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2 Hans-Jürgon Kornrurnpf

Einleitung
Als der Prophet Muhammad bei der Rückkehr von seinem Zuge
nach al-Hudfubiya am 18. J)ü -Higga des Jahres 6 an dem Teich ßadir
Huram Käst machte, soll er von seinem Vetter und Schwiegersohn 'Ali
b. Abi Tälib gesagt haben: „Über den, dessen Herr (maulä) ich bin, ist
auch 'Ali Herr1)." Dieselbe Äußerung tat Muhammad nach AL-YA'QÜ-
2
) am gleichen Tage des Jahres 10 an derselben Stelle, als er von sei-
ner Abschiedswallfahrt nach Medina zurückkehrte. Diese beiden Tra-
ditionen, die sicherlich nur zwei verschiedene Versionen einer und der-
selben Überlieferung sind3), gehören zu den Hauptstützen der Schia bei
ihrem Anspruch auf das ausschließliche Imämat und Kalifat der Nach-
kommen des Propheten.
Es ist nicht genau festzulegen, von welchem Zeitpunkt an man von
einer besonderen schiitischen Richtung des Islams sprechen kann. Wie
der Name Sl'a, richtiger Sl'at *AU besagt, stand am Anfang dieser Be-
wegung eine politische Gruppenbildung; diese Partei hat es spätestens
seit dem Tode des Propheten gegeben4). In diesen bewegten Tagen trat
zum erstenmal eine Gruppe von Muslimen in Erscheinung, die sich für
c
Ali als Nachfolger Muhammads in der geistlichen und weltlichen
Führung einsetzte5). Sie hat sich indessen nicht durchsetzen können;
erst 24 Jahre später wurde 'Ali zum Kalifen gehuldigt, und wenige
Monate nach seiner Ermordung verzichtete sein Sohn al-Hasan frei-
willig auf die ihm übertragene Würde.
Schwieriger zu beantworten ist die Frage nach der Entstehung der
Schia als einer religiösen Richtung im Islam mit eigenen Wesenszügen.
Hier ist zweifellos ein allmählicher Prozeß anzunehmen, der seine Nähr-
stoffe aus den politischen Vorgängen in der islamischen Welt bezog,
daneben aber auch Einflüsse in sich aufnahm, die sowohl aus der
ÖahiUya wie auch aus nichtmuslimischer Umgebung stammten. Von
einer religiösen Schia kann wohl kaum vor dem Tode des vierten Ka-
lifen gesprochen werden, wenn man von Schwärmern wie 'Abdalläh
b. Sabä absieht, welcher allerdings bereits manche der Grundlehren der
1
) AL-MAS'ÜDJ: Kitäb ai-ianbih wa-'l-isräf, S. 255f. Über die Bedeutung von
maulä vgl. den betreifenden Artikel in der EI1.
2
) AL-YA<QÜBI: Ta'rih, S. 125.
3
) DWIGHT M. DONALDSON: TJie Shiite Religion, a History of Islam in Persia
and Iraq, London 1933, S. l ff. S. a. I. GOLDZIHEK: Beiträge zur Literaturgeschichte
der ßi'a und der sunnitischen Polemik, in: Sitzungsberichte der phil.-hist. Cl. der
kais. Akad. d. Wiss. LXXVIII (1874), S. 496f.
4
) EP, Art. „Shi<a".
6
) DONALDSON: The Shiite Religion, S. 12.

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Untersuchungen zum Bild «Alis und des frühen Islams bei den Schiiten 3

späteren „Übertreiber" (äulät) verkündete6). Die Ermordung 'Alis


durch einen Härigiten, noch mehr aber der Märtyrertod seines Sohnes
al-Husain und seiner Anhänger durch die Truppen der regierenden
Umayyaden in der Schlacht bei Karbalä' 680 bewirkten eine Änderung
der Verhältnisse. Der Passionsgedanke, der dem Islam bis dahin sicher
fremd gewesen war, wurde jetzt in ihn hineingetragen, durch die Ver-
folgung der Parteigänger der cAliden und die wirkliche oder angebliche
Ermordung derlmäme wurde er immer wieder von neuem gefördert und
bildete bald eine besondere Eigentümlichkeit des schiitischen Bekennt-
nisses. Die Verehrung der Imäme führte zu einer Übersteigerung ihrer
weltlichen und geistlichen Stellung, die in einzelnen Gruppen bis zur Ver-
göttlichung ging, und die Meinungsverschiedenheiten über ihre Genealogie
verursachten eine Aufspaltung der Schia in eine ganze Reihe von Sekten.
Die Sehnsucht der Schiiten nach einer stärkeren Betätigung im
öffentlichen Leben der islamischen Welt blieb lange unerfüllt. Erst
gegen Ende des 9. Jahrhunderts eröffneten sich ihnen gewisse politische
Aussichten durch das Erscheinen schiafreundlich eingestellter Dynasti-
en wie der Sämäniden in Iran und der Hamdäniden in Syrien. 894 ent-
steht der zaiditische Staat im Jemen und 909 das Reich der ismä'iliti-
schen Fätimiden in Nordafrika. Seit 864 spielen Nachkommen <Alis die
beherrschende Rolle in Dailam am Kaspischen Meer; sie bekennen sich
ebenfalls zur zaiditischen Richtung der Schia.
Die dailamitischen Büyiden7) sind unter den westpersischen Ziyäri-
den (928—1042) emporgekommen. Drei Brüder, cAli, Hasan und
Ahmad, Söhne des Büya aus dem Dorfe Kiyäkalih in Dailam, traten in
den Dienst des Mardawig b. Ziyäd, rebellierten aber bald gegen ihn und
gründeten eine eigene Herrschaft im Westen Persiens. Am 17. Januar
946 zogen sie nach mehreren Vorstößen in das mesopotamische Gebiet
in Bagdad ein und ließen sich von dem 'abbäsidischen Kalifen al-
Mustakfi die hochtrabenden Titel 'Imäd ad-daula, Rukn ad-daula und
Mu'izz ad-daula verleihen. Sie beseitigten das sunnitische Kalifat
nicht, doch es wurde zum Spielball ihrer Macht8), sie ließen große
6
) Über «Abdalläh b. Sabä s. den betr. Art. in der EI2 und die dort ange-
gebene Literatur, vor allem J. FRIEDLÄNDER: <AbdaMh b. Sabä, der Begründer
der Shl*a, und sein jüdischer Ursprung, in: Ztschr. f. Assyriologie XXIII (1909),
S. 296ff. Die Frühzeit der Schia behandeln neuerdings W. MONTGOMERY
WATT: Shfrism uwder the Umayyads, in: J. B. A. S. (1960), S. 158—172, und
M. G. S. HODGSON·: Eow did the Early Shi'a Become Sectarian, in: J. A. 0. S. 75
(1955), S. 1—13.
7
) Über die Büyiden s. den betr. Art. in EI2 und die dort angegebene Literatur.
8
) AZ-ZUHAIRI: al-Adab fl zill Bani Buwaih, Kairo 1368/1949, S. 26f. nach
Ibn al-Atir.

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4 Hane-Jürgon Kornrumpf

Bauten errichten und förderten Kunst und Wissenschaft9), während die


wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse zunehmend zerrüttet wer-
den, und dieser Niedergang sich in den geistigen Strömungen der Zeit
spiegelt10). Die zaiditische Einsteilung der Büyiden fördert die schiiti-
sche Bewegung; die schiitischen Gedenktage von Karbalä' und Oadir
Humm werden zu öffentlichen Festen erklärt11), und in dieser Epoche
entstehen auch die großen schiitischen Traditionswerke von al-Kulaim,
Ibn Bäbawaihi as-Sadüq al-Qummi und at-Tüsi.
Muhammad b. al-Husain b. Müsä b. Muhammad b. Müsä b. Ibra-
him b. Müsä b. Öa'far b. Muhammad b. 'Ali b. al-Husain b. < 1 b. Abi
Tälib, geboren 357/968, war seit 397/1006f als Nachfolger seines Vaters
Naqlb der 'Aliden in Bagdad. Im folgenden Jahr verlieh ihm der Büyide
Bahä* ad-daula den Beinamen ar-Radi, und später machte er ihn zum
Naqlb der «Aliden seines ganzen Reiches. Ar-Radi starb in Bagdad im
Jahre 406/101612).
Ar-Radi gewann großen Ruhm als Dichter und Schriftsteller, er hat
vielleicht den Leiden und Verfolgungen der Schiiten in seinen Werken
den stärksten Ausdruck verliehen13). In der durch die persische Kultur
stark beeinflußten Stadt Bagdad fühlte er sich unglücklich und sehnte
sich nach seiner arabischen Heimat; zwar ist sein Beduinenideal nicht
echt, doch drückte er die Empfindungen der ganzen arabischen Schicht,
die in der Fremde lebte, aus14). Daneben erscheint er als Verfasser einer
Reihe von Büchern meist religiösen Inhalts, darunter einer Sammlung
von angeblichen Aussprüchen 'Alis mit dem Titel Nahg al-Baläga (Pfad
der Beredsamkeit).
Es ist nicht immer unbestritten gewesen, daß der Sarif ar-Radi der
Sammler des Nahg al-Baläga war. IBN HALUKÄN berichtet15), daß
Meinungsverschiedenheiten darüber bestünden, ob die Sammlung ar-
Radi oder seinem Bruder al-Murtadä (355/966—436/1044f) zugeschrie-
9
) V. MINOKSKI: La domination des Dailamitea, Paris 1932, S. 14f.
10
) - : al-Adab, S. 39—57, vor allem 49ff.
n
) MINORSKI: La domination des Dailamites, S. 19; az-Zuhairi: al-Adab,
S. 172f.
12
) Über ar-Kadi s. L. VECCIA VAGUEBI: SuL „Nahg al-balägah" e sul suo
compilatore a$-8arif ar-Radi, in: Annali N. S. (1958), S. l—46, bes. S. 24ff.
C
ABD AZ-ZAHBÄ» AL-HUSAINI AL-HATIB : Ma§adir Nahgal-Baläga wa-asäniduhu I,
an-Nagaf 1966, S. 337ff.; AN-lSiAÖħi: Kitäb ar-rigäl, lith. Bombay 1317/1899f.,
S. 283; IBN HALLIKÄN: Wafayät al-a<yän, Band IV, Nr. 639; C. BBOCKELMANN:
GAL S I 131; EP, Art. „al-Sharif al-Radi".
1S
) AZ-ZuHAiBi: al-Adabf S. 179f.
14
) AZ-ZuHAiBi: al-Adabt S. 160if.
1
) Band , Nr. 416: aS-Sarlf al-Murtadä.

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Untersuchungen zum Bild 'Alis und des frühen Islams bei den Schiiten 6

ben werden soll, und BROOKELMANN16) möchte sich ebenfalls nicht für
einen von beiden entscheiden. Mir erscheinen indessen die Argumente,
die HIBAT AD-DiN AS-SAHRASTÄNI in seinem Büchlein Mä huwa Nahg
al'Balüga zugunsten von ar-Radi vorbringt17), recht einleuchtend, und
J. Sui/TAN18) hat diese Frage dann auch gar nicht erst angeschnitten.
Nach den Angaben des Verfassers am Ende des Buches ist die
Sammlung im Jahre 400/1009 f abgeschlossen worden. Sie zerfällt in
drei Teile; der erste, der allein zwei Drittel des Buches ausmacht, ent-
hält 236 Predigten und Reden 'Alis — ich folge in der Zählung stets der
ägyptischen Ausgabe mit dem Kommentar von MUH. 'ABDim19) —,
der zweite 79 Briefe und Anweisungen und der dritte 480 Sprichwörter
und Weisheiten. Diese Anordnung ist jedoch sehr nachlässig ausgeführt
worden, denn jeder der Teile enthält eine Reihe von Stücken, die eigent-
lich in einen der anderen Teile gehören müßten, auch ist keineswegs an
eine chronologische Reihenfolge gedacht worden.
Zweifel an der Echtheit der im Ndkj al-Baläga gesammelten Aus-
sprüche des vierten Kalifen sind schon früh lautgeworden. Bereits IBN
HALLIKAN berichtet20), manche seien der Meinung, der Sammler habe
die Aussprüche 'Alis selbst verfaßt. Ähnlich äußerten sich AD-DAHABI
21
und IBN ). MUHAMMAD «ABDUH stand ganz unter dem Ein-
druck der vollendeten Sprache dieser Sammlung22); Zweifel an der
Echtheit sind bei ihm nicht aufgetaucht. Hingegen beeilte sich der
Herausgeber dieser Edition, MUHAMMAD MUHYI 'D-DiN, zu versichern,
daß die hier überlieferten Aussprüche 'Alis wirklich von ihm seien, und
er sucht diese Behauptung auch ausführlich zu beweisen23). Vom
Standpunkt der Wissenschaft ist die Frage der Authentizität des Nah$
al-Baläga von J. SULTAN und L. VECCHIA VAGLIEEI erschöpfend beant-
wortet worden.
Von den in letzter Zeit erschienenen Arbeiten über die Sammlung
des Sarif ar-Radi ist die kleine Abhandlung von 'U. A. FARKÜH24) weit-
») GAL S I 705.
17
) S. 8 ff. Mit dem in Anm. 12 erwähnten Aufsatz von L. VECOIA VAGLIERI
darf die Diskussion um die Person desKompilators wohl als abgeschlossengelten.
18
) &tud& sur Nahj al-Balagha, Paris 1940.
19
) ed. MUHAMMAD MUHYI 'D-ÜIN *ABD AL-HAMID, 3 Bände, Kairo o. J.
(ca. 1950). Die Zählung ist nicht ganz korrekt durchgeführt, P 3, P 80, P 151
erscheinen doppelt, so daß das Werk eigentlich 239 Predigten enthält. Ich habe
die falsche Numerierung jedoch beibehalten, da sie für den Nachweis der Zitate
nur von sekundärer Bedeutung ist.
20
) Wafayät al-a<yän, Band ITC, Nr. 416: äs-Sarif al-Murtadä.
21
) Bei J. SULTAN: ßtttde sur Nahj al-Balagha, S. 77 f.
w 23
) Seine Einleitung S. Yä» f. ) Seine Einleitung S. Öim ff.
*) Nahg al-Baläga, «Beirut 1372/1952.

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6 Hane-Jürgen Kornrumpf

gehend auf MUHAMMAD 'ABDUH gestützt; die Frage der Echtheit


möchte der Verfasser den Gelehrten derSchia zur Entscheidung überlas-
sen25). Die englische Übersetzung des Schiiten H. A. SALMIN26) zielt
lediglich auf die Erbauung des Lesers ab; sie ist unvollständig und für
wissenschaftliche Zwecke wertlos, jedoch geeignet, einen gewissen Ge-
samteindruck des Werkes zu vermitteln. Der Aufsatz von 8. A. KHU-
Lusi27) steht ganz unter dem Einfluß der Arbeit von J. SULTAN. Die
28
neueste Arbeit von <ABD AZ-ZAHRÄ' AL-HusAiNi AL- ) endlich
enthält eine Fülle von Material, das aus vielen orientalischen Quellen
zusammengetragen wurde und sicher eine genauere Untersuchung ver-
diente ; ihre Grenzen liegen hingegen vor allem in der Tatsache, daß der
Verfasser orientalistische Arbeiten wie auch solche in europäischen
Sprachen allgemein völlig außeracht gelassen hat.
Die Aufgabe dieser Arbeit soll es sein, ein Bild <Alis und des
schütischen Islam nach den im Ndhfi al-Baläga überlieferten Texten zu
entwerfen. Das kann umso eher geschehen, als die Traditionen in dieser
Sammlung über die verschiedensten Gebiete Aussagen machen. Sie ver-
mitteln ein Bild der historischen Vorgänge zur Zeit des Kalifen, so wie
sie von den schiitischen Kreisen gesehen und überliefert wurden, sie
behandeln die Religion und das religiöse Gesetz, stellen €Ali als Vorbild
seiner Anhänger dar und zeigen uns die Übersteigerung seiner Stellung
und der seiner Nachkommen in der schütischen Gemeinde. Predigten
und Reden, Briefe, Anweisungen und Weisheitssprüche, Gebete und
Prophezeiungen stehen nebeneinander und ergänzen sich zu einem
treuen Bild der Religion, zu 'der sich die Anhänger des Hauses 'Ali
bekennen, daneben aber auch zu einem zweifellos großartigen Werk der
Beredsamkeit und der vollendeten Ausdrucks. Dieser letzte Gesichts-
punkt darf nicht übersehen werden. Dem Sarif ar-Radi ging es bei der
Abfassung seiner Sammlung — das zeigt allein schon der Titel — in
erster Linie um die Zusammenstellung von Denkmälern einer vollkom-
menen Sprache, wobei ihm die Tatsache, daß ihr angeblicher Ursprung
sein Ahne cAli b. Abi Tälib war, nur Heb sein konnte. Dogmatische
Erwägungen haben bei ihm eine zweitrangige Rolle gespielt; darauf
wird in der Arbeit mehrfach hinzuweisen sein. Aus diesem Grunde hielt
ich es auch für angebracht, eine ganze Reihe von Zitaten in deutscher
25
) S. 13.
2e
) MUHAMMAD ALI SALMIN: English Translation of Nalij-ul-Balagha,
Bombay o. J. (1950).
27
) The Auihenticity of Nahj al-Balaglia, in: The Islamic Review XXXVIII/10
(Oktober 1950).
28
) Masädir NaJig al-Baläga wa-asänlduhu I, an-Nagaf 1966.

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Untersuchungen ziun Bild 'Alis und des frühen Islams bei den Schiiten 7

Übersetzung zu bringen und so zu versuchen, wenigstens einen schwa-


chen Abglanz der sprachlichen Form zu vermitteln. In den Anmerkun-
gen habe ich, soweit es mir möglich war, Parallelstellen aus anderen
Quellen angegeben, ohne jedoch dabei die Frage der Echtheit der über-
lieferten Äußerungen aufzunehmen.

TEIL I: Die historischen Ereignisse im Leben von


«AH b. Abi Tälib
Ein großer Teil der Predigten und Briefe in der Sammlung des Sarif
ar-Radi bezieht sich auf historische Ereignisse im Leben des Kalifen

1 b. Abi Tälib. Im folgenden werden zunächst die einzelnen Lebens-
abschnitte des vierten Kalifen durchgegangen, wobei aufgezeigt wird,
wie sie im Nahtf al-Baläga ihren Niederschlag finden. Eine allgemeine
Kenntnis der Geschichte dieser Epoche muß jedoch vorausgesetzt
werden1).

1. Die Jugend cAlis und sein Verhältnis zu Muhammad


Die zentrale Stellung, die 'Ali im schiitischen Islam einnimmt, ist
auf sein besonders enges Verhältnis zu Muhammad zurückzuführen,
und zwar handelt es sich hier nicht nur um seine verwandtschaftlichen
Beziehungen zum Propheten, sondern auch um ein besonderes Maß von
Vertrauen und Teilhabe an der prophetischen Mission, das Muhammad
ihm zukommen ließ. Eine Heraushebung 'Alis aus dem Kreis der Ge-
nossen des Propheten und die Betonung eines besonderen Vertrauens-
verhältnisses zu Muhammad ist auch der sunnitischen Richtung des
Islams nicht fremd2); aus der Fülle de's hierfür vorliegenden Materials
möchte ich nur die bekannte Äußerung Muhammads erwähnen: „Du
bist für mich, was Aron für Moses war, außer daß nach mir kein Prophet
mehr kommt", die sowohl von sunnitischen wie von schiitischen
Schriftstellern überliefert wird3). Im sunnitischen Islam ist man jedoch
nicht so weit gegangen, hieraus ein Dogma über das ausschließliche
Imämat cAlis und der cAliden abzuleiten.
' 1) Über das Leben cAlis EI1 und2, Art. „'All b. Abi Tälib" und die dort ange-
gebene Literatur. Ferner D. M. DONALDSON: The Shiile Religion, London 1933,
S. l—68; TAHA HUSAIN: AU wa-banühu, Kairo 1953, S. 5—192. Für Zeitschriften-
aufsätze wird auf den Index Islamicus von J. D. PEARSOJT verwiesen.
2
) I. GOLDZTHER: Vorlesungen über den Islam, Heidelberg2 1925, S. 197.
3
) W. SABASIN: Das Bild 'Alis bei den Historikern der Sunna, Basel 1907,
S. 17, 27, 36, 44, 48, 58; AHMAD B. HANBAL: al-Musnad, Band , Nr. 1463,
1505, 1509, 1532, 1547, 1583, 1600, 1608, Band V, Nr. 3062; MUSLIM: Sdhih,

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S Hans-Jürgen Kornrumpf

In Predigt 1274) des Nahtf al-Baläga läßt man «Ali sagen: „0 Gott,
ich war der erste der sich (zu Dir) wandte, hörte und antwortete;
niemand übertraf mich im Gebet außer dem Gesandten Gottes". An
anderer Stelle8) heißt es: „Ich wurde mit der natürlichen Anlage gebo-
ren6) und ging voran im Glauben und in der Auswanderung nach
Medina". cAli ist also — nach Muhammad — der erste gewesen, der
sich zum Islam bekannte7). Über sein Verhältnis zu Muhammad berich-
tet Predigt 1878): „... Ihr kennt meine Stellung zum Gesandten Gottes
durch die nahe Verwandtschaft und den besonderen Rang. Er legte
mich in seinen Schoß, als ich ein Knabe war, und drückte mich an seine
Brust... Er pflegte etwas vorzukauen und ließ es mich dann essen ...
Ich folgte ihm wie ein Kamelfüllen der Spur seiner Mutter; jeden Tag
wies er mich auf eine seiner Gewohnheiten (ahläq) hin und befahl mir,
sie nachzuahmen. Er pflegte sich in jedem Jahr eine Weile in der Nähe
von Hirä' aufzuhalten; ich sah ihn (dort), und niemand sah ihn außer
mir. Keine einzige Familie fand sich seinerzeit im Islam zusammen
außer dem Gesandten Gottes und Hadlga, und ich war ihr dritter. Ich
sah das Licht der Offenbarung und der Botschaft, und ich roch den
Duft der Prophetenschaft. Ich hörte auch das Wehgeheul des Satans,
als die Offenbarung zu Muhammad herabkam. Ich fragte: 0 Gesandter
Gottes, was ist das für ein Geschrei? Er erwiderte: Das ist der Satan,
der an seinen Knechten verzweifelt. Du hörst, was ich höre, und Du
siehst, was ich sehe, nur daß du kein Prophet bist, sondern ein We-
sir..." Der letzte Teil zeigt eine deutliche Parallele zu der genannten
Tradition, wonach < 1 zu Muhammad wie Aron zu Moses stünde,
„außer daß nach mir kein Prophet mehr kommt".
Band VII, S. 119f. (AN-NAWAWI: Sarh Sahih Muslim, Band IX, S. 277f.);
DONALDSON: The Shiite Religion, S. 45. IBN HAZM: al-Fasl fi -milal wa-'l>ahwä*
wa -nihal, Band IV, S. 116 sieht diese Tradition übrigens nicht für vertrauens-
würdig an. Vgl. hierzu auch J. FBIEDLAENDER: The Heterodoxies of the Shiites
According to Ihn Hazm, in J.A.O.S. XXIX/1908, S. 135.
4
) 11/19 des Kommentars von MUH. «ABDUH. Vor der Nummer bedeuten
P = Predigt, B = Brief, S = Sprichwort gewäß der Einteilung dieses Druckes.
Die Parallelstellen bei Ibn ABI 'L-HADID werden stets durch Vorsetzen von IH
gekennzeichnet, wobei sich die erste Zahlengruppe auf die Lithographie, die
zweite in Klammern auf den äg. Druck bezieht. Hier IH 1/469f. (11/378f.).
6
) P 56,1/101; IH 1/199 (1/355).
e
) Wulidtu <alä -fitrati; über die Bedeutung von fitra vgl. Koran, Sure 30,
Vers 29.
7
) Über diese Frage bei den Historikern SABASIN: Das BUd 'Alis, S. 10, 26,
31, 36, 41, 57; ferner TH. NÖLDEKE: Zur tendenziösen Gestaltung der Urgeschichte
des Islam, in: ZDMG 52 (1898), S. 16ff.
8
) II/182f.j IH /133 (IH/224ff.).

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Untersuchungen zum Bild 'Alis und des frühen Islams bei den Schiiten 9

Predigt 1929) berichtet von der Rolle cAlis beim Tod und Begräbnis
des Propheten. „Der Gesandte Gottes starb, während sein Kopf an
meiner Brust ruhte. Das Blut aus seinem Munde rann auf meine Hand,
und ich strich es auf mein Gesicht. Ich wurde beauftragt, seine Wa-
schung vorzunehmen, und die Engel waren meine Helfer. Das Haus und
die Höfe waren von Lärm erfüllt; eine Anzahl Engel stieg (vom Him-
mel) herab, eine andere empor, und nicht das leiseste Geräusch von
ihnen entging mir. Sie beteten für ihn, bis wir ihn in seinem Grabe ver-
bargen. Wer hat wohl mehr Recht über ihn im Leben und im Tode als
ich?" Diese hervorragende Stellung 'Alis beim Tod und Begräbnis
Muhammads entspricht der schiitischen Tradition; die sunnitische
Überlieferung unterscheidet sich hier im allgemeinen von ihr10).
Der Prophet teilte 'Ali auch Prophezeiungen über die Zukunft und
über sein persönliches Schicksal mit. Predigt 15l11) enthält ein Zwie-
gespräch zwischen beiden, in dessen Verlauf der Prophet cAli den Ab-
fall seiner Anhänger von der Religion und ihr Aufgehen in weltlichen
Genüssen voraussagt. Noch deutlicher ist Predigt 17012). Hier spricht
<
Ali: „Bei Dem, Der den Propheten mit der Wahrheit schickte und aus
der Schöpfung auserwählte, ich spreche nichts als die Wahrheit! Er
(d.h. Muhammad) hat mir alles anvertraut: das Verderben dessen, der
zugrundegehen wird, die Rettung dessen, der (dem Gericht) entkommt,
und den Ausgang dieser Angelegenheit (d.h. des Kalifats). Er hielt mit
nichts zurück, was über meinen Kopf kommen wird, er ließ es vielmehr
in meine Ohren dringen und teilte es mir mit". Auf das Wissen cAlis um
die Zukunft wird weiter unten zurückzukommen sein.

2. 'Ali und die drei ersten Kalifen


Als Muhammad starb, war 'Ali erst 35 Jahre alt13), gehörte also zu
der jüngeren Generation der Prophetengenossen. Deshalb war es sehr
unwahrscheinlich, daß ihm trotz seiner Vertrauensstellung bei Muham-
mad der Vorzug gegenüber anderen einflußreichen Genossen gegeben
werden sollte, die erheblich älter als er waren. Da sein unbedingter
Anspruch auf die Nachfolge des Propheten nach der schiitischen Lehre
') /197 ; /566 ( /561).
10
) IBN SA'D: Kitäb at-pabagat al-kabir, Band /2, ed. SCHWALLY, Leiden
1912, S. 61, 60—63, 66; DONALDSON: The Shiite Religion, S. 9; N. ABBOTT:
Aiehah, Ihe Beloved of Mohammed, Chicago 1942, S. 75—84. Vgl. dazu auch
IH I/583f. ( /591£.).
11
) H/64f.; IH I/513f. (11/463f.).
«) /109; IH I/537f. ( /607).
M) EI«·*, Art. „<AU b. Abi Talib"; DONALDSON: TheShiite Religion S. 16.

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10 Hans-Jürgen Kornrumpf

vom ausschließlichen Imämat der 'Aliden weiter unten besprochen wer-


den soll14), wird im folgenden nur gezeigt, welchen Niederschlag sein
persönliches Verhältnis zu den drei ersten Kalifen in der Sammlung ar-
Ra<jis findet.
Auf die Zeit des ersten Kalifen Abu Bakr bezieht sich keine der im
Nahg al-Baläga überlieferten Stücke, abgesehen von einer Klage 'Alis
über den Tod seiner Gattin Fä^ima, der Tochter des Propheten16). Sie
starb während der kurzen Herrschaft von Abu Bakr, doch weder über
die Spannungen zwischen ihr und dem Kalifen wegen der Hinterlassen-
schaft des Propheten noch über die nachträgliche Huldigung Abu
Bakrs durch cAli nach ihrem Tode wird hier etwas gesagt16).
Predigt 13017) zeigt 'Ali als Ratgeber des zweiten Kalifen «Umar.
Dieser will in eigener Person zum Kampf gegen die Byzantiner aus-
ziehen, 'Ali rät ihm aber davon ab: ,,Wenn du in eigener Person gegen
diesen Feind ziehst, dann haben die Muslime keine Zufluchtsstätte
mehr in ihrem Lande (wörtlich: dieseits ihres fernsten Landes) und
nach dir keine Stelle, zu der sie sich zurückwenden können. Deshalb
schicke gegen sie einen erprobten Mann aus und sende mit ihm Leute,
die Prüfungen erlebt haben und gute Ratgeber sind ..." Ähnlich ist
Predigt 14218); cUmar will persönlich gegen die Perser ziehen, aber 'Ali
wendet ein :„... Wenn du dieses Gebiet verläßt, werden die Araber von
ihren Gegenden und Gebieten her gegen dich revoltieren, bis die Wehr-
losen, die du hinter dir gelassen, dir.mehr Sorge machen als das, was
vor dir liegt. Wenn dann die Perser dich morgen sehen, werden sie
sagen: Dieser ist die Wurzel der Araber; wenn ihr sie abschneidet, habt
ihr wieder Ruhe..." € 1 rät dem Kalifen auch ab, den Schatz der
Ka'ba zur Ausrüstung von Truppen zu benutzen19).
Aus der Zeit des dritten Kalifen cütmän soll Predigt 15920) über-
liefert sein. Klagen, die CAK zugetragen worden waren, veranlaßten ihn,
zu TJtmän zu gehen und ihm Vorhaltungen über seine schlechte Ver-
waltung zu machen. Der beste Diener Gottes ist ein gerechter Imäm,
der rechtgeleitet wird und rechtleitet, die Sunna Muhammads aufrecht-
erhält und Neuerungen beseitigt. Interessant ist in dieser Predigt ein
Hinweis cAlis auf die Verwandtschaft 'Utmäns zu Muhammad; der Aus-
14
)S. u. S. 62ff.
15
) P 197, 11/207f.; IH /583 . (II/590f.).
16
) Vgl. hierzu DONALDSON: The Shiite Religion, S. 10ff.
17
) /25; IH I/474f. (11/389).
18
) H/40; IH I/493f. ( /424 .). Vgl. ABU AD-DiNAWARl: Kitäb al-
ahbär at-tiwäl, S. 142.
19
) S 270, /218; IH /429 (IV/372).
20
) II/84ff.; IH I/523f. (11/481 f.). "

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Untersuchungen zum Bild «Alis und des frühen Islams bei den Schiiten 11

druck raliim „Blutsverwandtschaft", der hier gebraucht wird, bezieht


sich sicher auf ihren gemeinsamen Ahnen cAbd Manäf21) und nicht auf
die Tatsache, daß TOmän nacheinander zwei Töchter des Propheten
geheiratet hatte22). Als der dritte Kalif von den Empörern in seinem
Haus in Medina belagert wurde, sandte er zu 'Ali mit der Bitte, nach
Yanbu* zu gehen und von dort Lebensmittel zu holen. Nach 'Alis Rück-
kehr schickte 'Utmän erneut Ibn 'Abbäs mit der gleichen Bitte zu ihm,
worauf 'Ali erklärte23): „0 Ibn 'Abbäs, 'Utmän will mich nur zu einem
Kamel machen, das Wasser in einem großen Eimer holt... Bei Gott!
Ich habe mich dagegen (d.h. gegen die Unterstützung cUtmäns) ge-
wehrt, bis ich fürchtete, daß ich eine Sünde tun würde". Ein wenig im
Widerspruch hierzu steht ein Brief an Mu'äwiya, den Statthalter
c
Umars und 'Utmäns in Syrien und Verwandten des dritten Kalifen24).
Ihm wird mangelnde Unterstützung 'Utmäns vorgeworfen, während
doch <Ali seinen Verpflichtungen nachgekommen sei:,,... Wer von uns
war ihm feindlicher gesonnen und leitete mehr zu seiner Ermordung
hin? Wer aber bot ihm freigebig Unterstützung an, doch man wies ihn
ab und forderte ihn zum Weggehen auf? Wen bat er um Hilfe, doch wer
war träge ihm gegenüber und sandte ihm den Tod, bis das Schicksal ihn
ereilte? ..."

3. Der Tod 'Utmäns und die Huldigung "Alis


Scharf werden Mitschuld oder Schuld 'Alis an der Ermordung des
dritten Kalifen zurückgewiesen. Es besteht natürlich kein Zweifel, daß
'Ali mehr als 'Utmän zum Kalifat berechtigt gewesen war25), eine Teil-
nahme an dem Mord aber wäre gegen seine Natur gewesen. „Verbot den
Umayyadeii nicht ihr Wissen über mich, mich (derart) zu entehren?
Hielt die Unwissenden nicht mein früheres Verhalten davon zurück,
mich zu verdächtigen? Ermahnte sie Gott nicht mit dem, was beredter
ist als meine Sprache26)? Ich streite nur gegen diejenigen, die (von der
Religion) abweichen, und bekämpfe die Zweifler .. ,"27). „Hätte ich
21
) «Abd Manäf war der Ahne sowohl des Häsimiten «Ali wie auch des
Umayyaden 'Utmän.
22
) «Utmän war zuerst mit Ruqayya, dann nach deren Tod mit Umm
Kultüm verheiratet.
23) P 235, /261; /lölf. ( /282).
**) B 28, ni/38f.; IH H/237f. (lH/445ff.).
2S
) P 71,1/120f.; IH 1/315 (H/60f.).
2
) Hier ist an Koran, Sure 49, Vers 12 zu denken: „Hat es einer von euch
gern, daß er das Fleisch seines Toten Bruders ißt?" So deutet jedenfalls der
Kommentar von MUHAMMAD *ABDUII an.
27
) P 72, l/121f.;IH 1/316 (II/61f.).

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12 Hans-Jürgen Kornrurapf

den Mord befohlen, so wäre ich ein Mörder, hätte ich ihn verhindert,
wäre ich («Utmfm) ein Helfer gewesen. Dennoch kann derjenige, der
ihm geholfen hat, nicht sagen: Ich bin besser als der, der ihn im Stich
ließ! Und wer ihn im Stich ließ, kann nicht sagen: Wer ihm geholfen
hat, ist besser als ich. Ich will euch TJtmäns Sache zusammenfassend
darstellen: Er eignete sich (das Kalifat) an, aber er machte die Usur-
pation schlecht; ihr wart besorgt, doch habt ihr eure Besorgnis schlecht
geäußert (d.h. 'Utmäns Regierung war schlecht, aber ebenso schiecht
war es, ihn zu ermorden)"28). Gegen den Vorwurf der Beteiligung an
der Ermordung cUtmäns durch Mu'äwiya und seine Anhänger wendet
sich auch Predigt 2l29): „Sie fordern ein Recht, von dem sie selber abge-
wichen sind, und Blut, das sie vergossen..." In einem Brief an Mucä-
wiya heißt es30): „Du verlangst etwas von mir, was weder meine Hand
noch meine Zunge begangen haben ..." Ein anderes Schreiben richtet
sich an die beiden Prophetengenossen Talhta und az-Zubair, die die
gleiche Beschuldigung erheben; €Ali verweist auf die Medinenser, die
neutral geblieben waren, und schlägt vor, sie sollen über die Teilnahme
aller dreier an der Ermordung «Utmäns urteilen31). Auch in Predigt
13332) wird jede Schuld am Tode des dritten Kalifen zurückgewiesen.
Nach der Ermordung 'Utmäns wurde in Medina 'All zum Kalifen
gehuldigt. Trotz seines Anspruchs nahm er nur mit Widerstreben an.
So heißt es im Nah$al-Baläga, als man ihm huldigen wollte33): „Laßt
mich und wendet euch an einen anderen; wir gehen einer Sache ent-
gegen, die verschiedene Seiten und Farben hat... Wenn ihr mich laßt,
bin ich wie einer von euch und höre vielleicht am besten von euch auf
den, den ihr mit eurer Sache (d.h. dem Kalifat) betraut, und bin ihm
am gehorsamsten34). Ich bin für euch als Wesir besser denn als Amir*5)"
„... Ihr habt meine Hand genommen (um mir zu huldigen), doch ich
zog sie zurück. Dann drängtet ihr euch um mich wie die durstigen
28
) P 29, I/71f.; IH 1/90 (1/157). Daran schließt sich bis S. 97 (11/169) eine
Abhandlung über die Vorgänge vor und bei «Utmäns Tod an.
2
»)I/55;IHI/57f. (1/100).
30
) B 55, IH/123f.; IH 11/334 (IV/160).
31
) B 54, /123; IH 11/334 (IV/158f.).
32
) n/26f.; IH 1/483 (H/403ff.).
33
) P 88,1/182; IH I/372ff. ( /170). - : Ttfrih VI/3076 (äg. Druck
/456).
34
) - hat statt la'alli illä anm: „... nur daß ich am besten von
euch auf den, den ihr mit dem Kalifat betraut, hören und ihm am gehorsamsten
sein werde".
35
) Vgl. - : Ttfrih, VI/3066 (HI/450); „Ich werde als Wesir besser
sein denn als Amir".

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Untersuchungen zum JBUd 'Alis und des fr hen Islams bei den Schiiten 1$

Kamele um den Wassertrog am Tage des Tr nkens, bis die Sandalen


zerrissen, die M ntel heruntergerissen und die Schwachen unter die
F e getreten wurden .. ,"3e).
Gro er Wert wird auf die Feststellung gelegt, da die Huldigung
'Alls in vorschriftsm iger Form vor sich gegangen war und somit f r
alle als verpflichtend galt. Diese Tendenz kommt deutlich in zwei
Briefen an Mu' wiya zum Ausdruck. In dem ersten37) hei t es: „Mir
haben die Leute gehuldigt, die Abu Bakr, 'Umar und cUtm n gehuldigt
hatten, und zwar in der gleichen Weise wie jenen. Der dabei Anwesende
kann sich jetzt nicht anders entscheiden, der Abwesende nicht ableh-
nen; vielmehr (kann das) nur die Sur der Muh tfir n und Ans r.
Wenn sie sich auf einen Mann einigen und ihn Im m nennen, ist das zur
Zufriedenheit Gottes. Wenn dann jemand durch einen Angriff oder eine
Neuerung ihre Sache aufgibt, mu man ihn dorthin zur ckf hren, wo
er hinausging; wenn er sich weigert, ihn bek mpfen, weil er nicht dem
Weg der Gl ubigen folgt ..." Dieselbe Auffassung enth lt mit hn-
lichem Wortlaut Predigt 16838). Eine Erg nzung hierzu ist ein anderer
Brief an Mu' wiya39): „... Es gibt nur eine Huldigung, wobei nicht
zwei verschiedene Auffassungen erlaubt sind und gegen die Wahl keine
Berufung eingelegt werden kann. Wer aus ihr heraustritt, ist ein Wider-
sacher, und der Zauderer ist ein Betr ger". Die Spitze gegen Mu' wiya,
Talha und az-Zubair ist offensichtlich; ersterer war in Syrien, die beiden
anderen aber hielten sich in Medina auf.

4. Bis zur Kamelschlacht


Aus den Berichten der muslimischen Historiker wissen wir, da
Talha und az-Zubair cAli nur aus Zwang und ungern gehuldigt hatten40).
Als Mitglieder der S r nach dem Tode 'Umars hielten sie sich zum
Kalifat f r mindestens ebenso berechtigt wie 'Ali. Auf die Huldigung
des Kalifen durch az-Zubair bezieht sich Nr. 7 der Predigten cAlis41):
„Er behauptet, da er mit seiner Hand und nicht mit seinem Herzen
gehuldigt habe; er habe die Huldigung zwar anerkannt, aber sein

'«) P 224, Π/249; ΙΗ Π/99 (ΠΙ/181).


37
) B 6, ΠΙ/8; IH Π/161 (ΠΙ/300). IHN QUTAIBA: al-Im ma wa-'a-siy sa,
1/84.
M
) II/104f.; IH 1/535 (11/503f.).
*·) B 7, ΠΙ/9; IH Π/161 (ΙΠ/SOlff.). AL-MINQABI: Waq<at Siffin, S. 65.
40
) Vgl. etwa ΑΤ-ΤΑΒΑΒΪ: Ta'rlh, VI/3069f. (ΠΙ/452); VI/3077 (HI/456f.)
und viele andere Stellen. Dagegen aber ΑΤ-ΤΑΒΑΒΪ, ΥΙ/3075 (ΙΠ/456) (Talha
huldigte freiwillig); VI/3070 (ΠΙ/452) (az-Zubair huldigte gar nicht).
«) 1/38 ;IH 1/45 (1/77).

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\4 Hans-Jürgen Kornrurapf

Inneres für sich behalten. Dafür soll er einen deutlichen Beweis bringen,
anderenfalls muß er wieder in das eintreten, was er verlassen hat". An
beide richtet sich ein Brief42): „Ihr wißt, auch wenn ihr es verbergt, daß
ich die Menschen nicht wollte, bis sie mich wollten, ihnen nicht huldig-
te, bis sie mir huldigten. Ihr beide gehört zu denen, die mich wollten
und mir huldigten ... Wenn ihr mir als Gehorsame gehuldigt habt,
dann kehrt um und wendet euch reuig zu Gott aus der Nähe; habt ihr
mir aber widerstrebend gehuldigt, dann gabt ihr mir bereits durch Zur-
schaustellen von Gehorsam und Verbergen des Ungehorsams gegen
euch ein Recht". Nach Predigt 20043) soll < 1 ihnen entgegnet haben,
als sie sich nach der Huldigung beklagten, nicht bei Beratungen heran-
gezogen zu werden: „Ihr habt etwas Geringes getadelt und vieles andere
nicht erwähnt. Wollt ihr mir nicht sagen, welche Sache, auf die ihr ein
Recht habt, ich mir angeeignet habe? Oder welchem Recht gegenüber,
auf das sich einer von den Muslimen bei mir berief, ich mich schwach
zeigte, es nicht kannte oder den Zugang zu ihm verfehlte? Bei Gott,
ich hatte kein Verlangen nach dem Kalifat und kein Bedürfnis nach
der Herrschaft, ihr habt mich dazu aufgefordert und veranlaßt. Doch
als es mir zufiel, blickte ich auf das Buch Gottes und auf das, was Er
uns gab mit der Anweisung, danach zu urteilen; ich folgte ihm und dem,
was der Prophet als Sunna vorschrieb, und ahmte es nach. Ich benötigte
dazu weder eure Meinung noch die eines anderen ..."
Talha und az-Zubair verließen Medina unter dem Vorwande der
Pilgerfahrt und verbündeten sich in Mekka mit ^Ä'isa, der Witwe des
Propheten, die über die Wahl des neuen Kalifen ebenfalls nicht sehr
erbaut war. Von dort zogen alle drei nach dem 'Iräq, wo sie besonders
in Basra Freunde wußten.
Die Uneinigkeit der Verschwörer untereinander wird im Nahg al~
Baläga erwähnt44), ebenso ihr verräterisches Eindringen in Basra45).
'Ä'igas Teilnahme an der Verschwörung wird dabei stark abgeschwächt.
Wenn wir dem zweiten Teil von Predigt 16746) glauben könnten, wäre
sie unfreiwillig unter die Verschwörer geraten: „Sie zogen aus, schlepp-
ten die Gattin des Gesandten Gottes mit sich, wie eine Sklavin zum
Verkauf geschleppt wird, und wandten sich nach Basra. Ihre Frauen

42
) B 54, /122; IH /333 (IV/158f.).
43
) /210; IH II/2 (IH/3).
") P 144,11/44; IH I/496f. (H/429f.). Vgl. DONAIDSON: The Shiite Religion,
S. 30.
«) P 167, /104; IH 1/531 (H/495ff.). Ähnlich P 213, H/228; /22
( /41). Vgl. DONALDSON: The Shiite Religion, S. 30f.
* ) /103£; IH 1/531 ( /495ff.).

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Untersuchungen zum Bild 'Alis und dea frühen Islams bei den Schiiten 15

sperrten die beiden in ihren Häusern ein, aber die \Vitwe47) des Ge-
sandten Gottes stellten sie für sich und andere zur Schau ..." An an-
derer Stelle48) wird sie mit folgenden Worten verteidigt: „Was jene
(d.h. ^iäa) anbetrifft, so packte sie das typisch weibliche Denken und
ein Groll, der in ihrer Brust kochte wie der Topfeines Schmiedes; wenn
sie aufgefordert worden wäre, von einem anderen das zu erlangen, was
ich bekommen habe, so hätte sie es nicht getan. Dennoch besitzt sie ihre
alte Unantastbarkeit, und die Abrechnung steht bei Gott".
C
A1I versuchte vergeblich, die Verschwörer auf ihrem Wege nach
Basra zu überholen, stellte sie aber dann in der berühmten Kamel-
schlacht. TaDia und az-Zubair wurden getötet, 'Ä'isa gefangen und
nach Medina zurückgeschickt. „Sie donnerten und blitzten, dennoch
hatten sie keinen Erfolg. Wir donnern nicht, bis wir angreifen, und
strömen nicht vor dem Regen"49). An der Leiche Talhas sagte 'All50):
„Abu Muhammad (Talha) war ein Fremder an diesem Ort. Bei Gott,
ich wollte nicht, daß die Qurai§ als Gefallene unter den Sternen
liegen! ..."
Talha und az-Zubair hatten als Grund ihrer Rebellion ihren Wunsch
nach Rache für die Ermordung cUtmäns angegeben und weiter behaup-
tet, daß sich die Mörder des dritten Kalifen unter 'Alis Anhängern
befanden51). Mit Bezug auf Talha wird gesagt52): „Bei Gott, er würde
nicht so drängen, das Schwert zu entblößen, um Rache für das Blut
TJtmäns zu fordern, wenn nicht aus Furcht, daß von ihm die Bezah-
lung seines Blutes gefordert würde, denn er selbst wird des Blut-
vergießens verdächtigt! Keiner war unter den Menschen gieriger als er
danach ..." Von beiden heißt es53: „Sie fordern ein Recht, das sie
selbst mißachteten, und Blut, das sie vergossen haben ..."

5. cAli und Mu'äwiya, die Schlacht yonSiffin und das Schieds-


gericht
Mu'äwiya, der Verwandte 'Utmäns und Statthalter in Syrien seit
den Tagen 'Umars, dachte nicht daran, den neuen Kalifen anzuerken-
47
) Habla „(der) die Bewahrte"; «Ä'isa durfte als Gattin des Propheten nach
dessen Tode nicht wieder heiraten. — Kommentar von MUHAMMAD 'ABDUH.
48
) P 151, /63; I/510ff. ( /453f.) mit einem Bericht über die Ursachen
der Feindschaft zwischen «Ali und «Ä'iä'a.
«) P 8,1/38; 1/46 (1/79).
) P 214, /229; IH II/22f. (HI/41). Vgl. AL-MUBARRAD : al-Kämil, S. 123.
61
) AL-MAS'ÜDI: Murüg, 11/247; AI,-YA'QÜBI: 2Vri/i, 11/211.
C2
) P 169,11/107; IH I/536f. (11/505).
5S
) P 133, n/26f.; IH 1/483 (n/403ff.). .

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0 Hons-Jiirgen Kornrumpf

nen. Er gehörte dem reichen mekkaniechen Kaufmannsgeschlecht der


Banü Umayya an, das unter der Leitung seines Vaters Abu Sufyän der
neuen Religion bis zum Schluß Widerstand geleistet hatte64). In der
Zwischenzeit hatten die Umayyaden die Vorrangstellung, die sie früher
in Mekka gehabt hatten, auf das arabische Reich übertragen können,
gefördert vor allem durch «Utmän, der sich bemühte, die einflußreichen
Posten im Staat mit seinen umayyadischen Verwandten zu besetzen55).
Bei der Huldigung 'Alls zum Kalifen brach der bis dahin unterdrückte
Konkurrenzkampf zwischen den Umayyaden und dem Geschlecht der
Banü Hääim, dem Muhammad und CA1I angehörten, mit aller Heftig-
keit aus. Der äußere Vorwand für die Verweigerung des Gehorsams
gegenüber dem neuen Kalifen war auch für Mu'äwiya der Wunsch nach
Rache für das vergossene Blut 'Utmäns56).
Dem Verhältnis zwischen cAli und Mu'äwiya wird auch im Nah$
al-Baläga ein sehr breiter Raum zugestanden. Ein großer Teil der hier
überlieferten Briefe ist an den Statthalter Syriens gerichtet. Brief 7557)
berichtet über den Tod 'Utmäns — „ ... die Geschichte ist lang und
benötigt viele Worte ..." — und die Huldigung cAlis und enthält die
Aufforderung, den neuen Kalifen mit einer Abordnung aus Syrien auf-
zusuchen. Brief 6 und 7, in denen Mucäwiya gegenüber die Rechtmäßig-
keit der Wahl und Huldigung <Alis festgestellt werden, wurden bereits
erwähnt. Die Teilnahme an der Ermordung 'Utmäns wird in Brief 5558)
und 659) zurückgewiesen: „Bei meinem Leben, Mu'äwiya, wenn du (die
Angelegenheit) vernünftig und leidenschaftslos betrachtest, wirst du
mich am schuldlosesten von allen am Blute 'Utmäns finden, und du
wirst erfahren, daß ich fern von ihm war. Willst du mich aber eines
Verbrechens bezichtigen, so tue, was dir gut scheint". „Du behauptest,
daß du kommst, um TFtmän zu rächen; du weißt aber, wo das Blut
'Ütmäns floß. Verlange es von dort, wenn du es haben willst!"60) 'All
bot 'Utmän Unterstützung an61), während Mu'äwiya ihm nur half,
wenn es zu seinem Vorteil war: „ ... Was deinen ständigen Disput
M
) U. a. war Abu Sufyän der Befehlshaber der Mekkaner in der Graben-
schlacht gewesen.
) BROCKELMANN: Gesch. d. ülam. Völker, S. 57f.
ße
) Über die Entwicklung des Verhältnisses zwischen *AK und Mu'äwiya bei
den frühen muslimischen "Überlieferern s. neuerdings die Diss. von E. L. PETER-
SEN: 'All und Mu'äwiya, Copenhagen 1964.
") /149; /370 (IV/235).
68
) in/123f.; IH 11/333 (IV/160).
) /8; /161 ( /300). IBN QUTAIBA: al-Imäma wa-'s-siyäsa, 1/85,
) 10, /13; /220 (m/409f.).
«) B 28, /38; /237 . (in/445ff.).

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Untersuchungen zum Bild «Alis und dos frühen Islams bei den Schiiten 17

über 'Utinän und seine Mörder betrifft, so hast du 'Utmän nur geholfen,
wo die Hilfe zu deinem Vorteil war, und du ließest ihn im Stich, wenn
die Hilfe ihm genützt hätte62)". 'Ali ist nicht in der Lage, Mu'äwiya
oder jemand anders die Mörder 'Utmäns auszuliefern63).
Mit besonderer Vorliebe wird die Vorrangstellung der Sippe 'Alis
im Islam gegenüber der Familie Mu'äwiyas betont. So lesen wir in
Brief 1764) >, ... Was deine Rede angeht: wir sind doch beide Nach-
kommen <Abd Manäf65), so sind wir das wohl; aber Umayya ist
nicht wie Häsim, Harb66) nicht wie <Abd al-Muttalib, Abu Sufyän nicht
wie Abu Täub, ein Muhägir nicht wie ein freigelassener Gefangener67),
ein Aufrichtiger nicht wie einer, der sich erst später dem Islam an-
hängte (lä 's-sariJi ka-l-laslq), einer, der die Wahrheit sagt, nicht wie
ein Lügner, und ein Gläubiger nicht wie ein Betrüger ..." An anderer
Stelle68) heißt es: „... Von uns kommt der Prophet, von euch der
Leugner (d.h. Abu Öahl69), von uns stammt der Löwe Gottes (Ham-
za70)), von euch der Löwe der Verbündeten (Abu Sufyän71)), aus uns
gehen die beiden Führer der ParadiesesJugend (al-Hasan und al-
Husain) hervor, aus euch die Kinder des Höllenfeuers (die Söhne von
Marwän b. al-Hakam72)), zu uns gehört die beste der Frauen der Welt

«)'B 37, /70; /285 (IV/57).


3
) 9, /11; II/162f. (III/303f). Vgl. AL-MINQARI: Waq'at Siffln,
S. 102.
«) /19; /226 ( /421 .). Ähnlich AD-DJNAWAKI: Kitäb al-aJibär
at-tvuM, S. 200; AL-MiNQARi: Waq'at Siffln, S. 539; AL-MAS'ÜDI: Murüg, 11/317;
IBN QUTAIBA: al-Imüma wa-'s-siyä$a, 1/104.
65
) *Abd Manäf war sowohl der Stammvater der Häsimiten, zu denen
Muhammad und 'Ali gehörten, als auch der Umayyaden; s. auch oben An-
merkung 21.
66
) Harb war der Großvater von Mu'äwiya, <Abd al-Muttalib der Großvater
Muhammads.
67
) Hier ist an die Eroberung Mekkas durch den Propheten im Jahre 8 der
Higra zu denken; Mu'äwiya gehörte zu denen, die damals vor Muhammad
kapitulieren mußten, Vgl. AL-WÄQiDi: Kitäb al-Magäzi, S. 818.
8
) 28, /36; /237 (III/445ff.).
69
) Nach dem Kommentar von MUHAMMAD *ABDUH; Abu Öahl war ein vor-
nehmer Mekkaner aus dem Hause der Mahzün und einer der Hauptgegner
Muhammads. EI * «· 2 Art. „Abu Djahl".
70
) Hamza gehörte zu den ersten Anhängern des Propheten und fiel in der
Schlacht von Uhud im Jahre 3 der Higra.
71
) D.h. die verbündeten Mekkaner und Beduinen unter der Führung von
Abu Sufyän, dem Vater von Mucäwiya, in der Grabenschlacht des Jahres 5.
72
) Nach MUHAMMAD ; die Deutung ist allerdings recht fragwürdig.
Marwän I. b. al-Hakam regierte als Kalif 684—85 und wurde der Stammvater
des marwänidischen Zweiges der umayyadischen Dynastie.
2 Islam % Heft 1/2

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18 Hans-Jürgen Kornrumpf

(Fut/ima), zu euch die Trägerin des Feuerholzes (Umm Öamll73)). Diese


vielen Vorzüge haben wir unter anderen im Gegensatz zu euch". Auf
eine Kriegsdrohung Mu'awiyas entgegnet 'Ali74): „Ich bin Abu Hasan
und habe deinen Großvater («Utba b. Rabi'a), deinen Onkel (al-Walid
b. *Utba) und deinen Bruder (Hanzala b. Abi Sufyän) am Tage von
Badr niedergeschmettert. Jenes Schwert ist noch bei mir, und mit dem
gleichen Herzen begegne ich meinem Feind!..." In gleichem Sinne ist
Brief 6476) abgefaßt; Mu'äwiyas Familie ist nur ungern zum Islam
übergetreten, die Kamelschlacht geht Mu'äwiya als Abwesenden nichts
an, *Ali besitzt noch dasselbe Schwert, das er Mu'äwiyas Großvater,
Onkel und Bruder auf demselben Schlachtfeld kosten ließ, Mu'äwiya
soll ihm huldigen.
'All hatte es nach seiner Wahl abgelehnt, Mu'äwiya die Statthalter-
schaft für Syrien weiter zu übertragen76), und einen neuen Statthalter
ernannt, der aber von den Syrern zurückgeschickt wurde77). Als Mu'ä-
wiya dann seinerseits Syrien von 'Ali forderte, entgegnete ihm der
Kalif78): „Was deine Forderung auf Syrien angeht, so kann ich dir
nicht heute geben, was ich dir gestern verweigerte!" Mu'äwiyas For-
derung auf Syrien ist wie „ein Betrügen des Kindes um die Milch am
Beginn der Entwöhnung"79). CAK warnt ihn vor dem Jenseits: „Wie
wirst du handeln, wenn die Gewänder von dir abgestreift worden sind,
die du jetzt trägst und die zu einer Welt gehören, welche sich an ihrem
Schmuck freut und mit ihren Annehmlichkeiten täuscht? Sie rief dich,
du antwortetest ihr, sie leitete dich, du folgtest ihr, sie befahl dir, und
du gehorchtest ihr .. ,80)" ,, ... Hüte dich vor einem Tage, an dem
sich freut, wer am Ende seines Wirkens Lob verdient, und an dem
bereut, wer dem Teufel die Möglichkeit gab, ihn zu lenken, und sich
nicht sträubte"81). „ ... Fürchte Gott in deiner Seele und mache dem
Teufel deine Lenkung streitig; wende dein Gesicht dem Jenseits zu,
dorthin führt unser Weg und der deinige ,.."82). Mu'äwiyas Rat-
73
) Abu Lahab und seine Frau Umm Öamil gehörten zu den ärgsten Wider-
sachern Muhammads und werden in Sure 111 des Korans verflucht.
74
) B 10, HI/13; IH 11/220 (III/409f.).
75
) HI/134ff.; IH II/353f. (IV/200f.).
7
) AL-MAS'ÜJDI: Murüg, 11/241.
77
) AD-DiNAWARi: Kitäb al-ahbär at-tiwäl, S. 150.
78
) B 17, HI/18; IH /226 "( /421 f.). Vgl. AL-MAS'ÜDI: Murug, S. 317;
AL-MiNQABi: Waq'at Siffin, S. 538f.
7
) 64, /136 ; /353 f. (IV/200f.).
80
) B 10,111/12; IH 11/220 (III/409f.).
81
) B 48,111/87; IH H/333 (IV/113f.).
82
) B 55, HI/124; IH H/333 (IV/160).

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Untersuchungen zum Bild «Alis und des frühen Islams bei den Schiiten 19

schlage sind einfältig: „Mich hat eine schöngeschriebene Ermahnung


und ein verziertes Sendschreiben von dir erreicht, das du aber auf
deinem Irrweg geschrieben und in deiner bösen Meinung unterzeichnet
hast, ein Brief von einem Mann, der keine Einsicht besitzt, die ihn
rechtleitet, und kernen Führer, der ihm den Weg zeigt ... "83). Über
seinen Charakter heißt es: „Bei Gott, Mu'äwiya ist nicht schlauer als
ich, aber er lügt und betrügt! Wenn ich nicht den Betrug haßte, wäre
ich der schlaueste Mensch ... "84). Schließlich ist es cAli müde, Mu'äwi-
yas Briefe zu beantworten85).
Predigt 5 86) enthält eine Prophezeihung, die gelegentlich auf
Mu'äwiya bezogen wird; dasselbe gilt von Predigt 9787). Auf beide
Stücke wird weiter unten88) in anderem Zusammenhang eingegangen.
c
Ali entschließt sich zum Kampf gegen die Syrer, während sich sein
Abgesandter öarir noch bei Mu'äwiya aufhält: „Meine Vorbereitung
zum Krieg gegen die Syrer, während öarir noch bei ihnen ist, bedeutet,
daß ich die Tür für (weitere Verhandlungen mit) Syrien schließe und
von seinen Bewohnern das Bessere abwende, falls sie es wünschen soll-
ten ... Ich habe auf Nase und Auge dieser Angelegenheit geschlagen
und ihren Rücken und ihren Bauch umgewendet (d.h. ich habe sie von
allen Seiten untersucht), aber ich sehe keinen anderen Weg für mich als
Kampf oder Unglauben .. ,89)".
Die Schlacht von Siffin erstreckte sich nach den Angaben der mus-
limischen Historiker mit Unterbrechungen über mehrere Monate und
zerfiel in zahllose Einzelkämpfe90). Sie war der entscheidende Wende-
punkt im Leben des vierten Kalifen und sollte darüber hinaus für die
ganze weitere Geschichte der islamischen Welt wie der islamischen
Religion tiefgreifende Folgen haben.
<
1 suchte den Kampf solange wie möglich zu vermeiden: „ ... Bei
Gott, ich hätte den Kampf nicht um einen Tag verzögert, wenn ich
nicht wünschte, daß sich eine Gruppe (d.h. die Syrer) mir anschließen
und durch mich rechtgeleitet würde und sich meinem Licht zuwendete.
Das ist mir viel lieber, als daß ich sie wegen ihres Irrtums töte — selbst
·>) B 8, in/8f.; IH /161 . (IH/301ff.). AL-MUBARBAD: al-Kämü, S. 186;
der Schluß auch bei Ai,-MiNQABi: Waq'at Siffin, S. 64; IBN QUTAIBA: al-hnäma
wa·'s-siyäsa, 1/91.
«*) P 193, /206; /572 (ü/571f.).

) B 73, /146f.; IH H/369f. (IV/233).
*«) 3/101; IH I/199ff. (1/355).
«7) I/194f.; IH 1/384 ( /192 .).
w
) Teil IV/2.
M
) P 42,1/89f.; IH I/125f. (1/219).
vo
) Vgl. etwa Afc-MAS'ÜDl: Kitäb at-tanlnh wa 'l-üräf, S. 295.

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20 Kans-Jürgon Kornrumpf

wenn ihre Froveltaten mit zurückbrächte91". Doch der Kampf wurde


unvermeidlich, als die Truppen Mu'äwiyas das Heer des Kalifen vom
Wasser abschnitten: „Sie wollten den Kampf mit euch kosten. Darum
bleibt entweder in einer Erniedrigung und vorläufig ohne Lagerplatz,
oder tränkt eure Schwerter mit Blut, während ihr Wasser trinkt ...
Wahrlich, Mu'äwiya hat ein Heer von Verführern herbeigeführt und
vor ihnen die Wahrheit verborgen, auf daß sie ihre Kehlen zu Zielschei-
ben des Todes machten l92)" Trotz ihrer Feindschaft und ihres Irrweges
sollen die Gegner nicht beschimpft werden: „Ich habe es bei euch nicht
gern, daß ihr sie beschimpft. Es ist richtiger bei der Rede und wirksamer
als Entschuldigung (vor Gott), wenn ihr ihre Handlungen beschreibt
und ihre Lage erwähnt und, anstatt sie zu beschimpfen, sagt: 0 Gott,
bewahre unser und ihr Blut, stifte Frieden zwischen uns und ihnen und
leite sie weg von ihrem Irrweg .. ,93)" Bitter beklagte der Kalif den
Tod vieler seiner Getreuen94) und machte Mu'äwiya in einem Brief
heftige Vorwürfe95).
Die Einstellung des Kampfes bei Siffm wurde durch die bekannte
List des 'Amr b. al-cÄs herbeigeführt, der Mu'äwiya geraten hatte,
Koranexemplare bzw. Teile des Korans auf die Lanzen zu stecken und
damit das göttliche Buch zum Richter anzurufen96). Brief 5897) gibt die
Gründe an, die zur Schlacht von Siffm und dem darauffolgenden
Schiedsgericht führten, und ist ganz in Übereinstimmung mit der histo-
rischen Überlieferung. Die Ermordung cUtmäns schuf die Spaltung,
Verständigungsversuche waren vergebens; als die Syrer aber eine
Niederlage fürchteten, riefen sie nach dem Schiedsgericht. An anderer
Stelle98) heißt es: „Wir ließen nicht Männer urteilen sondern den Koran.
Doch dieser Koran ist nur ein Schriftwerk zwischen den beiden Buch-
deckeln verborgen; er spricht nicht mit einer Zunge und benötigt des-
halb jemanden, der ihn interpretiert, und nur Männer können über ihn
sprechen. Als die Leute uns aufforderten, den Koran zwischen uns
richten zu lassen, waren wir nicht die Partei, die sich gegen das Buch
des erhabenen Gottes wandte ... Was eure Frage betrifft, weshalb ich
91
) P 54, I/99f.; /191 (1/341).
92
) P 50,1/96; IH 1/172 (1/300).
93
) P 201,11/211; IH II/5 (HI/8).
94
) P 177,11/131; IH I/553ff. (H/528ff.).
95
) B 32, /64; IH II/271f. (IV/49f.).
96
) - : Ttfrlh, VI/3329 (IV/34ff.); AL-MAS'ÜDI: Murüg, 11/171;
AD-DiNAWABi: Kitäb al-ahbär at-tiwäl, S. 201 f.; AL-YA'QÜBI: Ta'rlh, 11/219f.
Vgl. DONALDSON: The Shiite Religion, S. 35f.
97
) III/125ff.; IH /334 (IV/161f.).
98
) P 121, II/7f.; IH 1/438 (11/303f.).

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Untersuchungen zum Bild «Alis und des frühen Islams bei den Schiiten 21

zwischen euch und ihnen einen zeitlichen Zwischenraum bis zum


Schiedsgericht festgesetzt habe, so tat ich das nur, damit der Unwis-
sende Klarheit gewinne und der Wissende sich (in semer Auffassung)
festige. Vielleicht bessert Gott während dieses Waffenstillstandes die
Sache dieser Gemeinde, und sie wird nicht an der Kehle gepackt (und
verdorben)..."
Es gelang 'Ali nicht, seinen Anhängern gegenüber die von ihm ge-
wünschten Kandidaten für das Schiedsgericht durchzubringen; er
mußte den von ihnen geforderten Schiedsrichter Abu Müsä al-A§cari,
der nicht sein volles Vertrauen besaß, als seinen Vertreter anerken-
nen"). Semer Klage darüber wird in Nr. 203100) der Predigten beredter
Ausdruck verliehen: ,,0 ihr Menschen, ihr nahmt an meiner Sache, so
wie ich es gernhabe, nur solange teil, bis euch der Krieg schwach
machte ... Gestern war ich ein Ämir, doch ich wurde heute ein
Htfmür (d.h. gestern befahl ich, heute wird mir befohlen), gestern ver-
bot ich, heute wird mir verboten. Ihr hattet doch das Jenseits geliebt.
Ich kann euch nicht zu dem veranlassen, was ihr nicht wollt". In
Brief 78101) wird Abu Müsa noch davor gewarnt, die Sache des Kalifen
im Stich, zu lassen; er soll dem aus dem Wege gehen, was er nicht weiß,
und sich vor den bösen Reden der schlechten Menschen schützen, die
sich ihm nähern. Nach dem Schiedsgericht bleibt nur noch die Frage
offen, ob er wegen seiner ablehnenden Haltung gegenüber der Kamel-
schlacht und Siffm102) von vornherein hätte zu Hause bleiben sollen
oder ob er ein Verräter ist103). <Amr b. al-'Äs, der Vertreter der Syrer
beim Schiedsgericht, ist ein erbärmlicher Lügner und hatte sich
Mu'äwiya nur unter der Bedingung angeschlossen, daß er etwas dafür
bekam104); diese letzte Angabe ist übereinstimmend mit dem, was die
Historiker berichten105). Er hat sich beide AVeiten, das Diesseits und
das Jenseits, verscherzt106). Beide Schiedsrichter haben die Wahrheit
verlassen, obwohl sie sie sahen; die Abweichung war ihr Streben107).
») AL-MAS'ÜDI: Murüg, /205; AL-YA'QUBI: Ta'rih, /220.
«o) 1/212; IH /6 ( /10). AL-MINQARI: Waq'at Siffin, S. 554: AI-MAS<ÜDI:
Murüg, /271.
101
) m/150f.; IH /371 (IV/237).
102
) AD-DüTAWARi: Kitäb al-ahbär at-tiwäl, S. 205f.; AL-MAS'UDI: Murüg,
11/272; AL-YA'QÜBI: ' , 11/220. Vgl. auch den Kommentar von IBN
'L-HADID zu P 233, /153 . (m/286ff.).
103
) P 233, /259; IH II/153f. ( /286).
10
*) P 80,1/145; IH 1/335 (II/85f.).
10S
) AD-DiNAWARl: Kitäb al-aljbär at-tiwäl, S. 167f.; AL-YA'QÜuI:
n/216f.
0
) B 39, /71; IH H/286 (IV/60).
107
) P 172, /117f.; IH 1/545 ( /522).

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22 Hans-Jürgen Kornrumpf

6. Der Kampf mit den Härigiten und der Verlust von Ägypten
Der unglückselige Ausgang des Schiedsgerichts brachte dem Kalifen
neue Feinde. Gerade diejenigen Kreise, die ihm vorher Abu Müsa als
Schiedsrichter aufgezwungen hatten108), taten sich mit anderen Unzu-
friedenen zusammen und verließen mit dem Ruf: Der Entscheid liegt
nur bei Gott! das Lager 'Alls. Darum wurden sie al-Hawäritf, die Aus-
ziehenden, genannt109).
Nach dem Schiedsgericht soll 'Ali zu seinen Anhängern gesagt
haben110): ,,Die Rebellion gegen einen mitfühlenden, weisen und erfah-
renen Ratgeber hat Verwirrung zur Folge und zieht Reue nach sich.
Ich hatte euch für dieses Schiedsgericht meine Anweisung gegeben und
für euch erwählt, was meine Einsicht angesammelt hatte ... Aber ihr
habt euch mir gegenüber geweigert wie verbrecherische Widersacher
und rebellische Abtrünnige, bis der Ratgeber an seinem Rat verzweifelte
und das Feuerholz seinen Funken zurückhielt ..." Rede 118111)
zeichnet den Weg nach, der zum Schiedsgericht führte, und schildert
die Stellung, die die Härigiten vorher eingenommen hatten: „Habt ihr
nicht gesagt, als die Syrer mit List und Trug die Koranexemplare
aufpflanzten: Sie sind unsere Brüder und Religionsgenossen, sie haben
um Einstellung des Kampfes gebeten und auf das Buch des gepriesenen
Gottes vertraut, man muß ihren Vorschlag annehmen und den Zorn
auf sie beseitigen? Ich sagte euch: Das ist eine Angelegenheit mit
Glauben nach außen und Feindschaft im Innern, an deren Anfang
Erbarmen, an deren Ende aber Reue steht. Doch ihr beharrtet auf eurer
Meinung und erzwangt eure Auffassung ... Wendet euch nicht jeman-
dem zu, der wie ein Rabe krächzte; er führte irre, wenn ihm geantwortet
wurde, und war erbärmlich, wenn man von ihm ließ ..."
Die Forderung der Härigiten an 'Ali, er solle zugeben, wie ein
Ungläubiger gehandelt zu haben, wird entrüstet zurückgewiesen112):
„Euch treffe ein Sandsturm, keine Spur soll von euch übrigblei-
ben! Soll ich gegen mich selbst Unglauben bezeugen, nachdem ich

lös) AT-TABARI: Ta'rih, VI/3333 (IV/36); J. WELLHAUSEN: Die religiös-


politischen Oppositionsparteien im alten Islam, Berlin 1901, S. 8.
») WELLHATJSEN: Oppositionsparteien, S. 4; EI1, Art. „Khäridjiten",
Abschn. I.
no
) P 34,1/81; IH 1/105 (1/182). Ähnlich IBN QUTAIBA: al-Imäma wa-'s-
siyäsa, 1/123.
m
) /2; IH 1/419 (H/263f.).
112
) P 57,1/102; /213 . ( /379 .). - : Ta>rih, VI/3378 (IV/63);
IBN QUTAIBA : al-Imäma, 1/127; vgl. AD-DJNAWABI: Kitäb al-ahbär at-tiwäl,
S. 222.

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Untersuchungen zum Bild *Atis und des frühen Islams bei den Schiiten 23

an Gott glaubte und mit dem Gesandten Gottes im Heiligen


Krieg kämpfte? Dann würde ich irregehen und keiner von den Recht-
geleiteten sein113)! Wendet euch ab von dem schlechten Ort und
kehrt zurück auf der Spur der üblen Folgen! Wahrlich, nach mir werdet
ihr einer umfassenden Erniedrigung, einem schneidenden Schwert und
einer Selbstsucht begegnen, die die Tyrannen bei euch als Gewohnheit
anwenden werden!" „Wenn ihr schon unbedingt behaupten müßt, daß
ich gefehlt habe und irregegangen bin, warum beschuldigt ihr dann die
ganze Gemeinde Muhammads des Irrtums \vegen meines Irregehens,
bindet sie an meinen Fehler und erklärt sie wegen meiner Vergehen zu
Ungläubigen?114) ... Die Auffassung eurer Schar war es, sich auf die
Wahl zweier Männer zu einigen, die wir verpflichteten, sich nicht gegen
den Koran zu vergehen. Aber sie irrten von ihm ab und verließen die
Wahrheit, obwohl sie sie erkannten. Die Abweichung war ihr Verlan-
gen, und so führten sie sie durch .. ,115)" Vor der Schlacht wird den
Härigiten von *Ali noch gesagt116): „Ich warne euch davor, daß ihr ent-
lang dieses Flusses und auf der Sohle dieser Niederung hingestreckt
werdet, ohne einen sichtbaren Beweisgrund von eurem Herrn und ohne
einen eindeutigen Auftrag ... Ich suchte euch von dem Schiedsgericht
abzuhalten, aber ihr habt euch mir gegenüber wie abtrünnige Wider-
sacher geweigert, bis ich meinen Standpunkt zugunsten eures Verlan-
gens aufgab ..." In Nr. 58 der Predigten und Reden wird voraus-
gesagt, daß nicht mehr als zehn Härigiten die Schlacht überleben, daß
ihre Partei aber weiter bestehen wird117); auf diese Prophezeiung wird
später noch einmal eingegangen118).
Statthalter des Kalifen in Ägypten war Muhammad b. Abi Bakr.
Bei seiner Einsetzung soll * 1 ihm eine Reihe von Anweisungen gege-
ben haben, die in Nr. 27 der Briefe überliefert sind119) und sich sowohl
an ihn wie auch an die Bevölkerung Ägyptens richten. Neben Instruk-
tionen über die Verwaltung und den Verkehr mit den Untertanen
finden sich Ermahnungen zur Gottesfurcht, zur Einhaltung des Gebets
usw. Nach dem Schiedsgericht traf 'Amr b. al-'Äs Vorbereitungen, sich
in den Besitz dieser Provinz zu setzen, die ihm Mu'äwiya für seine
Unterstützung zugesichert hatte120). Als der Kalif davon erfuhr, setzte
113
) Koran, Sure 6, Vers 56.
114
) P 123, /11; IH 1/439 ( /306£.).
"5) P 123, /12; IH 1/439 (11/306f.).
11
) P 35,1/82f.; IH 1/116 (1/201).
"7) 1/103; IH I/239f. (II/221f.); vgl. AL-MUBABBAD: al-Kämü, S. 543;
Dl: Murüg, 11/284.
11D
»«) Teü IV/2. ) III/31ff.; IH II/233ff. (III/439ff.).
12
°) AD-DlNAWARl: Kitäb al-ahbär al-tiwal, S. 168f.; AL-YA'QÜBI: 2Vr/A, 11/217.

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24 Hans-Jürgen Kornrumpf

er den noch ziemlich jungen und im Kampf unerfahrenen Muhammad


b. Abi Bakr ab121) und sandte an seiner Stelle seinen alten Kampf-
genossen al-AStar nach Ägypten. Doch der neue Statthalter sollte den
Ort seiner Tätigkeit gar nicht erst erreichen. Er wurde unterwegs ver-
giftet122), und 'Ali mußte zusehen, wie die reiche Provinz in die Hände
seiner Gegner fiel.
In einem Schreiben waren Muhammad b. Abi Bakr die Gründe
seiner Absetzung mitgeteilt worden123): „Ich erfuhr von deiner Ver-
ärgerung darüber, daß ich al-Aätar auf deinen Posten geschickt habe.
Ich tat das nicht wegen mangelnder Anstrengung deinerseits oder zur
Vermehrung deines Eifers. Wenn ich dir hätte nehmen wollen, was an
Herrschaft in deiner Hand ist, dann hätte ich dich mit einem Posten
betraut, der dir weniger Einkünfte bringt, aber für dich schwieriger zu
verwalten ist. Der Mann, dem ich die Statthalterschaft Ägyptens an-
vertraut hatte, war für uns ein Ratgeber und für unseren Feind ein
erbitterter Gegner. Gott erbarme sich seiner; er hat seine Tage voll-
endet und ist seinem Tod begegnet ... Tritt heraus zu deinem Feind,
bediene dich deines Einblicks und rüste dich zum Kampf gegen den.
der dich bekriegt ..." In den Kämpfen, die sich um Ägypten ent-
wickelten, wurde Muhammad b. Abi Bakr getötet. cAli bedauerte seinen
Tod sehr und sprach sich in einem Brief an cAbdalläh b. al-cAbbäs sehr
lobend über seine Tätigkeit aus124). Nicht ganz so günstig erscheint
Muhammad b. Abi Bakr an anderer Stelle125). 'Ali hätte lieber Häsim
b. cUtba zum Statthalter Ägyptens gemacht, der das Land besser ver-
teidigt hätte; aber Muhammad soll deshalb nicht getadelt werden,
„denn er war mein Freund und Stiefsohn126)".
Brief 38127) ist ein Schreiben an die Ägypter und wurde, wie AT-
berichtet128), bei der Leiche al-Astars gefunden. Er enthält ein
Loblied auf die Bevölkerung Ägyptens wie auch auf ihren neuen Gou-
verneur: „ ... Ich habe euch einen der Diener Gottes geschickt, der in
Tagen der Furcht nicht schläft und in Stunden des Schreckens vor den
Feinden nicht ausweicht. Er ist heftiger gegen die Ungläubigen als die
121
) - : Ttfrih, VI/3392f. (IV/71).
122
) AL-MAS<ÜDI: Murüg, /288; AL-YA<QÜBI: Ttfrlh, 11/227.
123
) B 34, /66; /283 (IV/53).
124
) B 35, /67; IH II/283f. (IV/54).
125
) P 65, 1/113; IH 1/294 ( /21).
126) Die Mutter von Muhammad b. Abi Bakr, Asmä' bint Umais, hatte nach
dem Tode von Abu Bakr 'Ali geheiratet und ihr Kind Muhammad mitgebracht.
— Kommentare von IBN 'L-HADID und MUHAMMAD 'ABDUH.
12?
) m/70f.; IH II/285f. (IV/58).
128) - : Ttfrlli, VI/3394 (IV/72), wenig verändert.

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Untersuchungen zum Bild 'Alis und des frühen Islams bei den Schulen 25

Glut des Höllenfeuers ..., eines der Schwerter Gottes, dessen Klinge
nicht stumpf ist und dessen Hieb das Ziel nicht verfehlt ..." Völlig
verschieden davon ist Brief 62129), obwohl er bei demselben Anlaß an
die Ägypter gerichtet und mit al-A§tar geschickt worden sein soll. Er
enthält im ersten Teil eine Argumentation über die Stellung 'AHs in der
Zeit der ersten Kalifen und seine Enttäuschimg darüber, daß die
Araber die Familie des Propheten um ihr Recht auf das Kalifat nach
seinem Tode gebracht hatten. Im zweiten Teil des Schreibens klagt
'AK über Korruption und Ausschweifung; der Brief endet mit einer
Aufforderung zum Kampf: ,, ... Saht ihr nicht, daß eure Gebiete sich
verringern, eure Städte erobert werden und eure Länder zusammen-
schrumpfen und von Kriegszügen durchquert werden? Zieht aus zum
Kampf gegen euren Feind — Gott erbarme sich eurer! — und lastet
nicht auf dem Land, sonst laßt ihr euch mit Schande nieder und kehrt
in Erniedrigung zurück, und euer Anteil am Schicksal wird am erbärm-
lichsten sein. Ein Krieger schläft nicht; tut er es, können seinetwegen
die anderen nicht schlafen".
Sehr eigenartig ist Brief 53130); er soll an al-Astar gerichtet worden
sein, als der Kalif ihn zum Statthalter über Ägypten einsetzte. Das
Schreiben enthält eine ganze Fülle von Ratschlägen und Anweisungen
zur Durchführung einer geordneten Verwaltung, daneben werden die
sozialen Schichten und ihre Eigentümlichkeiten, das Verhalten des
Statthalters zu seinen Unterstellten, Steuergesetzgebung, Handel, Aus-
wahl von Beamten und ihre Beaufsichtigung, Beachtung der religiösen
Vorschriften und viele andere Dinge ausführlich behandelt. In dem
Kapitel über die Verwaltungskunst des Kalifen soll diesem Brief etwas
mehr Raum gewidmet werden.

7. Klagen des Kalifen über Ungehorsam und Treulosigkeit


seiner Anhänger
Nach der Vernichtung der Härigiten beabsichtigte 'Ali neue Züge
gegen die Syrer, doch jetzt verweigerten ihm seine Anhänger den Ge-
horsam131). Tatsächlich sollte es bis zu seinem Tode zu keinen größeren
Kampfhandlungen melir kommen. Zahllos sind im Nahg al-Baläga die

i29) m/130ff.; IH /335, 349 (IV/164ff.).


1SO
) /92—122; IH /310—330 (IV/119—157). Türkische Übersetzung
von MEHMET &: Hazreti Ali Diyorki, Diyanot l§leri Reisligi Yayinlan 51/27,
Ankara 1954.
181
) AD-DlNAWABi: Kitäb aL-ahbär aMiwäl, S. 224; AJL-MAS'ÜDI: Murüg,
n/285f.

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26 Hans-.Iürgon Kornrumpf

Klagen des Kalifen über Ungehorsam und Treulosigkeit seiner Gefolgs-


leute.
Unter den Bewohnern der Stadt Küfa hatte 'Ali seine Anhänger in
erster Linie gesucht. Brief l132) an die Kufier enthält die Mitteilung
über die Ermordung 'Utmäns und die Huldigung 'Alis; am Schluß
heißt es: „Wisset, daß Dar al-Hitfra (d.h. Medina) seine Bevölkerung
fortgeschleudert hat und sie die Stadt (d. h. in Medina ist ein Aufenthalt
nicht mehr angenehm). Es brodelt wie ein Kessel, und Aufruhr erhob
sich gegen den Pol (qutb133)). Eilt zu eurem Amir und bereitet euch
zum Heiligen Krieg gegen euren Feind, so Gott will!" Nach der Kamel-
schlacht werden die Kufier noch gelobt134), doch später werden ihnen
bittere Vorwürfe gemacht: ,, ... Bei Dem, in Dessen Hand mein
Leben ist, dieses Volk (d.h. die Syrer) sollen über euch die Oberhand
gewinnen, nicht weil sie mehr im Recht sind als ihr, sondern wegen
ihrer Eile zu dem Nichtigen, was ihr Führer anstrebt, und eurer Lang-
samkeit gegenüber meinem Recht ... Ich rief euch zum Heiligen Krieg,
aber ihr kämpftet nicht, ich bat euch um Gehör, aber ihr hörtet nicht,
ich rief euch öffentlich und im geheimen, doch ihr gabt keine Antwort,
ich riet euch, doch ihr nahmt nicht an ... Bei Gott, ich wünschte
Mu'äwiya würde euch mir einwechseln, einen Dinar für einen Dirham,
und würde mir zehn von euch abnehmen und einen von ihnen ge-
ben! ...135)"
Immer wieder werden die Anhänger cAl!s hart getadelt. ,,Ich preise
Gott für das, was Er beschlossen und an Tun vorherbestimmt hat, und
dafür, daß ich durch euch heimgesucht worden bin, o Partei, die nicht
gehorcht, wenn ich befehle, und nicht antwortet, wenn ich rufe! ...
Wenn sich die Menschen auf einen Imäm einigen, verleumdet ihr ihn,
und wenn ihr in Schwierigkeiten geratet, wendet ihr euch ab ... Für
euch sei Tod und Erniedrigung! ... Ist es nicht erstaunlich, daß
Mu'äwiya die erbärmlichsten Wichte ruft, und sie folgen ihm ohne
Gegenleistung oder Geschenke, während ich euch rufe, weil ihr die
Hinterlassenschaft des Islams seid und der letzte Rest der Menschen,
die Unterstützung oder einen Anteil verdienen, doch ihr spaltet euch
auf und seid meinetwegen uneins! .. ,136)" An anderer Stelle137) heißt
132
) III/2f.; IH 11/156 (HI/290).
133
) Der qutb, der mystische Pol, ist das Oberhaupt der Hierarchie der
„Schutzheiligen" im Sufismus; EP, Art. „Qutb" und „Tasawwuf", Abschn. 5b.
«Ali wird von den Mystikern als ihr Oberhaupt angesehen; I. GOLDZIHER:
Vorlesungen über den Islam, 2. Auflage, Heidelberg 1925, S. 157ff.
1M
) B 2, /4; /159 ( /297).
135
) P 93,1/188f.; IH /379 . (II/183ff.).
13e
) P 175,11/121 f.; IH 1/547f. ( /525f.).

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Untersuchungen zum Bild cAlis und des frühen Islams bei den Schiiten 27

es: „Ich werde heimgesucht durch den, der nicht gehorcht, wenn ich
befehle, und nicht antwortet, wenn ich rufe ... Ich rief euch, euren
Brüdern zu helfen, doch ihr brülltet wie ein krankes Kamel ... Dann
kam von euch zu mir ein ungeordnetes und schwaches kleines Heer".
,,Eure Huldigung war keine unüberlegte Handlung, doch meine und
eure Sache sind nicht dasselbe; ich will euch für Gott, und ihr wollt
mich für euch selbst. 0 ihr Menschen, helft mir gegen euch selbst! Bei
Gott, ich will nur dem Bedrückten Gerechtigkeit geben vor seinem
Bedrücker und den Tyrannen an seinem Nasenring führen, bis ich ihn
an den Tränkort des Rechts gebracht habe, selbst wenn er sich dagegen
wehrt138)". Die Anhänger des Kaufen hören nicht auf Vorwürfe und
Ratschläge139), nach dem Tode des Propheten haben sie sich weltlichen
Vergnügungen hingegeben140) und sind nicht empört, wenn die Gebote
Gottes gebrochen werden141). Sie rebellieren gegen den Imäm, der die
Wahrheit für sich hat, und gehorchen dem falschen Imäm142). „ .. .Bei
Gott, wenn ich nicht hoffte, bei meiner Begegnung mit dem Feind als
Märtyrer zu fallen, wenn mir ein Zusammentreffen mit ihm bestimmt
ist, würde ich mein Reittier antreiben und mich von euch trennen !143)."
„ ... Ihr Menschen, ich habe euch Ermahnungen gegeben, wie sie die
Propheten an ihre Religionsgemeinden gaben, und ich erfüllte Pflich-
ten, wie sie die Ausiyä™*) gegenüber denen erfüllen, die nach ihnen
kommen. Ich züchtigte euch mit meiner Peitsche, doch ihr erhobt euch
nicht, ich trieb euch an mit Zurufen (wie Kamele), aber ihr fandet euch
nicht zusammen. Gott bewahre euch, erwartet ihr einen anderen Imäm
als mich, der euch den Weg ebnet und euch auf die richtige Straße
leitet?145)" „Eure Körper sind vereinigt, doch eure Meinungen sind
geteilt. Eure Reden lassen die härtesten Steine bersten, doch eure
Taten fördern die Gier der Feinde nach euch! In den \7ersammlungen
sagt ihr alles mögliche; wenn aber der Kampf beginnt, schreit ihr:
137
) P 38,1/86; I/122f. (I/212f.).
18
) 132, /26; I/482f. ( /403).
"») P 84,1/154f.; IH I/353f. ( /133).
14
°) P 101,1/200; IH I/387ff. (H/200ff.).
M1
) P 102,1/204; IH I/398f. (H/218ff.)-
ltt
) P 24,1/60; IH 1/62 (1/110).
143
) P 115,1/231; IH 1/417 ( /259).
144
) Jeder Prophet hat einen wasl, dem das prophetische Vermächtnis mit-
geteilt worden ist; IBN BABAWAIHI AS-SADÜQ : al-I'liqädät al-Imämlya, persische
Übersetzung von Muh. 'Ali al-Haearu, Teheran 1371/1952, S. 113. Die Stellung
«Alis als watf, Muhammads wird u.a. durch die bekannte Tradition begründet,
wonach 'Ali bei Muhammad den Platz Arons bei Moses einnehme. Vgl. oben
Anm. 3.
145
) P 177, /130; IH 1/555 (H/528ff.).

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28 Hans-Jürgen Korn rümpf

Fliehen! .. ."·)" Ähnliche Klagen sind auch in Predigt 26147), 103148)


und 109149) zu finden.
In der Nacht vor dem Anschlag, dem er erliegen sollte, erschien CA1I
im Traum der Prophet Muhammad und riet ihm auf seine Klagen über
die islamische Gemeinde, diese ihrem Schicksal zu überlassen. Dann
bat 'All: ,,Gott gebe mir für sie Leute, die besser sind, und gebe ihnen
anstelle von mir jemanden, der schlechter zu ihnen ist als ich150!"

8. Der Tod «Alis


Mit der Ermordung des vierten Kalifen wird in der muslimischen
Historiographie die Geschichte von den drei Härigiten verknüpft, die
sich verschworen hatten, die Spaltung unter den Muslimen durch die
Ermordung ihrer drei bedeutendsten Führer, < 1 , Mu'äwiya und cAmr
b. al-'Äs, zu beseitigen151). Durch die Streiche des einen Attentäters,
Ibn Mulgam, wurde cAli Anfang 661 schwer verletzt und starb zwei
Tage darauf, während die Anschläge auf die beiden anderen Opfer miß-
langen.
In der Sammlung von ar-Radi wird eine Erwiderung des Kalifen
auf eine Todeswarnung überliefert152): „Wahrlich, über mir ist von
Gott ein fester Schild; wenn mein Tag kommt, wird er von mir genom-
men und liefert mich (dem Tode) aus. Dann geht der Pfeil nicht fehl,
und die Wunde heilt nicht". Nr. 23 der Briefe enthält ein Vermächtnis
an seine Anhänger kurz vor seinem Tode153): ,,Es ist mein Vermächtnis
an euch, daß ihr Gott nichts beigesellt und daß ihr die Sunna Muham-
mads nicht aufgebt. Haltet diese beiden Säulen aufrecht, dann seid ihr
frei von Tadel. Gestern war ich euer Befehlshaber, heute bin ich für
euch ein warnendes Beispiel, und morgen verlasse ich euch. Bleibe ich
am Leben, bin ich (gegenüber dem Attentäter) der Anwalt meines
Blutes, sterbe ich, ist die Vergänglichkeit für mich bestimmt. Wenn ich
(ihm) verzeihe, ist dies für mich eine gottgefällige Tat, und für euch
wäre es das gleiche (,wenn auch ihr ihn unbehelligt laßt.) Darum ver-

"·) P 28, /69 .; IH 1/87 (1/152f.).


147
) I/64ff.; IH I/80ff. (I/140f.).
U8
) 1/205f.; IH 1/399 (11/221 f.).
149
) 1/109; IH I/410f. ( /246).
15
°) P 67,1/114; IH I/306ff. (II/41f.).
151
) IBN SA'D: Kitäb at-tabaqät, m/1, S. 22ff.; - : Ttfrih, VI/
3456ff. (IV/1 lOff.); AD-DiNAWAiä: Kitab al-ahbär at-tiwäl,S. 227ff.; AL-MAS<ÜDI:
Murüg, H/289ff.; AL-YA'QÜBI: Ttfrlh, /251 f.
152
) P 59,1/104; IH 1/259 (1/464)."
153
) in/24f.; IH H/230f.

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Untersuchungen zum Bild 'Alis und des frühen Islams bei den Schiiten 29

zeiht iJim; wünscht ihr denn nicht, daß (auch) Gott euch vergibt?154)
Bei Gott, nichts ist vom Tode überraschend bei mir abgestiegen, was
ich ungern wollte, und nichts stieg empor, das ich mißbilligte! Ich war
nur ein nächtlicher Wassersucher, der (an der Quelle) abstieg, und ein
Suchender, der gefunden hat; und was bei Gott bereitsteht, ist besser
für die Frommen (als alle Güter dieser Welt) l155)" Das darauffolgende
Stück der Briefsammlung bezieht sich auf die Hinterlassenschaft des
Kalifen156).
An einem Tage der Schlacht von Siffin sah cAii seinen Sohn al-
Hasan, wie er sich in den Kampf stürzte, und er sagte zu seinen An-
hängern: „Haltet mir diesen Jüngling zurück, damit er mich nicht
(durch seinen Tod im Kampfe) niederschmettert! Ich möchte beide
(d.h. al-Hasan und al-Husain) vor dem Tode bewahren, sonst wird mit
ihnen die Nachkommenschaft des Gesandten Gottes abgeschnitten"157).
Es findet sich im Nahff al-Baläga noch ein besonderes Vermächtnis
'Alis an al-Hasan; nach der Angabe des Sarif ar-Radl soll es bereits
nach der Schlacht von Siffin aufgesetzt worden sein158). In der Edition
mit Kommentar von MUH. 'ABDtna: umfaßt es nicht weniger als 22 Sei-
ten und enthält fast ausschließlich religiöse und moralische Ratschläge.
„Von dem dahinscheidenden Vater ..., der sich vom Leben abwen-
det ..., die Welt tadelt ... und sie morgen verläßt, an den Sohn, den
erwartet, was er nicht wahrnehmen kann, der den Weg derer geht, die
bereits umgekommen sind ..., der Zielscheibe für Schicksalsschläge...
dem Sklaven der Welt ... und Gefangenen des Todes ... Ich empfehle
dir die Furcht Gottes und das Eintreten für Seine Sache, das Aufrichten
deines Herzens durch Seine Erwähnung und die Zuflucht zu Seinem
Band; welches Band ist wohl fester zwischen dir und Gott, wenn du
dieses ergriffen hast159)? Mein lieber Sohn, als ich mich alt werden sah
und zunehmende Schwäche bemerkte, begann ich schnell mein Ver-
mächtnis an dich und arbeitete wesentliche Züge davon aus, damit
mein Todestermin nicht mit mir davoneilt, ohne daß, was in mir ist, zu
dir gelangte, und ehe ich an Geist abnehme, wie mein Körper abgenom-
men hat... Wenn ich auch nicht für ein Leben bestimmt wurde, wie es
das derer vor mir (d.h. der Propheten) war, so habe ich doch auf ihre
Handlungen geschaut und über die Nachrichten von ihnen nachge-
15
<) Koran, Sure 24, Vers 22.
1
) Koran, Sure 3, Vers 197.
15e
) B 24, HI/25f.; IH 11/231 (III/432ff.).
J57
) P 202,11/212; IH II/5f. ( /9).
18
) B 31, /42—64; / 260ff. (IV/3ff.).
1M
) Vgl. Koran, Sure 3, Vers 102.

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30 -Jürgen Kornrumpf

dacht. Ich bin ihren Spuren gefolgt, bis ich wie einer von ihnen wurde,
ja sogar als ob ich durch das, was von ihren Taten zu mir gelangte, mit
dem ersten bis zum letzten von ihnen zusammengelebt hätte ... Wisse,
daß der Herrscher über den Tod auch der Herrscher über das Leben ist,
der Schöpfer auch den Tod schickt ... Mache dich selbst zu einer
Waage gegenüber dem, was zwischen dir und einem anderen ist, liebe
für einen anderen, was du für dich liebst, und hasse für den Mann, was
du für die Frau haßt. Bedrücke nicht, so wie du nicht magst, daß du
bedrückt wirst, und tue Gutes, wie du willst, daß man dir Gutes tut ...
Sage nicht, was du nicht weißt, selbst wenn du ein wenig Kenntnis
davon hast, und sage auch nicht, von dem du nicht willst, daß es zu dir
gesagt wird160) ... Wisse, daß du nur für das Jenseits geschaffen bist
und nicht für das Diesseits, für die Vergänglichkeit, nicht für das Ver-
weilen, für den Tod und nicht für das Leben ... Du bist auf dem Weg
zum Tode, vor dem kein Fliehender entkommt und dem keiner ent-
geht, wenn er es auch wünschte161) ... Es gibt zwei Dinge, die dir Gott
beschert; das eine erstrebst du, das andere erstrebt dich, und wenn du
nicht zu ihm kommst, kommt es zu dir ... Für dich ist aus dem Dies-
seits das von Nutzen, womit du deinen Aufenthalt (in beiden Welten)
verbesserst; wenn du bedauerst, was dir aus der Hand glitt, dann be-
daure alles, was du nicht erlangt hast162) ..." Am Ende des Vermächt-
nisses stehen eine Anzahl von Sprichwörtern und ein Abschnitt über die
Frauen; hierauf wird weiter unten im Abschnitt über das religiöse
Gesetz eingegangen.

TEIL II: Der Islam


Zahlreich sind die Stellen im Nahg al-Baläga, die sich auf den Islam
beziehen. Es gibt kaum eine Seite, auf der nicht zum Glauben an Gott
und zur Einhaltung Seiner Gebote ermahnt wird. Dazu kommen aber
lange Abhandlungen über die islamischen Glaubenslehren und das
religiöse Gesetz, wobei freilich ein abgerundetes Lehrgebäude voraus-
gesetzt wird, wie es die ersten Jahrzehnte des Islams unmöglich auf-
weisen konnten.
„Preis sei Gott, Der den Islam vorschrieb, seine Gesetze leicht
machte für den, der sich ihm näherte, und seine Säulen mächtig gegen
1
iei
) /51.
) m/54.
12
) /61.
!) P 102,1/202; IH I/397f. (H/218ff.).

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Untersuchungen zum Bild «Alis und des frühen Islams bei den Schiiten 31

den, der ihn zu überwinden suchte1) ..." „Gott der Erhabene hat euch
mit dem Islam ausgezeichnet und euch für ihn auserkoren, weil er die
Bezeichnung für ein Heil und eine angehäufte Gnadengabe ist. Der
erhabene Gott wählte seinen Weg aus und zeigte seine klaren Beweis-
mittel auf aus sichtbaren Wissen und verborgener AVeisheit2) ..."

1. Gott, die göttlichen Eigenschaften


„Preis sei Gott, Dessen wahren Wert die (besten) Redner nicht aus-
drücken können, Dessen Wohltaten die (besten) Zählenden nicht
zählen können, und Dessen Rechte die (besten) Muytdliidün (d.h.
schiitische Rechtsgelehrte3)) nicht erfüllen können. Die Weite der Be-
mühungen kann Ihn nicht (völlig) begreifen und das Eintauchen der
Gedanken Ihn nicht (ganz) erreichen. Jedes Seiner Attribute ist unbe-
grenzt, hat keine (sonst) existierende Eigenschaft, keine gezählte Zeit
und keine ausgedehnte Frist. Er schuf die Geschöpfe durch Seine
Macht, verbreitete die Winde durch Seine Barmherzigkeit und sicherte
durch die Felsen das Beben Seiner Erde.
Am Anfang der Religion steht das Wissen um Hin, die Vollkommen-
heit dieses Wissens ist das Vertrauen auf Ihn, vollkommenes Vertrauen
auf Ihn ist das Bekenntnis Seiner Einheit, das vollkommene Einheits-
bekenntnis ist die Ergebenheit Ihm gegenüber. Völlige Ergebenheit
bedeutet Leugnung Seiner Attribute (sifät), denn von jedem Attribut
ist bezeugt, daß es verschieden ist von dem Beschriebenen, und jedes
Beschriebene ist verschieden von dem Attribut. Wer also den gepriese-
nen Gott mit solchen Attributen belegt, hat Ihn (mit etwas anderem)
verbunden, wer Ihn verbindet, hat Ihn verzweifacht, wer Ihn verzwei-
facht, hat Ihn zerstückelt, und wer ihn zerstückelt, ist unwissend (über
Sein wahres Wesen). Der Unwissende weist auf Ihn (an einem bestimm-
ten Ort) und hat Ihn so begrenzt; wer Ihn begrenzt, hat Ihn berechnet.
Wer fragt: Worin ist Gott? hat Ihn eingeschlossen (in einen bestimmten
Raum), und wer fragt: Worauf ist Er? hat Ihn (Seines unabhängigen
Seins) entleert.
Er ist existent, doch nicht durch eine Neuschöpfung (hadaih) oder
nach einem Nichtsein ('adam). Er ist mit allem, doch nicht in einer Ver-
bindung, und ohne alles, aber ohne ein Fernsein. Er ist der Agens, doch
nicht im Sinne .von Bewegungen oder (der Bedienung) eines Instru-
ments. Er sah alles, als niemand von Seinen Kreaturen zu Ihm schauen
konnte (d.h. vor der Schöpfung), und Er ist isoliert (mutawahhid), denn
2
) P 148,11/54; IH 1/504 (II/442ff.).
*) EP, Art. tJdjtihäd" am Schluß.

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32 Hane-Jürgon Kornrumpf

Er hat keinen Kuheplatz, an den Er sich gewöhnt hat oder den er ver-
mißt. Er ließ die Schöpfung entstehen und begann mit ihr ohne Über-
legungen, die Er anstellen mußte, ohne eine Probe, aus der Er lernte,
ohne eine Bewegung, die Er (zuvor) erschaffen mußte, und ohne innere
Unruhe, durch die Er verwirrt wurde. Er wandelte die Dinge (vom
Nichtsein zur Existenz) an ihren bestimmten Zeitpunkten und schuf
Verbindungen zwischen ihren Verschiedenheiten. Er ließ ihre Natur-
anlagen entstehen und gesellte ihnen ihre Gestalt bei. Er nahm sie vor
ihrem Anfang wahr, legte ihre Grenzen und ihr Ende fest und kannte
ihre Eigenschaften und Arten ..."
Dieser Abschnitt, der übrigens den Anfang der ersten Predigt im
Nahtf al-Baläga ausmacht4), gibt vielleicht den besten Überblick über
die hier vertretene Gottesvorstellung. Die Betonung der Einheit Gottes,
Seiner Präexistenz und unabhängigen Schöpferkraft liegt auf der allge-
meinislamischen Linie. Was die Leugnung der göttlichen Attribute an-
belangt, so wird hier die Ansicht zurückgewiesen, daß sie zum göttlichen
Wesen hinzutretende Wesenheiten seien. Die schiitische Auffassung,
die auch von der Mu'tazila geteilt wird5), sieht die Eigenschaften der
Allmacht, des Allhörens, Allsehens usw. Gottes, wie sie an unzähligen
Stellen im Koran erscheinen, als essentielle Attribute (sifät dätlya) an,
die mit dem göttlichen Wesen identisch sind6). Attribute, die neben
Gott existieren, würden die göttliche Einheit zerstören, wären Polythe-
ismus (Sirk).
Von Gottes Allmacht spricht auch Predigt 18l7) :„ ... Gott ist der
Agens ohne Störung durch ein Werkzeug, Er setzt die Maße fest ohne
Nachdenken, Er bedarf keiner Sache, um daraus Nutzen zu ziehen. Die
Zeiten begleiten Ihn nicht, und Werkzeuge unterstützen Hin nicht.
Sein Sein ging den Zeiten voraus, Seine Existenz dem Nichtsein und
4
) 1/7ff.; IH I/12ff. (I/18ff.).
5
) EI1, Art. „al-Muttazila", Abschn. I: Asl al-tauhid.
6
) Vgl. IBN BABAWAIHI AS-SADÜQ: al-lHiqädät al-Irnümlya, persische Über-
setzung von MUHAMMAD <AiJ AL-HASANI, Teheran 1371/1951, S. 15f.: „Jedesmal
wenn wir Gott mit einem Seiner essentiellen Attribute (sifat-i däta§) beschreiben,
ist unser Ziel und Streben bei jedem Attribut die Leugnung, daß es zu Seiner
heiligen Essenz im Gegensatz steht... Seit Ewigkeit ist Gott der Erhabene
allhörend und allwissend..., d.h. in Seiner Essenz..., und dieses sind die
Attribute Seiner Essenz... Seit Ewigkeit ist Gott erschaffend und handelnd...,
weil dieses die Attribute Seiner Handlungen sind; diese Attribute sind neu, und es
ist nicht erlaubt zu sagen, daß Gott von Ewigkeit her mit ihnen versehen (mausüf)
ist". Siehe auch die Tradition bei AL-KUIAINI: Usül al-käfi, lith. Bombay
1514/1898, S. 37if. (I/107ff. der Edition von «All AKBAB AL-£AFFÄBI, Teheran
1377—81/1957—62) über die essentiellen Attribute Gottes.
7
) /143; IH 11/110 (III/203ff.).

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Untersuchungen zum Bild *AUs und des frühen Islams bei den Schiiten 33

Seine Ewigkeit dem Anfang. Weil Er uns mit den Sinnen ausgestattet
hat, wurde gewiß, daß Er keinen dieser Sinne besitzt; weil Er Gegen-
sätze zwischen den Dingen schuf, wissen wir, daß Er kein Gegenstück
hat, und dadurch, daß Er sie in Verbindung zueinander brachte, daß Er
mit nichts zu vergleichen ist. Er setzte Licht und Finsternis, das Offen-
sichtliche und das Zweifelhafte, das Feste und das Flüssige, das Heiße
und das Kalte in Gegensatz zueinander..." ,, ... Er gab dem
(menschlichen) Verstand keine Nachricht über die Definition Seiner
Eigenart (sifa), doch Er entzog ihm nicht das notwendige Wissen über
Sich. Für Ihn zeugen die Zeichen des Seins, (sie legen Zeugnis ab selbst)
über das Zugeständnis (Seiner Existenz) im Herzen eines Leugners. Er
ist weit erhaben über das, was die Zweifler und die Leugner sagen8)!"
Gott hat die Schöpfung nicht zur Vergrößerung Seiner Herrschaft9)
geschaffen. „Er hört das Gebrüll der wilden Tiere in den Wüsten, Er
kennt den Ungehorsam der Knechte an den Orten des Alleinseins, die
Verschiedenartigkeit der großen Fische in den überfließenden Meeren
und den Zusammenprall des Wassers durch die Wirbelwinde10)".
,, ... Wehe dem, der Den leugnet, Der die Maße für die Dinge be-
stimmt und (die Schöpfung) ordnet! Die Ungläubigen glaubten, daß sie
wie die Pflanzen seien, die keinen Sämann brauchen und keinen
Schöpfer für ihre verschiedenen Formen; doch sie haben ihre Zuflucht
nicht bei einem Beweis für das, was sie behaupteten, gesucht, und auch
nicht bei einer Bestätigung für das, woran sie festhielten. Gibt es denn
ein Gebäude ohne einen Baumeister oder ein Verbrechen ohne einen
Verbrecher?11)"
Dieses Bild von einem göttlichen Wesen, das keinen Partner hat,
unabhängig von der Schöpfung existiert, ihrer nicht bedarf, sie aber
geschaffen hat und lenkt, wird mit wenig verändertem Wortlaut an
vielen Stellen wiederholt12).

2. Die Schöpfung der Welt, Adam, die Engel und Satan


„ ... Dann schuf der Erhabene die getrennten Atmosphären und
zerteilte die Gegenden und die Sphären der Luft. Er ließ in ihnen
8
) P 48,1/95; IH1/167 (1/292), anschließend bis S. 171 (299) eine Abhandlung
über Gott und das göttliche Sein, vgl. den Anhang zu dieser Arbeit.
10
») P 62,1/109; IH 1/263 (1/471). ) P 193, /198; IH I/567f. (H/564ff.).
") P 180, /141; IH /107 f. (HI/194ff.).
«) U. a. P. 81,1/146; IH 1/347 (H/120f.). P 86,1/157ff.; IH 1/355 ( /136).
P 87, I/159ff.; IH I/356ff. (n/138ff.). P 148, /53 .; /503ff. (H/442ff.).
P 158, n/81ff.; IH I/514f. ( /478#.). P 174, H/120f.; IH I/546f. ( /524 .).
P 186, n/156ff.; IH /llSff. ( /220 .). P 208, 11/219; /12 (in/21f.).
3 Telam VL, Heft 1/2

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34 Hans-Jürgen Kornrumpf

Wasser entstehen, dessen Wellen zusammenschlagen und dessen Fülle


sich aufhäuft, wenn Er es gegen den Sturmwind und den vernichtenden
Orkan treibt. Er befahl den Winden, es zurückzustoßen, machte sie
zum Herrn über seine Stärke und ließ sie an seinen Rand angrenzen ...
Darauf schuf Er aus dem Schaum des Wassers sieben Himmel, deren
unteren Er zu einer unbeweglichen Welle und deren obersten Er zu
einem gesicherten Dach und einer hohen Decke machte, ohne eine
Säule, die ihn trägt, und ohne einen Nagel, der ihn festhält. Dann
schmückte Er ihn mit den Gestirnen und den helleuchtenden Sternen
und versah ihn mit einer lichtspendenden Lampe und einem strahlen-
den Mond in einem rotierenden Himmelsgewölbe, an einem wandern-
den Dach, auf einer sich bewegenden Tafel. Danach schied Er ab, was
zwischen den oberen Himmeln war, und füllte sie mit verschiedenen
Klassen von Engeln. Manche von ihnen sind ständig in Prostration und
erheben sich nicht zu gebückter Haltung, andere stehen immer gebückt
und richten sich nicht auf. Manche stehen in Reihen und zerstreuen
sich nicht, und andere preisen Gott und werden dessen nicht überdrüs-
sig. Der Schlaf des Auges überrascht sie nicht, ihr Verstand wird nicht
nachlässig; sie besitzen keine körperliche Schwäche und keine Unauf-
merksamkeit durch Vergeßlichkeit. Unter ihnen sind Vertaute Seiner
Offenbarung und Zeugen für Seine Gesandten; sie sind voneinander
verschieden durch Seine Bestimmung und Seinen Befehl. Andere sind
die Beschützer Seiner Knechte und die Stützen der Tore Seiner Gärten.
Ferner gibt es welche, deren Füße auf den unteren Erden stehen, deren
Hälse den obersten Himmel durchbohren und deren Körper über die
Zonen (des Universums) hinausragen. Ihre Schultern sind für die Füße
des Thrones Gottes bestimmt, ihre Blicke sind unter ihm gesenkt, sie
hüllen sich in ihre Flügel ein. Zwischen ihnen und dem, der unter ihnen
ist, befinden sich die Schleier der Erhabenheit und die Vorhänge der
göttlichen Macht. Sie können sich ihren Herrn nicht durch ein Bild vor-
stellen und schreiben ihm nicht die Eigenschaften (sifät) der Erschaffe-
nen zu; sie begrenzen Ihn nicht auf Räume und zeigen Ihn nicht an
Abbildern13)".
Dieser Bericht über den Himmel und die Engel wird in wenig ver-
änderter Form in Predigt 8714) wiederholt. Nr. 10515) gibt noch eine
andere Beschreibung der Engel: „Du läßt Deine Himmel von Engeln
bewohnen und erhebst sie über Deine Erde. Sie sind es, die von Deiner
Schöpfung am meisten über Dich wissen, Dich am meisten fürchten
ls
) P l, I/10ff.; IH I/17ff. (I/18ff.).
M
) I/165ff.; IH I/390ff. ( /138ff.)·
15
) 1/210; IH I/402f. ( /227ff.).

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<
Untersuchungen zum Bild und des frühen Islams bei den Schiiten 35

und Dir am nächsten sind. Sie bewohnten nicht die Lenden und waren
nicht in der Gebärmutter eingeschlossen; sie wurden von keinem ver-
ächtlichen Wasser (d.h. dem Samen) geschaffen, und die Ungewißheit
des Schicksals spaltete sie nicht. Trotz ihres (nahen) Ortes bei Dir, ihrer
(besonderen) Stellung zu Dir, ihres großen Verlangens nach Dir, ihres
großen Gehorsams und ihrer seltenen Nachlässigkeit gegenüber Deinem
Wort — wenn sie das innerste Wesen dessen erblickten, was ihnen von
Dir verborgen ist, dann würden sie ihre Taten für gering halten und sich
selbst tadeln; dann wüßten sie, daß sie Dich nicht so verehren und Dir
nicht so gehorchen, wie Du es verdienst".
Über die Erschaffung der Erde berichtet Predigt 20616). ,,Es zeugt
von der Größe Seiner Macht und der einzigartigen Schönheit Seiner
Schöpfung, daß Er aus dem überfließenden, sich in Bergen türmenden,
wogenden Wasser des Meeres etwas Trockenes und Festes geschaffen
hat. Dann zerteilte Er es in Schichten und teilte diese, nachdem Er sie
aneinandergeheftet hatte, in sieben Himmel auf ... Darauf begründete
Er eine feste Erde, die von der grünen Wasserflut und dem (Ihm) unter-
tänigen Meer getragen wird; es war winzig gegenüber Seinem Befehl
und gehorchte aus Ehrfurcht vor Ihm ... Er füllte ihre Berge (mit dem
Gestein) aus den Ebenen und versenkte ihre Fundamente in ihre fest-
stehenden Flanken und in die Stellen, an denen sie angepflockt wurden.
Er ließ ihre Gipfel hoch aufragen und dehnte ihre Hügelketten aus,
machte sie zu einer Stütze für die Erde und befestigte sie in ihr als Zelt-
stäbe. Da hielt die Erde inne in ihrer Bewegung und wurde davor be-
wahrt, mit den Menschen darauf zu beben, mit ihrer Last zu versinken
oder von ihrem Ort zu weichen ..." Ergänzt wird das Bild in Pre-
digt 8717): Regen, Blitze, Wolken, das Erscheinen der Flüsse und der
Vegetation werden geschildert.
Nach der Erschaffung der Erde ließ Gott den Menschen entstehen.
„Dann sammelte Gott von dem Rauhen und dem Glatten, dem Süßen
und dem Salzigen der Erde Staub zusammen, spülte ihn mit Wasser,
bis er klar wurde, und verband ihn durch Feuchtigkeit zu einem
lehmigen Brei. Daraus formte Er eine Gestalt mit Krümmungen und
Verbindungen, Gliedern und Teilen. Er ließ sie erstarren, bis sie fest
wurde, und härtete sie, bis sie wie Ton war, für eine begrenzte Zeit und
eine bestimmte Frist. Darauf blies Er in sie (etwas) von Seinem Geist,
und sie wurde ein Mensch, mit Intelligenz, die er anwenden kann, mit
Gedanken, über die er frei verfügt, Gliedmaßen, deren er sich bedienen
kann, Werkzeugen zur Benutzung und einem Wissen, vermittels dessen
) H/216if.; IH /lOff.
») I/172ff.; IH I/363ff.

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30 Hana-Jürgon Kornrumpf

er das Wahre und das Falsche, Geschmacksarten und Gerüche, Farben


und Gattungen unterscheiden kann18) ... Dann forderte der erhabene
Gott von den Engeln die Erfüllung dessen, was Er ihnen an Gehorsam
durch Niederwerfen vor ihm (d. h. Adam) und Unterwürfigkeit ihm zu
Eliren auferlegt und vermacht hatte. Der Erhabene sagte: Werft euch
vor Adam nieder!19), und alle taten es außerIblls.Ihn packte der Zorn,
und das Unheil siegte über ihn; er brüstete sich seiner Erschaffung aus
Feuer und verachtete die Schöpfung aus Ton. Da gewährte Gott ihm
eine Frist, bis Sein Zorn sich über ihn ergießen würde, die Prüfung voll-
endet wäre und das Versprechen erfüllt, und Er sagte: Dann gehörst du
zu denen, denen bis zum Tage des wohlbekannten Zeitpunkts (d. h. des
Jüngsten Gerichts) Aufschub gewährt wird!20)
Danach ließ der Erhabene Adam in einem Lande wohnen, in dem
er sein Leben angenehm und seine Lagerstätte sicher machte. Er
warnte ihn vor Iblls und seiner Feindschaft, doch sein Feind betrog ihn
aus Neid um den Ort des (ewigen) Aufenthalts und die Gesellschaft der
Frommen. Adam tauschte die Gewißheit gegen seinen Zweifel ein und
die Beharrlichkeit gegen seine Schwäche; dem Frohsinn folgte Furcht
und auf die Täuschungen (durch Iblls) Reue. Dann aber dehnte ihn
Gott der Erhabene (die Brust) (d.h. machte ihn froh) durch (die An-
nahme) seiner Reue; Er gab ihm das Wort Seiner Barmherzigkeit, ver-
sprach ihm die Rückkehr in Seinen Garten und ließ ihn hinabsteigen in
das Land der Prüfungen und in die Fortpflanzung durch Nachkommen-
schaft21)". Die Verführung Adams durch Iblls wird auch in Predigt
18722) und 8723) erzählt; Nr. 8024) berichtet über das menschliche
Leben von der Zeugung bis zum Tode und von der Wendung des
Menschen zum Bösen.
Die Menschen sollen über die Schöpfung nachdenken, dann finden
sie den Weg zu Gott. „Wenn sie nachdenken würden über die Größe
Seiner Macht und Seine allumfassende Gnade, würden sie auf den
rechten Weg zurückkehren und die Qual des Höllenfeuers fürchten.
Aber ihre Herzen sind krank, und die Einsicht ist schwach. Sehen sie
denn nicht an dem Kleinsten, was Er geschaffen hat, wie vollkommen
Er Seine Schöpfung und ihre Anordnung gemacht hat, ihr Hören und
18
) Vgl. Koran, Sure 23, Vers 12f.; Sure 32, Vers l ff.; Sure 38, Vers 71ff.
19
) Vgl. Koran, Sure 17, Vers 61.
20
) Vgl. Koran, Sure 38, Vers 80f.
21
) P l, I/13ff.; IH I/20ff. (I/18ff.).
22
) n/161ff.; IH II/120ff. (HI/224ff.).
23
) 1/177; IH 1/367 (II/138ff.).
24
) I/140ff.; IH 1/333f. (II/85f.).

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Untersuchungen zum Bild 'Alis und dos frühen Islams bei den Schiiten 37

Sehen zugeteilt hat und Knochen und Haut gegeben? ... Das Gewal-
tige und das Anmutige, das Schwere und das Leichte, das Starke und
das Schwache in Semer Schöpfung sind in Harmonie, ebenso Himmel
und Luft, die Winde und das Wasser. Blickt auf die Sonne und den
Mond, Pflanzen und Bäume, Wasser und Stein, die Unterschiede von
Nacht und Tag, die Verteilung der Meere, die große Zahl der Berge und
die Höhe ihrer Gipfel und die Vielfalt der verschiedenen Sprachen und
Zungen!25)" Schließlich \vird noch das Beispiel der Ameise angeführt:
Gott ist der Schöpfer der großen wie der kleinen Dinge in der Welt.
Sprachlich und inhaltlich sehr reizvoll sind auch zwei andere Predigten,
in denen die Fledermaus und der Pfau Gottes Schöpferkraft versinn-
bildlichen sollen und von ihren Lebensgewohnheiten und Eigentümlich-
keiten erzählen26).

3. Die Propheten, Muhammad


Auch über die Stellung der Propheten in der islamischen Religion
gibt uns die erste Predigt der Sammlung von ar-Radi, die schon mehr-
fach zitiert wurde, Auskunft27). ,,Als der größte Teil Seiner Geschöpfe
von dem Vertrag abfiel, den Gott mit ihnen geschlossen hatte, als sie
unwissend waren über Sein wahres Sein und Ihm Götzenbilder bei-
gesellten, als die Teufel sie von dem Wissen um Ihn ablenkten und
von Seiner Verehrung abschnitten, das sandte Er zu ihnen Seine
Gesandten und ließ bei ihnen Seine Propheten aufeinanderfolgen, auf
daß sie sie aufforderten, dem Pakt mit Seiner Schöpfung zu folgen,
und sie an Seine in Vergessenheit geratene Gnade erinnerten. Sie
sollten ihnen gegenüber mit (Seiner) Botschaft argumentieren, in
ihnen die verborgenen Schätze der Vernunft erwecken und sie auf die
Zeichen der Vorsehung hinweisen: ein Dach (d.h. den Himmel) über
ihnen und eine Ruhestatt (die Erde) unter ihnen, Unterhalt, durch
den sie leben können, und die Todesstunde, in der sie vergehen,
Krankheiten, die sie verfallen lassen, und unglückliche Ereignisse,
die sie ständig verfolgen. Niemals ließ der Erhabene Seine Schöpfung
einen entsandten Propheten oder ein herabgesandtes Buch, ein er-
forderliches Beweismittel oder einen klaren Weg entbehren; es waren
Gesandte, die weder ihre geringe Zahl noch die Menge der Leugner
ohnmächtig werden ließ. Dem vorangegangenen (Propheten) wurde
2&
) P 180, n/139ff.; IH /107 f. (IH/194ff.).
2
«) Über die Fledermaus P 151, ülÖOff.; IH /509 . (11/453f.). Der Pfau;
P 160, II/86ff.; IH I/524ff. (ü/483f.).
27
)I/17f.;IHI/23(I/37f.).

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38 Hans-Jürgen Korarumpf

genannt, wer nach ihm kommen würde28), und den nachfolgenden


benachrichtigte Er über den, der vor ihm war ..."
Gott sandte die Propheten, um den Menschen immer wieder einen
Beweis Seiner Autorität zu geben und um zwischen ihnen und Ihm
eine Verbindung herzustellen29). Er vertraute Seinen Gesandten; sie
stammten aus den besten Familien30). Die Propheten waren nicht mit
Reichtum oder Wunderkraft ausgestattet, sie führten vielmehr ein
asketisches Leben: ,,Wenn Gott der Erhabene, als Er Seine Propheten
sandte, beabsichtigt hätte, für sie die Goldschätze, Erzgruben und
Gartenanlagen zu Offnen und mit ihnen die Vögel des Himmels und
die wilden Tiere der Erde zu vereinen, hätte Er es gewiß getan; dann
wären aber die Prüfung hinfällig, die Vergeltung nichtig und die
Botschaften überflüssig geworden... Doch Gott der Erhabene machte
Seine Gesandten stärker in ihrer Entschlossenheit und schwächer in
dem, was die Augen von ihrer Stellung sehen können: mit einer
Genügsamkeit, die die Herzen und die Augen bedürfnislos macht,
und mit einer Armut, die dem Sehen und dem Hören schmerzt.
Wenn die Propheten von unüberwindlicher Macht gewesen wären,
wenn ihr Glanz nicht zu beeinträchtigen gewesen wäre und sie Besitz
gehabt hätten, wonach sich die Hälse der Männer recken und des-
sentwegen die Riemen der Kamelsättel angezogen werden, dann wäre
die Aufmerksamkeit der Geschöpfe dadurch geringer gewesen und ihre
Neigung zum Hochmut größer... Aber Gott der Erhabene wollte,
daß der Gehorsam gegenüber Seinen Gesandten, der Glaube an Seine
Bücher, die Demut vor Seinem Angesicht, der Respekt vor Seinem
Befehl und die Unterwerfung in Gehorsam zu Ihm, daß dieses Ver-
halten um Seinetwillen geschehe; nicht sollte ein Flecken von anders-
woher es trüben. Jedesmal wenn die Heimsuchung und Erprobung am
härtesten waren, waren Belohnung und Strafe am größten31)". Die
Propheten wurden gesandt, damit sie den Menschen das Verbotene
und das Erlaubte sichtbar machten32).
Von den einzelnen Propheten werden neben Muhammad noch
Moses, David und Jesus genannt, stets mit der Absicht, ihre Armut
und Askese zu betonen. Moses und Aron erschienen vor Pharao in
28
) MUHAMMAD 'ABDUH weist auf die Thora hin, in der vielen der Propheten
ihre Nachfolger vorausgesagt wurden, und auf Koran, Sure 61, Vers 6, wonach
Jesus das Kommen Muhammads verkündet habe.
29
) P 87,1/177; IH 1/367 (II/138ff.)·
30
) P 90,1/185; IH 1/378 ( /lSOf.).
31
) P 187, II/169f.; IH n/125ff. (HI/224ff.).
32
) P 178, 11/132; IH 1/555 (II/540ff.).

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Untersuchungen zum Bild 'Alls und des frühen Islams boi don Schiiten 39

einem Wollgewand und mit einem Stab in der Hand; der Ägypter
machte sich über ihre Armut lustig und wollte ihnen ein paar goldene
Armreifen schenken33). Moses bat Gott nur gelegentlich um einen
Laib Brot, denn er aß gewöhnlich Gemüse und Krauter34). David
pflegte Körbe aus Palmenblätter herzustellen und sie zu verkaufen,
und er aß gewöhnlich Gerstenbrot35). Jesus ruhte auf Steinen und
trug grobe Gewänder, seine Zukost war der Hunger und seine Lampe
in der Nacht der Mond. Er hatte keine Frau, die ihn verführen konnte,
keine Kinder, die ihn Sorgen machten, und keinen Besitz, der ihn
ablenkte36).
„... So verstrichen die Zeiten; die Väter gingen voraus, und die
Söhne folgten nach, bis Gott der Erhabene Muhammad, den Gesandten
Gottes, schickte, um Sein Versprechen zu erfüllen und das Propheten-
tum zu vervollkommnen... In jener Zeit war die Erdbevölkerung in
verschiedene religiöse Gruppen (milal) aufgespalten, folgte weitver-
breiteten Begierden und bildete zerstreute Parteien. Es gab welche,
die Gott Seiner Schöpfung ähnlich machten, andere verleumdeten
Seinen Namen oder zeigten auf etwas anderes als Hin.. ,37)" Muham-
mad ist der letzte der Propheten38), er ist an-nahl al-ummfi*), er
wurde nach einem langen Zwischenraum zwischen den Propheten und
nach Streitereien unter den Menschen gesandt40); mit ihm kamen das
Prophetentum und die Offenbarungen zu einem Ende41). Gott
schickte Muhammad, als die Menschen in Ignoranz lebten, irregingen
und Hochmut und Begierden hingegeben waren42), als es unter den
Arabern keinen gab, der ein heiliges Buch lesen oder behaupten konnte,
er sei ein Prophet und erhalte Offenbarungen43). „Seid gewarnt durch
die Lage der Söhne Israels, Isaaks und Ismaels und das, was an Gleich-
artigkeit der Verhältnisse noch stärker und an Ähnlichkeit der Beispiele

33
) P 187, II/168f.; IH H/125ff. (III/224ff.).
M
) P 155, /73; IH 1/518 (II/468ff.).
35
) P 155, /73; IH 1/518 (II/468ff.).
3
«) P 155, H/73; IH 1/518 (II/468ff.).
37
) P l, I/18f.; IH I/23f. (1/37ff.).
38
) P 69,1/117; IH 1/311 (n/50f.). P 129, n/22; IH 1/471 (II/381ff.)· P 168,
H/104; /535 (U/503f.). Vgl. Koran, Sure 33, Vers 40.
3
») „Jene, dio dem Gesandten, dem utnmi Propheten, folgen... Glaubt an
Gott und an Seinen Gesandten, den wnml Propheten..." Koran, Sure 7, Vers
157 f. Vgl. über die Bedeutung von tmwü die Art. „wjuna" und „wnmi" in der EI1.
·*) P 129, n/22; IH 1/471 (n/381ff.).
4l
) P 129, n/22; IH 1/471 (H/381ff.)· P 230, n/255f.; IH n/102 ( /187£.).
«) P 91,1/186f.; /378 (11/181 f.).
«) P 100,1/199; IH 1/387 (11/199).

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40 Hans-Jürgen Kornrumpf

noch naher war! Betrachtet ihre Lage, wie sie aufgelöst und zersplittert
waren in den Nächten, als die Chosroen und die Kaiser ihre Herren
waren, die sie fort von den fruchtbaren Ländereien, von dem Strome
des 'Iräq (d.h. des Euphrats) und von dem Grünen auf der Welt zu
den Gebieten derSlh-Pflanze (bot. Ehrenpreis) drängten, wo die Winde
wehen und das Leben hart ist... (Sie lebten) in der Heimsuchung durch
Not und in Epochen der Unwissenheit; Töchter wurden lebendig begra-
ben, Götzen angebetet, die Leiber von Frauen aufgeschnitten und
Raubzüge durchgeführt. Doch blickt auf die Plätze, an denen Gott
ihnen Wohltaten erwies, als Er ihnen einen Gesandten schickte44)..."
Die zahlreichen Stellen im Nahg al-Baläga, die sich auf Muhammad
beziehen, tragen häufig den Stempel einer Übersteigerung der Stellung
und des Charakters des Propheten; sie betonen seine auserlesene
Herkunft, seine Askese und prophetische Voraussicht. Auf diesem
Gebiet haben die Schiiten noch auf die spätere Entwicklung der sunni-
tischen Prophetenlehre Einfluß ausgeübt45).
Muhammads Herkunft ist die beste46), Gott ließ ihn aus dem
besten Wurzelstock des Baumes hervorkommen, von dem Er Seine
Propheten abschnitt47); seine Vorzüglichkeit ist unvergleichlich, und
sein Verlust kann nicht wettgemacht werden48). Gott wählte ihn aus
unter den Leuchten in der Dunkelheit und den Quellen der Weisheit49).
Muhammad kam zu den Menschen, um Zeugnis abzulegen über das,
was vor ihm (baina yadaihi) lag, und um das Licht zu bringen, das da
nachfolgte: den Koran50). Gott bevorzugte ihn bei der Auswahl, er
verscheuchte den Irrtum zur Rechten und zur Linken51). Er sandte
ihn mit dem leuchtenden Licht, dem klaren Beweis und dem recht-
leitenden Buch. Die Familie Muhammads ist die beste und sein Stamm-
baum der beste, seine Zweige sind in gleichmäßiger Form, und die
Früchte hängen voll herab. Muhammad machte die unbekannten
Vorschriften Gottes sichtbar und bekämpfte die inzwischen einge-
drungenen Neuerungen52). Er teilte die Botschaften seines Herrn ohne
«) P 187, n/177ff.; IH H/128f. ( /241).
4S
) TOB ANDBAE : Die person Mohammeds in lehre und glauben seiner gemeinde,
Stockholm 1918, an vielen Stellen, besonders S. 134, 187, 278ff., 294, 297ff.
4e
) P 92,1/187; IH I/378f. (11/182).
*7) P 90,1/185; IH 1/378 ( /lSOf.).
48
) P 147,11/49; IH I/501f. (II/439ff.).
*9) P 104,1/206; IH 1/399 (H/222ff.).
50
) P 153, /69; IH I/515f. (II/465f.).
51
) P 208, /220; IH 11/12 ( /21 ).
52
) P 156, H/77; IH 1/519 (11/473). Über die Neuerungen im Islam siehe
unten S. 48 f.

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Untersuchungen zum Bild 'Alis und des frühen Islams bei den Schiiten 41

Verzögerung oder Kürzung mit, er ist der Vorbeter der Gottesfürchti-


gen, auf ihn richtet sich der Blick des Rechtgeleiteten63). Sein Sprechen
ist Klarheit, sein Schweigen Rede54). Der Prophet strafte die Übeltäter,
aber er entzog ihnen nicht die ihnen zustehenden Rechte55), er kannte
keinen Groll und keinen Zorn56). Er kämpfte auf dem Wege Gottes57),
war ein großer Arzt58).
„Muhammad verachtete die Welt und schätzte sie gering. Er
wußte, daß Gott sie ihm (eines Tages) gemäß Seinem freien Willen
wegnehmen und sie als etwas Verächtliches einem anderen darbieten
würde. So wandte er sich mit seinem Herzen von ihr ab und beseitigte
den Gedanken an sie aus seiner Seele. Er wollte, daß ihr Zierat sich
vor seinem Auge verbarg, damit er nicht von ihr ein Prunkgewand
annehme oder in ihr einen Aufenthaltsort wünsche. Er berichtete von
seinem Herrn, indem er (die Übeltaten der Menschen vor Gott) ent-
schuldigte, und riet seiner Gemeinde als ein AYarner59)". Muhammads
Askese wird noch stärker betont: ,,Er belebte seine Vernunft und
tötete sein Selbst, bis das Dicke an ihm dünn und das Grobe zart
wurden60)". „Er pflegte auf der Erde zu essen und saß dabei wie ein
Sklave; er nähte seine Sandalen und flickte sein Gewand mit eigener
Hand. Er bestieg einen Esel, der schon sein Fell verloren hatte, und
ließ (die anderen, um sie zu ehren) hinter sich gehen. Ein Vorhang
hing vor der Tür seines Hauses, und auf ihn waren Bilder. Daraufhin
sagte er zu einer seiner Frauen: Du da, tue ihn fort von mir, denn
wenn ich ihn sehe, denke ich an die Welt und ihren Flitter.. ,61)"
„Gott leitete die Menschen recht mit ihm, weg von dem Irrweg,
und rettete sie durch seine Stellung (bei Ihm) vor der Unwissenheit.
Dann erwählte der Erhabene für Muhammad das Zusammentreffen
mit Ihm... So holte Er ihn voller Edelmut zu Sich. Muhammad hin-
terließ euch, was die Propheten ihren Gemeinden vermachten; denn
diese ließen in ihrer verlassenen Herde nur einen klaren Weg und ein

*») P 112,1/227f.; ES 1/416 (H/256f.).


") P 92,1/187; IH I/378f. ( /182).
«) P 123, /11; IH 1/439 ( /306 .).
<*) P 92,1/187; IH I/378f. ( /182).
") P 129, /22; IH 1/471 (H/381ff.).
*8) P 104,1/206; IH I/399f. (H/222ff.).
s») P 105,1/214; IH 1/406 (II/227ff.).
·») P 215, /229; IH /23 ( /42). ABI 'L-HADID schließt daran bis
S. 25 (47) eine Abhandlung über die Bedeutung der Enthaltsamkeit von Speise
und Trank für die Annäherung des Mystikers zu Gott.
01
) P 155, II/74f.; IH I/518f. (II/468ff.).

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42 Hirne-Jürgen Kornrumpf

feststehendes Zeichen zurück 02 )..." Muhammad war nur für eine be-
stimmte Zeit von Gott gesandt worden, bis er Seine Religion erfüllt
hatte63). " Für ihn leuchtete ein Licht mit vielen Blitzen; er zeigte ihm
den Pfad und begleitete ihn auf dem Weg. Die Türen zum Tor des
Heils und dem Lande des ewigen Aufenthalts wurden ihm geöffnet.
Durch die Ruhe seines Körpers und durch das, wozu er sein Herz ver-
wandte, standen seine beiden Füße fest in der Tiefe der Sicherheit
und Ruhe, und sein Herr war zufrieden (mit ihm)64)".
Auch eine prophetische Voraussicht wird Muhammad zugeschrie-
ben. Ein Zwiegespräch zwischen ihm und CA1I, in dessen Verlauf der
Prophet baldige Zwietracht und die Hinwendung der Muslime zu
weltlichen Genüssen voraussagt, wurde bereits erwähnt, ebenso die
Behauptung des vierten Kalifen, daß Muhammad ihm Prophezeiungen
über die Zukunft, über das Kalifat und über sein persönliches Schicksal
mitgeteilt habe65). Als sich die Klagen gegen 'Utmän häuften, wurde
c
Alt um Vermittlung gebeten. In den Vorhaltungen, die 'Utmän
daraufhin von cAli gemacht wurden, wird eine weitere Voraussage
Muhammads mit der Anspielung auf das Verhalten des dritten Kalifen
und auf seine Ermordung überliefert: „... Es wird in dieser Gemeinde
ein Imäm getötet werden, der ihr das Tor zum Morden und zum Kampf
untereinander bis zum Tage der Auferstehung geöffnet hat, der ihr
ihre Angelegenheiten unklar machte und in ihr Empörungen förderte.
Dann werden (die Menschen) das Wahre nicht von dem Nichtigen
unterscheiden können; sie werden hin- und herwogen und in Auf-
regung sein...66)".
Predigt 18767) berichtet von einer Wundertat des Propheten. Eine
Schar Qurais" kam zu ihm und verlangte, er solle durch sein Wort er-
reichen, daß ein Baum mit den Wurzeln aus der Erde käme und sich
vor ihm aufstelle; sonst würden sie ihn für einen Lügner halten.
Muhammad tat dies und noch mehr, als sie ihre Forderungen erwei-
terten. <Ali, der bei diesem Vorgang zugegen war, rief daraufhin aus,
daß er der erste sei, der an den Propheten glaube, doch die Qurai§
bezeichneten das Baumwunder als Zauberei und Betrug.
2
) P l, 1/19; IH I/25ff. (1/37ff.).
3
) P 82,1/148; IH I/347f. (H/122f.).
·«) P 215, H/229f.; IH /23 ( /42).
6
) Siehe oben S. 9.
) P 159, /85 .; IH I/523f. (II/481f.).
«) n/183f.; IH H/135f. (HT/224ff.). Über das Baumwunder s. sonst IBN
HI§ÄM: Slra, S. 258; A. GUILLAUME: The Life of Muhammad, London 1955,
S. 178f.; J. HOROVITZ: Zur Muhammadlegende, in: Der Islam V (1914), S. 47
u. 50f.

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Untersuchungen zum Bild 'Alis und des frühen Islams bei den Schiiten 43

4. Tod, Auferstehung, Jüngstes Gericht und


Vorherbestimmung
Entsprechend der traditionellen Aufgliederung des islamischen
Glaubens in den Glauben an Gott, die Engel, die Propheten, die
Bücher, die Auferstehung, das Jüngste Gericht und die Vorher-
bestimmung soll jetzt eine Besprechung der drei letzten Punkte dieser
Reihe folgen. Auch hierüber finden wir in der Sammlung des Sarif
ar-Radi reiches Material.
Die Welt ist nur ein Vorbereitungsort für das ewige Leben, sie soll
ein Übungsfeld für gute Taten sein. ,,0 ihr Menschen, die Welt ist nur
ein Durchgangsort und das Jenseits ein Land des Verbleibs. Darum
sorgt bei eurem Durchzug für euer Verweilen und entehrt euch nicht
vor Dem, der eure Geheimnisse kennt. Laßt eure Herzen aus der Welt
herausgehen, bevor eure Körper aus ihr genommen werden. In ihr
wurdet ihr geprüft, und für eine andere Welt wurdet ihr geschaffen...68)"
„Der Mensch... soll von dem Vergänglichen für das Bleibende nehmen
und von dem Dahingehenden für das Dauernde...69)". „Heute ist
(noch Zeit für) die Tat, und keine Abrechnung wird gemacht; morgen
findet die Rechnungslegung statt, und keine (Zeit ist mehr für die)
Tat!70)" Wer gute Taten in seinem Leben tut, braucht den Tod nicht
zu fürchten71). An Ziyäd b. Abihi, den Vertreter des Statthalters in
Basra, schreibt :,,... Dem Menschen wird nur vergolten nach dem,
was er vorausgeschickt hat.. ,72)".
„Spürst du den Tod, wenn er ein Haus betritt? Oder siehst du
ihn, wenn er jemanden sterben läßt? Wie läßt er den Foetus im Leibe
der Mutter sterben? Dringt er zu ihm durch eines ihrer Gliedmaßen
ein, hat ihm die Seele (des Kindes) mit Erlaubnis ihres Herrn geant-
wortet, oder wohnt er mit ihm in der Mutter Inneren? Wie kann ein
Mensch seinen Gott beschreiben, wenn er unfähig ist zur Beschreibung
eines Geschöpfes wie er selber?!73" „Ich empfehle euch, an den Tod
zu denken und den Gedanken daran nicht zu vernachlässigen. Wie
könnt ihr sorglos sein gegenüber dem, was euch nicht übersieht, und
seid (auf diese Weise) gierig auf den, der euch keine Frist gewährt?
Der Tod derer, die ihr gesehen habt, genügte doch als Mahnung! Sie

68
) P 198, /209; IH /2 (HI/2). Ähnlich P 199, /209 .; IH II/2 (III/2).
e
») P 232, /257; IH 11/153 (m/28Sf.).
70
) P 41,1/89; IH 1/125 (1/218).
71
) P 27,1/67; IH I/83f. (1/146f).
™) B 21, /23; IH H/230 ( /430).
7S
») P 108,1/220; IH /409 . (11/242).

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44 » ·.Jürgen Kornrumpf

wurden zu ihren Gräbern getragen und ritten nicht (selbst dorthin),


und sie wurden hinabgesenkt, ohne (selbst) hinabzusteigen; als ob sie
nie in der Welt gelebt hätten und das Jenseits ihr dauernder Wohn-
sitz gewesen wäre7'1)". „Der Tod zerstört eure Freuden, trübt eure
Begierden und hält euch fern von euren erstrebten Zielen. Er ist ein
unerwünschter Besucher und ein unüberwindlicher Zeitgenosse.. . 7 )".
Eine lange und beredte Abhandlung über den Tod und die Voraus-
gegangenen im Tode enthält auch Predigt 21676). Der Stolz auf die
Ahnen ist sinnlos; sie sind nur vorausgegangen zu dem Ziel, das alle
erreichen werden. Alle mußten sterben, ob sie hoch oder niedrig waren,
und dann stehen die Nachkommen auf ihren Leibern, deren Schönheit
und Anmut dahin ist. Niemand wird über den Tag seines Todes hinaus
auf der Erde bleiben können77). Was er auch angesammelt hat, er
muß alles zurücklassen; seine Besitz erhalten die Erben, seine Frauen
werden von anderen geheiratet, sein Grab wurde seine neue Wohnung78).
„Wenn das Buch (bei Gott über die Taten der Menschen) seinen
Endpunkt erreicht hat und (Gottes) Anordnung ihre Bestimmung,
wenn die letzte Schöpfung der ersten hinzugefügt worden und nach
dem Befehl Gottes geschehen ist, was Er bezüglich der Erneuerung
Seiner Schöpfung (bei der Auferstehung) beabsichtigte, dann läßt Er
die Himmel beben und spaltet sie. Dann schüttelt Er die Erde und
läßt sie erzittern, Er reißt die Berge heraus und schleudert sie umher;
sie ebnen einander ein aus Ehrfurcht vor Seiner Majestät und aus
Angst vor Seiner Macht. Er holt hervor, was in der Erde (in den
Gräbern) ist, schafft (die Menschen) neu gemäß ihren (früheren) Eigen-
arten und sammelt sie, nachdem sie zerstreut waren. Danach teilt Er
sie ein nach ihren geheimen Handlungen und verborgenen Taten, die
Er von ihnen zu erfragen beabsichtigt, und macht aus ihnen zwei
Scharen; der einen erweist Er sich gnädig, die andere züchtigt Er.
Was Seine Gehorsamen anbetrifft, so belohnt Er sie durch Seine Nähe
und läßt sie in Seinem Lande verweilen, das die Bewohner nicht ver-
lassen, worin sich ihr Zustand nicht verändert, die Furcht sie nicht
heimsucht und Krankheiten sie nicht befallen. Gefahren treten ihnen
nicht entgegen, und (weite) Reisen trennen sie nicht. Die Ungehor-
samen aber läßt Er in die schlimmste Gegend hinabsteigen. Dort
fesselt Er die Hände an die Nacken, bindet die Stirnlocken an die
74
) P 183, /151; IH11/115 (III)218f.). Ähnlich P 19,1/93f.; IH I/56f. (1/99).
75
) P 225, /250; IH /99 ( /lSlf.).
76
) II/230ff.; IH H/26ff. (III/48ff.).
") P 95,1/192; IH 1/381 ( /187).
78
) P 128, 11/21; IHI/470f. (II/380f.).

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Untersuchungen zum Bild cAlis und des frühen Islams bei den Schiiten 45

Füße, bekleidet sie mit Hemden aus Teer und feurigen Gewändern.
(Sie befinden sich) in einer Qual, deren Hitze sich noch verstärkt hat,
und hinter einer Tür, die vor den Insassen verhüllt wurde, in einem
lodernden, prasselnden Höllenfeuer mit hoch emporschlagender
Flamme und schrecklichem Getöse. Wer dort wohnt, kann es nicht
verlassen, sein Gefangener kann nicht losgekauft werden, und seine
Fesseln können nicht zerschnitten \verden. Für diese Gegend gibt es
keinen Zeitraum, der dahingeht, und für die Menschen keinen Termin,
der als Ende bestimmt ist79)". ,,(Wenn der Tag des Gerichts kommt,)
holt Gott Seine Geschöpfe hervor aus den Stätten der Gräber, den
Nestern der Vögel, den Höhlen der wilden Tiere und den zum Unter-
gang bestimmten Orten; dann eilen sie zu Seinem Wort und stürzen
zum Treffpunkt mit Ihm, eine schweigende Schar in Reihen aufgestellt.
Der Blick (Gottes) durchdringt sie, der Rufer80) läßt sie hören... Die
Listen sind jetzt vergeblich, die Hoffnung ist abgeschnitten, die Herzen
stehen still, die Stimmen werden gedämpft und leise, Schweiß bricht
aus, und die Furcht wird riesig. Die Ohren dröhnen von der lauten
Stimme des Rufers zum Anfang der Rede (Gottes), zur Festsetzung
der Vergeltung: der qualvollen Strafe und der Erlangung der Be-
lohnung. . ,81)". Der Tag des Gerichts wird gewiß kommen82), an ihm
wird eine genaue Rechnung aufgestellt83). Die Menschen sind Reisende
und verlassen eine Welt, die nicht die ihre ist84). Im Paradies gibt es
verschiedene Grade und Aufenthaltsorte; wer dort wohnt, geht nie
weg und wird nie alt85).
Predigt 878e) äußert sich über die Vorherbestimmung: „Gott hat
Seiner Schöpfung eine Bestimmung gegeben und machte sie angenehm.
Er hat sie mit Vorbedacht geordnet, und Seine Anordnung war gut.
Er gab ihr ihre Richtung auf Sich hin, deshalb konnte sie die Grenzen
ihres Ranges nicht überschreiten und hinter der Erreichung ihres
Zieles nicht zurückbleiben. Sie fand (ihren Weg) nicht schwer, denn
der Verlauf wurde nach Seinem Willen bestimmt; wie konnte sie auch,
wo die Dinge doch nur aus Seinem Wunsch hervorgehen!..." Auf
eine Warnung vor dem Anschlag auf sein Leben entgegnete der Kalif:
78
) P 105,1/213f.; IH 1/403 ( /227ff.).
80
) «Izrä'il, der Engel des Todes.
") P 80,1/131 f.; IH 1/330 (11/87f.).
82
) P 20, 1/54; IH 1/57 (I/99f.). P 152, /68; IH I/514f. ( /463 .). P 185,
/154 .; IHII/117f. (HI/218f.).
83
) P 98,1/195f.; IH /384 . (II/194f.).
84
) P 178, H/134f.; IH I/557f. (II/540ff.).
86
) P 81,1/146f.; IH 1/347 (H/120f.).
8
) /164; IH I/359f.

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46 Hans-Jürgen Kornrumpf

„... Wenn mein Tag kommt..., dann wird der Pfeil des Todes nicht
fohlgehen...87)". An seinen Sohn al-Hasan schrieb € 1 nach der
Schlacht von Siffm: „... Jedes Ding hat einen bestimmten Ausgang
('äqiba)-, zu dir wird kommen, was dir vorherbestimmt ist...88)"
Gott hat Seinen Propheten nur für eine bestimmte Zeit gesandt, bis
Er Seine Religion vervollständigt hatte89). Vor seinen Tode soll der
Kalif geäußert haben: „0 ihr Menschen, jedem begegnet das, vor dem
er auf seiner Flucht davonläuft; das Todesdatum treibt die Seele vor
sich her, und die Flucht vor ihm führt darauf zu.. .90)"
Eine isolierte Betrachtung dieser Zitate würde eine weitgehende
Leugnung der Willensfreiheit des Menschen ergeben. Daß dem aber
nicht so ist, erweisen vor allem die zahllosen Äußerungen über das
Jüngste Gericht, in denen immer wieder betont wird, daß die Menschen
von Gott nach ihren Handlungen im Diesseits gerichtet werden. Eine
Auffassung, wie sie von der Öabriya im Islam vertreten wurde91),
würde im Widerspruch sowohl zu den Lehren der schiitischen Theologie
als auch zu denen der Orthodoxie stehen. Gott hat den Dingen nur
einen bestimmten Ausgang prädestiniert, ihnen ein Maß und eine
Richtung gegeben92).

5. Koran, Traditionen, Neuerungen


„... Das Buch eures Herrn ist bei euch. Es beschreibt das Erlaubte
und das Verbotene, die vorgeschriebenen Pflichten und die zusätzlichen
freiwilligen Akte, das Abrogierende und das Abrogierte, die erlaubten
und die vorgeschriebenen Handlungen, das Spezielle und das Allge-
meine, warnende Beispiele und Gleichnisse... Es klärt die kompli-
zierten Fragen: was bekannt und verpflichtend ist und was die Diener
87
) P 59,1/104; IH 1/259 (1/464). Vgl. oben S. 28.
88
) B 31, /59; /275 (IV/3ff.).
89
) P 82,1/148; IH I/347f. (II/122f.).
90
) P 145, /45; /497 ( /431 .).
91
) D.h. ein© völlige Leugnung der Willensfreiheit des Menschen; s. EI1 u.2
Art. „Djabriya".
fl2
) Man vergleiche diese Auffassung mit der Lehre der Imämiya bei IBN
BABAWAIHI: al-I'tiqädät, S. 17ff.: „Unser Glaube bezüglich der Handlungen der
Diener Gottes ist der, daß jene Handlungen von Gott erschaffen sind in der
Weise einer Bestimmung (taqdlr), nicht in der Weise einer Erschaffung (takunri)·,
die Bedeutung einer Schöpfung (in der Weise) einer Bestimmung ist die, daß
Gott von Ewigkeit her das Maß jener Handlungen wußte. — Unser Glaube...
ist, daß es (bezüglich des menschlichen Willens) keinen Zwang (gabr) und keine
völlige Freiheit (tafwtä', Übertragung, Bevollmächtigung von Gott) gibt; viel-
mehr ist es eine Angelegenheit zwischen den beiden.. .*'

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Untersuchungen zum Bild €AUs und des frühen Islams bei den Schiiten 47

Gottes bereichert-, ohne daß sie es wissen, die religiöse Pflicht, die im
Buch festbegründet ist, die aber in der Sunna abrogiert wurde, die
Handlungen, die in der Sunna vorgeschrieben, deren Unterlassung
aber nach dem Buch erlaubt ist, und das, was in einer bestimmten
Zeit verpflichtend war, aber in der Zukunft keine Geltung melir hat.
(Schließlich) differenziert es zwischen den verbotenen Dingen — den
großen, die die Höllenfeuer nach sich ziehen, und den kleinen, für die
Er Seine Verzeihung vorgesehen hat — und dem, das (als Entgelt für
eine Sünde) angenommen wird bz , darüber hinausgeht93)."
Doch der Koran gibt nicht nur gesetzliche Bestimmungen.
„... Dann offenbarte Gott Muhammad das Buch als ein Licht, dessen
Leuchten nicht erlöschen, und als eine Lampe, deren Schein nicht
aufhört... Gott schuf es zur Stillung des Durstes der Weisen und
machte es zu einem Garten für die Herzen der Rechtskundigen94)..."
Er enthält Wissen über das, was geschehen wird, den Bericht über die
Vergangenheit, ein Heilmittel gegen die Krankheiten und eine An-
weisung für das Zusammenleben der Menschen95). Er ist das feste
Band zu Gott und die Rettung für diejenigen, die sich daranklam-
mern96), er legt Fürsprache ein am Tage der Auferstehung und zeugt
gegen den Übeltäter97). Das Buch Gottes befielüt und verbietet,
spricht, obwohl es schweigt; mit ihm hat Gott Seine Religion vervoll-
ständigt98). Der Weise, der ohne Kenntnis von ihm handelt, ist wie
ein verwirrter Unwissender, der seine Ignoranz nicht überwinden
kann99).
Beim Schiedsgericht nach der Schlacht von Siffm sollte der Koran
zwischen den Parteien entscheiden100). Doch die Schiedsrichter hielten
sich nicht daran101). 'Alis Blutschuld am Tode 'Utmäns sollen die
Umayyaden mit dem Koran beweisen102). Als 'Abdalläh b. al-cAbbäs
aber zu Verhandlungen mit den Härigiten ausgesandt wurde, wies
c
Ali ihn an: „Argumentiere ihnen gegenüber nicht mit dem Koran,
denn der Koran hat verschiedene Bedeutungen und Sinngehalte, die
M
) P l, I/19ff.; IH I/24f. (1/38).
M
) P 193, /202£.; IH I/569f. (II/564ff.)·
») P 153, /69; IH I/515f. (II/465f.).
*) P 151, /64; IH 1/513 (11/461).
") P 171, /111; IH I/539f. (II/509ff.).
*) P 178, n/133; IH I/555ff. (n/540ff.)·
·») P 106,1/215; IH I/406f. (H/236f.).
10
°) P 121, n/7 f.; IH 1/438 (n/303f.). Vgl. oben S. 20f. Auch P 123, 11/12;
IH 1/439 (H/306f.).
) p 172, n/117; IH 1/545 (n/522).
102
) P 72,1/121f.; IH 1/316 (n/61f.).

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48 -Jtirgon Komnimpf

entweder du vertrittst oder sie. Disputiere lieber mit der Sunna, aus
ihr worden sie keine Ausflucht finden!103)" Der Berufung auf das
heilige Buch steht die Befürchtung gegenüber, es durch Argumenta-
tion über die Bedeutung seiner Worte zu entweihen. In Predigt 143101)
wird eine Zeit vorausgesagt, in der der Koran in Vergessenheit geraten
wird. Die Menschen werden sich den Anschein geben, als ob das Buch
noch ihre Leitung sei, aber nichts ist von ihm geblieben außer dem
Namen.
Neben dem Koran steht als Quelle des islamischen Gesetzes die
Überlieferung von Muhammad, das, was der Prophet sagte und tat.
Auf sie wird im Nahy al-Baläga an mehreren Stellen Bezug genommen;
gelegentlich sind diese Äußerungen mit einer scharfen Wendung gegen
Neuerungen verbunden.
'Ali soll zu 'Utmän kurz vor dessen Ermordung gesagt haben:
„Der beste Diener Gottes ist bei Gott ein gerechter Imäm, der recht-
geleitet wurde und rechtleitete, der eine bekannte Sunna aufrecht-
erhielt und aus Unwissenheit entstandene Neuerungen beseitigte.
Wahrlich, die überkommenen Bräuche (as-sunan) sind leuchtend, und
für sie gibt es klare Zeichen, aber die Neuerungen kommen von außen
her, und auch dafür gibt es Zeichen! Der schlechteste Mensch bei Gott
ist ein ungerechter Imäm, der irreleitete und irregeleitet wurde, der
eine überlieferte Sunna beseitigte und die Neuerungen, die beiseite-
zulassen sind, belebte105)." Der Teufel will die Menschen zu einem
Wissen verleiten, das nicht im Koran steht und von dem auch keine
Spur in der Sunna Muhammads oder bei den rechtleitenden Imämen
zu finden ist106). Ein Gläubiger sieht in diesem Jahr für erlaubt an,
was auch im vorigen erlaubt war, und verbietet dieses Jahr, was er im
vorigen verbot, gemäß Gottes Vorschrift; für die Neuerer gibt es von
Gott keinen Beweis für ihr Verhalten107). Kurz vor seinem Tode sagte
'Ali zu seinen Anhängern: „Mein Vermächtnis an euch ist, daß ihr
Gott nichts beigesellt und daß ihr die Sunna Muhammads nicht ver-
liert; haltet diese beiden Säulen aufrecht!.. ,108)" Die gefallenen An-
hänger (AHs bei SifFm hielten die Sunna lebendig und töteten die
Neuerung109). Als die Partei von 'Ä'isa, Talha und az-Zubair nach
103
) B 77, /150; IH ü/370f. (IV/236).
104
) 11/41 f.; IH 1/495f. (H/427ff.). Vgl. unten Teil IV/2.
105
) P 159, /85; IH I/523f. (II/481f.).
106
) P 87,1/160f.; IH 1/357 (H/138ff.).
107
) P 171, II/114f.; IH /540 . (H/509ff.).
108
) B 23,111/24;IHII/230f.(III/431f.). AL-MAS'ÜDI:Murügad-dahab,II/2Q<).
109
) P 177,11/131; IH I/553f. (II/528ff.).

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Untersuchungen zum Bild 'Alis und des frühen Islams bei den Schiiten 49

Basra aufbrach, sagte 'Ali zu seiner Umgebung: ,,... Ihr dürft von
uns erwarten, daß wir nach dem Buche des erhabenen Gottes und der
Lebensweise des Gesandten Gottes handeln, daß wir für Seine Wahr-
heit eintreten und für die Belebung von Muhammads Sunna110)". Am
Anfang der Zwietracht unter den Muslimen standen Begierden, denen
nachgegangen wurde, und Vorschriften, die neueingeführt worden
sind111), Gott machte durch Muhammad die unbekannten religiösen
Vorschriften sichtbar und rottete durch ihn die Neuerungen aus, die
in die Religion eingedrungen waren112). Eine Neuerung wird immer
dann hervorgebracht, wenn eine Sunna aufgegeben wurde113).
Vor allem TJtmän werden Neuerungen vorgeworfen, so in einem
Antwortschreiben an Mu'äwiya114) und auch in Predigt 2l115); sie
beziehen sich in erster Linie auf die Usurpation des Kalifats116) und
auf seine Vetternwirtschaft117). Dagegen betont "Ali, daß er keine
Neuerungen eingeführt habe; er ist zufrieden mit den Lehren Gottes
und Seines Gesandten118) und hat keine Religion gegen eine andere
eingetauscht oder einen Propheten neu eingeführt119).
Ein besonderes Anliegen bildet für die Schia die Form der Über-
lieferung von Traditionen des Propheten. Bei ihr steht an der Spitze
einer Traditionskette nicht ein Genösse Muhammads sondern ein Imäm,
einer der Nachkommen €Alis und Fätimas, über den dann jede Nach-
richt mit Leichtigkeit auf den Propheten selbst zurückgeführt werden
kann. Eine religiöse Belehrung, die als maßgeblich gelten soll, muß auf
einen der Imäme zurückgehen; diese sind die alleinige Quelle in der
Verkündung und Erläuterung des Willens Gottes und des Propheten120).
Die Form der Überlieferung von Traditionen Muhammads wird auch
110
) P 164, /100; IH 1/529 (11/492).
m
) P 49,1/95; IH I/171f. (1/299).
112
) P 156, /77; IH 1/519 (11/473).
113
) P 141, n/39; IH 1/493 (H/423f.). IBN ABI 'L-HADID erklärt dazu:
„Eine Neuerung ist alles das, was jemand an einer Sache neugeschaffen hat,
die nicht gemäß der Anordnung des Gesandten Gottes ist. Es gibt die schönen
Neuerungen wie die Salat at-taräwlh (d.h. das Nachtgebet im Ramadan) und
häßliche wie die Schlechtigkeiten, die am Ende des Kalifats von (Utmän auf-
traten..."
"*) B 28, /39; IH H/238f. ( /445ff.).
115
)I/55;IHI/57f. (1/100).
11C
) P 29,1/72; IH 1/90 (1/157). Vgl. oben S. 12 u. Anmerkung 28.
11?
) P 3,1/30; IH I/59f. (I/66f.).
118
) P 21,1/55; I/99f. (1/100). P. 85, 1/156; IH I/354f. (H/134f.).
"') B 10, /13; IH 11/220 (IH/409f.).
12
°) I. GOLDZJHER: Vorlesungen über den Islam, Heidelberg 21925, S. 214.
Vgl. IBN BÄBAWAIHI: al-I'tigQdät, S. 145.
4 IriamVL, Heft 1/2

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· Jargon Kornrumpf

im NahtJ al-Baläya behandelt121); es ist jedoch bemerkenswert, daß


an dieser Stelle keineswegs der schiitische Standpunkt vertreten wird;
es ist von den Genossen des Propheten die Rede, doch nirgends wird
von den Imämen und ihrer Stellung in der tiberliefererkette gespro-
chen. Der Sarif ar-Radi hat, darauf wird noch weiter unten hinzuweisen
sein122), bei der Zusammenstellung seiner Sammlung keinen besonderen
Wert auf die abweichenden Lehrmeinungen der verschiedenen islami-
schen Richtungen gelegt. Die Predigt beginnt mit einem Hadit des
Propheten: „Wer absichtlich über mich Lügen verbreitet, der wird
seinen Platz im Höllenfeuer einnehmen !123)" Dann werden vier Arten
von Uberlieferern unterschieden: der Heuchler, der sich nur äußerlich
zum Islam bekennt und über Muhammad Lügen berichtet, jemand,
der den Propheten gehört hat, aber die Worte nicht richtig behalten
hat, jemand, der von Muhammad etwas gehört hat, das später wieder
abrogiert wurde, aber er hat von dieser Aufhebung nichts erfahren,
und schließlich derjenige, der keine Lügen verbreitet und behält, was
er gehört hat, nichts hinzufügt und nichts unterschlägt. Ferner gibt
es zwei verschiedene Arten von Tradition; die eine bezieht sich auf
spezielle Ereignisse, die andere hat allgemeine Gültigkeit. Manche
Menschen, die sie gehört haben, haben diesen Unterschied nicht ver-
standen und sie im falschen Sinn verbreitet. So entstanden die Ab-
weichungen der Hadite voneinander und ihre unterschiedliche Über-
lieferung.

6. Glaubenslehre und Gesetz


Hier werden zunächst die „Säulen des Islams" behandelt, d.h. das
Glaubensbekenntnis, das rituelle Gebet, die Almosensteuer, das Fasten
und die Pilgerfahrt; die sechste spezifisch schiitische „Säule", die
Anhänglichkeit an die Imäme, wird im darauffolgenden Kapitel be-
sprochen. Beachtenswert ist im Nahg al-Baläga die zentrale Stellung
des Heiligen Krieges; er hat ganz die Bedeutung einer weiteren „Säule"
des Islams gewonnen124). Dann sollen noch einige andere Äußerungen
des vierten Kalifen zitiert werden, darunter Wendungen gegen die
121
) P 205, II/214ff.; IH II/7f. (111/13).
122
) S. S. 58.
m
) Diese Tradition mit geringfügigen Variationen an vielen Stellen bei
AHMAD B. HANBAL: al-Musnad, Band I, Nr. 326, 469, 507; Band , Nr. 2675,
2976; Band IV, Nr. 3694, 3801, 3814, 3847; Band V, Nr. 4156, 4338, 4742.
124
) Andererseits ist der Qihäd für die Schiiten nicht mehr möglich, seit der
letzte Inäm entrückt wurde, denn er muß von einem Imäm geführt werden.
EI1 u·2, Art. „Djihäd". IHN BÄBAWAIHI erwähnt den ÖihSd gar nicht.

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Untersuchungen zum Bild 'Alis und des frühen Islams bei den Schiiten 51

Richter und die Sekten sowie Mitteilungen über die Stellung der
Frau.
Eine recht gute Zusammenfassung der religiösen Grundpflichten
des Muslims bietet die Predigt 106125): „Wahrlich, das beste, durch das
die Menschen in Verbindung mit Gott dem Erhabenen treten können,
ist der Glaube an Ihn und Seinen Gesandten; ferner der Heilige Krieg
auf Seinem Wege — er ist der Gipfel der Gottergebenheit — und das
Wort der aufrichtigen Hingabe, das der natürlichen Anlage des
Menschen entspricht. Dazu kommen die Einhaltung des Gebets — es
bildet die Gemeinde — und die Abgabe der Almosensteuer, denn sie
ist eine vorgeschriebene Pflicht, das Fasten im Monat Ramadan als
Schutz vor Gottes Strafe und die Pilgerfahrt und der Besuch des
Hauses (d.h. der Ka'ba); beides verbannt die Armut und wäscht die
Sünde ab. Außerdem die Zuneigung zur Blutsverwandtschaft126) —
sie vermehrt den Besitz und verschiebt den Todestag — die wohltätige
Spende im geheimen, die zur Vergebung der Sünde führt, und die
Spende in der Öffentlichkeit, denn sie wehrt das Aas der Schlechtigkeit
ab. Endlich das Befolgen des (als gut) Bekannten; es bewahrt vor den
Kampforten des Verächtlichen".
Die Sahäda, das muslimische Glaubensbekenntnis, bedarf keiner
längeren Ausführungen. Sie erscheint im Nahgal-Baläga an unzähligen
Stellen, meist als Einleitung für eine Predigt oder einen Brief.
Genaue Angaben über die Zeiten, an denen das fünfmalige tägliche
Gebet abgehalten werden soll, werden in Brief 52127) gemacht, der sich
als ein Schreiben cAlis an seine Befehlshaber ausgibt. An anderer
Stelle128) wird zur Einhaltung der Salat aufgefordert, denn sie ist den
Gläubigen vorgeschrieben. cAli nimmt hier Bezug auf Sure 74, Vers 42 f.
des Korans: „Was führte euch in ein Höllenfeuer? Sie sagten: Wir
gehörten nicht zu denen, die beteten." Muhammad pflegte bis zur
Ermüdung zu beten, und er ermahnte seine Anhänger zur Einhaltung
der Salat gemäß Sure 20, Vers 132129). Al-Härit al-Hamdäni wird be-
fohlen, am Freitag nicht vor der Salat al-Chtm'a, dem gemeinsamen
Gebet, aufzubrechen, es sei denn, er befände sich auf einem Kriegs-
zug130). Die Salat ist einer der Pfeiler der Religion131).
125
) 1/215; IH I/406f. { /236 .).
126
) D.h. die Blutsverwandtschaft Muhammads, die Imäme; das ergibt sich
auch aus der Reihenfolge der Aufzählung.
7
" ) III/91f.; ffl H/314f. (IV/116f.).
««) P 194, H/204f.; I/570ff. (H/568f.).
12
°) „Befiehl deinen Anhängern das Gebet und verharre darin".
13
°) B 69, /143; IH /366 f. (IV/226f.).
iai
) B 47, m/86; IH /312 (IV/lllf.). AT-TABAJÜ: Ta>rih, IV/113 (VI/3463).

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52 Hans-Jürgen

Die Almosens teuer wurde zu einem Mittel der Annäherung zu Gott


für die Bekenner des Islams gemacht; wer sie gern gibt, für den ist sie
eine Sühne für schlechte Taten und ein Schutz vor der Hölle132). Es
werden zwei Briefe 'Alls überliefert, die er an die Einnehmer der
Zakät (hier wird, wie häufig in der Frühzeit des Islams, sadaqa synonym
für zakät benutzt; vgl. bereits Sure 9, Vers 60) gerichtet haben soll.
In dem einen133) wird der beauftragte Beamte aufgefordert, den
Leuten freundlich und achtungsvoll gegenüberzutreten; er soll die
Steuer in korrekter Form und ohne Härten einziehen, und es werden
ihm Anweisungen gegeben, was er den Besteuerten in jedem Falle zu
belassen habe usw. Der zweite Brief134) bestätigt dem Steuereinnehmer
nach einer frommen Einleitung, daß ihm ein Anteil an der ZaMt als
Entgelt für seine Arbeit zustehe135), daß er aber auch die Armen nicht
um ihren Teil bringen dürfe.
Das Fasten wird in der Sammlung von ar-Radi an keiner Stelle
ausführlich behandelt. Bemerkenswert ist ein Ausspruch Muhammads,
der in cAHs \7ermächtnis an seine Söhne überliefert wird: „Die Beseiti-
gung von Zwistigkeiten ist besser als alles Beten und Fasten136)". Das
Fasten ist die Almosensteuer des Körpers137).
„Gott hat euch die Pilgerfahrt zu Seinem geheiligten Hause auf-
erlegt, das Er als Richtung des Gebets für die Menschen bestimmte.
Sie kommen zu ihm wie die Weidetiere zur Tränke und haben Furcht
vor ihm wie die Tauben138). Der Erhabene machte es zu einem Zeichen
für ihre Ergebenheit gegenüber Seiner Größe und für ihre Unterwer-
fung unter Seine Macht... Er ordnete die Pilgerfahrt zu ihm an, setzte
sein Recht fest und schrieb auch den Besuch bei ihm vor, denn es
sagte der Erhabene: Gott hat demjenigen von den Menschen die
Pilgerfahrt zum Hause auferlegt, der dazu die Möglichkeit hat; wer
(dieses Gebot) leugnet, wahrlich, Gott ist auf niemand in der Welt

132
) P 194, /205; I/570ff. ( /568 .).
133
) B 25,111/27ff.; /231 . (HI/434f.).
«*) B 26, IH/30f.; H/232f. ( /437).
13S
) Gemäß Sure 9, Vers 60: „Wahrlich, die Almosen sind nur für die Armen
und die Elenden und diejenigen, die darüber gesetzt sind" usw.
13e
)B47,III/85f.;IHII/312(IV/lllf.). - : Ta'rlh IV/113(VI/3462).
137
) S. 136, /184; IH II/401f. (IV/307f.)!
138
) Der Wortlaut dieser Stelle wird verschieden überliefert. Ich möchte sie
so verstehen und dabei zugleich an eine Anspielung auf die Tauben des Heilig-
tums denken, von denen erzählt wird, daß sie sich nie auf die Ka'ba setzen.
Muhaddab rihlat Ibn Batüta ed. AHMAD AL-€AwÄMiRl und MUH. AHMAD ÖÄD
AL-MAULÄ, 1/106 (ed. DEFERMERY-SANGUINETTE 1/311 f.); J. GERMANUS:
Allah akbar, Berlin o. J., S. 509.

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Untersuchungen zum Bild 'Alis und des frühen Islams bei den Schiiten 53

angewiesen189!" Gott hat die Menschen mit Steinen geprüft, die weder
schaden noch nützen, weder hören noch sehen können; dennoch
wurden sie oft zu Gesetzen gemacht. Aus solchen Steinen ließ Er die
Ka'ba in einer öden, wasserlosen, wenig bewohnten Gegend errichten.
Wenn Gott Sein Haus in ein fruchtbares Land mit Gärten und Flüssen
hätte setzen wollen, dann wäre wegen der geringen Mühe der Reise
die Höhe der Belohnimg für den Menschen niedrig gewesen. Hätte Er
sie mit kostbaren Steinen geschmückt, wären Zweifel und Versuchungen
des Teufels erleichtert worden. Doch Er prüft Seine Diener durch
Anstrengungen und Schwierigkeiten aller Art, um den Hochmut aus
ihren Herzen zu entfernen und dafür in ihren Seelen die Demut wohnen
zu lassen140). Qutam b. al-'Abbäs, dem Statthalter «Alis in Mekka,
wird die Durchführung des Hagg mit den Menschen befohlen141), und
er wird vor feindlichen Syrern gewarnt, die sich auf die Pilgerfahrt
begeben hatten142). Angaben über die Qualität des Opfertieres gibt
Nr. 52 der Predigten143).
Auf die besondere Stellung des Heiligen Krieges im Nahgal-Baläga
wurde bereits am Eingang dieses Kapitels hingewiesen. „Wahrlich,
der Heilige Krieg ist eines von den Toren zum Paradies; Gott hat es
für Seine besonderen Vertrauten geöffnet. Er ist das Kleid der Fröm-
migkeit, die sichere Rüstung Gottes und Sein fester Schild. Wer ihn
läßt und sich von ihm abwendet, dem legt Gott das Gewand der Er-
niedrigung und den Mantel des Unheils an. Ihm werden Erbärmlich-
keit und Niedertracht vorgeworfen, und sein Herz wird versiegelt144".
An anderer Stelle145 wird auf den Heiligen Krieg zur Zeit Muhammads
Bezug genommen; damals töteten die Muslime ihre Väter, Söhne und
Brüder im Kampf, einmal siegten sie, ein andermal ihre Gegner, bis
Gott den Gläubigen den Sieg gab. <Ali ruft seine Anhänger zum Öihäd
gegen die Feinde146). In der Aufzählung der religiösen Pflichten des
Muslims steht der Heilige Krieg an zweiter Stelle nach dem Glaubens-
bekenntnis147).
An drei Stellen werden Regengebete überliefert. Die Berge zer-
springen, die Erde ist voller Staub, die Tiere irren durstend umher,
13
')P 1,I/21;IH I/25f. (I/40f.). Koran, Sure 3, Vers 97.
14
°) P 187, n/170ff.; IH II/126f. (III/224ff.).
"*) B 67, /HOf.; IH II/364f. (IV/222f.).
«2) B 33, /65; IH H/282f. (IV/olf.).
ltt
) 1/98; IH 1/190 (I/338f.).
144
) P 26,1/63; IH I/80f. (I/140f.).
"*) P 55,1/100f.; IH 1/195 (1/348).
i«) p 192, /197; IH I/566f. (11/561). P 177,1/132; IH 1/553 (II/S28ff.)·
i*7) S. oben S. 50 f.

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54 Hane-Jürgon Kornniiapf

und viele sind schon verendet; Gott wird angerufen, Regen zu senden,
damit das Wasser wieder fließt und Menschen und Tiere wieder leben
können148). Gott soll sich der Menschen erbarmen und Regen fallen
lassen, damit die Täler mit Wasser gefüllt werden, die Bäume wieder
Blätter hervorbringen und die Preise für den Lebensunterhalt fallen149).
„0 Gott, gib uns Wasser aus den fügsamen Wolken und nicht aus den
widerspenstigen unter ihnen160)". Die Wolken werden mit Reit-
tieren verglichen.
Brief 28161), ein Antwortschreiben an Mu'äwiya, berichtet, daß der
Prophet Muhammad beim Totengebet für seinen Onkel Hamza b. <Abd
al-Muttalib, der bei Uhud gefallen war, siebzig Takbirs, d.h. siebzigmal
„Allah" akbarl" (Gott ist größer!) ausrief; die übliche Zahl von Takbirs
bei einem Totengebet ist vier152).
Bittere Vorwürfe werden den Richtern gemacht, die bei der Urteils-
findung so stark voneinander abweichen. „Der Eall wird einem von
ihnen vorgelegt, damit er einen Entscheid treffe, und er urteilt über
ihn nach eigenem Gutdünken (bi-rcfyihi). Dann gelangt dieser gleiche
Fall vor einen anderen Richter, und dieser urteilt über ihn im Gegen-
satz zu dem vorigen. Danach versammeln sich die Richter deshalb bei
dem Imäm (= Herrscher), der sie um einen Entscheid gebeten hatte,
und er heißt alle ihre Meinungen gut. Dabei ist doch ihr Gott Einer, ihr
Prophet einer und ihr Buch eins! Hat ihnen denn der erhabene Gott
die Meinungsverschiedenheit befohlen, und sie gehorchen Ihm? Oder
hat Er sie ihnen verboten, und sie haben sich Ihm widersetzt? Hat Gott
eine unvollkommene Religion herabgesandt und sie gebeten, sie zu
vervollständigen? Waren sie Seine Teilhaber, und steht es ihnen zu,
daß sie sprechen, und Ihm, daß Er einverstanden ist? Oder hat Gott
der Erhabene eine vollkommene Religion geoffenbart, und der Ge-
sandte war nachlässig in ihrer Verkündung und Ausführung?.. ,153)
„Neben dem Menschen, den Gott sich selbst und seinem Irrtum über-
lassen hat, ist es jener, der nur Ignoranz angesammelt hat, der Gott
am meisten verhaßt ist. Die Menschen nennen ihn wissend, doch er ist
es nicht. Er hat in Eile viel Wissen von dem angehäuft, worüber
wenig zu wissen besser ist. Dann sitzt er unter den Menschen als ein
verantwortlicher Qädl und soll klären, was anderen zweifelhaft ist,
doch er ist von Irrtümern wie von einem Spinnennetz überzogen und
148
) P 111,1/225ff.; IH I/413f. (II/252f.).
149
) P 139, n/34ff.; IH I/490ff. (II/418f.).
15
°) S 472, HI/265; IH /492 (IV/522).
151
) 111/35; IH 11/237 (III/445ff.).
152
) Eli, Art. „Salat".

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Untersuchungen zum Bild 'Alis und des frühen Islams bei den Schiiten 55

weiß nicht, daß es jenseits seines Horizonts noch andere Möglichkeiten


gibt154)".
In Predigt 15l155) wird Auskunft über die Frage gegeben, welche
Stellung der sündige Muslim im Islam einnimmt. In einem Zwiege-
spräch sagt der Prophet *AK die Abwendung seiner Anhänger von der
Religion und ihre Verführung durch ihren Besitz voraus; sie werden
mit dem Dattelwein (nahid) auch den gegorenen Wein (hamr), mit
dem Geschenk auch verbotenen Besitz und mit dem Verkauf auch
den Wucher für erlaubt ansehen. Auf die Frage 'Alis, ob diese Sünder
nun als Abtrünnige von der Religion oder nur als Verführte anzusehen
seien, erklärt ihm Muhammad, sie seien Verführte. Hier liegt offenbar
eine Polemik gegen die Härigiten vor, die einen Muslim, der eine große
Sünde begangen hat, als von der Religion abgefallen ansehen156).
Eigenartig ist die hier ausgedrückte Erlaubnis von nabid, die im Wider-
spruch steht zu dem ausdrücklichen Verbot dieses Getränkes in der
Schia wie auch in drei madähib des sunnitischen Islams157).
Ähnlich scharf wie oben gegen die Richter wendet sich der Kalif in
Predigt 84158) gegen die verschiedenen Sekten und Lehrmeinungen im
Islam. „Nicht jeder, der ein Herz hat, ist intelligent159), nicht jeder
Besitzer eines Gehörs hört, und nicht jeder Schauende sieht! Ich
wundere mich... über den Irrtum dieser Parteien in ihren abweichen-
den Argumenten bezüglich ihrer Religion. Sie folgen weder der Spur
eines Propheten, noch ahmen sie das Tun eines wasl (d.h. eines Voll-
streckers des prophetischen Willens) nach, sie glauben nicht an ein
Verborgenes (gaib) und enthalten sich nicht eines Fehltritts. Sie handeln
in Zweifeln und gehen den Leidenschaften nach; das (als gut) Bekannte
ist bei ihnen das, was sie (als gut) anerkannten, und das Verwerfliche
ist bei ihnen das, was sie verwarfen. In schwerer Zeit flüchten sie zu
sich selbst, und in den wichtigen Angelegenheiten verlassen sie sich
auf ihre eigenen Meinungen, als ob jeder von ihnen sein eigener Imäm
wäre..."

153
) P 17,I/50f.; IH I/54f.
1M
) P 16,1/47ff.; IH 1/54 (1/94). Vgl. L. CAETANI : Annali deWIslam, /348 .
1W
) /65; IH I/513f. (11/401 f.).
156
) EI1, Art. „Khäridjiten", Abschn. III.
157
) EP, Art. tJthatnr".
W8
) I/154f.; IH /353 . ( /133).
IM
) Das Herz wurde schon bei den alten Ägyptern, im Alten Testament und
bei Plato als Sitz der Intelligenz angesehen; vgl. den Art. „Heart" in der Ency-
clopaedia of Religion and Ethics, New York 1951, Band VI und die dort ange-
gebenen Belege.

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56 Hans-Jürgen Kornrumpf

Bemerkenswert ist eine Wendung gegen die Astrologie: „0 ihr


Menschen, hütet euch vor dem Erlernen von Wissen über die Sterne,
abgesehen von dem, durch das der rechte Weg auf Land oder Meer
gewiesen wird. Die Sterne führen zur Wahrsagerei; ein Sternenkundiger
ist wie ein Wahrsager, ein Wahrsager wie ein Zauberer, ein Zauberer
ist ungläubig, und ein Ungläubiger (gelangt) in das Höllenfeuer. Reist
(lieber) im Namen Gottes!160)"
Auch die Bruderschaft zwischen den Muslimen findet Erwähnung:
„Ihr seid doch Brüder gemäß der Religion Gottes, nichts sollte euch
trennen außer übler Gesinnung und bösen Herzen.. ,161)" Gott führte
durch Muhammad die Blutsverwandten zusammen, die zuvor gegen-
einander glühende Feindschaft in der Brust und heftigen Groll im
Herzen hegten162).
Am Schluß dieses Kapitels soll noch die Stellung der Frau im
Nahg al-Baläga behandelt werden. ,,... Die Frauen sind unvollkom-
men an Glauben, an Verstand und im Anteil am Glück. Ihre Unvoll-
kommenheit im Glauben beruht auf ihrem Fernbleiben vom Gebet und
Fasten während der Tage ihrer Periode, ihr unvollkommener Verstand
zeigt sich darin, daß das Zeugnis zweier Frauen soviel gilt wie das eines
Mannes, und ihr verminderter Glücksanteil wird daraus ersichtlich,
daß sie nur die Hälfte der Erbschaft der Männer erhalten. Hütet euch
vor bösen Frauen und seid (auch) bei den besten von ihnen vorsichtig!
Gehorcht ihnen nicht in dem, was (als gut) bekannt ist, damit sie danach
nicht etwas Mißfälliges begehren163)". „... Die Frauen sind schwach
an Stärke, Seele und Verstand164)". CU. A. FABBÜH meint165), daß diese
Angriffe auf die Feindschaft 'Ä'isas gegenüber cAli zurückzuführen
seien, doch ganz abgesehen von der Frage der Authentizität dieser
Stellen des Nahg al-Baläga, die in dieser Arbeit grundsätzlich nicht
gestellt wurde, wird diese Behauptung durch direkte Erwähnungen
von 'Ä'iSa und der angeblichen Einstellung 'Alis zu ihr entkräftet.
Zwar hegte sie einen heftigen Groll gegen den vierten Kalifen, doch
besitzt sie ihre alte Unantastbarkeit166). Sie wurde von Talha und az-
16
°) P 76,1/125; IH1/321 (11/71). IBN 'L-HADID schließt daran bis S. 324
(76) eine Betrachtung über die Meinungsverschiedenheiten zwischen den
Theologen und den Astrologen darüber, ob die Sterne Macht besitzen. S. auch
den Anhang zu dieser Arbeit.
161
) P 109,1/221; IH I/410f. (11/246).
162
) P 226, /253; IH /100 ( /183).
163) p 77j i/i25f.; IH 1/324 (II/76f.).
164
) B 14, /16; IH 11/224 ( /417f.).
165
) <U. A. FAHBÜH: Nahg al-Baläga, Beirut 21372/1952, S. 24.
166
) P 151,11/63; IH I/510f. (II/456ff.). Vgl. oben S. 15.

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Untersuchungen zum BiJd 'Alis und dos frühen Islams bei den Schiiten 57

Zubair wie eine Sklavin zum Verkauf mitgeschleppt und zur Schau
gestellt167).
Nicht sehr freundlich zu den Frauen ist auch das Vermächtnis
'Alis an seinen Sohn al-Hasan nach der Schlacht von Siffm: „Hüte
dich davor, von den Frauen Rat einzuholen; ihre Meinung ist töricht
und ihr Entschluß schwach. Verhülle sie mit deinem Schleier, damit sie
nicht umherblicken; eine strenge Absonderung läßt sie imangetastet,
und ihr Hinausgehen ist nicht schlimmer, als wenn du jemanden zu
ihnen hineinließest, dem du ihnen gegenüber nicht vertraust. Wenn du
es vermeiden kannst, daß sie deine Scham sehen, so tue es und lasse
die Frau nicht über Dinge herrschen, die ihr Selbst überschreiten; die
Frau ist eine duftende Blume und kein selbständiger Verwalter. Ehre
sie nicht mehr, als sie vertragen kann, und mache sie nicht so gierig,
daß du (zur Befriedigung ihrer Wünsche) jemand anders um Hilfe
bitten mußt. Hüte dich vor Eifersucht da, wo sie nicht am Platze ist,
denn sie macht die gesunde Frau krank und bringt die unschuldige zur
Ungewißheit168)". cAli saß einmal mit seinen Genossen zusammen, da
ging eine hübsche Frau vorbei, und die Leute starrten sie an. Darauf-
hin sagte er: „Die Blicke dieser Hengste sind gierig, und das ist der
Grund ihrer Unruhe. Wenn einer von euch eine Frau erblickt, die ihm
gefällt, dann soll er sich zu seiner Ehefrau legen, denn sie ist eine Frau
wie jede andere169)". Hochmut, Feigheit und Geiz sind gute Eigen-
schaften der Frauen, jedoch schlecht bei den Männern; eine hoch-
mütige Frau gibt keinem anderen außer ihrem Mann Macht über
sich, eine geizige hält ihren Besitz und den ihres Mannes zusam-
men, und eine feige fürchtet sich vor allem, was ihr entgegen-
tritt170). „Alle Frauen sind böse, und das Böse in ihnen ist unab-
wendbar!171)"

7. Das Imämat und Kalifat


Alle Muslime sind sich über die Notwendigkeit des Imämats einig172).
Muhammad soll gesagt haben: Die Imäme sollen von den Qurais ab-
stammen ! und so treten die meisten Anhänger des Islams — Sunniten,
Schiiten, einige Mu'taziliten und die meisten Murgi'iten — für das

17
) P 167, II/103f.; IH 1/531 ( /496 °.). Vgl. oben S. 14f.
"*) B 31, /63; H/280 (IV/46ff.).
"») S 420, /253£.; /470 (IV/470).
™>) S 234, /205; /417 (IV/346).
171
) S 238, /206; /418 (IV/347).
172
) IBN HÄZM: al-Fag, IV/72.

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58 Hans-Jürgen Kornrurnpf

Imamat der Quraiö ein173). Die besondere Auffassung der Sehia vom
Iraämat ist nun, daß das Imämat und Kalifat < 1 von Muhammad
durcli eine schriftliche Bekundung (nass) und Anweisung (wsäya)
tibertragen worden sei und demgemäß den Nachkommen 'Alis vorbe-
halten werden müßte. Für die Schiiten ist das Imämat keine Angelegen-
heit des allgemeinen Interesses (qacUya rnadalßya), sondern gehört zu
den grundlegenden Prinzipien des Islams (qadiya iisüllya)\ es ist eine
Säule der Religion17'1).
J. SULTAN hat darauf hingewiesen, daß im Nahff al-Baläga die
Lehren verschiedener Sekten und Richtungen des Islams aufzuspüren
sind, daß ar-Radi, obwohl er selbst der Imämiya angehörte, kein
großes doktrinäres Interesse in seiner Arbeit gezeigt hat. Neben zaidi-
tischen und imämitischen Ideen gibt es in dieser Sammlung auch solche
anderer Jüdischer Sekten und der Härigiten175). In der Frage des
Imämats und Kalifats möchte ich darüber noch hinausgehen; im-
Nah$ al-Baläga gibt es Stellen, die durchaus der sunnitischen Auf-
fassung entsprechen, wie bereits in der Predigt über die Formen der
Überlieferung von Traditionen Muhammads gezeigt worden war176).
Ganz deutlich kommt die sunnitische Lehre in einem Brief cAlis
an Mu'äwiya zum Ausdruck, der schon früher zitiert wurde177): „Mir
haben die Leute gehuldigt, die Abu Bakr, HJmar und 'Utmän gehuldigt
hatten, und zwar in der gleichen Weise wie jenen. Der dabei Anwesende
kann sich jetzt nicht anders entscheiden, der Abwesende nicht ab-
lehnen; vielmehr (kann das) nur die Sürä der Mukägirün und Ansär.
Wenn sie sich auf einen Mann einigen und ihn Imäm nennen, ist das
zur Zufriedenheit Gottes..." Die Einmaligkeit der Huldigung wird
an anderer Stelle wiederholt178): „Es gibt nur eine Huldigung, wobei
nicht zwei verschiedene Auffassungen erlaubt sind und gegen die Wahl
keine Berufung eingelegt werdnen kann..." In Predigt 168179) heißt
es: „0 ihr Menschen, das meiste Recht in dieser Angelegenheit (d.h.
dem Imämat) hat von den Menschen derjenige, der von ihnen darin
am stärksten ist und am besten über die Anordnung Gottes Bescheid
weiß... Bei meinem Leben, das Imämat ist nicht rechtswirksam, ehe
173
) IBN HAZM: al-Fasl, IV/74. Vgl. A. GUILLATTME: The Traditions of Islam,
Oxford 1924, S. 161f.
174
) A§-§AHBASTÄNI: ol-Milal wa-'n-nihal, am Rande von IBN HAZM: al-Fasl,
1/151.
17ß
) J". SULTAN: Etüde sur Nahj al-Balagha, S. 99ff.
17e
) S. oben S. 49f.
177
) B 6; /8; IH /161 ( /300). Vgl. oben S. 13.
178
) B 7, /9; IH 11/162 (III/302f.). S. oben S- 13,
17e
) n/104f.; IH 1/535 /503 f.).

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Untersuchungen zum BiJd «AHs und des frühen Islams bei den Schiiten 59

nicht die Allgemeinheit der Menschen sich ihm anschließt. Dafür gibt
es (jetzt) keine Möglichkeit, doch die zur Allgemeinheit gehören, ent-
scheiden mit für den, der von ihr fern ist. Danach kann der Anwesende
sich nicht abwenden, und der Abwesende kann keine andere Wahl
treffen. Bekämpfe ich doch nur zwei Arten von Männern: den, der
beansprucht, was ihm nicht zusteht, und jenen, der verweigert, was
ihm obliegt." Aus dem ersten Satz könnte selbst auf die härigitische
Auffassung vom Iniämat geschlossen werden, wonach diese Würde auf
keine Rasse oder Sippe beschränkt ist; sie wird auch von den meisten
Mu'taziliten und einigen Murgi'iten geteilt180). Als der Kalif von
Medina aus gegen Talha und az-Zubair aufbrach, schrieb er an seine
Anhänger in Küfa: „Ich habe mein Stammesgebiet als Bedrücker
oder als Bedrückter, als ein Tyrann oder ein ungerecht Behandelter
verlassen, und ich erinnere an Gott den, welchen dieser mein Brief er-
reicht, nachdem er zu mir geeilt ist. Wenn ich gut gehandelt habe, soll
er mir helfen, habe ich schlecht gehandelt, mich bitten (das Schlechte
zu lassen)181)". cUtmän wird auf seine Blutsverwandtschaft mit
Muhammad hingewiesen, deren sich seine Vorgänger Abu Bakr und
'Umar nicht erfreuten182). Als man nach der Ermordung TTtmäns zu
'All kam, um ihm zu huldigen, sagte er: „Laßt mich und wendet euch
an einen anderen; wir gehen einer Sache entgegen, die verschiedene
Seiten und Farben hat; die Herzen wenden sich ihr nicht zu, und der
Verstand zeigt dabei keine Geduld, die Horizonte sind bewölkt und
der Weg verhüllt. Wisset, daß ich, wenn ich eurer Aufforderung ant-
worte, mit euch das verfolgen werde, was ich am besten weiß, und daß
ich nicht auf Rede und Tadel von irgend jemanden höre. Wenn ihr
mich laßt, bin ich wie einer von euch und höre vielleicht am besten
von euch auf den, den ihr mit eurer Sache (d.h. dem Kalifat) betraut,
und bin ihm am gehorsamsten. Ich bin für euch als Wesir besser denn
als Amir™)".
Nach der Auffassung der Zaiditen ist das Imämat zwar auf die
Nachkommen Fätimas beschränkt, doch ist jeder, der seinen Stamm-
baum auf die Tochter des Propheten und Gattin «Alis zurückführen
kann, berechtigt, Imäm zu werden, wenn er die nötigen geistigen und
körperlichen Qualitäten besitzt184). Die Zaiditen erkennen das Kalifat
180
)lBNHAZM: al-Fa$l, IV/74; EI1, Art. „Kkäridjifen", Abschn. III.
"») B 57, lil/125; IH /334 (IV/161). Vgl. - : Ttfrih, HI/512
(VI/3173).
12
) P 159, /85; IH I/372ff. ( /481 f.). Vgl. oben S. 10 f.
18S>
) P 88,1/182; IH I/372ff. (11/170). Vgl. oben S. 12 sowie die Anmerk. 34
und 35.
m
) - 8 : at-Milal wa-'n-nilial, 1/160. BP, Art. „al-Zaidlya,".

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60 Hans-Jürgen Kornrumpf

Abu Bakrs und njmars als gerecht an und erlauben selbst das Kalifat
'Utraäns185). Die zaiditischc Einstellung könnte in einer Äußerung
«Alis durchschimmern, als man «Utmän huldigte: „Ihr wißt, daß ich
unter den Menschen mehr Recht auf die Huldigung habe als jeder
andere außer mir. Doch bei Gott, ich werde nur solange (meine Rechte)
abtreten, wie die Angelegenheiten der Muslime in gutem Zustand sind
und es keine Tyrannei gibt außer speziell gegen mich. Ich tue das, weil
ich dafür um Gottes Belohnung bitte und auf Seine Gnade hoffe und
nichts wissen will von dem Tand und Zierat dessen, wonach ihr
euch sehnt186)". Über 'Umar soll gesagt haben: ,,Gott schütze das
Land eines bestimmten Menschen (d.h. 'Umar). Er sicherte den
Lebensunterhalt (der Menschen), behandelte die Krankheit und hinter-
ließ (ungewollt) Zwietracht. Er richtete die Sunna auf, ging in reinen
Kleidern einher und hatte nur wenige Fehler. Er erlangte ihr (d. h. der
Welt) Gutes und entging ihrem Bösen; er richtete seinen Gehorsam
auf Gott und fürchtete Ihn, wie es sich geziemt. Er ging und ließ euch
auf auseinandergehenden Wegen zurück; der Irregehende wird nicht
rechtgeleitet, und der Rechtgeleitete ist des richtigen Weges nicht
sicher187)". Die Herrschaft des zweiten Kalifen und seine charakter-
lichen Qualitäten werden voll anerkannt, die Mißstände und Spaltun-
gen in der islamischen Gemeinde werden ihm nicht ausdrücklich zuge-
schrieben. Auf die Tätigkeit 'Alis als Ratgeber cUmars wurde bereits
hingewiesen188), die drei Stellen des Nahg al-Baläga, die aus jener Zeit
stammen sollen, geben keinen Hinweis darauf, daß ( 1 die Herrschaft
des zweiten Kalifen ablehnte.
Die vorherrschende Auffassung über das Imämat und Kalifat in
der vorliegenden Sammlung ist freilich die der Imänüya. „Bei Gott,
jemand hat das Gewand des Kalifats angelegt, obwohl er weiß, daß
meine Stellung zu ihm wie die der Achse an der Mühle ist... Doch
ich sah, daß hierbei Geduld mehr angebracht war, und ich harrte aus,
während im Auge Staub und in der Kehle ein würgender Kloß waren
und ich meine Erbschaft als Beute behandelt sah. Dann ging der
erste (d.h. Abu Bakr) seinen Weg, doch er übertrug das Kalifat einem
18S
) J. SULTAN: Etüde sur Nahj al-Balagka S. 100.
18e
) P 71,1/120f.; IH 1/315 (II/60f.). J. SUI/ : Etüde sur Nahj al-Balagha,
S. lOOf.
187
) P 223,11/249; IH /48 ( /92). Im Kommentar von Ihn ABI 'L-HADID
folgen dann bis S. 99 (181) Ausführungen über den zweiten Kalifen, eine Anzahl
seiner Predigten und Reden sowie eine Aufzählung von Handlungen, die «TJmar
zum Vorwurf gemacht werden; s. hierzu auch den Anhang zu dieser Arbeit.
188
) P 130, II/24f.; IH I/474f. (11/389). P 142, II/39f.; IH I/493f. (II/424f.).
S 270, HI/218; IH 11/429 (IV/372). Vgl. oben S. 10.

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Untersuchungen zum Bild «Alis und des frühen Islams bei den Schiiten 61

anderen... 0 Wunder! Obwohl er in seinem Leben um Korrektur


seiner Fehler bat189), hat er es nach seinem Tode dennoch einem anderen
vermacht! Beide haben sich in übelster Weise sein Euter geteilt und es
zu einer rauhen Gegend gemacht, deren Boden hart und deren Berüh-
rung grob ist. Dort geschehen viele Unglücke, und viele Entschuldi-
gungen werden deshalb vorgebracht. Sein Inhaber ist wie ein Reiter
auf einem störrischen Kamel. Wemi er es anbindet, reißt es die Haut
zwischen seinen Nasenlöchern durch, läßt er es locker, stürzt es blind-
lings davon... Ich wartete eine lange Zeit voller harter Prüfungen ab.
Doch als er (d.h. 'Umar) seinen Weg ging, überließ er das Kalifat
einer Gruppe von Menschen und behauptete, ich sei einer von ihnen.
0 Gott, was sollte diese Süräl Es gab keinen Zweifel bei irgendeinem
über mich (daß ich allein zum Kalifat berechtigt war), als ich mit
diesen Personen zusammengetan wurde; doch ich stieg herunter, weil
sie herunterkamen, und flog empor, weil sie es taten (d.h. ich gab
wieder nach und schloß mich ihrer Meinung an). Einer der Männer
horchte auf seinen Groll (gegen mich)190), ein anderer dachte an seine
Verwandtschaft mit dem und dem191), bis daß der dritte von den Leuten
(d.h. 'Utmän) aufstand und sich zwischen Kot und Freßplatz die Arme
(mit Reichtümern) füllte. Mit ihm erhoben sich die Söhne seines Vaters
(d.h. die Umayyaden) und verzehrten das Eigentum Gottes wie die
Kamele den Pflanzenwuchs des Frühlings, bis seine Ermordung ein
Ende setzte.. ,192)" Ein Mann von Stamm der Banü Asad fragte den
Kalifen, wie es möglich war, daß ihm das Kalifat verweigert werden
konnte, wo er doch das meiste Recht darauf habe. Darauf erwiderte
'Ali: „0 Bruder von den Banü Asad, dein Sattelgurt ist in Unordnung,
und du redest darauf los ohne Überlegung! Du besitzt jedoch den
Schutz der Verschwägerung und das Recht zu fragen; du hast um Aus-
kunft gebeten, und so wisse: Man ist uns gegenüber mit diesem Posten
willkürlich verfahren, obwohl wir die beste Abstammung besitzen und
am engsten verbunden sind mit dem Gesandten Gottes. Es geschah

18e
) Abu Bakr soll nach seiner Huldigung gesagt haben: „Verbessert mich
(aqUüni), denn ich bin nicht euer Bester!" Diese Überlieferung wird jedoch von
den meisten abgelehnt; sie lautet richtig: „Ich bin zu eurem Herrscher gemacht
worden wulitukum) doch ich bin nicht euer Bester!" — Anmerk. von MUHAM-
MAD «ABDUH.
J9
°) Wohl Sa'd b. Abi Waqqäs der später «Alis Huldigung ablehnte. —
Anmerk. von MUHAMMAD «ABDUH.
m
) Wohl *Abd ar-Rahmän b. 'Auf, der Schwager von «Utmän. — Anmerk.
von MUHAMMAD «ABDUH.
li2
) P 3,1/25ff.; IH I/30ff. (I/50ff.).

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62 Hans-Jürgen Kornrumpf

aus Selbstsucht; die Seelen der einen waren darauf gierig, und die
anderen geizten damit193)..."
Nr. 64194) der Predigten solJ über das Verhalten 'Alis nach dem
Tode Muhammads Auskunft geben, als die Muhätjirün und Amär sich
in der Saqlfa — dem überdachten Vorraum der Banu Sä'ida in Medina
— um die Nachfolge stritten und die Amär je einen Amir von sich
und den Muhätfirün vorschlugen. < 1 sagte zu den mekkanischen
Emigranten: „Warum beruft ihr euch den Amär gegenüber nicht
darauf, daß der Gesandte Gottes empfohlen hat, den Guten unter
ihnen Gutes zu tun und sich von den Übeltätern abzuwenden?...
Wenn der Oberbefehl ihnen zustünde, hätte das Testament (Muham-
mads) sie nicht (jemandem anders, d.h. (Ali) anvertraut." Dann
fragte cAli nach der Meinung der Quraiä. Man sagte ihm, daß sie sich
darauf beriefen, der Baum des Gesandten Gottes zu sein. er-
widerte: „Sie beriefen sich auf den Baum, doch suchten sie seine
Früchte zu verderben". Auf den Tag der Saqlfa bezieht sich auch eine
Stelle in einem Brief an Mu'äwiya: „... Wir sind einmal überlegener
durch die Verwandtschaft (mit Muhammad) und auf der anderen Seite
besser im Gehorsam. Als die Muhätfirün am Tage der Saqlfa sich gegen-
über den Ansär auf den Gesandten Gottes beriefen, hatten sie gegen
sie Erfolg. Wenn nun der Erfolg dadurch (d.h. durch die Verwandt-
schaft mit der Sippe Muhammads) erzielt wurde, dann ist das Recht
bei uns und nicht bei euch; kam er aber durch etwas anderes, waren
die Amär zu ihrem Anspruch berechtigt195)". Als al-'Abbäs und Abu
Sufyän nach dem Tode Muhammads zu 'Ali kamen, um ihm zu hul-
digen, soll er ihnen erwidert haben: „... (Das Kalifat) ist ein brackiges
Wasser und ein Bissen, an dem sein Esser erstickt. Wer die Früchte
nicht zur Reifezeit pflückt, ist wie ein Sämann ohne sein Land. Wenn
ich etwas sage, heißt es: Er ist gierig auf Besitz geworden, schweige
ich, sagt man: Er hat Angst vor dem Tod... Bei Gott, der Sohn von
Abu Tälib ist vertrauter mit dem Tode als das kleine Kind mit der
Brust seiner Mutter!.. ,196)"
Der oben zitierte Vorwurf, die Qurais hätten versucht, die Früchte
des Baumes des Propheten zu verderben, steht im Nahg al-Baläga
nicht allein. Zwar gehören die Sippen der Umayyaden wie auch der
Häsimiten zu diesem Stamme, doch sind es bei den Schiiten bekannt-
lich nur die 'Aliden, die das Anrecht auf Imämat und Kalifat haben.
193
) P 157, /79 .; IH I/519f. ( /474).
1M
) 1/112; IH 1/284 (H/2).
195
) B 28, /37; IH /237 . ( /445ff.).
19
) P 4,1/3.5 .; IH 1/42 (1/71 f.).

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Untersuchungen zum Bild «Alis und des frühen Islams bei den Schiiten 63

Auf die Tatsache, daß es gerade die Stammesgenossen Muhammads


waren, die zu den ärgsten Widersachern des Propheten gehörten, wird
an mehreren Stellen in der vorliegenden Sammlung hingewiesen.
„0 Gott, ich rufe Dich um Unterstützung an gegen die Quraiä und
ihre Helfer, Sie haben meine Blutsverwandtschaft (mit ihnen) zer-
schnitten, meine hervorragende Stellung verächtlich gemacht und sich
zum Streit gegen mich zusammengetan um eine Angelegenheit, die
mir allein zusteht. Dann sagten sie: Es ist recht, daß du sie ergreifst,
und es ist auch recht, daß du sie läßt.. ,197)" An Mu'äwiya soll eAti
geschrieben haben: „Unser Stamm wollte unseren Propheten töten
und unsere Wurzel zugrunderichten. Sie hatten mancherlei mit uns
vor und taten uns manches an. Sie verweigerten uns das süße Wasser
und ließen uns in Furcht leben.. ,198)" „... Die Quraiä haben sich
zum Kampf gegen mich vereint, wie sie sich zum Kampf gegen den
Gesandten Gottes vor mir versammelten. Belohnungen gaben den
Qurais für mich Ersatz; sie haben meine Blutsverwandtschaft (mit
ihnen) abgeschnitten und mich um die Herrschaft des Sohnes meiner
Mutter199) gebracht200)." CAK wollte nicht, daß die QuraiS getötet auf
dem Schlachtfeld liegen201); doch er kämpfte gegen sie als Abtrünnige
ebenso, wie er gegen sie kämpfte, als sie noch Ungläubige waren202).
Der Sippe Muhammads steht das Recht auf die Herrschaft zu, ihr
wurde sein Testament vermacht und seine Erbschaft übertragen203).
Der achtungsvolle Gehorsam gegenüber den Imämen ist eine Pflicht
von Gott204). 'Ali war nicht gierig auf das Imämat, er verlangte nur
sein Recht205).
19?
) P 167, /103; I/530f. (H/495ff.). P 212,11/227; IH 11/20 (HI/36f.).
198
) B 9, /10; IH II/162f. (III/303f.). ,-MiNQABi: Waq<at Siffin, S. 100.
199
) D. h. Muhammads; Fäftma bint Asad, die Mutter 'Alis, hatte Muhammad
nach dem Tode seiner leiblichen Mutter Ämina erzogen. Kommentar von
MÜH. «ABDUH. — Diese Geschichte ist natürlich recht fragwürdig und soll nur
wieder das enge Verhältnis zwischen Muhammad und *Ali demonstrieren.
20
°) B 36, /68; IH 11/184 (IV/S5f.).
201
) P 214, /229; II/22f. (in/41). Vgl. oben S. 15.
202
) P 32,1/77f.; IH I/101f. (1/176).
203) p 2, 1/25; IH 1/27f. (1/45f.). In dem Anspruch der «Aliden auf die Erb-
schaft Muhammads liegt eine Wendung gegen die bekannte Überlieferung, daß
Abu Bakr der Fätfma die Hinterlassenschaft des Propheten verweigert habe
mit Bezugnahme auf eine Äußerung Muhammads wonach die Hinterlassenschaft
der Propheten nur für Almosen bestimmt sei. DONALDSON: The Shiite Religion,
S. 16. N. Abbott: AieJiah, the Beloved of Mohammed, S. 84f. Vgl. dazu IBN
. : al-Fafl, IV/75.
20
«) S 252, in/208f.; IH n/419f. (IV/350).
2W
) P 167, n/102f.; IH I/530f. (H/495ff.).

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