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NOCH EINMALAuthor(s): HANNES KASTNER

Source: Hegel-Studien , Vol. 43 (2008), pp. 67-86 Published by: Felix Meiner Verlag GmbH

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HANNES KASTNER

NOCH EINMAL: DIE STELLUNG


DES MONARCHEN

Oder: Hegels „versteckte“ Demokratietheorie

I. Einleitung

Nachdem es in den auch in der Philosophie hoch politisierten siebziger Jah-


ren des letzten Jahrhunderts ein beliebtes Pauschalurteil geworden war, Hegels
Parteinahme für die Monarchie zum Anlaß zu nehmen, sich nicht weiter mit
der inneren Verfaßtheit des Staats in seiner Rechtsphilosophie beschäftigen zu
müssen, hat es in dem darauf folgenden Jahrzehnt einige Versuche gegeben, sei-
ne Argumentation systematisch zu rekonstruieren. Indem dabei die Stellung
des Monarchen als Einzelheit der inneren Verfassung logisch fundiert zu wer-
den schien, erlaubten die Interpretationsversuche zugleich auch, den Gliede-
rungsfehler in den Grundlinien als bloßes Darstellungsproblem zu behandeln.
Verbunden mit dem Hinweis auf die in den Vorlesungen schwächere Stellung
des Monarchen ist jene Deutung heutzutage wohl die herrschende Auffassung
geworden.1 Meines Erachtens greift die bisher geleistete Interpretationsarbeit
jedoch zu kurz und verstellt durch ihre Fixierung auf den monarchischen As-
pekt von Hegels Konzept der Vereinigung der Verfassungstypen den Blick auf
den originellen Teil von Hegels Staatsrechtslehre: seine Behandlung des demo-
kratischen Elements.
Es ist üblich geworden, dieses nur am Rande zu behandeln; einerseits wohl
deswegen, weil uns die Institutionalisierung der Demokratie in einem Zwei-
Kammern-Parlament in der Form, wie es von Hegel gefaßt wurde, heutzutage
fremd sein muß und sicherlich auch teilweise überholt ist. Andererseits scheint
bei der Auszeichnung des Monarchen als Einzelheit des vernünftigen Staats
das demokratische Element auch sachlich eine – jedenfalls in der Fassung der
Grundlinien – nebensächliche Rolle zu spielen, indem ihm nur eine Vermitt-
lungsfunktion zwischen Monarch und dem Staatsvolk zukomme.2 Hier lohnt

1 Siehe z. B.: Walter Jaeschke: Hegel-Handbuch. Leben – Werk – Schule. Stuttgart 2003.

303 f. – Siehe auch: Herbert Schnädelbach: Hegels praktische Philosophie. Ein Kommentar der Texte
in der Reihenfolge ihrer Entstehung. Frankfurt a. M. 2000. 313 f. – Die folgenden Ausführungen
betreffen Hegels Behandlung der Rechtsphilosophie in seiner Berliner Zeit. Ich werde mich in
der Darstellung allerdings vor allem auf die Grundlinien konzentrieren.
2 Siehe: Michael Wolff: Hegels staatstheoretischer Organizismus. Zum Begriff und zur Methode

der Hegelschen „Staatswissenschaft“. – In: Hegel-Studien. 19 (1984), 147–177; hier: 171.

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jedoch ein genauerer Blick auf die tatsächliche Vermittlungsleistung, stellt sie
doch Hegels logische Behauptungen im Staatsorganismus in Frage und vermag
zudem Denkanstöße für die heutige Demokratiedebatte zu liefern. Im Folgen-
den möchte ich deshalb eine alternative Interpretation des Staatsorganismus
entwickeln, welche die logisch-sachliche Ambivalenz in Hegels Behandlung der
inneren Verfassung herausarbeitet. Hierzu will ich zunächst eine kurze Über-
sicht über die übliche systemimmanente Interpretation geben, da ich überzeugt
bin, daß sie in einem wesentlichen Punkt mit Hegels Auffassung übereinstimmt
und insofern einen Teil der Ambivalenz charakterisiert.

II. Rekonstruktion der Hegelschen Bestimmung


des Monarchen als Einzelheit des Staats

Die stärkste Rechtfertigung von Hegels Einteilung läßt sich gemeinhin durch
den Nachweis der logischen Gültigkeit erbringen, und so hat es auch nicht an
Ansätzen gefehlt, diesen „Schluß von Schlüssen“ nachzuvollziehen. So haben
z. B. Michael Wolff und Henning Ottmann versucht, die Gewalten jeweils als
Schluß zu interpretieren, und deren Verhältnis dann als ebenjenen Schluß des
staatlichen Organismus.3 Allerdings ist es beiden nicht gelungen, Hegels Be-
hauptungen in eine der Logik adäquate Form zu bringen, insofern sie die Le-
gislative als höchste Stufe und damit eben nicht als Allgemeinheit interpretieren,
worauf Ludwig Siep zurecht hingewiesen hat. Während Siep meinte, daß Hegel
eine solche Zuordnung vermutlich gar nicht intendiert habe, jedenfalls diese
Aufgabe ihrer Lösung noch harre,4 glaube ich zeigen zu können, daß eine solch
eindeutige Zuordnung aufgrund der sachlich-logischen Ambivalenz gar nicht
möglich ist. Dennoch findet sich in Wolffs Analyse ein Argument, welches in
der Interpretation weiterführt und in dieser Klarheit, soweit ich sehe, von kei-
nem anderen Interpreten herausgearbeitet worden ist. Es lohnt sich daher, es
ausführlicher zu skizzieren.

3 Siehe: Michael Wolff: Hegels staatstheoretischer Organizismus. A. a. O.; zudem: Henning Ott-

mann: Hegelsche Logik und Rechtsphilosophie. Unzulängliche Bemerkungen zu einem ungelösten


Problem. – In: Dieter Henrich / Rolf-Peter Horstmann (Hgg.): Hegels Philosophie des Rechts. Stuttgart
1982. 382–393; hier: 390.
4 Siehe: Ludwig Siep: Hegels Theorie der Gewaltenteilung. – In: Hans Christian Lucas / Otto Pöggeler

(Hgg.): Hegels Rechtsphilosophie im Zusammenhang der europäischen Verfassungsgeschichte. Stuttgart-


Bad Cannstatt 1986. 387–420. (Spekulation und Erfahrung. Abteilung II. Band 1)

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A. Die fürstliche Gewalt als Einzelheit innerhalb des Staatsorganismus

Vor der Interpretation der inneren Verfassung bemüht sich Wolff aufzuzeigen,
daß Hegels Begriff des Staates ein organisiertes System von Staatsverständnissen
sei, von der nur die politische Verfassung selbst dem Organismusbegriff gerecht
werde, indem sie dem Schluß A – E – B entspreche.5 Dabei versteht er die poli-
tische Verfassung als Vermittlung des Allgemeinwillens mit den besonderen Wil-
len durch die Einzelnen (was wohl im Sinne der Gesamtheit der Staatsbürger
zu denken ist), welche durch die Institutionen der inneren Verfassung verwirk-
licht werde.6 Die einzelnen Gewalten sollen dann wiederum dem System des
Staats entsprechen, so daß sich schließlich die Frage stellt, welche Staatsgewalt
innerhalb der politischen Verfassung dem vermittelnden Schluß der politischen
Verfassung selbst entspricht. Sachlich formuliert Wolff das Problem so, daß eine
Staatsgewalt gesucht werde, deren Funktion die Bestimmung des Einzelwillens
als solchen ist, insofern er das Allgemeine mit dem Besonderen vermitteln kann;
ein Einzelwille also, welcher die Vermittlungsträger bestimmt.7 Da Hegel in der
bürgerlichen Gesellschaft schon gezeigt habe, daß es keine Subjekte geben kön-
ne, welche nicht auch besondere Interessen mitbrächten, müsse ein solches Sub-
jekt jenseits der bürgerlichen Gesellschaft stehen, so Wolff. Verkürzt formuliert
ergibt sich die Notwendigkeit des Monarchen dann daraus, daß es in der inter-
nen Vermittlung der politischen Verfassung, deren Terminus Medius die Einzel-
heit ist, eine Gewalt geben müsse, welche selbst identisch mit der Vermittlung
der politischen Verfassung ist. Somit bestehe das Argument für die Stellung des
Monarchen als Einzelheit darin, daß der Staat, weil er als Individuum aufzufas-
sen sei, seine Verwirklichung in einem Individuum finden müsse, und weil er als
Organismus sich selbst bestimme (bzw. er die Verwirklichung des freien Willens
sei), dürfe dieses Individuum dabei nicht von außen bestimmt werden.8
Tatsächlich ist eben dies Hegels Argument für die Bestimmung des Monar-
chen als Einzelheit des Staats: „Leben, Geist, Gott […] vermag die Abstraktion
deswegen nicht zu fassen, weil sie von ihren Erzeugnissen die Einzelheit, das
Prinzip der Individualität und Persönlichkeit, abhält und so zu nichts als leb-
und geistlosen, farb- und gehaltlosen Allgemeinheiten kommt.“9 Entsprechend
heißt es in der Enzyklopädie des Jahres 1830: „In der vollkommenen Form des

5 Siehe: Michael Wolff: Hegels staatstheoretischer Organizismus. A. a. O. 159.


6 Siehe: Ibid. 158; 166.
7 Siehe: Ibid. 167 f.
8 Siehe: Ibid. 169.
9 Siehe: Hegel: Wissenschaft der Logik II. Erster Teil. Die objektive Logik. Zweites Buch. Zwei-

ter Teil. Die subjektive Logik. – In: Ders.: Theorie-Werkausgabe. Band 6. Auf der Grundlage der
Werke von 1832–1845 neu edierte Ausgabe. Redaktion Eva Moldenhauer und Karl Markus Mi-
chel. Frankfurt a. M. 1969. 297. (Im Folgenden: TWA 6)

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Staats, in der alle Momente des Begriffs ihre freie Existenz erlangt haben, ist
diese Subjektivität nicht eine sogenannte moralische Person oder ein aus einer Ma-
jorität hervorgehendes Beschließen […], sondern als wirkliche Individualität Wille
eines beschließenden Individuums; – Monarchie.“10
Das Persönlichkeitsargument scheint mir – unabhängig davon, ob mit ei-
ner entwicklungsgeschichtlichen oder logischen Methodik vorgegangen wird
– der zentrale Punkt in den Rekonstruktionsbemühungen zu sein.11 Nun ist es
jedoch wichtig zu sehen, daß die Personalität alleine nicht hinreichend ist, um
aus dem Staatsoberhaupt einen Monarchen zu machen.Vittorio Hösle hat dies
pointiert dargestellt.12 Hegels Argument, das Wolff abstrakt als Identifizierung
der Individualität des souveränen Staates mit einem Individuum kennzeichnet,
ist ihm dabei jedoch entgangen. Hegel formuliert es in § 279 der Grundlinien:
„Die Souveränität, zunächst nur der allgemeine Gedanke dieser Idealität, existiert
nur als die ihrer selbst gewisse Subjektivität und als die abstrakte, insofern grund-
lose Selbstbestimmung des Willens […]. Es ist dies das Individuelle des Staats als
solches, der selbst nur darin einer ist. Die Subjektivität aber ist in ihrer Wahrheit
nur als Subjekt […]. Dies absolut entscheidende Moment des Ganzen ist daher
nicht die Individualität überhaupt, sondern ein Individuum, der Monarch.“13
Die staatliche Souveränität, das einfache Selbst des sich selbst bestimmenden
Individuums,14 ist nur wirklich, wenn sie in einem ebenso souveränen Subjekt
existiert. Erst beide Argumente: daß der Staat als Individualität aufzufassen sei
und daß jene abstrakte Souveränität des Selbstbestimmens als solche wirklich sein
müsse, damit der freie Wille Objektivität habe,15 ergeben für Hegel die Recht-
fertigung der Monarchie.16

10 Siehe: Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse. (1830). Dritter

Teil. Die Philosophie des Geistes. Mit den mündlichen Zusätzen. – In: TWA 10. § 542.
11 Besonders deutlich stellt dies heraus: Ludwig Siep: Hegels Theorie der Gewaltenteilung. A. a. O.

415 ff. – Sowie: Vittorio Hösle: Hegels System. Der Idealismus der Subjektivität und das Problem
der Intersubjektivität. Band 2: Philosophie der Natur und des Geistes. Hamburg 1987. 570 f. – Vgl.
zur entwicklungsgeschichtlichen Argumentation neben Ludwig Siep (a. a. O.) auch den durchaus
originellen Ansatz von: Claudio Cesa: Entscheidung und Schicksal: die fürstliche Gewalt. – In: Dieter
Henrich / Rolf-Peter Horstmann (Hgg.): Hegels Philosophie des Rechts. A. a. O. 185–205.
12 Siehe: Vittorio Hösle: Hegels System. A. a. O. 571.
13 Siehe: Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im

Grundrisse. Mit Hegels eigenhändigen Notizen und den mündlichen Zusätzen. – In: TWA 7.
14 Siehe: TWA 7, § 278.
15 Siehe: TWA 6, 253; TWA 7, §§ 28 f.
16 Siehe: TWA 7, § 281. – Wolffs Argumentation hat dabei allerdings eine Schwäche, auf die

er selbst hinweist. Die ursprünglich gesuchte Entsprechung der politischen Verfassung mit einer
ihrer Gewalten besteht eben nicht darin, daß es ein Subjekt geben muß, welches andere in die
(Regierungs-)Ämter wählt. Dies macht nur die Besonderheit der fürstlichen Gewalt aus (siehe:
TWA 7, §§ 283 ff.), während sich die Entsprechung im souverän beschließenden Einzelwillen
findet. – Siehe: Michael Wolff: Hegels staatstheoretischer Organizismus. A. a. O. 170.

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B. Die interne Vermittlung der fürstlichen Gewalt

Es ist durch die Wolffsche Analyse zwar einsichtig geworden, warum Hegel
glaubt, daß aus der logischen Form des Staatsorganismus sachlich die fürstliche
Gewalt als Einzelheit folgt; jedoch müßte Hegel dies auch in der Durchführung
ihrer internen Vermittlung belegt haben.
In § 275 der Grundlinien bestimmt er zunächst die einzelnen Momente dieser
Vermittlung auch dementsprechend. Bemerkenswerter Weise entwickelt er aber
die Momente wiederum in der umgekehrten Folge seiner einleitenden Gliede-
rung. Handelte es sich hier ebenfalls um ein Darstellungsproblem, so müßte sich
in den sachlichen Bestimmungen der fürstlichen Gewalt nachweisen lassen, daß
dennoch in der Form des in § 275 dargestellten Schlusses A – B – E (also als E
– B – A) geschlossen wird. Die Bestimmung der Einzelheit der fürstlichen Ge-
walt wurde oben schon entwickelt, es ist dies der Gedanke der Souveränität des
Monarchen. Das Moment der Besonderheit wird von Hegel einerseits als will-
kürliche Ernennung von Individuen zu oberen Regierungsstellen bestimmt, an-
dererseits als Unverantwortlichkeit für das Regierungshandeln.17 Schließlich soll
die Allgemeinheit der fürstlichen Gewalt subjektiv aus dem Gewissen des Mon-
archen und objektiv aus der durch Gesetze konkretisierten Verfassung bestehen,
welche – so muß man Hegel wohl verstehen – als identisch gesetzt sind.
Wie lassen sich diese Bestimmungen mit dem angegebenen Schluß verein-
baren? Will Hegel tatsächlich behaupten, daß die durch den Monarchen reprä-
sentierte staatliche Souveränität unter die Willkür des Monarchen in Bezug auf
die Wahl für die oberen Stellen und diese unter sein Gewissen in irgendeiner
Form subsumiert ist? Die Behauptung, daß das Gewissen des Monarchen der
staatlichen Souveränität inhäriere, ließe sich doch höchstens mit absolutisti-
schen Monarchien vereinbaren.
Der Zusammenhang zwischen logischer Schlußform und den Inhaltsbestim-
mungen ergibt sich erst, wenn man die logische Zuordnung der Extreme ver-
tauscht. Die Souveränität ist das Allgemeine, welches der Unverantwortlichkeit
bzw. Willkürfreiheit gegenüber den obersten Regierungsstellen prädiziert wird,
ebenso wie diese das Subjekt des Prädikats der Gewissensentscheidung ist.
Diese entgegen dem Wortlaut erfolgende Interpretation des Schlußschemas
anhand der sachlichen Bestimmungen läßt sich durch einen Blick auf die Be-
stimmungen der Begriffsmomente in der Wissenschaft der Logik erhärten. So
heißt es zum Begriff der Allgemeinheit: „Es ist aber gerade die Natur des All-
gemeinen, ein solches Einfaches zu sein, welches durch die absolute Negativität
den höchsten Unterschied und Bestimmtheit in sich enthält.“18 Und zwar näher

17 Siehe: TWA 7, §§ 283 f.


18 Siehe: TWA 6, 275.

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dadurch, daß es sich in seiner Selbstbestimmung nach außen reflektiert, so daß


jene Reflexion zugleich die Reflexion in sich ist.19 Eben ein solches Allgemei-
nes ist die Staatsouveränität. Sie ist als Reflexion nach außen in der willkürli-
chen Ernennung der oberen Regierungsstellen in anderes reflektiert, nämlich
in nicht souveräne Subjekte (wobei die Unverantwortlichkeit des Monarchen
für deren Handeln der einfachen Positivität des Allgemeinen im Besonderen
entspricht) und dabei in jener Reflexion auch in sich, indem die Willkürent-
scheidung in das Gewissen des Souveräns zurückgebogen ist. Zugleich bleibt
sie in allen ihren Momenten stets in sich, indem sie sich in ihren Momenten
nur konkretisiert.
Es stellt sich nun die Frage, wie die Interpretation der Selbstbestimmung des
Staats als Allgemeinheit mit Hegels Kennzeichnung des Monarchen als Ein-
zelheit zu vereinbaren ist. Hierzu bedarf es noch einmal einer genaueren Be-
trachtung seiner Herleitung. Zunächst ist es nämlich keineswegs der Monarch,
welcher in der Binnengliederung der fürstlichen Gewalt den Anfang macht,
sondern die Souveränität des Staats. Deren Einzelheit ist dann erst der Monarch.
Die logische Stellung des Monarchen als Einzelheit läßt sich mithin durch den
Verweis auf seine Stellung innerhalb der Staatssouveränität rechtfertigen. Hier
zeigt sich meines Erachtens nun der „Fehler“ Hegels, welcher in den Kern der
Ambivalenz seiner Bestimmung der inneren Verfaßtheit des Staats führt.

C. Die logisch-sachliche Ambivalenz in der Bestimmung


der Stellung des Monarchen

Um nämlich in der Vermittlung der Staatsformen das monarchische Moment


als Monarchie und nicht als bloße Notwendigkeit eines Staatsoberhaupts ein-
führen zu können, muß Hegel zeigen, daß es keine andere Bestimmung der
Repräsentanz der Souveränität des Staats in einer ebenso souveränen Person
geben kann als diejenige des Monarchen. Wie eingangs analysiert, besteht He-
gels Argument darin, daß jede Wahl eine Fremdbestimmung darstellen würde,
welche die Souveränität ausschließe. „Diese letzte Selbstbestimmung kann aber
nur insofern in die Sphäre der menschlichen Freiheit fallen, als sie die Stellung
der für sich abgesonderten, über alle Besonderung und Bedingung erhabenen Spitze hat
[…].“20 Für die Alternative der Wahl des Staatsoberhaupts aus der bürgerlichen
Gesellschaft heraus, welche Hegel selbst erörtert, ist ihm dies sicherlich auch
zuzugeben.21 Der Totalität des Organismusbegriffs hinsichtlich seiner Glieder

19 Siehe: Ibid. 278.


20 Siehe: TWA 7, § 279.
21 Siehe: TWA 7, § 281, Anm.

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entsprechend, gilt dies für die anderen Gewalten jedoch schon aufgrund ihrer
logischen Form nicht. Aber auch der inhaltliche Einwand der Identifizierung
eines partikulären Willens mit der Souveränität trifft auf das Parlament nicht zu,
insofern dort gerade die Partikularität überwunden werden soll.22 Die Frage
nach der sachlichen Ableitung des Monarchen als Einzelheit der fürstlichen Ge-
walt aus der Staatssouveränität führt einen somit in die mißliche Lage, daß der
einzige Grund hierfür in den inhaltlichen Implikationen der logischen Form
der Einzelheit zu bestehen scheint. Denn durch die Form der Einzelheit ist eine
spätere Vermittlung durch die anderen Gewalten von vornherein ausgeschlossen,
da diese in der Einzelheit schon vermittelt sind.23
Es findet sich allerdings noch ein weiterer Hinweis auf die Herkunft der Be-
stimmung des Monarchen als Einzelheit der fürstlichen Gewalt. Denn auch die
Staatssouveränität selbst wird von Hegel zu Beginn der fürstlichen Gewalt her-
geleitet. Die beiden Bestimmungen, welche die Staatssouveränität ausmachen,
sind einerseits die Unabhängigkeit der Gewalten von besonderen Individuen,
andererseits deren nur relationale Selbständigkeit, so daß sie „in der Einheit
des Staats als ihrem einfachen Selbst ihre letzte Wurzel haben [...].“24 Letzteres
wird von Hegel so verstanden, daß die Grundbestimmung des Staats die sub-
stantielle Einheit als Idealität sei, in welcher „die besonderen Gewalten und
Geschäfte desselben ebenso aufgelöst als erhalten und nur so erhalten sind, als
sie […] von seiner Macht ausgehen und flüssige Glieder desselben […] sind.“25
Hegel rekurriert hier auf die vernünftige Verfassung, nach welcher die Gewal-
ten in der Idealität des Staats als ihrem individuellen Ganzen verbleiben, indem
„jede dieser Gewalten selbst in sich die Totalität dadurch ist, daß sie die anderen
Momente in sich wirksam hat und enthält [...].“26 – Was genau der logischen
Bestimmung der Einzelheit entspricht: „In der Einzelheit ist jenes wahre Ver-
hältnis, die Untrennbarkeit der Begriffsbestimmungen, gesetzt;“ und zwar so, „daß
das Gesetztsein das Anundfürsichsein ist, d. h. daß die dem Unterschiede angehö-
rigen Bestimmungen selbst jede die Totalität ist. Die Rückkehr des bestimmten
Begriffes in sich ist, daß er die Bestimmung hat, in seiner Bestimmtheit der ganze
Begriff zu sein.“27
Folglich resultiert die Stellung des Monarchen als Einzelheit aus der unmit-
telbaren Identifizierung der Staatssouveränität mit der vernünftigen Verfassung.
Nunmehr läßt sich die Argumentation des § 280 der Grundlinien aufschließen.
Hegel führt einerseits die Bestimmung der Idealität des Staats als individueller

22 Siehe: TWA 7, § 309.


23 Siehe: TWA 6, 298 f.
24 Siehe: TWA 7, § 278.
25 Siehe: TWA 7, § 276.
26 Siehe: TWA 7, § 272.
27 Siehe: TWA 6, 299.

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Ganzheit, seine Form der Einzelheit, und andererseits die allgemeine und daher
von seinen Ausdifferenzierungen in die Gewalten abstrahierende Bestimmung je-
ner Einzelheit, die Staatssouveränität, zusammen. Da der vernünftige Staat Einzel-
heit ist, muß auch seine Allgemeinheit eine Einzelheit sein, und zwar – wie sich
aus der Abstraktionsleistung ergibt – eine unvermittelte, welche der Staatssouve-
ränität als Allgemeinheit der Idealität des Staats zugrundeliegt. Die Einzelheit ist
daher nicht bloß natürliches Subjekt, sondern zudem auch durch die Natur hier-
zu Erwähltes, da jede andere Wahl die Abstraktionsleistung aufheben würde.
Überzeugend ist diese Argumentation jedoch nicht. Die Grundbestimmung
des politischen Staats, substantielle Einheit seiner Momente zu sein, trifft alle
Gewalten und ist somit nicht in einer von ihnen zu entwickeln. Hegel bestimmt
die Einzelheit des Monarchen insofern in einem schlechten Zirkel: Die Einheit
aller Gewalten ist abstrakt die im Monarchen verwirklichte Staatssouveränität,
in welcher alle Gewalten aufgelöst sein sollen, wobei er zugleich als eine Gewalt
bestimmt ist, so daß er sich in sich selbst auflöst, sich aber als aufgehobene Ge-
walt wiederum selbst repräsentiert. Wenn man so will, verschwindet durch die
Identifizierung der Einzelheit des vernünftigen Staats mit der Staatssouveränität
die Monarchie in sich selbst.
Wie gezeigt, entwickelt Hegel jedoch in der Binnengliederung der fürstli-
chen Gewalt dieselbe nicht im Ausgang von der behaupteten Einzelheit, sondern
als Allgemeinheit, welche der Staatssouveränität auch entspricht. Die Ambivalenz
in Hegels Verortung des Monarchen besteht also darin, daß Hegel erstens die
notwendige Repräsentation des Staats in Form seiner Souveränität unmittelbar
mit der Einzelheit des vernünftigen Staats identifiziert, um so die anderen Ge-
walten aus der Vermittlung des Staatsoberhaupts ausschließen zu können, wäh-
rend er zweitens die Staatssouveränität als abstrakte und daher bloß allgemeine
Bestimmung der zugrundeliegenden Idee des Staats als Organismus entwickelt.
Auch wenn es nicht mehr möglich ist, Hegels Grund für seine ambivalente
Entwicklung des Monarchen herauszufinden, so war er sich – zumindest bis zu
einem gewissen Grade – sicherlich jener Ambivalenz bewußt. So heißt es in der
Vorlesung über Rechtsphilosophie (1822/23) zur Begründung des Beginns mit der
fürstlichen Gewalt als dem absoluten Selbstbestimmen des Staats: „Ich ist näm-
lich zugleich das Einzelnste und das Allgemeinste. In der Natur ist auch zunächst
ein Einzelnes, aber die Realität […] ist nicht das Beisichseiende, sondern die
verschiedenen Einzelheiten bestehen nebeneinander. Im Geiste ist dagegen alles
Verschiedene nur als Ideelles und als eine Einheit. Der Staat ist so als Geistiges
die Auslegung aller seiner Momente, aber die Einzelheit ist zugleich die See-
lenhaftigkeit und das belebende Prinzip, die Souveränität, die alle Unterschiede
in sich enthält.“28 Mir scheint, daß in seinem Verweis auf die doppelte Bedeu-

28 Siehe: Hegel: Philosophie des Rechts. Nach der Vorlesungsnachschrift von H. G. Hotho 1822/23.

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Noch einmal: die Stellung des Monarchen 75

tung des reinen Selbstbewußtseins die Ambivalenz angesprochen wird. So heißt


es schon in der entsprechenden Erörterung in der Wissenschaft der Logik zum
Verhältnis des Einzelnen und Allgemeinen im Ich, „von dem einen und dem
anderen [Ich und Begriff; H. K.] ist nichts zu begreifen, wenn nicht die ange-
gebenen beiden Momente zugleich in ihrer Abstraktion und zugleich in ihrer
vollkommenen Einheit aufgefaßt werden.“29
Dementsprechend identifiziert Hegel im obigen Zitat auch die Einzelheit
des Staats als Organismus mit dessen allgemeiner Bestimmung, der Staatssouve-
ränität.30 Ebenso zeigt sich dabei aber auch Hegels Argumentationsfehler, indem
er die Ebene des Staatsorganismus, auf welcher gilt, daß der vernünftige Staat
als in sich ausdifferenziert Einzelheit und zugleich als einfaches Selbst auch
Allgemeinheit ist, mit der Ebene einer einzelnen Gewalt, auf welche dies nicht
zutrifft, vermengt. Es steht daher zu vermuten, daß Hegel in der Einzelheit der
Souveränität, dem durch seinen Beschluß den Staatswillen in die Wirklichkeit
übersetzenden Staatsoberhaupt, und der dem Ich entsprechenden Struktur des
Staatsorganismus eine Parallele sah, welche ihn die Stellung des Staatsoberhaupts
als Einzelheit und somit die Monarchie präsupponieren ließ.
In der Konsequenz des Durchgriffs der Einzelheit des Staatsorganismus auf
seine Souveränität liegt schließlich, daß auch im die Gewalten vermittelnden
Schluß die Extreme der Allgemeinheit und Einzelheit vertauscht worden sind,
wie der die Gliederung des inneren Staatsrechts in § 273 und die Corpora der
entsprechenden Paragraphen der Grundlinien vergleichende Blick bestätigt. So
wird die Regierungsgewalt eben nicht aus der Allgemeinheit der Legislative,
sondern aus der souveränen Entscheidung des Monarchen abgeleitet. Dabei
besteht die Prädizierung der fürstlichen Gewalt auf die Regierungsgewalt so-
wohl als Inhärenz- als auch als Subsumtionsverhältnis. Die Berechtigung des
Regierungshandelns ist gemäß § 287 und § 293 der Grundlinien derivativ zur
Souveränität des Monarchen, mithin bezieht es seine Legitimität aus der In-
härenz der Souveränität in den jeweiligen Handlungen der Behörden. Ebenso
bestimmt Hegel das Subsumtionsverhältnis, indem er in § 291 der Grundlinien
darauf verweist, daß die Behörden nur das zur Ausführung bringen können,
was zuvor schon durch den Monarchen entschieden und folglich in Wirksam-

– In: Ders.: Vorlesungen über Rechtsphilosophie. 1818–1831. Edition und Kommentar in sechs Bän-
den von Karl-Heinz Ilting. Band 3. Stuttgart-Bad Cannstatt 1974. § 275. (Im Folgenden: Hotho)
29 Siehe: TWA 6, 253.
30 Die Bestimmung der Staatssouveränität als der Seelenhaftigkeit des Staats zeigt im übrigen

noch einmal die logische Bestimmung der Souveränität als Allgemeinheit auf, indem die Seele
als das einfache Allgemeine des Geistes bestimmt ist. – Siehe: Hegel: Enzyklopädie der philosophi-
schen Wissenschaften im Grundrisse. (1817). Unter Mitarbeit von Hans-Christian Lucas † und Udo
Rameil herausgegeben von Wolfgang Bonsiepen und Klaus Grotsch. – In: Ders.: Gesammelte Werke.
In Verbindung mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft herausgegeben von der Nordrhein-
Westfälischen Akademie der Wissenschaften. Band 13. Hamburg 2000. § 308.

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keit gesetzt wurde. Analog zur Binnengliederung der fürstlichen Gewalt zeigt
sich also auch hier, daß die inhaltliche Entwicklung logisch zu der Annahme
zwingt, die fürstliche Gewalt als Allgemeinheit zu betrachten.31 Dementspre-
chend wird sie schließlich in der gesetzgebenden Gewalt eingeführt. In § 300
der Grundlinien heißt es zu ihrem Verhältnis schlicht: „In der gesetzgebenden
Gewalt als Totalität sind zunächst die zwei anderen wirksam, das monarchische, als
dem die höchste Entscheidung zukommt […].“32 Mithin wird von Hegel der
Parlamentsbeschluß unter die Entscheidung des Monarchen subsumiert, wobei
man noch hinzufügen könnte, daß die Staatssouveränität natürlich auch dem
Beschluß des Parlaments inhäriert. Es ist also nicht weiter überraschend, daß die
Rekonstruktionsbemühungen von Hegels Schluß der Staatsgewalten stets die
Legislative als höchste Schlußform bzw. als Einzelheit ergeben haben.33
Zuletzt läßt sich durch die geleistete Analyse verstehen, daß Hegels inhalt-
liche Erörterung der Stellung des Monarchen in den Vorlesungen keineswegs
der Fassung der Grundlinien widersprechen, wie gelegentlich zu lesen ist. Man
kann eigentlich nicht einmal behaupten, daß er sie im Vergleich zur veröffent-
lichten Fassung deutlich abschwächt, obwohl sie natürlich schwächer gefaßt ist.
Die Vorlesungen explizieren vielmehr die schon in den Grundlinien vorhandene
inhaltliche Entwicklung und sind somit Ausdruck der herausgearbeiteten Am-
bivalenz.
Man kann die Grundlinien nach dem Wortlaut interpretieren und an der Ein-
zelheit der fürstlichen Gewalt festhalten. Abgesehen davon, daß dies sowohl in
ihrer Binnengliederung Schwierigkeiten aufwirft als auch mit dem Wortlaut der
Bestimmungen der Regierungsgewalt nicht in Einklang zu bringen ist, müßten
einem spätestens die betreffenden Passagen aus den Vorlesungen in Verlegen-
heit bringen, da sie nicht mit den Implikationen des Begriffs der Einzelheit
verträglich sind. Nach der hier vorgelegten Analyse lassen sie sich hingegen in
die Systematik der Grundlinien eingliedern. Denn jene „höchste Entscheidung“,
welche dem Monarchen in Bezug auf die Parlamentsbeschlüsse zukommen soll,
kann dann nur formal aufgefaßt werden, insofern die Einzelheit des Monarchen
von Hegel nur als eine formale Bestimmung entwickelt wird. Der konkrete
Inhalt des Staatswillens kann dagegen nur durch das Parlament beschlossen
werden, da ihm inhaltlich die Stellung der Einzelheit zukommt; die Funktion
des Monarchen beschränkt sich insoweit tatsächlich nur auf den Namen, durch
welchen angezeigt wird, daß der Staat als Souverän (und somit als ganzer) sei-
nen Willen bestimmt und ihn in Wirksamkeit gesetzt hat (indem nämlich der
Monarch durch die Unterschrift objektiv setzt, daß er sich durch Lesen des be-

31 Siehe hierzu insgesamt: TWA 7, §§ 287 ff.


32 Siehe: TWA 7, § 300.
33 Siehe: FN 4.

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Noch einmal: die Stellung des Monarchen 77

treffenden Gesetzes dessen Inhalt als Repräsentant des Staats bewußt geworden
ist).34 Auch läßt sich nur so begreifen, warum Hegel glaubt, objektiv von einer
Übereinstimmung des subjektiven Gewissens des Monarchen mit dem Ganzen
der Verfassung und den Gesetzen ausgehen zu können, wie es als drittes Mo-
ment der fürstlichen Gewalt von ihm gefordert wird.35 Die Übereinstimmung
muß nämlich stets vorliegen, wenn der Monarch seinen „Punkt auf das I“ des
Gesetzestexts setzt, sein Gewissen also nur der Form nach bezogen wird.36 So
erscheinen die Ausführungen in den Vorlesungen als Explikation der Ambiva-
lenz in den Grundlinien zwischen der formalen Bestimmung des Monarchen als
Einzelheit und der inhaltlichen Entwicklung der Souveränität als Allgemeinheit;
zugleich unterminieren sie aber dadurch die behauptete logische Fassung der
inneren Verfassung für sich.

III. Hegels „versteckte“ Demokratietheorie

Abschließen möchte ich mit einer kurzen Erörterung der sich aus der herausge-
arbeiteten Analyse ergebenden Konsequenz für die gesetzgebende Gewalt. Mit
dem Ergebnis, daß der inhaltlichen Entwicklung nach die Stellung der Extreme
innerhalb des Schlusses des Staatsorganismus zu vertauschen sind, drängt sich
nämlich die Frage auf, inwiefern die Legislative tatsächlich eine der logischen
Bestimmung der Einzelheit entsprechende Vermittlung leistet. Um ihr nach-
zugehen, werde ich den Fokus der vorherigen Untersuchung erweitern. Zwar
ließe sie sich auch im Anschluß an Siep als Frage nach der internen Vermittlung
der Willensbestimmung des Staats betrachten,37 jedoch geriete dadurch die ein-
leitend behauptete Hegelsche Pointe seiner Behandlung des demokratischen
Elements nicht in das Blickfeld, setzt sie doch an dem Verhältnis der Subjekte
zum Staat an. Insofern sollen die Gewalten in Bezug auf ihre Leistung hinsicht-
lich der Aufgabe des Staatsorganismus befragt werden, die in der Sittlichkeit
anvisierte Vermittlung der beiden Formen der Objektivität des freien Willens
zu vollenden.

34 Siehe: Hegel: Philosophie des Rechts nach der Vorlesungsnachschrift K. G. v. Griesheims 1824/25.

– In: Ders.: Vorlesungen über Rechtsphilosophie. A. a. O. Band 4. Stuttgart-Bad Cannstatt 1974. §§ 279
und § 283. (Im Folgenden: Griesheim) – Man muß noch einmal auf die Konsequenzen aufmerk-
sam machen, welche mit dem Festhalten an der Einzelheit des Monarchen einhergehen. Stünde
es im Belieben des Monarchen, jeden Parlamentsbeschluß abzulehnen oder gar – wie sich aus
dem Binnenglied der fürstlichen Gewalt als Einzelheit ergäbe – frei zu entscheiden, so ist es völlig
uneinsichtig, wozu überhaupt noch ein Parlament gebraucht wird. Es wäre letztlich doch nicht
besser als andere Debattierclubs.
35 Siehe: TWA 7, § 285.
36 Siehe: Hotho. § 280.
37 Siehe: Ludwig Siep: Hegels Theorie der Gewaltenteilung. A. a. O. 411 ff.

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78 H anne s K ast ne r

A. Die Vermittlung von politischer Gesinnung


und politischer Verfassung

Hegel bestimmt die beiden Formen der Objektivität für das innere Staatsrecht
einerseits als politische Gesinnung – die Objektivität des freien Willens in den
Subjekten – und andererseits als politische Verfassung des Staats und somit als
Staatsorganismus – seine Objektivierung in intersubjektiven Institutionen. Es ist
häufig zu lesen, Hegel habe dabei das Moment der Gesinnung gegenüber der
politischen Verfassung abgewertet.38 Man darf aber nicht übersehen, daß sie zu-
nächst systematisch gleichwertige Fassungen der Objektivität des freien Willens
sind. Beide Objektivierungen sind – entsprechend der Vorgabe der allgemeinen
Bestimmungen des Staats – Einheit beider Momente.39 Die vermeintliche Dif-
ferenz, die sich sowohl in der Ausführlichkeit der Bestimmungen der politischen
Verfassung als auch in der Nachläufigkeit der Gesinnung finden soll, folgt bei
näherer Betrachtung aus der Weise der Auffassung der Einheit von Subjektivität
und Substantialität.
So formuliert Hegel für die politische Gesinnung etwas unglücklich, daß
der sich inhaltlich auf die konkrete Ausformung der Staatsinstitutionen bezie-
hende Patriotismus die „in Wahrheit stehende Gewißheit sei“ – also ein Wissen
beinhaltet, welches zwar an sich die Identität des patriotischen Subjekts und
des Staatsorganismus ist, für das Subjekt jedoch nur in Form der Gewißheit
erscheint, als Bewußtsein eines ihm gegenüberstehenden Objekts. Umgekehrt
beinhaltet auch die politische Verfassung das Moment der Objektivierung des
freien Willens in den Subjekten, da die Gewalten als Institutionen nicht bloße
Objekte sind, sondern durch sie die ausübenden Subjekte selbst ein Bewußtsein
von sich haben.40 Insofern die politische Gesinnung ihren konkreten Inhalt aus
der Entwicklung des Staatsorganismus nimmt, muß dieser nicht nur die Wil-
lensvermittlung des Staats selbst, sondern ebenso diejenige der einzelnen Sub-
jekte zu ihrer Allgemeinheit im Staat leisten.
Betrachtet man die Gewalten darauf hin, so zeigt sich, daß die Vollendung
dieser Vermittlung nur in der Legislative erreicht werden kann, da nur dort alle
Subjekte als Staatsbürger institutionell einbezogen werden. Innerhalb der politi-
schen Verfassung besteht dagegen die Vermittlung beider Momente zunächst nur
darin, daß der Staatswillen unmittelbar identisch mit dem Willen des Monarchen

38 Um nur einige prominente Beispiele zu nennen: Walter Jaeschke: Hegel-Handbuch. A. a. O.

391; Herbert Schnädelbach: Hegels praktische Philosophie. A. a. O. 308 f.; sowie: Vittorio Hösle: Hegels
System. A. a. O. 561 ff. – Reinhardt Albrecht spricht gar von einem „Theoriefehler“. – Siehe: Rein-
hardt Albrecht: Hegel und die Demokratie. Bonn 1978. 198 f. (Abhandlungen über die Philosophie,
Psychologie und Pädagogik. Band 135)
39 Siehe: TWA 7, § 267; sowie: Griesheim, § 267.
40 Siehe: TWA 7, §§ 268 ff.

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Noch einmal: die Stellung des Monarchen 79

sein soll. In der fürstlichen Gewalt ist folglich das Verhältnis der beiden Momente
so gesetzt, wie es zuvor allgemein bestimmt wurde. Beide Momente sind inner-
halb der Gewalt unmittelbar identisch, aber gerade deswegen steht der Staat in
Form seines Souveräns den Bürgern gegenüber. In der Regierungsgewalt als der
Reflexion dieses Verhältnisses finden sich die beiden Momente so wieder, daß
jedes Moment der durch die politische Verfassung vorgegebenen Einheit selbst
wiederum durch das jeweils andere vermittelt ist; analog zum Schlußabschnitt der
bürgerlichen Gesellschaft handelt es sich also um zwei partielle Vermittlungen.
Verkürzend dargestellt ist das eine Moment, daß die Beamtenschaft durch
ihre Tätigkeit und die Sorge des Staats um ihr besonderes Wohl eine mit dem
Staatsorganismus identische Gesinnung ausbilden. Das Mangelhafte dieser Ver-
mittlung ist einerseits, daß nicht alle Bürger Beamte sein können und folglich
jene Identität nicht für alle Bürger objektiv gesetzt ist; andererseits und ent-
scheidend ist aber, daß die Beamten nur dadurch zu einer mit dem Staat iden-
tischen Gesinnung kommen, daß in ihnen ihre Besonderheit nicht im vollen
Sinne der bürgerlichen Gesellschaft zu ihrer Berechtigung kommt.41 Das andere
Moment liegt im Durchgriff des Staates auf die Sphäre der bürgerlichen Gesell-
schaft, wodurch er die besonderen Zwecke der Bürger institutionell anerkennt,
indem er sie erhält. Die Gesinnung der Bürger bezieht sich daher insoweit af-
firmativ auf den Staat, wie sie sich dessen Notwendigkeit zur Gewährleistung
ihrer Besonderheit bewußt sind und sie anerkennen. Jedoch bleibt auch diese
Einheit partiell, da einerseits die Subjekte den Staat nur in seiner ihre Besonder-
heit erhaltenden Form als ihre Substanz wissen (womit die Besonderheit letzter
Zweck bleibt), sowie andererseits der Staat sie institutionell nur als Mitglied der
bürgerlichen Gesellschaft – und damit gerade nicht als Staatsbürger – erfaßt.42
Aus der Komplementarität der Mängel der Vermittlung läßt sich nun die
formale Struktur ihrer vollendeten Fassung angeben. So müssen im Moment
der Institution die sie ausfüllenden Subjekte nicht nur nach ihrer substantiel-
len Seite enthalten sein, sondern auch in ihrer Besonderheit, ebenso wie die
Bürger nicht nur als äußerlich zu erhaltende Besonderheit, sondern auch nach
ihrer Allgemeinheit durch die Institution bezogen werden müssen. Gesucht
wird also eine Staatsgewalt, welche institutionell die Bürger als Ganze bezieht,
und zwar dadurch, daß die sie ausübenden Subjekte in ihrer Ausübung selbst
als Ganze tätig sind. Anhand der formalen Bestimmung wird unmittelbar die
Schwierigkeit der Konstitution einer solchen Gewalt ersichtlich. Ist es nämlich
die Aufgabe des Staats, die Rückführung der Mitglieder der bürgerlichen Ge-
sellschaft in ihre substantielle Allgemeinheit zu leisten, muß eine Gewalt, welche
die Subjekte sowohl nach ihrer Besonderheit als auch Allgemeinheit beziehen

41 Siehe: TWA 7, §§ 294 ff.


42 Siehe: TWA 7, §§ 287 ff.

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80 H anne s K ast ne r

soll, selbst diese Rückführungsleistung erbringen. Anders formuliert: Sie muß so


verfaßt sein, daß die sie ausübenden Subjekte sich in ihrer Tätigkeit von ihren
besonderen Zwecken zu ihrer Allgemeinheit bestimmen. Es ist leicht einsichtig,
daß eine solche Gewalt legislative Funktion haben muß; schwierig ist jedoch
die Frage zu beantworten, wie die Legislative zu gestalten ist, damit es tatsäch-
lich zu einer Überführung der besonderen Interessen in die Allgemeinheit des
Staatswillens kommt.
Es ist häufig darauf aufmerksam gemacht worden, daß Hegel vielfach gegen
eine abstrakte, verstandesmäßige Vorstellung des demokratischen Elements po-
lemisiert habe, und es sei ja auch aufgrund von Hegels Logik naheliegend, daß
ein Kompromiß zwischen atomistischen, besonderen Interessen nur zu einem
gemeinschaftlichen, keinesfalls aber zu einem allgemeinen Willen führe.43 So-
weit ich sehe, findet sich dennoch nirgends eine positive Explikation von He-
gels Auffassung dieser Vermittlung. Gerade hierin liegt aber das Spezifische des
Hegelschen Demokratieverständnisses.

B. Die Vollendung der Vermittlung in der gesetzgebenden Gewalt

Ein erster Hinweis findet sich in der wenig beachteten Anmerkung des § 289
der Grundlinien. Dort heißt es: „Dies ist das Geheimnis des Patriotismus der
Bürger nach dieser Seite, daß sie den Staat als ihre Substanz wissen, weil er ihre
besonderen Sphären […] erhält. In dem Korporationsgeist, da er die Einwurze-
lung des Besonderen in das Allgemeine unmittelbar enthält, ist insofern die Tiefe und
die Stärke des Staates, die er in der Gesinnung hat.“44 Die Vermittlungsleistung
der Exekutive sieht Hegel mithin durch die besondere Bewußtseinsstruktur der
Korporationsmitglieder (die Objektivität des freien Willens in ihnen) gewähr-
leistet, denn indem diese ihren partiellen Zweck unmittelbar in der relativen
Allgemeinheit ihrer Korporation aufgehoben wissen, folgt für sie der äußere
Eingriff der Staatsmacht derselben Struktur wie die Sorge ihrer Korporation
um sie.45 Die Übereinstimmung der Gesinnung und der Regierungsgewalt liegt
also daran, daß die Bürger, soweit sie Korporationsmitglieder sind, eine dem
Handeln der Regierungsgewalt entsprechende Bewußtseinsstruktur aufweisen.
Für die Vermittlungsleistung der gesetzgebenden Gewalt folgt hieraus, daß
die Einheit von Gesinnung und Verfassung dadurch erreicht werden muß, daß

43 Siehe: TWA 7, § 303; sowie: Herbert Schnädelbach: Hegels praktische Philosophie. A. a. O. 319 f.;

schließlich: Vittorio Hösle: Hegels System. A. a. O. 577 f.


44 Siehe: TWA 7, § 289, Anm.
45 Insofern wird im Staat den Korporationsmitgliedern die in der bürgerlichen Gesellschaft

nur an sich seiende Identität von Polizei und Korporation auch bewußt. – Siehe insgesamt: TWA
7, §§ 255 f.

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Noch einmal: die Stellung des Monarchen 81

die Verfaßtheit der Institution, des Parlaments,46 dafür bürgt, daß die Bürger die
Rückführung ihrer Besonderheit in die Allgemeinheit des Staats als ihre inter-
ne Bewußtseinsbildung vollziehen. Dann sind aber das „einfache“ Mitglied der
bürgerlichen Gesellschaft und sein Vertreter (welche die Basis der Theorien über
die abstrakt repräsentative Demokratie darstellen) ungeeignet, um die gesetzge-
bende Gewalt auszuüben, da sie als ihre Besonderheit substantialisierend keine
entsprechende Bewußtseinsstruktur aufweisen.47 Es bleiben demnach nur noch
die Korporationsmitglieder, welche ihre Besonderheit schon soweit negiert
haben, daß sie ihre Substantialität in der beschränkten Allgemeinheit der Kor-
poration finden.48 Dies – und nicht die Symmetrie zwischen Volksorganisation
und Staatsorganismus – scheint mir der Grund zu sein, warum Hegel nur Kor-
porationsmitglieder aus der bürgerlichen Gesellschaft abordnen lassen will. Nur
dadurch ist gewährleistet, daß die Abgeordneten objektiv ihrer Bestimmung
gerecht werden, sowohl das Allgemeine als auch ihr Besonderes zu wollen, wie
Hegel es etwas unspezifisch in der Anmerkung zu § 308 der Grundlinien formu-
liert.49 Zugleich ist es ein Teil der Erklärung dafür, daß die Abordnung durch
die Korporationen und nicht durch das Volk zu erfolgen hat.
Der andere Teil ist, daß die Abgeordneten nicht als Einzelne über den Allge-
meinwillen beraten, sondern als Repräsentanten ihrer Korporation deren Inter-
esse repräsentieren sollen. Prima facie ist es heutzutage schwer nachvollziehbar,
zur Bildung des Allgemeinwillens im Parlament zu fordern, daß die Partikular-
interessen, wie Hegel es formuliert, „wirklich gegenwärtig“ sein müssen.50 Doch
tatsächlich liegt genau hierin die Lösung des Problems, wie die Subjekte durch
die Ausgestaltung des Parlaments ihre Besonderheit zur Allgemeinheit zurück-
führen können und damit den Allgemeinwillen objektiv bilden. Denn für die
Abgeordneten stellen die Zwecke der von ihnen repräsentierten Korporationen
noch ihre substantielle Allgemeinheit dar, während sie in der Beratung im Parla-
ment deren Partikularität erfahren. Hierdurch stellt sich für sie heraus, daß ihre
Substanz selbst nur ein ebensolches Besonderes ist, wie sie es als ursprüngliche
Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft waren. Da sie als Korporationsmitglie-
der ihrer Bewußtseinsstruktur nach aber wissen, daß jene Substantialisierung
der eigenen Besonderheit mangelhaft ist, zeigt sich ihnen in der Parlamentsde-

46 Da es mir nur um die allgemeine Struktur der in der Legislative geleisteten Vermittlung

geht, lasse ich Hegels Ausführungen zu dem Zwei-Kammern-System beiseite, ebenso wie andere
der Korporation entsprechende Strukturen (Gemeinden, etc.).
47 Siehe: TWA 7, § 195.
48 Siehe: TWA 7, § 253.
49 Siehe: TWA 7, § 308, Anm. – In der Vorlesung der Jahre 1824/25 bestimmt Hegel den Sinn

der Korporationen in Bezug auf die gesetzgebende Gewalt auch damit, daß in ihr als Mittelglied
zwischen den Einzelnen und dem Staat ihre Mitglieder eine bewußte Tätigkeit für das Allgemei-
ne finden. – Siehe: Griesheim, § 251.
50 Siehe: TWA 7, § 311, Anm.

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batte, daß die Interessen ihrer Korporation gleichermaßen nur in und durch ein
übergeordnetes Allgemeines erhalten werden können und ihre entsprechende
Berechtigung haben.
Ähnlich der von Hegel herausgehobenen Einheit von Gesinnung und Ver-
fassung hinsichtlich der Regierungsgewalt durch die strukturelle Identität der
Korporation und der Staatsmacht (in Gestalt der Rechtspflege und Polizei), be-
steht der Fortschritt in der Institution des Parlaments also darin, daß sich den
Abgeordneten die Identität ihrer ursprünglichen Verfaßtheit in der bürgerlichen
Gesellschaft und der Struktur der Korporationen offenbart. Die Bildung des All-
gemeinwillens als Aufhebung der Partikularinteressen der vertretenen Korpora-
tionen vollzieht sich mithin dadurch, daß die Abgeordneten die Negation ihrer
ursprünglichen Besonderheit in der bürgerlichen Gesellschaft, die Korporation,
in der Parlamentsdebatte wiederum negieren, wodurch folglich gleichzeitig
die Rückführung der Subjekte in ihre an-und-für-sich-seiende Allgemeinheit
stattfindet. So ist gerade die Offenlegung der Partikularinteressen durch die sie
vertretenen Abgeordneten die Voraussetzung dafür, daß die Parlamentsbeschlüs-
se keine gemeinsamen Kompromisse, sondern ein den Namen verdienender
Ausdruck des Allgemeinwillens sind.
Durch die doppelte Negation in der internen Entwicklung der Subjekte
wird schließlich auch die anvisierte Identität von Gesinnung und Verfassung in-
nerhalb des Staatsorganismus erreicht: Welchen Inhalt der konkrete Allgemein-
wille auch hat, stets gilt, daß er notwendigerweise und damit objektiv identisch
mit der Selbstbestimmung der Abgeordneten ist. Die Legislative ist daher der
Prozeß, in welchem die in den Institutionen der bürgerlichen Gesellschaft an
sich vorhandene Vereinigung von Freiheit und Notwendigkeit auch für die Bür-
ger und somit an-und-für-sich wird.51 Folglich werden dann auch die anderen
Gewalten von den Subjekten rückwirkend durch den Prozeß der Identitätsbil-
dung innerhalb der gesetzgebenden Gewalt als mit ihrer Gesinnung identisch
gewußt. Das durch den Monarchen in Wirksamkeit Versetzte und von der Exe-
kutive Ausgeführte muß nun stets denselben Inhalt haben wie ihre eigene Wil-
lensbestimmung. Erst hier wird somit die im § 268 der Grundlinien aufgestellte
Behauptung der Identität von Gesinnung und Verfassung eingeholt, welches als
Zutrauen „das Bewußtsein [ist], daß mein substantielles und besonderes Inter-
esse im Interesse und Zwecke eines Anderen (hier des Staats) als im Verhältnis
zu mir als Einzelnem bewahrt und enthalten ist, womit eben dieser unmittelbar
kein anderer für mich ist und Ich in diesem Bewußtsein frei bin.“52 Dies ist der
konkrete Inhalt der Einzelheit des Staatsorganismus entsprechend der Analyse
im vorherigen Abschnitt.

51 Siehe: TWA 7, § 256.


52 Siehe: TWA 7, § 268.

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Noch einmal: die Stellung des Monarchen 83

Gleichwohl ist übrigens selbst die innerhalb des Staatsorganismus vollendete


Vermittlung von Gesinnung und Verfassung hinsichtlich der Vermittlung beider
Momente als solchen noch mangelhaft. Zwar ist zu erwarten, daß es durch die
Verhandlungen und insbesondere deren Öffentlichkeit zu einer Versittlichung
der abordnenden Institutionen kommt, doch gibt es keinen Grund dafür, daß
dadurch alle Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft den Bewußtseinsprozeß
der Abgeordneten mit- und nachvollziehen. Vielmehr stehen sie objektiv dem
Staat immer noch gegenüber. Im Unterschied zur Ebene der Exekutive ist je-
doch der Inhalt der staatlichen Allgemeinheit an sich identisch mit ihrem Willen,
da im Parlament durch die Abgeordneten alle wesentlichen besonderen Zwecke
vertreten sind. Die Äußerlichkeit besteht daher in der gesetzgebenden Gewalt
nur der Form nach, oder es mangelt bloß an der Notwendigkeit der Selbst-
bestimmung aller Bürger zum Allgemeinwillen, so daß die Identität der Ver-
wirklichung des freien Willens in den Subjekten und in dem Staatsorganismus
objektiv zufällig bleiben muß – der Mangel des objektiven Geistes überhaupt.
In der Ambivalenz der öffentlichen Meinung bei der gleichzeitig vorhandenen
Gebundenheit an den Zeitgeist, welche durch die Notwendigkeit der wesentli-
chen Übereinstimmung des konkreten Willens des (geschichtlichen) Staats mit
dem Bewußtsein seiner Bürger besteht, kündigt sich insofern schon innerhalb
des Staats der Übergang in den absoluten Geist an.53
Es ist bedauerlich, daß Hegel diese strukturierenden Momente des inne-
ren Staatsrechts nicht durchgängig ausformuliert hat. Mag es nun daran liegen,
daß damit die Stellung des Monarchen als Einzelheit offensichtlich fraglich
geworden wäre oder daran, daß Hegel die Korporationen erst beim Verfassen
der Grundlinien in ihrer vollen systematischen Tragweite entdeckt hat,54 es hat
jedenfalls dazu geführt, daß in der Sekundärliteratur zumeist die konkreten Fas-
sungen der Institutionen besprochen (und verworfen) wurden, nicht jedoch de-
ren systematische Grundlage. Hösle liefert ein gutes Beispiel dafür, zu welchen
Mißverständnissen dies führen kann. So wendet er gegen Hegel ein, daß das
Parlament nach Hegels Auffassung auf derjenigen Stufe der Partikularität stehen
bleiben müsse, wie sie in der bürgerlichen Gesellschaft herrscht, während eine
Parteiendemokratie zumindest die Möglichkeit ihrer Überwindung böte, da
Parteien zu einer möglichst großen Allgemeinheit tendierten.55 Auch wenn ihm

53 Siehe: TWA 7, §§ 324 ff.; Griesheim, § 265.


54 Man vergleiche hierzu die Heidelberger Enzyklopädie des Jahres 1817, in welcher die Korpo-
ration noch nicht einmal dem Namen nach benannt wird. Auch in der Vorlesung der Jahre 1818/19
(siehe: Hegel: Naturrecht und Staatswissenschaft nach der Vorlesungsmitschrift von C. G. Homeyer 1818/19.
– In: Ders.: Vorlesungen über Rechtsphilosophie. A. a. O. Band 1) bleibt für diese nur ein schmaler Para-
graph (nämlich § 113) übrig. Selbst 1824/25 heißt es noch: „Es ist eine Schwierigkeit wie man mit
diesem Triebe für das Allgemeine zu rechte kommen soll.“ – Siehe: Griesheim, § 251.
55 Siehe: Vittorio Hösle: Hegels System. A. a. O. 579. – Ein anderes Beispiel bietet Riedel, wel-

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zuzugeben ist, daß Parteien die abstrakteste Auffassung von Partikularinteressen


darstellen – also eine Art institutionalisierte Glückseligkeitslehre sind –, so muß
man nach der hier vorgelegten Analyse das genaue Gegenteil behaupten: Gera-
de Parteien verdecken durch ihren Anspruch, den Allgemeinwillen inhaltlich zu
vertreten, die Partikularität ihrer Interessen (welche nicht zuletzt darin besteht,
selbst erfolgreich zu sein) und sind daher strukturell anfällig für entsprechende
Beeinflussungen. Hingegen fällt die Lobbyarbeit in Hegels Parlament nicht nur
weg, sondern ein solcher Versuch wäre auch kaum erfolgreich. In welchen Zu-
sammenhängen Partikularinteressen auch immer artikuliert würden, sie werden
identisch mit denjenigen einer Organisation im Parlament sein. Stets würden
sie als dasjenige erkannt, was sie sind: partikulär.
Gerade in Zeiten, in denen Hegels Analyse der Mängel der abstrakt reprä-
sentativen (Parteien-)Demokratie selbst von höchster Stelle anerkannt wird,56
vermag die Ausarbeitung des von Hegel selbst nicht explizierten, aber systema-
tisch in seiner Rechtsphilosophie angelegten Programms einer konkret reprä-
sentativen Demokratie vielleicht die notwendige Diskussion über grundsätzli-
che Probleme der heutigen Demokratietheorie anzustoßen. Freilich hätte eine
Ausarbeitung eine Reihe von Problemen zu lösen: Sie hätte z. B. die Frage zu
beantworten, was ein wesentliches Interesse (jenseits seiner Institutionalisiert-
heit) ist und wer darüber bestimmt; sie müßte angeben können, wie der Ver-
mittlungsprozeß der Bildung des Allgemeinwillens ausgehend von den Struk-
turen der Gesellschaft zu institutionalisieren wäre, und nicht zuletzt müßte sie
das Repräsentationsverfahren neu bestimmen, da ja die partikulären Interessen
zu repräsentieren sind und nicht mehr der einfache Bürger. Es lohnt sich je-
doch, darüber nachzudenken, wenn man zumindest den Befund teilt, daß die
heutzutage herrschende Auffassung der Demokratie nicht in der Lage ist, einen
Ausweg aus der Legitimationskrise politischen Handelns zu finden.
Hegels Kritik an der mangelnden Vermittlungsleistung der abstrakten Re-
präsentation zeigt auf, daß dies ein strukturelles Problem jener Auffassung ist.
Mit dem wählenden Bürger steht auf der einen Seite ein seiner Besonderheit
verpflichtetes Subjekt, welches zwar das seiner Meinung nach Richtige für die
Allgemeinheit wählen soll, seiner Bewußtseinsstruktur nach jedoch darunter
strukturell sein Partialinteresse versteht. Auf der anderen Seite steht sein Re-
präsentant, welcher ihn in der Tat insoweit repräsentiert, daß er dieselbe Be-

cher zwar zurecht die systematische Verschränkung von bürgerlicher Gesellschaft und Staat be-
tont, dabei Hegel jedoch so interpretiert, als ob durch die politische Bedeutung der Korporatio-
nen die Eigenständigkeit der bürgerlichen Gesellschaft verschwinden müßte. – Siehe: Manfred
Riedel: Bürgerliche Gesellschaft und Staat bei Hegel. Grundprobleme und Struktur der Hegelschen
Rechtsphilosophie. Berlin 1970. 74 ff.
56 Siehe die Artikel des Bundesverfassungsgerichtspräsidenten Hans-Jürgen Papier in der

Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 31.01.2003 und 27.11.2003, jeweils 8 ff.

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wußtseinsstruktur aufweist. Aber gerade deshalb repräsentiert er bestenfalls das


Partialinteresse, für das er gewählt wurde und welches nun, so gut es geht, als
Allgemeinwille durchgesetzt werden soll. In beiden Fällen ist es rein zufällig,
ob sich die in der Tat vorhandene Bestimmung des Menschen zur vernünfti-
gen Allgemeinheit durchsetzt oder die sich durch ihre Substantialisierung als
Allgemeinheit gerierende Partikularität. Angesichts dieses Befunds ist dann zu
überlegen, wie die Repräsentation so zu institutionalisieren ist, daß die Bildung
des konkreten Allgemeinwillens durch die Rückführung der partikularen In-
teressen strukturell gesichert wird, anstatt den Staatsbürger als unmittelbaren
und daher abstrakten Träger sowohl des Besonderen als auch des Allgemeinen
aufzufassen. Der hier herausgearbeitete Ansatz Hegels, für die Bildung des All-
gemeinwillens zu fordern, daß die subjektive Selbstbestimmung mit der in den
Institutionen objektivierten Selbstbestimmung identisch sein müsse (was sich,
wie gezeigt, nicht im Zutrauen der patriotischen Gesinnung erschöpft), mag
eine Lösung des Problems bieten.

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