert. Daraus folgt, daß Unterscheidungen, die zuvor abso-
lut gesetzt wurden und die in seiner marxistischen Periode durchweg die Funktion von
Vorbedingungen für sein Verständnis der Beziehung von Marxismus und bürgerlicher
Philosophie erfüllen, neu interpretiert werden - und zwar nicht als wesensmäßige,
sondern graduelle Unterschiede.
Lukacs' relativistische Neuauslegung der Unterscheidungen, auf die er sich früher
um der Forderung nach Überlegenheit marxistischen Materialismus über den deut-
schen Idealismus willen verließ, beeinflußt außerordentlich stark die Art und Weise,
wie er diesen Punkt diskutiert (oder diskutieren kann). Offensichtlich bleibt Lukacs
Marxist, und der Marxismus ist ohne eine vorbehaltlose Hingabe an Marx undenkbar;
aber genauso offensichtlich ist, daß die absolute Überlegenheit des Marxismus über
den Nichtmarxismus nur dann aufrechterhalten werden kann, wenn es eine Wesens-
unterscheidung zwischen Marxismus und nichtmarxistischer Philosophie gibt. Indem
er nun eine relativistische Neuauslegung von Unterscheidungen besorgt, auf die er
sich zuvor zur Abgrenzung des Marxismus vom Nichtmarxismus verlassen hat, kann
Lukacs die absolute Überlegenheit des Materialismus über den Idealismus nicht länger
aufrechterhalten; er kann höchstens argumentieren, daß der Marxismus seiner nicht-
marxistischen Alternative relativ überlegen ist.
Obwohl Lukacs in bezug auf den Nichtmarxismus weiterhin von bürgerlichem
Denken spricht, hat der Ausdruck «bürgerlich>> nun eher die Aufgabe, die ökonomi-

287
sehe Schicht anzuzeigen, der ein Autor angehört. An diesem Punkt relativiert Lukacs
eindeutig den Unterschied zwischen Nichtmarxismus und Marxismus auf verschiede-
ne Weise. Hauptbeispiel ist sein noch nie dagewesenes Eingeständnis von einer we-
sentlichen Kontinuität zwischen dem Marxismus und der früheren philosophischen
Tradition. Nun wird die Beziehung zwischen Marxismus und früherer Philosophie
oder sogar der philosophische Charakter des Marxismus eindeutig zu einer heiklen
Angelegenheit. Folglich ist es nicht überraschend, daß Lukacs, obwohl seine Bindung
an die marxistische Orthodoxie in seiner Untersuchung zur Ontologie lockerer wird,
darauf achtgibt, diesen Gedanken Lenin zuzuschreiben.
In der Tat gleicht die spezifische Sichtweise der Beziehung zwischen Marxismus
und früherem Denken, wie Lukacs sie hier einnimmt, stark dem Verständnis, das He-
gel von der Beziehung zwischen seinem eigenen Standpunkt und der früheren philo-
sophischen Tradition hat. Nach Hegels Auffassung führt sein eigener Standpunkt all
das fort, was in früherer Philosophie einen positiven Wert hatte. Nun hat Lukacs, als
er sich in früheren Schriften für eine Wesensunterscheidung zwischen Idealismus und
Materialismus aussprach, diesen hegelianischen Ansatz hartnäckig bestritten. Indem
Lukacs nun die Art und Weise betont, wie der Marxismus die Errungenschaften vor-
angegangener Denker aufnimmt und weiterführt, unterbietet er die angenommene
Wesensunterscheidung zwischen dem Marxismus und früherem Denken.
Darüber hinaus relativiert Lukacs die Unterscheidung zwischen Vernunft und Un-
vernunft bzw. zwischen Rationalität und Irrationalität. Ich habe bereits auf zwei Arten
der Unterscheidung zwischen Rationalität und Irrationalität, wie Lukacs sie in seinen
früheren Schriften trifft, hingewiesen: zum einen - anfangs - auf sein Verständnis
von der Beziehung des Denkens zum Wissensgegegenstand, zum anderen - später -
auf die Theorie selbst. In seiner Ontologie-Diskussion hält Lukacs die zweite Sicht-
weise von Irrationalität teilweise aufrecht. Ein Beispiel ist seine Beschreibung des
Hitler-Regimes als «Höhepunkt der von keinem Denken gehemmten Irrationalität>>.
(0 II, 694 f.) Ebenso hält er seine Sichtweise von Irrationalität als Leugnung der
onotologischen Relevanz von Vernunft aufrecht, wie sie sich auch in der Sichtweise
der Romantiker zeigt. (vgl. 0 I, 468)
In Verbindung mit seiner Auffassung, daß die teleologische Setzung die Grundka-
tegorie gesellschaftlichen Lebens sei, bietet er nun ganz beiläufig ein interessantes
Überdenken der Auffassung von gesellschaftlicher Rationalität an, die sich von der
Vorstellung der sogenannten universellen metaphysischen Rationalität unterscheidet.

288
(vgl. 0 I, 637 f.) In Schriften, die zeitlich auf Geschichte und Klassenbewußtsein fol-
gen, beteuerte Lukacs hartnäckig, daß der Kapitalismus an sich irrational sei. Als er
nun zu seinem anßnglichen marxistischen Standpunkt zurückkehrt, besteht Lukacs
darauf, daß eine Sichtweise, die gesellschaftliche Phänomene als an sich irrational, als
von Natur aus unerkennbar einstuft, nicht aufrechterhalten werden kann. 10 Lukacs
zufolge ist im nachhinein die den geschichtlichen Ereignissen innewohnende Ratio-
nalität immer wahrnehmbar. Oder, wenn man denselben anti-kantischen, in der Tat
hegelianischen Aspekt in kantische Sprache faßt: 'Dinge an sich' sind niemals uner-
kennbar.
Lukacs' Relativierung der erwähnten Unterscheidungen erlaubt ihm nun, die
schwächere Forderung nach einer relativen, doch nicht absoluten Überlegenheit des
Marxismus zu stellen. Aus dem Blickwinkel einer Ontologie des gesellschaftlichen
Seins heraus können wir folgern, daß der Marxismus für Lukacs von doppeltem Vor-
teil ist. Erstens schafft er die Basis für eine realistische, dialektische Ontologie, die
über Hegels Standpunkt hinausgeht. Wir können zur Kenntnis nehmen, daß als Folge
von Lukacs' dualistischer Lesart Hegels dessen Auffassung von Ontologie sowohl
idealistisch als auch materialistisch bzw. realistisch ist. Folglich geht Marx aus
Lukacs' Sicht über Regel hinaus, und zwar durch ein selektives Zurückweisen eines
Aspekts aus Hegels Ontologie und eine gleichfalls selektive Verteidigung eines ande-
ren Aspekts derselben Theorie. Zweitens behauptet Lukacs, daß der Marxismus eine
Theorie menschlicher Entwicklung entwerfe, die helfen könne, menschliche Entwick-
lung herbeizuführen.
Der Wandel in der Art, wie Lukacs die Beziehung des Marxismus zum Nichtmar-
xismus versteht, ist mit einem wichtigen Wandel seiner Auffassung vom Marxismus
verbunden. Ein von Anbeginn an im Marxismus vorherrschendes Thema ist das qua-
si-positivistische Mißtrauen der Philosophie gegenüber. Dies ist sicherlich einer der
Beweggründe, die historisch zu der ständigen Bemühung so vieler Marxisten geführt
haben, mit orthodoxer Philosophie (oder sogar mit der Philosophie überhaupt) zu bre-
chen. Lukacs hat nie behauptet, daß Marx' Auffassung nicht Philosophie sei, obwohl
er durch seine marxistische Phase hindurch immer wieder ihren wissenschaftlichen
Status betont.
In seiner Untersuchung zur Ontologie gibt Lukacs genau darauf acht, das anzuer-
kennen, was er als den wissenschaftlichen Aspekt des Marxschen Denkens beschreibt.
Dies bezieht sich auf jenen Teil aus Marx' Stellungnahme, der hauptsächlich zur

289
Ökonomie in Beziehung zu setzen ist und in dem Marx angeblich über die Philoso-
phie hinausgeht. Aber Lukacs beharrt inständig, vielleicht sogar inständiger als in
früheren Schriften, auch auf seiner philosophischen Dimension. In der Nikomachi-
schen Ethik deutet Aristoteles an, daß sein Ziel nicht nur in einer Beschreibung der
Ethik liege, sondern auch in einer Motivation zu ethischem Verhalten. Auf ähnliche
Weise spricht sich Lukacs nun für die gesellschaftliche Relevanz der Philosophie, be-
sonders für die gesellschaftliche Relevanz marxistischer Philosophie aus. So schreibt
er in einem Abschnitt amEndeseines Werkes:
«Es ist also die Rückwendung zum gesellschaftlichen Sein selbst, als
zur unaufhebbaren Grundlage einer jeden menschlichen Praxis, eines
jeden wahren Gedankens, die die Befreiungsbewegung von der Manipu-
lation auf allen Gebieten des Lebens charakterisieren wird. Diese
Grundtendenz als solche kann philosophisch voraussehbar sein. Die
prinzipielle Unmöglichkeit, das konkrete Geradesosein so entstehender
Bewegungen mit den Mitteln der Philosophie im voraus zu bestimmen,
bedeutet allerdings nicht eine Ohnmacht des marxistischen Denkens
solchen konkreten Qualitäten realer Prozesse gegenüber. Im Gegenteil.
Gerade weil der Marxismus imstande sein kann, das prinzipbildende
Wesen einer Bewegung auch in ihrer Allgemeinheit simultan, aber aus
verschiedener Sicht, mit der Eigenart einmaliger Prozesse zu erkennen,
kann er das Bewußtwerden solcher Prozesse adäquat erfassen und kon-
kret fördern.( ... ) Für das Erwecken einer solchen Methode, die ein der-
artiges Erklären erst möglich macht, erstrebt diese Schrift einige, ein
Wegweisen ermöglichende Anregungen zu bieten.» (0 II, 730)
Ich möchte diese Diskussion mit einer Bemerkung über Lukacs' abschließende Mei-
nung zur Beziehung zwischen historischen und systematischen Dimensionen der
Philosophie beenden. Durch seine Betonung einer lediglich relativen Überlegenheit
des Marxismus über den Nichtmarxismus in seiner letzten Phase erklärt sich Lukacs
mehr denn je bereit, die Kontinuität zwischen Marx und der philosophischen Traditi-
on anzuerkennen. Daraus folgt, daß Lukacs zum ersten Mal in seiner marxistischen
Zeit in der Lage ist, zu akzeptieren, daß Marx' Standpunkt mit der vorangehenden
philosophischen Tradition auf dieselbe Weise verbunden ist, wie andere Standpunkte
mit ihrenjeweiligen Vorgängern.

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Hier und an früherer Stelle seiner marxistischen Zeit betont Lukacs weiterhin die
Tatsache, daß Marx' Sichtweise aus der philosophischen Tradition hervorgegangen
ist. Nun bleibt diese Beziehung unzusammenhängend, wenn die frühere Philosophie,
worauf die meisten Marxisten bestehen, nicht an sich, sondern nur in ihrem Einfluß
auf Marx von Bedeutung ist. Aber diese Beziehung wird zusammenhängend, wenn
Marx' Sichtweise als relativ, nicht absolut besser als andere philosophische Theorien
beschrieben wird. Lukacs räumt nun zum ersten Mal ein, daß Marx' Sichtweise nie-
mals mit der früheren Geschichte der Philosophie, von der sie sich graduell, nicht
aber wesensmäßig unterscheidet, brach und immer eine Verbindung zu ihr aufrecht-
hielt. Daraus folgt, daß es möglich wird, Marx' Denken als ein anderes - weiteres -
Stadium in der Entwicklung klassischer deutscher Philosophie zu begreifen. In seiner
abschließenden Lesart der Marxschen Stellungnahme erkennt Lukacs (sozusagen als
Schlußfolgerung) in Marx' Denken eine innere Verbindung zwischen System und Ge-
schichte, die die Marxisten immer zu leugnen bemüht waren.
Aber es gibt einen wichtigen Unterschied zwischen der Erkenntnis, daß eine
Theorie, jegliche Theorie, zu ihrer Vorgeschichte in Beziehung steht, und der Vorstel-
lung, daß Theorie notwendigerweise systematisch ist. Obwohl Lukacs nun den zuerst
genannten Punkt akzeptiert, läßt er nicht davon ab, letztgenannten Punkt in bezug auf
Marx zurückzuweisen. Daher ist es sehr wichtig festzuhalten, daß er infolge seiner
Lesart, die Hegels Standpunkt als einen unbewußten ontologischen Dualismus be-
greift, nicht zu akzeptieren bereit ist, daß die Vorstellung vom System mit der Be-
schäftigung mit Geschichte zu vereinbaren ist. Denn Lukacs vertritt die Meinung, daß
Hegels System auf der Grundlage der ersten panlogischen, abstrakten Ontologie ent-
steht, die mit der zweiten Ontologie, welche die wirklichen historischen Prozesse mit
ihren inneren Widersprüchen betrifft, wohl unvereinbar ist. Daraus folgt, daß Marx'
Standpunkt, der sich aus Hegels zweiter Ontologie entwickelt, für Lukacs mit der Sy-
stemvorstellung unvereinbar ist. Er schreibt:
«So enthält das System als Ideal der philosophischen Synthese vor
allem das Prinzip der Vollendung und der Abgeschlossenheit, Gedan-
ken, die mit der ontologischen Geschichtlichkeit eines Seins von vorn-
herein unvereinbar sind und schon bei Regel selbst unlösbare Antino-
mien hervorriefen. » (0 I, 572)
Mit einem Satz: obwohl Lukacs schließlich in der Lage war, die Kontinuität zwischen
systematischen und geschichtlichen Gesichtspunkten der philosophischen Tradition,

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oder genauer gesagt, zwischen dem Marxismus und früherer Philosophie, zu akzeptie-
ren, blieb er unfahig, die Relevanz des Systems an sich für Marx und den Marxismus
einzusehen. In diesem Sinne blieb wohl sogar sein letzter Vorstoß in Richtung Ver-
söhnung von geschichtlichen und systematischen Gesichtspunkten aus marxistischer
Perspektive unvollständig.
Wir können diesen Aufsatz mit einer Bemerkung über die Bedeutung von Lukacs'
Spätphase für die Beziehung zwischen der Philosophie und der Geschichte der Philo-
sophie beenden. Da alle Denker ihren eigenen Standpunkt entweder explizit oder
implizit als den einzigen, in vollem Ausmaß rationalen Ansatz herausstellen, sind, als
Folge daraus, andere, vorangegangene Sichtweisen weniger als in vollem Ausmaß ra-
tional. Aber mit den möglichen Ausnahmen von Aristoteles und vor allem Regel ist
die Vorstellung, von früheren Denkern lernen zu können, ansonsten in der philoso-
phischen Tradition selten vorhanden. Den Marxismus charakterisiert von Anbeginn
an sein Bemühen, andere Formen von Philosophie für an sich ungeeignet zu erklären.
Für den Marxismus, wie für andere Formen der Philosophie, hängt diese Bemühung
von der Berufung auf eine dualistische Analyse des gesamten begrifflichen Univer-
sums als einer Reihe von angeblich einander ausschließenden Alternativen ab. Aber es
ist, wie Lukacs zu diesem Zeitpunkt schließlich einsah, schlichtweg unrealistisch, die
Meinung zu vertreten, daß die eigene Sichtweise der einzige Stein des Weisen und die
Standpunkte anderer hingegen schon als solche irrational seien.Also: obwohl Lukacs
zu Beginn seiner marxistischen Zeit die Absicht hatte, ein revolutionärer Denker zu
sein, trat er in Wirklichkeit in die Fußstapfen der marxistischen Tradition und der
Tradition moderner Philosophie in ihrer Bemühung zu zeigen, daß der Marxismus als
etwas Rationales mit allem früheren Denken, das irrational ist, bricht. Aber am Ende
seiner marxistischen Zeit, in der Spätphase seines Denkens, wird Lukacs zuletzt ein
revolutionärer Denker, als er versteht, was Regel bereits wußte, daß in der Philosophie
Rationalität kein wesensmäßiger, sondern ein gradueller Unterschied ist. Genauso wie
Regel nicht übersehen kann, was Kants Denken geleistet hat, können auch der Mar-
xismus und der Nichtmarxismus den jeweiligen Beitrag des anderen nicht leugnen. In
dieser Hinsicht stellt Lukacs' Spätphase eine doppelte Errungenschaft dar. Auf der ei-
nen Seite findet er einen Weg, um die positiven Errungenschaften des Nichtmarxis-
mus aufzunehmen. Auf der anderen Seite weist er nach, daß systematisches Denken
auf der Geschichte der philosophischen Tradition aufbauen kann, oder sogar muß, da
in der Philosophie Rationalität nicht allein auf den eigenen Standpunkt beschränkt ist.

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1 Zu einem ander'-"11 interessanten Teil aus Lukäcs' Nachlaß mit deutlicher Verbindllllg zu sei-
ner Ontologie-Studie vgl. das postum veröffentlichte Buch Demokratisierung Heute und Mor-
gen, hg. Laszl6 Sziklai, Budapest: Akademiai Kiado 1985, auch Wlter dem Titel: Sozialismus
und Demokratisierung. Frankfurt!Main: Sendler 1987.
2 Als eine gute Untersuchllllg des Gesamtwerks, vgl. Nicolas Tertulian, <<Lukizcs' Ontology»,

Lukizcs Today. Essays in Marxist Philosophy, hg. Tom Rockmore, Boston Wld Dordrecht: Rei-
del1988, 243-273.
3 Zu einer Kritik an Lenin Wld Luxemburg wegen angeblicher Unflili.igkeit, die fundamentalen

ökonomischen Kategorien zu erfassen, vgl. 0 I, 234f.


4 Vgl. 0 I, Kap. 2: <<Nicolai Hartmanns Vorstoß zu einer echten Ontologie», 421-467.

5 Als repräsentatives Werk, vgl. Louis Althusser Wld Etienne Balibar, Reading Capital, übers.

v. Ben Brewster, 2 Bde., N.Y.: Panthon Press 1970.


6 Vgl. I. Eörsi: Gelebtes Denken. Eine Autobiographie im Dialog, Frankfurt 1980. Die zitierten

Stellen befmden sich auf S.235ff.


7 «Setzen>> ist dt. Äquivalent zu~ «tithemi», wie es z.B. in «Hypothese» auftaucht. «Setzen>>,

das wußte auch Luklics, ist ein terminus technicus im Denken Fichtes. Zu einer Diskussion der
vielfilltigen Bedeutllllgsmöglichkeiten dieses Ausdrucks bei Fichte, vgl. Tom Rockmore, Fichte,
Marx, and Classical German Philosophy, Carbondale, London: Southern Illinois UP 1980,
13ff.
8 Vgl. Martin Heidegger, Being and Time, übers. v. John Macquarrie Wld Edward Robinson,

N.Y., Evanston: Rarper and Row 1962, Teil II, Kap. 5: «Temporality and Historicality», 424-
455.
9 Zu seiner Kritik an Kants Wlgelöstem Dualismus, vgl. z.B. die Enzykloptidie der philosophi-

schen Wissenschaften, in: Georg Wilhelm Friedrich Regel: Werke in zwanzig Btinden, Redakti-
on Eva Moldenhauer Wld Karl Markus Michel, Frankfurt!M. 1971, Bd.8, § 60, S.143: «In je-
dem dualistischen System, insbesondere aber im Kantischen, gibt sich sein Grlllldmangel durch
die Inkonsequenz, das zu vereinen, was einen Augenblick vorher als selbständig, somit als Wl-
vereinbar erklärt worden ist, zu erkennen>>.
10 In diesem PWlkt folgt Lukäcs Hegels Auffassllllg, daß wahrnehmende Vielfalt vom Verstand

des Betrachters abhänge. Vgl. die Diskussion zur "Wahrnehmllllg oder das Ding Wld die Täu-
schllllg", Phänomenologie des Geistes, in: G. W.F. Hege!. Werke in zwanzig Bänden, Bd. 3, S.
93-107, bes. S. 99.

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