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Richard Nicolaus Coudenhove-Kalergi

(1894-1972)
Exzerpt aus:

Los vom Materialismus!


Wien/ Leipzig, Paneuropa-Verlag, 1. bis 3. Aufl. 1931

[S. 146]
Wenn das Abendland einen großen Teil seiner Kinder weiter durch diese
Galeerenarbeit entmenscht, erzieht es sich eine revolutionäre Armee, deren Drill und
Disziplin die militärische übertrifft. Denn sie wird nicht von Menschen dressiert,
sondern von Maschinen. Diese Menschen werden sich fürchterlich dafür rächen, daß
die Gesellschaft sie in Maschinen verwandelt und ihnen ihr Menschentum geraubt hat.
Sie werden mit der Präzision von Maschinen die Kultur zerschlagen, die sich so
schrecklich an ihrer lebendigen Seele versündigt hat.

Die Technik allein, die Europa diese Wunden geschlagen hat, kann sie heilen. Sie
entlastet den Menschen. Sie überträgt den Naturkräften den schwersten Teil der
Arbeit, die einst der Mensch leisten mußte. Sie wird allmählich der Natur den
mechanischen Teil der Industriearbeit zuteilen, um dem Menschen den organischen zu
überlassen.
[S. 147]
Heute ist sie noch nicht so weit. Aber sie hat dafür ein neues Problem geschaffen: die
Arbeitslosigkeit. Millionen Menschen finden keine Arbeit, weil Naturkräfte sie
ersetzen.
Das Abendland sollte diese Krise, die es mit Katastrophen bedroht, zu einer Genesung
wenden: zum Abbau der Arbeitszeit. Wenn weniger Arbeit zu vergeben ist, muß auf
jeden Arbeiter eine kürzere Arbeitszeit kommen, als wenn mehr Arbeit zu vergeben
ist. So kann die Arbeiterschaft teilweise vom schrecklichen Raubbau, der an ihr verübt
wird, erlöst werden.
Denn der Mensch, der ein Stück Phantasie ist, geht zugrunde, wenn er nicht
phantasieren kann. Darum muß der Mensch am fließenden Band viele freie Stunden
haben, um zu spielen und zu träumen, Gärtnerarbeit zu verrichten oder
Kunsthandwerk: kurz, um organisch zu wirken.

Richard Nicolaus Coudenhove-Kalergi 1931 Exzerpt aus „Los vom Materialismus!“ 1


Zwölf Stunden organische Arbeit zu leisten ist weniger schlimm als sechs Stunden
anorganische. Darum ist es ein Unrecht, die gleiche Arbeitszeit für alle Formen der
Arbeit zu bestimmen.
Die Arbeitszeit wird im gleichen Maß abnehmen müssen, wie die technische
Entwicklung zunimmt. Nur so kann die Technik in den Dienst der Kultur treten. So
kann sie den Menschen zur Natur zurückführen, von der sie ihn gelöst hat.
[Fußnote: Die Bedeutung der Technik für die moderne Kultur behandelt "Apologie der
Technik" in "Praktischer Idealismus" von R. N. Coudenhove-Kalergi (Paneuropa-
Verlag, Wien).]

[S. 185]
Staat und Gesellschaft haben dafür zu sorgen, daß im Turnier der Politik und
Wirtschaft fair play herrscht. Daß jeder disqualifiziert und verachtet wird, der sich eine
Stellung erschleicht.
Jeder Mensch soll die Möglichkeit haben, nach seinen Fähigkeiten aufzusteigen. Kein
Mensch darf in seinem Aufstieg gehemmt sein, weil er arm ist. Der begabte
Arbeitersohn soll mehr Aussichten haben, künftiger Generaldirektor seines Betriebes
zu werden als der unbegabte Sohn des Generaldirektors.
Die Neo-Aristokratie muß sich dauernd durch Begabungen und Energien aus den
Massen regenerieren, um nicht zu einer Kaste zu erstarren und wie der Feudalismus
zugrunde zu gehen.
Diese Gleichheit der Chancen ist der neue Sinn der Gleichheit und Freiheit.
[...]
Die soziale Forderung der Neo-Aristokratie lautet: „Allen das
Existenzminimum - den Fähigsten das Existenzmaximum!“
Freiheit des Aufstieges, Sicherheit der Existenz. Alle Tüchtigen, Fähigen, Starken
müssen für diese Forderung sein; alle Untüchtigen, Unfähigen, Schwachen gegen sie:
denn sie ist eine aristokratische Forderung.

Richard Nicolaus Coudenhove-Kalergi 1931 Exzerpt aus „Los vom Materialismus!“ 2