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Monatsschrift

Kinderheilkunde
Leitthema

Monatsschr Kinderheilkd 2021 · 169:13–19 L. Lewitan1 · S. Burdach1,2,3


https://doi.org/10.1007/s00112-020-01081-w 1
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, München Klinik Schwabing und Harlaching, Klinikum rechts der
Angenommen: 23. November 2020 Isar, Technische Universität München (TUM), München, Deutschland
Online publiziert: 16. Dezember 2020 2
CCC München – Comprehensive Cancer Center, DKTK German Cancer Consortium Munich, München,
© Der/die Autor(en) 2020
Deutschland
3
Redaktion Department of Molecular Oncology, British Columbia Cancer Research Centre, Vancouver, Kanada
G. Hansen, Hannover

Warnsignale für Krebs-


erkrankungen im Kindesalter

Warum ist es so wichtig, jeweils knapp 50 % dieser Fälle handelte lisierten bereits ein fortgeschrittenes
Warnsignale frühzeitig zu es sich um mangelndes Erkennen ty- Stadium entwickelt haben.
erkennen? pischer Symptomkonstellationen (45 %)

Pädiatrische Onkologie – das ist keines-


bzw. fehlende weiterführende Abklä-
rung persistierender Symptome (47 %). »Malignome
Bei Kindern metastasieren
oft früh
wegs „nur etwas für den Spezialisten“. Bei mehr als der Hälfte der betroffenen
Die Prognose eines krebskranken Kindes Patienten betrug die Zeit von initialer
hängt weniger vom spezialisierten Zen- Vorstellung zur Diagnosestellung mehr Krebspatienten sterben zu 90 % nicht am
trum abals vonderzeitgerechtenDiagno- als 6 Wochen. Falsche Interpretation der Primärtumor, sondern an den Metasta-
sestellung durch den niedergelassenen Befunde durchgeführter diagnostischer sen [4]. Bei Kindern metastasieren Mali-
Kinder- und Jugendarzt oder den Assis- Untersuchungen wie Laboranalysen oder gnome oft früh. Auch daraus ergibt sich
tenzarzt in der Kindernotaufnahme, der Bildgebung trat im Gesamtkollektiv da- die besondere Bedeutung der Früherken-
rechtzeitig an die onkologische Differen- gegen lediglich in 8 % bzw. 5 % der Fälle nung bei Kindern.
zialdiagnose denkt. Im Zentrum gewähr- auf [3]. Als Erstsymptom sind bei Knochen-
leisten die Therapieoptimierungsproto- Die Bedeutung der rechtzeitigen Dia- tumoren mit Extremitätenbefall häufig
kolle der Fachgesellschaften die Quali- gnosestellung wird klar, wenn man be- lokale Schwellungen und/oder Schmer-
tätssicherung. denkt, dass hier meist unabänderlich die zen zu verzeichnen. Tumoren in Becken
Warum werden Ärzte am häufigs- Weichen für spätere Behandlungserfol- und Thorax jedoch wachsen oft länger
ten gerichtlich verurteilt? Nicht etwa ge und Nebenwirkungen gestellt werden: unerkannt. Im Fall des Ewing-Sarkoms
wegen Fehlern in der Therapie, son- Die Latenz zwischen Auftreten der ersten ist es allerdings kontrovers, inwieweit
dern wegen falsch gestellter Diagnosen. Symptome und Diagnosestellung korre- das Intervall zwischen erstem Symptom
Dies zeigt eine Studie der John Hop- liert mit dem Stadium. Das Stadium wie- und Therapiebeginn von prognostischer
kins University in Baltimore, in der eine derum korreliert mit der Prognose. Bedeutung ist. Jedenfalls ist das Intervall
Datenbank zu Entschädigungszahlun- Auch bei relativ guter Prognose – 82 % zwischen Erstsymptom und Diagnose
gen bei Behandlungsfehlern aus dem der Kinder unter 15 Jahren überleben ei- von allen pädiatrischen Tumoren beim
Zeitraum 1986–2010 ausgewertet wurde ne Krebserkrankung mindestens 15 Jahre Ewing-Sarkom eines der Längsten [2, 6,
[12]. Noch vor Operations- oder Me- [7] – muss berücksichtigt werden: Je wei- 10].
dikamentendosierungsfehlern rangieren ter fortgeschritten das Stadium, desto in- So zeigte sich in einer Studie von Goyal
hier mit knapp 29 % der insgesamt gut tensivere Therapie und dementsprechend et al. 2004 eine durchschnittliche Latenz-
350.000 Beschwerden die Diagnosefeh- stärkere Nebenwirkungen und Langzeit- zeit von Erstsymptom und Diagnosestel-
ler. Diese führten zu Entschädigungen bzw. Spätfolgen gehen damit meist einer. lung von 3,8 Monaten für das Osteosar-
in Höhe von knapp 39 Mrd. Dollar. Zur Illustration: Im Fall eines Non- kom und das Ewing-Sarkom. Die Latenz-
In einer in Clinical Pediatrics 2017 Hodgkin-Lymphoms beträgt die Latenz zeit hatte hier keinen Einfluss auf das er-
veröffentlichten retrospektiven Kohor- zwischen lokalisiertem und fortgeschrit- eignisfreie Überleben [6]. Auch Brasme
tenstudie mit 265 an Krebs erkrankten tenem Stadium gerade einmal zwei- et al. zeigen in einer prospektiven Mul-
Kindern wurde untersucht, in welchem einhalb Wochen [9]. Werden mögliche tizenterstudie aus dem Jahr 2014, dass
Bereich die häufigsten diagnostischen Erstsymptome also zweieinhalb Wochen die Zeit bis zur Diagnosestellung („time
Fehler bei pädiatrischen Krebserkran- übersehen und keine weitere Diagnostik to diagnosis“) nicht mit Metastasierung,
kungen auftraten. Insgesamt traten in eingeleitet, kann sich aus einem loka- chirurgischem Outcome oder Überleben
28 % der Fälle diagnostische Fehler auf. In assoziiert ist [1]. Die frühe Diagnose bei

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Leitthema

40
34
35

30
Häufigkeit (%)

25
20 20 19
20
14 13 13
15
11 10 9 9
10

5 3
1
0

Abb. 1 9 Symptome
maligner Tumorerkran-
kungen im Kindesalter.
Mehrfachnennungen
möglich. Sonstige: Harnver-
halt, Hämaturie, Dysurie,
Kopfschiefhaltung, Opso-/
Myoklonus, Virilisierung.
(Nach Selle [13])

Vorstellungsgründen pädiatrischer Pati-


enten in der Praxis oder Notaufnahme.
Krebserkrankungen machen, bezogen
auf die Gesamterkrankungen bei Kin-
dern und Jugendlichen, mit einer Inzi-
denz von etwa 1800 Kindern unter 15 Jah-
ren pro Jahr in Deutschland lediglich 1 %
aller Erkrankungen aus und sind damit
selten. Zugleich sind sie jedoch die am
häufigsten auftretende tödliche Erkran-
Abb. 2 9 Häufigste
kung [7].
Malignome bei Kin-
dern. (Kinderkrebs- Daraus ergibt sich die Frage:
register [7])
Wie das Seltene im Häufigen
finden?
Knochentumoren hat allerdings im Re- Beobachtung von 90 unselektionierten
zidiv Bedeutung für die Operabilität von neu erkrankten onkologischen Patienten Anhand der Beachtung von 5 einfachen
Metastasen und die Vermeidung von Mu- zeigte sich über die Jahre 1999–2000 die Regeln („Die 5 Schwabinger Regeln“)
tilationen. in . Abb. 1 dargestellte Verteilung. kann bereits ein Großteil der malignen
Insgesamt ist die Herausforderung Etwa ein Drittel der Patienten wies Erkrankungen im Kindesalter erkannt
groß. Anders als bei Erwachsenen gibt Knochenschmerzen oder -schwellungen werden.
es keine Krebsfrüherkennungsuntersu- als Erstsymptom auf. Mehr als 20 % fielen
chungen. Die Symptome können je nach durch bereits bei Erstinspektion sichtba- Regel 1. Bei normozytärer Anämie oh-
Entität und Lokalisation des Malignoms re Symptome wie Hautblässe oder -ef- ne Hämolyse: Leukämie/aplastische An-
zudem höchst heterogen sein und sind floreszenzen/-blutungen auf. Des Weite- ämie ausschließen.
oftmals unspezifisch. ren traten Schwellungen der Weichteile Nicht nur durch eine Leukämie,
(10 %) bzw. Lymphknoten (13 %) sowie auch durch Knochenmarkmetastasie-
Was sind die häufigsten Kopfschmerzen (11 %) und Erbrechen rung oder eine angeborene bzw. er-
Warnzeichen? (13 %) als Erstsymptome auf. Bei 14 % worbene aplastische Anämie kann es
standen Bauchschmerzen bzw. -schwel- zu Blässe und Abgeschlagenheit sowie
In einer Studie der Universitätsklinik lung im Vordergrund. durch Thrombozytopenie zu Petechien
Heidelberg aus dem Jahr 2006 zur Unter- Kopf- und Bauchschmerzen, Erbre- kommen. Im Rahmen einer akuten mye-
suchung maligner Tumorerkrankungen chen und Lymphknotenschwellungen loischen Leukämie (AML) sind zudem,
bei Kindern und Jugendlichen durch gehören jedoch mit zu den häufigsten wenn auch selten, leukämische Hautin-

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K
Zusammenfassung · Abstract

filtrate möglich. Gerade in Kombination Monatsschr Kinderheilkd 2021 · 169:13–19 https://doi.org/10.1007/s00112-020-01081-w


mit weiteren möglichen Frühsymptomen © Der/die Autor(en) 2020
wie Knochenschmerzen, Lymphkno-
tenschwellungen oder Hepatomegalie L. Lewitan · S. Burdach
muss an eine Leukämie gedacht werden. Warnsignale für Krebserkrankungen im Kindesalter
Leukämien allein machen etwa 30 %
aller Malignome im Kindesalter aus Zusammenfassung
(. Abb. 2). In Kinderarztpraxis und Notaufnahme bei untypischen Symptomkonstellationen
können bereits wichtige Weichen für die frühzeitig an eine maligne Genese gedacht
spätere Behandlung krebskranker Kinder werden. Die Kunst ist es, unter den häufigen,
Regel 2. Bei Kopfschmerzen und Nüch- und Jugendlicher gestellt werden. Dies hat scheinbar banalen Symptomen die seltenen,
ternerbrechen: Hirntumor ausschließen. eine große Relevanz für die Prognose, da aber ernsten Differenzialdiagnosen zu finden.
Gerade inderKombinationderbeiden viele kindliche Tumoren schnell fortschreiten Die „Schwabinger Regeln“ bieten hierbei eine
Symptome muss an die zweitgrößte En- und mit fortgeschrittenen Stadien durch wertvolle Hilfestellung.
intensivierte Therapie auch vermehrt Ne-
tität kindlicher Malignome gedacht wer- benwirkungen und Spätfolgen einhergehen. Schlüsselwörter
den: Hirntumoren (24 %). Neben Kopf- Die häufigsten Warnsignale sind Knochen- Früherkennung von Krankheiten · Diagno-
schmerzen und Erbrechen können foka- schmerzen, Blässe, Fieber, Kopfschmerzen sefehler · Klinische Entscheidungsregeln ·
le Krampfanfälle, Sehstörungen, Schie- und Erbrechen sowie Weichteil- bzw. Prognose · Pädiatrische Onkologie
len, Persönlichkeitsveränderungen, aber Lymphknotenschwellungen. Zudem muss
auch weniger augenscheinliche Auffäl-
ligkeiten wie Schulschwierigkeiten oder,
v. a. bei Kleinkindern, erhöhte Reizbar-
Warning signals of cancer in childhood
keit als zusätzliche Hinweise auffallen. Abstract
A detailed history and physical examination as well as swelling of soft tissue and lymph
Regel 3. Bei4 Wochenkonstantenisolier- combined with vigerous differential nodes. In addition, in the case of atypical
ten Knochenschmerzen: Malignom aus- diagnostic thinking in pediatric practice and symptom constellations a malignant cause
emergency department impacts on treatment must be considered at an early stage. The
schließen.
and prognosis of children and adolescents skill is to find the rare but serious differential
Knochenschmerzenkönnenfokal auf- with cancer. The prognostic relevance is diagnoses among the frequent seemingly
treten (eher bei Knochentumoren) oder based on the fact, that many childhood banal symptoms. Here, the “Schwabing rules”
diffus (im Rahmen von Leukämien, Lym- tumors progress rapidly and advanced stages provide some guidance.
phomen, Neuroblastomen oder Hirntu- are associated with higher relapse risk,
increased side effects and late complications Keywords
moren).
due to intensified treatment. The most Early detection of disease · Diagnostic errors ·
Hierzu ein Beispiel aus der Klinik der frequent warning signs are bone pain, pale Clinical decision rules · Prognosis · Pediatric
Autoren: Ein 16-jähriger Junge beklagt complexion, fever, headaches and vomiting oncology
seit 2 Wochen thorakale Schmerzen und
Husten. Der Vater, ärztlicher Kollege,
lässt bei Verdacht auf eine Infektion
lediglich ein Röntgen des linksseitigen schrittenes Stadium verhindert werden ßenwachstum kurz; bei abdomineller
Hemithorax durchführen (. Abb. 3). können. Lokalisation kann die Anamnese aber
Hier wird trotz eindeutiger radiologi- auch deutlich länger sein.
scher Malignitätszeichen (destruktive Regel 4. Bei jeder unklaren Schwellung,
Läsion der 8. Rippe) die Verdachtsdia- die länger als 6 Wochen dauert: bis zum Regel 5. Bei unklarer Symptomatik mit
gnose gutartiger Knochentumor gestellt; Beweis des Gegenteils von einem Mali- Dauer über 6 Wochen: Malignom aus-
eine weitere Abklärung erfolgt zunächst gnom ausgehen. schließen.
nicht. Einen Monat später zeigt sich in Hier ist neben Lymphknotenschwel- Viele Malignome führen zu Symp-
einer dann erfolgten CT-Thorax-Un- lungen insbesondere an das Rhabdo- tomen, die sich nicht in ein bekanntes
tersuchung ein Tumor mit Destruktion myosarkom zu denken – das häufigs- Krankheitsbild einordnen lassen. Gera-
der 8. Rippe, Pleuraerguss und Lun- te Weichteilsarkom bei Kindern. Die de bei untypischen Symptomkombina-
genmetastasen (. Abb. 4 und 5). In der häufigsten Lokalisationen sind Kopf, tionen oder Persistenz von Symptomen
Histologie erfolgt die Diagnosestellung Hals, Orbita, Extremitäten, Urogenital- bzw. ausbleibender Besserung auf die ver-
eines hochmalignen osteoblastischen region, Retroperitoneum und Becken. anlasste Therapie muss eine Diagnose
Osteosarkoms. Ein Rhabdomyosarkom kann auch in überdacht und auch an seltenere Diffe-
Bei Berücksichtigung dieser 4-Wo- Körperregionen ohne Muskulatur vor- renzialdiagnosen wie Malignome als Ur-
chen-Regel hätte eine frühere Diagno- kommen. Weichteilsarkome machen sache der Beschwerden gedacht werden.
sestellung erfolgen und damit mögli- 6 % aller Krebserkrankungen bei Kin- Dies gilt selbstverständlich je nach Fall
cherweise der Übergang in ein fortge- dern aus. In der Mehrzahl der Fälle ist auch bei kürzeren Zeiträumen als 6 Wo-
die Anamnesezeit bei schnellem Grö- chen (vgl. nachfolgende Kasuistiken).

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Abb. 4 8 Computertomographie des Thorax:
ausgeprägter Erguss

Fachkrankenhaus in ca. 75 km Entfer-


nung gebracht.

a b
»Schwabinger
Bei Beachtung der 5
Regeln kann
Abb. 3 8 Knöcherner linksseitiger Hemithorax in 2 Ebenen: Verdacht auf gutartigen Knochentumor. ein Großteil der kindlichen
a a.p., b seitlich Malignome erkannt werden

Es gibt jedoch auch seltenere Sym- behandelt, worunter es zur Besserung


ptome, hinter denen sich eine Krebser- der respiratorischen Symptome kam. Bei ausgeprägter Tachydsypnoe sowie
krankung verbergen kann. Dies soll bei- Bei Entlassung bestand noch eine leichte in- und exspiratorischem Stridor wurde
spielhaft an 2 Fällen veranschaulicht wer- obstruktive Symptomatik. Bereits am eine Röntgenaufnahme des Thorax ange-
den, die sich in den Jahren 2018–2020 darauffolgenden Tag erfolgte jedoch fertigt. Diese zeigte den in . Abb. 6 dar-
in den Kinderkliniken München Harla- aufgrund erneuter respiratorischer Ver- gestellten Befund eines großen mediasti-
ching bzw. Schwabing zugetragen haben. schlechterung trotz fortgeführter Inha- nalen Tumors, woraufhin der Säugling
lationstherapie die Einweisung durch die in die Kinderklinik Schwabing verlegt
Zwei Fallberichte betreuende niedergelassene Kinderärz- wurde. Im Rahmen der laborchemischen
tin. Das Kind präsentierte sich nun sehr Analyse einer entnommenen Blutprobe
Der erste Fall betrifft einen zum Zeit- unruhig, zudem fiel in der klinischen fanden sich bis auf eine milde Erhö-
punkt der Erstvorstellung 10 Monate Untersuchung neben der pulmonalen hung der Werte für Laktatdehydrogena-
alten Säugling. Die Vorstellung in der Obstruktion mit Distanzgiemen nun ein se (LDH, 445 U/l [7,42 μmol/l● s]) und
Notaufnahme der Kinderklinik erfolgte inspiratorischer Stridor auf. Stationär Kreatinin (0,5 mg/dl [44,2 μmol/l]) so-
mit dem Leitsymptom Dyspnoe. Wie die wurde die Therapie um Inhalationen wie neuronenspezifische Enolase (NSE,
Mutter berichtete, bestünde seit einigen mit Suprarenin erweitert. Nach 2 Tagen 60,5 μg/l) unauffällige Befunde, ein-
Tagen eine Infektion der oberen Atemwe- konnte das Kind bei gebesserter Sym- schließlich Blutbild, Elektrolyte und Ge-
ge mit Rhinitis; das Kind war fieberfrei. In ptomatik wieder entlassen werden. Zu rinnung. Echokardiographisch konnte
der körperlichen Untersuchung zeigten keinem Zeitpunkt hatte zusätzlicher Sau- ein 1 cm breiter Perikarderguss nach-
sich bei gutem Allgemeinzustand ein Di- erstoffbedarf bestanden; das Kind blieb gewiesen werden. In der CT-Thorax-
stanzgiemen und juguläre Einziehungen allzeit fieberfrei. Bei Entlassung bestan- Untersuchung stellte sich eine große,
als Zeichen der Dyspnoe. Die Vitalwerte den weiterhin eine leichte obstruktive knotig aufgebaute Raumforderung im
sowie der sonstige körperliche Untersu- Symptomatik sowie ein inspiratorischer vorderen Mediastinum in einer Größen-
chungsbefund waren unauffällig. Unter Stridor bei forcierter Atmung. Lediglich ausdehnung von ca. 10 × 9 × 5 cm mit
der Verdachtsdiagnose einer obstruk- 4 Tage später alarmierte die Mutter auf- Kompression und Verlagerung der me-
tiven Bronchitis wurde das Kind nach grund deutlich zunehmender Dyspnoe diastinalen Gefäße, der V. cava superior
initialer intravenöser Kortikosteroidgabe den Notarzt. Das Kind wurde wegen sowie des Ösophagus und der Trachea
3 Tage stationär mit Inhalationstherapie Überbelegung der Großstadt-Kinder- dar (. Abb. 7). Letztere war über eine
mit Salbutamol + Ipratropiumbromid kliniken vor Ort in ein pädiatrisches Strecke von ca. 2 cm schlitzförmig einge-

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Leitthema

a b

Abb. 5 8 Computertomographien des Thorax. a Knochenfenster: Tumor mit Destruktion der 8. Rippe
und Pleuraerguss, b Lungenfenster: Lungenmetastase

hier in ordentlichem Allgemeinzustand,


linksseitig war das Atemgeräusch deut- Abb. 6 8 Thoraxröntgen: großer mediastinaler
lich abgeschwächt, der sonstige klinische Tumor
Untersuchungsbefund war unauffällig.
Die Sauerstoffsättigung war mit 95 % konstellation mit ausgeprägtem Erguss
grenzwertig. bei unauffälligen Entzündungsparame-
Differenzialdiagnostisch wurden zu tern und fieberfreiem Patienten muss hier
diesem Zeitpunkt bei seitendifferentem stutzig machen und weiterdenken lassen.
Atemgeräusch neben einem Pneumotho- Das Leitsymptom Dyspnoe war in
rax auch eine Pleuropneumonie mit Er- der bereits erwähnten Studie von Selle
guss sowie eine mögliche maligne Genese 2006 zur Häufigkeit der Symptome bei
Abb. 7 8 Computertomographie des Thorax: in Erwägung gezogen und ein Röntgen- malignen Tumorerkrankungen bei Kin-
große, knotig aufgebaute Raumforderung im bild des Thorax angefertigt. Auf diesem dern und Jugendlichen lediglich bei 3 %
vorderen Mediastinum, Größenausdehnung stellte sich linksseitig ein ausgedehnter der Patienten als Erstsymptom vorhan-
ca. 10 cm × 9 cm × 5 cm Pleuraerguss dar, sonographisch fand den (. Abb. 1; [13]). Im vorbeschriebe-
sich ein großer, echoreicher Pleuraerguss nen Casus des Säuglings mit Vorläufer-
engt, auf ein Lumen von minimal 3,7 mm. bei kollabierter Lunge. Laborchemisch T-lymphoblastischem Lymphom ist zu
Unter Bereitschaft zur extrakorporalen waren die Laktatdehydrogenase (LDH) ergänzen, dass Non-Hodgkin-Lympho-
Membranoxygenierung (ECMO) wurde mit 440 U/l (7,34 μmol/l● s) und das me im Alter <3 J. eine Rarität sind [8].
die Induktionstherapie mit Predniso- Kreatinin mit 1,1 mg/dl (97,3 μmol/l)
lon und Cyclophosphamid eingeleitet.
Mithilfe einer Tumorbiopsie konnte ein
erhöht; Elektrolyte, Blutbild, Leberwerte
und Entzündungsparameter befanden »ist dasEineHinausdenken
Kunst in der Pädiatrie
über
„precursor T-lymphoblastic lymphoma“ sich im Normbereich. Daraufhin erfolg-
nachgewiesen werden. Aktuell befindet te zur weiteren Diagnostik, Entlastung gewöhnliche und naheliegende
sich der Patient in Remission. und Anlage einer Pleuradrainage eine Verdachtsdiagnosen
Ein weiterer Patient, männlich, 16 Jah- Pleurapunktion, wobei sich der Be-
re, stellte sich ebenfalls mit dem Leit- fund eines Exsudats ergab. Im CT des
symptom Dyspnoe zunächst bei seiner Thorax zeigten sich eine mediastinale Genau dies jedoch – das Seltene im Häu-
niedergelassenen Kinderärztin vor. An- Raumforderung mit Pleuraerguss so- figen zu finden und weiter zu denken,
amnestisch war es bei dem sonst ge- wie eine Unterlappendystelektase bzw. über die gewöhnlichen und naheliegen-
sunden Jungen 3 Tage zuvor während ein Infiltrat links. In der Punktion des den Verdachtsdiagnosen hinaus, ist eine
des Fahrradfahrens zu einem plötzlich Mediastinaltumors wurde ein T-lym- der großen Künste der Kinder- und Ju-
auftretenden thorakalen Druckgefühl ge- phoblastisches Lymphom nachgewiesen. gendmedizin. Wie der große kanadische
kommen, seitdem traten immer wieder Der Patient ist derzeit in Behandlung Internist und Urheber des Begriffs „Pä-
Hustenattacken und Belastungsdyspnoe mit einer Polychemotherapie gemäß diatrie“ Sir William Osler bereits 1892
auf. Die Kinderärztin stellte bei aus- dem Therapieprotokoll des NHL-BFM treffend formulierte: „If it were not for
kultatorisch seitendifferentem Atemge- Registry 2012 [11]. the great variability among individuals,
räusch sowie nach erfolgter Sonographie Diese Fälle sind gute Beispiele da- medicine might as well be a science and
der Pleura die Verdachtsdiagnose eines für, dass auch hinter häufigen, scheinbar not an art“ [14].
Pneumothorax und wies den Patienten „banalen“, leicht ausgeprägten Sympto- In dem zuvor beschriebenen Fall hätte
in die Klinik für Kinder- und Jugend- men wie Belastungsdyspnoe eine ernste die Kombination von in- und exspirato-
medizin ein. Der Junge präsentierte sich Erkrankung stecken kann. Die Gesamt- rischem Stridor bei zudem ausbleibender

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Besserung auf die – unter der Verdachts- kome. In: München TMuWZV (Hrsg) MANUAL
Korrespondenzadresse Knochentumoren und Weichteilsarkome
diagnose obstruktive Bronchitis – durch- 3. Carberry AR, Hanson K, Flannery A et al (2018)
geführte Therapie zu einem Überdenken Prof. Dr. S. Burdach Diagnostic error in pediatric cancer. Clin Pediatr
der Diagnose führen sollen. Klinik für Kinder- und 57:11–18
Jugendmedizin, München 4. Chaffer CL, Weinberg RA (2011) A perspective on
cancer cell metastasis. Science 331:1559–1564
Klinik Schwabing und
Was können wir daraus lernen? Harlaching, Klinikum
5. Fölsch UR, Hasenfuß G (2016) Wie Internisten das
Problem von Über- und Unterversorgung werten.
rechts der Isar, Technische Dtsch Arztebl 113(13):2016
Ergänzt werden können die „5 Schwa- Universität München (TUM) 6. Goyal S, Roscoe J, Ryder WD et al (2004) Symptom
binger Regeln“ also um einen weiteren Kölner Platz 1, 80804 Mün- interval in young people with bone cancer. Eur J
Merksatz: chen, Deutschland Cancer 40:2280–2286
stefan.burdach@tum.de 7. Kinderkrebsregister (Hrsg) Jahresbericht 2018.
Bei ungewöhnlichen Symptomkon- http://www.kinderkrebsregister.de. Zugegriffen:
stellationen auch an seltene Ursachen 19. Sept. 2020
von häufigen, möglicherweise banal 8. Mann G, Attarbaschi A, Burkhardt B et al (2007)
Clinical characteristics and treatment outcome
erscheinenden Symptomen denken. Einhaltung ethischer Richtlinien of infants with non-Hodgkin lymphoma. Br J
Im Zeitalter der weit verbreiteten Haematol 139:443–449
Überdiagnostik [5] sollten im Sinne 9. Martin S, Ulrich C, Munsell M et al (2007) Delays
Interessenkonflikt. S. Burdach hat Eigentumsanteile in cancer diagnosis in underinsured young adults
des Grundsatzes „choosing wisely“ vor an PDL BioPharma und verfügt über geistiges Eigen- and older adolescents. Oncologist 12:816–824
weitreichender Diagnostik stets eine tum im Bereich der Genexpressionsanalyse in den USA 10. Pollock BH, Krischer JP, Vietti TJ (1991) Interval
und der EU. Er war als Berater für EOS Biotechnology between symtom onset and diagnosis of pediatric
sorgfältige Anamnese sowie differenzial- Inc. und ist als Berater für Bayer AG und Swedish Or- solid tumors. J Pediatr. https://doi.org/10.1016/
diagnostische Überlegungen anhand der phan Biovitrum AB tätig. L. Lewitan gibt an, dass kein s0022-3476(05)80287-2
Leitsymptome stehen. Dies gilt für Kli- Interessenkonflikt besteht. 11. NHL-BFM registry 2012: Registry of the NHL-BFM
nikärzte ebenso wie für niedergelassene study group for all subtypes of Non-Hodgkin
Für diesen Beitrag wurden von den Autoren keine Lymphoma diagnosed in children and adolescents
Kinder- und Jugendärzte. Mit struktu- Studien an Menschen oder Tieren durchgeführt. Für 12. Saber Tehrani AS, Lee H, Mathews SC et al (2013)
riertem differenzialdiagnostischem Den- die aufgeführten Studien gelten die jeweils dort ange- 25-Year summary of US malpractice claims for
gebenen ethischen Richtlinien. Für Bildmaterial oder diagnostic errors 1986–2010: an analysis from
ken kann mithilfe einfacher Mittel im anderweitige Angaben innerhalb des Manuskripts, the National Practitioner Data Bank. BMJ Qual Saf
kinderärztlichen Alltag ein großer Beitrag über die Patienten zu identifizieren sind, liegt von 22:672–680
dazu geleistet werden, die Prognose krebs- ihnen und/oder ihren gesetzlichen Vertretern eine 13. Selle B (2006) Klinische Tumordiagnose und
schriftliche Einwilligung vor. Differenzialdiagnose. In: Gadner HGG, Niemeyer C,
kranker Kinder und Jugendlicher weiter
Ritter J (Hrsg) Pädiatrische Hämatologie und
zu verbessern. Open Access. Dieser Artikel wird unter der Creative Onkologie. Springer, Berlin, Heidelberg
Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz 14. Sir William Osler (1892) The Principles and Practice
veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, of Medicine, 9th edition, 1921, D. Appleton and
Fazit für die Praxis Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jegli- Company, New York and London
chem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die
Die „5 Schwabinger Regeln“: ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsge-
mäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz
1. Bei normozytärer Anämie ohne beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenom-
Hämolyse: Leukämie/aplastische men wurden.
Anämie ausschließen.
Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges
2. Bei Kopfschmerzen und Nüchtern- Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten
Erbrechen: Hirntumor ausschließen. Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbil-
3. Bei 4 Wochen konstanten isolier- dungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das be-
treffende Material nicht unter der genannten Creative
ten Knochenschmerzen: Malignom Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung
ausschließen. nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für
4. Bei jeder unklaren Schwellung, die die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Ma-
terials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers
länger als 6 Wochen dauert: bis zum einzuholen.
Beweis des Gegenteils von einem
Malignom ausgehen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der
Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/
5. Bei unklarer Symptomatik mit Dauer licenses/by/4.0/deed.de.
über 6 Wochen: Malignom ausschlie-
ßen.
Literatur
„Münchner Merksatz (Munich memo
set)“: Das Seltene im Häufigen finden: 1. Brasme JF, Chalumeau M, Oberlin O et al (2014)
Time to diagnosis of Ewing tumors in children
Differenzialdiagnostische Algorithmen and adolescents is not associated with metastasis
beherrschen und dennoch darüber hin- or survival: a prospective multicenter study of
ausdenken, wenn Befunde nicht zusam- 436 patients. J Clin Oncol 32:1935–1940
2. Burdach SEG, Combs SE, Dürr HR, Von Eisenhart-
menpassen. Rothe R, Roeder F, Lindner LH (2017) Klinik
und multidisziplinäre Therapie der Ewing-Sar-

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