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Eberhards-Karls-Universität Tübingen

Philosophische Fakultät
Masterarbeit im Fach Literatur- und Kulturtheorie
Betreuer und Erstprüfer: Niklas Bender
Zweitprüfer:

Das Emotionale in der Utopie.


Das Glück und das Leiden in News from Nowhere von Williams Morris und The Dispossessed von Ursula K. Le
Guin

Verfasserin: Aura Elisa Paz Sánchez


Matrikelnummer: 4142650
Anschrift: Münzgasse 13
Telefon: 015224576294
E-Mail: auraespaz@gmail.com
Eingereicht am:

1
Inhalt
1. Einleitung.........................................................................................................................................................3
2. Merkmale der literarischen Utopien. Gattungstheoretische Aspekte...............................................................7
2.1 Der programmatische Vorschlag der literarischen Utopien...........................................................................8
2.2 Raum und Zeit als strukturelle Merkmale....................................................................................................11
2.3 Kritik an der Realität....................................................................................................................................13
2.4 Funktion der Utopie als literarische Gattung................................................................................................15
2.5 Über The Dispossessed und seine dystopischen Elemente...........................................................................17
3. Historischer Horizont..........................................................................................................................................19
3.1 William Morris und die Kritik an der Industrie............................................................................................20
3.1.1 Die industrielle Gesellschaft.................................................................................................................20
3.1.2 Morris und seine Ansichten über Kunst und Politik.............................................................................23
3.2 Der historische Horizont von Le Guin..........................................................................................................25
3.2.1 Le Guin in den 60er Jahren...................................................................................................................25
3.2.2 Politische und Philosophische Einflüsse...............................................................................................27
4. Das Glück in News from Nowhere von William Morris und das Leiden in The Dispossessed von Ursula K. Le
Guin.........................................................................................................................................................................30
4.1 Das Emotionale in der Utopie.......................................................................................................................30
4.1.1 Abgrenzung der Begriffe.......................................................................................................................30
4.1.2 Gefühl, Emotion, Literatur....................................................................................................................32
4.1.3 Gattung der Utopie und Hoffnung in der Affektpoetik.........................................................................35
4.1.4 Stimmungen in der Utopie....................................................................................................................37
4.2 Das Glück in News from Nowhere...............................................................................................................39
4.2.1 Definition des Glücks............................................................................................................................39
4.2.2 Das Glück als Versprechen der Utopie.................................................................................................42
4.2.3 Das arkadische Glück............................................................................................................................44
4.2.4 Selbstverwirklichung in der Kunst und Entfremdung...........................................................................49
4.2.5 Selbstverwirklichung in der Kunst und ästhetisches Vergnügen..........................................................52
4.3 Über das Leiden in The Dispossessed..........................................................................................................54
4.3.1 Was ist Leiden?.....................................................................................................................................54
4.3.2 Das Leiden in Le Guin´s Utopie............................................................................................................57
4.3.3 Angst in der Suche nach Freiheit..........................................................................................................59
4.3.4 Die Autopferung....................................................................................................................................61
4.3.5 Die externen Faktoren des Leidens.......................................................................................................62
4.3.6 Leiden als Beginn der Solidarität..........................................................................................................65
5. Abschluss............................................................................................................................................................68
Literatur...................................................................................................................................................................72

2
1. Einleitung

Das Werk Utopia von Thomas More wurde 1516 veröffentlicht, damit wurde die Geschichte
einer literarischen Gattung entstanden und nach dem Vorbild seines literarischen Werkes
entstanden viele weitere, die seiner gleichen Formel folgten. In seinem bekannten Werk
kritisierte More das damalige soziale und politische System der englischen Gesellschaft und
bot die Vision eines alternativen Systems an, in dem alle politischen Konflikte, die darin
enthalten waren; alles, was für ihn soziale Ungerechtigkeit bedeutete, verschwand. Seine
imaginäre Idealwelt existierte auf einer fernen Insel, weit entfernt von dem, was die
europäische Gesellschaft kannte, an diesem perfekten Ort, den er Utopia nannte.
Der Name, den More wählte, war zu seiner Zeit eine Neuschöpfung aus den griechischen
Wurzeln topos (Ort), der Vorsilbe ouk (nicht) und der Nachsilbe ia (Ort), die zusammen das
Wort Utopie bilden, was "ein Ort, der nicht existiert" bedeuten kann. Eine andere
Interpretation des Namens Utopia lässt vermuten, dass die griechische Vorsilbe eu (gut) den
gleichen phonetischen Klang wie ou hat und somit zwangsläufig zu ihrer Bedeutung als
Wortspiel beiträgt, was zu dem Wort Eutopie führt, was "ein guter Ort" bedeutet. Während
sich die erste Bedeutung auf das unerreichbare, oder fast unmögliche Ideal des Begriffs
bezieht, d.h. eine eher negative Bedeutung und dass das Adjektiv der Utopie erhalten
geblieben ist, bezieht sich die zweite Bedeutung auf den propositionalen und positiven Aspekt
des besseren Ortes, den sich More vorgestellt hat.
In der Tat ist die Utopie nicht nur ein guter Ort zum Leben, sie ist auch die ideale Welt, sie ist
ein Versprechen von Frieden, Harmonie und Tugend, wie More sie beschrieben hat. Dieses
Bild der idealen Welt ist positiv und bietet als Ganzes eine glückliche Existenz. Positive
Gefühle und Glück werden in vielen literarischen Utopien explizit erwähnt oder zeigen einen
Raum, in dem es Genuss, Ruhe, Schönheit, Harmonie, Freude oder Zufriedenheit gibt. Alle
diese Gefühle werden mit Glück assoziiert und im Spektrum des Wünschenswerten und des
Positiven betrachtet. Das Nachdenken über die positiven oder negativen Gefühle, die Teil der
Utopie sein könnten, ist dann kein beliebiges Forschungsthema, sondern sehr relevant, da das
Emotionale in dieser Literaturgattung eine große Bedeutung hat.
Gefühle selbst sind seit jeher ein grundlegender Aspekt im Leben des Menschen, Gefühl ist
eine Fähigkeit, die unter anderem die Wahrnehmung der Umwelt durch den Menschen

3
reguliert und ihn zum Handeln motiviert. Gefühle und Emotionen erfüllen primäre
biologische Funktionen, die zu ihrem Überleben beitragen und ein Motor des Lebens sind, da
sie auch Teil des menschlichen Denkens sind. Deshalb ist es äußerst schwierig, sich ein
Denken ohne Gefühl oder gar den Sinn eines Lebens ohne Gefühle oder Emotionen
vorzustellen, die der menschlichen Existenz endlich einen Sinn geben.
So wie die emotionalen Funktionen im Leben des Menschen funktionieren Gefühle und
Emotionen auch als Motivation und Erklärung von Ereignissen in erfundenen Geschichten,
d.h. in der Literatur. Das Emotionale ist nicht nur ein Teil des Geschehens in der literarischen
Erzählung, sondern auch ein Teil der Diskurse, die uns durch Kunstwerke präsentiert werden.
Die Kunstwerke sprechen uns von Werten und Gefühlen und enthüllen so wichtige Aspekte
der Bedeutung und ihrer Assoziationen in einer bestimmten Kultur und einem bestimmten
Kontext.
In diesem Sinne ist es möglich, sich dem Inhalt eines Werkes, den Motiven, die der
Geschichte Richtung und Form geben, vom Emotionalen her zu nähern. Natürlich kann sich
der emotionale Ansatz auf verschiedene Dinge in der Literatur beziehen. Diese Näherung
erlaubt verschiedene Ebenen des Emotionalen in der Metatextualität analysieren, d.h. die
Entstehung und Rezeption eines Textes, die Beziehung zur Erzählung, oder die Bedeutung
des Emotionalen und seinen Diskurs untersuchen.
Ernst Bloch gehört zu den Philosophen, die sich am gründlichsten mit dem Thema Utopie
auseinandergesetzt und festgestellt haben. Er postuliert, dass die Hoffnung eine Ur-Emotion
im Menschen ist und untrennbar mit der Utopie verbunden ist; Meyer-Sickendiek hingegen
hat in seiner Affektpoetik eine These über Emotionen als konstituierende Bestandteile
verschiedener literarischer Gattungen vorgeschlagen, da bezeichnet er die Hoffnung als
konstituierende Emotion der literarischen Utopie als Gattung. Beide Autoren werden in dieser
Untersuchung bei zahlreichen Gelegenheiten erwähnt.
In dieser Masterarbeit habe ich zwei Romane ausgewählt, die es mir erlauben, auf die Fragen
zu beantworten: Was ist von der emotionalen Seite die Motivation und den Zweck der
Utopie? welche Gefühle sind damit verbunden? Und was ist die Rolle oder Funktion, die sie
in dieser Art von literarischer Form spielen. Die Wahl zweier Romane war wichtig, weil sie es
mir ermöglicht, die Gefühle rund um Utopie und Hoffnung als ihr konstitutives Gefühl
vollständiger zu klären. Neben der Hoffnung als Gefühl habe ich zwei emotionale Zustände
gewählt, die mit dem Begriff der literarischen Utopie verbunden sind, nämlich Glück und
Leid.

4
Wie ich bereits erwähnt habe, ist Glück ein emotionaler Zustand, der eng mit der Utopie
verbunden ist, und ist ein Konzept, das in jüngster Zeit durch die so genannte "emotionale
Wende" erforscht wurde. Der Begriff des Glücks ist von verschiedenen Disziplinen wie
Philosophie, Neurowissenschaften, Theologie oder Psychologie umfassend untersucht
worden, und obwohl es bei dem Versuch, ihn zu definieren, einige Gemeinsamkeiten gibt,
gibt es auch Divergenzen.
Ausgehend von der Tatsache, dass der Begriff des Glücks sowie die damit verbundenen
Gefühle nicht nur biologisch, sondern auch kulturell vermittelt werden, ermöglicht uns die
Erforschung der Bedeutung dieses Begriffs in bestimmten Kontexten und in bestimmten
spezifischen Kulturen ein besseres Verständnis sowohl des Glücksbegriffs als auch in diesem
Fall des Begriffs der Utopie.
Als Gefühlszustand, der dem Glück entgegengesetzt ist, gibt es das Leiden, dessen Rolle in
literarischen Utopien häufiger fehlt, zumindest in klassischen und statistischen Utopien, aber
nicht aus diesem Grund fremd ist. In neueren Utopien, den so genannten kritischen Utopien,
tauchen negative Emotionen auf und zeigen die gegensätzliche und komplementäre
Beziehung, die beide Gefühlszustände für den Menschen haben.
Mit der Interesse beide emotionalen Zustände vollständig analysieren zu können und ihre
komplementäre Beziehung zu sehen, wählte ich zwei moderne Utopien aus, die erste ist der
Roman News from Nowhere (1890) vom englischen Künstler und Schriftsteller William
Morris und der zweite ist The Dispossessed (1976) der Amerikanerin Ursula K Le Guin.
William Morris' Roman ist eine Utopie, die die Vision eines idyllischen London zeigt und den
sozialistischen und antiindustriellen Traum des Autors illustriert. Die Hauptfigur erwacht am
selben Ort, aber in der Zukunft; beim Erwachen findet er die Welt völlig verändert vor, voller
Schönheit, frei von Armut, Ungerechtigkeit und Gewalt. Durch seine Erkundung der neuen
Welt, angeführt von ihren Bewohnern, lernt er die neue wirtschaftliche Dynamik kennen, die
diese Welt beherbergt, ebenso wie die akzentuierte Beziehung des Menschen zur Arbeit und
zum Produkt, die Liebesbeziehungen in einer freieren Welt und die Integration der Natur in
die Stadt. Morris' Roman, der auch eine Romanze ist, zeigt eine Utopie, in der eine
Atmosphäre der Freude, des Vergnügens und des Friedens vorherrscht; er veranschaulicht
sehr gut die Bedeutung des Glücks in der Utopie.
The Dispossessed, die Utopie von Le Guin findet in der fernen Zukunft statt, da handelt es
sich um einen Wissenschaftler, der in einem Satelliten namens Anarres wohnt. Der
Wissenschaftler macht eine Reise in den ganz unterschiedlichen Planet Urras. Anarres zeigt
die Gesellschaft einer anarchistischen Utopie, dagegen in Urras herrscht ein kapitalistisches

5
System. Der Protagonist stellt in Frage die Gültigkeit, die Kohärenz und die Perspektive
seiner Gesellschaft in Bezug auf Urras. Um seine Zweifeln zu lösen fährt er nach Urras mit
der scheinbaren Absicht, seine Forschung mit Hilfe der Wissenschaftler in Urras entwickeln
zu können. Als er die wirkliche Zwecke seines Aufenthalts erkennt, sowie die Natur des
Kapitalismus in Urras entschloss daheim zurückzukehren. Mit der Hilfe von Anderen Aktoren
dieses vielfältigen Universums schafft er es, Urras hinterzulassen.

Im Gegensatz zu der Atmosphäre, die in News from Nowhere gezeigt wird, gibt es den Roman
von Le Guin, in dem das Leiden erscheint. Dieses Werk, in dem Utopie und
sozialwissenschaftliche Fiktion zusammenfließen, wurde als kritische Utopie bezeichnet.
Diese Kategorisierung ist darauf zurückzuführen, dass das Werk die in den klassischen
Utopien gezeigten Schemata übertrifft; in ihm dominieren negative Gefühle, aber sie spielen
eine wichtige Rolle in der utopischen Funktion.
Um die Rolle des Emotionalen in diesen beiden utopischen Romanen zu untersuchen, ist es
notwendig, zunächst einige Konzepte und Aussagen zu klären, von denen diese
Forschungsarbeit ausgeht.
Zunächst, um meine Forschungsfragen zu klären, musste ich die beiden ausgewählten
Romane in Bezug auf die Tradition der literarischen Utopie anordnen, insbesondere im Fall
von Le Guins Utopie. Das ist so, weil viel darüber diskutiert wurde, bzw. es steht noch im
Debatte, ob The Dispossessed eine Utopie ist oder nicht. Dafür ist es dann wichtig zu
argumentieren, warum ich es für eine kritische Utopie gehalten habe. Diese Fragen habe ich
im ersten Kapitel entwickelt, das sich mit der Utopie als literarischer Gattung und ihren
Merkmalen befasst. An diesem Punkt sind strukturelle Aspekte wie Raum und Erzählzeit sehr
wichtige Kategorien der Strukturanalyse und können nicht ausgelassen werden.
Zweitens ist es auch notwendig, den historischen Horizont zu sehen, in dem die beiden
Romane geschrieben wurden, denn Utopien sprechen nicht nur von der Zukunft oder einer
imaginären Welt, sondern vor allem von der Realität, in der das Werk geschrieben wurde. Der
historische Horizont ist nicht nur für die Interpretation des Werkes auf narrativer oder
diskursiver Ebene wichtig, sondern auch für die Identifizierung des kulturellen Kontextes, aus
dem heraus die Gefühle und Emotionen, die dieses Werk beschäftigen, ausgedrückt und
thematisiert werden. In diesem Sinne ist es angebracht, sich beispielsweise zu fragen, aus
welchen Überzeugungen und Werten sich die Bedeutungen von Glück oder Leid
zusammensetzen. Im zweiten Kapitel habe ich die erforderlichen Informationen in den
historischen Horizont beider Werke gestellt.

6
Im dritten Kapitel entwickle ich das Thema der Emotionen, welche vom Allgemeinen ins
Besondere geht. Zuerst war wichtig, die Begriffe Emotion, Gefühle und Gefühlszustände zu
klären, damit wir wissen, worauf wir uns beziehen und wie sie sich voneinander
unterscheiden; auch die Bedeutung des Begriffs des Leidens musste erklärt werden, ebenso
wie die des Glücks.
Danach entwickle ich auf eine opositionelle Weise die Analyse über die Bedeutung und
Thematieserung des Glücks und Leiden, zuerst das Glück in der Arbeit von News from
Nowhere und dann das Leiden in der Utopie Le Guins.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Fragen, die diese Arbeit zu beantworten versucht,
teilweise mit einigen der Analysekategorien beantwortet werden können, die Meyer-
Sickendiek in seiner Affektpoetik vorschlägt. Die Bestimmung der Schlüßelszenerien, um die
Bedeutung der Gefühle zu erklären, die Bestimmung der zentralen Beziehungsthemen, um die
Beziehung zwischen die Gefühle zu betrachten, die Bestimmung der emotopischen Ebene, um
den Entstehungsort der Gefühle zu identifizieren und die Bestimmung der emochronischen
Ebene, um die Reihenfolge der Gefühle zu sehen.
Da die Affektpoetik eine sehr präzise Analysemethode vorschlägt, kann sie bis zu einem
gewissen Grad nützlich und Referenz sein, vor allem, weil sie zwei Themen untersucht, die
diese Forschung betreffen: das Idyllische Glück und Die Hoffnung in der Utopie. Meyers
Affektpoetik-These ist nützlich, aber gleichzeitig auf das Interesse dieses Werkes beschränkt,
da sie von sehr allgemeinen Begriffen literarischer Gattungen spricht. Die Analyse, die ich
mache, ist spezifischer, indem ich zwei Werke als unabhängige Stücke mit besonderen
Merkmalen nehme, die aus dem Schema der Affektpoetik hervorgehen.
Die Untersuchung des Emotionalen in dieser Forschung richtet sich nicht auf Phänomene der
Metatextualität, d.h. ich bin nicht daran interessiert, die Rolle der Gefühle im kreativen
Prozess des Werkes zu erforschen, ebenso wenig wie die psychologischen oder emotionalen
Aspekte des Autors; die autorialen Aspekte, auf die ich mich im Werk beziehe, gehorchen
dem kulturellen Code, aus dem die Emotionen, die im Werk thematisiert werden, ausgehen.
Was das Emotionale in der Rezeption der Utopie anbelangt, so beschränke ich mich darauf,
auf die Idee der Hoffnung und die utopische Funktion nach Bloch zu verweisen, aber es ist
nicht die Absicht dieser Arbeit, das Emotionale in der Rezeption der betreffenden Romane als
eigenständige Werke zu untersuchen.
Der Diskurs in beiden Romanen, die Darstellung der Emotionen in ihnen oder die explizite
Thematisierung eines emotionalen Zustands wie des Leidens gaben den Leitfaden für die
Auseinandersetzung mit der Frage der emotionalen Zustände in der Utopie. Das Ergebnis ist

7
eine Annäherung an die Bedeutung von Gefühlszuständen und ihre Funktion in literarischen
Werken, die weitgehend philosophisch und nicht psychologisch oder narrativ ist.
Wie es schon erwähnt wurde, sucht diese Thematisierung der Emotionen in beiden Autoren
eine nähere und persönliche Darstellung ihrer idealen Welt. In diesem Fall kann die explizite
Thematisierung der Emotionen, wie Leiden und Freude zu einer Kulturgeschichte der
Emotionen etwas beitragen.

2. Merkmale der literarischen Utopien. Gattungstheoretische Aspekte

Die zu behandelnden Utopien sind zunächst in Bezug auf die utopische literarische Tradition
hin zu untersuchen. Im Fall von News from Nowhere ist es notwendig, diejenigen Elemente zu
identifizieren, die sie der Gattung der Utopie zugehörig machen, aber gleichzeitig das zu
unterscheiden, was sie von den Utopien der Renaissance unterscheidet. Im Fall von The
Dispossessed ist das Utopische noch ausführlicher zu problematisieren, da es in der Rezeption
des Werkes keine Übereinstimmung gibt, d.h. das Werk mal als Utopie, mal als Roman oder
als keines von beidem interpretiert worden ist. Aus diesem Grund ist es notwendig, dazu
Stellungzu nehmen in Bezug auf Le Guins Utopie und die Merkmale, die ein Werk als eine
literarische Utopie definieren, zu revidieren.

Die bisherige Utopieforschung sieht vier Elemente als ausschlaggebend, um einen Text in die
Gattung der utopischen Literatur einzuordnen:

1) Die detaillierte Beschreibung der vorgestellten besseren Welt.


2) Die lokale oder zeitliche Entfernung des besseren Ortes als narratives Mittel.
3) Die Kritik an der Realität zur Entstehungszeit der Utopie.
4) Die utopische Funktion jenseits des Textes

Welche Themen, Elemente und narrativen Merkmale eine literarische Utopie ausmachen,
wird immer wieder diskutiert und es ist möglich und sehr wahrscheinlich, dass diese Kriterien
in der Zukunft neu bewertet werden müssen, weil die Grenzen der literarischen Utopien sich
ständig verändern und an ihre Epoche oder an die Charakteristika ihrer Umgebung anpassen.
Für die vorliegende Untersuchung scheinen die vier oben genannten Kategorien, die Fatima

8
Viera1 von der Kritik zusammenfasst hat, als komplett und geeignet. Zunächst ist wichtig die
Kategorien ausführlich zu erklären und dann die beiden zu diskutierenden Werke News from
nowhere und The Dispossessed mit jeder der von ihr vorgeschlagenen Kategorien in
Zusammenhang gebracht und erläutert.

2.1 Der programmatische Vorschlag der literarischen Utopien

Das erste Merkmal, die detaillierte Beschreibung der vorgestellten besseren Welt, ist ein
zentrales Thema der literarischen Utopie. Auch wenn die Geschichte andere Handlungen und
Themen beinhaltet, bleibt als wichtigste Element die Vorstellung einer alternativen
Gesellschaft im Vordergrund.

Das fiktionale neue System muss immer einen Vorteil für die Gesellschaft bergen, das heißt,
es muss moralisch, politisch und wirtschaftlich besser funktionieren als die Welt, die der
Autor kritisiert. Daher sind verschiedene Aspekte des politischen Lebens betroffen. Die
Komplexität liegt in den wichtigen philosophischen Ansichten über die menschliche Natur
impliziert und in der Diskussion über das, was gut für die Menschen sei. Diese Aspekte
hängen von der Perspektive, Ideologie und dem Diskurs ab, die der Autor durch seine Utopie
vorschlägt

Wie schon erwähnt, ist der Begriff der Utopie in der Renaissance entstanden. Deswegen lässt
sich sehr deutlich erkennen, dass der Diskurs des Textes sehr stark von einem christlichen
Humanismus geprägt ist. Die sogenannte philosophia christi2 ist auch ein Einfluss der Ideen
von Erasmus: Es wird versucht, durch Vernunft und Erkenntnisse ins Paradies
zurückzukehren. Natürlich hat die Konzeption der damaligen Utopien messianische und
christliche Elemente, aber vor allem wird der Idee der Vernunft im Glauben Beachtung
geschenkt: „The great contribution of the Renaissance was the ideal of fully energized human
being, able to span life in all its manifestations, as artists, scientists, technicians, philosophers,
and what not.“3der Menschen erstreckten sich natürlich auch auf die Formen ihrer
Zivilisation, eine bessere Gesellschaft.

1
Vgl. Vieira Fatima. The concept of Utopia. in The Cambridge companion to utopian literature. Cambridge
[u.a.]: Cambridge Univ. Press, 2010.
2
Vgl. Imaz Eugenio. Topía y Utopía. Vorwort in Utopías del Renacimiento. México D.F: FCE, 1941. S. 12.
3
Mumford Lewis. The story of utopias. N.Y: The Viking Press, 1962. S. 283.
9
Auf diese Weise beginnt die Begründung der literarischen Utopien mit einer humanistischen
Haltung. Vieira bezeichnet das Adjektiv humanistisch auch als ein Charakteristikum von
Utopien: „Another characteristic is that it is human-centred, not relying on chance or on the
intervention of external, divine forces in order to impose order on society. Utopian societies
are built by human beings and are meant for them. “ 4 Man könnte meinen, dass die
Vorstellung der Menschen einer besseren Welt humanistisch sein sollte, da sie letztendlich
vom Menschen entworfen ist. D vernachlässigt jedoch die Wichtigkeit der Rolle der
Technologie vieler Utopien der 50er und 60er Jahre, in der der menschlichen Verstand
weniger die Hauptrolle spielt, sondern die Technologie selbst als Zeichen des Idealen und
Vollkommenen dargestellt wird, wie die Geschichten von Modern Electrics und Wonder
Stories von Hugo Gernsback zeigen. Hier kommt es zu einer Überschneidung von Science-
Fiction und Utopien.

Raymond Williams nimmt eine andere Einordnung der verschiedenen utopischen Inhalte vor.
Sie basiert auf den Kategorien wissenschaftlich und utopisch, die Engels etablierte. Die zwei
Kategorien, die erste bezieht sich auf die materiellen Bedingungen, die die Transformation
ermöglichen, die zweite auf das Wünschen und Fähigkeiten der Menschen; im Kapitel zwei
wird diese von Engels beschriebene Spaltung ausführlicher erklärt. 5

Thus if analyse the fictions that have been grouped as utopian we can distinguish four types:

(a) the paradise, in which a happier life is described as simply existing elsewhere;
(b) the externally altered world, in which a new kind of life has been made possible by an
unlooked for natural event;
(c) the willed transformation, in which a new kind of life has been achieved by human
effort;
(d) the technological transformation, in which a new kind of life has been made possible by
a technical discovery.6

Neben Williams gibt es Autoren wie Nicole Pohle oder Peter Fitting 7,die Utopien in diesem
Sinne nicht unbedingt als humanistisch einschätzen, und auf diese Weise etwas weniger
eingeschränkt sind. Für die Untersuchung zukünftiger Utopien sind diese Einordnungen
deutlich relevanter, da in der aktuellen Welt der Mensch mit Fragen der Kritik am
4
Vieira Fatima. The concept of Utopia. S. 7.
5
Vgl. Marx Karl, Engels Friedrich. Die deutsche Ideologie / hrsg. von Harald Bluhm. Berlin: Akademie-Verl.,
2010.
6
Williams Raymond, ed. Andrew Milner. Tenses of imagination: Raymond Williams on science fiction, utopia
and dystopia. Oxford; Bern; Berlin; Frankfurt am Main; Wien: Lang, 2010. S. 95.
7
Vgl. Gregory Claeys. The Cambridge companion to utopian literature. Cambridge: Cambridge Univ. Press,
2010.
10
Anthropozentrismus, der Suche nach Lebensformen im Weltraum, Künstlicher Intelligenz,
Gen-Editierung u.a. konfrontiert wird. Diese Themen werden immer mehr Teil des täglichen
Lebens und gewinnen an Akzeptanz. Diese Fragen nehmen damit Platz in der Vorstellung der
wünschenswerten Gesellschaft ein – ob die technologische Veränderung tatsächlich zu einer
besseren Zukunft führen wird oder nicht, bleibt bisher unbekannt.

Aus diesem Grund ist die Zuordnung von Raymond Williams gültiger als solche der eben
erwähnten Autoren, auch für zukünftige Utopien. Daher kann sie für eine Differenzierung und
Zuordnung von The Dispossessed und News from Nowhere als humanistische Utopien
angewendet werden.

News from Nowhere ist Williams‘ Kategorien a und c zuzuordnen, da in dieser Utopie eine
Vision, ein Traum oder eine Offenbarung gezeigt wird, die den Hauptdarsteller in die Zukunft
führt und ihm seine Stadt London zeigt. London wurde in ein Paradies verwandelt, besser und
glücklicher, als die Stadt, die er kennt. Auch die Option c sollte in Betracht gezogen werden,
da die Geschichte betont, dass die neue Lebensweise dank der Anstrengungen seines Volkes
durch gewaltsamen Kampf, Krieg und viele Opfer erreicht wurde.

The Dispossessed erfüllt nur die Maßgaben der Kategorie c: Es handelt sich um die bewusste
Transformation des Menschen, denn obwohl die Geschichte in der Zukunft liegt, man also
von einer sehr fortgeschrittenen Technologie und einem Leben im Universum
intergalaktischer Beziehungen ausgehen kann, spielt diese Technologie in Wirklichkeit keine
große Rolle bei der Transformation. Die Planeten sind letztendlich Räume, genau wie eine
Insel, und das Universum ist eine Metapher für dasselbe Meer, in dem der erste Reisende von
Morus, Raphael Hythlodeus segelte, der die Insel Utopia fand.

2.2 Raum und Zeit als strukturelle Merkmale

In der Handlung gibt es in allen Utopien eine Hauptfigur, einen Reisenden, der den
utopischen Ort besucht. Durch die Begegnung mit beiden Welten kann er die utopische Welt
mit seiner eigenen Welt vergleichen. Im Kontrast zum utopischen Ort ist seine
Herkunftsgesellschaft (?) voll von Fehlern, Ungerechtigkeit, und Gewalt. Der Reisende kann
die Utopie besuchen oder ursprünglicher Bewohner der Utopie sein. Wichtig ist aber, dass er
in die fehlerhafte reale Welt kommt, um deren Einwohnern von der Utopie zu berichten.

11
Die Entfernung zwischen beiden Welten kann durch die Zeit oder den Raum bestimmt
werden. Sowohl in News from Nowhere wie in The Dispossessed handekt es sich um eine
zeitliche Entfernung, da sich beide Utopien in der Zukunft befinden. Das unterscheidet diese
zwei Romane von den Utopien der Renaissance, die eher ahistorisch sind, weil dort die
Entfernung durch eine räumliche Trennung geschaffen wird.

In News from Nowhere wohnt die Hauptfigur im viktorianischen London, genau wie der
Autor selbst. Der Protagonist schläft ein und beim Aufwachen beginnt seine Reise. Wie Rip
Van Winkle8 erkennt er nicht den Ort, an dem er aufgewacht ist. Obwohl die Reise eine
Vision oder ein Traum ist, realisiert sich die Utopie eher in der Zukunft, der Reisende wacht
am selben Ort auf, an dem er eingeschlafen ist: London, nur, dass sich die Stadt dann in einer
besseren Zukunft befindet. Hier zeigt sich deutlich, dass es sich um eine Entfernung in der
Zeit und nicht im Raum handelt.

In News from Nowhere werden die narrativen Ressourcen des Raumes in einer Weise
aufrechterhalten, die anderen Utopien ähnlich ist, d.h. sie folgt der Formel des Reisenden, der
in die Utopie eintritt und in seine Wirklichkeit zurückkehrt, indem er wieder aufwacht.

Hier ist es wichtig zu erwähnen, dass dieser Roman das Utopische-Traumhafte bewahrt, im
Vergleich zum Roman von Le Guin, der als Science-Fiction Roman, eher realistisch ist: In
The Dispossessed ist der Startpunkt des Reisenden der utopische Ort. Der Protagonist fährt in
die fehlerhafte Welt, bzw. er verlässt die Utopie in deiner Reise und kommt später in die
Utopie zurück. Diese Umkehrung der Reise zeigt die dynamische Nutzung der Raum und
Zeit im Roman.

Im Falle von The Dispossessed gibt es beides, eine zeitliche und eine räumliche Entfernung
zwischen dem Idealen und dem Fehlerhaften. Hier lebt die Hauptfigur Shevek in einer weit
entfernten Zukunft. Es werden zwar keine bestimmten Daten angegeben, aber es ist zu
vermuten, dass zwischen der Entstehungszeit des Textes bzw. der Veröffentlichung des
Romans im Jahr 1974 und der diegetischen Zeit möglicherweise Jahrtausende liegen.

Die Geschichte beginnt mit Sheveks Reise nach Urras, die er mit einem Raumschiff
unternimmt. Sobald Shevek auf Urras landet, wechselt die Geschichte gleichmäßig zwischen
beiden Welten, Anarres und dem Planeten Urras. Der Roman ist in 13 Kapitel eingeteilt, in
denen abwechselnddie zwei Orte gezeigt werden. Dabei wird ständig auf die Vergangenheit

8
Vgl. Washington Irving. Rip Van Winkle. Dassel: Büttenpapierfabrik Hahnemühle, 1979. Im berühmten
Märchen von Irving wird die Motive von einer Reise in der Zukunft durch einen Traum, der jahrelang dauert,
gezeigt.
12
zurückgegriffen, die Handlung wird also nicht linear erzählt. In Urras spielt die Gegenwart in
der diegetischen Zeit. Die Hälfte der Kapitel sind Analepse und beleuchten die Vergangenheit
von Shevek und beschreiben so die Gesellschaft im utopischen Anarres.

Die Nutzung der Zeit als Mittel, um Entfernung zu schaffen und so eine alternative Realität
zeigen können, wird von manchen Autoren auch als Euchronie9 bezeichnet, jedoch die
Euchronie beschreibt alternative Realitäten auch der Vergangenheit, während die Utopia
bezieht sich unbedingt auf das noch nicht Existierende, auf die Zukunft; außerdem hat die Zeit
in der Utopie eine andere Funktion: Sie bereichtert die Utopie um einen historischen Aspekt
und sie spricht über den Prozess der Veränderung und des Wandels, dieses Ressource wird in
beiden hier untersuchten Utopien verwendet.

Das oben beschriebenen Modell von Utopia, das die Zeit als Mittel der Entfernung benutzt,
lässt sich ab Ende des 19. Jahrhunderts erscheinen als ein Einfluss der französischen
Revolution, das Glauben an den Wandeln und der Entstehung des Protosozialismus. Dieser
historische Aspekt wird im zweiten Kapitel ausführlich erklärt.

In der Utopie von William Morris wurde die bessere Gesellschaft von den Einwohnern von
London errichtet, wie schon erwähnt, durch Krieg und Kampf. In Kapitel 17 erklärt der alte
Hammond, der einzige der die Geschichte der alten Welt noch kennt, wie es früher war und
wie die Zukunft sein wird. Die Figur des alten Hammond repräsentiert das historische
Bewusstsein, das nicht verloren gehen darf, da die anderen Bewohner der Utopie sich nicht
mit der Vergangenheit auseinandersetzen und in einem unverdorbenen Zustand leben, nur mit
den Ideen der neuen Welt. Die Wandel werden laut seinen Worten nicht friedlich
vonstattengehen, sondern so wie der Kommunismus es vorzeichnet: Mit den Mühen der
emanzipierten Sozialisten als revolutionäre Vorhut und der Teilnahme aller Arbeiter. In Le
Guins Utopie nimmt der historische Aspekt sogar noch größere Ausmaße an, da die
Geschichte des Kampfes, des Transformationsprozesses ihrer anarchistischen Gesellschaft
fast schon mythisch und religiös ist. Sie verlassen den Planeten Urras in einem Exodus, der an
die biblischen jüdisch-christlichen Erzählungen erinnert, und gründen eine neue Gesellschaft.
Dieser Aspekt wird später ausführlicher behandelt.

9
Vgl. Dillinger Johannes. Uchronie: ungeschehene Geschichte von der Antike bis zum Steampunk. Paderborn:
Schöningh, 2015.
13
2.3 Kritik an der Realität

Die Nutzung des Konzepts der räumlichen Entfernung in der Utopie ermöglicht einen
Vergleich zwischen zwei Modellen. Erstens das Modell der Realität des Autors (entspricht zu
der fehlerhaften Welt im Text) und zweitens das seiner vorgestellten idealen Welt. In diesem
Vergleich liegt die Kritik an der Gesellschaft, die der Autor der Utopie übt.

Das kritisierte Gesellschaftsmodell kann der Welt des Lesers ähnlich sein, zumindest muss es
der Gesellschaft der Entstehungszeit der literarischen Utopie ähneln. Dieser Punkt muss
erwähnt werden, da es sein könnte, dass die utopische Welt irgendwann der Realität des
Lesers ähnlicher ist, etwas, das nicht selten in der spekulativen Literatur geschieht.10

Alle Utopien zeigen ein wünschenswerteres System und üben auf explizite oder implizite
Weise Kritik an der sozialen und politischen Realität. Sie machen die Fehler, die Verirrungen
und die Widersprüche des politischen Systems, der sozialen Paradigmen, der Ideologien und
des vorherrschenden Diskurses deutlich.

Bei der Utopie von Thomas More wird beispielsweise schon im ersten Buch explizit und
ausführlich das politische und wirtschaftliche System des damaligen England kritisiert. In
anderen Utopien gibt es häufig eine eher implizite Kritik, indem die Hauptfigur die zwei
Welten vergleicht und über ihre Unterschiede nachdenkt, so wie es in News from Nowhere zu
sehen ist. Sowohl die Hauptfigur wie der alte Hammond kennen das London der
Vergangenheit das London der Zukunft, die Kritik wird vor allem mit den Stimmen dieser
zwei Figuren geäußert.

Bei The Dispossessed wird Urras als die westliche kapitalistische Gesellschaft der damaligen
Zeit gesehen. Auf den ersten Blick scheint die Idee des Ideals sogar umgekehrt zu sein, denn
im Vergleich zu Anarres erscheint Urras als ein idyllischer Ort, an dem es alles im Überfluss
gibt und die Natur die Sinne erfreut:

It was the most beautiful view Shevek had ever seen. The tenderness and vitality of the colors, the
mixture of rectilinear human design and powerful, proliferate natural contours, the variety and
harmony of the elements, gave an impression of complex wholeness such as he had never seen,
except, perhaps, foreshadowed on a small scale in certain serene and thoughtful human faces. 11

Im Laufe der Geschichte versteht Shevek, dass das Leben in Anarres alles andere als ideal ist.
Es ist ein goldener Käfig, den nur wenige genießen können, während ein anderer Teil der

10
el tiempo de las distopías
11
Le Guin Ursula K. The dispossessed. An ambiguous utopia. USA; Harper Collins, 1994. S. 65
14
Bevölkerung in Urras unter der Armut und dem Elend leidet, die der Kapitalismus für die
Bewohner des Slums bedeutet.

Shevek kehrt aus Desillusionierung in seine Heimatstadt Anarres zurück, mit der Vorstellung,
dass sich die odonische Revolution ausweiten wird, aber auch mit der Gewissheit, dass der
Kampf für Freiheit und ein besseres Leben eine ständige Übung ist.

Die Beziehung zwischen den zwei radikal unterschiedlichen Welten und ihren Charakteristika
werfen schon Bedeutung für die Erzählung: Urras, die kapitalistische Welt, ist in mehreren
Formen der Welt des aktuellen Lesers und ihrem Herrschaftsverhältnis sehr ähnlich, beide
sind kapitalistisch, patriarchal und ungerecht.

2.4 Funktion der Utopie als literarische Gattung

Die Funktion einer Utopie muss als Bestandteil des Genres der literarischen Utopie
aufgenommen werden. Sie ist eine der Kategorien, die in kritischen Texten am häufigsten
ausgelassen wird, und doch ist sie ein grundlegender Bestandteil, der auch zu ihrer
gesellschaftlichen Bedeutung und Gültigkeit eines utopischen Textes beiträgt.

Bei der Bestimmung einer literarischen Gattung lässt sich die Kategorie der Funktion bis zur
Antike zurückverfolgen.Aristoteles definierte sie mit den Wirkungsdispositionen movere,
docere, delectare12. Diese spielen beispielsweise bei den Affekten der Katharsis in der
griechischen Tragödie eine wichtige und fast mystische Rolle, indem sie eine Reinigung der
Seele des Zuschauers verursachen, aber auch in der kritischen, moralischen und politischen
Funktion der Satire.

In diesem Sinne hat die Utopie auch eine politische Funktion für die Gesellschaft, denn sie
drückt die Vorstellungen und Wünsche der Menschheit nach einer noch nicht erreichten
Entwicklung aus. Ernst Bloch entwickelte diese Idee und thematisierte ausführliche
verschiedene Aspekte der Utopie, womit er einer der wichtigsten Beiträge zum Thema
schaffte. Für Bloch gehorcht die Konstruktion der Utopie und des Wünschens einem
inhärenten menschlichen Trieb, der in allen Lebensphasen anwesend ist. Die Hoffnung ist ein
Erwartungsaffekt und wird zu den universellen Emotionen gezählt. Für ihn ist sie, was die
menschliche Zivilisation fortbewegt.

12
Vgl. Zymner Rüdiger. Handbuch Gattungstheorie. Stuttgart: Metzler, 2010.
15
Die Vorstellungskraft ist nach Blochs These Ausdruck der notwendigen menschlichen
Wünsche und manifestiert sich in Tagträumen. Diese sind in der Vorstellung der Menschen
nicht ganz bewusst, können aber verwirklicht werden; sie sind das, was noch nicht erfahren
wurde und beinhalten das Potential für eine Veränderung einer Gesellschaft. 13 Für Bloch ist
die Utopie nicht auf die Literatur oder im strengen Sinn auf die Politik beschränkt, sondern
umfasst alle Künste und fantastische Träume der Menschheit. Auf diese Weise erklärt sich
wie die Utopie nicht nur im Bereich des Traumes oder des Unmöglichen bleibt, sondern sie ist
eine kreative Übung, die Teil des Prozesses in der Praxis ist. 14 Mit dieser Stellung versucht
Bloch den Marxismus und den utopischen Sozialismus miteinander zu versöhnen; diese
Aufgabe teilt er sich mit William Morris und seinem Werk News from Nowhere, wie Ruth
Levitas analysiert.15

Sowohl Morris wie Le Guin sind der Auffassung, dass die Schöpfung einer Utopie eine
kreative Übung ist, die ganz besondere Eigenschaften hat: sie ist inspirierend, lädt zur
Bewertung der Realität des Lesers ein und kann prophetisch und pädagogisch sein; darüber
hinaus ist bemerkbar, dass die Utopie von Morris zum ersten Mal in dem politischen von
Arbeitern gelesenen Blatt Commonweal veröffentlicht wurde, zu einem Zeitpunkt, zudem er
sich schon ganz der Politik gewidmet hatte. Das bestätigt, dass „News from Nowhere kein
idealistisches Jugendwerk ist. Morris war schon Mitte fünfzig, als er den Roman schrieb, also
in einem Alter, das eher durch Skepsis und Lebenserfahrung gekennzeichnet ist.“ 16
Möglicherweise versuchte er auf seine eigene didaktische Weise die Theorie des
Kommunismus attraktiv zu präsentieren. Es wäre nicht übertrieben zu sagen, dass der Roman
ein kämpferisches Element hat, etwas das auf keine Weise Wert von seiner literarischen
Schöpfung abnimmt.

Ebenso ist The Dispossessed eine sehr klare didaktische Übung der utopischen Funktion,
diesmal aus der libertären Perspektive des Anarchismus: „And at some point it occurred to me
that nobody had written an anarchist utopia. We’d had socialist utopias and dystopias and all
the rest, but anarchism—hey, that would be fun.“ 17 Hier zeigt sich, dass die Autorin ein

13
Vgl. Bloch Ernst. Das Prinzip Hoffnung. [1]. Kapitel 1 - 32. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2013.
14
Vgl. Bloch Ernst. Das Prinzip Hoffnung. [2]. Kapitel 33 - 42. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2013
15
Vgl. Ruth Levitas. The concept of Utopia. Oxford [u.a.]: Lang, 2010.
16
Selle Gerd. William Morris und sein Roman. Einführung in Kunde von Nirgendwo von William Morris. Köln:
Dumont Schauberg, 1974. S. 8
17
Ursula K Le Guin. The Art of Fiction. Interviewed by John Wray. In: Paris Review Interview, No.221, Issue
206, Fall 2013. URL: https://www.theparisreview.org/interviews/6253/the-art-of-fiction-no-221-ursula-k-le-
guin. [Stand 30.07.20]
16
didaktisches Schreiben über anarchistische Theorie und Praxis intendierte. Die Komplexität
ihrer kritischen unterschiedlichen Utopie hat die Absicht Diskussion und Kritik aus
verschiedenen Perspektive zu üben. Daher wie es schon in den zwei Fälle zu sehen ist, oft
sind die Utopien ist ein politisches Statement und die politische Praxis eines Schriftstellers.

2.5 Über The Dispossessed und seine dystopischen Elemente

In diesem Abschnitt über die Gattung der Utopie ist es angebracht, die Diskussion zu
thematisieren, die häufig in der Kritik an Le Guins The Dispossessed auftaucht, unabhängig
davon, ob es sich um eine Utopie, eine Dystopie oder keine der beiden, wofür es ebenfalls
notwendig ist, die Merkmale der Dystopie und ihre Bedeutung zu klären.

Der Begriff Dystopie kommt von dem Begriff Utopie als Neologismus. Das Präfix dys- aus
dem Griechischen bezeichnet das Gegenteil des Idealen, auch Präfixe und Suffixe werden wie
im Begriff Utopia benutzt (Wort topos und Sufix ia), so bezeichnet die Dys-top-ie ein
unerwünschter und schlechter Ort. Seine Bedeutung und Konstruktion ist auf diese Weise eng
mit der Utopie verbunden. Wie die Utopie behandelt die Dystopie eine Möglichkeit von
Entwicklung und Zukunft, die sich aber eine Fehlentwicklung aufweist. So zeigt sich eine
„unconsciously fear that we will not be able to control the monster of our own creation.“ 18
Jede Dystopie ist eine Warnung eines misslungenen Fortschritts und nimmt daher oft
Szenerien von Technologie und Zukunft an, in der eine dunkle Natur des Menschen ein
Alptraum von der Gesellschaft zeichnet. Dystopien gehen vom Familiären und schon
Bekannten aus, es werden also Ereignisse aus der Menschheitsgeschichte verarbeitet:
„[Dystopias] are shadow projections of current society, hyper-exemplifying problems and
potential fears that already exist.“19 Deswegen beschreiben sie eine feindliche Atmosphäre,
ein totalitäres System , Mangel an Freiheit und damit verschieden Formen von Unterdrückung
und Sklaverei.

Die Entwicklung des Kapitalismus, der Industrie und der Technologie erreichte seinen
Höhepunkt mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. Die extreme Gewalt zeigte, dass die
Entwicklung eine Bedrohung für die Menschheit war; die Nutzung der Atombombe und die

18
Barton Riven. Dystopia and the promethean Nightmare in Demerjian, Louisa MacKay. Age of Dystopia: our
genre, our fears and our future Newcastle upon Tyne: Cambridge Scholars Publishing, 2016.S. 5.
19
Ebd. S. 6.
17
ständige Bedrohung durch andere tödliche Technologien schufen in der Gesellschaft Angst
vor der Zukunft und säten auch Zweifel am Fortschritt.

Fast am Ende des Zweiten Weltkrieges sah Walter Benjamin die Geschichte als eine ständige
Wiederholung von Gewalt an, „eine Kette von Begebenheiten…eine einzige Katastrophe, die
unablässig Trümmer auf Trümmer häuft…“20 so äußerte er seine Zweifel an den Fortschritt.
Daneben ist von einem Anstieg der Dystopien in der Nachkriegszeit die Rede, da einige
Denker21 behaupteten, dass die Menschen nicht mehr optimistisch vorwärts blickten, das
sozialistische Denken besiegt sei und dass die Zukunft eher fatalistisch, dystopisch erscheint.

Die Handlung dieser Gattung zeigt auch ein immer präsentes Misstrauen gegenüber der
menschlichen Natur. Inhaltlich geht die Dystopie davon aus, dass die Menschen inhärent
fehlerhaft sind. Aus diesem Grund nehmen postmoderne Utopien auch Themen wie die
Hybridisierung von Mensch und Maschine, die genetische Verarbeitung oder die Rettung der
menschliche Welt dank anderer außerirdischer Arten, die entwickelter sind.22

Sehr oft stellen Dystopien das Gegenteil vom menschlichen Wohlstand dar undspäterauch die
Bedrohung der menschlichen Natur selbst: „The protagonist’s issue moves from the modern
‚Who am I?‘ to the post-modern ‚What am I and am I even real?‘“ 23 Sie porträtieren die
Selbstzerstörung oder den Schmerz einer Existenz, der ihre Menschlichkeit annulliert,
vielleicht, weil der menschliche Zustand verlassen wird, oder weil sie eine unwürdige
Existenz haben.

Wenn man die vorhergehenden Punkte berücksichtigt, kann man feststellen, dass die
Geschichte von Le Guin nicht von der Idee ausgeht, dass der Mensch von Natur aus fehlerhaft
und bösartig ist, und sie sagt auch nicht, dass er das Gegenteil ist: Sie stellt sich in keines der
beiden manichäischen Extreme. In der utopischen Tradition zeigen einige Erzählungen das
Glauben daran, dass die westliche entwickelte Zivilisation eine korrupte Gesellschaft ist und
die Menschen, die in einem primitiveren Zustand wohnen, von Natur aus gut sind, die Idee
des guten Wilden kam mit der Entdeckung der neuen Welt zusammen. Dies zeigt sich

20
Vgl. Benjamin Walter. Über den Begriff der Geschichte. in Gesammelte Schriften I. Frankfurt am Main:
Suhrkamp,1974. S. 697
21
Vgl. Shklar Judith. After Utopia : the decline of political faith. Princeton: Princeton University Press, 1969.
22
Vgl. Stein Karen F. Post-Apocalypse, Post-Human: Some recent Dystopias. in Demerjian, Louisa MacKay.
Age of Dystopia:: our genre, our fears and our future Newcastle upon Tyne: Cambridge Scholars Publishing,
2016.
23
Barton Riven. Dystopia and the promethean Nightmare.S.11
18
besonders in More‘s Utopia oder im Mythos von Arkadien, der die Rückkehr zu einem
Zustand der Reinheit frei von Korruption vorschlägt.

Le Guin folgt eindeutig dem Muster anarchistischen Denkens, das den Menschen von Natur
aus als frei betrachtet, fähig, Gutes und Böses zu tun, ausgestattet mit Gewissen und Moral,
und so ist Le Guins Utopie in erster Linie eine moralische Utopie. Sie versucht nicht, einen
idealen Moment oder das Versprechen des absoluten Glücks darzustellen, weil sie der Ansicht
ist, dass dieser Punkt nicht existiert.

Es lässt sich nicht leugnen, dass The Dispossessed dystopische Elemente hat, wie die
Problematisierung des Mangels an Freiheit, das „unpastoral environment“ 24, das im Roman
dominiert und dem idyllischen, arkadischen utopischen Glück entgegensteht; aber nur diese
Merkmale sind dystopische Elemente – die Geschichte selbst ist äußerst humanistisch und
erfüllt ihre utopische Mission. Im gesamten Roman überwiegt das Gefühl der Hoffnung, das,
wie oben erwähnt, charakteristisch für das utopische Genre ist.

Die Motivation der Hauptfigur ist der revolutionäre Geist, die Mauern niederzureißen auf
Kosten des Risikos seiner eigenen Existenz und der Stabilität seiner Welt und seiner
Gemeinschaft. Das Ende der Geschichte bleibt offen, Shevek kehrt nach Anarres (die
anarchistische Utopie) zurück, enttäuscht von Urras (der kapitalistischen und
patriarchalischen Welt). Bei seiner Rückkehr ist er nicht sicher, ob er in seiner Welt wieder
akzeptiert wird oder, ob er beim Versuchen sterben wird. Die Lehre des Protagonists Shevek
ist, dass er mit seiner Anwesenheit in Urras Spuren hinterlassen hat. Er lernte, dass er das
Symbol der Revolution, des Wandels ist, auch in der emanzipierten Weltrevolution und im
Kampf für Freiheit, denn bessere Lebensbedingungen sind eine ständige Übung, die Hoffnung
auf eine bessere Zukunft ist der rote Faden der Geschichte und auch ihr Ergebnis.

3. Historischer Horizont

Es ist wichtig, sich mit dem historischen Horizont der zu diskutierenden Utopien zu befassen,
denn um die Bedeutung und die Rolle zu verstehen, die Emotionen in der Geschichte spielen,

24
Moylan Tom. Demand the impossible: science fiction and the utopian imagination. Oxford: Lang, 2014. S. 92

19
muss man den kulturellen Code kennen, von dem der Autor ausgeht. Sowohl Glück als auch
Leid sind mit anderen Konzepten verbunden, die stark von den philosophischen Einflüssen
des Autors, seiner Absicht und seiner Zeit abhängen. Die hier gegebenen Informationen
versuchen zu klären, von welchen Schlüsselszenerien die Interpretation des Emotionalen in
diesem Werk ausgeht.

3.1 William Morris und die Kritik an der Industrie

3.1.1 Die industrielle Gesellschaft


Am Ende des 18. Jahrhunderts war England die Wiege der Industrialisierung und damit die
erste Industriegesellschaft in ganz Europa. Die technologische Revolution brachte
wirtschaftliche und soziale Phänomene mit sich, die nie zuvor gesehen wurden. Die
Erforschung neuer Produktions- und Lebensformen zeigte die faszinierende Seite der
Entwicklung und die neue, aber auch die brutale Seite der Entstehung des Kapitalismus.

Vor der industriellen Revolution war England ein überwiegend ländlich und
landwirtschaftlich geprägtes Land, mit Ausnahme Londons, dass jahrhundertelang ein
zentraler Punkt des Seehandels war. Der Einsatz von Industriemaschinen begann in der
Textilproduktion und ersetzte die manuelle Fertigung. Innerhalb weniger Jahrzehnte
vervielfachte sich die Zahl der Fabriken, nicht nur in der Hauptstadt London, sondern auch an
anderen Orten, wodurch neue Stadträume entstanden, wie Manchester oder Liverpool. Die
neuen städtischen Räume wurden einerseits auch durch die Einführung des Zuges ermöglicht,
da neue Eisenbahnnetze gebaut wurden und andererseits durch die Produktion von
Dampfkraft betriebenen Schiffen, welche im maritimen Raum eingeführt wurden.

Der Übergang von der handwerklichen zur industriellen Produktion und die neuen
Transportmittel führten zu einer Beschleunigung der Wirtschaft und zur Entstehung des
kapitalistischen Systems. Für den Betrieb der neuen Maschinen wurde viel Kohle und Eisen
benötigt, wodurch ein intensiverer Abbau erforderlich wurde. Dieser ganz neue Mechanismus
brachte auch Veränderungen in der sozialen Dynamik und in der Beziehung zum Raum mit
sich. Viele Menschen beschlossen, auf der Suche nach den neuen Arbeitsmöglichkeiten,
welche die Industrie bot, aus den ländlichen Gebieten in die Städte zu ziehen, so dass in den
städtischen Räumen eine neue soziale Schicht mit ganz anderen Lebensbedingungen entstand:
die Arbeiterklasse. Die Industrie selbst verstärkte den Gegensatz zwischen Land und Stadt
und verschärfte wiederum die sozialen Ungleichheiten aufgrund der neuen sozialen Klassen,
die im Konflikt standen: die Bourgeoisie und die Arbeiterklasse.
20
Während die wirtschaftliche Beschleunigung vielen Bourgeoisien zugute kam, indem sie
ihren Reichtum durch die erhöhte Produktion und Handel vermehren konnten, lebte und
arbeitete die Arbeiterklasse unter miserablen Bedingungen. Zu dieser Zeit war der
Arbeitsalltag extrem, eine Arbeitsschicht dauerte manchmal bis zu fünfzehn Stunden oder
mehr, mit sehr wenig Zeit für Essen oder Ruhe. Die Bezahlung war miserabel, insbesondere
die Löhne von Frauen und Kindern, die als minderwertige und daher entwertete Arbeitskräfte
angesehen wurden. Die neuen Gruppen von immigrierten Arbeitern waren öfters ganze
Familien, in denen praktische alle arbeiteten, da sie in der städtischen Region kein Haus
besaßen und zusätzlich eine Unterkunft mieten mussten, welche oft aufgrund des
Wohnungsmangels häufig überbelegt war.

Die übermäßige Abwanderung in städtische Gebiete führte auch zu Angebotsproblemen von


Nahrungsmitteln, da die damalige Nachfrage beispiellos hoch war und die nun aufgegebene
Landwirtschaft den Bedarf der Städte nicht decken konnte, sodass es auch zu Verknappung
und Hunger kam. Zu den bereits erwähnten Problemen kam die Menge des Mülls hinzu, derin
den Städten erzeugt wurde und mit dem sie nicht umzugehen wussten, da dies bis dahin noch
nie gesehen worden war. Der Müll wurde schlecht entsorgt und die Städte entwickelten sich
infolgedessen zu einem ungesunden Lebensraum.25

Das Phänomen der Industrialisierung und ihre Krise wurde sehr bald von Theoretikern
verschiedener Disziplinen beobachtet und kritisiert. Zweifellos überzeugten die miserablen
Lebensbedingungen viele Sozialisten von den moralischen Konflikten, welche die Industrie
und die soziale Ungleichheit mit sich brachten. Deshalb kümmerte sich der utopische und
wissenschaftliche Sozialismus darum das Phänomen zu theoretisieren und einen alternativen
Vorschlag der Gesellschaft zu schaffen.

Die Umstände der industriellen Revolution brachten zu dieser Zeit mehrere Kritiker hervor,
die Zukunft und Wesen der neuen Ordnung vorhergesagt hatten. Zu Beginn des 19.
Jahrhunderts tauchten in Frankreich einige frühe Theoretiker auf, welche die Utopie und ihre
Ideen einer sozialistischen und egalitären Welt auf eine Ebene des Realen und Ausführbaren
brachten. Charles Fourier, Saint-Simon, Charles Owen und sogar Joseph Proudhon
beschrieben eine gerechtere Welt, ohne Privateigentum und frei von Ausbeutung. Was sich
zuvor in der Fiktion und in erzählerischen Werken zu tarnen versuchte, um der Zensur zu
entgehen, bekam bei den Theoretikern des Proto-Sozialismus eine viel klarere Bedeutung,
denn sie beschrieben das Problem der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und

25
Vgl. Marshall Dorothy. Industrial England: 1776 - 1851. London: Routledge and Kegan Paul, 1973.
21
skizzierten mögliche Lösungen, die in die Praxis umgesetzt werden könnten. Im Gegensatz
zur fiktiven Utopie, die zwischen Satire und Ironie ihre Kritik zu verlieren droht, geht die
Sozialtheorie über die Spekulation hinaus. Insofern ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass
Fourier, Saint-Simon und Owen als die Vertreter des so genannten utopischen Sozialismus
katalogisiert worden sind. Besonders die Marxisten hielten es für wichtig, sich vom Begriff
der Utopie zu distanzieren, der das Unmögliche, das Desiderat oder das Irreale implizierte,
und in Wirklichkeit bezeichnen sich auch die Autoren des Proto-Sozialismus nicht als
Utopisten, denn genau wie die Kommunisten wollten sie eine Analyse des Realen vornehmen
und ihre Theorie in die Praxis umsetzen.

Henri de Saint-Simon war einer der ersten Theoretiker des utopischen Sozialismus. Seine
Ideen waren von den Idealen der Französischen Revolution beeinflusst und seine
philosophische Perspektive war zutiefst humanistisch, “Seine Absicht war es, das Glück der
Menschen zu befördern und zu helfen” 26. Seine Thesen sind besonders interessant, weil er
nicht nur viele Aspekte der Produktion perfekt beschreibt, sondern auch anerkennt, dass es
seit der Französischen Revolution einen Klassenkonflikt gibt. Zudem ist es wichtig zu
erwähnen, dass er die Prinzipien einer historischen Dialektik skizziert, die Marx später
ausführlicher definieren würde.

Owen hatte in England viel Resonanz, da seine Theorien in einer Bewegung aufgegriffen
wurden, die nicht wirklich von ihm geführt wurde, sondern unabhängig war..27 Owen
beschäftigte sich eingehend mit Herstellungsverfahren, schrieb über den Austausch von
Arbeitern durch Maschinen und förderte soziale Reformen. Einer der am meisten gehörten
Aspekte seiner Vorschläge war jedoch seine Religionskritik; er war der Ansicht, dass der
Atheismus notwendigerweise der Beginn des Sozialismus war.

Fourier kritisierte auch die liberalistische Industrie; die Arbeit und die Produktionsformen. Er
wies auf die Frage der Arbeitsteilung hin und argumentierte, dass die Aufhebung der
Trennung zwischen dem Land und der Stadt notwendig sei. Er stellte sich eine Gesellschaft
vor, in der das Land in kleine autonome Gemeinschaften integriert sei, eine
landwirtschaftliche Stadt, eine Idee, die Morris in News from Nowhere zum Ausdruck bringt.
Fourier verteidigte die Wichtigkeit, die Rolle der Frau in der neuen Gesellschaft zu
berücksichtigen, da er feststellte, dass arbeitende Frauen doppelt unterdrückt wurden, fast wie
ein Leben in Sklaverei. Für ihn war die Ehe eine unterdrückende Institution, solange sie nicht
nach Belieben aufgelöst werden konnte. Er kämpfte für eine freiere Sexualität, wobei er
26
Dietrich E Franz. Saint-Simon, Fourier, Owen: Sozialutopien d. 19. Jh. Pahl-Rugenstein: Köln, 1988. S. 33
27
Vgl. Keith Taylor. The political ideas of the utopian socialists. London: Frank Cass, 1982.
22
sogar den Begriff Feminismus verwendete. Ein interessanter und zugleich exzentrischer
Aspekt von Fouriers Denken ist, dass er versucht, aus seiner Idee der menschlichen
Leidenschaften ein Gesellschaftsmodell aufzubauen. Seiner Theorie zufolge war die
Befriedigung und Ausgewogenheit der zwölf menschlichen Leidenschaften notwendig, um
Wohlbefinden zu erreichen: „The appetites of the soul were just as important as those of the
body; each had a role to play in human happiness.”28 Fourier glaubte, dass die Arbeit eine
fundamentale Rolle für die Entwicklung und das Glück des Menschen spiele. Noch vor Marx
hatte er eine klare Vorstellung von Entfremdung und Selbstverwirklichung sowie von der
Arbeit und dem Konsum jedes Einzelnen entsprechend seinen Fähigkeiten und Bedürfnissen.
Seine Sichtweise galt jedoch als teilweise naiv. Marx und Engels schätzten Fouriers Ideen und
erkannten ihren Einfluss an, lehnten aber gleichzeitig ein Denken ab, welches nicht sehr
streng nach Methoden und Ordnungen vorging und sehr phantasievoll war.. 29 Genau diese
Aspekte, insbesondere in Fourier, begründeten die Notwendigkeit einer Unterscheidung
zwischen utopischem Sozialismus und wissenschaftlichem Sozialismus, wie Marx und Engels
in ihrem Werk Die deutsche Ideologie verdeutlichen.

3.1.2 Morris und seine Ansichten über Kunst und Politik

William Morris wurde in Marlborough in einer bürgerlichen Familie geboren, so dass er nie
das Bedürfnis hatte zu arbeiten. Schon in jungen Jahren entwickelte er ein Interesse an der
Kunst, insbesondere an Literatur und bildender Kunst, so dass er bald das englische Land
verließ, um in Oxford Kunst zu studieren. 30 Seine Vision der Kunst war immer mit einem
gewissen rebellischen und romantischen Charakter aufgeladen, was verständlich ist, weil
Morris auch ein Produkt seiner Zeit ist, der Epoche der englischen Literraturromantik.. Seine
frühen Schriften Die Verteidigung von Guenevere und andere Gedichte zeigten ein Interesse
am Mittelalter, das ihn sein ganzes Leben lang begleitet hat. Zusammen mit den
enthusiastischen Kunstfreunden und Kritikern seiner Zeit, Edward Burne Jones und Charles
Faulkner, gründete er die Gruppe "Pre Raphaelite Brotherhood", deren künstlerisches
Interesse darin bestand, seinen Vorschlag an die italienische Bildperiode vor Raffael
zurückzugeben..31 Aber in der Gruppe gab es auch schon eine Idee der Ablehnung der
28
Keith Taylor. The political ideas of the utopian socialists. S. 107.
29
Vgl. Levitas Ruth. The concept of Utopia.
30
Vgl. Thompson, Edward P. William Morris: romantic to revolutionary. London: Merlin Press, 1977.
31
Vgl. Krishan Kumar. Introduction in William Morris. News from Nowhere.UK, Cambridge University Press,
1995.

23
anonymen Produktion der Industrie und eine Nostalgie nach einer Vergangenheit, die sie als
schöner beurteilten.

Die Vision der Kunst bei Morris wurde stark von John Ruskin beeinflusst, mit dem er eine
Vorliebe für die gotische Kunst teilte, sowohl in der Architektur als auch in der Malerei, deren
Technik und Ikonographie er für äußerst wertvoll hielt. Ruskin hatte eine eher mystische Sicht
der Natur und war der Ansicht, dass jedes künstlerische Werk nicht vollständig die Formen
der Natur imitieren sollte, zumindest nicht von der Naturbeobachtung inspiriert sein sollte,
eine Idee, die Morris voll und ganz vertrat: „Morris argues that the more mechanical the
process, the less direct should be the imitation of natural forms.”32 Ruskin hatte eine
moralische Vorstellung von Kunst, die auch eine Kritik und Ablehnung der industriellen
Produktion impliziert. Diese Ablehnung zeigt sich auch in Morris' bewusster Entscheidung,
sich nicht nur der Kunst, sondern auch der Gebrauchskunst zu widmen, so dass er sich auf
verschiedene Arten von Kunsthandwerk spezialisierte und 1861 zusammen mit Faulkner die
Firma Morris, Marshall, Faulkner und Co. gründete, die sich dem Design, insbesondere der
Polsterung, widmete. Mit dem Projekt der Firma versuchte Morris, seine Kunst allen
möglichen Leuten zugänglich zu machen und nicht nur der Oberschicht zu ermöglichen, die
als einzige Kunst kaufen konnte und sich für sie interessierte.

Es war die politische Nuance in Ruskins Sichtweise auf die Kunst, die Morris dem
Sozialismus und schließlich der Brücke zwischen Kunst und der Politik näherbrachte. Er
schrieb insbesondere zwei Bücher, die einen politischen Zugang zur Kunst haben: The Lesser
Arts (1877) und Art and Plutocracy (1883). Morris studierte die Theoretiker des Proto-
Sozialismus, Owen, Fourier und auch Marx und Engels. Seine Kritik an der Industrie und
seiner Zeit wurde deutlicher und führte ihn dazu, sich sozial engagierten Gruppen sowie der
Arbeiterklasse zu nähern, so dass er 1883 der Demokratischen Föderation beitrat, in der er
auch als Künstler eine wichtige Rolle spielte und später auch an verschiedenen Assoziationen
teilnahm.

In einer reiferen Phase konzentrierte sich Morris viel auf den sozialen Kampf und die
Verbreitung sozialistischer Ideen. Seine Werke spiegeln viel von seinen Ideen und seinem
revolutionären Geist wider; seine Motivation war das Streben nach dem humanistischen Ziel,
d.h. Selbstverwirklichung und Glück: „The words hope, fulfilment, rest and happiness recur
so often in his writing as almost to be Leitmotivs .”33 Insbesondere News from Nowhere ist ein

32
Hsg. Blewitt John. William Morris and John Ruskin: a new road on which the world should travel. Exeter:
University of Exeter Press, 2019. S. 102.
33
Krishan Kumar. Introduction in William Morris. S. XVI
24
Text, der eng mit dem Denken des Autors und seiner Kampf-Praxis verbunden ist, d.h. das
Werk ist sogar didaktisch für ein Verständnis des marxistischen Denkens, aber es erreicht
auch eine Versöhnung zwischen den menschlichen, philosophischen und anthropologischen
Aspekten des Marxismus, seiner so genannten warmen Strömung, etwas, das es mit dem
Werk von Ernst Bloch gemeinsam hat, wie Ruth Levitas zu Recht hervorhebt 34 die Utopie von
Morris nicht nur ein literarisches Werk ist, sondern eine bewusste Übung, sich die Welt
vorzustellen, an die er glaubte und die in seinen Augen eines Tages verwirklicht werden
könnte.

3.2 Der historische Horizont von Le Guin

3.2.1 Le Guin in den 60er Jahren

Wie ich bereits erwähnt habe, sind Utopien ein Spiegelbild der Gesellschaft und der Zeit, die
sie hervorbringt. Da sie in der Spekulationsliteratur angesiedelt sind, teilen sie diese
Fähigkeit mit der Science-Fiction, denn wie Ursula Le Guin sagte: „Science fiction is always
a metaphor. We are really talking about right here right now.”35

In ihrem Werk kann man deutlich die Elemente erkennen, die sie als Metaphern verwendete,
um über ihre eigene Zeit zu sprechen. Die Epoche, zu der Le Guin gehört, ist ein
entscheidender Moment in der Geschichte der Menschheit, in der viele politische, soziale und
kulturelle Veränderungen aufeinandertrafen und die 1960er Jahre durchdrangen.

Der Zweite Weltkrieg war am Ende ein Höhepunkt des Terrors und der Reichweite des
Kapitalismus: Völkermorde, Konzentrationslager, Zwangsarbeit, Atomwaffen und vor allem
die Entwicklung neuer Technologien, die von einer kriegerischen Absicht zu ihrer
Eingliederung in den Alltag der Menschen führten. Zweifellos brachte der Krieg
Enttäuschungen und machte den Glauben an den Fortschritt und die Güte des Kapitalismus
zunichte. Diese Veränderungen schlagen sich auch in der Ankunft von Dystopien, Anti-
Utopien und kritischen Utopien nieder, wie es bei Le Guin der Fall wäre, schließlich

34
Vgl. Ruth Levitas. The concept of Utopia.
35
Ursula K le Guin. I am a woman writer; I am a western writer. Interview with Ursula K Le Guin. Interviewed
by William Walsh. In: Kenyon Review 17 (Summer/Fall 1993).
25
konvergieren in den 50er Jahren Zweifel am Fortschritt und die Angst vor der Zukunft mit
dem Science-Fiction-Genre.

Die Entstehung der Science-Fiction ist gewöhnlich im frühen neunzehnten Jahrhundert


angesiedelt36 mit H:G Wells, The Time Machine, The war of worlds und mit Werken wie
Voyage au centre de la terre, 20,000 lieues sous les mers oder De la terre à la lune von Jules
Verne. Die Entwicklung von Industrie und Technik nährte die Phantasie und den Glauben,
dass der Fortschritt unglaubliche Errungenschaften für die Menschheit bringen würde. Die
Produktion von Science-Fiction-Literatur wurde in der ersten Hälfte des Jahrhunderts populär
und erreicht ihr goldenes Zeitalter zwischen den 50er und 60er Jahren, zum Beispiel mit Isaac
Asimov und insbesondere in der amerikanischen Literatur mit Autoren wie Clifford Simak,
Theodore Sturgeon, FRank Herbert oder AE Van Vogt37

Im Jahr 69 landet die Rakete Apollo 11 auf dem Mond, womit klar wurde , dass das, was
irgendwann einmal wie Science-Fiction klingen mag, in Zukunft immer mehr Möglichkeiten
hat, verwirklicht zu werden, das zeigt der Fall Jules Verne, dessen vorhersehbares Glück den
Glauben der Science-Fiction-Fans daran wieder aufleben lässt, dass dieses Genre sogar
prophetisch ist. Das liegt daran, dass seine Beschreibung der Schiffe, die in den Wassertiefen
segelten, sich mit dem U-Boot erfüllt hat. In einer zunehmend technikabhängigen und
techniknahen Gesellschaft hat sich der Geschmack des Publikums für Science-Fiction
etabliert und behält bis heute seine Popularität, seinen Einfluss und auch seinen Platz auf dem
Markt: „This points to another difference between science fiction and utopia: the fact that
there is no utopian community as there is with science fiction – no fan conventions, awards or
magazines devoted to utopian writing. “ 38

Le Guin ist als Amerikanerin von diesem Boom und Kult der Science-Fiction beeinflusst,
dank dem sie zweifellos Anerkennung als Schriftstellerin erlangte und die erste Frau wurde,
die einen Roman aus Science-Fiction und Utopie schrieb. Obwohl Le Guin sich auch anderen
literarischen Gattungen wie Poesie, Kinderliteratur oder Kurzgeschichten widmete, ist sie mit
den 8 Hugo-Preisen und den 6 Nebula-Preisen, die sie gewann, besser als Science-Fiction-
Autorin bekannt. Sich in die Nische der Belletristik und Fantasy-Literatur zu begeben, war
eine Entscheidung, die es ihr auch ermöglichte, ein breiteres Publikum zu erreichen und so die
pädagogische und didaktische Rolle, die die utopische Funktion an sich hat, zu verbreiten

36
Vgl. Fitting Peter. Utopia and Science-Fiction. in The Cambridge companion to utopian literature. Cambridge:
Cambridge Univ. Press, 2010.
37
Vgl. Roberts Adam. Science-Fiction. London; New York: Routledge, 2000.
38
Ebd. Fitting. S. 144
26
oder zu erfüllen. In diesem Sinne ist es wichtig zu erwähnen, dass Le Guin auf diese Weise
ein politisches Engagement für seine Ideen zeigt, da dies auch ein wichtiger Aspekt ist, der
seine Zeit und sein Werk durchdringt.

3.2.2 Politische und Philosophische Einflüsse

Nach dem Zweiten Weltkrieg führten die Vereinigten Staaten weiterhin Krieg und etablierten
sich allmählich als imperialistische Macht, obwohl sie von ihrer kapitalistischen Politik
profitierten, soziale Ungleichheit herrschte und die Generation der 1960er Jahre dem
wirtschaftlichen und politischen System kritischer gegenüberstand als je zuvor, dieselbe
Generation, die die Einsetzung so genannter kommunistischer Regierungen erlebte, die
Sowjetunion, China 1949 und die kubanische Revolution 1959.

In Amerika wie in Europa entstand eine von jungen Studenten angeführte gegenkulturelle
Bewegung, die eine hoch politisierte kulturelle Atmosphäre schuf, und die alten Werte und
Autoritäten wurden in Frage gestellt. Der rebellische und kritische Geist ist darauf
zurückzuführen, dass in diesen Jahren mehrere Bewegungen zusammenfielen. Eine davon war
der Pazifismus, der hauptsächlich die Rolle der USA beanspruchte, die im permanenten Krieg
mit der Sowjetunion, mit den kommunistischen Ländern und mit Vietnam weitermachten,
während sie mit Atomwaffen drohten und sich als imperialistische und expansionistische
Kraft durchsetzten. Auf der anderen Seite gibt es die internen, globalen, aber auch sehr
spezifischen politischen Bewegungen in den USA, wie zum Beispiel den Kampf gegen
rassische Unterdrückung. Afroamerikaner organisierten sich um Persönlichkeiten wie Martin
Luther King oder Malcolm X, während die einheimischen Ureinwohner eine
stammesübergreifende Organisation bildeten, die AIM, American Indian Movement39 und
Bürgerrechte forderten. Mit diesen Kämpfen geht auch die feministische Bewegung einher,
die mit der sogenannten zweiten Welle des Feminismus, der sexuellen Befreiung und der
Anerkennung der sexuellen Vielfalt und ihrer Rechte entstanden ist.

Le Guin zeigt auch ein Profil, das sehr an Politik interessiert ist, da sie sich selbst als
Anarchistin und Feministin bezeichnet hat. Sie erklärte, dass sie sich den Anti-
Bombenangriffsprotesten der 1960er Jahre und der Friedensbewegung verpflichtet fühle, was
sie dazu veranlasste, anarchistische Theoretiker wie Kropotkin zu studieren. Die Enteigneten

39
Vgl. Willis Jim. 1960s Counterculture: Documents decoded. Santa Barbara, Calif.: ABC-CLIO, c 2015.
27
wurden mit der Absicht geschaffen, anarchistisches Gedankengut zu rechtfertigen, seine
Prinzipien zu veranschaulichen, indem man sich vorstellt, wie eine Gesellschaft vom
anarchistischen Standpunkt aus aussehen würde; dies ist relevant, da der anarchistische
Vorschlag oft durch fabrizierte Erzählungen seiner Gegner diskreditiert wurde oder
missverstanden und mit Begriffen wie Unordnung, Chaos und Terrorismus in Verbindung
gebracht wurde; Verachtung für den Anarchismus erreicht sogar die kommunistische Linke,
die ihn als unorganisiert oder unrealistisch bezeichnet hat. Le Guins Versuch war zweifellos
neuartig in einem Jahrzehnt, in dem der akademische Marxismus, aber auch die marxistische
Literatur mit der Frankfurter Schule, wiederauflebte.

Im Zusammenhang mit den Kämpfen der 1960er Jahre wird deutlich, dass die von der
feministischen Bewegung geschaffene Atmosphäre auch das Leben und die Arbeit Le Guins
beeinflusst hat. In den USA war die so genannte zweite Welle der feministischen Bewegung
recht stark. Bereits in den 1950er Jahren hatte Karen Horney ihr Werk Weibliche Psychologie
öffentlich gemacht, Simone de Beauvoir veröffentlichte 1949 Das zweite Geschlecht, Betty
Friedan 1963 The Feminine Mystique und um 1969 erschien Kate Millets Sexualpolitik, die
die wichtigsten feministischen Ideen der damaligen Zeit konzentrierte.

Es versteht sich von selbst, dass Le Guin als Schriftstellerin, die ihren Beruf schon immer
ausgeübt hat, bereits eine emanzipatorische Praxis aufweist. Sie war eine Pionierin in der Art
von Literatur, mit der sie sich bekannt machte, als sie das literarische Genre der Science-
Fiction erforschte, ein Genre, das noch immer von Männern dominiert wird, sowohl in der
Produktion als auch im Konsum. Es ist jedoch bereits viel diskutiert worden, ob ihre Literatur
feministisch ist oder nicht. Die meisten Kritiker von The Dispossessed sind beispielsweise der
Ansicht, dass sie keine große Relevanz für die feministische Literatur hat, da es in dem Werk
zwar eine Kritik an der sexistischen Gesellschaft gibt, die in dem Roman von Urras dargestellt
wird, und Anarres versucht, eine egalitärere Gesellschaft zu zeigen, in der die Institution der
Familie weder die Norm noch etwas Erwünschtes ist, der Protagonist aber männlich ist und
Frauen in sekundäre Rollen verbannt werden, was mehrere traditionelle Merkmale der
Geschlechterrollen zeigt: „Le Guin exhibits in at least three instances a traditional male-
identified, heterosexual, monogamous nuclear family bias that undercuts her textual asertions
of personal emancipation.”40

Es ist also klar, dass man aus einer aktuellen Detailperspektive sehr kritisch die Rolle der
Geschlechter in der Utopie der Autorin sehen kann, aber es ist auch wichtig zu bedenken, dass

40
Moylan Tom. Demand the impossible. S. 97
28
sich die Praxis eines bewussteren und vollständigeren Feminismus während des gesamten
Lebens von Le Guin entwickelt hat, Am Anfang war sie wahrscheinlich intuitiver, wie man in
ihren Werken sehen kann, zum Beispiel ist sie in The Dispossessed präsent und in T lheeft
hand of Darkness nimmt sie eine führende Rolle in der Geschichte ein, später in ihren Essays
und Interviews können wir eine Schriftstellerin sehen, die sich ihres eigenen Feminismus oder
ihrer eher konservativen Züge bewusster ist.

Es gibt auch einen transzendentalen Aspekt in dem Werk, der auf den Feminismus
zurückzuführen ist, an sich der Schwerpunkt, den Le Guins Utopie hat, mit einem sehr
detaillierten Blick auf das Privatleben der Bewohner von Anarres und Urras, die Entwicklung
des psychologischen und emotionalen Profils der Figuren und sogar die Konzentration auf die
Sprache als Element der Transformation gehorcht der Idee, die der Feminismus in der
Sozialkritik eingepflanzt hat: "Das Persönliche ist politisch". Und das ist klar, denn während
andere Utopien etwas an der Utopie eines alternativen Staates oder Systems hängen und sich
auf das Kollektiv konzentrieren, macht Guin im Privatleben einen Schritt vorwärts in
Richtung Utopie:

Whereas older utopias were usually plotted as a kind of guided tour of the new society, recent utopian
writing has tried to involve the reader on a different level, by means of the thoughts and feelings of the
characters in that new society who are involved in the daily struggle to build a world of human freedom
and self-fulfilment.41

Es darf auch nicht vergessen werden, dass es in der Geschichte des Universums von Le Guin
eine Figur gibt, die in Anarres' Kampf die Rolle des Propheten und Messias spielt: Odo ist
eine Frau, und sie ist diejenige, die die Männer lehrte, kollektiv und anarchistisch zu leben; es
ist eine Frau, die die Prinzipien des Machtverzichts lehren konnte. Odonianismus ist in dieser
Geschichte gleichbedeutend mit Anarchismus. Es ist eine höchst feministische Idee,
anzuerkennen, dass es Männer waren, die eine anthropozentrische, kapitalistische und
ausbeuterische Gesellschaft gegründet haben, es war der Mann, der in seiner Arroganz die
Macht innehatte und damit seine Welt beherrschte. In diesem Sinne enthält "Die Besitzlosen"
zweifellos den Einfluss des in den sechziger Jahren schwankenden feministischen Denkens,
aber nicht einmal einen vollständigeren oder radikaleren Feminismus, der sich in Le Guin
später entwickelte.

41
Fitting Peter. Utopia and Science-Fiction. S. 148
29
4. Das Glück in News from Nowhere von William Morris und das Leiden in
The Dispossessed von Ursula K. Le Guin.

4.1 Das Emotionale in der Utopie

4.1.1 Abgrenzung der Begriffe

In Literatur und Kunst gibt es meherere Konzepte, um über Emotionen zu sprechen.


Emotionen werden in verschiedenen Fachbereichen wie beispielsweise der Philosophie,
Psychologie und Neurologie unterschiedlich definiert und, da es mehrere Konzepte gibt, die
unklar sein können und unterschiedlich definiert sind, variiert ihre Definition im Laufe der
Geschichte, sodass das Studium der Emotionen auch in einer chronologischen Weise gesehen
werden kann.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, dass das Interesse an der Untersuchung
von Gefühlen relativ neu ist. Der so genannte „emotional turn" als interdisziplinäre
Annäherung ist eigentlich ein Phänomen des 21. Jahrhunderts, da der Diskurs in der Moderne
viel stärker auf das Rationale ausgerichtet ist, abgesehen von einigen isolierten Forschungen
der Gefühle aus verschiedenen Disziplinen. Innerhalb dieser Studienfächer der Gefühle
werden u.a. folgende Themen behandelt:

Selbstverwirklichung, emotionale Intelligenz, Gefühlsarbeit und Subjektivierung von Arbeit, die


zunehmend unscharfen Grenzen zwischen Privatheit und Öffentlichkeit, die Entdeckung psychischen
Leidens und mental disorders, die Einrichtung des Schulfaches Glück und College-Kurse über emotionale
Intelligenz sowie die Etablierung neuer Gefühle wie happiness oder ruthiness42

In Bezug auf die Abgrenzung der Begriffe ist es folgendes zu beachten: Es gibt die Begriffe
Emotion, Gefühl, Affekt und Stimmung. Die Begriffe Emotion und Gefühl stehen näher in
ihrer Bedeutung und werden oft synonym verwendet, obwohl es kleine Nuancen gibt, die sie
voneinander trennen. „[Als Gefühle] sind im weiteren Sinne alle Subjektive Wahrnehmungen
innerer und äußerer Zustände zu verstehen.”43, bzw. körperliche und seelische Veränderungen,
es schließt deswegen mehr Bedeutungsmöglichkeiten ein, so wie das Adjektiv emotional. Mit
dem beziehe ich mich auf das weite Spektrum der Forschung der Emotionen, Gefühlen, und
Stimmungen, die als emotional turn bezeichnet werden.

42
Senge Konstanze. Die Wiederentdeckung der Gefühle. Zur Einleitung in S. 11
43
Voss Christiane. Narrative Emotionen: eine Untersuchung über Möglichkeiten und Grenzen philosophischer
Emotionstheorien. Berlin [u.a.]: de Gruyter, c 2004. S. 12.

30
Schon beschränkter ist das Wort Emotion aus dem lateinischen Verb movere (bewegen),
dieser Ausdruck bezieht sich auf die universale Eigenschaft der Erregung, denn Emotionen
wie Furcht oder Wut erregen Bewegungen in Tieren und Menschen. Die bekannteste Theorie
der Emotionen von Paul Eckmann erkennt beispielsweise sechs basalen Emotionen:
Fröhlichkeit, Wut, Ekel, Furcht, Traurigkeit und Überraschung, jedoch gibt es andere
Vorschläge, die mehr Emotionen als basale bezeichnen.44

Affekt kommt aus dem lateinischen Wort afficere (anregen), wie die Emotion ist der Affekt
auf ein Objekt bezogen, aber dieses differenziert sich von der Emotion dahingehend, dass es
intensiver ist. Diese Eigenschaft hat es mit dem Wort Leidenschaft gemeinsam, aus dem
griechischen pathos (Leiden), jedoch drückt die Leidenschaft auch passion für eine Aktivität
ein starkes Interesse aus und bei beiden Begriffen ist die Unvermeidlichkeit der Erregung ein
Charakteristikum.45

Zum Schluss steht der Begriff Stimmung, der sich ihn von Emotion und Gefühl vor allem
durch zwei Merkmale unterscheidet, nämlich erstens die Dauer dieses Gefühls und zweitens
die Beziehung zwischen Stimmung und Umwelt. Im Gegensatz zu Gefühl ist Stimmung nicht
direkt von einem Objekt verursacht und es handelt sich um eine weniger intensive
Gemütserregung als das Gefühl, dafür aber um eine nachhaltiger:

[ unter Stimmung] verstehen wir im allgemeinen längerfristige emotionale Tönungen des Erlebens, die
sich nicht durch eindeutige Reiz-, Situation-Tätigkeits und Bedürfnisbezüge, sondern vielmehr durch
repetitive und zum Teil unbewusste emotionale Prozesse auszeichnen. 46

Der Einfluss des Raumes und des Emotionalen auf das Thema, wie er vor allem bei den
Stimmungen entscheidend ist, wird vor allem in der Philosophie behandelt, zum Beispiel die
negativen Stimmungen im Existenzialismus oder die Stimmung im Positiven bei Bloch.

Glück und Leid sind Begriffe, die in der Philosophie viel thematisiert worden sind und die
auch Teil des Emotionalen und des Gefühls sind, diese zwei Begriffe sollten eher als
Stimmungen gesehen werden, aber auch als Zustände katalogisiert werden, weil sie dauerhaft
sind. Glück und Leid können in sich andere Emotionen oder Gefühle des positiven oder
negativen Spektrums enthalten und wie die Emotionen die Merkmale des Innen- oder
Außenseins und des motivierenden Handelns teilen.

44
Vgl. Plamper Jan. Geschichte und Gefühl. Grundlagen der Emotionsgeschichte. München: Siedler Verlag,
2012.
45
Begriffe aus dem dem Metzler Lexikon Philosophie. Stuttgart: J.B Metzler´sche Verlagsbuchhandlung, 2008.
46
Meyer-Sickendiek Burkhard. Affektpoetik: eine Kulturgeschichte literarischer Emotionen. Würzburg:
Königshausen & Neumann, 2005. S. 19. Im folgenden wird mit der Sigle M.S. zitiert.
31
4.1.2 Gefühl, Emotion, Literatur

Wie es schon im ersten Kapitel erwähnt wurde, sind seit der Antike die Emotionen mit der
Literatur verbunden. Aristoteles stellte fest, dass die Tragödie eine Mimesis sei 47, d.h. die
Nachahmung einer Handlung. Durch Mitleid und Furcht könne sich der Zuschauer mit der
Figur identifizieren und von seinem Schmerz bewegt werden. Dieses Einfühlungsvermögen
und der Schmerz bei der Identifikation mit dem tragischen Charakter erzeugen eine
Reinigung, die notwendig für die menschliche Seele sei. Dieser emotionale Prozess wurde
von den Griechen Katharsis genannt. Die Katharsis hat eine emotionale Funktion, die in der
Gestaltung des Dramas gebraucht wird, und gleichzeitig die Geschichte führt. In der
griechischen Poetik, diese Funktion der Literatur spielte eine wichtige Rolle für die
Gesellschaft.48

Meyer-Sickendiek verwendet für seine Affektpoetik diese klassische Theorie von Aristoteles
Poetik, und die Formulierung derselben von Lessing, um eine spezifische Annäherung zu
Emotionen in der Literatur zu schaffen. Meyer- Sickendiek bezieht eine Emotion auf eine
Reihe von Gattungen, in denen spezifische Emotionen charakteristisch und konstitutiv für die
Handlung sind:

[Die Affektpoetik] fragt nach den Affekten der Literatur sowohl in einer Kultur historischen als auch in
einem theoretischen bzw. interdisziplinären Sinne. Sie begreift literarische Gattungen, d.h. übergeordnete
Textformen als Medien, in denen sich menschliche Affekte artikuliert, transformiert oder kanalisiert
haben.49

Die Annäherung von Meyer bietet eine mögliche Vorgehensweise, um die Emotionen in der
Literatur zu erforschen, allerdings ist sie erstens auf die Gattungen fokussiert und begrenzt
sich zweitens auf die narrative Funktion und nicht auf Phänomene außerhalb des Textes, bzw.
eine gesellschaftliche Funktion, wie es bei der griechischen Poetik der Fall ist.

Natürlich erreicht die Rolle des Emotionalen in der Literatur eine weitere Ebene; es gibt
beispielsweise Forschungsmaterial in metatextuelle Phänomene, wie bei der Rezeption und
Wirkung oder im Prozess der Schöpfung des Werkes, in dem auch auktoriale Aspekte
wichtig sind50. Die narratologische Funktionen der Emotion als kausal sind am

47
Vgl. Metzler Lexikon. Literatur und Kulturtheorie: Ansätze, Personen, Grundbegriffe. Stuttgart; Weimar:
Metzler, 2013
48
Vgl. Aristoteles. Poetik. Berlin: Akademie-Verl., 2009
49
M.S. S. 9
50
Vgl. Alfes Henrike F. Literatur und Gefühl: emotionale Aspekte literarischen Schreibens und Lesens.
Opladen: Westdeutscher Verlag, 1995.
32
häufigstenerforscht. Diese werden in der Methode von Meyer- Sickendiek auch erwägt, da sie
wichtig in der Handlung sind.

Zum Schluss als Untersuchung des Emotionale ist auch die Thematisierung und Darstellung
der Emotionen im Werk auf eine explizite Weise, wie es in The Dispossesed und News from
Nowhere zu finden ist, denn in beiden Texten sprechen die fiktionale Personen über die
Stimmungen in der utopischen Welt und zeigen auf eine philosophischen Ebene die Rolle der
Stimmungen im Leben.

In diesem Zusammenhang ist es wichtig, über die Beziehung zwischen Vernunft und
Gefühlen nachzudenken, da nicht nur das Instinktive sie hervorbringt, sondern auch das
Rationale und Kulturelle im Menschen. Wie De Sousa es erklärt: Gefühle sind zum Teil sozial
konstruiert, und auch die Rationalität ist an ihnen beteiligt, daher erlaubt uns die Darstellung
dieser Gefühle und die Analyse ihrer kulturellen Rolle, besser zu verstehen, welche Funktion
sie haben und wohin sie uns als Motivatoren für Handlungen führen, sowohl in der Erzählung
als auch im realen Leben. 51

Da Emotionen also auch sozial konstruiert sind, unterscheiden sie sich nicht nur zwischen
verschiedenen Kulturen, sondern auch von einer Person zur anderen, wobei sie zu einem
guten Teil durch ihre Werte und Überzeugungen bestimmt werden. Aus diesem Grund sind
Fühlen und Denken miteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig. Eine positive
Bewertung bestimmter Umstände wird Gefühle der Freude oder Zufriedenheit hervorrufen,
dasselbe gilt für negative Emotionen. Emotionen und Stimmungen können äußerlich oder
innerlich sein, individuell wie Scham oder sozial wie Entrüstung, es kann Emotionen geben,
die mit Normativität und Zivilisation verbunden sind, oder Emotionen, die mit
Transformation und Bewegung verbunden sind, letzteres entspricht der Rolle, die das
Emotionale in der Utopie spielt.

Die affektpoetische Perspektive konzentriert sich auf die narratologische Funktion, die
Emotionen bei der Führung der Geschichtsentwicklung haben und in gewissem Maße auch
auf den Diskurs, den die Geschichte aufrechterhält. Die emotionalen Aspekte außerhalb des
Textes würden völlig außerhalb ihrer Analyse liegen, da, wie mehrere Autoren erwähnen, das
Betreten des Territoriums der Metatextualität weitaus komplizierter ist.

Meyer- Sickendiek führt die folgenden Kategorien auf, um die Rolle der Emotionen in der
Geschichte zu analysieren und um die Beziehungen zwischen einer Emotion und einer

51
Vgl. De Sousa Roland. The rationality of emotion. Cambridge, Mass: MIT Press, c1987.
33
anderen zu beobachten: a) Bestimmung der Schlüsselszenarien, b) Bestimmung der display
rules, c) Bestimmung primärer und sekundärer appraisals, d) Bestimmung der core
relational themes, e) Bestimmung der emochronischen Ebene und f) Bestimmung der
emotopischen Ebene.52 Für diese Forschung ist es nicht notwendig, jeden der Analysepunkte
zu erläutern, die Meyer- Sickendiek verwendet, sondern diejenigen, die in den beiden hier
behandelten Utopien beobachtet werden können und die zur Erforschung des Themas
beitragen können. Vier dieser Kategorien sind für die fraglichen utopischen Romane geeignet:

Die Bestimmung der Schlüsselsznerien hilft, die Bedeutung und die Assoziationen, die
bestimmte Emotionen oder Geisteszustände mit der Kultur haben, zu verorten, was eine
Verknüpfung des Textes mit seinem historischen Horizont oder mit biographischen Aspekten
des Autors erfordert. Diese Beobachtungen sehen das Emotionale von einem
konstruktivistischen Ansatz aus.

Die Bestimmung der zentralen Beziehungsthemen weist auf die Beziehung hin, die wichtige
Emotionen für das utopische und dystopische Genre mit der Handlung der Geschichte haben.
Beispielsweise: Angst impliziert eine existentielle Bedrohung und Unsicherheit, Glück ist der
Fortschritt auf dem Weg zur Verwirklichung eines Ziels und Mitgefühl, das meint, durch das
Leiden eines anderen motiviert zu sein und ihm helfen zu wollen.

Die emotopischen Ebene, die nach räumlichen Elementen der Emotionen fragt, zum Beispiel,
ob die Gefühle von inneren oder externen Faktoren verursacht werden. Relevant ist hier, dass
die externen Faktoren, bzw die Atmosphäre der Utopie auch die innere Stimmung beeinflusst.
Bei Le Guin und bei Morris gibt es externe Faktoren, aber auch andere Innere Emotionen, die
zum absonderlichen Zustand der Hauptfiguren gehören.

Zusätzlich zu diesen beiden Meyer- Sickendiek -Kategorien kann man auch die Beziehung
einer Emotion zur anderen beobachten, wie z.B. die Beziehungen Leiden-Verzweiflung,
Verzweiflung- Hoffnung, und Hoffnung-Freude. Im Leiden kann ein Moment der
Verzweiflung kommen, und gerade in der Verzweiflung entsteht der Wunsch, etwas zu
erreichen, was man nicht hat und das vielleicht sogar unmöglich erscheint. Diese Emotionen
sind zueinander temporal bezogen und sogar vielleicht kausal, wie die Verzweiflung braucht
die Hoffnung. Diese temporale Ordnung führt uns auch dazu, diese Emotionen in einem
bestimmten Moment der Geschichte verorten zu wollen und ihre Rolle in der Erzählung. Die
Konstellation kann als emochronischen Ebene bezeichnet werden und sie bezieht sich auf
Aspekte wie Spannungs-Lösung in der Geschichte, Aufregung einer Emotion und Ruhe mit
52
M.S. S. 45.
34
der Lösung des Konflikts. Dies ist sowohl in The Dispossessed als auch in News from
Nowhere erkennbar, da beide ein historisches Element in ihren Utopien enthalten; die
Gesellschaften der Geschichten lebten die Emotionen des Transformationsprozesses: Leiden -
Verzweiflung - Hoffnung und schließlich Glück. In der Utopie von Morris wird das Leiden
wieder aufgegriffen, wenn über die Vergangenheit gesprochen wird, über den Krieg, den sie
durchmachen mussten, um den Hoffnungs Moment zu erreichen, den der Besucher
beobachtet. Im Gegensatz dazu scheint es bei Le Guin, dass die Emotionen zyklisch sind und
sich wiederholen müssen, da die zentrale Idee des Diskurses die Revolution oder eine
permanente Transformation ist.

4.1.3 Gattung der Utopie und Hoffnung in der Affektpoetik

Meyer- Sickendiek unterstützt die Idee, dass die Utopie als literarische Gattung die Hoffnung
als eine konstitutive Emotion beinhaltet. Diesbezüglich soll natürlich gefragt werden, ob die
Hoffnung überhaupt als eine Emotion angesehen werden kann; dafür verwendet Meyer zwei
Theorien: Zuerst nimmt er die Gruppe von neun Emotionen, die Robert Plutchik als basalen
Emotionen bezeichnet: Furcht, Ärger, Freude, Traurigkeit, Akzeptanz, Überraschung,
Neugier, Ekel und Erwartung. Diese letzte kann auf die Hoffnung übertragen werden. Jedoch
kann Hoffnung nicht als eine einfache Emotion bezeichnet werden, weswegen sie nicht in
allen Modellen zu den basalen Emotionen eingeschlossen wird. Sie gilt als eine komplexe,
selbstreflexive Emotion. „Hoffnung ist keine objektfundierte Emotion wie etwa Zuneigung,
Abneigung, Liebe oder Haß, sondern eine ereignisfundierte Emotion wie etwa auch Freude,
Kummer oder Furcht.” 53 und daher ist sie eng mit soziokulturellen Aspekten verbunden.

Darüber hinaus übernimmt Meyer- Sickendiek mit Blochs Idee der Hoffnung eine ähnliche
Formulierung für seine eigene Kategorisierung, denn Bloch, wie bereits erwähnt, ordnet sie
den sogenannte „gefüllte und Erwartungsaffekte[en]”54 zu: Hoffnung, Angst Furcht, Schreck,
Verzweiflung und Zuversicht. Allerdings reduziert Bloch die Hoffnung nicht nur auf eine
Emotion, sondern stezt sie in Bezug mit den Trieben, „ a directive act of a cognitive kind” 55.
Damit rechnet er die Hoffnung der Ebene der menschlichen basalen Emotionen zu. Eigentlich
sieht Bloch die Utopie als etwas breiteres, jenseits des Textes, als Bestandteil vieler
menschlichen Aktivitäten menschlicher Wünsche. Das heißt, die utopische Funktion wird
53
M.S. S. 255
54
Bloch Ernst. Das Prinzip Hoffnung. [1. S. 80
55
Levitas Ruth. The concept of Utopia. S. 102 S.
35
nicht nur in der Literatur ausgedrückt, sondern auch in allen Künsten, wie der Musik oder der
Architektur. Bloch überschreitet die beschreibende Absicht von Meyer und aller vorherigen
Theorien über die Utopie, er ist der Autor der am tiefsten im Thema aufgetaucht ist.

Bei Meyer- Sickendiek ist die Emotion der Hoffnung auf die christliche und jüdische Religion
zurückzuführen. In der christlichen Religion ist die Hoffnung eine tugendhafte Emotion, sie
ist das Warten auf eine ewige Glückseligkeit, die die Existenz in dem materiellen Leben
überschreitet. In der jüdischen Tradition ist die Hoffnung in der Heimkehr zu finden. In dieser
religiösen Referenz bezieht sich die Hoffnung laut Meyer- Sickendiek auf eine Rückkehr
eines besseren Zustands vom Glück, bzw, vor dem Sündefall, hier hat sie auch einen
Kreuzungspunkt mit der Idylle, die Meyer- Sickendiek mit dem Glück verbindet.56

Die Bezeichnung der Hoffnung als konstitutive Emotion der Utopie ist aber nicht nur für
klassischen, sondern auch für kritische Utopien geeignet, wie es der Fall von Le Guin’s
Dispossessed ist, die Hoffnung ist in diesem Roman Kern der Handlung, denn auch wenn die
Welt von Anarres distopische Elemente hat, gibt den Rückkehr von Shevek am Ende
Hoffnung und zeigt die Möglichkeit, die Welten Anarres und Urras durch eine Revolution
zusammenzubringen. So können die schweren Bedingungen von Anarres behoben und
gleichzeitig die Ungleichheit und Ungerechtigkeit von Urras beendet werden. Trotz seiner
ambivalenten Natur erfüllt The Dispossessed die Aufgabe der utopischen Funktion.

News from Nowhere hat ohne Zweifel die Hoffnung als Konstitutives Element seiner
Handlung, erfüllt die utopische Funktion jenseits des Textes und passt daher zu dem Schema
von Meyer- Sickendiek. Diese Utopie von stellt etwas von dem Novum57 dar, indem sie ind er
Zukunft sattfindet, aber wenig von dem technologischen Fortschritt. Sie zeigt eine idyllische
Welt, die mit dem Bewusstsein der Arbeiterklasse zu realisieren ist. Die Hoffnung steht in der
Geschichte der Revolution, in der die Menschheit endlich das Schicksal in ihre Hände nahm.

In der Handlung von beiden Romanen ist die Hoffnung ein konstitutives Element und zwar
auf zwei Ebene, im Text und in der Wirkung des Textes auf den Leser. Die Veränderung lässt
sich in beiden Erzählungen als ein wichtiger geschichtlicher Moment sehen. In beiden
Gesellschaften wird über eine Vergangenheit von einem aktiven Kampf und Veränderung
gesprochen. Die Utopie war nicht immer da, die aktive Rolle der Menschheit für das
Erreichen der Utopie wird in den zwei Fälle betont, die Hoffnung ist Kern des Textes und für
die Narrative Zentral. Die kritisierte Gesellschaft entspricht in vielen Punkten der Gesellschaft
56
Vgl. M.S.
57
Der Begriff wird von Bloch benutzt als etwas Vorgestellte aber noch nicht existierend, das Novum gibt es nur
in der Zukunft.
36
des Lesers und die fiktionale Gesellschaft bietet dem Leser eine inspirierende Beschreibung,
die als Antrieb für Wagemut und Kampfkraft wirken soll.

Obwohl die Affektpoetik-These dazu dient, auf die Hoffnung als ein Element hinzuweisen,
das das utopische Genre vereint, reicht sie nicht aus, um die Rolle des Emotionalen sowohl in
News from Nowhere als auch in The dispossessed vollständig zu beschreiben, da sie sich auf
das beschränkt, was dem gesamten utopischen Genre gemeinsam ist. Diese Arbeit versucht,
andere emotionale Aspekte zu vertiefen, die sich gerade in der Spezifik dieser beiden Werke
finden lassen.

Die zwei Texte der Untersuchung haben zwar einige Gemeinsamkeiten, obwohl beide sehr
unterschiedliche Welten zeigen, Perspektiven auf die Utopie, auch wenn beide von
anarchistischem Gedankengut geprägt sind. In den zwei Romane erscheinen unterschiedliche
Schattierungen des Emotionalen, oder was mit Gefühl zu tun hat. Dieser Aspekt wird durch
den kulturellen Kontext, die Zeit und die politische Perspektive des Autors, bzw seine
Weltanschauung, bestimmt.

4.1.4 Stimmungen in der Utopie

Um über das Emotionale in der Utopie zu sprechen, ist es notwendig, über emotionale
Zustände zu sprechen, mehr als über momentane Emotionen, denn wie schon erwähnt steht
das Emotionale in den Utopien in direkter Beziehung zu den Lebensbedingungen, die den
bestimmter Raum bietet, bzw, der idealen Raum.

Innerhalb der Utopie gibt es mehrere Faktoren, die den Geisteszustand des Individuums
durchdringen, zum Beispiel ist davon auszugehen, dass es innerhalb einer Utopie bereits eine
Reihe von dominierenden Werten gibt. Dieser Wertekanon beeinflusst die Gefühle, die der
Einzelne über die Ereignisse in der Geschichte hat, und beeinflusst auch den Wert, den die
Figur den Gefühlen beimisst, die in ihr während der gesamten Geschichte auftauchen.

Auf der anderen Seite gibt es auch das Wirtschaftssystem und die Lebensweise, denn es muss
davon ausgegangen werden, dass eine andere Dynamik den Menschen in seinerTiefe
transformieren muss, d.h. auch seine Emotionen transformieren muss. Zum Beispiel ist es
relevant, darüber nachzudenken, wie die Abschaffung des Privateigentums oder die
Beziehung des Menschen zur Arbeit den emotionalen Zustand, den wir Stimmung nennen
würden, beeinflussen kann.
37
Schließlich ist auch die Beziehung des Menschen zum Raum sehr wichtig, denn dieses
Element ist, wie bereits erwähnt, in der alternativen Welt sehr wichtig. Beispielsweise man
kann sich überlegen, ob es einen Unterschied zwischen öffentlichem und privaten Raum gibt,
oder welche Wirkung die Isolation der Utopie hat, schützt sie ihre Bewohner, oder schließt sie
sie ein. Kurz gesagt, wenn wir über Stimmung sprechen, integrieren wir vier Elemente:
Werte, System oder Paradigmen, Lebensraum und Handlung der Geschichte.

In diesem Sinne fällt auch die Rolle der Umwelt bei der Stimmung zusammen, da oft von ihr
gesprochen wird, wie z.B. sonnige Stimmung, düster, oder umwölkt58, usw. Stimmung bezieht
sich dann eher auf einen Zustand und Lebensbedingungen, die vom Raum bestimmt werden,
Bollnow schreibt dazu: „Man spricht damit nicht etwa der Landschaft eine Seele zu, sondern
meint gemeinsame, Mensch und Welt zusammen umgreifende Durchzogensein von einem
bestimmten Stimmungsgehalt.”59 Und, da in der Utopien die Veränderung des Raumes und
natürlich die Lebensbedingungen eine zentrale Rolle spielen wäre der Begriff Stimmung am
geeignetsten.

So wie die Emotionen als gute oder schlechte bezeichnet werden können, haben auch die
Stimmungen positive oder negative Konnotation, von Vorliebe oder Ablehnung, anders
ausgedrückt wird manches gesucht und manches vermieden. Das steht auch in Bezug auf die
motivationalen Funktionen der Emotionen und Gefühle. Das Emotionale gerechtfertigt
Handlungen, oder gibt diesen Sinn und Ziel, das lässt sich in die Beziehung, die man zu
Freude und Schmerz hat. Die Freude wird aktiv gesucht und Schmerz muss aktiv vermeidet
werden, beide regen Bewegung an, deswegen motivieren die Handlung. Freude weist auf das
Auftreten von Gutem hin, während Schmerz ankündigt oder ausdrückt, dass es ein Problem
gibt, dass etwas nicht funktioniert oder ein Zeichen des Todes fungiert. In diesem Sinne kann
gesagt werden, dass die “negative Stimmungen dem Individuum Probleme in der Umwelt
signalisieren und positive Stimmungen anzeigen, dass die Umwelt in Ordnung ist.”60

Glück und Leid sind in der Untersuchung des Emotionalen angesiedelt, weil sie Gefühle
beinhalten, aber an sich keine Emotionen sind, sondern eher dauerhaftere Zustände. Sie
können als Stimmungen katalogisiert oder theoretisch sogar noch weiter ausgedehnt werden,
als eine Stimmung andauern kann. Sowohl Glück als auch Leiden können andere Emotionen
bezeichnen oder enthalten, Glück enthält so genannte positive Emotionen wie Freude, oder
Zufriedenheit, und Leiden enthält negative Emotionen wie Angst oder Verzweiflung.

58
Vgl. Bollnow Otto Friedrich. Das Wesen der Stimmungen. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2009.
59
Ebd. S. 26
60
M.S. S. 19
38
Zweifellos ist das Glück in der Tradition der Utopie nahe, während das Leiden eher der
Dystopie oder anderen literarische Gattungen zugeordnet könnte. Um beide Zustände, ihre
eingeschloßene Emotionen und die Beziehung zwischen diese besser zu verstehen müssen
intensiver und getrennt voneinander analysiert werden, dieser Aspekt wird hier als die
Beziehungsthemen der Emotionen von Meyer- Sickendiek entwicklet.

4.2 Das Glück in News from Nowhere

4.2.1 Definition des Glücks

Die Definition des Glücks ist besonders komplex, weil es auf vielfältige Weise definiert
wurde und weil sogar die bloße Existenz des Glücks als oberstes Ziel in Frage gestellt und
kritisiert wurde, während es gleichzeitig von verschiedenen Disziplinen - von der
Psychologie, Philosophie oder Theologie bis hin zu den Neurowissenschaften - erforscht
wurde.

Es ist möglich, sich glücklich zu fühlen, als eine momentane Emotion, die durch ein Ereignis
ausgelöst wird. Ebenso gibt es Glück auch als einen dauerhaften Zustand bzw. eine Stimmung
oder eine Emotion. Bei einer engeren Definition von Glück wird eher über Freude oder
Fröhlichkeit gesprochen, beide Begriffe werden in den Schemata von Ekman und Plutchik als
basale Emotionen bezeichnet61, weil sie objektbezogen und äußerlich sind. Glück wurde, aber
auch der weitergefassten Kategoriesierung von Gefühl zugeordnet62 und es wurden noch
weitere Gefühle wie Ekstase oder Rausch zu dem Spektrum von positiven und
wünschenswerten Gefühlen eines solchen Glücks eingeschlossen. Diese Perspektive sieht das
Glück als etwas, das nur für kurze Zeitspannen auftaucht, also nur vorübergehend und
fragmentarisch ist.

Glück wird aber als mehr als nur eine Emotion betrachtete und erforscht, besonders in
anderen Disziplinen wie der Philosophie oder der Theologie. Aristoteles betrachtete es als ein
Gut an sich, als den Zweck aller Handlungen, da es etwas ist, das jeder erreichen will. Daher
bezeichnet er es als das vollkommene Gut. Er erklärt, dass es zwei Arten von Gütern gibt, die

61
Vgl. Ekman Paul. Emotions revealed: recognizing faces and feelings to improve communication and
emotional life. New York: Henry Holt, 2003.
62
Vgl. Lenzen Wolfgang. Grundzüge einer philosophischen Theorie der Gefühle. in Pathos, Affekt, Gefühl: Die
Emotionen in den Künsten. Herausgegeben von Klaus Herding und Bernhard Stumpfhaus. Berlin; New York: De
Gruyter, 2004.
39
instrumentellen Güter, die dazu dienen, einen anderen Zweck zu erreichen, und die Güter
selbst:

Now such a thing happiness, above all else, is held to be; for this we choose always for itself and never
for the sake of something else, but honour, pleasure, reason, and every virtue we choose indeed for
themselves (for if nothing resulted from them we should still choose each of them), but we choose them
also for the sake of happiness, judging that through them we shall be happy. Happiness, on the other
hand, no one chooses for the sake of these, nor, in general, for anything other than itself63

Weil diese Untersuchung auf die westliche Kultur fokussiert ist, werden hauptsächlich
Bedeutungen von diesem Kontekt benutzt. Hier ist zweifellos das Glücklichsein im positiven
Spektrum angesiedelt, es kann Begriffe wie Glückseligkeit (in Bezug auf eine religiöse
Bedeutung des Glücks wie beatitud), Freude, Hochgefühl, Zufriedenheit, Genuss, Euphorie,
Fröhlichkeit, oder Ekstase enthalten. Glück erhält auch verschiedene Nuancen, die innerhalb
der romanischen Sprachen variieren, wie z.B. felicita, aus dem Latein wird mit Fruchtbarkeit
(fecundus) assoziiert64, aber auch mit Gelingen. Wie der Begriff Glück, felicita bezieht sich
auf das Gefühl des Wohlbefindens, aber er bedeutet auch ein positives Ergebnis des Zufalls:
„Most Indo-European words for happiness such as the English happiness, the Greek
eutuchia, the German Glücklichkeit and the French bonheur are based on the concept of good
fortune which often leads to the feeling of happiness."65

Diese Assoziation wird schon in der Nikomanische Ethik klar gemacht. Aristoteles bekräftigt,
dass das Glück dank mehrerer Umstände erworben wird. Einerseits, weil es ein Gut ist, muss
es vom Menschen, also aktiv vom Subjekt, erreicht werden, aber andererseits kann das Glück
auch dank zufälliger Umstände kommen, die es möglich machen, zum Beispiel durch Dinge
in der Umwelt, wie die Güter, die jeder Mensch braucht, um sich gut zu fühlen, also Nahrung,
ein für die Person geeigneter Ort und alles, was für ein menschenwürdiges Dasein notwendig
ist. Das aber hängt oft nicht ausschließlich vom Menschen ab. Es ist mit Glück verbunden,
über alle notwendigen Güter zu verfügen. Die Lebensumstände können bis zu einem gewissen
Grad zufällig das zum Glücklichsein Notwendige oder jene Bedingungen, die zum
Unglücklichsein führen, mit sich bringen. In diesem Sinne hängt das Glück sehr stark mit der
Umwelt und ihren Umständen zusammen. So kann daraus ein langanhaltender Geisteszustand
werden, so dass es sowohl als Stimmung als auch als Gefühl betrachtet wird:

Wir unterscheiden das Glück von den bisher genannten Stimmungen der Fröhlichkeit, Lustigkeit, usw.
dadurch, daß diese sich von rein vielen Dasein her im Menschen ausbreiten und in ihm herrschen können,

63
Aristotle. The nicomanean ethics. New York, Oxford University Pres,2009. S. 10
64
Vgl. Lauster Jörg. Glück im Lateinischen in Glück. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart: J.B Metzler,
2003.
65
Bok Sisela. Exploring Happiness. from Aristotle to brain science. New Haven, Yale Univ. Press, 2010. S.

40
ohne daß es ihm besonders zum Bewusstsein kommt. Das Glück dagegen entspringt der
Auseinandersetzung mit den Lebensumständen66

Für Aristoteles gibt es also materielle Güter, die eine Rolle für das Glück spielen, aber auch
Güter des Geistes; er betrachtet die Güter der Seele als über den irdischen Gütern stehend,
d.h. ein Leben mit Vergnügen bringt ein unmittelbares Wohlbefinden und wird mit sinnlichen
Freuden identifiziert, während geistige Güter der Führung eines tugendhaften Lebens
entsprechen. Die Tugend ist für Aristoteles das wichtigste Element der eudaimonia (des guten
Geistes), und durch die Tugend versteht man, dass der Mensch die ihm selbstverständlichen
Tätigkeiten auf die bestmögliche Weise ausführt, diese bestmögliche Weise ist für die
Griechen die Mitte zwischen den Exzessen, ein gemäßigtes und ausgeglichenes Leben. Im
Christentum wird Glück auch als ein rein spirituelles Gut betrachtet; Seligpreisung ist das
Glück, das nur durch das spirituelle Leben und in seiner Fülle in Gemeinschaft mit Gott im
Jenseits erlangt werden kann. „Glück hatte im Alten Testament die eher politische Bedeutung
von Frieden, Heil, Wohlstand und materiellem Gut, im neuen Testament dagegen meint Glück
das ewige Seelenheil des Menschen, ist also ein Glück der Seele.”67

Die Entwicklung der Tugend ist ein Gedanke, der in der Philosophie auf verschiedene Weise
wiederholt wird, aber sie ist zweifellos etwas, das das humanistische Denken charakterisiert,
bzw. die Entwicklung des Menschen mit all seinen Möglichkeiten und in der bestmöglichen
Weise ist es, ein tugendhaftes Leben zu führen; es sei darauf hingewiesen, dass diese Tugend
zweifellos mit der Moral, der Ethik und der Ausübung der Freiheit zusammenhängt,
deswegen könnten laut Aristoteles weder Kinder, Sklaven noch Frauen im strengen Sinne
wirklich glücklich sein, nur die Kinder eventuell als Erwachsene Männer.

Tugend wird auf diese Weise auf der Ebene des individuellen Lebens, aber auch des
kollektiven Lebens beobachtet, aus diesem Grund und weil die Tugend durch äußere Güter
ermöglicht wird, betont Aristoteles die Rolle, die die Entwicklung der Tugend und des
politischen Lebens spielt:

Of the remaining goods, some must necessarily pre-exist as conditions of happiness, and others are
naturally co-operative and useful as instruments. And this will be found to agree with what we said at the
outset; for we stated the end of political science to be the best end, and political science spends most of its
pains on making the citizens to be of a certain character, namely, good and capable of noble acts. 68

66
Bollnow. Das Wesen der Stimmungen S. 31
67
M.S. S. 264.
68
Aristotle. The nicomanean ethics S. 15
41
Dieses Zitat spricht eindeutig den strittigen Punkt an, die Beziehung zwischen Utopie und
Glück. Das Glück erfordert äußere Bedingungen, die es möglich machen, und es gibt
sicherlich viele Umweltbedingungen, die die Existenz eines Menschen in ein elendes Leben
verwandeln könnten. Eine Umgebung, die ein glückliches Leben ermöglicht, muss
garantieren, was erstens zum Überleben, zweitens für ein würdiges Leben und drittens für die
Entfaltung der Tugenden des Subjekts notwendig ist. Obwohl es viele interne und externe
Faktoren gibt, die den Geisteszustand beeinflussen, kann man denken, dass eine solche
Umgebung nicht nur wünschenswert, sondern auch möglich ist, auch wenn oft die
Lebensbedingungen in der Regel viele Hindernisse zwischen dem Individuum und dem Glück
als Endziel haben.

4.2.2 Das Glück als Versprechen der Utopie

Glück und Utopie sind eng miteinander verbunden, die Utopie ist der ideale Raum und die
ideale Umgebung, die ein tugendhaftes, von moralischen und ethischen Prinzipien geleitetes
Leben, ein Leben in Würde und sogar voller Vergnügen ermöglicht. Erstens ist in einer
utopischen Gesellschaft die Transformation der Individuen, die sie realisieren, auch Teil des
Wandels, sie ist eine Konsequenz, die das gute Leben mit sich bringt, und deshalb enthalten
viele Utopien die Beschreibung des physischen oder psychischen Zustands, den die Bewohner
ihrer Welt erfahren, oder betonen sie sogar.

Da das Glück, wie bereits erwähnt, ein einzigartiger Selbstzweck ist, erscheint die
Verwirklichung der Utopie als eine Brücke zu diesem gewünschten Ziel und ist ein zentraler
Punkt der Utopien, denn wie Ruth Levitas zu Recht feststellt: „If the essence of natural law is
dignity, the essence of utopia is the pursuit of happiness.”69

Die sozialistische Welt und jeder Vorschlag, der gemacht wird, muss dann als ein Weg zum
Glück verstanden werden, oder als das Rezept, um es zu erreichen, der utopische Diskurs
rechtfertigt seine Mittel und Wege, um dieses Ziel zu erreichen: Glück. Es ist dann
offensichtlich, dass es auch im utopischen Diskurs eine „ideologische Funktionalisierung des
Glücks”70.

Es muss erwähnt werden, dass das Glück nicht nur den utopischen Diskurs rechtfertigt,
sondern auch andere Diskurse und andere Aktivitäten, wie dies bei der christlichen Religion
der Fall ist, die die Idee des Glücks immer als Versprechen aufgenommen hat; auf der einen
69
Levitas Ruth. The concept of utopia S. 106.
70
Hinrich Claussen Johann. Glück und Gegenglück : philosophische und theologische Variationen über einen
alltäglichen Begriff. Tübingen: Mohr Siebeck, 2005. S. 6
42
Seite gibt es das Versprechen des absoluten Glücks im Jenseits, aber auch das Versprechen, in
der religiösen Praxis des Alltags ein angenehmeres Leben zu führen. Diese Idee erscheint als
ein aktuelleres Phänomen, in einer Gesellschaft, in der Glücklichsein fast zur Pflicht
geworden ist und die anstrengende Suche danach an Boden gewonnen hat.71 Das Phänomen
des Strebens nach Wohlbefinden wurde sogar bis ins Extreme kapitalisiert und wird als ein
Gebot im Privatleben und in Arbeitsumgebungen angesehen, in denen sich Wohlbefinden,
Positivität und Glücklichsein auch als gewinnbringend erwiesen haben. 72 Natürlich hat die
Suche nach dem Glück im Kapitalismus wenig zu tun mit der tieferen Bedeutung dessen, was
für die Philosophie ein gutes Leben auf der Grundlage der freien Ausübung von Tugend und
Ethik ist. Utopien instrumentalisieren die Idee des Glücks, aber nicht vordergründig, sondern
streben wirklich danach, es als einen Zustand von längerer Dauer oder gar nicht zu erreichen,
so dass am Ende ein ganzes Leben als glücklich beurteilt werden kann.

In der Utopie von Thomas More ist das Glück zweifellos ein Zeichen dafür, dass die
Gesellschaft in dieser idealen Welt überlegen ist. Eher als ein guter Mann der Renaissance
benutzte er Aristoteles' griechischen Begriff des Glücks und bezeichnete die Bewohner der
Utopie als glücklich: „They embrace chiefly the pleasures of the mind, for them they count
the chiefest and most principal of all. The chief part of them they think doth come of the
exercise of virtue and conscience of good life.”73 83 Die Stabilität der Utopie übersetzt sich in
ein Leben ohne Exzesse, eine Tugend, die auf dem Mittelpunkt und auf Bürgern beruht, die
wirklich nicht leiden, weil sie fast nie krank werden und weil sie das vermeiden, was ihnen
Leid zufügen könnte. In Bacons The New Atlantis wird eine Stadt beschrieben als eine
„happy and flourishing estate”74 wo das Glück durch technologische Entwicklung erreicht
wurde.

Das Versprechen, eine Gesellschaft zu erreichen, die frei von Korruption und moralisch
überlegen ist, hat eine lange Tradition, vom Judentum und Christentum, auch mit dem
Humanismus; zum Beispiel in Bloch, auf den in diesem Werk bei zahlreichen Gelegenheiten
Bezug genommen wird, wird das tausendjährige religiöse Versprechen der jüdischen
Tradition genau mit dem Versprechen kombiniert, das in manchen Momenten auch im
Kommunismus messianisch wird, der an die Ankunft der von der revolutionären Vorhut
angeführten Revolution glaubt.
71
Vgl. Wadell Paul J. Happiness and the Christian moral life: an introduction to Christian ethics. Lanham;
Boulder; New York; London: Rowman & Littlefield, 2016.
72
Vgl. Davies William. The happiness industry: how the government and big business sold us well-being.
London ; New York: Verso, 2016.
73
More Thomas. Utopia. in Three early modern utopias. New York: Oxford University Press. 1996. S. 83
74
Bacon Francis. New Atlantis in Three early modern utopias. New York: Oxford University Press. 1996. S.
43
Morris glaubt wie Bloch an das Versprechen der Zukunft. „What is the object of Revolution?
Surely to make people happy.”75 William Morris erklärte durch eine der Figuren in seinem
Roman News from Nowhere und mit diesem Satz, der naiv erscheinen mag, fasste er seine
Vision des romantischen Marxismus zusammen, für ihn war der anthropologische und
humanistische Aspekt der marxistischen Theorie von großer Bedeutung; diese Suche nach
dem Glück wurde bewusst in seiner Utopie verkörpert. Bereits im ersten Kapitel dieses
Romans wird ausdrücklich erwähnt, dass die Bewohner von Morris' London die Utopie und
das Ideal in ihrem eigenen Körper und ihrer eigenen Psyche lebten: “they were so kind and
happy-looking in expression of face, so shapely and well-knit of body, and thoroughly
healthy-looking and strong.”76 Und den Kritikern und Studien über Morris zufolge war diese
Idee in seinem Denken sehr ausgeprägt: “The words hope, fulfilment, rest and happiness recur
so often in his writing as almost to be Leitmotivs.”77

Aus diesem Grund eignet sich News from Nowhere sehr gut, um das Glück als Stimmung und
die damit verbundenen Emotionen oder Konzepte zu erforschen. Sie können dann immer noch
erforschen, wie das Glück in Morris dargestellt wird und wo es im Verhältnis zu anderen
Utopien und der Behandlung des Themas Glück und Freude steht.

4.2.3 Das arkadische Glück

Der Name des griechischen Territoriums Arkadien wird derzeit in verschiedenen


Zusammenhängen und auf unterschiedliche Weise verwendet, er wird als Substantiv oder
Adjektiv, in ökologischen Vorschlägen, in politischen Texten, aber vor allem in der
Literaturkritik verwendet. Der griechische Arkadien-Mythos wurde zu einem äußerst
umfangreichen literarischen Motiv, das immer wieder eine Wirkungsgeschichte hervorbringt.

In der griechischen Mythologie wurde das Gebiet von Arkadien von dem Hirtengott Pan
bewohnt, der in dieser sehr fruchtbaren ländlichen Gegend besonders verehrt wurde. Dieser
Gott wurde oft als Faun dargestellt, der von Nymphen und in der Natur herumtollenden
Schafen umgeben war. Arkadien wurde bereits im antiken Griechenland von Theokrito und
später vom römischen Dichter Vergil als idyllischer Ort identifiziert. Letzterer erzählte in
seinen Eklogen die romantische Idylle der Hirten und schuf die Atmosphäre eines glücklichen

75
Morris. News from Nowhere. S. 148.
76
Ebd. S. 22
77
Krishan Kumar. Introduction. S. XVI
44
und friedlichen Lebens im Gegensatz zu den Kriegen, die draußen in der Epik der klassischen
Welt stattfanden, so dass Arkadien als ein idealer Ort erschient.78

Bei der Etablierung des Christentums wird das verwandelte, aber auch idealisierte Bild von
Arkadien in Pastor Hermae wieder aufgegriffen, einem testamentarischen Text außerhalb des
Kanons, in dem erzählt wird, wie ein Engel in Gestalt eines Hirten einem Menschen die
göttlichen Gebote offenbart79. In gleicher Weise verwendet die Bibel oft die Metapher von
Gott als einem Hirten und den Menschen als seiner Herde, „der gute Hirte" ist eine gängige
Formel. Man kann hinzufügen, dass die bukolische Landschaft und ihre Ähnlichkeit mit dem
Garten Eden, in dem Natur und Frieden herrschen und die Menschen in einem urzeitlichen
Zustand der Reinheit lebten, in gleicher Weise wie der Hirtenstand als Urzustand des
Menschen dargestellt wird, diese Beziehung sofort dann mit der Gattung Idylle hergestellt
wird: „Die Idylle stellt für Schiller in ihrer ursprünglichen bukolischen Form also einen
harmonischen Zustand vor dem Anfang der Kultur dar, in dem Geist und Sinnlichkeit
zusammenfallen und der von Unschuld geprägt ist.” 80 Der Hirte und seine Umgebung
erwarben so im Mittelalter dank des Christentums die Konnotation der Reinheit und bleiben
ein Merkmal des Mythos von Arkadien.

Sowohl im Garten Eden als auch im idyllischen Arkadien befindet man sich in einem Zustand
des absoluten Glücks, im ursprünglichen Zustand, frei von Sünde. Diese Art von Glück liegt
im Zustand ursprünglicher Unschuld beider Orte, Arkadien und das Eden. In diesem Zustand
ist der Mensch frei von den Qualen seiner Menschlichkeit, er hat keine Angst, keine
Traurigkeit, keine Wünsche oder Leidenschaften. Er befindet sich in einem Zustand der
Unschuld und Konformität. Das bestätigt Meyers Ansicht der Beziehung, zwischen der Idylle
als Kategorie der Freude und dem Glück als etwas für diese literarische Gattung Konstitutives
hergestellt hat.

Im idyllischen Glück ist man der Natur so nahe, dass dieser Mangel an Erregungen sehr wohl
an das tierische Glück erinnern mag, da die reine Natur, während man im Zustand von
Ataraxia81 lebt. Es ist wichtig zu beachten, dass dieses Glück weder mit dem Konzept des
Glücks noch mit dem aristotelischen Konzept der Eudämonie übereinstimmt, da Unschuld

78
Vgl. Garber Klaus. Arkadien: ein Wunschbild der europäischen Literatur. München; Paderborn: Fink, 2009.
79
Vgl. Maisak Petra. Arkadien: Genese und Typologie einer idyllischen Wunschwelt. Frankfurt am Main [u.a.]:
Lang, 1981
80
M.S. S. 338
81
Unerschütterlichkeit oder Seelenruhe, gilt als ein Merkmal der Eudämonie. Nach dem Metzler Lexikon
Philosophie. Stuttgart: J.B Metzler´sche Verlagsbuchhandlung, 2008.
45
und Unkenntnis der menschlichen Belange bei der Ausübung der Tugend im Sinne von
Aristoteles nicht möglich sind.

Während der Renaissance tauchte das arkadische Motiv in der Bildkunst auf, dass die
bukolische, ruhige und ideale Landschaft zeigt, insbesondere die Beziehung, die die Malerei
der Renaissance mit der Antike herstellt. Zwei bekannte Darstellungen aus dieser Zeit sind
jene von Claude Lorraine und Nicolas Poussin, wo die Idee der Reinheit der Landschaft
vorherrscht.

In der Literatur der Renaissance erschien Jacopo Sannazaro, der seinen 1480 erschienenen
Pastoralroman von der Ekloge inspiriert wurdeMit Sannazaros Roman gewinnt die Idee des
arkadischen Glücks eine neue Nuance, da die dargestellte Romanze nicht durch moralische
Verpflichtungen eingeschränkt ist. Es handelt sich um eine freie und sinnliche Liebe und
erhält damit einen hedonistischen Charakter. Es ist ein Fest in der Natur, das mit dem
symbolischen Element der Panflöte bekräftigt wird, Musik und Nacktheit gehören zur
Atmosphäre. Auf Sannazaros Roman folgten weitere Romane desselben Genres, die den
Namen Arcadia enthalten: La Arcadia von Lope de Vega aus dem Jahr 1598 und De Arcadia
von Philipp Sidney aus dem Jahr 1590. .82 Obwohl während des Booms der Hirtenromane der
Erzählraum nicht explizit als Arkadien bezeichnet wurde, wurden dieselben Motive für die
Atmosphäre des Idyllischen wiederholt. Eines der Merkmale des Hirtenromans ist die
Erzählzeit, die gewöhnlich beschreibend und langsam ist. Dieses Merkmal versucht, die Idee
des Glücks außerhalb der Zeit einzufangen, denn: „Der Mensch fühlt sich in diesem Zustand
des Glücks geradezu als Befreiung von der Last der Zeit” 83. Auf diese Weise wird noch
einmal die Beziehung zwischen der Umgebung, der Wahrnehmung und dem Geisteszustand
des Subjekts deutlich, und es wird klar, wie er sich die Eigenschaft des Archetypischen
angeeignet hat, denn: „…es ist vielmehr ein Zustand: Das goldene Zeitalter, das auch nicht
ein Zeitalter ist wie die andere, sondern der Zustand außer der Zeit”.84

Nimmt man eine der bildlichen Darstellungen von Arkadien, nach dem Aufkommen des
pastoralen Motivs, kann man die Verbindung aller Elemente erkennen, die dem Mythos im
Laufe der Zeit zugeschrieben wurden und das arkadische Glück definiert haben als: „Der
lieblich begrünte beschattete Ort, abgeschirmt von der Außenweltdurch die Felsenwand, die
Herden in der Obhut der Hirtengottes Pan, die mächtigen Eichen, die Milch und Honig
spendende Natur, die den Göttern ähnelnden Menschen, einfach, wunschlos, friedfertig.” 85
82
Vgl. Garber. Arkadien
83
Bollnow. Das Wesen der Stimmungen. S. 187.
84
Garber. Arkadien S. 12
85
Ebd. S. 12
46
In gleicher Weise kann man in einem literarischen Werk, das viel später als der Aufstieg des
Hirtenromans entstand, die vielen Elemente dessen erkennen, was ich als arkadisches Glück
bezeichnet habe: Glück, Natur, Unschuld, Romantik und Entzücken, so wie es bei Morris'
News from Nowhere und seiner Verwendung dieses Archetyps der Fall ist.

Erstens wird die Idee des narrativen Raums und der narrativen Zeit als ein Ort außerhalb der
Zeit deutlich, an dem die Zeit weder vergeht noch schwer auf dem Leben des Erzählers und
Hauptdarsteller, lastet. Die drei Tage, die er in der Utopie verbringt, konsumieren nicht sein
Leben in der realen Welt, da alles mit ihm durch einen Traum oder eine Art Offenbarung
geschieht. Der Traum des Gastes ist nicht wie der Traum von Rip Van Winkle, er erwacht
nicht alt, sondern leicht jung, gestärkt und inspiriert, um das Gesehene seiner
Traumoffenbarung mitzuteilen und so die der utopischen Handlung entsprechende Aufgabe
zu erfüllen.

Zweitens wird die Beschreibung des Raums als ein Paradies voller Natur beschireiben. Am
Anfang der Geschichte wacht der Protagonist plötzlich auf und stellt fest, dass er immer noch
in London ist, seine bekannte Stadt aber auf einmal anders ist. Das Wasser der Themse ist
klarer, alles sieht natürlicher aus. Die charakteristische Industrielandschaft Londons, die
Morris als unangenehm empfindet ist verschwunden: „The soap- works with their smoke-
vomiting chimneys were gone; the engineer's works gone; the lead-works gone; and no sound
of rivetting and hammering came down the west wind from Thorneycroft's.”86

Die Beschreibung des Raumes als Kategorie der emotopischen Ebene, wie Meyer- Sickendiek
einordnet ist sehr wichtig. Sie zeigt, dass in Morris' Utopie die Natur in den Stadtraum der
Industriestadt eingedrungen ist und es nicht nur mehr Grünflächen gibt, sondern dass in
Morris' Welt die Natur des Landes in einer bewussten Entscheidung in die Stadt integriert
wurde, ein Ergebnis der Entwicklung und Beleuchtung der utopischen Welt.

Da Morris sich dem marxistischen Gedankengut anschließt, ist es wichtig zu erwähnen, dass
Marx und Engels87 die Dichotomie von Land und Stadt als eines der grundlegenden Merkmale
des kapitalistischen Systems herausgestellt haben. Die Arbeitsteilung zwischen
Industriearbeitern- und Landwirten führte zur Migration und Konzentration von Arbeiter in
den städtischen Industriegebieten. Viele ländliche Gebiete wurden aufgegeben und von den
Landbesitzern entnommen, was zu einer Bereicherung von wenigen und größeren
Ungleichheiten führte. Mit dem Bevölkerungszuwachs in der Stadt nahmen auch die

86
Morris. News from Nowhere. S. 13
87
Vgl. Marx Karl, Engels Friedrich. Die deutsche Ideologie.
47
Bedürfnisse und der Mangel zu, weshalb das Phänomen der Urbanisierung als „eine Art
Erbsünde"88 betrachtet werden kann. Sie bricht mit einem früheren Zustand der Harmonie mit
der Natur, das Land unterwirft sich der Stadt. Das ist auch der Konflikt zwischen dem Land
und der Stadt, den Marx und Engels beschreiben. Während die marxistische Perspektive diese
Spaltung als Teil des Kapitalismus betrachtet, sieht sie auch im städtischen Raum ein
Transformationspotential, da sie die Arbeitskräfte der Arbeiter konzentriert, die die wichtigste
revolutionäre Kraft sind.

Morris hält es für grundlegend für seine Utopie, eine Gesellschaft zu beschreiben, in der diese
beiden Räume integriert sind, da es sich um eine radikale Transformation des kapitalistischen
Modells handelt. Allerdings distanziert er sich vom Marxismus, indem er den städtischen
Raum und die Akzeptanz der industriellen Technologie völlig ablehnt, diese Differenz wird in
der utopischen anti-industriellen Bewegung des 19. Jahrhunderts. In diesem Aspekt waren
Morris und die anti-industrielle Bewegung ihrer Zeit voraus, da sie Vorläufer des Konzepts
der Ökologie und Nachhaltigkeit waren.

Der arkadische Archetyp stellt ein drittes Element dar, das mit Morris' Text gemeinsam ist:
das Glück seiner Bewohner in Unschuld. Bei wiederholten Gelegenheiten behaupten die
Bewohner, die Vision des Gastreisenden seien nicht zu verstehen: „My dear guest, I really
don't know what you mean by either cockneys, or flunkies, or thieves, or damned; or how
only a few people could live happily and comfortably in a wealthy country”89. Die Bewohner
der Utopie haben keine Vorstellung von der so genannten korrupten Gesellschaft, da sie in
einer Gesellschaft geboren wurden, die von Grund auf neu aufgebaut wurde und in der sich
die sozialen Paradigmen regeneriert haben, während sie sich an das erinnern, was Aristoteles
von seiner Vorstellung des Glücks ausschließt, wie die Unschuld von Kindern oder Tieren.
Diese Unschuld ist, wie bereits erwähnt, typisch für die Idylle und für das goldene Zeitalter
vor dem Sündenfall, das man auch schon früher gesehen hat, nicht nur aus Nostalgie nach
dem verlorenen Paradies, sondern als möglichen utopischen Zustand für die Zukunft. „Für
Schiller bedeutet Arkadien das Kindheitsalter der Welt, das notwendigerweise zu überwinden
war, um ein utopisches Ziel humaner Selbstverwirklichung zu eröffnen.”90 Auch die
Romantik zeichnete sich durch ihren Idealismus und durch die Einbeziehung utopischer
Elemente aus, nicht umsonst hat William Morris auch das Attribut "romantisch " erhalten.

88
Vgl. Bettin Gianfranco. Los sociólogos de la ciudad. Barcelona, Editorial Gustavo Gili, 1982.
89
Morris.News from Nowhere. S. 246
90
Maisak. Arkadien. S. 215
48
Als letztes Element des arkadischen Glücks gibt es in News from Nowhere die idyllische
Romantik, das Sinnliche und das Festliche. Am dritten Tag seiner Reise erlebt der Einreisende
eine Liebesaffäre mit einer Bewohnerin seiner Utopie, Helen, deren Name die mythische
griechische Schönheit verkörpert und so die Geschichte als Romanze um ein weiteres
idyllisches Element ergänzt. Am Ende der Reise feiert der Gast mit den Figuren, die er auf
seiner Reise kennen gelernt hat, bei Essen, Musik und Gesang, wobei er ausdrücklich den
pastoralen Charakter der Reise erwähnt: „The other young people sang also in due time; and
then Ellen showed us to our beds in small cottage chambers, fragrant and clean as the ideal of
the old pastoral poets; and the pleasure of the evening quite extinguished my fear of the last
night”91

Die Spontaneität der freien Liebe, auch charakteristisch der Idyle und der arkadischen
Atmosphäre, spiegelt sich auch im Kapitel 9 Concerning Love wider. Darin macht er deutlich,
dass es zu ihrem Glück gehört, auf gesellschaftliche Konventionen in Bezug auf die Liebe zu
verzichten, ohne die reine Natur ihrer Beziehungen zu verlieren.

4.2.4 Entfremdung und Selbstverwirklichung in der Kunst

Seit dem Aufkommen der Utopien hat sich die Beziehung zwischen ihrem Ansatz und einem
humanistischen und sozialistischen Inhalt etabliert. Sie gelten als humanistisch, weil, wie
bereits erwähnt, die Utopie von Thomas More im Kontext des Renaissance-Humanismus
entsteht. In dieser Bewegung wurde sie durch das Wiederlesen und Übersetzen in die
griechische Literatur und Philosophie, insbesondere Platon, wiedergewonnen. In der Zeit der
Renaissance taucht der Begriff Humanismus auf, weil man damals mit besonderer Wucht
davon ausging, dass der Mensch sich so weit wie möglich zu dem entwickeln sollte, was er
war, dass er seine schöpferischen Fähigkeiten entfalten sollte. Es ist das Bild des Menschen
als Prometheus, des Menschen als ein Halbgott, der sich durch seine Intelligenz und sein
Werk auch selbst erschaffen würde, das hier wiederhervorgegekhrt wird. Das Ideal des
Menschen in der Renaissance wird durch das Genie von Leonardo Da Vinci verkörpert, der
das Paradigma des homo universalis vertritt. Da Vinci, der Philosoph, Maler, Architekt und
Ingenieur war, ist der Mann, der keine Grenzen kennt und die integrale Entwicklung eines
Universalgenies erreicht.92 Obwohl das Phänomen der Renaissance in Italien deutlicher zum
91
Morris.News from Nowhere. S. 240
92
Vgl. Santidrán Pedro. Introducción in Humanismo y Renacimiento. Lorenzo Valla, Marsilio Ficino, et al.
Madrid: Alianza Editorial, 1996.
49
Vorschein kan, ist es ein europäisches Phänomen, das auch englische Philosophen und
Schriftsteller beeinflusste. Das Werk und Konzept der Utopie von Thomas More gilt an sich
als humanistisch, da es von der Idee ausgeht, dass es wünschenswert ist, eine höhere Stufe in
der Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten zu erreichen. In diesem Sinne besteht ein
klarer Zusammenhang zwischen Aristoteles' Konzept der Tugend, das bereits oben erwähnt
wurde, und dem Hauptbekenntnis des Humanismus: die maximale Entwicklung der
menschlichen Fähigkeiten. Man kann also bestätigen, dass in dieser Entwicklung, in dieser
humanistischen Absicht die Suche nach dem Glück immanent ist.

Die Idee des vollkommenen Menschen, Schöpfer und Selbstschöpfer, die dem Humanismus
eigen ist, findet sich auch im marxistischen Konzept der Selbstverwirklichung, was nicht
verwunderlich ist, da die marxistische Theorie nicht nur eine Analysemethode vorschlägt,
sondern vor allem ein Vorschlag ist, der darauf abzielt, Werkzeuge für die Befreiung und
Emanzipation des Menschen bereitzustellen, was sie ist zutiefst humanistisch macht. In
diesem Sinne kann auch behauptet werden, dass sie die Ansicht einer Beziehung zwischen
Aristoteles' Begriff der Tugend und dem Glück teilt oder zumindest auch nahelegt. An dieser
Stelle ist es notwendig, die Idee des Menschen bei Marx herauszuarbeiten und zu
untersuchen, inwiefernsie sich in Morris' Text niederschägt.

Wie oben erwähnt, stützte sich William Morris auch auf die marxistische Theorie, so dass er
zu der Zeit, als er News from Nowhere schreibt, bereits ein Verständnis dieser Ideen hat und
sich selbst als Kommunist betrachtet. Morris stellt den eher philosophischen Aspekt des
Marxismus über die wirtschaftliche Analyse und visualisiert durch seine Utopie, was für ihn
eine der wichtigsten Motivationen im Marxismus ist: „Vor allen Dingen waren für Marx
Arbeit und Kapital nicht lediglich ökonomische Kategorien. Sie waren für ihn vielmehr
anthropologische Kategorien, die von seiner humanistischen Wertung her bestimmt waren.”93

Morris glaubt, dass die Emanzipation des Menschen eine höhere Stufe ist, die ihn dem Glück
und dem guten Leben näherbringt, und für ihn ist es von größter Wichtigkeit, diesen Teil der
Sensibilität, der Emotionen und der Schönheit in die revolutionäre Idee zu integrieren. Diese
Perspektive ist sehr deutlich dank der Meinung, dass Morris in einer Kritik von Edward
Bellamys Looking Backward Utopia schrieb. Die Darstellung von Bellamy irritierte Morris
sehr, weil sie den zukünftigen Sozialismus als mechanisch, als „unmixed modern, unhistoric,
unartistic”94 beschrieb. In der Tat verursachte Bellamys Roman bei Morris so viel

93
Fromm Erich. Das Menschenbild bei Marx: mit den wichtigsten Teilen der Frühschriften von Karl Marx.
Gießen: Psychosozial-Verlag, 2018. S. 55
94
Krishan Kumar. Introduction S. XXI
50
Beunruhigung, dass man ihn den Auslöser nennen könnte, der Morris zu News from Nowhere
inspirierte. Er hielt die sensible und grundlegende phantasievolle Übung für die Ausrichtung
der kommunistischen Praxis für äußerst wichtig. Dennoch ist es angebracht, klarzustellen,
dass sich Morris' Utopie darauf konzentriert, drei zentrale Elemente der marxistischen Theorie
zu illustrieren: Arbeit, Entfremdung und Selbstverwirklichung.

Marx und Engels beobachteten, dass eine der Folgen der Industrie und der Art der Arbeit, die
die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken verrichteten, das Phänomen der Entfremdung
bei den Arbeitern verursachte. Diesen Begriff hat Marx von Hegel übernommen und
beschreibt die Nicht Anerkennung des Eigenen, das Fremdwerden und die Entäuserung des
Eigenen selbst. In der kapitalistischen Industrie entfremdet sich der Arbeiter, da er, indem er
nichts als seine Arbeitskraft leiht, erstens weder am Schaffensprozess des Produkts, das heißt,
an seiner Konzeption, noch an seinem Konsum teilnimmt, da es zweitens keine direkte
Beziehung mehr zwischen Produzent und Konsument gibt, noch an seinem Gebrauch, da
drittens in der Industrie massiv produziert wird und da viertens das Produkt nicht ihm gehört,
wodurch der Arbeiter das einzige verliert, was ihm von Natur aus gehört, nämlich das, was
seine Arbeitskraft verwandelt hat.95

Der Arbeiter in der Fabrik wird in dem Maße entmenschlicht, dass er nur noch ein Teil der
Produktionsmaschinerie ist und auch, weil die menschliche Arbeit ihren ursprünglichen Sinn,
nämlich die schöpferische Tätigkeit, verliert. Der Mensch erkennt sich in seiner Arbeit nicht
wieder, womit sie zu einer Tätigkeit wird, die weit von der natürlichen Absicht aller Arbeit
entfernt ist. Deshalb wird bekräftigt, dass „für Marx ist die Entfremdung innerhalb des
Arbeitsprozesses die Entfremdung vom Produkt der Arbeit und von den Umständen,
untrennbar verbunden mit der Entfremdung von sich selbst [ist], vom Mitmenschen und von
der Natur.”96 Die Bedingung der entfremdeten Arbeit ist einer der Hauptkritikpunkte des
Marxismus. Zu überkommen versucht er dieses Problem mit der Abschaffung des
Privateigentums, der Verstaatlichung der Produktionsmittel, dem politischen Bewusstsein der
Arbeiterklasse und vor allem mit dem Endziel allen Kampfes und aller Emanzipation: der
Selbstverwirklichung aller Menschen.

Natürlich kann Selbstverwirklichung aus dieser Perspektive nur durch Klassenkampf erreicht
werden, und nicht notwendigerweise durch einen friedlichen Kampf. In News from Nowhere
beinhaltet die Transformation einen narrativen Moment der Geschichte, in dem Morris seine
Position zum Klassenkampf deutlich macht. Die Utopie kostete das Leid des Krieges, den
95
Vgl. Henning Christoph. Theorien der Entfremdung zur Einführung. Hamburg: Junius, 2015.
96
Fromm Erich. Das Menschenbild bei Marx. S. 68.
51
Hunger und die Sorgen einer ganzen Generation, und aus diesem Opfer entsteht die neue
Gesellschaft.

Gerade in der Selbstverwirklichung spielt die Utopie eine fundamentale Rolle, denn um dieser
Zukunft, dem Ende der Emanzipation entgegenzugehen, muss man sich von vornherein
vorstellen, inwiefern diese utopische Gesellschaft besser wäre als die gegenwärtige, denn es
wäre sicher ein Fehler, für eine Emanzipation zu kämpfen, ohne zu wissen, wie die Zukunft
dahinter aussieht. Die ersten Utopien stellten sich ein anderes Gesellschaftssystem vor,
betrachteten die Gesellschaft mit etwas Distanz. Die neuen Utopien hingegen müssen
darüberhinausgehen und sich die Früchte der Selbstverwirklichung vorstellen. Morris
versuchte, sich so detailliert wie möglich eine Welt vorzustellen, in der die Menschen frei von
entfremdeter Arbeit sind, eine Welt, in der die Beziehung zwischen dem Schöpfer des
Produkts so eng ist wie sein eigenes einzigartiges Kunstwerk.

4.2.5 Selbstverwirklichung in der Kunst und ästhetisches Vergnügen

Der Blick, den Morris sowohl von den Präraffaeliten als auch von Ruskin annahm, ließ ihn
große Bewunderung für die Ästhetik des Mittelalters empfinden, insbesondere die gotischen
Kathedralen schienen ihm ein Zeichen ihrer Größe zu sein. Gerade diese Rückbesinnung auf
das Mittelalter verleiht seiner Vision von Kunst einen romantischen Charakter, eine
Bewunderung, die sich in den Beschreibungen des utopischen Raums in News from Nowhere
widerspiegelt: „[T]heir construction so like mediaeval houses of the same materials that I
fairly felt as if I were alive in the fourteenth century”97

Morris erkannte aber auch die dunkle Seite dieser Zeit und hatte nicht gerade eine idealisierte
Rezeption des Mittelalters, wie es oft in der Romantik der Fall ist. Im Gegensatz zu den
Romantikern interessierte Morris vor allem die handwerkliche Arbeit der damaligen Zeit, die
Handwerkerzünfte und ihre Produktionsformen. Die Organisation und die Beziehung, die die
Gruppen von Handwerkern zu ihrem Produkt und zu denjenigen, an die sie es verteilten,
hatten einen viel persönlicheren Charakter. Morris glaubte, dass handwerkliches Können auf
ein viel höheres Niveau gebracht werden könnte. Aus diesem Grund widmete er einen guten
Teil seines Lebens der Herstellung qualitativ hochwertiger Wandteppiche und Skulpturen,
97
Morris. News from Nowhere. S.36
52
was natürlich im Einklang mit den Prinzipien der Gruppe stand, zu der er gehörte: „[T]he Pre-
Raphalites insisted that beauty and utility were not separate things. They fought against the
anonymity, standarization and mechanization of mass production.”98

Offensichtlich sind seine einfühlsame Idee und seine Art, sich den Sozialismus vorzustellen,
etwas sehr Persönliches, da er die Kunst und auch jede schöpferische oder künstlerische
Arbeit mit Glück und Vergnügen verband:

[A] man at work, making something which he feels will exist because he is working at it and wills it, is
exercising the energies of his mind and soul as well as his body. Memory and imagination help him as he
works. Not only his own thoughts, but the thoughts of the men of past ages guide his hands; and, as a part
of the human race, he creates. If he work thus we shall be men, and our days will be happy eventful. Thus
worthy work carries with it the hope of pleasure in rest, the hope of the pleasure in our using what it
makes, and the hope of pleasure in our daily creative skill. All other work but this is worthless. 99

Morris wollte diese Art des Kunsthandwerks allen Menschen nahebringen, er wollte, dass die
alltäglichen Dinge schön sind, dass jedes einzelne von ihnen ein einzigartiges Kunstwerk ist,
so dass sowohl diejenigen, die die hochwertigen Objekte herstellen, als auch diejenigen, die
sich mit ihnen umgeben, auf diese Weise ein größeres Wissen und eine größere Sensibilität
für Kunst erwerben können. Morris war seiner Zeit voraus und seine Vision von Kunst
ähnelte der marxistischen, die beispielsweise Walter Benjamin erst viel später beschrieb.
Morris stellte sich eine Gesellschaft vor, in der jeder ein Künstler sein konnte: „Morris came
to believe that without the freedom and equality promised by socialism, art should shrivel and
die. There could not be an art for the few, an art isolated and exclusive, cut off from the
general life of society.”100 Die Idee einer in den Alltag, in Gebrauchsgegenstände integrierten
Kunst deckt sich auch mit Benjamins Perspektive, dass Kunst außerhalb des Museums oder
der Institution stattfinden kann und soll, tatsächlich auf den Straßen existieren, Teil der
Öffentlichkeit sein und alle Aspekte des Lebens schmücken soll, wie es in News from
Nowhere erscheint: „This whole mass of architecture which we had come upon so suddenly
from amidst the pleasant fields was not only exquisitely beautiful in itself, but it bore upon it
the expression of such generosity and abundance of life that I was exhilarated to a pitch that I
had never yet reached”101

In den Beschreibungen Londons der Ich-Erzähler wird auch erwähnt, dass die Kleidung und
alle Gegenstände, die der Reisende bewundert, von großer Qualität sind und so eine
98
Krishan. Introduction S. IX
99
William Morris. The collected works of William Morris. ed. May Morris, 24 vols. London: Longmans,
Green&Co, 1910. vol, 23,S. 100.
100
Krishan.Introduction. S. XII
101
Morris. News from Nowhere. S. 37
53
Atmosphäre des Vergnügens und des ästhetischen Genusses schaffen. Von Schönheit
umgeben zu sein, ist für ihn gleichbedeutend mit Glück, „the aim of Art is to increase the
happiness of men, by giving them beauty and interest of incident to amuse their leisure…” 102
Morris reiht sich mit dieser Aussage in eine schon bestehende Tradition ein, denn die
Assoziation von Glück und Schönheit ist schon in der Antike verbreitet.

In seinem Symposium stellt Platon fest, dass alles Gute schön ist, und dass das, was schön,
aber nicht gut ist, keine für den Menschen wünschenswerte Schönheit ist. 103 Diese Idee wird
nicht nur von Platon, sondern auch von Aristoteles unterstützt, weshalb man sagen kann, dass
in der Antike Schönheit eine moralische Konnotation hat, da mit ihr Güte und Freundlichkeit
einhergehen, und dass das Schlechte, Nutzlose oder Unzulängliche nicht als etwas Schönes
akzeptiert werden kann. Es ist wichtig zu bemerken, dass diese Konzeption der Ästhetik ganz
unterschiedlich zu dem der Moderne oder heute als schön angesehen wird.

Diese Vorstellung von Schönheit, die einen moralischen Aspekt einschließt, schwingt bei der
Einbeziehung des Schönen in Morris' Utopie mit, in der die Tugenden des Menschen, also
alles, was seinem menschlichen Potenzial entspricht, gleichzeitig schön ist; sie verweist sogar
deutlich auf Platons Vorstellung vom Menschen, der das Schöne hervorbringt, um etwas zu
schaffen, das immer schön und gut ist: „[T]hey believe that a child born from the natural and
healthy love between a man and a woman, even if that be transient, is likely to turn out better
in all ways, and especially in bodily beauty, than the birth of the respectable commercial
marriage bed, or of the dull despair of the drudge of that system.”104

In diesem Sinne ist Schönheit etwas Positives, gut für den Menschen und daher angenehm.
Hier wird sie mit positiven, mit dem Glück zusammenhängenden Emotionen assoziiert,
Schönheit wird über die Sinne wahrgenommen und erzeugt ästhetischen Genuss und Freude.
Bzw. der Rausch wird als positive, mit dem Glück zusammenhängende Stimmung. 105 Das
Glück wird auch im Körper erfahren durch die Sinne und den Genuss, durch die Kunst
werden sowohl die Körperliche Genuss, als auch der geistige Genuss befriedigt, die Seele
findet in der Kreativität Erfüllung. Aristoteles schließt auch die Kontemplation der Kunst in
den Aktivitäten, die Freude bringen ein, aber sie ist sogar auf eine selbe Ebene, weil sie
Zwecklos ist, es ist ein Gut an sich.

102
Morris, Works, vol. 23 S. 84.
103
Vgl. Platon. Symposion in Sämtliche Werke 2. Hamburg: Rowohlt, 1957.
104
Morris. News from Nowhere. S. 99
105
Vgl. Menke Christoph. Glück und Schönheit zwischen Anschauung und Rausch in Glück. Ein
interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart: J.B Metzler, 2003.
54
4.3 Über das Leiden in The Dispossessed

4.3.1 Das Leiden

Die literarische Utopie hat ihr Ursprung und möglicherweise ihr erster Aufschwung in der
Renaissance, mit dem Werk von Thomas More, im Rahmen der humanistischen Bewegung.
Die Utopien jener Zeit kommen mit dem Aufkommen der Moderne und dem Glauben an den
Fortschritt zusammen. Die Utopie ist von Anfang an mit der Suche nach dem guten Leben,
und Glück verbunden. Wie bereits erwähnt, ist das Glück ein emotionales Element, das häufig
den Diskurs der Utopie und des vorgeschlagenen utopischen Modells unterstützt und
legitimiert, sei es als Genuss, Zufriedenheit, Selbstverwirklichung, Frieden oder
Gleichgewicht in einer Gesellschaft; in jedem Fall wird das Leben in der Utopie auf das
positive emotionale Spektrum gesetzt, während im umgekehrten Fall die Dystopie gewöhnlich
mit dem negativen emotionalen Spektrum assoziiert wird, weil es sich um eine unerwünschte
Realität handelt.

In diesem Sinne hat das Glück und das Gute Leben auch eine deutliche oppositionelle
Beziehung zum Leiden: „[H]appiness [is] the absence of pain.” 106 Das Leiden erscheint
besonders mit der Entstehung der Moderne als etwas unerwünschtes, Sznaider betont, dass
„Humanitarian efforts in every field of reform during the last two centuries have been mostly
concerned with the abolition of pain.”107

In der westlichen Kultur gibt es eine ständige Suche nach dem Glück. Mit der Ankunft des
Kapitalismus ist sogar das Glück zur Ware geworden, durch Konsum, Reichtum, gemütliches
und sicheres Leben, Wellness und Gesundheit. Ab der Moderne, mit der Wissenschaft wird
jeder Schmerz und jedes Leiden bekämpft und vermeidet. Die Kaufkraft erlaubt es, das
Leiden eines schlechten Lebens zu vermeiden und jede Krankheit zu behandeln oder
zumindest Schmerzen zu lindern. Daher gilt, wie das Glück als Rechtfertigung eines guten
Lebensmodell, das Leiden als Zeichen einer gescheiterten Gesellschaft, so deutlich, dass zum
Beispiel mit der Selbstmordrate der Wohlstand und die Zufriedenheit eines Staates bemessen
werden kann.108

106
Sznaider Natan. The compassionate temperament: care and cruelty in modern society. Lanham, Md: Rowman
& Littlefield, 2001. S. 25
107
Ebd.
108
Vgl. Durkheim Emile. Der Selbstmord. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1987.
55
Leiden wird auch oft als eine Reaktion von Schmerz definiert, besonders wenn der Schmerz
dauerhaft wird. Zwar gibt es eine enge Beziehung zwischen Schmerz und Leiden, müssen sie
nicht immer gleichzeitig geschehen. Der Schmerz findet oft im Körper statt, es ist in einem
Glied oder Teil des Körpers lokalisierbar. das Leiden dagegen findet nicht an einem
bestimmten Ort statt, sondern ist eher ein emotionales Gefühl. Auch die Dauer speilt eine
Rolle: So längerer Dauer zum Beispiel führen chronische Schmerzen zu einem Leiden,
darüber hinaus ist der Schmerz tendenziell individuell, während das Leiden ist mehr kollektiv:

Suffering can be expressed, pains cannot. As a consequence, we can have compassion for the suffering of
others, not for their pains. The relation between pain and suffering is akin to the relation between danger
and fear, injustice and indignation, wrongdoing and guilt: suffering is the correct reaction to pain.109

Es kann behauptet werden, dass der Schmerz dem Individuum gehört, es ist individuell und
nicht kollektiv. Diesbezüglich beschreibt Bakan ein Paradox in der Funktion des Schmerzes
für das Leben oder den Tod, der Schmerz in seiner sozialen Funktion im Rahmen eines
darwinistischen Sinns des Überlebens. Es ist ein Paradox, denn Schmerz kann zwei
oppositionelle Funktionen haben: Einerseits bereitet den Tod vor, andererseits drückt sich aus
in der Suche nach Hilfe und Aufmerksamkeit.110
Der Schmerz kann nicht genau beschrieben oder erklärt werden, noch kann er von jemand
anderem, nur von dem Betroffenen, verstanden oder geteilt werden, da er etwas Individuelles
ist, deswegen kann man behauptet werden, dass der Schmerz isoliert.
Der Schmerz zerstört die Kraft des Einzelnen, den Appetit und die Fähigkeit, über andere
Dinge als das Ende des Schmerzes nachzudenken, zunichte macht, deswegen bereitet auf den
Tod vor. Gleichzeitig kann sich der Schmerz nur durch Weinen oder Schreien vor Schmerz
ausdrücken, mit dem Ziel, sich von anderen helfen und bedienen zu lassen, d.h. er ist ein
Mittel zum Überleben.
Der Schmerz beinhaltet immer Fragen, Bedeutung. Das Subjekt fragt sich immer warum es
passiert und sucht eine Lösung oder ein Ende dafür; diese Charakteristika haben auch Leiden
und Schmerz zusammen, sie herausfordern Bedeutung zu finden und eine Aktion zu nehmen,
genau deswegen ist es möglich über das Leiden und der Schmerz als eine transformierende
Kraft gesprochen werden.
Aber das Leiden existiert nicht nur in Bezug auf den Schmerz, sondern auf andere Emotionen
oder Gefühle des negativen Spektrums, wie Ärger, Furcht, Trauer, Angst, Hunger oder
109
Bain David, Michael Brady und Jennifer Corns. Philosophy of suffering: metaphysics, value, and normativity.
London: Routledge, 2020. S. 5
110
Bakan David. Disease, pain, and sacrifice: toward a psychology of suffering. Chicago [u.a.]: Univ. of
Chicago Pr., 1968
56
Erschöpfung. Es wird unter einer unangenehmen Situation gelitten, die nicht unbedingt
schmerzvoll ist, beispielsweise kann man unter Langeweile leiden, oder vor ständigen Angst.
das Leiden ist nicht unbedingt innerlich, wie der Schmerz, der auch unerklärbar ist, sondern es
geht um eine Person in der Welt, um ihr Dasein, aus diesem Grund kann das Leiden, wie das
Glück als eine Stimmung bezeichnet werden, eben, weil es um die Wirkung der Umgebung
auf dem Individuum geht.111

Während das Glück wird gesucht, das Leiden ist negativ und wird vermeidet, das Glück
motiviert und das erwünschen bewegt dem Individuum, jedoch das Leiden auch, sogar auf
eine dringende Weise. Das Leiden beinhaltet auch eine Funktion und ist Lebenskraft, auf eine
narrative Ebene hat das Leiden oft viel geleistet, wie etwa in der Tragödie, in dem Realismus.
Die Bewegungskraft des Leidens ist in der Kraft der Transformation sehbar und auf diese
Weise spielt auch eine wichtige Rolle, als es in der Utopie aufgenommen wurde.

4.3.2 Das Leiden in Le Guin´s Utopie

The Dispossessed unterscheidet sich von anderen Utopien und zeichnet sich vor allem durch
das Element aus, dass sie als „ambiguos" bezeichnet ist; beim Lesen des Werkes hat man
zunächst das unmittelbare Gefühl, dass es sich nicht um eine Utopie, sondern um eine
dystopische Welt handelt, da es eine Welt beschreibt, der es an natürlicher idyllischer
Schönheit mangelt.

Wie bereits im vorigen Kapitel erwähnt wurde, zeigen viele Utopien die ideale Welt, die
notwendigerweise mit positiven Gefühlen verbunden ist. Die Utopie ist der Raum, der das
Glück ermöglicht, es wird als absolut perfekt beschrieben, etwas das oft kritisch gesehen
wurde. In der Utopie gibt es beim Leser Zweifel, weil diese als ein unwirklicher Traum
erscheint: „It is hard to conceive of a social order so complete and satisfactory that it would
rob us of the necessity of having recourse, from time to time, to an imaginary world in which
our sufferings could be purged or our delights heightened.” 112 Der Leser kann sich die Welt in
absoluten Zahlen kaum vorstellen.

Le Guins Utopie, im Vergleich zu anderen klassischen Utopien, benutzt nicht das Glück, um
ihre Utopie zu unterstützen und sie wünschenswert zu machen. Statt sich auf das zu

111
Vgl. Bakan David. Disease, pain, and sacrifice.
112
Mumford. Lewis.The story of utopias. S. 20
57
erreichende Ziel, auf die vollendete und sich selbst regulierende Utopie zu wenden,
konzentriert sie sich mehr auf den Prozess der Umbruch, auf die Befreiung, auf den Weg zur
Utopie und auf den Kampf. Ihre Utopie umfasst dystopische Elemente, ohne aufzuhören, die
notwendigen Elemente zu erfüllen, um sie als Utopie zu betrachten, denn sie fokussiert sich
auf die Moral, mehr als auf einen sinnlichen und idyllischen Raum, sie eignet sich den
Schmerz an, um ihn als wichtiges Element der Transformation zu zeigen, sie verteidigt ihn als
Bestandteil und wesentlichen Teil des Menschen, dafür benutzt sie Emotionen des negativen
Spektrums, und gewinnt diese wieder dadurch. Diese Entscheidung von Le Guin bringt auch
Komplexität und Wahrhaftigkeit in ihre Geschichte und macht sie zu einer vieldeutigen
Utopie, die gleichzeitig kritisch und neuartig ist.

Die Originalität und Perspektive Le Guins beeinflusste auch spätere Utopien wie Samuel
Selanys Triton, der ebenfalls negative Emotionen als Motiv verwendete. Dieses Werk gilt als
eine Antwort auf Le Guins Die Besitzlosen, was durch den Untertitel Eine zweideutige
Heterotopie bestätigt wird, in dem Peter Fitting darauf hinweist, dass „Delany’s world of an
unhappy character in a world of comfort is in stark contrast to the hardship world that Le Guin
creates in The Dispossessed”113

Man könnte sagen, dass die Einbeziehung des Schmerzes in ihre Konzeption der Utopie sie in
ein Gleichgewicht zwischen dem negativen und dem positiven Gefühl bringt und auch zeigt,
wie sie die menschliche Natur versteht:

It exists, Shevek said, spreading out his hands. It is real. I can call it a misunderstanding, but I can't
pretend that it doesn't exist. Suffering is a condition on which we live...Of course it is right to cure
diseases, to prevent hunger and injustice, as the social organism does. But no society can change the
nature of existence. We can't prevent suffering. This pain and that pain, yes, but not pain. A society can
only relieve social suffering, unnecessary suffering. The rest remains. 114

Dieses Zitat offenbart die Absicht der Autorin, den Schmerz in ihre Utopie zu integrieren und
das transformative Potenzial zu erforschen, das das Leiden in sich birgt. Die Tatsache, dass
die Bedeutung von Schmerz und Leiden im Text diskutiert wird, zeigt ein direktes Thema des
Emotionalen im Werk und seine Bedeutung für die Geschichte, aber auch andere Emotionen
aus dem negativen Spektrum finden sich in der Erzählung und ergänzen den Sinn ihrer
Gesamtheit, nicht direkt, aber in den Ereignissen der Geschichte wird das Leiden auch in der
Handlung dargestellt.
Es gibt vier Hauptaspekte des Leidens, die für Le Guins Utopie relevant sind: Zum einen die
Angst, die der Hauptdarsteller Shevek empfindet, wenn er die Freiheit in seiner Welt von
113
Fitting Peter. Utopia and Science Fiction.S. 145
114
Le Guin. K Ursula. The Dispossessed. S.
58
Anarres in Frage stellt und nach Veränderung sucht; seine kritische Haltung gegenüber einer
alternativen Welt versetzt ihn in eine Position des Dissens und der Aufopferung, was sich in
der Geschichte der Entstehung von Anarres wiederholt; diese werden als individuelle
Emotionen platziert. Auf kollektive Weise oder als Emotionen der Öffentlichkeit können die
äußeren Ursachen des Leidens in Anarres und das Leiden selbst als Generator von Solidarität
und gegenseitiger Hilfe beobachtet werden.

In der Utopie von Le Guin hat auch das Leiden wie die Hoffnung eine religiöse Referenz in
der geschichtlichen Aspekt der diegetischen Zeit; das Leiden motivierte einen Aufstand, eine
Bewegung von den ursprünglichen Verfolger von “der Prophetin” Odo in einem besseren Ort,
in die versprochene Utopie, die wird mit einem Exodus nach Anarres, die Hoffnung spielt hier
eine Rolle auch und danach, das Leben in Anarres soll ein tugendes Leben darstellen. Die
Tugend wird hier wichtiger als das Genießen, die Utopie hier ist nicht sinnlich, sondern vor
allem strebt danach, angesichts aller Hindernisse moralische Tugend zu zeigen. Die
dystopischen Elemente von Le Guins Welt versuchen eine reine Tugend zu zeigen und sie
fokussiert sich sehr auf den negativen Aspekten und die Suche nach Hoffnung, das Glück
bleibt außer der Geschichte und lässt im Leser den Wunsch nach ihm.

4.3.3 Angst in der Suche nach Freiheit

„There was a wall.” lautet der ersten Satz des Romans, der Satz macht eine klare Referenz auf
die erste Charakteristik aller Utopien, die Entfernung und Isolation von der realen Welt, aber
gleichzeitig beinhaltet die Idee, dass eine Mauer auch ein Gefängnis oder eine Grenze
symbolisieren kann. Dieses Symbol erscheint in der Geschichte, weil die Suche nach Freiheit
und Revolution das wichtigste Element des Botschafts von Le Guin ist, es deutet die
dynamische Darstellung des Universums und der Narrative an, die Autorin gibt den Hinweis,
„Like all walls it was ambiguous, two-faced. What was inside it and what was outside it
depended upon which side of it you were on.”115

Im Unterschied zu anderen Utopien gibt es im Universum von The Dispossessed eine


Dynamik in der Vorstellung und Reise der Utopie. Die Hauptperson, der Held der Geschichte
will die Utopie verlassen und etwas draußen suchen. Diese Formel impliziert bereits die
115
Le Guin Ursula K.. The Dispossessed. S. 1
59
Unterwanderung einiger für literarische Utopien typischer Erzählelemente, einige Dinge in
diesem Universum geschehen in umgekehrter Weise, Schönheit und Verheißung befinden
sich zu Beginn außerhalb der Utopie und der Leser ist verwirrt, doch dies ist eindeutig
beabsichtigt, der Text lädt dazu ein, den Begriff der Utopie zu hinterfragen, und aus diesem
Grund ist es angebracht, ihn als kritische Utopie zu bezeichnen.

Die Hauptfigur, Shevek, verlässt Anarres, weil er tief im Inneren eine starke Unzufriedenheit
spürt, die immer mehr wächst, so dass sie ihn zutiefst berührt und ihn in einem Zustand von
Verzweiflung und Suche nach Sinn nimmt: „Shevek looked at his friend and said, blurted out,
what he had never been able to say clearly to himself: I´ve thought of suicide. A good deal.
This year. It seems the best way.”116 Shevek befindet sich in einem Zustand des Leidens
wegen etwas, das nicht offensichtlich ist, es ist kein Objekt, das seinen Gefühlszustand
erzeugt, und es ist auch keine vorübergehende Emotion, sondern es ist ein tieferes und länger
anhaltendes Unwohlsein, das mit seiner Umgebung, mit seiner Beziehung zur Welt
zusammenhängt: es ist eine Stimmung. Shevek empfindet die Unfreiheit als Krankheit seiner
Welt und sein Leiden als Symptom: „Change is freedom, change is life-is anything more basic
to Odonian thought than that? But nothing changes any more! Our society is sick. You know
it. Your suffering is sickness. Its suicidal sickness!”117 Zweifellos ist hier die Idee von
Selbstmord in der Utopie verwirrend, einer der kritischen Zeichen, das am klarsten erscheint.

Die Mauer, die er eingangs erwähnt, ist nicht nur die physische und politische Grenze der
Welt in Anarres, sie ist auch eine Grenze der Normativität, sie ist das Dogma, das die
odonische Gesellschaft einschränkt, der Shevek gegenübersteht, indem er die Regeln bricht
und versucht, sich auf die Suche nach etwas zu machen, das er nicht kennt. Die Regulierung
ist Unterdrückung geworden, aber in Anarres gibt es keine Staat oder zentralisierte Macht, die
die Bürger unterdrückt, sondern es ist die Trägheit der Massen, die demokratische Meinung
verwandelte sich in Dummheit und Ignoranz, und in gewisser Weise auch die Angst vor der
Freiheit: „Weve let cooperation become obedience...The social conscience isn´t a living thing
any more, but a machine, a power machine, controlled by bureaucrats!” 118 Mit diesem Satz Le
Guin gelingt ein Beispiel als Kritik zu einer Demokratie, die ohne echte Freiheit und ohne
kritisches Denken ist.

Sheveks kritische Haltung verwandelt sich bald in Dissidenz, er spricht nicht den
herrschenden Diskurs gegenüber, da dieser Diskurs das ist, was er selbst mit Vehemenz

116
Ebd. S. 164.
117
Ebd. S. 166.
118
Ebd. S. 167.
60
bekennt und glaubt, er versteht jedoch, dass die Theorie in der Praxis etwas verloren hat.
Außerhalb des herrschenden Diskurses oder der dominanten Kultur zu leben und nach einem
Sinn zu suchen, ist das, was den Dissidenten charakterisiert und notwendigerweise an eine
soziale Isolation grenzt, weil es nicht mit den Positionen der Massen übereinstimmt, führt ihn
zur Nichtzugehörigkeit und zur Angst.

Zu diesem Punkt weist Erich Fromm darauf hin, dass es im Menschen zwei gegensätzliche
Bedürfnisse gibt, zum einen das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und zum anderen das
Bedürfnis, die dem Menschen innewohnende Individualität bei der Suche nach Freiheit zu
bekräftigen. Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit ist stark, weil es die Anerkennung des in
anderen reflektierten Selbst bekräftigt, es schafft Sicherheit, aber es schränkt durch das
Normative auch die Differenz und den Dissens ein, die Zugehörigkeit schränkt die Freiheit
ein. Die Isolierung von Meinungsverschiedenheiten erzeugt große Qualen im Individuum,
“fehlende Beziehung zu Werten, Symbolen oder bestimmten Verhaltensmustern können wir
als »seelische Vereinsamung« bezeichnen. Diese ist ebenso unerträglich wie die körperliche
Vereinsamung.”119 Einsamkeit ist zweifellos einer der Zustände, die mehr Leid erzeugen
können, da der Mensch ein soziales Wesen ist, für das Überleben das Zusammen mit anderen
sein extrem wichtig ist, etwas das offensichtlich von Natur aus besteht; es gibt aber auch
existentielle Gründe dafür, denn wenn man sich selbst allein sieht, kann es sich nicht in
anderen widerspiegeln, man fühlt sich unsicher und zweifelt an der Gültigkeit seiner
Entscheidungen.

Die Dissidenz ist für Shevek die Suche nach Sinn, nach Freiheit für ihn und für die
Einwohner von Anarres, seine Entscheidung erinnert den Leser, dass die Geschichte der
Menschen in der Bibel mit Ungehorsamkeit angefangen hat, mit ihrer Tat sind sie frei
geworden, aber gleichzeitig von Gott verlassen.

Die Freiheit ist zweifellos ein wichtiges Motiv in Le Guins Geschichte, und die Art und
Weise, wie sie es formuliert, macht deutlich, dass die Autorin von einer westlichen und
anarchistischen Sichtweise ausgeht, da diese tief in einer Philosophie des Individuums
verwurzelt ist. Das Subjekt findet Freiheit in der Dissidenz, in der Bejahung seiner
Individualität und betont weniger eine Philosophie der Kollektivität, der Interdependenz.

Der Protagonist wählt eine Reise in das Unbekannte, mit dem übt er seine Freiheit aus, aber
gerät in einem Zustand von Angst und Leiden, er nimmt das Risiko, indem er sich selbst
opfert, schafft er bereits den Sinn, Shevek mag eine Antwort auf seine Fragen bekommen
119
Erich Fromm. Die Furcht vor Freiheit. München, Deutscher Taschenbuch Verlag, 2000. S. 24
61
oder nicht, die Vereinigung zwischen Anarres und Urras erreichen oder nicht, aber die
Überschreitung seiner Reise ist selbst die Ausübung seiner Freiheit.

4.3.4 Die Autopferung

Die Disposition des Protagonisten zur Selbstaufopferung erfordert einen Geist des Leidens; er
riskiert auf der Suche nach Freiheit, seine Vergangenheit, seine Sicherheit, seine Stabilität
oder sein Leben selbst zu verlieren, da er Kongruenz in seinem Leben sucht und in der
odonischen Philosophie wird er zum Märtyrer.

Ein Märtyrer sucht bewusst das Leiden und durchlebt es in dem Wissen, dass das, was er tut,
ein Opfer ist. Unter Opfer können wir zwei verschiedene Bedeutungen verstehen, die eine
bezieht sich auf die Religion, sie bedeutet, einen Gegenstand, ein Tier oder ein Lebewesen
einer Gottheit zu opfern, um sich damit einzuschmeicheln, die zweite Bedeutung bezieht sich
auf den Verzicht auf etwas aus Gründen von größerer Bedeutung, sie wird oft in ethischen
oder politischen Zusammenhängen verwendet, in denen der Einzelne sich für das Wohl
anderer opfert, d.h. sie bezieht sich auf die Moral.

Das Opfer, das Shevek bringt, ist zweifellos moralischer Natur, denn wie bereits erwähnt, hat
das Leiden in The Dispossessed zu allen Zeiten ethische und moralische Gründe und Zwecke.
Über die Beziehung des Opfers und seine Bedeutung in einem moralischen Aspekt erwähnt
Halbertal: „In Kant’s moral philosophy, as in other moral theories, the core of morality is the
capacity to transcend the self along with its drives and interests, and therefore, as Kant
formulated it, moral drama resides in the conflict between self-transcendence and self-
love.”120Diese Definition stimmt völlig mit dem überein, was Shevek über die Funktion des
Leidens sagt: „this gasping after happiness, this fear of pain...If instead of fearing it and
running from it one could...get through it, go beyond it. There is something beyond it. It's the
self that suffers, and there is a place where that self ceases.”121
Obwohl die moralische Bedeutung des Opfers klar von seiner religiösen Bedeutung
unterschieden wird, gibt es dennoch ein religiöses Element in der Disposition des Märtyrers
und eine Parallele in der hoffnungsvoll motivierten Geschichte, die einmal mehr zeigt, wie
utopischer und religiöser Messianismus in der Handlung des Romans zusammenfallen. Dieser

120
Moshe Halbertal. On sacrifice. Princeton: Princeton University Press, 2012. S. 3
121
Le Guin Ursula K .The Dispossessed. S. 61
62
Vergleich ist nicht neu, da bereits viel über das messianische Element des Marxismus gesagt
wurde und auch durch Bloch verstärkt wird.

4.3.5 Die externen Faktoren des Leidens

Neben den innerlichen Gefühlen und Stimmung der Angst vor dem Nichts und das
unangenehme Gefühl der Unbestimmtheit von Shevek, sind auch die äußeren Faktoren, die
zur grauen Atmosphäre von Anarres als Utopie beitragen. Diese Faktoren dienen zu einer
Gestaltung des Emotionalen in der Öffentlichkeit im Gegensatz zu den Gefühlen des Inneren
und des Individuums, dieses Aspekt entspricht zur Kategorie der emotopischen Ebene, die
Meyer- Sickendiek vorschlägt.

Die Landschaften in Anarres werden als „barren, arid, inchoate” und „hostile” 122 beschrieben,
der natürliche Reichtums des Satelliten Anarres bestehen vor allem aus Bodenschätzen,
Metallen, die für Bergbauindustrie benutzt werden. Es ist verständlich, dass Anarres von
seinem eigenen Bergbau profitiert und Material zur Entwicklung von Technologie benötigt.
Es ist jedoch auch sehr klar, dass der Planet Urras derjenige ist, der hauptsächlich vom
Bergbau für seine Entwicklung und seinen hohen Verbrauch profitiert. Die Beziehung
zwischen Urras und Anarres ist nicht nur kommerziell abhängig, sondern sie haben ein
Verhältnis von Macht und Ausbeutung:

They brought fossil oils and petroleum products, certaine delicates machine parts and electronic
components that Anarresti manufacturing was not geared to supply and often a new strain of fruit tree or
grain for testing. They took back to Urras a full load of mercury, copper, aluminium, uranium, tin, and
gold. It was, for them very good bargain. The division of their cargoes eight times a year was the most
prestigious function of the Urasti Council of World Governments and the major event of the Urrasti
world stock market. In fact, the Free World of Anarres was a mining colony to Urras. 123

Urras ist im Universum von Le Guin ein Planet, während Anarres eher als Mond bezeichnet
wird124. Diese Einordnung hat schon eine Machtbeziehung, nicht nur nach dem
Größenvergleich von beiden Räumen, sondern weil es eine Zugehörigkeit Beziehung
bedeutet, der Mond verläuft immer in dem Bahnbereich seines Planeten wegen der
Gravitationskraft und so wird eine hierarchische Beziehung ausgedruckt, das auch in anderen
122
Ebd.. S. 65
123
Ebd. S. 92
124
Nach dem Wörterbuch zur Astronomie. Von Joachin Herrmann. München: Deutschen Taschenbuch Verlag,
1996. “Im strengen wissenschaftlichen Sprachgebrauch ist M. der Name unseres Satelliten. In etwas weniger
präzisen Sinne bezeichnet man gelegentlich aber auch einen Satelliten oder Trabanten eines anderen Planeten als
Mond.”
63
Aspekte der Geschichte erscheinen, eine wichtige Rolle bei dem Historische im Roman, oder
in der wirtschaftliche Beziehung der Planeten. Die Tatsache, dass Anarres in der Praxis eine
Kolonie von Urras ist, erzeugt Zweifel und Verwirrung, wenn man die Welt von Anarres als
Utopie beurteilt, da dieses Verhältnis von Unterdrückung und Abhängigkeit die Freiheit von
Anarres selbst in Frage stellt. Handel ist notwendig, um den Frieden zwischen den beiden
Welten zu erhalten, und es wird vorgeschlagen, dass die Ruhe und das gesamte System von
Anarres tatsächlich vom Willen und den Interessen der Gouverneure von Urras abhängen
könnten.

Das Leben unter ständigen Unterdrückung kann auch eine andere Form von Leiden zeigen,
ein kollektives Leiden, Morris signalisiert als Beispiel das Leben in Kolonien von
Lateinamerika, denn die Existenz hat in der Armut verschieden Formen von Elend, besonders
in einem kapitalistischen System, in dem Unterdrückung Formen wie Hunger, Krankheit,
Erniedrigung oder Gewalt hat. Die Kultur des Schmerzes schließt auch das kollektive
Schmerz ein: „Pain, in this political reading, belongs especially to the powerless. It is the poor
and powerless who most often find themselves in pain... as rooted in earthbound, systematic,
social and economic oppression.”125

Le Guin porträtiert auch die Arbeit im Vergleich zu Morris nicht nur als ein Genuss, oder als
den Weg zu einer Selbstverwirklichung, sondern auch als eine Aufopferung, die alle leisten
müssen, um die Gesellschaft funktionierend zu erhalten. Die Familien werden zum Beispiel
getrennt, um die Arbeitskräftenachfrage zu erfüllen. Die Autorin problematisiert die Frage
der Art der Arbeit, da nicht alle Beschäftigungen und nicht alle Arbeitsplätze gleichermaßen
wünschenswert sind. In dieser Hinsicht stellt sie sich eine Gesellschaft vor, in der Arbeit
gewählt, aber auch zugeteilt wird. Die Arbeit weder schlecht noch als gut gesehen, sie ist zum
Wohle der Gemeinschaft und wird mit Opferbereitschaft angenommen. Dieser Aspekt der
Arbeit scheint sich in der Verpflichtung und der Unlust ein soziales Unbehagen und ein
tyrannisches Element zu verbergen, das Shevek selbst verändern will.
In Anarres gibt es nicht extreme Folgen der Unterdrückung, aber die Mangelhaft wird als
Zeichen des Exils und der benachteiligten Lage präsentiert. Die Betonung liegt vor allem auf
der Stimmung des Leidens, dass in der Beschreibung der Landschaft als Metapher erscheint:
„But the Eden of Anarres proved to be dry, cold and windy, and the rest of the planet was
worse. Life there had not evolved higher than fish and flowerless plants. The air was thin,

125
Le Guin Ursula K. The Dispossessed. S. 145
64
like the air of Urras at a very high altitude. The sun burned, the wind froze the dust
choked.”126
Die externen Faktoren des Leidens in The Dispossessed spiegeln eine Wirklichkeit wider, die
schon in der Geschichte mehrere Fälle des real existierenden Sozialismus 127, wie Cuba,
Vietnam oder Yugoslavia anbieten, viele Staaten litten unter Ressourcenknappheit während
des Aufbauens einer souveräne Wirtschaft und hatten außerdem Schwierigkeiten durch die
ökonomische Blockade, die Stellung der Opposition in einer kapitalistischen Welt hatte
immer einen schwierigen Weg zur Entwicklung. 128 Die Autorin rettet und würdigt diese
Kämpfe und Leiden, indem sie diese Realität in ihre Geschichte einbezieht

4.3.6 Leiden als Beginn der Solidarität

Der Sinn und vielleicht der eigentliche Zweck von Le Guin, den Schmerz als Prinzip der
Brüderlichkeit aufzunehmen, besteht darin, seine Sichtweise der menschlichen Natur
eingehend zu erforschen. Wie bereits erwähnt, sind alle Utopien philosophisch aufgeladen,
und viele sind in philosophische Fragen von höchstem Rang eingetaucht. Die Annäherung an
die bessere Welt, aber auch die Kritik an ihrer Realität offenbart Prämissen über grundlegende
Aspekte der menschlichen Natur wie soziales Verhalten, Gut und Böse, ethische und
moralische Entwicklung des Individuums und des Kollektivs. Wenn Le Guin also feststellt,
dass der Schmerz der Beginn der Brüderlichkeit ist, bezieht er sich auf das, was für
anarchistisches Denken eine Prämisse ist, von der seine Vorschläge abgeleitet werden und ein
wichtiges Element der menschlichen Natur: das Prinzip der Zusammenarbeit.

In Die Gegenseitige Hilfe vom Anarchist Pjotr Kropotkin präsentierte er eine zentrale Idee als
Antwort auf die Positionen von Forschern wie Huxley, die Charles Darwins
Evolutionstheorien verwendeten und sie auf gesellschaftliche Phänomene übertrugen:

Huxley, as is known, took the lead of that school, and in a paper written in 1888 he represented primitive
humans as a sort of tigers or lions, deprived of all ethical conceptions, fighting out the struggle for
existence to its bitter end, and living a life of "continual free fight".129

126
Le Guin Urusla K. The Dispossessed. S. 93.
127
Vgl. Rudolf Bahro. Die Alternative : zur Kritik des real existierenden Sozialismus. Köln [u.a.]: Europ. Verl.-
Anst., 1977.
128
Vgl. Tom Moylan. Demand the impossible: science fiction and the utopian imagination. Oxford: Lang, 2014.
129
Kropotkin Piotr. The mutual Aid. A factor in Evolution. Public Domain Book Arranged and edited by
Jonathan-David Jackson. S. 50
65
Diese Positionen konzentrierten sich auf Feindseligkeit, Aggression und Wettbewerb bei der
natürlichen Anpassung und sie dienten der Unterstützung der hobbesschen Perspektiven auf
die menschliche Natur. In der Theorie des Staates von Hobbes ist der Mensch in einem
Kriegszustand, der aus seinem natürlichen Egoismus entsteht, dieser Egoismus bringt ein
ständiges Misstrauen und Konflikt. Es ist in diesem ständigen Konflikt, wo der soziale Pakt
und Gesellschaftsvertrag entsteht, um die Macht zu dem absolutistischen Staat abzugeben und
so mit einer externen normierenden Macht, ein Zustand von Frieden erreichen zu können130.
Der Standpunkt der anarchistischen Theorie steht genau in der Gegenseite von Hobbes und
seiner Theorie des Staates, weil wahrscheinlich die wichtigste Behauptung des Anarchismus
die Ablehnung des Staates als notwendige Instanz für die Regulierung der Gesellschaft ist. Es
ist möglich, dies festzustellen, weil genau dieser Punkt den Anarchismus als eine Form vom
politischen System, die sich vom Kommunismus unterscheidet, hervorbringt und definiert.
Während der Kommunismus immer noch in seinem Programm eine zentralisierten Staat
verteidigt, sucht der Anarchismus die staatliche Machtstrukturen so viel wie möglich
auszulösen und auch als wichtiger anarchistische Ansatz den Fokus auf die Autonomie von
Gruppen und Subjekte zu betrachten131.

Daher war für Kropotkin als Vertreter des Anarchismus wichtig, sowohl die Ideen von
Hobbes aufzugreifen, als auch die Argumente des so bekannten Sozialen Darwinismus. In
Die Gegenseitige Hilfe greift er die Theorien von Darwin zurück und signalisiert die andere
Aspekte der natürlichen Anpassung, nicht die gewalttätige Konkurrenz, sondern die
unbestreitbare Gewissheit, dass die Mehrheit der Tiere und Lebewesen auf soziale Weise
leben und sich dafür entwickelt haben, er sieht die kollektive Kooperation von verschieden
Tieren von Vögeln bis Primaten und besonders soziale Insekte nach, für welche die kollektive
Arbeit und die Interdependenz grundsätzlich für ihre Existenz ist:

In the animal world we have seen that the vast majority of species live in societies, and that they find in
association the best arms for the struggle for life: understood, of course, in its wide Darwinian sense - not
as a struggle for the sheer means of existence, but as a struggle against all natural conditions
unfavourable to the species.132

Dann fügt er hinzu, dass Kooperation als eine Säule des Überlebens in der Evolution auch
beim Menschen beobachtet wird, indem die meisten primitive Gesellschaften enge

130
Vgl. Hobbes Thomas. Leviathan: oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates.
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2011.
131
Vgl. George Woodcock. Anarchism : a history of libertarian ideas and movements. Aylesbury: Watson &
Viney, 1963.
132
Kropotkin Piotr. The mutual Aid. S. 158.
66
kommunale Organisationen aufbauten, er behauptet, dass „success in struggle and war
proportionate to the development of mutual aid”133 ist.

Kropotkin nimmt dann, wie die Theoretiker des so genannten Sozialdarwinismus, eine Idee
aus den Naturwissenschaften auf die Sozialwissenschaften auf und beschreibt das Prinzip der
gegenseitigen Hilfe beim Menschen als eine natürliche Tendenz sich zu organisieren und
gemeinschaftlich zu leben. Er beschreibt die menschlichen Aktivitäten in der Geschichte und
bei den primitiven Gruppen als selbstregulierend, wobei er zeigen will, dass der Staat nicht
nur unnötig, sondern eher schädlich ist.

Die Referenz von Le Guin auf dieses Thema in der Geschichte ist ganz klar. Der Vorschlag
ihrer Utopie lässt keinen Zweifel, sondern ist es offensichtlich, den Ausdruck „mutual aid”
wird sogar verwendet. Allerdings macht sie eine besondere Interpretation von Kropotkins
These, sie versteht die gegenseitige Hilfe nicht nur als die natürliche Tendenz zur
Zusammenarbeit oder die Organisation der Aufgaben in einer gemeinschaftlichen Art und
Weise, sondern als eine Antwort, die Leiden, Mitgefühl und Solidarität beinhaltet, aber in
dieser Interpretation spielt die Emotion eine grundlegende Rolle in diesem Prozess, sie ist
dann der Ansicht, dass diese Konstellation von Emotionen eine soziale Funktion hat.

Im Bereich der Emotionsforschung ist Darwins Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei
dem Menschen und Tieren einer der wichtigsten Texte in diesem Studienbereich.134. Er
versuchte, Zeichen der menschlichen Evolution in den gemeinsamen Gemütsbewegungen
zwischen Menschen und Tieren zu finden. Diese Perspektive ist eine Strömung, die bis
heutzutage verschiedene Wissenschaftsbereiche beschäftigt. Es wird als universalistisch
bezeichnet, weil sie das Kulturell und sogar die lebenden Arten überschreitet,

meter un poquito de las emociones universales en la evolución

Schmerz und Leiden als Empfindung oder emotionaler Zustand erzeugt zweifellos
Einfühlungsvermögen und Mitgefühl; es ist Teil der menschlichen Natur und vielleicht sogar
nicht nur auf Menschen, sondern auch auf einige Tiere beschränkt. Besonders beim Menschen
erfüllt sie, wie andere Emotionen auch, grundlegende Funktionen für das Leben, auch im
sozialen Bereich. Schmerz erzeugt Mitgefühl, und dieses Gefühl ist eng mit der Entwicklung
von Moral und Ethik verbunden; es ist das, was es ermöglicht, auf Ungerechtigkeit zu

133
Kropotkin Piotr. The mutual aid. S. 159.
134
Vgl. Plamper Jan. Geschichte und Gefühl.
67
reagieren und sich mit anderen als Gleichberechtigte zu identifizieren und uns zu vereinen; es
ist etwas, das Bewegung als Ganzes möglich macht.

Der soziale Umbruch wird vor allem durch Mitleid getriggert, die Emotionalität ist für jede
Revolution und Widerstand ein sehr wichtiges Element, Philanthropie ist eine Reaktion auf
den Schmerz der anderen und die Anerkennung ihrer Verletzlichkeit, aber das Teilen des
Schmerzes der anderen durch die gegenseitige Anerkennung als Gleichberechtigte erzeugt
Solidarität. In The Dispossessed die emotionalität des Leidens bringt in verschiedenen Fällen
die Solidarität, selbst die Entstehung des Odonismus wird mit Mitleid anerkannt:

You are making a cult of pain, another said. An Odonian goal is positive, not negative. Suffering is
dysfunctional, except as a bodily warning against danger. Psychologically and socially it’s merely
destructive.

--what motivated Odo but an exceptional sensitivity to suffering-her own and others? Bedap retorted.

--But the whole principle of mutual aid is designed to prevent suffering! 135

Shevek begibt sich auf der Suche nach der Befreiung seines Volkes nach Urras, und was er
später findet, ist das Leiden eines anderen Volkes, der unteren sozialen Schichten in Urras.
Als er entkommt und die Rebellen ihm zur Flucht verhelfen, erlebt er etwas, was in Anarres
nie passiert wäre, er verbringt mehrere Stunden gefangen mit seinem Retter, der getroffen von
einem Schoß, ächzenden, schafft es, Shevek eine tiefere Verbindung zu lehren. Mit diesem
Ereignis gewinnt seinen Besuch nach Urras Sinn, indem er sich mit dem Leid des Opferns
erkennt, er versteht, dass es eine Verbindung zwischen das Leiden in Anarres und die
Bewegung der Unterdrückte in Urras gibt, für den Widerstand in Urras ist Anarres ein
Hoffnungssymbol. Shevek versteht, dass die gegenseitige Hilfe das Überleben bedeutet, nicht
nur für einen, sondern auch für die ganze Gemeinschaft, das Schicksal von Anarres ist auch
mit dem Schicksal von Urras verbunden.
Schon selbst in Anarres die gegenseitige Hilfe spielt eine wichtige Rolle für die Gegenwart
und Zukunft ihrer Utopie, die Lebensbedingungen in Anarres, die Strenge und die
Beschränkung sind Faktoren, die ein Leben des Leidens in der Utopie erzeugen und die alle
Bewohner dieser anarchistischen Gesellschaft einschließen, alle leiden es mehr oder weniger
in gleichem Maße.
Die besonders schwierigen Bedingungen von Anarres schaffen eine Dynamik von Hilfe. Die
Solidarität wird im Schmerz einer ganzen Generation im historischen Gedächtnis eines
ganzen Planeten gesät. Der Schmerz vereint ein ganzes Menschenalter und dieses Opfern,

135
Le Guin K Ursula. The dispossessed. S. 61
68
Mühe. Dieses Leiden ist notwendig, um diese Kultur der Kollektivität zu stärken. Die Utopie
von Le Guin vertritt die Geschichte einer Kultur der Kollektivität, die auch über Generationen
zu wiederholen ist.

5. Abschluss

Während der gesamten Forschung wurde deutlich, dass Emotionen und Gefühle ein
grundlegender Bestandteil jeder Geschichte und jedes Diskurses sind, direkt oder indirekt sind
Gefühle vorhanden, da sie den kognitiven Prozess des Menschen, sein Denken unterstützen
und auch seine Kultur prägen. Aus diesem Grund spielt das Emotionale in der Literatur eine
sehr wichtige Rolle und ist im Schaffens-, Rezeptions- und Inhaltsprozess präsent.

In der literarischen Utopie und insbesondere in den beiden analysierten Werken konnte
festgestellt werden, dass die Annäherung an das Emotionale in den Werken erstens als
konstituierender Bestandteil der Utopie als Gattung, zweitens in Form der Darstellung von
Stimmungen, die an den Raum und die Umgebung gebunden sind, und drittens als expliziter
Gegenstand des Emotionalen erfolgt. Um diese drei Ebenen zu identifizieren, auf denen das
Emotionale Bedeutung schafft oder der Geschichte einen Sinn gibt, war es notwendig, einen
Unterschied zwischen den Begriffen Gefühle, Emotionen und Stimmungen zu machen.

Zunächst wurde ein Unterschied zwischen den Begriffen: Gefühle, Emotionen und
Stimmungen festgestellt. Um sich auf das Ganze zu beziehen, war das Adjektiv emotional am
besten geeignet, oder die Gefühle, die sich auf das Gefühl in seiner weitesten Bedeutung
beziehen, also nur über Grundemotionen oder Affekte zu sprechen, entsprachen nicht dem
entwickelten Thema. Daher war es sinnvoller, die Emotionen zu berücksichtigen, die nicht
nur in die Gruppe der so genannten basalen Emotionen fallen, sondern auch solche, die als
komplexe Emotionen wie die Hoffnung gelten. In größerem Umfang wurde das Konzept der
emotionalen Zustände, Stimmungen, erforscht, da sie den Einfluss der Umwelt auf das Thema
einbeziehen; es handelt sich um die Beziehung von Raum und Atmosphäre mit dem
emotionalen Zustand der Person, die ihn bewohnt. Dies ist zweifellos von grundlegender
Bedeutung für den Sinn und Zweck jeder Utopie, da sie versucht, ein Raum zu sein, der ein
besseres Leben ermöglicht, was sich letztlich im physischen und emotionalen Zustand derer
widerspiegelt, die in der verbesserten Welt leben.

69
Nachdem die Begriffe definiert waren, stellte sich heraus, dass das Emotionale in der
literarischen Utopie vielfältige Formen annimmt, sowohl von Stimmungen als auch von
basalen und komplexen Emotionen, für diesen Ansatz war Meyer- Sickendieks Affektpoetik
sehr nützlich.

Indem man eine bestehende Referenz zur Erforschung des Emotionalen in der Literatur
heranzog, war es möglich, die These von Meyer- Sickendieks Affektpoetik auf positive Weise
zu bekräftigen. Meyer- Sickendieks Vorschlag, die Hoffnung als eine komplexe Emotion zu
etablieren, die die literarische Utopie konstituiert, wurde sowohl in Nachrichten aus dem
Nirgendwo als auch in Die Besitzlosen als Leitprinzip der Handlung bestätigt, da beide
Utopien humanistisch sind und mit besonderem Interesse die aktive und bewusste Rolle des
Menschen bei seiner Verwandlung zeigen. Beide Geschichten zeigen eine historische Seite
der Utopie, d.h. sie zeigen nicht eine statische Gesellschaft, die den Gipfel der Harmonie
bereits erreicht hat, wie die statistischen Utopien der Renaissance, sondern sie zeigen den
menschlichen Fortschritt als eine unvollkommene, aber mögliche und wünschenswerte
Transformation. Das Adjektiv absolut in Utopie löst sich in diesen beiden Utopien auf, indem
es den Wandel und die Transformation hervorhebt, weshalb die Hoffnung in diesen beiden
Geschichten ein sehr starkes Element ist, noch mehr als in den Utopien der Renaissance.

Die Tatsache, dass Die Besitzlosen die Hoffnung zum Leitbild haben, bestätigt auch die
These, dass dieses Werk tatsächlich eine Utopie ist. Es ist wichtig, dies zu erwähnen, da es
eine Debatte darüber gibt, ob dieser Roman von Le Guin in diese literarische Gattung Eingang
finden soll oder nicht, aber es ist klar, dass die Botschaft auf der utopischen Funktion beruht,
den Grundgedanken vermitteln zu wollen, dass die Hoffnung die treibende Kraft hinter der
Transformation ist, im Werk von Le Guin eine permanente Transformation.

Neben der Hoffnung als konstitutives Gefühl konnte, auch unter Bezugnahme auf Meyer-
Sickendieks These, das Glück als ein Geisteszustand identifiziert werden, der das pastorale,
arkadische Umfeld der Idylle ausmacht. Anders als Meyer- Sickendiek wurde Glück nicht als
konstitutive Emotion der Utopie identifiziert, sondern als ein emotionaler Zustand, der häufig
mit ihr verbunden zu sein scheint. In der Tat wurde deutlich, dass das Verhältnis von Utopie
und Glück von instrumenteller Art ist, denn nach der Definition des Aristoteles ist das Glück
für den Menschen ein Selbstzweck, und deshalb versucht man, es durch verschiedene
Aktivitäten, wie Vergnügen oder Tugend, zu erreichen, aber auch Glück und die Ausübung
von Tugend kann in einer adäquaten Umgebung erreicht werden, die es dem Menschen
ermöglicht, ein gutes und tugendhaftes Leben zu führen. Die Utopie erscheint dann wie jener

70
Raum, in dem es möglich ist, ein gutes und glückliches Leben zu führen. Diese Eigenschaft
der Utopie als Glücksversprechen verbindet sie mit der christlichen oder jüdischen Religion,
oder auch mit dem Marxismus, denn in diesen Glaubensrichtungen wird das Glück im
Messianismus oder im guten Leben im Jenseits instrumentalisiert und dargestellt. News from
Nowhere ist ein klares Beispiel dafür, wie das Glück instrumentalisiert wird, um den
Vorschlag des Sozialsystems, der für den Autor wünschenswert ist, zu rechtfertigen oder zu
bekräftigen. Für Morris ist der Vorschlag eindeutig eine Darstellung des kommunistischen
Programms, an das er glaubte und das er den größten Teil seines Lebens studierte.

Neben der Beobachtung der Instrumentalisierung des Glücks in News from Nowhere zeigt
dieses Werk auch Darstellungen dessen, was kulturell mit Glück als Stimmung assoziiert
wird, d.h. die Atmosphäre dieser Utopie kommt zu dem hinzu, was Meyer- Sickendiek als
arkadisches Glück bezeichnet, und sind emotionale Zustände, die in der Interaktion der Figur
mit ihrer Umgebung entstehen, d.h. sie sind äußerlich. Die für die Idylle oder Pastoralromane
typische Atmosphäre zeigt einen sinnlichen Genuss durch die Betrachtung der Natur und die
Befriedigung in einem ruhigen Leben, in dem die Zeit leicht wird. In dieser Umgebung ist die
natürliche Schönheit sehr wichtig und stellt die Rückkehr zur Unschuld, zur reinen
menschlichen Existenz dar, wie sie im Garten Eden beschrieben wird, d.h. das Leben des
Menschen vor seinem Fall und seiner Verderbnis. Ein weiteres charakteristisches Element des
arkadischen und pastoralen Glücks ist die Romantik, in einigen Figuren entstehen
Liebesgefühle, die zu diesen Gefühlen des Genusses oder der Positivität, die sich in den
Figuren abspielen, hinzukommen, in diese Gefühle greift die Umwelt nicht ein, sondern wird
durch eine Handlung in der Geschichte ausgelöst. In Morris' Werk sind alle Merkmale des
arkadischen Glücks erfüllt, so dass man sagen kann, dass diese Utopie nach Leiden und
Hoffnung einen emotionalen Zustand der Auflösung und Zufriedenheit zeigt.

Als emotionaler Zustand, der dem Glück entgegengesetzt ist, wurde die Rolle des Leidens bei
den Besitzlosen analysiert. Die Wahl von Le Guin für negative Emotionen ist darauf
zurückzuführen, dass sich der Autor auf das Thema der Suche nach Freiheit und permanenter
Revolution konzentrierte. Das Leiden wird in erster Linie durch die Atmosphäre und den
Erzählraum repräsentiert, die Szenarien in Die Besitzlosen sind das Gegenteil des Garten
Eden, das Szenario ist menschenleer und menschenfeindlich, in diesem Aspekt hat das Leiden
seinen Ursprung in äußeren Ursachen, aber neben diesen negativen Emotionen wie der Angst
vor der Freiheit, der Dissidenz und der sozialen Isolation, in der Shevek der Protagonist ist,
werden auch negative Emotionen in der Geschichte dargestellt. Schließlich wird das Leiden

71
von den Figuren explizit thematisiert, was auch eine Vorstellung von ihrer Rolle in der
Geschichte vermittelt. Das Leiden in den hier vorgestellten Formen ist für Le Guin das
Prinzip der menschlichen Solidarität und impliziert Mitgefühl für andere. Für Le Guin ist
Mitgefühl das natürliche Prinzip gegenseitiger Hilfe, wie es von Kropotkin definiert wurde,
als er versuchte, die Gegenseite des Sozialdarwinismus aufzuzeigen, die auf Feindseligkeit
und natürlichen Wettbewerb bei Lebewesen hinweist, so wie Kropotkin die gegenseitige
Unterstützung als ein instinktives soziales Prinzip betrachtet, das zum Überleben beiträgt.

Das Leiden ist in Le Guins Werk mit dem Schmerz verbunden, es wurde deutlich gemacht,
dass der Schmerz der Infragestellung, der Sinnsuche im Schmerz dient und zur Bewegung,
zur Transformation führt. Jeder Schmerz bittet darum, gelindert zu werden, bittet um ein
Heilmittel und lädt zum Handeln ein. Erst im Leiden und im Schmerz entsteht Verzweiflung
und in ihr entsteht dann Hoffnung, die Emotion, die die Utopie ausmacht. Le Guins Utopie
zeigt, dass der Schmerz die Kehrseite der Medaille ist, der negative, aber auch notwendige
Aspekt der menschlichen Existenz, er ist auch ihr Lebensprinzip. Mit dieser Idee zeigt Le
Guin eine Utopie, die dynamischer ist, die dialektisch ist und über das hinausgeht, was in den
klassischen Utopien kritisiert wurde, nämlich die Idee der perfekten Gesellschaft und des
absoluten Glücks, die andere Seite der Medaille bringt Realismus und Wahrhaftigkeit in die
Geschichte, ohne dass ihn dies daran hindert, eine Gesellschaft zu zeigen, die in Fragen der
Moral und Ethik wünschenswerter ist als die Realität, zu der diese kritische Utopie gehört.

Kurz gesagt, die Erforschung des Emotionalen in diesen beiden literarischen Utopien richtete
sich naturgemäß auf Antworten von eher philosophischer Natur. Auffallend ist, dass sie eine
Form der Dichotomie als das Positive im Glück und das Negative im Leid annahm; diese
Polarisierung gehorcht der Tatsache, dass sowohl Emotionen als auch Gefühle im
menschlichen Denken vor allem die Umwelt wertschätzen und damit das Handeln
durchsetzungsfähig machen.

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