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10 Sensibilität und Sinnesorgane 167

10.7 Das Hör- und Gleichgewichtsorgan


Augenbraue

Tränendrüse 10.7.1 Übersicht


Augenlid Das Hörorgan liegt zusammen mit dem Gleichgewichtsorgan
Tränensack gut geschützt in der Felsenbeinpyramide des Schläfenbeins:
• Das Gehör dient der Aufnahme von Schallreizen
Tränenkanälchen • Das Gleichgewichtsorgan registriert Körperlage und -be-
wegung im Raum.
Tränen-Nasen-Gang Die Informationen aus beiden Organen werden über den N.
vestibulocochlearis (VIII. Hirnnerv) an das Gehirn übermit-
telt. Dieser Nerv verläuft zusammen mit den ohrversorgenden
Blutgefäßen vom Innenohr durch den inneren Gehörgang in
Abb. 10.13: Schutzeinrichtungen des Auges. [E364] das Schädelinnere.

An den Kanten der Augenlider befinden sich die Augenwim- 10.7.2 Das Hörorgan
pern, die ebenfalls vor Fremdkörpern und Sonneneinstrah-
lung schützen. Das äußere Ohr
Zum äußeren Ohr gehören die knorpelige Ohrmuschel und der
Die Bindehaut äußere Gehörgang (-+ Abb. 10.14). Der äußere Gehörgang, der
Die Bindehaut (Augenbindehaut, Konjunktiva) ist eine gefäß- leicht abgewinkelt von der Ohrmuschel zum Trommelfell zieht,
reiche Schleimhaut. Sie bedeckt den vorderen, sichtbaren enthält Drüsen, die das Ohrenschmalz (Cerumen) bilden, und
Skleraabschnitt sowie die Innenseiten der Augenlider und einzelne Haare. Sie schützen vor eindringenden Fremdkörpern.
schafft so eine Verbindung zwischen Augapfel und Augenli- Das Trommelfell (Membrana tympani), eine dünne bindege-
dern. Da die Bindehaut viele Schmerz- und Berührungsrezep- webige Membran, ist die Grenze zwischen äußerem Ohr und
toren enthält, ist sie bei äußeren Reizungen (z. B. durch Fremd- Mittelohr. Bei der Ohrenspiegelung (Otoskopie) kann es direkt
körper) sehr schmerzempfindlich. eingesehen und beurteilt werden.

Der Tränenapparat
Der Tränenapparat besteht aus den Tränendrüsen (Glandu- Die "Reinigung" des Ohrs mit Wattestäbchen ist gefährlich: Bei zu
starker Manipulation wird Ohrenschmalz eher weiter in das Ohr hin-
lae lacrimales) und den Tränenwegen.
eingeschoben als herausbefördert, zudem kann das Trommelfell
Die Tränendrüsen liegen oberhalb der äußeren Augenwinkel durch zu heftiges "Stochern" durchstoßen werden . Es reicht, Ohrmu-
in den Augenhöhlen und produzieren die Tränenflüssigkeit. schel und Eingang des äußeren Gehörgangs zu reinigen.
Die Tränenflüssigkeit ist salzreich und enthält ein bakterienab-
tötendes Enzym, das Lysozym. Durch die Tränenflüssigkeit
werden Fremdkörper aus dem Bindehautsack ausgeschwemmt, Das Mittelohr
und mit Hilfe des Lidschlags bewahrt sie die der Luft ausge- Das Mittelohr liegt in einer kleinen, luftgefüllten Knochen-
setzten Augenabschnitte vor Austrocknung. höhle im Felsenbein, deren Hauptteil Paukenhöhle heißt
Die Tränenflüssigkeit gelangt über zahlreiche Ausführungs- (-+ Abb. 10.15). Diese ist mit Epithel ausgekleidet und erstreckt
gänge im Bereich der Oberlider in den Bindehautsack und sich vom Trommelfell bis zu einer knöchernen Wand des In-
sammelt sich in den inneren Augenwinkeln. Dort befinden nenohrs. In dieser Wand befinden sich zwei membranver-
sich zwei feine Tränenkanälchen (Canaliculi lacrimales), die schlossene Knochenfenster, das ovale und das runde Fenster,
in einen gemeinsamen Tränensack (Saccus lacrimalis) mün- die eine Verbindung mit dem Innenohr herstellen. Nach hin-
den. Von dort aus fließt die Tränenflüssigkeit über den Trä- ten geht die Paukenhöhle in die Hohlräume des Warzenfort-
nen-Nasen-Gang (Ductus nasolacrimalis) in die Nasenhöhle. satzes (Mastoidzellen) über.
Kommt es durch äußere Reize (z. B. Fremdkörper) oder psy- Die Ohrtrompete (Tuba auditiva eustachii, Eustachische Röh-
chische Einflüsse zu verstärktem Tränenfluss, reichen oftmals re) stellt eine Verbindung zwischen Mittelohr und oberem Ra-
die normalen Abflusswege nicht mehr aus, und die Tränen flie- chenraum her. Sie bewirkt einen Luftdruckausgleich zwischen
ßen über die Lidränder ab (Weinen). diesen beiden Räumen, indem sie bei jedem Schlucken auto-
matisch geöffnet wird. Dadurch gewährleistet sie die normale
Trommelfellbeweglichkeit und damit ein intaktes Gehör. Ist
In aller Regel reinigt das Auge sich selbst. Ist doch einmal eine Reinigung die Ohrtrompete verschlossen oder verlegt (etwa bei einer Er-
notwendig, wird stets mit der normalen Tränenflussrichtung vom äuße- kältung oder Polypen, -+ 16.2) oder befindet sich Flüssigkeit in
ren zum inneren Augenwinkel gereinigt, damit Partikel auf der Horn- der Paukenhöhle (etwa bei einer Mittelohrentzündung = Oti-
haut mit den Tränen über den Tränen-Nasen-Gang abfließen können.
tis media), ist das Gehör beeinträchtigt.
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außerer Gehörgang Innenohr

Hammer Amboss Steigbügel

Ohrtrompete
(führt zum äußerer Trommel- Pauken- Innenohr mit
Rachen) Gehörgang fell höhle Schnecke

Abb. 10.14: Übersicht über das äußere Ohr, Mittelohr und Innenohr (vergrößert dargestellt). Der Abb. 10.15: Die Paukenhöhle im Detail. Die schwar-
rote Pfeil markiert den Weg der Schallwellen. Die Schallwellen versetzen dann das Trommelfell in zen Pfeile zeigen die Bewegung der Gehörknöchel-
Schwingungen. chen infolge der Trommelfellschwingung .

In der Paukenhöhle selbst liegen die drei Gehörknöchelchen Dasinnenohr


Hammer (Malleus), Amboss (Incus) und Steigbügel (Stapes Das Innenohr enthält die Sinnesrezeptoren für das Gehör und
... Abb. 10.15). Der Hammergriffist mit dem Trommelfell fest den Gleichgewichtssinn. Es liegt in einem komplizierten Hohl-
verbunden. Sein kürzerer Fortsatz ist gelenkig mit dem Am- raumsystem, dem knöchernen Labyrinth des Felsenbeins.
boss und dieser wiederum gelenkig mit dem Steigbügel ver- Dieses besteht aus Vorhof, Bogengängen und Schnecke und ist
knüpft. Der Steigbügel ist mit seiner "Fußplatte" im ovalen mit einer liquorähnlichen Flüssigkeit, der Perilymphe, gefüllt.
Fenster befestigt. Die Gehörknöchelchen verstärken die auf das Im Vorhof und in den Bogengängen liegen die Sinnesrezepto-
Trommelfell treffenden Schallwellen und übertragen sie auf ren des Gleichgewichtsorgans. Die Schnecke enthält die Sin-
das ovale Fenster. Zwei kleine Mittelohrmuskeln, der Trom- nesrezeptoren für das Gehör.
melJellspanner (M. tensor tympani) und der Steigbügelmuskel Die knöcherne Schnecke (Cochlea) ist ein spiralig gewundener
(M. stapedius), verbessern die Schallanalyse und schützen das Knochenraum, der mit der oben erwähnten Perilymphe gefüllt
Innenohr durch reflektorische Kontraktion vor zu starkem ist. Eine Zwischenwand teilt den Schneckengang in zwei Eta-
Lärm. gen: die obere Scala vestibuli (Vorhoftreppe) beginnt am ova-

Scala vestibuli,
mit Perilymphe gefüllt

Reissner-Membran
häutige Schnecke
(Ductus cochlearis)
mit Endolymphe gefüllt

Membrana tectoria
N. vestibulocochlearis
Scala tympani,
mit Perilymphe gefüllt - - - -J.=:::::::;;;

cochlearer Anteil des


VIII. Hirnnerven Basilarmembran Corti-Organ

Abb. 10.16: Links Schnitt durch die Schnecke. Man erkennt die Scala vestibuli, die häutige Schnecke und die Scala tympani. Rechts häutige Schnecke im
Detail.
10 Sensibilität und Sinnesorgane 169

len Fenster und geht an der Schneckenspitze (Helicotrema) in


die unten gelegene Scala tympani (Paukentreppe) über, die am 140
runden Fenster endet (-+ Abb. 10.16). co
'U
120
Die knöcherne Schnecke umgibt die häutige Schnecke (Ductus "
-a;
.0
100
cochlearis), einen membranösen Schlauch. Gefüllt ist die häuti- .,
'N
0
ge Schnecke mit Endolymphe, die der Intrazellularflüssigkeit c 80
;:;;.
-a;
ähnelt. In der häutigen Schnecke befindet sich die Basilar- .,a.
Cl 60
membran, auf der das Corti-Organ mit Stützzellen und Sin- ~ 40
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nenzelIen liegt. Die Sinneszellen für das Gehör heißen Haar- :2
'iij 20
zellen, da sie an ihrem freien Ende feine Härchen tragen, die in -5
die Endolymphe des häutigen Schneckengangs ragen und mit '" 0

einer gallertigen Membran (Membrana tectoria) in Verbin- ONMLnC) <:> <:> <:> <:> <:> <:>
dung stehen. Die äußeren Haarzellen verstärken die ins Innen-
NM\.0 N Ln
~ N ~ g <:>
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ohr übertragenen Schwingungen. Die inneren Haarzellen set- Frequenz (Tonhöhe) in Hertz (Hz)
_
zen als sekundäre Sinneszellen die mechanischen Schwingun- Nicht hörbarer Hörbarer ...-. Haupt,praeh-
Frequenzbereich Frequenzbereich bereich
gen in Nervensignale um und werden an ihrer Basis von Fasern
des VIII. Hirnnerven (N. vestibulocochlearis) umfasst. Abb. 10.1 7: Der Hörbereich des Menschen.

10.7.3 Die Hörfunktion Der Mensch kann Schallwellen in einem Frequenzbereich von
Schallwellen sind Druckschwankungen der Luft, die sich wel- etwa 20 Hertz (Hz, 1 Hertz = 1 Schwingung/s) bis 20.000 Hz
lenförmig ausbreiten. Auf das Ohr eintreffende Schallwellen (20 kHz) hören, wobei die Wahrnehmumgsschwelle frequenz-
werden von der Ohrmuschel aufgenommen und durch den äu- abhängig ist. Am besten hören wir Frequenzen um 4 kHz
ßeren Gehörgang zum Trommelfell geleitet. Das Trommelfell (-+ Abb. 10.17).
wird durch die Schallwellen in Schwingungen versetzt, die sich Ein objektives Maß für die Lautstärke eines Tons ist der Schall-
auf die Gehörknöchelchenkette übertragen und schließlich das druckpegel, der in Dezibel (dB) angegeben wird. Da aber das
ovale Fenster erreichen. menschliche Ohr frequenzabhängig Lautstärken anders emp-
Die Steigbügelschwingungen am ovalen Fenster versetzen die Pe- findet, als es ihrer physikalischen Lautstärke entspricht, hat
rilymphe der Scala vestibuli und als Folge auch die häutige Schne- man für die subjektive Lautstärkeempfindung eine zweite
cke in Schwingungen. Diese Schwingungen laufen als Wanderwel- Maßeinheit eingeführt, das Phon (phon). Dabei wurde festge-
len bis zur Schneckenspitze. Mit der häutigen Schnecke schwingt legt, dass die Phonskala bei 1 kHz der Dezibelskala entspricht.
zwangsläufig die Basilannembran mit. Dadurch kommt es zwi- Bei tieferen oder höheren Frequenzen ergeben physikalisch
schen den Haarzellen auf der Basilarmembran und der gallertigen gleich starke Schallreize zum Teil viel geringere subjektive
Membrana tectOl'ia zu Scherbewegungen, welche die Härchen der Lautstärkeempfindungen (ganz links und ganz rechts in der
SiJmeszellen verbiegen. Aufgrund dieses mechanischen Biegungs- Abbildung) oder, anders ausgedrückt, sind mehr Dezibel für
reizes werden die Haarzellen erregt, die ihre Reize an die basal ge- eine bestimmte Lautstärke (Phonzahl) erforderlich.
legenen Nervenfasern weitergeben. Diese Nervenfasern vereini-
gen sich später zusammen mit den Nervenfasern des Gleichge- 1\~li ;111
wichtsorgans zum N. vestibulocochlearis (VIII. Hirnnerv) und Der Schalldruckpegel in Dezibel ist ein logarithmisches Maß. Ein paar
Dezibel mehr bedeuten also nicht ein bisschen, sondern viel mehr Schall-
ziehen zum Hörzentrum im Großhirnschläfenlappen (-+ 9.5.2). druck: Bei 6 dB mehr ist der Schalldruck doppelt, bei 20 dB mehr zehn-
Der oben dargestellte Weg des Schalls heißt Luftleitung. Die mal und bei 60 dB tausendmal so hoch wie der Bezugssschalldruck.
Schallwellen können aber auch z. B. durch eine auf den War- Anhaltspunkte: Flüstern entspricht ca. 30 dB, ein ruhiges Zimmer mit
zenfortsatz hinter dem Ohr aufgesetzte Stimmgabel direkt über leisen "Wohnungshintergrundgeräuschen" ca. 45 dB, eine normale
die Schädelknochen auf das Innenohr übertragen werden. Die- Unterhaltung 60 dB und Verkehr ca. 75 dB. Eine Motorsäge oder
se Knochenleitung überträgt den Schall aber deutlich schlech- Diskomusik hat 100-110 dB und kann schon bei einstündiger "Ein-
ter als die Luftleitung. wirkzeit" dem Gehör nachhaltig schaden.

'6'lil l l Die Audiometrie


Aufgrund der mechanischen Eigenschaften der Basilarmembran hat
jede Schwingungsfrequenz und damit jede Tonhöhe an einem ganz Ein Messverfahren für die Hörfunktion ist die Audiometrie.
bestimmten Ort der Basilarmembran ihr Auslenkungsmaximum (Fre- Sie wird mit einem Audiometer durchgeführt, das Töne be-
quenzauflösung nach dem Ortsprinzip). stimmter Frequenz und Intensität erzeugen kann. So können
Nimmt bei gleicher Frequenz die Lautstärke eines Tones und damit die individuellen Hörschwellen ermittelt werden, das heißt,
die Auslenkung der Basilarmembran zu, werden die Haarzellen stär- die minimalen Schallintensitäten, mit denen Töne bestimmter
ker gereizt und mehr Aktionspotentiale pro Zeit gebildet; wir empfin- Frequenz gerade wahrgenommen werden können. Bei einer
den den Ton als lauter. Schwerhörigkeit sind die Hörschwellen erhöht.
170 Sensibilität und Sinnesorgane 10
Die Hörst örungen 10.7.4 Das Gleichgewichtsorgan
Bei der Schwerhörigkeit unterscheidet man nach dem Ort der
Der Gleichgewichtssinn dient wie andere Sinnesorgane (Au-
Störung die Schallieitungs-Schwerhörigkeit mit einer Stö-
gen, Tiefensensibilität) der Orientierung im Raum und der Auf-
rung im Bereich des äußeren Ohrs oder des Mittelohrs (Ursa-
rechterhaltung von Kopf-/Körperhaltung in Ruhe und Bewe-
che beispielsweise Mittelohrentzündung, Paukenerguss) von
gung. Zum Gleichgewichtsorgan (Vestibularapparat) gehören
der Schallempfindungs-Schwerhörigkeit mit Innenohrschä-
der Vorhof (Vestibulum) und die drei Bogengänge. Sie liegen
digung (z. B. Zerstörung der Haarzellen).
wie das Hörorgan im knöchernen Labyrinth des Felsenbeins.

Der Vorhof
Ungefähr 1 von 1.000 Neugeborenen (aber 1 von 100 Frühgebore-
nen) leidet unter einer angeborenen Hörstörung. Unbehandelt beein- Vom Vorhof (Vestibulum), dem Zentrum des knöchernen La-
trächtigt diese die gesamte Entwicklung des Kindes. Klinische Tests byrinths, gehen die drei Bogengänge und die Schnecke des
wie etwa Papierrascheln sind unzuverlässig, weshalb in den letzten Hörorgans ab (.... Abb. 10.18, .... Abb. 10.19). Wie das gesamte
Jahren in Deutschland ein Neugeborenen-Hörscreening flächen- knöcherne Labyrinth ist auch der Vorhof mit Perilymphe ge-
deckend etabliert wurde. Die Untersuchung ist schmerzlos: Nach füllt und enthält mit Endolymphe gefüllte, membranöse Struk-
kurzen Schallreizen wird mit sehr empfindlichen Mikrophonen die turen. Diese membranösen Strukturen werden im Vorhof als
"Verstärkertätigkeit" der äußeren Haarzellen registriert (otoakusti- großes Vorhofsäckchen (Utriculus) und kleines VorhoJsäckchen
sche Emissionen, OAE).
Da sich eine Schwerhörigkeit auch noch später entwickeln kann, ach- (Sacculus) bezeichnet (.... Abb. 10.18). Sie sind durch zwei feine
ten Pflegende bei Kindern immer auf Warnzeichen einer Hörstörung Gänge miteinander verbunden.
wie Nicht-Reagieren auf akustische Reize oder Auffälligkeiten in der Utriculus und Sacculus enthalten in ihrer Wand jeweils ein
Sprachentwicklung (.... 21 .3.2). Sinnes feld (Makula), welches im Utriculus in horizontaler
Ebene, im Sacculus vertikal liegt (.... Abb. 10.20). Diese Sinnes-
Nach dem 30. Lebensjahr sinkt das Hörvermögen oberhalb von felder sind - ähnlich wie im Hörorgan - aus Sinneszellen und
4.000 Hz (also im oberen Sektor des Sprachbereichs von 250- Stützzellen aufgebaut. Die Sinneszellen sind Haarzellen, deren
4.000 Hz) alle 10 Jahre etwa um 10 dB (Dezibel). Die Ursachen Härchen in eine gallertige Membran hineinragen. Diese Stato-
hierfür sind wahrscheinlich vielschichtig. Ältere Mensch über- lithenmembran (Otolithenmembran) bedeckt das gesamte
hören typischerweise zunächst das Klingeln des Telefons, erst Sinnesfeld und hat an ihrer Oberfläche feine Kalziumkarbonat-
später leidet das Sprachverständnis, v. a. bei Nebengeräuschen kristalle (Statolithen, Otolithen) eingelagert.
(Presbyakusis, Altersschwerhärigkeit). Die Sinneszellen der Makulae reagieren auf Schwerkraft und
Beschleunigungen in vertikaler oder horizontaler Ebene (Line-
·jll'CjI arbeschleunigungen). Hierbei wird die Statolithen membran
Ist die Schwerhörigkeit eines Patienten nicht bekannt, werden Miss- nach unten gezogen und infolgedessen die Sinneshärchen ab-
verständnisse möglicherweise als Verwirrtheit des Patienten interpre- geschert, die dadurch als Mechanorezeptoren erregt werden.
tiert, weil er z. B. auf Fragen nicht sofort oder falsch antwortet oder Die Verarbeitung ihrer Signale im ZNS vermittelt verschiedene
in eine andere Richtung läuft als ihm erklärt wurde. Eine gewissen- bewusste Empfindungen wie "Fallen", "Bremsen" oder "Stei-
hafte Pflegeanamnese, genaue Dokumentation und Übergabe an
gen" und führt reflektorisch zur Anpassung von Tonus und
Kollegen beugen hier vor.
Bewegung der Körpermuskulatur (.... Abb. 10.21).

vestibulärer Anteil des VIII. Hirnnerven


(N. vestibulocochlearis)

- - -- VII. Hirnnerv (N. facialis)

cochlearer Anteil des VIII. Hirnnerven

knöcherne Schnecke (aufgeschnitten)

großes Vorhofsäckchen (Utriculus)


häutige Schnecke (Ductus cochlearis)
kleines Vorhofsäckchen (Sacculus) mit Corti-Organ

Abb.10.18: Schnitt durch die knöcherne Schnecke, den Vorhof und die Bogengänge mit Darstellung des VII. und VIII. Hirnnerven.
10 Sensibilität und Sinnesorgane 171

Die Bogengänge Die Sinneszellen der Bogengänge reagieren auf Dreh bewegungen.
Die drei Bogengänge stehen etwa im rechten Winkel zueinan- Hierbei kommt es zu einer identischen Bewegung der CupuJa, was
der in den drei Raumebenen. Es gibt einen vorderen und hinte- - da die träge Endolymphe nicht so schnell folgen kann - wieder-
ren vertikalen und einen seitlichen horizontalen Bogengang. um zu einem Zug an den darin eingebetteten Härchen führt und
Sie beginnen und enden alle im Vorhofbereich, sodass sie zu- den entsprechenden Reiz für die Sinneszellen darstellt (~ Abb.
sammen mit diesem einen Ring bilden. 10.22). Die NervenimpuJse aus den Haarzellen führen im ZNS zur
In den knöchernen Bogengängen verlaufen die membranö- bewussten Empfindung von Drehbewegungen und zur reflektori-
sen, mit Endolymphe gefüllten häutigen Bogengänge. Jeder schen Anpassung der Körperhaltung an die Erfordernisse der Si-
Bogengang ist am Ende zur Ampulle erweitert. Dort befinden tuation. Da sich Endolymphe und CupuJa nach einiger Zeit aber
sich die Sinneszellen des Bogengangsystems. Es sind HaarzeI- "rnitdrehen", führen nur Änderungen der Drehbewegungen - al-
len, die von Stützzellen umgeben sind. Ihre Härchen ragen in so Drehbeschleunigungen - zur Reizung des Bogengangsystems.
eine gallertartige, kuppelförmige Masse (Cupula).
Die leitungsbahnen des Gleichgewichtsorgans
Von den Haarzellen des Gleichgewichtsorgans werden die Er-
Bogengänge regungsimpulse zunächst an Nervenzellen weitergeleitet, die
im inneren Gehörgang liegen. Ihre Fasern bilden den vestibu-
lären Anteil des N. vestibulocochlearis, der ihre Informationen
an zahlreiche Hirngebiete (Rückenmark, Kleinhirn, Formatio
reticuJaris, Thalamus und Hirnnervenkerne) weiterleitet. Über
diese Verbindungen werden die Erregungen des Gleichge-
wichtsapparates mit dem motorischen System verknüpft, so-
dass die Muskelbewegungen für eine normale Stellung des
Kopfes, des Körpers und der Augen reflektorisch entsprechend
den jeweiligen Erfordernissen gesteuert werden.
In der Großhirnrinde werden Körperpositionen und Stellungs-
änderungen bewusst und ungünstige Körperposition ggf. über
die motorische Großhirnrinde mit entsprechenden Stellwlgs-
änderungen beantwortet.
ovales Fenster rundes Fenster
Der Nystagmus
Abb. 10.19: Das knöcherne Labyrinth als Ausgussmodell. Das Gleichgewichtsorgan ist wie erwähnt auch mit den Augen-
muskelkernen verknüpft. Schauen wir einen Gegenstand an, so
führt eine Kopfdrehung über diese Verbindung zu einer auto-
Härchen Statolithen- matischen Gegensteuerung durch die Augen, sodass die Blick-
membran
richtung konstant bleibt. Es kommt zu rhythmischen Augen-
bewegungen, die als Nystagmus (Augenzittern) bezeichnet
werden. Ein Nystagmus ist außerdem normal beim Beobach-
ten bewegter Bilder. Hingegen ist ein Nystagmus bei einem ru-
henden Menschen praktisch immer krankhaft.
Geprüft wird der Nystagmus z. B. auf einem speziellen Dreh-
zum N. vestibulocochlearis Sinneszellen Stützzellen
stuhl oder durch Spülung des Gehörgangs mit kaltem oder
warmem Wasser (die Temperaturveränderung wird auf die
Abb. 10.20: Aufbau der Makula. Endolymphe der Bogengänge übertragen) .

Sacculus-Makula: Abscherung
Abscherung durch Zug kräfte

U
Schwerkraft
• durch Zugkräfte

:' ,~"~l:
•• i, Utriculus-Makula:

keine Abscherung

Abb. 10.21: Ablenkung der Statolithen membran bei Lagewechsel.


172 Sensibilität und Sinnesorgane 10
Ruhe Drehbeschleunigung
aufg eschnittener Si nnes- Sinnes- Stütz-
Bogengang mit härchen zelle zelle
Endolymphe
gefüllt

~""'-I::-- Cupula

Ampu lle

zum N. VIII Faser des Nervus vesti bulocochlearis


(VIII. Hirnnerv) Erregung N. VIII

Abb. 10.22: Ablenkung der Cupula bei einer Drehbeschleunigung.

Die Gleichgewichtsstörungen Gleichgewichtsorgans zu vegetativen Zentren die unangeneh-


Wohl die bekannteste Störung des Gleichgewichtsorgans ist die men Folgen_
Reisekrankheit. Unregelmäßige Beschleunigungen sowie Un- Weitere Ursachen von Gleichgewichtsstörungen sind Entzün-
terschiede zwischen optischen und vestibulären Eindrücken dungen oder Durchblutungsstörungen eines Gleichgewichts-
reizen das Gleichgewichtsorgan und "verwirren" das Gehirn. organs_ Wiederum passen die im Gehirn eintreffenden Eindrü-
Übelkeit bis zum Erbrechen, Schweißausbruch und Blutdruck- cke nicht mehr zueinander, und dem Patienten wird z_B. bei
veränderungen sind infolge der engen Verbindungen des jedem Versuch sich aufzurichten schwindelig und übel.

WIEDERHOLUNGSFRAGEN

1. Was sind Sinnesrezeptoren ? (-+ 10.1) 12. Über welche Schutzeinrichtungen verfügt das Auge? (.... 10.6.5)
2. Über welche Sinnesfunktionen verfügt die Haut? (.... 10.2) 13. Welche physiologische Funktion hat die Tränenflüssigkeit?
3. Wohin werden die Erregungen der Hautrezeptoren übermittelt? (.... 10.6.5)
(.... 10.2) 14. Welche Strukturen befinden sich in der Paukenhöhle? (.... 10.7.2)
4. Was ist ein somatischer, was ein viszeraler Schmerz? (.... 10.3.2) 15. Wo liegen die Sinnesrezeptoren für Gehör und Gleichgewichts-
5. Was versteht man unter Tiefensensibilität? (.... 10.4) sinn? (.... 10.7.2)
6. Wie werden Geruchsstoffe wahrgenommen? (.... 10.5.1) 16. Welchen Weg nehmen die Schallwellen normalerweise?
7. Wo liegen die Rezeptoren für den Geschmackssinn? (.... 10.5.2) (.... 10.7.3)
8. Für welche Geschmacksqualitäten gibt es Rezeptoren? (.... 10.5.2) 17. Welche Formen von Schwerhörigkeit gibt es? (.... 10.7.3)
9. Aus welchen Schichten ist der Augapfel aufgebaut? (.... 10.&.1) 18. Woraus besteht das Gleichgewichtsorgan? (.... 10.7.4)
10. Welche Sinneszellen gibt es in der Netzhaut? (.... 10.6.1) 19. Worauf reagieren die Sinneszellen der Makula? (.... 10.7.4)
11 . Wie funktioniert die Anpassung der Linse an Nah- und Fernsicht? 20. Worauf reagieren die Sinneszellen der Bogengänge? (.... 10.7.4)
(.... 10.6.3)