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„Was wäre, wenn Säugetiere fliegen können?

Wir befinden uns im Deutschland des 14. Jahrhunderts. Die Druckerpresse ist noch
nicht erfunden. Doch es gibt eine andere Möglichkeit, miteinander zu kommunizieren:
Kekse. Kekse, über die Informationen weitergegeben werden. Was sich zunächst etwas
absurd anhört, ist ein spannender Teil der Kultur-und Mediengeschichte.

Dominique Tetnzer, eine Masterstudentin im Bereich „Visuelle Kommunikation/Visuelle


Kulturen“ begibt sich in ihrem Projekt „Vermixt-lecker lernen“ auf eine Spurensuche nach
etwas Verlorengegangenem. Diese Spuren erscheinen einem zunächst sehr klein, als
wären sie nur kleine Krümel in der Weltgeschichte. Doch je weiter die Reise führt, desto
großer werden nicht nur die Augen, sondern auch die Spuren wandeln sich nun zu
ganzen Keksen. Von der kulinarischen Welt führen sie über Visuelle (deutsche) Kulturen
und Informationsdesign bis hin zu einem Kinderspielzeug.

Ein unvermutetes Massenmedium

Im 14. Jahrhundert und auch nach der Erfindung der Druckerpresse, kommunizierten
die Menschen in Deutschland verschiedenste Dinge über (nicht immer essbare) Kekse.
Vor allem religiösen Darstellungen spielten eine gewichtige Rolle, aber auch simple
Informationen, bis hin zu erotischen Darstellungen wurden damit abgebildet. Man kommt
nicht umhin, festzustellen, dass diese Form der Kommunikation Assoziationen mit dem
Internet des 21. Jahrhunderts hervorruft. Einer der Ausgangpunkte des Projekts war der
Gedanke, dass diese Kekse ein erstes Massenmedium gewesen seien. Sie ersetzen
Zeitungen, dienten zur Propaganda, zur zarten Kommunikation zwischen
Liebenden(s.u.) und als Marketinginstrument. Selbst nach der Erfindung des
Buchdrucks und der damit einsetzenden, massenhaften Verbreitung von schriftlichen
Informationen, starb diese Form der Informationsweitergabe, dank der nur langsam
fortschreitenden Literarisierung nicht aus. Erst gegen 1800 sah diese Form der
Informationsweitergabe ihrem Ende entgegen. Im 21. Jahrhundert gibt es immer noch
unendlich viele Kekse, auf denen Bilder zu sehen sind. Nur dienen diese Bilder keiner
Informationsweitergabe mehr, sondern sind funktionslose Verzierungen.

Paargeschichten und Herz (um 19.Jh.) - Handschuhpaar (Ende 17.Jh.)

Teig als Medium


Spannend ist an dieser Stelle auch der Gedanke, dass Teig als Medium verwendet und
gedacht wurde. Es ist ein naheliegender Gedanke, da der Teig durch seine vielseitige
Verformbarkeit schier unendliche Möglichkeiten bietet, ihn medial einzusetzen. Hier ist
dann weniger die übertragene Information interessant, sondern viel mehr die Form.
Damals waren es ein Keks, es hätte aber auch ein Kuchen oder ein Brötchen sein
können. Warum genau sind es also Kekse geworden? Vielleicht ist es die Einfachheit,
die den Keksen zu ihrer besonderen Rolle verholfen hat. Um ein Teil eines
kulturgeschichtlichen Alltags zu werden, bedurfte es einer einfachen, simplen Form, die
letztlich für jeden einfach herzustellen ist. Etwas wesentlich Komplexeres, wie z.B.:
handschriftliches Schreiben, benötigte einer wesentlich längeren Anlaufzeit, da es eine
schwerer zu erlernende Technik war. Die Idee, dass die Form aus der Funktion entsteht,
wird hier konsequent verfolgt.

Von Neuinterpretationen und abstraktem Denken

Es ging darum, eine vergessene Technik zu neuem Leben zu erwecken und eine Idee
zu entwickeln, wie sie im 21.Jahrhundert wieder funktionieren könnte. Die
Neuinterpretation einer Technik, die fast vollständig aus dem kulturellen Gedächtnis
verschwunden ist. Dabei kann sie als Blaupause für moderne
Kommunikationsnetzwerke dienen. Wenn man den Netzwerkgedanken dieser
Informationsverbreitung durch Kekse zu Ende denkt, war es nur logisch, dass eine
Institutionalisierung dieser Idee nur eine Frage der Zeit sein konnte.

Erst spielen, dann essen

Daraus entstanden nun diese Kekse, die verschiedene Tiere darstellen. Die Kekse sind
in vier bzw. sechs Teile aufgeteilt und beliebig kombinierbar. So dienen sie als
Spielzeug und Lernmaterial für Kinder. Dabei soll vor allem das abstrakte Denken
gefördert werden. Die Künstlerin selbst sagte, sie wolle die Kinder „ohne
Beschränkungen verschiedenste Bestien und Fantasiefiguren“ erschaffen lassen.
Dahinter steckt auch die simple Vermittlung des darwinistischen Gedankens von der
Anpassungsfähigkeit der Tiere. Sie ließ drei- bis Siebenjährige Kinder mit ihren
Entwürfen spielen und stellte schnell fest, dass Kinder ab fünf Jahren das Spiel recht
schnell verstanden und ihren Spaß damit hatten. Verschiedenste, abstrakte Formen
entstanden und die sechsjährige Elena erzählte stolz davon, sie habe „einen Frosch mit
Froschschenkeln“ gelegt.

Dazu kommt auch noch ein gesundheitlicher Aspekt, da der Teig mit 55% weniger
Zucker, als im ursprünglichen Originalrezept angegeben, gebacken wurde.

Grenzenlose Kreativität

Was wäre denn nun, wenn Säugetiere fliegen können? Für Dominique Tetzner wäre das
sicherlich etwas höchstspannendes. Sie hat mir ihrem Projekt „Vermixt-lecker lernen“
nicht nur etwas Vergangenes zurück in die Gegenwart geholt und aktualisiert. Sie hat
auch ein wunderbares und zugleich leckeres Spiel für Kinder erschaffen und ist dabei
ihrer ganz eigenen Vision von Spielzeug nachgegangen.

Und irgendwo zwischen informationsgeschichtlichem Interesse und einer Leidenschaft


fürs Kochen und Backen, steckt der einfache Wunsch, Kindern eine Möglichkeit zu
geben, ihre Ideen und Gedanken grenzenlos auszuleben und sich dem
Nonkonformismus hingeben zu können. Ein schöner Gedanke.