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Technik/Taktik Abwehr

Aktive 6:0-Abwehr Spaniens im WM-Finale 2005


gegen Kroatien: Der linke Innenverteidiger
blockiert mit einer offensiven Querstellung den
direkten Passweg von RL ins Angriffszentrum.

‘Abschrecken’ – dem Angriff Initiative


und Dynamik nehmen
Die Philosophie des Abwehrspiels des amtierenden Weltmeisters aus Spanien.
Der ehemalige Trainer der Männer-Nationalmannschaft erläutert aktive, ballorientierte
Spielvarianten der 6:0-Abwehr, die prinzipiell in jeder Abwehrformation zur Anwendung
gelangen können. Ein Beitrag von Prof. Juan de Dios Roman Seco, übersetzt von Frank Nörenberg

Rahmenbedingungen für die Entwicklung des 4. Wesentlich effektivere Informationsmöglichkeiten und der
heutigen Tempospiels Einsatz neuer Technologien.
5. Höhere Popularität des Handballs in den Medien.
In den insgesamt acht internationalen Großturnieren (je drei Im Zusammenspiel dieser Faktoren – auch wenn einige nicht
Europa- und Weltmeisterschaften und zwei Olympische Spie- direkt die Spielstruktur betreffen – sehe ich Ursachen und
le) – hinzu kommen die Spiele in den Eliteligen der Verbände – Möglichkeiten für den Fortschritt und die Weiterentwicklung
hat sich unser Spiel in nahezu allen Bereichen enorm weiter- des Spiels.
entwickelt. Folgende Faktoren haben diese drastische Ent-
wicklung begünstigt. „Es gibt keine Geheimnisse mehr!“
1. Die Regeländerungen seit 1997
2. Die langsame Anpassung der osteuropäischen Länder an Trainer und Spieler haben heute alle Möglichkeiten, Spiele zu
den Profi-Handball. analysieren. Taktische Veränderungen oder Neuigkeiten sind
3. Die Vielzahl der Wettbewerbe also bereits vor einem großen Turnier bekannt, es gibt eigent-
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TECHNIK/TAKTIK
Juan de Dios Roman Seco (63) hat entscheidend
die Entwicklung Spaniens zu einer der führenden
Handballnationen mitgeprägt.
Der Hochschulprofessor der Uni Madrid war von 1995 bis 2000
spanischer Nationaltrainer und gewann in dieser Zeit zweimal
olympische Bronze (1996 in Atlanta und 2000 in Sydney),
außerdem wurde er zweimal Zweiter und einmal Dritter bei Eu-
ropameisterschaften. Der Sportdirektor von Ciudad Real war
als Vereinstrainer sowohl mit Atletico Madrid als auch mit Ciu-
dad Real vielfacher Landesmeister. Von 1993 bis 2000 wirkte
er gemeinsam mit Dietrich Späte in der Regelarbeitsgruppe
der Internationalen Handball Federation maßgeblich an den
einschneidenden Regeländerungen von 1997 mit.
Er arbeitet immer besonders gern mit Nachwuchsspielern und
konnte sein Know-how gemeinsam im Trainerstab mit Cesar
Argiles (Junioren-Vizeweltmeister, Nationaltrainer von 2001-
2004) in das Nachwuchsförderkonzept des spanischen Hand-
ball-Verbandes einbringen.

lich keine Geheimnisse mehr. Gleichzeitig haben heranwach- Welche Änderungen waren für die Spielentwicklung besonders
sende Jugendliche heute vielfache Möglichkeiten, mit Hilfe der maßgebend?
Medien die Elitespieler nachzuahmen (z. B. bestimmte Wurf-
oder Abwehrtechniken). In Spanien beispielsweise werden bis 1. Der schnelle Anwurf nach einem Gegentor
zu vier Handballspiele pro Woche übertragen. Diese Regeländerung initiierte das heutige schnelle Spiel und
vergrößerte die strategischen und taktischen Möglichkeiten
„Die Spielentwicklung hat einen Namen: Schnellig- im Spiel. Obwohl neue Schwierigkeiten für die Schiedsrichter
keit – in allen Belangen und Facetten!“ entstanden, ist diese taktische Möglichkeit von enormer
Wichtigkeit.
Ohne Zweifel können die größten Neuerungen im Spiel mit den
Regeländerungen seit 1997 verknüpft werden. Schnelligkeit in 2. Die konsequente Anwendung der so genannten Vorteilsregel
allen Belangen und Erscheinungsformen ist heute gefragt. Fundamental ist diese konsequente Regelauslegung für das
Ein weniger gewalttätiges und hartes Spiel, sondern das Spiel gezielte taktische Weiterspielen im Angriff. Gleichzeitig wird
insgesamt schneller und attraktiver zu machen, war die grund- hier die hohe Verantwortung der Schiedsrichter für den Spiel-
legende Philosophie in der Regelentwicklung seit 1995. In die- fluss und attraktive Spielweisen deutlich.
sen Veränderungen ist der Ursprung des heute wirklich ästhe-
tischen, temporeichen Spiels zu sehen. Ich erwarte, dass die- 3. Konsequentere Auslegung des Passiven Spiels
se permanente Weiterentwicklung auch in der Zukunft anhält. Obwohl noch nicht perfektioniert, übt diese Regelauslegung

Info 1: Zum Begriff ‘Abschrecken’


Der Begriff ‘Abschrecken’ ist sicher eine für uns ungewöhn- 䊉 Das Timing von Spieleraktionen und taktischen Angriffs-
liche Bezeichnung einer grundlegenden taktischen Abwehr- mitteln zerstören.
spielweise. ‘Abschrecken’ (spanisch: disuaçion; französisch: Im modernen Abwehrspiel wird nicht nur der Passweg zu direk-
dissuasion) ist eine Bezeichnung für aktive und offensive ten Gegenspielern, sondern vor allem auch zum benachbarten
(=antizipative) ballorientierte Abwehrspielweisen, die Gegenspieler (Beispiel: Der VM verhindert die dynamische Bal-
Spitzentrainer des spanischen und des französischen Hand- lannahme von RM und RL/RR.) – häufig auf der ballfernen Sei-
ballverbands Anfang der 90er Jahre in einem gemeinsamen te – blockiert bzw. attackiert. Typisch dafür sind so genannte
Symposium entwickelt und festgelegt haben. 1-gegen-2-Situationen (ein Abwehrspieler gegen zwei Angrei-
Einen Angriffsspieler davon ‘abbringen’ den Ball anzunehmen, fer), die in diesem Beitrag ausführlich beschrieben werden.
also eine Abwehrhandlung anzuwenden, die den Angreifer Anmerkung: Frank Nörenberg, übrigens im Besitz der deut-
kurzzeitig ‘zurückschrecken’ lässt, um dessen Ballannahme schen A-Lizenz und einer spanischen Trainerlizenz, ist
gezielt zu verhindern, ist heute ein wesentliches taktisches langjähriger Kenner der spanischen Trainerszene und betreut
Element nahezu jeder Abwehrformation. seit langem die spanische Nationalmannschaft bei Spielen
Die taktischen Zielsetzungen sind: v. a. in Deutschland. Er hat diesen Beitrag mit Juan de Dios er-
䊉 Dem Gegenspieler den Mut und die Initiative zur Ballan- arbeitet und übersetzt, um Aussagekraft und Intention der
nahme nehmen. spanischen Spielphilosophie möglichst hautnah wiederzuge-
䊉 Die Qualität einer effektiven Ballannahme stören. ben.
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Technik/Taktik Abwehr

‘Abschrecken’ – dem Angriff Initiative und Dynamik nehmen


Info 2: Aktuelle Spieltendenzen im Angriff
䊉 Zunahme der Schnelligkeitsleistungen bei
– technischen Ausführungen (z. B. Wurf-, Anspielvarianten)
– taktischen Entscheidungen (Handlungsschnelligkeit)
䊉 Verkürzung der Angriffsdauer
䊉 Abnahme mannschaftstaktischer Abläufe mit gleichzeitiger

Verbesserung gruppentaktischer Entscheidungen im Spiel


2 gegen 2, 3 gegen 3.
䊉 Mehr Vielfalt und Flexibilität im Spiel mit Kreisspielern
䊉 Universellere Ausbildung der Spieler statt einseitiger

‘Positionsspezialisierung’ (mehr Kreativität!).


䊉 Hohes, konsequentes Spieltempo mit Forcierung des

Gegenstoß-Spiels.
䊉 Verknüpfung von Spielphasen: z. B. Gegenstoß wird mit Variantenreiches Spiel über den Kreis – hier ein ansatzloses
Positionsangriffen ohne Aufbauphase verbunden. Dies bewirkt Kreisanspiel aus dem Sprungansatz des spanischen Rück-
eine schnellere Angriffsausführung mit größeren Risiken. raumspielers Romero.

deutlichen Druck auf die Mannschaften aus, ihre Angriffe kür- 6. Konsequente Ahnung von Angreiferfouls
zer zu gestalten. Hier haben wir in der Vergangenheit durchaus gute Schieds-
richterleistungen gesehen. Eine konsequente Ahnung von
4. Einsatz von 14 Spielern Angreiferfouls begünstigt neue taktische Abwehrspielweisen
Hier ergeben sich – bezogen auf die konditionellen Vorausset- (z. B. das Doppeln eines Angreifers) und stellt zudem eine
zungen der Spieler – neue Möglichkeiten, durch gezielte Wech- gute Alternative gegen Härte im Abwehrverhalten dar.
selstrategien ein Spiel auf einem höchstmöglichen Niveau und
Spieltempo zu halten. 7. Abwurf nach regelwidrigem Betreten des Torraums
Diese Regelneuerung ist ein weiterer positiver Baustein zur
5. Konsequente progressive Bestrafung Förderung der Spielkontinuität. Die Konsequenz: Das Spiel
Die Schiedsrichter sind gefordert, generell eine konsequentere wird noch schneller!
Linie im Spiel einzuhalten. Ziel muss es sein, gefährliche und Anmerkung: Einen Fehler dagegen ist meiner Meinung nach
gewalttätige Aktionen aus dem Spiel zu verbannen. die Abschaffung des automatischen Time-outs nach einer

Bildreihe 1: Offensiver Druck des rechten Halbverteidigers gegen seinen indirekten Gegenspieler im A

1 2
Während RR-Spieler Balic (Rechtshänder) 1 gegen 1 gegen den HL spielt (Bild 1), läuft der ballferne Halbverteidiger offensiv in
das Angriffszentrum und blockiert so den direkten Passweg zum RM (Bild 2). Das Angriffsspiel wird so entscheidend gestört.
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7-m-Entscheidung, weil so zusätzliche


Probleme und Konflikte für Schiedsrich- Info 3a: Aktive Varianten der 6:0-Abwehr – Außenangreifer
ter und Zuschauer geschaffen werden.

„Entscheidungsschnelligkeit
optimieren und Reaktionszeiten
verkürzen!“
Diese Aussage vom ehemaligen kroati-
schen Nationaltrainer Lino Cervar be-
schreibt sehr gut die aktuellen trai-
ningsmethodischen Konsequenzen.
Für mich bedeutet dies, dass derjenige
Spieler schnell ist, der auch schnell den- 1-2
ken kann. Alle Trainingsmethoden müs-
䊉 Offensiver Druck des Außenverteidigers 䊉 Abschreckung durch den Außenverteidi-
sen sich deshalb in eine Richtung ent-
wickeln, die das Situationstraining und gegen den direkten Gegenspieler ger auf der ballfernen Seite gegen den be-
die entsprechende Handlungsschnel- nachbarten Angreifer (indirekter Gegen-
ligkeit optimieren. Die aus meiner Sicht 䉱 ZIELE spieler)
aktuellen Entwicklungs- und Spielten- 1. Anspiele zu den Außenspielern verhin- 䊉 1 gegen 2 auf der ballfernen Seite

denzen fasst Info 2 zusammen. dern


2. Angriffsspiel in die äußeren Räume ver- 䉱 ZIELE
Flexible Abwehrspielweisen und hindern (Spielbreite reduzieren) 1. Stören/Erschweren des Zusammen-
3. Kombinationsspiel im Rückraum ein- spiels mit den RR-/RL-Spielern
Systemvarianten
schränken (Pass/Rückpass über außen 2. Stören des Spielrhythmus bzw. des Ti-
Aufgrund der verbesserten individuel- nicht möglich) mings der Angriffsspieler
len Abwehrtaktik der Einzelspieler in
den letzten Jahren konnte auch eine tion (= Vorwegnahmen/’Lesen’ von An- 䊉 Beweglichkeit und Antizipationsfähig-

Weiterentwicklung von Abwehrphiloso- greifer- bzw. Angriffsaktionen) eine her- keit der Abwehrspieler, um Angreiferfeh-
phien und Abwehrsystemen realisiert ausragende Rolle. Genau hier fängt mo- ler zu provozieren (z. B. Ballverluste,
werden. Ausgangspunkt ist dabei im- dernes Abwehrspiel an – völlig unab- Angreiferfouls)
mer wieder das Gesetz des Handelns, hängig von bestimmten Abwehrsyste- 䊉 Vermeiden von Zeistrafen durch vor-

also die Frage: Wer – Angreifer oder Ab- men. Auch auf dieses Entwicklung des ausschauendes, ballorientiertes Ab-
wehrspieler – agiert und wer reagiert? Abwehrspiels hatten die Regeländerun- wehrspiel
Dabei spielt die Fähigkeit zur Antizipa- gen großen Einfluss: 䊉 kreatives, kontinuierliches Agieren

ngriffszentrum

3 4
Der Angriff will das Problem nun gruppentaktisch im Spiel 2 gegen 2 lösen. Das folgende Kreisanspiel wird aber von der Abwehr
abgefangen (Bilder 3 und 4).
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Technik/Taktik Abwehr

‘Abschrecken’ – dem Angriff Initiative und Dynamik nehmen


Info 3b: Aktive Varianten der 6:0-Abwehr – Halbverteidiger

䊉 Offensiver Druck des Halbvertei- 䊉 ’Abschreckung’ durch die Halbvertei- 䊉 Offensiver Druck und ‘Abschreckung’
digers gegen den direkten Gegen- diger gegen direkte Gegenspieler durch den Halbverteidiger gegen den be-
spieler nachbarten Angreifer (RM) im Zentrum
䊉 Spiel 1 gegen 1 in der Spielfeldtie-

fe auf den HL-/HR-Abwehrpositionen


䉱 ZIELE 䉱 ZIELE
䉱 ZIELE 1. Spiel in die Breite vermeiden 1. Maximale Aktivität der Abwehrspieler
1. Torwürfe torgefährlicher Rück- 2. Angriffe durch die Spielfeldmitte pro- 2. Den Angriffsrhythmus
raumschützen vermeiden vozieren stören/unterbrechen
2. Spielrhythmus des Angreifers 3. Spiel 1 gegen 1 in bestimmten Räu- 3. Überzahl der Abwehr in einer Zone/in ei-
(RL/ RR) stören, ihn in die Spiel- men vermeiden ner Hallenhälfte
feldtiefe zurückdrängen 4. Optionen, den Ball zurückzugewin- 4. Fehler des Angriffs (z. B. unvorbereitete
3. Angreiferfouls provozieren nen Würfe, Abspiele) provozieren

(statt Reagieren), um ein Passives Spiel der Angreifer zu pro- Gegentore pro Spiel – dennoch ist das Abwehrspiel kreativer,
vozieren variantenreicher und letztlich sogar effektiver gegen den Posi-
Kurzum: Das traditionelle Abwehrspiel, in dem passiv auf den tionsangriff geworden.
Angriff gewartet (=reagiert) wird, ist passé! In der spanischen Handballschule wird großer Wert auf ein
Aktive Abwehrformationen mit offensiven Spielweisen auch in facettenreiches, aktives Abwehrspiel gelegt, dessen zahlrei-
Unterzahl sind die wirklichen Protagonisten des modernen Ab- che Varianten weltweit von Experten anerkannt sind. In der in-
wehrspiels. dividuellen Spielerausbildung setzen wir – unabhängig vom je-
Kurioserweise erhalten wir heute durchschnittlich mehr als 30 weiligen Abwehrsystem – besonders folgende Schwerpunkte:

Bildreihe 2: Offensiver Druck des rechten Innenverteidigers gegen seinen direkten Gegenspieler

1 2
Während RM und RL ohne Ball kreuzen, läuft der rechte Innenverteidiger offensiv in den Raum des RM und versperrt dort
(Bild 2) den direkten Passweg.
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䊉 Ballorientierung aller Spieler


䊉 große Antizipationsfähigkeit der Spie- Info 3c: Aktive Varianten der 6:0-Abwehr – Innenverteidiger
ler, Versperren und Blockieren von Räu-
men, die die Angreifer noch nicht be-
setzt haben
䊉 Vermeiden von Hinausstellungen als

Abwehraufgabe
䊉 taktische Initiativen der Abwehrspie-

ler, um den Angriffsspieler anzugreifen,


ihn zu überraschen
䊉 Kenntnisse über die Variationsbreite

von Abwehraktionen im Spiel 1 gegen 2


In unserer Ausbildung umfasst allein
der Bereich des Abwehrspiels 240 Stun-
den! Konsequenterweise entwickelt
䊉 Offensiver Druck der Innenverteidiger 䊉 Offensiver Druck/Abschreckung der In-
sich unser Abwehrspiel kontinuierlich in
Richtung größerer Kreativität. Dabei ist gegen direkte Gegenspieler nenverteidiger gegen benachbarte Angrei-
das Verstehen und Interpretieren des fer (RL, RR)
Angriffsspiels genauso ein Grundprin-
zip wie die zentrale Zielsetzung des Ab- 䉱 ZIELE 䉱 ZIELE
wehrspiels, den Ball zurück zu gewin- 1. Spielführung durch den/Spielentfaltung 1. Attackieren des Ballwegs vom RA zu RR
nen! des RM vermeiden (bzw. LA zu RL) durch den
2. Spielrhythmus stören Innenverteidiger
Aktive Abwehrvarianten in einer 3. Angreiferfehler bzw. -fouls provozieren 2. Angriffsspiel zur Mitte/ins Zentrum er-
schweren
6:0-Abwehr
3. Angriffsfehler provozieren
In den Info-Grafiken 3a bis 3c sind ver-
schiedene aktive Abwehrvarianten aus Es wird deutlich, dass solche Spielwei- Abwehrsystem einzubeziehen, hängt
einer 6:0-Abwehr heraus mit ihren sen mit schematischen Grundbewe- sicher einerseits von der Qualität der
jeweiligen taktischen Zielsetzungen gungen traditioneller Spielweisen Einzelspieler ab, andererseits aber
zusammengefasst skizziert. Sie kön- nichts mehr zu tun haben. auch von der Koordinierung taktischer
nen sowohl isoliert auf einzelnen Spiel- Wichtig: Diese Spielweisen sind auf Abläufe und Absprachen innerhalb des
positionen abhängig vom Gegner als jedes Abwehrsystem übertragbar und jeweiligen Abwehrsystems. An diesen
auch im komplexen Zusammenwirken finden ihre Basis in den methodischen taktischen Optionen wird deutlich,
(siehe Beispiele der spanischen 6:0-Ab- Grundprinzipien der allgemeinen Spie- welche ‘Reichtümer’ wir zur Weiterent-
wehr im WM-Finale 2005 gegen Kroati- lerausbildung. wicklung des Handballspiels für die
en) angewandt werden. Solche aktiven Spielweisen in ein Zukunft besitzen.

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Das Timing dieser taktischen Auslösehandlung wird so bereits im Ansatz empfindlich gestört. RR wird im folgenden dadurch zu
einer 1 gegen 1-Aktion gezwungen (Bilder 3 und 4).
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Technik/Taktik Abwehr

‘Abschrecken’ – dem Angriff Initiative und Dynamik nehmen


Bildreihe 3: Aktives Außenverteidigerverhalten in der Situation 1 gegen 2

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In Bild 1 wird RL Lakovic (gefährlicher Rückraumschütze) anlaufen. Um in eine dynamische Vorwärtsbewegung kom-
vom rechten Halbverteidiger sehr früh offensiv im Tiefen- men zu könmnen, muss er im Vorwärtslaufen den Ball tippen
raum angegriffen. Deshalb muss RL tief aus dem Rückraum (Bild 2).

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Der rechte Halbverteidiger sinkt rechtzeitig zurück und Gegenspielers auf der RR-Position – in eine halboffensive
bleibt so in frontaler Grundposition zu seinem Gegenspieler Position in Richtung RM verschoben und verhindert im
(Bild 3). Auf der ballfernen Seite hat sich inzwischen der lin- folgenden dessen Ballannahme in der Vorwärtsbewegung
ke Halbverteidiger – unter Vernachlässigung seines direkten (Bild 4).

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Der Passweg über die Angriffsmitte ist verstellt worden Innenverteidiger kann jedoch das Kreisanspiel – obwohl hin-
(Bild 5). Im Folgenden übernimmt der linke Innenverteidiger ter dem Kreisspieler agierend – abblocken.
den nach innen stoßenden RL (Bild 5), so dass sich der
Raum in der Mitte für ein Kreisanspiel öffnet. Der rechte
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Trainingsmethopdische Tipps – Übungsbeispiele Der Weg zum aktiven Abwehrspiel


Offensive Außenverteidiger Technisch-taktische
(Abb. oben) Qualitäten
Nach einer Auftaktpassfolge auf der 1. Variabilität der Grundposi-
Gegenseite agiert der Außenverteidi- tionen
ger unterschiedlich: 2. Variabilität der Abwehrbe-
1. Anspiel zum Gegenspieler zulas- wegungen
sen und die Situation ‘1 gegen 1 3. Handlungsschnelligkeit
mit Ball’ lösen (z. B. zurücksin- (Beinarbeit, Entschei-
ken und abdrängen) dungsfähigkeit)
2. Außenpressing: Auf jeden An- 4. Abwehrfinten einsetzen
spielversuch offensiv reagieren 5. Große Bewegungsvariabi-
und ein Spiel bzw. den Druch- lität, keine Stereotypen:
bruch ohne Ball verhindern. Arm- und Beinbewegung
3. Offensive Aktion im Raum von unabhängig voneinander,
RL/ RR, um den Spielrhythmus zu Armbewegungen unabhän-
zerstören. Bei schneller Passfol- gig voneinder, Oberkörper-
ge zum Außenangreifer (auch bewegung variabel
langer Pass vom RM zum LA mög- 6. Den Angreifer in 1 gegen 1-
lich) muss der Außenverteidiger Situationen zwingen
sich mit schneller Beinarbeit wie- 7. Verhalten in unterschiedli-
der zurück orientieren (s. Abb. chen Räumen anwenden
oben). können

Offensive Halbverteidiger Taktische Situationen


(Abb. unten) 1. 1 gegen 1: offensive Aktio-
Im Spiel 4 gegen 4 attackiert nach nen gegen Angreifer ohne
einer Auftaktphase auf einer Seite Ball (Passwege blockieren)
der jeweils ballferne Halbverteidiger ALLGEMEINE VORGABEN und gegen Angreifer mit
den Raum von RM. Auch hier muss er
䊉 Nur regelgerechten Körperkontakt Ball (ihre Handlungen inef-
sich rechtzeitig zurückorientieren, aufnehmen, kein Foulspiel – keine Hin- fektiv machen)
wenn der Ball auf seiner Seite weiter ausstellung riskieren 2. 1 gegen 2/2 gegen 3 in un-
zu seinem direkten Gegenspieler ge-
䊉 Den Angreifer mit Ball aus dem Kon- terschiedlichen Räumen
spielt wird. zept bringen, ihn stören und so ineffektiv 3. 1 gegen 1 mit Aushelfen in
machen. unterschiedlichen Räumen
䉱 VARIATION 䊉 Den Angreifer mit Ball in die
䊉 Der Angriff spielt 4 gegen 4 bis der Abwehrmitte lenken, weil die Abwehr dort
Ball ‘tot’ ist. am kompaktesten ist.

Verbindung von Koordination und korrekter Technik schulen

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䊉 ORGANISATION 䉴 ABLAUF
Zweiergruppen (3m Abstand) mit Nach Zuspiel muss der Verteidiger mit explosivem (Fecht-)Schritt heraustreten und
Ball verteilen sich frei im Raum. den Ball sauber herausspielen (kein Schlagen) bevor der Angreifer die Wurfauslage
einnimmt. Bild 1 zeigt das richtige Timing, allerdings einen zu tiefen Schwerpunkt
des Verteidigers (fast Rücklage).
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Technik/Taktik Abwehr

‘Abschrecken’ – dem Angriff Initiative und Dynamik nehmen


Bildreihe 4: Aktives Außenverteidigerverhalten in der Situation 1 gegen 2

1 2
In Bild 1 versucht der Außenverteidiger, den Raum des an- kungsvoll decken zu können. Hier ist auch zu sehen, dass
greifenden RL zu attackieren. Er kommt etwas zu spät, um der HR Schwierigkeiten haben wird, die Lücke zu seinem Ge-
das Anspiel verhindern zu können. Wie in Bild 2 zu sehen, hat genspieler zu schließen (er attackiert hier RM). Der rechte
er es durch sein Attackieren dennoch geschafft, eine intensi- Innenverteidiger wird im folgenden versuchen müssen, den
ve Vorwärtsbewegung des RL zu verhindern. Jetzt muss er Durchbruchsraum von RL zu schließen.
ganz schnell zurücksinken, um auch seinen LA noch wir-

Der Weg zum ‘alternativen Abwehrspiel’ ren/Angriffsspieler in bestimmte Räume locken)


4. Den Angriffsrhythmus stören
In Spanien sprechen wir vom so genannten alternativen Ab- 5. Gegenstöße forcieren
wehrspiel, wenn Spielweisen und Systeme im Spiel flexibel va- 6. Torerfolge erfolgreicher Werfer einschränken.
riiert werden. Internationale Spitzenmannschaften verfügen 7. Taktische Aufgaben für die letzte Phase des Spiels
heute über 3 bis 4 Abwehrsysteme bzw. über verschiedene
Unter- und Überzahlvarianten. Die hauptsächlichen Gründe „Wichtig für uns ist, dass ein alternatives Ab-
dafür, Abwehrformationen im Spielverlauf zu variieren, sind wehrspiel nicht also Risiko, sondern als Möglich-
aus unserer Sicht: keit für den Erfolg verstanden wird!“
1. Bestimmte Stärken einzelner Abwehrspieler gezielt nutzen
2. Den Gegner taktisch überraschen Das Handballspiel in diese Richtung weiterzuentwickeln,
3. Räume alternativ verändern (Spielbreite reduzie- heißt, es zu bereichern und attraktiver zu gestalten.

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