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MÜNCHNER

ILLUSTRIERTE WOCHENSCHRIFT
FÜR KUNST UND LEBEN

1896

BANDI
NR- 1—29

HERAUSGEBER: GEORG HIRTH — REDAKTION: FRITZ v. OSTINI

G. HIRTH’5 KUNSTVERLAG
MÜNCHEN & LEIPZIG
UNIVERSITÄTS
BIBLIOTHEK
HEIDELBERG

Druck von Knorr & Hirth (G. m. m. b. H.), München.

i -10
Alt unsere Fremde Des reinen Weizens sonder Spreu,
Des Neuen, das gut, des Guten, das neu,
E^a liegt er nun, unser erster Band, Euch bieten in der Quartale Lauf —
Schmuck und gewichtig in unserer Sand, Verehrte LeserI Die Saud darauf! —
Vierhundert Seiten sind's, die sich da einen, Sat uns auch an Feinden nicht gefehlt.
In einem Einband aus rothem Leinen. Was haben sie alles geklagt und geschmält,
Da wär' es glücklich nun gelandet, In ihren Reden und Blättchen und Schriften!
Gekentert nicht und nicht gestrandet, wir follten das Serz der „Jugend" vergiften,
Das Schifflein mit dem bunten Wimpel, Wir hätten von idealer Runst
Nach Sturm und Fährniß mancher Art, Reine» blassen Schein, keinen blauen Dunst,
Seil und bereit zur nächsten Fahrt. And namentlich sei's ein Skandal
Es hat uns freilich mancher Gimpel Bezüglich der sogenannten Moral,
Und mancher Neidhart prophezeit, Wie nackt und bloß in unseren Spalten
Das Boot der „Jugend", es käm' nicht weit: Gar mancherlei verruchte Gestalten
Denn erstlich nähm' es zu wild den Flug Umtrieben ganz ohne Feigenblätter.
Und nicht nach bewährten nautischen Regeln, Es krachte so manches Donnerwetter
Dann hält' es auch zu viel wind in den Segeln, Bon hoher Ranzel auf uns her,
Und fein Ballast sei nicht schwer genug, wir hatten ja allen Respekt vergessen,
Und auch an Mannszucht fehl' es an Bord — Manch wackerem Schwarzrock was aufgemessen,
Wir aber segelten fröhlich fort, Und manchen politischen Rampfhahn schwer
wir hatten tüchtige Mannschaft geheuert, Geärgert, verhöhnt und im Bild geschildert.
Uns halfen rüstiger Arme viel, Gs hieß: Die „Jugend" sei falsch und schlecht,
Voll frischen Muthes und angefeuert Frivol und frech und total verwildert-
Bon einem schönen und hehren Ziel. Nun — dafür machten wir's Andern recht
Und ging's auch durch tosende, schäumende Fluth, Und zwar den Bessern in deutschen Landen,
Die Fahrt war gesegnet, die Fahrt war gut. Und haben die Bessern uns wohl verstanden,
Wir nehmen recht gerne die Schreier in Rauf!
Da liegt er vor uns, der erste Band, Schlagt nur einmal den Band hier auf
Biel tausend Zeilen von krausen Lettern Und auch ein Gegner inuß gesteh'n,
lind schnurrigen Bildwerks allerhand — Es ist nicht wenig darin zu feh'n.
lind wenn wir die bunten Seiten durchblättern wir lassen es freilich lieber bleiben,
Bon vorn nach rückwärts, gesteh'n wir frei, Einen trockenen Index davon zu schreiben,
Mag sein, es ist mancher Schnitzer dabei; Wer wissen will, was im Buche stünde,
Langweilig aber ist's nicht gewesen, Mag selbst d'rin suchen, auf daß er's finde.
Weder zu schauen noch zu lesen. Da sieht er im fröhlichen Wechselspiel
Ist schließlich ja aller Anfang schwer — Stets wechselnd wie in Raleidoskopen
link daß wir in Zukunft immer mehr Der Bilder, der Verse, der Srosa viel,
Da findet er Scherze vom £)ol und den Tropen, Gar viele Gedichte von Lust und Liebe
Und ernsthafte Kunst in Schwarz und Bunt, Und Stimmungsbilder bald licht, bald trübe,
Schmal, breit und hoch, und kantig und rund, Und (Epigramme, Gedankensplitter,
Symbolische Schnörkel gar fein zu deuten, Novellen, Satiren, harmlos und bitter
Porträts von großen und anderen Leuten, Und manche lustige Parodie,
Manch treffliches Blatt zunr greife des Weibes, Und Lieder sanunt Text und Melodie.
Zum Lobe der Schönheit des Menschenleibes, Und manchen Spott auf die perren Philister —
Poetisch - symbolisch - gedankentiefes, Und damit ist unser Znhaltsregister
Sentimentalisches und Naives, Noch lang nicht zu Tnde — blättert nur heiter,
Und schöner holdseliger Frauen Köpfe, Auf daß Ihr findet, im Buche weiter!
Taricaturcn zum pohn auf die Zöpfe,
Und Blumengeranke von zierlichcin Schwung Wir aber, wir rüsten mit frischer Kraft
Und vaterlandsfrohe Begeisterung, Auf's Neue uns für die Wanderschaft,
Und Zägerschwänke in Bild und Wort. Auf's Neue uns für die fröhliche Fahrt.
Und mancherlei Unsinn und mancherlei Sport, Ts gibt noch Dinge so mancher Art,
Sogar aus der pölle find Bilder zu fchau'n Viel Schönes und Gutes in Bild und Gedanken,
Sammt Spukgeschichten aus Nacht und Grau'n, Womit wir befrachten unsere Planken,
Sogar aus dein Pimmel ist was dabei, Dann schütten wir fröhlich für Tuch zu paus
Zn ernster und heiterer Schilderet, Die bunten, schinnnernden Schätze aus,
Madonnen findet Ihr da und Tngel; Die wir heimgebracht aus der Schönheit Mich —
Sogar aus dem blutrothen Ulars dort oben
Sind Bilder und Szenen mit eingewoben; Nur seid auch fruchtbar und inehret Tuch,
Dann findet Zhr Gigerln und Ladenschwengel, So wie Zhr bis heute wuchs't an Zahl!
Und sonst noch viel schnurrige Menschlein vor, Dann können wir auch mit jedem Mal
Und putzigen, neckischen Mädchenflor, von Woche zu Woche, von Jahr zu Jahr,
pikantes findet Zhr auch, Französisches Tuch reicher bedenken immerdar,
Und Deutsch - bureaukratisch - politisch - chinesisches, Scharfäugig stets nach dem Besten lugend
Dann findet Ihr Blätter für Thic und Mode Vom hohe» Mastkorb über die See —
Und grausige Tänze, getanzt von: Tode, Mit diesem Wunsch sagt Tuch Ade
Plakate, Vignetten und Speisekarten, Zn froher Zuversicht
Und Bilder von hundert anderen Arten, die „Äugend".
München, Juni ;8Y6.
1896 . JUGEND ->

Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben. — G. Hirth’s Verlag in München & Leipzig.
ALi.fi HECHTE VORBEHALTEN.
JVOEND Münchner Wochenschrift für Kunst und Leben
[ie Erwägung, dass unter den zahl- Und wer nur ein warmes Herz für diesen Künstlerische Beiträge zum Bilder-
reichen in Deutschland erscheinen- Gedanken hat, wer dazu beitragen will und schmuck der «JUGEND» haben wir erhalten,
den illustrirten Wochenschriften die Kraft dazu in sich fühlt, mit uns zusammen oder werden wir erhalten von:
sich keine einzige befindet, welche ein lustiges Blatt an der Wende des Jahrhunderts Henry Albrecht, Peter Bauer, Henri Boutet,
den Ideen und Bestrebungen unseres sich immer zu schaffen, das uns den Uebergang in das A. B'öcklin, Otto Bromberger, Fritz Burger,
reicher gestaltenden öffentlichen Lebens ln Neue zu einem Vergnügen machen und die Caran dl Ache, y. Carben, Cazal, L. Corinth,
künstlerisch durchaus freier Weise Bürde der Jahre erleichtern soll, der ist ebenso Maxim. Dasio, yulius Dietz, O. Eckmann,
gerecht wird, hat uns zu dem Versuche er- höflich, als herzlich eingeladen, sich frohen Fritz Erler, yul. Exter, Hans Fechner,
muthigt, diese offenbare Lücke unserer Zeit- Muthes an dem Leben und Werden der Alexander Frenz, E. Grasset, E. Griitzner,
schriftenliteratur auszufüllen. Wir wollen die JUGEND zu betheiligen und, was er etwa an Guillaume, Hugo Freih. v. Habermann, Louis
neue Wochenschrift Zündstoff auf Lager hat, unserm Laboratorium Herzog, ArthurHirth, HugoHoppener (Fidus),
baldigst anzuvertrauen. y. Huber, Ewald Hirsch, Felix Hollenberg,
JUGEND Dank unserer Programmlosigkeit — einem Olaf yernberg, yossot, E.Kneiss, y. Kerschen-
nennen: damit ist eigentlich schon Alles gesagt. «Programm», das wir strikte aufrecht erhalten steiner, Arthur Kampf, F. A.v. Kaulbach, Al-
Selbstverständlich wenden wir uns nicht an wollen — ist das Feld unserer Thätigkeit ein bert Keller, Max Klinger, Franz v. Lenbach,
die Jahrgänge, sondern an das Herz, auch der so unbegrenzt weites, dass eigentlich jeder Max Liebermann, E. Lugo, A. Mareks, Karl
in der Herbstsonne alter Jahrgänge Gereiften, denkende und herzensfrohe Mensch irgend etwas Marr, O. Melly, P. Meyer-Mainz, Vilma
die so glücklich sind von sich zu sagen: «Altes für die «JUGEND» in petto haben müsste. Parlaghy, Radiguet, A. Rietti, Th. Rocholl,
Herz, was glühest du so!» y. Sattler, H. Schlitt, Arpad Schmidhammer,
Er braucht durchaus kein zünftiger Literat
Ein «Programm» im spießbürgerlichen zu sein! Und jeder Künstler, der wirklich einer y. Schmitzberger, Th. Schmuz-Baudiss, Carl
Sinne des Wortes haben wir nicht. Wir ist, hat bestimmt auch etwas für unser Blatt, Schnebel, Otto Seitz, Rudolf Seitz, Max Sle-
wollen Alles besprechen und illustrieren, was vogt, Steinlen, L. Stockmann, C. Strathmann,
oder kann was für uns machen. Je frischer
interessant ist, was die Geister bewegt; wir und freier eine Arbeit ist, je getreuer und un- Franz Stuck, Hans Thoma, W. Trübner,
wollen Alles bringen, was schön, gut, charak- mittelbarer dasWesen des Künstlers in ihr sich Fritz v. Uhde, C. Vetter, Valloton, H. Zügel.
teristisch, flott und — echt künstlerisch ist. Musikalische Beiträge haben wir er-
spiegelt, desto willkommener wird sie uns sein!
Kein Gebiet des öffentlichen Lebens soll halten, oder werden wir noch bekommen von
Also ! Vorwärts mit frischem Muth, «JUGEND»
ausgeschlossen, aber auch keines in den Vorder- sei’s Panier! den Herren:
grund gestellt werden: hohe, höhere und höchste Ernst Baecker, A. Bungert, Hess, H. Sommer,
Ungefähr wird die vorliegende I. Doppel-
Kunst, Ornament, Dekoration, Mode, Sport, R. Strauss u. A.
nummer unserer Zeitschrift ja zeigen, was wir
Politik, Musik und Literatur sollen heute ernst,
wollen — freilich eben nur ungefähr! Denn Georg Hirth, Herausgeber,
morgen humoristisch oder satirisch vorgetragen
werden, wie es die Situation und der Stoff
wir werden uns noch im Laufe der Zeit mit Fritz V. Ostini, Redakteur
gar Vielem beschäftigen, was hier gar nicht der „JUGEND“.
gerade erheischen. Hiezu sollen alle graphi-
angedeutet ist, mit Vielem, was der Tag erst
schen Künste, soll der «stilvolle Strich», die NB. Die zur Aufnahme gelangenden
bringen wird, was das Leben erst noch reift.
ernste Skizze, die Caricatur, die Photographie Zeichnungen und literarischen Beiträge werden
mobil gemacht werden. Und — «wo gute Reden Literarische Beiträge sind uns schon selbstverständlich «honorirt».
sie begleiten», d. h. umschwärmt von einem zugegangen oder in Aussicht gestellt von: Nicht zur Aufnahme gelangende Beiträge
beweglichen Texte, da wird auch die Mitarbeit Conrad Alberti, Hermann Allmers, Ford. werden so bald als möglich an die verehrlichen
unserer frischmuthigen Illustratoren, der alten Bonn, M. G. Conrad, fuliane Dery, Georg Absender zurückgesandt, wenn Umfang und
wie der jungen, munter fortfliessen. Ebers, Franz Evers, K. E. Franzos, Ludwig Werth der Sendung einigermaßen die Mühe
Keine Form literarischer Mitarbeit soll aus- Fulda, Max Halbe, Otto Erich Hartleben, der Rücksendung lohnen. Genaue Adressen-
geschlossen sein, wenn sie sich nur mit der De- Karl Henkell, Wilh. Hertz, Paul Heyse, angabe wird höflich erbeten.
vise verträgt: «Kurz und gut». Jedes Genre — H. v. Hopfen, Otto v. Leixner, Alb. Matthaei, Sendungen an uns wolle man gef. nicht
das Langweilige ausgenommen — ist gastlich Wilh. Raabe, B. Rauchenegger, P.K. Rosegger, unter einem der obenstehenden Namen adres-
willkommen geheissen: Lyrisches, Epigramma- Frieda Schanz, Richard Schrnid- Cabanis, sieren, sondern einfach an die Redaktion
tisches, Novellistisches, Satirisches, Reim und Arthur Schnitzler, L. Soyaux, yoh. Trojan, der „JUGEND“, Färbergraben 24/n in
Prosa. R. v. Seydlitz. München.

Die JUGEND erscheint allwöchentlich einmal. Bestellungen werden von allen Buch-
und Kunsthandlungen, sowie von allen Postämtern (Postzeitungs-Katalog Nr. 391a) und
Zeitungs-Expeditionen entgegengenommen. Preis des Quartals (13 Nummern) 3 Mk., der einzelnen
Nummer 30 Pfg. Preis für Inserate die vicrgespaltene Colonelzeile 1 Mk.
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Gruss an die JUGEND
Der „Jugend“ sei mein Gruss geweiht — Die — ob im Grabe mit einem Fuss —
Der Jugend, die niemals veraltet,
Noch schwebt auf den Schwingen des Falters:
Die unberührt von Stunde und Zeit
Ihr bring’ ich jubelnd einen Gruss —
Im Künstlerbusen waltet;
Der Jugend jeden AltersI —
Der Jugend, die aus der Seele stammt, Und macht sich ihr manch Gegner kund,
Und die trotz weisser Haare Sie bleibt doch unbezwungen
Für alles Grosse sich noch entflammt
Von grünlackirten Greisen und
Und Schöne und Gute und Wahre; Von schimmelgrauen Jungen!
Der Jugend, die ewigen Frühling schafft Dem erster’n von diesem Feindespaar
Uns drinnen tief im Herzen Mit Fäusten, emsig-raschen,
Und deren heilige Kraft entrafft Wird sie das fahle Antlitz klar
All irdische Sorgen und Schmerzen; Von falscher Schminke waschen;
Der Göttin, die uns Kindern gleich — Dem andern aber wird sie kühn
Doch kindisch nie — lässt werden, Durch einen kräftig derben
Damit wir schauen das Himmelreich Handgriff dieHös’chen strammer zieh'n,
Schon hier auf dieser Erden; Sie . . . rücklings aufzufärben.
Richard Schmidt-Cabanis

}
Kr. 1 und ä
Tt) GEN Ö
1896

Jugend! Jugend! Wenn aber so ein Ding von etlichen Aber zurück zu den Flegeljahren! Noch
Das Wort ist einer von den Zauber- Jahren frühreif ist und keine Freude am weinen können, wenn die schillernde Glas-
sprüchen, die uns das Herz aufhellen mit Spiele hat, sich nicht balgt mit den An- kugel eines Ideals in Scherben geht, noch
einem Schlag, bevor wir noch Zeit ge- dern, keine Schläge bekommt und keine jauchzen können, blos weil die Welt so grün
funden, ihrem Sinne nachzudenken. Jede austheilt, keine zerrissenen Jacken und ist und die Sonne so hell und das Leben
Sprache hat ein paar solche Worte. In der blauen Beulen nach Hause trägt, über die so überaus lobenswerth! Jugend in der
deutschen heissen sie: Jugend, Frühling, Märlein der Ammenstube die Nase rümpft, Jugend!
Liebe, Mutter, Heimath! Sie klingen, — keine Phantasie hat, aber dafür schon eine 3x3
man nimmt sie auf — und vor unseren Dosis Klassenhochmuth — den gibt’s näm- Gibt aber auch andere! Kerle, die mit
Blicken öffnet sich eine Welt. Und die lich auch in Lumpen —, die Thiere nicht der Brille auf der Nase und mit Tinten-
weiteste von allen diesen Welten ist jene, lieb hat und den Menschen sich nicht an- fingern auf die Welt gekommen scheinen,
die das Wort Jugend erschliesst. In dieser schmiegt — armes altes Ding! Wenn oft Streber auf der Schulbank, Primajungen,
Welt ist im Grunde Alles mit einbegriffen, die Leute wüssten, was für unglückliche die’s dem Herrn Professor sagen, wenn der
was gut ist und froh, licht und warm, rein Geschöpfe ihre Tugendmuster sind!- Hans die Schule geschwänzt hat und der
und gross. ¥ Max über den Zaun des Pfarrhofgartens
Denn die Jugend ist kein Vorrecht der Jedes Alter im Menschenleben muss gestiegen ist, seinem holden Büschen ein
Leute bis zu dreissig oder fünfunddreissig seine Jugend haben. Büschel Reseden zu stehlen! Bürschlein,
Jahren! Dem Jüngsten kann sie fehlen, der Die Flegeljahre! Die ersten Cigarren die immer die besten Noten und ein sanftes
Aelteste kann sie haben! Es gibt vierjährige rauchen, die ersten Verse machen! Zu- Gewissen haben, die keine verbotenen
Grossstadtgewächse, die nicht mehr jung erst an erdichtete, dann an unerreichbare, Schoppen trinken, Liebes- und Freund-
sind, es gibtAchtziger, die bis zu den Ohren dann endlich an wahlverwandte Huldinnen! schaftsträume mit grinsender Verachtung
in Flanell stecken wegen des Zipperleins, Himmlisch stupides Schwärmen für einen ansehen und die Anwartschaft auf eine glän-
die nicht mehr aus dem Lehnstuhl heraus- Backfisch mit flatternden Zöpfen! Hoffen, zende Laufbahn schon als Quartaner in der
kommen — und die doch noch ihr Theil Träumen dem Leben zu! Die Welt sich Tasche tragen. Kerle, die nie über eine
Jugend im Herzen tragen. ausmalen wie einen Garten voll blauer Hecke springen, weil sie die Hose zerreissen
‘•2* Blumen und goldener Früchte, die alle könnten, die alles Lustige und Verbotene
erreichbar sind, ihm, dem Einen, dem nicht etwa aus Grundsätzen, sondern ein-
Jugend ist Daseinsfreude, Genussfähig-
über die Massen Kühnen: dem Ich des fach aus Scheu vor der Haselruthe liegen
keit, Hoffnung und Liebe, Glaube an die lassen.
Menschen — Jugend ist Leben, Jugend ist Träumers!
Für Freundschaft glühen, Jedem, auch Jugend ohne Jugend!
Farbe, ist Form und Licht.
Wem ist sie eigen? Wer hat sie nicht? dem schäbigsten Gesellen das Herz wie
auf dem Teller entgegen tragen und, zehn
$
Jung im rechten Sinn ist noch das Kind, Mit den Mädchen ist es nicht anders!
das zu spielen weiss, mit einem Holzklotz, Mal betrogen, das elfte Mal wieder glauben! Welch ein Götterreiz umkleidet solch ein
einem Lappen und einem Strohwisch, ge- Ueberhaupt ist’s ein Kennzeichen und viel- Wesen zwischen Fratz und Weib, wenn ihm
rade so wie mit einer Pariser Puppe. Das leicht auch das reinste Glück wahrer Ju- gesunde J ugend aus den Augen blinkt, wenn
Kind, das sich seine Namen erfindet für gend, dass der Schein, der schöne Schein es halb Kobold ist und halb Engel, halb
alle Dinge und Leute, das noch mitten im sich zur rechten Zeit immer wieder über Schwärmerin und halb Spottdrossel in an-
Märchen lebt, das in der Weihnacht das irgendeine bittere Wahrheit hinwegtrügt! genehmer Mischung, rein, aber warmblütig,
Christkind an das Fenster klopfen hört, Und mit dem ersten Flaum auf der kindlich, aber weich. Wenn sein Herzzittert
das mit dem Hofhund plaudert und die Lippe, der ersten Liebe im Herzen, und um jedes erschaute fremde Leid und jubeln
Katze küsst, das seiner Puppe Brei in den vielleicht mit der ersten Heldenschmarre kann um jede geglückte Thorheit!
Mund schmiert und gelegentlich auch ein- im Gesicht im Grunde doch noch mild- Und die Andern, die Frühklugen, früh
mal Papa’s Taschenuhr mitderSchuhbürste herzig, weich, ahnungsvoll und spielerisch, Wissenden, die mit 12 Jahren schon an
reinigt. Jung ist das Kind, für das Alles doch noch ein Kind sein!-— eine gute Partie denken, der Stolz und die
lebt und redet, das Alles wissen muss und
hinter jede Staude guckt und Fragen stellt
K Wonne aller verheirathungslustigen Mütter
sind, nicht schwärmen, aber begehren, nicht
Das ist Jugend: in jeden neuen Lebens-
ohne Ende, und das gelegentlich auch ein- abschnitt das Beste vom Jüngstvergangenen sündigen, aber verstehen, nicht ungezogen
mal herzhaft ungezogen ist. Das aber auch mithinübernehmen! Kinderfrohsinn in die sind, aber hart! Sind die jung?
nachher, wenn der Trotz verraucht ist, die Knabenjahre,dieTreuherzigkeit des Knaben 3x3
Hand wieder liebkost, die es gezüchtigt. in die Jünglingszeit, das offene, zuversicht- Himmlisch kann eine Frauenknospe
Jung ist ein Kind, das ein Kind ist in liche Herz des Jünglings in’s Mannesalter, sein in geschmeidiger Kraft und Frische,
Allem, im Guten und im Schlimmen. die Wärme und Festigkeit des Mannes in’s ein Mädchen, das zu tanzen liebt, und durch
3x3 Greisenthum.- die Welt zu jagen, auf Stahlschuh oder

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1896 JUGEND Nr. 1 und 2

Stahlrad, Pferd oder Boot, ein Mädchen, j ein Verhungernder und dem nichts mehr Und so fort bis in’s Alter, durch die
dem jene Damen vielleicht auch einmal schmeckt, weil sein Magen unrettbar über- Jahre reifer, sicherer Mannheit durch, die
ein shocking! nachrufen, denen nicht mehr fressen ist! Der Narr seines Ich, der Sklave Erntejahre des Lebens, in denen man auf
Alles rein ist! Jugend, Jugend! Und auf seines Schneiders, der Hanswurst seiner Errungenes behaglich niederzusehen an-
der andern Seite wieder die Blüthen ohne Mitmenschen und der Abklatsch seiner Mit- fängt und seine Wünsche mehr auf’s Er-
Duft und Farbe, zu Kochthieren und Dienst- esel! Der arme, arme Mensch, dessen Da- halten richtet, denn auf’s Erwerben!
botenschrecken geboren, von Pensionats- sein mit dem Bewusstsein schon ausgefüllt
vorsteherinnen hochgeschätzt, von Pri- ist, dass er etlichen Pflastertretern heillos
manern nie angehimmelt, eckig bis in die elegant vorkommt! Jugend — sprecht nur
Seele hinein, und im Uebrigen alles Schöne dies schöne Wort nicht aus in einem Athem Die jungen Alten! Alte Gesichter und
und Gute — nur nicht jung! — — — mit dem Namen dieses Gezüchts. junge Herzen! So widerlich und bemit-
leidenswerth ein alter Geck ist, der sich
* * ein paar Jahrzehnte vom Gesicht weg-
Schöner als jede andere fast ist die Was für ein Herrliches ist es um die schminkt und die für seine verspäteten
Jugend in der Zeit der ersten Reife! Stolz Jugendlichkeit des eben erblühten Weibes. Dummejungenstreiche nöthigejugend beim
und Freude am Schaffen hegen, das Wonne- Auch sie lernt nun die erste, wahre Liebe Apotheker kauft, so herrlich ist ein Alter,
gefühl bewusster Kraft gemessen, das herr- kennen. Aber nicht das Bedürfniss, sich dem die Seele frisch geblieben ist und mild,
liche Empfinden, zum ersten Male einen zu versorgen, sondern das Bedürfniss, sich das Auge klar auch für ein Leben, das er
Platz auszufüllen in derWelt! Und die erste, hinzugeben, lenkt ihr das Herz. Mutter- nicht in allen Theilen mehr ganz versteht.
wirkliche Liebe im Herzen nähren nach den schaft! Mutterglück! Dreidoppelte Jugend: Ein Loher des Vergangenen mag er wohl
Eseleien der Tanzstunde! Fähig werden eine junge Mutter! Immer voller erfüllt sein, aber kein Hasser des Neuen. Ein
zu ringen und zu wagen mit Todesmuth sie ihren Beruf, Sonnenschein zu bringen, Schatz an Liebe ist aufgespeichert in seinem
um eines holdseligen Weibes Besitz! Ju- Den jung zu erhalten, dem sie zu eigen Herzen, der sich mehrt, je reichlicher er da-
gend im Mannesalter, wie gut, wie schön! ist, einen Schimmer von Jugendlichkeit auf von gibt! Mit doppeltem Genuss schaut er
Alles zu werfen, was um sie lebt. Sie ist das Schöne um sich her; ist’s doch nicht
fr Alles in Einem in ihrer sieghaften Jugend: mehr für lange Zeit! Ihm ist die Freude
Aber der Andere, der Streber und Krä- Ansporn zum Kampfe und Siegerlohn. Um ein köstlicherTrunk, dem kein Rausch mehr
mer! In Liebe und Hass, Arbeit und Müsse sie, für sie ringt der Mann, sie macht ihn folgt, der die Blicke nur heller macht und
immer Streber und Krämer! Aus Angst treu und beharrlich! Sie schafft ihm ge- den Herzschlag ruhiger. Kein Menschen-
vor einem Schnupfen entsagt er dem Ge- steigerte Pflichten und gesteigerte Kraft alter kann vielleicht so viel Jugend in sich
nuss, von einem Berggipfel aus die Sonne dazu! aufsammeln, als das mit den weissen Haa-
blitzend aufschweben zu sehen aus dem Aber auch das rosige Bild hat sein ren. Ihm kommt sie von aussen und von
Dunst des Morgens! Aus Angst, sich seine Widerspiel: Junge Weiber ohne Jugend! innen. Ihm quillt sie als Erinnerung im
Carriere zu verderben, wagt er es nicht, Blaustrümpfe, Kehrbesenmegären, Männer- Herzen und macht ihm die Seele weit und
den Arm um einen bebenden Frauenleib jägerinnen, berechnende Koketten, eitle froh, ihm drängt sie sich jauchzend um die
zu schlingen! Aus Respekt vor seinen Vor- Närrinnen, die den Zauber ihrer Jugend Knie und stammelt: „Ich hab’ Dich lieb!“
gesetzten würgt er seine politische Ueber- verlieren in dem krankhaften Bestreben, Junges Alter! RosigerSonnenschein über’m
zeugung hinunter! Aus Angst, sich die nur ja nicht älter zu werden! Eis, Weihnachtsrosen unter’m Schnee!
Augen zu verderben, schaut er nicht in die Jugend im Silberhaar, Jugend in gol-
Sonne, aus Angst um seine Stiefel steigt $ denen Locken! Jugend, das Köstlichste aus
er nicht in’s thauige Gras und wenn die Die rechte Jugendlichkeit muss immer jeder Lebenszeit, vom ersten Kinderlachen
schönsten Blumen ihm daraus entgegen- unbewusst sein. Wenn Einer sagt: »heut' bis zum letzten Trunk, den der Greis aus
lachten! Auch Einer! bin ich aber einmal vergnügt!« kommt ihm dem Becher des Lebens thut!
Oder der Lebegreis! Herz, Phantasie das Lachen gewiss nicht von Herzen. Wenn Jugend, Jugend!
und Kopf kahl wie ein Ei! Der Jammer- aber Einer einmal lachen kann und weiss Ein besseres Bannwort hätten wir für
mann, das Rückbildungsprodukt zum Affen, nicht genau warum — der ist sicher froh unser Wagniss nicht finden können! Da-
der Idiot, dessen Ehrgefühl in der Correkt- und fühlt sich jung. Gefühl ist Alles, auch rum sehen wir dem Werdenden mit froher
heit seiner Hosenfalten aufgeht, der Bettler, hier. So ganz mit Worten umzirken lässt Hoffnung entgegen.
der Alles genossen hat und Nichts, der die sich der Begriff nicht! Jung fühlen muss Ganz schlecht kann es nicht ausfallen,
Lebensfreuden in sich hineinschlang wie man sich, nicht jung sein wollen. unser Zeichen ist viel zu gut!

S
Nr. 1 und 2 JUGEND 1896

Vor langer, langer Zeit, da die Geister noch nicht so es war der Berggeist. Der litt an einer Art von Kleptomanie.
selten waren, wie heutzutage, sind einmal dem lieben Gott Der liebe Gott war dem armen Sünder gnädig und erliess
aus seinem Farbenkasten, in dem er die Farben bereit hat ihm die Strafe. Aber wenn Einem einmal das Stehlen im
für’s Abendroth, für Tag und Nacht und die Jahreszeiten, Blute liegt! — Dauerte nicht lange, so hatte der Berggeist die
eine Menge von Farben gestohlen worden. Da gab’s grosse Farben schon wieder und riss aus mit seiner Beute. Die
Untersuchung im Geisterreich und viel Verdruss und der andern Geister ihm nach, als sie es merkten, denn die vier-
liebe Gott sperrte die ganze Geistergesellschaft auf ein paar zehn Tage Fegefeuer hatten sie nicht vergessen! Wie die
Wochen in’s Fegefeuer, bis der Sünder sich gemeldet hätte! wilde Jagd ging’s dahin durch ganz Tirol durch. Der Sünder
Und endlich thaten das böse Gewissen und die Hitze des flüchtete sich schliesslich in eine Hütte — schon glaubten
Fegefeuers ihre Wirkung. Der Schuldige meldete sich — sie ihn zu haben, da fand er noch eine Lücke und sauste
6
Kr. 1 und 2
1896 . JUGEND .
Frauen angestellt werden müssen. Aber Skt. Petrus klagt
hinaus. Die Geister wieder hinter ihm her! Endlich fingen über die Leistungen. Sie sind schwach, sehr schwach.
sie ihn, die Farben fanden sie bei ihm aber nicht mehr. In
jener Hütte hatte er sie in aller Eile wieder versteckt. Man Es gibt Männer, die sich wegen unglücklicher Liebe ver-
giften, aufhängen, erschiessen, oder sogar — das muss sehr
brachte den Berggeist vor den lieben Gott, der nun ernstlich bitter sein — Gedichte schreiben. Narren, dreifache Narren!
böse war und mit grausigen Strafen drohte, wenn die ge- Nicht einzusehen, wie gut es das Schicksal mit ihnen gemeint
stohlenen Farben nicht mehr zur Stelle kämen. In seiner hat. Wäre die Liebe erwidert worden, so hätten sie ja ge-
Todesangst war der Berggeist ja gerne bereit, Alles zu thun, heiratet.
was der liebe Gott verlangte. Aber er fand das Haus nicht Es gibt Männer, die zweizüngig sind. Das sind Weiber
mehr, wo er die Farben versteckt hatte. Denn dazumal war’s niemals. Die sind mindestens dreizüngig.
finstere Nacht gewesen und bei dem Tempo, in dem die Der grösste Mann ist auf dem besten Weg, ein sehr klei-
Hetzjagd abgehalten ward, hatte er auch die Hausnummer ner zu werden, sobald er an Schmeicheleien der Frauen Ge-
nicht aufgeschrieben. Der Berggeist aber musste nun suchen fallen zu finden beginnt.
und suchen — er war so lange verdammt und vom Nektar Die schönen und geistreichen Weiber sind niemals ganz
und Ambrosia ausgeschlossen, bis der Raub wieder ein- zufrieden, wenn man nur schön findet, was ihr Mund spricht.
geliefert sei. Und nun suchte er tagaus, tagein, jahraus, Man muss auch die Lippen bewundern.
jahrein jeden Winkel der Welt ab und konnte die Farben
Hat man jemals etwas von des Teufels Grossvater ge-
nicht finden. Mit dieser verzweifelten Beschäftigung brachte hört? Die mühseligsten gelehrten Forschungen haben ur-
er sechzig Jahre hin und in Momenten der Ruhe fluchte er kundlich nur die Grossmutter nachweisen können. Eine
wie ein Husarenwachtmeister. Aber es fiel ihm partout nicht erfreuliche Bestätigung meiner Ansicht, dass der Ursprung
mehr ein, wo er die Farben bei jener nächtlichen Parforce- des Uebels durch Parthenogenesis in die Welt gekommen sei.
jagd durch die Alpen hingebracht hatte. Als ich das „schöne Geschlecht“ nicht kannte, wie hab
Als der Berggeist nun eines Tages, vom Suchen müde, ich damals dafür geschwärmt! Für einen süssen Blick hätte
in einer Felsschlucht einschlief, erschien ihm ein lichter ich mich in das nächste Weltmeer gestürzt. Jetzt durch-
Genius, der einige passende und gefühlvolle Worte sprach
schaue ich es bis in das Fältelten, wo der Satan drinnen
sitzt. Und, Ironie des Schicksals: ich habe sechs Töchter.
und dem Ruhelosen mittheilte, er habe damals in der Hütte Ich werde einen Knaben adoptiren müssen, um ihm meinen
die Farben in einer Wiege versteckt. Darinnen lag ein neu- Weiberhass zu vererben.-Wenn es meine Frau erlaubt.
geborenes Buberl. Nach Kinderart vergnügte es sich bald
Ich habe oft Gelegenheit, viele Männer der geistigen Be-
damit, wie mit buntem Spielzeug, suchte später Thiere, rufe zu sehen. Was macht unsere Zeit aus uns! Entweder
Menschen, Hütten und Berge getreulich nachzubilden, so mergelt sie uns aus, oder sie bläst uns auf. Enge Brust —
gut es ging; es wuchs heran und strebte als Jüngling und Hängebauch, Scylla — Charybdis. Wenige schiffen glücklich
Mann immer eifriger der hohen Kunst des Malens nach. durch. Zuerst ochsen wir und stopfen das Hirn mit allerlei
Und so sei er nach und nach ein weltberühmter Maler voll, was wir zu vergessen verpflichtet sind. Das nennt man
„Gymnastik des Geistes“. Dann wird unser Wissen geaicht
geworden: und nun treten wir in den Beruf. Die einen sitzen den gan-
„Auf den sein Land so stolz und seine Freunde zen Tag in Schreibstuben aller Art; oder auf Lehrstühlen,
Neidlos mit herzlicher Bewund’rung schau’n.“ um den Schülern zu sagen, was diese zwanzig bis dreissig
Jahre später umlernen müssen, weil es nicht mehr wahr ist;
Und das Buberl von damals und der berühmte Maler von andere rennen Trepp’ auf, Trepp’ ab, um gesunde Menschen
heute — sei der Defregger Franzi! krank zu machen, natürlich streng wissenschaftlich u. s. w.
Weil aber des Berggeists Gaunerei so gut ausgeschlagen, So geht es Tage, Jahre, Jahrzehnte. Toll werden die Nerven,
habe ihm der liebe Gott die Strafe in Gnaden erlassen! die Muskeln schlaff. Und das soll ein Mannesleben sein!
Manchmal, wenn ich auf der Strasse gehe, steigt in mir ein
So wird in einem launigen Festspiel erzählt, das die närrisches Verlangen auf, um mich zu schlagen und dem
Münchner „Allotria“ an dem Defregger-Abend aufführte, den Ersten Besten zuzuschreien: „Kerl, jetzt box’ mit mir, bis
sie, den Jubilar zu feiern, diesen Sommer veranstaltet hat. wir Beiden lauter blaue Flecke am Leibe haben!“ Da fühlte
Und zum Ehrenabend des Franz Defregger zeichnete der man doch wieder, dass auch im Hauen Poesie steckt. Aber
das geht nicht; der Schutzmann hätte kein Verständniss für
Franz Stuck mit markigen Strichen das Conterfei dazu, das meine Culturmüdigkeit und der Herr Richter — ob engbrüstig
wir vorstehend nachgebildet haben. Bild und Märlein sind oder dickbäuchig — verdonnerte mich wegen groben Unfugs.
hübsch genug, dass wir sie unseren Lesern mittheilen dürfen.
Oder nicht? O göttliche Grobheit! Die Gebildeten schmähen dich,
ich aber bete dich an. Wie oft sind sie zu mir gekommen,
die Feinen und Glatten, um mich mit schönen Worten zum
Schuften zu machen; mich zur Untreue gegen mich selbst
zu verführen; für meine Ehre boten sie mir Ehren; ein wenig
bücken sollte ich mich; sollte sprechen für das Unrecht, für
die Lüge — ich könne innerlich glauben, was ich wolle. Und
sie kamen immer wieder und waren nicht abzuschütteln. Da
tratest du zu mir und gabst mir Worte, kräftig, klotzig, hain-
buchern, aber deutsch und wahr. Das erst stieg den Feinen
in die Nase. Seitdem gelte ich als „ungebildet“. Aber wenig-
stens haben sie mich nicht in ihren Model gepresst; ich habe
mein Selbst gerettet — und das danke ich dir, göttliche
Grobheit!
Aus dem Nachlasse des H. Jeremias Grobschmied. Mit innerer Empörung heraus*
gegeben von Otto von Leixner.

Im Anfang hat es nur Männer auf der Welt gegeben.


Yarencso edel, brav, friedfertig, dass alle nach dem Tode
sorort zu Engeln ernannt worden sind. Als aber der Andrang
sann der liebe Gott auf Aushilfe und erschuf
' "Eider. Diese brachten es fertig, die Mannsleute so zu
verderben, dass es im Himmel jetzt oft an Engeln fehlt und

7
Nr. 1 und 2 JUGEND 1896

Theaterleute.
Von Ferdinand Bonn.
Der Intendant. Der Liebhaber.
Der Höchste ist der In- Der junge Mensch in heisser Gluth
tendant, Gar oftmals etwas Dummes thut
Oft wird er Exzellenz ge- Und geht zu Grunde, wenn er kann.
nannt. Man nennt’s Tragödie dann und wann.
Er schrieb einmal ein Liebhaber auch in unsrer Zeit,
schönes Stück, Vor Allem sei nicht zu gescheid !
Dass man’s nicht gab, das Er spielt sein Fach jahraus, jahrein,
war ein Glück! Fast jedesmal bei Mondenschein.
Novizinnen der hohen Er lächelt immer — auch im Tod,
Kunst Und schminkt sich nur mit weiss
Erfreuen sehr sich seiner und roth.
Gunst. Die Mädchenschaar schwört nur
Er ist nicht stolz und hat bei ihm
sie gern Und schreibt ihm Briefchen anonym,
Trotz seinem grossen Dies macht ihn schliesslich geistes-
Band und Stern ! schwach —
Hat 25 Jahr man ihn Er geht dann in ein ält’res Fach.
Geärgert stets durch Dick und Dünn,
Beschimpft, gezogen hin und her,
Dann-hält sein Jubiläum er! Der Bonvivant.
Das ist der schöne „Bong-vi-vang“,
<6? Ist bei der Bühne meist schon lang,
Denn bis er die Manieren fand,
So manches liebe Jahr entschwand.
Den Rock, den trägt er offen blos
Und eine Hand im Hinterschooss,
Der Regisseur. Denn das beweist ein froh’ Gemüth,
Dann — dass man auch das Futter sieht!
Ist dieser „Ober“, wie gar oft,
Er von der Kunst längst nichts mehr Auch Schnurrbart hat er dann und wann,
hofft. Weil er ihn meistens brauchen kann.
Einst trug er manches Ideal, Er spielt „natürlich“, aber wie!
Jetzt ist ihm alles ganz egal! Versteht man auch die Hälfte nie !
„Kinder!“ ruft er voll Bonhomie — Tragödie hat er auf dem Strich
Geht’s nicht, dann brüllt er wie ein Vieh! Und ärgern thut ihn fürchterlich,
Dass man Tragöden Orden giebt!
\,Gross“ wird er nie — doch „sehr
// beliebt“!
'5r
Der Charakterspieler.
Der Held. Das ist der böse Franz von Moor,
Das ist der Held, der Hauptathlet. Als Intriguant stellt er sich vor.
„Da seht mal, wie ein König geht!“ Er hat ein Weib und Kinder acht.
Die Rollen kann er meistens nicht, Man glaubt es regnet, wenn er lacht.
Was braucht er das mit dem Gesicht! Den Franz von Moor, den lässt er
Da — wie er sagt — ein Antrag lockt, nicht,
Ist er stets mürrisch und verstockt! Bis ihm dereinst das Auge bricht.
Er spielt die grossen Menschen nur, Er reisst stets zwei Coulissen um,
Das sieht man g'eich an der Statur. Verachtet Press’ und Publikum.
Er hat viel Schulden, auch 'ne Frau, Perrücken hat er „eine“ zwar,
Doch dieses weiss man nicht genau. Doch geht er meist im eignen Haar.
Er hat ein mächtiges Organ, Denn, tritt er auf, so weiss man
Das wendet er auch immer an, schon,
Ob leis, ob laut und auch beiseit, Jetzt kommt der wahre Höllensohn.
Dem Helden ist es wurscht — er schreit! Er ist zumeist ein braver Mensch,
Den Shakespeare kennt er „aus-e-
wend’ch“.
<6?
*
8
1896 JUGEND Nr. 1 und 2

Der Souffleur. Ihm gieng die Stimmung längst dahin,


Er knurrt in seinem Kasten drin
Und schnupft und schneuzt als wie ein Bär,
Zu Neujahr wird er freundlicher.

Der Inspicient.
Ein Biedermann, der Inspicient,
Der immer denkt: „Wär’s nur zu End“!
Stets macht er „Bst“, auch wenn’s ganz still.
Er blitzt und donnert, wenn man will,
Der Mann im Kasten — oder Frau —- Macht Sturm und Regen, Feuersbrunst
Wird bald vor Zorn und Aerger grau! Und „schickt hinaus“ mit vieler Kunst,
Dem einen, der grad etwas kann Und ist’s bei einer falschen Thür,
Schreit viel zu laut der gute Mann — So kann er niemals was dafür.
Der andere, den’s nicht interessiert, Wenn Beifall tönt — in schnellem Lauf
Sagt: Schreien Sie nur ungeniert! Kommt er und macht die Klappe auf.
Kommt kein Applaus oder nur dünn „Melkt“ er am Vorhang hin und her,
So schimpft und tobt man gegen ihn : So klatscht man dann noch heftiger.
„Das Vorhangzeichen kam zu spät, Und lässt er gar die Klappe offen,
Die Stimmung da zum Teufel geht!“ — Darf man auf weitern Beifall hoffen !

Der Theaterdiener.
Der weiss genau, woher der Wind,
Ob’s Stück gefällt — wieviel drin sind,
Wer nächstens eine Rolle spielt —
Und wer jetzt im Bureau befiehlt —
Mit wem jetzt die Naive geht —
Wie’s mit des Helden Vorschuss steht —
Warum man die nicht engagiert —
Dass sich der neue Gast blamiert!
Trägt er wo eine Rolle hin,
Geht’s im Galopp mit frohem Sinn !
Doch holt er eine Rolle — ha —
Als Leichenbitter steht er da !

(Die zart’re Hälfte der Materie


Behandelt eine weit’re Serie!)

Grabschrift
auf einen grossen Arzt.
Hier ruht von falschen Diagnosen
Ein ordentlicher Professor aus:
Nicht schützten grössere Jodkali-Dosen
Ihn vor dem kleinen Bretterhaus.
Er ward an’s eigne Krankenbett berufen,
Doch eh’ sich auf sich selbst besonnen
Der arme so berühmte Mann,
Stand er schon auf den Himmelsstufen.
Er war kein grosser Geist — ein wenig Streber
Er nahm nicht viel und war kein Filz,
Sein letztes Wort war: „’s sitzt mir in der Milz!
Post mortem aber sass es in der Leber! —
Serenissimus: Sehr hübsch, das Porträt von Gräfin Deggen- Fritz Murner.
dorff! Sehr ähnlich!
Der Herr Direktor: Gestatten Ew. Durchlaucht die unmass-
gebliche Bemerkung, dass das Portät eigentlich im Grunde,
sozusagen, nicht die Gräfin Deggendorff, sondern die Gräfin
Meggendorff darstellt —
Serenissimus: Ach! Die Meggendorff? — Auch sehr ähnlich!
9
Nr. 1 und 2 JUGEND 1896

Zeichnung von F. A. v. Kaulbac«

IQ
1896 J U ©E N D Nr. 1 uad 2

Singsang. Und ich fasste ihre Hand | Er kam von einsamer Küste,
Weis- nicht wie’s geschah. Sein Wort übertönte das Meer,
Wie sehnt’ ich dem Schlafe mich nach! — Ganz verlegen an der Wand Viele Tage gingen zur Rüste,
Schon hielt ich das Glück an den Fäden Stand ich vor ihr da. Doch wachend wanderte er.
Da pochte die Sonn’ an die Läden —
.

Wie sehnt’ ich dem Schlafe mich nach! Woher nahm ich nur den Muth, Der Fels riss die Füsse ihm blutig,
Dass ich nach und nach Sein Haupt umheulte der Föhn,
Aus Träumen nur schwebt es empor, Kühner ward, doch weich und gut 1 Seine Seele aber blieb muthig,
Was all’ Du für Wonnen umschliessest, Also zu ihr sprach: Und er ist in Stürmen noch schön.
Dir heimlich in Lieder ergiessest
Aus Träumen nur schwebt es empor. „Traf Dich just dasselbe Leid, Er hat in den Augen den Willen,
Kind, wie Deinen Freund? Der die Feinde sich bändigen kann,
Rings leuchtet die lachende Welt! Stillverschwieg’ne Einsamkeit Mit seinem Lächeln, dem stillen,
Weh’ — wehe, getrennt sind die Herzen, Hat uns ja vereint! Sagt er: Ich werde ein Mann.
Sie schwelgen in suchenden Schmerzen -
Rings leuchtet die lachende Welt! Komm’, wir plaudern in der Still’! Nun kommt er schon auf die Berge,
Ich erzähle Dir, Seine Stimme ward lauter und voll,
Italisches Blüthengepräng! Was ich sehne, was ich will! Und drunten das Heer der Zwerge
O, reib’ Dir den Schlaf aus den Augen! Mädchen, komm’ mit mir!“ Weiss nicht, was da werden soll.
Was können die Nebel Dir taugen? -
Italisches Blüthengepräng! Doch, wir sassen still und stumm; Dem Ziele näher und näher,
Manchmal seufzt’ ich nur, Und keinen Schritt zurück:
Hab’ Dank, Du mein stolzes Florenz! — Eine Katze schlich herum Er ist ein Wolkenspäher
Tags müssen uns Rosen gedeihen, In dem dunklen Flur. Voll Sturm und Sternenglück.
Tags adelt die Freude den Freien
Endlich fand ich’s, und ich sprach Du mit dem Trotze des Bauern,
Hab’ Dank, Du mein stolzes Florenz!
Ganz verlegen nur, Der Königsthrone sich baut,
Florenz, April 1895. OTTO ERICH HARTLEBEN. Bis ich auf den Knien lag Ich fühle Dein Glück wie ein Schauern,
In dem dunklen Flur. Deine Zukunft hab’ ich geschaut!
Antwort war ein Druck der Hand; . FRANZ EVERS.
Ach, ich will’s gesteh’n,
Dass der Mund zum Mund sich fand,
Keiner hat’s geseh’n.
Mein Aschenbrödel. Doch das Kätzchen dann und wann
Schnurrte schmeichelnd nur,
Auf der Treppe stand sie da, Sah uns ganz verwundert an
In dem dunklen Flur. In dem dunklen Flur.
Auf der Wang’ ich schimmern sah LUDWIG SOYAUX
Heller Thränen Spur.
Alles still im weiten Haus,
Kein Gespräch, kein Wort,
£
Nur das Knispern einer Maus;
Brüder, Schwestern fort! So seh’ ich ihn.
Draussen fliegen sie zum Tanz, Ich sehe, vom Licht bezwungen,
Vor der Stadt im Wald, Meere links und Felsen rechts,
Flechten Blatt und Blum’ zum Kranz, Heute den Geist des jungen,
Lust und Lied erschallt. Des kommenden Geschlechts.
1896 JUGEND Nr. 1 und 2

ZWEI FREUNDE \■

EIN KÖNNER vnd EIN KENNER

BÖCKLIN vnd BAYERSDORFER


SO SETZTE ICH DEN EINEN, UND DEN ANDERN STELLTE ICH HINTER IHN, IN MEINEM GARTEN ZU
MÜNCHEN, ALS WIR WEIN VOM DEUTSCHEN RHEIN GETRUNKEN HATTEN, AM 18. JULI 1894. MIT DIESEM
LICHTBILDE WOLLTE ICH EIN KLEINES INTIMES DENKMAL SETZEN DER MERKWÜRDIGEN FREUNDSCHAFT
ZWEIER ÄCHT DEUTSCHER KUNSTMENSCHEN, WELCHE, SO GRUNDVERSCHIEDEN, SICH ERGÄNZEN
UND JEDER IN SEINER ART DEM KUNSTVERSTAND UNSERER ZEIT ZUR HOHEN EHRE GEREICHEN.
INDEM ICH HIER DEN GROSSEN UNVERGLEICHLICHEN ARNOLD UND SEINEN FEINSINNIGEN GELEHR-
TEN RUHMKÜNDER ADOLF BILDLICH VEREINIGTE, KONNTE ICH AUCH DEM AMMENMÄRCHEN VON
DER NOTHWENDIGEN GEGNERSCHAFT ZWISCHEN KÖNNERN UND KENNERN EINS VERSETZEN. DENN
DAS IST JA DAS SCHÖNE, DASS WIR ANDEREN, DIE WIR NICHT SELBER BILDEN, DAS WALTEN DER
KÜNSTLERISCHEN PHANTASIE LEBHAFT ANFÜHLEN KÖNNEN, WEIL WIR VON DEN KÜNSTLERN, UND
NICHT BEOS VON EINEM, GELERNT HABEN, DIE NATUR MIT IHREN AUGEN ZU SEHEN. UNSER GEIST
IST DOCH SO GEMACHT, DASS WIR VIELERLEI ANDEREN GEIST IN UNS AUFNEHMEN UND VERGLEICHEN
UND DAS VERGLICHENE, MIT ODER OHNE EIGENE ZUTHAT, ZURÜCKSTRAHLEN KÖNNEN. DARUM HAT
DIESES EINFACHE LICHTBILD EINEN TIEFEN SINN, UND DER FREUNDLICHE LESER DER JUGEND MÖGE
AUS DEM ANBLICK DIESER BEIDEN EWIG JUNGEN HOFFNUNG UND FREUDE SCHÖPFEN FÜR SEIN KÜNST-
LERISCHES MENSCHENTHUM, UND MÖGE SICH DURCH DIE DIABOLISCHE ERSCHEINUNG DES IN WIRK-
LICHKEIT EBENSO GUTHERZIGEN ALS GEISTREICHEN UND GELEHRTEN ADOLF NICHT ABHALTEN LASSEN,
- DEM GROSSEN ARNOLD RECHT TIEF IN DIE HELLEN KLAREN AUGEN ZU BLICKEN UND DEN BEIDEN
•- FÜR IHREN DER DEUTSCHEN KUNST SO ERSPRIESSLICHEN FREUNDSCHAFTSBUND ZU-
-DANKEN. MÖGE DIESER BUND NOCH RECHT LANGE INS NEUE JAHR-
-HUNDERT HINEIN WÄHREN, UND MÖGE DER STARKEN --
--- HAND, DIE HIER DIE ZIGARRE HÄLT, EINE-
-TIZIANISCHE LEBENSDAUER---
---BESCHIEDEN SEIN! --
_GEORG HIRTH-—-
Nr. 1 und 2 JUGEND 1896

Demi-vierge.

3. (Horreur! eile est cul-de-jatte)


Pardon Mademoiselle, Voilä sans doute ce que les Frangais
1. Elle: Je ne puls resister ä tant d’amour. . . apellent une demi-vierge ! Radiguet (Paris).
fuyons dans une autre patrie

Wie geht es ihr?


Zum zweiten Mal ward er in’s Städtchen verschlagen,
Wo er kühn einst umschwärmt zweier Augen Zier,
Und er fragt unter hundert anderen Fragen:
»Sagt einmal, Freunde, wie geht es ihr?«
»Sie alterte rasch, nachdem du geschieden.
So geht’s den Gesichtern wie Milch und Blut.
Doch sie lebt so weiter. Sie ist zufrieden.
Sie gibt ihre Stunden. Es geht ihr gut.« —-
O du, der du einstmals die Liebliche küsstest,
In’s Herz ihr gegriffen, gewandt und dreist,
Sie ist zufrieden, — o wenn du wüsstest,
Zufrieden, Frevler, — was das so heisst!
Nachdem der Gram ihr die Kräfte zerrüttet,
Nachdem sie gebrochen von innrem Streit,
Nachdem sie all' ihre Thränen verschüttet,
Kam ihr die müde Zufriedenheit.
Sie hat ihre Jugend zu Grabe getragen,
Gehungert, gefiebert nach dir, nach dir,
Der jetzt flüchtig, unter viel' anderen Fragen
2. Lui: O Joie! (II l’enlfive) Die Frage hinwirft: »Wie geht es ihr?« Frida Schani.

Sinngedichte
von Ludwig Fulda.
Wer nach Thalia’s Aufenthalt Ein rechter Gottesfechter,
Noch sucht in kunstgeweihten Räumen, Die echte und grosse Liebe ist Am allerbesten ficht er
Der kann den deutschen Dichterwald Der allerglücklichste Kapitalist; Gen Wichter und Gelichter
Nicht sehn vor lauter Purzelbäumen. Sie erntet Zinsen, an die sie nicht Mit schallendem Gelächter.
denkt,
Und wird stets reicher, je mehr sie Lang Ersonnenes
Merk' dir, eh’ dich Erfolge verblenden: verschenkt. Lähmt die Hände;
Um Ehre geizen, heisst Ehre ver- Frisch Begonnenes
schwenden. Drängt zum Ende.

14
1896 JUGEND Nr. 1 und 2

war! Ganz wie ein kleiner Hund, wie Toutou mir treu ist!
Und ich hätte genug Andere haben können! Oh ja! — Und
nun hat er mich nicht mehr lieb und lässt mich einfach
laufen!«
Sie warf sich wieder auf die Ottomane und schluchzte:
»Das ist mein Tod! Ich gehe in die Seine. Du wirst
eines Tages an der Morgue Vorbeigehen und mich kalt und
starr hinter den Glasscheiben liegen sehen. Dann wirst Du
Gewissensbisse bekommen und wieder daran denken, wie
lieb Dich die arme Nichette gehabt hat!«

Eine ganz alte Geschichte aus dem modernen Leben, erzählt


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von F. v. Ostini.
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Illustrirt von R. W. Hans wischte schweigend an seinem Pastell herum. Das


Der Maler Hans Bergen ging mit nervösen Schritten in Mädchen schluchzte fort.
seinem engen Atelier auf und nieder, hoch oben auf dem »Oder ich weiss, was ich thue. Ich gehe mit Wertakoff!
Montmartre in Paris. Hin und wieder blieb er zerstreut vor Er hat mir erst neulich geschrieben.«
seiner Staffelei stehen und wischte mit dem Finger irgend »Er ist reich und obendrein ein Russe. Das ist ja auch
etwas aus in einer halbvollendeten Pastellskizze. Sie stellte ein Vorzug!«
den Kopf eines Mädchens dar, der unter der Krempe eines »Oh! Du bist abscheulich! Und diesem Menschen war
blumenbedeckten Riesenhutes herauslachte; sündhaft ver- ich treu! Zwei und ein viertel Jahr! Wie mich das reut!«
gnügt blickten ein paar braune, grosse Augen aus dem netten »Wie sie das reut!«
Gesichtchen. Der leichtgeöffnete Mund schien irgend ein »O spotte nur! Du hast mich nie geliebt — und nun
übermüthiges Chanson zu trällern. In den lichtgelben Hinter- geh’ Verräther!«
grund des Bildes hatte Hans mit blauer Schrift geschrieben: In Wahrheit ging sie, nahm ihren Pinscher unter den
»Mont-joie-Montmartre«. Arm und näherte sich der Thüre. Hans ging ihr ein paar
Schritte nach, dann zwang er seine weiche Regung nieder.
Es war besser so.
»Leb’ wohl, Schatz!«
Die Augen waren ihm doch feucht geworden über dem Ab-
Auf einer Ottomane unter dem hohen Fenster lag das schiednehmen und als die Thüre zugeschlagen war zwischen
Original des Bildes — Nichette. Sie schluchzte zum Herz- Nichette und ihm, warf er ihr eine Kusshand nach!
brechen und rauchte Cigarretten dazu. Sie liebkoste mit »Es war doch schön! Und nun schnell uavon, bevor
ihren Fussspitzen einen kleinen hässlichen Pinscher, der auf sie etwa wieder kommt!«
dem Fussende der Ottomane lag und dann stiess sie ihn Ein Viertelstunde später war er mit seinem Handkoffer
wieder so heftig, dass er laut aufquickste! — — unten beim Concierge, dem er auftrug, auf seine Sachen
»Nein, nein, nein! Hans, das kann nicht Dein Ernst wohl Acht zu geben. Eine Kutsche kam heran: »Zum Ost-
sein!« bahnhof!« Mit Höllengepolter rollte das Gefährte die steile,
»Und er ist es doch, mein Kind! Es geht nicht mehr schlechtgepflasterte Strasse hinab.
weiter so! Ich komme nicht vorwärts, ich vergeude meine Hans wendete sich noch einmal um. Da glänzte das
Zeit, mein Geld, mein Talent! Was male ich denn! Nichette, Baugerüst der schwerfälligen Herz-Jesu-Kirche auf dem Mont-
Nichette, Nichette! Nichette lachend und weinend, Nichette martre in der Abendsonne, dort ein Flügel der alten Wind-
als Nonne, als Nixe, als Eva und als Pierrette, als büssende mühle. Auf den äusseren Boulevards wogte dichtes Menschen-
Magdalena und als Plakatfigur für ein Cafe chantant. Ich gewimmel, Arbeiter mit ihren Schätzchen, Bummler, Künstler,
habe Dich als Velocipedistin gemalt, als Zigeunerin, als Soldaten. In der Schenke zur »Todten Ratte« stimmten die
Madonna und letztes Jahr — als die grossen Holzschuhe Zigeunermusikanten ihre Geigen. Ein paar Dämchen mit
Mode waren — sogar als Kartoffelleserin. Aber wo war ein grotesken Hüten sassen vor der Kneipe bei ihrem Absinth,
Erfolg? Wo ist die Kunst? — Das muss ein Ende haben! ihrem Glase Bier. Modelle! Sie nickten dem vorüberfahrenden
Es ist trostlos!« Hans zu. Lachen, Scherzen!
»Trostlos bist Du mir gerade nicht vorgekommen die Das fröhliche Dämmerungstreiben auf dem Zauberberge
Jahre her — Du Undankbarer!« begann.
Sie stand auf und schlang ihre Arme um seinen Hals. »Mont-joie-Montmartre I«
»Denke nur, wie wir vergnügt waren, mein deutscher Berg der Freude Berg der Qual!
Brummbär! Hast Du Alles vergessen? Alle die herrlichen
Soupers im Bois, die Sonntage in Versailles, die Kahnfahrten
z._ C--
auf der Marne, die Dejeuners dann in den grünen Lauben, . ... .
w—w—— ———>

die Ausflüge nach Fontainebleau! — Und das nennt er


trostlos I«
MM 1 ' i =— t—1¥—

»Es war nur zu hübsch, liebes Kind, zu hübsch und zu Mit eintönigem Geknatter sauste der Eilzug durch die
viel. Ich muss aufwachen aus diesem Taumel, sonst ist es Gefilde der Champagne. Die schlechte Beleuchtung und das
um meine hellen Augen auf immer gethan. Verstehst Du Stossen des Wagens machten es Hans schwer, zum zehnten
denn das nicht?« Male den Brief zu lesen, den er in Händen hielt, den Brief,
»Ich verstehe nur, dass Du mich los sein willst! Und der ihn aus Nichette’s Armen nach Hause rief. Ein Glück,
dass ich sehr unglücklich bin! Du weisst, wie treu ich Dir dass die Schrift seines Freundes Ferdinand so gediegen und

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1896
Nr. 1 und 2 JUGEND

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Mademoiselle la Premiere. Zeichnung von Steinlen (Paris).


1896 JUGEND Nr. 1 und 2

leserlich war. Kein Graphologe der Welt hätte aus diesen Mit allzuviel Behagen fand sich Hans allerdings nicht
Zügen dem Schreiber irgend eine bedenkliche Charaktereigen- in die Rolle des verlorenen Sohnes und er wurde Anfangs
schaft zugesprochen. Der Brief lautete: das Gefühl nicht los, dass der Friede nicht von langer Dauer
»Lieber Hans! sein könne. Für’s Erste freilich tröstete ihn über alles Bangen
Im Aufträge Deines Onkels und Vormundes, des Herrn um die Zukunft die unendliche Güte und Lieblichkeit hinweg,
Engelbert Landgraf in Eisenach, schreibe ich Dir diese Zeilen die ihm Margarete entgegentrug. Sie gestand ihm, als er
und bitte Dich von vorne herein, das Unangenehme, welches sich ihr beim ersten Alleinsein mit vollem Herzen näherte,
sie etwa enthalten sollten, mir nicht persönlich zur Last zu rückhaltlos zu, dass sie ihm immer gut gewesen und gut
legen. Also sei mir darum nicht böse, dass ich es sein muss, geblieben sei. Dann freilich hielt sie erröthend inne und
der zunächst die Hand bietet, Dich einem anscheinend sehr ihre Augen wurden feucht. Wie er aber dann, berauscht
interessanten und vergnüglichen Leben zu entreissen. Aber von ihrer unschuldigen und doch hingebenden Art, den Arm
es wird sich ja Alles zum Guten wenden. um sie schlang und den ersten Kuss von ihren Lippen
Und nun gleich in medias res! pflückte, duldete sie diese Liebkosung doch und erwiderte
Der Onkel lässt Dir Folgendes mittheilen: Dein mütter- sie. Hans durchlebte jetzt Tage stiller Wonne, in welcher
liches Erbe ist bis auf Weniges aufgebraucht und zwar bist alle seine trüben Ahnungen und Bedenken untergingen. Ein
Du, wie du zugeben wirst, mit der stattlichen Summe etwas starker Unterschied war freilich zwischen dem ungebundenen
schnell fertig geworden in Paris. Hättest Du als Künstler Zigeunerleben auf dem Montmartre und der starren, pflicht-
etwas Rechtes erreicht — ich spreche die Meinung Deines treuen Regelmässigkeit, nach welcher Onkel Engelbert das
Onkels aus und mafse mir durchaus kein eigenes Unheil Leben in seinem Hause eingerichtet hatte.
an — so würde er Dir gerne die Mittel zu weiterem Studium Hansens Jugendfreund, Ferdinand Rosner, lebte als Pro-
in Paris gegeben haben. So aber will er von einer Fort- kurist des Onkels fast ganz mit in der Familie. Er war ein
dauer Deines dortigen Aufenthaltes nichts wissen und ver- bescheidener, stiller Mensch, klug genug, um seinen Posten
langt kategorisch, dass du möglichst umgehend nach Hause auszufüllen und jedenfalls von der ehrlichsten Freundschaft
kommst und Dir irgendwie ein geordnetes Leben einrichtest. für Hans beseelt. Der Letztere fand in dem Freunde aber
Ich habe es durchgesetzt, dass Dich keine Vorwürfe, keine das nicht mehr, was er früher an ihm gehabt hatte. Der
unangenehmen Abrechnungen erwarten, soweit sich die letz- Gegensatz zwischen der Jugend des Freundes und dessen
teren nur überhaupt vermeiden lassen. Dein Vormund hat sentenzenreicher und etwas kleinlicher Weltanschauung be-
Dich so lieb wie immer, nur will er Dich in einer Situation rührte Hans oft wie ein Missklang und das liess nicht mehr
wissen, die es Dir ermöglicht, einen Hausstand zu gründen. die alte Freundschaft im Verkehr der beiden jungen Männer
Und weisst Du, an wen er in erster Linie dabei denkt? An aufkommen und hin und wieder geriethen sie mit ihren ver-
Margarete, seine Tochter, die, seit Du von hier fort bist, aus schiedenartigen Lebensbegriffen auch etwas heftig aneinander.
einem unbedeutendem Backfischlein ein prächtiges grosses
Mädchen geworden ist. Es müsste sich wohl Jeder glücklich
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preisen, der um sie werben dürfte und es hat auch schon


Mancher um sie an Vaters Thür gepocht. Aber ich glaube, Es war eines Sonntags nach Tische. Man hatte ein paar
sie denkt immer noch an den Vetter in Paris und aus der Flaschen Rheinwein ausgestochen und als das Ergebniss ge-
Kinderfreundschaft ist nach und nach eine stille, treue Liebe ringfügiger Ursachen lag eine Stimmung zu Widerspruch
geworden. Sie hat oft geweint um Dich, wenn man hart und Streit in der Luft. Herr Engelbert Landgraf war auf
von Dir redete. Wenn Dich auch nichts Anderes bewegen sein Lieblingsthema gekommen, die deutsche Frau und ehr-
sollte, den Wünschen Deines Vormundes zu entsprechen, liche deutsche Minne auf Kosten der Weiber aller fremden
ich denke, Du wirst es doch darum thun, weil er zugleich Rassen und fremden Liebesverhältnisse kräftig herauszu-
Margaretens Vater ist. streichen. Ferdinand secundirte ihm energisch und wandte
So kehre denn in Bälde zu uns zurück, lieber Freund, seinen ganzen Reichthum an Redensarten auf, Hans in die
und zwar mit heiterem Gesicht, Du gehst ja dem Glück Enge zu treiben »mit seinen Französinnen«, wie sie es
entgegen. Auf mich kannst Du in allen Dingen zählen, wir nannten, obwohl sie über das Verhältniss, in dem er in Paris
bleiben die Alten, nicht wahr! zum Weibe gestanden, noch sehr im Unklaren waren.
Es umarmt Dich herzlich in Gedanken und hoffentlich Ferdinand beendete eben eine längere Rede:
bald in Wirklichkeit Dein treuer Freund Ferdinand.« ’ und die ist allein die würdige Genossin des Mannes,
Hans schloss die Augen, als er den Brief wiederum zu die still und rein mit ihm lebt und eigentlich immer ihr
Ende gelesen hatte, und vor seinem Geiste stieg nun immer Myrthenkränzlein auf dem Kopfe behält! Die ihr Glück in
holder und greifbarer das Bild des blonden, schlanken Mäd- dem engen Kreise sucht und findet, den Ihr die Sitte vor-
chens auf, das um ihn geweint und das er im Taumel des schreibt, und die über diesen nie hinausstrebt. Die in dem
Lebens fast vergessen hatte. Ein bitteres Ding, gemischt Gatten ihren Herrn sieht und an seiner Ueberlegenheit
aus Heimweh und aus Reue, quoll in seinem Herzen! nicht rüttelt in Dingen, die ihn allein angehen in Beruf und
Und während er dann endlich doch, immer von der öffentlichem Leben. Die nicht begehrt, nicht befiehlt und
Jugendgespielin träumend, einschlief, donnerte der Zug der keine andere Herrschaft im Hause sich anmafst, als die der
Grenze Deutschlands zu. höheren Sittlichkeit; die nicht die Geliebte ihres Mannes ist,
sondern sein Weib in dem Sinne, in dem die Frau die be-
rufenste Hüterin der heiligen Gesetze unserer gesellschaft-
lichen Moral ist.«
Im Hause Landgraf hielt man Wort. Hans ward ein Hans, der sich schon durch das ganze vorhergegangene
freundlicher Empfang zu Theil, kein Gericht ward für’s Erste Gespräch gereizt fühlte, fuhr jetzt heraus:
über ihn gehalten und selbst, als der Onkel mit dem Heim- »Aber Ihr wisst ja gar nicht, was Frauen sind, Ihr in
gekehrten über das verbrauchte Geld Abrechnung hielt, fiel Eurem Krähwinkel! Oder Ihr wisst wenigstens nicht, dass
kein hartes Wort von Seite des alten Herrn. es noch etwas Anderes gibt, als Eure blonden Madonnen-

17
Nr. 1 und 2 j [G E N D
1896
Nr. I und 2 JUGEND 1896

Frauen, die Geist und Herz haben, aber nichts von Eurer und will darum noch einmal Milde walten lassen unter der
legitimen Spiessbürgerlichkeit und hausbackenen Tugend. Und folgenden Bedingung:
diese Frauen machen glückselig wie die Andern, aber ohne Du reisest sofort ab und trittst als Musterzeichner in
jede Beimischung von Langeweile. Es ist ein schönes Ding die Fabrik meines Bruders Theodor in Elberfeld ein, eine
um die Tugend — aber Rasse und Anmuth sind auch nicht Stellung, die er Dir schon lange angeboren hat. Du lebst
übel! Allen Respekt vor der Tadellosigkeit und Reinheit dort ein Jahr streng und treu Deiner Pflicht; sie wird nicht
Eurer Familienmütter und Hausengel! Aber unter denen, leicht und nicht heiter sein. Wenn Du aber ausgehalten
die Ihr verachtet, sind auch Frauen, die liebenswerth sind. und damit gezeigt hast, dass Du noch Willenskraft und sitt-
Und Eure Tugend ist ja doch meist nur Mangel an Lebens- lichen Ernst besitzest, dass man Dir das Geschick eines reinen
muth, Eure gesellschaftliche Moral ist einfach Selbstsucht, Weibes anvertrauen kann — gut! Dann soll von heute ab
die sich die Aussicht verdirbt durch eine Mauer um den in einem Jahr Hochzeit sein. Wenn nicht — auch gut!
eigenen Garten, blos damit die Nachbarn nicht hereingucken Dann bist Du frei und kannst Dein Glück versuchen, wo
können. Wenn Ihr wüsstet, wie süss die Dinge sind, die Ihr Du magst. Denk’ an den Preis, den es gilt, wenn Dir die
Euch selber verboten habt, wie heiss die Sünde küssen kann —.« Probe sauer wird!
»Du scheinst Dich ja sehr gut auszukennen in solchen Du sollst weder mein Kind, noch mich erst nochmals
Dingen?« sehen, sondern sofort abreisen. Das Nöthige überbringt Dir
»Ja! Wenn Ihr es wissen wollt! Ich war zwei Jahre Ferdinand, an dem Du Dir übrigens ein Muster nehmen
durch die Liebe eines Weibes glücklich, das Freund Ferdinand kannst in jeder Beziehung. Dein alter Oheim Engelbert,
mit seinen grossen Worten als »Verlorene« bezeichnen würde der Dir trotz Allem so gerne ein väterlicher Freund bleiben
— und sie hat mich geliebt, hat mich keinen Augenblick möchte.« —- — —
gelangweilt, keinen Augenblick betrogen!« Hans willigte in Alles ein! Es ward ihm selbst bange
»Und sie hat Dir Herz und Hirn vergiftet, hat Dir Deine um seine Zukunft. Margareta’s treue Güte rührte ihn tief
Thatkraft gestohlen und Dein Talent —« Also in Gottes Namen nach Elberfeld!
Hans, dem der Wein und der Aerger über Ferdinands
selbstgenugsame Tugend die Sinne verwirrt hatten, so dass
er viel mehr gesagt, als er wollte und als ihm von Herzen
kam, sprang auf und wollte zum Fenster, um frische Luft Mit einer wahren Wuth stürzte sich der Verbannte auf
in die dumpfe Stube zu lassen. Als er sich dabei umwendete, seinen neuen Beruf, er begann mit sich selbst einen Kampf
sah er Margareta unter der Esszimmerthüre stehen. Sie bis auf’s Messer. Die ödesten und ermüdendsten Aufgaben
hatte seinen ganzen Dithyrambus auf die Frauen nach seinem fasste er gerade mit dem grössten Eifer an. Selbst als der
Geschmacke und sein letztes Geständniss mit angehört und, Onkel verlangte, er solle sich durch einen alten Buchhalter
todtblass geworden, lehnte sie am Thürpfosten. Als ihr in die Geheimnisse der doppelten Buchführung einweihen
Hans erschreckt in’s Gesicht sah, eilte sie unter Schluchzen lassen, unterzog er sich auch dem. Er fügte sich darein, zu
hinaus. Jetzt sahen die Anderen auch, wer Zeugin ihres arbeiten, nicht nach Laune und Stimmung, sondern un-
Streites gewesen war. abänderlich von acht bis zwölf, von zwei bis sieben Uhr
Da brach Herr Engelbert los: jeden Tag. In einem kahlen, engen Raume zeichnete er
»Nun ist meine Geduld zu Ende! Wahrhaftig, Du hast Kattunmuster ohne Ende. So zog ein Monat dahin, ein
Langmuth genug erfahren hier. Wir haben Dich ohne Vor- zweiter, ein dritter begann. Aus Margareta’s Vaterhause
würfe aufgenommen, ich habe Dir die Grete trotz allem Vor- kamen nur kurze, geschäftsmässige Zeilen von Ferdinand.
hergegangenen zur Frau geben wollen, weil ich Dich doch Durch diesen hatte ihm vor der Abreise der Onkel noch
im Grunde für einen braven Kerl hielt. Aber jetzt hast Du sein Ehrenwort abgenommen, dass er, Hans, nie an das
Dein wahres Gesicht gezeigt — Du bist verdorben bis in’s Mädchen schreiben wolle.
Mark hinein. Jetzt könnte ich Dir mein Kind nicht mehr Mit jedem Tage fühlte sich der junge Maler unglück-
anvertrauen, auch wenn ich wollte! Das Nähere hörst Du licher in seiner neuen Stellung, immer härteren Kampf
noch! Komm, Ferdinand!« kostete es ihn, die übernommene Pflicht durchzuführen.
Sie verliessen die Stube. Im Hinausgehen machte Fer- Sein neuer Brodherr quälte ihn. Was Hans wirklich gelang,
dinand dem Freunde ein Zeichen: »Es ist nicht so schlimm, war dem alten Herrn nie recht. Was diesem gefiel, kam
lass’ mich nur machen!« Hans wie ein Verrath an der Kunst vor. Und diese ganze
Umgebung von verknöcherten alten Zahlenmenschen, ge-
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• . 1. schniegelten Commis, geschwätzigen Reisenden, die ihm bei
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jeder Gelegenheit freundliche Belehrung zu Theil werden
Hessen, von misstrauischen Verwandten, die ihm seine Sträf-
Spät Nachts brachte man Hans, der in bitterer Reue lingstellung zu fühlen gaben, so oft sie konnten!
seinem so thöricht verscherzten Glück nachdachte, einen Eines Tages hatte er eine Arbeit beendet, die er mit
Brief des Onkels! Er brach ihn mit fiebernden Händen auf ganz besonderem Fleiss durchgeführt. Herr Theodor Land-
und las: graf nannte sie albernes Zeug. Hans wurde heftig, der alte
»Ich habe Dir gesagt, dass Alles zwischen uns, zwischen Fabrikant beleidigend und als ihm der Maler die Arbeit
Grete und Dir zu Ende sei und würde davon kein Jota zurück- schliesslich zerrissen vor die Füsse warf, nannte ihn jener
nehmen, wenn nicht mein Kind auf den Knien Fürbitte für einen Tagedieb, der nie in seinem Leben auf einen grünen
Dich eingelegt hätte. Sie ist aus Kummer über Dein Ge- Zweig kommen werde!
bahren erkrankt und da habe ich es nicht über’s Herz bringen
können, ihr Flehen unerhört zu lassen. Du weisst nicht,
welchen Engel Du in ihr beleidigt hast und welches Mals
von Liebe sie für Dich hat. Ich Kann es nicht glauben, dass Da verlor Hans die Geduld und sagte, dass er nun seine
so viel Liebe und Güte Dir nicht zum Heile werden sollten Wege gehen werde. Er schrieb einen langen Brief an den
20
1896 JUGEND Nr. 1 und 2

Onkel, worin er Alles klar legte und mittheilte, er wolle sich ragte das graue saubere Schieferdach über die Bäume her-
auf eigene Faust eine Existenz schaffen bis zu dem be- vor, da war das Gartengitter, über das blühender Goldregen
dungenen Termin. Dann überschlug er seine kleinen Er- und Flieder in Massen niederquoll.
sparnisse und den Rest seines mütterlichen Vermögens — es Vielleicht konnte er Margarete im Garten überraschen.
reichte bei ruhigem, anständigem Leben auf ein Jahr zur Fort- Richtig — ein lichtblaues Kleid! — Er schlich leise
setzung seiner Studien in Paris. Arbeiten hatte er jetzt gelernt. heran! Da kam sie bis nahe ans Gitter her und neben ihr
Seine Koffer waren bald gepackt: vierundzwanzig Stunden ging Ferdinand. Sie sprachen. Von ihm? Er konnte es ja
später stand er in seinem alten Atelier, das er für das hören. Den Athem anhaltend, lauschte er.
laufende Jahr noch voraus bezahlt hatte. Er fand Alles in
altem Zustand. In einer Ecke allerdings hatte der Concierge ---
r-r
ein kleines Depot von Zwiebeln angelegt und etwas Wäsche
war zum Trocknen über die Staffeleien gehängt. Sonst war
nichts verändert. Das Pastellbild der kleinen Nichette, halb »— und nun meine ich, liebe Margarete, Sie könnten
ausgewischt in der Erregung jener Abschiedsstunde stand mich mit gutem Gewissen endlich erhören. Sie haben lange
noch da, sogar die Cigaretten-Endchen lagen noch auf dem genug gewartet — und überdies, wenn er auch jetzt noch
Teppich, wohin sie das schöne Kind damals mit dem ihm käme, Sie wissen, wie der Vater dazu denkt.«
eigenen Ordnungssinn geworfen. Ein Seufzer antwortete; nicht sehr lang, nicht sehr tief!
Am nächsten Morgen fing Hans zu arbeiten an, jetzt »Ach, Ferdinand, ich weiss ja, wie gut Sie es mit mir
mit Ausdauer und wahrem Eifer! Seine Freunde erfuhren meinen! Und doch! Darf ich denn?«
kaum, dass er da war, für keinen tollen Streich war er mehr »Sie dürfen, gewiss Margarete, Sie dürfen! Hans hat
zu haben. Er fühlte mit jeden Tag, dass er vorwärts kam. bewiesen, dass er nicht so viel inneren Halt hat, dass Sie
Oft hätte er aufjubeln mögen vor Freude darüber! Noch Ihr Geschick in seine Hände legen könnten. Die Leiden-
ein halbes Jahr! Und dann mit dem Errungenen vor die schaft allein gibt uns keine Gewähr wahren Glückes. Dazu
Sittenrichter der Heimath hintreten und sagen: »Da seht! gehören doch Achtung und Vertrauen.«
Das bin ich, durch eigene Kraft! In Freiheit und nicht in »Ferdinand, Sie wissen, dass ich Ihnen Beides in un-
Sack und Asche!« Und dann das traute Weib heimführen, begrenztem Maasse zolle.«
das doch liebenswerther war, als alle dunkeläugigen Hetären »Darf ich das zu meinem Gunsten auslegen, Margareta?
von ganz Lutetia zusammen! Da hinten über dem Kirchendache geht eben der Stern der
Noch einmal streckte die Sünde ihre runden Armen nach Liebe auf. Soll es unser Stern sein? Geliebtes Mädchen —
ihm aus. Nichette kam eines Tages wieder in’s Atelier. darf ich jetzt mit Ihnen zu Ihrem Vater gehen?«
Schöner, voller, eleganter als früher. Aber ein Hauch von »Sie sind ein braver, ehrenhafter Mann! Ich will Ihnen
Schminke lag auf ihrem Gesichtchen und ihre Augen brannten ein treues Weib werden. — Gehen Sie zum Vater!«
heisser und unstäter als vordem. Erst plauderte sie, erzählte, Sie beugte ihr Köpfchen gegen seine Brust und er küsste
dass sie damals wirklich mit dem Russen gewesen und jetzt sie auf das reiche Haar.-
mit einem jungen Engländer sei: Hinter den Gaisblattranken, die das Gitter umzogen,
»Er ist so komisch! So lang, so blond und so mager!« schlug Einer eine helle Lache auf, dass die Zwei im Garten
Sie empfand nicht, dass Hans kaum im Stande war, den auf- erschrocken zusammenzuckten! Eine bekannte Stimme rief
richtigen Ekel zu verbergen, den ihre offenherzigen Bekennt, heiser vor Erregung:
nisse ihm einflössten. Auch ein paar Thränlein, die sie der »Ich habe es ja immer gesagt, dass das Stück keinen
Vergangenheit weihte, nahmen ihn nicht gefangen. Als er zeitgemässen Schluss hat. Der Herr Wolfram von Eschen-
ihre Zärtlichkeit so freundlich abwies, als es ihm möglich war, bach und die Elisabeth müssen sich heirathen — und sie
nannte sie ihn lachend einen Narren, der nicht verdiene, passen so schön zusammen! Ich gratulire!«
dass man nett mit ihm sei. Ein eiliger Tritt verklang auf dem Pflaster.
Sie gaben sich schliesslich das Versprechen, gute Kame- Fort war er. Auf Nimmerwiedersehen.
raden bleiben zu wollen. Das gibt man sich in solchen
Fällen stets, wenn man auf immer Abschied nimmt.
Wieder begann die Arbeit, die auch dafür gut war, das
Gefühl wachsender Unruhe zu übertäuben, das Hans jetzt
oft beschlich, weil der Onkel ihn nie einer Antwort auf jenen
Brief aus Elberfeld gewürdigt hatte. Und dann sagte er sich
auch wieder, dass er ein reines Gewissen habe und sich
nicht zu schämen brauche! Kam er nur erst mit einem Er-
folge nach Hause, dann musste ja Alles gut werden.
Und der Erfolg kam: eine Medaille im Salon! Nur die
zweite, aber doch eine Medaille.
Als der Spruch der Jury gefällt war, packte der Glück-
liche seinen Koffer und fuhr der Heimath zu, die Brust voll
von Hoffnung. Wie unbezwingliche Sehnsucht kam es über
ihn. Nach der Geliebten sehnte er sich, nach der Heimath,
selbst nach dem grollenden Onkel und dem tugendhaften
Freunde!
Nun rollte der Zug schon über die Rheinbrücke! Noch
ein paar Stunden — die Vaterstadt! Er Hess sein Gepäck
auf dem Bahnhofe und eilte zu Fuss durch die wohlbekannten
Gassen dem Hause zu, in dem er die Geliebte wusste. Da
21
Nr. 1 und 2 JUGEND . 1896

„Les Habits de nos amis sont nos Habits.“

— Rendons ä Cdsar ce qui appartient ä Cdsar!


Comme j’ai grandi!
— <Ja tombe ä pic: j’en ai besoin ce soir.
Zeichnung von Jossot (Paris).

22
;S6
JUGEND Nr. 1 und 2

Ein Conterfei von HERMANN ALLMERS von Franz


v. Lenbach gemalt und signirt. Die Handschrift des Künst- wie Hermann Allmers das Marschenland der Weser und der
ers wurde allerdings deutlich genug in diesem Bilde stehen, Elbe beschrieben hat. Den Reichthum seines Empfindens
stunde sie auch nicht darauf. Der Dichter der Marschen, und die Schärfe seiner Beobachtung nahm der Dichter frei-
geistvoller Kopf so helläugig in’s Leben blickt, war lich auch in fremde Lande mit; wer die „ewige Stadt“ ge-
ptuloc das rechte Modell für Meister Lenbach; es ist sehen hat und rückwärts schauend ihre Herrlichkeiten, die
Pnptpn”1 h lges Vnd Knorriges in den Zügen des greisen Besonderheiten italienischen Volkslebens wieder gemessen
jp ■ ’ de*sen tiefwurzelndes, unverfälschtes Deutschthum will, der nehme Allmers „Römische Schlendertage“ zur Hand,
dip^p^v-" -lösend unseres Volkes gar nützlich zum Vorbild die noch populärer geworden sind, als das „Marschenbuch“.
sein MaS 6 k Ba‘d vierz‘g Jahre sind vergangen seit zuerst Was der Poet an Lied- und Spruchdichtung, an Dramen
hpiccf'if«uenbuchI erschien, ein Werk, in dem jede Zeile und Kulturschilderungen geschrieben hat, kann hier nicht
jp .e zur Heimath athmet; und nur ein Land, an aufgezählt werden — es trägt Alles seine edle künstlerische
j .. .. lnnig hangt, vermag ein Gottbegnadeter so fein Marke. Ein ganzer Mann schafft nichts Halbes! Im Fiebrigen
lg zu schildern mit seiner Natur und seinem Leben, feiert Herrmann Allmers am 11. Februar des nächsten Jahres
seinen 75. Geburtstag — Glück auf!
Nr. 1 und 2 JUGEND 1896

Zeit der Kirche zu. Einem Gassenbuben,


der ihr dabei in die Quere kam, gab sie
einen Klaps und sagte etwas von unan-
ständigem Gesindel.
Nach ein paar Stunden kam die Dame
mit einem sehr hageren und sehr schwarzen
Männlein wieder und das schaute sich auch
das nackte Büblein an. Da wurde es gleich-
falls nach längerem Betrachten ganz wüthig.
Und später brachte das Männlein wieder An-
dere mit, den Schultheiss der Stadt, einige
Magister, Räthe und andere fürtreffliche
Stützen des Gemeinwesens. Mit hochrothen
Köpfen tuschelten sie und deuteten in tie-
fer Empörung nach dem alten Erzbild, aus
dessen Muschel das Wasser so rein und
silbern in dieBrunnenschaale niederrieselte,
wie damals vor anderthalb Jahrtausenden,
als es irgend ein feister römischer Prätor
hatte aufstellen lassen.
Wirklich und wahrhaftig! Der Bube war
splitterfaselnackt und schämte sich nicht
einmal! Geschlecht um Geschlecht hatte
so sein Anblick verdorben, ohne dass man
daran dachte. Die Schwarzenauer waren ein
sündhaftes Volk, das stimmte — was Wun-
der auch! Sie konnten bei dieser conti-
nuirlichen Brunnenvergiftung nicht anders
werden! Jetzt endlich sah man es ein —
wenn es nur nicht zu spät war! — —
Seit jenem Tage ward die Sittlichkeit
wieder Mode in Schwarzenau.
Wie die Tugend einzog in noch nie die Augen davor niedergeschlagen. Zunächst wurde der Spängler gerufen
Denn es ging den Schwarzenauern mit der und der machte dem schamlosen Fischreiter
Schwarzenau. Nacktheit des Knäbleins, wie es dem Adam ein kupfernes Feigenblatt, so gross, dass es
und seiner Frau bezüglich ihrer eigenen für den Riesen Goliath auch gross genug
— und eines Tages wurde in Schwar- Nacktheit gegangen hatte im Paradies — gewesen wäre. Dann setzten sie eine Com-
zenau die Sifisamkeit wieder Mode! vor der Geschichte mit dem Apfel und dem, mission ein, die in der ganzen Stadt Alles
Es war da nämlich eine alternde Hof- I was d’rum und d’ran hing! aufspüren sollte, was an ähnlichen Aerger-
darne, die früher eine junge Hofdame ge- Eines Tages kam die Hofdame des We- nissen etwa noch vorhanden war, damit
wesen war, und zwar länger und intensiver, ges in ganz besonders ungnädiger Stimm- man einschreiten könne, austilgend und
als sie das hätte sein sollen. ung. Vapeurs und Gauchemars hatten sie bessernd. Ehrenpräsidentin ward die Hof-
Die Hofdame Frl. Adelaide von der Zipf zur Nacht heimgesucht und im unruhigen dame.
ging täglich zweimal über den Schwarzen- Halbtraum waren ihr allerhand Bilder aus Sie suchten mit Feuereifer, suchten und
auer Marktplatz; einmal in die Kirche, wo vergangenen Zeiten erschienen, Bilder, fanden, und bald ward an allen Ecken und
ein beliebter junger Prediger den Teufel deren Scene weltabgeschiedene Lauben bil- Enden der Stadt gekleistert und gemeisselt
mit unbeschreiblicher Porträttreue an die deten und lauschige, dämmerige Boudoirs, und vernagelt, dass es eine Freude war für
Wand malte, und einmal in das Magdalenen- deren Helden wechselten wie die Wolken jedes tugendhafte Gemüth.
stift, dessen dame patronesse sie war. Hier am Himmel; bald trugen sie Puderper- Reiche Ausbeute lieferte zunächst der
wurden lasterhafte Mägdelein in reumüthige rücken und gestickte Fräcke,bald pralle Uni- Schlossgarten des fürstlichen Palais. Da
Magdalenen verwandelt unter Anwendung formen und Dragonerschnauzbärte. Auch fand man Putten, Götter und Göttinnen
von vielen vielen Erbauungsstunden und ein schöner Jahrmarktsherkules war dabei. in hellen Haufen und das lustige Marmor-
allen anderen Mitteln geistlicher Heilgym- Dann liefen auch schmerzliche Gedanken gesindel war genau so sittenlos unmontirt
nastik bis auf eins: die Menschenliebe. dazwischen. Da war eine Nichte des Hof- wie der Junge auf dem Delphin. Sie wurden
Dazu gab es viele Arbeit und etwas Brenn- fräuleins, die auch Adelaide hiess und ihrer entsprechend verbessert, oder durch an-
suppe. Die Damen der Hofgesellschaft Tante ähnlich war „wie aus dem Gesichte ständigere Bilderwerke ersetzt, wie sich’s
Hessen alle feinen Handarbeiten dort aus- geschnitten“. So ganz einsam wuchs sie thun Hess. Eine Flora, die hoch oben auf
führen - im Magdalenenstift machte man auf, fern in einem Kloster, das arme Ding! dem Dache eines Pavillons schwebte, er-
ihnen das Alles staunenswerth billig! Der Tante Adelaide that das Mädchen von hielt einen Rock aus Blech. Eine Abun-
' '• Denn Adelaide verfolgte das Gedeihen Herzen leid! — — dantia wurde, da ihre Stellung das Bekleiden
ihrer Schützlinge mit tiefer Theilnahme. Und dann das Altwerden. technisch unmöglich machte, mit der Feile
Einem alten lahmen Seemann thuts wohl, so weit abgeraspelt, dass ihr Torso jetzt
wenn er vom Ufer aus hin und wieder ein Die Zofe fand jeden Tag neue graue auch hätte einem Apollo angehören können.
Segel sieht. Haare auf dem Kopfe des Fräuleins und Dem Pfau der J uno setzten sie ein neues Rad
' Zweimal im Tage also ging die Hof- das Fräulein fand jeden Tag ein neues ein, dessen Federn die Göttermutter bis zum
dame über den Markt. In dessen Mitte war Haar in der Suppe des Lebens, die ihr Halse zudeckten; ein Herkules erhielt einen
ein Brunnen aufgestellt mit einer Bronze- jetzt, seit die pikanten Zuthaten von einst- completen steinernen Schlafrock und als er
gruppe; er stand dort schon drei hundert mals fehlten, oft recht schaal und dünn dann dem hellenischen Recken nicht mehr
Jahre lang. Damals hatten sie die Gruppe vorkam. ähnlich sah, setzten sie ihm noch ein paar
aus der Erde gegraben, ein Bildwerk aus Nach jener Nacht ging sie um ein halb Hörner auf und nannten ihn Moses. Die
römischer Zeit. Es stellt ein Knäblein dar Stündlein früher zur Kirche als sonst. schöne Dame Leda mit dem verfänglichen
auf einem Delphin, das Wasser aus einer Als das Fräulein über den Markt kam, Schwan ward kunstreich in ein „Gänse-
Muschel goss und nackt war; nur einen blieb sie, zum ersten Male in ihrem Leben, mädchen“ travestirt. Sie trieben ihr Hand-
Schilfkranz trug es im Haar. In Römer- vor dem alten Brunnen stehen, hob das werk mit viel Abwechslung und Geschmack.
zeiten hatte es wohl schon ungefähr auf goldene Lorgnon, das ihr einst Prinz Dann ging es an die Bildergalerie. Dort
dem gleichen Platze glitzerndes Wasser Conradin im Irrgarten des Schlossparks war’s nun ganz schlimm! Zwei Monate hatte
in eine Brunnenschaale geschüttet, das gelegentlich eines Schäferstündchens zu der Hofmaler allein mit dem Rubenssaal zu
Knäblein. Füssen gelegt, an’s Auge und sah sich thun, bis er ihn durch aufgemalte Drape-
Die Blicke vieler Geschlechter hatten den nackten Fischreiter an. Lange und ein- rien, Guirlanden, Schmuck, Waffen und
mit argloser Freude auf dem Ding geruht dringlich! Mit böserem Gesicht noch und kühn über’s Fleisch hereingebogene Zweige
und die Schwarzenauer Jungfrauen hatten rascheren Schritten ging sie nach geraumer nothdürftig hergerichtet hatte für die rein-

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1896 JUGEND Nr. 1 und 2

gewordenen Augen der Schwarzenauer. mehr. Die sassen alle schon wegen Ge- keinen Spazierstock, keine Sackuhren, die
Auch der Titian kostete harte Arbeit, aber fährdung der öffentlichen Moral im Ge- nicht ein geheimnissvolles Fach, ein Löch-
sie gelang; und seine ruhende Venus sah fängnisse. lein zum Durchgucken hatten. Und was
denn auch bald aus wie eine in Binden ge- Auch beim Baden wurde die weit- man da sah! Pfui Teufel!
wickelte Mumie. Einer herrlichen alten gehendste Angezogenheit vorgeschrieben, Es kann nicht verschwiegen werden:
Kölner Madonna, die das Jesuskind an die selbst für die Cabinen, nicht blos für’s Die ehemaligen Mitglieder der Sittencom-
Brust gelegt hatte, malte der Meister den Schwimmbassin. Die gewissenhafte Com- mission waren die eifrigsten Sammler.
Spalt im Kleide schön blau wieder zu und mission guckte durch alle Ritzen und Denn wenn der Löwe einmal Blut ge-
liess die heilige Frau ihr Kindlein mit der Schlüssellöcher und wehe dem, der in un- leckt hat.
Flasche stillen. So ging es weiter in jedem sittlichem Costüm betroffen ward. Nach-
Saal. Selbst das Viehzeug auf der Weide gerade kamen sich die Leute aber auch in
erhielt die nöthigen Retouchen und ein ihren Kleidern nackt vor und sahen sich Es ist nur ein Glück, dass Schwarzenau
mächtiger Stier von Paul Potter war mit gegenseitig daraufhin an und construirten örtlich und die Geschichte vom Fischreiter
einem Pinsel voll blauer Himmelsfarbe sich mit ihren Blicken unter den Kleider- und der Hofdame zeitlich uns so ferne liegt,
schnell zum Ochsen degradirt. Und so falten der Andern deren Gliederbau. so ferne! Ki-ki-ki.
fort mit Grazie! Immer weiter kam man so in der Sitt-
In der Skulpturengalerie war die Ar- lichkeit, immer neue Gebiete erschlossen
beit leicht. Man verhüllte alles Gefähr- sich ihren Bestrebungen. Schliesslich durf-
liche mit weissen Leintüchern. Als die ten auch die Fleischer ihre rosigen Hammel
Commission zum Revidiren kam, hoben die und Kälberviertel nicht mehr unverhüllt in
Herren hier und dort die meisten Falten die Auslagen hängen. Hunde und Pferde,
hoch und constatirten noch einmal, wie Stuhl- und Clavierbeine bekamen Hosen.
nothwendig die Verhüllung gewesen. Sie In den Theatern wurde eine strenge Gen
nahmen es genau mit ihrer Aufgabe. sur für die Costüme eingerichtet: selbst die
schöne Helena musste sich wie eine Herren-
Die öffentlichen Denkmäler in der Stadt huterin anziehen. Tricots durfte Niemand
waren auch schnell aptirt für die wieder- mehr tragen — ausgenommen die Ballet-
gewonnene Moral. Alle nackten Genien ratten der fürstlichen Oper, denn S. Durch-
bekamen so viel Palmzweige und Attri- laucht interessirten sich für die Kunst.
bute in die Hand, dass kein Stückchen Endlich war das Werk gethan.
überflüssigen Fleisches sichtbar blieb. Beim Hofball erstattete der Hofcaplan
Jetzt glaubte man, so ziemlich fertig der Dame Adelaide ausführlichen Bericht
zu sein. Da kam ein Brieflein an die Com- und überreichte ihr die Liste der ausge-
mission: sie sollten doch in den Kirchen tilgten Nacktheiten, sauber gedruckt und
einmal gründlich nachsehen, dort sei aller- für die Mitglieder der Commission mit
hand zu finden, was die tapferen Forscher reichlichen Kupfern versehen. Dieser Ka-
angehe. Und — siehe da — es war so! talog enthielt 4785 Nummern. Die Hof-
dame athmete befriedigt auf und ihr Busen
Da gaukelten um Kanzeln und Altäre, wogte in freudiger Erregung. Man konnte
um Friese und Gewölbzwickel nackte Engel das genau wahrnehmen, denn ihr Kleid
und Englein in hellen Schaaren, da standen war ausgeschnitten bis zur 7. Rippe. Und
heilige Sebastiane von Pfeilen durchbohrt alle Damen rings umher waren ähnlich
und an allen Ecken und Enden andere angethan, theils mit, theils ohne Grund, auf
Märtyrer, die nicht viel mehr anhatten, dem Hofballe zu Schwarzenau, der Metro-
als ihren Heiligenschein, da nährten heilige pole der Sittlichkeit.
Mütter wie jene in der Gemäldegallerie
ihre Bambini mit der Nahrung, die der Das Werk also war vollendet! Welch’
liebe Gott den Neugeborenen bestimmt hat. ein Glück für die Stadt, dass das Fräulein
Im Dom stand ein Sankt Borromäus, der Adelaide von der Zipf früher so lustig
war nackter als nackt, denn er hatte sogar gelebt hatte!
die Haut ausgezogen und trug sie wie einen Denn sonst hätte sie am Ende gar nicht
Plaid über dem Arme. Der musste nun gemerkt, dass der Bube auf dem Delphin
zweimal angezogen werden, zuerst in eine
Haut, dann in einen Mantel. In einer alten
nackt und ein so grosses Aergerniss war;
der Bronzebrunnen hätte immer so weiter
(9 e.. L.oc/.'C /
Votivkirche fanden sie nach Hunderten Seelen vergiftet eine nach der andern und
Täfelchen mit den entsetzlichsten Schil- die andern Nuditäten wären auch nicht aus-
dereien; denn die Leute hatten sich dem gespürt und aus der Weit geschafft worden!
Patron der Kapelle in allen erdenklichen
Nöthen versprochen und selbige sauber ab- In Wahrheit sind die Schwarzenauer
malen lassen. Das wurde summarisch be- freilich nicht besser geworden. Im nächsten Sprüche des Konfusius.
handelt. Man schüttete die Täflein auf Jahre gab’s dort genau so viel Wickelkinder
einen Haufen und lustig prasselten die ohne Väter und Frauen ohne Männer, wie Wenn Dich eine Mücke sticht, darfst
Flammen aus dem ausgedörrten Holzwerk vorher. Es wurden noch um etliche Jüng- Du sie umbringen; wenn Dich ein Elephant
und die Gassenbuben tanzten um den ferlein mehr verführt, die Giftmorde und
Scheiterhaufen. Auch die vielen wächsernen anderen Schandthaten aus Eifersucht nah- tritt, musst Du ihn um Verzeihung bitten!
Glieder, die in der Kirche hingen, konnten men auch nicht ab und die Ehe ward auch
nicht so bleiben, denn die Arme hatten nicht von mehr Leuten heilig gehalten, als *
keine Aermel und die Beine keine Hosen
an. Man schmolz sie ein und machte Altar-
sonst. Auch an Putzwuth und Gefallsucht Sprich stets, wie Du denkst; nicht
ward keine Abminderung verspürt. Mäd- Du deshalb hinausge-
kerzen daraus. Der Küster that sich auch chenjäger, Mitgiftspekulanten und Heirats- jedesmal wirst
etliche Pfund auf die Seite für den Haus- schwindler trieben ihr Gewerbe blühender worfen werden!
gebrauch. als je. Und eine neue Art von Delikten kam £
Und Schwarzenau war, wenigstens nach dazu. Es mussten Viele bestraft werden Wenn die Rosen keine Dornen hätten,
der Aussenseite hin, die keuscheste Stadt wegen heimlicher Verbreitung bedenklicher wären sie mit einer Zunge bewaffnet.
von der Welt geworden. Bis herab zu den Bilder und Schriften. Das Geschäft warf
Pfefferkuchenfiguren hatte der Bekleidungs- jetzt reichen Gewinn ab. Ganz andere
drang gewüthet und der Lebzelter verzierte Dinge, als die, die man verboten oder ver-
seine berühmte Gruppe „Adam und Eva“ kleistert hatte, kamen im Stillen in Um- Wohlthun bringt Zinsen; Nichtsthun
mit schöner Toilette aus Zuckerguss. In lauf. Da gab es bald kein Dös’chen mehr,
das nicht zum Abschrauben war, kein Käst- au sserdem noch Dividenden.
keinem Bilderladen gab es mehr was Nack- B. Rauchenegger.
tes; es gab überhaupt keine Bilderhändler chen ohne doppelten Boden, keine Pfeife,

2Z
Nr. 1 und 2 JUGEND 1896

Der Rechte höchstes ist die Pflicht; Die Frau ist am Schönsten, wenn sie liebt;
zugleich das einzige Recht, auf dessen Aus- der Mann, wenn er für eine gerechte Sache
übung zu verzichten wir kein Recht haben. oder eine neue Idee begeistert ist. So wenigstens
scheint es uns Männern, ■—- möglich, dass es
„Man kann nicht zu gleicher Zeit im Frauen gibt, die umgekehrt urtheilen.
hohen Rathe Mäcenas und daheim Dio-
genes sein.“ Dieser Ausspruch ist mir übel
Wohl dem, der nebst gutem Gewissen einen
vermerkt worden, als Hohn auf die Armuth.
Wie mich das schmerzt! Ich wollte damit nur gesunden und kräftigen Leib hat. Denn im

)A sagen, dass der künstlerische Geist sich nimmer-


mehr blos in hohltönenden Reden, sondern in
kranken oder schwachen Körper lebt die Seele,
als ob sie ein zum Schemen verdorrtes Schling-
gewächs wäre und über einem Sumpfe schwebte,
der Durchdringung des intimsten Lebens äussern
müsse. Das Walten solchen Geistes führt zu der sie heute zu verschlingen, morgen schutz-
los den Winden preiszugeben droht.
jener edlen Harmonie, welche auch in den
unscheinbarsten Dingen und Anordnungen der
Tl ärmsten Hütte, und gerade hier in ergreifender Je traurigere Erfahrungen wir an unseren
Sprache, zu uns redet. Nichts ist so rührend, Freunden machen, desto nachsichtiger werden
nichts beweist so klar eine vornehme Lebens- wir gegen unsere Feinde.
auffassung, als die künstlerische Verklärung der
Armuth.
* Die Gesundheit ist das herrlichste, aber
auch das grausamste Erbe unserer Väter, da sie
In nebelhafter Ferne erkennen wir die uns zwingt, immer wieder kraftvoll aufzuleben,
entschwindenden Bilder besser als die neu auch dann, wenn wir am liebsten die Augen
auftauchenden; und diese um so deutlicher, schliessen und in das Meer der Ewigkeit tauchen
ie sicherer wir die entschwundenen in der Er- möchten.
innerung haben. Denn die Kunst des klaren (fSt
Voraussehens ist nichts anderes als glückliche Die Entdeckung besonderer Denkzentren
Anwendung des Wissens und der Erfahrung. in unserem Gehirn, denen wir, wie ich glaube,
Aber es gibt nur Wenige, deren Urtheil nicht auch ein besonderes Triebleben zuerkennen
durch Magen, Herz und Nerven beeinflusst ist. müssen, erklärt es uns hinlänglich, warum her-
Glücklich der ewig Hoffende: lieber fortgesetzte vorragend geistig begabte Menschen ihre gleich-
Enttäuschungen, als trostlose Schwarzseherei. falls sehr starken niederen Triebe nicht nur ein-
dämmen, sondern zeitweilig ganz unterdrücken
Das sind die schlimmsten Spiessbürger können; insbesondere wird es uns so erklärlich,
nicht, die auf ihren Spiess sich noch was ein- warum bei stärksten Geistern die Liebe — so
bilden oder ihn gar für ein Geschenk der Götter sehr sie ihr auch zugethan sein mochten —
halten. Sie wirken erheiternd. Schlimmer sind fast immer nur eine nebensächliche Rolle ge-
die verkappten Nachtwächter, die sich bei Tage spielt hat, und warum sie instinktiv jedes lästige
ihres Spiessleins schämen und damit nur im Joch, in das ihr Denken durch Liebe und Eifer-
Dunkeln und rücklings ihre Opfer überfallen. sucht gerathen, abzuschütteln gestrebt haben.
G. Rth.

Randleiste von O. Eckmann.

26
1896
JUGEND Nr. 1 und 2
Nr. 1 und 2 . JUGEND . 1896
. X.D

Ein Orakel. Nobile Trifolium. Orterer Angesicht — Ist wirklich nicht schwer
zu erkennen! —Wer’s einmal nur photographirt
Früher Lieutenant der Husaren, Abbü, Marquise und Marquis — geseh’n — Der muss es auf immer behalten
Jetzo Fürst von den Bulgaren, Gibt's noch ein Kleeblatt so wie sie?
— Es steht ja das ganze Centrumsprogramm
Sitzt der arme Ferdinand, Vertragen die sich nicht — fürwahr — In seinen verkniffenen Falten!
Sohn der Fürstin Clementine, Erscheint’s dem Weisen wunderbar!
55
Trüb, mit langer Nas’ und Miene Sonst pflegt sich fröhlich zu vertragen
In dem neuen Vaterland. Das Pack, sobald es sich geschlagen. Gross und mächtig ist der Zar aller
Versöhnen werden sich auch diese, Reussen! Unumschränkt gebeut er über
War’ ja schön sich Fürst zu nennen, Menschen, Thiere und Bauern seines weiten
Marquis, Abbü und Frau Marquise. Reiches und er hat kein Gesetz über sich.
Aber freilich — anerkennen
Was war denn weiter auch dabei? Jeder im Lande gehorcht dem leisesten
Müsst’ ihn erst die schnöde Welt!
Ein Bis’chen Heu- und Meuchelei, Wink seiner Brauen, Jedem ist des Herren
Und da hat man ihm gerathen: Wunsch Befehl. Bios Einer thut — und
Ein Bis’chen Meineid und Betrügen,
»Nimm Dir halt den Zar als Pathen, manchmal dem Beherrscher aller Reussen
Auf allen Seiten viele Lügen, zum Trotz — auch in Russland, was ihm
Dann ist Alles wohlbestellt!«
Pikante Spuren alter Sünden gutdünkt — der Klapperstorch!
Angethan in Purpurwindel — Und neuer Sünden (kaum zu künden),
Welch’ ein allerliebstes Kindel! — Ein Schielen nach des Nächsten Frau Als dem verhafteten Aaron (auch Arton
Liegt der Erbprinz in der Box; Und ihrem Geld — jesuitisch schlau, genannt) der Polizeicommissär sein Notiz-
Und der Vater rauft die Haare: buch abnahm, fand er darinnen eine lange
Viel Frömmelei, infames Hetzen Reihe Namen von französischen Abgeord-
»Welcher Glaube ist der wahre — Und Vieles noch, was den Gesetzen neten, Beamten und Senatoren aufgeschrie-
Römisch oder orthodox?« Zuwiderhandelt des Gerichts — ben. „Was sind das für Namen?“ fragte
Von Allem etwas — weiter nichts! strenge der Commissär. — „Ach, das sind
»Lass’ ich ihn auf’s Neue taufen, Sammelvermerke!“ erwiderte der brave
Mir des Zaren Gunst zu kaufen?« Nun ist’s vorbei, des Lebens froh Aaron. „Ich bin Lumpensammler.“
Ruft der Herrscher zweifelnd aus — Sind Nayve’s jetzt und Rosselot.
»Trau der Kukuk diesen Tröpfen!« Und hoffentlich wird dann auch schleunig Im ehemaligen Reichstagsge-
Und er zählt an seinen Knöpfen: Die schöne Trias wieder einig. bäude in Berlin ist jetzt eine Barbier-
»Boris oder Nikolaus?« Nun deckt der Nächstenliebe Schleier stube etablirt — man sagt es sei nicht
Auf die vergangenen Abenteuer
schön vom Fiskus, dass er um ein paar
»Ein Orakel sollst Du fragen —« lumpige Tausender den ehrwürdigen Bau
Und heiter sitzen beim Cafe für so was hergibt! Aber im Grunde ist
Hört er eine Stimme sagen — Marquis, Marquise und Abbe! dem Haus das Metier doch nicht so fremd.
»Diese Windel, blüthenrein, Hier hat der deutsche Michel sich schon so
Sei um Deinen holden Jungen 85 manchem Aderlass unterziehen müssen,
Zehn Minuten lang geschlungen, hier wurde mancher brave Zopf geflochten,
Und dann blickt getrost hinein!
Schrecklich! j hier hat so mancher Volksbeglücker seine
Jüngst ist ein empörendes Faktum ge-
Wähler gründlich über den Löffel bar-
Blieb das Linnen ohne Makel, biert, hier wurde gar oft eine Menge
scheh’n — Am Bahnhofperron zu München, — lauschender Hörer von gewandten Diplo-
Spricht bejahend das Orakel Das lässt sich mit matter Entschuldigung — matenhänden gründlich eingeseift, hier
Und der Pope hat das Wort; Nachträglich nicht übertünchen! — Sie haben sind oft die heterogensten Dinge über
Lest ihr And’res aus dem Kissen, den Doktor Orterer — Belästigt mit kecken einen Kamm geschoren worden und
Will der Prinz davon nichts wissen Mancher hat hier Haare gelassen, der
Fragen, — Sie Hessen den grossen Centrums- es unternahm, sich mit einem Stärkeren
Und man jagt den Popen fort!« mann — Nicht ohne Fahrschein zum Wagen! ' zu — „kampeln“.
So geschieht’s. Man harrt mit Bangen, — Man werfe die ganze Verkehrsdirektion —
Bis die Wartezeit vergangen, Mit faulen Aepfeln und Eiern! — Ihr Personal Das Durchschnitts-Einkommen der
Was das Schicksal künden lässt? erkennt nicht einmal — Den Rektor aller Bayern! preussischen Volksschullehrer soll auf
jährlich 900 Mark „hinaufgeschraubt“ wer-
Und mit aufgeregtem Schnaufen — Der Mann, der’s verstand, von der Oppo- den? Wenn aber das rapide Steigen ihres
Kommt die Kinderfrau gelaufen: sition — Wie Keiner zu profitiren — Er musste Einkommens die preussischen Volksschul-
»Euer Durchlaucht, ein Protest!« sich erst vor dem Condukteur — Als Fahrgast lehrer zu Prass, Völlerei, Börsenspiel und
anderen Lastern verführt — wehe der künf-
legitimiren. — Mit tödtlich beleidigtem Selbst-
K gefühl — Erfüllt von grimmigem Hasse — Be-
tigen Generation der preussischen Jugend!
SXT
Die französischen Parlamentarier müssen stieg er mit seinem Freibillet — Dann grollend In Dingsda feierte die 9jährige Klavier-
die erste Klasse. — Von der alten National- virtuosin Bronislawa Meierfrau ihr zehn-
doch ihr Geld werth sein — sonst krankheit — Ist wieder ein Fall zu melden — jähriges Jubiläum als Wunderkind.
hätten die Herren Panamisten sie nicht Diejubilarin wurde mit Lorbeer und Blumen
Das liebe germanische Vaterland — Misskennt überschüttet.
gekauft. seinen grössten Helden! — So ist es dem Fürsten
Bismarck passirt — Von Seiten gewisser Leute In Wien hat sich ein Greis von etlichen
Herr Bourgeois kennt keinen Scherz, Und jetzt ist dem bayerischen Centrumspapst zwanzig Jahren eine Kugel durch den Kopf
Schon hat er den Aaron fangen lassen Geschehen das Nämliche heute. — Man gejagt — als Grund gab er an: aus langer
Weile. Zu bescheiden; er hat wohl eigent-
Am Ende fasst er sich doch noch das Herz, wage die That am Bahnhofperron — Nur ja lich schreiben wollen: aus Rücksicht
Den Herz zu fassen? nicht entschuldbar zu nennen — Des Doktor auf meine Mitmenschen.
-8
1896
- JUGEND . Nr. 1 und 2

LI EBE I N WÖRIS

Zeichnung von Henry Albrecht.


Nr. 1 und 2 JUGEND 1896

Nachdruck und Vervielfältigung verboten.


Copyright Au g. Bungert, Berlin 1895.

Frau Maria an der Wiege.


(Altes Gedicht.)
comp, von August Bungert.
Neue Volkslieder op. 49 Nr. 71 III. Band.
Andante tranquillo,

Dort hoch auf dem

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Nr. 1 und 2 JUGEND 1896

52
Inseraten-Annahme Insertions-Gebühren
1896

JUGEND
durch alle Annoncen-Expeditionen für die
sowie durch
4gesp3.lt. Colonelzeile oder deren
G. Hirth’s Verlag in München No. 1 & 2 Raum M. i.—.
und Leipzig.

Humor im Ausland. G. HIRTH’S KUNSTVERLAG in MÜNCHEN & LEIPZIG.

HIRTH’S
FORMENSCHATZ.
Eine Quelle der Belehrung und Anregung
für Künstler und Gewerbetreibende.
Jährlich 12 Hefte ä 16 Tafeln hoch 4°. — Preis per Heft Mk, 1.25.
Jahrgang 1877—1895 mit ca. 3 500 Blättern in Cartonmappe
M. 275, in Leinwandmappe M. 31$, in eieg. Halbfranzband
gebd. M. 341.50.
Jahrgang 1877 und 1878 (Formenschatz der Renaissance)
in Cartonmappe je M. 10.—, gebunden je M. 13.50.
Jahrgang 1879—1895 in Cartonmappe je M. 15.—, gebunden
— C’est egal, ma Alle, vous je M. 18.50.
pouvez vous variier d’avoir pro- Jede Serie selbständig mit erläuterndem Text.
fite ä mon Service. Avant, vous Das Werk wird fortgesetzt; auch das bisher Erschienene kann
aviez de la mauvaise graisse. nach und nach bezogen werden.
A present, vous etes tout nerfs. (Einzelne Tafeln werden nicht apart abgegeben.)
(»Rire«, Paris.)
„Hirth’s Formenschatz“ ist 111 Wirklichkeit ein Schatz
für jeden Besitzer des Werkes. Das ganze Werk bietet etwa
3500 Blätter. Sie reichen geschichtlich von der alten Welt bis
zum Beginn des gegenwärtigen Jahrhunderts. Bestimmt, eine
■3\
/- y/* • '
Quelle der Belehrung und Anregung für Künstler und Ge-
werbetreibende zu sein, erfüllt das Werk seine Aufgabe in
einer Weise, dass es sozusagen auf keine Frage die Antwort
schuldig bleibt. Die Benützung des Werkes wird durch sorg-
V' fältige Register erleichtert. Das Werk ist international. Was
der Herausgeber bei irgend einer der Kulturnationen Werth-
volles findet, wird benützt. Dem Werke kann eine grössere
Empfehlung auf seinem Weg nicht mitgegeben werden als
der Hinweis auf seinen riesigen Umfang und seine erfreuliche
Verbreitung.
(Schwab. Merkur, Stuttgart.)

Heueintratenden Abonnenten stabt ein Inbaltaverzeiohni33


der erschienenen 19 Jahrgänge gratis zur Verfügung.
Das erste Heft 1896
kann durch jede Buchhandlung zur Ansicht vorgelegt werden.

Französische Ausgabe unter dem litel: L ART PRATIQUE


Recueil de documents choisis dans les ouvrages des grands
maitres fran^ais, Italiens, allemands, nüerlandais etc. etc.

Aufgaben der Kunstphysiologie


2 Halbfranzbänden gebunden .Mk. io.—. Eine französische Uebersetzung von Lucien Arr6at
ist unter dem Titel: Physiologie de l’Art im Verlage von F61ix Alcan in Paris,
_ „ O D rt.nl rtvmt*n I Thrmntn Ul! 1 l /Th • T-v \
108 Boulevard St. Germain, publizirt. (Preis Fr.

Lokalisations-Psychologie oder die Anwendung der Lokalisationstheorie


' ci auf psychologische Probleme. Beispiel: Warum
sind wir
TD rv a.zerstreut*?
_ Vir A.zerstreut c von
Mit- f»inf»r czD,-,Von
Uitn 1Georg . Georg
Hirth.
_ r-» ZweiteHirth. " ' ’ ' und vermehrte
umgearbeitete
Auflage. Mit einer Einleitung von Dr. L. Edinger. — 136 Seiten 8° in eleganter Aus-
stattung. Preis broschirt M. 1.50, in Leinwandband M. 2.—. Eine französische Ausgabe von
Lucien Arrüat ist unter dem Titel: Les localisations cörebrales en psychologie — pourquoi
fO sommes-nous distraits ? im Verlage von Fülix Alcan in Paris, 108 Boulevard St. Germain, publizirt
(Preis Fr. 2—, gebund. Fr. 2.50).
Für was der Bart gut ist! Ls handelt sich hier um eine prinzipiell bedeutsame Programmschrilt, weicne aer
(A«s dem »Life« Newyork.) logie neue Wege zeigt, indem der Versuch gemacht wird, die psychologischen Thatsachen
Ergebnissen der modernsten Gehirnforschung ganz direkt und bedingungslos in Einklang
Lokalisations-Psychologie.

Zu beziehen durch alle Buch- und Kunsthandlungen.

35
Nr. 1 und 2 JUGEND 1896

Das Deutsche Zimmer


der Gothik und Renaissance,
des Barock-, Rococo- und Zopfstils.
Anregungen zu häuslicher Kunstpflege
von Georg Hirth.
-—-- Dritte stark vermehrte Auflage. 1 H-
464 Seiten hoch 40 mit 370 Illustrationen. Eleg. brosch. M. 10.—,
eleg. gebunden M. 13.—, in Lederband M. 20.—.

>. . . . Das Buch ist die Frucht einer reichen Erfahrung und
eines umfangreichen Studiums. Hat doch der Autor die hier vor-
getragenen Anschauungen und Grundsätze alle selbst probirt. Man
braucht bloss die Abbildung der Saalpartie in seinem Hause zu
München anzuschauen, um sich darüber klar zu werden, dass wir
es hier mit einem Fachmann ersten Ranges zu thun haben, der
seine Lehren und Grundsätze zuerst bei sich erprobt und richtig
befunden hat.
Wie der „Formenschatz“ zur Kunst pflege im ganzen
deutschen Volke, so fordert das Deutsche Zimmer
zur Kunstpflege im eigenen Hause auf; ers I er es ist
ein Volksbuch, letzteres ein Haus- und Familien-
buch, beide aber verfolgen das gemeinsame Ziel,
die Pracht und Herrlichkeit der alten Kunst zu ver-
stehen und wiederzugewinnen.«
(Prof. Dr. Stockbauer in »Bayer. Gew.-Zeitung« 1890 No. 4.)
Saalpartie in dera Hause Georg Hirth’s zu München.

Das Buch eignet sich besonders als Fest- u. Gelegenheitsgeschenk für Verlobte, Neuvermählte, xu Weihnachten etc. :

Meister-Holzschnitte
aus vier Jahrhunderten.
Herausgegeben von
Georg Hirth und Richard Muther.
Französische Ausgabe unter dem Titel:
QUATRE SIECLES DE GRAVÜRE SUR BOIS.
Complet in Cartonmappe Mk. 40. — , in Halbfranzband
geh. Mk. 50.—.
(Der frühere Subscriptionspreis 10 Lieferungen ä Mk. 3.50 ist erloschen.
Einzelne Blätter werden nicht apart abgegeben.)
Die Sammlung enthält 120 Tafeln in einfachem, und 33 Tafeln
in Doppelformat auf Büttenpapier, mit erläuterndem Text.

Das Werk, welches die Entwicklung des Holz-


schnittes in übersichtlicher Aufeinanderfolge vorführt,
umfasst das 15. bis 18. Jahrhundert und alle Länder, in
welchen die Kunst geblüht hat. Neben dem geschicht-
lichen Zweck verfolgen die Herausgeber zugleich die Ab-
sicht, den Freunden der Kunst durch ihre Publikation
eine Anzahl Unica und seltener Blätter zugänglich
zu machen, so dass sich mit dem kunstgeschichtlichen
Interesse auch das des Raritätensammlers verbindet.

G. HIRTH’S KUNSTVERLAG in MÜNCHEN & LEIPZIG.


34
1896 JUGEND Nr. 1 und 2

G. HIRTH’S KUNSTVERLAG in MÜNCHEN & LEIPZIG.

Kulturgeschichtliches Bilderbuch aus drei Jahrhunderten.


Herausgegeben von GEORG HIRTH. — Zweite Auflage.
Französische Ausgabe unter dem Titel : „LES GRANDS ILLUSTRATEÜRS DU i6„ 17. ET 18. SIEGLES."
Folio. Preis a Lieferung Mk. 2.40, ä Band complet broschirt Mk. 30. , gebunden Mk. 35.—. (Liebhaber-Ausgabe [einseitig bedruckt,
losen Blattern] ä Lieferung
M o n a 11 leh erscheint eine Lieferung. ■<*—
Mk. e l 6 .
Hirth’s Kulturgeschicht- Um den Besitzern der ersteren
liches Bilderbuch umfasst im Bände der früheren Auflage dieses
Ganzen sechs Bände (72 Liefer- Werkes das Abonnement auf die
ungen), es sind darin gegen 360 Fortsetzung zu ermöglichen, wird
darstellende Künstler vertreten die Drucklegung der zweitenAuf-
und haben über 3500 inter- lage in derselben Weise und Aus-
essante Blätter eine technisch stattung erfolgen, wie bei der ersten
vollendete Wiedergabe gefunden, die Auflage.
Publikation bildet eine in ihrer Art ein-
zige Kunstsammlung — ein Kupfer-
JederBand ist einsein käuflidt.
stichkabinet für den Hausgebrauch. ..Aus dem ungeheueren
Hervorragende Meister dreier Illustrationsschatze, den die Künstler
Jahrhunderte und verschiedener dreier Jahrhunderte (1500 — 1800)
Nationen: Dürer, Cranach, Burgk- uns hinterlassen haben, sind von
mair, Hopfer, Schäufelein, Holbein, dem bekannten kunstverständigen
Bekam, Aldegrever, Virgil Solis, Herausgeber, dem wir schon eine
Hogenberg, Amman, Stimmer, Bol, ganze Reihe kunstwissenschaftlicher
van Dyck, Golt^ius, Kilian, Chr. de Publikationen der verschiedensten
Passe, Rubens, Ahr. de Bosse, Callot Art (Formenschatz, deutsches Zim-
Wendel Hollar, Merian, Rembrandt, mer, Liebhaberbibliothek alter Illu-
G. Terburch, Berghem, Bega, Doiu, stratoren, Meisterholzschnitte etc.
Dusart, Ewerdingen, de Hooglie, etc.) verdanken, die markantesten
Claude Lorrain, Mignard, Adr. van Blätter ausgewählt und photo-
Ostade, Rigaud, Ruysdael, Teniers, mechanisch originalgetreu reprodu-
Wouverman, Boucher, Schmidt, Graff, ziert worden. So kann man wirklich
Grenze, Hogarth, Laueret, Moreau, sagen, dass das Kulturhistorische
Nilson, Vanloo, Watteau, Cliodowiecki, Bilderbuch ein Kupferstichkabi-
Mettenleiter etc. etc. liefern in über- nett in nuce ist, und zwar wohl-
reicher Fülle den Stoff zu diesem geordnet, mit Registern und Reper-
Werk. Porträts berühmter und in- torien bestens versehen. Ein Jahr-
teressanter Persönlichkeiten, Kostüm- zehnt lang hat der Herausgeber die
und Genrebilder, Darstellungen von werthvollsten Sammlungen perlu-
Jagden, Kriegs- und Gerichts-Scenen, striert und den kolossalen Stoff in
Spielen, Tänzen und Bädern, Fest- immer engere und engere Kreise
Xügen, Schilderungen des höfischen ziehend, auf jenen Kern reduziert,
und bürgerlichen Lebens, Städte- als den sich das fertige Kultur-
ansichten und Marktbilder, endlich geschichtliche Bilderbuch präsen-
moralische und politische Allegorien, tiert. In dem Atelier des Malers,
Mysterien, Curiosa u. s. w. wechseln in dem Studierzimmer des Histo-
in der mannigfaltigsten Weise in rikers, in der Hausbibliothek der
der Publikation ab, welche an Origi- kunstsinnigenFamilie, an allen diesen
nal ität, sowie an kunsthistor- Orten wird das »Hauskupferstich-
ischem Werth von keiner kabinett« die besten Dienste thun.“
ähnlichen übertroffen wird. (Die Kunst für Alle, München, i. Nov. 1891.)

Zu beziehen durch alle Buch- und Kunsthandlungen.


35
Nr. 1 und 2 JUGEND 1896

Die Preisausschreiben der „J ugend“.


--——--

IN der Absicht, unsern künf- Wettbewerb I. Wettbewerb III.


tigen Lesern und Abonnenten Entwürfe für unsere Titelblätter. Politische Caricaturen.
künstlerische Anregungen in
neuer Form zu bieten, und Jede Nummer erscheint mit neuem Grösse der Zeichnung nicht über
zugleich unsere Bestrebungen zur För- Titelblatt. 40 cm. Einfarbig, im Verhältniss des
derung der modernen Kunst in einer Die Entwürfe sollen einfarbig oder Formates dieser Zeitschrift ausgeführte
nützlichen und fruchtbaren Weise zu in mehreren Tönen, jedoch so ausge- Zeichnungen in Strichmanier, welche
bethätigen, hat sich der Verlag der führt sein, dass sie auf autotypischem die Herstellung zinkographischer Cli-
„Jugend“ entschlossen , eine Reihe oder zinkographischem Wege mit 2, che’s ermöglicht.
künstlerischer Wettbewerbe zu eröffnen, höchstens z Platten reproduzirt werden Das Thema ist irgend einem po-
die sich nach und nach auf alle erdenk- können. Die Titelbilder erhalten eine litischen Vorgang der jüngsten Zeit zu
lichen Kunstgebiete erstrecken sollen. Höhe von 28, eine Breite von 20 cm, entnehmen oder soll doch eine die
Wir hoffen, dadurch zahlreiche jüngere die Entwürfe sollen im Formate nicht Gegenwart bewegende politische oder
Kräfte zu selbstständigem, erfinder- mehr als das Doppelte dieser Grösse soziale Frage in einer Weise behandeln,
ischem Schaffen anzuregen, und schicken betragen. Ausgeschlossen ist jede An- welche eine Veröffentlichung der Zeich-
voraus, dass bei den Entscheidungen lehnung an einen bestimmten alten Stil. nung in unserem Blatte möglich er-
unseres Preisgerichts immer von rein Dem Inhalte nach sollen sich die Zeich- scheinen lässt. Die Caricaturen müssen
künstlerischen Gesichtspunkten aus ge- nungen im weitesten Sinne irgendwie auf im Allgemeinen im Sinne einer freien
urtheilt werden soll. den Begriff „Jugend“, wie ihn unser Pro- Weltanschauung und deutsch-nationalen
Unsere ersten Preisausschreiben spekt darstellt, beziehen. Es können also Gesinnung gehalten sein, sollen sich
umfassen folgende Themen: z. B. die Bilder Bezug haben auf: Früh- aber nicht mit speziellen Parteiange-
ling, Liebe, Kindheit, Brautzeit, Mutter- legenheiten befassen. Bei der Beurtheil-
I. Entwürfe für Titelblätter glück, Spiel, Mummenschanz, Sport, ung kommt die Handhabung einer ori-
Schönheit, Poesie, Musik u. s. w. Fol- ginellen und charakteristischen Zeichen-
der Zeitschrift „Jugend“. gende Preise sind ausgesetzt: technik wesentlich mit in Betracht und
II. Entwürfe für Menukarten. I. Preis 200 Mark den Einsendern nach dieser Richtung
III. Politische Caricaturen. II. „ 150 „ ausgezeichneter Arbeiten steht fort-
2 Preise ä 100 Mark. dauernde Mitarbeiterschaft in Aussicht.
IV. Carneval-Plakate. Der Verlag der „Jugend“ behält I. Preis 80 Mark
sich vor, weitere Entwürfe ä 5° Mark II. „ 60 „
An den Concurrenzen kann sich anzukaufen und als Titelzeichnungen
jeder deutsche Künstler betheiligen,
III- „ 40 „
zu verwerthen, oder sie in verkleinerter
und zwar Jeder an jeder einzelnen Den Ankauf weiterer Arbeiten be-
Nachbildung gegen Honorar in dieser
Concurrenz mit mehreren Entwürfen. Zeitschrift zum Abdruck zu bringen. hält sich der Verlag der „Jugend“ vor.
Die eingereichten Arbeiten müssen
in ihrer Art soweit fertig sein, dass 7)?
7&
direkt nach ihnen gearbeitet werden
kann. Jede Einsendung ist mit einem Wettbewerb II. Wettbewerb IV.
Motto zu versehen, Name und genaue Entwürfe für Menukarten. Carneval-Plakate.
Adresse des Künstlers in einem mit
dem Motto bezeichnten verschlossenen Die Karten müssen in einer Farbe Höhe der Zeichnung nicht über
Couvert anzugeben. Bei Sendungen, herstellbar, eventuell so gezeichnet sein, 80 cmtr. Mehrfarbig oder einfarbig;
die von auswärts kommen, darf der dass sie ein- oder mehrfarbig gedruckt jedenfalls nicht über vier Farben. Die
Name auch nicht auf der Post-Paket- werden können. Höhe der Zeichnung Entwürfe sollen sich auf irgend welche
Adresse ersichtlich sein. Die Arbeiten nicht über 40 cm. Ausgeschlossen ist carnevalistische Veranstaltung, Masken-
sollen nicht in Rollen, sondern zwischen auch hier jede Anlehnung an einen zug, Maskenball, Narrenversammlung
Pappetafeln eingeschickt werden. bestimmten alten Stil. Die Preise be- beziehen und zinkographisch im Kleinen
Einlieferungs • Termine: Für tragen : reproduzirbar, aber auch im Grossen
Wettbewerb I: i5-Januar *896, II: I. Preis 80 Mark in anderem Verfahren auszuführen, flott,
8. Januar 1896, III: 8. Januar 1896, IV: II. „ 60 „ aber decent genug für öffentliche Ver-
15.Januar 1896.
III. „ 40 „ wendung sein.
Die prämiirten oder angekauften
Der Verlag der „Jugend“ behält >1. Preis 120 Mark
sich vor, weitere Entwürfe zu je 20 Mk.
Entwürfe gehen mit sämmtlichen Rech-
anzukaufen oder sie in verkleinerter II. „ 80 „
ten in den unbeschränkten Besitz des
Nachbildung in der „Jugend“ wieder- III. » 5o „
Verlages der „Jugend“ über. zugeben. Der Ankauf weiterer Arbeiten Vor-
behalten.
$
Heran« K n HIRTH- verantwortlicher Redakteur: F. VON OSTIN1; verantwortlich für den Inserat entheil: G EICHMANN; G. HIRTH’s Kunstverlag; sämmtlicb in
Herausgeber: Dr. GEORG HIRTH, verantwortllcne^^^ Druck von KNORR & HIRTH, Ges. m. heschr. Hftg. in München.
*896 ‘ *8. Januar JUGEND I. Jahrgang Nr. 3

J^ünchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben. — G. Hirth’s Verlag in München & Leip:
Nr. 3 1896

'S ■Itti'iiCl

Aller Künste Meister


Zum 18. Januar

Im Sachsenwalde, da lebt ein Mann, Gesä’t? In der Deutschen Herzen Gru.id Gemalt? Ein funkelndes Wappenbild,
Der Alles weiss und der Alles kann, Hat er gelegt für den neuen Bund, Das heute vor jedem anderen Schild
Ist klüger als Tausend zusammen: Den Samen nie welkender Treue! Hindräut über Länder und Meere!
Er hat geschneidert und hat genäht, Die Saat ward mit heiligem Blut genetzt, Gereimt? Jawohl: für das alte Lied
Er hat gedroschen, er hat gesä’t, Dass nie sie ein tückischer Wurm verletzt Von schmählicher Zwietracht, die Deutsch-
Geschmiedet in sprühenden Flammen! Und sie immer erblühe auf’s Neue. land schied,
Das Lied von der Eintracht und Ehre.
Er hat gewebt und er hat gefärbt, Geschmiedet? — Jawohl: ein Nothung-
Er hat gemünzt und er hat gegerbt, schwert Gar trübe sah’s aus vor dem grossen Jahr,
Er wusste zu mauern, zu zimmern, Dem Arme, den erst kaum ein Stecken Es waren dem herrlichen Kaiseraar
Er hat gemalt und er hat gereimt bewehrt — Gebrochen Schwingen und Klauen;
Und kunstreich wieder zusammengeleimt, Und wie hat die Klinge gepfiffen! Die Krone die sank ihm vom stolzen
Was morsch war und elend in Trümmern. Begeisterung gab ihm für’s Eisen die Gluth Haupt —
Und am stahlharten Teutonenmuth Und frevelnde Hände hatten geraubt
Hat er die Schneide geschliffen! Die schönsten der rheinischen Gauen!
Gezimmert? — Jawohl: einen stolzen
Thurm,
Dem schadet kein Feuer, den fällt kein Sturm, Gewebt? Ja, ein unzerreissbar Band Und weil unsern Bismarck die Noth be-
Ob Wind ihn und Wölfe umheulen! Und mit gewaltiger Meisterhand drückt,
Gemauert? — Jawohl: und mit Eisen Verknüpft den Süden und Norden! D’rum hat er den Leimtopf an’s Feuer ge-
und Blut Gefärbt? Mit köstlichem Purpurroth rückt;'
Die Steine verbunden! Der Bau ist gut, Den Kaisermantel, der in der Noth An glühender Herzen Flammen,
Er gründet auf ehernen Säulen. Der Zeiten schäbig geworden! Da kochte er sich einen festen Kitt
Und rührte ihn brav und leimte damit
Geschneidert? — Jawohl: ein bräut- Den Aar und die Lande zusammen!
Gemünzt? Der Vaterlandsliebe Erz,
lich Kleid Das tief erfüllte des Volkes Herz,
Germania, seiner geliebten Maid, Doch von Schutt und von Schlacken um- Ein Vierteljahrhundert hält es schon
Statt der alten, buntscheckigen Flicken! woben ! Und nirgend erblickt man die Spur davon,
Gedroschen? — Jawohl auf der Feinde Lang wussten sie nicht, wie reich sie Dass es nicht auf immer sollt’ halten!
Haupt, sei’n — Und wer nur im Lande sein Handwerk kann,
Die uns die Ehr’ und den Frieden geraubt! Da leuchtete er mit der Fackel drein Der sieht das Werk mit Bewund’rung an
Gegerbt? Manch’ bübischen Rücken! Und der herrliche Hort war gehoben! Und segnet den herrlichen Alten!

So lange Ihr Ihn zum Vorbild wählt, Die Gläser herbei — und das Beste hinein!
Ist’s nimmer um guten Rath gefehlt Und donnert es laut über Weichsel und Rhein,
Im Reiche germanischer Geister: Dass Fenster und Wände beben:
Und heute ist just der rechte Tag, Der Held, der die Deutschen des Fürchtens entwöhnt,
Dass man sein in Ehren gedenken mag, Und der uns in Wälschland den Kaiser gekrönt,
Der aller Künste ist Meister! Der alte Bismarck soll leben! F. v. O.

3S
1896 JUGEND Nr. 3

Originalzeichnung von Werner Schuch.

Das sind die Ursachen des Krieges von 1870.


Ein kleiner Anlass, geschickt vom Bundeskanzler Nord-
deutschlands, vom Grafen Bismarck benützt, erwirkte den
Ausbruch.
Ein Hohenzollernprinz auf Spaniens Thron passte den
Franzosen nicht. König Wilhelm von Preussen blieb der
Sache fern; der erwählte Prinz verzichtete, und damit wäre
Alles gut gewesen.
Nun sollte aber König Wilhelm sich für alle Zukunft
verpflichten, eine ähnliche Wahl zu verbieten.
Das war eine unannehmbare Zumuthung.
Da ging’s los.
Der Krieg von 1870. Das ganze Deutschland erhob sich wie Ein Mann. König
Preisarbeit in 1870 Worten von Tanera. Ludwigs von Bayern Beispiel hatte auch den Süden mitge-
rissen. Jene unentschiedenen Parteien, welche von Neutralität
Einen Nordbund und einen Südbund, zwei verknüpfte sprachen, verschwanden in der allgemeinen Begeisterung.
Theile aber kein Ganzes - Das hatte uns der Krieg von 1866 »Es braust ein Ruf wie Donnerhall!«
hinterlassen. Das Sehnen nach einem ungetheilten Deutsch- So erscholl es an der Weichsel, Elbe, Weser und Donau, und
land war nicht erfüllt. im ganzen deutschen Vaterland klang es wieder.
In Frankreich aber schäumte es über von Neid und Eifer- »Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein.
sucht ob Sadowa. Wer will des Stromes Hüter sein?«
»Nieder mit Preussen! Dann sind wir gerächt!« So er- Dies hatten die Feinde nicht erwartet. So wurden sie politisch
scholl es durch’s Land, und der Kaiser folgte dem Druck. geschlagen, noch eh’ die Waffen blitzten.

39
Nr. 3 JUGEND 1896

In drei mächtigen Armeen zogen wir Deutsche an unsere »Franzosen sind’s, vom Korps Frossard, sorglos, denn
Westgrenze. Steinmetz mit der ersten und Prinz Friedrich sie halten den rothen Berg für unerstürmbar.«
Carl mit der zweiten sammelten sich an der Saar. Preussens Wenige Stunden später haben Rheinpreussen und West-
Kronprinz mit der dritten in der Rheinpfalz. falen in glühender Hitze die Höhen erstiegen, die französische
Man glaubte die Franzosen längst gerüstet. Sie haben Uebermacht geschlagen, den Feind in die Flucht gejagt.
nur aus Saarbrücken die kleine tapfere Garnison kurze Zeit Nun den Franzosen nach auf Metz!
verdrängt. Weiter kamen sie nicht vor. Es fehlte ihnen noch Bazaine hatte gewaltigen Vorsprung, Ob er entkommt?
an Allem. »Den Feind aufhalten, wo es geht; ihm westlich zuvor-
Wir aber standen am 4. August vollkommen bereit an kommen ; ihn in Metz einschliessen war das Ziel der Deutschen.
der Grenze und griffen natürlich sofort an. Die Bayern Hart- Es wurde marschiert wie toll.
mann’s stürmten auf Weissenburg. Turko und Zuaven wehrten Am 14. August erreichte man sie wieder.
den Marsch. Erschlagen blieben viele von ihnen liegen; der Bei Colombey Nouilly biss Steinmetz mit seinen West-
Rest entfloh. falen und Ostpreussen an.
Nun liess der Kronprinz die Preussen Kirchbach’s und Ging schwer genug. Aber es half.
Bose’s den Gaisberg angreifen. Hart und blutig war die Auf- Bazaine liess sich aufhalten, und dadurch fand die zweite
gabe. Aber sie gelang. deutsche Armee Zeit, Metz südlich zu umgehen. Am 16. wollte
Unterdessen hatten die Bayern Weissenburg selbst er- Bazaine westwärts abmarschiren. Plötzlich stürmten ihm die
obert — der erste Sieg war erfochten, gemeinsam vergossenes Brandenburger in die Flanke, und wie!
Blut hatte die Waffenbrüderschaft von Preussen und Bayern Alles setzten sie ein!
gekittet. Der Rest der geschlagenen feindlichen Division floh Diese braven Truppen, die Vionville eroberten! Diese
gegen Wörth. Dort stand Mac Mahon mit seinem Korps. todesmuthigen Reiter Bredows, die sich opferten! Und doch
Am 6. August stiess die dritte deutsche Armee auf diesen wäre es umsonst gewesen ohne die Hannoveraner. Die setzten
Feind. Beim V. preussischen Korps gings an. Vorpostenkämpfe. den letzten Athemzug daran. Sie kamen rechtzeitig, stürmten
Das II. bayerische wollte die Kameraden unterstützen. — und der Feind wich nach Metz zurück.
»Vor über die Sauer! Hurrah! Drauf!« Zwei Tage später versuchte es Bazaine zum zweiten
Das war zu früh; sie mussten zurück. Male mit seiner ganzen Armee.
Nun stürmten die preussischen Schlesier vor, den Bayern Nun stand aber Friedrich Carl bereit.
zu helfen. Bei Gravelotte begann das Wüthen, Westfalen und Rhein-
So Stands, als der Kronprinz kam. länder gegen fast uneinnehmbare, stark besetzte Stellungen.
Der sah sich um und sprach: »Es geht. Alle Reserven Das kostete entsetzlich Blut.
heran, und vorwärts!« Links davon Schleswigholsteiner gegen Amanvillers, ein
Wie griffen da Preussen, Bayern und Württemberger an! langes hartes Ringen.
Der Gegner wehrte sich wüthend. Half ihm nichts. Der Hauptkampf aber war nördlich bei St. Privat. Dort
Seine Infanterie wich; seine Artillerie war zusammengeschos- wollte Bazaine um jeden Preis durch. Dort aber haben Garden
sen, seine Reiterei fast ganz vernichtet. Gemeinsam haben und Sachsen ihn gepackt und sind über das freie Feld vor-
wir Eisasshausen und Fröschweiler erstürmt, Mac Mahons gegangen, trotzdem Tausende und Abertausende dem Feindes-
Armee war zerschmettert. blei erlagen, und haben gestürmt und wieder gestürmt, bis
Jetzt lag der Weg frei; die dritte deutsche Armee rückte wirklich — fast war die Kraft zu Ende — der rechte fran-
unaufhaltsam durch die Vogesen in das Herz Frankreichs vor. zösische Flügel geworfen, der Sieg errungen wurde.
Am Tage von Wörth überschritten auch die Vortruppen Nun griffen unten bei Gravelotte noch die Pommern
der ersten und zweiten deutschen Armee die Grenze. ein und brachten auch dort den heiss ersehnten Entscheid.
»Wer steht auf den Höhen von Spichern?« Damit war die Armee Bazaines endgültig nach Metz geworfen.

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1896 - JUGEND Nr. 3

Ans dem Kriegsskizzenbuche Ludwig von Nagels;


nach wahrer Begebenheit.

Eine langwierige, unendlich mühevolle Cernirung begann. Sachsen und Garden rechts, die Bayern Hartmann’s, Thüringer,
Bei Regen und Kälte, unter den grössten Strapazen hielten die Hessen und Niederschlesier links ihn völlig umfassen und
Preussen Metz umfasst. ihn sogar von der nahen belgischen Grenze abdrängen. Dann
Einige französische Durchbruchsversuche waren ver- geht’s von allen Seiten drauf, ein Kesseltreiben sondergleichen,
gebens. Am 27. Oktober erlag die bis dahin unbesiegte und trotz tapferster Gegenwehr ist Abends die französische
Festung. Metz ward wieder deutsch. Armee zusammengetrieben, umzingelt, zerschmettert, zer-
Des Kronprinzen Armee rückte unterdessen westwärts vor. schlagen, rettungslos verloren.
Hinter ihr belagerte Werder die Festung Strassburg. In der Nacht wird verhandelt.
Mit viel Eisen und Blei ward um die spröde Maid geworben. Moltke und Bismarck beweisen den französischen Ge-
Am 28. September gab sie sich. neralen, dass es kein Heil mehr gibt. Da fügen sie sich.
Auch Strassburg ward nun wieder deutsch. Die ganze französische Armee, und mit ihr der Kaiser, ist
Der Kronprinz kam bis Barle Duc. Plötzlich hiess es: gefangen und wird nach Deutschland gebracht. Dieser ge-
»Mac Mahon hat Chälons verlassen. Er will Metz befreien.« waltige Schlag warf den Thron der Napoleoniden um; Frank-
Nun hat Moltke sein Meisterwerk geschaffen. reich erklärte sich als Republik.
Im Nu bog die dritte deutsche Armee nordwärts ab, Wir dachten an Frieden, die Feinde noch nicht.
den Franzosen den Weg zu verlegen. Gut; also vorwärts nach Paris!
Tag und Nacht wurde marschiert. Am 30. August war Beide Kronprinzen rückten mit ihren Armeen westwärts
es gelungen. weiter. Am 19. September hatte die dritte Armee die Süd-
Die Gegner ahnten nichts. Sie lagerten bei Beaumont. hälfte, die Maasarmee die Nordhälfte der feindlichen Haupt-
Plötzlich regnet es Granaten, deutsche Granaten. Magde- stadt eingeschlossen. Dabei gab’s manchen harten Strauss.
burger und Bayern stürzen die Höhen herab. Diese Lawine Half den Franzosen aber nichts. In kurzer Zeit zog sich ein
erschlägt, was nicht flieht; die Sachsen stossen nach; ein undurchdringlicher Gürtel von befestigten Stellungen um Paris,
Korps Mac Mahon’s ist vernichtet. Er weicht auf Sedan. Dort und alle Versuche, ihn zu durchstossen, scheiterten an der
^ill er einen Tag rasten. Aber Moltke spinnt die Fäden; die tapferen deutschen Gegenwehr.
Truppen marschieren, marschieren. So dauerte es Monate.
Von Metz her ist Sachsens Kronprinz mit drei Korps Die deutschen Truppen Hessen die belagerten Pariser
gekommen, von Süden führte Preussens Kronprinz die dritte nicht aus der Falle, und wenn sie es doch versuchten, wie
Armee heran. bei Bagneux, Malmaison, Le Bourget und Villiers, dann schlugen
Am 1. September geht’s los. jene so kräftig zu, dass die Anderen trotz ihres verzweifelten
Die Bayern Tann s greifen bei Bazeilles an. Ein fürchter- Muthes zum Rückzug gezwungen waren. Freilich aus mancher
liches Ringen entsteht. Aber es hält den Gegner, bis die Wunde floss auch das Blut der braven Belagerer.

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Nr. 3 JUGEND 1896

Die Tage von Le Bourget haben unseren Garden derb zu- herbe’s, Gewehr bei Fuss; im Südosten trieb Manteuffel mit
gesetzt und das dreitägige Ringen um Villiers schlug tiefe Risse den Pommern und der Werder’schen Armee die Franzosen
in die sächsischen, württembergischen und preussischen Li- Bourbaki’s über Pontarlier in die Schweiz.
nien. Aber es lohnte sich herrlich, denn nicht ein einziger So endete der grosse Krieg.
Durchbruch der Pariser gelang. Am 1. März zogen wir triumphierend in Paris ein; am
Nun versuchten es die Provinzen, die bedrängte Haupt- 2. wurden die Friedenspräliminarien unterschrieben.
stadt zu retten. Gambetta organisirte die allgemeine National- Wir haben von 1,113,254 nach Frankreich ausmarschier-
vertheidigung, den Volkskrieg. ten Deutschen 129,700 Mann verloren,
Zuerst rückte eine Armee im Oktober von der Loire vor. Dagegen 383,841 Franzosen gefangen,
Sie gerieth unter die Fäuste der Bayern von der Tanns und 107 Fahnen,
der Thüringer. Orleans ward von Tann erobert; die erste 7,441 Geschütze erobert,
französische Loirearmee hatte aufgehört zu existieren. Un- 5 Milliarden erhalten.
ermüdlich stampfte Gambetta neue Massen aus dem Boden. Die Hauptsache aber war:
Vor diesen musste Tann eine kurze Strecke weichen. Jetzt »Eisass und Lothringen sind wieder deutsch, und wir
kam der Mecklenburger Grossherzog mit seinen Landeskin- haben, was wir so lange ersehnten, einen Kaiser und ein
dern und den Hanseaten den Bayern zu Hilfe, und die Thürin- einiges deutsches Reich.
ger griffen wieder ein. Hurrah !
In harten Kämpfen, unter unglaublichen Strapazen wies
diese tapfere Armeeabtheilung alle Vorstösse der feindlichen
Uebermacht zurück.
Unterdessen rückte Prinz Friedrich Carl mit der zweiten
Armee von Metz heran. Der fasste die Franzosen im Osten.
Bei Beatme la Rolande hat er sie so erschüttert, dass ihnen dort
die Lust zu weiterem Vordringen verging.
Nun marschierte der Mecklenburger abermals gegen Or-
leans vor. Schlacht auf Schlacht — Loigny etc. — folgte,
blut- und leichenbedeckte Schnee- und Eisfelder bezeichneten
den Weg. Aber es gelang.
Orleans wurde von Tann’s Bayern, von Mecklenburgern,
Hanseaten, Thüringern und Preussen zum zweiten Male er-
obert. Abschied.
Und doch hatten die Franzosen noch nicht genug. Chanzy
Scherzend sagt' ich deinen Lippen
drang mit neuen Massen vor. Zuerst zerschellte er aber am
Lebewohl zum letzten Mal,
Widerstand der Deutschen, des Mecklenburgers bei Beaugency
Aber tobend an die Rippen
Cravant. Und dann kam Prinz Friedrich Carl über ihn, warf
Schlug das Herz in stummer Qual.
ihn gegen die Sarthe zurück und machte mit seinen Branden-
burgern, Hannoveranern und Schleswigholsteinern in der Deiner Augen Todesleuchten
dreitägigen blutigen Schlacht bei Le Mans ihm den Garaus. Glänzte wie aus andrer Welt.
Wer diesen Winterfeldzug an der Loire und Sarthe mit- Manchmal sah ich solches Leuchten —
gemacht, vergisst ihn nie. Er war die schwerste Aufgabe Wenn ein Stern vom Himmel fällt.
des ganzen Krieges.
Auch die französischen Nordprovinzen wollten der Haupt-
stadt beistehen. Faidherbe zog über Hamm südwärts. Er stiess
*
auf Goebens Ostpreussen und Rheinländer und wurde an der
Hallue am 23. und 24. Dezember gründlich geschlagen. Vorbei.
Noch immer gab Gambetta nicht nach. Er trieb im Süd- Das Donnerwetter im Herzen
osten um Dijon neue Massen zusammen. Bourbaki sollte mit
Hat ausgegrollt;
ihnen hinter den deutschen Armeen in Deutschland selbst
Von der Wimper die letzte
einfallen, Garibaldi mit der Vogesenarmee ihm die Flanke Zornige Zähre rollt.
decken. Das war kühn erdacht und unternommen, scheiterte
aber gänzlich an der zähen, todesmuthigen Gegenwehr der Schon wehen kühle Gedanken
Badenser und übrigen Deutschen Werder’s, die bei Villersexel Wie Morgenlüfte her;
und an der Lisaine leisteten, was menschenmöglich war. Wenn wir uns Wiedersehen
Nun blieb Paris sich selbst überlassen; es musste fallen. Ich kenn' dich nicht mehr.
Als äusserstes Druckmittel hatte man mit der Beschiess- ALBERT MATTHAEI.
ung der französischen Hauptstadt begonnen. Dies und der
täglich zunehmende Mangel veranlassten die tapferen Ver-
theidiger zum letzten Versuch. Beim Mont Valerien fielen
100,000 Mann aus und wurden am 19. Januar 1871 durch
Niederschlesier gründlich geschlagen.
Am 18. erstand in Versailles der deutsche Kaiserthron.
Am 28. kapitulierte Paris.
In den Provinzen fiel eine Festung nach der andern in
deutsche Hände; im Süden, Westen und Norden standen
entmuthigt die Trümmer der Armeen Chanzy’s und Faid-

42
1896 JUGEND Nr. 3

Plötzlich stiess er einen kurzen, jauchzenden Laut aus,


Frühlingswind. hob sie auf seine Arme und stürmte mit ihr vorwärts. Sie
»Die haben sich lieb, die haben sich lieb!« sagte ein wollte sich wehren: »Was thust Du — was thust Du?« Er
Maiglöckchen und wiegte sich hin und her. drückte sie nur fester an seine breite, junge Mannesbrust.
»Ja, sie haben sich lieb«, sagte die alte Eiche, und Nun Hess er sie los, blieb schwerathmend stehen, fasste
grösste mit ihren Zweigen wohlwollend herab zu dem jungen ihr Gesichtchen mit beiden Händen — und küsste sie auf
Paar, das zu ihren Füssen sass. Und der Frühlingswind, der Stirn und Augen, dazwischen sprechend:
verliebte Geselle, hauchte so warm und liebkosend auf die »O Du, - Du! Du kleines - Du liebes -. Und Deine guten
Wange des jungen Mädchens, dass es erschrocken aufsah, Augen! Siehst Du, die werde ich nicht vergessen, wenn ich da
weil es meinte, ihr Gefährte beuge sich so nahe zu ihr, um draussen bin; die werde ich immer vor mir sehen — und
sie zu küssen. Aber so weit waren sie noch nicht; sie werde immer an Dich denken müssen — immer — immer —«.
blickten sich nur zärtlich in die Augen und sprachen hie
und da ein liebes, verwirrtes Wort. »Jetzt lass’ mich ein wenig in Ruhe mit Deinem Ge-
»Freilich haben sie sich lieb«, sagte der Wind befriedigt; tändel«, sagte die alte Eiche zum Frühlingswind, der in ihren
er hatte mit seinem leisen Wehen einen Strom von Frühlings- Blättern spielte. »Ich will nachdenken«.
duft hineingetragen in das enge Städtchen, und so die Beiden »Nachdenken?« lachte der Schelm und zupfte sie noch
herausgelockt; er wusste wohl, warum. Nun jagte er ein mehr.
paar Schmetterlinge zu den kleinen Frühlingsblüthen, »weil »Jawohl! Davon verstehst Du natürlich nichts.« Sie
sie gar zu neugierig hinüberschauten.« Das konnten sie jetzt schüttelte ärgerlich die Zweige. — »Ich muss immer an das
nicht mehr, denn sie hatten mit sich selbst zu thun. junge Menschenpaar denken, das da einmal im Frühling vor
Langsam sank die Sonne und umfing Alles umher mit mir sass. Zehn Ringe habe ich derweilen angesetzt, das
ihrem Glorienschein. sind Jahre für die Menschen. Und ich denke nun darüber
Er nahm seinen Hut, den sie mit einem Blätterkranz nach, warum sie nicht zu mir gekommen sind.«
geschmückt hatte. »Wie gut Du bist!« sagte er und küsste »Ich will Dir den Gefallen thun und nachspüren«, sagte
ihre Hände. Dann legte er mit stiller Bewegung den Kopf der Wind.
auf ihren Schooss. Husch! war er im Städtchen. Er hatte es leicht, in die
Sie wagte sich nicht zu rühren; der alte Baum meinte, Häuser zu schauen, die Fenster waren fast überall geöffnet.
ihr Herz klopfen zu hören. — Er'suchte und suchte und fand — sie. Einen Brief in der
»Wir müssen heim«, sagte sie endlich. Als sie den Hand haltend, blickte sie in Gedanken verloren vor sich hin.
Hügel hinuntergingen, kam die Mondsichel über den Bäumen »Marie!«
hervor. Sie fuhr auf, als hätte sie geträumt, legte das Blatt aus
»Sing’ mir ein Lied«, bat er. der Hand und folgte dem Rufe. Offen lag der Brief da:
»Was für ein Lied?« Verehrte, gnädige Frau!
»Ein schönes!« In den nächsten Tagen führt mich mein Weg durch
Er legte den Arm um sie und fasste ihre Hand. Lang- meine Vaterstadt. Ich werde nicht verfehlen, Ihnen und
sam schritten sie über die Wiesen und durch die stille Ihrem werthen Gatten meine Aufwartung zu machen. Ich
Frühlingsdämmerung bebte ihr weiches Stimmchen: freue mich sehr, Sie wiederzusehen; dann wollen wir von
»Ach, wie ist’s möglich dann, vergangenen Tagen reden und lachen — — —
Dass ich Dich lassen kann«-— »Lachen« — —, das Wort hatte sie veranlasst, so vor
_ _Feierlich standen die Bäume und lauschten. sich hinzustarren. —
Im Nu war der Wind bei der Eiche und erzählte ihr,
»Du hast die Seele mein, was er nun wusste.
_ _ So ganz genommen ein«- »Ich begreife das nicht«, meinte diese.
Als sie fertig war, sagte er leise: »Ich komme mehr unter die Leute«, sagte der Wind.
Wir wollen diesen Abend nie vergessen!« »Er hat es gemacht, wie die Andern auch. Weisst Du, wie
»Nein, nie!« sie das nennen? Jugendeselei! Und sie lachen dabei und
Sie waren nicht weit von der Stadt; schon leuchteten zucken die Achseln über sich selbst.«
ie enster auf und zwinkerten wie schelmische Menschen- »Das ist abscheulich!« sagte der alte Baum.
augen zu ihnen herüber »Ich finde es sehr lustig«, rief der Wind und eilte davon.
LISBETH UNDEMANN.

\ 43
Nr. 3 Soll

Nach uns von dem bewährten Volksbeglücker Schrullenberger zur Verfügung gestellten Entwürfen hat der Zeichner hier
dargestellt, wie es den Soldaten während ihrer Dienstzeit eigentlich ergehen müsste in der Instruktionsstunde, bei
dem in eine Art von Anschauungsunterricht verwandelten Exerzieren, im Mannschaftscasino, auf dem Marsche, in den
Erholungsstunden und im Arrest — wenn dieser nicht besser ganz abgeschafft wird.

44
Haben 1896

Wie nach
Militär den durchaus
wirkliVh glaubwürdigen Schilderungen
kIu « gmuuwuiuigen des besagten
^ci *-~b^krasse
^icrrn Herrn Schrullenberger
schrulienberger die Söhne desdie Söhi ^_ , 1
Landes
Militär wirklich behandelt werden. Einige besonders Fälle von
Herrn in Obip^tr»
Herrn in Obigem —j Einige besonders krasse Fälle von Misshandlungen sind nach den Berichten c
«ft. u . werden-
a f e'sSetreu abgebildet und im klebrigen ist dargestellt, was die Unglücklichen im Manch
zu erdulden haben, wie ihre Menage und ihre Arrestlokale beschaffen sind.

45
Nr. 3 . JUGEND - 1896

Früher war’s so meine Weise, Ach, und doch - - wo ist ein Weiser,
Abenddämmerung Dass ich stets ein Nein ihm bot; Der mir dieses Räthsel deute!
am See. Stupft’ er mich am Arm nur leise, Scheinen will mir, dass ich heute
Immer wurd’ ich feuerroth. Nicht wie einst dir theuer bin.
Weit draussen auf der glatten Welle
Liegt still ein Segel regungslos; Was er jetzt auch mag verlangen, Und ich quäle mich im Stillen,
Wie von der Nacht gebannt zur Stelle, Immer noch, wie sonst geschah, Denk ich jener schönen Zeiten
Der Nacht, die andringt ruhig gross. Feuerroth glühn mir die Wangen, Voll verstohlner Süssigkeiten —
Sie hält das Schiff am Zauberbande Doch mein Mund sagt immer: Ja! Jene Zeiten sind dahin!
Der schönen Ufer, da zugleich
Des Mondes Licht Gebirge, Lande Jene schönen Tage, Liebchen,
Umgibt mit seinem Geisterreich. & Wo, wenn sich die Augen fanden,
HERMANN VON LINGG. Zitternd wir beisammen standen
Mit erröthendem Gesicht.
Nachher und vorher.
Jene Zeit, wo hold erglühend
Seh’ ich dich nur an, so lachst du, Stets dein Mund: Ich will nicht! sagte,
Kehrst dich nicht mehr ab so thörig; Ich darauf: Warum denn? fragte,
Ruf’ ich dich, die Antwort hör’ ich: Und du sagtest: Warum nicht?
Vorher und nachher. Hier, mein Liebster! Ich bin da. AUS DEM ITALIENISCHEN DES RICCARDO
Was der Priester sprach für Worte, Schöner bist du noch, als früher, SELVATICO VON PAUL HEYSE.
Flog mir nur am Ohr vorbei; Täglich neuen Reiz enthüllst du,
Weiss nur, aus der Kirchenpforte Jeden Wunsch von mir erfüllst du,
Gingen Arm in Arm wir Zwei. Stets erwiderst du nur: Ja.

Aus einer Wiener Karikaturenmappe.

Gezeichnet von O. Böhler.

Wie der Herr Hofburgschauspieler N. N. Unterricht erhält in der Aussprache des englischen „th“.
Sprechen Sie „dshzs“! Sprechen Sie „dzshsz“!

46
1896 JUGEND Nr. 3

Carl Strathmann.
Originalzeichnung von
Oie Jungfrau riecht an der Lilie, Der Kohl hat einen tiefen
Dem duftenden Jungfraun-Symbol, Poetisch-mystischen Sinn:
Und denkt dabei an den neusten Es steckt das Liebesgeheimniss
Symbolischen Blumenkohl. Der Symbolisten drin. A. M.
47
Nr. 3 JUGEND 1896

Hugo v. Habermann.
Nr. 3
1896 . JUGEND

Das Gehirn unsrer lieben schaft zu fassen, — was Männer erdachten, kann nur von
Männern begriffen werden. Das ist göttliche Ordnung*) ■
Schwestern. mulier taceat in ecclesia.“
Das eben, liebe Schwestern, will ich heute zu Eurem
*Unter allen höheren Regungen und Bewegungen un- Frommen an den Pranger stellen, auf die Gefahr hin, als
serer Zeit erscheint mir, rein menschlich betrachtet, als die Verräther am Geheimniss „männlicher Wissenschaft“ be-
schönste und interessanteste der Kampf unserer Schwestern trachtet zu werden: Die ganze Lehre von der Inferiorität
um Gleichstellung mit dem starken, dem herrschenden und des weiblichen Gehirns ist eine fromme Mär, ein
unterdrückenden Geschlecht; ja ich halte es für möglich, dass wissenschaftliches Quiproquo, das eben nur beweist, wie lange
nicht etwa die sozialen und wirthschaftlichen Dissidien der und hartnäckig Männer zu irren im Stande sind. Diese Lehre
Männerwelt — zum Theil recht dumme Sachen — dem kom- beruht auf zwei falschen Voraussetzungen, nämlich erstens,
menden Jahrhundert seinen eigenthümlichen Stempel auf- dass das Gewicht des gesammten Gehirnes ganz direkt als
drücken werden, sondern dass dieses Jahrhundert seine Welt- Massstab für die Intelligenz zu nehmen sei, und zweitens,
signatur recht eigentlich von der Lösung der „Frauenfrage“ dass es statthaft sei, mit statistischen Durchschnitten
erhalten wird. aus Massenbeobachtungen einer Frage auf den Leib zu rücken,
Denn was wir bisher davon erlebt, das war und ist nur in welcher nur mit individuellen Begabungen gerechnet
erst Vorpostengefecht. Man kann zwar nicht leugnen, dass werden darf.
unsere Schwestern schon manche Positionen errungen ha- Beginnen wir mit dem zweiten Trugschluss, so ist es
ben, die früher uneinnehmbar schienen, und dass sie diese doch zunächst klar, dass auch unter Denen vom starken Ge-
mit grossem Geschick vertheidigen und befestigen, aber die schlecht gewiss nur ein mässiger Prozentsatz zu wissenschaft-
eigentlichen „Sperrforts“ der Gleichberechtigung — denn sie lichen Studien und Berufsübungen befähigt ist. Dieser Satz ist
wollen „uns“ ja nicht verdrängen, sie begehren nur Einlass! sogar ziemlich gering, er mag 5 bis 10 Prozent ausmachen,
diese Sperrforts sind noch ausschliesslich in den Händen kaum mehr. Nehmen wir nun an, bei den Weiblein seien
der Männer, und immer noch, wenn die muthige Schaar mit es nur 2 bis 3, ja nur 1 Prozent, — mit welchem Rechte
hellklingendem Kriegsgeschrei neuen Ansturm wagt, ertönt will man dieser Minderzahl die Betheiligung an den wissen-
ihr im tiefsten Basse das „Zurück“ der Thorwächter entgegen. schaftlichen Studien, die der Staat ermöglicht, wehren?
Im tiefsten Basse wissenschaftlicher Ueberzeugungs- Lehrt nicht Jeden schon die persönliche Erfahrung, dass es
treue! Dies „Zurück“ klingt so wahr und so bieder, und ist viele Frauen gibt, die an Intelligenz ihre männliche Umgeb-
doch oft, ja zumeist nichts als geschlechtsegoistische Ueber- ung weit überragen? Und ist nicht schon von vielen Frauen
hebung, mit der wir seit Adams Zeiten unsere ach! so lieben der Beweis geliefert, dass sie mit Erfolg der Erforschung
und ach! so unentbehrlichen Schwestern der Schlangenrolle und Verkündigung der Wahrheit zu dienen vermögen?
zu verdächtigen und zur Strafe dafür auch noch zu terrorisiren, Was aber das ominöse Gewicht des Gehirns anbelangt,
mit Eifersucht zu quälen, zu haremisiren und zu kemenati- so ist es ja richtig, dass im Grossen und Ganzen das
siren gewohnt sind, immer unter dem heuchlerischen Vor- weibliche um ein paar Hundert Gramm leichter ist als das
hände der ritterlichen Fürsorge. Als ob sie was davon hätten, männliche, — was nicht ausschliesst, dass Millionen männ-
ass sie uns wie wir so gerne singen — himmlische Rosen licher Spatzengehirne von Millionen weiblichen Gehirnen auch
ins irdische Leben flechten! an Gewicht weit übertroffen werden. Aber die Hauptsache ist,
Da ist denn das Sperrfort der Universität. Zum hundert- dass nach den neuesten Forschungen auf diesem Gebiete
sten ale wird den wissensdurstigen Frauen von Einem im das Gesammtgewicht des Gehirns für die Beurtheilung der
a ar gesagt. „Da habt Ihr nichts zu suchen!“ Und um Intelligenz überhaupt keine nennenswerte Bedeutung
em Woite den rechten zeitgemässen Nachdruck zu geben, hat. Solche Bedeutung kommt nur verhältnissmässig kleinen
hu mit hichtigthuendem Pathos hinzugefügt: „Wie solltet
hr auch? Euer Gehirn ist zu klein, um unsere Wissen- *) Eigenste Worte eines berühmten Professors der Anatomie.

49
Nr. 3 JUGEND 1896

Partien des Gehirns, vor Allem der „Grosshirnrinde“ zu, aus denen sich u. a. auch unsere Stimme zum Bass ent-
und auch hier stehen die dem höheren Denken dienenden wickelt, und welche jenen Brustton der Ueberzeugung zeitigen,
Nervenkörper neben solchen, welche ganz direkt die Sinnes- der so oft nur leerer Schall ist. Ueberall wo raubthierartige
werkzeuge und die Muskulatur im Zentralorgan vertreten. Die Energie, rohe Kraft, Leidenschaft, Brüllen etc. am Platze sind,
genaue Unterscheidung aller dieser Elemente ist äusserst da wird der Mann der Frau stets überlegen bleiben; er ist
schwierig und erst im Werden begriffen. Das Gesammt- kühner und verwegener in allen Dingen, auch im Denken
gewicht des Gehirns aber steht normaler Weise viel eher und Phantasiren. Dafür ist die Frau feiner, geduldiger, sorg-
zur Körpergrösse, zur leiblichen Entwicklung und Kraft, als licher, mitleidsvoller. Wenn sie nicht alle physischen und die
zur Intelligenz im Verhältniss. Das Riesengehirn eines Bis- meisten moralischen Lasten der Fortpflanzung zu tragen hätte
marck erklärt sich zum grössten Theile aus der ganzen wuch- — wer weiss, ob sie nicht längst unsere gefährliche Rivalin
tigen Persönlichkeit des ungewöhnlich grossen und starken auch im staatlichen Leben wäre!
Mannes; dass darin die Denkzentren einen verhältniss- Wer aber meint, dass das „hysteroi'de Denken“ (wie ich
mässig grossen Raum einnehmen, ist zweifellos. Im klebri- ganz allgemein das sprunghafte und durchlöcherte Denken nen-
gen kann auch ein grosser dummer Kerl ein sehr schweres und nen möchte) ein trauriges Vorrecht unserer lieben Schwestern
grosses, ein zartes und gescheidtes Männlein ein sehr kleines sei, der ist gewaltig im Irrthum. Wir müssten denn, — wollten
Gehirn besitzen, und genau so verhält es sich bei unseren wir gewisse Unzulänglichkeiten in Bau, Ernährung und Ver-
Schwestern. Da die meisten unter diesen von kleinerer Statur knüpfung der Denkzellen als „weibliches Prinzip“ bezeichnen,
und weniger raubthierartig beschaffen sind, als die Männer, — uns zu dem ungeheuerlichen, aber tiefsinnigen Satze ver-
so haben auch die meisten ein leichteres Gehirn, — nicht steigert : „Es gibt unter den Männern mehr Weiber, als unter
weil sie dümmer sind, als die Männer! den Weibern Männer.“ Ist doch die Geschichte menschlicher
Jene Gehirnpartien aber, welche speziell der Intelligenz Grausamkeit undZerstörungswuth, menschlichen Irrthums und
als Grundlage dienen, sind in ihrer Ausbreitung nicht blos Aberglaubens im Wesentlichen nur eine Geschichte männ-
das Produkt der Erbanlage, sondern auch der Uebung und licher Geistesumnachtung!
der durch diese bedingten spezifischen Ernährung. Man ver- Also, verehrte liebe Schwestern, vertrauen Sie getrost
statte dem zu höherer geistiger Thätigkeit veranlagten Frauen- dem göttlichen Funken, mit dem auch Ihr Gehirn geladen
hirn die rechtzeitige Uebung und die stolzen Thorwächter ist; aber vergessen Sie nicht, dass die Lehre »von dem
der Sperrforts werden sich wundern, wie viele geschickte Rechte, das mit uns geboren«, in der männlichen Rechts-
Kolleginnen sich ihnen an die Seite stellen werden. philosophie niemals für die Frau gegolten hat. Was Sie in der
Was der Mann trotzdem im Allgemeinen in fast allen Gleichberechtigung mit uns Männern auf den Gebieten geist-
geistigen Thätigkeiten vor der Frau voraus hat und wohl igen Schaffens erreichen werden, werden Sie uns ab trotzen
immer voraus haben wird, das beruht in der~stärkeren An- müssen in heissem Kampfe und unter Anwendung aller er-
griffsfähigkeit, welche ihrerseits wesentlich von geschlecht- denklichen Kriegslisten. Und darin sind Sie uns ja über-
lichen Verhältnissen abhängt, — von jenen Verhältnissen, legen, — wenn Sie wollen. georg hirth.

An der Seine, wo von jeher Wie wird der Bulgarenfürste


Rückblick u. Ausschau. Art und Sitte gar so fein sind, Festigen sein schwankend’ Thrönchen?
Von Ibykus. Zittert man vor einem Menschen, Wird den rechten Glauben finden
Dessen Hände gar nicht rein sind. — Er für sein durchlaucht’ges Söhnchen? —
Wieder nach des Jahres Wende
Aus dem Harem trat der Kranke Wer kann’s wissen? — Und tief unten
Blick ich sinnend und verwundert
Auf das menschliche Getriebe Mann, und Said Pascha rief er. Geht ein Grollen durch die Masse.
Doch den Pascha packt ein Grausen; Mit der Armuth bitterm Jammer
In dem sinkenden Jahrhundert.
Schleunigst um die Ecke lief er. — Bündet sich der Neid, der blasse.
Die civilisierten Völker Ueberall ein Zukunftsbangen, Den Enterbten Glück verheissend
Bringen durch die fernsten Meere Ueberall ein banges Zagen. Und das Ende ihrer Nöthen
Höhere Cultur und Bildung Selbst die Mächtigen der Erde Seh ich durch die Lande schleichen
Und — die Repetiergewehre. Stehen stumm vor solchen Fragen: Hassverbreitende Propheten.

Drohend starren in Europa Wird der heil’ge Vater schliesslich Bebel mit der rothen Fahne
Millionen Bajonette, Dulden, dass der Portugiesen Klopft schon leis’ an die Kasernen.
Während Frau von Suttner lieblich König in dem Quirinale Und wir wandeln dunkle Wege
Bläst die Friedens-Klarinette. Seine Liebden lassen grüssen? — Trotz elektrischer Laternen.

50
1896
JUGEND Nr. 3
Aller Orten gährt und kocht es
Wie in einem Hexenkessel; Die bayerischen Reichsräthe im Hofbräuhaus.
Nach den Thronen zischt und pocht es, Des Reiches Räthe, sogar die erblichen, D’rauf sprachen in Weisheit des Reiches
Wackelnd stehn Ministersessel. Trinken Bier so gut, wie die anderen Sterb- Räthe:
Ach! was nützt es, wenn voll Eifer lichen. »Wie wär’s, wenn man’s selber verkosten
Fromme, zartgestimmte Seelen Da ward nun behauptet jüngst in der thäte?«
Späh’n umher zum Wohl des Volkes, Kammer, Gesagt — gethan! Wie Sepperl und Natzl
Wo noch Feigenblätter fehlen! Mit dem Hofbräubier da sei es ein Jammer. Schritten die fürnehmen Herren zum Platz!.

Denn die Welt ist schlecht, und lange


Schon sie nimmermehr gefällt mir,
Weil der Menschen planlos’ Treiben
Alle Freude dran vergällt mir. —

Sachte, Freund! Noch Eines giebt es,


Welches immer int’ressant ist,
Wo die Energie des Strebens
Und Empfindens hochgespannt ist.
Dieses Eine wirst du immer
Sehn die schönsten Blüthen treiben,
Und in Ernst und toller Laune
Wird es gleich erfreulich bleiben.
Mag herum das Unkraut schiessen,
Dort gedeihet noch die Tugend.
Freu’n wir uns, dass wir es haben
Dieses Eine, s’ist die Jugend.

Topp! Jedoch das Heer der Thoren


Möchten wir nicht ganz entbehren,
Weil wir oft aus ihren Thaten
Ziehen unsre besten Lehren.
Bis vom Kopfe der Bavaria
Man ein Häusermeer nur schau’n wird, —
Bis der Wittelsbacher Brunnen
Von der Sonne kaffebraun wird, —
Stirbt sie noch nicht aus, die Thorheit,
Und aus unserm Fenster lugend,
Wollen wir sie recht betrachten
Und belachen, wir,
die „JUGEND“.

Das war der Graf Grapski auf Klazkowo


Im Lande der Bettelstudenten,
Dem musste ein löbliches Schöffengericht
Vor Kurzem ein Strafmandat senden.
Das war der Graf Grapski auf Klazkowo
Der hat seine Wuth nicht gezügelt
Und — weil ihm der Freche die Hand nicht
geküsst, — Sie kosteten lange und schlürften tief Und wo noch solches vorhanden war
Einen deutschen Beamten geprügelt. Und mancher durchlauchtige Mund ward Stand ihnen zu Berge hoch ihr Haar.
Drauf hat man verdonnert zu fünfzig Mark schief. Da riefen Hochwohl- und Hochgeboren:
Den temperamentvollen Grafen — Und drinnen in höchstihren Eingeweiden »O weh ! Da ist Hopfen und Malz verloren.«
Doch dass ihn der Andere nicht wieder Fühlten sie’s bohren und sägen und
verhau’n, schneiden.
Das soll man empfindlicher strafen!
Den hätt’ ich vom Amte suspendiert
Der Nieverlegene
Bis dass eine Quittung ihm schriebe Wenn in schwersten Schicksalslagen Einen wird es nie gelingen,
Der edle Graf Grapski auf Klazkowo — Alle Weisheit will versagen, In Verlegenheit zu bringen.
Für die wieder erhaltenen Hiebe! Wenn die klügsten Diplomaten Alles weiss und weiss er besser,
Der bekannte _ Herr Professor
r*-~„c
Im Erwägen, im Berathen,
GEORG BÖTTICHER.
Zögernd steh’n und stumm: Vom Gymnasium.

5'
Inseraten-Annahme Insertions-Gebühren
durch alle Annoncen-Expeditionen
sowie durch
G. Hirth’s Verlag in München
und Leipzig. JUGEND G. Hirth’s Kunstverlag in München & Leipzig.
fllr die
4 gespalt. Colonelzeile oder deren
Raum JL I.—.

abdrucken. Der Humor lässt sich ja selten aus


einer Sprache in die andere übersetzen.
Der Cicerone
in der
Das Titelblatt dieser Nummer, das den
alten Bismarck so trefflich schildert, wie er den
Kgl. Aelteren Pinakothek in München zerbrochenen Reichsadler wieder zusammen-
Eine Anleitung zum Genuss und Verständniss leimt, ist von Rudolf S e i t z , desgleichen die
der hier vereinigten Kunstschätze. reizende Titel-Vignette unter dem „Gruss an
die Jugend“ in unserer ersten (Doppel-)Nummer.
Herausgegeben von
Georg Hirth und Richard Muther. Unsere Mitarbeiter: Zugegangen oder in
Aussicht gestellt sind uns künstlerischeBei-
336 Seiten kl. 8° mit 190 Illustrationen. träge von: Julius Adam, Henry Albrecht,
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Der Cicerone ner, Fritz Burger, Caran cPAche, J. Carben,
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Königl. Gemäldegalerie in Berlin. lius Diez, L. Dill, O. Eckmann, Fritz Erler,
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der hier vereinigten Kunstschätze. Hugo Freiherr v. Habermann, Helleu, Louis
Herausgegeben von Hertzog, Paul Hey, Arthur Hirth, E. Hirsch,
Georg Hirth und Richard Muther. Hugo Höppener (Fidus), E. Hollenberg, A-
500 Seiten kl. 8° mit 200 Illustrationen. Horstig, J. Huber, Ibels, Jeanniot, Olaf Jern-
Preis brosch. Mk. 3.—, geb. ä la Baedeker Mk. 3.50. berg, Jossot, Arthur Kampf, F. A. v. Kaul'
bach, A. Keller, Max Klinger, J. Kerschen-
steiner, E. Kneiss, Franz Kozics, Lautrer, Le-
Diese Führer haben den Zweck, dem Besucher
die künstlerische und kunstwissenschaftliche Bedeutung ander, Franz v. Lenbach, Max Liebermann,
der Schätze der Gemäldegalerien zu erklären. Es ge- E. Lugo, A. Mareks, Karl Marr, v. Meissl,
schieht dies in einer allgemeinen Einleitung von Georg 0 Melly, Metivet, P. Meyer-Mainz, L. v. Nagelt
Hirth, ferner in einer pragmatischen Darstell- Vilma Parlaghy, Radiguet, A. Rietti, Th. Rocholl
ung der Bilder von Richard Muther.
Leo Samberger, J. Sattler, Scheuermann, fl-
Illustration von Robert Anning Bell zu „A Midsummer Schlitt, Arfad Schmidhammer. J. Schmitzbergeft
Nigth’s^Dream”, London, J. M. Dent.
Th. Schmuz-Baudiss, Carl Schnebel, Otto Seith
Rudolf Seitz, Werner Schuch, Max Slevogti
Steinten, L. Stockmann, C. Strathmann, Front
Stuck, Hans Thoma, W. Trübtier, Fritz v. Uhdtt
Ch. Vetter, Valloton, H. Zügel.
Literarische Beiträge von: Conrad
Alberti, Hermann Almers, Ferd. Bonn, M. G>
Conrad, Juliane Dery, Georg Ebers, Fran1
Fvers, K. E. Franzos, Ludwig Fulda, Mn*
ILalbe, Otto Erich Hartleben, Karl Henkell
Wilh. Hertz, Paul Heyse, G. Hirth, H.
Briefkasten. Hopfen, Otto v. Leixner, Hermann Lingg, Ali-
Matthaei, F. v. Ostini, Wilhelm Raabe, I"
Frl. A. L. Augsburg. Wenn Sie Ideen Rauchenegger, 0. Roese, P. K. Rosegger, Friede
haben für Bilder und Text und ihnen nicht künst- Schanz, Rieh. Schmid- Cabanis, Arth. Schnitzlet'
lerischen Ausdruck geben können — kritzeln L. Soyaux, C. Tanera, Joh. Trojan, R. v. Seyd-
Sie Ihre Bilder getrost so kindlich als Sie wol- litz, Paul Verlaine, R. Voss.
len, auf ein Blättchen Papier, wir haben Künst- Originalcompositionen von: Frnsl
ler genug an der Hand, welche zeichnen kön- Baecker, A. Bungert, Emil Hess, IL. Somntey
nen, aber um Ideen verlegen sind. Ebenso Richard Strauss, L. Thuille u. A.
braucht eine gute Idee in Worten nicht druck- Von den uns eingesandten Arbeiten „Del
reif eingesandt zu werden — wir nehmen das Krieg 1870—71 in 1870 Worten" ha1
Kind Ihrer Muse oder Ihres Humors schon in sich als die Geeignetste ergeben die von Kan
orthopädische Kur! Also getrost einsenden. v. Tanera, k. Hauptmann a. D. (Berlin). Die'
L. v. M., Berlin. Da die „Jugend“ es ser wurde der erste Preis (200 Mark) zu Theil-
sich zur Aufgabe gemacht hat, ihre Leser auch Den zweiten Preis (60 Mark) erhält die Arbeit
mit hervorragenden ausländischen Künstlern be- von Max Dittrich in Dresden. Den dritten
kannt zu machen und die Mehrzahl von diesen, Preis (40 Mark) erhält die Arbeit von Josef
namentlich die Herren Karikaturenzeichner ihre Riemerschmidt in Ehrenberg.
Texte zu den Bildern selbst schreiben, so müs- In unserer nächsten Nummer bringen »-It
Zeichnung von Dudley Hardy im »Courrier franfais«. j sen wir wohl oder übel, um ihr künstlerisches ein Lied: „Wenn . . .“ von Carl Busse, Origi'
Ensemble nicht zu stören, jene Worte im Urtext n a 1 - C10 m p o s i t i o n von Richard Strauss.

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Herausgeber: Dr. GEORG HIRTH; verantwortlicher Redakteur: F. VON OSTINI; verantwortlich für den Inseratentheil: G. EICHMANN; G. HIRTH’S Kunstverlag; sämmthe
München. Druck von KNORR & HIRTH, Ges. m. beschr. Hftg. in München.
1896 25. J A N U A R
JUGEND I. Jahrgang Nr. 4.

Munchnei illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben. — G. Hirth’s Verlag in


ALLE RECHTE VORBEHALTEN.
München & Leipzig.
Nr. 4
JUGEND
1896

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54
Nr. 4
1896 JUGEND
Sieh! die Messe ist zu Ende —
Und die Gläubigen verlassen
Ihre kleine Kirche, deren
Thurm so spitz, wie eine Spindel.
Bunte, sonntägliche Gruppen
Drängen aus der Kirchenpforte
Und verziehen sich allmälig
Bis es leer wird auf dem Platze.
Aber halt! was für ein grelles
Ding liegt an der Kirchhofsmauer?
Ich trat näher, und vor mir
Lag ein buntes Taschentuch.
Zweifellos verlor es eben
Einer jener Kirchengänger. »Du!« ER, der Rechtsanwalt, mit dem moquanten
Richtig! — dorten in der Ferne »Miez?« Lächeln — sein ganzer Witz besteht aus
Naht ein Weiblein, ängstlich suchend. »Arthur! Setze Dich einmal neben mich! diesem Lächeln — und der Major, der
Schnell heb’ ich das Tuch vom Boden, Nicht gar so nahe — so! Ich habe Dir schon immer hüpft wie eine Naive, um seinen
Will’s der Frau entgegentragen — seit Langem Etwas zu sagen.« Rheumatismus wegzuleugnen, der sanfte
Da entdeck’ ich einen Knoten »Himmel, wie ernsthaft! Wird’s eine Lyriker, der Dich fortwährend mit seinen
Und im Knoten fühl’ ich Schätze. Blicken andichtet, dann der Baron mit den
Strafpredigt?« grossen Schulden und dem kleinen Schnurr-
Was mich antrieb, weiss ich selbst nicht — »Nein — ich will Dir nur sagen — bart — Sie alle machen Dir den Hof und
Kurz, ich öffnete den Knoten: dass wir keine Kinder mehr sind.« beneiden mich um das Vorrecht, Dich Du-
Ach, wie traurig, ach, wie rührend! »Wir?« zen zu dürfen. — Und — Miez! Sag’ ein-
Tiefer Armuth Spuren sah ich! »Du brauchst gar nicht so spöttisch zu mal ehrlich — wie kamst Du überhaupt
Wenige kleine Silbermünzen thun! Auch ich bin kein Kind mehr!« darauf?«
Lagen abgesondert, etwas »Natürlich — siebzehn gewesen!« »Ich kam ja gar nicht darauf — oder
Nickel gab’s. Das Andere »Bald achtzehn! Und ich sehe aus wie doch — aber nicht ganz allein! Mama —
War gemeines Kupfergeld. zwanzig, sagt Mama.« und auch Tante Lina —«
Auch ein Amulet von Messing »Du bist herzig!« »Die Mütter! Mütter! — ’s klingt so
Lag dabei, den Schatz zu hüten; »Nun fängst Du schon wieder an! Und wunderlich! Was haben sie also ausge-
Sankt Franziskus! Dieser aber darum geht es wirklich nicht mehr so weiter heckt?«
Scheint es, inspirirte mich. — eben weil wir keine Kinder mehr sind!«
»Mama fand, dass es an der Zeit sei,
Denn, was ja im Leben jedem »Aber was geht denn nicht mehr, dum- dass wir — ich wiederhole nur ihre Worte
me kleine Miez?« — das kindische Verhältniss abbrächen.«
Menschen einmal kann passiren,
Widerfuhr auch mir: ich hatte »Das ist auch so was! Ich heisse Wil- »Ach und es war so reizend! Jetzt,
Einen lichten Augenblick. helmine.« — wo sie uns die Binde von den Augen reissen,
»Von und zu Bergholz! Weiss ich! weiss ich erst, in welch schönem Garten
Einen blanken Silbergulden Aber was will diese überflüssige Bemerk- wir spazieren gingen. Und gerade, weil das
Band ich zu den andern Schätzen ung sagen?«
In das Tüchlein, legte alles Verhältniss kindisch war, ist es schön ge-
»Kurz das: Wir dürfen nicht mehr so wesen! — Aber wenn Mama befiehlt — Da
Auf den alten Platz und ging. wie bisher zusammen verkehren — nicht meine Hand, schlag’ ein! Auf Sie und Sie!«
Ja, da war sie schon! — Ich stand mehr so —- »Auf Sie und Sie! Und nun sage ich
So, dass sie mich nicht bemerkte. »So frere et co—.« nie wieder Du zu Ihnen!«
Eine arme Bäurin war’s, »Sei nicht ungezogen.« »Und ich sage fortan getreulich Sie
Abgehärmt und früh gealtert. »So kameradschaftlich?« zu Dir!«
Als die Hagre, deren Augen »Ja, nicht mehr so kameradschaftlich! »Und dann noch eins!«
Auf dem Boden gierig forschten, Du bist jetzt schon fünfundzwanzig.«
Das Verlorene entdeckt hat, »Ich sehe aus wie vierundzwanzig, sagt
»Wie Sie befehlen, Wilhelmine.«
Schöpft sie Athem wie erlöst. Papa.« »Mit dem Taufnamen — Herr Doktor
»Sei doch einen Augenblick ernsthaft! — das geht auch nicht mehr an!«
Hastig nimmt sie auf das Tuch
Und befühlt in Angst den Knoten. Ich spasse gar nicht! Also höre: Du bist »Gnädiges Fräulein! Mir ist es, als
V’as ist das? — Sie stutzt! das Ding | fünfundzwanzig, ich fast achtzehn; wir sind
gar nicht verwandt und können nicht länger wäre hinter mir eine Thüre zugeschlagen,
Scheint ihr dicker, als es war. eine Thüre, hinter der es warm und hell
Und mit Fingern, welche zittern, mehr die Nachbarskinder spielen.«
war und vor der nun eine Regennacht liegt!
U eff net sje, schreit »Jesus Christus!« »Diese Wendung ist auch von Deiner Das ist ein hässliches Gefühl! Ein bitter
Sinkt in ihre Knie nieder. Mama!« ernstes jedenfalls, wie bei jedem Abschnitt
Schlägt ein Kreuz und betet laut. »Mag sein! Aber sie hat Recht!« im Leben! Wir sind keine Kinder mehr!
Als ich nun vor wenig Wochen, »Also entfremden wir uns! — Und wie Was ist das Mie — Fräulein v. Bergholz?
Nach so vielen vielen Jahren, sollen wir diese unsere Entfremdung zu Das, was da auf Ihrer Wange glänzt, sieht
Wiederum in’s Dörflein kam, sichtbarem oder hörbarem Ausdruck brin- ganz wie ein Thränlein aus!«
Fand ich nah der alten Kirche gen?« »Oh nein! Ich bin mir nur mit dem
Eine neue Altar-Nische »Wir dürfen nicht mehr — Du sagen Fächer in’s Auge gekommen!«
Für den heiligen Franziskus, zu einander.« »Empfinden Sie also nicht auch einen
w*? 5'n ?'tes Bäuerlein, »Nicht einmal das mehr! Und ich war leichten Geschmack von Bitterniss auf der
Welches ich darum befragte, so stolz darauf, und sie beneideten mich Zunge? — Gar nichts?«
Sagte: Ja, der Heil’ge habe so — die Andern, die Dir den Hof ma- »Ich weiss nicht, was Sie meinen —
Einmal einer frommen alten chen —« das heisst, ich weiss jetzt bestimmt, dass
Frau, die Medizinen brauchte »Mir?« meine Mama nicht gar so unrecht hatte.«
Für den kranken Mann zu Hause. »Ja! Ja! Ja! Eine ganze Menge heirats- »Und seit wann wissen Sie das?«
In ein Tuch, das sie verloren, fähiger Biedermänner macht Dir den Hof. »Seit Sie das mit der Bitterniss sag-
Eingelegt das nöthige Geld. Da ist der lange Amtsrichter, der sich auf ten —«
Die Gemeinde aber habe seinen Vollbart und seine I im Staatskon- »Miez!«
Ihm dafür dies Bild gestiftet. kurs so viel einbildet; der schöne Doktor, »Bitte: Fräulein--
der thut, als dürfe ihn überhaupt kein »Lass’ nur, liebe Miez, Du hast ja
A. WOHLMUTH. , Mädchen ausschlagen, weil er es ist, Er, schon so viel verrathen!« —

55
Nr. 4 1896

»Ich verstehe Sie nicht! Was soll denn - Das sehe ich doch nicht ein, Was denn
ich verrathen!« — zum Beispiel.«
-Wie gut ihr das Rothwerden steht! »Dass wir einander nie etwas übel neh-
Goldkind!« men wollten! Den Gontrakt habe ich selbst
»Wenn Sie wollen, dass ich mit Ihnen gebrochen und es Ihnen sehr verübelt, dass
plaudern soll —- Sie heute dem Amtsrichter den Cotillon
»Gut! — Sie haben Recht! Es wäre gaben!«
Schade um dies Plauderstündchen. Was »Oh der! Das ist ja alles nur wegen
liegt auch an dem unverständigen Fürwort! Mama! Sie nickte mir so gebieterisch zu,
Sie oder Du! Soll ich Ihnen was erzählen, als der würdige Mann um den Tanz bat.
gnädiges Fräulein?« Und hinterdrein sagte sie etwas so Kom-
»Wenn es etwas Vernünftiges ist!« isches zu Tante Laura — etwas was ich nicht
»Vernünftig? Nein! Dazu ist es viel verstand — etwas von mehreren Eisen, die
zu hübsch! — Es war zu einer Zeit, da sie im Feuer habe —-
ich Sie noch Miez nennen durfte, Fräulein »Was für eine weitblickende Mama ha-
Wilhelmine, und alle Welt nannte Sie da- ben Sie doch! Und darum das Verbot! —
mals noch Miez, denn Sie waren, verzeihen Und waren Sie mir nicht auch schon oft um
Sie, noch ein Backfisch in des Wortes grün- etwas böse, Mie— gnädiges Fräulein ? War-
ster Bedeutung. Und wie grün war ich! um schmollten Sie denn, als wir neulich
Ich trug die Abiturientenmütze auf den vom Schlittschuhlaufen nach Hause gingen
Locken — oh ja! bitte, damals hatte ich und ich Ihnen die Flügelschuhe tragen woll-
noch Locken —- und hatte das Herz und te? Sie sagten: ,Bitte, ich will Andere Ihrer
den Kopf so voll von Unsinn und über- Galanterie nicht berauben!1 und sagten es
quellendem Gefühl, dass ich meine Em- bitter — wie Galle!«
pfindungen in Reime setzte. Für alles Hohe »Das war, weil Sie sich so viel mit die-
und Ideale schwärmte ich —die Arbeit aus- ser Frau Bartow zu thun machten. Sie ist
genommen — und was meinem Pegasus in eine Sirene, sagt —-
die Quere kam, wurde besungen. Und Sie »Mama!«
waren das einzige Wesen, das Sinn und Ge- »Jawohl! Und alle Welt sagt es! Und
duld für meine Poesien hatte. Und dann! Sie müssen doch nicht glauben, dass dies
Es war ein Abend im Park! Grillengezirp echtes blondes Haar ist! Und ihr Ruf! Der
und Vogelgezwitscher füllte die Luft. Wir kleine Blasswitz von den Husaren soll sich
sassen auf einer Steinbank — sie kann auch ihretwegen erschossen haben — Und sie soll
aus Holz gewesen sein — und schauten zu, gar nicht Wittwe sein — sondern blos ge-
wie der rothe Mond über den flachen Hügeln schieden! Sie hat ihren Mann böswillig ver-
der Ferne heraufstieg. Ich hatte Ihnen eben lassen. Schulden hat sie auch.«
ein Gedicht mit Weltschmerzgedanken vor- »Und mit diesem entsetzlichen Weibe
gelesen, dazu kam der Mond, die Grillen, tanze ich heute den Cotillon!»
der Hollunderduft — und unsere Seelen
wurden weich. Es war nur Freundschaft, »Höhnen Sie nur! — Bis Sie in ihrem
Fräulein Wilhelmine, was wir uns dort Netz zappeln, bis es Ihnen geht wie dem
schworen — aber Freundschaft auf Tod und armen Blasswitz. Ach Arthur — sie wird
Leben.« Sie sehr unglücklich machen, sie ist falsch
»Die will ich Ihnen ja auch —- und so putzsüchtig und sie malt sich —
»Zu viel Güte! — Damals sagten wir ich habe es vorhin ganz deutlich gesehen,
uns, dass wir bis an den Rand des Grabes sie malt sich!«
gute Kameraden bleiben, uns nie etwas »Miez!«
verheimlichen, nichts übel nehmen wollten
unser Leben lang. Wir redeten sehr klug »Ich bitte!«
und sehr geringschätzig von den Leuten, »Das Alles ist schon wieder gegen un-
die eine richtige Freundschaft nicht für mög- sern alten Gontrakt. Wir haben uns doch
lich hielten zwischen Mann und Weib — versprochen, was wir irgend einander mit-
nein, so präcise drückten wir uns nicht aus. zutheilen hätten, gerade heraus zu sagen?«
Wir sagten: zwischen jungen Leuten, wie »Gewiss! Ich thue es ja eben!«
wir. Aber wir wollten es ihnen schon zei- »Sie thuen es nicht und ich habe es
gen ! Alle Welt sollte sehen, dass wir rich- auch nicht gethan. Nun reden wir alle
tige Freunde seien. Und duzen wollten wir Beide schon eine halbe Stunde um die
uns auch, aller Welt zum Trotz — und wenn Sache herum und sagen uns doch nicht,
die Tante Laura darüber explodirte!- was wir uns sagen müssten!«
Wissen Sie noch, wie wir unseren Bund be- »Das verstehe ich nun wirklich nicht!
siegelten? War das hübsch!« Was sagen müssten?«
»Sie sind unartig und waren es damals »Dass es überhaupt mit der alten
auch!« Freundschaftsgeschichte nichts mehr sein
»Aber sie wehrten sich nicht und wir kann!«
meinten es auch so ehrlich und kindisch »Und warum das?«
mit unserm verlegenen Anfängerkuss. So- »Weil — sieh mich einmal an! — weil
gar unsere Nasen gingen uns dabei im Wege wir uns dazu viel zu lieb haben, Herzens-
um, so ungeschickt waren wir.« kind!«
»Wenn Sie nicht aufhören, von so thö- »Aber was Dir einfällt, Arthur —-
richten Dingen zu reden, gehe ich zu Mama »Nein, sind wir dumm, sind wir dumm
hinüber in den Saal!« gewesen! So was nicht glatt weg einzu-
»Ich bin schon zu Ende mit den thörich- sehen! Haben uns lieb und wissen es
ten Dingen und es ist Schade darum! Heim nicht und sagen es einander nicht!«
nun ist eben auch Alles dahin und zu Ende, »Aber ich habe Ihnen —«
was wir uns damals versprochen haben für s »Du, heisst es jetzt, Miez, Du!«
Leben!« »Ich habe ja gar nicht gesagt, dass
»Doch nur, dass wir Du zu einander ich — Sie lieb habe! Es ist auch gar
sagen wollten —« nicht so.«
»Alles Andere auch!« »Und die Eifersucht auf die Sirene?«
Zierleiste von j. Diez.
1896 JUGEND Nr. 4

»Es war ja nur um Ihr Glück! Ich


— ach Gott, auf mich kam es ja gar nicht
an! Ich hätte Keinem was merken lassen
und wenn mir das Herz gebrochen wäre —«
»Aber lieb hast Du mich nicht?«
»Ich hätte die Zähne zusammenge-
bissen und gelacht und wäre eine alte
Jungfer geworden —«
»Trotz Mama, Tante Laura, Amts-
richter, Doktor und Major! — Ja aber
warum denn das Alles, wenn Du mich
gar nicht lieb hast?«
»Ach — Du!«
»Aber nun zurück zu Mama!«
»Herr Doktor, wo bleiben Sie denn
so lange mit meiner Kleinen?«
»Mama, wir hatten — ich habe —«
»Miez und ich hatten uns so viel zu
sagen. Gelt Miez, Du erzählst es Deiner
Mama? Ich muss zur Quadrille! —«
»Aber Ihr duzt Euch ja noch!«
»Verzeihen Sie, gnädige Frau — wir
duzen uns — wieder!«
»Siehst Du, Laura, ich hatte Recht!
Es ging prächtig! Man musste die jungen
Leutchen nur auf den rechten Weg bringen
— ich glaube, die wären ihr Lebtag nicht
darauf gekommen, dass sie sich lieb haben,
hätte ihnen mein Verbot nicht dazu ver-
helfen ! — Und Arthur bekommt das Ma-
jorat, wenn sein Onkel stirbt!«
f. v. OST1NI.
Originalzeicbming von L. Corinth.
Ein Geheimniss!

Wenn die bleichen Träume bluten,


Verwehte Klänge Die in meiner Stirne sind,
aus den Gärten der neuen geistigen Kunst. Jauchz’ ich wie ein Sommervogel,
Von unserem Spezial-Symbolisten. Der voll bunter Federn ist.
ANKLANG.
DA WEINT’ ER..
War es das Klingen der goldenen Bleche
Von Ambraduft ein kräuselndes Gewölk
Dort am chinesisch gekräuselten Thurm?
War es der Lenzwind der lüsterne, freche, Und Rosenblätter,
Weckend Narzissen zu brünstigem Sturm? Die auf des Perserteppichs dunklem Bunt
Hinwelkend blichen
Weil mich ein schmerzliches Klirren durchzückte Und eines Abendwölkchens goldner Glanz
Wie vom venetisch geschliffnen Pokal, Im Blau zerfliessend —
Welchen nach all zu bacchantischem Mahl Das wars, was mir den amethystnen Blick
In herrischen Fingern der Doge zerdrückte. - Zu Thränen trübte....
VIA DOLORIS. IRRES DÄMMERN.
Führe mich die rauhe Strasse, Auch denk’ ich noch an jene stumme Stunde,
Die voll scharfer Kiesel ist, Die langsam-schwer die sammtne Schleppe schleifte
Führe mich zur Dornenhecke, Und mit dem seltsam engelländ’schen Munde
Die voll spitzer Stacheln ist. In scheuem Kusse meine Locken streifte.
Flicht mir eine Dornenkrone, Den Purpurpfühl, d’rauf meine Glieder ruhten,
Die voll spitzer Stacheln ist, Stach scharf und kalt ein violetter Strahl
Flicht sie eng um meine Stirne, Und in der Dämmrung lethe-bleiche Fluthen
Die voll bleicher Träume ist. Sank meiner Schwermuth zitternder Opal...

57
Nr. 4 JUGEND 1896

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1896 JUGEND Nr. 4

»Du wirst Dir den Schnupfen holen


Literatur-Ballerino. So ohne Paletot, Nachts am Meer!«
Zwischen sieben Spiegeln tanzt er:
Nackt die Brust und nackt die Beine,
Um die Lenden ein gluthroth Tuch.
Zwischen sieben Spiegeln tanzt er;
Sieben Feuer werfen Scheine
Auf die wirbelnden Arme und Beine,
Auf das gluthrothe Lendentuch.
Und er lächelt — und bedenkt sich;
Und er faltet seine Brauen;
Und er schlägt sich und — bedenkt sich
Und drapirt das rothe Tuch.
Zwischen sieben Spiegeln tanzt er,
Schlägt ein Gong und singt — ein Buch.

Gaudeamus-Potpourri.
Wie selbiges der Studiosus philosuffiae Schwuchtibert Sing-
huber auf dem Heimwege vom grossen Scheffel-Kommerse
gedichtet, nachempfunden und in die stille Nacht hinein-
gehaucht hat.
Mel.: »Alt Heidelberg, du feine —«
und zwar behaupten böse Zungen, der Edle habe das Lied
aus Fisis-Moll und in s/7 Takt gesungen.
Wohlauf, die Luft geht frisch und rein,
Fahr’ wohl, mein grauer Hut!
Gibt’s nirgend mehr ’nen Tropfen Wein?
Mir ist so kreidig zu Muth.
Alt Heidelberg, du feine,
'Raus da! Rem blemm! Hollaheh!
Schon friert’s mich an die Beine
Im Lamm zu Niniveh.
Augustus sass im Kaisersaal,
An Durste riesengross:
O Welt, du Katzenjammerthal,
Du süsse, halbvergess’ne Stunde Wir kleben und kommen nicht los.
Alt Heidelberg, du feine
Im grünen Uferlaubgerank, Im schweigenden Ocean,
Wo ich zuerst von ihrem Munde, Ich pfeif’ auf die saueren Weine,
Der Liebe holden Zauber trank! Wir pumpen niemand mehr an.
Ein Windhauch ging durch Liebchens Locken
Zwölf Palmen ragten am Meeresstrand,
So mild, so weich — ein Frühlingstraum Blauäuglein blitzen drein,
Und streute leichte Blüthenflocken Da sprach der Hausknecht aus Nubierland:
Auf uns herab vom alten Baum. Es hat nicht sollen sein!
Alt Heidelberg, du feine,
Die grüne Laube sah ich wieder, Der Schwed’, der Schwed’ ist da!
Den alten Blüthenbaum dabei, Die Wahrheit liegt im Weine,
Wie damals duftete der Flieder, Sit vino gloria!
EDWIN BORMANN.
Wie damals schimmerte der Mai.
Doch meine heissen Augen riefen
Die todte Liebe nicht zurück.
Versunken wie in ferne Tiefen
Lag jene Stunde und ihr Glück.
Der Tag verblich, die Schatten sanken
Und Nebel dampften aus der See,
Schwer lag der Nachtthau auf den Ranken,
Wie auf der Seele stummes Weh,
Es kam die Nacht auf leichten Sohlen —
Da klang’s vom Fischerhause her:
59
Nr. 4
1896

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Der Wolke" Original vo.. I?iJn» (H. I lö, p ilci).


Nr. 4 JUGEND 1896

Märkische Stimmung.
Wenn die Wolke graut, die Sonne sticht,
Bleiern der Himmel brütet:
Wand’rer, hab’ Acht! Lang währt es nicht,
Bis der Donner poltert und wüthet.
Der Himmel wird ein Feuermeer,
Der Sturm knickt Fichtenäste —
Und unter Dir und um Dich her
Nur Sümpfe und Moräste.
Doch wie’s gekommen, zieht’s vorbei
Und die Vögel im Laube frohlocken;
Die Erde, die Sonne glänzen wie neu,
Dein Fuss geht sicher und trocken.
D’rum brauchst Du vor dem märkischen
Sand
Nicht wie vor den Alpen zu zittern:
Im Ganzen ist’s ein trock’nes Land —
Trotz seinen schnellen Gewittern.
CONRAD ALBERTI.

Die „Loreley“.
Ich weiss nicht, was soll es bekunden,
Die Jahre orgeln rasch sich ab, Ich hoff’, dass reine Melodei’n Was heute so traurig mich stimmt:
Ich orgle fort bis an mein Grab; Für heuer auf der Walze sei’n! Ich denk an ein Kriegsschiff, das unten
Am fernen Bosporus schwimmt.
Die Luft ist kühl, es will dunkeln
Und glatt liegt bei Stambul die Fluth —
Die „Loreley“ — höre ich munkeln —
Sei lang’ schon zu gar nichts mehr gut.
Die Kanonen — in sichern Verliessen
Des Schiffsraums liegen sie stumm:
Man wagt es,nicht, oben zu schiessen,
Sonst kippte die „Loreley“ um.
So liegt sie seit uralten Zeiten
Vor Anker am nämlichen Fleck,
Der grosse Brummkreisel schien ge- ich so wenig Chic besässe! Weisst Du über-
waltig erbost zu sein, obwohl er eigentlich haupt, was Chic ist! — Du siehst ja aus Das Moos wächst ihr längst an den Seiten
wenig Ursache hatte, und der hölzerne liess wie ein umgekehrter Kirchthurm — hähähä! Und Schwammerln und Seegras auf Deck’
all die hitzigen Vorwürfe stumm über sich — Du hast ja nicht einmal einen anständigen
ergehen. Aber der Brummkreisel schimpfte Bauch!-Ach Gott! Ich vergeude wahr- Die allerunschuldigste Bö’ macht,
und tobte immer weiter wie ein altes Wasch- haftig meine kostbare Zeit und meine kost- Dass sie die Balance verliert:
weib. — bare Lunge an dieses Lumpenpack! Die ver- So stolz wird germanische Seemacht
„Ach Du — Du Lump! — Du hast gar dienend ja gar nicht, dass man sich mit ihrer
keine Berechtigung neben mir zu existiren! Beglückung abgibt!“ Im Ausland repräsentirt.
-Du denkst wohl gar, Du bist meines- Der Holzkreisel war ganz starr, denn
gleichen, Du elender Proletarier Du! Bist er fühlte im Innersten, dass all diese Schelt- Ich glaube, die Wellen verschlingen
Du vielleicht auf die drei blanken Knöpfe worte berechtigt wären und wagte keinen Das Schifflein mit Mann noch und Mans>
da an Deiner Mütze stolz? Oder darauf, Ton zu erwidern; der andere aber fühlte Drum ist es am Besten, wir bringen
dass Du von Holz bist? — pfui Teufel: von sich durch seine wuchtige Rede gewaltig
Holz! — Bettelpack! — Sieh mich einmal Den Kasten bei Zeiten nach Haus!
gekräftigt und erhoben: diesem Gesindel
an: ich bin von Blech! — Du mit Deinem hatte er’s endlich einmal gründlich gegeben! Und kann er soweit nicht mehr laufen,
platten Schädel erkennst natürlich nicht den Da scheuchte ihn eine Hand empor; er
gewaltigen Unterschied! — Ich kann auch musste sich drehen, unermüdlich drehen Ist nicht viel Schaden dabei:
singen, dass alle Menschen entzückt lau- und dazu sein eintöniges Lied brummen, Wir streichen es frisch und verkaufen
schen; ich habe auch goldene, rosenfarbene wie er’s schon tausendmal gethan hatte. Den Türken das Prachtstück für neu.
und dunkelblaue Bänder über Brust und Und neben ihm wirbelte der „pöbelhafte“ KI-KI-Kl’
Bauch — und ein silbernes um den Hals, Holzkreisel. — Freilich nach dem Schlage
während Du — Du dummer Pöbel Du! — einer Peitsche. Aber tanzen mussten sie
Dich mit schmutzigen rothen und grünen beide, so lange ihr Herr—der kleine Knabe —
Streifchen brüstest! — Und Deine ganze es wünschte-höchstens durftedergrosse
Figur! Ich würde mich ja schämen, wenn dabei ärgerlich brummen. l. wetzlar.

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1896
. JUGEND -. Nr. 4
Appartement ä louer.

Für die „Jugend1* gezeichnet von M. Radiguet (Pari»).


Et dans toutes les pieces, des placards ä pouvoir cacher des regiments
une petite dame maride! entiers .... c’est ?a qui est commode pour
1896
Nr. 4 JUGEND
Krieg lebt, schliesst endlich Frieden mit die-
sen und rückt in den Rang der siebenten
Grossmacht auf. Russland tritt Sibirien an
die räumlich etwas beschränkte Republik
San Marino ab. England überlässt Deutsch-
land ein Vogelriff im atlantischen Ozean
(15 Dm Oberfläche) und erhält dafür die
deutschen Colonien in Ost-, West- und Süd-
afrika. Ausserdem bekommt es den Rest
von Afrika, ganz Asien, Südamerika, Au-
stralien, Hannover, Sachsen - Goburg - Go-
tha, die noch unentdeckten Polarländer,
die uns zugekehrte Seite des Mondes und
den Ring des Saturn. Die Ansprüche auf
die Kugel des Letzteren hat England gross-
müthig Deutschland überlassen. Dem
Königreich Bayern wird ausser der Mark-
grafschaft Bayreuth, welche unter Co-
sima I. wieder hergestellt wird und der
Lehensherrschaft Fuchsmühl, die sich
unter dem Präsidenten Grillenberger als
Republik erklärt, auch noch die Mühe,
Kehr’ Jeder vor der eig’nen Thür’ —- Mit warmer Ueberzeugung Pathos für die Rheinpfalz zu sorgen, abgenom-
Die Meisten haben Grund dafür! — — Und mit der Tugendmiene Cato’s men. Diese bekommen die Spanier, da-
Ais jüngstens von der rechten Seite Vertreten der Enterbten Rechte mit sie, da ihnen Cuba doch verloren geht,
Ein Mann in’s Weite ging und Pleite In spitzgeführtem Wortgefechte. in Zukunft wenigstens etwas zu rauchen
Als Fälscher und gemeiner Dieb, Fritz Friedmann heisst der biedre Knabe, haben. Dafür gibt Spanien an die Eng-
Der eh’dem viel Artikel schrieb, Der eben griff zum Wanderstabe länder den Landstrich nördlich von Gib
Wie Tugend man im Land verbreite, Und sachte durchging „mit avec“ raltar bis zu den Pyrenäen ab. Irland
Und für Altar und Krone streite, Zu vieler arg Betrog’nen Schreck. macht sich unter Gladstone als Königreich
Wie unreell in Wettbewerben ,Wie ein gehetztes Edelwild“ — selbständig. J apan,das wegenseinerMacht-
Die Juden, die das Volk verderben, Ich brauche hier sein eignes Bild, stellung das Bewusstsein, eine Insel zu sein,
Und wie sie oft um ihr Vermögen I Entfloh der stramme Demokrat entschieden schmerzlich empfindet, wird
Die Leute raffinirt betrögen, — Den Rackern von Justiz und Staat, als Festland erklärt. Grönland wird
Als dieser floh und überdies Nahm fremde Gelder mit als Raub den deutschen Sozialdemokraten überlas-
Sich vielfach sonst „so-so“ erwies, Und noch als Lump mit Eichenlaub sen; Singer, Liebknecht und Bebel richten
Beim Baccarat und Ecarte Drapirt er sich, mit Phrasenfetzen, dort einen Zukunftsstaat ein. Palästina
Und auch im Chambre separee: Und spricht von Hunden, die ihn hetzen. wird unter Hirsch I. wieder ein Königreich
Der Herr Baron von Hammerstein, Genau so hat’s der Hammersteiner wie früher. Der Kirchenstaat wird wie-
Wie ein gehetztes wildes Schwein Gemacht — nicht gröber und nicht feiner: der hergestellt; es fragt sich nur wo? Das
Ward er verfolgt und seine Leute Und schaut man sich nur gründlich um, Herzogthum Lauenburg geht an Eugen
Von grimmer Bracken wilder Meute. Ist allerseits was schief und krumm. Richter über. Tirol bekommen di: Kapu-
Da goss man Spott und Gift und Hohn Es hat manch braver Centrumsmann ziner, die Jesuiten und die Franziskaner
Auf alle „Edlen der Nation“ Schon Hammersteinisches gethan, zu gleichen Theilen. Berlin wird durch
Und die um Richter und um Singer Und mancher Held von Singers Schaar zwangsweise Abschiebungen aus anderen
Erhoben warnend ihre Finger War besser nicht, als Friedmann war, Städten zur Fünfmillionenstadt ergänzt und
Und riefen laut: „Nein, so was Schlechts Und der Antisemiten Zahl ward erhält den Beinamen „Kopf der Welt“. Die
Passirt gottlob nie links, nur rechts!“ — Von Gott bestraft mit Meister Ahlwardt. Vereinigten Staaten siedeln nach Chi-
Doch ging es hier wie überall, Auch bleibt’s der Nachwelt unverloren, na über, um die dort schon vorhandene chi-
Es kam der Hochmuth vor dem Fall: Wie Stöcker fast „vorbeigeschworen“ — nesische Mauer in Betrieb zu nehmen. Die
Es wird das Gleiche jetzt bekannt, So hat halt jegliche Partei in Nordamerika frei werdenden Gebiete fal-
Von Einem, der mehr linkswärts stand Im Wandschrank ihr Skelett — auch zwei len dann natürlich an England. Für die
In Politik und Religion Und überall ist Grund dafür, 357 Millionen Chinesen, die dadurch ob-
Und der gar oft in scharfem Ton Zu kehren vor der eig’nen Thür! dachlos werden, muss erst ein neuer Auf-
enthaltsort gefunden werden; vielleicht No-
waja Sem 1 ja. Oder Island? Aber hier
denkt sich ja Ferdinand von Coburg als Lan-
Geehrte Redaktion! desvater niederzulassen, da Russland die
Selbständigkeit und das Königreich werden
Die Lorbeeren des vir pacificus in den gehobenen und heiteren Stimmung. Aber Bulgarien nur unter der Bedingung zuge-
„Preussischen Jahrbüchern“ haben mich wenn schon, denn schon! Bei fraglicher steht, dass Boris sofort die Zügel der Re-
nicht schla- nein, im Gegentheil: sie haben Vertheilung kamen viele Länder und Per- gierung ergreift. Man kann auf die Thron-
mich schlafen lassen, sonst hätte ich ja den sonen zu kurz, das war nicht Recht! Nach rede des jungen Monarchen sehr gespannt
unten mitgetheilten Ergänzungstraum zu und nach entwickelte sich in mir ein hoch- sein. Die Schweiz erhöht die Zahl ihrer
den „Politischen Träumereien“ nicht träu- gesteigertes Machtgefühl. Ich vertheilte die Cantone auf 150; jeder davon bekommt
men können, die der oben genannte Fii> Welt, Alles fügte sich meinen Anordnungen. seine eigene Verfassung. Montenegro
densmann in besagter Monatsschrift ver- Hier sind sie: bekommt von Russland noch ein Tagwerk
öffentlicht hat. Mein Traum hängt mit dem Reuss ältere Linie verpflichtet sich, end- und drei Dezimalen Grund und das alleinige
Weihnachtsgeschenk einer liebevollen alten lich das deutsche Reich anzuerkennen und Privilegium zum Hammelstehlen auf der
Tante zusammen. Sie schickte mir ein paar bekommt dafür Madagaskar; Argentinien, Balkan-Halbinsel. Wenn allenfalls sonst
Flaschen guten alten Rhum, eine Flüssig- Portugal, Griechenland und Monaco werden noch irgend was übrig ist, bekommen es die
keit, die mit etwas warmem Wasser ver- unter König Milan von Serbien zu einem Engländer.-
mischt ein wohlschmeckendes und anregen- Königreich Pumponia vereinigt; derLandes- Dieses ist mein Ergänzungstraum. Er
des Getränk bildet. Ich leerte das Tröpflein herr betreibt die Geschäfte von Monaco in kommt Ihnen vielleicht ein wenig confus
auf das Wohl der braven Dame und las eigener Regie und zahlt aus den Erträgnis- vor. Aber schliesslich, ärger als der Träu-
während ich mit der ersten halben Flasche sen dieses Betriebes nach und nach die mer der „Preussischen Jahrbücher“ habe
beschäftigt war — später hinderte mich ein Schulden der genannten Länder; Ungarn ich es auch nicht gemacht.
akuter Fall von Augenschwäche am Lesen bekommt seinen eigenen Globus, Böhmen Und dann bedenken Sie, die zwei Fla-
— die politischen Träumereien des vir pa- sogar sein eigenes czechisches Planeten- schen Rhum!
cificus. Diese Umwerthung aller politischen system ; das Fürstenthum Liechtenstein, das Hochachtungsvoll
Werthe gefiel mir ausnehmend in meiner bekanntlich seit 1866 mit den Preussen im Vir pacipfifflcus-

64
1896 JUGEND Nr. 4

''WENN .... (von Carl Busse)


comp, von Richard Strauss
Sehr lebhaft und /eitrig.

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Und wärst Du mein Weib und wärst Du mein

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Lieb, wie wollt’ ich Dich jauch-zend um - schlin - gen, ich wüss-te ja nicht wo das

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6;
Nr. 4. JUGEND 1895

66
Nr. 4 JUGEND 1895.

67
Inseraten-Annahme Insertions-Gebühren
durch alleAnnoncen-Expeditionen
sowie durch
G. Hirth’s Verlag in München
und Leipzig. JUGEND 1896
No. 4
für die
4 gespult. Colonelzeile oder deren
Raum Ji. —.

f-Haf.

Da stehen John und Jonathan, Ja, wenn sie nichts auf dem Kopfe trügen,
Sie schauen sich gar feindlich an — Sie wollten sich schön beim Wickel kriegen.

empfehle mz se'ü mehreren fahren

x. 2. Wdeshacher, Berchtesgadener,
Brief Masten, T\vo\ev
Unsere Wettbewerbe. Am 8. Januar sind die Termine für zwei
von unseren künstlerischen Wettbewerben abgelaufen, Wettbewerb II, der z. B. lAUerihaler, Meraner,
Entwürfe für Tischkarten und Wettbewerb III, der Entwürfe für poli-
tische Karikaturen verlangt. Die Theilnahme an der erstgenannten Ternsche
Concurrenz war eine besonders rege: von 54 Einsendern erhielten wie
114 Entwürfe, darunter prächtige Blätter, sehr erfreuliche Proben
modernen Dekorationsstils. Weniger zahlreich war die Betheiligung an
dem Wettbewerb für politische Karikaturen. Das trockene Gebiet der sowohl zum Bezüge für feanze Gruppen a\s auch für e\nze\r&
Politik scheint der Mehrzahl der Künstler eben ein wenig fern zu liegen. GosfümfeUe und sichere feefreue und soffde Ausführunfe zu.
fifusferhhder und Brefscouranf feraffs und franco.
G. HIRTH s Kunstverlag in München und Leipzig.
Illustrirter Katalog der Schack-Galerie in München ^oWeiYwaverv-, doppelt- und Mäxüe^aWvk
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Mit einem Vorwort von Dr. Paul Seidel Dirigent der Kunstsammlungen in den Kgl.
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Heiausgeber: Dr. GEORG HIRTH; verantwortlicher Redakteur: F. VON OSTINI; verantwortlich für den Inseratenteil: G. EICHMANN; G. HIRTH’s Kunstverlag; sämmtlid1 11
München. Druck von KNORR & HIRTH, Ges. m. beschr. Hftg. in München.

I
1896 - l. Februar I. Jahrgang . Nr. 5

Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben. — G. Hirth’s Verlag in München & Leipzig.
ALLE RECHTE VORBEHALTEN.
Nr. 5 JUGEND 1896

llililiuiiliilliiiiumiiii

Vom neuen Jahr.


Kleine Hände, kleiner Mund,
Grosse Augen blau und rund,
Weiches, langes Ringelhaar,
Jl Leise Stimme glockenklar —;
Also kam das neue Jahr
Heute zu mir in mein Haus.
Lieblich sah’s und lustig aus.
Dass es bleibe, wie es ist,
Wünsche ich als Mensch und Christ.
Mög es nie mit Wuthgeberden
Eine schrille Trulle werden,
Die mit Zank und Zorn regiert
Und das Schöne molestirt.
Leise bleib es, klar und lind,
Guter Gast und gutes Kind,
Bring mir bald in grüner Schüssel
Ms Hohe gelbe Himmelsschlüssel,

k-a t-S Rosen, wenn der Sommer glüht,


II •- Wein, wenn blass die Aster blüht,
Und im Winter zünd’ es dann
Mir die Weihnachtskerzen an.

Wird es dann von hinnen müssen,


Werd’ ich ihm die Hände küssen,
Die mich so mit Glück begütet
Und in Schönheit eingehütet.
1 Willst du, Jahr? Die Kleine lacht,
__ iXfXk Hat mir einen Knix gemacht,
*,LfS
Hat noch einmal still genickt,
WA, Eine Kusshand mir geschickt,
Und dann ist sie fortgesprungen.

Springend hat sie dies gesungen:


Zu Flöten und Geigen Auf, wagt es, zu springen!
Es muss euch gelingen,
Hintanz’ ich im Reigen,
Habe Blumen im Haar.
Oh lasst euch bewegen,
Was fröhlich ihr schafft.
Das grämliche Hocken
4
Ihr Trüben und Trägen, Bringt Alles ins Stocken. IX
Im Tanze ist Segen, Frei wehn meine Locken,
Die Freude macht klar. Die Freude macht Kraft.
OTTO JULIUS BIEKBAUM.

m
70
1896 JUGEND Nr. 5

Wie der Porträtmaler Crapülinsky auch einmal ein Thierstück, auf


die Leinwand geworfen hat.

lag eine kleine Rasenfläche, von hohen Kastanien umgeben.


In der Stille. Befriedigt sah ich mich um; »jede Partei hat das Recht auf
Von Lisbeth Lindemann. einen Theil des Gartens« — hatte der Architekt gesagt. Ich
war entschlossen, mir, als voraussichtlich erstem Miether,
Die Julisonne brütete heiss in dem dieses Stück Garten zu sichern; denn selbst vom Nachbar-
kleinen Hofraum hinter dem Hause; garten, dessen Grenze durch einen Zaun markirt war, ragten
das frischgetünchte Mauerwerk ver- stattliche Bäume herüber, so dass man die Häuser nicht sah.
breitete einen scharfen Geruch. Zu- Im Begriff umzukehren, höre ich etwas, wie Athemzüge
vorkommend hatte mir der Architekt eines schlafenden Menschen; und nun, ganz deutlich, ein
die Wohnräume des Neubau’s ge- leiser Schrei, wie von einem schlaftrunkenen Kinde. Me-
zeigt; als er abgerufen wurde, über- chanisch wende ich mich nach der Richtung, aus welcher die
liess er mir allein die Besichtigung Töne zu kommen scheinen: wenige Schritte von mir steht
des Gartens. Die Arbeiter befanden ein kleiner Holzschuppen. Als ich mich vorsichtig nähere,
sich im benachbarten Wirthshaus- finde ich hinter einem Haufen aufgeschichteter Bretter und
garten und hielten Mittagsrast. Ich Geräthschaften, ganz in einer Ecke zusammengekauert, ein
stieg vorsichtig über Sandhaufen, zer- Weib sitzen; auf ihrem Schooss liegt, halb unter ihrer Schürze
streute Ziegel und Bretter und ging verborgen, ein Kind. Ihr Kopf lehnt an der Bretterwand,
an der Kalkgrube vorbei in den Garten. Auf den ersten Buschen Kopftuch und Haare sind rothbestäubt; ohne Zweifel ist sie
lagerte dicker Staub, welcher vom Bau herübergewirbelt war, als Ziegelträgerin auf dem Bau beschäftigt. Sie hat die lose
dann aber folgte ein angenehmer, schattiger Weg und vor mir Jacke zurückgeschlagen, so dass die eine Brust frei ist; das

71
1896
Nr. 5 JUGEND

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Kind hält sie noch fest mit der kleinen, welken Hand; mit Das Weib sieht sehr heruntergekommen aus. Graue
der andern hat es sich in einer Haarsträhne eingekrallt, welche Schatten lagern um Augen und Mund. Und diese Brust!
ihr unter dem Kopf heruntergeglitten, ist. Heide schlafen tief Man sieht ihr es an, wie sie sich gequält hat, dem armseligen

72
1896 JUGEND Nr. 5

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Geschöpfchen mit dem greisenhaften Gesicht Nahrung zu »Aber wie machen Sie’s denn, dass das Kind nicht gesehn
spenden. Mater dolorosa in elendester Gestalt! wird, wenn Sie herkommen und fortgehen?«
Leise will ich ihr ein Geldstück in den Schooss legen, Sie lachte leise vor sich hin und sagte dann verschmitzt
da fährt sie jäh in die Höhe und starrt mich mit weit ge- und wichtig:
öffneten Augen an, das Kind, das zu schreien anfangen will, »Ja, wissen Sie, ich hab’ immer so ein grosses Tuch um
krampfhaft an sich drückend. und sie haben schon so viel gelacht, dass ich mich bei der
»Liebe Frau, ich habe Sie nicht stören wollen, bleiben Hitz’ so einwickle. Und Abends können wir uns manchmal
Sie ruhig sitzen!« ein Stück altes Holz mitnehmen, da merken sie schon gar
»Ach Gott, ach Gott, was bin ich erschrocken!« Sie sagt nicht, dass ich das Kind bei mir hab’. Das machen wir ganz
es fast athemlos. geschickt, nicht wahr, mein gold’ner Schatz?« Sie nickte dem
»Aber warum denn, ich thue Ihnen Nichts zu Leide; ich Kind glückselig zu.
gehe schon wieder, habe nur den Garten beseh’n wollen, aber Ich fahre dem armen Wurm liebkosend über’s Gesicht,
hier —« ich stecke ihr ein Geldstück in die Hand; sie scheint was die Frau ganz glücklich zu machen scheint, gebe ihr
es nicht zu bemerken. meine Adresse mit der Weisung, sie solle sich an mich wen-
»Ach sagen Sie doch nicht —- den, wenn sie etwas brauchen sollte, und gehe fort. —
»Was denn?« — Ich trat eine grössere Reise an und kehrte im Spät-
»Ach sagen Sie doch nicht, dass — dass ich das Kind herbst zurück. Als ich zu Herrn Architekt Wenden ging,
bei mir habe.« hörte ich, dass die betreffende Wohnung vermiethet wäre. Es
»Ja, wissen denn das die Andern nicht?« war meine Schuld, ich hätte mich früher melden sollen; aber
»Nein, nein — ach um Gotteswillen nicht; sie würden ich konnte nicht umhin, mein Bedauern auszudrücken.
Alle lachen, und ich möcht’s doch so gerne bei mir haben »Wie schade! Es waren schöne Räume; und dann der
und satt machen.« Gar . . .
»Ist Ihr Mann auch hier bei dem Bau beschäftigt?« Plötzlich sah ich vor mir die Frau mit dem Kinde auf
»Ich — ich hab’ ja gar keinen.« Verwirrt streicht sie sich dem Schoosse. Ich hatte sie längst vergessen.
die Haarsträhne aus dem Gesicht und wiegt das Kind leise im »Ach, verzeihen Sie . . ., können Sie mir nicht sagen,
Arm hin und her. »Es ist so gut und brav und schreit gar wo eine Frau« — ich beschrieb sie näher — »die auf Ihrem
nicht so viel, wie Andere«, sagt sie wie entschuldigend. »Zu Bau arbeitete, geblieben ist?«
Hause ist kein Mensch, der nach ihm seh’n würd’, und hier,« »Bedaure unendlich. Ich habe mit den Leuten selbst
sie deutet in den halbdunkeln Schuppen, »hier hat’s so gute nichts zu thun und kenne sie persönlich so gut wie gar nicht.
Luft und es kommt Keiner her.« Das ist Sache des Bauführers. Wünschen Sie seine Adresse?»

7)
Nr. 5 JUGEND 1896

Das Mädchen führte mich


in eine niedrige Kammer und
machte die Thüre hinter mir zu.
Ein winziges Fenster warf sein
spärliches Licht über grauge-
tünchte Wände. Vor mir in einem
ärmlichen, aber mit sauberen,
buntgewürfelten Bezügen ver-
sehenen Bett lag die Frau. Sie
richtete sich in den Kissen auf.
»Wer ist da?«
»Ich bin’s, liebe Frau; ken-
nen Sie mich nicht mehr?«
»Ach Gott — Sie!«
»Sie sind krank? Was fehlt
Ihnen?«
»Ach, ich hab’s so auf der
Brust; es wird bald aus sein.«
»Aber warum schickten Sie
nicht zu mir? Ich gab Ihnen
doch meine Adresse?«
»Das hätt’ ich doch nicht
getraut; ich brauch’ auch jetzt
nichts mehr.«
Ich sah mich um. »Wo ist
denn Ihr Kind?«
»Das ist todt.« Sie sagte es
vollkommen ruhig. »Ich hätt’s
auch nicht mehr mitnehmen
können; die bei dem Bau hät-
ten’s nicht gelitten. Sie haben’s doch gemerkt und der Weber-
Joseph hat mich vor Allen ausgeschimpft und geschlagen.«
Mir kam ein sonderbarer Gedanke. »War es — war es
der Vater?«
»Ja freilich.«
»Ich bitte darum.« »Und da schlug er Sie?«
Ich erfuhr Namen und Wohnung der Frau und machte »Ja! Er hat sich doch so geschämt.« Sie sagte das, als
mich auf den Weg. wäre es selbstverständlich.
Es war eine abscheuliche Miethkaserne, in der ich, auf »Wussten die Andern, dass er der Vater war?«
jedem Treppenabsatz nach dem Namen spähend, endlich bis »Um Jesu willen, nein! Ich glaub’, dann hätt’ er mich
in den fünften Stock gelangte. Eine Thür stand offen; ich todtgemacht. Er war so bös, dass ich auf demselben Bau
sah eine dicke Frau an einem Waschbottich, ganz in Dunst- gearbeitet hab’! Aber ich hab’vorher gar nicht gewusst, dass
wolken eingehüllt, die aus der heissen Wäsche aufstiegen. er dort war, sonst hätt’ ich mich doch nicht gemeldet.«
Am Boden wälzten sich drei oder vier Kinder. Sie sah mich Ich setzte mich zu ihr. »Wie alt sind sie denn eigentlich?«
mit runden Augen verwundert an, als ich plötzlich vor ihr Vierundzwanzig Jahr.«
stand und hielt mit dem Waschen inne. Sie sah aus, als wäre sie mindestens vierzig Jahre. »Aber
Ich fragte nach der armen Frau. das ist doch nicht möglich!«
»Ach die!« Sie verzog geringschätzig den Mund und strich »Ja, ich war 'mal ganz hübsch, aber ich hab’ viel hungern
sich den Seifenschaum von den Armen herunter; »die wohnt und frieren müssen.«
unten im Keller!« Sie schien sehr erschöpft und lehnte sich in die Kissen
Ich stieg die fünf Treppen wieder herunter und dann die zurück. Nach einer Pause richtet sie sich wieder auf, nimmt
sechste in den Keller. meine Hand, sie leise streichelnd.
Im Halbdunkel tastete ich nach einer Thür und klopfte. »Ich möcht’ so gerne« — sie wird wieder still wie vordem.
Sie wurde aufgerissen. Eine dicke Luft, gemischt mit dem Dann nach einer Weile:
Essengeruch strömte mir entgegen, und vor mir stand ein »Ich möcht’ so gerne — ich ich trau’s nicht zu sagen.«
Mädchen von ungefähr achtzehn Jahren mit verwildertem Haar »So sagen Sie’s nur; wenn Sie einen Wunsch haben, ich
und Anzug und frechem Gesichtsausdruck. will ihn gerne erfüllen.«
»Was wollen denn Sie?« »Ich — ich fürcht’ mich so vor — vor dem Frieren, und
Ich brachte mein Anliegen vor. jetzt ist es doch bald Winter, da muss es so kalt sein draussen
»Jessas! Die Theres wollen Sie sprechen. Ach, da schau auf dem Kirchhof. Und ich sterb’ ja jetzt bald. Da möcht’
her! Na, da gehn’s nur ’nein.« ich so schrecklich gerne einen warmen Unterrock angezogen
Ich ging durch die Stube; etwa sechs Leute, Männer und bekommen, eh’ ich ’rausgetragen werde.«
Weiber verschiedenen Alters, sassen am Tisch und assen. Sie sieht mit einem Ausdruck zu mir auf, scheu und bittend
Sie sahen mich stumpfsinnig an und erwiderten meinen Gruss wie ein geschlagener Hund.
kaum. »So — so; na, das ist doch keine grosse Sache; das werde

74
1896 JUGEND Nr. 5

ich Ihnen schon besorgen; übri- Ich öffne. Dasselbe^Mädchen, das mir beim ersten Anblick so
gens — ich habe Zeit, ich werde abstossend erschien, tanzt wie toll im Zimmer umher — im
es gleich thun.« Unterrock — im rosawollenen.
An der nächsten Strassen- »Was soll das heissen? Wie kommst Du zu dem Rock?«
ecke ist ein Laden, wie ich ihn »Jessas! Schrei’n S’mich doch net gleich so an! Was ist
brauche; ich lasse einige Röcke denn los?«
zusammenpacken, nehme den »Wie kommst Du zu dem Rock?«
Burschen mit und in kurzer Zeit »Ja, was meinen denn Sie? Das wär’ doch schad’ ge-
liegen die Sachen vor ihr auf wesen, um den schönen, neuen Rock. Was soll denn ’ne
dem Bett. Nach langem Lieber- Todte damit?«
legen wählt sie einen Rock aus »Todt! — Wann ist sie gestorben?«
blassrosa Wolle: »Das wäre ganz »Na, vorgestern Abend. Sie waren ja Mittags noch da.
'was wunderschönes.« Sie streicht Das war a Schererei! Wir haben so keinen Platz, da haben
unaufhörlich mit den mageren wir’s gleich ’nausschaffen lassen.«
Händen über den weichen Stoff »Und den Rock — den hast Du ihr fortgenommen?«
dann giebt sie mir die Hand: »Ja freilich! Was denn sonst? Den kann ich gut brauchen.
»Ach sind Sie gut; ich will Da schaun’s her, wie es mir passt!«
auch recht für Sie beten. Jetzt Ich kann das grinsende Gesicht nicht mehr seh’n und
fürcht’ ich mich nicht mehr; jetzt werfe die Thüre zu; hinter mir her gelles Gelächter.
werd’ ich nicht mehr frieren.« — Wie ich Abends in der warmen Stube sitze und der
Damit legt sie sich still und nasse Schnee an die Fenster schlägt, werde ich die verrückte
zufrieden in die Kissen zurück. Idee nicht los, dass das arme Weib — nun doch friert —.
— Am zweiten Tage danach,
gehe ich in der Nachmittagsstunde
wieder hin. Vor der Thüre angekommen, höre ich von drin-
nen lautes Stampfen und Lachen; mein Klopfen wird überhört.

Fünf Sprüche.
Der Dir Deine Liebe genommen hat,
Der ist geschickt zu Werke gegangen.
Oder — der Schmetterling war schon matt.
Sonst hätt’ er sich nicht gefangen.

Wie still ist manch’ Ereigniss hingeflossen,


Und doch wie lange wirkt es nach, und doch
Wie freundlich wirkt’s, wie sonnenlichtumgossen,
Wenn die Erinnerung nachfrägt: Weisst Du noch?

Ein wachsender Bau, eine reifende Saat,


Ein grosses Werk, das dem Ende nah’t, —
„Unterhaltungsabend.“ Wer schafft und strebt, dem ist es bewusst,
Eine Seebad-Reminiscenz. Was das in sich birgt an Wonne und Lust!

im Tanzsaal ringsum lauern die Hyänen, Die ihr glückloser Liebe Sklaven seid,
Zum Fang von Schwiegersöhnen ausgerüstet, Und könntet ihr’s, ihr würdet nicht entsagen.
Die Dummheit bläht sich und der Reichthum brüstet Wie manche tiefe Liebe ist nur Leid
Mit falschen Haaren sich und falschen Zähnen. Und doch ein theures Leid und süss zu tragen!

Die Herren schwitzen und die Damen gähnen; Das Glück ist wie sonniges Wetter,
Kein Jüngling naht sich, den’s zu frei’n gelüstet, Das Glück ist wie ein feinseidenes Kleid,
Und manche Jungfrau, ach, schon halb verwüstet, Es kleidet Jeden viel netter,
Welkt einsam hin in ungestilltem Sehnen. Als Noth und Leid! frida schanz.
Wie ich sie hasse, diese Kuppler-Reigen,
Die Läster-Mäuler, die Pikantes munkeln,
Die jeden Strandklatsch flüsternd weiter tragen!

Ach! Könnt’ ich meine Königin euch zeigen!


Wie würde sie euch allesammt verdunkeln,
Mit ihrer Schönheit eure Künste schlagen!
FRANZ WOLFBAUER.

75
Nr. 5
j(jl.END

1896

TvH<2/4‘

»1 Eure heiligsten Güter!


Völker Ostasiens, ^ Gigerln in erles’ner Gruppe Auch mit eifrigen Missionen, Dritthalbjähr’ge Wunderkinder,
Maler mit der Gliederpuppe, Wird der Schwarm Euch nicht verschonen Haar- und Barttinkturerfinder,
Sind sie morgen aber wieder; Photographenamateure, Leute, die in Mehl und Eisen, Brauer ohne Malz und Hopfen,
Wüsstet Ihr, wie mit Methode Sie umhüllen ihre Glieder Wein und Unterhosen reisen. Winzer ohne Traubentropfen,
O Ihr Chi- und Japanesen! Sängerinnen, Männerchöre,
Unsre Ruh’ zerstört die Mode, Leute, die die Welt kuriren Leute, die aus Unschlitt Butter
Bleibt doch nur, wie Ihr gewesen Dann mit Capes und Pelerinen, Grimmige Radaustudenten,
Wie die Frau’n, um sich zu zieren, Oder wollen sich bedienen Machen — welch’ ein Schweinefutter! —
Vor dem unglücksel’gen Kampf! Auch Versicherungsagenten, Und mit Wunderelixiren,
Ihre Männer drangsaliren, Pillen, Pulvern, Malzkaffee And’re Lebensmittelchemiker,
Glaubt nur ja nicht, dass mit Dampf Jener Boa’s, jener langen, Das Ballet im kurzen Rockerl,
Wie sie ihre schlanken Leiber Von der Form der Riesenschlange11, Heilen alles Erdenweh!
Rücken müsse Alles näher, Lieutenants mit dem Monokerl Aufgeblasene Akademiker,
Deformiren durch Korsette, Bald mit Blumen, bald mit Feder, Schneidig, stramm und selbstbewusst Blaugestrumpfte Dichterinnen,
Was wir armen Europäer Oede Eitelkeitspolitiker,
Die Kultur benambsen! — Nein! Watte, Fischbein, unsere Weiber
Bald mit Bändern jeder Güte Und mit hochwattirter Brust. Leute, die auf Gründung sinnen, Augenglasbewehrte Kritiker,
Solches muss gewiss nicht sein! Und sich putzen um die Wette; Schmücken sie sich ihre Hüte, Heineweltschmerznachempfindler, Süssholzraspelnde Aesthetiker
Auch die Zeitungskolportage
Wahrt Euch Eure heil’gen Güter, Wie sie fabelhafte Kragen, Heute gross wie Wagenräder, Ausverkaufs- und Heirathsschwindler,
Und die Presse überhaupt, Und Vererbungstheoretiker,
Eure fröhlichen Gemüther, Riesenhafte Aermel tragen, Morgen klein wie eine Mücke Die sich gar so viel erlaubt; Ethische Culturverbreiter, Temperenzler, Vegetarier,
Lebt in kindlich-heiterm Sinn Heute Seide, morgen Leinen, Kennt Ihr erst der Moden Tücke, Mit dem Knüppel nah’n in Rage Bicyclisten, Sonntagsreiter, Frisch, frei, froh und fromme Arier,
Heute groben, morgen feinen Dombaulottocollektanten
Sorgenlos wie Blumen hin! O Ihr Chi- und Japanesen, Zukunftsstolze Proletarier, Alles, was wir hier im Westen
Freut Euch an der Wellen Schaukeln, Velvet oder Cheviot.
Bleibt Ihr gern, wie Ihr gewesen! Und es jammern die Agrarie • Und Reklamekomödianten Zählen zu den schlimmen Gästen,
An der Schmetterlinge Gaukeln, Heute grün und morgen roth, Und auch sonst das wilde Heer Beim Champagner, deprimirt Bau- und Grundstückspekulanten, Und nicht die alleine nur
Heut’ gekörnt und dann gerippelt,
An der Vögel Prachtgefieder, Der Kultur bedroht Euch schwer, Dass das Brod so billig wird! Schussbereite Trainsergeanten, Bringt Euch schleunig die Kultur.
Heut’ gestreift und dann getippelt,
An der Rose, an dem Flieder, Im Geschwindschritt naht’s heran- Ordensschwindler, Ordensjäger Medisante Kaffeetanten Darum wahret Euren Frieden,
Heute zu Crepon verkrümelt, Seht, da kommt der Börsenmann
An der Nelke, an der Lilie, Und des Rückschritts Bannerträger Und die lieben Dilettanten Bleibt bei dem, was Euch beschieden,
Morgen glatt und dann geblümelt,
Haltet fern von der Familie, Flieht, o flieht in schnellem Lauf, Nahn mit Kutten und mit Bäffchen, Jeder Kunst und jeder Art Darum ruft mit seiner Leier
Bald mit Spitzen, bald mit Schmelz
Euren Mägdlein, Euren Frau’n, Denn er hängt Euch Aktien auf! Hetzkaplane, Modepfäffchen, Kommen mit auf dieser Fahrt; „Seht Euch vor!!“
Bald mit Borten, bald mit Pelz,
Was der alte Buddha gnädig Heute tragen sie Jaquette —
Und es nahen Panamisten, Achtungsvoll der
Euch bedeckt mit Nacht und Grau’n! Spiritus und Spiritisten, Biedermaier (junior).
Gegen alle Etiquette
Denn Ihr bliebet lieber ledig,
Nr. 5 JUGEND 1896^

Augurengesang.
Bei Hofe sind wir nur geachtet, Am Schmollen erkennt man den Laien, Mit der modernisirenden Jugend,
Und was wir auch schreiben, gefällt! An der albernen Grämlichkeit — Sind wir fertig je und je
Wir haben die Schönheit gepachtet Wir singenden Lakaien Es fehlt ihr die höhere Tugend,
Und tragen die Leuchte der Welt. Sind voll von Zufriedenheit. Der Sinn für das Ewige.
Was schert uns das Flüstern der Fama? Wir schielen beseligt nach oben Drum fort mit den jungdeutschen Rangen!
Wir bekommen ja so wie so Und spucken entrüstet hinab; Sie kennen kein Heiligthum —
Für jedes misslungene Drama Und gegenseitig loben Kommt ein sittiger Jüngling gegangen,
Einen Orden auf den —! Thun wir uns bis an das Grab. Wir besorgen ihm eilig den Ruhm
Und wo sind denn Euere Orden? Wir singen von Feen und Helden, Den Lorbeer hinter die Ohren
Wo steh’n Eure Tressen parat? Von Elfen im dämmernden Hain, Und eine Citrone in’s Maul:
Was seid Ihr, o sagt nur, geworden Und um das Neu’ste zu melden, Die Spesen sind unverloren —
Mit Eurer „befreienden That“? Auch von dem Blaublümelein! Er lobt uns hernach auch nicht faul
MAURICE V. STERN.
1896 . JUGEND . Nr. 5

Für die Jugend gezeichnet von Luden Metivet (Paris).

La tres charmante et elegante Mlle. Zizi — chanteuse realiste.

79
Nr. 5 JUGEND 1896

„Wo hast Du die Sorge denn hingethan?“ fragte der


2>IE SORGE < Reiche.
VOLKS MÄ-RC HEN aus' „Ich habe sie in einen Sarg gelegt und begraben“.
Da packte den Reichen ein schrecklicher Neid, und~er
dem RUSSISCHEN. ging auf den Kirchhof, grub den Sarg aus' und rief:
„Sorge, Sorge bist Du da?“
Die Sorge war schon halb todt und wimmerte ganz
schwach:
1s waren einmal zwei Brü-
„Ja!“
der, die in verschiedenen Da sagte er zu ihr, indem er den Deckel abnahm:
Dörfern lebten. Der eine ,Ich lasse dich heraus aus dem Sarg. Dafür sollst Du
war sehr reich, hatte einen zu meinem Bruder zurückgehen. Er ist reich geworden seit
grossen Bauernhof und Du weg warst.“
J viele Säcke mit Gold. Der Da schüttelte sich die Sorge und antwortete:
andere aber war arm und „Nein, ich danke, da gehe ich lieber mit Dir mit, sonst
arbeitete im Tagelohn. bringt mich der noch ganz um!“
Einmal gab der Reiche Und sie ging mit ihm.
ein grosses Fest und lud Da wurde der Reiche arm. -—
alle seine Nachbarn zu Aber der, der die Sorge begraben hatte, lebt mit Gottes
einem Gastmahl. Da ging Hilfe heute noch im Wohlstand. — e. u. s.
auch der arme Bruder hin
und sagte zum reichen:
„Brüderchen, Du feierst
heute ein grosses Fest.
Wenn Du mich doch mit
etwas »braschka« *) be-
wirthen wolltest!“
„Mit »braschkaU“ sagte
der andere, „dort in dem
Eimer ist »braschka«, so
viel Du willst, trink!“
Es war aber nur Wasser.
Der arme Bruder trank
sich an dem Wasser satt,
ging nach Hause und sang
sich unterwegs Lieder vor. Da hörte er, dass jemand mit ihm
sang und fragte:
„Wer singt denn da?“
„Nun, ich!“ antwortete es.
„Wer bist denn Du?“
„Ich bin die Sorge.“
„Wohin gehst Du denn?“
„Ich gehe mit Dir.“
„Aber ich“, sagte der Arme, „werde jetzt sterben, sobald
ich zu Hause bin.“
Zu Hause angekommen, zimmerte er sich einen Sarg zu- Tagebuchnotizen eines aktiven Politikers.
recht, und als der fertig war, sagte er: Wenn eine Hand die andere wäscht, werden beide in
„Du Sorge, lege Du Dich zuerst hinein!“ der Regel noch schmutziger.
Darauf fragte er: „Sorge, Sorge, bist Du drin?“
Und die Sorge antwortete: „Ja, ich bin schon da!“ Das Geld fällt nicht vom Himmel, man muss es sich
Da machte er schnell den Deckel zu, trug den Sarg auf erst mühsam aus den Taschen seiner Nebenmenschen holen.
den Kirchhof und begrub ihn mitsammt der Sorge. Von der
Stunde fing er an, reich zu werden. Ich lebe von den Händen Anderer in meinen Mund.
Das hörte der Bruder und wurde neidisch.
„Wodurch ist er nur so reich geworden?“ dachte er. Doppelt nimmt, wer schnell nimmt.
Und er ging zum Bruder und fragte ihn: „Sage mir,
lieber Bruder, wie hast Du es angefangen, so reich zu werden?“ Makellosigkeit ist manchmal ein sehr gutes Geschäft.
„Entsinnst Du Dich vielleicht“, antwortete dieser, „des
Festes, an dem Du mich mit V^asser statt mit »braschka« Man kann Talent haben und doch Carriere machen.
bewirthetest? Ich trank von dem Wasser, und wurde betrun-
ken, und auf dem Rückwege sang ich Lieder und hörte je- Wenn Du mit der rechten Hand einsteckst, musst Du
manden mitsingen. »Wer singt da mit mir?- fragte ich. Je- die linke betheuernd an’s Herz legen.
mand antwortete: »Ich!« — »Wer bist denn Du?« »Ich bin
Sei immer ehrlich! Desto theurer wird man Dich bezahlen
die Sorge!*“ —
*) Ein ländliches Bier.
müssen. Ludwig Bauer.
So
1896 JUGEND Nr 5

Aber er (Adolar heisst er) wusste doch


nicht, ob er um sie freien sollte. Er war ein
Gemüthsmensch und hielt auf Herz.
Hatte sie (Elvira heisst sie) ein solches?
Adolar machte sich die Entdeckung Pro-
fessor Röntgens zu Nutzen, um das zu er-
fahren.
Mit einem photographischen Apparat,
der ganz harmlos aussah, kam er zu seiner
Angebeteten, und bat sie, ihm eine Sitzung
für eine Amateuraufnahme zu gewähren.
Sie that es.
Er aber hatte X-Strahlen im Kasten.
Mit seinem Negativ stürzte er nach
Hause, rief das Bild hervor — und schrieb
seiner Geliebten äusserst höflich, aber kalt
einen Abschiedsbrief!
Den Strahlen, die durch Kleider u. s. w.
wie durch Butter hindurchdrangen, hatte
das Herz Elvirens Widerstand geleistet.
Klar und scharf hebt es sich auf der
Photographie ab.
Es ist von Stein. (Anscheinend Unters-
berger Marmor. D. Red.)
Adolar war voreiner unglücklichen Ehe
gerettet — Dank der Entdeckung des Herrn
Professor Röntgen.
In seiner Freude sandte er uns das
Photogramm, das hiernebenan abgebildet ist.
Wir haben eine Maske auf das Antlitz des
hartherzigen Mädchens retouchiren lassen.
Denn Diskretion ist Ehrensache.
«•v*
öd

Das Lied
vom englischen Löwen.
(N. d. Mel.: „Ein lustger Musikante“.)
Der Leu von Engellanden
Spazierte jüngst umher —
o tempora, o mores! —
Und schaute heissen Hungers,
Wo was zu fressen wär’, —
o tempora, o mores! —
Am liebsten schnell den Türken
Thät er hinunterwürken —
Wer weiss wie das geschah?
Juchheirassassassa!
Belehren kann uns jederzeit
Frau Grossmama!

Mit aufgesperrtem Rachen


Fiel er den Türken an, —
o tempora, o mores! —
Dass starr vor Angst und Schrecken
Der arme „alte Mann“ —
o tempora, o mores! —
Da kam ihm was dazwischen —
Er könnt’ ihn nicht erwischen —
Wer weiss wie das geschah?
Juchheirassassassa!
Die neuen Strahlen. die unendliche, riesen-, fabel-, gespenster-
hafte und undefinirbare Bedeutung dieser
Belehren kann uns jederzeit
Von der neuen Entdeckung des Herrn neu entdeckten Strahlen so recht überzeu- Frau Grossmama!
Professor Röntgen in Würzburg ist in jüng- gend darthut.
ster Zeit soviel gesagt und geschrieben wor- An diese photographische Aufnahme Da wandt’ er sich voll Aerger
den, dass wir uns an dieser Stelle wohl nicht knüpft sich ein kleiner Roman. Wohl übers weite Meer —
ausführlicher darüber zu verbreiten brau- Einer von den Hörern des Würzburger o tempora, o mores! —
chen. Wir bieten unsern Lesern lieber so- Gelehrten liebte ein Mädchen. Es war schön
zusagen etwas Reelles! — wunderschön; beinahe so schön, wie allen Und glaubte, dass da drüben
Nämlich ein Originalphotogramm des verliebten jungen Männern ihre angebeteten Sich Niemand um ihn scheer’ —
gelehrten Forschers, ein Photogramm, das Mägdlein Vorkommen. Sie war reich. o tempora, o mores! —

8,
Nr. 5 JUGEND 1896

Das halbe Venezuela schichten. Darum hat Herr v. Buol viel


Möcht er für seine Kehla — nachgedacht, wie man das besser macht.
Die ersten Gedanken,die ihm kamen,
Wer weiss wie das geschah fielen auf die Damen und, in der That,
Juchheirassassassa! wenn man recht überlegt es hat,muss man
Belehren kann uns jederzeit ihm zugeben allzumal, das gäbe ein Le-
Frau Grossmama! ben unten im Saal, wenn den Reichsboten
zur Linken und Rechten, rosige Mägdlein
sitzen möchten. Doch hätte ihren Nach-
Doch wie er sich so gierig theil auch die Geschieht’, man verstände
Zum Sprunge hat geduckt — dann bald keinen Redner nicht. Dann
o tempora, o mores! — dachte Herr von Buol auch schon an die
Da hat man in Amerika five sisters Barrisson; wenn die viel-
leicht in den Zwischenpausen chic und
Gehörig aufgemuckt! — lustig und comme-il-faut, mit wenig
o tempora, o mores! — Fleisch und viel Trikot sich Hessen be-
Der Leu, der liebt den Frieden, wundern? Doch das waren Flausen. Die
Drum ist er leer geschieden — Herren vom Centrum als Wächter der
Sitten, hätten es nicht gelitten; es wär’
Wer weiss wie das geschah? von den Frommen dann Keiner gekom-
Juchheirassassassa! men, tanzten um des Präsidenten Thron
Belehren kann uns jederzeit die fünf Schwestern Barrisson.
Frau Grossmama! Auch um Diäten war schon gebeten,
aber allerwegen war der Reichstag da-
gegen. Und zwar mit Recht! Denn würde
In Afrika, drauf dacht er, eigens dafür „geblecht“, dann blieben
Da kümmert’s keine Maus — Manche wie angemauert und endlos hätt’
o tempora, o mores! — es gedauert, bis man zu Ende eine Ses-
Im schwarzen Erdtheil ist ja sion bringen könnte.
Dann ist von Freibier die Rede
Der Löwe wie zu Haus’ — gewesen — da störten die Spesen. Zwar
o tempora, o mores! — wird erzählt, es hätt’ nicht viel gefehlt,
Zwei ganze Republuken, dass die Brauer in Bayern bereit sich
Die wollt’ er da verschlucken — erklärten, sie werden gratis liefern das
nöthige Bier, doch sie wollten dafür, dass
Wer weiss wie das geschah? mit neuen Steuern der Gerstensaft auf
Juchheirassassassa! deutscher Erden nimmer dürfe belastet
Bekehren kann uns jederzeit werden. Und auf dies Verlangen sei Herr
Frau Grossmama! von Miquel nicht eingegangen. Dann kam
man auf eine andere Methode: in jeder
Legislaturperiode wollte man dem eine
Doch auch im Kaffernlande Prämie schenken, der am öftesten sass
Schlug man ihn auf die Tatz’, — auf des Reichstags Bänken, vielleicht
o tempora, o mores! — einen Orden, den niederen Adel, eine
Dass er vor Wuth nur wusste Tabatiere, eine Busennadel, eine Windt-
horstbüste, eine gemalte Pfeife, einen
Zu fauchen wie ’ne Katz! — Hofrathstitel, oder eine Achselschleife
o tempora, o mores! — eine schwarz-roth-weisse, mit der In-
Mit eingeklemmtem Schwänze schrift: Dem Fleisse. Doch muss ich ge-
Drückt er er sich weg vom Tanze — stehen, das hätte doch kindlich aus-
gesehen.
Wer weiss wie das geschah? Auch ein Orchestriert wollte man kau-
Juchheirassassassa! fen, zu ergötzen der Abgeordneten Hau-
Belehren kann uns jederzeit fen, um ihrer mehrbeisammen zu finden,
Frau Grossmama! eine Reichstagskneipzeitung gründen,
WILLIAM WAUER. man wollte, damit sie nicht ermatten,
während der Sitzung das Skatspiel ge-
statten, man wollte die Debatten illu-
strieren und lustige Bildlein projicieren
mit der Zauberlaterne auf weisse Lein-
Die wand — doch jeder Vorschlag fand einen
Einwand.
Reichstagsschwänzer Ich wüsste freilich ein Mittel ohne
Prämien und Titel, das die Mitglieder
Im Reichstag ist es ein wahrer Graus, des Parlaments brächte zu stärkerer Fre-
weil im ganzen Haus sitzen der Abgeord- quenz: Dass Jeder sich ehrlich selbst er-
neten kaum ein Dutzend; ihre Freifahrts- zählt, wozu ihn eigentlich die Wähler ge-
karte benutzend, belieben sie ohne Gren- wählt, und dass er sich sagt: Hier handelt
zen die Sitzungen zu schwänzen. Selbst sich’s nicht um ein Vergnügen, sondern
wenn der Herr Graf Mirbach spricht, um Pflicht, und dass die Herrn im hohen
reizt es sie nicht und im hohen Haus Haus weniger sprächen zum Fenster hin-
sieht es kläglich, höchst kläglich aus. aus, sondern nur zu den Collegen. Das
Bald sitzt auf hohem Sessel, gehalten würde ein Segen, denn um ein Drittel
durch seiner Würde Fessel, nur mehr würden durch dieses Mittel kürzer Debat-
der Präsident noch da und liest die Ger- ten und Reden und erträglich für Jeden.
mania. In müssiger Ruh’ schläft ein Saal- So aber bleibt es eine Schande, für
diener auf seinem Stuohl — warte nur die ganzen deutschen Lande, dass, wie
Buol, bald schläfst auch Du! wir als kleine Jungen manchmal hinter
Aber die Sache ist sehr betrüblich die Schule gungen, so die grossen Herrn
und durchaus nicht lieblich, denn es han- ’s Almbacherl. in Berlin zum Reichstag gehören und
delt sich mit nichten um wurschtige Ge- Originalzeichnung von A. Schmidhammer. gehen nicht hin. o. w.
82
1896 JUGEND Nr. 5

Unsere graphologische Ecke.


Den verehrten Lesern steht die bewährte Kraft unsers Hausgrapho-
logen jederzeit unentgeltlich zur Verfügung.

Ihr Wesen ist nüchtern und gesetzt Ihre Schrift im


Zustande vollen Seelengleichgewichtes entstanden. Strenger
_Sie dürften ein Mann zwischen 70 und 80 Jahren sein. Vegetarianer und Temperenzler. Sie sollen diese Sache aber
Starker Schnupfer, wie das eckige u-Häubchen beweist. Die nicht zu weit treiben. Auch der Alkohol hat seine guten
Correcturen in dem Worte „bellt“ verreiben einen lebhaften Seiten.
Geist, der sich mit vielen Dingen gleichzeitig beschäftigt. Be- »
wegte Vergangenheit. Ihre Handschrift verräth den in den
Stürmen des Lebens gereiften Mann. Unbeugsamer, strenger
Charakter. Sie haben vielgeliebt. . (£Uc dt d&Wr
Trotzdem Sie in französischer Sprache schrieben, mein
Fräulein, sind Sie keine geborne Pariserin, was aus Ihrem
grossen E und namentlich aus dem kerndeutsch aufgefassten
i-Tüpfelchen unwiderleglich hervorgeht. Aus Ihrem Aufruf
ungszeichen möchte ich schliessen, dass Sie blond sind.
EDUARD MUMPITZ
Geprüfter und vereidigter Schriftexpert, Professor der Graphomantie
an der Universität Philadelphia, Ober-Leib-Graphologe der Königin
Sanavalona von Madagaskar und fürstlich Montenegrinischer wirk-
Stark ausgeprägter Reinlichkeitssinn. Pflichtgefühl, strenge licher Geheimrath.
Selbstzucht bis zur Peinlichkeit. Hoher sittlicher Ernst. Ihr
grosses 8 verräth direkt dichterische Begabung.

Wahrscheinlich dem geistlichen Stande angehörig. Haupt-


züge des Charakters: Milde Frömmigkeit und asketische Ver-
achtung irdischer Güter. Unverkennbare Merkmale german-
ischer Rasse. Ihre Unterschrift wäre mir persönlich die
Liebste von Allen, die mir bis jetzt zur Prüfung vorliegen:
vielleicht schicken Sie sie mir gelegentlich auf einem weissen
Blatte für meine Sammlung.

Wahrheitsliebend, aber nach dem scharfen und spitz-


igen Charakter Ihrer Buchstaben zu schliessen, nicht immer
höflich. Ehrlich, zur Selbstkritik geneigt, aber ohne Vertrauen
auf Andere. Wenn mich die eigenthümlichen Schlingen Ihrer
h und 1 nicht täuschen, essen Sie gerne Carviol.

'Pfj- i-Y-ir
So viel sich aus Ihrer Unterschrift entnehmen lässt,
liegt der Schwerpunkt Ihres Geisteslebens mehr auf Seite
des Gemüthes, als auf der Seite tiefliegender Kenntnisse.
Schopenhauer lieben Sie nicht, Nietzsche ist Ihrem klaren
und herben Wesen fremd. Ich möchte wetten, dass Sie sich
nie mit Sanskrit beschäftigt haben. Schlichte Kraft ist der
Grundzug Ihrer Art. Intermezzo lirico: Andante con sentimento.

83
Inseraten-Annahme Insertions-Gebühren
durch alleAnnoncen-Expeditionen
sowie durch
G. Hirth’s Verlag in München
und Leipzig. JUGEND™
Die JUGEND erscheint allwöchentlich einmal. Bestellungen werden von allen Buch- und Kunsthandlungen, sowie von allen
für die
4 gespalt. Colonelzeile oder deren
Raum M. i.—.

Postämtern (Bayer. Postzeitungs-Katalog No. 397, Deutsches Reichspostzeitungs Verzeichniss No. 3536) und Zeitungs-Expe-
ditionen entgegengenommen. Preis des Quartals (13 Nummern) 3 Mk., der einzelnen Nummer 30 Pfg. Preis für die viergespaltene
Colonelzeile oder deren Raum (laut aufliegendem Tarif) 1 Mark.

Briefkasten.
München, 18. Januar.
„Germanicus“ Berlin. Warum wir Arbeiten französischer Zeichner
und anderer ausländischer Künstler in der „Jugend“ reproduziren ? Aus
demselben Grunde, aus welchem die Künstler in ihren Ausstellungen
ausländische Bilder ausstellen: um unsern Lesern möglichst Mannigfal-
tiges sehen zu lassen und um unsern Künstlern Gelegenheit zu lehr-
reichen Vergleichen zu geben. Und zum Dritten, weil chauvinistische
Bedenken in Kunstdingen denn doch wohl überhaupt ein Unding sind.
Auch französische Zeitschriften veröffentlichen Arbeiten deutscher
Künstler.
Agnes B. in Frbg. Wir halten es nicht für geschmackvoll, ein
Commentar zu jedem Bilde zu geben; was künstlerischen Werth besitzt,
spricht ja doch dadurch für sich selbst und wenn wir unter ein geistvoll
gezeichnetes Frauenbildniss „Weiblicher Kopf“, oder unter eine intim
gearbeitete Ansicht irgend eines malerischen Erdenwinkels „Landschaft“
schrieben, wäre die Sache dem künstlerischen Verständniss des Lesers
nicht viel näher gerückt.
Unsere Wettbewerbe. Auch der zweite Theil
unseres Preisausschreibens, Wettbewerb I: „Titelblätter der
Jugend“ und Wettbewerb IV: „Carneval Plakate“ hat Resultate
ergeben, die unsere Erwartungen, sowohl was Zahl der Ein-
sendungen, als was Qualität des Gebotenen angeht, weit über-
trafen. Wir haben für die I. Concurrenz von etwa 200 Künstlern
228 Entwürfe, für die IV. von 30 Einsendern 30 Entwürfe erhalten
und darunter sind nicht blos viele hübsche Ideen, sondern die
Zeichnungen sind zum grossen Theil prächtig in ihrer dekora-
tiven Wirkung, tadellos ausgeführt und direkt verwendbar. So-
bald als möglich werden wir mit der Publikation der in der 2.,
Finale: Presto furioso. 3. und 4. Concurrenz prämiirten Entwürfe beginnen. Die Zeich-
nungen für die Titelseite der,Jugend“ erscheinen natürlich erst
G. HIRTH’s Kunstverlag in München und Leipzig. nach und nach an der geeigneten Stelle, wir werden aber wohl
Gelegenheit finden, die schönsten der lins eingereichten Ent-
Jost Amman’s Allegorie auf den Handel. würfe hier in München öffentlich auszustellen. Als Juroren
(Aigentliche Abbildung des gantzen gewerbs der Kaufmannschaft
sambt etslicher der Namhafts und fürnembsten Handelstett Signatur haben Herausgeber und Redakteur der ,Jugend“ einige unserer
und Wappen.) Nach den in der Fürstlich. Wallenstein’schen Biblio- hervorragendsten Künstler cooptirt und gewonnen, deren Namen
thek in Waihingen auf bewahrten Original-Holzstöcken; Text nach wir zugleich mit dem Ergehniss der Wettbewerbe veröffentlichen
dem Originalabdruck im k. bayer. Nationalmuseum. Ausgabe v. 1622.
Grosses 'Tableau in zweifarbigem Kunstdruck, 120 cm h , 85 cm. br. werden. Neue Concurrenzen, auch für den Texttheil der,Jugend“,
In Kartonmappe Mk. 4.50, auf ganz Leinwand gezogen Mk. 6.—. werden in Bälde ausgeschrieben.
für das Freiwilligen-,
II (T Fähnrich-, Primaner- u.
1V Abiturienten-Examen,
Das Deutsche Zimmer der Gothik und Renaissance, des Barock-,
Rococo- und Zopfstils. Anregungen zu häus-
rasch, sicher, billigst. licher Kunstpflege von Georg Hirth. Dritte stark vermehrte Auf 1 age. 464 Seiten hoch 4°
Dresden 6. Moesta, Director. mit 370 Illustrationen. Eleg. brosch. M. 10.—, eieg. geh. M. 15.—.
Uebemahme von
Kunstauetionen
jeder Art, ganzer Sammlungen sowohl
wie einzelner guter Stücke.
Hugo Helbing, München, Christophstr. 2.
Vom Frühjahr ab eigene,
neuerbaute Oberlichträume.

Alte Kupferstiche.
Kataloge gratis und franco durch
Hugo Helbing,
Herausgeber: Dr. GEORG HIRTH; verantwortlicher Redakteur; F. von OS 1 INI; verantwortlich für den Inseratentheil: G. EICHMANN, G. HIRTH’s Kunstverlag; sämmtlich in München*
Druck von KNORR & HIRTH, Ges. m. beschr. Haftung in München.
Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben. — G. Hirth’s Verlag in München & Leipzig.
Nr. 6 JUGEND 1896

Paul Verlaine f. Titel «Sagesse» herausgab. An schlichter Innigkeit


stehen sie in der französischen Literatur, wo Esprit
Paris, Januar. und Rhetorik allgemein die Herzensregung über-
Ein Dichter ist hingeschieden, wie Frankreich wuchern, einzig da. Der rührende Ton der Volks-
keinen zweiten hat, ein echter Lyriker in diesem poesie, der Aufschwung mystischer Frömmigkeit, die
Lande, wo das blaue Blümlcin der Lyrik so spärlich Zerknirschung des reuigen Sünders, die sanfte Schwer-
spriesst. Paul Verlaine ist für immer in den Seelen- muth der Weltverlassenheit, — alles dies klingt er-
frieden eingegangen, nach dem er hienieden vergeblich greifend in seinen Dichtungen zusammen. Dazwischen
rang, da der Sinnenrausch ihn immer wieder über- mischt sich der Galgenhumor des Strafgefangenen,
mannte und gewaltsam niederzwang. Nur zwei Stätten dessen Probe wir der zweiten Sammlung der Verlaine-
auf Erden gewährten ihm den Vorgeschmack des ewi- schen Gefängniss-Dichtungen entlehnen:
Allons, freres, bons vieux voleurs,
gen Friedens, den er ersehnte: das Spital und das
Doux vagabonds,
Gefängniss. Er war nach unsern Begriffen ein Pech-
Filous en fleur,
vogel. Selber klagte er über den Unstern, der die Welt
Mes chers, mes bons,
nicht zu ihm, oder ihn nicht zur Welt passen Hess. Fumons philosophiquement
Suis-je n6 trop tot ou tard? Promenons-nous
Qu’est-ce que je fais dans le monde? Paisiblement:
Aber ein Strahl der Gottesgnade fiel in das Düster Rien faire est doux.
seines Schicksals und durchglühte sein Gemüth. Seine Verlaine hatte mit seinem bösen Streiche alles
Seelenkämpfe verklärten sich in Poesie. Was er in bürgerliche Glück, auch das Glück seiner Ehe ver-
Leiden klagte, was er im Sinnenglück jubelte, geht spielt. Frau und Kind lebten fortan von ihm getrennt.
vom Herzen zum Herzen. Unter allen Lyrikern des Sein Sohn wuchs auf, ohne den Vater zu kennen, dessen
neuzeitigen Frankreichs schlug er den innigsten Ton an. Tod er jetzt erst durch die Zeitungen erfahren hat,
Paul Verlaine war am 30. März 1844 in Metz ge- denn keiner der Freunde des Dichters, die an dem
boren. Er verlebte eine sonnige Jugend im Eltern- Sterbebette standen, wusste, wo er sich aufhielt.
hause, studirte dann die Rechte in Paris, verheirathete Eine Zeit der inneren Ruhe genoss Verlaine in
sich früh aus Liebe und schien, da es ihm an Wohl- Freiheit noch bei seiner Mutter auf einem Bauern-
stand nicht fehlte, zu einem bürgerlich regelrechten, höfe in den Ardennen. Dann kam die Armuth: das
glücklichen Dasein bestimmt. In Studienjahren dich- Gütchen wurde verkauft. Der Dichter zog mit seiner
tete er seine «Poemes saturniens», die den Dichter Mutter nach Paris, die Mutter starb, und Verlaine
von Gottes Gnaden noch nicht voraussehen Hessen. stand allein auf dem Pflaster der Grossstadt, bei Jahren
Die «Fötes galantes», die etwas später erschienen, zwar schon, doch anHcrzenseinfaltein Kind, ein grosses,
zeigten ihn als Mitglied der „parnassischen Gruppe“, herzensgutes und doch ungerathenes Kind.
der Poeten, die mit Theodore de Banville, Leconte Mit den Entbehrungen kam die Krankheit. Im
de Lisle, Catulle Mendös, Franqois Coppee und Sully Leben des Poeten waren fortan die Wochen und Monate,
Prudhommc vor Allem die Formvollendung und den die er im Spital verbrachte, die glücklichsten. Philo-
Wohllaut des Verses anstrebten und ihren hauptsäch- sophisch fügte er sich in sein Schicksal und scherzte
lichen Vorgänger in 1 heophile Gautier hatten. darüber. Wenn im Sommer die elegante Welt die
Verlaine war damals schon Meister der Form; die Stadt verliess, pflegte er zu sagen: „Nach dem Grand
seelische Vertiefung sollte ihm erst unter Schmerzen Prix kann man wirklich nicht anständigerweise mehr
kommen. in Paris bleiben. Ich trete meine Saison in Broussais
Mitten in seinem bürgerlichen Glück und seinen an.“ Das Hospital Broussais war sein Lieblingskranken-
ersten dichterischen Erfolgen, überkam ihn ein dia- haus. Wenn er im Sommer schon seine „Saison“
bolischer Sinnenrausch. Dazu war er durch die Com- antrat, so pflegte er den Winter erst recht dort zu
mune 1871 politisch compromittirt, flüchtete nach Bel- verbringen.
gien — und die Folge war: zweijähriges Gefängniss. Indessen hatten sich seine Werke, die lange nur
In der stillen Zelle kam er zur Besinnung und im engeren Kreise literarischer Feinschmecker ge-
hielt innere Einkehr. Dort schuf er das Hauptwerk schätzt worden waren, Bahn zum grossen Publikum
seines Lebens, die Gedichte, die er später unter dem gebrochen.

86
Paul Verlaine auf dem Todtenbette,
Für die Jugend gezeichnet von F. A. Cazals (Paris).
Spätherbst.
88
1896 JUGEND Nr. 6

Um den Dichter, der in der Boheme des Quartier Von seinen Werken erwähnen wir noch: «La
latin lebte, schaarten sich junge Bewunderer,~-die ihn Bonne Chanson», «Romances sans paroles-, «Les
auf den Schild erhoben als Führer ihrer neuen Poeten- Poetes maudits», «Jadis et Naguöre», und «Les Me-
schule, oft ohne selbst ihn recht zu verstehen. Die moires d’un Veuf».
Gruppe der „Decadenten“ sah in ihm ihren Meister, Am 8. Januar machte ein Lungenschlag dem
obwohl er nichts von ihr wissen wollte. Die klare, Leben des Dichters ein Ende. Keiner seiner Freunde
frische, gut französische Sprache, die er in seinen stand ihm im letzten Stündlein zur Seite, denn keiner
besseren Werken gebrauchte, hat nichts gemein mit hatte geglaubt, dass die Krankheit den, trotz vielen
der dunklen und geschraubten Redeweise, mit welcher Leidens immer noch kräftigen 52 er so rasch hin-
die „Decadents“ die Armuth ihrer Gedanken zu ver- raffen würde. Es gab viel Trauer im Quartier latin,
bergen suchen. Doch ging es ihm wie vielen Grossen: dessen grösster Dichter hingeschieden war, und mit
Seine Verehrer wurden ihm zum Vorwurf gemacht. dem Pariser Schulenviertel trauert jetzt ganz Frank-
Wir sehen dies in einer Karikatur von Emile Cohl reich um den echtesten seiner Lyriker.
angedeutet, die in einem Flugblatt der Vanier’schen Ein Busenfreund Verlaine’s, der Maler Cazals, hat
Buchhandlung, Verlaine’s Verlagsfirma, erschien: wenige Stunden nach dem Tode den Hingeschiedenen
Der Dichter mit Teufelskrallen und der „Decadence“ auf seinem Sterbebett im bescheidenen Miethstübchen
als Schwanz. Als Leier hat er eine Gefängnissmauer, gezeichnet und der „Jugend“ dieses Bild, das einzige
als Saiten die Eisenstäbe eines Fensters. seiner Art, überlassen. Verlaine ruht sanft, wie im
1896
Nr. 6 JUGEND
Schlummer. Die feine, kleine Hand liegt auf dem
Laken, als hielte sie noch die Feder. Durch die
geöffnete Seitenthüre sieht man im Nebenraum eine
Frauengestalt: die Frau des Malers.
Priez pour le pauvre Gaspard! so sang Verlaine
auf Kaspar Hauser, mit dem er sich in seinem Unstern
verglich. Mit Wehmuth sehen wir den armen Pech-
vogel scheiden, der auf Erden keine Ruhe fand und
in dessen Leben der Schmerz den Grundton gab: Ein Fund.
Faschings-Capriccio.
II pleure dans mon coeur
Comme il pleut sur la ville, Eine Larve, federleicht zu wiegen,
Quelle est cette langueur Sah ich einst im Schneegestöber liegen,
Qui penetre mon coeur? Hob es auf, das Harrending, und heute
Prangt es an der Wand als Faschingsbeute.
O bruit doux de la pluie Manch ein Stäublein kam derweil zu sitzen
Par terre et sur les toits! In des Feingewebs durchbroch’ne Spitzen,
Pour un coeur qui s’ennuie Manch ein Gastfreund kam in schnelles Fragen:
O le chant de la pluie! „Wardst Du Tänzer noch in alten Tagen?“
Mancher witterte ein Abenteuer,
II pleure Sans raison Bis am End’ mir selber nicht geheuer
Dans ce coeur qui s’ecoeure. War beim Anblick jenes Schreckgesichtes,
Quoi! nulle trahison? Das beim Flackerschein des Kerzenlichtes,
Ce deuil est sans raison. Grell umkränzt vom Flammenspiel, dem rothen,
Aussah wie der Schädel eines Todten.
C’est bien la pire peine Das unheimliche Visir betrachtend,
De ne savoir pourquoi, Schien mir’s plötzlich, als ob heiss und schmachtend
Sans amour et sans haine, Durch’s Oval der ausgeschnitt’nen Ringe
Mon coeur a tout de peine. Dunkler Feueraugen Gluthstreif dringe,
Und das schwarze Fransenrundgewebe
Eines warmen Mundes Hauch belebe.
Blendend hob sich aus dem Schattendunkel
Arm und Nacken und Geschmeidgefunkel,
Und mit süssem Grau’n und leisem Zittern
Hört’ ich eine Seidenschleppe knittern,
Hörte heimlich einen Fächer rauschen,
Und mir war, als möcht’ ich ewig lauschen.
Und ich sprach: „Du kommst auf weichen Sohlen,
Schönes Weib, den Fund zurückzuholen;
Treulich, siehst Du, thät ich ihn bewahren!
Lass dafür mich, schönste aller Frauen,
Unverhüllt und frei Dein Antlitz schauen!
Schon verzehrt mich sehnendes Verlangen,
Sprich, o sprich! Woher kommst Du gegangen?
Sprich, wer bist Du, überirdisch Wesen?“
„Jetzt Dein Alles, bald bin ich — gewesen!“
.,. . Forschet nicht, was jetzt den Träumer weckte.
Lächelnd sah er, wie die Flamme leckte,
Feurig züngelnd höher sich erstreckte
Aus dem Fastnachtskram mit Spinnwebborden
War ein starr’ Medusenhaupt geworden.
ALFRED BKETSCHEN.

--

Reue.
Schwer ist mein Haupt und schwer ist mein Gewissen
Von Flüsterworten und von heissen Küssen,
Von Küssen schwül, gleich einer Lenznacht Schweigen,
Die blasse Blüthen weckt auf allen Zweigen —
Ungünst’gem Schicksal frevelhaft entrissen-
Schwer ist mein Haupt und schwer ist mein Gewissen.
Paul Verlaine T. RESA.
Nach einem Original F. A. Cazals, (im Besitze des Herrn Dr, Bouland) Paris.

90
1896 . JUGEND . Nr. 6

Schmücke Dein Heim! eine echte Bronzebüste aussah. Um das


Gesicht recht ähnlich zu machen, hatte
Für die ,Jugend“ geschrieben von Theodo- ich mir mehrere grosse Photographien und
retta Rosenblüh. Stahlstiche mit Porträts des Meisters ge-
kauft. Für die echte Büste verlangte der
Nachdem ich aufgefordert worden bin, Gypsfigurenhändler 6 Mark, mir kostete
für Ihre Zeitschrift über meine Erfahrungen die meinige nichts, als um 20 Pfennige
in Bezug auf häusliche Kunst einen Artikel Modellirwachs und um 10 Pfennige Gold-
zu verfassen und dieselbe mir neulich durch bronze.
die Post zugegangen ist, schicke ich, weil Mit Goldbronze lässt sich überhaupt
ich ohnedies die Schriftstellerei auch als Fabelhaftes erreichen. In meinem Rococo-
Liebhaberkunst betreibe, indem dass ver- zimmer habe ich z. B. einen Spiegelrahmen
schiedene Zeitschriften, wie „die Kunst für einfach durch aufgenagelte Salzbretzen stil-
die deutsche Hausfrau“, das „Hausmütter- voll verziert. Kein Mensch kennt das von
chen“ und der „Leimtopf“ Aufsätze von mir einer echten Schnitzerei „Louis XV.“ weg.
gebracht haben und dieselben grossen An- Eine Galosche meiner Schwiegermutter, in
klang gefunden haben, Ihnen Einiges aus die ich eine Kinderbadewanne aus Blech
meiner Praxis und langjährigen Erfahrung, stellte, gab einen wundervollen ovalen
welche ich mir im Laufe der Jahre er- Blumentisch, ein Corsett dergleichen Dame
worben habe. mit Leimwasser steif gemacht und bronzirt
Theure Leserin! Man glaubt gar nicht, mit ist als Behälter für getragene Wäsche jetzt
was man alles sein Heim schmücken kann! die Zierde unseres Schlafgemaches.
ln meinem Hause wird, die Küchenab- Wie gesagt, theure Mitschwester, ich
fälle inclusive mit eingeschlossen. Alles verwende Alles im Haushalt zur Schmück-
zur Schmückung des Heims verwendet und ung unseres Heims: Aus alten Stiefelsohlen
haben wir schon zwei weitere Zimmer mit- meines Mannes habe ich in Lederschnitt
dazumiethen müssen, um Alles unterzu- sehr hübsche Bierglasuntersätzchen ge-
bringen. Ausganz Unscheinbarem kanneine macht, aus alten Gonservenbüchsen, ab-
geschickte Liebhaberkünstlerinnenhand den gelegten Bügeleisen und Blechtöpfen stellte
reizendsten Zimmerschmuck verfertigen. So ich einen Ritterharnisch für unsern Vor-
essen wir z. B. öfters Leberwürste. Ich sorge, platz zusammen, den nur ein Kenner, weil
dass die Häute sorgfältig aufgeschnitten derselbe wirklich hübsch ist, von einem
werden, trockne sie, reinige sie, nähe sie zu- echten Maxemanuelsharnisch weg kennt,
sammen, spanne sie auf Rahmen, bemale wie man sie heisst. Ein reizendes Tinten-
sie mit Wasserfarben und erziele dadurch zeug erhielt mein Gatte von mir zu seinem
einen Fensterschmuck, der, sobald es dunkel letzten Geburtstag; und aus was ist es?
wird, aussieht wie echte Diaphanien. Nur aus abgebrochenen Soxhletflaschen,
Mein Mann hat sich allerdings beklagt, dass Austernschalen und Hummerscheeren. Zu
er jetzt gar so oft Leberwürste essen muss, seinem Namenstag bekam er einen Pfeifen-
aber die schönen Glasfenster-Imitationen ständer — aus was? Aus zwei defekten
in seinem Schreibzimmer haben ihm doch Teppichklopfern und einem zerbrochenen
recht viel Vergnügen gemacht, wozu sich Toilette-Eimer und den Resten einer aus-
die Häute von Blutwürsten weniger eignen, rangirten Bettvorlage — es sieht aus wie
weil sie nicht so durchsichtig sind, und er indisch. Erst jüngst habe ich ihm den Sitz
gab sich schliesslich zufrieden. seines Schreibstuhles mit tiefer Kerb-
Theure Leserin, wie war ich da erfreut! schnittarbeit verziert. Er sagt, er müsse
Unserm Speisezimmer fehlte schon lange nun an mich denken, so oft er darauf sitzt,
ein Lüster. Ich habe aus einem alten Regen- wie ihn überhaupt jedes Stück in unserem
schirmgestell, einigen Kilos alter Glas- Hausrath an meine fleissigen Hände er-
scherben und einer Mischung von verdor- innert.
benen Salzgurken, Kartoffelschalen Asche, Ich glaube, sagen zu dürfen, dass nahe-
Gips und zugrundegegangenen Bücklingen zu nichts mehr ungeschmückt ist in unserm
einen prachtvollen Lüster hergestellt. Die Heim. Bei Einladungen verzieren wir sogar
Stangen des Regenschirms bestrich ich mit Zahnstocher und Streichhölzer mit Holz-
einer aus obigen Ingredienzien gekneteten brand. Ueberhaupt wird mit dem Glühstift
Masse, den Bücklingen nahm ich die Schup- Alles bearbeitet, was aus Holz oder Leder
pen ab, was eine prächtige Vergoldung für ist, wie ich auch alles Porzellan- und Stein-
den Lüster abgab, auf den ich sie klebte, gutgeschirr stilvoll bemale.
und die Glasscherben liess ich schleifen und Dass man alle Stoffreste zu liebhaber-
behängte damit den Lüster, der anfangs nicht künstlichen Arbeiten verwenden kann, ver-
angenehm roch, aber von geradezu präch- steht sich von selbst. Unser grosser Sa-
tiger Erscheinung war; nur das Schleifen lonteppich weist Muster von sämmtlichen
war etwas theuer, nach dessen Preis ich Hosen auf, die mein Mann in den 24 Jahren
vergessen hatte, vorher zu fragen. Der Glas- unserer Ehe getragen. Man hielte denselben
schleifer hat 275 Mark verlangt — aber es für einen echten Perser. Unsere Vorhänge
gibt gewiss Schleifer, die das billiger machen. sind mit der Wolle abgetragener Strümpfe
Lange war es mein sehnlichster Wunsch, und Socken gestrickt und hängen an (bron-
die Büste meines Lieblings-Componisten zirten) Vorhangstangen, die früher Besen ge-
zu besitzen, indem ich auch die Musik als wesen sind. Unsere Stühle sind mit meinen
Liebhaberkunst treibe und mir dieselbe in ehemaligen Seidenkleidern überzogen, un-
echtem Gyps zu kostspielig war. Nun verfiel sere altdeutschen Tischtücher sind ehe-
ich auf einen Gedanken, auf den ich wirklich malige Bettlaken, die ich mit rothem Garn
stolz bin: ich hatte ein Gefäss, welches verziert habe, während unsere Betttücher
überflüssig wurde, da mein Jüngster sozu- aus ehemaligen altdeutschen Tischdecken
sagen daraus wuchs. Dieses setzte ich auf bestehen. Alte Schnupftücher lassen sich
einen abgebrochenen Lampenfuss, schlug mit geschickter Benützung der Löcher und
den Henkel ab, modellirte eine Nase an Flicken in reizende ä jour-Deckchen verwan-
seine Stelle und auch das Uebrige, was deln und sind dieselben für Teller, Brod-
zum Gesicht gehört, bis es dem grossen körbchen sehr verwendbar.
Künstler ähnlich sah und ich mit Gold- Alles lässt sich verwenden, theure Le-
bronze bestrich, wo es dann wirklich wie Zierleiste von F. Hass. serin, wirf ja nichts weg in Deinem Haus-

9i
Nr. 6 jUGK'ND 1896

Ringel'^e>hen. Originalzeichnung von J. Garben,


Nr. 6 JUGEND 1896

halt: Eierschalen, Fischgräten, alte Hand-


schuhe, Geflügelknochen, Cigarrenkisten,
W interlandsdiaft.
Tintenflaschen, Nestle-Büchsen, Zündholz- Der Wald erglänzet schneeig weiss
schachteln, Cartonemballagen, zerbroche- Und steht in tiefem Schweigen,
nes Geschirr jeder Art, Staniolkapseln, Fla- Kristallklar hängt herab das Eis
schenkorke, Alles lässt sich verwenden, Von dunkeln Tannenzweigen.
bronziren, punzen, aussägen, brennen, ver- Das Feld liegt wie ein weisser See
löthen, schneiden, schleifen, graviren, be-
malen, annageln, aufhängen, feilen, lackiren, Und ferne Nebel wallen,
treiben, hämmern, ätzen, bekleben, kerb- Sie steigen auf zur blauen Höh',
schneiden, schnitzen, transparent machen. Sie steigen und sie fallen.
Unser eigenes Heim ist nun allerdings „ Ein Vogel kauert auf dem Baum,
schon so arg als möglich geschmückt. Aber 'y Das Köpfchen im Gefieder,
im nächsten Jahre geht meine Tochter auf Und zwitschert leise wie im Traum
den ersten Ball. Da fang ich jetzt mit ihrer Zukünft’ge Frühlingslieder.
Aussteuer an. Uebrigens fällt mir dabei / So feierlich tönt Glockenschall
ein, dass man abgelegte Ballblumen auch
bronziren kann und sie dann von Kunst- Vom Klosterthurm herunter;
schmiedearbeiten nicht wegzukennen sind. Am Himmelsrand, ein Feuerball,
Was sehr hübsch ist. Geht gross die Sonne unter.
Also schmücke Dein Heim! Originalzeichnung von Julius Adam. E. FRETSCHER.

Der Apfelschuss. E. v. Meissl.

94
1896 JUGEND Nr. 6

„Schau Du!“ bewundert der Bauer, „reinen Luttenberger


hast? Istdoch wohl auch sicherlich ein echter und gerechter,Du?“
Schaut der Wirth schief drein: „Was glaubst denn von
mir, Bauer? Dass ich einen unechten Wein hätt’? Einen
ungerechten Wein hätt’? Einen falschen Wein hätt’? Mein
Lieber! Das kann ich dir schon sagen, keinen echteren Lutten-
berger hast Du wohl dein Lebtag nit getrunken, als wie den da!“
„Hab’ überhaupt noch nie keinen Luttenberger getrun-
ken“, sagt der Bauer, „hab nur alleweil gehört, dass er recht-
schaffen gut soll sein, der Luttenberger.“
„Uh Halbnarr!“ lacht der Wirth auf, „der den guten
Wein beim Ohrwaschel hineinlasst, anstatt bei der Gurgel!
Darf ich noch einmal nachschenken?“
„Halt ja, halt ja! Eins tragt’s noch, ein Krügel“, sagt der
Bauer und trinkt mit Andacht den echten und gerechten Wein.
Und seine Seele hätte er mögen verschwören, der Wirth,
darüber, dass sein Wein ein echter Luttenberger ist. Denn
in seinem Hause hinterwärts wohnt der Bader. Der zahlt
keinen Zins, macht aber den Wein. Und der Bader heisst
Franz Luttenberger. Wie er ihn macht? Wasser und Wurzel-
werk, Zucker und Feigen, Zimmt und anderes Gewürz, ein
wenig Branntwein dazu, was weiss ich ! Er sagt’s ja nieman-
dem, der Bader, wie fein er mischt. In seiner lateinischen
Küche werden noch ganz andere Tränklein ausgekocht, kostet
das Flaschel achtzig Kreuzer, weiter schaden sie nicht viel.
Nun, und dass ich sage: Im Hof steht ein Trog, der ist heute
voller Luttenberger, frisch aufgekocht, glühheiss, just im jesen
(gähren); dass wir bald wieder ein neues Tröpfel zu trinken
kriegen, ein echtes und gerechtes!
Jetzt mit Verlaub zu fragen, wie geht’s dem Esel draussen
an der Planke? Dank der Nachfrag, so weit gut. Nur dass ihm
die Zeit alleweil länger wird und der Durst alleweil grösser. Der
Bauer kommt nicht vor, der sitzt drinnen fest. Die Welt ist
doch nichts nutz. Es ist der Unterschied zu gross. So philo-
sophiert der Esel und beutelt den Kopf. Bei dieser ganz harm-
los gemeinten Bewegung reisst er das Stricklein ab und
jetzt wär’ er frei und könnte gehen wohin er wollt’. — Ja,
Des Esels Ehrentrunk. wenn er gehen kann wohin er will, da geht er durch das Thor
Ein steirischer Schwank, erzählt von Peter Rosegger. hinein in den Hof und sucht den Brunnentrog, damit er sich
Diese Geschichte hat sich zugetragen zu Bruck, in der
den Durst kann löschen. — Na nu! denkt sich der Esel, wie
er aus dem Troge trinkt, was ist denn das da für ein Wasser?
alten Kreisstadt an der Mur. Angespielt haben sie vier Per-
Ich kenn’ mich nit aus, ist das ein schlechtes Wasser oder
sonen: Ein Bauer, ein Bader, ein Richter und ein Esel. Ob
von diesen vieren der letztere nicht thatsächlich der Klügere ein guter Wein! Aber schmecken thut’s nit sper! Gar nit sper
schmeckt’s! Ja, - da hör’ ich auf vom Trinken und heb’ an
gewesen ist, wie es das ehrwürdige Geschlecht der Grauen zum Saufen! .. . .
erheischt, das soll sich zeigrn im Laufe der Begebenheit.
Also hebt es an. Kommt einmal an einem glühheissen Nach einer Weile, wie der Bader kommt, um nachzu-
Sommertage ein Bauer mit seinem Esel in die Bruckerstadt. schauen in seinem hölzernen Weingarten, ob sich der Wein
Als sie bei der Mühle ihre Kornbündel abgelegt gehabt haben wohl gut ausreift in der Sonne, da findet er einen leeren Trog
und nacher drauf über den Marktplatz spazieren selbander, und einen vollen Esel. Nicht bald eine reife Weinbeer’ wird
sagt der Bauer zu seinem Genossen: „Du, verdammt! Die sich so schön bauchig auswachsen, wie sich unser Grauer jetzt
Hitz’, die ich leid!“ gezeitigt hat. Dabei wackelt er mit dem Kopf, fächelt mit den
' „1h ah!“ meint der Esel. Ohren, pustert mit der Schnauze, hüpft mit den Beinen, haut
„Und den Durst, den ich hab!“ mit dem Schwanz nach links und nach rechts und hebt lieb-
„Ih ah!“ singt der Esel. lich an zu singen: „Ih ah!“ gleichsam: Ich auch bring’ es
Nachher kommen sie zum Wirthshaus. zuweg, viechdumm zu werden, wenn ich einen Rausch hab’!“
Wie sie zum Wirthshaus kommen, hängt der Bauer Der über die Maassen entsetzte Bader läuft in die Wirths-
seinen Kameraden mit einem Stricklein an die Planke, die unter stube: „Wem gehört der Esel da draussen?“
der Linde steht und geht hinein in die Stube auf ein frisches Der Bauer hat schon geduselt. Jetzt hebt er seinen
Krügel. Lässt sich ihn schmecken, den Wein. Schön kühl ist Kopf auf: „Esel? Von einem Esel ist die Rede? Das geht
er, schön süss ist er, schön prickeln thut er auf der Zung’. mich an. Der Esel gehört mein“.
„Was ist denn das für einer?“ fragt der Bauer den Wirth. „Recht ist’s“, sagt der Bader mit kaltem Ernst, „Bauer,
„Das ist ein Luttenberger“, antwortet der Wirth. Es ist dann machst Du mir meinen Schaden gut! Verstehst Du?
ja allbekannt, dass bei Luttenberg im Unterland ein gutes Meinen Trog Wein hat er mir ausgesoffen. Die ganze Fexung
Tröpflein reift, ein gottverflucht gutes Tröpflein. ■st beim Teuxel!“

9S
Nr. 6 JUGEND 1896

Pegasusritter. Orißinalteichnnng von Heinrich Schütt.

96
1890 JUGEND Nr. 6

Der Bauer reimt sich das Ding bald zusammen und fragt:
„Hab’ ich’s ihm geschafft, dass er Dir Deinen Pantsch soll
austrinken?“
Hierauf der Bader: „Du hast Dein Vieh anzuhängen,
dass es nicht loskommt und keinen Schaden macht! Hast
mich gehört? Und wenn Dein Esel einen Schaden macht,
so wirst Du dafür hergenommen. Meinen Trog voll Wein
mach’ mir gut. Verstehst?!“
Darauf hin wird der Bauer nüchtern. Langsam bäumt
er sich auf, hoch auf! Mit der Nase pfnaust er und sagt so-
dann in gemessener Würde: „Bader! Hättest Du Deinen Wein
dort gehabt, wohin er gehört, im Keller, und mein Grauer
war’ dazu gekommen, nachher könntest aufbegehren. Wenn
der Bauer im Wirthshaus sitzt und sein Esel derweil in den
Hof geht, so hat er recht. Wenn der Esel Durst hat und zum
Brunnen geht und trinkt, so hat er auch recht. Wenn aber
Die Sittenkommission.
im Brunnentrog das Wasser verdorben ist und das Vieh wird ln der bayrischen Kammer, da grämte sich Einer
krank davon — wer ist dran schuldig? Der das Wasser hat Von Geist ein Grosser, von Körper ein Kleiner
verdorben. Und wenn das Vieh auf so ein Gesüff verreckt, Weil mit der Tugend auf unserer Schau-
wer steht mir gut? Der den Trank hat verdorben. Du stehst Bühne es stünde gar so mau!
mir gut, Bader, und von Dir begehr’ ich einen gesunden Esel, Er sprach:
wenn der besoffene krepirt!“ „Wer, wie ich, als des Volkes Vater
So hat er gesprochen, der Bauer. Und wie der Bader Berufen sich fühlt, kann das deutsche Theater
merkt, dass sein Gegner den Spiess umwendet, da wird er Nur mit verbundenen Augen und Ohren
höllisch wild, geht zum Gericht und verklagt den Esel, den Besuchen, weil ’s allen Anstand verloren.
Esel mitsammt dem Bauern. Na, gut über das. Da sieht man gar Vieles, was sich nicht ziemt,
Jetzt, was wird da herauskommen? Der Richter ruft sie Da wird viel Sittenloses gemimt,
vor. Der Bader ist Gott Lob und Dank gesund, der stellt sich Und wenn sich am Schlüsse mit zierlichem Neigen
ein. Dem Bauer ist heute gewiss so so, er weiss selber nicht Die ausgeschnittenen Damen verbeugen,
recht, wie. Aber vorhanden ist er auch. Der Esel aber, der So lässt dies lächelnde Niederbücken
hat schauderhaftes Kopfweh — der lässt sich entschuldigen. Das Publikum viel zu tief oft blicken.
Der Richter sitzt zu Gericht. Hab’ eigenäugig bestätigt das
„Es ist“, sagt er und nimmt eine Prise, „es ist eine harte Mit einem vortrefflichen Opernglas.“
Sach’. Für diesen Fall finde ich im Gesetz keinen Para- Auch sonst, so sprach er, säh’ man vom Fleische
graphen. Der Esel hat niemanden umgebracht, hat nichts Vieles, was bess’re Bedeckung heische,
gestohlen, hat nicht Ehr abgeschnitten, hat 'kein Wort ge- Und wär’ es auch mit Trikot übersponnen
brochen, hat niemanden verzaubert oder verhext — nicht Er sei darum doch in Scham entbrennen
bald so ein braver Mensch ist mir vorgekommen wie dieser Und hält' sich, so bald der Vorhang fiel,
Esel. Und den soll ich schuldig sprechen? Ich müsste rein Erröthend gewendet von diesem Spiel.
nach dem Zechrecht vergehen, nach dem altgermanischen. Und Dramen würden gegeben, Dramen!
Und da haben wir zwei Fälle: Der zahlende Gast und der Verderblich für Männer, Kinder und Damen,
freie Gast. — Saget mir einmal, lobwerther Herr Bader, hat Für Religion und für Moral,
der Esel den Wein als stehend getrunken oder als sitzend?“ Geschmack und Gesinnung gleich fatal!
„Bank hab’ ich ihm keine hingestellt zum Trog, dem In einem Stücke zum Beispiel, dem „Faust“,
Biest!“ gibt der Bader in seiner Entrüstung zur Antwort. Sei er vor Schrecken gar nicht geblieben,
Darauf der Richter: „Also stehend. Gut. Wenn der So furchtbar habe es ihm gegraust:’
Angeklagte als stehend hat getrunken, so ist’s ein Stehwein Da habe sich einer dem Teufel verschrieben
gewesen, ein Ehrentrunk. Einen Ehrentrunk haben jedoch Und dieser hatte gar Böses zu sagen
die alten Germanen niemandem nachgeredet. Der Stehwein Ueber die heilige Kirche und ihren Magen
ist umsonst, der Herr Esel ist nichts schuldig.“ Und auch die hohe Theologie
Was ist’s weiter? Seit dieser Entscheidung nennt man Verspottete er mit Infamie.
zu Bruck an der Mur einen gepantschten Wein — des Esels Ein anderes Stück, das hab’ ihn verdrossen,
Ehrentrunk. Indessen — der Langohr verzichtete für Weiteres Weil man da drinnen nach Obst geschossen,
auf die Ehre, er hatte einmal getrunken und er trank nicht Und für die lieben Gottesgaben
wieder. Sollt’ man doch mehr Verehrung haben.
Und in einem andern Stück - von Moliere,
Der auch so ein saubrer Moderner wär’
Da käme ein Mann vor, ein frommer Mann,
Der gar nichts Böses nicht leiden kann,
Voll Tugend und Keuschheit bis über die Ohren,
Kurz einer, der so recht geboren
Zu einer Leuchte der Centrumspartei —
Der wär’ dort geradezu vogelfrei
Und würde verfolgt mit tückischem Kniff,
Der Vertreter der Sitte, der arme Tartüffe.

97
Nr. 6 JUGEND 1896

Und wieder ein anderes Stück, der Satan Der sagte zerknirscht, er werde das nun
Hole es gleich! betitelt ist’s „Nathan“, In Zukunft nimmermehr wieder thun.
Verhöhne zu seinem Unbehagen
Ganz ohne Ehrfurcht dogmatische Fragen. Ja, wenn wir nicht Leute im Landtag hätten,
Dann habe ein frecher, schwäbischer Dichter Die unserm Volke die Tugend retten —
Es dargestellt, wie Soldatengelichter Und argusäugig im Kreise späh’n,
Einen Pater bei seiner Predigt Ob nirgends was Sittenloses zu seh’n —
Schlecht behandelt, ja fast beschädigt, Wo kämen wir hin in unserer Zeit
Und von demselben sauberen Herren, Der glaubenslosen Verworfenheit! ki-ki-ki.
Der’s beliebt, das Reine hinabzuzerren,
Wird noch ein schlimmeres Stück gegeben,
Das glorificirt das Räuberleben.
Da wird gleicherweis ein gottseliger Priester
Zum Besten gehalten durch freche Biester
Und ein braver Geselle, Namens Franz,
Der nach dem Geiste Loyola’s ganz
Handelt und denkt in der schnöden Welt,
Wird als Canaille hingestellt.
Den Autor möchte der Redner treffen
Und mit zwei ultramontanen Schöffen
Verhandeln dürfen, heut’ oder morgen,
Dem wollt’ er’s besorgen! —
Jedoch der Schlimmste der Tugendhasser,
Das sei ein englischer Dramenverfasser —
Der Name thu’ nichts zur Sache hier,
Doch sei darin die Rede vom Bier —-
Der hat eine Scene sich ausgedacht,
Wo einer der Mutter Grobheiten macht
Und dann auf dem Kirchhof—unerhört! —
Eine gottesdienstliche Handlung stört
Und, als genügte das Alles nicht,
Am Schluss noch den Stiefpapa ersticht.
Und doch ist dieser ein frommer Mann,
Der gar inbrünstiglich beten kann,
Und theilt auch des Redners Aversion
Gegen der Bühne frivolen Ton.-
Und wenn er so weiter erzählen wollte,
Warum er unserm Theater grollte,
Er spräche bis morgen in einem Zug —
Die Herren aber hatten genug
Und baten mit aufgehobenen Händen,
Er möge doch enden.

Doch gleich hub ein Anderer an mit dem Jammer


Um Sitte und Tugend in unserer Kammer —
Den Namen weiss ich nicht mehr gewiss,
Ich weiss nur, er sprach das, was er hiess.
Des Mannes keusches, braves Gemüth
Ist jüngst in jungfräulicher Scham erglüht,
Weil er auf einem Neubau in München,
Beschäftigt, Mörtel zu tragen zum Tünchen,
Ein Weib geseh’n mit theilweis enormen,
Abgerundeten, üppigen Formen.
Ihr Kleid war dünn und Hess Vieles seh’n,
Drum blieb der Herr Pfarrer entrüstet steh’n
Und sah nach dem Mörtelweib unverwandt,
Bis um die Ecke die Holde schwand.
Und er sah auch die anderen Weiber an,
Die gleichgekleidet das Gleiche gethan
Und alle hatten sie dünne Blousen
Und Röckchen, da sah man Strümpfe und Schuhe
Und da stand nun der Biedere stundenlang Wie der Burger van der Schwiemel in Transvaal von der
Und schämt’ sich bis Sonnenuntergang. Kneipe nach Hause kommt, wenn ihn alkoholische Einflüsse
Und weil man so Sünd’ und Verbrechen schafft, so weit gebracht haben, dass er nicht mehr gehen, nicht mehr
Erbat vom Minister er Rechenschaft. stehen und nicht mehr reiten kann.

98
1896 JUGEND Nr. 6

Zierleiste von J. Carben.

Und wir knobeln es schlichtweg aus, Entwurf mit dem Motto: »Ein Gastmahl des
17 Mann im Reichstag. Wer da komme in’s Reichstaghaus!
Wie sie der Zufall zusammentrug
Königs«. Die Zahl der zweiten Preise ä 60 Mark
wurde auf drei erhöht. Diese erhielten: Bruno
Donnerwetter nocheinmal: Dazu sind sie gescheut genug, /’s«/ (München), Motto: »Schwarz-weiss-roth« ,
Siebzehn Mann im Reichstagssaal! Dass sie nicht in die Sitzung geh’n. Ernst Ewerbeck {München), Motto: »So«, Paul
Haben wir darum die Herrn gewählt? Wie wir’s von unsern Erwählten seh’n! Neuenborn (Düsseldorf) für vier Entwürfe mit
Haben wir darum uns gequält, dem Motto: »Decies repetita placebit«. Auch
Uns in heissen Wahlschlachttagen Donnerwetter nocheinmal: die Zahl der dritten Preise, ä 40 Mark, musste
Mit den Feinden herumgeschlagen, Siebzehn Mann im Reichstagssaal! auf drei erhöht werden. Diese bekamen: Carl
Darum geschrieben, darum geredet, G. HINWEG. Spindler (Sankt Leonhard bei Boersch, Unter-
Darum Nachbar den Nachbarn befehdet, Elsass), Motto: »Tantalus«, Hans Völcker
Darum Partei die Partei gehasst, (München), Motto: »Hähnchen« und Arpad
Darum den glänzenden Reichstagspalast Schmidhammer (München), Motto: »Reigen«.
Aufgebaut für zwei Dutzend Millionen, In der Concurrenz III für Politische Karika-
Dass d’rin siebzehn Herrlein wohnen,
Siebzehn Herrlein von fast vierhundert? -
Die Preisausschreiben turen wurde der I. Preis (SoMk.) Arpad Schmid-
hammer (München), Motto: »Finger weg« zuge-
Ganz Europa steht verwundert der ,Jugend“ sprochen, ferner wurden drei zweite Preise zu-
erkannt an die Herren J. Carben (München),
Und schaut dem Jammer mit Lachen zu:
„Herrlicher deutscher Michel Du! haben, wie schon mitgetheilt, ein unerwartet Motto: »Staatsgewalt her, oder ich fall um!«,
Bist schon ein Vierteljahrhundert wach, erfreuliches Ergebniss gehabt. Für Wettbewerb I: Rudolf Griess (München), Motto: »Durch!« und
Hängst halt wieder dem Schlafe nach!“ Entwürfe fürTitelblätt er der, Jugend“ liefen einem Entwürfe mit dem Motto: »Kürze ist des
Siebzehn Männer, gewählt vom Land, im Ganzen 230 Arbeiten ein. Die Jury verlieh Witzes Seele« (Name unbekannt). WettbewerbIV
Sind noch, wenn man sie braucht, zur Hand, den I Preis (200 Mark) dem Entwürfe von betrafEntwürfefür Carnevalsplakate. I. Preis
Dreihundertundachtzig ist es gleich, Robert Engels (Düsseldorf), Motto: »Pastorale«. Ferdinand G'ötz (München), Motto: »Schwarz-
Wie’s ihm ergeht, dem deutschen Reich! — Ferner wurden zwei zweite Preise ä 150 Mark weiss«, II. Preis Rudolf Wilke (München), Motto :
verliehen an E. R- Witzei (München), Motto: »Carneval frangaise«, zwei dritte Preise: E.
Wenn nun wieder die Zeit mal kommt, «Poesie« und Albert Wimmer (Leipzig), Motto: Laskowsky (Strassburg), Motto: »Maske« und
Dass uns ein neuer Reichstag frommt »Credo« und zwei dritte Preise ä 100 Mark an Eduard Gabelsberger (München), Motto: »Ernst
Braucht es dann wieder der vielen Reden Josef Auchentaller (München), Motto: »Jugend, ist das Leben, heiter die Kunst«. — Die Jury
Und der grimmigen Zeitungsfehden geh’ mit der Zeit« und Adolf Münzer (München), bestand aus den beiden Herrn Präsidenten der
Und der Opfer an Zeit und Geld Motto: »Stier«. Noch etwa fünfzehn weitere grossen Münchener Künstlervereinigungen: Pro-
Denn umsonst ist der Tod in der Welt Entwürfe waren mit in die engere Wahl gekommen fessor Ludwig Dill (»Secession«) und Hugo
All’ der Erregung nah und fern, und wurden zum Ankauf empfohlen. Bei Wett- Bürgel (»Münchener Künstler-Genossenschaft«),
All’ das wieder — um solche Herrn? bewerb II, Entwürfe für Menukarten, erhielt aus den beiden Herrn Akademie-Professoren
Nein, wahrhaftig, das nächste Mal von circa 120 Einsendungen den I. Preis (80 Mark) Marr und Franz Stuck und Herausgeber und
Schenken wir uns die Müh’ der Wahl wieder Robert Engels, (Düsseldorf) für seinen Redakteur der Zeitschrift „fugend“.

-r' '—^.-1—• —
Von Arpad Schmidhammer.
Zukunftsfeuerwehr.

99
Inseraten-Annahme Insertions-Gebühren

JUGEND
durch alle Annoncen-Expeditionen für die
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G. Hirth’s Verlag in München Raum M. I.—
und Leipzig. laut aufliegendem Tarif.

Die JUGEND erscheint allwöchentlich einmal. Bestellungen werden von allen Buch- und Kunsthandlungen, sowie von allen
Postämtern (Bayer. Postzeitungs-Katalog No. 397, Deutsches Reichspostzeitungs-Verzeichniss No. 3536) und Zeitungs-
Expeditionen entgegengenommen. Preis des Quartals (13 Nummern) 3 Mk., der einzelnen Nummer 30 Pf.

Hin und wieder auf Erden, Dass von den Kleinen


So will mir scheinen, Auch mal die Grossen werden
Hat’s doch sich geschickt, An die Wand gedrückt.

Kunst-Auktion in München, Secession München.


Februar 1896 Prinzregentenstrasse.
Centralsäle (Neuthurmstrasse)
einer reichhaltigen Sammlung von
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voiQMitte März bis Ende April.
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Oelgemälden G. HIRTH's Kunstverlag in München und Leipzig.
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Hugo Helbing. M. 6.—, geb. M. 9.—.
Herausgeber; Dr. GEORG HIRTH; verantwortlicher Redakteur; F. von OST1NI; verantwortlich für den Inseratentheil; G. EICHMANN, G. HIRTH’s Kunstverlag; sämmtlichin München*
Druck von KNÖRR & HIRTH, Ges. m. beschr. Haftung in München.
1896 . 15. Februar - JUfiEND 1. Jahrgang • Nr. 7

Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben. — G. Hirth’s Verlag in München & Leipzig.
ALLE RECHTE VORBEHALTEN.
Nr. 7 IUGEND 1896

nichts Neues mehr ist. Unser Gespräch „Lass’ das, sonst komme ich nicht
Ein Aschermittwoch. kam schnell in Fluss und war in einigen wieder!“
Minuten lebhaft und reizvoll; das war Da liess ich es und je öfter wir uns
Wir hatten uns sechs oder sieben Mal schon ein Zeichen dafür, dass unsere trafen, desto mehr liess ich von dem, was
in jenem langen Fasching getroffen, aber Seelen einander verstanden. Wir sprachen ich vorher gewagt. Auch im Reden, ob-
nur da, wo Maskenfreiheit galt und Larven nicht vom Schlittschuhlaufen und nicht wohl da die Versuchung, ein wenig imper-
getragen wurden, denn ich sah sie nie ohne vom Wetter, nicht von Sudermann und tinent zu sein, ziemlich gross war. Drehte
Larve. Vielleicht trafen wir uns auch sonst nicht von Mascagni. Auf Verlegenheits- sich doch unser Gespräch zumeist im Kreise
noch hin und wieder auf einem Ball, auf themen gerieth man gar nicht in ihrer um Herzensfragen. Dass dies nie eintönig
der Strasse, im Theater — ich weiss es Gesellschaft. Als wir zum ersten Male und nie gefährlich wurde, weiss ich heute
nicht und sie hat es mir jedenfalls nicht auseinandergingen, bat ich sie um ein kaum mehr zu fassen. Fing ich je einmal
verrathen. Wiedersehen. an, von schöngeistigen Dingen zu reden,
Sie kam immer im schwarzen Domino „O ja im Domino!“ so gab sie meist eine kurze, oft eine gute
und hatte immer die gleiche Nadel am „Und das Erkennungszeichen?“ Sie Antwort, brach dann aber ah. Es schien,
Busen stecken, an der ich sie erkannte: deutete auf die goldene Mistel. als hätte sie eher Bildung, als Unbildung
ein goldenes Mistelzweiglein mit Perlen- Acht Tage später traf ich sie auf dem zu verbergen.
beeren. Opernball. Wir sprachen wieder nicht vom Natürlich hatte ich sie schon am Schlüs-
Mit dem ersten Blick hatte sie mich Theater oder anderem Nothbehelf; immer se des ersten Ballabends gebeten, die Mas-
gefesselt. Sie war eher klein, als gross. von uns selbst, immer vom lebendigen ke zu lüften. Sie schüttelte lachend den
Von ihrer Gestalt liess das bauschige Leben. Beim Auseinandergehen sagte sie Kopf und entschwand, als es Zeit wurde,
Seidengewand nicht viel mehr erkennen, mir freiwillig, wo sie nächstens zu treffen sich zu demäskiren.
als dass sie geschmeidig und schlank war. sein werde. Immer hinter der Maske na- Gerade so das zweite Mal.
Ein Stückchen Arm, zwischen dem hohen türlich! Auf dem dritten Maskenball waren wir
schwarzen Handschuh und dem Aermel, So begegneten wir uns bald da, bald schon gute Freunde. Damals versprach
war voll und weiss, der Ansatz des Halses dort und wir blieben dann stets zusammen, sie mir, am letzten Abend des Garnevals die
an die Schulter so schön, wie man ihn bis sie nach Hause fuhr. Bis an den Wagen Maske abzunehmen, wenn ich artig bliebe.
selten sieht. Es war zum Entzücken, wenn ging ich mit; ich hatte versprechen müssen, Nun drängte ich nicht mehr. Mit jeder
sie diesen schlanken Hals bewegte und sie ihr aber nie weiter zu folgen. Ob sie meinet- Begegnung freilich wuchs meine Neugier,
drehte das Köpfchen gerne ein wenig kokett wegen kam, weiss ich nicht, doch es mochte aber jedesmal mischte sich auch stärkeres
hin und her, als wüsste sie, wie gut ihr wohl sein. Dass ich ihretwegen kam, weiss Bangen dazu.
das stand. In ihrem Nacken kräuselte sich ich gewiss. Und bald kam ich nur allzu War sie wirklich der mächtigen Re-
dichtes dunkles Haar. Auch ihren Mund gerne! gung werth, die mir das Blut so stürmisch
habe ich gesehen, einen nicht zu kleinen Ich war verliebt in einen Domino! zum Herzen drängte, wenn ich nur von
Mund mit vollen, rothen Lippen, die lachen Wer war sie? Eine Dame der »ganzen« Weitem ihre wohlbekannte, vermummte
konnten, lachen, dass Einem das Herz im Welt oder ein Dämchen der halben? Eine Gestalt auf mich zuschreiten sah? War
Leibe mitlachen musste, auch wenn es Frau? Ein Mädchen? Wenn ich sie fragte, sie schön? War sie jung? War sie ver-
bang und traurig gewesen war. Auch oder gar auf Umwegen eine Auskunft zu blüht? Gut? Schlecht?
schmollen sah ich diese Lippen, und sie ergattern suchte, lachte sie mit ihrem hell- j Dass sie nicht hässlich sein könne,
sind auch dann nicht minder hübsch ge- sten Lachen und gab mir die Antwort: stand in mir fest. Dass sie jung sei, dafür
wesen. „Chi lo sa? Wer weiss es?“ sprach der feingedrechselte Hals — nicht
Sie war immer sehr gut angezogen und Madonna Chilosa nannte ich sie denn mehr siebzehn- oder achtzehnjährig, das
vermied dabei einen übertriebenen Chic auch. bewiesen die frauenhaften Schultern. Das
ebenso geschmackvoll wie alles Spiess- Sie sprach nie ein allzu freies Wort, bewies übrigens auch die Art, wie sie vom
bürgerliche und Alltägliche. Allerliebst verübelte aber auch einen Scherz nicht, der Leben sprach.
waren stets ihre kleinen, feinen Schuhe — kecker war, als das übliche Ballgespräch. Was würde ich inne, wenn die Maske
„ein köstlich Ding an Frauen!“ — frei Als ich einmal in einem unbewachten fiel? Eine solche Frage sollte Einem nicht
nach Lear! Augenblick die Lippen auf ihre Schulter mehr sehr viel Herzklopfen machen, wenn
Zuerst trafen wir uns zufällig und plau- drückte, schlug sie mich weder mit dem man sechsunddreissig Jahre zählt und nicht
derten ungezwungen, wie zwei Leute, denen Fächer in’s Gesicht, noch fuhr sie zornig gerade mehr zum ersten Mal vor einem
der Mummenschanz mit seinen Freiheiten auf. Sie sagte ganz ruhig, bittend fast: holden Räthsel steht. Es gab aber Nächte,

102
1896 JUGEND Nr. 7
in denen ich um dieser Frage willen nicht ein- Zwölf Uhr!
schlafen konnte, es gab eine Nacht, in der ich Dröhnend, langsam, schaurig fast in diesen
meinte, durch sie von Sinnen zu kommen, mir Trubel der Narrheit hinein klangen die zwölf
das Thörichteste vornahm, die unsinnigsten Zu- Schläge vom nahen Thurm des Münsters.
kunftspläne machte. „Zwölf Uhr!“ rief ich.
Aber schliesslich sucht man sich sein Weib „Aschermittwoch!“ gab sie zur Antwort. Ich
doch nicht hinter der Larve! fasste ihre Hand.
Sein Weib! Soweit war ich schon — und „Wirst Du Wort halten und Dich demaskiren?“
ich wusste nicht, ob sie nicht einem Andern, ob „Ja — wenn D u es willst!“
sie nicht — aller Welt gehörte! Gar nichts wusste Einen Augenblick zögerte sie noch, dann
ich von ihr. nestelte sie an ihrem Kopfputz, die Larve loszu-
War ich wieder bei Dame Chilosa, dann war machen. Der Knoten wollte sich nicht öffnen
lassen.
der Sturm vertobt, ich plauderte mit ihr, senkte „Du musst mir schon behilflich sein!“
meinen Blick in die Tiefe ihrer Augen, hörte den Ich stand auf mit hochklopfendem Herzen.
Wohllaut ihrer Stimme und war glücklich. Dann Für mich war das nicht mehr das flüchtige Räthsel
hatte ich auch das bestimmte Gefühl, dass sie
jung, reizend, gut und klug sein müsse. einer Ballnacht, was sich da lösen sollte; es
war eine durch Wochen gesteigerte, geschürte
Ging ich aber ein paar Stunden später nach Leidenschaft, die mich gequält hatte, —• die
Hause durch die Winternacht, deren eisige Luft nun vielleicht ein Ende haben, oder noch un-
Stirne und Gedanken abkühlte, so kam wieder heilvoller auflodern mochte.
das unselige: „Aber wenn doch ... “ über mich. Ein namenloses Bangen überkam mich, nicht
ein Bangen vor Unheil, oder eines vor der Zer-
Es war der letzte Abend des Faschings. Wir störung eines Wahnes, der mir so lieb geworden.
hatten ein Tischlein in einem wundervoll ab- Ich stand neben ihr, sah ihre blitzenden Augen
gelegenen Nebenraum des Ballsaales erobert und zu mir emporgerichtet und hörte sie sagen:
vor uns stand eine Flasche Champagner. Zum „Nun, Du weisst es ja so gewiss, dass ich
ersten Male seit unserer Bekanntschaft. Bisher nicht alt und nicht hässlich bin!“
hatte sie nie eine andere Erfrischung von mir „Das wäre am Wenigsten schlimm und das
angenommen, als ein Glas Limonade, oder eine beste Mittel, mich von diesem thörichten Herz-
Tasse Eis. klopfen zu kuriren!“
„Heute ist es ja doch das letzte Mal,“ hatte „Mit diesem Mittel kann ich aber leider nicht
ich gebeten. dienen!“
„Also zum Abschied!“ „Weisst Du, dass ich versucht bin, Deinen
Mir war es, als ob ihre Stimme zitterte. Ich Schleier ungehoben zu lassen, liebes verschleiertes
schenkte ihr ein; sie hob den Schleier der Larve Bild! Am Ende wäre es klüger!“
ein wenig in die Höhe und mein Blick hing „Am Ende!“
durstig an ihrem Mund. Mit einem Male wurde der Entschluss in mir
„Heute werde ich endlich Dein Gesicht sehen!“ reif, dass meine Unbekannte mir auch unbe-
Ich brachte die Worte kaum heraus vor Erreg- kannt bleiben sollte und je klarer der Entschluss
ung. Sie lachte ganz leise. ward, desto ruhiger strömte mein Blut wieder
„Wenn es zwölf Uhr geschlagen hat — am durch die Adern. Den holdseligen Traum als
Aschermittwoch Morgen“. Traum erhalten — das war das Rechte!
Nun plauderten wir wieder von Anderem. Der ganze magische Reiz, der mich zu dem
Hastiger, unruhiger als sonst, und mit längeren berauschenden Wesen hinzog, konnte mit einem
Pausen. Auch sie schien erregt. Als ich ein- Schlage verflogen sein, wenn ich ihr Gesicht
mal ihre Hand streifte mit der meinigen, hielt sah. Irgend ein böses Fältelten um ihr Auge
sie diese einen Augenblick fest. Nur einen konnte die Illusion zerstören. Und ein Glück,
Augenblick; es war aber doch ein leiser Druck, das Einem hinterher ausgestrichen wird aus dem
den ich spürte. dünnen Büchlein unserer Freuden, das wird zum
Unsere Gläser klangen wieder zusammen. bittern Leid. Jetzt war Dame Chilosa für mich
„Auf das Glück der nächsten Stunde.“ noch lieb, schön und gut! Sie sollte es für
„Auf Dein Glück in dieser und jeder späteren.“ mich bleiben!
„Auf Deins, Du Liebe, Schöne!“ „Ich lasse Dir Deine Maske, vielleicht ist’s
„Lieb, schön?“ das Beste für uns Beide!“
„Ich weiss, dass Du es bist!“ „In irgend einem Sinne'gewiss!“
„Chi lo sa!“ Ich hatte die Gläser wieder voll gegossen und
Nun wurden wir wiederum ganz still mitten wir stiessen an: „Auf ein Wiederbegegnen, irgend-
in dem wüsten, tobenden Treiben der letzten wo, irgendwann, aber in guter Stunde! Es kann
Garnevalsnacht. Um uns schwirrten die Masken. ja sein, dass es sich fügt!“
Am Nebentische presste sich hinter einem Riesen- „Es kann sein! Chi lo sa!“
fächer ein Paar in wildem Begehren aneinander. Sie nickte mir freundlich zu und ihre Augen
Nebendran sass ein einsamer Pierrot, den Katzen- glänzten feucht. Dann hob sie den Schleier der
jammer eines ganzen Garnevals in seinem mehl- Larve hoch, um zu trinken. Ich sah ihren Mund
bestäubten Gesicht und schlief, des Lärms un- wieder und sah, wie er blühend und jung war.
geachtet, den Schlaf des Ungerechten. Ein Clown Wieder ein kleines Toben in der linken Brust-
in gelbem Glanzleinen strich herbei und kniff seite. Dann war’s überwunden.
meine Unbekannte in den Arm. Ich gab dem Nun blieben wir ganz unbefangen noch eine
steifleinenen Humoristen einen Rippenstoss. Weile bei einander und gedachten scherzend der
„Maskenfreiheit!“ brüllte er, nahm es aber wei- vergangenen Wochen, lachten über den Schwarm
ter nicht übel. überhitzter und doch schon halbernüchterter Men-
Immer heisser wurde der Saal, immer schwüler schen im Saal. Auf keinem Gesicht war eine
die Lustigkeit der Menschen, ln der Luft lag reine und ruhige Freude zu lesen. Lieber Allen
der Rausch. lag schon der Schatten der Reue, der Sorge, der
„Hast Du mich lieb?“ Mit dieser thörichten Uebersättigung. Die meisten Frauen hatten jetzt
Frage brach ich das Schweigen. die Larven abgelegt — aber kein einziges von
„Warum antwortest Du nicht! Sag’ wenig- allen diesen Gesichtern kam mir anziehend vor.
stens Nein!“ Unser gelber Clown tänzelte wieder vorbei:
„Ein Ja und ein Nein würden Dir gleich „Demaskiren!“ schrie er.
wenig helfen!“ Fast gleichzeitig erhoben wir uns, Dame Chi-
Zierleiste von F. Hass. losa und ich — wir verstanden uns schon, ohne

105
Nr. 7 JUGEND 1896

zu reden — und gingen. Ich half ihr in


den Pelz mit der freundlichen Sorgfalt WAPPEN Fasching.
eines Gatten, der seiner Pflichten und Dir RO'TM BOLI -OTEN.+++ - Wie eine reife, süsse Dolde
Rechte sicher ist, und geleitete sie an
den Wagen, der ihrer harrte. Ein letzter Hing Deine Güte über mir,
Händedruck. Sie blieb vor dem Wagen Im Rausche griff ich nach dem Golde
noch einen Augenblick zögernd stehen, Und streifte schon an deine Zier.
— ich fühlte, dass sie zum Abschied
irgend etwas thun oder sagen wollte. Da hat ein graugewob’ner Schleier
Dann stieg sie rasch ein — die Räder Mir Deinen Liebreiz jäh vermummt
rollten davon. —
Vorbei! Und unsrer Seelen bunte Feier
Ich selbst ging nach Hause und liess Ist ohne Klagelaut verstummt.
mich von dem Thauwind anwehen, der OTTO ERICH HARTLEBEN.
mächtig hereinbrach. Man spürte die
Luft lind um den Hals, wie ein paar
weiche Arme. Die Gassen waren dicht
G
belebt von maskirten und bürgerlich ge-
kleideten Menschen. Vor mir schwankte Liebeslist.
der gelbe Hanswurst, unser Gespenst Gesegnet soll die Eisenbahn sein! —
dieser Nacht, einher und kröhlte, den
schlaftrunkenen Pierrot vom Nebentisch Verzeih’ ihnen, Herrgott, die Sünde!
mit sich ziehend: Es geben sich täglich dort Stelldichein
„Lass’ zu dem Glauben dich be- Der Max und die Wumbalinde.
kehren:
Es gibt ein Glück, das ohne Reu’!“ Sie üben beide dort argen Betrug,
Arme Teufel! Wie wird es ihnen in Ich finde von ihnen das hässlich, —
ein paar Stunden im Schädel brummen! Sie nehmen Abschied bei jedem Zug
Und wie viele Leute von allen diesen Und küssen und knutschen sich
überhaupt werden sich ihres Ascher- grässlich.
mittwochs freuen? Wüste Köpfe, leere
Börsen, ausgebrannte oder übervolle Man trennt sich dann, übermannt vom
Herzen, bang vor frevelhaft beschwor-
nem Glück und noch bänger vor dem, Gefühl,
was nach ihm kommt! Wie viel Katzen- Doch trifft man sich wieder mit Schläue
jammer um verschwendete Zeit, ver- Und dann beginnt das süsse Spiel
schwendetes Gut, verschwendetes Ge- Beim nächsten Zuge auf’s Neue. -—
fühl! Wieviel gelähmte Kraft, wieviel
Zerstreuung in Gehirnen, die Grund Sie segnen beide die Eisenbahn —
hätten, gesammelt und klar zu bleiben ! Und pfeift es, so weiss ich’s zu deuten:
Jetzt fangen zum Abschied sie wieder an,
Sich zu küssen vor allen Leuten. —
Aschermittwoch! IGNAZ RAVER.
Wie ganz anders endete dieses Mal
für mich der Fasching! Ich war ver-
gnügt, wie ein Verliebter, aber ohne
Bangen, ohne Gewissensbisse, ohne
Eifersucht, ohne Verlangen. Der Gegen- Sprüche.
stand meiner Liebe war nicht mehr,
war in Nebel zerflossen. Wer wird Herz- Frische knusperige Jugend
weh haben um ein Phantom! Hab’ ich immer gut vertragen,
So sollte man sich alle Illusionen Aber altgeback’ne Tugend —
erhalten können im Leben! Die verdirbt mir leicht den Magen.
Und etwas wie eine ganz leise Hoff- ♦x y
nung lebte doch zu tiefst auf dem Grunde Tragt die Nase noch so hoch —
dieser Empfindungen: einmal blitzen Schneuzen müsst ihr sie ja doch!
mir vielleicht dennoch aus dem Gewühl
des Lebens ein paar tiefschwarze, wohl-
bekannte Augen entgegen und aus der Gottesfurcht und Geisselhiebe
wesenlosen Liebe zu einer Maske blüht Sind billiger als Menschenliebe.
am Ende noch ein leibhaftiges Glück *x
auf! Vielleicht, irgendwo, irgendwann! Begeist’rungnennt man es im Lebensmai
Chi lo sa! o. Und im November Jugendeselei.
■*x

Ein jeder Dummkopf kann Respekt


verlangen,
Sobald ihm erst die Haare ausgegangen.

Unter den Gerüchen geht mir nur


Aas und Weihrauch wider die Natur.
*x
Was gibt euch Alten denn das Recht,
Dass ihr verächtlich die Achseln zuckt?
Der Jugend Fehler sind alle echt,
Ein heraldischer Scherz von J. Diez. Oltd eure Tugenden Kunstprodukt. MO.

104
1896 JUGEND Nr. 7

Da muss Ordnung rin!“


105
Nr. 7 i JUGEND 1896

* Sofia, 3. Februar, fcürst Ferdinand


von Bulgarien sandte ein Glückwunschtele-
gramm an den Fürsten von Montenegro,
weil dieser durch einen glücklichen Zufall
derGefahr entging, von einem Paletotmarder
seinesWinterüberziehersberaubtzu werden.
'"London, 5. Februar. Salisbury erklärt
diese Depesche als eine freche Provokation
des englischen Volkes. Im „Standard“ ver-
langt Mr. Austin energische Repressalien
gegen die continentalen Polizei-Institute,
welche von jeher allen englischen Taschen-
dieben und Einbrechern besonders aufsäs-
sig seien. Er wird in Kurzem ein dreibänd-
iges Epos „der Paletotmarder der schwar-
zen Berge“ vollendet haben.
*Rom,6. Februar. Der König von Ita-
lien hat dem König von Griechenland tele-
graphisch zu seinem Geburtstag gratulirt.
* London, 7. Februar. Chamberlain er-
klärt, diese Depesche sei ein Schlag in’s Ge-
sicht der englischen Nation. Der „Punch“
zeigt in einem Bilde den englischen Löwen,
welcher den italienischen Stiefel in Fetzen
reisst. Mr. Austin fordert im „Standard“ die
Beschiessung Roms von Malta aus. Er dich-
tet eben ein Epos, welches u. s. w. u. s. f.
Da capo in infinitum.

Jugend und Wissen.


War einst ein Herr von Reichenbach,
Erforschte die Natur
Und kam gar bald in diesem Fach
^Petersburg, 28. Januar. Der Zar
Jingo-Fieber. hat dem an der Riviera weilenden Gross- Manch’ Neuem auf die Spur.
fürsten Iwan eine Glückwunschkarte ge- Das Paraffin und Kreosot
*jBerlin, 2. Januar. S. M. der Kaiser schickt, weil dieser ungerupft aus der Diebs-
hat den Präsidenten Krüger der südafri- Verdanken ihm ihr Sein,
höhle von Montecarlo entkommen sei.
kanischen Republik telegraphisch dazu be- Doch mit der Lehre von dem Od
glückwünscht, dass die Buren den bewaff- * London, 30. Januar. Lord Salisbury
erklärt bezüglich der Depesche des Zaren, Stand ziemlich er allein.
neten Einfall eines englischen Räuberhaupt-
manns Dr. Jameson tapfer zurückgewiesen England werde auch durch diese neue Be- ln manchem od-magnetischen Brief
haben. leidigung sich nicht abhalten lassen, un- Erklärte er der Welt,
* London, 4. Januar. Lord Salisbury entwegt und überall sein gutes Recht zu
fordern. Der „Punch“ bringt im Bilde den Wie sich der Mensch, der sensitiv.
erklärt, die englische Nation werde sich in
ihren Rechten durch keine Einmischung englischen Löwen, welcher den russischen Zu jenem Od verhält.
einer fremden Macht, wer diese auch sei, Bären zerfleischt. Der poeta laureatus Mr. Doch da nur alles Theorie
beirren lassen. „Punch“ bringt eine Zeich- Austin erklärt im „Standard“, die Heraus-
forderung des Zaren gegen eine Dame, die Und der Beweis gefehlt,
nung, welche die Britannia, gegen alle Welt
in Waffen starrend, darstellt. Der poeta lau- seine Urgrossmutter sein könnte, als gerade- Hat man ihn zur Kategorie
reatus Mr. Austin veröffentlicht im „Stan- zu frivol. Er schreibt an einem fünfbändigen Der Irrenden gezählt.
dard“ einen Artikel, worin er dem deut- Heldengedicht „Black and Red“, welches
schen Kaiser räth, sich in Zukunft immer die moralische Bedeutung der Spielhölle in Da Dubois-Reymond ihn für dumm
erst bei seiner weisen Grossmutter Rath Montecarlo feiert. Und für verrückt erklärt,
zu erholen. Austin wird die Heldenthaten *Paris,31.Januar. Der Präsident Faure Hat sich das liebe Publikum
Jameson’s in einem zweibändigen Epos be- sandte an den Negerhäuptling Wisch! Wa- Nicht zu dem Od bekehrt.
singen. sch! in Dahomey ein Glückwunschschrei-
* Madrid, 25. Januar. Die Königin von ben, weil jener glücklich den Händen ara- Gewendet hat sich jetzt das Blatt.
Spanien hat dem Schah von Persien einen bischer Sklavenjäger entronnen sei. Man hat zu früh gelacht,
telegraphischen Glückwunsch gesandt, weil * London, 1. Februar. Lord Chamber- Denn der Professor Röntgen hat
die Perser jüngst den Einfall räuberischer lain erklärt bezüglich dieses Glückwunsch- Exact Beweis erbracht.
afghanischer Horden mit den Waffen sieg- schreibens, die britische Nation sei nicht
reich zurückschlugen. gesonnen, einen derartigen Schimpf ge- Zwar nennt er die entdeckte Kraft
* London, 27. Januar. Chamberlain duldig einzustecken. „Punch“ bringt eine Den X-Strahl, doch es scheint,
erklärt, das britische Volk sei nicht ge- Zeichnung, darstellend die Britannia, wel- Dass diese gleiche Eigenschaft
willt,diesen Schimpf sich gefallen zu lassen. che sich die ganze Welt auf den Buckel
„Punch“ bringt ein Bild, welches die eng- steigen lässt. Mr. Austin veröffentlicht im Der Reichenbach gemeint.
lische Nation als Stier darstellt, der einen „Standard“ einen Artikel mit der Drohung, Und Dubois-Reymond ist blamirt,
spanischen Torero auf seine Hörner ge- der englische Hof werde in Zukunft seinen Hört wieder mit Verdruss,
spiesst hat. Der poeta laureatus Mr. Austin Cognac anderswoher zu beziehen wissen,
erklärt im „Standard“, die Königin von als aus Frankreich, ganz ohne Rücksicht Dass sich ein Forscher niemals schiert
Spanien thäte besser, sich bei Damen erst darauf, ob hiedurch der französische Han- Um’s Ignorabiriius.
Rath zu holen, die das Regieren schon del empfindlichen Schaden erleidet, oder
länger betreiben, als sie. Der Dichter nicht. Der poeta laureatus schreibt an Nicht folget ihm, wer geistig jung
schreibt an einem Epos „der Räuberhaupt- einem Heldengedicht die „Sklavenjagd“, Des Wissens Schätze mehrt.
mann“, welches die Thaten der Afghanen welches den ruhmreichen Thaten der Araber Drum fort mit allem, was den Schwung
verherrlicht. gewidmet ist. Des Jugendmuths beschwert, h. kühne.

ioü
1896
* JUGEND * Nr. 7

Theaterleute.
Von F. B.
Die Naive. Die Heroine.
Schon dreissig Jahre spielt sie — ach Als Haupterfindung preiset sie
Das liebliche Naivenfach. Vor Allem — die Photographie!
Von nichts noch wissen ist naiv — Entgegen Dir ihr griechisch Bild
Doch Die weiss Alles positiv. Von allen Auslagfenstern quillt.
Der Zopf ist lang, der Busen weit. Stets im Profil, den Arm ge-
Der Fuss ist klein, der Kopf gescheid, schwungen —
Ihr Auge schiesst den Diebespfeil, Wie bei der Wäsche ausgerungen
Sie wackelt mit dem andern Theil! Die Toga mit dem Faltenschmiss,
Ganz pipsig spricht sie wie von Glas, Vier Centimeter ganz gewiss
Jedoch daheim im Schusterbass! Die Haken unter den Sandalen —
Nie kam ihr noch ein Mann zu nah — Ach Gott, wie schön! Es ist zum
„Wie?“ — Auf der Bühne mein ich malen!
„Ah!“ - Sie schreitet stets und
Ihr Name wechselt mit dem Stück zieht einher,
Sonst hat sie stets denselben Trick: Doch ihre Rollen ziehn nicht mehr!
Sie weiss von nichts und thut erschreckt Medea Sapho leeres Haus!
Und hat es doch schon längst bezweckt, O Kunstgeschmack Du lisch’st
Dass sie ihn kriegt und kriegt ihn auch. ja aus;
So ist’s in jedem Lustspiel Brauch! Man räth ihr zu „modernen“ Rollen:
„Nie!“ brüllt sie da mit Donnergrollen:
„Ihr Götter, endet meine Qual
Und schickt mir endlich — — den Gemahl!“
Und richtig kriegt sie einen noch;
Die Salondame. Er macht Stearin, was schadet’s doch!
„Mein Stichwort kommt — herrjeh, macht Platz! Sie spielt noch oft nur in Vereinen
Lasst los die Schlepp’ wie heisst mein Satz? Zum Wohl der lieben Negerkleinen.
Du dumme Gans von Garderobiere, Dann sagt man still: „Sie soll sich hangen!“
Ich bring’ Dich um — rasch eine Scheer! Und laut: „Wie schad, dass sie gegangen!
Ich werde rasend — lauf doch, lauf!“ „Der hohe Stil ist ganz vertrieben
Stichwort! Und lächelnd tritt sie auf. „Wie schad’ dass sie nicht treu
Dort in der ersten Loge links geblieben
Sitzt er — der Herr von Dingsderdings; Der Bühne, ihrem Ideal !“
Er hat den ganzen Kram bezahlt. „Wie schad’!“ seufzt auch der
Na — theuer war’s! — Allein sie Herr Gemahl.
strahlt! —
Sie plappert schnell. So will's der Ton
Der feinsten Konversation. 7)?
Die Schleppe ist sehr hinderlich —
Sie weiss sie prächtig hinter sich
Zu schleudern mit dem einen Fuss,
Die Sentimentale.
Es ist fürwahr ein Hochgenuss!
Der Partner giebt drum peinlich acht, Sie trug dereinst für ihren Vater
Dass er die Schlepp’ nicht schmutzig Zu einem Herrn vom Hoftheater
macht, Die Rechnung für ein Stief^lpaar,
Springt hin und her vor diesem Schwanz, Das längst schon zu bezahlen war.
Steigt drüber auch mit Eleganz! Der Gang natürlich blieb umsunst,
So geht der Akt vergnüglich hin, Jedoch den „Weihekuss der Kunst“
Ach Kinder — welche Künstlerin! Gab jener Herr ihr auf den Mund
Pardautz, jetzt tobt die Claque los — Und nun war’s aus von dieser
Der Dingsderdings, der schmunzelt blos! Stund!

107
1696 . JUGEND . Nr. 7

Jetzt geht zu Ende der Mummenschanz, uie nerzen scmagc.- — wuQer ^usf Als wollten einander in blinder Wuth
Jetzt geht der Fasching zur Neige, Verwelkt von der G*uth der Kerzen’ Vernichten nun alle Beide —
Zum letzten bacchantischen Narrentanz Sind alle die Blumen an weisser Brust Doch sind sich die Feinde nur allzugut
Ruft jauchzend Trompete und Geige. Fahrt hin denn, Blüthen in Herzen! Und Ihnen sich Nichts zu Leide!
Grellgelb im Scheine der Kerzen glüh’n JM-tZtwÜgt SlCh diC SChundind°PpeIte Feih'n - Sie reichen sich gleich nach dem wilden Tanz
Die überwachten Gesichter Mit Hurrahgeschrei una Gestrampfe In Eintracht Herzen und Hände —
Und aus viel funkelnden Aeuglein sprüh’n So stürmen sie aufe,nander ein ' Jetzt geht zur Neige der Mummenschanz,
Gar heisse, begehrliche Lichter. Als galt’ es verzweigtem Kampfe! Jetzt'geht der Fasching zu Ende!

Orlginalzeiclinting von Rudolf Willce (München).


Maskenba^' ^rar^aise.
Nr. 7 JUGEND # j»96
Die Bühne hat ihr’s angethan Mit Dolch, mit Explosion und Dampf
Und Schiller ist ihr Gott fortan, Zermanscht als wie Kartoffelstampf,
„Ach Fe-e-erdinand,“ so seufzt sie blos — Dass Alles weint vor Schmerz gerührt —
Sie hat Talent ganz zweifellos! Der Anstandsdame nichts passirt!
Ein Jahr Con-ser-va-to-ri-um,
Ein Preis! Nun ist der Vater stumm.
Erstes Debüt am Hoftheater
Ganz oben applaudirt der Vater.
&
Louise Millerin das trifft sie
Wie schön zum Beispiel nahm das Gift sie. Die Heldenmutter.
Dann Faustens Gretchen, auch recht
niedlich - - Gefürchtet bei der Direktion
Wenn schon der letzte Akt zu friedlich Vielmehr noch als der Held — ihr Sohn!
Noch einen Goethe will man haben: Denn dieser ist noch zu erweichen,
Als Clärchen hat man sie begraben! Sie aber — sie geht über Leichen!
D’rauf geht sie halt nach Minderstadt, Maria Stuart spielt sie heut
Louise gut, das Gretchen matt, Wie damals voller Schneidigkeit.
Als Clärchen fällt sie wieder durch „Dreht man die Operngläser um.
Und kommt hierauf nach Schundenburg. Dann geht’s“ -- so seufzt das Publikum.
Den Schundenburgern sie gefällt Die Kenner schrei’n: „’s ist ein Skandal,
Doch glaub ich nicht, dass sie sich hält! Nehmt sie ihr weg!“ — Probiert’s
ein mal!

Die Anstandsdame.
Die Nase gross — ein wenig beinig,
Steht auf den Proben meist alleinig.
Wer wagt’s, ihr einen Kuss zu rauben?
Kein Mensch! Nun ja, das will ich
glauben!
Die Tugend ist ihr Repertoire,
Das spielt sie wirklich lebenswahr:
„Mein Herr! Sie küssen dieses Kind!?“ —
„Prinzessin flieht hier Männer sind!“ —
„Wer dringt in diesen Tempel ein?“
„Don Lopez — Ihr seid zu gemein!“
Passirt Malheur — mit feinem Takt
Hat sie’s geahnt im ersten Akt.
Mitunter hat sie zu entsagen
Und weiss mit Würde es zu tragen.
Doch wenn zum Schluss die andern
Fächer
Das Schicksal knickt mit Giftesbecher,

lio
Nr. 7
1896 * JUGEND -

in
Nr. 7 JUGEND 1896

Endlich ist nun aus Makalle, Kriegt ein Kreuz und avancirt! Freudenschüsse hört man knallen —
Endlich ist nun aus der Falle Und Triumph geschnattert wird Mit den Gratulanten allen
Glücklich los der Italiano Von des Kapitols Geflügel Kommen auch wir Münch’ner endlich;
Und der tapfre Galllano In der Stadt der sieben Hügel, Freilich dünkt’s uns selbstverständlich,
Dass die Kerle bn ! gestritten — Weiss der Mensch an andern Plätzen
Aber, dass sie Du st gelitten, Nirgends so wie h er zu schätzen!

Guter Rath. Er schaute mich verduzt an, dachte einen Moment nach,
empfahl sich dann höflich und ging.
Kürzlich besuchte mich ein junger Mann, um sich Rath Wenn er vernünftig ist, hat er sich meinen guten Rath
von mir zu holen. Er sagte, er wolle Schriftsteller werden, zu Herzen genommen. carl arno.
worüber ich ein Wenig erstaunt war, und ich fragte ihn:
„Warum ?“ —
,Ja, sehen Sie,“ meinte er, „heutzutage schreibt fast Jeder,
der Zeit und Talent dazu hat; warum sollte ich es nicht auch
probiren? Wenn man Glück hat, kann man leicht Geld dabei
verdienen.“
„Ja, ja,“ warf ich ein.
„Worüber man schreibt, ist gleichgültig,“ fuhr er fort, „die
Hauptsache ist, dass die Bücher von den Leuten gekauft wer-
den. Zu lesen bräuchten sie sie gar nicht. Allerdings wollen
Viele sie auch lesen, und deshalb ist es nothwendig, die Seiten
seines Werkes mit sinnvoll aneinander gereihten Buchstaben
zu bedecken.“ Ukas.
Ich musste lachen und sagte: „Ja, es ist das gerade der
schwierigste Theil der Schriftstellerei, diese Lautzeichen kunst- Sic volo, sic jubeo! Ich August Bebel gebiete,
gerecht zu vernünftigen Sätzen und Kapiteln zu vereinen.“ Dass hinfüro das Maul jeder Genosse petschiert
„Nun,“ meinte er, „ich werde es also auch unternehmen, Trage mit gluthrothem Lacke, darauf das Siegel gedruckt ist,
eine Menge unschuldweissen Papiers meine schwarze Schuld Das Meine sichere Hand prägte aus blinkendem Blech, a. b.
tragen zu lassen.“
„Es wird sie geduldig tragen, es trug schon viel,“ ent-
gegnen ich.
„Wenn nur gekauft wird,“ sprach er offenherzig weiter,
„der Ruhm ist mir eigentlich Nebensache.“
Ich tröste ihn: „Es gibt genug Bücher, die Niemand voll-
ständig liest, z. B. die ,Messiade‘, das Konversationslexikon',
Im Walde.
,Rembrandt als Erzieher' und viele Andere. Gekauft werden Still im Wald, im schattig-kühlen,
diese Bücher aber doch. Also Muth!“ Einsam schreite ich dahin
Der junge Mann hatte bisher den angebotenen Stuhl ver-
schmäht und war beim Reden nervös vor mir herumgetänzelt; Und die Sonnenstrahlen spielen
jetzt setzte er sich, seufzte und begann: „Sehen Sie, der Stoff Zitternd durch das Tannengrün.
meines ersten Romanes ist der: Der Held — heissen wir ihn Und auf lichten Andachtsschwingen
Franz von Sternau — ist ein untersetzter, brünetter Dreissiger, Hebt die Seele sich empor.
Landwirth und von vielseitiger Bildung. Dieser Franz liebt
schon lange seine schöne Cousine Klara in der nächsten Und mir ist, als hört’ ich’s klingen
grossen Stadt. Klara ist blond“ — Wie ein leiser Engelchor:
„So?“ fragte ich zerstreut. Hier ist des Friedens Aufenthalt,
„Ja,“ bekräftigte er, „sie ist eine sehr interessante Er- Der liebe Gott geht durch den Wald...
scheinung, Doppelwaise, zwar selbst wenig vermögend, erfreut
sich aber des Besitzes eines reichen alten Onkels; das heisst,
sie wird sich dieses Besitzes einmal später zu erfreuen haben. Wiederum auf Waldeswegen
.— Diese Klara wird nun von einem anderen Cousin eben- Zieh’ mit i h r ich, Hand in Hand,
falls geliebt, derselbe ist Lieutenant bei den Ulanen. Sie gibt Stürmisch pochen sich entgegen
eigentlich Keinem den Vorzug, aber die beiden nebenbuhler- Uns’re Herzen, liebentbrannt.
ischen Cousins sind wüthend auf einander. Das muss einen
höllischen Conflikt geben. — Soweit bin ich. Aber wie meinen Beiden ist es zum Ersticken,
Sie, dass sich die Sache nun weiterentwickeln Hesse? Ich Nichts, was unser Schweigen bricht,
könnte ja eigentlich den Verlauf abwarten, denn die Geschichte Nur aus heissen Liebesblicken
spielt in der Wirklichkeit, die Leute leben und ich kenne sie Glühendes Verlangen spricht . . .
persönlich. Was meinen Sie?“
„Da weiss ich nur einen Rath, entgegnen ich, „spielen Da drück’ ich mich an die zarte Gestalt, —
Sie selbst eine Figur Ihres Romans machen Sie den Tertius Der Liebe Gott geht durch den Wald!.. 1.1>.
gaudens.“
Wieso —?«
"Gehen Sie hin und heirathen Sie beiden Nebenbuhlern
die Cousine vor der Nase weg und lassen Sie die Anderen
schreiben!“

112
1896 • JUGEND • Nr. 7

On y va deux, on en revient trois.

Für die „Jugend“ gezeichnet von A. Guillaume (Paris).


HZ
Nr. 7 JUGEND 1896

Und hat er ihn auch nur einmal gefragt?


. . . Das ist der Fehler! Da liegt es d’rin!
Das ist des Tadels verborgenster Sinn.
Als das mächtige Deutsche Reich erstand,
Man keinen von allen den Rednern fand;
Und nirgends ist es etwan zu lesen,
Dass die Siebengescheiden dabei gewesen.
D’rum kommt jetzt der Narr mit klingenden Schellen,
Möcht’ anderen Leuten die Freude vergällen.
Doch Ihr! Im feiertäglichen Kleid,
Die Ihr der Freude Euch ganz geweiht,
Mit pochenden Herzen auf den geschaut,
Der uns gewaltig das Reich gebaut,
Lasst den Schmarotzer nicht in den Saal
Zum festlich zubereiteten Mahl,
Der „Unentwegte“. Der täppisch in alle Schüsseln greift
In der Festrede zur Feier der Begründung des Deutschen Reiches Und Gassenhauer am Tische pfeift!
sagte Baniberger, „wir hätten dem Schicksale zu danken, das uns
den Fürsten Bismarck gab, und einen Kaiser, der uns zur rechten Macht’s, wie’s uns Altmeister Goethe lehrt,
Zeit von diesem Manne befreite/' -— Mit dem, der uns bei Tisch beehrt,
In diesen Tagen, da Alt und Jung Von unserem Mahle sich pumpsatt frisst,
Sich gab in ächtet Begeisterung, Und Dank und Gelt’s Gott und alles vergisst,
Sprach auch so mancher „Unentwegte“ Und sucht, ob nicht etwas zu tadeln gewesen
Von dem — was andere Leute bewegte. Das Weitere mögt Ihr bei Goethe lesen! tu.
Natürlich immer mit Maass und Ziel —
Leicht könnt’ es werden des Lob’s zu viel, BZ-
Und so ein unentwegter Mann
Hängt immer ein „wenn“ und ein „aber“ an. Der schlaue Gläubiger.
’s ist wahr, wir haben nun vor der Hand
Ein grosses, mächtiges Vaterland,
Wir haben nun endlich ein Deutsches Reich,
— Allein, jedoch . . . was sagt er nur gleich?
Ja freilich! Er hat es im Voraus gewusst!
Und was er geborgen in stiller Brust,
Das hat nun ein Andrer zuwege gebracht,
Sonst hätt’ er es sicherlich selber gemacht.
Und dann — Fürst Bismarck! Es ist ja wahr,
Er ist nicht aller Verdienste baar,
Wir haben ihm mancherlei zu verdanken. —
— Allein — das alles hat seine Schranken . . .
Und wenn das Volk ihn begeistert preist
Und „Deutschlands Vater“ ihn rühmend heisst,
So macht das nur die Begeisterung,
Der Seele hyperbolischer Schwung.
Des „Unentwegten“ kühle Vernunft
Sucht vor der Begeisterung Unterkunft.
Er überhitzt sich nicht das Gehirn.
. . . Und — hier legt er den Finger an die Stirn —
Und hat er’s denn wirklich auch so gemacht,
So ganz, wie’s der Unentwegte gedacht?
So wie er’s auf vielen Festen gesagt?

U4
1896
JUGEND Nr. 7
3

Er ist ganz gewiss zu Hause! Na warte nur: Was für ein reizender Käfer — Selbstverständlich:
Dich krieg ich daran! für die sind wir zu Hause.

Spruch.
Ein jeder Mann hat seine Rüpeljahr’,
Der wird kein ganzer Kerl, der nie ein Rüpel war;
Nur freilich, dass es geht, so wie man’s treibt:
Mancher sein Lebtag blos ein Rüpel bleibt.
o. j. u.
Weltlauf.
Die Erde, die Erde, der bunte Ball,
Spektakelt, mirakelt durch’s Weltenall.
Wir taumeln und baumeln spektakelnd mit,
Werden älter, werden kälter, Tante Mors ruft: quitt!
o. j. v. Das sind so Carnevalspossen.

115
Inseraten-Annahme Insertions-Gebühren

JUGEND
durch alle Annoncen-Expeditionen für 'die
sowie durch 4 gespalt. Colonelzeile oder deren
G. Hirth’s Verlag in München Raum M. I.—
und Leipzig. laut aufliegendem Tarif.

Die JUGEND erscheint allwöchentlich einmal. Bestellungen werden von allen Buch- und Kunsthandlungen, sowie von allen
Postämtern (Bayer. Postzeitungs-Katalog No. 397, Deutsches Reichspostzeitungs-Verzeichniss No. 3536) und Zeitungs-
Expeditionen entgegengenommen. Preis des Quartals (13 Nummern) 3 Mk., der einzelnen Nummer 30 Pf.

Die Tragikomödie vom Balkan.

Briefkasten.
An Hans P. in Breslau.
Scherz, Satire, Witz und Schnurre
Sind der „Jugend“ stets willkommen.
Her damit! Je mehr, je besser!
Uns und Ihnen wird es frommen.

Fünf bis zehn Mark für ein Witzlein


Gibt die „Jugend“ gern zum Lohne;
Und für jeden Kapitalwitz
Gicht sie eine Doppelkrone.

Und für hübsche Novelletten,


Die der Leserkreis bewundert,
Gibt die „Jugend“ 6o, 70,
80, 90 Mark — selbst 100!

J. B. in Würzburg. Ihr Vorschlag, nach


Analogie der X-Strahlen, von nun an die X-Beine.
Röntgenbeine zu nennen, ist jedenfalls originell
und für die Betreffenden schmeichelhaft, aber wir
zweifeln, Ob Sie damit durchdringen.
ei v ct o 5»

Unser Titelblatt, Originalzeichnung von Ferdinand G'ötz (München) 1 „ein Trifolium“, deren Autor uns noch unbekannt ist, zählt zu den
hat bei unserm „Wettbewerb für Carnevalsplakate“ den ersten drei mit zweiten Preisen bedachten Blättern. Das Mittelstück „Masken-
Preis erhalten. Das Titelblatt von Robert Fngels (Düsseldorf), welches Franjaise“ von Rudolf Wilke wäre von den Preisrichtern bei der Con-
den ersten Preis in der Concurrenz für Titelblätter der „Jugend“ erhielt, currenz für Carnevalsplakate wegen der eminenten Charakteristik der dar-
wird den Umschlag unserer nächsten Nummer zieren. Die Zeichnung gestellten Typen wohl mit einem ersten Preise bedacht worden, er-
„l'inger weg!“ trug den ersten Preis unter den „politischen Caricaturen“ hielt aber, weil die Propositionen für ein „Plakat“ nicht eingehalten,
davon und ist von Arpad Schmidhammer, die politische Zeichnung, sondern nur zwei „Leisten“ eingeschickt waren, den zweiten Preis.

Zeichner Secession München. Kunst Auktion in München,


für ein österreichisches politisches Februar 1 896
Witzblatt radikaler Tendenz gesucht, Gefl.
Zuschriften womöglich unter Beischluss einer
Prinzregentenstrasse. Centralsäle (Neuthurmstrasse)
Probezeichnung unter Chiffre „Freiheit“ an
Herrn H. Haessel in Leipzig. Frühjahrs-Ausstellung einer reichhaltigen Sammlung von
'II
Uebernahme von voll Mitte März bis Ende April.
Kunst auetionen Oelgemälden
jeder Art, ganzer Sammlungen sowohl
wie einzelner guter Stücke.
CDünchner Kiinstler-©enossenschaft. vorwiegend alter Meister
aus dem
Hugo Helbing, München, Christophstr. 2. Nachlasse des in München t Privatiers
Vom Frühjahr ab eigene,
neuerbaute Oberlicbträume. Jahres-Ausstellung u. ehern. Kunstverlegers u. Kunsthändlers
Herrn Josef Aumüller,
Alte Kupferstiche. von Kunstwerken aller Nationen sowie aus verschiedenem Besitze.
Preis des illustrirten Kataloges M. 3.—,
Kataloge gratis und franco durch
nauuoue grau» um* -
" " • München, im kgl. Glaspalaste der einfache Katalog gratis und franko,
sowie jede nähere Auskunft durch
ugo Helbing, München’
Christophstr. 2. vom 1. Juni bis Ende Oktober 1896.
Hugo Helbing, 32
G. HIRTH's Kunstverlag in München und Leipzig. München, Chrlstofstnisse 2.
Geschichte der Wandteppichfabrikeil SS:
Mit einer Geschichte der Wandteppichverfertigung als Einleitung. Von Dr. Manfred Mayer
Münchener
i8'/a Bogen hoch 4°, mit 21 1 afeln in Lichtdruck. Ladenpreis broschirt 15 Mark. Brauerakademie
Albrecht Dürer’s Aufenthalt in Basel 1492—1494 B^khaSt! Magistrati, genehm. Privatinstitut.

Conservator der öffentlichen Kunstsammlung in Basel. 7 Bogen hoch 40, mit 15 Textillustrationen Beginn d. 4monatl. Kurses 13. April
und 50 Lichtdrucktafeln. Ladenpreis elegant broch. Mk. 20.—. Dr. Doemens.
Herausgeber: Dr. GEORGHIRTH; verantwortlicher Redakteur: F. von OST INI; verantwortlich für den Inseratentheil: G. EICHMANN, G. HIRTH’s Kunstverlag; sämmtlich in München*
Druck von KNORR & HIRTH, Ges. m. beschr. Haftung in München.
1896 - 22. Februar - JUGEND • I. Jahrgang - Nr. 8

Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben. — G. Hirth’s Verlag in München & Leipzig.
ALLE RECHTE VORBEHALTEN.
Nr. 8 JUGEND 1896

Erschreckend ist nur das Schicksal, das mich


dahin brachte. Nun, ich verdanke es einer ein-
zigen Nacht, die mich nicht nur auf siebenundzwanzig
Monate in Wahnsinn stürzte, sondern mich auch in ein
langes Siechthum warf, mich meinem Beruf und meiner Fa-
milie raubte und viele, viele Hoffnungen zerstörte. Hören Sie.
„Vor zwei Jahren war ich an einer staatlichen Anstalt im
badischen Freiburg als Lehrer der Naturwissenschaften ange-
stellt. Die wilde Poesie des Schwarzwalds fesselte mich täglich
mehr und riss mich zu einer Begeisterung hin, wie ich sie
vorher der Natur gegenüber noch nicht empfunden hatte.
Die Berge ringsum scheinen die Stadt zu umarmen; sie scheinen
die Menschen in Gefangenschaft zu halten und fast in alle
Strassen blickt ein Stück des düsteren Bergforsts herein.
„Genug davon; da ich viel freie Zeit hatte, war mir bald
kein Ort der Umgebung mehr fremd. Eines Tages war ich
nebst vier jungen Leuten von dem Sohn eines reichen Indu-
striellen zur Theilnahme an einer Jagdpartie aufgefordert
worden. Gegen sechs Uhr Nachmittags marschirten wir lach-
end und scherzend, denn diese Gesellschaft bildete meinen
täglichen Verkehr, nach St. Valentin hinaus. Wir wollten dort
übernachten, um bei Tagesanbruch gleich auf dem Anstand
zu stehen.
„St. Valentin liegt in einer gelichteten Thalsenkung mitten
im Wald. Es besteht aus dem einzigen Häus’chen des Forst-
warts, und Tag und Nacht, Sommer und Winter herrscht hier
der tiefe Frieden eines weltfernen Winkels. An drei Seiten
steigt der Wald empor; nur in der Richtung nach der fernen
Landstrasse zieht sich eine Mulde hinab gleich dem vertrock-
neten Bett eines Baches. — Wir Hessen uns an einem der
Finsterniss. Tische des kleinen Hausgartens nieder; der Waldhüter be-
Von Jakob Wassermann. grüsste uns mit jener biederen Herzlichkeit, welche den
Schwarzwäldlern eigen ist.
Ich sass an einem schönen Herbstabend fröstelnd im Wart- „Schon begann die Sonne hinabzusinken; wir sahen sie
saal einer kleinen Station, einige Stunden nördlich der Stadt, freilich nicht, aber die Baumkronen schienen geblendet in die
als meiner Einsamkeit durch das Erscheinen eines breitschulter- überwältigende Gluth des Firmaments zu blicken. Ueber uns
igen, muskulösen Fremden ein Ende bereitet wurde. Seufzend lag ein mattblaues Stück Abendhimmel, und wenn man lange
stellte der Ankömmling seinen Koffer auf einen der Tische hinaufstarrte, konnte man das fahle Funkeln winziger Sterne
und rieb sich die erstarrten Finger, während er mit schweren, gewahren. Der letzte Windhauch war entschlummert, aus den
wuchtigen Schritten auf und ab ging. Ich fand es leicht, mit Tiefen des Waldes schaute uns die Dämmerung entgegen wie
dem Fremden ein Gespräch anzuknüpfen, und da ich mich mit lebenden Augen. Der Ruf eines Kärrners schallte bis-
gelangweilt hatte, war mein Benehmen um so liebenswürdiger. weilen von der Chaussee herauf, verschleiert wie durch Mauern.
Person und Wesen meines neuen Bekannten schienen mir den Wir alle waren still geworden; die einen aus Müdigkeit und
Stempel der Nüchternheit und Alltäglichkeit zu tragen; aber Stumpfheit, die andern wie in der halbbewussten Empfindung
bald fiel mir in seinem Mienen- und Geberdenspiel jene Ner- eines Geheimnisses rings um sie, für dessen Wahrnehmung
vosität auf, die man sonst nur bei Künstlern findet; auch Hessen sie sonst blind gewesen.
mich einige absichtlich räthselvolle Anspielungen auf ein selt- „Eine Purpurfluth stieg längs der Mulde herauf und die
sames Schicksal schliessen. Ich wurde neugierig und gleich- braunen, rissigen Stämme färbten sich durchscheinend roth,
wie ich es mühelos gefunden hatte, das Gespräch in Gang als wären sie im Feuer vergoldet. Das Moosgrün, das Grün
zu bringen, traf auch die Befriedigung meiner Neugierde auf der Blätter, des Grases schien satter, blendender, glühender,
wenig Hindernisse. Ja, es schien, als suchte der Fremde eine und dabei wurden wir alle bedrückt von der Dunkelheit, die
Aussprache, und es war mir, als gewahrte ich ein Lächeln der im Walde schlief, und die uns wie etwas Körperliches er-
Befriedigung auf seinen Lippen, als unser Gespräch so weit schien, in dessen Willen es stand sich zu bewegen, sich über
gediehen war, dass es nur zwei Möglichkeiten gab: entweder uns zu stürzen wie ein Raubthier und uns zu vernichten.
jenes vielsagende Verstummen, das den Sturm schwerer Ge- Ich glaube fest, dass fast alle Andern dieses Gefühl mit mir
danken verräth, oder den offenen Bericht der Schicksale. Mein theilten: wie wenn es nun in der Macht des grossen, weithin-
neuer Bekannter wählte das Letztere und da es bis zur Ankunft gedehnten Waldes läge, sich zu rächen für all die Frevel, die
des fahrplanmässigen Zugs noch lange dauerte, begann er also: wir an seinen Geschöpfen verübt.
„Wie Sie mich hier sehen, komme ich direkt aus dem „Nun fing ein Kukuk an zu rufen. In Pausen von zehn bis
Irrenhaus. Erschrecken Sie nicht, ich bin nicht entsprungen. zwanzig Sekunden erklang sein lockender, etwas schmeichler-

118
1896 JUGEND Nr. 8
■scher und geheimnissvoller Schrei. Es war, als , blutrothe Brandstreifen des west-
riefe er unser Unterhaltungsbedürfniss wieder Himmels durch die Stämme wahrzuneh-
wach. Einige unter der Gesellschaft sahen sich men vermocht, aber das hörte auf, als ich tiefer
an, lächelten erstaunt und begannen dann zu in den Wald drang, wie überhaupt jede Farben-
schwatzen: — etwas eilig, als schämten sie sich abtönung ringsumher erstarb.
ihres Schweigens. „In vielen Krümmungen wand sich der
„Bald gerieth das Gespräch auf einen Ge- Weg, nur wenig ansteigend, nur selten sich sen-
genstand, der uns am meisten zu beschäftigen kend. Oft bildete der Pfad einen ganz scharfen
pflegte: eine Russin, die zum Sommeraufenthalt Winkel, zwischen dessen Schenkeln ein kleines
in einer Villa am Russe des Brombergs wohnte, Waldthal wie eine Schale lag, während an der
und die auch mich lebhaft interessirte. Sie war Spitze der Berghang emporstieg in’s Dunkle des
weder schön, noch war sie jung; auch einen Abends. Dann hörte ich die Kirchenglocken von
Ueberfluss von Geist besass sie nicht. Trotz- Güntersthal und stand still, den Klängen lau-
dem, weiss der Himmel wie es gekommen war, schend, die wie fromme Melodieen halblaut durch
hatten wir alle sechs uns ein wenig in sie ver- die Lüfte zogen.
liebt. Freilich hatte sie eine zigeunerische Art, „Doch jetzt wurde es immer finsterer. Und
das Leben leicht zu nehmen und sich um das immer dichter schlossen die Baumkronen ihr
Gerede der Welt den Teufel zu scheeren. Sie Laubdach über mir zusammen, und immer enger
besass jene naive Koketterie, vor der weder Phi- standen die schlanken hohen Stämme beieinan-
losophie noch Menschenkenntniss Stand hält: der, als hätten sie plötzlich begonnen zu wan-
alles das löst sich in ein Lächeln auf. dern, als fürchteten sie einen Verräther zwischen
,Ich könnte Ihnen nun jedes Wort berich- sich, den '-sie nicht entrinnen lassen durften.
ten> das in unserm Kreise fiel. So etwa muss Der Abendsegen war zu Ende geläutet und ein
der Mörder jede Einzelheit vor seiner That in Schweigen lagerte rings, wie ich es niemals im
der Phantasie bewahren. Freilich, diese zwei Leben sonst empfunden habe. Die dürren, ab-
Jahre waren eine lange Nacht und mir ist, als gelegnen, rothen Blätter auf dem Walderdreich,
Ware ich gestern dort gesessen unter den dun- die ich bis vor wenigen Minuten noch zu sehen
keln Stämmen des Schwarzwalds. vermocht hatte und die mir in dem unbestimmten
)Wir könnten eigentlich eine Gesandtschaft Licht wie ein endloses Korallenlager erschienen
an sie abschicken“, grunzte Jost Besenhardt, der waren, umhüllten sich jetzt völlig mit dem schwar-
fette Bureauchef einer Aktiengesellschaft. ,Ich zen Mantel der Nacht.
bitte Euch, eine halbe Stunde Wegs und ihr „Ich stand still. Ich lauschte. Mein Herz
könnt Euch ihre Gunst erschmeicheln . ...‘ klopfte rasch und hörbar. Aber als ich das ein-
„Da sprang ich auf. ,Ach was, Kinder, ich tönige und angenehme Geräusch meiner Schritte
geh!4 rief ich erhitzt und schlug mit der Faust nicht mehr vernahm, überfiel mich eine starke,
auf den Tisch. Ich verstehe nicht, wie ich dazu ausdauernde Furcht. Ich fing an rascher zu
kam> ein solch aberwitziges Vorhaben auszu- gehn, aber bald stand ich wieder lauschend.
tuhren. Aber es packte mich wie ein Rausch. Es Ich überlegte, ob ich nicht umkehren solle,
war durchaus nicht Verliebtheit, die mich dazu aber noch waren die Vorstellungen von dem
tneb. Die seltsamen, harzigen, weichen Düfte Hohn der Freunde so lebhaft in mir, dass ich
des Abends mussten mich narkotisirt haben. . . . mich vor Scham erröthen fühlte. . .. Instinktiv
brst lachten sie alle; dann schrieen sie bunt suchte ich nach Streichhölzern in den Taschen:
durcheinander: es sei Unsinn, ich würde mich ich hatte nicht eines bei mir. Und es ward immer
verirren; ich kennte die Nacht des Waldes noch finsterer. Erschreckt gewahrte ich, bis zu
j'p!?1’ — aber sie schrieen umsonst. Ich hatte welcher Grenze die Tiefe der Nacht gehen könne.
dafür ein heiteres und sorgloses Lachen, das Noch niemals hatte ich diese, die eigentliche
alf ihre Einwände zurückwies. Meine Begierde die gewaltige Finsterniss erschaut. Die Finster-
st,eg vielmehr, wie bei einem Menschen, den niss, die es unmöglich macht, die eigne Hand
roan abhalten will, vergrabene Schätze zu heben. zu sehen, die dem Körper alle Sicherheit der
Nie war mir eine Sache so ernst gewesen. Ja, Bewegung raubt, das Athmen erschwert.
lch empfand es wie eine berechtigte Auflehn- Die Nacht hatte ich nie anders als in der mil-
ung gegen die blinden Mächte der Natur, als den und wohlthuenden Dämmerung eines freien
Ware hier Gelegenheit, Stärke und Muth gegen Himmels erblickt: — diese Nacht war mir fremd.
ein verstandloses Walten der Elemente in’s Feld Sie erfüllte mich mit Grausen, mit Entsetzen.
zu führen. Kurz, was soll ich noch sagen, ich Ich fühlte etwas Schweres auf meinem Schädel
g'ng. Schliesslich wurden sogar die Andern von lasten: das war die Finsterniss.
•deinem Feuer angesteckt. Wussten sie doch, „Aber nun entdeckte jch, dass ich vom Weg
dass die Russin solch tolle Streiche liebe. Es abgekommen, und schon zwischen den Stämmen
War acht Uhr; spätestens um zehn wollte ich umherirrte. Ich blieb stehen und von den Fuss-
zurück sein. Ich rechnete dabei mit der Dunkel- sohlen aus zog eine widerwärtige Kälte über
heit, da ich bei Tag kaum eine Stunde gebraucht meinen Körper. Mir war, als sei ich soeben aus
hatte, den mir wohlbekannten Weg um den Berg dem Bad gestiegen und nassen Leibes in die
zuruckzulegen. Kleider gestürzt. Ich wagte nicht zu rufen. Was
, „Als ich das Gärtchen verliess und mich hätte es auch geholfen, zu rufen? Freilich, nicht
em Walde näherte, ergriff mich eine Angst, die die Einsicht in die Nutzlosigkeit hielt mich da-
Jedoch kaum länger als ein paar Sekunden an- von ab, sondern ich fürchtete mich. Die Finster-
auerte: gerade wie wenn man eine Saite be- niss schien mich zu umarmen, ja, sie schien sich
uhrt, so dass sie noch in leisen Schwingungen anzufühlen; mir war, als ob ich sie greifen könne,
achzittert. Als ich den braunen, weichen Wald- wie man ein Stück Sammt mit den Fingern greift.
eg betrat, umgab mich die Dämmerung, und Der ganze Wald nahm für mich das Wesen einer
usehends sank Schatten auf Schatten, dunkel Person an, ausgerüstet mit teuflischen Mitteln,
nd dunkler herab. Sie wälzten sich her und einen Menschen zu Grunde zu richten.
erbreiteten sich wie die Fluthen eines über- „Ich hörte ein Rascheln im Laub, wie von
fluellenden Stromes, nur dass nichts davon zu hurtigen Tritten, ein Knacken der Zweige, wie
s-en war. — Ich konnte den Weg vor mir noch wenn sich Jemand vom Boden aufrichtet, und
hr gut erkennen, doch verengerte sich mein meine Glieder begannen heftig zu zittern. Wohl
^esichtskreis immer mehr und mehr, gleich als sagte ich mir, — und ich sagte es mir vielleicht
urtfe eine unsichtbare Lampe langsam nieder- hundertmal: das ist ein Reh, irgend ein scheues
° schraubt. Der Kukuk hatte aufgehört zu rufen, Waldthier . . . Aber mein Gemüth war nicht
nd es war so still, wie es auf dem Grund des mehr empfänglich für eine vernünftige Deutung
eeres sein muss. Anfänglich hatte ich bisweilen ,vh umfasste mit den Armen einen herab-

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Originalzeichnung von O. Scitz.

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hängenden Ast und biss die Zähne in’s Den Irrthum nicht gewahrend,rschritt~’ich Finsterniss an meine Brust andrängte, wie
Holz, um zu verhüten, dass ihr Klappern weiter und immer weiter wie" der arme ich die Lider schliessen musste unter der
hörbar würde. Flüchtling des Märchens und schliesslich Gewalt. Und da sprang ich auf und griff mir
„Auf einmal aber sah ich ein Licht. Wenn verlor ich wieder den Pfad unter den Füssen. an den Kopf und wimmerte, winselte . . .
ich sage, dass alle Funktionen des Blutes Mit der Stirn stiess ich an einen Stamm und Gestalten stiegen rings aus dem Erdboden
plötzlich stockten, so sage ich zu wenig. ich jammerte auf vor Schmerz. Der Berg und sahen mich an . . . Nein, das waren
Mein Herz hörte auf zu schlagen, in meine neben mir schien verschwunden, denn nach keine Hallucinationen, das war!... Das
Augen drängte sich eine heisse Nässe, die welcher Richtung ich mich auch wenden sind Dinge, von denen wir nichts wissen,
den Blick gleichsam verhängte. Mit den mochte, der Boden blieb eben. Bald fiel ich von denen wir nichts wissen werden, bis
Füssen fühlte ich mich nicht mehr auf über einen Stein und riss mir die Hände das Ende gekommen ist und die ewige
festem Grund stehend, mir war, als schwebe wund, bald zerrissen die Dornen das Fleisch Finsterniss.
ich in freier Luft. Lieber die Haut des meiner Wangen. „Was soll ich Ihnen noch weiter sagen?
Rückens liefen blitzschnelle, eisigkalte „Und dann beschloss ich, mich nieder- Ich bringe es kaum über mich, dieses Letzte
Schauer und der Gaumen war trocken wie zulegen. Ich wollte das Umherirren auf- zu schildern, diesen letzten Schrecken, der
Leder. Dort drüben, als ob es aus dem geben und auf das Licht des Tages harren. mir den Verstand geraubt. Sehen Sie, wenn
Berg hervorquölle, funkelte ein eigrosses, Ich warf mich auf den trocknen, warmen Sie in nächtlicher Einsamkeit vor Ihrem Bett
silberbleiches, schwankendes Licht. Ich Waldboden und schloss die Augen. Zuerst sitzen, und ein Stuhl, der vor Ihnen steht,
stürzte fort. Ich hörte Gemurmel und verursachte mir die ununterbrochene Stille fängt plötzlich an, sich von selbst zu be-
Geraschel und Gezischei hinter mir; ich eine quälende Unruhe und ich wagte mich wegen, und er steht dann von selbst auf
fühlte Fäuste an meinem Nacken, die mich nicht zu rühren. Ich zog meine Taschenuhr dem Tische, ohne dass Sie nur die Hand
weiterstiessen, und als ich mich umzu- und lauschte ihrem monotonen Ticken. gerührt haben, so mag Ihr Entsetzen viel-
sehen wagte, sah ich immer noch das Aber während ich sie noch am Ohr hielt, leicht ein .ähnliches sein. Da scheint der
Licht . . . Und ich betete! stand sie still. Werden Sie es glauben, dass ganzeKörper zusammenzuschrumpfen, man
„Sie werden freilich lächeln, wenn ich dieser kleine, ja lächerliche Umstand mich fühlt nichts mehr an sich, wo man hintastet,
Ihnen die Quelle dieses spukhaften Lichtes in solch wahnsinnige Aufregung versetzte, greift man ins Leere, Haut und Fleisch sind
angebe. Doch mir verschaffte es nur kurze dass ich dalag, in Schweiss gebadet und Luft geworden für die Zeit dieses Schreck-
Erleichterung, als ich fand, dass es der immer noch horchte . . . horchte, ob es ens.
Mond war, von dem ein kleiner Ausschnitt denn möglich sei, dass dies Räderwerk dem | „Wie ich nun so stand, noch zitternd von
durch ein Loch zwischen den Blättern fiel, lähmenden Einfluss der Finsterniss unter- all dem Ausgestandenen, fällt plötzlich ein
sodass es aussah, als hänge eine bleiche legen . . . Und nun sah ich ein blutrothes heller, gleissendrother Lichtkegel hinein in
Ampel dort . . . Sie dürfen nicht glauben, Gesicht vor mir, das sich abhob aus dem die Tiefen des Waldes. Ich sah es mit den-
dass ich eine furchtsame Seele sei, ein dichten Dunkel wie ein Bluttropfen auf selben Augen, mit denen ich jetzt dieses
pattes, schreckhaftes Herz besitze. Nein, schwarzer Seide. Und gleich daneben noch Fenster sehe. Niemand kann sagen, ich
jm Gegentheil, ich war stets ein sehr that- eines, aber mit grünlicher Färbung und noch hätte geträumt, oder mein Auge, meine über-
kräftiger und muthiger Mensch. Aber diese eins . . . noch eins . . . noch eins ... sie hitzte Phantasie hätte mich betrogen. Nein,
Finsterniss lähmt alles Urtheil, alle Ver- tanzten um mich herum, bliesen mir ihren ich sah es deutlich und die Kraft der Er-
nunft, alle Besonnenheit, alle Kräfte. Es Hauch in’s Gesicht . . . Und da hörte ich innerung an das unverlöschliche Bild des
ist die Finsterniss des unendlichen Raums, auch reden... Worte, schwer hervorgelallte, plötzlich erleuchteten Forstes’ersticken je-
die das Leben erstickt, den Organismus wie hingeseufzt, wie durch eine Schicht den Zweifel in mir. Es war, wie wenn die
verstört. Doch hören Sie weiter! Erde hindurchgesprochen. Und die Nacht Erdrinde zu Glas geworden wäre und die
»Ich kam nun auf einen breiten Fahrweg starrte' mich an, so grausam und unbarm- Feuersbrünste, die im Innern des Planeten
und über mir stand der klare, wolkenlose herzig: ich fühlte deutlich, wie sich die wüthen, hätten für die Dauer von zehn Se-
Himmel. Es war, als ob ich in den lichten kunden ihren Schein heraufgeworfen.
Jag hinausgetreten wäre. Ich konnte über Nun, am Morgen fanden mich meine Freunde
die Baumwipfel, die am Abhang standen, im Fieberdelirium. Ich lag am, Waldrand,
uinausblicken auf eine Landschaft, die be- hundert Schritte von St. Valentin.... Ah,
graben war in nächtlicher Dämmerung. Den nun kommt ja auch unser Zug schon.
Horizont umsäumte wie ein schmales Band „Wollen Sie nicht meinen Koffer tragen
das letzte ersterbende Roth des Sonnen- helfen ? Er ist gar zu schwer. Was ich sagen
untergangs: tief und düster, wollte: wenn Ihnen einmal
glanzlos und verschwommen Jemand zu viel von der Poe-
P°8 es hin, den Rand der sie des Waldes reden soll-
ernen Berge kaum berüh- te, versäumen Sie nicht, ihn
rend. Aber ich hörte keinen ein klein wenig abzukühlen.“
Laut, eine so bedrückende
stille war in aller Gottes-
*Ht. Kein Hund bellte, keine
Lilockr.-
e tönte, kein Stunden-
schlag klang an mein Ohr:
nichts! Der Mond stand seit-
wärts hinter dem Wald, und
Das andre Land.
er war es, der diese graue, Willst Du glücklich sein?
nebelhafte Dämmerung über Komm ich will Dich führen.
alles Land warf. Hinter blauen Bergen
„Ich wusste nicht, wo ich Drüben liegt das Land.
mich befand. Lange zögerte Lächle, lächle doch!
ich weiter zu gehen, aber end- Sollst die Sonne spüren.
lich beschloss ich doch den Gib mir Deine Hand nun;
gefundenen Weg zu verfol- Lass uns glücklich sein!
gen. Und nur zu bald musste
'eh diesen Entschluss be- Oh, das Land ist schön:
reuen. Hätte ich mich doch Lauter stille Hügel;
Hort niedergeworfen in das Voller blüh’n die Wiesen,
Moos, in’s dürre Laub und Wo wir beide geh’n.
wachen Auges das Morgen- Und Dir ist so leicht.
roth erwartet! Glaubst, Du trügest Flügel,
„Wieder schlossen sich Oh, Du fühlst Dich mitten
nie Kronen über mir. Und In den Himmel hinein —
als ich umkehren wollte, von
Grauen erfasst, gerieth ich Komm!
auf einen ganz falschen Weg. FRANZ EVERS.
Originalzelchnung von j Die*.

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Nr. 8
JUGEND
1896
1896 JUGEND Nr. 8

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Nr. 8 JUGEND 1896

Da Hexen, schlottrig, wirren Haars und bleich!


Und sieh: Gespenster aus des Kirchhofs Reich
Im langen Grabhemd, mit dem Todtenkopf —
Wenn’s zwölf Uhr schlägt, so müssen sie zu Bett —
Die fiedeln dort — ein grässliches Sextett!
Der Hackelberger und der Rodensteiner,
Sie zechen, froh vereint an einem Tisch,
Mit Satanellen, rosig voll und frisch —
Und amüsiren sich wie unsereiner!
Landsknechte, breite Wunden auf der Stirn,
Selbstmörder, schreckhaft mit zerschelltem Hirn —
Die Sünde selbst! mit schleppend schwerem Gange,
(Bekleidet nur mit einer Riesenschlange)
Mit bösem Blick nach Deinem Herzen zielend.
Schleicht Dir vorüber; seine Leier spielend
Mit herzzerreissend jammervollem Ach
Sucht Orpheus seiner Eurydike nach.
Und dort die lächelnde Armee des Bösen:
Kokotten und Hetären, Balleteusen,
Nach blöden Opfern suchend, die sie fingen
Dem Satan in berauschendem Umschlingen!
Und hier der Narrheit farbentolles Heer,
Unendlich, zahllos, wie der Sand am Meer.
Pierrots und Clowns mit mehlbestaubter Larve,
Hanswurste — kurzum Narren jeden Stils!
Und Dame Sphynx vom grünen Strand des Nils,
Verrückte Wasserdichter mit der Harfe,
Wildschützen, furchterregende Verbrecher,
Verruchte Spieler mit dem Würfelbecher,
Ein blutgetränkter Geist, Napoleon —
Der ärmste Schatten jetzt vor Pluto’s Thron! —
Aus tiefem Dunkel kalter Klüfte quellen
Stets neue Horden scheusslicher Gesellen,
Wie sie in vielen, vielen hundert Jahren,
Aus Sündenlust zur Unterwelt gefahren. —
Und — blick’ um Dich! — so schrecklich wie die Wesen»
Die es durchtollen, ist das Reich des Bösen! Durch eine Pforte trittst Du ein mit Lachen —
Sieh’ näher zu! — es ist ein Höllenrachen,
Mit unheilvollen Hauern droht es Dir.
Wie eine weisse Steinwand ragt es hier —
Du blickst’s genauer an bei Mondenlicht
’s ist eines Satyrs grinsendes Gesicht!
Und dort, was steigt so schreckhaft in die Luft
In rother Gluth aus düst’rer Felsenklu'ft?
Unheimlich gross, versteinernd starrt Dich’s an
Mit mühlsteingrossen schillernd grünen Augen —
Flieh, guter Freund! Was soll der Anblick taugen! -
Fasst Dich ihr Blick, so ist’s um Dich gethan!
Medusa’s Haupt siehst Du zum Himmel ragen —
Du weisst: Held Perseus hat ihr’s abgeschlagen. — —
Furchtbarer Ort!
— — Und doch: wenn’s mich nicht trügt,
Sind die Gespenster sämmtlich recht vergnügt
Und bei den Teufeln allen und Lemuren,
Dem Hexenvolk, dem schwefelpfuhlentstammten,
Seh’ ich der tollsten Narrenlaune Spuren!
Und war’ die Gluth der Hölle noch so heiss,
Der Steinkrug geht ja fleissig um im Kreis
’s ist Mummenschanz! Und mit dem Hahnenschrei
Nur darf vor Mittag heut’ der Hahn nicht krähen!
Sind sie entzaubert Alle und sie stehen
Im Werktagsrock an ihrer Staffelei.
Ein Malervölkchen hat den Spuk geweckt,
Aus Gips und Latten, Leinwand, Draht und Kleister
War die Medusa, die Dich dort erschreckt,
Und sehr lebendig sind die vielen Geister!
Du merkst es am Geschrei der armen Seelen,
Du merkst es auch am Durste ihrer Kehlen!
Schier ohne Ende quillt vom Fass das Brünnchen,
Das ihrem Andrang kaum genügen lässt
Was sag ich weiter? — Ort der Handlung: München
Und diese Hölle — blos ein Künstlerfest! 0.
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niemals, vor dem Bilde der Gottesmutter auf die Kniee zu
fallen und also zu beten: »Heiligejungfrau, behüte mein Leben,
bis es Gott gefallen wird, es von mir zu nehmen, und wenn ich
dereinst gestorben bin, nimm mich auf in die Freuden des
Paradieses«.

II.
Als er nun eines schönen Abends nach einem Regentag
trübselig und gebückt fürbass schritt, unterm Arm seine Kugeln
und Messer in den Teppich eingewickelt und nach einerScheune
- Der Gaukler unserer lieben Frau. ausschaute, in der er seinen Hunger verschlafen könnte, sah
Nach einem alten Stoff, von Anatol France. er einen Mönch desselben Weges ziehen und grösste ihn in
aller Ehrerbietung. Indem sie zusammen weiterschritten, knüpf-
I. ten sie alsbald ein Gespräch an.
Zu König Ludwigs Zeit lebte in Frankreich ein armer, aus »Gevatter«, sprach der Mönch, »wie kommt’s, dass Ihr
Compiegne gebürtiger Gaukler, Namens Barnabe, der von ganz grün gekleidet seid? Habt Ihr etwa in einem Mysterium
Stadt zu Stadt zog und überall seine Kunststückchen zum den Narren zu spielen?«
Besten gab. »Keineswegs, ehrwürdiger Vater», erwiderte Barnabe. »Wie
An Jahrmarktstagen breitete er auf dem öffentlichen Platz Ihr mich hier seht, heisse ich Barnabö und bin meines Zeichens
einen alten, ganz verschlissenen Teppich aus, und nachdem ein Gaukler. Es wäre dies der schönste Stand der Welt, wenn
er die Kinder und Gaffer durch allerlei Scherzreden ange- man nur dabei satt zu essen hätte.«
zogen, die ihm ein alter Gaukler überliefert hatte und an »Freund Barnabe«, versetzte der Mönch, »überleget wohl,
denen er niemals ein Wörtlein änderte, zwang er seinen Kör- was Ihr sagt. Es gibt keinen schöneren Stand, als den geist-
per in die sonderbarsten Stellungen und liess einen zinnernen lichen; da preist man Gott, die Jungfrau und die Heiligen,
Teller auf seiner Nase tanzen. Anfangs betrachtete ihn die und so ist das Klosterleben dem Herrn ein steter Lobgesang.«
Menge mit gleichgültiger Miene; aber wenn er sich dann auf
die Hände stellte und mit den Füssen sechs kupferne, im
Sonnenlicht glitzernde Kugeln in die Luft warf und wieder auf-
fing, oder gar, sich hintenüberbeugend, bis sein Nacken die
Füsse berührte, ein vollkommenes Rad aus seinem Körper
machte und in dieser Stellung mit zwölf Messern spielte —
da lief ein Gemurmel der Bewunderung durch die Zuschauer
und es regnete Geldstücke auf seinen Teppich.
Und doch hatte Barnabö de Compiögne, wie Alle, die von Da erwiderte Barnabe: »Ehrwürdiger Vater, ich bekenne,
ihrer Kunst leben, grosse Mühe, sein Dasein zu fristen. Er dass ich thöricht geredet habe. Mein Stand lässt sich dem
verdiente sein Brod buchstäblich im Schweisse seines An- Eurigen nicht vergleichen, denn wenn es auch verdienstlich
gesichts und hatte somit von den Plagen, die der Sünde unseres ist, beim Tanzen einen Stock mit einem Geldstück zu balan-
Urvaters Adam anhaften, seinen gehörigen Theil zu tragen. ciren, so reicht doch dies Verdienst nicht an das Eurige hinan.
Ueberdies konnte er nicht einmal arbeiten, so viel er wollte. Ich möchte wohl, wie Ihr, ehrwürdiger Vater, Tag für Tag die
Um seine schönen Künste zu entfalten, brauchte er Sonnen- Messe lesen und besonders das Lob der hl. Jungfrau singen,
wärme und Tageslicht, wie der Baum, um Blüthen und Früchte für die iclfeine ganz besondere Verehrung hege. Mit tausend
zu treiben; im Winter war er nur ein entlaubter, halb abge- Freuden würde ich auf meine Kunst verzichten, die meinen
storbener Stamm. Die gefronte Erde war dem Gauklerhand- Namen in mehr als sechshundert Orten, von Soissons bis
werk nicht förderlich, und wie das Heimchen, von dem Marie Beauvais bekannt gemacht hat, um ein klösterliches Leben
de France erzählt, litt er in der schlechten Jahreszeit unter zu führen.«
Hunger und Kälte. Aber da er einfältigen Herzens war, trug Den Mönch rührte die Einfalt des Gauklers, und da es ihm
er seine Leiden in Geduld. nicht an Menschenkenntniss gebrach, ersah er in Barnabe
Er hatte nie über den Ursprung des Reichthums und einen jener Auserwählten, von denen der Herr gesagt hat:
die Ungleichheit der menschlichen Loose nachgedacht, sondern »Friede sei mit ihnen auf Erden.« Darum sprach er: »Barnabe,
rechnete fest darauf, dass, wenn diese Welt schlecht sei, die mein Freund, kommt mit mir, und ich will Euch Eintritt ver-
andere unfehlbar um so besser sein müsse, und diese Hoff- schaffen in das Kloster, dessen Prior ich bin. Der Herr, der
nung hielt ihn aufrecht. Er machte es nicht wie die Mehrzahl die heilige Maria von Egypten durch die Wüste führte, hat mich
seiner diebischen und ungläubigen Genossen, die ihre Seele auf Euren Weg gesandt, auf dass ich Euch den Pfad des Heils
dem Teufel verkaufen. Er lästerte niemals den Namen Gottes, weise.«
führte ein ehrbares Leben, und obwohl er selbst kein Weib So kam es, dass Barnabö Mönch ward. In dem Kloster,
hatte, begehrte er doch nie die Frau seines Nächsten: denn das wo er aufgenommen wurde, wetteiferten die Mönche im Dienste
Weib ist die Feindin des Starken, wie aus der Geschichte von der hl. Jungfrau und jeder suchte ihr zu dienen mit jeglicher
Samson und Delila erhellt, welche uns die heilige Schrift be- Fertigkeit, die ihm Gott verliehen hatte.
richtet. Der Prior verfasste Bücher, die nach den Regeln der
In Wahrheit war sein Geist den Lüsten des Fleisches nicht Scholastik'von den Tugenden der Mutter Gottes handelten,
zugewandt und es wurde ihm leichter, auf die Frauen, als und der Bruder Moriz übertrug diese Abhandlungen mit
auf den Wein zu verzichten; denn bei aller Mässigkeit liebte kundiger Hand auf Bogen feinsten Pergaments.
er doch nach des Tages Hitze einen guten Trunk. Er war ein Der Bruder Alexander malte darauf zierliche Miniatur-
rechtschaffener Mann, voll Gottesfurcht, und der heiligen Jung- bildchen. Da war zu sehen die Himmelskönigin, auf Salo-
frau innig ergeben. Wenn er in eine Kirche trat, verfehlte er monis Thron sitzend, zu dessen Füssen vier Löwen Wache

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Nr. 8 JUGEND 1896

»Ach«, seufzte er, wenn er einsam in dem schattenlosen


Klostergärtlein umherwandelte, »ich bin recht elend, dass
ich nicht wie meine Brüder vermag, die heilige Gottesmutter
würdig zu preisen, der mein Herz doch so'inniglich zugethan
ist! Ach, ich bin ein unbeholfener und ungeschickter Gesell
und habe zu Deiner Verherrlichung, o gebenedeite Jungfrau,
nichts darzubringen; weder erbauliche Predigten und wohl-
geordnete Abhandlungen, noch feine Malereien; weder sorg-
fältig gemeisselte Bildwerke, noch Verse mit abgezählten
Füssen und rhythmisch gemessenem Gang. Ich allein habe
Dir nichts zu bieten, nichts!«
So seufzte er und überliess sich der Traurigkeit. Da
hörte er eines Abends, als die Brüder sich plaudernd im
Garten ergingen, wie einer von ihnen die Geschichte eines
Mönches erzählte, der nichts anderes konnte und wusste als
das Ave Maria und ob dieser seiner Unwissenheit verachtet
war; als er aber gestorben, sprossen aus seinem Munde fünf
Rosen hervor, zu Ehren der fünf Buchstaben Mariä, und seine
Heiligkeit ward somit offenkundig dargethan.
Als Barnabö dieser Erzählung lauschte, erfüllte ihn die Güte
der heiligen Jungfrau auf’s Neue mit Bewunderung; aber er
fühlte sich nicht getröstet durch das Beispiel dieses glückseligen
Todes, denn sein Herz war voll des Eifers und er wollte etwas
hielten; ihr lichtstrahlendes Haupt umschwebten sieben beitragen zum Ruhme seiner himmlischen Geliebten.
Tauben, als Sinnbild der sieben Gaben des hl. Geistes, so Umsonst sann er auf Mittel und Wege und versank von
da sind: die Gabe der Weisheit, des Verstandes, des Raths, Tag zu Tag mehr in Betrübniss. Doch eines Morgens erwachte
der Stärke, der Wissenschaft, der Frömmigkeit und der Furcht. er fröhlich und guter Dinge, lief in die Kapelle und blieb dort
Ihr zur Seite standen sechs goldhaarige Jungfrauen: Demuth, allein länger als eine Stunde. Auch nach dem Mittagsmahl be-
Klugheit, Einsamkeit, Ehrerbietung, Keuschheit und Gehorsam. gab er sich wieder dorthin.
Ihr zu Füssen knieten zwei kleine, nackte, ganz weisse Und so ging er von Stund an täglich in die Kapelle, zur
Gestalten mit flehender Geberde: das waren Seelen, die für ihr Zeit, da sie verlassen war, und verweilte dort einen grossen
ewiges Heil eifrig und gewiss nicht umsonst ihre allmächtige Theil der Zeit, welche die andern Mönche den schönen Künsten
Fürsprache erbaten. und sonstigen Arbeiten widmeten. Er war nicht mehr traurig
Auf einem anderen Blatte stellte der Bruder Alexander und seufzte nicht mehr.
unsere Mutter Eva dar im Angesicht Mariä, auf dass man zu Ein so sonderbares Gebahren erweckte die Neugier der
gleicher Zeit die Sünde und die Erlösung, das gefallene Weib Mönche und man fragte sich in der Bruderschaft, was wohl die
und die verklärte Jungfrau erblicke. In diesem Buch war häufige Abwesenheit Barnabe’s zu bedeuten habe. Der Prior,
sonst noch mancherlei zu sehen: so die lebendige Quelle, der der im Verhalten seiner Mönche nicht unbemerkt lassen darf,
Brunnen, die Lilie, der Mond, die Sonne und der ver-
schlossene Garten, von dem der Psalmist singt, das Himmels-
thor und die Stadt Gottes und waren das lauter Sinnbilder
der heiligen Jungfrau.
Auch der Bruder Marbod war einer von Mariä Lieblingen.
Ohne Unterlass meisselte er Bilder aus Stein, so dass sein Bart,
seine Brauen und sein Haar ganz weiss bestaubt und seine
Augen stets geschwollen und thränend waren; aber trotz seiner
hohen Jahre war er frohen Muthes und die Himmelskönigin
beschützte sichtbarlich den Lebensabend ihres Kindes. Mar-
bod stellte sie auf einem Thron sitzend dar, das Haupt umgeben
von einem perlengeschmückten Heiligenschein. Er war sorg-
fältig darauf bedacht, dass die Falten des Gewandes ihre Füsse
bedeckten, eingedenk der Worte des Propheten: »Meine Ge-
liebte ist wie ein verschlossener Garten«. — Manchmal trug
sie auch die Züge eines anmuthigen Kindes und schien zu
sagen: »Siehe, ich bin eine Dienerin des Herrn«.
Es fehlte in dem Kloster auch nicht an Poeten, die in
lateinischer Sprache, in Prosa und Dichtung, der gebenedeiten
Jungfrau Maria zu Ehren Loblieder verfassten, und es befand
sich dortselbst sogar ein Picarde, der die Wunderthaten unserer
lieben Frau in der Sprache des Volkes und in gereimten Versen
besang.
III.
Als er eine solche Fülle von Huldigungen und eine so
grosse Reihe schöner Werke erschaute, grämte sich Barnabö
über seine Einfalt und Unwissenheit. —

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beschloss, Barnabe während seiner einsamen Andachten zu be-
obachten. So ging er denn eines Tages, als dieser sich wie ge-
Stürme.
wöhnlich in der Kapelle eingeschlossen hatte, mit den zwei Schnaubst um die Fugen, stöhnender Sturm!
Aeltesten des Klosters Barnabe nach und spähte durch die Thür- Pfeifst in die Luken am Glockenthurm,
spalten, um zu erkunden, was im Innern vorgehe. Zerrst an Angeln und Läden.
Da sahen sie Barnabe vor dem Altar der Jungfrau, den Kopf Hebst von den Dächern die Ziegel hinweg,
nach unten, die Füsse in der Luft, mit sechs Kupferkugeln und Rührst die morschen Hütten vom Fleck,
zwölf Messern spielen. Er machte der heiligen Mutter Gottes Brichst die Bäume wie Fäden.
zu Ehren die Kunststücke, die ihm einst das meiste Lob ein-
getragen. Die beiden Aeltesten, die nicht verstanden, dass dieser Fege nur rein unser Erdenhaus!
Mensch in seiner Herzenseinfalt sein ganzes Können in den Hetze den Wust und die Spreu hinaus,
Dtenst der heiligen Jungfrau stellte, entsetzten sich über das Nimm’, was locker und rissig!
Sakrilegium. Knicke, was morsch ist und faul und schwach!
Der Prior kannte Barnabe’s unschuldige Seele, glaubte Besseres, Kräftiges wächst schon nach —
aber, er habe den Verstand verloren. Sie schickten sich alle Sieches ist überflüssig.
Drei an, ihn mit Gewalt aus der Kapelle zu entfernen, — da sahen
sie, wie die heiligejungfrau die Stufen des Altars herabstieg und Kommen muss öfters über die Welt
mit dem Saume ihres blauen Mantels die Schweisstropfen von So ein Reiniger, gottbestellt,
der Stirne ihres Dieners trocknete. D’rob Kreaturen erzittern;
Da warf sich der Prior auf sein Angesicht nieder und rief So eine Pest, die den Tod rings sät,
aus: »Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden So ein Krieg, der die Völker mäht,
Gott schauen !i Reinigt in Ungewittern.
E. STEMPLINGER.

Auf die Locken blickt er trübe, Zur Debatte


Die durch seine Finger gleiten,
Denkt dabei vergang’ner Liebe,
über das „bürgerliche Gesetzbuch“
Sieht ein Bild aus alten Zeiten . . . Die Deutschen wollten ein Rechtsbuch han;
Arbeiteten viele Jahre daran,
... Irrthum war's, als sie sich einten,— Und wie es nun endlich fertig wär,
Ach, es war ein langes Ringen, Kommen die ganz Gescheidten daher:
Beide kämpften, beide weinten. Polen, Dänen und römische Knecht’,
Bis sie auseinander gingen. Reden gar viel über deutsches Recht.
Jeder schüttelt das weise Haupt,
Zur Erinn’rung an sein Liebchen HätP es natürlich ganz anders geglaubt.
An ihr Schelten, Wüthen, Toben, Aber sollt’s doch einmal so sein,
Hat der arme Schelm im Stübchen Brächt’ man noch gerne für sich was ein,
Seine Haare aufgehoben .... Rückt an das offene Feuer hin
IGNAZ PAUER.
Alte Töpfe mit listigem Sinn.
Jeder bringt seine Leibspeis’ her,
Ob sie nicht aufzuwärmen wär’.
Und dann secundum ordinem
Kommt natürlich das „da ut dem“.
Schaut Euch nur den ehrlichen Mann
Und treuen Vertreter des Volkes an!
Stück für Stück, viel gegen mehr,
Gibt er die Ueberzeugung her.
Das Strumpfband. Feilschend hält er noch an der Thür,
Die Sonne lächelt freundlich auf den Strand, Ist dagegen — und auch dafür!
Behende schlüpft es aus dem Badewagen, Wie er die „Stimme“ zu Markte trägt!
Zwei zarte Füsschen trippeln durch den Sana Wie er sie frech zu Münze schlägt!
Wie niedlicher die Erde nie getragen. Und dann im tiefsten Brustton spricht
Viele Worte von Ehr und Pflicht!
Die Wogen suchen schmeichelnd ihre Spur, ’s ist halt wie immer! Wer’s noch nicht weiss:
Jetzt küsst das Meer das Knie der Strandnajade — Angebot bestimmt den Preis!
Der ganze Ozean ist ein Strumpfband nur DR. THOMA,

Für eine holde Mädchenwade! e. bormann.


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Nr. 8 JUGEND 1896

Ein Aus grosser Zeit. Königsstadt. Oh, wie unendlich hat dess-
halb geschämt sich da die Königin Rana-
Zukunfts-Liebeslied. S machen sich jetzt mit der
valona. Es war ein glorreicher Kampf —
doch ohne allen Pulverdampf — weil die
Du hast die rosigsten Lippen grossen Zeit — von anno tapferen Soldaten gar keine Gegner hatten.
siebzig — die Deutschen Mit Speeren und Schilden flohen die nack-
Und Augen wie Sterne, mein Lieb! breit! Da gibt sich doch ten Wilden vor dem Lebelgewehr in die
Und Rippen hast Du — ach Rippen, bessre Gelegenheit, in di- Wildniss her. Das war den Tapfern auch
Wie nie sie ein Dichter beschrieb! thyrambischen Weisen Hel- lieber. Freilich das Fieber haben Viele ge-
denthaten zu preisen. Be- kriegt und das ward nicht besiegt. Dafür
kanntlich war im siebziger ward gebaut eine Strass’ gar auf Mada-
An schneeige Blüthen erinnern Jahr nur ein einziger Krieg gaskar. Die kostete viel Geld und Men-
Die Händchen, so weiss und so fein, und der deutsche Sieg wird schen und desshalb ward vom argwöhn’-
Und alle die Knöchlein im Innern nach einem Vierteljahrhun- schen staatsfeindlichen Zeitungsgesindel
An gedrechseltes Elfenbein! dert noch gefeiert und bewundert. Warum geschrieben, der ganze Feldzug sei Schwin-
denn immer weiter schweifen und nach del. Aber in grosser Freude und Gloria
rückwärts greifen! Erst jüngst doch führten schrie’n die andern Leute Viktoria. Und
Dein Wuchs ist gleich den Zirbeln, drei grosse Nationen, allerdings in heis- die Armeelieferanten, welche nach Mada-
So stolz, so schlank und so schön — seren Zonen, gewaltige Kriege und kamen gaskar sandten so vortreffliche Karren,
zum Siege. freuten sich wie die Narren, denn sie ver-
Mit solchen Rückenwirbeln, So haben die Franzosen einen grossen, dienten am End’ dreihundert Perzent. Und
Wie könnt’ es auch anders gescheh’n! ruhmreichen Feldzug führen lassen gegen die Leut’ schrien weit und breit: „Ja wir
die Madagassen. Die hatten dem Franz- leben in grosser Zeit!“
Mein Herz tobt in stürmischem Pochen, mann zwar nichts gethan, doch das geht Aber beinahe doch etwas gewaltiger noch
Durchblitzt Dir der X-Strahl den Leib: uns nichts an. Der gallische Hahn hatte war der Kampf, den die Briten mit den
Lust, wieder mal zu krähen, darum ist es Aschanti’s gestritten. Mit furchtbarem
Du hast die entzückendsten Knochen, geschehen. Siegreich und stark drang das Geschrei stürzte der englische Leu, stürz-
Du angebetetes Weib! j. j. s. Heldencorps bis Atananarivo vor. Stolz ten die rothröckigen Helden sich auf die
blähte sich und fürchterlich die Fahne der Schwarz-Gefeilten. (Kein Mensch weiss wa-
wälschen Gesellen auf den Wällen der rum aber irgend etwas nahmen sie krumm.)

Die Jagd nach dem Glück, frei nach Henneberg. E. v. Meissl.

130
1896 JUGEND Nr. 8
Die Aschanti’s wehrten sich nicht, mach- Leben. Besonders war da ein grossmäch- sich, wenn er das Geld wolle, entschlos-
ten ein langes Gesicht und versammelten tiger Nachbar, an dessen breiter Brust er sen, seinen zweiten Sohn Butzi zu seiner
ihre Cadaver zu einem Palaver. Aschgrau gern sein Fürstenköpflein mit dem klein- (nämlich des Bär) Religion übertreten zu
und triste auf einer Kiste, darin Bisquit winzigen Krönlein geborgen hätte; aber lassen. Das war eine harte Zumuthung
einst verschickt war, in einer Schwimm- der Nachbar, der Herrscher von Knutolien, für den frommen Fürsten, der ohnehin
hose, die geflickt war, mit einem Cyiinder wollte nichts von Athanasius wissen, so schon einen halben Bannstrahl auf dem
ohne Krempe,sass König Prempe,schmollte schön dieser bat und Männchen machte. Rücken hatte. Aber er dachte wieder an
und grollte, that aber sonst, was man wollte. Endlich aber liess sich der Grosse doch den Vogel Pelikan und ritzte, natürlich
Da erhob der englische Leu wieder ein gros- erweichen — aber nur unter einer Be- metaphorisch gesprochen, wiederum seine
ses Geschrei: „Da seht, die Aschanti e dingung: Athanasius müsse seinen Erst- eigene Brust; er gab nach. Nicht etwa,
tutti quanti fliehen mit Jammergeheul, zei- geborenen, den Prinzen Bibi, in die knuto- weil er sich um jeden Preis auf dem
gen den nördlichen Theil, sobald sie er- lische Religion umtaufen lassen. Nun war wohlgepolsterten Thrönchen erhalten
fuhren, wir nahen, die britischen Sieger!“ aber Bibi’s Papa streng katholisch, er wollte, sondern aus lauter Liebe zu seinem
(Ja, Aschantikrieger sind halt keine Buren!) stammt aus einer Familie, die sozusagen Volke. Prinz Butzi protestirte zwar selbst
So verbreitet John Bulls Nation die Civili- am Busen der Kirche aufgewachsen war. während der Uebertrittsceremonie mit aller
sation mit Ruhm (und mit Rhum) und mit Ihm war es furchtbar, aus Bibi einen Or- Kraft seiner Lungen, aber es half ihm
Feuer und Schwert beim afrikanischen Pub- thodoxen machen zu sollen und der heil- nichts. Er erhielt den Namen Isaak Abi-
likum. Und wer davon hört, ruft weit und ige Vater in Rom zuckte bedenklich mit melech Bärsohn und der Pariser Geld-
h^eit: „Ja, wir leben in grosser Zeit!“ dem Bannstrahl —. mann, der Pathe war, liess beim Fest-
Auch das italische Heer hat sich mit schmaus grossherzig noch ein Prozent
Lorbeern schwer beladen in Afrika, in Abys- von der Anleihe nach. Das Land war
sinien, und man schreit: „Viktoria!“ im gerettet und das Parlament votirte dem
Schatten der Pinien! Es ging zwar nicht so Fürsten einstimmig den Ehrennamen:
friedlich und nicht ganz so gemüthlich bei „der grosse Pelikan“.
diesem Kampfe zu — o Du böser Menelik Etliche Jahre flössen so in Frieden hin
Du! — und mancher Erfolg, von dem man und der Fürst hatte schon ein hübsches
gelesen, sieht aus, als wären’s Schläge ge- Sümmchen von Ersparnissen aus seiner
wesen. Auch ein paar Milliönchen für die Civilliste in der Bank von England liegen.
armen Persönchen, die als Geissein sitzen Da drohten dem Reiche Chikanien neue
blieben — so heisst’s - musste man schwit- Verwicklungen, und zwar waren es dieses
zen. Aber das Volk ging auf den Sumpf Mal Grenzstreitigkeiten mit einem benach-
und schrie Triumph! — Der Herr Crispi, barten grossen mohammedanischen Reiche.
der kluge Mann, schlägt weiter keine De- Dem Lande drohte Krieg, aber Fürst Peli-
peschen mehr an. Natürlich blos, damit kan war durchaus nicht kriegerisch, und
der Trubel und Siegesjubel nicht in’s Un- um Chikanien die Segnungen des Friedens
gemessene steigt, hält er’s für besser, man zu erhalten, war er zu jedem Opfer bereit.
schweigt über die weiteren Siege in diesem Er unterhandelte denn höflich mit dem Kha-
Kriege. Als jüngst die Nachricht zu mel- lifen des Nachbarreiches und auch dieser
den war, die Helden von Makalle seien raus war kein Unmensch. Er versprach, auf alle
aus der Falle, da raufte Crispi vor Freuden billigen Forderungen einzugehen (das Wort
sein Haar (soweit es vorhanden war) und billigen war in seinem Schreiben zwei-
schluchzte voll Jubel, dass Galliano ent- mal unterstrichen), aber eins machte er zur
ronnen: „Au weh! Wir haben gewonnen!“ Bedingung: der Fürst müsse einen Sohn
Ja, es ist eine grosse Zeit insonderheit zum Islam übertreten lassen. „Mit Ver-
ur europäische Waffen, im Lande der Gir- Aber das Wohl des Landes! Und Fürst gnügen“, schrieb der Fürst zurück, „aber
uffen, in Afrika! So was war noch nicht da, Athanasius dachte an den Vogel Pelikan, ich habe keinen dritten Sohn zu versenden.
fürwahr: Drei grosse Kriege in einem hal- der sich bekanntlich zu Zeiten die eigene Meine Gemahlin ist zu Schiff nach Frank-
uen Jahr! x. y. z. Brust zerfleischt, um seine Kinder zufrie- reich und nun weiss ich wirklich nicht, wo
den zu stellen. So zerfleischte der Fürst ich einen jungen Islamcandidaten so schnell
seine eigene katholische Brust und gab hernehmen soll.“ Da schrieb der Khalif zu-
Fürst Pelikan. sein Herzblut hin, d. h. er liess den Prinzen
Bibi aufknutolisch um taufen. Zwar mussten
rück: „Wenn Du keinen Sohn hast, musst
Du, liebwerther Nachbar, schon selbst so
Beinahe kein Märchen. sämmtliche Windeln des Prinzen frisch ein- freundlich sein, ein Türke zu werden. Ich
Es war einmal ein Fürst, der liebte sein gestickt werden, aber auch dies Opfer brach- kann Dich versichern, es hat auch seine
Volk wie ein Vater. Und das wollte etwas te der Fürst. Das that er nicht etwa in lächer- Annehmlichkeiten. Zur Bekehrungsfeier
heissen in diesem Fall, denn es war gar licher Eitelkeit, weil er lieber ein regieren- schicke ich Dir ein halbes Dutzend fesche
U'cht sein Volk, sondern eine an Stamm der, als ein vazierender Fürst sein wollte, Circassierinnen als kleines Scherflein für
und Sprache ihm wildfremde Nation. Durch sondern er that es nur zum Wohl des Deinen künftigen Harem.“
e'n Zeitungsinserat hatte diese einen Für- Landes. In Chikanien aber war grosser Da dachte Fürst Athanasius wiederum
sten gesucht, der „Liebe zu Landeskindern Freudentaumel und der Herrscher von an die Geschichte vom Pelikan und opferte
hat“ und da jener Fürst, er hiess Atha- Knutolien schickte zum Taufschmaus einen sich für sein Volk, kaufte sich einen Tur-
uasius, gerade nichts zu regieren hatte, seiner abgelegten Stiefel. Der ging an der ban und einen Tschibuk, richtete sich ein
nahm er den einträglichen, aber sorgen- Tafel herum und jeder durfte ihn küssen. Serail ein und wurde ein Muselmann.
reichen Posten eines Landesvaters an und Fürst Athanasius aber hatte von nun An die Mächte aber versandte er ein
Wurde Fürst von Chikanien. Er liebte sein ab einen mächtigen Freund und konnte auf Circular, worin er ankündigte, dass er in
Volk bald so sehr, dass er mit Krone und seine Visitenkarten drucken lassen: Von Bälde wieder in der Lage sein werde, allen
*zepter zu Bette ging und stundenlang in Gottes Gnaden. geehrten Aufträgen bezüglich etwaiger Con-
vollem Reichsornat vor dem Spiegel stand. So vergingen einige Jahre. Da gerieth vertirungchikanischer Prinzen im weitesten
Wenn gerade Unruhen, Mord und Todt- das Land in neue Schwierigkeiten. Die Umfange gerecht zu werden.
schlag im Reiche herrschten, so blieb er Hammelernte war schlecht ausgefallen Vorgemerkt sind bereits: ein Sohn für
ausser Landes, bis Alles vorüber war, dem der Tambour der Leibgarde brauchte eine’ die Heilsarmee, einer für dieengüscheHoch-
Volke seinen Vater sicher zu erhalten. Er neue Trommel und der Obersthofmeister kirche eine Tochter für das Mormonen-
war ein weiser Fürst. erklärte, er brauche absolut nothwendig thum, eine andere für die Herrenhuter, ein
. Aber Eins kränkte ihn schwer. Er hätte ein Dutzend Alfenidelöffel für die Hof- Sohn für die Rosenkreuzer (Sar Peladan
steh gerne der Anerkennung der Menschen tafel. Es drohte eine Krisis im Lande wird Pathe) und ein Sohn für den Bud-
und namentlich seiner Berufskollegen, der Geld musste her um jeden Preis. Der dhismus.
^gierenden Fürsten erfreut. Die sahen ihn Fürst wendete sich denn an einen reichen Und solche Opfer hat Fürst Athanasius
aber
immer als eine Art von Parvenü an Geldmann in Paris, Namens Bär und er- von Chikanien dem Wohl seines Volkes ge-
und dachten wohl, er sei ein hergelaufener bat eine Anleihe. Aber Herr von Bär bracht. Verdient er nicht in Wahrheit den
Landesherr und gar nicht von Gottes Gna- arbeitete nach berühmten Mustern. Er Ehrennamen des grossen Pelikan?
uen. Das frass wie ein Geier an seinem schrieb zurück, Fürst Athanasius müsse Kl-KI-KI.

I3I
Inseraten-Annahme Insertions-Gebühren
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sowie durch
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Die JUGEND erscheint allwöchentlich einmal. Bestellungen werden von allen Buch- und Kunsthandlungen, sowie von allen Post-
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ämtern und Zeitungs-Expeditionen entgegengenommen. Preis des Quartals (13 Nummern) bei den Postämtern in Deutschland M. 3.—,
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Secession München.
Prinzregentenstrasse.
Frühjahrs-Ausstellung
von Mitte März bis Ende April.
Internationale Kunst-Ausstellung
vom 1. Juni bis Ende Oktober d. .Ts.

(Dünchner Künstler-Genossenschaft.

Bruder Jonathan freut sich unsagbar darüber, dass dem Jahres-Ausstellung


kleinen Spanier seine Cuba-Zigarre zu stark wird — und schief von Kunstwerken aller Nationen
gewickelt ist sie)auch noch! im kgl. Glaspalaste
vom 1. Juni bis Ende Oktober 1896.
Briefkasten.
Das Höllenfest, von dem wir in
dieser Nummer der „Jugend“ in Wort
und Bild Bericht bringen, wurde von
JULIUS BÖHLER
den Studirenden der Münchener Kunst- 6 Soüenstr. Miindiem Soflenstr. 6
akademie am 5. Februar im Saale des vis-ä-vis des Glaspalast-Einganges.
Münchener Kindl - Kellers veranstaltet. Hof-Antiquar Sr. Majestät des Kaisers und Königs.
Unser Titelblatt, welches ebenfalls auf das An- und Verkauf werthvoller Antiquitäten und
Höllenfest Bezug hat, stammt von einem alter Bilder.
jungen Künstler Namens Lürtzing.
Das bei unserer Concurrenz mit dem Uebernahme von
ersten Preise ausgezeichnete Titelblatt
kommt erst in nächster Nummer an die
J. DREYjunior Kunst auetionen
jeder Art, ganzer Sammlungen sowohl
Reihe. Die obere Zeichnung auf S. 126 wie einzelner guter Stücke.
ist nach A. J a n k’s Plakat für die ge-
nannte Kneipe, die unten, nach dem
Antiquitäten Hugo Helbing, München, Chrlstophstr. 2.
Vom Frühjahr ab eigene,
Titelblatt der dort ausgegebenen Kneip- neuerbaute Oberlichträume.
Max-Josephstrasse 1/1 St.
zeitung von H. Paul.
Diejenigen unserer Freunde, welche
uns künstlerische Beiträge senden wollen,
neben Hotel Continental. Alte Kupferstiche.
Kataloge gratis und franco durch
ersuchen wir, sich vorher wegen der
Zeichnungstechnik mit uns in’s Benehmen
Hup Helbing, Sri*”:
setzen zu wollen, eventuell wäre es uns
(in beiderseitigem Interesse) erwünscht, Specialität: Ideen überZeichenunterricht
Theilweise Mondsfinsterniss. zunächst flüchtige Bleistiftskizzen zu er-
Aus »Scraps« (London). halten, um sich, falls Aenderungen nöthig Ameublement u. künstler. Berufsbildung
werden, überflüssige Mühe zu sparen.
des 18ten Jahrhunderts. von GEORG HIRTH. — 4. Aufl.
3 Bg.gr. Okt. Preis 75 Pfg.

G. HIRTH’s Verlag in München und Leipzig.


Die Freunde und Abonnenten der „Jugend“,
welche die Zeitschrift binden lassen wollen, ersuchen wir
höflichst um sorgfältige Aufbewahrung aller Nummern, da
wir bei der steigenden Nachfrage die Nachlieferung ein-
zelner Nummern nicht garantiren können.
Jedes Semester (26 Nummern) bildet einen
Band. — Besondere Einbanddecken für jeden Band werden
rechtzeitig zu haben sein.
Das verbotene Buch.
{Pick me up, London.)

Herausgeber: Dr. GEORG HIRTH; verantwortlicher Redakteur: F. von OSTINI; verantwortlich für den Inseratentheil: G. EICHMANN, G. HIRTH’s Kunstverlag; sämmtlich in München*
Druck von KNORR Sc HIRTH, Ges. m. beschr. Haftung in München.
26 Nummern bilden einen Band. Preis der Nummer 30 Pfg. Quartalpreis 3 Mark. Vertag von G. Hirtn, München.
Nr. 9 JUGEND 1896

Militaria.
Typen und Bilder von E. Goldbeck (Berlin).

Hauptmann Diensthuber.

Dann kommt er, es weiss sich mein Hauptmann zu


sputen,
Auf ein’ge Minuten noch zu den Rekruten,
Mein Hauptmann ist beim Dienst dabei Er sieht bei dem Turnen und bei dem Fechten
Des Morgens vom ersten Hahnenschrei In aller Geschwindigkeit nach dem Rechten
Und glänzen Abends lichte Sterne, Und en passant auf dem Korridor
So ist er noch in der Kaserne. Da macht er den Leuten den Aufschwung vor.
Schlaftrunken wird ihn schon beim Wecken Er macht in dem Revier die Runde
Der Unteroffizier vom Dienst entdecken: Des Abends in der Lesestunde,
Es muss das vorschriftsmässige Waschen Und er durchwandert die Kaserne
Der Kompagniechef überraschen. Allnächtlich mit der Blendlaterne.
Wird Sonnabends das Revier gereinigt,
Mit den Seinen bleibt er auch hier vereinigt;
Und scheuert die Kompagnie die Spinden,
So ist er ganz gewiss zu finden.
Am Sonntag ist er hoch beglückt,
Wenn die Kompagnie in die Kirche rückt.
Denn ob es zum Drillen geht oder zum Beten,
Die Hauptsache ist: es wird angetreten;
Und Abends entwirft er, des Kommenden froh,
In weiser Voraussicht das Wochentableau.
Auch ausserhalb der Kompagnie
Entzieht er sich dem Dienste nie.
Die Weiber beim Kartoffelschälen,
Sie können auf sein Kommen zählen.

Kann je ein Hauptmann drauf verzichten,


Des Morgens selbst zu unterrichten,
Um, wenn „die Herren“ instruiren,
Persönlich sie zu inspiziren
Und, wenn auch nur in Einzelfällen,
Doch mit Bedauern festzustellen,
Dass die Offiziere sich verspäten,
Indess die Leute schon angetreten,
Weil sie zu schweren Tagewerken
Mit einem Kantinenschnaps sich stärken?
Dann ist er bis zum Paroleappell
Auf dem Kasernenhofe zur Stell’
Und endlich kurz vor dem Mittagbrod
Verlässt er den Hof mit Mühe und Noth.
Das Essen pflegt er schnell zu beenden,
Ein Hauptmann darf keine Zeit verschwenden;
Die Felddienstübung der alten Leute — Er stellt sich ein beim Röckeklopfen,
Was gilts? er überrascht sie heute, Ihn intressirt das Strohsackstopfen.
Er bahnt sich, auf seine Findigkeit stolz, Er pilgert durch den Sonnenbrand
Den Weg durch des dichteste Unterholz. Als Kommission zum Scheibenstand.

U4
1896 . JUGEND Nr. 9

Und vor dem Kriegsspiel, noch ganz alleine,


Enthüllt er die Karten und ordnet die Steine,
Erscheint der Nachmittag ihm gar zu lang,
Begibt er sich schleunigst zum Brodempfang.
Kurzum, es sind seine einzige Plage
Im Dienst des Jahres: die Ruhetage. —
Und ich bemerke an letzter Stelle,
Mein Hauptmann ist nicht etwa Junggeselle.

Und seine Vornehmheit wurde akut,


War er in Gesellschaft von bläulichem Blut.
Besonders liebte er, lange Namen
Aus der Rang- und Quartierliste auszukramen,
Wobei ihn der Name Solm-Reifferscheid-Dyck
Stets wieder von neuem erfüllte mit Glück
Und er vor innerer Wonne erblich,
Lieutenant „Canis finis“. Gewahrt’ er die Zeichen Solms-Hohensolms-Lich.
Er war zwar im Ganzen nicht der Schlauste,
Beim Hauptmann Diensthuber als Lieutenant stund Er kannte aber auf das Genauste
Der Canis finis, der „feine Hund.“ Jedweden Grafen und jeden Baron
War’ er zu uns hereingeschneit In Regiment und Bataillon
Vom „ersten ’Ment der Christenheit“,*) Und, wo sie besonders dicht gesä’t,
Er konnte auch nicht feiner sein. Das war so seine Spezialität;
Schon in der Frühe' war er fein Ja, wenn er sein Lebtag sie nicht erblickt’,
Durch ihr blosses Vorhandensein ward er erquickt.
Hingegen waren sein steter Kummer
Die Regimenter der hohen Nummer.
Es machten vor allem die technischen Waffen
Dem Canis finis erheblich zu schaffen
Und ungern beehrt’ er mit flüchtigem Gruss
Die Herr’n Kameraden der Bombe zu Fuss.

Und'pflegte jeden zu begrüssen ((


Mit schnarrendem: „Leje mich Ihnen zu Fussen.
Dann trank er, jeder Zoll ein Ritter,
Den unvermeidlichen Magenbitter
Mit gespreiztem Finger der linken Hand,
Das fand er höllisch elegant.
Dabei erglänzte am Siegelring Er verkehrte nur in den höchsten Kreisen
Ein gewaltiges Wappen, ein schnurriges Ding. Und um dies auf’s Schlagendste zu beweisen,
Es war allerdings nicht recht erkenntlich So brachte er häufig die Wendung vor:
Und dem Heraldiker unverständlich, „Mein Freund, der Herzog von Ratibor,
Doch ob ein Rhinoceros oder ’ne Lilie, Ein höchst anständiger, vornehmer Mann,
Es bewies jedenfalls die feine Familie. Wir waren zusammen dann und dann.“
Und so verhielt es sich in der That, Natürlich könnt’ er bei jedem Rennen
Denn Canis finis war Aristokrat Von vornherein den Gewinner nennen.
Er vermochte nur in der Gressstadt zu leben,
*) Erstes Garde-Regiment im Jargon. (In den kleinen Nestern verkümmert man eben)

i35
1896
Nr. Ö JUGEND
Hier vertünchte er seine geistige Wirrniss So fand er denn plötzlich mit innerem .Grimm
Mit einem literarischen Firniss, Im Wochenblatt seine Versetzung nach Schrimm
Er hielt auf standesgemässe Lektüre; — Oder war es ein anderer Punkt im Osten
Damit dies aber auch Jeder erführe, Mit höchst beträchtlichen Reisekosten? —
Lag auf seinem Schreibtisch in Permanenz Aus einem „bevorzugten Regiment“
Wolzogens „Kinder der Excellenz.“ Nach einem Nest, wo man Niemand kennt,
Ja, die Noblesse, die war sein Feld, Fern von Theater, Kunst und Sport
Nur hatte er leider nicht viel Geld An einen stillen, sichern Ort.
Und seine Feinheit wirkte im Ganzen Doch tröstet ihn ein Umstand sehr, —
Nicht allzugünstig auf seine Finanzen. Dort ist kein Mensch so fein wie er.

Cantate. Original y«n Alexander Frenz (Düsseldorf).

i)6
1896 JUGEND Nr. 9
Doch illegitimen Küssen
Leuchtest du, mein Zigarrettchen —
Wenn zu zwei’n wir rauchen müssen,
Rollt sich doppelt gern dein Blättchen.
EMIL RECHERT.

Heil ihm!
Er weiss sich in die Welt zu finden,
Heil ihm! er stösst bei Keinem an;
Ob sie ihn plagen, drücken, schinden,
Er weiss sich lächelnd durchzuwinden —
(Mit einem Wort: ein Kautschukmann).
Voll Achtung blickt er stets nach oben,
Heil ihm! er steht sich gut dabei;
Wenn ihn die Vorgesetzten loben,
Fühlt er sich wunderbar gehoben —
(Kurz, er treibt Speichelleckerei).
Und wenn sie einstens ihn begraben,
Heil ihm! dann thut die Zeitung kund:
„Er war ein Mann von reichen Gaben,
Und denen, die gekannt ihn haben . ..“
(Galt er von je als Lumpenhund).
MEPHISTO.

Der Bürgermeister spricht:


Majestät! Dies ist ein historischer Ort,
Wo edle Seelen sich ducken:
Ihr grosser Vorfahr geruhte dort
Historisch auszuspucken!

Woll’n Majestät in Gnaden geruh’n,


— Ich sage das nicht, um zu schmeicheln —
Zur Freude des Volks dasselbe zu thun,
Allerhöchst sich auszuspeicheln:

So gewänne der Platz an historischem


Aus dem gold’nen Lammt des weichen Werth . . .
„Sultan flor“ von zarter Glätte Wir würden uns glücklich schätzen . . .
Dreh ich meinen düftereichen Und hier dem Herrscher allverehrt
Freund, die feine Zigarrette. Uns’re Kinder ein Denkmal setzen!
WIEN. CARL MEISSNER.
Ja, mein Freund vor allen andern
Bist du’s, schlanker Lotusstengel,
Derdem Geiste lehrt das Wandern
In die Welten sonder Mängel.
Leicht bist du und göttlich luftig,
Geistreich sprüh’nde Zigarrette;
Seiden ist dein Kleid und duftig,
Bist der Tabakswelt Soubrette.

Aus der Pfeife krausem Knaster


Mögen Philosophen saugen;
Doch du, leichtbeschwingtes Laster,
Wirst dem frohen Weltkind taugen.

Die Zigarre glimmt verschwiegnen,


Ernsten Männern des Verstandes,
Kaufherrn und den ganz gediegnen
Vätern unsres Vaterlandes.

1J7
Nr. 9 . JUGEND 1896

Eintagsglück.
Weisst Du es noch, wie immer wilder dann
Weisst Du es noch, wie einst am frühen Tag Verschwieg’nes Glück zu hellem Jubel
Ich Dir zuerst in grüner Waldespracht schwoll?
Den Pfad gekreuzt? — Stark wie ein Kaum war ich frei aus Deiner Nähe Bann,
Zauberschlag, So schlug mein Herz schon bang und
Und doch so mild, hat Deiner Augen Macht unruhvoll
Mein junges Herz an Deine Huld gebannt Nach Deinem nächsten Kuss. Dein Auge
Mit Deinem ersten Gruss. Auch Du trank
Hast mir Dein liebes Haupt nicht abgewandt Aus meinen Blicken Sinn und Seele mir;
Und leuchtend flog’s von Herz dem Von Dir verlassen, war mein Denken krank,
Herzen zu. Genesung war und Leben nur bei Dir!
Da ging ein Flüstern durch den Buchenhain, Das war ein Schenken, das sich selbst
Es wob in gold’nem Netz Frau Minne ein vergass,
Uns tief im Wald, der lauten Welt ver- Ein Nehmen war es ohne Reu’ und Mass,
borgen — Wenn ich entrückt in Deinen Armen lag —

Da war es Morgen! Da war’s Mittag!

Dccorative Umrahmung von O. Eckmann.

138
1896 JUGEND Nr. 9

Wir liebten noch, die Herzen brannten fort, Die Monde rollten träge ihren Lauf,
Doch nicht so wild und nicht so ziellos mehr Es war vorbei und keine Hoffnung blieb.
Und hin und wieder fiel ein trübes Wort: Mir nicht zu Liebe ging die Sonne auf,-
„Wohin, wohin?“ Das klang so unheil- Doch wenn sie niedersank, so war mir’s lieb.
schwer. Dann kam der Tag, wo ich Dich wiedersah
Wir fühlten’s Beide, dass das Ende kam — Im weissen Kleid, den Brautkranz auf dem
Es musste sein, sonst starben wir daran! ' Haupt —
O böse Stunde, da ich Abschied nahm — Wie zuckte da mein Herz auf, Dir so nah,
Wie klammerte an Dich mein Herz sich an! Als hätt es immer noch an Glück geglaubt!
Wir hatten’s doch so ehrlich treu gemeint! Wie schwer vom Weine, war mein Sinn
Ich fiel auf’s Kniee, da hat ein Mann verwirrt,
geweint, Durch fremde Gassen bin ich umgeirrt
Sein Angesicht in Dein Gewand ver- Und hab’ die Stunden fieberheiss durch-
grabend — wacht —
Da ward es Abend. Da war es Nacht!
F. V. OSTINI.

Decorative Umrahmung von O. Hckmann.

139
(PH Sch\i _ Original von E. Lugo (München).
Das Märchen vo" anenjungfern.
Nr. 9 JUGEND 1896

Kleine Münze. Anrollt’ im Sonnengoldgespann


Nur Derjenige steht in der Reife des Lebens, Der Frühling, freudetrunken;
der gelernt hat, über das zu lächeln, was er ehemals Da bin ich, ein glücksel’ger Mann,
beweinte. p.bl. Vor ihm auf’s Knie gesunken.
Früher verlor man manchmal vor lauter Liebe Der Wundenzier auf meiner Brust
den Verstand, heute dagegen verliert man vor lauter Hat er gelächelt siegbewusst:
Verstand noch die Liebe. p. bl. Inmitten voller Garben
Muss jedes Weh vernarben!
Schon lockert’s unter meinem Tritt,
Das Schneekleid reisst in Fetzen;
Das Epigramm Was lang mir in die Seele schnitt,
(spricht) Soll keine Wimper netzen!
Ich zeigte meine Spitzen, Kein Rückwärtsschauen kenn’ ich mehr,
Das Nilpferd lachte laut —: Das neue Frühroth purpurschwer
Die feinen Pfeile ritzen
Nur eine feine Haut! r. oe. — Kommt’s morgen mich zu grüssen —
Sieht einen Mann zu Füssen.
Du sollst! So krächzt die Despotie
Der Staats- und Glaubenstollen. Die neue Herzenskönigin
Du sollst? Nein — sollen sollst Du nie, Winkt mir aus Nebeldüften;
Doch selber wuchtig wollen. o. e h. Es gleisst ihr schnee’ger Hermelin
Das Edelmetall — wie gemein macht es doch Weitflatternd in den Lüften.
den Menschen! j. m-z. Du Alpenwelt, titanengross,
Ich flüchte mich in deinen Schooss!
Ein Esel nennt den andern nicht Langohr, Hell schmettern Lenzfanfaren:
wohl aber Schafskopf. j. m-z. Lass’ fahren! — Lass’ fahren!
Mit Gold kann man nicht Alles kaufen — ALFRED BEETSCHEN.
ohne Gold erst recht nicht. r. w.
7k
Nicht was die Welt besass, hat sie beglückt,
Nach Unerreichtem muss sie ewig streben —:
Was immer wieder uns’rer Hand entrückt — Doppelsinnig.
Das Ideal streut Rosen uns in’s Leben! m. kr.
A: „Warum hast Du gestern an unserem Stammtisch
In engen Schranken wandelt stets die Sorge, gefehlt?“
Ein Glücklicher allein umarmt das All. m. kr. B: „Ich konnte nicht kommen, meine Frau hatte
Geburtsta g.“ —
7& A: „So? — Hast Du ihr etwas geschenkt?“
B: „Im Gegentheil! Sie hat mir einen gesunden,
kräftigen Buben geschenkt!“ —
Bundesgesellen.
7k
Ich habe den Stürmen zugeschrie’n:
„Kommt her, ihr wilden Gesellen,
Und lasst eure donnernden Melodie’n Zur Volkstrachtenkunde.
Durch meine Seele schwellen!“ Tourist: „Welche Tracht ist bei Euch da herum
die beliebteste?“
Da sausten die Stürme zu mir heran Holz kn echt: „A Tracht Prügel, gnä’ Herr!“ br.
Wild fegend über’s Gelände,
Und sah’n mich mit flackernden Augen an 7k
Und gaben mir heulend die Hände.
Und da kam in mich eine wilde Kraft, Risiko.
Ein Sausen und Brausen und Schwellen. Aron: „So Levy, nun mach’ Dich fein, und dann
Glückauf, meine donnernde Brüderschaft, werd’ ich Dich zur Braut führen, — vorher aber
nimm noch ein Bad.“ •
Glückauf, meine Bundesgesellen! Levy (erstaunt): „Ein Bad!?“
KARL VANSELOW. Aron: „Es ist besser, — nimm ein Bad.“
Levy: „Ein Bad? — Und wenn aus der Partie
nichts wird?“ b.
7&
Lass’ fahren!
Dein Brieflein kam zur rechten Zeit Der Einfluss der Politik
Mit weisem Rath „lass fahren!“
Was sollt’ mir all’ das Herzeleid auf das Wetter
In meinen jungen Jahren? hat sich in jüngster Zeit einmal ganz eklatant ge-
Nun hat die Liebe freien Pass; zeigt. Bis zum 15. Februar war es klar und sonnig
Was quälend mir im Herzen sass, und der Himmel strahlte im schönsten Blau. Da
Blieb unterwegs wo hangen hielt Bebel seine Rede zum Militäretat — und
Und ist verträumt, — vergangen! Gez. v. O. Eckmann. das Blaue war vom Himmel herunter.
142
Nr. 9
1896

In der oben nachgebildeten Skizze'haben Die beiden Figuren zu Füssen der „mass-
Der wir es mit einem Originalentwurf des gebenden Nanni“ in der Mittelgruppe sind
zwei Münchener Lokalgrössen, Frau Marie
Herrn Finanzministers selbst zu thun. Für
neue Hofbräuhausbrunnen die Ausführung des Modells wird unter Wurzl und Herr Nudlmaier. Die Tritonen
im oberen Brunnenbecken sind Söhne der
deutschen Bildhauern eine Concurrenz aus-
in München. geschrieben, wobei ein kgl. Professor dann
Münchener Alma mater, unten sehen wir
den Preis und die Ausführung des Modells auf originell geformten Postamenten ein
München, 18. Februar. „Radiweib“ und einen „Colporteur“ — alle
zugesprochen bekommt. diese Typen werden porträtähnlich aus-
Kein Opfer scheuend, wenn es gilt,
unseren verehrten Lesern und Abonnenten Die Bedeutung der einzelnen Figuren geführt. Auch eine satirisch gemeinte Fi-
eine angenehme Ueberraschung zu be- ist so klar, dass es einer näheren Be- gur hinter der Mittelgruppe (auf unserm
reiten, haben wir uns erfolgreich bemüht, schreibung eigentlich gar nicht bedarf. Bilde nicht sichtbar) wird den Brunnen
eine eminente Kraft für uns zu gewinnen: zieren: Die Gestalt eines bierkostenden
den Special-Dokumenten-Finder des Ber- Reichsrathes, der das köstliche Nass mit
liner „Vorwärts“. sauerer Miene schlürft und offenbar nichts
Gleich beim ersten Besuch des Herrn „vom Bier“ versteht.
in unserer Redaktion hatten wir Gelegen- Der Brunnen wird für gewöhnlich mit
heit, uns von der erstaunlichen Kunst Wasserleitungswasser gespeist, zu beson-
dieses „Meisters in seinem Fache“ zu über- deren Zeiten aber, bei starkem Fallen der
zeugen. Obwohl er anscheinend ruhig und Gerste- und Hopfenpreise, zur Zeit der
ungezwungen uns gegenüber auf einem Bierdebatten in der Kammer u. s. w. wird
Stuhle Platz genommen hatte und harm- besseres Staubwasser aus den Röhren des
los zu plaudern schien, fehlte bei seinem Brunnens sprühen, wird ein Druckrohr-
Weggange doch eine nagelneue Papier- strang aus dem neuen Hofbräuhause am
scheere, eine Taschenuhr, ein hübscher rechten Isarufer herab den Brunnen mit
Korkzieher und ein Betrag von elf Mark edlerem Nass versehen — ein sinn-
aus unserer Frühstückskasse. iger und zeitgemässer Appell an das
Am nächsten Morgen „jondelte er Volk, das so Gelegenheit findet, selbst
los“, wie ersieh in seinem originellen zu prüfen und sich sein Urtheil über
Berliner Dialekt ausdrückte, und wir das Bier nicht erst durch die Vor-
hatten bis Mittag aus dem geheimenDo- urtheile seiner Vertreter trüben zu
kumentenschrank des Finanzministe- lassen.
riums nebst einigen wichtigen Schrift- In diesem Monumentalwerk be-
stücken eine Skizze in Händen, die weist das bayerische Finanzministe-
wir oben verkleinert reproduciren. rium seinen Kunstsinn wie seine No-
Es handelt sich um ein generöses Pro- blesse gleich glänzend. Der Künstler, der
jekt des bayer. Finanzministers, um den nach erfolgtem Wettbewerbe die Ausführ-
neuen Hofbräuhausbrunnen, den er ung des Brunnens erhalten wird, soll sich
aus Heberschüssen der königlichen Bier- übrigens dahin geäussert haben, er werde
bereitungsanstalt zum Wohle und zur Zier die Züge seiner Excellenz des Herrn Finanz-
unserer Stadt errichten will. Der Platz, auf ministers selbst in einer der Brunnenfiguren
dem das Denkmal errichtet wird, ist noch verewigen.
nicht bestimmt. Wahrscheinlich wird der Unser Special-Dokumenten-Finder wird
Maximiliansplatz als Standort ausersehen, mit Nächstem weitere Jagdzüge unter-
an dessen westlichem Ende sich bereits der nehmen und wir hoffen, unseren Lesern
bekannte „Wittelsbacher-Brunnen“ in ähn- noch sehr interessante Heberraschungen
lichem Aufbau erhebt. durch ihn bereiten zu können.

t43
Nr. 9 1896

Die Waffen nieder!


In der Zeitschrift „Der Amateur-Poli-
tiker“ veröffentlicht Frau Hertha v. Büttner
einen geharnischten Artikel, der das
schnöde Misstrauen zurückweist, mit der
man ihre aus bester Quelle stammende
Mittheilung vom Erhängen eines greisen
Priesters durch die Deutschen im letzten
Kriege aufnahm. „Was bedeutet das Zeug-
niss eines aktiven Kriegsministers“, ruft
die Friedensdame aus, „neben den Versich-
erungen meines Gewährsmannes, dessen
Wahrheitsliebe durch Rücksicht auf die
Oeffentlichkeit in keiner Weise getrübt ist!
Uebrigens habe ich noch andere Pfeile zu
versenden und weil sich die Deutschen mit
lächerlicher Zähigkeit an die Anonymität
meines Gewährsmannes klammern, will ich
das Zeugniss eines Mannes zu Hilfe rufen,
der die Nennung seines Namens nicht scheut
und gleich berühmt ist, als Staatsmann, wie
als Dichter. Er schreibt mir:
Theure Frau!
Die Deutschen leugnen es, dass im
letzten Kriege ein greiser Priester von
ihnen aufgehängt worden sei, wegen einiger
kleiner Meuchelmorde. Ja — ein Priester
ist nicht aufgehängt worden, in Schaaren
hat man sie strangulirt. Die ganze Allee, ,Her mit dem Pfaffenschnitzel, da- versichert sein, dass er auch in diesem
welche in der Länge von 70 Kilometern rauf habe ich mich abonnirt!“ Fall, wenn es sich als wahr herausstelle,
von Strassburg über Bordeaux nach Paris Also das, was so knusprig braun auf der rohen Verletzung religiösen Gefühls
führt, war garnirt mit greisen Abbees, die der Schüssel lag, waren die Ueberreste mit aller Energie entgegentreten werde. —
die Deutschen unter nichtigen Vorwänden eines gebratenen Priesters! Sodann ergreift der Abgeordnete Hohl-
an die Pappeln gehängt hatten. Das ist Seit ich diese Gräuel gesehen, habe ich schädler (Centrum) das Wort, um an
aber einer der kleinsten Gräuel, welche alles Wohlwollen gegen diese teutonische den Minister, dem er im Uebrigen sein
diese Barbaren begangen haben — Ihnen Rasse verloren. In mir lebt nur eine Hoff- Lob wegen gesitteten und fügsamen Be-
gegenüber, gnädige Frau, kann ich mich ja nung: dass Ihre Friedensbestrebungen tragens nicht vorenthalten will, folgende
wohl so ausdrücken. Schlimmeres, viel von Erfolg gekrönt werden. Dann kriegen Anfrage zu richten: ob der nachstehende
Schlimmeres ist geschehen. Glauben Sie wir Metz und Strassburg wieder und dann Fall religiösen Hausfriedensbruches zu
nicht, dass ich diesen Passus meines Briefes — zur Revanche! (Mit einem Mitglied Ohren der Regierung gelangt sei? Die
mit rotherTinte schreibe: meine grüne Aliza- der Friedensliga kann ich ja offen reden.) als wahrhaft fromm bekannten Bauersleute
rintinte ist einfach erröthet über die Schand- Veröffentlichen Sie diese Scheusslich- Dümpflinger in Finstermoching hatten in
taten, die ich melden muss! Hören Sie! keit in Ihren Organen, stellen Sie die Greuel bedauerlichem Versehen ein protestant-
Die deutsche Armee hat in erschrecken- des Krieges gebührend an den Pranger! isches Mädchen in Dienst genommen. Die
der Weise während des Feldzuges Kanni- Mit den Ausdrücken vollkommener junge Ketzerin, mit der Oster-Reinigung
bal ismus getrieben. Ich war selbst Augen- Hochachtung ihr ergebener des Hauses betraut, habe an sämmtlichen
und Ohrenzeuge eines der scheusslichsten Paul Deroulöde. Thüren das am 6. Januar pietätvoll er-
Anthropophagendiners, die je gehalten neuerte f C f M f B f schonungslos ab-
wurden. Paris, Faschingsdienstag 1896.“ gewaschen. Natürlich sei sie sofort unter
Verkleidet, spionirte ich damals im Vorenthalt ihres Lohnes aus dem Haus
deutschen Hauptquartier. Ich hatte mein ——
gewiesen worden, aber an das Ministerium
Ehrenwort gegeben, nichts zu sein, als trete doch die ernste Frage heran, wie
ein einfacher Bürgersmann und die dum- fernerhin ähnlichen Vorkommnissen prin-
men Deutschen glaubten mir und ich Stad, Stad, dass ’s uns net zipiell vorzubeugen sei? Der Minister er-
konnte ungehindert die wichtigsten mili- draht.*) widerte umgehend: Ihm sei zwar von dem
tärischen Geheimnisse belauschen. Eines Fall noch nichts zu Ohren gekommen,
(Original-Kammerbericht der „Jugend“.)
Tages sassen sie bei Tische und ich speiste auch lebe er der Hoffnung, dass es sich
im gleichen Lokal. An der Spitze der Nach Erledigung einiger nebensäch- hier nicht sowohl um einen Akt confessio-
Tafel thronte der berüchtigte General Staff, licher Posten des Kultus-Etat ergreift Ab- neller Gehässigkeit, als vielmehr völliger
widerlich schmatzend, riesige Mengen von geordneter Schwatzinger (Bauernbund) Ignoranz handle. Letzterer entgegen zu
Rothwein vertilgend, in den er Petroleum das Wort zu folgender Anfrage an den treten, erkenne er, als seine heilige Pflicht
und Terpentinöl goss, um ihn seinem Minister Sanftmann: Ob es richtig sei, und werde demgemäss an das protestant-
teutonischen Gaumen noch schmackhafter dass in Salzburg ein Student bei einer ische Consistorium verfügen, dass das-
zu machen. (Mit Ihnen kann ich ja offen Weihnachtsfeier einen marinirten Häring selbe im Religionsunterricht die Kinder
reden, theure Frau!) Die Horde dieser am Christbaum aufgehängt habe? Der mit den Grundlagen des katholischen Be-
gierig fressenden Deutschen gewährte einen Minister erklärt, ihm sei die Sache voll- kenntnisses, zu denen der in Betracht
unsagbar ekelhaften Anblick. Keiner be- ständig unbekannt; er wäre für nähere kommende fromme Brauch unleugbar ge-
diente sich einer Gabel oder eines Löffels, Mittheilung dankbar, um dem Thatbestand höre, näher vertraut mache. Im Uebrigen
alle fuhren sie mit den Händen bis zum nachgehen zu können und event. die Re- hoffe er, dass das Centrum sein stets be-
Ellbogen in die Schüssel und jeder raffte legation des betr. Studenten zu bewirken. reites Entgegenkommen anerkenne und
an sich, was er erwischen konnte. Die Herren vom Centrum würden ihm würdige.
Und wissen Sie, was diese Menschen (dem Minister) zugeben müssen, dass er Noch mehr Sensation erregte ein Vor-
assen? bisher stets mit voller Unparteilichkeit kommniss,dessen nun Abgeordneter L. U tz
Mein Ehrenwort, ich spreche die Wahr- alles vermieden habe, was ihnen irgendwie (Bauernbund) Erwähnung thun zu sollen
heit! unangenehm und folglich für Thron und glaubte. Im vorigen Oktober, bei Gelegen-
Sie assen Menschen fleisch. Ich Altar gefährlich sein könne; man dürfte heit des Trachtenfestes, habe eine Kellnerin
kannte die deutsche Sprache gut genug, sich in einem der grössten Cafes von Ver-
um ihre Unterhaltung zu verstehen! Und ’) „Sachte, Sachte, damit uns kein Unglück passirt.“ schrobenhausen zu folgender, laut und ver-
Anfang eines bekannten bayerischen Volksliedes, das nament-
ganz deutlich hörte ich, wie ein dicker lich im wunderschönen Monat Mai, der Münchener Bock- nehmlich gethaner Aeusserung hinreissen
Major ausrief: saison, gesungen w ird. (Anmerk, für nichtbayerische Leser.) lassen: „So Bauern, so g’scheerte! Wenn’s

144
1896 JUGEND Nr. 9
Monroe-Doctrin, ein fabelhaftes Dings,
’ne Missgeburt Amerikas, Miss Sphinx,
Ist nicht so schlimm, wie die vor Theben war:
Sie lässt sich frei’n und geht zum Traualtar,
Bringt viel Millionen ihrem Ehemann,
Kommt gern als Fürstin in Europa an.
So mischt sich stets, zu Onkel Sams Verdruss,
Ein in Amerika Fürst Oedipus. —

Zeichnung von Arthur Hirtk.

2 Pfennig Trinkgeld geben, meinen’s, sie glänzenden Expektoration machte. Von einer in sichtlicher Ergriffenheit dem Vorredner
hätten noch aufdraht!“*) Wie gedenke sich hiesigen Sängertruppe werde allabendlich für das ihm so freundlich ausgesprochene
her Minister zu einer solchen, den ganzen unter dem johlenden Beifall det Menge, die Vertrauen ,und führt dann des Weiteren
Bauernstand herabsetzenden Redeweise zu natürlich grösstentheils aus Norddeutschen aus, er werde der Sache mit aller Energie
verhalten? — Der Minister: „Der geehrte bestehe, ein Lied vorgetragen mit den An- und persönlich nachgehen, indem er selbst
Herr Vorredner möge mir die Bemerkung fangszeilen: an einem der nächsten Abende den Pro-
verzeihen, dass die von ihm beregte An- „Schön ist’s, mit dem Umgang geh’n!“ duktionen der betreffenden Komikergesell-
gelegenheit eigentlich ausserhalb meines Die X weiteren Strophen auch nur anzu- schaft beizuwohnen gedenke. Bestätige
Bessorts fällt. Doch werde ich mich mit deuten, verbiete ihm Religiosität und Sitt- sich ihm hierbei die nur allzu wahrschein-
rneinem Collegen, dem Justizminister, und lichkeit. Das Eine werde allen Anwesenden lich klingende Mittheilung des Herrn Ab-
PJ* dem Herrn Polizeipräsidenten dahin klar sein, dass es sich da um nichts Anderes geordneten, so werde er vor den schärfsten
ln s Benehmen setzen, dass, wenn irgend handle, als um eine schamlose Verhöhnung Maassregeln nicht zurückscheuen, um so
Möglich, die Schliessung dieses so ausge- der Prozessionen, die schon im vorigen weniger, als auch das Polizeipräsidium auf
sprochen agrarierfeindlichen Cafes verfügt Jahr durch den ketzerischen Blick eines die Singspielhallen, diese gefährlichsten
jverde. Ich persönlich finde es schon takt- akatholischen Amtsrichters entweiht wor- Concurrenten unsres Hoftheaters, ein wach-
*0sj ja unpassend, in solchem Zusammen- den sei, der vom Fenster aus der Fronleich- sames und zum Einschreiten längst be-
hang einen Landmann ,Bauer1 zu nennen.“ namsprozession zuschaute! (Lebhafte Be- reites Auge geworfen habe. Jedenfalls
„ Die tiefste Entrüstung aller noch eine wegung bei allen Anwesenden.) — Er hoffe er (der Minister) auch in diesem
opnr von Religion im Leibe tragenden Aus- (Deggendorfer) richte an den Minister, Falle sich die Anerkennung und das Ver-
schussmitglieder rief nun aber eine That- dem er im klebrigen sein Lob wegen ge- trauen des Centrums voll und ganz ver-
?®che hervor, die Herr Dr. Deggendorfer sitteten und fügsamen Betragens nicht völlig dienen zu können. — Abg. Hohlschädler
\Otr.) zum Ausgangspunkt einer oratorisch vorenthalten will, die Anfrage, wie dieRegier- brachte mit einigen Worten ermuthigender
j 1 tOies letztere Wort tvürdc in unser geliebtes Hoclt-
ung diese fortgesetzten Angriffe auf die hei- Billigung für Minister Sanftmann diese
v>. t5ch übertragen etwa lauten: ,,exzeptionell generense ligsten Güter unserer Nation abzuwehren so inhaltsreiche Sitzung zu einem würdigen
k°usen riskirt.“ (A. f. n. b. L.) gedenke? — Der Minister dankt zunächst und harmonischen Abschluss.

145
Nr. 9 JUGEND 1896

Landsknecht.
Dichtung von CARL SIEBEL.
n Du. Hans Sommer.
COMP. VON

Mit kräftigem Ausdruck.

~-
Was nützet mir mein bischen
Nicht rasch.

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1896
JUGEND Nr. 9

ritcn. a tempo

147
Inseraten-Annahme Insertions-Gebühren
durch alleAnnoncen-Expeditionen
sowie durch
G. Hirth’s Verlag in München
und Leipzig. JUGEND“
Die JUGEND erscheint allwöchentlich einmal. Bestellungen werden von allen Buch- und Kunsthandlungen, sowie von allen Post-
' für die
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ämtern und Zeitungs-Expeditionen entgegengenommen. Preis des Quartals (13 Nummern) bei den Postämtern in Deutschland M. 3.—,
Belgien 3 Eres. 61 cts., Dänemark 2 Kronen 69 Oere, Holland 1 fl. 95 ct., Italien 3 Pres. 88 cts., Oesterreich-Ungarn 1 fl. 90 kr.,
Rumänien 4 Pres. 20 cts., Schweden und Norwegen 2 Kronen 71 Oere, Schweiz 3 Pres. 65 cts., der einzelnen Nummer 30 Pf.

Neue Preisausschreiben der „Jugend“.


Die Redaktion der Illustrierten Wochenschrift Wettbewerb VI betrifft Zeichnungen, welche letzen, sich in ihrer Tendenz in dem durch die
„Jugend“ erlässt fünf neue Preisausschreiben. folgende antike Themen nach Wahl des Künst- bisher erschienenen Nummern der „Jugend“ fest-
Diese umfassen: lers in humorvoll parodirender Weise oder gesetzten Rahmen halten und müssen natürlich
V. Entwürfe für Einbanddecken der Zeit- auch ernsthaft in moderner, neuartiger Auf- Originale sein. Leserliche Schrift, Beschreiben
schrift „Jugend“.
fassung behandeln sollen: „Oedipus und die des Papieres nur auf einer Seite, Bedingung.
Sphinx“, „Die^Pythia zu Delphi, Orakel spen- Einlieferungstermin 20. März. I. Preis
VI. Parodistische Zeichnungen. dend“, „Orpheus und die Thiere“. Grösse 200 Mk. II. Preis 150 Mk. Zwei Preise
VII. Amateurphotographien. der Zeichnung nicht über das Doppelte des ä 100 Mk. (Weitere Entwürfe werden unter
VIII. Novelletten, Satiren, Plaudereien. Formats der „Jugend“; kräftige, scliwarzweisse Umständen um ein Honorar von 50—80 Mark
IX. Einen „Jugend“-Walzer, Originalkom-
Ausführung (bei farbig gedachten Arbeiten mit angekauft. Von den prämiirten Arbeiten
Beigabe einer flüchtigen Farbenskizze), Beding- erhält die kürzeste ausserdem noch eine be-
position. ung. Einlieferungstermin 20. März. I. Preis sondere Prämie von 30 Mark.)
Wettbewerb V. Für jeden Halbjahresband '150 Mk. II. Preis 100 Mk. III. Preis 50 Mk. Wettbewerb IX. Ein „Jugend-Walzer“:
der „Jugend“ soll eine neue Einbanddecke Wettbewerb VII. Amateurphotographien eine frische, flotte, noch in keiner Form ver-
angefertigt werden, welche zu massigem Preise irgend welcher Art — selbstverständlich nur öffentlichte, oder zu Gehör gebrachte Original-
erhältlich sein wird. Die Entwürfe hiezu sollen Naturaufnahmen. Grösse nicht unter Gabinet- komposition, für Clavier, zweihändig arrangirt,
im Format nicht die doppelte Grösse der Zeit- format. Die Photographien müssen auf Carton in deutlicher Notenschrift einzureichen. Keine
schrift übertreffen und in einer mit der Feder gut aufgezogen sein. Arbeiten, die sonst schon lange Introduktion, Hauptsache: Jugendlicher
oder Kreide scharf ausgeführten Zeichnung publizirt sind, bitten wir nicht einzusenden. Schwung! (Die Jury wird aus flotten Tänzern
Schwarz auf VVeiss, sowie einer Farbenskizze Rücksendung der eingeschickten Arbeiten er- und Tänzerinnen bestehen.) Einlieferungs-
eingereicht werden. Kräftige, schöne, dekora- folgt nicht. Die prämiirten oder von uns er- termin 8. April. I. Preis 150 Mk. II. Preis
tive Wirkung, leichte Ausführbarkeit und ge- worbenen Aufnahmen dürfen anderweitig nicht 100 Mk. III. Preis 80 Mk.
schmackvolle Einfachheit sollen die hervor- wieder verwendet werden. Einlieferu ngstermin Die Concurrenzarbeiten für alle Wettbewerbe
ragendsten Eigenschaften der Entwürfe sein. 20. März 1896. Preise: I. Preis 50 Mk. sind ohne Namen, mit Motto’s versehen, ein-
Das Ganze muss in Leinwand- oder Leder- II. Preis 30 Mk. III. Preis 20 Mk. Even- zureichen. Verschlossene, aussen gleichfalls mit
pressung billig hergestellt werden können. Der tuell werden weitere Aufnahmen ä 20 Mk. an- Motto’s versehene Couverts enthalten die Namen
Rücken des Bandes und die Rückseite des Um- gekauft. und Adressen.
schlages sind in der Zeichnung ebenfalls zu be- Wettbewerb VIII. Kurze Prosabeiträge Alle preisgekrönten oder erworbenen Ar-
rücksichtigen. Entwürfe in alterthümlichen Stil- für die „Jugend“, nicht über 300 Druckzeilen beiten gehen in unbeschränkten Besitz der
arten sind bei der Zuerkennung der Preise aus- (zu je 9 Worten) lang: Novelletten, Märchen, Redaktion der „Jugend“ über.
geschlossen. Einlieferungstermin 8. April Plaudereien über allgemein interessante The- Die Zahl der Preise wird bei starker Be-
1896. I. Preis 150 Mk. II. Preis 100 Mk. men, Satiren und Aehnliches. Die Arbeiten theiligung und Einsendung vieler werthvoller
III. Preis 80 Mk. Eventuell werden noch wei- sollen ohne Prüderie, flott, frisch und originell Arbeiten wie bei unserm ersten Wettbewerb
tere Entwürfe ä 50 Mk. angekauft. geschrieben sein, aber den Anstand nicht ver- entsprechend erhöht.

Briefkasten. JULIUS BÖHLER


E. A. S. Schwarze Brillen. „Jugend.“ Im Anzeigentheil finden
6 Sofienstr. München Soflenstr. 6
wir eine Ankündigung der „Jugend“, Münchener illustrierte Wochenschrift vis-ä-vis des Glaspalast-Einganges.
für Kunst und Leben. Da der Text der Ankündigung keinen Anlass zu Hof-Antiquar Sr. Majestät des Kaisers und Königs.
Bedenken bot, ist dieselbe anstandslos aufgenommen worden. Um so An- und Verkauf wertlivoller Antiquitäten und
mehr Bedenken dagegen erregt die Wochenschrift selbst. Nach Durch- alter Bilder.
sicht einiger Nummern können wir vor diesem ,,modernen“ Geistes-
erzeugniss nur warnen.“ „Kölnische Volkszeitung.“
Vorstehenden Artikel sendet uns ein Kölner Freund mit folgenden
Versen:
Das heilige Köllen birgt manchen Schatz,
Für Wissen und Kunst von Bedeutung;
Auch gibt’s eine brave Zeitung dort
Mit ultramontaner Leitung.
Und diese Leitung kämpft schwarzbebrillt
Für Ehrbarkeit und Tugend,
Sie warnt daher alle frommen Leut'
Vor der modernen „Jugend“.
Denn was modern und jung zugleich,
Ist diesen Männern ein Grauen;
Sie glauben, es müsse ein jeder sich
An Weihrauch und Griesgram erbauen.
Was schadet’s, dass sich zu gleicher Zeit
Im Inseratentheile
Ein Stücklein findet, das widerstand
Der redaktionellen Feile. Uebernahme von

Ein Inserätchen nimmt man gern, Alte Kupferstiche. Kunstauetionen


jeder Art, ganzer Sammlungen sowohl
Kommt’s auch von verlorenen Seelen. Kataloge gratis und franco durch wie einzelner guter Stücke.
Man kann ja im sonstigen Texte noch Hugo Helbing. Hugo Helbing, München, Chrlstophstr. 2.
Vom Frühjahr ab eigene,
Genugsam klerikrakehlen. S. neuerbaute Oberlichträume.

Herausgeber: Dr. GEORG HIRTHj verantwortlicher Redakteur; F. von OST1XI; verantwortlich für den Inscratentheil: G. EICHMANN, G. HIRTH’s Kunstverlag; sämmtlich in München
Druck von KNORR & HIRTH, Ges. m. beschr. Haftung in München.
1896 -7. März • JUGEND • I. Jahrgang - Nr. io

Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben. — G. Hirth’s Verlag in München & Leipzig.
Nr. 10 JUGEND 1896

lenden Kissen. Für den Demant allein, der auf ihrem


Pantoffel glänzte, konnte man halb Asien kaufen. Träu-
mend lag sie in ihren Gemächern, die Ambraduft ent-
strömten oder Sklavinnen trugen sie in goldenen Sänften
dahin und fächelten sie mit grossen Palmwedeln. Doch
am liebsten lustwandelte sie in ihren Gärten.
Smaragdfarbene Bäche schlängelten sich zwischen
Ihr Vater war der reichste König, ganz Indien bunten Blüthenbüschen hin. Umflammt von der Sonne,
gehörte ihm vom Himalaya bis zum Ganges, von schien Alles hier zu brennen. Die Farben waren
China bis nach Persien. Ein Himmel wie aus tausend wie Feuer. Springbrunnen plätscherten, Milliarden
Sonnen wölbte sich darüber hin, und himmlisch schön goldener Wasserperlen zerstoben in funkelnden Staub.
war auch die Erde in ihrer Unerschöpflichkeit. Ur- Und die süssen Duftwolken, die gen Himmel stiegen!
wälder von Riesenkakteen blühten da und Palmen, Es war traumhaft schön, ganz zauberhaft. Paradies-
ein jedes Blatt wie eine Ruhematte, mit zentner- vögel Hessen ihre lichtgoldenen Schwanzfedern nieder-
schweren Fruchttrauben und mächtigen Kronen, die wallen, rothe und grüne Papageien wiegten sich in
sich im Windhauch leise bewegten. Und welch’ be- den Zweigen, und tausendfarbige Colibris flatterten
rauschend schöne Bilder boten sich dem Auge dar! in der Luft. Gazellen sprangen umher, und wohin das
Das Meer mit seinen stolzbewimpelten Schiffen, das Auge fiel, sah es blühende Rosen. Schwerglühende
bunte Panorama in den Häfen und die herrlichen Centifolien in fleischi-
Städte an den Ufern der Flüsse mit wasserdurch- gen Kelchen, gross wie
rauschten Gärten und säulengetragenen Pagoden, wo Mädchenköpfe, und in
die Götter mit vergoldeten Bäuchen sassen, fganz allen Farben: lachend
wundervolle Kuppelbauten. roth und traurig roth
Doch noch viel herrlicher war der Palast des wie blutiger Sammtoder
Königs. Das Dach aus Gold, die Wände aus Marmor, glänzend weiss, so wie
und Rubin und Demant zierten Waffen und Geräthe. weisse Seide, ach, so
Eine Treppe führte zum Meer hinab, ein Wunder schön, dass Gül-Bejase
von einer Treppe. Die Stufen aus weissem Alabaster ganz berauscht war. Und
— und gar die Terrasse! Eine solche Mosaik gab’s auf doch sagten ihr die Ro-
der ganzen Welt nicht, aus Amethyst und Saphir, ganz sen: „Du bist noch viel
unbeschreiblich! schöner!“
Den schönsten Flügel bewohnte die Prinzessin. Was die Rosen nicht
Ueberall Trophäen goldfrohen Reichthums. Aufge- alles sagten! Sie leuch-
häuft waren die Schätze. Das Auge war geblendet, teten auf ihren schlan-
so sinnverwirrend war der Juwelenglanz. Der herein- ken Stielen und wiegten
strahlende Sonnenschein wurde mit goldenen Filtern sich leise. Sie fieberten
gefiltert. Sklaven lungerten umher und hohe Mini- schier und dufteten so
ster beugten sich vor der Königstochter bis zur Erde süss. Ganz betäubend
und harrten der Befehle ihrer königlichen Hoheit. Der dufteten sie und schie-
König trug sein Kind auf Händen und auf Aller Lippen nen wie betäubt. Zumal
schwebte es wie ein Gebet: „0 schöne Gül-Bejase!“ eine blassgelbe glühte
In golddurchwirkte Seide war ihr Leib gehüllt und ganz wunderbar. Sie
Perlen und Geschmeide schmückten Hals und Arme. glich einer verzauberten
Ihre Haut war wie warmes Gold. So ruhte sie auf schwel- Prinzessin, und Thau-

i;o
1896 . JUGEND Nr. 10
tropfen glänzten auf ihrem Rosenantlitz. Gül-Bejase
lehnte sich an ihre zarten Wangen: „Warum bist du
so blass und glühst so sehr?“ fragte sie. Blass und
glühend stand sie selber da und ihre Thränen flössen.
„Prinzessin, Du weinst ja!“ riefen die Sklavinnen
bestürzt.
„Ich weiss nicht,“ sagte Gül-Bejase, „ist’s Sehn-
sucht, ist’s Erinnerung? Ich muss an etwas denken,
das ich noch nie besass.“ Und sie hätte sich die spitzen
Dornen in’s Herz stossen mögen, so traurig war sie,
_ selbst eine einsame Rose voll von schmerzlichem Glühn.
Da schenkte ihr der König ein wunderliebes
Kätzchen, damit sein Liebling wieder fröhlich werde.
Das hatte ein seidenweiches Fell und Schelmenaugen.
Gül-Bejase gewann es auch lieb und liess sich von
ihm gern schmeicheln und kosen. So possirlich war
es, dass es sogar bei ihr schlafen durfte, wenn sie
Nachts in ihrem goldenen Bette lag. Selbst die Nacht
hatte Sonnenathem hier, sie war viel schöner, als
anderswo der schönste Tag, nur allzustrahlend, all-
zuglühend, dass man gar nicht schlafen konnte. Die
Welt war so entzückend, man kam nicht zur Ruh'.
Die Rosen dufteten so stark, die kranken Rosen. —
„Ich Arme!“ seufzte Asiens reichste Königstochter.
Nun liess ihr der Vater ein neues Diadem an-
fertigen aus taubeneigrossen Rubinen. Das durfte sie
sich auf’s Haupt setzen und sich damit im Spiegel
besehn, und es stand auch gar herrlich zu ihrem eben-
holzschwarzen Haar. Die Sklavinnen klatschten ent-
zückt in die Hände, doch Wunder that auch die Krone
nicht, und verzagt blickte Gül-Bejase zur ewigen Sonne
empor. — Einmal sass sie auf der Terrasse und starrte
sehnsüchtig in’s Meer hinaus, als sie ein Schiff nahen
sah, wie sie noch nie eines gesehen. So ganz anders
als die einheimischen Boote. Trauerfarben waren seine
Segel und verwittert. Unruhig schlug es mit den
schwarzen Flügeln wie ein dunkler Nachtraubvogel
und als es nun im Hafen einlief, zog es die Segel
nicht ein, als ob es jeden Moment wieder auffliegen
wollte. Ein Mann stieg an’s Land. Seine Kleidung
war von fremdem Schnitt, grau und düster, wie die
Segel seines Schiffs. Sieh, ein ferner Seefahrer! dachte
Gül-Bejase. Doch wie staunte sie, als sie ihn die sie, „bedenk das wohl!“ Und sie zeigte ihm die
Treppe heraufkommen sah und geradewegs auf sie Schätze ihres Vaters.
zu. Rasch liess sie ihren Schleier fallen, da nach Den Palast mit dem Golddach und die marmornen
Landessitte kein Mann ihr Antlitz sehen durfte, doch Hallen. Die herrlichen, mit Rubin und Demant be-
bemerkte sie, dass er hoch von Gestalt war und schön setzten Waffen und all die Kostbarkeiten, bei deren
von Angesicht, wie seine Haut so weiss war und Anblick Einem Hören und Sagen verging. Die pur-
alles an ihm hell: Der kühne Blick, der flachsblonde purnen Teppiche, wahre Wunder persischer Webe-
Bart, der ihm über die Brust herniederwallte, und kunst, die Krystallgefässe und all das Geschmeide aus
dass er trotz seines langen Bartes noch jung und, köstlichem Elfenbein, Juwelen und prangenden Meer-
obgleich derb und schlicht, voll natürlichen Adels korallen. Die singenden Springbrunnen, Papageien, Co-
war. Wie gebannt schritt sie ihm entgegen. libris und die glühenden Rosen. Das berückend schöne
„Wer bist Du?“ fragte sie. — „Ich heisse Ingunar.“ Panorama der Städte, die sich in klaren Stromwellen
„Woher kommst Du?“ — Er zeigte nach Norden. widerspiegelten, die wasserdurchrauschten Gärten, das
„Und was willst Du hier?“ ganze sonnendurchglühte Paradies, ein Entzücken für
„Die Sonne will ich sehen!“ das Auge. Selbst in den Flüssen flössen Goldkörnchen
Da schlug sie ihren Schleier zurück, als könne mit im Sande. Die Erde konnte all den Reichthum
sie nicht anders, und er sah ihr Angesicht. Ein Aus- kaum ertragen und all die Gluth und Schönheit.
ruf des Entzückens entfuhr seinen Lippen, und ge- Doch Ingunar fasste ihre Hand und sagte:
blendet von ihrer Schönheit murmelte er: „Komm mit mir!“
„Ich muss die Sonne haben!“ „Bist Du denn ein König?“ fragte sie.
Da bäumte sich ihr königlicher Stolz. „Nein,“ sagte er stolz, „ich bin ein freier Mann“.
„Weisst Du denn, Fremdling, zu wem Du so „Ist Dein Palast aus Marmor und Gold?“
sprichst? Ich bin die Prinzessin Gül-Bejase!“ sagte „Aus Lehm ist meine Hütte.“

iH
Nr. 10 JUGEND 1896

Und weiter fragte sie:


„Scheint bei Euch die Sonne auch so strahlend?“
„Nein. Eis bedeckt die Erde.“
„Eis? Was ist das?“ fragte sie und dann: „Habt
Ihr duftende Rosen?“
„Nur Eisblumen, duftlos und kalt. Komm!“ rief
er. „Willst Du?“ — Da zitterte sie und bat:
„So lass mich denn Abschied nehmen vom Vater!“
„Thu’ das nicht!“ herrschte er und führte sie von
hinnen. Schon waren sie eine Strecke weit, als Gül-
Bejase lebhaft ausrief: „Mein Diadem! Die Krone hätt’
ich fast vergessen!“ — „Lass die Krone!“ bat er.
Wieder folgte sie ihm ein Stück Weges, als sie
nochmals inne hielt und flehte:
„Lass wenigstens mein Kätzchen mit mir nehmen!“
Doch er wehrte ihr auch dies. Und sie gehorchte
und ging mit ihm und blickte nicht einmal zurück.
In seinen Armen trug er sie auf’s Schiff, das schon
ungeduldig die Segel blähte. Nun breitete es die dunkeln
Schwingen aus und vorwärts ging’s durch Wellen und
Lüfte. Ein Albatros flog voran, der Wind war hinter-
drein. Das Schiff flog, als hätt’ es tausend Flügel.
Viel Tage und Nächte waren sie schon gefahren Wiederum sahen sie das Gestade. Orangen- und
und sie wusste nicht einmal, wie seine Heimat hiess. Pinien-Haine senkten sich in’s Meer hinab, und Granat-
„Wie heisst Deine Heimat?“ fragte sie.] , äpfel glühten aus dem Dunkel.
„Spitzbergen,“ sagte er. „Aber das ist doch Spitzbergen?“
Als sie von fern eine Küste erblickte, rief sie fröhlich: „Nein, Italien“, lautete die Antwort.
„Das ist wohl Spitzbergen?“ „Aber in Italien ist’s schön kühl!“ fand Gül-
„Nein, Cypern.“ Bejase und hüllte sich fester in ihren Schleier ein,

152
1896 JUGEND Nr. 10

denn sie war ja an die tropische Hitze gewöhnt. Noch „O wie mich friert!“ schluchzte Gül-Bejase.
hatten sie nicht Gibraltar erreicht, als sie wieder Ingunar hüllte sie in Pelze ein, die er bei sich
fragte: „Nun aber kommt bald Spitzbergen?“ hatte, sie aber klagte noch immer: „Mich friert!“
„In noch hundert Tagen,“ sagte Ingunar. Da nahm er sie in seine Arme.
Weiter flog das Schiff, ohne zu erlahmen. Der Die Möve flog davon, das Schiff war am Ziel.
Albatros wies das Ziel. So kamen sie bis an die Unter einem Felsenvorsprung stand Ingunars Hütte.
britischen Inseln. Stroh deckte das Dach. „Da sind wir!“ rief er. Doch
„Sieh die Riesenwolke, die das Meer umspült!“ als er sie über die Schwelle trug, war sie schon halb
rief Gül-Bejase. erfroren. In einer Ecke stand ein Herd von Feldsteinen
„Es ist England“, sagte er, „das im Nebel liegt“. aufgebaut. Ingunar hauchte sich auf die Hände und
Sie fröstelte. Von ferne grösste die Sonne. Immer schürte Feuer an. Allmählig erholte sich Gül-Bejase.
fremder ward die Welt, die Nacht lang, der Tag grau. „Sieh die schönen Eisblumen am Fenster!“ rief
„Aber so grau ist’s doch nicht bei Euch?“ fragte er, um sie zu erfreuen.
sie besorgt, dass Ingunar gar nicht wusste, was er „Aber die kann man ja nicht in’s Haar stecken“,
sagen sollte. Eidergänse flogen auf. Schon nahten sie meinte sie. Kein Pelz, kein Feuer konnte sie erwärmen,
der Insel Island. Seehunde lagen im Sand mit rund auf- nur in Ingunars Armen war ihr wohl. Und er suchte
gerissenen Augen. Ob sie wohl bellen? dachte Gül- sie zu trösten: „Wein’ nicht, Gül-Bejase! Wenn der
Bejase. Doch sie blieben stumm wie Fische. Nichts regte Frühling kommt, bring’ ich Dich heim zu Deinen Rosen.“
sich, als wagte nichts zu leben. Eisige Lüfte gingen. Sie schüttelte das Haupt. „Ja, und dann sollst
„O wären wir schon daheim!“ seufzte Gül-Bejase. Du die goldene Krone wieder tragen.“
Aber sie wollte nichts wissen von Krone und
Rosen. Sie war ja kein Kind mehr. Nichts wollte
sie, nichts, als das nackte Leben, so lieb hatte sie ihn.
„Nur leben!“ bat sie und schmiegte sich an ihn,
denn es ward Nacht. Drei Monde lang währte die
Nacht. Als es wieder Morgen war und Frühling und
Ingunar sie fragte: „Willst Du in Dein Sonnenland
zurück?“ rief sie flehend: „Nein! nein!“
Es war aber auch wunderschön hier. Das Feuer
brannte an ihrem Herd, das Glück in ihrem Herzen.
Vor der Hütte blühten jetzt Heidekraut und weisses
Moos. Stumm war die Welt. Das Nordlicht beschien
sie wie eine Ampel eine hohe Halle. Ausgelöscht war
alles Leben. Ihre Herzen waren die einzig fühlenden
Wesen in dieser Oede.
Sie wohnten ja am Ende der Welt, gleichsam an
deren Ausgangspforte. Die verstorbenen Seelen mussten
an ihrer Thür vorbei. „Komm’ mit!“
riefen sie. Doch Gül-Bejase wollte nicht
fort, nicht einmal in den Himmel.
Sie konnte gar nicht
sterben. — — —
Wie kann man mich
nur verlassen? dachte
die Sonne und grämte
sich nach der schönen
Königstochter. Und
machtesichaufund folg-
Ingunar hatte Mitleid mit ihr. te ihr nach, den langen,
»Wollen wir umkehren, Gül-Bejase?“ weiten Weg, bis sie end-
Sie fror ganz jämmerlich, dennoch rief sie: lich matt und müde an-
„Ich will zu Dir, zu Dir!“ kam. Als Gül-Bejase sie
Und weiter ging’s durch rollende Wogen. Schnee- herankriechen sah, er-
wolken hingen da über und hauchten sie an mit kannte sie sie kaum.
kaltem Todesathem. „Ach, Du bist’s!“
Wo blieb der Albatros? Fort war er, verschwunden. rief sie lachend.
Ihm war zu kalt in diesen Regionen. Eine schlichte „Ich will nur sehen,“
Möve flog vor ihnen her zwischen Gletscherfelsen. meinte die Sonne „ob’s
Eisklüfte bildeten Höhlen. Eisbären brüllten. hier gar so schön ist“.
»O Ingunar!“ weinte Gül-Bejase. Bart und Augen- Doch es schien ihr zu
brauen waren ihm erstarrt und hingen ihm wie Eis- gefallen, denn sie kehrte
klumpen im Antlitz. Der Schnee fiel in Ballen. Eis- nun immer wieder, Jahr
riffe ragten gen Himmel, Eisriffe hingen herab. So um Jahr. — So kam der
ging’s durch weisse Finsternisse. Norden zur Sonne.
Nr. 10 JUGEND 1896

Tappe zu mit blinder Wucht,


Reisse lachend mir vom Baum
Seine schönste reife Frucht,
Halte sie und weiss es kaum.
LUDWIG FULDA.

Das Geständniss thut mir leid;


Doch ich gäbe viel darum,
War’ ich nicht so gar gescheidt,
Sondern schlicht und göttlich dumm.
Die verfluchte Bildung hängt
Mir im Nacken wie ein Zopf,
Und von ihrer Last bedrängt
Wankt und wackelt mir der Kopf.
Die Magister meid’ ich längst;
Doch bei seinem Sonnenritt
Schleppt mein armer Flügelhengst
Keuchend noch den Schulsack mit.
Tagebuchnotizen eines aktiven
Weckt zur Nacht mich Irgendwer,
Politikers.
Noch im Halbschlaf sag’ ich gleich Bei jeder Bestechungsgeschichte zerfallen die Schuldigen
Ihm die ganzen Kaiser her in zwei Theile: in jene, die viel — und in jene, die noch
Von dem heil’gen röm’schen Reich. mehr eingesteckt haben.
T»L
Und sofern er nicht entschlüpft, Einige Politiker sorgen für das Wohl, die meisten für
Explicir’ ich stundenlang, das Wehe ihres Landes.
Wie den Weltenlauf verknüpft tsc
Innerster Zusammenhang. Bei jedem Korruptionsscandal sind immer jene am meisten
entrüstet, die noch nicht eingesteckt haben.
Regeln, Formeln und Brevier, CSC
Namen, Daten jeder Art,
Es gibt zwei Arten von Journalisten: dumme und kluge.
Mein Gedächtniss hat sie mir
Unerbittlich aufbewahrt.
Die Dummen handeln nach, die Klugen mit ihrer Ueber-
zeugung.
TSC
Lebensfluth, die mich umringt,
Die beste Kapitalsanlage ist ein Mandat.
Möcht’ ich schau’n mit klarem Blick; TSC
Aber wie ein Tiger springt Ich verabscheue die Käuflichen. Sie verderben die Preise.
Mir die Bildung in’s Genick, TSC

Bleibt dort hocken festgekrallt, Man soll keinen Politiker glücklich preisen, bevor er
Summt mir, wenn ein munt’rer Chor nicht Verwaltungsrath geworden ist.
Ganz in meiner Nähe schallt, esc
Lauter Jahreszahlen vor. „Warum haben Sie gegen das Budget gestimmt?“
„Excellenz, meine Ueberzeugung —“
War’ ich nicht in ihrem Joch, „Aber ich bitte Sie, wir sind unter uns . . .“
Ach ich hätt’ es nie vermisst; LUDWIG BAUER.
Einen Lehrer brauch’ ich noch, TSC
Der mich lehrt, wie man vergisst, Was in den Staatsdienst kommen will, krümmt sich bei
Zeiten.
TSC
Wie man weder forscht noch zählt,
Sondern, in die Welt vernarrt, Unter den Stützen der Gesellschaft gibt es manche
Sich auf gutes Glück vermählt Strebepfeiler.
TSC
Mit der Thörin Gegenwart.
Es gibt Leute, die die Schöpfung der Krone nicht für
Wenn ich deren Liebster bin, die Krone der Schöpfung halten.
Geb’ ich alle Wissenschaft TSC

Und Gelahrtheit gerne hin Wie mancher sieht erst nach seiner Verheirathung, wie
Für ein bischen plumpe Kraft, er sich bei seiner Verlobung versprochen hat. ernst dolfa.

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— Möres, rentrez vos Alles!-Les Faunes sont dehors! —

Für die Jugend gezeichnet von Jossol (Paris.)


(Mütter, bringt Eure Töchter nach Hause, die Faune sind draussen!)
Der berühmte Interieur-Maler Valeurewski hat eben ein Bild „Der Küfer“ für die „grosse Internationale“ fertig gemalt; da besucht ihn
sein Freund, der Herr von Weinbeisser, und klärt den Maler fachmännisch darüber auf, dass sein Küfer total unrichtig am Fasse sitzt.
156
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'f r/Vt-C.
Nr. 10 JUGEND 1896

Militaria .— Der Unt’roffizier steht wie auf Kohlen —


Lässt sich den Griff noch wiederholen
von E. Goldbeck (Berlin). Und lobt und tadelt väterlich.
Der dumme Posten wundert sich.
Der Herr Oberst bevorzugt die Einfachheit! So zeigt in der schwierigen Konjunktur
Was kommt die Ordonnanz gerannt, Sein ganzes Benehmen die höchste Bravour;
Als stände rings die Stadt in Brand? Dem staunenden Offizierskorps beweist es
Was gibt der Adjutant bekannt? Die männliche Fassung des führenden Geistes.
Was lauscht der Hauptmann so gespannt? Denn weiss er, was ihm diese Reise verheisst?
Warum, der sonst so weltgewandt, Auch Du, der als Lieutenant meist noch reist,
Erbleicht vor Schreck der Tischvorstand? Die höheren Chargen des „Schusterns“ zeihst,
„Hat’s wirklich seine Richtigkeit?“ Wie lange währt’s, bis Du selbst entgleist,
So flüstert man mit Wichtigkeit, Zum letzten Mal im Kasino speis’st? —-
„Der Oberst kommt? Wo ist er jetzt? Nun macht er ein ernstes, ein Dienstgesicht,
Was ist für morgen angesetzt? Mit Würde begrüsst er die Seinen und spricht:
Was will er seh’n im Bataillon? „Wie wohl die Herren schon vernommen,
Das Turnen auch? Die Instruktion?“ Wird heute noch der Herr Oberst kommen.
So fragt, so plagt man rings im Kreis Die Herren finden sich Abends ein
Den Adjutanten, der selbst nichts weiss, Zu ungezwungnem Beisammensein.
Als das, was alle schon vernommen, Vollzählig und pünktlich, das fordert schon
Der Oberst werde morgen kommen. Der selbstverständliche gute Ton.
Er werde in der „Krone“ wohnen Und da ich bei Aeusserlichkeiten bin,
(Dies ist das Hotel für Standespersonen!) So weis’ ich auf guten Anzug hin.
Weit’re Befehle Vorbehalten. — Der Herr Oberst duldet die Stiefel nicht spitz
Ein Jeder zieht die Stirn in Falten. Und hält auf korrektesten Mützensitz.
Mit einem Mal verstummt der Kreis, Die Ueberrockknopfreihen nicht parallel
Nur Der und Jener flüstert leis, Die Herren kennen den strengen Befehl —
Denn gellend, mit dem Schrei des Pfau’s, Den Rock nicht zu kurz, nicht das Beinkleid zu weit
Ruft der Kasernenposten: „Raus!“ Der Herr Oberst bevorzugt die Einfachheit.“
Und sieh! es öffnet sich das Thor
Und es erscheint der Herr Major.
Bis auf den Klang des Sporentons
Ganz Kommandeur des Bataillons,
Sehr frisch, kein Mann vom grünen Tisch,
Martialisch und gebieterisch.
Auch über seinem Scheitelhaare
Dem braunen, sind die raschen Jahre
Anscheinend machtlos hingegangen,
Seit er — zu färben angefangen.
Zum Zeichen, dass ihm nichts entgeht,
Dass er den kleinen Dienst versteht,
Umkreist er den Posten um und um.
Bewundernd sieht’s das Publikum.
Dann äussert er: „Der Mann steht schlecht!“
Rückt selbst ihm das Gewehr zurecht
Am andern Tag ist Liebesmahl,
Von Uniformen gleisst der Saal.
Gewiss, dass man lukullisch prasst.
Wie ehrt man wohl den hohen Gast?
Ach, ihm ist Pracht und Prunk verhasst.
Nach dem Menu der Lieut’nant fasst,
Mit Schaudern sieht er den Kontrast.
Nach magerm Süpplein, welche Lust!
Bouillonkartoffeln mit Rinderbrust —
Dann paradirt ein Hammelbraten,
Vortrefflich pflegt er zu gerathen
Und es erscheint zum Magenschluss
Des Schweizerkäses Hochgenuss.
Der Kommandeur trinkt — absit omen! —
Den „Affenthaler“ des Oekonomen.
Und der Major ist auch kein Prasser,
Er trinkt ein Fläschchen Selterswasser,
Doch hat er, um anzustossen, daneben
Ein üppiges Glas mit Saft der Reben.

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1896 JUGEND Nr. 10

Ein kleines Fass ist angestochen,


Manch schönes Wort wird noch gesprochen
Zum Lobe der Solidität. —
Indessen wird es endlich spät
Und als nach stundenlangem Prassen
Der „Alte“ das Lokal verlassen,
Begleitet, nach längerem Höflichkeitszwist
Von Allem, „was irgend ein bischen was ist“,
Da erhebt sich ein unheimlicher Skandal,
Es zittern die Fenster, es dröhnt der Saal,
Da schreien die Lieutenants: Ein Sect! Eine Ale!
Hier Porter, Viel Porter! — „Jawohl! Zu Befehl!“
Dann saufen sie fröhlich in die Runde,
Oer Lieutenant sieht es mit Respekt Bis wieder dämmert die Morgenstunde;
Und schlürft nur heimlich seinen Sekt. Sie singen: Macht Alle die Kehlen weit!
Sodann nach Schluss des zweiten Ganges, Der Herr Oberst bevorzugt die Einfachheit!
Ein Opfer seines hohen Ranges,
Erhebt der Herr Oberst sein Gläschen Krätzer
'— Ein schauderhafter Gaumenätzer —
End äussert: In diesem Bataillon
Befolge man ganz seine Intention
End lebe im trauten Kam'radenkreise
Mit Einfachheit in Trank und Speise.
Oie Einfachheit müsse man sich bewahren,
Oas hab’ er im Feldzuge gründlich erfahren.
?°nst bleibe man bei den Kriegsfatiguen
Als trauriges Beispiel im Graben liegen.
Eies Lieblingsthema erörtert er breit
Mir eindringlicher Beredsamkeit,
Alsbald gestaltet sich sein Toast
Zum Hymnus auf die Hausmannskost
End endlich sind Alle d’rin eingeweiht:
Eer Herr Oberst bevorzugt die Einfachheit.

Der milde Hauptmann.


Mein Kompagniechef war so mild,
Wie Ihr ihn hier erblickt im Bild.
Bei Griffen und bei Einzelmarsch
Stets war er sanft und niemals barsch.
Nie sprach ein strenges Wort sein Mund
Er sagte niemals: Schweinehund!
Doch öfters sprach er: „Liebe Leute,
Vortrefflich exerzirt Ihr heute!“
Abend sind die Herren vereint Und zur Belohnung fing er dann
Zu gemeinsamem Abendbrod und, wie es scheint, Noch einmal mit der Richtung an.
E ühlt sich bei Erbsen und Sauerkohl Wer als verspätet abgefasst,
er Kommandeur besonders wohl. Der hatte stets den „Zug verpasst“
Eunn, wie auf’s Neu sich offenbart, Und nie den „Urlaub überschritten“;
E'er wird die Einfachheit gewahrt. Der Milde Hess sich gern erbitten.
Oarauf legt er ein Hauptgewicht Und selbst bei wiederholten Streichen
Erbsen sind sein Leibgericht. Gelang es bald, ihn zu erweichen.
U^m Ueberfluss schmecken sie ganz genau Mit einer ellenlangen Predigt
le zu Hause bei seiner lieben Frau. Ward selbst der schlimmste Fall erledigt.
0 leuchtet hell die Gnadensonne, Den Leuten bracht’ er ihn zur Kenntniss,
Es schwimmt der Herr Major in Wonne Er wirkte ein auf ihr Verständniss
Nd auch der brave Tischvorstand Und sprach, wenn sich ein Kerl besoffen,
Wlrd heut mit Lob und Preis genannt. In Worten, die von Weisheit troffen.

U9
Nr. 10 JUGEND 1896

Aus dunklen Tiefen der


Menschenseele.*)
Von Eustachius Meier-Kyritz.
(Nachdruck verboten.)

, ?"

„Oll!“
> ?"
So war er denn auch sehr erpicht
Auf sachgemässen Unterricht
Und die Entschuldigung nahm er krumm:
„Nie!“
r?n m-p?«
„Herr Hauptmann, dieser Mann ist dumm“.
„Herr Lieutenant, Dummheit kenn’ ich nicht,
Das liegt allein am Unterricht. II.
Ich werde jetzt mal instruiren,
Dann können Sie sich überführen; ”ü!’—-?“
Der Mann ist meistens nicht dran schuld, „Ah!“
Die Milde fehlt und die Geduld.“ * .2 '
Doch meldet ihm ein Offizier
Als Faulpelz einen Musketier, „? ?“
Streng blickt der Milde dann und spricht:
„Herr Lieutenant, Faulheit kenn’ ich nicht. , » _ I _ j«
Der Mann ist dumm und nichts als dumm, „Au!“
Geh’n Sie recht milde mit ihm um.
Ich werde ihn jetzt gleich belehren.
Ich bitte einmal zuzuhören, (»_!“
f"
Sie überzeugen sich dann leicht,
Wie viel man mit Geduld erreicht.
Der Mann ist meistens nicht dran schuld.
Die Milde fehlt und die Geduld.“
*** „Vielleicht.“
»“
Was dieser kluge Mann bezweckt?
Es bleibt das Strafbuch unbefleckt.
Denn ihm genügt es, den Mann zu belehren
Und höchstens das „Reinigen von
Kammergewehren“.
Beweis, dass auch ohne den strengen Arrest
Die Disziplin sich erhalten lässt.
Der Kompagniechef wird vorpatentirt, *) Wir sind in der angenehmen Lage, unsern Lesern
Weil so und so lange nichts passirt, hiemit das neueste Seelengemälde aus der Feder des gsist-
Denn das bekundet jederzeit vollen Führers der allerneuesten deutschen Schriftsteller'
gruppe ,,Semikolon“ zu Füssen zu legen.
Der Truppe innere Tüchtigkeit.

W
„p. f.“ Zwei Seufzer.
Melodisch leiden — keine Spur —
In schwarzem Frack und schwarzen Hosen!
Ich litte gern, ein Troubadour — Der Mann:
Die blasse Stirn umkränzt mit Rosen; Im Brautstand war sie so reizend,
In der Ehe nur reizbar sie wird;
ln heisse Lieder goss' ich’s aus, Im Brautstand zeigte sie Chic nur,
Gar hold gereimt und süss gerundet, In der Ehe sie nur chicanirt! —
Und sang’ es vor dem Hochzeitshaus, Oh!
Wie tief sie mir das Herz verwundet,
Die Frau:
Wie ich sie hegte gar so lieb, Im Brautstand glich er dem Lamme,
Wie viele Monden treu ich harrte In der Ehe ist er ein Bär;
Du lieber Gott! Statt alles dessen schrieb Im Brautstand Feuer und Flamme,
Ich ihr „p. f.“ auf meine Karte! In der Ehe, da raucht er nur mehr.
W. WALTHER. Gezeichnet von O. Eckmann. Ah! — i. paueR-
160
1896 JUGEND Nr, io

161
Nr. 10 JUGEND 1896

Deutsches Reichspatent Sucht Jemand aus, der secundirt Im besten Falle heut’ noch „Koch fils“,
Und ’s ganze Schauspiel inscenirt. — So arg ist bereits der Nothstand!
Nr. 78,946,317,762,106: Dreh- Pistolen werden inspizirt,
bare Rednertribüne. Und der Paukant noch instruirt
Für’s Vaterland geben wir Leben und Gut,
Bekanntlich schweifen in sämmtlichen Des Reiches treueste Söhne — '
Und auch im Schiessen exercirt,
Doch wenn uns Wer nicht den Willen thut,
Parlamenten (ausgenommen ist nur der Damit er nicht den Kopf verliert,
deutsche Reichstag) sehr viele Abgeordnete Der Arzt rechtzeitig avisirt;
So sagen wir Ihm mit kaltem Blut:
„Kein Kanitz — dann gibts keine Kähne.“
(ausgenommen sind nur die Herren Sozial- Vorsichtig Jeder noch testirt,
demokraten) gerne vom Thema ab und spre- (Man kann nicht wissen, was passirt!) Es könnten wohl Alle im deutschen Gau
chen, sozusagen, „zu den Millionen da draus- Stumm wird am Kampfplatz salutirt, An Vaterlandslieb’ von uns lernen —
sen.“ Das veranlasst die weisen Herrn vom Versöhnungsdusel simulirt, Doch färbt Ihr die Margarine nicht blau,
Präsidium (ausgenommen ist nur der Herr Distance und Waffen kontrolirt, So streichen wir Euch - nun wisst Ihr’s genau
v. Buol) oft, energisch „zur Sache“ zu rufen. Eins, Zwei und — los, dann kommandirt. Die Mittel für neue Kasernen!
Diesem Hebelstand, der (namentlich da, wo Der Eine wankt, ist leicht blessirt
Diäten gezahlt werden) die Parlamentsver- Und, wie der Arzt gleich konstatirt, Der feinste Ton ist uns strenges Gesetz
handlungen empfindlich in die Länge zieht, Der Kampf muss werden jetzt sistirt. Wir dächten, das könntet Ihr wissen!
hilft die neue, von Herrn Berthold Dunkel- Niemand ist desshalb indignirt, Nur ausnahmsweise spricht Herr von Plötz
grau erfundene drehbare Rednertribüne, Man reicht die Hand sich dann blasirt, Und der Herrvon Diestwie der selige Götz
von der wir oben ein Abbild geben, gründ- Und thut, als wär’ nichts arrivirt; Als das Fenster er zugeschmissen!
lich ab. Sobald ein Redner anfängt, mit Wenn der Verletzte bandagirt, Stets sind wir für König und Kaiser da
überflüssigen Schlagwörtern herumzuwer- Freundschaftlich heim wird eskortirt, Doch Manches bedarf erst der Klärung,
fen, auf dass er im Parteiblättchen glor- Fühlt man sich rehabilitirt, Wir lehnen Euch ab — so wollt Ihr es ja
reich erscheine, drückt der jeweilige Prä- Wird von der Welt als Held fetirt. — Im nächsten Jahre den Heeres-Etat,
sident (ausgenommen natürlich ist der Herr S. FRANK.
Verschmäht Ihr die doppelte Währung!
v. Buol) auf einen Knopf und die Tribüne
dreht sich nach der Aussenseite des Ge- Wir sind der einzig verlässige Hort
bäudes, so dass der Redner ruhig zum Des Reiches in Stürmen und Nebeln,
Fenster hinaus reden kann, während
Agrarier-Marseillaise. Doch geht die Sache noch lang so fort
innen ein Anderer das Wort erhält und zur Wir sind die Partei für Altar und Thron Und Mirbach bittet vergeblich um’s Worb
Sache spricht. Und patriotisches Streben, So schlagen wir uns halt zu Bebeln!
Die edelsten Leute der ganzen Nation
Und wir nur kennen den guten Ton Und meint Ihr, dass nach verlor’nem Gefech1
Wir endlich die Streitaxt begraben —
Das Duell. I
In Politik und im Leben.
Ja, Prosit die Mahlzeit! Da kennt Ihr uns
„Mein Herr, Sie haben mich fixirt, Doch selbst die loyalste Geduld zerriss, schlecht —
D’rob fühle ich mich insultirt. Weil zu tief der Preis für das Brod stand, Wir sind die Partei für Sitte und Recht
Hier meine Karte!“ — „Acceptirt.“ Wer gestern noch „Mumm“ trank, trinkt Und wollen auch was davon haben!
Man einigt sich, ’s wird duellirt; gewiss ki-ki-ki.

162
1896 JUGEND Nr. 10

„Schneidiges Hinderniss.“ Auf eins-zwei-drei sind wir drüben!

163
Inseraten-Annahme Insertions-Gebühren
durch alleAnnoncen-Expeditionen 1896 für die
sowie durch 4 gespult. Colonelzeile oder deren
G. Hirth’s Verlag in München Nr. 10 Raum JL i.—.
und Leipzig.

Die JUGEND erscheint allwöchentlich einmal. Bestellungen werden von allen Buch- und Kunsthandlungen, sowie von allen Post-
ämtern und Zeitungs-Expeditionen entgegengenommen. Preis des Quartals (13 Nummern) beiden Postämtern in Deutschland M. 3.—,
Belgien 3 Pres. 61 cts., Dänemark 2 Kronen 69 Oere, Holland 1 fl. 95 ct., Italien 3 Pres. 88 cts., Oesterreich-Ungarn 1 fl. 90 kr.,
Rumänien 4 Pres. 20 cts., Schweden und Norwegen 2 Kronen 71 Oere, Schweiz 3 Pres. 65 cts., der einzelnen Nummer 30 Pf.

Briefkasten.
Zielbewusst. Herrn J. K. Mannheim. Den Brief-
kasten unseres Blattes benutzen wir
nicht zu privaten Mittheilungen, am
allerwenigsten zu Erklärungen, ob wir
das Manuscript des Herrn N. N. ab-
lehnen oder annehmen. Anonymes ver-
schlingt der Papierkorb!
A. H. L. Wir ersuchen freundlich,
jedes Mal die Adresse des Absenders
beizufügen, auch wenn der Betreffende
zum so und so vielten Male sich schrift-
lich an uns gewandt hat.

In G. Hirth’s Kunstverlag in
München ist erschienen:
lllustrirter Katalog
Schack-Galerie
Keiner Seiner Zeit- in München
genossen sollte verkennen, dass August im Besitz Sr. Maj. des Deutschen Kaisers,
des Grossen Auftreten in der Transvaal- Königs von Preussen
sache charaktervoll und zielbewusst war: Mit einem Vorwort von Dr. Paul Seidel,
ist Er doch in dem entschiedenen Anschluss Dirigent in den Kunstsammlungen der
an die „U ntern Zehn tausend“ der eng- Königl. Preuss. Schlösser, und einer
kunstgeschichtlichen Einleitung von
lischen Politiker nur dem Wahlspruch der Prof. Dr. Richard Muther.
Partei gefolgt: Proletarier aller Länder, vereinigt Euch! 8r/4Bg-kI-8° mit 56 autotyp. Abbildungen.
Eieg. brosch.50 Pf., in Leinwand geh IM.

An die verehrlichen Abonnenten


DANK richten wir die freundliche Bitte, das
Als wir die „Jugend“ in’s Leben riefen, hatten wir mehr auf Vor- Abonnement auf das II Quartal (Nr. 14 bis 26) 1896
urtheile aller Art als auf freudige Zustimmung zu rechnen. Wir wussten
wohl, dass eine Gemeinde von Anhängern uns sicher war, aber ob diese gefälligst umgehend bei der bisherigen Bezugsquelle bestellen zu
Gemeinde gross und stark genug sein würde, um unser Unternehmen wollen. Ein Subscriptionsschein liegt dieser Nummer bei.
schon jetzt zu einem gefestigten zu machen, das konnten wir kaum München, Anfang März 1896. ,, , , ,,
Hochachtungsvoll
annehmen: unsere Hoffnungen waren mehr auf die Zukunft, auf die
geistige und künstlerische Propaganda gerichtet. G. Hirth’s Kunstverlag.
Der Erfolg hat indessen schon unsere nächsten Erwartungen weit
übertroffen: Nach kaum zweimonatlichem Bestehen hat die Alte Kupferstiche.
„Jugend“ über g,ooo regelmässige Käufer 1 Davon entfällt aller-
dings reichlich der dritte Theil auf unser liebes München, die eigent-
Kataloge gratis und franco durch
Hugo Helhing,
J. DREYjunior
liche künstlerische Heimat und Pflanzstätte unseres Unternehmens. Aber
auch auswärts, namentlich in Berlin, Wien und in vielen anderen Gress- Uebernahme von Antiquitäten
städten des In- und Auslandes, bürgert sich die „Jugend“ von Tag zu Kunstauctionen
Tag mehr ein, und zahllose Zuschriften und Einsendungen aus weiter jeder Art, ganzer Sammlungen sowohl Max-Josephstrasse 1/1 St.
Ferne beweisen uns, dass Sympathien für unser Werk lebendig sind, wie einzelner guter Stücke.
soweit die deutsche Zunge klingt. Hugo Helbing, München, Christophstr. 2. neben Hotel Continental.
~ Vom Frühjahr ab eigene,
Dass es dabei auch viel zu wünschen und zu tadeln gibt, ist selbst- neuerbaute Oberlichträume.
verständlich: Allen können wirs eben nicht recht machen! Was dem
Einen in hohem Grade missfällt, macht dem Andern riesige Freude, Münehener
und so möge es getrost bleiben. Da heisst’s halt Einander vertragen Specialität:
und nicht gleich bös werden, wenn nicht Alles dem eigenen Geschmack
bis auf’s i-Tüpferl angepasst ist.
Braueraliademie
Es gibt auch leidenschaftliche Feinde der „Jugend“ — Kopf-
Magistrati, genehm. Privatinstitut. Ameublement
hänger, Neidlinge, Unholde und Dunkelmänner aller Schattirungen. Beginn d.lmonatl. Kurses 13. April
Mögen sie sich über uns, wenn es denn nicht anders sein kann, recht Dr. Doemens. des 18 tsn Jahrhunderts.
viel ärgern, oder noch besser, sich an unser „Gift“ con amore gewöhnen.
Unseren Freunden aber sagen wir herzlichen Dank für die gute
Meinung — ihnen, den Gemüthsmenschen, rufen wir zu: „Seid frucht- JULIUS BÖHLER
bar und mehret Euch!“ 6 Soflenstr. München Soüenstr. 6
vis-ä-vis des Glaspalast-Einganges.
Herausgeber, Redaktion und Verlag Hof-Antiquar Sr. Majestät des Kaisers und Königs.
der „Jugend.“ An- und Verkauf werthvoller Antiquitäten und
alter Bilder
Herausgeber: Dr. GEORG HIRTH; verantwortlicher Redakteur: F. von OST1NI; verantwortlich für den Inseratentheil: G. EICHMANN, G. HIRTH’s Kunstverlag; sämmtlich in München.
Druck von KNORR & HIRTH, Ges. m. beschr. Haftung in München.
ALLE RECHTE VORBEHALTEN.
Zehner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben. — G. Hirth’s Verlag in München & Leipzig,
Nr. 11 JUGEND 1896

Gezeichnet von O. Eckmann.

„Mein Haus ist gross, meine Scheuern weit,


Der Fremde. „Ich hab’ für alle noch Platz bereit!“ —'
Ich ging des Morgens hinaus in’s Feld, Wir schritten weiter durch’s Feld fürbass;
Da hat sich Einer mir zugesellt. Der Nachtthau hing sich an Zweig und Gras.
Der schritt mir schweigend zur Seite her, Da blickten Kreuze im Sternenschein;
Fragte nicht, ob er willkommen war, Der Fremde wandte sich querfeldein:
Nannte weder Namen noch Stand, „Du magst alleine hier weitergeh’n!
Grüsste weder mit Mund noch Hand. -- „Ich bin zu Hause.-Auf Wiederseh’n!“ — P. o. eck.
Die lachende Sonne lag auf dem Gras;
Wir beide schritten durch’s Feld fürbass.
Da sass am Wege auf einem Stein
Ein Weib und wiegte ihr Kindchen ein.
Und wiegte emsig und sang’s zur Ruh;
Mit Wohlgefallen schaute ich zu.
Der Fremde sprach: „Lass’ uns weiter geh’n! Die stille Gasse.
„Du solltest mich einmal wiegen seh’n! Im süssen Schlendern musst’ ich einst gelangen
„Ich wiege so weich, ich wiege so sacht, Zu einer Gasse wundersam verloren,
„Keine Mutter ist, die es besser macht. Wo nur die eignen Schritte lässig klangen
„Ich wieg’ der Kinder so viel, so viel, Wie eines Fremden, der dort nicht geboren.
Verlangt kein’s mehr nach Reigen und Spiel. Mir waPs, als ob ich meine Unrast trüge
„Kühl ist mein Garten und still mein Haus, Auf dies ihr Antlitz, das voll stiller Züge.
„Da ruh’n sie gerne, da schlafen sie aus.“ — Drei Kinder sich im Kreise rastlos schwangen
Wir schritten weiter durch’s Feld fürbass; Und eine alte Weise fröhlich laut sie sangen.
Die Mittagssonne lag auf dem Gras. Sonst sah ich nur noch eine alte Frau
Da standen Zweie am Waldesrand, In einem Garten, der von Blumen roth und blau.
Herz am Herzen, und Hand in Hand. Mit mühevoller Hand sie zitternd goss,
Sie wähnten verschwiegen den Liebesort Indess das Auge ihr in Thränen floss.
Und küssten sich selig fort und fort. Ob sie das helle Lied der Drei gerührt
Sie küssten sich und nannten sich „Du“; Und sie in schönen, nun ach! todten Wunsch geführt,
Mit Wohlgefallen schaute ich zu. Ich wusst’ es nicht. Die alten Häuser schwiegen,
Der Fremde sprach: „Lass’ uns weitergeh’n! Wo neben jedem kleine Gärten liegen.
„Du solltest mich einmal küssen seh’n! Verziert mit Löwenköpfen, niedrig sind die Thore,
„Ich küsse so lang, ich küsse so stark, Im Hof strömt Wasser aus metalPnem Rohre
„Ein Kuss von mir geht durch Bein und Mark. Und wie es strömte früher, strömt es heute,
„Ich küsse tief bis in’s Herz hinein, Die Kinder seh’n’s, es sah’n’s die alten Leute,
„Die ich geküsst, sind auf ewig mein. Als sie noch Kinder waren und noch sangen
„Kühl ist mein Garten und still mein Haus, In vielen Liedern, süssen, frohen, bangen.
„Da ruh’n sie von meinem Kusse aus.“ — Sie haben weiter nie daran gedacht,
Wir schritten weiter durch’s Feld fürbass; Es kam der schöne Tag, es wich die Nacht,
Die Abendsonne lag auf dem Gras. Am selben Ort sind alle stets geblieben,
Da stand gebückt nicht ferne dem Pfad Es hat sie nichts hinaus zur Thür getrieben.
Ein Alter und schnitt die reife Saat. Sie starben dort, wo sie dem Tag geboren,
Er schnitt und schnitt ohne Rast und Ruh’; So zwischen Lied und Thränen still verloren.
Mit Wohlgefallen schaute ich zu. Sonst kam kein Wort von ihrem herben Munde,
Der Fremde sprach: „Lass’ uns weiter geh’n! Ihr tiefstes Wesen schlief im tiefsten Grunde.
„Du solltest mich einmal schneiden seh’n! Nur auf die Dinge fällt ein selt’ner Schein
„Ich schneide so schnell, ich schneide so reich, Und schön wird oft, was niedrig und gemein. —
„Tausend Garben auf einen Streich. Da endete das Lied der Kinderschaar
„Ich schneide die vollen, die tauben mit, Und in die Stille dröhnte sonderbar
„Und keines Halmes vergisst mein Schnitt. Der Lärm der Gassen, wo ich früher war. g. gugiz.

i 66
1896 Nr. 11

Erscheinung. Die Letztere ganz besonders.


Zwischen seinem weisen, beängstigend
hohen Hemdkragen und dem funkelnden
Pariser Seidenhut, den er trug, erschien
sein mit Sommersprossen übersätes Ge-
sicht, in dem der Mund immer ein wenig
offen stand und die Nasenlöcher so entsetz-
lich verwundert gegen den Himmel starr-
ten, wie ein lächerliches Zerrbild. Er fühl
in einem reizenden Coupe mit Gummi-
rädern durch die Strassen — aber es sah
aus, als gehörten er und dies Fuhrwerk
nicht zusammen. Er ritt auf einem su-
perben Blutpferd spazieren und ritt gar
nicht schlecht — aber man hielt ihn im
besten Falle für einen Trainer, der dem
Pferde eines Cavaliers Bewegung macht.
Er zechte mit seinen Freunden und Gön-
nern in den theuersten Lokalen der Stadt
und gab fürstliche Trinkgelder — aber die
Kellner machten ihre schönsten Compli-
mente doch vor seinen, von der Natur vor-
nehmer ausgestatteten Zechbrüdern und
über ihn lachten sie, wenn er den Rücken
wandte.
Der Baron van der Week war sein
Ideal an weltmännischem Wesen und Vor-
nehmheit, an ihn schloss er sich in der
ersten Stunde an, da sie zufällig bekannt
wurden und an ihn hängte er sich mit
einer Beharrlichkeit, die sich auch nicht
minderte, als der Edle anfing, ihn auf’s
Schamloseste zu brandschatzen und ihn
Charley Gänsberger’s Glück und Ende. noch obendrein nichts weniger als höflich
Von M. K. Fabricius. behandelte. Van der Week hatte Uebung
darin, seine Füsse unter anderer Leute
»Ein Esel von Gottes Gnaden!“ sagte fragwürdigen Existenzen, denen man im Tisch warm zu erhalten und er kannte die
der Baron und warf dem Charley Gäns- modernen Grossstadtleben kaum aus dem Zähigkeit, mit der Emporkömmlinge sich
berger einen Blick voll auserlesener Ver- Wege gehen kann, von denen man aber be- an die Leute klammern, die sie als Lootsen
achtung nach. stimmt voraus weiss, dass sie eines Tages „in die grosse Welt“ ausersehen haben.
9er mit so unzweideutigem Nachruf Be- mehr oder weniger geräuschvoll, aber ge- Der Baron brachte Gänsberger auch
dachte hatte eben noch an unserm Tische wiss nicht in Ehren aus der anständigen in unsern Kreis. Er war dort selbst nicht
gesessen und mit uns gesprochen, lang- Gesellschaft verschwinden werden. Er war sehr gerne gesehen, aber es lag nichts
Weilig und schüchtern, geziert und albern übrigens kein Baron, der Herr Baron van Greifbares gegen ihn vor, was uns be-
Vlelleicht, aber gutmüthig und höflich bis der Week. Er hatte sich nur aus seinem rechtigt hätte, uns von ihm demonstrativ
lUm Uebermass. Jetzt schritt er durch das holländischen van ein, von Charley Gäns- zurückzuziehen. Charleywardrollig genug,
Restaurant dem Ausgange zu und sah wirk- berger und etlichen Kellnern und Cafehaus- dass wir unsern harmlosen Spass mit ihm
“ch drollig aus mit seinem erkünstelt nymphen anerkanntes „von“ zurechtge- hatten und, trotz des Mangels an jeder
schwerfälligen Gang, den er für cavalier- drechselt, besass das Talent, sich anzu- tieferen Bildung, anständig genug, nie lästig
J^assig halten mochte, und der verwunder- ziehen, trug ein Monocle im Auge und hatte zu werden. Ein paar Mal fanden wir Ge-
.kannt«
den Art, mit der er, seine vielen Be- im Uebrigen noch Niemanden durch irgend legenheit, zu beobachten, dass er ein wirk-
ken grüssend, den Hut im Bogen vom eine Leistung dazu veranlasst, ihn um viele lich gutes Herz besass und wir hatten
*v°pf und wieder zurück bewegte. Stufen höher in der Zoologie einzureihen, ihn gerne trotz seiner Lächerlichkeiten.
R »Ein Esel in Folio! Man kann ihn zum als erCharleyGänsberger classifizirte. Der Besonders hatte ihn ein junger Deutsch-
Besten halten, bis man selber nicht mehr Baron schmarotzte gründlich bei dem jugend- amerikaner in sein Herz geschlossen, ein
^?dg — und er merkt es nicht. Und so lichen Emporkömmling, rauchte dessen Im- Prachtmensch, welcher nur zwei schlechte
e'n Fastnachtsulk der Schöpfung hat Geld porten und ritt dessen Pferde und hatte da- Eigenschaften hatte: überall und für Jeden,
wie Heu!“ für schliesslich nur die eine Entschuldig- den er seit fünf Minuten kannte, die Zeche
Der Baron seufzte und holte eine Ci- ung, dass Charley ihm, dem Baron, nach- bezahlen zu wollen und — sobald er warm
garette aus seinem Etui; es war ein hübsches gelaufen war und nicht er, der Baron, dem wurde, auch ein wenig sentimental zu
nglisches Etui aus gehämmertem Silber, Charley. werden. Das steigerte sich mit der Anzahl
i mct*as 'ch am Tage vorher den „Esel Der Letztere, Held dieser kurzen und der Gläser, die er trank und er war im
d Folio“ noch beneidet hatte. Den nun- keineswegs humoristischen Geschichte, Stande, während er einen ausgesucht tollen
ehrigen Besitzer des hübschen Gegen- war der letzte Träger eines in der Stadt Streich vollführte, von Todesahnungen zu
andes hatte ich übrigens auch im Ver- wohlbekannten Namens, dessen Inhaber reden und Gespenstergeschichten zu er-
?cnt, eben mit Charley Gänsberger und sich seit Urväterzeiten durch die Herstell- zählen, an die er fest glaubte. Er hatte
hab 6r ^essen Kosten gefrühstückt zu ung wohlschmeckender Fleischwaaren die den Karl Gänsberger zuerst „Charley“ ge-
Sympathie und den Zuspruch weiter Kreise rufen und man kann sich denken, wie gierig
Ich verabschiedete mich von dem Herrn, erworben hatten. Charley erbte von seinem der gute Junge nach dem exotischen Kose-
tr ff se'ne Mitmenschen so präcis und Vater, einer Tante und einem Onkel und namen griff. Das war ja beinahe so viel
hal en<^ zu charakterisiert wusste und war mit 21 Jahren im Besitz eines Ver- als ein „von“ und alsbald stand es auf
^ he es für mehr als wahrscheinlich, dass mögens, das ihn in den Stand setzte, auf seiner Visitenkarte.
j dtir auf meinen kurzen Gruss hin auch sehr grossem Fusse zu leben, oder, um Unser Amerikaner, Mister Klein nannte
•j.p?nd einen hübschen Namen aus der das Endziel seines gesammten Strebens er sich auf gut Deutsch, hegte einen aus-
■erwelt nachschickte, sobald ich ausser mit einem Worte klarzulegen — ein Ca- gesprochenen Hass gegen den Baron, dem
Horweite war. valier zu werden. Das Geld hatte er dazu gp bedingungslos misstraute, mit dem In-
li dem Esel und Charley hatte es frei- den Willen auch, einen leidenschaftlichen’ stinkt den sehr oft gerade und starke Natu-
st *e'ne Richtigkeit. Nicht zum Wenig- opferbereiten Willen sogar. Aber sonst ren verlogenen und unsauberen Existenzen
haf? ^|ssba'b> weil er sich um die zweifel- fehlte ihm Alles, was zum Berufe eines gegenüber haben. Van der Week fürchtete
Ereundschaft des Herrn Baron van eleganten Pflastertreters gehört: Umgangs- den Amerikaner und war ihm gegenüber
eck bemühte. Dieser gehörte zu jenen formen, Menschenkenntnis, Geschmack, von aalglatter Höflichkeit.

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Nr. 11 JUGEND 1896

„Ich fürchte, dass ich ihm noch einmal am Gedeihen des Geschäftes und des Ver- Er war glücklich und gewann sehr an
in den Gesicht schlagen werde“, sagte mögens betheiligt, sie stand hinter dem Selbstachtung in jenen Wochen, er strahlte
Mr. Klein einst zu mir. Die deutsche Ladentisch und schnitt einen Schinken um vor Wonne, wenn er in seinem Tilbury mit
Grammatik war seine schwächste Seite. — den andern in dünne Scheiben — 40 Jahre der schönen Else ausfuhr, wenn er mit ihr
Unter des Barons Anleitung hatte Char- ihr Lebenslang. Ihrer Virtuosität im Schnei- im Theater sass und kaum die übliche bla-
ley manchen Fortschritt gethan im Cavalier- den und Wiegen des Schinkens verdankte sirte Miene zu Stande bringen konnte in
werden. Er hatte sich die grossen Brillant- Charley nicht zum kleinsten Theile seine seinem Stolz darüber, dass sich bei ihrem
hemdknöpfe ab- und eine wohlthuende glückliche Lage und das that genug dazu, sein Eintritt sofort alle Operngläser nach ihrer
Einfachheit in seiner Eleganz angewöhnt; Frauenideal in der Richtung zu suchen, in Proszeniumsloge — es war die theuerste im
er bestellte den Champagner nicht mehr derdas Wesen seiner Mutter gewachsen war. Hause — richteten.
ausschliesslich nach dem Preis, sondern Angst vor allem Skandal, vor jeder Dass Fräulein Else dem ungeliebten
kannte auch die Marken, sprach sach- Unerquicklichkeit hatte er auch, und seines Menschen gegenüber, der durch Nichts auf
kundig von Hennessy, Märtel u. s. w., auch unvortheilhaften Aeussern war er sich eben- sie Eindruck machte, nicht durch Rang,
kannte er die wichtigsten englischen Sports- falls bewusst. noch durch Manieren oder Chic, dass dieses
ausdrücke und sprach sie richtig aus. Was Indessen — ein Lebemann ohne ein Weib gegen den dummen Charley nicht ge-
der Baron wusste und kannte, brachte er flottes Weib — der Baron hatte ganz recht rade die vortheilhaftesten Seiten ihres We-
seinem Zögling bei — nicht aus irgend — es ging wirklich nicht! sens herauskehrte, kann man sich denken.
welchem Interesse für Charley, sondern Und gütig, wie er stets gepflegt, schaffte Sie gab sich keine Mühe, es irgendwie zu
weil sothaner Unterricht stets ausreichende van der Week auch dieses Mal Rath. Er verbergen, dass es ihr nur um sein Geld
Gelegenheit bot, von der wohlgespickten machte seinen Zögling mit einer schlanken zu thun sei, und waren Andere zugegen, so
Börse des „Emporkömmlings“ Gewinn zu blonden Schönheit bekannt, einer Choristin, Hess sie es Jenen in der verletzendsten
ziehen. Der Baron war nicht der einzige die in der Kunst, Männer auszubeuten, An- Weise verstehen, dass ihr nichts an ihm lag,
Schmarotzer Charley Gänsbergers, aber er spruch auf jede Meisterschaft der Welt dass sie sich an einen Proletarier weg-
war der gründlichste. hatte und cynisch genug war, mit Vorliebe geworfen, der sie nicht zu würdigen wusste.
Und er war ein Lump. von ihrer Vollkommenheit in dieser Kunst Er litt Alles geduldig und nahm die scham-
Er hatte dem albernen Jungen eines zu reden. Schön war sie wohl — so schön, lose Impertinenz der Choristin als nothwen-
schönen Tages eingeredet, ein Mann wie als ein Weib sein kann, das frech und digen Bestandteil des Verhältnisses mit
er müsse sich auch ein flottes Weib halten. temperamentlos zugleich ist. einem flotten Weibe hin. Schlecht behandelt
Auf das warCharleyschwereingegangen. An diese Prima-Adresse empfahl van der zu werden von Creaturen, welche von ihm
Familienüberlieferung war so etwas nicht Week seinen Schützling und kurz darauf zehrten — Du lieber Himmel, das war er
bei den Gänsbergers. Bis zur vorletzten hatte Charley das unbestrittene Recht, sei- ja gewöhnt. Er litt Alles geduldig, wie ge-
Generation hatten sie Mühe genug gehabt, nen übrigen Ruhmestiteln als Lebemann sagt und war sogar stolz darauf, wie etwa
ihren legitimen Frauen ausreichend und auch noch den hinzuzufügen, dass er die ein jugendlicher Athlet stolz darauf ist,
gut zu essen zu schaffen. In der letzten hübscheste und eleganteste Maitresse in Schläge und Verletzungen nicht zu spüren.
Generation noch war die Frau sehr lebhaft i der Stadt besass. „Wenn man die Weiber kennt, nimmt

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man ihnen nichts mehr übel“, sagte er ein- sollte.“ Er hörte das so gerne und es war genug zu klatschen und zu staunen, durch
mal, als wir ihn seiner übergrossen Sanft- so leicht, ihm die kleine Freude zu machen. seinen Luxus und seine Extravaganzen.
muth halber zum Besten hielten. Charley Charley’s Augen leuchteten. Immer wei- Charley prahlte mit ihr, wo er konnte, schien
~~ und die Frauen kennen! Ebenso gut ter machte er sein Herz vor mir auf. glücklich, wenn man ihr den Hof machte
kannte er die Marsbewohner. „Nach und nach hat man wohl gelernt, und war „korrekt“ genug, es lächelnd hin-
An jenem Abend fügte es der Zufall, sich zu benehmen. Ich gebe ja viel Geld zunehmen, wenn Einige darin recht weit
dass wir allein noch am Tische sassen und aus, aber nicht wahr, das bin ich nicht, gingen. — Auch in diese neue Rolle hatte
6in weiterer Zufall mag es gefügt haben, was man einen Protzen heisst?“ er sich mit dem bewunderswerthen Fleiss
uass Charley — der überhaupt das Herz „Gewiss nicht — im Gegentheil! Sie eingelebt, mit dem ef seinen Bestrebungen
auf der Zunge trug — offen und ehrlich sind oft sogar ein wenig zu bescheiden — nachging, ein echter und rechter Cavalier
selbst von allen seinen Lächerlichkeiten zum Beispiel dem Baron gegenüber.“ zu werden.
2u sprechen anfing. „Ja der — das ist eine eigene Sache! Bios eins hätte er nicht thun sollen:
. »Sehen Sie, ich weiss ganz gut, dass Er ist mir so furchtbar überlegen in Allem Sich in Else verlieben!
mich die Leute oft auslachen, weil ich, der und so sarkastisch! So sarkastisch! Und Und das that er. Seine „vornehme
Metzgerssohn, der keine Figur macht und er hat mir doch manchen guten Rath ge- Kälte“ war eine mühsam aufrechterhaltene
U'chts gelernt hat, nun einmal ein Lebe- geben und Manches genützt. — Uebrigens Komödie. Wer ihm aufmerksam zusah,
mann sein will. Aber Neid ist auch genug — wissen Sie, dass ich einen ganz ver- musste bald vernehmen, wie leidenschaft-
uabei, wenn sie lachen, denn ich kann mir rückten Wunsch habe — lachen Sie mich lich stets seine Blicke an ihr hingen, wel-
uas Alles gönnen und es kommt schliess- nur aus! Ich möchte mich auch einmal im chen harten Kampf sein vornehm geduldiges
>ch Niemand zu kurz damit. Ich auch Leben duelliren —“ Lächeln oft mit dem Ausdrucke hoffnungs-
muht, ich weiss recht gut, wie weit ich „Mit wem?“ loser Verzweiflung auszufechten hatte, be-
,ann. Und gerade weil mich die Leute „Mit Irgend einem! Es müsste ja gar vor es herrschen durfte auf seinem Gesicht,
beneiden, will ich es ihnen zeigen, dass nicht auf Tod und Leben sein. Aber erstens wie ihn mit jedem Tag ihre Rohheiten
man ein Cavalier werden kann, auch wenn hat doch jeder Lebemann so was einmal tiefer verwundeten, wie ihm zuletzt doch
man nicht dazu geboren ist. Ich habe so mit durchgemacht und dann meine ich die Schamröthe aufstieg, wenn sie ihn de-
'Uentlich Alles erreicht, was ein Lebemann man würde mich eher für voll nehmen’ müthigte. Und man sah, wie sehr es ihn
aben kann: kein Prinz fährt und reitet wenn man wüsste, dass ich mich geschlagen glücklich machte, wenn erihreinen Wunsch
essere Pferde; ich habe die Welt gesehen habe.“- erfüllen konnte, wenn er für eine kostbare
nd jedes Vergnügen mitgemacht, das auf Ja wahrhaftig, er war ein Esel in Folio Gabe einmal einen freundlichen Dank erhielt
rden zu haben ist; ich habe die beste Jagd der gute Charley, dem war nicht abzuhelfen! _ denselben Dank, der einem Andern zu
b der Gegend — und dann die Else! Sie * Theil wurde, wenn er ihr den Handschuh
“ssen doch selbst sagen, dass es kein ** vom Boden aufhob oder einen Stuhl zu-
unoneres Weib in der ganzen Stadt gibt.“ Ein paar Monate hatten unseres Freun- recht rückte.
lh we'ss allerdings auch nicht, was des Beziehungen zur schönen Else schon Er liebte die schöne gelbhaarige Bestie
nen zum Vollblutlebemann noch fehlen gedauert und das Weib gab der Stadt Stoff mit einer Liebe ohne Halt und ohne Mass,

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Nr. 11 JUGEND 1896

läppisch und ungeschlacht, voll Angst und „Sie hätten ältere Rechte ein wenig re- Wir sprangen hinzu. Vor Schmerzen
Scham und Selbstquälerei. spektiren sollen, Herr Gänsberger.“ Der zusammengekrümmt lag der Arme da und
Eines Abends sassen wir — Charley, sprang jäh auf, dass ein paar Gläser um- was sich in seinen Zügen malte, war we-
Mr. Klein und ich zusammen in einem fielen — das verstand er doch! niger Todesangst, als ein massloses Staunen.
Restaurant. Der Erstere blass, unruhig und „Was soll das heissen?“ rief er, heiser „Mit mir ist’s aus“, flüsterte er und griff
zerstreut, sah zum Erbarmen aus. Selbst vor Wuth. nach seiner Brust und das rothe Blut rie-
auf sein Aeusseres hatte er nicht mehr „Dass Else meine Geliebte war, bevor selte ihm zwischen den Fingern durch; der
die gewohnte Sorgfalt verwendet, seine ich sie Ihnen abgetreten habe. Jedermann’s Arzt riss ihm das Hemd auf und schüttelte
Cravatte sass schief, sein Haar war nicht Geschmack ist’s freilich nicht, mit dem sofort den Kopf.
so wohlgescheitelt wie sonst. vorlieb zu nehmen, was andere Leute nicht „Nichts mehr zu wollen!“
Plötzlich fragte er heiser, wie man in mehr mögen!“ Charley’s Kopf sank zurück, sein Ge-
grosser Erregung spricht, abrupt, mitten Bebend, zehnfach in seinem Empfinden sicht wurde leichenblass. Mister Klein bet-
in einem Gespräch über politische Vor- gekränkt, sprang der Andere auf, und was tete das Haupt des Sterbenden auf einen
fälle: „Was würden Sie sagen, wenn ich er nun that, war nicht cavaliermässig und zusammengerollten Ueberrock und sagte,
die Else heirathete?“ durchaus nicht korrekt. Klatschend fiel jenem fast zärtlich die Stirne streichend:
Da war nicht gut antworten. Charley Charley’s mächtige Hand ein paar Mal auf „Sie haben sich geschlagen wie eine
fuhr fort: das Gesicht seines Gegners und bevor sich echte Cavalier.“
„Ich weiss Alles, was man dagegen einer in’s Mittel legen konnte, zappelte das Der Verwundete lächelte dankbar. Das
einwenden kann. Sie hat kein gutes Vor- zierliche Herrlein blutend auf der Diele. Lob that ihm wohl. Aber ein ehrlicher Kerl
leben — aber wie soll ein schönes Mädel, Man sprang dazwischen, wusch dem war er immer gewesen und dies zeigte er
arm wie sie, zu einem solchen kommen? Baron die Nase und brachte Gänsbergers auch jetzt. Mit Anstrengung brachte er die
Sie ist jetzt oft nicht lieb gegen mich — Fäuste zur Ruhe. Worte heraus:
aber das wird sie als meine Frau schon Und dann — erledigten wir das Uebrige „Unter uns gesagt — ich habe es wirk-
werden. Ich schaffe ihr doch eine Position in der herkömmlichen Weise. lich nicht geglaubt, dass ein Mensch den
- das dankt sie mir auch!“ Als wir am andern Morgen um elf Uhr Andern — so ohne Weiteres über den
„Es wird Ihnen furchtbar viel Geld Charley die Bedingungen seines Gegners Haufen knallt — wenn er ihm so viel —
kosten, wenn Sie sich wieder von ihr mittheilten, war jener ruhig, fast heiter. Geld schuldig ist. Ich habe auf den Baron
scheiden lassen,“ sagte Klein. „Und es „Also auf morgen früh!“ sagte er bei’m gar nicht geschossen.“
wird gewiss so kommen, glauben Sie!“ Auseinandergehen. „Nur keine Aufregung! Er gab uns Beiden die Hand. Mit ver-
Der Verliebte starrte ihn rathlos an Unter Lebemännern kann so was ja ein- löschendem Lächeln blickte er mich an.
und seufzte dann mit dem Ausdrucke voll- mal Vorkommen. Wenn man es dann nur „Sehen Sie — nun hab’ ich doch —
kommener Hilflosigkeit: korrekt austrägt! Uebrigens — der Baron mein Duell!“
„Aber ich kann mir einfach nicht mehr hat geflunkert gestern — und Else hat mir Seine Augen wurden gläsern, er sah
helfen. Ich gehe zu Grunde so, vor Ver- geschworen, dass kein wahres Wort an dem uns nicht mehr.
liebtheit und Eifersucht und Zweifel!“ ist, was er sagte.“ — Und nach wenigen Minuten sagte der
In diesem Augenblicke trat van der Er war unverbesserlich dumm ! Arzt, der sich über den Gefallenen gebeugt
Week ein, dem wir seit Langem thunlichst hatte: „Es ist zu Ende“!-
aus dem Wege gingen. Auch Charley war Der arme Charley! Wenn er wenig-
in den letzten Wochen nicht mit ihm ge- Wir fuhren durch den herrlichen Früh- stens die Notiz noch hätte lesen können,
sehen worden. Das fiel mir jetzt plötzlich jahrsmorgen vor die Stadt hinaus. Die welche am andern Tage die Zeitungen
ein. Der Baron schritt zu unserem Tisch Sonne schien goldig über die Rasenplätze brachten über den „Zweikampf zwischen
her. Das unvermeidliche Glas im Auge, der Anlagen, deren ersten grünen Schimmer zwei bekannten hiesigen Lebemännern!“
geschniegelt wie immer, aber ein wenig Primeln und weisse Anemonen in Massen
unsicher im Gang. Er hatte getrunken. durchstickten. Frisch und scharf ging der
„Na, Herr Gänsberger, was machen Sie Frühwind über uns hin. ,
denn? Man sieht Sie ja gar nicht mehr. Unser Duellant war munter; der Ameri-
Immer in Minnediensten — was?“ kaner, der ihm sekundiren sollte, bleich
„Lassen Sie mich zufrieden!“ gab ihm und erregt. Er hatte den Pistolenkasten
der Andere grob zur Antwort, — grob zum auf seinem Schooss und sprach in den
ersten Male, seit wir ihn kannten. kräftigsten Ausdrücken über den Baron Die Philosophen.
„Er ist böse auf mich,“ näselte van im Speziellen und über europäische Ehr-
der Week. begriffe im Allgemeinen. Sie tranken Bier und hielten Rath
„Ich will mit Ihnen überhaupt nichts Als wir auf dem verabredeten Platze, Am Wirthstisch hinterm Ofen.
mehr zu thun haben.“ An Charley’s Schlä- einer breiten Lichtung in den Auen des Der Eine war ein Mann der That,
fen schwollen die Adern an. Ich hatte Flusses, angekommen waren, wickelten sich Die Andern Philosophen.
ihn bis jetzt nie erregt gesehen und fühlte, die üblichen Ceremonien glatt und schnell
dass Ungewöhnliches in ihm vorging. ab. Der Baron hatte einen Sekundanten, Man sprach natürlich von der Frau,
„Pah!“ machte der Andere und schlürfte der genau so geziert und albern aussah, Dem räthselhaften Wesen,
seinen Cognac, mit affektirter Grazie den wie er selbst. Der Unparteiische, ein ha- Der Eine kannte sie genau,
kleinen Finger der Rechten ausspreizend —
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gerer, trockener Herr mit martialischem Die Andern nur vom Lesen.
„pah! Weibergeschichten, meine Herren! Schnurrbart, vollzog seine Obliegenheiten Der Eine lobte ihr Geschlecht,
Wenn Einer seine schöne Else ansieht “ mit gemachter Gleichgültigkeit, wie ein Ball- Weil er ihr Glück genossen,
„Sie waren einfach unverschämt neu- ordner, der eine Franpaise kommandirt. Die Andern räsonnirten recht
lich —,“ brauste Charley auf. „Und dies steht Hart und schnarrend fiel das Kommando. Und machten bitt’re Glossen.
Ihnen schlechter an als jedem Andern.“ Charley schoss sofort, hastig, ohne zu
Wir Alle wussten, dass es dem Baron zielen. Er fehlte. Van der Week, der asch- Die Kellnerin liess alle Vier
wirklich schlecht anstund, gegen Charley fahl mit verbissenem Gesicht dagestanden Am selben Abend warten,
unverschämt zu sein. Das fühlte Jener hatte, rückte bis zur Barriere vor und schoss Die Philosophen auf ihr Bier,
auch. Er wurde dunkelroth und sagte dann dann sicher und ruhig den guten Charley Den Andern hinterm Garten.
mit seinem süffisantesten Gesicht: Gänsberger nieder. FERDINAND V. HORNSTEIN.

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Der Malerinnen-Stammtisch im „Mauen Strumpf“,
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Originolzeichnung von Felix Hellenberg (Stuttgart).


Verblühter Ginster und verkrümmte Föhren Des Herzens PoCJ|7/l7leln fav!fte Klang, Kaum noch gebeut der Glieder Kraft Dein Wille,
Und Haidekraut — und Schweigen weit und breit. U1C zwischen Kie«Ä<Je’' gj p, starren,
Die Die stumme Oede lähmt sie mehr und mehr —
Kein Käfer raschelt und kein Vogel schreit — Eintönig fort im b^n'rd Dej^^n - Und auf dem Herzen liegt Dir zentnerschwer
Des eignen Herzens Pochen kannst Du hören! Und Schritt um ^ oeele bang. Die dumpfe Last der fürchterlichen Stille! w. o.
Nr. 11 I! JUGEND 1896
I

man selbst dabei geworden, wie man sich selbst Rechnung


Ein froher Tag. getragen, danach fragt ja kein Mensch. Man ist abgethan,
hat nichts mehr zu erwarten als — und der wird auch noch
(Zur Psychologie der Schwiegermutter.) kommen. —
Sie war angelangt.
Von Georg Borchardt. Rasch ging sie herauf. Ohne nur Licht anzuzünden, im
An der Garderobe drängte man sich. dunkeln Zimmer riss sie sich beinah die Sachen vom Leibe.
Die Damen rafften ihre langen Seidenkleider auf, hüllten Die alte Dame, sie fühlte sich so todmüde — so — nur zu Bett!
sich in die schwanverbrämten Tücher und Ueberwürfe, bastel- „Das kann ja alles morgen nachgesehen werden.“ —
ten und nadelten an einander umher, gaben ihren Männern Als sie über den Seidenstoff des Kleides strich, ging es
die Fächer zu halten mit der Weisung, sie ja nicht zu ver- ihr bis in die Haarwurzeln.
lieren, sie wüssten ja selbst, wie kostbar sie wären. Sie warf sich in’s Bett und zog die Decke über sich.
Die Männer zogen ihre Pelze an und alle waren miss- Ah — sie fühlte sich so entsetzlich einsam. Niemand
muthig, wie die Trinkgfeldgesichter der Lohndiener, miss- bei ihr, niemand. Wenn sie nun jetzt stürbe. Wenn — sie
muthig, wie ältere Leute stets Bälle und Hochzeiten zu ver- nun — jetzt — stürbe!
lassen pflegen.
Drinnen im Saal setzte die Musik von Neuem ein und Sie dachte an ihre Tochter und es schien ihr plötzlich
die tanzenden Paare glitten wie Marionetten an der breiten so eine grenzenlose Niedertracht, so eine ausgesuchte Bos-
heit, sie zu verlassen, sie eines solchen Kerls wegen so ganz
Thüre vorüber, doch eine fröhliche Stimmung wollte auch allein zu lassen. Jetzt mit einem Mal zu jenem zu gehören
hier nicht mehr einkehren. Die Pausen der Musiker wurden und nicht mehr zu ihr. Was hatte sie ihr denn Böses gethan?
länger und länger, die Tänze desto kürzer. Es ging zum Schluss.
lieber Allem lag eine Liebersättigung und Müdigkeit. Sie dachte an sich selbst, dachte an ihren seligen Mann,
Das Brautpaar war auch schon fort, und ein Jeder dachte er war nun schon sechs Jahre todt, sie hatten sich stets gut
sich das Nothwendige. vertragen, sie hatte ihn sogar einmal sehr lieb gehabt, das
Die Gespräche erlahmten und schienen, nach den ge- hatte sich nun auch mit den Jahren abgeschwächt.
langweilten Gesichtern zu schliessen, mehr und mehr banal Sie sah ihre ganze Vergangenheit vorüberrollen; es war
zu werden, nur in einer Ecke versuchte man noch zu geist- alles stets am Schnürchen gegangen, Noth und Sorge hatte
reicheln und zu lächeln. sie nie gekannt und doch war es so entsetzlich öde, nichts,
Ein älterer Herr, der des Guten zu viel gethan hatte, wie geboren werden, heiraten, gebären, verheiraten und
machte kindliche Gehversuche, setzte sich aber, als er sich sterben, nein — nein — absterben.
bemerkt glaubte, schnell wieder hin. — — Und im Augenblick erfasste sie, sie wurde sich selbst
„Ach, auch ich werde nach Hause gehen, man wird nicht klar darüber wie es geschehen konnte, ein so ungerecht-
mich nicht vermissen,“ dachte die alte Frau. „Nun hätte ich fertigter Zorn gegen ihre undankbare Tochter, gegen dieses,
auch das hinter mir.“ dieses — widerliche Mannsbild, das ihr die Tochter genommen,
Das sollte nun mit der glücklichste Tag ihres Lebens dass sie mit aller Kraft die dicken, kleinen Füsse gegen die
sein. Ach! sie fühlte sich missgestimmt, so matt, so zer- Bettwand stemmte, die Hände zusammenballte in ungerecht-
schlagen! Es war ihr, als ob man mit kleinen Hämmern fertigter Wuth, laut aufschluchzte.
auf ihrem Kopf herumtrommle. Ja — wenn ihr Seliger
noch lebte!
Das war also jener ersehnte Tag, dem sie in Sorgen
und Freuden 23 Jahre entgegengesehen, der Tag, zu dem
sie ihre Tochter erzogen, der Tag--
Fort! Hinaus! Nur allein sein, nicht mit all' diesen
Menschen zusammen!
Und wie ein Dieb stahl sie sich fort zur Garderobe. Vor-
sichtig, dass sie nur von niemandem bemerkt werde, eilte sie
die Treppe hinab und winkte ihrem Kutscher.
So — so.
— Jetzt war sie wenigstens allein.
Wenn sie nur erst zu Haus wäre! —
Sie liess sich in die Kissen zurückfallen und schloss die
Augen.
— Das war die letzte. Nun war sie allein, ganz allein,
hatte niemanden mehr auf der Welt, sie war abgethan, nie-
mand bekümmerte sich jetzt noch um sie. Ach — Warum
war sie kein Mann. Fünfzig Jahr und todt sein! Nichts thun
können, nichts im Leben gelernt haben, nichts können, nichts
wissen. Mit 50 Jahren seine Pflicht gethan haben, seine
Kinder erzogen, verheiratet und jetzt allein dasteh’n. Was

174
1896 JUGEND Nr. 11

„Das Ringlein am Finger hat


bindende Kraft.“
Das Ringlein am Finger, wie glänzt es so hell! —
Ach gütiger Himmel, wie halt' ich so schnell
Das Ringlein, das Ringlein am Finger!
Nun bring’ ich das Ringelein nimmer herab,
Und wenn ich auch stürbe: müsst’ nehmen in’s Grab
Das Ringlein, das Ringlein am Finger.
Wohl ging ich und klopfte beim Pfarrer an:
„Herr Pfarrer, Ihr habt mir’s angethan
Das Ringlein, das Ringlein am Finger;
Nun seid auch so gut und nehmt’s wieder zurück,
Es bringt mir kein’ Segen, es bringt mir kein Glück
Das Ringlein, das Ringlein am Finger!“
Der Gottesmann runzelt’ die Stirne gar sehr:
„Da hilft dir kein Gott und kein Teufel nicht mehr
Vom Ringlein, vom Ringlein am Finger;
D’rum gehe und sei getrost, mein Sohn,
Gross wird einst sein im Himmel dein Lohn
Für’s Ringlein, für’s Ringlein am Finger!“
Dess war ich zufrieden und klagte nicht mehr.
Erzähl’fdie Geschichte nur Andern zur Lehr
Vom Ringlein, vom Ringlein am Finger.
Und wer’s noch nicht hat — ihm sei’s nicht verwehrt!
Doch mein ich, der Himmel ist keinem versperrt
Auch ohne das Ringlein am Finger. liber

Für die „Jugend" gezeichnet von George Delaw (Paris).


— Monsieur, ce sont des creanciers, ils sont plus de vingt que faut-il leur dire?
— Dis leur que les rassemblements sont interdits!
(„Gnädiger Herr, es sind Gläubiger da, mehr als zwanzig — was soll man ihnen sagen?“
„Sag’ ihnen, dass Menschenaufläufe verboten sind!“)

»7J
Nr. 11 JUGEND 1896

Herren!
Und ich schwör’s beim Gott der Stärke:
Ich zerbreche meine Laute,
Wenn mich auch das weiche Girren
Wohl zu Zeiten sehr erbaute.
Ich zerbreche meine Laute —
Will mit schmetternden Trompeten
Künftig durch das Leben reiten
Und mit neuen Musageten.
Denn wir wollen sein die Jünger
Jener kühnen, neuen Lehre,
Frank und frei von jedem Unmutb,
Jeder Feigheit, jeder Schwere.
Als ein leichtes Volk der Sieger
Stehn wir auf, die Banner fliegen,
Und in’s blanke Kleid aus Eisen
Wollen wir die Glieder schmiegen.
Herrschen wollen wir und künden
Herrisch auf jedwede Knechtung,
Und verfallen soll die Schwäche
Uns’rer grausam stolzen Aechtung!
EMIL RECHERT.

&
Zu Zweien.
Leg’ Deine Hand in meine Hand
Und sei mein Weib und mein Gesell.
Ich führe Dich in’s Sonnenland,
Dort fliebn die Jahre taubenschnell.
Und fürchtest Du die finst’re Nacht,
Sollst Du an meiner Schulter ruhn,
Die beiden Augen zugemacht,
Wie tieferschrockene Kinder thun . . .
Am Himmel steh’n die Sterne dicht;
Durch stumme Kronen streicht der Wind.
Ich lächle leis . . .
... Du siehst ja nicht,
Dass wir schon längst im Dunkeln sind.
LUDWIG JACOBOWSKY.

Manches in den Wind gesproch’ne Wort


Kleine Münze. Trägt der Wind zu fernen Hörern fort.
Und wärest Du auch noch so klug, M V. S.
Der Dümmste ist gescheidt genug,
Wenn Du einmal gestolpert bist,
Den Stein zu zeigen, der Schuld d’ran ist. Daheim.
DR. B. W.
CO Müde, verstimmt
Ueber meine vielen Pläne Komm ich nach Haus. —
Thut doch nicht verwundert. Und jetzt noch Kinderlärm!
Tausende Blüthen schmücken den Baum. Wer hält das aus? — -—
Früchte? — Oft nicht hundert. Da schaut durch die Thür ein rund Gesich
Würde jede Blüthe zur Frucht — Der Jüngste ist’s. - Ein putziger Wicht -
Nimmer könnt’s der Baum ertragen. Und lacht. ..
Lass getrost den Wind zum Spiel Da wird mir so rührend dumn
Blüthen lustig von dannen jagen. DR. b. w. Ich tanz mit ihm in der Stube herum,
CO Dass die Diele dröhnt — und die Mutte
Wer zu sich selber stets die Wahrheit staunt:
spricht, „Ei, Mann, Du bist ja gut gelaunt!“
Ist gegen And’re auch sehr höflich nicht. DR. b. w.

176
1896
JUGEND Nr. 11

Für die „Jugend1' gezeichnet von Otto Seitz


Ein junges Weib — Ein alter Mann Eine harte Nuss — Ein hohler Zahn.
Nr. 11
JUGEND 1896

Ein Reiseabenteuer. uns der eherne Himmel, welcher seine sengenden Gluth-
„Ja, meine Herren“, begann der Gutsherr von Lugers- strahlen herabsandte — das war der trostlose Anblick, der
hausen zu den Honoratioren am Stammtisch, „wenn Sie so sich uns täglich bot. Was Wunder, dass unsere Wasser-
in aller Gemüthsruhe beim schäumenden Glas Bier sitzen vorräthe trotz ängstlicher Sparsamkeit bald zu Ende gingen
und das köstliche Nass schlürfen, werden Sie kaum begreifen und nun der Durst unser steter Begleiter wurde. Unsere
können, wie sehr der Durst den Menschen peinigen und zur Pferde und Kameele waren zu Grunde gegangen oder ver-
Verzweiflung treiben kann. Ich weiss davon ein Lied zu singen! schmachtend liegen geblieben; wir aber schleppten uns, vom
Es ist Ihnen doch bekannt, dass ich vor circa fünf Jahren Schreckgespenst des Verdurstens gepeinigt, an einer Rettung
eine Afrikareise gemacht habe, und da hatten wir — ich und fast verzweifelnd, weiter. —
meine Begleiter — leider genug Gelegenheit, den bösen Gast Da, als die Noth auf das Höchste gestiegen war, erinnerte
hinreichend kennen zu lernen. — ich mich glücklicherweise, in meinen Mantelsack, den ich nun
Sehen Sie dies kleine Fläschchen hier — ich trage es selbst schleppen musste, ein Fläschchen Wein gesteckt zu
als theuere Reliquie stets bei mir — dies winzige Fläschchen, haben. Ich griff darnach und förderte es zu Tage. Ursprüng-
gefüllt mit altem, trefflichem Burgunder, hat mich nebst sechs lich dachte ich daran, den Wein mit meinen Gefährten zu
Reisegenossen, durch drei Tage gelabt und uns alle vor dem theilen. Bald aber besann ich mich eines Anderen. Was
entsetzlichen Tode des Verdurstens gerettet.-- Allerdings würde dies Fläschchen nützen für sieben dürstende Kehlen?
bedurfte es zu diesem Kunststückchen einer grossen Geistes- Ein Tropfen Wasser auf einen brennenden Kessel! Damit
gegenwart, Kaltblütigkeit und einer seltenen Erfindungsgabe, wäre uns nicht geholfen gewesen, höchstens unser Ende um
durchaus Eigenschaften, welche jeder Afrika-Reisende vollauf einige Stunden hinausgeschoben worden. — Da fiel mir zu
besitzen sollte und die, wie Sie wohl wissen, auch mir keines- unserem Heile eine glückliche Idee ein, die ich allsogleich
wegs ermangeln. verwirklichte.
Ich sehe Ihre erstaunten Gesichter und Ihr ungläubiges Ich hiess meine Unglücksgenossen zu mir treten und zeigte
Kopfschütteln, so dass ich ohne alle Umschweife in medias ihnen das entdeckte Flächchen voll herrlichen Burgunderweins.
res gelangen will. Ha, wie ihre Augen wieder glänzten und ihre Mienen sich
Unsere Karawane war von Kairo aufgebrochen, um west- belebten! Dann entkorkte ich es langsam, setzte es an den
wärts marschirend das Land zu erforschen und schliesslich Mund und machte mit sichtlichem Behagen einen langen Zug.
nach Tripolis zu gelangen. Um sie noch mehr zu reizen, schnalzte ich sogar mit der
Einige Tagereisen ging es recht glücklich von statten. Zunge.
Schliesslich aber geriethen wir in eine Wüste, aus der wir Meine Begleiter schauten zu mit einer Begier, wie ich
keinen Ausweg mehr finden konnten. Unsere Lage war eine solche noch nicht gesehen. Vor heisser Gier und brennen-
überaus missliche. Unter uns das glühende Sandmeer, über dem Verlangen floss ihnen das Wasser reichlich im
178
1896 JUGEND Nr. 11

Munde zusammen, und das eben war’s, was ich bezwecken Ein dritter suchte was unter dem Tisch’
wollte. — Nun hatte ich ihnen auf künstliche Weise Und würgte an einer Gräte vom Fisch.
Wasser geschaffen, wenn auch in geringer Menge. Doch Den Vierten machte der Wein schon faul;
schluckten sie es beständig und waren darnach sichtlich ge- Verlegen hält er die Hand vor’s Maul.
labt, so dass sie ihren Marsch fortsetzen konnten. Diese Man rückt die Stühle — ein bischen Gesumm,
Procedur wiederholte ich mehreremale und ermöglichte es Dann sitzt man wieder am Tische herum,
auf die Weise, dass wir am Abend des dritten Tages eine Und kann sich mit munterem Lächeln gesteh’n:
Oase erreichten, wo wir reichlich Wasser fanden und von Gottlob! Das wäre nun auch gescheh’n! dr. thoma.
unserer Noth erlöst wurden. Es war aber schon höchste
Zeit, denn mein Wein war eben zur Neige gegangen und ich
hätte-meinen Genossen kein Wasser mehr schaffen können. — Parabase zu Ehren gelehrter Frauen.
Nun, was sagen Sie dazu, meine Herren? Ja, so was Viel Gründe gibt es, weshalb und warum hinfüro dem
kann Einem passiren im schwarzen Afrika!“ — schönen Geschlechte zum akademischen Studium der Staat
M. WINTERSTEIN.
soll gewähren die Rechte. — Am originellsten sprach jeden-
falls in der zweiten Kammer Bavaria’s Professor Günther,
Wie es werden wird. ein Herr aus der Pfalz, zu Gunsten der weiblichen Parias. —
Er sagte: Nicht schadet es, sondern es nützt, wenn unter
Zum Bankette vom 21. März 1896.
Motto: Welch’ ein Gefühl musst Du, o grosser Mann, und neben Studenten ein anders geartetes Wesen sitzt, d’ran
bei der Verehrung dieser Menge haben. jene sich bilden könnten. — Die Nähe des Ewig-Weiblichen
q Faust I.
bo nach dem fünften bis sechsten Gang, würd’ sicher die Wirkung üben, dass jene den unbeschreib-
Da blickt der Präses die Tafel entlang. lichen Salamander nicht mehr rieben — Den unterirdischen,
Er stochert eifrig im hohlen Zahn. wie er sich nennt, erdröhnend mit Donnergepolter, wenn die
Jetzt geht’s nicht länger, jetzt muss ich d’ran; Kanzel betritt ein beliebter Dozent — o scheussliche Ohren-
Verlegen rutscht er am Sitze herum, folter! — Auch Hessen die Herren gewiss unterwegs das
Dann klopft er an’s Glas. — Silentium! Bummeln und Saufen und Schwänzen, versäumeten nie den
Meine Herren! Sie wissen, ich habe die . . . Pflicht Besuch des Collegs, wenn fleissige Mädchen d’rin glänzen. —
Am . . . heutigen Tag zu vergessen nicht, Es folgte dem guten Exempel alsdann, wetteifernd mit Gret-
Dass der erste Kanzler Fürst Bismarck war, chen und Käthchen, manch’ Einer und würde der passende
• - Die Thatsache ist uns ja Allen klar. — Mann für das neben ihm sitzende Mädchen.
• - Weil nun die Stellung es mit sich bringt . . o-asv)
Ond . . gewissen Zusammenhang . . bedingt . .
So dürfte — ich lade Sie hiezu ein . . . Warum immer weiter schweifen,
Der Toast auf den Fürsten . . entschuldbar sein. sieh’ das Gute liegt so nah! .
Er blieb nicht stecken! Sieh’ da, es ging! Von ministerieller Seite wird in Rom zugegeben, dass
Der Beifall freilich war sehr gering. der Krieg der Italiener mit Abyssinien bereits so etwas wie
Herr Lieber bekam das Nervenzucken, 80 Millionen koste — für das Geld könnte man in Europa
Den Nachbar musste das Kopffell jucken, auch schon ganz hübsche Keile kriegen.

Die Verhandlungen gegen Dr. Jameson — vor und hinter den Coulissen.
179
Inseraten-Annahme Insertions-Gebühren
durch alleAnnoncen-Expeditionen
sowie durch
G. Hirth’s Verlag in München
und Leipzig. JUGEND 1896
Nr. 11

Die JUGEND erscheint allwöchentlich einmal. Bestellungen werden von allen Buch- und Kunsthandlungen, sowie von allen Post-
^ ' für die
4gespalt. Colonelzeile oder deren
Raum JL i —.

ämtern und Zeitungs-Expeditionen entgegengenommen. Preis des Quartals (13 Nummern) beiden Postämtetn in Deutschland M. 3.—,
Belgien 3 Eres. 61 cts., Dänemark 2 Kronen 69 Oere, Holland 1 fl. 95 ct., Italien 3 Eres. 88 cts., Oesterreich-Ungarn 1 fl. 90 kr.,
Rumänien 4 Eres. 20 cts., Schweden und Norwegen 2 Kronen 71 Oere, Schweiz 3 Eres. 65 cts., der einzelnen Nummer 30 Pf.
1

um einen frivolen Uebergriff in englische


Oberhoheitsrechte. Das Polarland, voraus-
gesetzt, dass ein solches vorhanden sei,
stehe unzweifelhaft unter der Souzeränität
der weisesten aller Grossmütter und die
britische Nation werde sich ihr gutes Recht
durch ausländische Anmassung nicht be-
einträchtigen lassen. Wie verlautet, wird
für Dr. J amesonin London jetzteine frische
Räuberbande ausgerüstet durch ein Comite,
an dessen Spitze Lord Salisbury steht.
Diese Bande wird dann (natürlich gegen
den Willen der englischen Regierung) im
Polarland, wo es keine Buren gibt, einfallen
und eine englische Kolonie gründen, so-
wie eine Gesellschaft mit beschränkter
Achtung zur Gewinnung des Eisens der
Erdachse, die ja am Nordpol leicht zu fin-
den sein muss. Mr. Austin, der poeta
Ein neuer Conflikt in Sicht! laureatus und Mitarbeiter des „Standard“,
Chamberlain hat im englischen Unterhause erklärt, wenn wirklich Nansen den dichtet bereits an einer Ode „Die Wacht
Nordpol und ein dortselbs! befindliches Land entdeckt habe, so handle es sich offenbar am Pol“.

Die kleine Excellenz. JULIUS BÖHLER


6 Soflenstr. München Soflenstr. 6
Herr Windthorst war ein Mann voll Herz,
vis-ä-vis des Glaspalast-Einganges.
Deshalb trieb er zuweilen Scherz.
Ja selbst in der Parteischlacht Hitze Hof-Antiquar Sr. Majestät des Kaisers und Königs.
Macht gute er und andere Witze. An- und Verkauf werthvoller Antiquitäten und alter Bilder
In Köln stritt er für Wahrheit und Recht
Und sagt nachher: Heut log ich nicht schlecht!
Das war ein Scherz! es ging nichts drüber,
Drum schrieb ihn sorgsam auf Herr Lieber.
„Germania“ noch manch Beispiel gibt
Von Scherzen, wie er sie geliebt:
Seine Base gebar ein Mägdelein.
Er sagt': Werft’s doch in’s Wasser hinein!
So war, heisst es, bekanntermassen
Seine gemüthvolle Art zu spassen.
„Germania“ bittet drum mit Grämen,
Den Mann beileibe nicht ernst zu nehmen.
Ganz recht! Wer wird ihm darob grollen!
Nur hätt’ sie’s früher sagen sollen. b. w.

Alte Kupferstiche.
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Hugo Helbing, 3$ad ^Brünnthal Vorzügliche


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Herausgeber: Dr. GEORG HIRTH: verantwortlicher Redakteur: F. von OSTINI; verantwortlich für den Inseratentheil: G. EICHMANN, G. HIRTH’s Kunstverlag; sämmtlich in München»
B ' ' Druck von KNORR & HIRTH, Gesi m. beschr. Haftung in München.
ALLE RECHTE VORBEHALTEN.
1896 - 21. März - JUGEND • I. JAHRGANG • NR. 12

l/’U

'<0 9uartai.pREi^ 3 Mark.


Prei^ per Nummer 30 pfg.
Ir
Verlag von O.^irth, München.

erausgeber: Georg Hirth. — Redakteur: Fritz v. Ostini. — Alle Rechte Vorbehalten.


Nr. 12 JUGEND 1896

Hans und Marie


iuiumuiiiiimi Eine durchausTnormaleTLiebesgeschichte.
iisiuumiuiiu
Es war Frühling. Die Obstbäume blühten und unter den Aufregend ist diese Liebesgeschichte nicht Besonders
Hecken die Veilchen. Es war ein Frühling, so schön, dass romantisch ist sie auch nicht.
ihm auch die Menschen ihre Herzen aufthaten. Der Himmel Aber eines ist sie gewiss: vollkommen normal.
blaute, die Sonne schien, die jungen Leute gingen ohne Paletot Und noch eins: — für den Hans und die Marie — die
spazieren und auf den Gassen spielten jauchzend die Kinder. schönste Liebesgeschichte, die sie überhaupt erleben konnten.
Die Alten aber sassen vor den Häusern in der Sonne und auch Darüber ist nicht zu streiten. Sich wollen, sich kümmern
die ältesten von ihnen konnten sich an einen Frühling, so und sich kriegen — das ist ein Rezept für’s Glück, unfehlbar
schön wie der, der eben war, schlechterdings nicht erinnern. und klar wie „Citronen, Rhum und Zucker“ zum Punsch.
Auch die Jungen hatten natürlich ihr Theil an dem wunder- Wenn die Ingredienzien gut sind, muss das Resultat er-
vollen Frühling und ihre Herzen wurden weit— so weit! nuicklich sein'. —. —
es ist gar nicht zu sagen. — — Und wem die Sache zu einfach ist, der kann sich aus
Am offenen Fenster des schönsten Hauses in der kleinen den Bestandtheilen dieser Liebesgeschichte ungezählte Varia-
Stadt sass ein junges Mädchen mit seiner Näharbeit, ein tionen zusammensetzen.
Mädchen, so hübsch wie der ganze Frühling, der draussen Da kann z. B. die Marie im armen Hause wohnen und
blühte. Aber ganz so sonnig wie dieser schien ihr Gesicht- der Hans im reichen, die Geschichte kann im Winter spielen,
lein nicht. Wie Wolkenschatten lag’§ drüber und die grossen statt im Frühling, der halsstarrige Vater kann auch eine hoch-
blauen Augen schimmerten feucht. näsige Mutter, oder ein spekulativer Vormund sein. Der
Was aber dies Lenzgewitter zusammengezogen hatte über Hans kann die Marie auch nicht kriegen, oder die Marie
dem Herzen der armen kleinen Marie, das war die Liebe! den Hans nicht mögen. Oder der Hans die Marie nicht.
Dem reichen Hause gegenüber in der gleichen Gasse Oder die Beiden schlagen ein abgekürztes Verfahren ein,
lag ein recht unansehnlicher und altersschwacher Bau mit überspringen den ganzen Passus von „Herzensnoth“ bis Ver-
vielen Rissen und Sprüngen und niederen Fenstern. Und zweifeln und gehen zusammen durch. Oder Mariechen trägt
hinter einem von diesen Fenstern sass Tag um Tag ein junger ihren Buben schon im Winter zur Taufe — vielleicht sogar
braver Handwerksgesell an seiner Arbeit. schon im Herbst. Der Schustergesell kann auch ein Schneider-
Da flogen denn die Blicke hinüber und herüber — und gesell sein, ein Assessor, ein Weinreisender oderein Einjährig-
eines Tages hatten sie sich lieb, der Hans und die Marie. freiwilliger. Die schöne Marie kann eine Brünette sein statt
Sie sagten sich’s auch eines Abends hinter den Stachelbeer- eine Blondine — auch im Charakter. Der Hans kann ein
hecken des Gartens. Filou sein, statt eines braven Kerls, und sein Lieb wenigstens
Nun wäre für die Beiden die Welt so voller Jubel und hektisch oder erblich belastet mit Weissgottwas. Vielleicht
Glückseligkeit gewesen, wie der Kirschbaum, unter dem sie kann das Mädchen auch über des Vaters Kasse kommen.
sich zum ersten Male küssten, voll von .Blüthen war. Aber Ebenso gut könnte die Marie eine Gräfin sein und der Hans
da war ein alter Zwist zwischen dem alten und dem neuen ein Lieutenant, ein armer junger Edelmann, ein Trapezkünstler,
Hause, ein alter Zwist und eine alte Schuld und ein hals- oder ein Jokey. Oder der Hans kann ein Graf sein und die
starriger und geldstolzer Vater, der „Nein“ sagte. Marie eine arme Näherin, die eine greise Mutter und fünf
Herzensnoth und Thränen kamen, Wirren und Sorgen, unmündige Geschwister mit ihrer Nadel erhält. Am Ende
Langen und Bangen, bittere Reden und süsser Trost, Argwohn ist vielleicht die Marie auch liederlich und Hans ist ein Bieder-
und List, Hoffen und Harren, Schluchzen und Verzweifeln. mann, wie sie in den alten französischen Rührstücken wachsen.
Aber irgend Etwas hat zu guter Letzt Mariens Vater doch Er grämt sich um sie zu Tode — oder nimmt sie schliesslich
weich gemacht — das Schicksal, oder die Gicht, oder die in namenlosem Edelmuth, wenn alle Welt sie verlassen hat,
treue Liebe der Beiden, Gewissensbisse, oder eine edle Thal doch noch zur Frau. So etwas ist immer sehr rührend. Oder
des Schustergesellen oder das Alles zusammen. sie ist brav und tugendhaft, er aber fasst einen Argwohn
Da sagte er ja und Amen und legte der schönen Marie und muss sich erst blamiren, bevor sie sich kriegen. Oder
den wackeren Hans in die Arme. sie nimmt aus Seelengrösse den Schein einer Schuld auf sich,
Und über’sjahr, als die Bäume wieder blühten und die um ihre Mutter zu retten, oder sie heiratet einen hektischen
alten Leute, die darunter sassen, sich wiederum keines Früh- Lebegreis, um ihren Vater vor dem Bankrott zu bewahren.
lingssonnenscheins erinnern konnten, so warm wie der, der Wie gesagt, das Thema lässt sich variiren bis in’s Un-
eben auf ihre runzligen Gesichter fiel, — über’s Jahr trug endliche. Bios die drei Hauptsachen müssen immer da sein:
Frau Marie ihren ersten Buben zur Taufe. — Der Hans, die Marie und die Liebe! m. w.
i8j
Originalzeichnung von Fidus.
Nr. 12 JUGEND 1896

„Ich bin die Flamme —" Zweifel Wie’s geht


Ich bin die Flamme, ich bin das Schwert, Des Zweifels Gipfel Befehde das Falsche und Schlechte —
Der eherne Reiter auf schwarzem Pferd, Hat er erreicht! Sie sagen, Du suchest nur Streit;
Der Mutter Thräne, der Väter Fluch, Nun sitzt er und sinnt Steh’ ein für das Echte und Rechte —
Das siebenzigmal versiegelte Buch — Gedankenbeschwert, Heisst’s: „Er geht nicht mit der Zeit!“
Ich bin die Sünde, ich bin der Reiz, Ob die Wurst beginnt
Ich bin die Quelle des tiefsten Leids Beim rechten Zipfel, Sei wahr — so lästert Dich prüde
Die Unruh’ der grossen Weltenuhr, Oder vielleicht Noch selber die saubere Zunft —
Der leere Raum in der Allnatur — Und wirst Du dann endlich müde,
Ich heisse Gracchus und Ahasver, Gar umgekehrt. v- H-
So heisst es: „Er kam zur Vernunft.“
Ich führe Wotans rasendes Heer, D. HAEK.
Ich heisse Ahriman, heisse Kain,
Ich bin das nie verstummende „Nein“,
Ich bin der Ketzer, der Antichrist,
Die Sorge um Alles, was noch nicht ist,
Ich bin der Leib, der ewig kreist:
Gelegenheit
Ich bin der Menschheit unsterblicher Geist! In meines Freundes Haus, des strengen
CONRAD ALBERTI. Herrn,
Da wohnt zugleich im Erdgeschoss
Ein Mädchen schön und anspruchslos;
Und diesen Freund besuch ich gern,
Um im Vorübergehen
Das hübsche Kind zu sehen.
Aus Freundschaft, wie er sagt, begleitet mich
Die Treppe bis hinab der Freund;
Er meint, man glaub’ ihm, doch mir scheint,
So artig zeigt er einzig sich,
Um im Vorübergehen
Das hübsche Kind zu sehen.
HERMANN VON L1NGG.

1S4
1896 JUGEND Nr. 12

#|p Legende von der Korall


1

Tiefpurpurn blaut das ewige Meer,


Im schmeichelnden Lenzwind rauschend,
Am Felsen spielend und ringsumher
Die tändelnden Wellen bauschend.
Darüber segeln im tiefen Azur
Verschwimmende Schleierwölkchen
Und auf kristallener Wogenflur
Weissschimmernde Mövenvölkchen.
Ein holdes Ahnen erfüllt die Welt,
Ein süssgeheimes Erwarten.
Ein Regen von Rosenblättern fällt,
Verweht aus cyprischem Garten.
Und unter wallendem Duft daher,
Umhallt von lockenden Liedern,
Ziehn Nymphen über das blaue Meer
Mit schneeig schimmernden Gliedern.
Es tönen Hymnen von hehrer Lust
Goldrosig glühen die Fluthen,
Als wollten an schwellender Meeresbrust
Die Rosen trunken verbluten.
Und sieh’ — den Wellen entsteigt ein Weib
Von unbeschreiblicher Schöne,
Das Meer gebar den herrlichen Leib
Mit wonnevollem Gestöhne.
Das ist Cythere, die holde Frau,
Das lichte Idol alles Schönen!!
Dank, dass du der göttlichen Glieder Bau
Enthüllt den irdischen Söhnen!
Da ritzt ein kantiges Felsengestein
Das Knie, das blendende, runde,
Und malt auf lebendem Elfenbein
Die zarteste, rosigste Wunde.
Hinab zum schillernden Meeresgrund
Die purpurnen Tropfen fallen:
Da wächst ein Zweiglein zur selben Stund
Von rothen Edelkorallen.
Sie flicht es in Goldhaar, wo’s wonnig ruht,
Das trug der Seewind nach Norden. —
So ist die Koralle, das Venusblut,
Der Schmuck der Schönheit geworden.
Ludwig Soyaux.

Zeichnung von Theo Schmuz-Baudiss.

-8;
Nr. 12 JUGEND 1896

Sonnenuntergang
Von Carl Busse.
Es war ein alterthiimliches Haus in einer nord-
deutschen Stadt, mit Wendeltreppen, die im Halbdunkel
lagen, und grossen niedrigen Zimmern. Eine sonder-
bare Luft herrschte drinnen; es roch nach alten Seiden-
kleidern, welche in schweren Schränken jahrelang auf-
bewahrt werden, es roch nach getrockneten Balsaminen
und anderen Kräutern, wie man sie früher wohl für die
Hausapotheke hielt. Die modernen Korridore fehlten
ebenso wie die elektrischen Klingeln, man trat vom Treppen Er war am Tische stehen geblieben und trommelte mit
flur sofort in die Stuben. den Fingern auf der Decke herum.
In eine Stube dieses sonderbaren Hauses trat an einem Das junge Mädchen war bei seinem Anblick in jähe
Dezembernachmittag Peter Karst, der junge Maler. Angst nach dem Fenster getreten, dass ein grosser Zwischen
„Du musst es nicht übelnehmen, Hedwig,“ sagte er und raum beide trennte. Eine Blutwelle nach der andern ging
legte den Hut fort, während er den Mantel anbehielt: „Ich über ihr volles Gesicht.
wollte nur noch einmal kommen und da dacht’ ich: es ist Warum kamst Du?“ fragte sie. Ihre Stimme war belegt
wohl besser, wenn Du der Nase nach g rade in ihr Zimmer und ohne Sicherheit.
gehst. Sonst siehst du sie überhaupt nicht mehr.“ „Ich war gestern mit Lorenz zusammen“, sagte er nur.

186
1896 JUGEND Nr. 12

Ihr Haupt sank mit schnellem Ruck hint- vollen Becher trank ich aus, Hedwig. Hebe,
über, ihre Hände fassten das schmale Fenster- man ist so dumm, wahrhaftig, ich hab’ ge-
brett, dass sich die Kanten tief in das Fleisch dacht, das müsst’ ich thun, um zu beweisen,
drückten. Einmal öffnete sie den Mund, wie wie sehr ich Dich . . lieb habe. Ja, so dumm
um etwas hervorzuschreien. Aber es gab kaum ist man noch!
einen Laut. Und so starrte sie ihn an. Und dann fragte ich. Und dann schrie er
„Hast Du mir gar nichts zu sagen?“ unter- auf und als ich sah, wie er den Becher an
brach er plötzlich das Schweigen. Doch er be- die Lippen setzte — ich hätt’ ihm den Becher
kam keine Antwort. Da setzte er sich langsam, aus der Hand schlagen mögen, denn er hatte
knöpfte sich den Mantel auf und sprach: auch Deinen Namen genannt. ,Siehst Du“,
„Glaubst Du, dass Lorenz lügt?“ sagte er, ,das ist mein Geheimniss. Bau nicht
„Nein,“ sagte sie. auf Weibertreue, Junge. Ist ein schlechtes
Er antwortete: „Es ist also wahr.“ Einen Ding darum. Dein Mädel — er hat Mädel ge-
Augenblick schien es, als schüttle ihn eine sagt, Hedwig — ist Dir doch gewiss sicher,
Wuth am ganzen Körper. Aberdas ging schnell wenigstens meinst Du so. Aber ich hab’ sie
vorüber; er sass bald so ruhig wie früher. gestern geküsst, jawohl, alter Junge, und sie
Das Mädchen stand noch immer fast reg- hat tapfer mitgehalten und in meinen Armen
ungslos am Fenster. Als sie ihn jedoch so gelegen, hier in diesen beiden Armen, und
ganz ruhig sah, kam es wie Trotz in ihr Ge- deshalb keine Feindschaft auch — was meinst
sicht. Du? — Das hat er gesagt.“
„Was willst Du eigentlich? Warum küm- Das Mädchen am Fenster war ein paar Mal
merst Du Dich noch um mich ? Warum schlugst zusammengeschauert. Ihre Hände umkrampf-
Du nicht die Thür zu? Du weisst doch nun, ten jetzt den metallenen Riegel.
dass es wahr ist! Willst Du mich zur Rede „Und was hast Du gethan?“ fragte sie dann
stellen? Ich bin doch kein Schulmädchen ieise.
mehr.“ „Was geht es Dich an“, fuhr er rauh em-
Da hob er den Kopf. por. „Das ist meine Sache.“ Und ruhiger
„Es steht Dir nicht, Hedwig — Du solltest setzte er hinzu: „Ich kam, um Abschied zu
mir die letzte Stunde nicht verbittern.“ nehmen und Dich zu fragen, wesshalb Du
Und während er aufstand und schwankend nich belogen und betrogen hast.“
®>n paar Schritte auf sie zuthat: „Warum hast Eine lange Pause entstand.
Du mir nicht die Wahrheit gesagt, Hedwig?“ „Ich muss es Dir erzählen“, begann das
Mit gesenktem Haupte schwieg sie lange. Mädchen endlich. „Lorenz kam vorgestern.
„Ich habe die Wahrheit gesagt,“ redete sie Du weisst, wie er ist. Er hatte wohl etwas
dann. getrunken. Seine Augen