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„Muss es sein, dass der Wirt eines gastronomischen Betriebes seinen Saal

nicht mehr an Korporierte vermietet, weil sich die Bedienungen weigern,


die mit Urin randvoll gefüllten Trinkgefäße der betrunkenen Chargierten
abzutragen? Oder weil die flüssigen Exkremente gleich auf die Holz-
dielen abgelassen wurden? Bei uns gibt es Verhaltensregeln, die jungen
Menschen Orientierung geben sollen. Diese Regeln bestehen nicht zum
Selbstzweck, sondern sie ergeben einen Sinn. Es würde den Veranstal-
tungsablauf schon sehr stören, wenn Chargierte (übrigens nicht nur die)
IMPRESSUM während eines Kommerses den Saal zum Toilettengang verlassen würden.
AUSGEFUXT – Kritik an studentischen Verbindungen Deshalb sollen sie beim Konsumieren von Getränken Augenmaß halten
Teil 1: Geschichte und Gegenwart und die Veranstaltung mit Anstand und Würde bestehen.“
Auch als pdf verfügbar unter: stura.tu-dresden.de/ausgefuxt

1. Auflage - Dezember 2017 - Klaus Weber


Redaktionsschluss: Oktober 2017 2014 in der Verbandszeitschrift des katholischen Cartellverbands, dem
größten Verband studentischer Verbindungen in Deutschland

Herausgegeben durch die Referate WHAT, Politische Bildung, Hochschulpolitik und


Öffentlichkeitsarbeit des Studentenrates (StuRa) der Technischen Universität Dresden

Postanschrift:
StuRa der TU Dresden
Helmholtzstr. 10
01069 Dresden
stura.tu-dresden.de

Besucheradresse:
Haus der Jugend
George-Bähr-Str. 1e
01069 Dresden

V.i.S.d.P.:
Paul Hösler, Geschäftsführer für Hochschulpolitik

Redaktion:
Referat WHAT, Referat für politische Bildung, Stefan Taubner, Julia Gleu, Holger Herzberg

Eigentumsvorbehalt:
Dieser Reader bleibt bis zur Aushändigung an den/die Adressat:in Eigentum des/der
Absender:in“. „Zur-Habe-Nahme“ ist keine Aushändigung im Sinne dieses Vorbehalts.
Nicht ausgehändigte Exemplare sind unter Angabe von Gründen an den/die Absender:in
zurückzusenden.
VORWORT INHALT
LIEBE STUDIERENDE UND INTERESSIERTE,

in euren Händen haltet ihr ge- Readers. Aus emanzipatorischer der TU Dresden zum ersten Mal Vorwort Seite 4
rade den ersten Teil unserer Pu- Perspektive kommt darüber den ansässigen Korporationen
blikation „Ausgefuxt“ über das hinaus dem Verhältnis der Ver- widmete. Bei dieser komplett Ich verstehe immer nur Burschenschaft Seite 6
bindungen und Verbände zur überarbeiteten und erweiter- – was sind studentische Verbindungen?
studentische Verbindungswesen.
Zwar sind in vielen Städten die Neuen Rechten gerade ange- ten Neuauflage als Gemein-
optisch mit Mützen und Bän- sichts der politischen Entwick- schaftsprojekt des Referats für Ein alter Hut? Zur Historischen Entwicklung des Verbindungswesens Seite 10
dern auffälligen Verbindungs- lung in Deutschland und Euro- politische Bildung und des
mitglieder selten geworden, pa in den letzten zehn Jahren Referats WHAT wurden wir au-
große Bedeutung zu. Aber auch ßerdem vom Referat für Hoch- Exkurs: Die Deutsche Burschenschaft Seite 16
doch haben sich viele Verbände
nicht mit diesem Bedeutungs- zum Einstieg in das Thema der schulpolitik unterstützt. Damals
verlust abgefunden und werben studentischen Verbindungen wie heute gilt aber, dass wir mit Studentische Verbindungen und der Aufstieg des Nationalsozialismus Seite 20
nach wie vor offensiv um neue eignet sich „Ausgefuxt“. Wer unserer Arbeit der Entwicklung
Mitglieder. Seit dem Aufstieg der mehr zur Situation in Dresden frei individualisierter Menschen
und den dortigen Entwicklungen und der gesellschaftlichen Die Zukunft der Elite Seite 28
AfD spielt auch die Deutsche
Burschenschaft (DB) als Rekru- wissen will, findet im zweiten Bewusstwerdung des Individu-
tierungsbasis der Partei wieder Teil alle nötigen Informationen. ums Vorschub leisten wollen. Zeitlose Gemeinschaft: Seite 32
eine politische Rolle in Deutsch- Abschließend findet ihr noch ein Die kritische Hinterfragung von Zum Verhältnis zwischen studentischen
land. Verbindungen beziehen umfangreiches Glossar, in dem und Aufklärung über Gemein- Verbindungen und der Neuen Rechten
sich als Ausdruck „gelebter Tra- typische Begriffe aus der Ver- schaften, die wie studentische
ditionen“ auf eine gesellschaft- bindungswelt erläutert werden, Verbindungen um ihrer selbst Die Dresdner Verbindungslandschaft (Ausblick auf Teil 2) Seite 54
liche Situation im Deutschland was zum Verständnis manchmal willen bestehen, gehören zu den
des 19. Jahrhunderts. Erst vor nötig sein wird. Bestandteilen dieser Arbeit. Glossar Seite 60
dem Hintergrund der Geschich-
Diese Publikation gehört zum WIR BEDANKEN UNS BEI LUCIUS
te des Verbindungswesens wird
Nachfolgeprojekt des 2010 TEIDELBAUM SOWIE ALLEN
dessen problematische Rolle in
erschienen Readers „Ein alter UNTERSTÜTZER:INNEN FÜR HILFE
der Gegenwart deutlich. Deshalb
Hut“, mit dem sich das Referat UND FEEDBACK UND WÜNSCHEN EINE
gehört die historische Perspekti-
für politische Bildung im StuRa ERKENNTNISREICHE LEKTÜRE!
ve zu den Schwerpunkten dieses

Seite 4 Seite 5
Auf das Conventsprinzip ist auf Verbandsebene etc.) und Verbindungen, die fast immer
man in studentischen Verbin- bezeichnen alle beschlussfähi- mindestens mit Mütze und
dungen besonders stolz. Mit gen Versammlungsformen im Band auftreten). Uniformierung
dieser Art basisdemokratischer Verbindungswesen. an sich unterdrückt bereits die
Beschlussfassung werden aus Individualität und erinnert die
korporierten Kreisen gerne sie tragende Person immer an
Gruppen junger Männer mit Entsprechend sind auch überwiegend das äußere Vorwürfe der Hierarchiebildung Äußerlich findet die Gemein- die Rolle, in die sie durch die
bunten Mützen, Bändern Corps, Landsmannschaften, Erscheinungsbild zu eigen. und autoritärer Strukturen zu- schaftszugehörigkeit ihre Ent- Uniform geschlüpft ist – hier
und manchmal auch Degen Turnerschaften, Ursprünglich war auch das rückgewiesen.1 Das korporierte sprechung in der Couleur als muss der Unterschied zur zeit-
bestimmten bis vor einigen Katholische Verbindungen, studentische Fechten (Mensur) Demokratieverständnis einer Farbkombination der Verbin- lich begrenzten Funktion ande-
Jahrzehnten das Bild der Damenverbindungen (die integraler Bestandteil des konsequenten Unterordnung dung, wie sie in verschiedenen rer Uniformierungen (staatlich,
meisten Universitätsstädte seit kurzem einen plötzlichen Verbindungswesens, wird unter die Entscheidung der Symbolen und Gegenständen technisch) einer arbeitsteiligen
in Deutschland. Seit Mitte Aufschwung erfahren) etc. vor aber heute nur noch von einer Mehrheit hat allerdings mehr zum Ausdruck kommt. Diese Gesellschaft betont werden.
der 60er Jahre wurden allem aus Image-, zum Teil aber Minderheit der Korporationen gemeinschaftliche Disziplinie- bildet eine Identität fürs Leben, Hinzu kommt noch die Fuxen-
studentische Verbindungen auch aus inhaltlichen Gründen praktiziert. rung als die Schaffung und den die zusätzlich oft noch durch erziehung der Verbindungsan-
bzw. Korporationen, wie um Distanzierung bemüht. Der Kerngedanke des Lebens- Schutz persönlicher Freiräume Uniformierung verstärkt wird. wärter:innen und die Reglemen-
man sie auch nennt, aber Tatsächlich ist es jedoch so, bundprinzips beinhaltet die zum Ziel. Dass auch heute noch Ein Teil der studentischen tierung des Verbindungslebens
in der BRD zunehmend dass alle Korporationen viele lebenslange Mitgliedschaft und Korporationen sich vor allem im Verbindungen verzichtet heute sowie die allgegenwärtige Unter-
zu einer Randerscheinung. Gemeinsamkeiten hinsichtlich spiegelt sich in der Organisati- Gegensatz zu einem in ihren auf das Tragen der Couleur im ordnung unter die Gemeinschaft
Schwindende Mitgliedszahlen ihrer Organisation und onsstruktur der Verbindungen Augen „überzogenen Individu- Alltag. Solche Verbindungen, in der Verbindung. Auf Fehlver-
bei gleichzeitigem Anstieg Traditionen aufweisen und die wider. Beim Beitritt wird man alismus“2 in Szene zu setzen denen nur die Funktionsträger halten droht dabei Bestrafung,
der Studierendenzahl auch über die Bestrebungen zunächst für ein Jahr als soge- versuchen, verdeutlicht diese (sog. Chargen) zu festlichen die je nach Modernitätsgrad der
in Deutschland sowie der Deutschen Burschenschaft nannter Fux (bzw. Fähe in Da- Einschätzung noch. Convente Anlässen in Couleur erscheinen, Verbindung auf alten Traditio-
starke gesellschaftliche hinaus jede Menge Anlass zur menverbindungen) Mitglied auf gibt es auf verschiedenen Ebe- nennt man farbenführend (im nen beruht oder selbst „kreativ“
Veränderungen in der zweiten Kritik aus emanzipatorischer Probe, womit zahlreiche Pflich- nen (innerhalb der Verbindung, Gegensatz zu farbentragenden ersonnen wurde.3 Das demokra-
Hälfte des 20. Jahrhunderts Perspektive bieten. ten gegenüber der Gemeinschaft 1 Hier ließe sich eine Vielzahl von Belegen als Beispiele anführen. Die Burschenschaft Cheruscia Dresden erklärt
entkoppelten die Verbindungen bei gleichzeitig fehlenden Mitbe- studentische Verbindungen generell als „ein Stück gelebter Basisdemokratie“. Siehe http://cheruscia-dresden.
mehr und mehr von der de/ [Letzter Zugriff: 24.09.2017]. Oft wird auch mit diesem Prinzip die praktisch zwingende Gegnerschaft zum
stimmungsrechten verbunden
Durchschnittsgesellschaft Die Ursprünge des deutschen Nationalsozialismus betont, obwohl sich dieser in der Deutschen Studentenschaft (Vertretung aller Studierender
sind. Nach einer erfolgreich in der Weimarer Republik) wie auch in fast allen Verbindungen eben ganz demokratisch durchsetzte. Beim Corps
wie auch von den meisten Verbindungswesens liegen in
absolvierten Aufnahmeprü- Teutonia Dresden, das sich nach 1918 völlig offen zum völkischen Antisemitismus bekannte, heißt es zur Auflösung
Hochschulen. Aufmerksamkeit der Zeit um 1800, die vor allem des Corps 1935, dass „Werte wie Toleranz und das Bekenntnis zur Demokratie nicht in einen totalitären Staat passten.“
fung wird schließlich die Voll-
erreichten sie allenfalls mit durch die Auseinandersetzung Siehe http://www.teutonia-dresden.de/index.php?option=com_content&view=article&id=54:geschichte-teutonia-
mitgliedschaft auf Lebenszeit
Skandalen, besonders jenen mit der Französischen dresden&catid=34:ueber-uns&Itemid=55 [Letzter Zugriff: 24.09.2017].
verliehen. Ab diesem Zeitpunkt
der Deutschen Burschenschaft Revolution (bzw. später der 2 Siehe stellvertretend die Selbstdarstellung der Dresdner Burschenschaft Cheruscia (Vgl. http://cheruscia-dresden.
wird meist von Bundesbrüdern de/ [Letzter Zugriff: 24.09.2017]). Ähnliches kann man auch beim Cartellverband der katholischen deutschen
(DB), die immer wieder durch napoleonischen Herrschaft),
bzw. -schwestern gesprochen, Studentenverbindungen (CV) lesen: Vgl.https://www.cartellverband.de/cartellverband/wer-wir-sind/ziele-und-aufgaben/
nationalistische und rassistische dem spannungsgeladenen
daneben sind auch, je nach Art [Letzter Zugriff: 24.09.2017].
Positionen (man denke nur Verhältnis zwischen Bürgertum 3 Offene Aussagen zum Strafsystem durch die Verbindungen selbst finden sich aufgrund der schlechter gewordenen
der Verbindung, andere Bezeich-
an die 2011 geführte Debatte und Adel innerhalb der öffentlichen Wahrnehmung des Verbindungswesens heute kaum noch. Etwas entlarvend ist es daher immer, wenn
nungen üblich. Von Burschen
um den „Ariernachweis“) Ständegesellschaft und der gerade relativ unpolitische oder gar liberale Verbindungen sich in ihrer Selbstvorstellung öffentlich dazu äußern. So
ist nur während der Studienzeit erklärt die gemischte christliche Verbindung KTV Rhenania Konstanz den „Stichkantus“: „Während eines Convent
sowie enge Kontakte zur NPD Entstehung der deutschen
die Rede. Nach Abschluss des (Bier) vom Senior verhängte Strafe für Stören und ungeziemtes Zwischenreden. Die Bierehrliche Runde einigt sich
und anderen neonazistischen Nationalbewegung geprägt auf eine Melodie, auf welche der Stichkantus ausgeübt werden soll. Der zu bestrafende BB [= Bundesbruder] hält dem
Studiums werden die Mitglieder
Organisationen auffiel. Für war. Mit unterschiedlicher Senior seinen Cantusprügel [= Liederbuch] hin und entscheidet sich für die Position (oben, unten, links, rechts) des
einer Verbindung „Alte Herren“
viele Menschen entstand zum Ausprägung und zu singenden Cantus auf der entsprechenden Seite in seinem Gesangbuch. Der Senior sticht dann mit dem Schläger
bzw. „Hohe Damen“, die nun zwischen die Seiten des Gesangbuch und legt damit die Seite des zu singenden Cantus fest. Der zu bestrafende BB
einen aus dieser medialen Schwerpunktsetzung fußen die
idealerweise die studierenden hat nun diesen Cantus auf die zuvor vom Gremium festgelegte Melodie vorzutragen. Ist die Corona [= Kreis der
Dominanz der Deutschen Traditionen und Rituale aller Teilnehmer:innen einer Kneipe] nicht mit dem Vortrag zufrieden, muß die gesamte Prozedur wiederholt werden.“[alle
Mitglieder der Verbindung so
Burschenschaft aber auch aus Verbindungstypen größtenteils Fehler im Original] Siehe: http://www.ktv-rhenania.de/verbindung/lexikon/index.php [Letzter Zugriff: 24.09.2014].
unterstützen sollen, wie sie
dem äußeren Erscheinungsbild auf dieser historischen Die Befugnisse der Chargen sind in schlagenden und rechtskonservativen Verbindungen beispielsweise
selbst während des Studiums nicht anders. Dass diese sich nicht über in ihren Verbindungen verhängte Strafen öffentlich äußern, hängt kaum mit
der Verbindungen, das Situation. Allen studentischen
im Verbindungsnetzwerk Un- der gelebten individuellen Freiheit, die sie von liberaleren Verbindungen noch unterscheiden könnte, zusammen.
für Außenstehende kaum Verbindungen sind auch heute Lange bevor der Verbindungsaussteiger Stephan Peters (war Mitglied in einer katholischen Marburger Verbindung)
terstützung erfahren haben.
Unterscheidungsmöglichkeiten noch die Organisationsstruktur, mit seiner Dissertation über die Sozialisation von Korporationsstudenten (Peters, Stephan: Elite sein. Wie und für
Besonders der Besitz und die
zulässt, die falsche synonyme das Traditions- und welche Gesellschaft sozialisiert eine studentische Korporation? Marburg 2004.) einen Shitstorm von Seiten der
finanzielle Unterstützung ver- deutschen Verbindungsszene auslöste, hielt er bereits im lokalen Raum Vorträge, z. B. vor der Juso-Hochschulgruppe
Verwendung der Begriffe Regelwerk (Comment) und
bindungseigener Häuser spielen Marburg. Peters spricht hier von einem offiziellen „Strafenkatalog“ der Verbindung, wie auch von der Bestrafung durch
Burschenschaft und Verbindung. das Lebensbund- sowie das Trinkzwang („In die Kanne schicken“) und ähnlichen Formen scheinbar „lustiger“ Disziplinierung. Ähnliches hatten
hier eine wichtige Rolle.
Conventsprinzip wie auch wir auch von den Dresdner Abraxas-Rheinpreußen im persönlichen Gespräch erfahren, die aber betonten, dass diese

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tische Beschließen von Strafen ab. Die Vorstandsmitglieder In der allgemeinen Wahrneh- den Verbindungen ebenfalls mit Liedguts sowie weiterer, in den
macht diese unmittelbare Aus- (Chargen oder Präsiden) haben mung werden mit dem stu- dem Gedanken der „Erziehung“ Verbindungen gern gesungener
übung von Herrschaft und die dabei das Recht, Mitgliedern das dentischen Verbindungswesen begründet. Aber auch fast alle deutscher Volkslieder, enthält
Unterwerfung des Einzelnen Wort zu erteilen oder zu ver- außerdem blutige Fechtkämp- nicht schlagenden Korporatio- auch gewaltverherrlichende,
unter eine gemeinschaftliche weigern, Lieder anzustimmen fe, die heute als sogenannte nen bewahren die Erinnerung nationalistische und fremden-
Identität – und nicht etwa einer oder Ruhe einzufordern. Die Mensuren gefochten werden, an das studentische Fechten, in- feindliche Lieder aus den frühen
praktischen Erwägungen zu- strenge Reglementierung und verbunden. Kam es früher vor dem bei festlichen Anlässen ein Jahren der deutschen National-
grunde liegenden (aber sicher Ritualisierung des verbindungs- allem im Rahmen von Duellen (stumpfer) Degen als Teil der bewegung um 1800. Beispiele
auch gegebenenfalls kritikwür- studentischen Lebens garantiert durchaus zu Todesfällen wegen (Voll-)Couleur getragen wird, so hierfür sind das „Morgenlied
digen) Funktionsgemeinschaft dann auch die Schaffung der Ehrenstreitigkeiten, werden heu- dass es ebenfalls zu den integra- der schwarzen Freischar“, „Der
– deutlich. Auch die demokrati- „korporierten Persönlichkeit“4 te Schutzmaßnahmen ergriffen, len Traditionsmerkmalen zählt. Gott, der Eisen wachsen ließ“
sche Legitimierung von Autorität und völlige Verinnerlichung des um schwere Verletzungen zu oder die „Teutoburger Schlacht“;
und Hierarchien ändert nichts Systems, womit im Rahmen des vermeiden. Demonstrative Nar- Studentische Zusammenschlüs- aber auch Dichtungen aus der
am grundsätzlichen Ziel der Lebensbundprinzips auch des- ben im Gesicht, die als „Schmis- se und Vereinigungen gibt es Zeit nach 1945 fallen bisweilen
Disziplinierung. Verschiedene sen Fortbestand weitestgehend se“ bekannt sind, gehören aber weltweit, aber die beschriebenen durch Nationalismus auf.6
Veranstaltungen der Verbindun- gesichert bleibt. Selbst heute auch heute noch zum Alltag Zustände sind ein Phänomen Bereits an dieser Stelle sollte
gen laufen allesamt nach festen sprechen viele Korporationen „schlagender“, also Mensuren deutscher Herkunft. Die Tradi- deutlich geworden sein, dass der
Regeln, die, wie auch Couleur noch offen von der Erziehungs- fechtender Verbindungen. Heu- tion von Mensur, Lebensbund Kern des Verbindungswesens
und Symbole, im sogenannten funktion als wichtigstem Ele- te wird die Aufrechterhaltung und Couleur ist in dieser Form fast ausschließlich in Traditi-
Comment festgehalten werden, ment des Verbindungsmodells.5 dieser Tradition von schlagen- einzigartig, aufgrund der deut- onsbewahrung besteht. Gera-
Strafe bei ihnen nicht zwingend mit Bier ausgeführt werden muss. schen Geschichte und verschie- de diese feste Grundlage von
4 Peters: Elite sein. S. 255. dener Siedlungsbewegungen Traditionen aus dem frühen 19.
5 Auch an dieser Stelle sollen stellvertretend nur zwei Beispiele genannt werden: Burkhard Meister vom Vorstand des aber in weiteren Teilen Europas Jahrhundert sowie der Blütezeit
Weinheimer Verbandes Alter Corpsstudenten (WVAC) äußert sich im Magazin der Kösener und Weinheimer Corps (besonders im Baltikum und
so: „Die Leistungen der Corps für die Gemeinschaft, die Gesellschaft, das Vaterland fasse ich immer gern unter den der Korporationen im deutschen
Begriffen „Bildung, Erziehung, Gemeinschaft“ zusammen.“ In: Corpsstudenten müssen sich bekennen. Interview mit
in Südosteuropa) verbreitet. Kaiserreich lässt die studen-
dem WVAC-Vorsitzenden Dr. Burkhard Meister Hannoverae. In: Die Corps, Nr. 1 (2005). Online unter: https://web. Auch in Südamerika gründe- tischen Verbindungen auch
archive.org/web/20130110060042/http://www.die-corps.de/Corpsstudenten_muessen_sich_be.710.0.html [Letzter ten ausgewanderte Deutsche heute noch latent offen gegen-
Zugriff: 24.09.2017]. Auch ein Mitglied der Erlanger Burschenschaft der Bubenreuther spricht in einer Dokumentation Verbindungen nach deutschem
des MDR deutlich über das Verbindungsleben: „Die Bubenreuther sind ein Erziehungsbund und es gibt auch über rechten Diskurseinflüssen
Erziehungsmittel.“ Lexi TV: Burschenschaften. Ausgestrahlt am 8.4.2008 im MDR.
Vorbild. Sie alle berufen sich auf bleiben, wie sie auch gerade im
Traditionen aus dem 18. und 19. konservativen und rechten Mili-
Jahrhundert, die in dieser Form eu immer wieder große Anzie-
einen Selbstzweck bilden. Schon hungskraft entfalten.7 Individu-
im gesammelten Liedgut der eller Emanzipation stehen alle
Verbindungen, das in den Kom- Verbindungen, zum Teil sogar
mersbüchern weitergereicht ausdrücklich, entgegen. Zum
und zu verschiedenen Anlässen Verständnis der Traditionen
gesungen wird, zeigt sich, wel- und auch der heutigen Gestalt
che Inhalte die Traditionspflege studentischer Verbindungen ist
der Korporationen am Leben allerdings die historische Ge-
erhält. Das Allgemeine Deut- nese des Verbindungswesens
sche Kommersbuch als fortlau- unverzichtbar.
fende Sammlung des gesamten
verbindungsstudentischen

6 Vgl. Foshag, Michael (Hrsg.): Allgemeines Deutsches Kommersbuch. 165.


Auflage. Kehl 2013. Als Beispiel hier die 7. Strophe des „Morgenlieds der
schwarzen Freischar“: „Für Vaterland und Ehre erheben wir die Wehre,
für Hermanns Erb und Gut verspritzen wir das Blut. :| Tralalala,...“ Von
1963 dagegen ist das Lied „Wenn Altes fiel, stand Neues auf“ von Georg
Wenzig. Der Text der 3. Strophe lautet: „Glaubt fest: In aller Zeiten Lauf blieb
Burschengeist erhalten. Wenn Altes fiel, stand Neues auf. Die echten Werte
galten. Wird Väterbrauchtum auch verschmäht von Jugend, die es nicht
versteht, aus unsern Reihen schall es: Mein Deutschland über alles!“
7 Mehr dazu vor allem im Text „Zeitlose Gemeinschaft: Zum Verhältnis
zwischen studentischen Verbindungen und der Neuen Rechten“ in dieser
Akademisches Fechten (Mensur) hat in den Verbindungen eine lange Tradition Publikation.

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zu einem eigenen konstituie- den Universitäten waren studen- fung universitärer Sonderrechte Folter und Rechtswillkür die heimlogen vergleichbar waren.
EIN ALTER HUT? renden Moment und verlang- tische Organisationen generell wie einer eigenen Gerichtsbar- deutsche Gesellschaft im 17. Im 19. Jahrhundert übernahmen
ten von Neumitgliedern oft oft Restriktionen ausgesetzt, da keit und weniger vom Gedan- Jahrhundert nicht zuletzt durch schnell alle studentischen Ver-
ZUR HISTORISCHEN gewalttätige Aufnahmerituale.1 sie für Duelle, Prügeleien und ken einer unabhängigen Wis- die Erfahrungen des Dreißigjäh- bindungen dieses Prinzip. Doch
In einigen Teilen Europas etab- Trinkgelage verantwortlich ge- senschaft her. Auf diesem Weg rigen Krieges verrohen ließen, der Geist von Aufklärung und
ENTWICKLUNG DES lierte sich für die „Nationes“ der macht wurden.2 versuchten die Angehörigen der wurden die davon ebenso ge- französischer Revolution wehte
Begriff „Bursen“, von welchem Die Entstehung der Universitä- Universität als Avantgarde des prägten Landsmannschaften, in den Verbindungen deutschen
VERBINDUNGSWESENS sich die heutigen Burschen der ten führte außerdem zu einer aufstrebenden Bürgertums dem deren über 19-monatige Pro- Typs, in denen sich „wie in
Burschenschaft ableiten. Bei- bis dahin nicht gekannten räum- Adel auch Souveränitätsrechte bezeit für die Neuzugänge aus einem Brennglas die Ambivalen-
BURSEN, NATIONES,
des hatte noch nichts mit dem lichen Mobilität (wenn auch streitig zu machen. An manchen endlosen Torturen bestand, im zen des deutschen Zivilisations-
LANDSMANNSCHAFTEN - DIE WURZELN modernen Nationalstaatsgedan- einer sehr kleinen Minderheit) deutschen Universitäten konn- 18. Jahrhundert bei Verbot sol- prozesses“6 widerspiegeln, nur
DER STUDENTISCHEN VERBINDUNGEN ken zu tun, da ein solcher noch und konfrontierte die adlige ten sie sogar für sich das sonst cher Misshandlungen durch die kurz.
Vorläufer der studentischen nicht existierte und Studenten Souveränität mit bisher unbe- dem Adel vorbehaltene Recht Universitäten meist geduldet.5
Verbindungen waren in den untereinander für gewöhnlich kannten Problemen, die sich vor auf Tragen von Waffen durchset- Immerhin konnte die Bruta-
Universitäten des Mittelalters in Latein sprachen. Aus den allem in Rechtsunsicherheiten zen. Darin liegt der Ursprung lität zwischen den Studenten MANIFESTIERUNG DES
die „Nationes“, in denen die Bursen und Nationes entwi- (Abstammungsrecht versus des studentischen Fechtens, das durch diese Institutionalisierung
Studenten nach ihrer Herkunft VERBINDUNGSWESENS
ckelten sich im deutschsprachi- Territorialrecht) äußerten. Aus schlagende Verbindungen bis Regeln unterworfen und etwas
organisiert waren. Dieses Sys- gen Raum bei zunehmender dieser Konstellation entwickelte heute auch unter den Bedingun- eingedämmt werden. Die Orga- Von den studentischen Orden,
tem wurde zur effizienten Ver- Kleinstaaterei samt Gründung sich die berühmte „akademische gen staatlicher demokratisch nisation der Landsmannschaften die zu einer nennenswerten
waltung und zur gegenseitigen zahlreicher neuer Universitäten Freiheit“, für die studentische legitimierter Gewaltenteilung beschränkte sich aber noch auf Konkurrenz der Landsmann-
Unterstützung der Studenten die Landsmannschaften, die die Verbindungen bis heute de- bewahren.4 die Zeit des Studiums und hatte schaften erwuchsen, wurden
mit ähnlicher Herkunft einge- Traditionen der studentischen monstrativ eintreten.3 Dieser Das Tragen von Uniformen, keine weiterreichenden Ziele. auch erstmals die bis dahin
führt. Sie wurden dabei schnell Vereinigungen fortführten. An Begriff rührt aber von der Schaf- wie es die Landsmannschaften Das Lebensbundprinzip führ- mündlich überlieferten Ver-
praktizierten, war an den meis- ten erst die geheim geführten haltensregeln und Bräuche
1 Vgl. Füssel, Marian: Riten der Gewalt: Zur Geschichte der akademischen Deposition und des Pennalismus in der frühen zu verschiedenen Anlässen
Neuzeit. In: Zeitschrift für historische Forschung, Nr. 4 (2005). S.605-648. Passim. Die Liste an Grausamkeiten lässt ten Universitäten verboten und studentischen Orden ein, die in
sich hier gar nicht adäquat wiedergeben. Auch die frühen studentischen Zusammenschlüsse versuchten sich vor allem auch das Recht zum Waffen- ihrer Ausrichtung mit den im schriftlich festgehalten. Auf sie
dadurch zu legitimieren, dass es angeblich „schon immer so“ gewesen sei und konstruierten Traditionsverläufe bis in tragen wurde immer wieder in späten 18. Jahrhundert aufkom- geht der Comment der späte-
die griechische Antike. Vgl. S. 611. Frage gestellt. Da jedoch Krieg, menden aufklärerischen Ge- ren deutschen Verbindungen
2 Füssel hat sich insgesamt sehr umfassend mit der Geschichte der Studenten in der Frühen Neuzeit beschäftigt. Zu
diesem Thema siehe beispielsweise: Füssel, Marian: Akademischer Sittenverfall? Studentenkultur vor, in und nach hoch gehaltenen akademischen Freiheit entwickelt und wurden seitdem behutsam an die sich ändernden neuen Zeiten
der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in: Militär und Gesellschaft in der Frühen Neuzeit 15/1 (2011), S. 124-146. „Die adaptiert.“
Grundmuster devianter Studentenkultur existierten vor dem Krieg wie nach dem Krieg: à-la-modische Kleidung, 4 Vgl. z. B. Boockmann, Hartmut: Wissen und Widerstand. Geschichte der deutschen Universität. Berlin 1999. S. 16ff.,
Alkohol, Duelle und voreheliche Sexualität prägten das cornelianische Ideal des Studenten. Was die Obrigkeiten in sowie Peters, Stephan: Elite sein. Wie und für welche Gesellschaft sozialisiert eine studentische Korporation? Marburg
zahllosen Mandaten verboten und die Moralisten zu Abschreckungszwecken literarisierten, wurde von vielen Studenten 2004. S. 226.
hingegen als Identifikationsangebot aufgenommen.“ (145f.) 5 Vgl. Kurth, Alexandra: Männer – Bünde – Rituale. Studentenverbindungen seit 1800. Frankfurt a. M. 2004. S. 67ff.
3 Vgl. beispielhaft http://www.die-corps.de/prinzipien.0.html [Letzter Zugriff: 25.09.2017]. Die deutschen Corps äußern 6 Ebd. S. 171.
sich hierzu auf ihrer gemeinsamen Internetpräsenz: „Die Regeln des Zusammenlebens in den Corps haben sich
organisch aus der jahrhundertealten studentischen Kultur des deutschen Sprachraums vor dem Hintergrund der stets

Radikaldemokratischer
Erste kritische
Flügel im Parlament vor
Antisemitische Auseinandersetzung mit
Verbot der Gründung der allem mit Burschenschaftern
Pogrome Verbindungen
Landsmannschaften Urburschenschaft Verbot von
(1819) (1840er und -50er)
– Corps und Kränzchen in Jena Wartburgfest Verbindungen
Landsmannschaften entstehen (1815) (1819)
(1817)
entstehen

Parlament in der Progress-Bewegung


Paulskirche
Französische Revolution Napoleonische Kriege Karlsbader Beschlüsse
Dreißigjähriger Krieg 1848-1849
Seite 10 (1789) (1804-1815) 1819 Seite 11
(1618-1648)
zurück. Die Orden entsprachen Die Corps bildeten die ersten des Freikorps nachempfunden demokratischen Ziele der deut- Subjekt hätte auch Bröders lateini- die Vereinigungen nun auch auf
dabei dem gesellschaftlichen studentischen Verbindungen waren. Sowohl die Corps als schen Nationalbewegung fixier- sche Grammatik ins Feuer werfen Basis gemeinsamer Interessen
Wandel durch die Betonung der heutiger Form und zugleich die auch die nun überall nach dem te, zugleich aber auch Ausdruck sollen!“ oder Religion begründet, stan-
Freundschaft. Das Bekenntnis erste studentische Organisati- Jenaer Muster entstehenden des zunehmenden Fremdenhas- den aber in grundsätzlicher Tra-
(Heinrich Heine)9
zu einem lebenslangen Freund- onsform an deutschen Universi- Burschenschaften betrachteten ses und Antisemitismus wurde. dition des Verbindungswesens
schaftsbund war nur durch die täten, die Unterstützung durch sich ausdrücklich als national, und teilten die wesentlichen
Entstehung von Lücken in der die Universitäten selbst erhielt. nur dass das nationale Prinzip Ziele der überwiegend national
auf Schichten, Ständen, Zünften Die meisten Kränzchen nah- bei den Corps die staatliche „[A]uf der Wartburg, krächzte Bei gleichzeitigen Demokra- und demokratisch orientierten
etc. basierenden Gesellschaft, men ebenfalls in den folgenden Loyalität, bei den Burschenschaf- die Vergangenheit ihren obskuren tieforderungen führte der Studentenschaft. Gleichzei-
die das Leben der meisten Men- Jahren den Corpsstatus an. Die ten aber das Ziel einer Vereini- Rabengesang, und bei Fackel- Nationalismus und der damit tig gab es aber bereits damals
schen von Geburt an bestimmte, Landsmannschaften übernah- gung aller Deutschen in einem licht wurden Dummheiten gesagt einhergehend stärker werdende Bestrebungen, die hierarchisier-
denkbar. Waren die studenti- men in der ersten Hälfte des Land bedeutete. Die zu diesem und getan, die des blödsinnigsten Antisemitismus in der Studen- ten und streng reglementierten
schen Orden schon durch ihre 19. Jahrhunderts dann auch die Zeitpunkt revolutionäre Pro- Mittelalters würdig waren! [...] tenschaft auch zu einer maßgeb- Korporationen zu liberalisieren
Ideale der Aufklärung in den neue Struktur studentischer Ver- grammatik der Burschenschaf- [A]uf der Wartburg […] herrschte lichen Beteiligung an den anti- bzw. ganz abzuschaffen. Wie die
meisten deutschen Staaten der bindungen, einige davon auch ten, deren Ziel auf studentischer jener beschränkte Teutomanismus, jüdischen Pogromen 1819. Bis Progress-Bewegung der 40er
Obrigkeit verdächtig, wurden die Corpsform. Als bewusste Ebene ebenso die Vereinigung der viel von Liebe und Glaube Mitte des 19. Jahrhunderts war und 50er Jahre des 19. Jahrhun-
sie nach Ausbruch der Franzö- Gegenbewegung zur Französi- aller deutschen Studenten in der greinte, dessen Liebe aber nichts die organisierte Studentenschaft derts zeigt, ist antikorporatives
sischen Revolution republika- schen Revolution verkörperten Deutschen Burschenschaft war, anderes war als Hass des Frem- vor allem auf Burschenschaften Engagement keine Erfindung
nischer Ziele beschuldigt und die Corps die geistige Entwick- setzte sie nach den Karlsbader den und dessen Glaube nur in der mit dezidiert nationalpoliti- der „Studentenbewegung“.
fast überall verboten.7 Die nun lung in Deutschland, die sich Beschlüssen, womit man im Unvernunft bestand, und der in schem Anspruch und Corps mit Vielfach wurde der elitäre Habi-
entstandene Lücke füllten in Idealismus und einem roman- Deutschen Bund auf die Ermor- seiner Unwissenheit nichts Besseres dem Prinzip der Neutralität ver- tus der Korporationen kritisiert;
einigen Städten die sogenannten tisierenden Nationsgedanken dung Augusts von Kotzebue zu erfinden wusste als Bücher zu teilt. Die Karlsbader Beschlüsse manche störten sich auch an
Kränzchen, ähnlich organisierte zugewandt hatte.8 Die Kämpfe durch den Burschenschafter Karl verbrennen! Ich sage Unwissenheit, zwangen aber ebenso zahlreiche Uniformen und Symbolik und
Clubs sowie die neuen Corps gegen Napoleon, an denen sich Ludwig Sand 1819 mit massiven denn in dieser Beziehung war jene Corps in die Illegalität, da die gründeten sog. schwarze Ver-
aus, die Bräuche der Orden und viele Freiwillige aus den Reihen Polizei- und Überwachungsmaß- frühere Opposition, die wir unter Unterstützung der deutschen bindungen, die das öffentliche
der Landsmannschaften ver- der Studentenschaft beteiligten, nahmen reagierte, einer Verbots- dem Namen ‚die Altdeutschen‘ Nationalbewegung auch weit Tragen der Couleur ablehnten.
banden. Trotz Übernahme des politisierten zudem die Studen- welle aus. Doch die Entwicklung kennen, noch großartiger als die über die Burschenschaften Zu dieser Zeit entstand auch das
Lebensbundprinzips und des ten nachhaltig und lösten einen der Studentenschaft zu einer neuere Opposition, obgleich diese hinaus in der Studentenschaft Verbindungen gänzlich ableh-
Comments der Orden grenzten Nationalisierungsschub aus. 1815 Avantgarde der nationalstaatli- nicht gar besonders durch Gelehr- verbreitet war. Nachdem sich nende Freistudententum.10
sich die Kränzchen und Corps beschlossen in Jena die dort exis- chen Bewegung war zu diesem samkeit glänzt. Eben derjenige, auch die Landsmannschaften als
von diesen explizit ab. Die Re- tierenden Landsmannschaften Zeitpunkt bereits weitestgehend welcher das Bücherverbrennen auf studentische Verbindungen neu
gularien studentischer Orden auf Initiative ehemaliger Freiwil- vollzogen. 1817 lud die Jenaer der Wartburg in Vorschlag brach- konstituiert hatten, gründeten
wollte man um eine zeitgemäße liger des berühmten Lützower Urburschenschaft anlässlich des te, war auch zugleich das unwis- sich Mitte des 19. Jahrhunderts
sittliche Erziehung, die das An- Freikorps ihre Auflösung und Jahrestages der Völkerschlacht sendste Geschöpf, das je auf Erden viele neue Arten von Verbin-
sehen der Studentenschaft ohne gründeten die Urburschen- sowie des 300jährigen Refor- turnte und altdeutsche Lesarten dungen wie Sängerschaften und
obrigkeitliche Reglementierung schaft mit den Farben schwarz- mationsjubiläums zum Fest auf herausgab: wahrhaftig, dieses Turnerschaften sowie christliche
verbessern sollte, erweitern. rot-gold, die den Uniformen die Wartburg, welches zwar die Verbindungen. Damit wurden
9 Heine, Heinrich: Ludwig Börne. Eine Denkschrift. Viertes Buch, 1840. In: Windfuhr, Manfred: Heinrich Heine.
7 Vgl. ebd. S.79f. Historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke. Band 11. Hamburg 1978. S. 83.
8 Vgl. Peters: Elite sein. S. 58f. 10 Vgl. Kurth: Männer – Bünde – Rituale. S. 109.

Blütezeit studentischer
Verbindungen Unterstützung Auflösung der Verbindungen/
rechter Ideologien Umwandlung (ab 1933) in
gelebter Antisemitismus Wohnkameradschaften bzw. Eingliederung in
(z. B. Arierparagraph) Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund

Deutsches Kaiserreich
(1871-1918) I. Weltkrieg Weimarer Republik NS-Zeit
(1914-1918) (1918-1933) (1933-1945)
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AVANTGARDE DES "DEUTSCHEN renzen in der Nationalbewegung mit diesem Geist seine wahre Rich- Unterteilung in ‚schaffendes den Anfang machten, jüdische portieren, die durch wiederhol-
SONDERWEGS" und konnte den Vorrang des tung fürs Leben erhält. Denn es ist (deutsches) und raffendes (jüdi- Studierende von vielen Korpora- tes Handeln unhinterfragbar
Nationalen durch ihren Erfolg die beste Erziehung, die ein jun- sches) Kapital‘, also der Absage tionsverbänden ausgeschlossen. gemacht werden, sind Korpo-
Schon in der weitestgehend weiter zementieren. Die libera- ger Mann für sein späteres Leben an jegliche individuelle Eman- Zwölf Jahre vor der nationalso- rationen mehr als harmlose
bürgerlichen Revolution von len Ansprüche verschwanden bekommt.“13 zipation durch Nivellierung zialistischen Machtübernahme Trachtenvereine. Wenn auch kei-
1848/49 kristallisierte sich in zunehmend aus dem Bürger- sämtlicher Interessensgegen- hatte der völkische, maßgeblich neswegs alle Korporierten den
der demokratischen Einheitsbe- tum. Die aus dem Sieg der deut- sätze, voran. Ziel war eine zwar von schlagenden Verbindungen studentischen Traditionskosmos
wegung ein Vorrang der natio- schen Staaten unter preußischer Vor Ausbruch des Ersten Welt- ideologisch überformte, aber im getragene, Deutsche Hochschul- des 18. und 19. Jahrhunderts
nalen Einigung vor bürgerlichen Führung über den „Erzfeind“ kriegs gehörten so über 45 % Kern auf einem simplen Freund- ring (DHR) bereits die absolute unreflektiert verinnerlichen,
Freiheiten heraus, der sich nach Frankreich resultierende Ausru- der Studierenden einer Verbin- Feind-Prinzip basierende Volks- Mehrheit in der Deutschen so bewahren die studentischen
dem Scheitern der Revolution fung des Kaiserreichs entsprach dung an.14 Von den Eliten des gemeinschaft. Der propagierte Studentenschaft, der ersten ver- Verbindungen dennoch dank
durch Friedrich Wilhelms IV. der Ambivalenz des deutschen Kaiserreichs weitgehend ausge- Gegensatz zu Ost und West, die fassten deutschen Studierenden- dieser rituellen Traditionspflege
(König von Preußen) Ableh- Bürgertums. Im Kaiserreich, schlossen blieben dagegen die als positiv verstandene deutsche vertretung aller Hochschulen, das Potential eines Rückfalls in
nung der deutschen Kaiserwür- das Ständestaat und bürgerliche katholischen Korporationsver- Sonderrolle, die durch Hans-Ul- erreicht.15 Strukturen, die individueller
de verstärkte. Das Scheitern Wirtschaftsfreiheiten vereinte, bände, weil besonders während rich Wehler als These vom Emanzipation entgegenstehen.
der Revolution bedeutete auch Heute ist die Bundesrepublik
erreichte vor allem das Corps- der Bismarck-Ära allen Formen „Deutschen Sonderweg“ Ein- Dass in diesem Zusammenhang
einen Sieg des Adels über das Deutschland längst ins westliche
studententum seine größte des organisierten Katholizismus, gang in die Geschichtsforschung eine kritische Beobachtung
Bürgertum, das sich in Deutsch- Bündnissystem integriert. Der
Blütezeit. Auch wenn Duelle dem man die Loyalität gegen- fand, bekam später durch die des Verbindungswesens weiter
land schon vorher in weiten „Deutsche Sonderweg“ und des-
mit tödlichen Waffen offiziell über dem Papst vorwarf, der Oktoberrevolution in Russland geboten ist, beweisen nicht nur
Teilen am Adel orientiert und sen barbarischster Auswuchs,
verboten waren12, wurden sie fast Kampf angesagt wurde. neue Nahrung. Während das die engen Zusammenhänge
sich in Gestalt der Frankfurter der Nationalsozialismus und die
nie geahndet; Korporierte wur- zunehmende völkische Den- durch diesen vollzogene Ver- zwischen einer Vielzahl der
Paulskirchenversammlung auf den vielmehr zur Gruppe, aus Von der gesellschaftlichen ken im Kaiserreich noch leicht Verbände und Verbindungen
eine konstitutionelle Monar- nichtung der europäischen Jü-
der staatliche Funktionsträger Entwicklung abgekoppelt kön- vom staatlichen Nationalismus dinnen und Juden, wurde durch mit der Neuen Rechten in
chie mit Erbkaisertum geeinigt rekrutiert wurden. Den Stellen- nen die Studenten wie auch die vereinnahmt und seines revo- Deutschland16, sondern auch der
hatte. Unter den Korporationen die Alliierten 1945 beendet. Die
wert der Corps machte Kaiser Korporationen nicht betrachtet lutionären Potentials beraubt Gesellschaft, welche die Korpo- jüngste Anstieg an Damenver-
war bis dahin zumindest der Wilhelm II., der selbst Mitglied werden, aber als potentielle Elite werden konnte, dominierte es bindungen17. Diese werden in
überwiegende Teil der Burschen- rationen hervorbrachte und aus
des Corps Borussia Bonn war, wurden sie keineswegs nur vom nach 1918 die staatsfeindliche deren Konstellationen sie sich der öffentlichen Wahrnehmung
schaften radikaldemokratisch deutlich, wenn er seine Begeiste- „Zeitgeist“ mitgezogen, sondern rechte Opposition in der Weima- nicht mit derselben Skepsis
und, allen aristokratischen ihre Legitimation verschafften,
rung über die Corps äußert: prägten ihn auch entschei- rer Republik. Bereits in deren ist lange Geschichte. Die Rituale wie ihre männlichen Pendants
Elementen des Verbindungs- dend. Gegen die kapitalistische Anfangsjahren wurden, nach- wahrgenommen, obwohl sie
wesens zum Trotz, antifeudal und Traditionen bewahrten sie
Moderne trieben sie maßgeb- dem einzelne Verbindungen trotzdem als ihren eigentlichen sich ebenfalls deutlich an diesen
ausgerichtet.11 Die von Preu- „Es ist meine feste Überzeugung, lich die völkische Antwort aus schon während des Kaiserreichs orientieren.
ßen vorangetriebene Einigung Kern. Da Rituale Inhalte trans-
daß jeder junge Mann, der in ein rassischem Antisemitismus,
Deutschlands unter Ausschluss Corps eintritt, durch den Geist, blutsgebundenen Gruppenei- 15 Ausführliches hierzu im Text „Studentische Verbindungen und der Aufstieg des Nationalsozialismus“ in der
Österreichs beseitigte die Diffe- vorliegenden Publikation.
welcher in demselben herrscht, und genschaften von Menschen, der 16 Hierzu siehe auch in dieser Publikation den Text: „Zeitlose Gemeinschaft: Zum Verhältnis zwischen studentischen
11 Und galten deshalb im Frankfurter Paulskirchenparlament als „Linke“. Vgl. ebd. S. 108f. Verbindungen und der Neuen Rechten“. Vgl. außerdem: Taubner, Stefan: Sehnsucht nach dem „vorpolitischen“
12 Vgl. Heither, Dietrich: Traditionsbestände studentischer Männerbünde. In: hochschule ost. leipziger beiträge zu Kollektiv. Das Verhältnis zwischen Neuer Rechter und studentischen Verbindungen am Beispiel Dresdens. In: Klose,
hochschule und wissenschaft. Nr. 3-4 (1999). S. 104-122. Hier S. 114. Joachim; Walter Schmitz (Hrsg.): Freiheit, Angst und Provokation. Zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in der
13 Zitiert nach Heither, Dietrich: Zwischen bürgerlicher Revolution und Erstem Weltkrieg. In: Elm, Ludwig u. a. (Hrsg.): postdiktatorischen Gesellschaft. Dresden 2016. S.58-82.
Füxe, Burschen, Alte Herren. Studentische Korporationen vom Wartburgfest bis heute. Köln 1992. S. 66-91. Hier S. 67. 17 Zwar spielen korporierte Frauen zahlenmäßig immer noch eine marginale Rolle im deutschen Verbindungswesen,
14 Vgl. ebd. S. 70. doch dürfte sich das im Zug der jetzigen Entwicklung bald ändern. Ungefähr die Hälfte der über 50 aktiven
Damenverbindungen in Deutschland ist erst in den letzten zehn Jahren gegründet worden.
Neuanfang (BRD)
Verbot von Verbindungen (DDR) Verbindungswesen
verliert an Einfluss (BRD) Verbindungen profitieren vom
Verbindungen kehren Aufschwung der Neuen Rechten
in den „Osten“ zurück

68er-Bewegung
Kriegsende
Mauerfall Gründung der AfD
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EXKURS:
Negativ zum Bild aller studen-
DIE DEUTSCHE BURSCHENSCHAFT
einer inoffiziellen Spaltung in
eine mehr revolutionär-poli-
zur Speerspitze der völkischen
Bewegung. Die nationalsozialis-
anlässlich der Debatten um den
Versuch eines deutschen Stu-
Die Freiheit im Wahlspruch der eine angebliche Unterdrückung
der Deutschen. Diese äußert
tischen Verbindungen trägt vor Burschenschafter bezieht sich
allem das Auftreten der Deut- tische („Germania“) und eine tische Machtübernahme wurde denten mit chinesischen Eltern, immer auf eine konstruierte sich der Deutschen Burschen-
schen Burschenschaft (DB) und mehr erzieherisch-sittliche („Ar- in den Burschenschaftlichen Mitglied bei einer DB-Burschen- Gemeinschaft deutschen Volks- schaft zufolge in Gottesdiensten
ihrer Mitglieder bei, die immer minia“) Strömung1 schafften es Blättern schließlich als Erfüllung schaft zu werden, war ein ras- tums und nicht auf individuelle auf Slowenisch oder in der Be-
wieder mit nationalistischen, die Burschenschaften erst 1881, der Ziele der Deutschen Bur- sistisches Abstammungsprinzip Freiheiten. „Mit der Freiheit hinderung burschenschaftlicher
völkischen und rassistischen also lange nach den politischen schenschaft bejubelt und zwei seit jeher Aufnahmebedingung des Volkes geht letzten Endes Veranstaltungen, beispielsweise
Äußerungen von sich reden ma- Auseinandersetzungen auf dem Jahre später die Couleur feier- und wurde bereits durch ein auch die Freiheit des Einzelnen wenn das Pfarramt die Erlaubnis
chen. Dass aktive Verbindungs- Weg zur vereinten deutschen lich dem Nationalsozialistischen Rechtsgutachten der Deutschen unter.“6 Die übernommene zur Benutzung seines Grund-
studenten auch in anderen Nation, sich in einem gemeinsa- Deutschen Studentenbund auf Burschenschaft in den 60er Jah- Identität einer zeitlosen Nation stücks wieder zurückzieht. Egal,
Korporationen als „Burschen“ men Dachverband, dem Allge- der Wartburg übergeben.3 Die ren offiziell bekräftigt.4 Die völ- dominiert die burschenschaft- auf welche Schwierigkeiten die
bezeichnet werden, führt auch meinen Deputierten-Convent, Burschenschaften gingen so kische Ausrichtung wird auch in liche Persönlichkeit solcherma- völkischen Burschenschafter
dazu, dass in der öffentlichen zusammenzufinden. Obwohl die widerstandslos in der Volksge- den Grundsätzen der Verfassung ßen, dass sie die Individualität stoßen – immer sind in ihren
Meinung oft verschiedene Kor- Frage der nationalen Zugehö- meinschaft des Nationalsozialis- der Deutschen Burschenschaft aller an die Unveränderlichkeit Augen „die Slowenen“ schuld:
porationen mit dem Weltbild der rigkeit für die Burschenschaften mus auf. deutlich. In Artikel 9 heißt es der völkischen Gemeinschaft „Diese Beispiele zeigen, wie
Burschenschafter in Verbindung immer von großer Bedeutung hier: koppelt und damit eine „Frei- schwierig die Grenzlandarbeit in
gebracht werden. In vielen Me- war, spielte der aufkeimende Mangelnde geschichtliche „Die Burschenschaft bekennt sich heit des Einzelnen“ gleichzei- einem Dorf sein kann, in dem
dien werden alle Verbindungen völkische Antisemitismus im Aufarbeitung war in den Nach- zum deutschen Vaterland als der tig negiert. Selbstverständlich die deutsche Minderheit von
pauschal als Burschenschaften Gegensatz zu anderen Verbän- kriegsjahrzehnten nicht nur ein geistig-kulturellen Heimat des bedeutet ein abstrakter Begriff weiterer Unterwanderung be-
bezeichnet. Durch die Skandale den im 19. Jahrhundert zu- Phänomen unter studentischen deutschen Volkes. Unter dem Volk wie die „Freiheit des Volkes“ droht ist.“8 Die Argumentation
der letzten Jahre grenzen sich nächst keine große Rolle. Doch Verbindungen, sondern gesell- versteht sie die Gemeinschaft, nicht nur dessen Verteidigung und Arbeit der Burschenschaft
andere Verbände auf überregio- nachdem 1892 die Debatte zur schaftlicher Normalzustand. Als die durch gleiches geschichtliches gegen gewaltsame Unterdrü- stimmt dabei weitestgehend
naler Ebene zunehmend von der „Judenfrage“ auch im Verbands- explizit politischer Korporations- Schicksal, gleiche Kultur, ver- ckung. In Österreich, wo die mit der völkischen „Grenzland-
Deutschen Burschenschaft ab. organ Burschenschaftliche Blätter verband knüpfte aber die Deut- wandtes Brauchtum und gleiche völkische Kontinuität der Deut- arbeit“ der 20er und 30er Jahre
1815 lösten sich nach dem Sieg einsetzte, wurde bereits auf sche Burschenschaft fast nahtlos Sprache verbunden ist. Pflicht der schen Burschenschaft noch überein.
über Napoleon die fünf Jenaer dem Eisenacher Burschentag an ihre Bestrebungen vor dem Burschenschaften ist das dauernde offener als in der Bundesrepub- Die gewaltsamere Variante des
Landsmannschaften auf und 1896 offiziell festgehalten, „daß Zweiten Weltkrieg an. Weiterhin rechtsstaatliche Wirken für die freie lik ihren Ausdruck findet, gehört Kampfs für eine deutsche Frei-
gründeten die Urburschenschaft auch in Zukunft die Burschen- nahm die Deutsche Burschen- Entfaltung deutschen Volkstums in „Volkstums-“ oder „Grenzland- heit führte außerdem zur Betei-
mit dem Ziel, alle partikularen schaften in ihrer Ablehnung schaft keine ausländischen enger Verbundenheit aller Teile des arbeit“7 auch heute noch zum ligung von Wiener Burschen-
studentischen Organisationen gegen die Aufnahme jüdischer Mitglieder auf, wobei hierbei die deutschen Volkes, unabhängig von Verbandsalltag. Vor allem in schaftern an Anschlägen in
abzuschaffen und alle deutschen Studierender einmütig zusam- Staatsangehörigkeit keine Rolle staatlichen Grenzen in einem ei- den Gebieten der slowenischen Südtirol unter Norbert Burger in
Studenten in einer ‚Allgemeinen menstehen werden.“2 Den hier spielt. Stattdessen müssen ihre nigen Europa in der Gemeinschaft Minderheit zeigen die Burschen- den 60er Jahren oder zum Mord
Burschenschaft‘ zusammenzu- begonnenen Weg beschritten die Mitglieder auf das Volkstum freier Völker.“5 schafter mit zahlreichen Veran- an Shlomo Levin und Frieda
führen. Damit bildeten sie die Burschenschaften, die sich 1902 bezogen deutscher Herkunft staltungen Präsenz und machen Poeschke durch Uwe Behrendt
ersten explizit politisch ausge- zur Deutschen Burschenschaft sein. Entgegen der medialen regelmäßig Stimmung gegen im Dezember 1980. Sowohl
richteten Korporationen. Nach vereinten, weiter und gehörten Behauptung eines Rechtsrucks 4 Vgl. auch den Text zur Aachen-Dresdener Burschenschaft Cheruscia und Burschenschaft Arminia zu Leipzig in
nach dem Ersten Weltkrieg der Deutschen Burschenschaft Dresden im zweiten Teil von Ausgefuxt mit weiteren Informationen über die jüngste Entwicklung des Dachverbands.
1 Vgl. Kurth, Alexandra: Männer – Bünde – Rituale. Studentenverbindungen seit 1800. Frankfurt a. M. 2004. S. 104. 5 Artikel 9 der Verfassung der Deutschen Burschenschaft. Online unter: http://www.burschenschaft.de/burschenschaft-
2 Zitiert nach Heither, Dietrich: Zwischen bürgerlicher Revolution und Erstem Weltkrieg. In: Elm, Ludwig u. a. (Hrsg.): was-ist-das/kurzportrait-der-db.html [Letzter Zugriff: 23.09.2017].
Füxe, Burschen, Alte Herren. Studentische Korporationen vom Wartburgfest bis heute. Köln 1992. S. 66-91. Hier S. 78. 6 Deutsche Burschenschaft (Hrsg.): Handbuch der Deutschen Burschenschaft. Traunstein 2005. S. 243.
3 Vgl. den entsprechenden Text in diesem Reader: „Studentische Verbindungen und der Aufstieg des 7 Vgl. ebd. S. 408ff.
Nationalsozialismus.“ 8 Ebd. S. 411.

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Burger als auch Behrendt waren liegt bei einer Vereinigung, die gen aus dem Umfeld der Blauen geeignete Plattform, um wieder
nicht nur individuelle Rand- die „Ehrenrettung des deutschen Narzisse und dem Institut für politischen Einfluss auszuüben.
erscheinungen. Burger war Soldaten“ mit dem Hinweis auf Staatspolitik (IfS), einem von Für die sich etablierende Neue
u. a. Vorsitzender des Ringes den Eid, den sie Hitler leisteten Götz Kubitschek und Karlheinz Rechte in Deutschland vom
Freiheitlicher Studenten (Hoch- und der deshalb auch eingehal- Weißmann gegründeten neu- Institut für Staatspolitik bis zur
schulorganisation der FPÖ) ten werden musste, betreibt12, rechten Thinktank, Raum gege- AfD boten sich besonders die
und Behrendt war, abgesehen auf der Hand. Folgerichtig ben und vor allem die Dresdner DB-Burschenschaften als Pool
von der üblichen Chargenposi- bezeichnete 2011 der damalige Szene rückte ins Zentrum der zur Rekrutierung des politi-
tion in seiner Verbindung, der Schriftleiter der Deutschen Bur- Öffentlichkeitsarbeit16. Der an- schen Nachwuchses an, denn
Straßburger Burschenschaft schenschaft, Norbert Weidner, gebliche „Rechtsruck“, welcher im Gegensatz zu vielen anderen
Arminia zu Tübingen, auch den von den Nazis hingerich- der Deutschen Burschenschaft jungen Rechten verfügen die
Mitglied des hochschulpoliti- teten christlichen Widerstands- immer wieder bescheinigt wur- Burschenschafter bereits durch
schen Ausschusses der Deut- kämpfer Dietrich Bonhoeffer als de, ist vor allem ein verstärktes ihre Bünde über entsprechende
schen Burschenschaft.9 Neben „Landesverräter“13 und so wird öffentliches Selbstbewusstein Organisationsfähigkeiten und
diesen Beispielen ließe sich die sich auch der Verband „weiter- im Zug der allgemeinen gesell- die berühmten „Soft Skills“. In
Liste um zahlreiche Politiker hin gegen die Verunglimpfun- schaftlichen Entwicklung in Österreich bestehen schon seit
aus den Reihen der NPD (wie gen deutscher Soldaten und die Europa. Während die NPD zwar Jahrzehnten enge personelle
Jürgen Gansel, Michael Schäfer Stilisierung von Deserteuren zu immer wieder mit Burschen- Verknüpfungen zwischen Bur-
oder Arne Schimmer10) oder Helden zur Wehr setzen.“14 Seit schaftern in Führungspositio- schenschaften und der schon
der Republikaner (z.B. Michael 2013 schließlich sammeln sich nen aufwarten konnte, es aber lange sehr erfolgreichen FPÖ,
Paulwitz, Martin Kohlmann, Burschenschafter in der AfD, schon seit Jahrzehnten nicht die in den letzten Jahren so-
Björn Clemens)11 erweitern, die die sie sowohl inhaltlich prägen mehr schaffte, über die neuen gar noch verstärkt wurden.17
die Deutsche Burschenschaft als auch als politische Heimat Bundesländer hinaus Erfolge zu Auch wenn sich in den letzten
hervorgebracht hatte. Dass all ansehen.15 Mit der Übernahme erzielen, scheint jetzt die AfD Jahren viele Verbände von der
diese Beispiele in der Deutschen der Schriftleitung der Burschen- als Ausdruck einer gesamtgesell- Deutschen Burschenschaft
Burschenschaft System haben schaftlichen Blätter durch Dirk schaftlichen Entwicklung für die distanziert haben und der Dach-
und keine Einzelfälle darstellen, Taphorn wurde verstärkt Beiträ- Deutsche Burschenschaft als die verband auch einige Mitglieds-
bünde verloren hat18, wird sich
9 Vgl. http://www.nadir.org/nadir/periodika/anarcho_randalia/brosche/arb1.htm [Letzter Zugriff: 23.09.2017]. unter den derzeitigen Bedingun-
10 Jürgen Gansel, Alter Herr der Gießener Burschenschaft Dresdensia Rugia, war bis 2014 Mitglied der NPD-Fraktion im
sächsischen Landtag. Michael Schäfer, Mitglied der Halle-Leobener Burschenschaft Germania, war u. a. von 2007 bis gen der politische Einfluss und
2012 Vorsitzender der NPD-Jugendorganisation „Junge Nationaldemokraten“. Arne Schimmer war bis 2014 Mitglied der die öffentliche Wahrnehmung
NPD-Fraktion im sächsischen Landtag und ist Alter Herr der Gießener Burschenschaft Dresdensia-Rugia. des Verbands eher wieder ver-
11 Michael Paulwitz kandidierte mehrfach als Republikaner-Mitglied bei verschiedenen Wahlen in Baden-Württemberg, ist stärken.
Mitglied der Burschenschaft Normannia zu Heidelberg und war von 2012 bis 2014 Schriftleiter der Burschenschaftlichen
Blätter. Martin Kohlmann, Mitglied der Burschenschaft Arminia Leipzig, ist ein sehr aktiver rechter Politiker, der nach
langem Engagement für die Republikaner die Gruppierung „Pro Chemnitz“ gründete und für diese dort im Stadtrat
sitzt. Björn Clemens, Alter Herr der Marburger Burschenschaft Rheinfranken, war bis 2007 14 Jahre lang Mitglied der
Republikaner und dort mit verschiedenen Parteifunktionen betraut. Die Republikaner verließ er 2007 vor allem wegen
deren Distanzierungen zur NPD. 17 Von 40 FPÖ-Abgeordneten des österreichischen Nationalrats waren 2014 18 korporiert, davon sieben Burschenschafter.
12 Vgl. Handbuch der Deutschen Burschenschaft, S. 232. Vgl. Schmidt, Colette: In der Hand von Burschen- und Mädelsschaften. In: Der Standard, 9.4.2017. Online unter:
13 Vgl. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/burschenschafter-hetzt-gegen-nazi-widerstandskaempfer- http://derstandard.at/1395364772818/In-der-Hand-von-Burschen--und-Maedelschaften [Letzter Zugriff: 21.08.2017].
bonhoeffer-a-826757.html [Letzter Zugriff: 23.09.2017]. Die österreichische Zeitung Die Presse gibt den Anteil farbentragender Korporierter an der Studierendenschaft
14 http://www.dieburschenschaften.de/aktuelle-berichte/bericht/meldung/779/kampagne-geg.html [Letzter Zugriff: Österreichs für 2011 mit 1 % an. (Vgl. Renner, Georg: Studentenverbindungen: Bühne für die künftige Elite. In: Die
04.10.2014]. Presse, 1.5.2011. Online unter: http://diepresse.com/home/bildung/universitaet/654582/Studentenverbindungen_
15 Vgl. beispielsweise Speit, Andreas: Bürgerliche Scharfmacher. Deutschlands neue rechte Mitte. Bonn 2017. S. 84ff. Buehne-fuer-die-kuenftige-Elite [Letzter Zugriff: 21.08.2017].)Auch wenn hier noch Verbindungen, die nicht in Couleur
Wenig verwunderlich hat auch der berüchtigte Fraktionsvorsitzende der AfD im Thüringer Landtag, Björn Höcke, auftreten fehlen, beträgt der Gesamtanteil Korporierter an den Studierenden deutlich unter 2 % – auch im tendenziell
ein Grußwort an die Deutsche Burschenschaft zum Burschentag 2016 gerichtet, das in den Burschenschaftlichen verbindungsfreundlicheren Österreich. Schaut man sich die Herkunft führender FPÖ-Politiker:innen und den Anteil
Blättern veröffentlicht wurde. Zwar musste er die Teilnahme am Burschentag aus „terminlichen Gründen absagen“, der Korporierten in der FPÖ an, wird klar, wo vor allem die politische Heimat von Korporierten in Österreich ist.
aber sei sich „sicher, daß sich weitere Gelegenheiten für eine Begegnung ergeben werden. Nicht zuletzt deshalb, weil 18 Infolge des „Skandals“ um die Deutsche Burschenschaft und deren Debatte über einen Abstammungsnachweis
wir den gleichen Weg beschreiten: Den Weg in eine bessere und friedliche Zukunft unseres Landes in einem freien distanzierten sich alle größeren Korporationsverbände von der Deutschen Burschenschaft, was letztendlich zu einer
Europa der selbstbestimmten und intensitätsstarken Vaterländer.“ Siehe: Höcke, Björn: Grußwort an die Deutsche massiven Austrittswelle aus dem Convent Deutscher Akademikerverbände (CDA) führte, dem heute nur noch drei
Burschenschaft anlässlich des Burschentages 2016. In: Burschenschaftliche Blätter, Nr. 2 (2016), S. 73. Wer ansatzweise kleinere, unbedeutende Verbände angehören. Angesichts der Geschichte der Deutschen Burschenschaft ist diese
mit den politischen Zielen von AfD, Neuer Rechter und der Deutschen Burschenschaft vertraut ist, hätte hier eher plötzliche Distanzierung mehr als erstaunlich, hat doch die DB nie einen Hehl aus ihren völkischen Grundlagen
„identitätsstarken“ erwartet, aber wenn der rechte Weg einer eingebildeten Einheit von Volk und Staat weiter beschritten gemacht und war das der Abstammungsdebatte zugrunde liegende Rechtsgutachten seit den 60er Jahren gültig. Der
wird, werden sicher auch die politischen Maßnahmen, in denen sich diese äußert, intensiver. Grund dürfte vermutlich eher in der medialen Skandalisierung des Vorfalls und der Gefahr, dass dadurch die öffentliche
16 Seit Taphorns Übernahme des Amts der Schriftleitung veröffentlichten neben Taphorn selbst, der ebenfalls für die Blaue Wahrnehmung studentischer Verbindungen generell Schaden nehmen könnte, zu finden sein. Vgl. Pressemitteilung
Narzisse (BN) schreibt, häufig die BN-Autoren Philip Stein und Felix Menzel sowie die Dresdner Burschenschafter des CDA vom 22.6.2011: „Deutsche Burschenschaft“ (DB) in die Schranken gewiesen. Online unter: http://www.openpr.
Gordon Engler, Martin Bader, Wolfgang Gäbler und Gerrit Winterboer. de/news/548228/Deutsche-Burschenschaft-DB-in-die-Schranken-gewiesen.html [Letzter Zugriff: 21.08.2017].

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STUDENTISCHE VERBINDUNGEN Studentengeschichte.“ Sebastian in den Verbindungen der 20er der Bevölkerung und bis Anfang Der nahezu vollständig in die nationale Kränkung, die in der
Sigler versuchte vor kurzem mit und 30er Jahre gespielt habe, des 20. Jahrhunderts generell deutsche Gesellschaft assimilier- „Dolchstoßlegende“ bezeich-
UND DER AUFSTIEG DES dem Sammelband „Corpsstu- die nur von „zeitgenössischen auch allen Frauen die Möglich- te jüdische Bevölkerungsanteil nenden Ausdruck fand und die
NATIONALSOZIALISMUS denten im Widerstand gegen Verfassern“ hinreichend erklärt keit zum Studium verwehrt. stellte dementsprechend auch Kränkung, die infolge des aus
Von Stefan Taubner Hitler“ den Widerstand einzel- werden kann.2 Aus einer solchen Bildung, besonders die höchst- einen Teil der Korporierten. staatlichem Umbruch, Wirt-
ner Korporierter (deren Studi- Perspektive, welche die Ver- mögliche, hat immer auch den Durch den stärker werdenden schaftskrise und beginnenden
Die Geschichte der eigenen Kor- enzeit schon lange hinter ihnen bindungen für die historische Zweck das vorherrschende völkischen Antisemitismus, in Massenuniversitäten (wozu die
poration ist für deren Mitglieder lag) mit ihrer Zugehörigkeit zu Forschung nahezu unangreifbar gesellschaftliche System zu re- dessen Aufkeimen sich auch der mehrfachen Kriegsjahrgänge ihr
von großer Bedeutung, da das einem Corps zu erklären und macht, muss es fast als Anma- produzieren. Studierende sollten Verband der Vereine Deutscher Übriges beitrugen) resultieren-
Bewahren studentischer Tradi- bewegte sich dabei nicht selten ßung erscheinen, aus heutiger also Teil einer gesellschaftlichen Studenten (VVDSt) 1881 als den individuellen Statusverlusts
tionen eines der Hauptziele von im Bereich völliger Spekulation.1 Sicht die Frage nach Schuld oder Elite werden, um mit ihrem Wis- explizit antisemitischer Korpora- der Akademiker:innen schufen
Verbindungen ist. Geschichte Zwar geben auch beispielsweise Unschuld der verschiedenen sen die Gesellschaft zu stützen. tionsverband gründete4, wurden die besten Voraussetzungen,
dient fast immer auch Legiti- Rosco G. Webers „Die deutschen Korporationen zu stellen. Selbst die Elite der Studierenden viele Juden von den Verbindun- ein Feindbild zu schaffen bzw.
mationszwecken und ist daher Corps im Dritten Reich“ und war gespalten: Es gab Universi- gen bedroht oder ausgeschlos- zu bestätigen, wo es der staat-
Allen Korporierten der späten
oft starken Verzerrungen ausge- Friedhelm Golückes (Hrsg.) täten für die klassischen Dis- sen und gründeten in der Folge liche Souverän eines weltpoli-
Weimarer Jahre Unterstützung
setzt. Zu viele negative Aspekte „Korporationen und Nationalso- ziplinen, aus denen vor allem eigene, jüdische Verbindungen. tisch zunehmend eingehegten
der NS-Bewegung vorzuwerfen,
stören und werden maximal zialismus“ einen umfassenden zukünftige Staatsangestellte Wurde bis 1918 der offene An- Deutschen Reiches nicht mehr
ignoriert die historische Bedeu-
zum Beweis der Läuterung in Einblick in die Quellenlage und hervorgingen und es gab Tech- tisemitismus noch von einer vermochte. Wurden die auch
tung von studentischen Verbin-
der Gegenwart herangezogen. sind keineswegs einseitig ge- nische Hochschulen, welche für kleinen „Avantgarde“, zu denen im Kaiserreich zahlreichen
dungen im deutschsprachigen
Während sich die meisten schrieben, aber können jedoch die Herausbildung der indus- Teile der Korporationen gehör- völkischen und antisemitischen
Raum seit dem 19. Jahrhundert.
studentischen Verbindungen ebenfalls nicht immer ganz triellen und wirtschaftlichen ten, getragen, markierte der Gruppen noch größtenteils
Dass die nationalstaatliche
auch heute noch gern als Op- ihre Fürsprache zugunsten der Elite zuständig waren. Seit der Erste Weltkrieg einen zentralen durch Nationalismus und au-
Bewegung des 19. Jahrhun-
fer des Nationalsozialismus Verbindungen verbergen. Das Reichsgründung, die maß- Einschnitt bei der Etablierung ßenpolitisches Großmachtstre-
derts letztendlich in einen
sehen, gelten seit den 68ern muss zwangsläufig auf Kosten gebliche Unterstützung durch des völkischen Denkens. Die im ben absorbiert, richtete sich
aggressiven, nationalistischen
Korporierte bei vielen per se als der Wissenschaftlichkeit gehen Korporierte erfahren hatte, be- Kaiserreich geformte Geistes- dieses Potential nun gegen den
Obrigkeitsstaat mündete, hatte
Unterstützer:innen der Nazis. und so heißt es auch im Vor- setzten ehemalige Verbindungs- haltung aus Fortschrittsglauben Staat – und radikalisierte sich
Auswirkungen auf die gesamte
Umfangreiche geschichtswissen- wort von „Korporationen und studenten die wichtigsten Posi- und antiindividuellem Tradi- in dieser Opposition. Die aus
Studierendenschaft in Deutsch-
schaftliche Arbeiten entstanden Nationalsozialismus“, dass „das tionen in Staat und Wirtschaft. tionsbewusstsein sollte unter den zuvor erwähnten Gründen
land. Aufgrund bestehender
dabei meist aus Perspektive der atmosphärische Moment, […] Bald gründeten sich die ersten den Bedingungen der Weimarer resultierende Entfernung vor
gesellschaftlicher Schranken
Korporationen, oft im Auftrag die Emotionalität“ eine entschei- Altherren-Verbände und sorgten Republik ihr gefährliches Poten- allem der korporierten Studie-
blieb dem überwiegenden Teil
der „Gemeinschaft für deutsche dende Rolle bei der Entwicklung dafür, dass bestimmte Macht- tial entfalten. renden, die sich vormals selbst
1 Vgl. Sigler, Sebastian (Hrsg.): Corpsstudenten im Widerstand gegen Hitler. Berlin 2014. Von Leser:innen im Internet und Einflusspositionen in den (die katholischen Verbände
schon als das neue „Standardwerk“ zum Thema gefeiert, zeigt Sigler vor allem, dass Korporierte bei wissenschaftlichen Händen der jeweiligen Verbin- erzwungenermaßen ausgenom-
Untersuchungen zum Verbindungswesen die nötige Distanz zu ihrem Gegenstand meist vermissen lassen. Da spielt
dungen bzw. ihrer verbündeten RADIKALISIERUNG NACH DEM ERSTEN men) als staatstragende Elite be-
es anscheinend keine Rolle, dass von 21 Autor:innen nur vier Historiker sind und die Verbindunszugehörigkeit eines
Widerstandskämpfers mit Wikipedia belegt wird (S. 301). Der Sammelband über die Widerstandskämpfer, die gewiss Korporationen blieben. Der WELTKRIEG trachteten, vom Staat, musste zu
während ihres Studiums in einem Corps aktiv waren, zeigt vor allem, dass dies bei deren Motivation nahezu keine Einfluss katholischer Verbin- Die vom Ausgang des Ers- einer Verlagerung der nationa-
Rolle spielte und Sigler und seine Mitstreiter:innen zwanghaft versuchen, in der Corpszugehörigkeit entscheidende dungen blieb im antikatholisch len „unpolitischen“ Betätigung,
ten Weltkriegs verursachten
Gründe für das Handeln dieser Widerstandskämpfer zu finden. Wenn jemand wie Walter Eucken sich sogar weigerte,
nach allem was in den Reihen der Corps in den 20er und 30er Jahren geschah, das Band seines Corps wieder
ausgerichteten Kaiserreich lange Entwicklungen brachten den die unter diesen Bedingungen
aufzunehmen und damit Siglers Argumentation völlig bloßzustellen droht, spekuliert dieser nur noch wild darauf Zeit gering. Insgesamt gehörte schon im Kaiserreich zuneh- tendenziell antistaatlich ausge-
los: „Die Bandniederlegung der Brüder Eucken ist eine Tatsache, aber eine Prägung als Corpsstudenten haben sie fast die Hälfte aller Studieren- mend schwelenden völkischen richtet war, führen. Folglich war
doch erhalten. Entscheidend für Walter Eucken dürfte sein, daß nicht er sich vom Corpsstudententum abwandte, den im Kaiserreich einer stu- nicht mehr der Staat der aus der
Gedanken nun in den Bereich
sondern daß es gewissermaßen andersherum war.“ (S. 264) Eduard Brücklmeiers Widerstand wird – ebenfalls von
Sigler – „über herkunftsmäßig-familiäre Bindungen, wohl befördert durch seine Distinktion als Corpsstudent“ (S. 98)
dentischen Verbindung an.3 Wer politischer Praxis, und dies galt Vereinigung seiner Angehörigen
erklärt. Dass es der Einzelkämpfer Kurt Gerstein geschafft hatte, seine christlich motivierte Mission in den Reihen Karriere machen wollte, kam an in besonderem Maß für die hervorgegangene Souverän, son-
der SS quasi als Spion durchzuziehen, um die Welt über die Vernichtung der Jüdinnen und Juden aufzuklären, einer Verbindung nicht vorbei. Studierenden. Die kollektive dern die imaginierte völkische
dichtet Sigler auch der corpsstudentischen Erziehung an: „Zu seinem Vorgesetzten […] hatte Gerstein im übrigen eine
Verständigungsmöglichkeit, die ihn das Corps gelehrt haben dürfte: er tolerierte Mrugowsky in seiner Andersartigkeit 3 Vgl. Heither, Dietrich: Zwischen bürgerlicher Revolution und erstem Weltkrieg. In: Elm, Ludwig u. a. (Hrsg.): Füxe,
und konnte ihm so in der Distanz mit Achtung begegnen, denn natürlich handelte es sich hier um einen Burschen, Alte Herren. Studentische Korporationen vom Wartburgfest bis heute. Köln 1992. S. 66-91. Hier S. 70. Von
nationalsozialistischen Intensivtäter, wie Gerstein schnell und genau erkannt hatte.“ (S. 309) Bis auf die Ausführungen über 68 000 Studierenden vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs waren ca. 31 000 korporiert.
zur möglichen Bedeutung des Netzwerkcharakters für Korporierte im Widerstand (S. 457 ff.), sind die Beiträge im 4 Vgl. Kampe, Norbert: Studenten und „Judenfrage“ im Deutschen Kaiserreich. Göttingen 1988. S. 33ff. Der Verband
Sammelband, allen voran die des Herausgebers (der sogar promovierter (Alt-)Historiker ist), in ihren Deutungen wurde infolge einer antisemitischen Petition (unter anderem mit der Forderung, Jüdinnen und Juden die Bürgerrechte
weitestgehend tendenziös. Diverse geschichtsdeutende Anmerkungen zu größeren Zusammenhängen, meist ebenfalls abzuerkennen), die besonders an überwiegend protestantischen Universitäten durch die Studenten massive
aus Siglers Feder, runden die fragwürdige Arbeit ab – als hätte es keine Forschungen zum Antisemitismus in den Unterstützung erfuhr, von den Organisatoren dieser Petition gegründet. Allen Mitgliedsbünden war eine primäre
letzten 75 Jahren gegeben, hält Sigler die Shoah für „die Ermordung aller Menschen jüdischen Glaubens in Europa“ politische antisemitische Ausrichtung gemeinsam, womit sie sich von den anderen, tendenziell eher nach innen
[Hervorhebung von mir] (S. 306) und in rechtskonservativer Diktion mahnt er die Beachtung der „sozialistischen gekehrten und zum Teil Standes- und soziale Unterschiede bewahrenden Korporationen unterschieden.
Wurzeln des NS-Staates“ (selbstverständlich ohne Belegführung) an (S. 465). im Hintergrund: Dresden ca. 1920
2 Golücke, Friedhelm (Hrsg.): Korporationen und Nationalsozialismus. Schernfeld 1990. S. 11.

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Blutsgemeinschaft. Diese muss- rung Aufstände im ganzen mehr den katholischen Korpora- bürge.9 Dass alle Verbände nach erklärte das Dresdner Corps auch die meisten Korporations-
te ihren Feind auch nicht mehr Land blutig niederschlugen und tionen zu, aus denen die bedeu- und nach den „Arierparagra- Thuringia 1921 in seiner Außen- verbände organisiert waren, an
in einem Akt politischer Ent- anschließend selbst die neue tendsten Mitglieder der Zent- phen“ übernahmen, welchen werbung, dass es „den Zweck, der Mehrzahl der deutschen
scheidung herstellen, weil er von Ordnung zu stürzen versuchten. rumspartei hervorgingen.7 die Deutsche Landsmannschaft seine Mitglieder in aufrichtiger Universitäten bei den
vorn herein bereits klar war und So wurden in Marburg die beim bereits 1894 auf ihrem Kongress Freundschaft zu verbinden und AStA-Wahlen die absolute Mehr-
die Gemeinschaft nach innen Kapp-Putsch 1920 zu beset- Die staatlichen Restriktionen be- in Coburg und zahlreiche ös- sie ohne Beeinflussung ihrer heit erreichte.14 Dieser wurde
erst konstituierte: Kaum kehrten zenden Orte auf die einzelnen wirkten aber eine Annäherung terreichische Burschenschaften wissenschaftlichen, religiösen bei seinem Versuch, das völki-
die Verbindungsstudenten aus Verbindungen (hier waren vom der verschiedenen Dachverbän- bereits noch früher einführten, oder politischen Richtung zu sche Abstammungsprinzip für
dem Krieg an die Universitäten christlichen Wingolf über die de, die 1919 zur Gründung des tat ein Übriges. 1920 wurde der charakterfesten, tatkräftigen, die gesamte Deutsche Studen-
zurück und nahmen den Akti- Corps bis zu den Burschenschaf- Allgemeinen Deutschen Waffen- „Arierparagraph“ in der Deut- pflichttreuen Männern heranzu- tenschaft durchzusetzen, nur
venbetrieb in den Korporatio- ten alle dabei) unter Führung rings (ADW) als Dachorganisa- schen Burschenschaft und im bilden [habe]. Parteipolitischen durch die Weimarer Verfassung
nen wieder auf, verboten sie in von Bogislav von Selchow (Corps tion schlagender Verbindungen Vertreter-Convent eingeführt, die Bestrebungen widmet sich das gebremst, die einen Ausschluss
großer Mehrheit die Aufnahme Hasso-Nassovia Marburg) aufge- führte. In diesem schlossen österreichischen Corps schlugen Corps nicht. Jedem Corpsange- von Jüdinnen und Juden aus
von Studierenden jüdischer teilt. Das „Studentenkorps Mar- sich der Kösener Senioren-Con- dies auch für den KSCV vor, der hörigen ist aber gegeben, sich der Deutschen Studentenschaft
Herkunft. burg“ erschoss im Anschluss vents-Verband (KSCV), der diesen Vorschlag zwar annahm, auf deutsch-völkisch-nationaler verbot. Für die deutschsprachi-
des gescheiterten Putsches 15 Weinheimer Senioren-Convent aber den einzelnen Verbindun- Grundlage […] eine eigene feste gen Studierenden Österreichs
Nachdem 20% der Studenten in Haft genommene Arbeiter (WSC), der Vertreter-Convent gen die Umsetzung freistellte.10 Meinung zu bilden.“12 Katholi- und der Tschechoslowakei, die
im Krieg ihr Leben gelassen hat- im thüringischen Mechterstädt. (VC) der Turnerschaften, die Anerkennend stellten die Verfas- sche Verbindungen hingegen ebenfalls dieser ersten ver-
ten, überschwemmten ab 1919 Alle Gerichtsverfahren endeten Deutsche Landsmannschaft und ser des Handbuchs des Weinhei- nahmen naturgemäß nur ka- fassten Studierendenschaft
die Kriegsjahrgänge die Univer- mit Freisprüchen – die Richter die Deutsche Burschenschaft mer Corpsstudenten von 1929 tholische Studierende auf, die Deutschlands angehörten, galt
sitäten – eine Generation, die waren entweder bereits im Kai- (DB) zusammen, um die Inter- fest, dass „fast alle waffenstu- Abstammung spielte dabei aber das nicht und so wurde dort der
durch den Schützengraben ge- serreich Justizangehörige oder essen des Waffenstudententums dentischen Verbände auf völki- keine Rolle und so erreichten Ausschluss jüdischer Studieren-
prägt wurde, aber für die in der hatten zumindest dort studiert.6 nach außen zu vertreten. Das schem Standpunkt [stehen] und immer wieder gestellte Anträge der durchgesetzt.15 In den frü-
neuen Armee kein Platz mehr wichtigste Prinzip, das alle im […] die Aufnahme von Semiten auf Einführung des „Arierpara- hen Krisenjahren der Weimarer
war. Die Bereitschaft zum Krieg Der Umgang mit studentischen ADW organisierten Verbände ab[lehnen]“.11 Dem Weinheimer graphen“ nie eine Mehrheit.13 Republik führten die staatlichen
war in den meisten Verbindun- Verbindungen spiegelte das einigte, war das Bekenntnis Senioren-Convent gehörten Auseinandersetzungen um den
gen noch größer als in der allge- allgegenwärtige Dilemma der zur Satisfaktion mit der Waffe.8 auch die Corps der Technischen Unabhängig davon nahm unter Deutschen Hochschulring sogar
meinen Bevölkerung. Burschen- Weimarer Republik wieder: Gegen eine durch die Deutsche Hochschule Dresden an. Sie alle der gesamten Studierenden- zu örtlichen Verboten wie in
schaften waren generell explizit Die Mensur war verboten und Burschenschaft zunehmend führten nach dem Krieg eben- schaft und besonders in den Jena oder Breslau16, während
politisch auf den Kampf für das gerade aus den linken Parteien versuchte Politisierung des Waf- falls schnell die antisemitische Verbindungen der Antisemi- den vorläufigen Höhepunkt der
deutsche Volkstum in Europa schlug den Verbindungen politi- fenrings wehrte sich vor allem Mitgliedsbeschränkung ein tismus stark zu, so dass bereits völkischen Radikalisierung die
ausgerichtet, während die Corps scher Widerstand entgegen, aber der KSCV; eine antisemitische und dehnten das schon zuvor 1921, als die NSDAP noch eine Unterstützung des Hitler-Lu-
als solche am unpolitischen die alten Eliten trugen weiterhin Ausrichtung war dem ADW eher zweifelhafte „unpolitische“ einflusslose Splitterpartei war, dendorff-Putsches durch einige
Prinzip festhielten, wobei die dazu bei, Studierenden aus den dennoch von seiner Gründung Selbstverständnis explizit auf der völkisch-nationalistische lokale Hochschulringe, z. B. in
Unterstützung des Vaterlands – Verbindungen einflussreiche Po- an eigen. Man beschloss, kei- den völkischen Gedanken aus. „Hochschulring Deutscher München und Münster, markier-
hier spielte der Staat (zumindest sitionen zu verschaffen. Hinzu ne Waffen von Juden anzuer- Beispielhaft für die übergroße Art“, der spätere „Deutsche te.17 Die Konsolidierungsphase
vor 1918) eine wichtigere Rolle kommt, dass sich die Regierung kennen, ihnen also die für das Mehrheit der deutschen Corps, Hochschulring“ (DHR), in dem der Republik Mitte der 20er
9 Vgl. Lankenau, Arne: „Dunkel die Zukunft – Hell der Mut!“ Die Heidelberger Studentenverbindungen in der Weimarer
als der Volkstumsbegriff – nicht der Freikorps, die sich zu großen Korporationsstudententum so Republik 1918-1929. Heidelberg 2008. S. 134.
zu politischen Bestrebungen Teilen aus Verbindungsstuden- wichtige studentische Ehrfähig- 10 Vgl. ebd. S. 79.
zählte.5 Jetzt beteiligten sich ten zusammensetzten, bediente, keit zu versagen, mit der einzi- 11 Diestel: Studentische Verbände. In: Ausschuss für allgemeinstudentische Fragen im W.S.C. (Hrsg): Handbuch
die Studenten zu großen Teilen um Aufstände von links nieder- gen Ausnahme, dass ein dem des Weinheimer Corps-Studenten. Unbekannter Ort 1929. S. 11. In der nachfolgenden Auflistung sämtlicher
Korporationsverbände wird deutlich, dass fast alle keine Juden mehr aufnahmen und, wie es heißt, auf „völkischem
an den Freikorps, die zunächst zuschlagen. Politischer Einfluss ADW angehöriger Waffenstu- Boden“ standen.
mit Unterstützung der Regie- im staatstragenden Sinn kam dent für den betreffenden Juden
12 Dresdner Studentisches Taschenbuch 1921/22. Dresden 1921. S. 93.
5 Vgl. Weber, Rosco G.S.: Die deutschen Corps im Dritten Reich. Köln 1998. S. 41 u. 73. Es wurde bereits 1848 auf dem 13 Dennoch war auch unter den katholischen Verbindungen der völkische Antisemitismus keineswegs in einer marginalen
Jenaer Kongress, auf dem sich die Definition von Corps herausbildete, festgelegt, „daß nur solche Korporationen als Position. 1920 wurde auf der Cartellversammlung des CV, dem größten der katholischen Korporationsverbände, bei nur
Corps anerkannt werden sollten, die auf alle politischen Neigungen und Ziele verzichteten.“ 1928 wurde der Antrag zwei Gegenstimmen das „Arierprinzip“ mit Abstammungsnachweis „bis auf die Großeltern“ angenommen. Erst die
einer großen Gruppe auf dem Kösener Congress, der die politische Erziehung zum Teil des Corpslebens machen wollte, später folgende schriftliche Abstimmung mit den Stimmen aller Verbindungen verhinderte noch die Durchsetzung des
abgelehnt und stattdessen ein Beschluss zugunsten der Entwicklung von Patriotismus gefasst sowie ein „Ausschuß für Beschlusses. Vgl. Heither, Dietrich; Michael Lemling: Die studentischen Verbindungen in der Weimarer Republik und
Grenz- und Auslandsdeutschtum“ gegründet. ihr Verhältnis zum Faschismus. In: Elm (Hrsg.): Füxe, Burschen, Alte Herren. S. 92-156. Hier. S. 114.
6 Vgl. Thüringische Landeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Die Morde bei Mechterstädt 25. März 1920. In: 14 Eine Übersicht über die einzelnen Wahlergebnisse findet sich in der Verbandszeitung: Die Studentenschaft. 5. Jahrgang,
Thüringen. Blätter zur Landeskunde. Erfurt 1997. S. 5ff. Nr. 12. 25.7.1921. S. 17.
7 Als Beispiele sollen hier Wilhelm Marx (KStV Arminia Bonn), Heinrich Brüning (KDStV Langobardia München und 15 Vgl. Schwarz, Jürgen: Die deutsche Studentenschaft in der Zeit von 1918 bis 1923 und ihre Stellung zur Politik.
KDStV Badenia Straßburg), Konstantin Fehrenbach (KDStV Hercynia Freiburg und KAV Suevia Berlin) und Felix Dissertation. Freiburg i. Br. 1962. S. 263ff.
Porsch (u. a. AV Guestfalia Tübingen und KDStV Winfridia Breslau) genannt werden. 16 Ebd. S. 288.
8 Vgl. Weber: Die deutschen Corps im Dritten Reich. S. 71. 17 Pöppinghege, Rainer: Absage an die Republik. Das politische Verhalten der Studentenschaft der Westfälischen

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Jahre schwächte den Deutschen abgesehen, aber gering, da der NS-MACHTÜBERNAHME UND DIE
Hochschulring nur leicht, trug NSDStB anfangs stark vom AUFLÖSUNG DER VERBINDUNGEN
aber zu einer Pragmatisierung sozialrevolutionären Flügel
dessen Politik bei, wobei sich an um die Gebrüder Strasser Die Fronten waren aber wei-
den antisemitischen Grundlagen beeinflusst war. Dies änderte ter unklar. Die Führung des
nichts änderte. sich nach der Übernahme der NSDStB war sich bewusst, dass
Als 1926 der Organisation durch Baldur trotz der in den schlagenden
Nationalsozialistische von Schirach, der das Potential Korporationen weit verbreiteten
Deutsche Studentenbund der Korporationen erkann- völkischen und militaristischen
(NSDStB) gegründet wur- te und für die NS-Bewegung Einstellungen sich früher oder
de, konnte er gut auf den nutzen wollte. Die NSDAP später Konfliktlinien abzeich-
ideologischen Nährboden setzte sich in Folge für die neten, da Führerprinzip und
der meisten Korporationen Aufhebung des Mensurverbots Alleinvertretungsanspruch der
und des Hochschulrings in Deutschland ein und hoffte NS-Organisationen von den
zurückgreifen und für die durch das Erfurter Abkommen meisten Korporierten nicht ohne
nächste Krise das passen- von 1931 Anerkennung durch weiteres mitgetragen werden
de Radikalisierungsangebot die schlagenden Korporationen würden. Von Schirach plante da- Kapp-Putsch (1920) in Berlin
des Waffenrings zu gewinnen. her, die örtlichen Korporations-
verbände mit NSDStB-Mitglie- die Deutsche Wehrschaft 1931 ren Auseinandersetzungen, in nalsozialisten befand, gegenüber
Dieses Abkommen führte dazu, noch vergeblich gefordert hatte: denen sich besonders die Alten der NS-Bewegung wieder besser
dass der NS-Studentenbund den dern zu unterlaufen, um durch
ein solches Spionagesystem für die auf Verwandte, Ehefrauen Herren gegen eine Unterstüt- gestimmt. Trotzdem übten Nazis
Ehrenkodex der Verbindungen und Alte Herren ausgedehnte zung des Nationalsozialismus innerhalb des KSCV großen
größtenteils anerkannte und künftige Konflikte gewappnet zu
sein.21 Davon unbeeinflusst führ- sofortige „Arisierung“.24 aussprachen, unter Konstantin Druck auf den Vorstand aus, der
dessen Mitglieder, wie auch jene Hank selbst gleich.26 Im Ein- auch hier die Gleichschaltung
der Verbindungen, von einer te die Deutsche Studentenschaft Wenn man davon sprechen
(DSt) als Dachorganisation aller will, dass Korporationen Opfer klang mit dieser Entwicklung und den Pflichteintritt der Mit-
verpflichteten Stimmabgabe steht auch die Zustimmung der glieder in eine NS-Organisation
für eine bestimmte Liste befreit AStA in Deutschland auf der des Nationalsozialismus waren,
Königsberger Konferenz im Juli so gilt das hauptsächlich für Zentrumspartei zum Ermäch- zur Folge hatte.28 Die völkischen
wurden.19 Der NSDStB konnte tigungsgesetz und das Reichs- Verbindungen aus der Deut-
jetzt auf mehr Stimmen aus 1932 ganz demokratisch mit 155 die jüdischen Verbindungen.
zu 3 Stimmen bei 25 Enthaltun- Diese wurden mit SA-Gewalt konkordat zwischen Vatikan schen Burschenschaft, der Deut-
dem Bereich der Verbindungen und Nazideutschland. Auch der schen Wehrschaft, dem Vertre-
hoffen. Auf dem Erfurter gen das Führerprinzip ein.22 Im im Sommer 1933 gestürmt und
selben Jahr trat der KSCV aus aufgelöst. Ansonsten versuch- Cartellverband der katholischen ter-Convent und der Deutschen
Waffenstudententag kam es deutschen Studentenverbin- Sängerschaft unterstützten wie
gleichzeitig zum Austritt der Protest gegen die zunehmende ten die Korporationen mit dem
Politisierung aus dem Allge- NS-Regime auszukommen dungen (CV) stellte sich schnell vor 1933 auch jetzt die NS-Bewe-
Deutschen Wehrschaft (DW), in den Dienst des NS-Staates, gung. Da die im ADW organi-
die als Dachverband verschie- meinen Deutschen Waffenring oder unterstützten es direkt.
Baldur von Schirach (1907-1947) aus, da man das Neutralitätsge- Selbst im Kartellverband der nachdem die alte Führung durch sierten Verbände nach Ansicht
dener völkischer Korporationen eine Revolte junger Aktiver der Deutschen Burschenschaft
bereithalten. Die Idee zur einen Dringlichkeitsantrag bot der Corps bedroht sah. Der katholischen Studentenvereine
einzige in Teilen NS-kritische Deutschlands (KV) gewannen gestürzt wurde.27 In den meisten keine ausreichend klare Haltung
Gründung des NSDStB zur sofortigen Durchsetzung anderen Korporationen gab es zugunsten des Nationalsozialis-
kam vom Burschenschafter des „Arierparagraphen“ in Verband war somit ausgeschie- die nationalistischen Mitglieder
den und entsprechend wurde schnell Einfluss, nachdem im weniger Auseinandersetzungen. mus einnahmen, trat die Deut-
und Nationalsozialist Hans sämtlichen dem Allgemeinen Da das Mensurverbot durch die sche Burschenschaft zusammen
Glauning.18 Zunächst war der Deutschen Waffenring angehö- Hitlers Machtergreifung durch März 1933 die deutschen Bischö-
den ADW 1933 begrüßt.23 Im fe den Widerstand gegen den NS-Regierung schnell aufgeho- mit dem Vertreter-Convent und
Einfluss auf Verbindungen, renden Verbindungen einbrach- ben wurde, waren auch die Mit- drei kleineren Verbänden aus
von den Burschenschaften te, der aber abgelehnt wurde.20 Mai wurde das beschlossen, was Nationalsozialismus aufgaben.25
In Folge dessen schaltete sich glieder des KSCV, unter dessen dem ADW aus, nicht zuletzt,
Wilhelms-Universität Münster 1918-1935. Münster 1994. S. 96.
18 Vgl. Weber: Die deutschen Corps im Dritten Reich. S. 83. der Verband nach einigen inne- Studenten sich ebenfalls eine um Privilegien gegenüber den
19 Vgl. ebd. S. 88ff. An dieser Stelle wird auch ersichtlich, wo die Grenzen des demokratischen Convents-Prinzips lagen: große Anzahl begeisterter Natio- anderen Korporationen durch
Vor dem Erfurter Abkommen musste sich jedes Verbindungsmitglied sogar bei einer allgemeinen und freien Wahl dem in Couleur, ja in Chargenwichs aufzutreten, da schlugen unsere Herzen höher.“ Zitiert nach Ditter, Hellmuth; Rudolf
gemeinsamen Beschluss unterordnen. Schubert: Corps Marcomannia Dresden 1860 – 1936. In: Chronik der Saxo-Montania zu Freiberg und Dresden in
20 Vgl. ebd. S. 81. Aachen. Teil III. 1984. S. 62.
21 Vgl. ebd. S. 115f. 24 Vgl. ebd. S. 131. „Die Anerkennung als waffenstudentischer Verband wird ausgesprochen, [...]wenn er unter seinen
22 Vgl. ebd. S. 116. Mitgliedern weder Judenstämmlinge oder jüdisch Versippte noch Freimaurer hat...“.
23 Den Weg der Korporationen zu Unterstützern der NS-Machtergreifung gibt beispielhaft offen und emphatisch 25 Vgl. Schlömer, Hans: Die Gleichschaltung des KV im Frühjahr 1933. In: Golücke (Hrsg.): Korporationen und
Friedrich-Karl Scheibitz, ein Mitglied des damaligen Dresdner Corps Marcomannia, retrospektiv wieder: Wir hatten uns Nationalsozialismus. S. 14.
„begeistern lassen“ […] „vom Aufschwung nach der Machtübernahme Hitlers“, denn „[w]ir hatten uns von niemandem 26 Vgl. ebd. S. 36ff.
in der Liebe zu unserem Vaterland übertreffen lassen. Viele von uns hatten schon als Schüler im Rahmen der 27 Vgl. Golücke, Friedhelm: Die Wohnkameradschaft Markomannia 1934/35 – Ein erster Gleichschaltungsversuch. In:
schwarzen Reichswehr Rekrutenerfahrung gesammelt und das im Corps selbstverständlich fortgesetzt. Als nun 1933 die Golücke: Korporationen und Nationalsozialismus. S. 91.
Straffreiheit der Mensur brachte, als die Corpsstudenten aufgefordert wurden, bei so manchen glanzvollen Ereignissen 28 Vgl. Weber: Die deutschen Corps im Dritten Reich. S. 134ff.

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die NS-Führung zu erhalten.29 Fahnen beim Wartburgfest 1935 nen, die im eigentlichen Sinne ten von Widerstandskämpfer:in- versuchen, deren Täterschaft mit Verbindungen gaben sich mit
Bei allen inhaltlichen Überein- dem NSDStB übergaben und seit 1935 nicht mehr bestanden, nen beschäftigt waren, um sich ihrem Verbindungshintergrund der Aufhebung des Mensurver-
stimmungen verhinderte das sich auflösten32, was im selben aufgehoben werden. 1936 wurde mit Korporationsstudenten, zu begründen – was zweifelsoh- bots zufrieden, die meisten ihrer
bei keiner der Verbindungen Jahr auch die Deutsche Wehr- das Fechten von Bestimmungs- deren Gegnerschaft sich im ne nicht weniger spekulativ wäre Mitglieder standen dem Natio-
die Überführung zur NS-Or- schaft freiwillig tat, erfolgte bei mensuren durch Rudolf Heß im Fechten erschöpfte, zu befassen. als das Vorgehen Siglers und nalsozialismus längst nahe und
ganisation. Den Übergang zur vielen anderen Verbindungen sog. Heß-Erlass untersagt. Dass es jedoch Korporierte gab, seiner Mitstreiter:innen.36 die Burschenschafter konnten
Auflösung der Verbindungen die Auflösung gegen den Willen die sich auf verschiedene Weise Dennoch wäre es fragwürdig, im Mai 1933 wie bereits 1817, nur
bildete die Einrichtung von der meisten Mitglieder durch Widerstand gegen den Natio- und in unterschiedlichen Grup- an die Korporationen der 20er diesmal mit staatlicher Unter-
Wohnkameradschaften in den die bereits 1933 gleichgeschaltete nalsozialismus betraf aus den pen am Widerstand gegen den und 30er Jahre einen höheren stützung, „undeutsche“ Literatur
Verbindungshäusern, in denen Führung. Um eine Gegnerschaft Reihen der Waffenstudenten Nationalsozialismus beteilig- Maßstab anzulegen als an die verbrennen. Die schrittweise
NS-Veranstaltungen immer zum Nationalsozialismus zu hauptsächlich heimliches Fech- ten, ist unbestreitbar und auch allgemeine Studierendenschaft, Auflösung der Verbindungen
mehr die alten partikularisti- vermeiden, blieben die Häuser ten oder weniger heimliches wenig verwunderlich, wenn über die sich in weiten Teilen durch stieß bei den Mitgliedern zwar
schen Korporationsinteressen den Studenten erhalten und es Tragen von Couleur. Zunächst die Hälfte aller Studierenden in Nationalismus und Republik- meistens nicht auf großen
ablösten. Gegen die Bildung wurden neue Kameradschaften waren solche Provokationen der Weimarer Republik einer feindlichkeit auszeichnete. Aber Zuspruch, aber Widerstand war
der Wohnkameradschaften eingerichtet, die sich zumindest durchaus mit Risiken verbunden Korporation angehörten. Der die Verbindungen spielten gera- längst nicht mehr zu erwarten,
regte sich kaum Widerstand.30 in Teilen an den alten Korpora- aber bei weitem nicht mit der Versuch, über narrative Erzäh- de in ideologischer Perspektive zumal die meisten Mitglie-
Während die Deutsche Bur- tionen orientierten. Bei Bedarf Bedrohung, der sich im Wider- lungen einzelner Korporierter, eine entscheidende Rolle bei der der bereits fest ins NS-System
schenschaft im März 1933 in den wurden Studenten, die nicht stand aktive Regimegegner:in- die im Widerstand aktiv waren, Etablierung von nationalsozialis- eingebunden waren. Heutzu-
Burschenschaftlichen Blättern ausreichend auf Parteilinie wa- nen ausgesetzt sahen. Während eine positive Traditionslinie her- tischem Gedankengut, und zwar tage verklären verschiedenste
jubelte, dass das, wofür sie „im ren, gegen diszipliniertere aus- des zweiten Weltkriegs wurden zustellen und damit endlich das noch lange bevor die NSDAP Korporationen ihre Auflösung
Geiste der Burschenschafter von getauscht.33 Zudem wurde ein sogar Verbindungen inoffiziell Verhalten der meisten Korporati- nennenswerte Erfolge erzielte. im Nationalsozialismus gerne
1817 jahraus jahrein“ gearbeitet NS-Altherrenverband gegründet. rekonstituiert34, da die Nazis zu onen während des Aufstiegs des Diese ideologische Hilfestellung als Zeichen für ihre ungebro-
habe, endlich „Tatsache gewor- Nach Umsetzung dieser Maß- sehr mit der Vernichtung der Jü- Nationalsozialismus aus der Ver- speiste sich aus den geistigen chene demokratische Traditi-
den ist“31 und die Burschenschaf- nahmen konnten auch die Zu- dinnen und Juden, dem Halten bindungsgeschichte ausklam- Entwicklungen des 19. Jahrhun- onslinie. Insgesamt lässt sich
ten freiwillig ihre Couleur und geständnisse an die Korporatio- der Fronten und dem Ausschal- mern oder wenigstens in seiner derts und der Elitenbildung im aber feststellen, dass sehr viele
29 Vgl. Benscheidt, Hans Wilhelm: Das Darmstädter Corps Obotritia im Dritten Reich. In: Golücke (Hrsg.): Korporationen Wahrnehmung zurückstellen Kaiserreich sowie aus den kon- Verbindungen dem Nationalso-
und Nationalsozialismus. S. 127f. zu können, hat spätestens seit kreten politischen Umständen zialismus ideologischen Vor-
30 Vgl. ebd. S. 167. Vor Einrichtung der Wohnkameradschaften war es sogar unüblich, dass Korporierte auf ihrem Haus Siglers Sammelband, mit dem kurz nach dem Ersten Weltkrieg. schub lieferten. In katholischen
wohnten.
er in den letzten Jahren viel auf Konfliktlinien bildeten sich Verbindungen war das nicht
31 Zit. nach Heither/Lemling: Die studentischen Verbindungen in der Weimarer Republik und ihr Verhältnis zum
Faschismus. S. 133. Tour in den Verbindungen un- zunächst nur zwischen dem in gleichem Maße der Fall, sie
32 Vgl. ebd. S. 143. terwegs war, Konjunktur.35 Um proletarischen Stil der NSDAP stellten mehr ein Spiegelbild
33 Vgl. Golücke: Die Wohnkameradschaft Markomannia. In: Golücke: Korporationen und Nationalsozialismus. S. 93f. Bei eine (sicher nicht ganz einfach und dem elitären Selbstver- der allgemeinen Rechtslastig-
ehemaligen katholischen Verbindungen war der Austausch zum Teil größer. Die Belegung der Wohnkameradschaft zu verwirklichende) quantita- ständnis der meisten Korpora- keit in der Studierendenschaft
Markomannia wechselte sogar fast vollständig, bis sie den Zwecken des NSDStB genügte und in eine neu gegründete
Kameradschaft umgewandelt wurde.
tive Analyse drückt sich diese tionen. Nach Ausschaltung des dar. Spätestens in den Jahren
34 Vgl. Benscheidt: Das Darmstädter Corps Obotritia im Dritten Reich. In: Golücke (Hrsg.): Korporationen und Perspektive aus guten Gründen Strasser-Flügels schaffte es die nach der Machtergreifung war
Nationalsozialismus. S. 236f. herum. Aber dem Vorgehen der NSDAP, ihren Einfluss bei den der Nationalsozialismus jedoch
sogenannten „Studentenhisto- nicht katholischen Korporatio- eine derartige Volksbewegung,
riker“, das immer wieder von nen entscheidend zu verstärken, dass es nahezu unsinnig wäre,
fachlichen Fehlern und Spekula- was zum Teil auf tatsächliche nach einer besonderen Rolle der
tionen geprägt ist, könnte man politische Absichten der NS-Füh- Korporationen zu suchen, inso-
zumindest ebenso gleichwertig rung, zum Teil aber auch nur fern es nicht aktiven Widerstand
eine Suche nach korporierten politischer Taktik geschuldet betrifft.
NS-Tätern entgegensetzen und war. Gerade die schlagenden

35 Beispielsweise referierte Sigler am 11.11.2014 beim Corps Thuringia Leipzig oder am 14.12.2016 beim Corps Guestphalia
Halle zum Thema, aber konnte auch in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand sein Buch am 25.6.2015 vorstellen.
36 Wie stark muss die korporierte Persönlichkeit Siglers sein, um im nachweislich unter den schlagenden Verbindungen
besonders früh grassierenden Antisemitismus keinen Widerspruch zur von ihm behaupteten Ablehnung von
Rassismus und Ausgrenzung zu erkennen? „Nicht aber, und das soll bewußt betont werden, stimmte eine wie
auch immer geartete Mehrheit der Ideologie von der Überlegenheit der arischen Rasse zu: speziell hierfür ist die
Anhängerschaft auch unter den Korporierten als sehr klein einzuschätzen. Mit der Grundhaltung schon in den
alten Landsmannschaften, daß jedes Mitglied gleich viel wert sei und niemand wegen seiner Herkunft herabgesetzt
Der nationalsozialistische Studentenbund (NSDStB) marschiert durch Berlin (1934) werden dürfte, und diese Haltung setzte sich analog in die allermeisten nachgegründeten Verbindungen fort, war eine
solche Ideologie nicht vereinbar.“ Sigler, Sebastian: Das soziale und das korporierte Umfeld der Corpsstudenten im
Widerstand. In: Ders. (Hrsg.): Corpsstudenten im Widerstand gegen Hitler. Berlin 2014. S. 457-483. Hier S. 458.
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DIE ZUKUNFT DER ELITE einen Komplex ideeller Inhalte. „im Kleinen“ zu leben, was im der Kern des berüchtigten Seil- Für lange Zeit waren die Kor- Diese Propagierung von Leis-
Dieser Ideenkomplex, der trotz Großen, also in Staat und Gesell- schaftgedankens erfasst wäre. porationen so in der Lage, die tung, die aber letztlich nur am
Von Stefan Taubner der oft von den Verbindungen schaft, angestrebt wird3, so dass Korporierte, die bereits als Alte Homogenisierung gesellschaft- überwiegend durch das Kor-
selbst geäußerten gegenteiligen das Modell Korporation eine Herren (und Hohe Damen, wo- licher Spitzenpositionen zu poriertennetzwerk definierten
In den Selbstdarstellungen der
Behauptungen nicht selten stark Vorbildfunktion erwarten lässt bei diese in dieser Betrachtung unterstützen. Bereits hierin liegt Erfolg gemessen wurde, ist
meisten studentischen Verbin-
gesellschaftspolitisch geprägt und zumindest einen latent ge- mangels Einflusses vernachläs- ein wirkmächtiger tendenzieller gleichzeitig ein gutes Beispiel
dungen fällt irgendwo der Be-
ist, blieb durch seine Bindung sellschaftspolitischen Anspruch sigt werden können) in Spitzen- Konservatismus (an dieser Stelle für das tatsächlich kaum funkti-
griff „Elite“, zu dem sie ein be-
an Regeln, Riten und Traditio- in sich trägt. positionen mit den zugehörigen in völlig wertneutralem Wort- onierende Leistungsprinzip, wel-
sonderes Verhältnis zu pflegen
nen ziemlich statisch (weshalb Entscheidungsbefugnissen sinn gemeint) begründet, weil ches auch heute noch jenseits
vorgeben. Auf jeden Fall gehört
den Korporationen nicht von sitzen, verhelfen nachfolgenden diese fortdauernde Gleichartig- der Verbindungen als Grundlage
bei den meisten Korporationen
ungefähr seit langem der dif- Die Korporationen und ihre Korporierten nach Beendigung keit den Erhalt alter Normen allen Fortschritts ausgegeben
zur Zielsetzung, dass ihre Mit-
fuse Ruf, sie seien irgendwie Mitglieder haben demnach ihres Studiums zu ebensolchen und Bräuche unterstützte. Die wird. Selbst wenn die Chefden-
glieder später Spitzenpositionen
zum einen selbst Positionen. studentischen Verbindungen ker:innen des freien Marktes
in Wirtschaft,
Politik und „Leistung ist Voraussetzung für Erfolg, Erfolg bedeutet den Anspruch, Teil fußen zudem in Form und unfreiwillig die Widersprüche
Gesellschaft einer oder sogar die Inhalt fast gänzlich auf akade- von Leistungsprinzip und Kor-
gesellschaftliche Anerkennung. Corps-Studenten streben gesellschaftliche Die Rechtfertigung dieses Netz- mischen Traditionen des frühen poriertennetzwerken aufdecken,
einnehmen.
Dieser Elite-
nach Erfolg. Mitglied in einem Corps zu sein setzt vor- Elite zu sein, zum werks („Können ist gut, kennen 19. Jahrhunderts, dessen zeitge- ist die Mantrahaftigkeit dieser
gedanke lässt aus, sich unter erfolgreichen Studierenden zu befinden. anderen aber auch ist besser“5) erfolgt eher sekun- nössische geistige und politische Forderung, die doch die prakti-
sich leicht zu Niemand möchte bei Erfolglosen Mitglied sein.“ die zukünftige Elite där. So muss dann auch die Strömungen in Deutschland, sche Umsetzung des individu-
einem Wech- zu erziehen und so Mitgliedschaft in einer Korpo- so sehr sie auch damalige ge- ellen Glücksversprechens im
selverhältnis - Corps Teutonia Dresden gesellschaftlichen
4
ration zu einem individuellen sellschaftliche Avantgarde sein Kapitalismus garantieren soll,
ausdifferen- Einfluss im Interes- Persönlichkeitsvorteil erklärt mochten, unter heutigen Bedin- schon ein kleiner Hinweis auf
„reaktionär“, anhaftet) und wird se der Verbindung und des Ver- werden, der alle Versuche einer gungen keineswegs der indivi- deren Unmöglichkeit. Während
zieren. Einerseits garantieren
zunächst durch die Institution bands zu gewinnen. Beide Ziele objektiven Leistungsbewertung duellen Emanzipation Vorschub sich in Zeiten offener Krisen oh-
Korporierte in höchsten Posi-
Korporation von Generation zu lassen sich am leichtesten über übertrifft.6 Die Mitgliedschaft leisten. Schon damals frönten nehin bisweilen gesellschaftliche
tionen das Fortbestehen der
Generation weitergegeben. In ein System des Protektionis- in der Verbindung bildet eine sie im Angriff auf die Ideale der Verfallserscheinungen in Form
jeweiligen Verbindungen und
gesellschaftlichen Spitzenpositi- mus erreichen. Propagiert wird für Außenstehende nicht nach- Aufklärung und der Französi- von Bandenwirtschaft deutlich
Verbände, indem sie deren Be-
onen angekommen, sollen dann dementsprechend ein Leistungs- vollziehbare Leistung, die in der schen Revolution einer Mytho- zeigen, läuft auch der Normal-
kanntheit vergrößern, für einen
idealerweise die Korporierten prinzip, das den geforderten eingeschworenen Gemeinschaft logisierung der Welt bei gleich- betrieb nur auf dem ersten Blick
guten Ruf sorgen, ja diese selbst
im Sinne ihrer Verbände ideell Erfolg an der gesellschaftlichen wurzelt, aber dennoch nicht nur zeitiger Absage an den Schutz unter den Voraussetzungen ei-
nicht nur personell, sondern
auf die Gesellschaft einwirken. Anerkennung misst.4 Diese Ausdruck korporierter Gruppen- des Individuums. So kennzeich- nes Wettstreites aller gegen aller.
auch ideell den gesellschaftli-
Im nationalpolitischen Sinn wiederum wird im Idealfall willkür ist, sondern der auch neten den eben zunächst als Die Gefahr, in diesem Wettstreit
chen Eliten annähern und so
wird dieser Gedanke vor allem durch eine bereits korporiert ver- konkrete Inhalte entsprechen. strukturell erwähnten Konserva- zu scheitern, ist zu groß, als
letztendlich auch ein Teil der
von den Burschenschaften (aber gesellschaftete Elite vorgeprägt, Da die meisten Korporationen tismus inhaltlich die individuelle dass irgendeine Gruppe freiwil-
korporierten Identitätsstiftung
auch beispielsweise von den weshalb schon die bloße Zuge- nicht nur bloße Gemeinschaften Selbstaufgabe bis zum Tod, (teil- lig ihre Privilegien aufgäbe –
werden. Andererseits sind die
Verbindungen des Coburger hörigkeit zu jener gesellschaftli- sind, die das Individuum unter weise völkischer) Nationalismus auch wenn der ideelle Appendix
meisten Verbindungen nicht
Convents)1, im gesellschafts- chen Gruppe die entsprechende den Gruppenzusammenhang und jenes bereits ausführlich so groß ist, dass ihn die Angehö-
einfach bloße Gemeinschaften,
politischen besonders von den Anerkennung garantiert und ordnen, sondern auch bestimm- dargestellte Leistungsprinzip, rigen der Gruppe selbst glauben.
die auf ein paar alten Regeln
Corps verkörpert.2 Gemäß ihren die im Leistungsprinzip implizit te Umgangsformen und Werte das im Kern doch nur die Recht- Die Verbindungen sind dafür
fußen, sondern verkörpern im
idealistischen Wurzeln versu- enthaltene Durchlässigkeit nach vermitteln, wissen die Verant- fertigung der eigenen erreichten allerdings nur ein Symptom. Die
Rahmen ihrer Traditionen auch
chen die meisten Verbindungen oben außer Kraft setzt, womit wortlichen bei der Gewinnung Position beinhaltet. Die Bewah- meisten Menschen sind sich der
1 In diesem Sinn übersteigt die Bedeutung der Nation jene des Staates und wenn schon dieser nicht vom Individuum her neuer Führungskräfte, in wel- rung der Ordnung bedeutete da- Möglichkeit des Scheiterns ten-
gedacht wird, dann erst recht nicht die nationale Gemeinschaft, die von der Deutschen Burschenschaft als „objektive
chem Bereich auch immer, her in erster Linie die Sicherung denziell bewusst und reagieren
Wirklichkeit“ (Deutsche Burschenschaft (Hrsg.): Handbuch der Deutschen Burschenschaft. Traunstein 2005. S. 245.)
jeglichen Dekonstruktionsversuchen prinzipiell entzogen bleibt. Mehr dazu in den entsprechenden Kapiteln in dieser genau, was sie erwarten können der bestehenden Verhältnisse, auf konkrete Krisen mit Protek-
Publikation. – und ihre Erwartungen sind da- von denen der Großteil der Kor- tion und Bandentum, um ihr
2 Vgl. Peters, Stephan: Elite sein. Wie und für welche Gesellschaft sozialisiert eine studentische Korporation? Marburg bei gleichsam durch ihre eigene porierten spätestens ab der Zeit eigenes Vorankommen oder (im
2004. S. 245ff. verbindungsstudentische Sozia- des Kaiserreiches profitierte. Extremfall) auch nur die eigene
3 Vgl. auch http://www.verlagdrkovac.de/3-8300-4273-6.htm [Letzter Zugriff: 23.09.2017]. Dort wird mit ähnlichen lisation entscheidend geprägt. Grundbedürfnisbefriedigung
Worten der Tagungsband einer vom Dresdner Korporiertennetzwerk GFSK (Gesellschaft zur Förderung Studentischer
Kultur) veranstalteten Tagung beworben. zu sichern. Klüngelei, Vettern-
4 Ein gutes Beispiel liefert das Dresdner Corps Teutonia, das die notwendige Anerkennung des Leistungsprinzips mit 5 So lautete beispielsweise der Titel eines Workshops zum Netzwerkgedanken Anfang der 90er Jahre. Siehe: Schäfer,
dem daraus resultierenden Erfolg begründet: „Leistung ist Voraussetzung für Erfolg, Erfolg bedeutet gesellschaftliche Gerhard: Cliquen, Klüngel und Karrieren – Beziehungen und Ver-Bindungen. In: Elm, Ludwig; Dietrich Heither;
Anerkennung. Corps-Studenten streben nach Erfolg. Mitglied in einem Corps zu sein setzt voraus, sich unter Gerhard Schäfer: Füxe, Burschen, Alte Herren. Studentische Korporationen vom Wartburgfest bis heute. Köln 1992. S.
erfolgreichen Studierenden zu befinden. Niemand möchte bei Erfolglosen Mitglied sein.“ http://www.teutonia-dresden. 299-321. Hier S. 308.
de/index.php/allgemeines/16-grundsaetze [ Letzter Zugriff: 23.09.2017]. 6 Vgl. ebd. S. 307.

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wirtschaft, Seilschaften oder wo sich Landesherren mit einer tun. Mit der Durchsetzung des dann ab den 60er Jahren der betreiben. Dennoch sollte bei
offen kriminelle Rackets sind bis dahin unbekannten mensch- Kapitalismus, dessen reibungs- gesellschaftliche Status des Aka- allem Fatalismus nicht verges-
daher angesichts der ständigen lichen Mobilität im Zusammen- losen Ablauf erst das vertragli- demikers in dem Sinn, dass ein sen werden, dass trotz der auf
potentiellen Bedrohung durch hang mit den Universitäten che Abtreten der individuellen Universitätsabschluss kein Ga- absehbare Zeit nicht endenden
wirtschaftliches (und damit in konfrontiert sahen, aus der Gewalt an den Staat garantierte, rant mehr für spätere Spitzen- Klüngelei bei der Besetzung von
einer Gesellschaft, deren Indi- Schaffung von Sonderrechten, sind die Korporationen zum positionen war. Fast zur selben Spitzenpositionen zumindest
vidualität durch die Funktion die den Universitäten schließ- Anachronismus geworden.10 Zeit stellte die 68er-Bewegung eine Menge zweifelhafter Inhal-
des Warenträgers bestimmt ist, lich eine eigene Gerichtsbarkeit In Verbindung mit dem gesell- den traditionellen Typ der deut- te, die das ideologische Gerüst
auch persönliches) Versagen bescherten und so Zuständig- schaftlichen Spitzenstatus, den schen Universität und mit ihm der Gemeinschaft der Korpora-
eine logische Folge.7 Für die keitskonflikte in der Rechtspre- die Korporationen und ihre auch die studentischen Verbin- tionen bilden, aus den gesell-
Entwicklung der studentischen chung beseitigten.8 Gleichzeitig Mitglieder (mit Ausnahme der dungen in Frage. Binnen kurzer schaftlichen Eliten verdrängt
Verbindungen kommt diesem wurden die Universitäten von katholischen und später der Zeit verschwanden die zuvor das wurde und mit der deutlichen
Prozess eine wichtige Rolle zu, Angehörigen des langsam erstar- jüdischen Verbindungen) im 19. Bild der Universitäten so stark Abnahme der korporierten Seil-
wobei man das generelle Bedürf- kenden städtischen Bürgertums Jahrhundert erreicht hatten, bil- prägenden Verbindungen schon schaften, die ausschließlich aus
nis der Gruppenbildung in einer getragen, dessen gesellschaft- deten die am Adel orientierten allein prozentual, später auch in Männern bestanden (die weni-
zumindest bisher immer mehr licher Aufstieg aber noch für studentischen Traditionen die absoluten Zahlen fast in der Be- gen Damenverbindungen konn-
oder weniger bedrohlichen Welt lange Zeit an der Standesgrenze identifikationsstiftenden Inhalte deutungslosigkeit.12 Mittlerweile ten nie auch nur annähernd den
nicht unterschätzen sollte. zum Adel enden sollte. Beson- dieser Gruppe. Die Sicherung ist auch der Großteil der Alten Stellenwert ihrer männlichen
ders an manchen deutschen der Tradition schützte gleichsam Herren, die vor dem Niedergang Vorbilder erreichen14), die Auf-
Universitäten setzten die Uni- das Fortbestehen der Gruppe der Korporationen studierten, stiegschancen für Frauen ein
Das Verhältnis der sich entwi- versitätsangehörigen auch das, und half somit, den privilegier- im Ruhestand. Das vielbe- wenig zugenommen haben. Ob
ckelnden wirtschaftlichen Kon- allerdings oft in Frage gestellte, ten Status zu erhalten. schworene Netzwerk ist so zu diese Entwicklung durch den
kurrenz, die von einem erstar- Recht des Tragens von Waffen, einem großen Teil an sein Ende derzeitigen Rechtsruck in Euro-
kenden Bürgertum getragen was ansonsten nur dem Adel gelangt.13 Der Vorwurf elitärer pa und den sicher auch damit
wurde, und der Ständegesell- vorbehalten war, durch.9 Diese Bis ans Ende des 20. Jahrhun- Seilschaften, wie er auch heute im Zusammenhang stehenden
schaft, wie sie in Deutschland Privilegien, die der Ständegesell- derts gelang dies auch. Mit der noch als eines der wichtigsten Aufschwung des Verbindungs-
(wenn auch mit zunehmenden schaft abgerungen wurden, ver- Entstehung der Massenuni- Argumente den Korporationen wesens15 aufgehalten werden
Abstrichen) bis ins 20. Jahr- teidigten die Korporationen auch versitäten, die von Seiten der entgegen gehalten wird, ist da- kann, ist im Moment noch nicht
hundert hinein vorherrschend noch nach deren endgültiger Korporationen nicht nur wegen her zwar prinzipiell nicht falsch, absehbar.
war, kann die Entwicklung der Beseitigung im 20. Jahrhundert des kaum noch vorhandenen aber unter den heutigen Bedin-
im Kern bürgerlichen Korpora- und auch die Forderung nach individuellen Betreuungsverhält- gungen nicht mehr pauschal
tionen zum Teil erklären. Die akademischer Freiheit hatte nur nisses, sondern auch wegen der aufrecht zu erhalten, weil viele
vielbeschworene akademische wenig mit dem Ruf nach einer größeren Zahl an höher Gebil- Führungspositionen längst von
Freiheit bestand im Mittelalter, unabhängigen Wissenschaft zu deten kritisiert wurde11, sank Nichtkorporierten besetzt sind,
7 Geprägt wurde der Racket-Begriff vor allem von Max Horkheimer. Dieser stellt dabei die These über Racket-Strukturen die aber deswegen keineswegs
in allen Gesellschaftssystemen auf, die von der Privilegiensicherung einer Gruppe unter den Bedingungen nicht weniger Netzwerkbildung und
zureichender Ressourcen (und der entsprechenden ideologischen Rechtfertigung) geprägt sind. Nach der weltweiten Gruppenprivilegiensicherung
Entfaltung des Kapitalismus und der Entfesselung der Produktivkräfte müssten aber andere Kriterien, die nicht mehr
mit Horkheimers Blick auf die „herrschenden Klasse[n]“ korrelieren, angelegt werden, um die Partikularisierung und der Deutschen Burschenschaft 2005. S. 202.
Konkurrenz gesellschaftlicher Gruppen zu erklären. Vgl. Horkheimer, Max: Zur Soziologie der Klassenverhältnisse. In: 12 Das apabiz Berlin gab 2014 die Anzahl studierender Korporierter mit ca. 22 000 (das entspricht weniger als 1 % an der
Gesammelte Schriften, Band 12: Nachgelassene Schriften 1931-1949. S. 75-104. Hier v. a. S. 97-104. Gesamtanzahl Studierender in Deutschland) an. Siehe: apabiz e. V. : Burschenschaften und Studentenverbindungen.
8 Vgl. Boockmann, Hartmut: Wissen und Widerstand. Geschichte der deutschen Universität. Berlin 1999. S. 18ff. Eine Handreichung zu Struktur, Inhalten, Geschichte und Hintergründen. Ohne Jahresangabe. S. 2. Online
9 Zu Geschichte und Auseinandersetzungen um das studentische Tragen von Waffen in der Frühen Neuzeit siehe unter: https://www.apabiz.de/2012/burschenschaften-eine-handreichung-zu-struktur-inhalten-geschichte-und-
beispielsweise: Maisel, Thomas: Bellum latinum. Eine studentische Rebellion des frühen 16. Jahrhunderts in Wien. In: hintergruenden-2012/ [Letzter Zugriff: 25.09.2017].
Mühlberger, Kurt; Thomas Maisel: Aspekte der Bildungs und Universitätsgeschichte. 16. bis 19. Jahrhundert. Wien 1993. 13 Partiell besteht dieser Einfluss noch, ist aber dann entweder an Städte mit relativ hohem Anteil Korporierter (besonders
S. 191-231. in Süddeutschland) oder an ohnehin konservative Aufgabenfelder, wie beispielsweise in der CDU, der nach wie vor viele
10 Daher mutet es auch etwas seltsam an, wenn Peters den Verbindungen (genau genommen den Corps, die doch eher Korporierte (allerdings überwiegend aus dem beschriebenen Altersfeld, das sich kurz vor dem Ruhestand befindet),
im privaten Bereich angesiedelt sind) mit einem Brockhauszitat (!) Totalitarismus bescheinigt und anschließend besonders aus katholischen Verbindungen, angehören.
fehlende Gewaltenteilung (die bei der Größenordnung der meisten Verbindungen schon logistisch schwierig sein 14 Neben den gesellschaftlichen Bedingungen und möglicher fehlender Attraktivität des Verbindungsmodells für Frauen
dürfte) vorwirft, wo doch die propagierte Sondergewalt, die ja auf das erstarkende Bürgertum vorrepublikanischer liegt für die in Hinblick auf die Elitensozialisation bedeutungslosen Damenverbindungen ein ganz einfaches Problem
Zeit zurückgeht, das entscheidende Problem darstellte. Peters erkennt damit den sonst kritisierten Anspruch der des Zu-spät-Kommens nahe: Die Gruppe, deren Privilegien die Korporationen schützten, war längst festgefügt und
Verbindungen, die staatliche Entscheidungsgewalt partiell zu untergraben, implizit an. Vgl. Peters: Elite sein. S. rituell aufrechterhalten; die winzige Gruppe weiblicher Korporierter hatte nicht mal annähernd die Möglichkeit,
205ff. Mehr zu diesem Anspruch siehe vor allem bei: Elias, Norbert: Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und einem solch stabilen Elitennetzwerk die Position streitig zu machen. (Davon abgesehen, bestand an einer derartigen
Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt 1990, passim. Konkurrenz schon aufgrund des konservativen Hintergrunds der meisten korporierten Studentinnen durch diese kaum
11 Als Beispiel sei hier auf das Handbuch der Deutschen Burschenschaft verwiesen, wo dem Geist individueller Bildung, ein Interesse). Der Kampf der Frauen um gesellschaftliche Teilhabe musste woanders geführt werden.
wie er ansonsten bei ihresgleichen mit Verweis auf Humboldt immer wieder beschworen wird, mit den Worten, dass 15 Vgl. den Aufsatz „Zeitlose Gemeinschaft: Zum Verhältnis zwischen studentischen Verbindungen und der Neuen
„objektiv gesehen Viele mit einem praktischen Beruf besser beraten wären“ eine Absage erteilt wird. Siehe: Handbuch Rechten“ in dieser Publikation.

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ZEITLOSE GEMEINSCHAFT: Rolle, die die studentischen bisher hauptsächlich Untersu- Äußerungen und Positionierun- Demonstrationen standen in ten Neonazismus in den 2000er
Verbindungen deutschen Typs chungen, die sich den Verflech- gen aus den großen Korporati- weiten Teilen Deutschlands ein Jahren der transformierten
ZUM VERHÄLTNIS ZWISCHEN
im Prozess auf dem Weg zur tungen zwischen der organi- onsverbänden sowie personellen Vielfaches an Gegendemonst- Rechten in der Bundesrepublik
STUDENTISCHEN VERBINDUNGEN Moderne hatten, können diese sierten extremen Rechten und Verstrickungen mit der Neuen rant:innen gegenüber. Obwohl wenig entgegenzusetzen.
UND DER NEUEN RECHTEN unmöglich wieder einnehmen, der Deutschen Burschenschaft Rechten zeigen, dass die Aus- immer wieder wissenschaftliche
Von Stefan Taubner da der Aufstieg des Bürgertums, widmeten.2 Durch die gesell- gangsfragestellung dieser Unter- Studien nicht nur weiten Tei- Gerade weil in weiten Teilen der
die Entmachtung des Adels, die schaftliche Entwicklung und suchung keineswegs dem speku- len der Gesellschaft, also auch BRD der positive Bezug auf den
Seit der 68er-Bewegung spiel- Durchsetzung der kapitalisti- den zunehmenden Einfluss der lativen Bereich entstammt. der oft beschworenen „Mitte“, Nationalsozialismus zur politi-
te im Zusammenhang mit der schen Produktionsweise wie die Neuen Rechten in Deutschland, menschenfeindliche Einstellun- schen, gesellschaftlichen und
Politisierung der Studierenden Entwicklung des Nationalstaats die vor allem eine gesellschaftli- gen bescheinigten und großes auch rechtlichen Unmöglich-
auch die Kritik an studenti- als Garant dieser Ordnung che Homogenisierung jenseits I. RECHTS, KONSERVATIV ODER Potential für die Etablierung ei- keit wurde und der ideologisch
schen Verbindungen eine große weitestgehend unumkehrbar ist. politischer Machtkämpfe zum ner rechten Partei sahen6, sorgte begründete Rassismus ebenfalls
RECHTSKONSERVATIV?
Rolle. Weil man zudem wenig Nicht zuletzt deshalb erscheinen Ziel hat, ist diese vor allem das gesellschaftliche Tabu dafür, weitgehend in der Bedeutungs-
später in Deutschland auf den die Bänder, Mützen, Schläger theoretisch aktive Strömung der Eine Gesellschaft, in der „rechts“ dass sich dieses Potential kaum losigkeit verschwand, gelang es
rasant wachsenden Bedarf (Fechtwaffen) etc., die den stu- extremen Rechten in den letzten immer mehr zum Buzzword politisch entfalten konnte. Auch der Rechten zur Begründung
der Wirtschaft an Fachkräften dentischen Versuch ausdrücken, Jahren in den Fokus des wissen- und der „Kampf gegen rechts“ wenn dieser Zustand eventu- des autoritären Kollektivs „das
mit der Gründung zahlreicher zum Adel aufzuschließen, als schaftlichen Interesses gerückt. zum Ticket für gesellschaftliche ell dazu beitrug, das politische ebenso diffuse wie zeitgemä-
oft als „Massenuniversitäten“ Anachronismus. Aufbauend auf einem 2016 Teilhabe geworden ist, erschwert System in Deutschland unter ße, weil allem Universalismus
geschmähter Hochschulen erschienenen Aufsatz, der das die inhaltliche Auseinanderset- der Festigung gesellschaftlicher entgegengesetzte, Konzept einer
reagierte, waren die Verbindun- Thema anhand der spezifischen zung und macht es perspekti- Mindeststandards zu stabili-
Die Kritik an Verbindungen gemeinschaftlichen ‘Identität‘
gen nicht mehr im Stande, ihre Situation in Dresden beleuchtet3, visch für selbsterklärte Rechte sieren, half er auch, inhaltliche
reduziert sich dabei jedoch nicht als Grundlage zwischenmensch-
zumindest ansatzweise in den sollen mit diesem Beitrag nicht einfach, einen nur noch von Auseinandersetzungen zu ver-
selten auf „irgendwas mit Nazis“ lichen Handelns“7 zu beschwö-
Nachkriegsjahren wiedergewon- nur die personelle Nähe vieler symbolischen Bildern getra- meiden. In politischen Diskussi-
und stilisiert die zahlenmäßig ren. In diesen Zusammenhang
nene Stellung an den Universi- politisch aktiver Verbände und genen Begriff ins Positive zu onen setzte sich oft der übergrei-
im Verhältnis zu den anderen fällt auch der sehr traditionsrei-
täten zu halten. Von diesem Be- Verbindungen zu neurechten wenden.4 Während allerorten fende Standpunkt durch, nicht
Verbänden relativ unbedeuten- che Versuch, die politische Ein-
deutungsverlust haben sie sich Theorien, sondern vor allem die Kultursensibilität und Authen- mit Rechten zu reden, um deren
de Deutsche Burschenschaft teilung von „links“ und „rechts“,
bis heute nie wirklich erholt. strukturellen und inhaltlichen tizität gefordert wird oder auch Positionen nicht aufzuwerten.
(DB) zum Symbol des gesamten die ihre Wurzeln im französi-
Doch mit den Korporierten, die Überschneidungen des Verbin- viele Linke für die Befreiung Auf diese Weise wurde nicht
Verbindungswesens.1 Doch es schen Revolutionsparlament
zahlenmäßig völlig in der Stu- dungswesens mit den derzeit „unterdrückter Völker“ statt nur der inszenierte Tabubruch
ist schließlich der bereits an- hat, aufzuheben. Aus dieser Zeit
dierendenschaft untergingen, wieder aktueller werdenden unterdrückter Menschen auf leicht möglich, sondern konnte
gesprochene Anachronismus stammte auch die Verbindung
verschwand auch der Gegen- Sehnsüchten nach kollektiver die Straße gehen, ist man sich auch, war dieser einmal erfolgt,
rituell gelebter Traditionen aus von „rechts“ und „konservativ“,
stand der Kritik und so mögen Identität untersucht werden. in der Ablehnung jener, die die problemlos an mehrheitsfähige
dem 18. und 19. Jahrhundert, die sich mit der Durchsetzung
die überall in Deutschland Dabei werden zunächst grund- Deutschen ebenfalls für so ein Diskurse angeknüpft werden,
der studentische Verbindungen der bürgerlichen Gesellschaft
entstandenen „Burschi-Reader“ legende Begriffe sowie Entwick- durch Globalisierung, Finanz- denn inhaltlich hatte die vorma-
sowohl zum Adressaten als auch zwar völlig überlebt hat, in Pu-
(in deren Tradition auch diese lung und Wesen der Neuen kapital und „US-Imperialismus“ lige „Volksfront gegen rechts“
zum Vorbild für rechte Bestre- blikationen der Neuen Rechten
Publikation zum Teil steht), die Rechten näher beleuchtet, bevor (also zusammengefasst: fremde (Hannes Püschel) spätestens seit
bungen, besonders aus dem (z.B. Junge Freiheit, Blaue Narzis-
in sehr unterschiedlicher Quali- untersucht wird, inwieweit das Mächte)5 unterdrücktes Volk dem Niedergang des organisier-
Lager der sogenannten „Neuen se) aber gezielt aufrecht erhalten
tät über das Verbindungswesen Verbindungswesen ein Adressat halten, relativ einig. Rechten
Rechten“, die seit dem Aufstieg
aufklären, zunächst als Her- für die Ziele der Neuen Rechten
der AfD auch in Massenmedi- 4 Götz Kubitschek, einer der wichtigsten Ideologen der neurechten Szene, bewies Voraussicht und einen langen Atem.
beischreiben eines Phänomens, sein könnte oder diese bereits
en für Unruhe sorgt, macht. In Schon 2010, als die Debatte um Thilo Sarrazin noch mehr als Ausnahme denn als Ausdruck sich massiv verändernder
das kaum noch eine Rolle spielt, zum Teil verwirklicht. Schließ- Realitäten wahrgenommen wurde, bekannte der damals jenseits der universitären Rechtsextremismusforschung
der Vergangenheit entstanden
erscheinen. Die historische lich lassen sich an zahlreichen weitgehend unbekannte Kubitschek unumwunden, „rechts“ zu sein. Vgl. Serrao, Marc Felix: Der kalte Blick von rechts.
1 Bestes Beispiel hierfür ist die Berichterstattung des SPIEGEL (z. B. zum Wiener Akademikerball, http://www.spiegel.de/ Online unter: http://www.sueddeutsche.de/kultur/wir-sind-noch-im-training-der-kalte-blick-von-rechts-1.698581 [Letzter
lebenundlernen/uni/fpoe-akademikerball-rechte-geniessen-ihre-opferrolle-a-945536.html [Letzter Zugriff: 29.07.2017]), Zugriff: 30.07.2017].
in der immer wieder pauschal Studentenverbindungen zu Burschenschaften erklärt wurden. Das verstärkte zum einen, 5 Nein, mit dieser polemisch anmutenden Randbemerkung soll nicht dem Hufeisenbild der Extremismustheorie, wonach
dass Verbindungen in der Öffentlichkeit primär für Burschenschaften gehalten werden, verschleierte aber andererseits, „links“ und „rechts“ sich näher sind, als ihre so offen ausgetragene Feindschaft vermuten lässt, das Wort geredet
dass viele andere Korporationen sowohl zu Burschenschaften als auch Akteuren der Neuen Rechten ein gutes Verhältnis werden. Doch außer einer mehr oder weniger radikalen Kritik an bestehenden Verhältnissen haben große Teile der
pflegen. politischen Linken durch die Abkehr vom Universalismusgedanken und der Abwendung von einer materialistischen
2 Hier sind vor allem die Untersuchungen von Dietrich Heither zu nennen, z. B.: Heither, Dietrich: Burschenschaften. Gesellschaftskritik dem Rechtsruck höchstens noch auf der Straße etwas entgegenzusetzen.
Weltbild und Habitus eines schlagenden Männerbundes. In: Butterwegge, Christoph; Gudrun Hentges (Hrsg.): Alte 6 Die bekannteste von ihnen ist die Langzeitstudie Wilhelm Heitmeyers von der Universität Bielefeld zu
und Neue Rechte an den Hochschulen. Münster 1999. S. 92-113, und Heither, Dietrich: „In irgendeiner Form national gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Vgl. Heitmeyer, Wilhelm (Hrsg.): Deutsche Zustände. Folge 10. Frankfurt
oppositionell.“ Ansichten, Akteure und Aktivitäten in der ‚Deutschen Burschenschaft‘. In: Gessenharter, Wolfgang; 2011.
Thomas Pfeiffer (Hrsg.): Die Neue Rechte – eine Gefahr für die Demokratie? Wiesbaden 2004. S. 117-134. 7 Taubner: Sehnsucht nach dem vorpolitischen Kollektiv. S.56. Man denke vor allem an das Phänomen der Identitären
3 Taubner, Stefan: Sehnsucht nach dem „vorpolitischen“ Kollektiv. Das Verhältnis zwischen Neuer Rechter und Bewegung, die sich genau dieses Programm wörtlich auf die Fahnen schreibt.
studentischen Verbindungen am Beispiel Dresdens. In: Klose, Joachim; Walter Schmitz (Hrsg.): Freiheit, Angst und Die 68er-Bewegung stellte viele konservative Wertvorstellungen und Traditionen infrage,
Provokation. Zum gesellschaftlichen Zusammenhalt in der postdiktatorischen Gesellschaft. Dresden 2016. S. 58-82. u. a. auch das Verbindungswesen

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INFO: ers „Keine Experimente“
steht.9 Gerade die an sich INFO: Dritten Reich desillusioniert,
1942 zurück in die Schweiz,
um dort seine Studien fort-
INFO: scher Demokratie, also eines
an täglichen Sachzwängen
orientierten Systems, ein
völlige Neutralität des Eti-
BLAUE ketts „konservativ“ machte JUNGE zusetzen.10 Er begann, die ARMIN Konservativer, der bisher zur

NARZISSE es einfach, dieses beliebig


zu füllen, ist es doch kein FREIHEIT antidemokratischen und
völkischen Theoretiker aus MOHLER Rechtfertigung des Beste-
henden in der Regel mit Sta-
Geheimnis, dass immer der Zeit der Weimarer Repu- bilität und ewigen Werten ar-
schneller vonstatten gehende blik zu studieren und wurde gumentierte13, nun den Blick
gesellschaftliche Wandlungs- schließlich 1949 mit einer auf eine verloren gegangene
Zunächst als Schülerzeitschrift von Die Wochenzeitung Junge Freiheit Die Gründungsfigur der Neuen Rech-
Chemnitzer Gymnasialburschenschaf- prozesse auch Zukunftsängs- ist seit den 90er Jahren das wichtigs-
Arbeit zur „Konservativen ten in Deutschland war der erste
Vergangenheit richten muss-
tern um Felix Menzel ins Leben gerufen, te produzieren. Anders als te Medium der Neuen Rechten. 1986 Revolution 1918-1932“ bei Karl Rechte nach 1945, der den National- te – und damit wurden seine
etablierte sich die Blaue Narzisse für der subjektiv gefärbte Blick als Schülerzeitung von Dieter Stein Jaspers promoviert. Diese sozialismus als Bezugspunkt gröss- Ziele auf einmal revolutionär
einige Jahre als Einstiegsmedium der gegründet, gelang der Zeitung seit Arbeit kann als der erste tenteils ausklammerte. Stattdessen wie auch zunehmend uto-
auf Kindheit und Jugend
Neuen Rechten. Speziell auf die Gene- den 2000er Jahren ein andauernder
Versuch betrachtet werden, versuchte Mohler, der sich noch 1942
pisch, denn je länger diese
(„früher war alles besser“) ist
ration unter 30 ausgerichtet, bediente Aufwärtstrend. In den letzten Jahren als Schweizer illegal bei der Waffen-SS
die Zeitschrift jugendliche und pop-
die Utopisierung und Inst- wuchs ihr Einfluss auch zunehmend
den Nationalsozialismus von als Freiwilliger gemeldet hatte, an die
idealisierte Vergangenheit
kulturelle Themen aus einem rechten rumentalisierung von Ge- über das Lager der Neuen Rechten der Geschichte der Rechten antidemokratische Rechte vor 1933 an- zurücklag, umso mehr konn-
Blickwinkel. Für die Vernetzung und schichte Ausdruck eines klar hinaus. Seit der Gründung der AfD be- in Deutschland zu trennen.11 zuknüpfen. Seine umfangreiche Darstel- te sie mit Projektionen auf-
Nachwuchsrekrutierung in der Szene definierten politischen Pro- gleitet die Zeitschrift die Entwicklung Mit seinem Begriff der „Kon- lung der verschiedenen republikfeind- geladen werden. Damit war
spielte das auch von Götz Kubitschek der Partei umfassend und wohlwollend. lichen Strömungen als „Konservative
gramms: Wer den Freiheits- servativen Revolution“ wurde dann auch die Anschlussfä-
unterstützte Projekt bis vor wenigen Die Redaktion der Jungen Freiheit be- Revolution“ wurde zum Standardwerk
Jahren eine grosse Rolle. begriff wieder vom Individu- steht hauptsächlich aus Burschen- und
Mohler stilbildend, drückte der Neuen Rechten.
higkeit zwischen der völ-
um zur Gemeinschaft bzw. Gildenschaftern. sich doch schon in dieser For- kischen Rechten und den
wird8, obwohl die Rechten von zum Volk verschieben und mulierung der Versuch aus, Abwehrkampf war, musste Konservativen gegeben, die
heute an der BRD-Gesellschaft historisch legitimieren möchte, wahrer Bestimmung desertierte klassischen Konservatismus mit jetzt zur „Selbstreinigung“ des in der Weimarer Republik eine
wenig bewahrenswertes (con- muss zumindest in Deutschland er aus der Schweizer Armee und der rechten Krisenlösung und ganzen Volkes beschworen unheilvolle Allianz gegen die
servo = bewahren) finden. Nach viele Jahre zurückgehen. verließ die Eidgenossenschaft der Überwindung der modernen werden.12 Mohler machte klar, Demokratie bildeten.14 An genau
1949 bedeutete „konservativ“ 1941 in Richtung Deutsches Diversifizierung der Gesellschaft dass mit der Durchsetzung von diese Verbindung wollte Moh-
in der BRD aufgrund der deut- Reich, um sich dort der Waf- zu verbinden – was vorher ein Kapitalismus und parlamentari- ler unter Ausklammern ihrer
schen Geschichte, vereinfacht II. VON DER "KONSERVATIVEN fen-SS anzuschließen, was ihm 10 Vgl. Weiß, Volker: Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes. Stuttgart 2017. S. 43.
gesagt, vor allem den Erhalt REVOLUTION" ZUR "NEUEN RECHTEN" aber verwehrt wurde. Stattdes- 11 Jaspers hat die Zielstellung Mohlers bemerkt und soll in einem Brief an Mohler seiner persönlichen Distanzierung
sen begnügte er sich damit, Ausdruck verliehen haben: „Ihre Arbeit ist eine großangelegte Entnazifizierung dieser Autoren, die besticht und heute
der durch Unterstützung der
Einer der ersten, der diesen Weg in Deutschland mit Begierde gelesen werden wird. Wenn ich nicht wüsste, daß Deutschland politisch nichts mehr zu
Westalliierten etablierten Nach- in Berlin Kunstgeschichte zu sagen hat, sondern daß alles auf USA und Russland ankommt, könnte ich die Verantwortung für Ihre Dissertation
nach dem Nationalsozialismus
kriegsordnung, für den auch studieren und kehrte schließ- nicht übernehmen. Da sie so aber bloss begrenzten Unfug stiften wird, nehme ich sie an.“ Zit. nach Jaspers in: Weiß:
antrat, war Armin Mohler. Auf Die autoritäre Revolte. S. 46f. Der Begriff „Konservative Revolution“ ist übrigens eine Schöpfung Mohlers, die sich in
der berühmte Slogan Adenau- lich, nach eigenen Angaben vom
der Suche nach Aufgabe und den folgenden Jahrzehnten für die verschiedenen rechten, republikfeindlichen Strömungen in Deutschland nach Ende
8 Bis vor einigen Jahren versuchten die verschiedenen rechten Strömungen in Deutschland, besonders wenn sie keine des Ersten Weltkriegs, etablierte. Schon in diesem Begriff wird der utopische Rückgriff auf die Vergangenheit, der mit
Kontinuität zum Nationalsozialismus herstellen wollten, den Begriff „rechts“ zu vermeiden. Die Junge Freiheit gehörte der Gegenwart komplett brechen will, deutlich. Im Gegensatz zu linken Revolutionären ist das Ziel nicht eine neue
zwar nie zum Umfeld des westdeutschen BRD-Konservatismus, bezeichnet sich aber meistens als „konservativ“. Vgl. Gesellschaftsordnung, die alle Menschen vom Zwang befreien möchte, sondern eine in die Vergangenheit projizierte
auch: https://jungefreiheit.de/informationen/ueber-den-verlag/ [Letzter Zugriff: 24.02.2016]. Auch am neurechten Utopie, in der jeder seinen festen Platz hat.
Institut für Staatspolitik von Götz Kubitschek und in der Blauen Narzisse um Felix Menzel wird regelmäßig versucht, 12 Der Prozess der Moderne, das heißt der Erweiterung menschlicher Potentiale nicht zuletzt auch durch Freisetzung
die Begriffe „rechts“ und „konservativ“ mit Inhalt zu füllen. Beide Begriffe werden dabei in der Regel positiv besetzt, vormals aus wirtschaftlichen und öffentlichen Bereichen ausgegrenzter Personengruppen, der bisher eng an die
aber „rechts“ wurde als Selbstbezeichnung wegen der damit verbundenen Stigmatisierung in der bundesdeutschen Durchsetzung des Kapitalismus mit all ihren tiefgreifenden Veränderungen gekoppelt war, ist natürlich weder ein
Gesellschaft vermieden oder höchstens in Abgrenzung zu CDU und Konservativen, die nicht mehr das sind, was sie bruchloser noch ein ausschließlich revolutionärer gewesen. Oft lassen wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische
früher waren, verwendet. Beispielhaft lässt sich dieser Umgang hier demonstrieren: Zech, Maximilian: Das Leid der Entwicklungen die ihrem Zusammenhang gemäße Parallelität vermissen, bis schließlich gesellschaftliche Spannungen
Konservativen. Online unter: https://web.archive.org/web/20131208054346/http://www.blauenarzisse.de/index.php/ wieder einen Ausgleich schaffen. Auch in den Großstädten des Deutschen Kaiserreichs war der rasante Prozess
anstoss/item/4300-das-leid-der-konservativen-i [Letzter Zugriff: 25.09.2017]. Zech schreibt u. a.: „Rechts? Das war wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Modernisierung spürbar, während das politische System des Kaiserreichs für
früher einfach ein Synonym für konservativ: gemäßigt, friedlich, gesetzestreu. Die Rechten, das waren Menschen, die die meisten erklärten Konservativen noch als nationaler Kitt der Versöhnung mit dem System reichte, so dass der
eben andere politische Überzeugungen als die Linken hatten, aber darum nicht unbedingt schlechter als sie waren. Feind der Konservativen vor allem im liberalen Ausland gesehen wurde; schließlich bewies auch der Erste Weltkrieg,
Heute kommt der Ausdruck selbst denen, die er betrifft, nur noch schwer über die Lippen. Zu groß ist die Angst, mit dass man sich im Zweifel sogar auf die Sozialdemokratie verlassen konnte. Aber schon im Kaiserreich entstanden die
gewissen unverbesserlichen Subjekten in eine Schublade gesteckt zu werden. Und so weicht man lieber auf das noch völkischen und antisemitischen Bewegungen und Parteien, die in den Veränderungen und wirtschaftlichen Krisen
weniger belastete „konservativ“ aus.“ Deshalb brauchen „wir“ [also Zech und das imaginierte deutsche Volk] „eine den unsichtbaren Feind einer „jüdischen Rasse“ am Werk sahen. Mit der Niederlage im Ersten Weltkrieg und der
rechte Partei! Wir brauchen sie, damit die Konservativen im Volk endlich wieder politisch repräsentiert werden. Wir Transformation Deutschlands in eine parlamentarische Demokratie waren nun auch Konservative für solche Gedanken
brauchen sie, um den Linken zu zeigen, dass man nicht gleich ein Scheusal ist, wenn man die Welt anders sieht als empfänglich und wandelten sich zu „Revolutionären“, denn das Ideal sah man jetzt nicht mehr im Bestehenden,
sie. Wir brauchen sie, um endlich wieder das Bewusstsein dafür zu stärken, dass rechts und nationalsozialistisch zwei sondern im Vergangenen.
vollkommen unterschiedliche Dinge sind. Und dass das einzige Land auf dieser Erde, in dem man sie für identisch hält,
Deutschland ist.“ Vgl. auch hierzu Taubner: Sehnsucht nach dem vorpolitischen Kollektiv. S. 59f. 13 Vgl. Kellershohn, Helmut: Der „wahre“ Konservatismus der Jungen Freiheit. In: Ders. (Hrsg.): Die „Deutsche Stimme“
der „Jungen Freiheit“. Lesarten des völkischen Nationalismus in zentralen Publikationen der extremen Rechten. Münster
9 Vgl. ebd., S. 60. Dass die Nachkriegsordnung als bewahrenswert angenommen wurde, war selbstverständlich ein langer 2013. S. 60-134. Hier S. 72ff.
Prozess, der letztlich auch erst durch die Blockkonfrontation und die damit verbundene Anbindung an Westmächte und 14 Vgl. beispielsweise: Sontheimer, Kurt: Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik. In: Vierteljahrshefte für
NATO ermöglicht wurde. Zeitgeschichte, Nr. 5 (1957). S. 44-62.

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INFO: zur Erneuerung der politi-
schen Rechten in Deutschland
aus dem Ausland kam.
te Henning Eichberg, dessen
völkische Positionen theoretisch
zu untermauern und an die po-
Trotzdem stand die Westintegra-
tion der BRD zu dieser Zeit auch
in konservativen CDU-Kreisen
listischen Modernisierung,
die zunächst vor allem den
Zweck hatten, das ökonomi-
INFO:
ALAIN DE litische Linke anschlussfähig zu nie ernsthaft in Frage. Erst die sche Potential aller Menschen IFS - INSTITUT FÜR
BENOIST In Frankreich gelang es Alain machen. Eichberg entwarf das
bis heute einflussreiche Konzept
Wiedervereinigung und der
folgende nationale Überschwang
frei zu setzen, brachten vor
dem Hintergrund der Unzu-
STAATSPOLITIK
de Benoist, ein modernisier-
tes Konzept zur Begründung des Ethnopluralismus, das Völ- in Deutschland ermöglichten länglichkeiten einer niemals
menschlicher Ungleichheit kern quasi zeitlose und schüt- bekennenden Rechten, wieder in perfekten Gesellschaft und
zu entwickeln. Unter dem zenswerte Eigenschaften unter- die öffentliche politische Debatte vor allem dem bis heute
Benoist gilt als Mitbegründer der Nou- 2000 als neurechte Denkfabrik von
velle Droite, des französischen Pen- Eindruck jener Autoren, die stellt, weshalb sie vor fremden einzusteigen und ihr politisches unerfüllten Versprechen Götz Kubitschek, Karlheinz Weissm�
dants zur Neuen Rechten in Deutsch- Mohler als „Konservative Revo- Einflüssen geschützt werden Profil zu schärfen. Da die frühen der bürgerlichen Revolution mann und weiteren Personen aus dem
land und wird von dieser ebenfalls als
lution“ zusammenbrachte, ver- müssen. Mit diesem Konzept 90er Jahre aber mit Rechtster- („Freiheit, Gleichheit, Brü- Umfeld der Zeitschrift Junge Freiheit
bedeutender Vordenker geschätzt. Viele konnte er sowohl an den klas- rorismus in Westdeutschland derlichkeit“) auch immer die gegründet, ist das Institut Ausdruck
in Deutschland umgesetzte neurechte warf de Benoist größtenteils der veränderten Strategien der politi-
ideologischen Rassismus und sischen Rassismus anknüpfen, und Pogromstimmung in Ost- Sehnsucht nach der Rück-
Konzepte wurden erstmals von Benoist schen Rechten in Deutschland. Politi-
formuliert. Seine Positionen über den seine früheren eugenischen der ähnliches noch mit dem Blut deutschland den nationalen kehr in die vorbestimmende schen Machtkämpfen wird der Einfluss
Eigenwert von Völkern und der Absage Positionen, um eine antilibe- begründet hatte, als auch an Befreiungsschlag schnell wieder Gemeinschaft mit sich. Diese auf Diskurs und Kultur vorgezogen.
an universelle Menschenrechte nah-
rale, elitäre und homogene Teile der antiimperialistischen zunichte machten, sank auch ideale Gemeinschaft hatte es Mithilfe der Zeitschrift Sezession,
men zum Teil den in der Rechten heute Linken, die in der Ausbreitung der politische Einfluss einer ebenso wenig je gegeben wie Vernetzungsveranstaltungen und
etablierten Ethnopluralismus vorweg.
Gesellschaft zu fordern, nach- Seminaren hat sich das IfS zu einer der
dem der Verlust der Kolonien des vor allem durch die USA als nicht neonazistischen Rechten eine „Vereinigung freier Men-
Wie die meisten Vertreter der Neuen wichtigsten Institutionen der Neuen
Rechten sieht Benoist die politischen und der Algerienkrieg sowohl Schutzmacht gesicherten globa- wieder. Ein kleiner Kreis aus schen“ (Marx) im Kommunis- Rechten entwickelt und hat mit dem
Hauptgegner im Bereich von Liberalis- die französische Gesellschaft len Kapitalismus einen imperi- dem Gründungsumfeld der Jun- mus und musste erst herge- rechten AfD-Flügel auch direkten
mus und Universalismus.
als auch die französische Iden- alistischen Eroberungszug zur gen Freiheit unter Führung von stellt werden, da das verloren politischen Einfluss in Deutschland

Unterwerfung anderer Völker sa- Götz Kubitschek und Karlheinz Geglaubte nie existierte. Die gewonnen.
tität massiv erschüttert hatten.
nationalsozialistischen Folgen hen.16 Passend dazu adaptierten Weißmann begann sich auf erste große gesellschaftliche
Nicht zuletzt zeigten auch die rechten Denkens. Ebenso offen-
anknüpfen und kam so dem Be- de Benoist und Co. das Konzept Benoists Strategie der „Metapo- Bewegung in Europa, die sich
kulturellen Verschiebungen im kundig ist die Nähe zur Meta-
dürfnis nach einem Anschluss der kulturellen Hegemonie des litik“ zurückzubesinnen und die Gründung einer verloren
Zuge der 68er-Bewegung, dass physik. Die Gemeinschaft gibt
an rechte und konservative italienischen Marxisten Antonio nutzte die folgenden Jahre, in gegangenen Gemeinschaft auf
in Westeuropa ein neues auto- Bestimmung, sichert Überleben
Traditionslinien nach Ende des Gramsci und verlagerten die denen auch das berüchtigte Ins- die Fahnen schrieb, ohne des-
ritäres Kollektiv schwerlich mit über die Vergänglichkeit des
Nationalsozialismus entgegen. Strategie von politischen Macht- titut für Staatspolitik (IfS) 2000 halb pauschal die Rückkehr zu
rassistischen Positionen theore- Einzelnen hinaus, ist Subjekt
Obwohl Mohler auch in der Po- kämpfen zur „Metapolitik“ im gegründet wurde, zur Samm- Feudalismus oder Absolutismus
tisch legitimierbar war. Benoist gewordene Kultur. Kein Wun-
litik, z. B. als Berater von Franz Kampf um die Köpfe.17 lung.19 Fast alles, was in den letz- zu fordern, war die Romantik.
versuchte, das Volk als organi- der, dass die voranschreitende
Josef Strauß umtriebig war, blieb ten Jahren an Zielen, Strategien, Die „organisch“ gewachsene
sche Einheit zu beschwören, die Individualisierung bekennenden
sein Einfluss lange noch be- Die Stabilisierung der bundes- Personen und Strukturen aus Gemeinschaft, die antimoder-
über den Einzelpersonen, auch Rechten wahlweise als Ausdruck
grenzt. Die Rechte in Deutsch- republikanischen Demokratie dem Bereich dieser sogenannten ne völkische Bewegungen seit
im Bereich des Rechts, stehen des Nihilismus, der Dekadenz,
land trauerte dem unmittelbar bei anhaltender Blockkonfron- Neuen Rechten publik wurde über 200 Jahren fordern, war
sollte. Entsprechend ist alles, des Verfalls oder allen zusam-
verloren Gegangenen hinterher tation beschränkte den Einfluss und immer stärkeren Einfluss von Anfang an ein Konstrukt,
was die Volksidentität gefährdet, men gilt. Exemplarisch lässt sich
und hing noch am Nationalso- der neuen Generation rechter erlangte, hat in diesem Umfeld das die materiellen Grundlagen
als gewalttätiger Angriff zu wer- Zweck, Herstellung und Begrün-
zialismus, während der Moder- Denker jedoch größtenteils seinen Ursprung. menschlicher Vergesellschaf-
ten. Das Verschwinden von Tra- dung dieses Gemeinschaftsbilds
nisierungsprozess voranschritt auf wenige kleine Theoriezir- tung und Gemeinschaftsbildung
dition, Identität und Sprache ist an Thor von Waldsteins Text
und schließlich auch kulturell kel, obgleich es immer wieder weitgehend ignorierte. Der
mit den Worten Benoists nichts Kernelement rechten Denkens „Das falsche Wir“ zeigen, der
im Aufstand der 68er-Bewegung Versuche gab, Brücken ins Rückgriff auf die Vergangenheit,
anderes als ein Genozid.15 Die ist seit der Loslösung vom klassi- das richtige „Wir“ einer gemein-
gegen ihre Elterngeneration konservative Lager zu schla- das zu Schaffende legitimierend
Wechselwirkungen zwischen schen antirevolutionären Kon- schaftlichen Identität jenseits
gipfelte. Mit der Hypothek des gen, wie beispielsweise durch wie beschwörend, war immer
deutschen und französischen servatismus die „organische“, von Zweckrationalität fordert,
Nationalsozialismus belastet war die Zusammenarbeit mit dem ein instrumenteller wie auch
Rechten hielten indes an. In also nicht zweckmäßige, son- um wieder ein „Minimum an
es kein Wunder, dass der Impuls Studienzentrum Weikersheim.18 projektiver. Aus dieser Zielstel-
Anlehnung an Benoist versuch- dern gewachsene Gemeinschaft. Homogenität im Volk“ herzu-
15 Die universalistische „Menschenrechtsideologie“ sei demnach mit dem gewalttätigen Rassismus gleichzusetzen, da sie Die Verwerfungen der kapita- lung heraus war Geschichtspo- stellen.20 Und an dieser Hinfüh-
wie dieser das Verschwinden von Völkern zur Folge hätte. Vgl. Weber, Matthias: Prototyp der Neuen Rechten. Alain de litik seit jeher ein Schwerpunkt
Benoist und die Nouvelle Droite in Frankreich. In: Gessenharter , Wolfgang, Thomas Pfeiffer (Hrsg.): Die Neue Rechte Intelligenz bilden. Es fiel aber vor allem durch regelmäßige Kontakte und Veranstaltungen mit dem Lager der extremen
– eine Gefahr für die Demokratie? Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2004. S. 145-161. Hier S. 157. Diese Rechten auf, mit dem Ziel, letztlich auch das Profil des Konservatismus in der BRD deutlich nach rechts zu verschieben.
Gleichsetzung von Gewalt gegen das Leben von Menschen mit Veränderungen von Kultur, Identität und Sprache gehört In den letzten Jahren wurde der Kurs seit dem Amtsantritt Harald Seuberts als Präsident des Studienzentrums
bis heute zu den Kernelementen rechter Theorie, für die der Einzelne nichts ohne das zugehörige Kollektiv ist. gemäßigter. Mehr zum Studienzentrum u. a. in: Heck, Meinrad: Studienzentrum Weikersheim. Der Club der rechten
16 Vgl. ebd. Denker. In: Braun, Stephan; Daniel Hörsch: Rechte Netzwerke – eine Gefahr. Wiesbaden 2004. S. 95-101.
17 Vgl. Bednarz, Liane; Christoph Giesa: Gefährliche Bürger. Die Neue Rechte greift nach der Mitte. München 2015. S. 58f. 19 Vgl. Weiß: Die autoritäre Revolte. S. 68ff.
18 Vom ehemaligen, wegen des Bekanntwerdens seiner NS-Vergangenheit zurückgetretenen, Ministerpräsidenten Hans 20 Waldstein, Thor von: Das falsche Wir. Zuerst erschienen in Sezession Nr. 65 (2015). Online unter: https://sezession.
Filbinger ein Jahr nach dessen Rücktritt 1979 gegründet, sollte das Studienzentrum einen Gegenpool zur linksliberalen de/57062/ [Letzter Zugriff: 02.08.2017]. Waldstein bringt in seinem Essay das Fundament (neu-)rechten Denkens

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rung wird auch deutlich, warum vermögen [stehe und falle], das der Notwendigkeit einer gesell- scheidende Unterschied, dass stellen, sondern einerseits die einer entscheidenden Stütze im
immer wieder Überschneidun- überzeitlich Gültige und das, schaftlichen Elite begründet, die Neue Rechte nur theoretisch völlige Neutralität und Toleranz deutschen Zivilisationsprozess,
gen zu anderen Ewigkeit stiften- was vorübergleitende Form des deren Stellung wiederum häu- begründet, was der Nationalsozi- der Corps und vieler anderer der die Stellung eines Adels, der
den Erklärungsansätzen (z. B. Tages ist und ständiger Verän- fig als „organisch gewachsen“ alismus bis in letzte Konsequenz Verbindungsformen in weltan- nach der Reichseinigung des
Religionen) des menschlichen derung unterliegt, scharf zu oder ewig erklärt wird. In Zeiten durchexerziert hat: Die ihrer schaulichen Fragen hervorzu- Bürgertums zur Machtsicherung
Daseins möglich sind, die sich scheiden.“21 Über 50 Jahre später des Verfalls gilt dies nicht, in inneren Widersprüche beraubte, heben und zum anderen eine nach innen wie nach außen
regelmäßig gesellschaftlich und zitierte Dieter Stein, der Chef- solchen sind die Prophet:innen zum kollektiven Subjekt perfor- angeblich zeitlose Bedeutung dringend bedurfte, im Unter-
politisch manifestieren. redakteur der Jungen Freiheit, des kommenden Wandels auch mativ geeinte Gemeinschaft, die ihrer Prinzipien und Traditionen schied zu den meisten Nachbar-
in der Selbstpositionierung des die Elite von morgen – damit ihr Verdrängtes am anderen, zu postulieren. Kernaussage an staaten weitgehend unangetastet
Zusammengefasst bildet das Blattes Albrecht Erich Günther, meinen die neurechten The- den sie in Gestalt „des Juden“ eine zumindest in den letzten beließ.29 Auf diese Entwicklung
Fundament des rechten Welt- in der Weimarer Republik Mit- oretiker:innen in erster Linie fand, eliminierte. Jahrzehnten, wie die Wahlen zu geht Struktur und Auftreten
bilds die Schaffung bzw. Bewah- glied im antidemokratischen Ju- sich selbst.24 Auch wenn nach Hochschulparlamenten zeigten, der Korporationen mit Couleur,
rung einer homogenen Ge- niklub, mit den Worten: Konser- Jahren „metapolitischer“ Arbeit eher links-liberal dominierte Waffe (Schläger, Säbel, etc.),
vativ ist kein „Hängen an dem, die homogene Gemeinschaft III."IM BESTEN SINNE ZEITLOS"27 Studierendenschaft ist, dass Comment usw. zurück. Denn
meinschaft, die dem einzelnen
was gestern war, sondern […] hergestellt und machtpolitischer -STUDENTISCHE VERBINDUNGEN ALS Verbindungen kein Problem statt die Sonderrechte des Adels
Menschen Sinn gibt wie auch
ein Leben aus dem, was immer Einfluss greifbar ist, sind Rechte RESONANZRAUM DER NEUEN RECHTEN mit Linken haben („Marx!“) und abzulehnen, wie es in der ers-
ihn angesichts seiner Sterblich-
keit überdauert. Weil diese Ge- gilt.“22 Um Ewigkeitsanspruch nicht per se demokratiefeind- Den häufig dem linken Spekt- Linke daher auch keines mit ten Hälfte des 19. Jahrhunderts
meinschaft nicht mehr existiert und utopische Rückbesinnung lich. Mit dem Rückgriff auf Carl rum entstammenden Kritiker:in- Verbindungen haben sollten immerhin die Burschenschaften
(und nie existiert hat), bedienen auf die Vergangenheit zusam- Schmitt, der unter Demokratie nen des Verbindungswesens und früher auch nicht hatten taten, wollten die Studenten und
sich die verschiedenen rechten menzubringen, ist der Blick auf die Einheit von Herrschern und wird von Seiten der Korporatio- (ebenfalls „Marx!“). Diese Stra- Akademiker diese für sich selbst
Strömungen an einer idealisier- die Welt von wiederkehrenden Beherrschten verstand, sind nen mantrahaft entgegengehal- tegie funktioniert nur, wenn durchsetzen. Die Sonderrolle
ten und instrumentalisierten Zyklen des Aufschwungs, der rationale Aushandlungsprozesse ten, dass nicht nur der SPD-Mit- man das Verbindungswesen der Universitäten, die sich be-
Vergangenheit. Ein weiterer Hoch- bzw. Sattelzeit und des und Kompromisse zugunsten begründer Ferdinande Lassalle seiner historischen Rolle im reits im Mittelalter als Grenzfall
Ausdruck dieser zunächst meta- Verfalls gekennzeichnet.23 Eine gemeinschaftlichen Handelns Burschenschafter, sondern auch deutschsprachigen Raum, die zwischen Territorial- und Ab-
physisch geprägten Sehnsüchte vorbestimmte Gemeinschaft mit unnötig.25 Von hier ist es auch Wilhelm Liebknecht und so- es einst hatte, entkleidet. Die stammungsrecht in Mitteleuro-
vereinzelter Individuen ist ein festen Plätzen und Ewigkeits- nicht mehr weit zum faschisti- gar Karl Marx Corpsstudenten Korporationen entstammten pa entwickelte und gerade durch
zyklisches Weltbild der Verewi- anspruch reduziert natürlich schen oder völkischen Kollek- waren.28 Den Corps unserer dem Versuch des Bürgertums an die deutsche Kleinstaaterei von
gung. Schon Armin Mohler die individuellen Entfaltungs- tivsubjekt. Nur diesen Schuh Zeit geht es dabei nicht darum, den Universitäten, in Recht und besonderer Bedeutung war30,
formulierte 1954, dass die „kon- möglichkeiten beträchtlich. will sich in der Neuen Rechten sich in eine Traditionslinie mit Habitus zum Adel aufzuschlie- schaffte die beste Basis, um dem
servativ-revolutionäre Haltung Privilegierte Positionen werden tatsächlich kaum jemand an- Marx und dessen Anhängern zu ßen und entwickelten sich zu Adel immer wieder Privilegien
mit dem Vermögen oder Un- in diesem Zusammenhang mit ziehen.26 Darin liegt der ent- ideologieanfälligen Einzelnen der Kälte der Moderne zu entziehen und am sozialromantischen Feuer zu erwärmen,
dicht auf den Punkt, wonach nur eine Gemeinschaft mit gemeinsamer

INFO:
um ihn anschließend einer neuen, vorzugsweise »gefährlichen« Zwangskollektivierung zuzuführen. Ziel muß es
Geschichte, gemeinsamen Werten sowie gemeinsamen Zielen irgend eine vielmehr sein, überhaupt erst einmal wieder ein Bewußtsein dafür zu schaffen, daß es im Leben noch anderes und
historische Wirkmächtigkeit, die jedoch immer im Einklang mit [leicht schöneres gibt als die Befriedigung von Interessen versprengter Individuen.“ In seinem emphatischen Plädoyer für
tautologisch] ewig gültigen Gesetzen des Lebens steht, beanspruchen eine gemeinsame zeitlose Sinnstiftung übersieht Waldstein, dass die Homogenisierung zum völkischen Kollektiv nicht

21
kann.
Zit. nach Mohler in: Kellershohn: Der „wahre“ Konservatismus der CARL „erzwungen“ sein muss, im Gegenteil. Die freiwillige Faschisierung einer Gesellschaft macht diese nicht unbedingt
harmloser.

22
Jungen Freiheit. S. 76.
Zit. nach Stein, Dieter in: Leitbild der JF. In: Junge Freiheit: Der Freiheit SCHMITT 27 So z. B. das Corps Saxonia Leipzig in seinem Selbstverständnis, siehe: http://corpssaxonialeipzig.de/das-corps-
saxonia/unser-grundverstaendnis.html [Letzter Zugriff: 03.08.2017]. Ähnliches wird von vielen Corps und anderen
eine Gasse. 25 Jahre Junge Freiheit, abgedruckt in: Kellershohn: Der Verbindungen in ihrer Außendarstellung geäußert.
„wahre“ Konservatismus der Jungen Freiheit. S. 122. 28 Ein dieses Phänomen gut illustrierendes Beispiel ist die Selbstvorstellung des Corps Hellas in Wien. Mit der
23 Vgl. z. B. Kellershohn, Helmut: Zwischen Wissenschaft und Mythos. Zeitlosigkeit seiner Prinzipien argumentierend, bleibt Marx auch 180 Jahre nach seiner Studienzeit und über 130 Jahre
Einige Anmerkungen zu Armin Mohlers „Konservative Revolution“. In: Als Staatstheoretiker und Jurist ver- nach seinem Tod noch Corpsstudent: „Diese Verbindungen wollten allerdings mehr: Sie wollten im studentischen
Kauffmann, Heiko; Helmut Kellershohn, Jobst Paul (Hrsg.): Völkische schaffte Schmitt dem Dritten Reich Leben Ideale wie gegenseitige Achtung, Ehre und Anstand verwirklichen und gemeinsam die Studentenzeit genießen.
Bande. Dekadenz und Wiedergeburt – Analysen rechter Ideologie. rechtstheoretische Legitimation, verlor Dazu schufen sie einen Kanon ungeschriebener Gesetze, den Komment, der in abgewandelter Form für Corpsstudenten
Münster 2005. S. 66-89. Hier S. 72ff. aber ab 1936 deutlich an Einfluss. auch heute noch gültig ist. Corpsstudent zu sein bedeutet, in eine Gemeinschaft von bestrebten Menschen einzutreten
24 Vgl. Kellershohn, Helmut: Das Institut für Staatspolitik und das Schmitt prägte in seinem „Begriff des und wichtige Fähigkeiten für das Leben zu erwerben: Nicht nur Erfinder und Nobelpreisträger wie Gottlieb Daimler
jungkonservative Hegemonieprojekt. In: Geisler, Alexander; Stephan Politischen“ ein striktes Freund-Feind- oder Karl Ferdinand Braun, Politiker wie Otto von Bismarck oder Wilhelm Liebknecht nannten sich Corpsstudenten.
Braun, Martin Gerster (Hrsg.): Strategien der extremen Rechten. Schema als Grundlage politischer Auch Künstler wie Robert Schumann oder Jaques Offenbach und Führungskräfte der Wirtschaft gehörten und gehören
Hintergründe – Analysen – Antworten. 2., aktualisierte und erweiterte Entscheidungen. Die Einheit von Herr- dazu, Aufsichtsratschef der Allianz AG Dr. Henning Schulte-Noelle zum Beispiel. Kaum zu glauben, aber Karl Marx
Auflage. Wiesbaden: 2016. S. 439-467. Hier S. 449. ist ebenso Teil des Kreises der Corpsstudenten wie Aloys Alzheimer.“ Siehe: Corps Hellas: Was heißt eigentlich
schenden und Beherrschten war für ihn
Corpsstudent? Online unter: https://corpshellaswien.jimdo.com/wer-wir-sind-was-wir-wollen/ [Letzter Zugriff:
25 Vgl. Gessenharter, Wolfgang: Im Spannungsfeld. Intellektuelle Neue die Grundvoraussetzung wirklicher De-
03.08.2017].
Rechte und demokratische Verfassung. In: Gessenharter, Wolfgang; mokratie, die er dem pluralistischen „to-
Thomas Pfeiffer (Hrsg.): Die Neue Rechte – eine Gefahr für die talen Staat“ entgegensetzte. Besonders 29 Vgl. Elias, Norbert: Studien über die Deutschen. Machtkämpfe und Habitusentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert.
Demokratie? Wiesbaden 2004. S. 31-49. Hier S. 39f. seine Unterscheidung zwischen „kon- Frankfurt 1990. S. 82.
26 So begegnet auch Waldstein der Kritik an den neurechten kreter“ und „absoluter“ Feindschaft 30 Vgl. Boockmann, Hartmut: Wissen und Widerstand. Geschichte der deutschen Universität. Berlin 1999. S. 18ff. Siehe
Grundüberzeugungen: „Entgegen der Einfalt systemerhaltenwollender stösst bis heute bei rechten Theoreti-
Das Kapital als Teil des Verbindungserbes? - Karl Marx, der als junger Student einer Landsmannschaft angehörte
Verdächtigungsmechanismen geht es dabei nicht darum, den ker:innen auf grosse Resonanz.

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abzutrotzen, aber durch eine wurden, war die 1815 in Jena erlebten die schlagenden Verbin- Gesellschaft wurde) diese Bemü- lisierung Deutschlands einen im Kaiserreich und der Wei-
Angleichung an den adligen gegründete Urburschenschaft dungen, insbesondere die Corps, hungen. Wenig verwunderlich, Sehnsuchtsort. Militärische und marer Republik Verbindungen
Habitus und gesellschaftliche explizit der deutschen National- einen neuen Aufschwung. Sie dass es von vielen Korporierten wirtschaftliche Stärke mach- darum, die jeweils ersten in
Vorschriften die ständische Ord- bewegung verpflichtet, die trotz bildeten das Rekrutierungsmi- bis heute als „modernster Staat“ ten und machen die kollektive der Vergangenheit gewesen zu
nung nie in Frage zu stellen. ihrer antifranzösischen Ausrich- lieu für die Beamtenschicht als auf deutschem Boden bezeich- Identifikation leicht, stabile sein und übertrumpften sich
tung bürgerlichen und antifeu- staatliche Elite des Kaiserreichs, net wird – eine Einsicht, die Ver- Hierarchien garantierten den gegenseitig bei der Beschaffung
Traditionen und Inhalte des dalen Charakters war. Es gehört stabilisierten die junge Monar- treter:innen der Neuen Rechten Zusammenhalt und eine reprä- von Nachweisen irgendwelcher
Korporationswesens, insbeson- zum Ambivalenzprozess gesell- chie und sorgten gleichzeitig für gerne teilen34, schien dem Reich sentative Elite personifizierte das Bünde und Kränzchen, die eine
dere in Liedgut und Symbolik31, schaftlicher Modernisierung, den Fortbestand der ständischen doch erfolgreich der Ausgleich Reich anschaulich. Wie es für möglichst lange Tradition der
entstammten dagegen vor allem dass er einerseits die Loslösung Gesellschaft. Die Frontstellung zwischen einem wirtschaftlich historische Projektionen typisch jeweiligen Verbindung verbür-
der deutschen Romantik als Be- der Individuen aus vormals wischen Adel und Bürgertum erstarkenden Bürgertum, wel- ist, übersieht auch dieser Blick gen sollten.37 Diese überzeitliche
wegung zur Überwindung von festen Strukturen befördert verschwand, die Abgrenzung ches das deutsche Reich interna- die anwachsenden gesellschaft- Komponente kommt auch im
Aufklärung und bürgerlicher und andererseits genau hierauf zum Kleinbürgertum und zum tional konkurrenzfähig machte, lichen Verwerfungen jener Zeit. Lebensbundprinzip zum Aus-
Transformierung der Gesell- Reaktionen gemeinschaftlicher Proletariat verstärkte sich. Die und dem traditionsreichen Adel Der Aufschwung der Sozialde- druck, das aber zugleich auch
schaft in Europa. Entscheidend Subjektivierung hervorruft. Dass „satisfaktionsfähige Gesell- unter dem einigenden Band mokratie konnte nur mit staat- Elemente eines frühen Gene-
für deren Aufschwung war auch, die nationale Frage in Deutsch- schaft“ (Norbert Elias), in der des Nationalismus zu gelingen. lichen Repressionen gebremst, rationenvertrags enthält und
dass der bürgerliche Modernisie- land schließlich die demokrati- der Widerspruch zwischen Dass diese entscheidende, weil aber nicht aufgehalten werden. nicht umsonst besonders in
rungsprozess für viele Deutsche sche überlagerte, ist Ausdruck Ständestaat und modernem erstmals erfolgreiche Phase in Das verzerrte Idealbild des Kai- aufklärerischen Bünden des 18.
in Gestalt des einen Eroberungs- dieser Ambivalenzen. Im Lauf Nationalstaat am deutlichsten der Geschichte der nationalen serreichs prägte letztlich auch Jahrhunderts weit verbreitet war.
krieg führenden napoleonischen des 19. Jahrhunderts wurde eine zum Ausdruck kam, stand fak- Einigung auch für einen deut- die Korporationen entscheidend, Seiner materiellen Grundlage
Frankreichs, das sich selbst noch Vielzahl von Korporationen tisch über dem Gewaltmonopol schen Nationalcharakter (in in denen sich die gesellschaftli- weitestgehend beraubt, sollte es
die Ideale der Französischen Re- gegründet, auch viele neue, das des Staates, dessen Elite sie abgeschwächter Form sicher che Situation besonders deutlich später eine lebenslange Partiku-
volution auf die Fahnen schrieb, studentische Verbindungswesen bildete.32 Mit dem Zwang, auf auch bis heute) prägend wurde, widerspiegelte. laridentität stiften. Diese wird
über Deutschland hereinbrach. variierende Verbindungstypen Ehrverletzungen mit Duellen, ist dabei keine gewagte Vermu- dabei, ebenfalls dem neurech-
Die erste größere Reaktion auf waren darunter. Mit der Reichs- die in der Realität dem Zugriff tung.35 Da die politische Rechte Studentische Verbindungen ten, identitären Denken ähnlich,
den kapitalistischen Moderni- gründung 1871, die die nationale staatlicher Gewalt entzogen in ihrer heutigen Form ein legitimieren ihre Existenz und allein aus sich selbst heraus
sierungsprozess und den damit Frage im Sinn des Adels unter blieben, zu reagieren, wurde Phänomen der bürgerlich-kapi- ihren Status vor allem histo- legitimiert. Der Coburger Con-
einhergehenden Auflösungen preußischer Führung löste, dem adligen Selbstverständnis talistischen Transformation und risch, wie es für alle Kollektive vent erklärt zum Beispiel den
althergebrachter Bindungen „nicht allein als höchstrangie- damit eng an die nationalstaat- mit Ewigkeitsanspruch und an- Sinn des Verbindungswesens so:
verband sich so mit einem na- render Schicht, sondern auch als liche Entwicklung gebunden geblich zeitlosen Werten typisch „Beim gemeinsamen Feiern von
tionalen Abwehrkampf und der der eigentlichen Verkörperung ist, wird auch die historische ist. Damit ergibt sich schon Jung und gefühlt-Jung ergibt
äußere Feind wiederum stärkte des Staates“33 Ausdruck verlie- Legitimation der zu schaffenden strukturell ein sehr großer An- sich dann, wofür wir die ganze
den Zusammenhalt der Gruppe hen. Nachdem Akademiker und oder zu verteidigenden kollekti- knüpfungspunkt für neurechte Sache be- und vorantreiben: le-
und ein deutsches Nationalge- studentische Verbindungen ven Identität in erster Linie aus Theorien. „Tradition“ ist 150 bis benslange Freundschaft.“ Aber:
fühl. Während die ersten Corps jahrhundertelang versucht hat- der eigenen Nationalgeschichte 200 Jahre nach der Gründung „Im Gegensatz zu Trachtenver-
einen Ausgleich zwischen Stu- ten, zum Adel aufzuschließen, gezogen. Hier bildet das Kaiser- der meisten Verbindungen das einen steht bei uns die tradierte
denten und Obrigkeit anstreb- vollendete das Kaiserreich (nach- reich seit der aus der Niederlage Hauptargument dieser für ihre Garderobe aber nicht um ihrer
ten und in ihrem Versuch, die dem bereits in Preußen teilweise im Ersten Weltkrieg geborenen selbst willen im Mittelpunkt,
Studenten zu disziplinieren, von
Fahne der Urburschenschaft die bürgerliche Beamtenriege Demokratisierung und Libera-
Existenz.36 Wie alte Adelsfami-
sondern ist eher schmückendes
lien konkurrierten vor allem
den Universitäten unterstützt Teil der satisfaktionsfähigen
auch den Essay „Die Zukunft der Elite“ in diesem Reader („Ausgefuxt“, Teil 1). 34 Felix Menzel, Burschenschafter und Chefredakteur der Blauen Narzisse, bezeichnete es 2011 in einer Diskussion sogar
31 In Deutschland fielen Romantik und Nationalbewegung weitestgehend zusammen. Die Kanonisierung von als modernsten Staat der Welt. Vgl.: Referat für politische Bildung: Prof. Patzelt, die Burschenschaft Cheruscia und die
Volksliedern, Märchen etc. war Teil des romantischen Vorhabens, die bereits geeinte ideale Gemeinschaft herzustellen. Suche nach dem Platz zwischen CDU und NPD. Online unter: https://www.stura.tu-dresden.de/aktuelles/110530_prof_
Dass gerade Mitteleuropa in den Jahrhunderten zuvor immer wieder das Schlachtfeld für die meisten Machtkämpfe patzelt_die_burschenschaft_cheruscia_und_die_suche_nach_dem_platz_zwischen_cdu [Letzter Zugriff: 03.08.2017].
in Europa war, führte zu einer erheblichen Beimengung von Kriegsbegeisterung und Opferverherrlichung, wie sich 35 Vgl. auch Elias: Studien über die Deutschen. S. 71f. „Aber die Vergangenheit ist ja nie bloß die Vergangenheit. Sie wirkt
nicht nur in den „Studentenliedern“ des verbindungsstudentischen Comments zeigt. Auch der Bau von Burgen – je nach den Umständen mehr oder weniger stark – als mitbestimmender Faktor in die Gegenwart hinein […]. So ist es
und das Führen von Wappen ist Ausdruck dieser Zusammenhänge. Zur Rolle von Krieg und Gewalt im deutschen vielleicht nicht ganz unnütz, auf einige Struktureigentümlichkeiten der deutschen Entwicklung zwischen 1871 und 1918
Zivilisationsprozess vgl. auch Elias: Studien über die Deutschen. S. 68ff. und S. 149f. hinzuweisen, die für die Entwicklung des deutschen Verhaltens- und Empfindenskanons und daher auch für dessen
32 Vgl. Elias: Studien über die Deutschen. S. 89f. Wahrscheinlich hat niemand besser als Elias die Ambivalenzen Formalitäts-Informalitäts-Spanne relevant sind.“
des deutschen Zivilisationsprozesses aus einer besonderen historischen Situation heraus, die sich von denen der 36 Es ließen sich hier Unmengen an Beispielen aufführen, in denen Verbindungen sich selbst als Ausdruck „gelebte[r]
Nachbarstaaten und -völker deutlich unterschied, herausgearbeitet. Die Bereitschaft, mit dem Duell Streitigkeiten, wenn Tradition“ bezeichnen. Zur Nachweisführung mögen daher die Beispiele des Corps Teutonia Gießen (http://www.
auch in höchst formalisierter Weise, auszutragen, hat ihre Wurzeln in der Durchsetzung von Kriegerkasten, deren teutonia-giessen.de/index.php?option=com_content&view=category&id=38&layout=blog&Itemid=59 [Letzter Zugriff:
Mitglieder sich mit Stärke durchsetzten und erworbene Vorteile vererbten und damit auch ein Gemeinschaftsgefühl 05.08.2017]) und der Burschenschaft Vineta Heidlberg (http://www.vineta.org/geschichte/ [Letzter Zugriff: 05.08.2017])
begründeten. Mit einem allgemeinen Recht oder gar moderner Gewaltenteilung ist das Duell, wie auch adlige oder reichen.
universitäre Sondergerichtsbarkeit, natürlich nicht vereinbar. 37 Vgl. Kater, Michael: Studentenschaft und Rechtsradikalismus in Deutschland 1918- 1933. Eine sozialgeschichtliche Studie
33 Ebd. S. 88. zur Bildungskrise in der Weimarer Republik. Hamburg 1975. S. 25f.

Seite 40 Seite 41
Beiwerk, beim eigentlichen Zu- angebliche Beharren der meis- Bestrebungen widmet sich das umgedeutet oder gar zur Lüge
sammenfind-Grund: Feiern.“38 ten Verbände auf Neutralität, Corps nicht. Jedem Corpsange- erklärt. Die Hypothek des Nati-
Beim Feiern zeigt sich also, Toleranz und Ungebundenheit hörigen ist aber gegeben, sich auf onalsozialismus belastet nicht
dass das lebenslange Gemein- kaum erklären. Der Grundstock deutsch-völkisch-nationaler Grund- nur die deutsche Rechte bei
schaftsgefühl im Mittelpunkt an Traditionen und Werten, der lage eine eigene feste Meinung zu der Wiederherstellung einer
steht und man findet sich vor samt seiner rituellen Einübung bilden.“40 kollektiven deutschen Identität,
allem zusammen, um zu feiern. den Kern des Verbindungswe- sondern auch die studentischen
Damit die Gemeinschaft auch sens ausmacht, wird nur selten Auch wenn sich bei weitem Verbindungen, deren Verbände
gefestigt wird bzw. überhaupt und unter großem (äußeren) nicht jede Verbindung völlige wie Einzelkorporationen so-
erst entsteht, braucht es Sym- Druck zum Gegenstand interner Ungebundenheit auf ihre Fah- wohl in der Weimarer Republik
bole, Rituale und gemeinsames Debatten. Wie weit diese Aus- nen schreibt, so beziehen sich größtenteils dem völkischen
Brauchtum. Wenn jemand den klammerung gehen kann, zeigt die Floskeln von Neutralität Antisemitismus gehuldigt, als
Zirkelschluss bemerkt hat und die Situation in der Weimarer und Toleranz nur auf Dinge, auch dem Aufstieg des National-
trotzdem nach dem Grund fragt, Republik, in der bereits fast alle die nicht zu den jeweiligen sozialismus oft Vorschub und
wird selbst in wissenschaftlicher Korporationsverbände den völ- Grundpfeilern der Verbindung Höckes Rede im dresdner Brauhaus "Watzke" sorgte deutschlandweit für einen Eklat tatkräftige Unterstützung geleis-
Literatur von Seiten der Kor- kisch begründeten Ausschluss gehören. Schon das Liedgut, das wird immer durch Handeln tet haben.44 Die „erinnerungs-
um eine Verbindung für Schü-
porierten auf die Unmöglichkeit von Juden pflegten, ihre „Neut- bis heute Bestandteil des für hergestellt und niemals allein politische Wende um 180°“, die
ler:innen handelt, als bereits
einer adäquaten Beschreibung ralität“ aber mit Formulierungen sämtliche studentischen Verbin- aufgrund gemeinsamer Über- Björn Höcke in seiner Rede im
volljährige Person entscheiden,
und das reine „Erleben“ ver- wie dieser zum Ausdruck brach- dungen gültigen Allgemeinen zeugungen. An diesem Punkt Dresdner Ballhaus Watzke im
solche Traditionen lebenslang zu
wiesen.39 Die studentischen ten: Deutschen Kommersbuches treffen sich Carl Schmitt, die Januar 2017 forderte45, haben die
akzeptieren oder nicht, was im
Verbindungen sind eine ideale ist, lässt deutliche Zweifel an Identitäre Bewegung und das meisten Korporationen schon
Bereich der nationalen Identität
Vorlage für das Hauptziel der „Das Corps hat den Zweck, seine der Neutralität vieler Korporati- deutsche Korporationswesen. vor langer Zeit vollzogen. Sie
deutlich schwieriger wird.42 Aber
Neuen Rechten, der Schaffung Mitglieder in aufrichtiger Freund- onen aufkommen, auch wenn Ob Verbindung oder deutsches klammern nicht nur den Auf-
besser als die studentischen
einer vorpolitischen Identität, schaft zu verbinden und sie ohne so manche leidenschaftlich Volk – man kann sie nicht er- stieg des Nationalsozialismus
Verbindungen mit ihrem ritu-
die nicht mehr Teil gesellschaft- Beeinflussung ihrer wissenschaft- darüber diskutieren mag, ob klären, sondern nur erleben.43 häufig aus ihren sonst recht
ell nach innen wie nach außen
licher Auseinandersetzungen ist lichen, religiösen oder politischen man das Lied der Deutschen in Dort, wo die Geschichte der üppigen historischen Darstel-
getragenen Wertekanon zeigt
und somit die Grundlage einer Richtung zu charakterfesten, tat- allen drei Strophen singen sollte Gemeinschaftsidentität, die lungen aus, sondern versuchen
in der modernen Gesellschaft
Gemeinschaft bildet. Anders kräftigen, pflichttreuen Männern oder nicht.41 Immerhin kann schließlich als zeitlos gesetzt mit dem Widerstand einzelner
voranschreitender individueller
lässt sich auch das fortdauernde heranzubilden. Parteipolitischen man sich, sofern es sich nicht wird, diese in Frage stellt und Korporierter einen generellen
Emanzipation in Deutschland
38 Coburger Convent: Was ist eine Studentenverbindung? https://coburger-convent.de/willkommen/was-ist-eine- niemand die prinzipielle Per- nicht mehr integriert werden Widerstand der Verbindungen
studentenverbindung/warum-tragt-ihr-diese-komischen-baender/ und https://coburger-convent.de/willkommen/was- formativität von Identität. Diese kann, wird sie ausgeklammert, gegen den Nationalsozialismus
ist-eine-studentenverbindung/fux-bursche-alter-herr/ [Letzter Zugriff jeweils am 05.08.2017]. zu beweisen.46 Viel wichtiger ist
39 Friedhelm Golücke, neben Harald Lönnecker wohl der derzeit profilierteste Historiker aus den Reihen der Gesellschaft dieser später eintreten wird, vertraut macht, mit folgenden Worten wieder: „Und ob wir das Deutschlandlied in allen
für deutsche Studentengeschichte, in der hauptsächlich Korporierte die Geschichte der deutschen Korporationen drei Strophen singen sollten, darüber herrschen sehr, sehr unterschiedliche Meinungen.“
erforschen, brachte bereits 1990 einen Sammelband über das Verhältnis der Korporationen und ihrer Verbände zum 42 Und dennoch, oder gerade deshalb, macht es doch deutlich, dass das gemeinschaftliche Subjekt nicht zur Debatte steht,
Aufstieg der nationalsozialistischen Bewegung heraus und stellte in der Einleitung klar, dass „das atmosphärische hört man aus rechten Kreisen oft: „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen.“
Moment, […] die Emotionalität“ eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung in den Verbindungen der 20er und 43 Lutz Niethammer bringt das Paradoxon kollektiver Identität auf den Punkt: Alle „Identitätspostulate [sind]
30er Jahre gespielt habe, die nur von „zeitgenössischen Verfassern“ hinreichend erklärt werden kann. Siehe Golücke, essentialistisch und konstruktivistisch zugleich.“ In: Niethammer, Lutz: Kollektive Identität. Heimliche Quellen
Friedhelm (Hrsg.): Korporationen und Nationalsozialismus. Schernfeld 1990. S. 11. Zugespitzt: Nur wer dabei war, einer unheimlichen Konjunktur. Reinbek 2000. S. 43. Als anschauliches Beispiel mag die Erklärung des völkischen
kann sich eigentlich anmaßen, über den Nationalsozialismus zu schreiben. Ähnlich verbittet sich Robert Paschke in Gedankens durch die Deutsche Burschenschaft im Jahr 1922 dienen: „Das Volkstum hat seinen Grund in einem
seinem Studentenhistorischen Lexikon Fremdeinschätzungen zur Mensur: „Im allgemeinen sollte niemand darüber irrationalen Geheimnis, das sich aus den politischen Bereichen nicht deuten und ableiten läßt, sondern umgekehrt das
schreiben, der nicht selbst auf M. gestanden hat, denn die M. ist ein Erlebnis. Es ist sehr schwer, dieses Erlebnis klar zu politische Handeln erschaffen sollte und zu erschaffen vermag.“ Zitiert nach: Heither, Dietrich; Michael Lemling: Die
definieren.“ Siehe: Paschke, Robert: Studentenhistorisches Lexikon. Aus dem Nachlaß herausgegeben und bearbeitet studentischen Verbindungen in der Weimarer Republik und ihr Verhältnis zum Faschismus. In: Elm: Füxe, Burschen,
von Friedhelm Golücke. Köln 1999. S. 179. Und auch in der Selbstbeschreibung der lokalen Verbindungen sticht das Alte Herren. S. 110f.
unbeschreibliche Erlebnis heraus, z. B. bei den in Dresden ansässigen Abraxas-Rheinpreußen: „Abraxas-Rheinpreußen
44 Siehe auch den entsprechenden Text in dieser Publikation „Studentische Verbindungen und der Aufstieg des
ist Lebensgefühl! Man kann es nicht erzählen oder beschreiben, man muss es erleben!“ Online unter: http://www.
Nationalsozialismus“. Bereits zwölf Jahre vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten hatte der
abraxas-rheinpreussen.de/index.php?pid=wirueberuns [Letzter Zugriff: 05.08.2017].
hauptsächlich von waffenstudentischen Verbänden getragene völkische Deutsche Hochschulring die absolute Mehrheit
40 So stellte sich das Dresdner Corps Thuringia 1921 im Dresdner Studentischen Taschenbuch vor. Siehe: O. A.: Dresdner an den deutschen Hochschulparlamenten errungen.
Studentisches Taschenbuch 1921/22. Dresden 1921. S. 93. 45 Die gesamte Rede als massentaugliche Zusammenfassung rechter Versuche, eine neue deutsche Kollektividentität zu
41 Selbst in den 60er Jahren sind noch Lieder wie „Wenn Altes fiel, stand Neues auf“ von Georg Wenzig entstanden, die schaffen, findet sich online unter: http://www.tagesspiegel.de/politik/hoecke-rede-im-wortlaut-gemuetszustand-eines-
Eingang ins Allgemeine Deutsche Kommersbuch gefunden haben. Hier heißt es u. a.: „Glaubt fest: in aller Zeiten Lauf total-besiegten-volkes/19273518-all.html [Letzter Zugriff: 07.08.2017].
blieb Burschengeist erhalten. Wenn Altes fiel, stand neues auf. Die echten Werte galten. Wird Väterbrauchtum auch 46 Auch hier könnte man die Homepages unzähliger Korporationen anführen. Ein etwas herausragenderes Beispiel
verschmäht von Jugend, die es nicht versteht, aus unsren Reihen schall es: Mein Deutschland über alles!“ (Siehe: stellt der Verband der Vereine Deutscher Studenten dar. Dieser erinnert sich an die Weimarer Republik, in der die im
Vgl. Foshag, Michael (Hrsg.): Allgemeines Deutsches Kommersbuch. 165. Auflage. Kehl 2013. S.111). Die äußerst Verband korporierten Studenten „wohl sehr national, aber nie extrem“ waren. „Unter dem Einfluß von Professoren
pluralistischen Diskussionen über das Singen des Deutschlandlieds in studentischen Verbindungen erwähnt der wie Carl Schmitt forderte die damalig [sic] Generation von Aktiven die totale Demokratie.“ [!] Dass sich der Verband
Sängerschafter Karsten Hohage, der auf belletristischem Weg vor wenigen Jahren versuchte, für das Verbindungswesen in Folge des Berliner Antisemitismusstreits als explizit antisemitischer Studentenverband gegründet hatte, wird dabei
eine Lanze zu brechen. Vgl. Hohage, Karsten: Männer-WG mit Trinkzwang. Wie ich in einer Verbindung landete und verschwiegen, stattdessen ist von „Antimaterialismus“ und „Antinihilismus“ die Rede. Siehe: VVDSt: Geschichte.
warum das gar nicht so schlimm war. Berlin 2012. S. 33f. Er gibt Karl, der Hohage zuerst mit der Verbindung, in die Online unter http://vvdst.org/ [Letzter Zugriff: 07.08.2017]. Andere Korporationsverbände haben sicher nicht ganz so

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für die eigene Geschichtsschrei- leichter ideologisch ausgefüllt Ahndung von Duell und Mensur
bung das 19. Jahrhundert, dem werden kann, als ein erst his- insgesamt den größten Mitglie-
die Korporationen den größten torisch herbeigeschriebenes derzulauf in ihrer Geschichte.49
Teil ihrer Traditionen verdanken. Kollektiv, und die es bis heute Bedeuteten Mensur und Duell
Auch hierin decken sie sich mit schafft, ganze Olympiastadien im Kaiserreich den Eintritt in
der AfD, die als Schwerpunkt im zu füllen und immer wieder den die höhere (satisfaktionsfähige)
Geschichtsunterricht vor allem Anschluss wenig politisierter Gesellschaft, wenn damit auch
die Fokussierung auf das 19. Angehöriger der Mittelschicht zweifellos gesellschaftliche
Jahrhundert fordert47, war dies an die Ziele und Strukturen der Vorstellungen von Männlichkeit
doch die Zeit, in der sich ein Neuen Rechten ermöglicht48. vermittelt wurden, rückte zu-
deutsches Nationalgefühl ent- Aber erst, als die gesellschaft- nehmend eine reine, idealisierte zum Ausdruck kam, verdeutlicht zu entgehen. Entsprechend Corpsstudenten im Innenhof der Rudelsburg
scheidend konstituiert hat. liche Emanzipation und der Männlichkeit in den Mittel- dies. Noch bis heute finden viele groß war der Druck, den die
Kampf von Frauen um Teilhabe punkt.50 Dies hatten die Korpo- überregionale Verbandstreffen Korporationen intern wie extern christliche Bewusstsein verlager-
Teil der das homogene Kollektiv sichtbare Fortschritte machte, rationen auch mit den diversen verschiedener Korporationsver- ausüben konnten.52 War die te die studentischen Duelle, von
stützenden Identität ist auch das wurden die Korporationen zu jungkonservativen, bündischen, bände auf Burgen wie in Kösen Mensur zu jener Zeit das gesell- denen die Waffen nur noch als
Geschlechterverhältnis, das in wirklichen, um Abgrenzung völkischen etc. Männerbünden, (Saaleck), Weinheim (Wachen- schaftliche Erziehungsmittel der, stumpfe Symbole übrig blieben,
Korporationen zum Ausdruck bemühten Männerbünden. die in dieser Zeit stark an Ein- burg), auf der Wartburg oder der bezogen auf menschliche Eman- beispielsweise in den alkoholi-
kommt. Auch hier führt der Mit den ersten Frauen an den fluss gewannen, gemeinsam. Rudelsburg statt – sie wurden zipationsprozesse, reaktionären schen Bereich.
traditionsverhaftete Ewigkeits- Universitäten entstanden auch Die Erziehungsfunktion, die bei der Gründung der Verbände, Elite, wird sie heute vor allem als
anspruch der meisten Verbin- Die einzelnen Bestandteile des
die ersten Damenverbindun- viele studentische Verbindungen egal ob im 19. Jahrhundert oder individuelles Erziehungsmittel
dungen dazu, geschlechtliche Verbindungswesens und das
gen. Gemischte Verbindungen seit dem 19. Jahrhundert immer in der jüngeren Vergangenheit, gerechtfertigt. Die beiden größ-
Rollenbilder aus dem 19. Jahr- generelle Selbstverständnis der
existieren sogar erst seit der öfter auch mit universitärer zu deren Symbolen. Noch heute ten pflichtschlagenden Verbän-
hundert aufrecht zu erhalten. So Männerbünde als solche stehen
Krise des Verbindungswesens in Unterstützung übernahmen, steht das „Kösener und Wein- de, der Kösener und der Wein-
wie in der frühen bürgerlichen in einem Wechselverhältnis.
Folge der 68er-Bewegung. Der konzentrierte sich zunächst heimer Corpsstudententum im heimer Senioren-Covent, sehen
Gesellschaft die öffentliche Auch wenn sich die Korporier-
eigentliche Männerbund dage- vor allem auf das Männerbild Zeichen von Burgen, die weither heute in der Mensur „ein Mittel
Sphäre praktisch ausschließ- ten dem Einfluss gesellschaftli-
gen ist Ausdruck einer Identi- eines Kriegeradels. Selbst im sichtbar Orientierung geben. zur Charakterfestigung, Persön-
lich Männern vorbehalten war, cher Veränderungen nicht völlig
tätskrise, die noch deutlicher Kaiserreich, dessen Oberschicht Wie auf steilem Fels sichern lichkeitsbildung und Vertiefung
stellte sich für die studentischen entziehen können, sorgt die
wird, wenn die gesellschaftliche sich nicht als anpassungsfähig Traditionen als Veste unsere des Gemeinschaftsgefühls.“53
Verbindungen die Frage einer Verbindung doch für eine gewis-
Funktion, die die schlagenden gegenüber den gesellschaft- starken Werte im Meer des Mit dem Abstand zur höheren
etwaigen Mitgliedschaft von se Stabilität bei der Bewahrung
Verbindungen im Lauf des 19. lichen Wandlungsprozessen Zeitgeschehens.“51 Am deutlichs- Gesellschaft des Kaiserreichs
Frauen im 19. Jahrhundert nicht. konservativer Weltbilder. Noch
Jahrhunderts in Preußen und erwies, war dieses Männerbild ten kam eine solche Rückbesin- und der rechtsstaatlichen Ahn-
Geschlechterrollenbilder spielen 1998 brachte der Kösener Seni-
im Kaiserreich erlangten, plötz- bereits ein bedrohtes. Die pro- nung aber in Duell und Mensur dung von Duellen nahm also der
eine große Rolle für kollektive oren-Convents-Verband seine
lich völlig in Frage gestellt wird. jektive Rückbesinnung auf ein zum Ausdruck, die das darin männerbündische Idealismus
Identitäten, markieren doch Wertschätzung gegenüber Frau-
Bezeichnenderweise hatten die Rittertum, das in einem stan- zu Grunde liegende, vorzivili- vor allem in den schlagenden
optisch wahrnehmbare Unter- en auf die ihm eigentümliche
Verbindungen in der Weimarer desgebundenen Ehrbegriff wie satorische Recht des Stärkeren Verbindungen zu. Aber auch
schiede eine Differenz, die viel Weise deutlich zum Ausdruck:
Republik trotz strafrechtlicher auch in Wappen und Burgen formal einhegten und zum die Mehrzahl der nichtschlagen-
„‚Die Hand, die die Wiege be-
viele Gründe, ihre Geschichte zu fälschen. Die Kösener Corps traten 1932 aus dem Allgemeinen Deutschen Waffenring Bestandteil einer streng hierar- den und selbst der katholischen
wegt, bewegt die Welt!‘ sagt ein
aus Protest gegen dessen Politisierung im Sinn der Nationalsozialisten aus, die Weinheimer Corps dagegen hatten chisch gegliederten Gesellschaft Verbände verdankt den größ-
weit weniger Berührungsängste mit dem Nationalsozialismus. Dennoch versuchten Historiker aus den Reihen der altes spanisches Sprichwort aus
machten. Im Kaiserreich war die ten Teil ihres Brauchtums den
Corpsverbände immer wieder, einen spezifischen corpsstudentischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus zu dem 17. Jahrhundert. Unschwer
belegen, so z. B. Sigler, Sebastian (Hrsg.): Corpsstudenten im Widerstand gegen Hitler. Berlin 2014. Satisfaktionsfähigkeit das ent- studentischen Bemühungen,
ist zu erkennen, daß damit der
47 In ihrem Programm zur Landtagswahl 2014 forderte die sächsische AfD die Setzung eines „deutlichen Schwerpunkt[s] scheidende Merkmal der patri- zum Sonderstatus des Adels
Einfluß der Frauen auf das Welt-
auf das 19. Jahrhundert und die Befreiungskriege“ im Geschichtsunterricht. Siehe: AfD Sachsen: Wahlprogramm 2014. archal beherrschten „besseren“ aufzuschließen und der vor
S. 19. geschehen gemeint ist.“54 Mit ei-
Gesellschaft und die zentrale allem romantisch begründeten
48 Während Mario Barth im Juli 2014 mit „Männer sind schuld sagen die Frauen“ 120 000 Menschen ins Berliner nem solchen Frauenbild können
Möglichkeit, der Unterwerfung Ablehnung der Emanzipation
Olympiastadion lockte (http://www.tagesspiegel.de/berlin/zwei-tage-im-vollen-olympiastadion-mario-barth-schafft- sich auch tatsächlich, ungeachtet
neuen-weltrekord/10005036.html [Letzter Zugriff: 08.08.2017]), gingen ein Jahr später „besorgte Eltern“ zusammen unter den egalitären Rechtsstaat des Individuums. Besonders das
mit AfD-Politiker:innen und einflussreichen Persönlichkeiten der neurechten Szene gegen „Gender-Ideologie“ und 51 Schwill: Redaktionsnotiz. In: Corps Magazin, Nr. 3 (2016). S.3.
„Frühsexualisierung“ in Baden-Württemberg auf die Straße. 52 Der Lebensbund verpflichtete den Studenten gegenüber seiner Verbindung im Sinn einer Unterwerfung. Da besonders
49 Knapp 60 % der Studierenden waren 1930 korporiert. Vgl. Pöppinghege, Rainer: „Ein herrliches Sommersemester die schlagenden Verbindungen die Zugehörigkeit zur höheren, satisfaktionsfähigen Gesellschaft garantierten, besaßen
1933!“ Die Gleichschaltung der Studentenschaft in Münster. In: Westfälische Zeitschrift 145 (1995). S. 196. Online unter: sie gegenüber einzelnen Mitgliedern ein großes Druckmittel: den Ausschluss. Es kam nicht selten vor, dass Mitglieder
http://www.westfaelische-zeitschrift.lwl.org [Letzter Zugriff: 08.08.2017]. sich in großer Zahl in Duellen beweisen mussten, um einem Ausschluss zu entgehen. Ein Ausschluss oder Austritt
50 Als Grundmerkmale eines Männerbundes, die sich im Verbindungswesen in Abgrenzung zur Frauenemanzipation konnte lebenslange, ernsthafte Konsequenzen für den Betroffenen haben, besonders was seinen sozialen Status anging.
noch verstärkt hatten, nennt Helmut Blazek die freie Vereinigung, Hierarchien, Initiationsriten, (echtes oder Vgl. auch: Elias: Studien über die Deutschen. S. 134f.
angebliches) Geheimwissen, Unterordnung unter ein Kollektiv, Ausgrenzung und oft Abwertung von Frauen, elitäres 53 Siehe gemeinsamer Internetauftritt der Kösener und Weinheimer Corps: http://www.die-corps.de/fechten.0.html
Bewusstsein sowie verdrängtes homosexuelles Begehren. Siehe: Blazek, Helmut: Männerbünde. Eine Geschichte von [Letzter Zugriff: 08.08.2017].
Faszination und Macht. Berlin 1999. S. 14. 54 Zit. nach Peters, Stephan: Elite sein. Wie und für welche Gesellschaft sozialisiert eine studentische Korporation?

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ihrer erkämpften gesellschaft- Blick auf längst vergangene Zei- schriebenen Rolle verspricht, „Eine Verbindung muss kein Män- den katholischen Verbindungen explizite politische Stellungnah-
lichen Position, die meisten ten, denen Damenverbindungen ist ebenfalls mit den Forderun- nerbund sein. Es gibt auch reine vor einer allzu schnellen Hin- men, die über das Korporations-
Studentinnen in den Damenver- als Korporationen genauso ver- gen einer Eva Hermann, Ellen Frauenverbindungen und auch wendung zu den Vertreter:innen wesen hinaus gehen, sind nur
bindungen identifizieren. Als haftet sind wie ihre männlichen Kositza oder Birgit Kelle kompa- gemischte Bünde. Wir im CC sind einer neuen „Konservativen bei wenigen Verbänden an der
Frauen erstmals in deutschspra- Pendants, allerdings wesentlich tibel.56 Der enorme Aufschwung, jedoch tatsächlich nur Männer. Revolution“. Denn trotz gemein- Tagesordnung. Trotzdem wird
chigen Ländern zum Studium weniger Identifikationsmöglich- den das Damenverbindungs- Und da an Universitäten heutzu- samer Wurzeln, Rituale und politischen Stimmen als Aus-
zugelassen wurden, war das keiten bereit. Die Namen ihrer wesen in den letzten Jahren tage der Gender-Clash härter denn Strukturen hat die auch inhalt- druck persönlicher Ansichten
Verbindungswesen fast völlig in Verbindungen sind häufig an be- gemacht hat, ist wahrscheinlich je geführt wird, sind unsere Rück- lich erfolgte Differenzierung des Raum eingeräumt – oder eben
der Form ausdifferenziert, wie rühmte Frauen der Vormoderne ein Symptom der überall in zugsorte unbezahlbar. Hier gibt Verbindungswesens während einigen auch nicht. Zumindest
wir es bis heute kennen. Als Teil (z. B. Regina Maria-Josepha, Ca- Europa sichtbaren Hinwendung es kein verordnetes …Innen, keine dessen Hochphasen für recht gehören all die geäußerten
allgemeiner gesellschaftlicher rolina Wilhelmina) oder Göttin- zu starken Gruppenidentitäten, Diskussionen über geschlechts- unterschiedliche Ideale und Stimmen zum Meinungsspekt-
Emanzipationsprozesse gab es nen (wie Athena, Hilaritas oder der auch die Neue Rechte ihren neutrale Toiletten und auch keine Zielstellungen gesorgt, die auch rum in den Verbindungen und
verschiedene Möglichkeiten für Freya) angelehnt. Schon um ihre derzeitigen Einfluss verdankt. Ampelweibchen. Wir brauchen für der Distanzierung gegenüber repräsentieren diese, insoweit
die Verbindungen, auf Frauen Position in Abgrenzung zu den Trotzdem rekrutieren sich die unsere Sex-and-the-City-Abende anderen Verbindungen dien- sie in Verbandsorganen zu Wort
an den Universitäten zu reagie- übrigen, überwiegend männlich Damenverbindungen vor allem weder Sex, noch ‘ne City. Aber so ten. Trotzdem rückten seit der kommen, auch. Die Gefahr, das
ren. Aber egal, ob nun Abwehr, dominierten Verbindungen zu aus dem erweiterten Bereich wie es postmoderne Powerfrauen 68er-Bewegung die Korporatio- gesamte Verbindungswesen an
Abgrenzung oder Teilhabe die legitimieren, steht ein „damen- des klassischen männlich domi- lieben, neben Karriere und Familie nen zusammen und ziehen im dieser Stelle nicht differenziert
Folge waren – in allen Fällen war haftes“ Auftreten im Mittel- nierten Korporationsspektrums: auch noch Cocktail-Abende zu Zweifel an einem Strang.59 Über- genug zu betrachten, bleibt
das System Korporation eher punkt – und für unschickliche Die Damen sind überwiegend meistern, so lieben auch wir es, schneidungen ins neurechte La- aber bestehen. Es ist schlicht
ein Hindernis beim Aufbrechen Schimpfwörter wandern bei der Freundinnen und Ehefrauen mal unter uns zu sein, um beim ger und entsprechende offizielle unmöglich, jeden einzelnen
fester Geschlechterrollen. Es ist Dresdner Regina Maria-Josepha korporierter Studenten, die die Feierabend-Bierchen runter zu Positionierungen sollten daher Verband oder gar jede einzelne
daher wenig verwunderlich, dass 50 Cent in die Schimpfwortkas- ihnen zugeschriebene Rolle kommen. Mit Frauen wäre es nicht in größerem Umfang auch über Verbindung zu untersuchen
trotz der seit damals zahlreich se.55 Ausgerechnet die auf natür- nicht verlassen, sondern auf- das gleiche.“58 berüchtigte Verbände wie die und es darf auch nicht verleug-
entstandenen Damenverbin- lichen Geschlechtsunterschie- werten wollen. Im Gegensatz zu Deutsche Burschenschaft hinaus net werden, dass gerade das oft
Egal, ob Geschlechterrollen,
dungen der Anteil korporierter den beharrenden Verbindungen den Verbindungen der Männer nachweisbar sein. in vielen Medien gezeigte Bild
Mensur, Couleur, Liedgut oder
Studentinnen weit hinter denen demonstrieren deutlicher wie finden bei ihnen kaum poli- studentischer Verbindungen,
Regelwerk – das Verbindungswe-
ihrer männlichen Vorbilder keine andere Gruppe der west- tische Veranstaltungen statt, das diese oft alle unter dem
sen deckt sich vor allen bei der IV. DIE GEMEINSAME SEHNSUCHT NACH
zurückblieb. Bei der Übernahme lichen Welt die Performativität stattdessen spielen Kuchen, Begriff „Burschenschaften“ zu-
Schaffung bzw. Stabilisierung
von Struktur und Inhalten des von Geschlechterrollen und da- Basteln oder Charity-Aktionen DEM "VORPOLITISCHEN" KOLLEKTIV sammenfasst, auch bei einigen
fester Identitäten und deren
traditionellen Verbindungswe- mit das alte Dilemma der Rech- die Hauptrolle.57 So geprägt Die Suche nach offiziellen po- Verbindungen zu verstärkten
historischer Legitimierung mit
sens verzichteten sie auf alle ten, Identität bei gleichzeitiger können sie der höchstaktuellen litischen Positionierungen und Bemühungen, solchen Wahr-
zentralen Strategien und Zie-
Formen typisch männlicher Behauptung von Essentialität Realsatire, mit der der Cobur- personellen Überschneidungen nehmungen durchaus auch
len der Neuen Rechten. Daraus
Initiation und Sozialisation wie zu konstruieren. Das Frauen- ger Convent den Männerbund des Verbindungsspektrums selbstkritisch entgegenzutreten,
allein lässt sich nur die Vermu-
Mensur, Trinkduelle, Solda- bild der Damenverbindungen, begründet, mit Augenzwinkern mit der Neuen Rechten als Teil geführt hat.60 Doch nicht wenige
tung ableiten, dass Verbindungs-
tenlieder und das symbolische das eine Rückkehr zu festen zustimmen, man hat ja ebenfalls dieser Untersuchung ist nicht Korporationen hat ein solcher
mitglieder tendenziell anfälliger
Schlägertragen. Für eine weibli- Rollenbildern bei paralleler seine Mädelsabende: ganz unproblematisch. Zwar Reflexionsprozess an den Rand
für neurechte Theorien sind als
che Identität hält der utopische Aufwertung der Frauen zuge- sind Struktur und ein großer der Suspendierung (Einstellung
Marburg 2004. S. 181.
die durchschnittliche Bevölke-
Teil des tradierten Brauchtums des Aktivenbetriebs) geführt,
55 Vgl.: Gafke, Matthias: Jung, weiblich, korporiert. In: F.A.Z. Woche, 26.03.2017. Online unter: http://www.faz. rung. Andererseits schützt z. B.
bei nahezu allen studentischen da allein das System der stu-
net/aktuell/gesellschaft/menschen/studium-verbindungen-von-studentinnen-sind-auf-dem-vormarsch-14939735. das universalistische Selbstver-
html?GEPC=s6&utm_medium=Social&utm_source=Facebook&utm_campaign=SF [Letzter Zugriff: 08.08.2017]. „Wer Verbindungen sehr ähnlich, aber dentischen Verbindung für eine
ständnis des Katholizismus in
sich ihnen anschließen möchte, muss allerdings das Damenhaftigkeitsprinzip achten. Dazu, sagt Jennifer, gehöre durch Ideale wie individuelles
eine bedachte Wortwahl. Wer Wörter wie „Scheiße“ oder „geil“ in den Mund nimmt, muss in die Schimpfkasse – ein 58 Coburger Convent: Warum seid ihr alles Männerbünde? Online unter: https://coburger-convent.de/willkommen/was-
Schweinchen – 50 Cent einzahlen. Außerdem wird Wert auf ein stimmiges Erscheinungsbild gelegt. Darunter verstehen ist-eine-studentenverbindung/warum-seid-ihr-alles-nur-maennerbuende/ [Letzter Zugriff: 08.08.2017].
Jennifer und Friederike ein einheitliches Auftreten. Minirock und bauchfrei seien tabu.“ 59 Bestes Beispiel ist das in Dresden für mehrere Jahre sehr aktiv gewesene Netzwerk Gesellschaft zur Förderung
56 Die Forderungen nach Abschaffung politischer Maßnahmen zur Bekämpfung geschlechterbezogener Ungleichheiten Studentischer Kultur (GFSK), das von gemischtgeschlechtlichen, unpolitischen Bünden bis zur offen rechten
in der Gesellschaft und die eher polemische Auseinandersetzung mit der in den letzten Jahren an den Universitäten Burschenschaft zahlreiche verschiedene Verbindungen ohne Berührungsängste zusammenbrachte und sich gegenseitig
etablierten Geschlechterforschung brachte regelmäßige (Schein-)Skandale im publizistischen Bereich mit sich. Bei bei der Förderung des Verbindungswesens in Dresden unterstützte. So wurden eine gemeinsame Ringvorlesung
Eva Hermann („Das Eva-Prinzip“) und Birgit Kelle („Dann mach doch die Bluse zu“) führte der Kampf für traditionelle an der TU Dresden sowie Fachtagungen organisiert, als auch jährlich gemeinsam ein „Akademiker-Ball“, der sich
Geschlechterrollenbilder schnell zu neurechten Kreisen: Eva Hermann landete beim Kopp-Verlag, Birgit Kelle bekam vergleichbare Veranstaltungen in Graz, Wien und München zum Vorbild nahm, durchgeführt. Siehe: Ausgefuxt, Teil 2:
den Gerhard-Löwenthal-Preis der Jungen Freiheit. Ellen Kositza dagegen war schon immer in diesem Spektrum Zusammenhalt in Dresden: Die Dresdner Verbindungen und die Gesellschaft zur Förderung Studentischer Kultur.
unterwegs und beobachtet vor allem als neurechte Frau und Mutter in der Zeitschrift Sezession diese Prozesse, die sie 60 Der Lassalle-Kreis korporierter SPD-Mitglieder ist ein gutes Beispiel dafür. Er versucht, den schwierigen Spagat
mit regelmäßigen feuilletonistischen Artikeln kommentiert. zwischen der konservativen Vergesellschaftung in den studentischen Verbindungen und einer ansonsten linksliberal
57 Da es bis jetzt keinen Dachverband von Damenverbindungen in Deutschland gibt, müssen auch hier vor allem geprägten Parteijugend zu bewerkstelligen und hofft weiterhin auf inhaltliche wie taktische Unterstützung für dieses
Einzelbeispiele zur Belegführung dienen, die sich jedoch schnell zu einem Bild summieren und verdichten. Unterfangen: „Wie sehen Sie den Lassalle-Kreis innerhalb der Jusos, wie könnte eine Zusammenarbeit zwischen Jusos
Stellvertretend sei hier noch mal auf Matthias Gafkes Artikel über die Dresdner Damenverbindung Regina Maria- und Lassalle-Kreis aussehen? Diskutieren Sie mit!“ Online unter: http://www.lassalle-kreis.de/content/kooperation-mit-
Josepha in der F.A.Z. Woche hingewiesen. Siehe: Gafke: Jung, weiblich, korporiert. den-jusos [Letzter Zugriff: 09.09.2017].

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Glück und Selbstverwirklichung
geprägte junge Generation
wenig attraktiv scheint. Es sind
Grundverständnis führte 2011
zum Skandal, als eine Burschen-
schaft die Probe aufs Exempel
voranschreitende Akzeptanz
in immer größeren Teilen der
Gesellschaft. Die Zeit wird noch
Für die Corps fordert Bernhard
Baxhenrich den Verzicht auf
„aktiv gefördert[en]“ Gewalt
„linksradikaler Gruppen“
schreibt, zeigt klar, warum er
INFO:
Toleranz und demonstrative

SEZESSION
daher vor allem wertkonservati- startete und den Ausschluss zeigen, wohin sich die nach Weltoffenheit. Die strikte Neu- sich so gegen Konkretisierun-
ve und offen rechts orientierte eines Bundes forderte, der den Skandalen der letzten Jahre tralität der Corps erlaube auch gen im Neutralitätsverständ-
Verbindungen, die in den letz- ein Mitglied mit chinesischen abgespaltenen Burschenschaf- keine Distanzierung von der nis der Corps sträubt.66 Und
ten Jahren Mitgliederzuwächse Eltern aufgenommen hatte. ten, die sich im neuen Verband Deutschen Burschenschaft, wie so manche:r identitäre
verbuchen konnten, wie das Einige Burschenschafter wur- Allgemeine Deutsche Burschen- denn damit würde man nur die Rechte mit Neid auf die star-
Beispiel Dresdens zeigt.61 Von den NPD-Funktionäre, die AfD schaft zusammengeschlossen Feinde des Verbindungswesens ke Identität gläubiger Musli-
Die Sezession ist eine vom neurechten
den zahlreichen gemeinsamen rekrutiert sogar einen großen haben, entwickeln. In seinen stärken.65 Diesen Neutralitäts- me schaut, stellt Philipp W. Institut für Staatspolitik (IfS) heraus-
Versuchen, das Ansehen studen- Teil ihres Personals im Umfeld politischen Aussagen ist dieser begriff dehnt Baxhenrich soweit Fabry für die Corps in einer gegebene Zeitschrift, die sechs Mal pro
tischer Verbindungen wieder zu der Deutschen Burschenschaft. neue Verband zurückhaltender aus, dass man schon wegen der Glosse ganz generell fest, Jahr erscheint. Laut Selbstdarstellung
verbessern, konnten die liberale- In den Redaktionen neurechter als die Deutsche Burschen- dass „[d]er Moslem, der nach ist sie die „bedeutendste rechtsintellek-
langen Geschichte der Corps
tuelle Zeitschrift in Deutschland“ und
ren Verbindungen nicht profitie- Medien wie der Jungen Freiheit, schaft, aber längst nicht um kein Bekenntnis zum Grund- Deutschland kommt, […]
prägt vor allem die Debatten innerhalb
ren und sie spielen wieder eine der Sezession oder der Blauen Abgrenzung zur Neuen Rechten gesetz verlangen dürfe und schon ein Grundgesetz [hat], der politischen Rechten. Mit Autoren
zunehmend geringere Rolle. Bei Narzisse sind Burschenschafter bemüht.64 Aber für neurechte begründet dies vor allem mit seinen Koran.“67 Der bedau- wie Götz Kubitschek, Martin Licht-
den konfessionellen Verbänden ebenfalls zahlreich vertreten.62 Denkmuster, so die These dieser der zeitlosen Idee des Corps- ernde Blick auf Deutschland mesz, Felix Menzel, Martin Sellner und

dagegen sorgt die Religion einer- Der Rechtsruck der letzten Untersuchung, sind die meisten studententums, die über allen dagegen konstatiert: „‘Leute‘, Akif Pirinçci bedient die Zeitschrift
sowohl ein unterschiedliches Niveau
seits für eine gewisse Stabilität Jahre in Deutschland und Eu- Korporationen allein aus ihren politischen Systemen und gesell- so sagte man früher, ‚machen
als auch verschiedene Strömungen der
gegenüber eventuellen vorüber- ropa sorgte bei der Deutschen Werten und ihrer Organisations- schaftlichen Veränderungen der noch kein Volk.‘“68 Neuen Rechten.
gehenden politischen Erschei- Burschenschaft trotz medialen form heraus empfänglich. Man letzten 200 Jahre stünde, so als
nungen, andererseits kann eine Dauerbeschusses für ein wach- muss also nicht erst in die Bur- wäre das System der Corps nicht Unverblümter geht es beim
starke religiöse Identität durch- sendes Selbstbewusstsein. Bei schenschaftlichen Blätter schauen, Ausdruck bestimmter politischer Coburger Convent zu.
aus anfällig für Instrumentali- den Pegida-Demonstrationen in um das typische Lamento über Der berichtet in seinem tern natürlich in Gestalt des
und gesellschaftlicher Bedin-
sierungen der Neuen Rechten, Dresden waren regelmäßig die Dekadenz und Werteverfall mit Verbandsorgan beispielsweise „nicht-linken Internetportals
gungen, die zur Zeit seiner
wie z. B. den Abendlandmythos, Fahnen der Urburschenschaft in Vergangenheitsprojektionen, von der unter dem Motto „Der blauenarzisse.de (Zielgruppe:
Entstehung vorherrschten. Dass
machen. großer Anzahl zu sehen.63 Dort, Identitätssehnsucht und der Freiheit eine Gasse“ stattfin- Schüler und Studenten)“ gleich
Baxhenrich zur Abrundung des
wo die Burschenschaften regi- Beschwörung ewiger Werte zu denden Greifensteintagung mit angeboten. 69 Und bereits
Bildes über seine Teilnahme am
Was Burschenschaften, ins- onal auch Einfluss auf andere finden. Dafür reicht auch schon 2008, wo Christoph Rothämel, fünf Jahre vor der sogenann-
von der FPÖ organisierten Wie-
besondere den Dachverband Verbindungen nehmen konn- ein Blick in Corps Aktuell, die Autor der Blauen Narzisse, ein ten Flüchtlingskrise ging beim
ner Akademikerball sowie der
der Deutschen Burschenschaft ten, z. B. durch interkorporative CC-Blätter des Coburger Con- „Plädoyer für die Freiheit“ hielt Coburger Convent außerdem die
„von politischer Seite“ angeblich
und seine Mitgliedsbünde, Vereinigungen wie der Dresdner vents, die Akademischen Blätter und mit nahezu allen studen- Angst davor um, „daß der deut-
angeht, sind die demonstrativ
neurechte Ausrichtung sowie
bisweilen sogar Verknüpfungen
Gesellschaft zur Förderung Stu-
dentischer Kultur (GFSK), sor-
des VVDSt (Verband der Vereine
Deutscher Studenten) oder in
INFO: tischen hochschulpolitischen
Akteur:innen inklusive RCDS
sche Staat – bedingt durch die
Zerstörung seiner ethnischen
und religiösen Homogenität –
gen sie auch für die Verbreitung Academia des katholischen Car- abrechnete. Eine Alternative
bis ins neonazistische Lager
kein Geheimnis. Ihr völkisches
neurechter Theorien und deren tellverbands.

61 So ist beispielsweise die einzige gemischtgeschlechtliche Verbindung in Dresden, die AMV Arion, aus deren Reihen
PEGIDA 2017 wurde den anwesenden Tur-
ner- und Landsmannschaf-
65
auf dem besten Weg ist, sich
selbst systematisch zu entmach-
Vgl. Dr. Baxhenrich: Dauer im Wechsel. Bedingung und Gefährdung
auch einige SPD-Mitglieder entstammten, ebenfalls die einzige örtliche Verbindung, die ihre Verbindungsgeschichte der corpsstudentischen Idee. In: Corps Magazin, Nr.3 (2016). S. 27ff.
vor 1945 nicht geschönt hatte. Im Gegensatz zu den besonders florierenden Burschenschaften, dem örtlichen Verein Hier S. 27f. Sein Zwischenfazit: „Letztlich würden Toleranz und
Deutscher Studenten sowie den pflichtschlagenden Corps konnte diese Verbindung seit Jahren keinen Aktivenbetrieb Weltoffenheit als Verbandsprinzipien zur Auflösung der maßgeblichen
mehr aufrecht erhalten. Die Corps und der Coburger Convent berichten dagegen deutschlandweit von so vielen Die fremdenfeindliche Bewegung aus Grundlage des Corpsstudententums führen, weil sie keine immanenten
Neuzugängen wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Vgl.: Junge, Alexander: Tradition und Wert. In: Corps Magazin, Nr. 3 Dresden sorgte international in den Beschränkungen gegenüber der mit diesen Begriffen verbundenen
(2016). S. 11. Medien für Furore und war Ansporn Beliebigkeit beinhalten.“
62 Vgl. Taubner: Sehnsucht nach dem „vorpolitischen“ Kollektiv. S. 70ff. und S. 75. Bei der Blauen Narzisse gehört sogar für sehr viele, grösstenteils erfolg- 66 Ebd. S. 28f. Der Wiener Akademikerball, der jedes Jahr als internationa-
nahezu die gesamte Redaktion der Deutschen Burschenschaft an. Vgl. auch: Speit, Andreas: Bürgerliche Scharfmacher. lose Nachahmungsversuche in ganz les Treffen der europäischen Rechten Schlagzeilen macht, wird übrigens
Deutschlands neue rechte Mitte. Bonn 2017. S. 84ff. Deutschland. Auch nach drei Jahren auch regelmäßig im Verbandsorgan der Kösener und Weinheimer Corps
63 So schrieb z. B. die Dresdner Burschenschaft Salamandria am 22.1.2015 auf ihrer Facebook-Seite: „Die Fahne der Ur- Dauerdemonstrieren ist die von Lutz mit einer ganzseitigen Anzeige beworben. Siehe z. B.: Corps Magazin,
Burschenschaft weht auf den zahlreichen #PEGIDA-Demonstrationen in Dresden und anderswo!“. Screenshot liegt vor. Bachmann gegründete Bewegung nach Nr. 4 (2016). S. 19.
64 In der bisher ersten und einzigen Ausgabe der Verbandszeitung Der Burschenschafter wird z. B. das im Kopp-Verlag wie vor aktiv und hat enge Kontakte 67 Fabry, Philipp W.: (Un)Zeitgemäße Betrachtungen: Ein Migrant mehr.
erschienene Buch zur Migration nach Deutschland „Geplanter Untergang“ des AfD-Politikers Ralf Nienaber positiv zu zahlreichen Personen und Orga- In: Corps Magazin. Nr. 4 (2015). S. 27.
rezensiert. Vgl. Der Burschenschafter, Nr. 1 (2017), S. 56. Auf dem ersten Symposium des Verbands sprach außerdem nisationen der Neuen und extremen 68 Ebd.
Vera Lengsfeld über „Haben wir noch Meinungsfreiheit?“ und kritisierte dabei alle Formen angeblicher Political Rechten. Die regelmässigen Teil- 69 CC-Blätter, Nr. 4 (2008). S. 6ff. „Der Freiheit eine Gasse“ ist ein Theodor
Correctness. Die ehemalige DDR-Bürgerrechtlerin beschritt schon länger den Weg nach rechts. Zusammen mit Beatrix nehmer:innenzahlen kommen aber mit Körner zugeschriebenes Zitat aus der Zeit der Kriege gegen Napoleon.
von Storch war sie im Vorstand des konservativen Bürgerkonvents und schreibt heute u. a. für eigentümlich frei, ein 1 000 bis 1 500 nicht mehr an die bis zu Heute wird es vor allem von verschiedenen rechten Gruppierungen,
Magazin, dass inhaltlich versucht, Schnittmengen zwischen Neuer Rechter und (National-) Liberalen auszuloten. Vgl. 25 000 Demonstrant:innen zwischen wie beispielsweise von der Jungen Freiheit oder der NPD als Motto für
ebd. S. 14f. 2014 und 2016 heran. Kampagnen oder Demonstrationen verwendet.

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ten,“70 so Andreas Hochwim- Vor allem in den katholischen Organisationen und Institutio- Medien hatten schon einige Jah-
mer in seiner Besprechung Verbänden haben die Entwick- nen wie Menschrechtsgruppen re vorher begonnen, ihr bisheri-
des passenderweise im rechten lungen der letzten Jahre in [sic] und ‚private[n]‘ Stiftungen“, ges Nischendasein zu verlassen.
Ares-Verlag erschienenen Bu- Deutschland zu Veränderungen um dann ganz klassisch nach Sie bilden genauso wie der deut-
ches „Migrantengewalt“ seines in Positionen und Außendar- dem Muster der „verfolgenden liche Mitgliederzuwachs in den
Verbandsbruders Stefan Hug. stellung geführt, der Umgang Unschuld“ (Horkheimer/Ador- Korporationen eine reale gesell-
Ein Musterbeispiel neurechter mit Geflüchteten als auch mit no) Gewalt und Vernichtung schaftliche Entwicklung ab, die
Vergangenheitsprojektionen der AfD wird dabei regelmäßig anzudrohen: „Wir stehen vor früher oder später auch in den
liefert in den CC-Blättern au- diskutiert. Dass im Cartellver- gewaltigen Veränderungen. Die angefeindeten „Mainstream-Me-
ßerdem Frank Grobe bei seinen band (CV), dem mit Abstand Indoktrination wird anschwel- dien“ ankommen dürfte. Noch
Betrachtungen zum Film „Die mitgliederstärksten konfes- len, demnächst unterstützt von sind es aber vor allem neurechte
Feuerzangenbowle“, der be- Linker Protest gegen den Wiener Akademikerball sionellen Verband, mit dem „antidiskriminierenden“ juristi- Medien und die AfD, die um
sonders in Verbindungskreisen der Jungen Freiheit von der christlichen Selbstverständnis schen und polizeilichen Zwangs- Leser:innen, Wähler:innen und
sehr beliebt ist. Grobe stilisiert Dass der Coburger Convent Leipziger Buchmesse 2006.73 maßnahmen. Sollte sich den- vor allem Unterstützer:innen
für Flüchtlingshilfe plädiert wird
das Kaiserreich mit seinem ebenfalls für den Wiener Aka- Ebenfalls in den Akademischen noch Widerstand regen, drohen im Verbindungsmilieu werben.
und auch einige zugehörige
„freiheitlich-bürgerliche[n] demikerball wirbt und die dort Blättern wurde dem Verbands- Kämpfe, die ebenfalls gewaltige Gerade in Ostdeutschland, wo
Verbindungen sich regional in
Korporationsstudententum“ teilnehmenden Verbandsbrüder bruder Thomas Paulwitz zum Veränderungen mit sich bringen studentische Verbindungen
der Flüchtlingshilfe engagieren,
zum Sehnsuchtsort des heutigen von irgendwelchen extremen Erhalt des von der Jungen Freiheit werden.“78 Von einer Redakti- durch das Verbot in der DDR
stößt jedoch manchem Kartell-
Korporierten: Rechten nichts mitbekommen verliehenen Gerhard-Löwent- on, die einen solchen Text, der auch unter Rechten eine eher
bruder sauer auf.76 Denn allzu
haben wollen72, wird bei solchen hal-Preises gratuliert. Obwohl problemlos in Jürgen Elsässers ablehnende Haltung auslösten,
lange ist es auch noch nicht her,
Positionen eher zur Randnotiz. Paulwitz auch regelmäßig für Compact hätte erscheinen kön- weil sie im Verdacht standen,
„Denn die Späße der Schüler dass beispielsweise ein Andreas
gegen ihre Dozenten waren nicht die Junge Freiheit schrieb, wurde Lombard in der Academia zum nen, durchgehen ließ, kann man irgendwie elitär zu sein, sind
brutal und gewalttätig, sondern Der Verband der Vereine Deut- die Zeitung mit keinem Wort Rundumschlag gegen „politische also auch trotz Flüchtlingshilfe nicht alle Leser:innen der Jungen
wurden mit Witz und Verstand scher Studenten (VVDSt) be- erwähnt74 – der Spagat zwischen Korrektheit“, „Gender Mainstre- und Distanzierungen gegenüber Freiheit, die selbst ihre Wurzeln
ausgeführt. Lehrer waren noch in mühte sich dagegen in den der Akzeptanz neurechter Positi- aming“, gegen den „kulturellen Pegida einiges erwarten. Bei ausschließlich im Umfeld der
der Lage, ihre Schüler auf Beruf letzten Jahren um ein professio- onen und politischer Neutralität und moralischen Ruin“ Euro- nahezu allen größeren Korpora- Deutschen Burschenschaft und
und Studium gut vorzubereiten nelles Auftreten. Seitdem Chris- scheiterte hier nur für Insider. pas, gegen „Gayropa“ (dessen tionsverbänden lässt sich prob- der Deutschen Gildenschaft
und wurden nicht mit wissen- tian Roth Chefredakteur ist, sind Gelegentlich vergaß die Redak- einzigen Widersacher Russland lemlos eine offene rechte Flanke hat79, Verbindungsfreund:innen.
schaftlich zweifelhaften Pisa- und nur noch ausgewählte Beiträge tion aber ihre politische Zu- darstelle) und konkretisierend nachweisen. Die Identität, die Burschenschafter Michael Pau-
Gender-Studien überhäuft. Auch öffentlich zugänglich, die sich rückhaltung. Mit Bezug auf die gegen „Conchita Wurst“, die eine studentische Verbindung lwitz stellt daher für sein Pub-
an Mord- [sic] und Totschlag – gleichermaßen um Abgrenzung Sarrazin-Debatte ermöglichte sie „den Wahnsinn komplett“ stiftet, macht die Verbindungen likum klar, welche Bedeutung
wie es heute an der Tagesordnung nach rechts und links bemühen. den Abdruck einer Meinung, in mache, ausholen konnte.77 Mit und ihre Mitglieder besonders studentische Verbindungen in
ist – war noch nicht zu denken. Während allerdings der Ver- der vom „Genosuizid“ des deut- den Worten des sich von al- empfänglich für den Diskurs der Deutschland heute haben:
Zudem waren die Straßen vom bandsbruder Peer Lars Döhnert schen Volkes gesprochen75 und lerlei Verschwörung bedroht Neuen Rechten.
Müll befreit und das Eigentum zugleich Chefredakteur der damit das Verschwinden oder wissenden und sich zum Opfer Im gleichgeschalteten Bildungsbe-
anderer wurde geachtet. […] Und Akademischen Blätter als auch der Wandel kollektiver Identität stilisierenden Rebellen wittert er Seit dem Austritt Bernd Luckes trieb der linksgedrehten Antifa-Re-
die Sprachvielfalt wurde durch die Vertriebsleiter der Jungen Freiheit mit dem Tod und Massenmord die „anonym[en]“ und „wahren hat sich die AfD als parlamenta- publik sind die Verbindungshäuser,
deutschen Dialekte bestimmt.“71 war, unterstützte das VVDSt-Ver- von Menschen gleichgesetzt Taktgeber“ dieser apokalypti- rischer Arm der Neuen Rechten bei allen berechtigten Einwänden,
bandsorgan beispielsweise die wurde. schen Zustände in „informel- etabliert und dem Institut für noch immer ein wesentlicher Ort,
Petition gegen den Ausschluss le[n] Zusammenkünfte[n]“, Staatspolitik ungeahnte Medi- an dem angehende Akademiker
70 CC-Blätter , Nr. 2 (2010). S. 43. „Migrantengewalt“ (oder „Ausländergewalt“, von der Burschenschafter und Blaue „konzertierten Geheimdienst- enpräsenz beschert. Die Junge nonkonformes Denken und Han-
Narzisse-Gründer Felix Menzel spricht, schreibt und referiert) ist ein nicht nur ethnisierendes, sondern extrem aktionen“, „suprastaatlichen Freiheit und andere neurechte
verallgemeinerndes Schlagwort, das in rechten Dunstkreisen zwar oft beschwört wird, aber es allen gesellschaftlichen
Veränderungen der letzten Jahre zum Trotz noch nicht in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft hat. 76 Schon vor dem Höhepunkt der „Flüchtlingskrise“ wirft Robert Boris Gaentzsch dem „eher unwichtige[n]
71 Grobe, Frank: Die Feuerzangenbowle. Ein Filmereignis von 1944 – Uraufführung in den Berliner UFA-Palästen. In: Verbandsorgan“ „Mainstream-Propaganda“ und „verschwurbelte[s] Merkel-Deutsch zu Toleranz“ vor, was zumindest
CC-Blätter, Nr. 2 (2014). S. 26f. Besser lässt sich das rechte Wahngebilde, das mit uralten Topoi wie „Früher war alles ein Indiz für die Wahrnehmung des Verbandsorgans in den einzelnen Mitgliedsbünden vor Ort sein könnte. Siehe:
besser!“ operiert und gegen jede wissenschaftliche Evidenz resistent ist, nicht auf den Punkt bringen. Gaentzsch, Robert Boris: Mainstream-Propaganda. Leserbrief. In: Academia, Nr. 2 (2015). S. 60.
72 Vgl. Mueller, Eckart: Wien und der Akademikerball 2014. In: CC-Blätter, Nr. 1 (2014). S. 31. 77 Lombard, Andreas: Seelisches Fracking. In: Academia, Nr. 3 (2014). S. 7. Lombard hält sich selbst übrigens für irgendwie
73 Vgl. http://jungefreiheit.de/service/archiv/?www.jf-archiv.de/archiv06/200607021037.htm [Letzter Zugriff: 27.8.2014]. liberal (und beklagt im Rahmen seiner Kolumne auch tatsächlich den „Untergang des Liberalismus in Europa“) und
Zum Thema Pressefreiheit hat Döhnert auch schon zahlreiche Vorträge, u. a. bei der Dresdner Burschenschaft veröffentlicht auch u. a. (wie auch beispielsweise Vera Lengsfeld) auf freiewelt.net und in der Zeitschrift eigentümlich
Cheruscia, gehalten. frei. Letztgenannte hat nach diversen anarchokapitalistischen Ausflügen schon vor längerer Zeit den Gang nach rechts
74 Vgl. https://web.archive.org/web/20100107234617/http://www.vvdst.org/aktuell/66-gerhard-loewenthal-preis-2006-an- angetreten und bietet zahlreichen Autoren aus dem neurechten Spektrum wie Felix Menzel und Martin Lichtmesz ein
vdster.html [Letzter Zugriff: 25.09.2017]. Forum.
75 https://web.archive.org/web/20120415162148/http://akademische-blaetter.de/meinung/leser-schreiben/der-fall-sarrazin- 78 Ebd.
und-der-deutsche-genosuizid [Letzter Zugriff: 25.09.2017]. 79 Vgl. Teidelbaum, Lucius: 30 Jahre „Junge Freiheit“ – 30 Jahre Deutschnationalismus im Zeitungsformat. Online unter:
http://www.hagalil.com/2016/09/junge-freiheit/ [Letzter Zugriff: 30.07.2017].

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deln in Verantwortung für eine Stammtisch mit Burschenschaf- Hans-Thomas Tillschneider wird auch entsprechend politisch Vor- Führung beim gemeinsamen geworden. Diese Entwicklung
übergeordnete Gemeinschaft erfah- ter und Blaue Narzisse-Redakteur klar, dass für weite Teile der AfD geprägte anziehen. „[A]uf Feten Trinken und Diskussionsveran- ist aber keine unabänderliche
ren und erlernen können.80 Dirk Taphorn mit den Worten: das neurechte Umfeld rich- von Studentenverbindungen“ staltungen in Form eines Regel- und individuelle Emanzipation
tungsweisend geworden ist. Ge- finden junge AfDler:innen noch werks und optisch erkennbaren kein Naturgesetz. Bei der derzeit
Auch die Redaktion der Blauen
“Es soll dabei thematisiert werden, rade wegen dieser Entwicklung ein gesellschaftliches Refugium Funktionsträger:innen benötigt, in vielen Milieus und Schichten
Narzisse, ebenfalls komplett aus
ob bei Verbindungen gleich welcher ist die Zuneigung zwischen AfD jenseits des Liberalismus und gibt auch ganz bewusst einen vorherrschenden antimodernen
Burschenschaftern bestehend,
Coleur [sic], durch den entschiede- und Korporierten eine gegensei- Individualismus. „Da geht’s Teil seiner individuellen Freiheit Identitätssehnsucht ist es wenig
weiß, wo sie die größten Ein-
nen “Richtungsstreit” in der AfD tige. Auch über die Burschen- noch zünftig zu!“87 Da sich zugunsten eines Kollektivs ab. verwunderlich, dass die stu-
flussmöglichkeiten hat. Felix
ein Imagegewinn zu verzeichnen schaften hinaus erfährt die AfD die neutralen und/oder unpo- Die Neue Rechte hat dies zum dentischen Verbindungen eine
Menzel gründete sie zusammen
ist und inwiefern ein Einbeziehen unter Korporierten eine hohe litischen Verbände auch, wie politischen Programm erhoben. langsame Renaissance erleben.
mit den anderen Mitgliedern der
insbesondere der Burschenschaften Zustimmung, auch wenn diese gezeigt wurde, meistens Distan- Neu ist daran nicht viel und nur Für das Entwerfen ahistorischer
von ihm ebenfalls mitbegrün-
als politische Verbindungen mög- aufgrund der Verbandsrichtlini- zierungen gegenüber politischen der vermeintliche Bruch des Wappen gibt es keine besseren
deten Schülerburschenschaft
lich, ratsam und gewollt ist. Au- en in der Regel nur privat ge- Strömungen verweigern, werden Nationalsozialismus trennt diese Vorbilder.90 Wenn die Korpo-
„Theodor Körner“ in Chemnitz.
ßerdem sollen sächsische Patrioten äußert wird.85 Die rituell gefes- sie auch weiterhin ein Magnet Bewegung von ihren geistigen rationen sich aus ihrer Nische
Nach dem Umzug der Redaktion
etwas mehr über das Verbindungs- tigte Identität als vorpolitische für neurechte Sehnsüchte blei- Wurzeln der „konservativen Re- befreien können, sind sie viel-
nach Dresden baute man einen
wesen erfahren können.“83 Grundlage einer Gemeinschaft, ben. volution“89. Sowohl die Korpora- leicht weit weniger auf die auch
örtlichen Ableger der Identitären
die in der Neuen Rechten als tionen als auch die Neue Rechte von vielen Verbindungsmitglie-
Bewegung auf81 – und knüpfte Gerade Burschenschafter, ins- Der Spagat der studentischen
Ziel formuliert86 und durch stu- leiten aus Projektionen auf die dern als zweifelhaft empfundene
Kontakte zu verschiedenen Ver- besondere solche aus den Mit- Verbindungen zwischen Brauch-
dentische Verbindungen prakti- Vergangenheit einen Ewigkeits- Unterstützung durch neurechte
bindungen, allen voran natürlich gliedsbünden der Deutschen tum und Moderne wird nur
ziert wird, berührt alle Lebens- anspruch ab und legitimieren so Medien und Institutionen ange-
den Burschenschaften Cheruscia Burschenschaft, sind besonders dann ein schmerzhafter, wenn
bereiche. Einschränkend muss entweder das Bestehende oder wiesen. Wahrscheinlich ist aber,
und Salamandria, aber auch in der AfD und deren verschie- die gesellschaftliche Entwick-
zwar ergänzt werden, dass für das zu Schaffende. Die gesell- dass ein solcher Aufschwung
zum Verein Deutscher Studen- denen Organisationen aktiv. lung zum akuten Nachwuchs-
Korporierte, besonders nach Ab- schaftliche Rolle der Korporati- des Verbindungswesens eher die
ten, zur Turnerschaft Germania Immer wieder berichteten mangel im Korporationswesen
schluss ihres Studiums, natür- onen schwand mit individueller Folge eines generellen Rechts-
oder zur Damenverbindung Medien von Burschenschaftern führt. Jenseits der in ihrer Par-
lich auch ein Leben jenseits der Emanzipierung und der damit rucks, der sich dann auch ein-
Regina Maria-Josepha.82 zum Teil auf höchster Ebene in tikularität ebenfalls nicht ganz
Verbindung existiert und diese verbundenen Informalisierung fach in viel größeren Teilen der
den Landesverbänden. Gerade somit nur eine Teilidentität im unproblematischen generations- des Zusammenlebens. Waren Gesellschaft äußert, sein wird.
In der AfD wird ebenfalls ver- die als noch radikaler geltende Leben der Korporierten darstellt. übergreifenden Solidarität des die studentischen Verbindun- Denn „ist der Identitätsjargon
sucht, die Schnittmengen zum Jugendorganisation der Par- Umgedreht dagegen stellen die Lebensbunds bieten die Traditi- gen also lange Zeit Ausdruck erst einmal in den Medien eta-
Verbindungswesen auszuloten tei, die Junge Alternative (JA), Verbindungen für Anhänger:in- onen der Verbindungen wenig gesellschaftlicher Verhältnisse bliert, legt er sich wie ein Firnis
und entsprechende Kontakte vor zählt eine Vielzahl aktiver Bur- nen der Neuen Rechten einen Berührungspunkte für liberale, und spiegelten diese auch mit gleichgültiger Subjektivität,
Ort zu knüpfen. Unter dem Mot- schenschafter.84 Zusammen mit real existierenden Sehnsuchtsort individualistische Studierende.88 ihren Mitgliedern wider (von durchschnittlicher Vorurteile
to „Burschen heraus!?“ lud die dem Einfluss des Instituts für dar und werden daher weiterhin Die Gesellschaft ist informeller Theodor Körner über Karl Marx und argumentativer Unantast-
Patriotische Plattform der AfD Staatspolitik durch AfD-Spitzen- nicht nur Orientierungslose und geworden, um der Freiheit aller zu Otto von Bismarck und Horst barkeit über alle öffentlichen
im Juli 2015 in Dresden zum politiker wie Björn Höcke oder Orientierung Suchende, sondern willen erfordert sie wesentlich Wessel), sind sie in den letzten Fragen.“91 Auch was als „rechts“
80 Paulwitz, Michael: Nach dem Burschentag. Online unter: https://jungefreiheit.de/kolumne/2012/nach-dem- mehr Selbstkontrolle als die Jahrzehnten fast zwangsläufig oder „konservativ“ gilt, wird
burschentag/ [Letzter Zugriff: 30.07.2017]. Zeiten, in denen das Verbin- zu größtenteils reaktionären Re- dann einer deutlichen Begriffs-
81 Vgl. Taubner: Sehnsucht nach dem „vorpolitischen“ Kollektiv, S. 70f. dungswesen entstanden ist. Wer fugien am Rand der Gesellschaft verschiebung unterliegen.
82 Selbstverständlich wurde in der Außendarstellung immer das jeweilige Selbstverständnis der Verbindung beachtet.
Während es für Felix Menzel kein Problem war, in der Burschenschaft Cheruscia bei einem Vortrag des Dresdner 87 Maier, Sascha: Warum diese jungen Männer in der AfD sind. In: bento. Online unter: http://www.bento.de/politik/
Politikwissenschaftlers und CDU-Mitglieds Werner Patzelt einen Büchertisch mit neurechtem Schriftgut und afd-warum-sich-drei-junge-maenner-aus-baden-wuerttemberg-bei-der-jungen-alternative-engagieren-1227507/ [Letzter
Publikationen aus der Edition Blaue Narzisse zu präsentieren (Vgl. Anmerkung 36), gab man sich auf anderen Zugriff: 10.08.2017].
Verbindungshäusern eher unpolitisch bei Partys oder zum gemeinsamen Kuchenpicknick die Klinke in die Hand. 88 Schon Dietrich Heither wies 1999 darauf hin, dass nur im Fall einer Hinterfragung und Auseinandersetzung mit dem
Facebook-Screenshots mit Bildmaterial liegen vor. verbindungsstudentischen Brauchtum die Möglichkeit der Liberalisierung einer Korporation bestünde. Vgl. Heither:
83 https://web.archive.org/web/20160323222123/http://sachsen.patriotische-plattform.de/termine/9-stammtisch-in- Burschenschaften. S. 113.
dresden/ [Letzter Zugriff: 25.09.2017]. 89 Vgl. Weiß: Die autoritäre Revolte. S. 12.
84 Vgl. Herkenhoff, Anna-Lena: Rechter Nachwuchs für die AfD – die Junge Alternative (JA). In: Die Alternative für 90 Immer mehr Deutsche lassen sich Wappen anfertigen. Schon die Wappen, die sich alle studentischen Verbindungen
Deutschland. Programmatik, Entwicklung und politische Verortung. Wiesbaden 2016. S. 201-2017. Hier S. 203ff. gaben (und geben), sind ein Anachronismus, der nicht von ungefähr an ständische Partikulargewalten der Vormoderne
85 Vgl. Taubner: Sehnsucht nach dem vorpolitischen Kollektiv. S. 78. Vor allem auf Facebook machten viele Korporierte erinnert und seinen Ursprung in den Ritterheeren des Mittelalters hat. Der Wappenzeichner Dieter Linder bekommt
ihre Unterstützung der AfD deutlich. in Zeiten wie diesen immer mehr Aufträge. Aber: „[B]ei allzu deutschtümelnden Begründungen wirft er gleich das
86 „Vorpolitisch“ ist Felix Menzels Variante der „Metapolitik“ von Benoist und Co. Gegenüber der Jungen Freiheit Handtuch“. Siehe: Rohrmeier, Sophie: Warum immer mehr Deutsche ein Wappen haben wollen. In: Welt Online.
äußerte Menzel die Absicht, mit dem in Dresden 2013 gegründeten „Zentrum für Jugend, Kultur und Identität“ Online unter: https://www.welt.de/geschichte/article165038884/Warum-immer-mehr-Deutsche-ein-Wappen-haben-
einen „vorpolitischen Raum für politische Debatten“ schaffen zu wollen. Siehe: O. A.: „Zentrum für Jugend, Identität wollen.html [Letzter Zugriff: 10.08.2017].
und Kultur“ in Dresden eröffnet. In: Junge Freiheit, 02.07.2013. Online unter: https://jungefreiheit.de/politik/ 91 Niethammer: Kollektive Identität. S. 55. Dass an dieser Entwicklung auch eine sich von Materialismus und
deutschland/2013/zentrum-fuer-jugend-identitaet-und-kultur-in-dresden-eroeffnet/ [Letzter Zugriff: 25.09.2017]. Mehr Universalismus weitgehend verabschiedend habende Linke einen maßgeblichen Anteil hat, steht auf einem anderen
zu Menzels Wirken in Dresden siehe auch im zweiten Teil unseres Readers Ausgefuxt. (Taubner, Stefan: Identitäre Blatt. Wenn es den Korporationen gelingt, sich als Ausdruck „authentischer Kultur“ darzustellen, schaffen sie es
Kreise: Die Neue Rechte und die studentischen Verbindungen in Dresden). vielleicht sogar wieder in die deutschen Hochschulparlamente.

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AUSBLICK AUF TEIL 2: der GFSK organisierten meh-
rere Dresdner Verbindungen
Burschenschaft Salamandria bei
deren Reaktivierung in Dresden
Dresdner Verbindungsszene
derzeit das einzige Projekt der

DIE
aus unterschiedlichen Spektren und die Auseinandersetzun- GFSK darstellen. Auf den nach
von der politisch radikal rechten gen um die Pegida-Bewegung dem Vorbild vergleichbarer Ver-
Burschenschaft bis zur liberalen taten ihr Übriges. Der Alther- anstaltungen in Wien, Graz und
gemischtgeschlechtlichen Ver- ren-Verein setzte kurzerhand München ins Leben gerufenen
bindung gemeinsame Veranstal- die Aktivitas der Burschenschaft Bällen tanzen Korporierte aus

DRESDNER
tungen, um je nach Anlass eher Cheruscia vor die Tür, die dann ganz Mitteleuropa. 2017 jedoch
versteckt oder offen mit dem größtenteils eine neue Heimat wurde zum ersten Mal nach fünf
Korporationshintergrund des in einem neu gegründeten Jahren kein Ball angekündigt.
Netzwerks umzugehen. Mit der Dresdner Ableger der Leipziger Das sich in Sachen Öffentlich-
GFSK versuchte die Dresdner Burschenschaft Arminia fand keitsarbeit nahezu gänzlich zu-
Verbindungsszene bisher zum oder zur schnell wachsenden rückhaltende Corps Altsachsen,

VERBINDUNGSLANDSCHAFT
letzten Mal, vom Studentenrat Burschenschaft Salamandria, die das sich vor allem der Erziehung
anerkannt zu werden.3 Auch mittlerweile mit einem eigenen zu gesellschaftlicher Etikette
in Dresden ist perspektivisch Haus (der bekannten Villa Grüb- verschrieben hat, ist mit dem
vor dem Hintergrund der ge- ler) aufwarten kann, wechselte. im Altsachsenhaus ansässigen
sellschaftlichen Entwicklung Während die Burschenschaft Verein zur Förderung von Stu-
in Deutschland und der neuen Cheruscia seitdem nicht mehr dierenden an der Technischen
In Dresden werden studentische hatten es Korporierte der höhe- geprägt wurde, war es nur im
Sehnsucht nach kollektiver zum Dachverband der Deut- Universität Dresden die einzige
Verbindungen eher wenig wahr- ren technischen Schulen schwer, Geheimen möglich, die stu-
Identität eine Stärkung des schen Burschenschaft gehört, studentische Verbindung in
genommen. Anders als in tradi- bei ihren Brüdern an den Uni- dentischen Traditionen des 19.
Verbindungswesens sowie damit ist der Dachverband mit der Dresden, die institutionell im
tionsreichen Universitätsstädten versitäten die akademische Jahrhunderts wiederzubeleben,
einhergehende Auseinander- Salamandria und der Arminia in Bereich der Universität veran-
in Süd- und Westdeutschland Anerkennung zu finden. Erst wie es beispielsweise die Dresd-
setzungen in den Gremien der Dresden stärker vertreten als in kert ist.
wie Tübingen, Heidelberg, 1912 schließlich wurde die schon ner Salamandria seit 1966 tat.
Studierendenschaft zu erwarten. den meisten deutschen Univer-
Marburg oder Göttingen prä- längst reichsweit renommierte Zahlreiche andere Verbindun-
sitätsstädten. Politisch im Rahmen ihrer
gen Studierende in Couleur Einrichtung, an der bereits über gen wurden im westdeutschen
hier nicht das Stadtbild. Dafür zehn Prozent aller Studierenden Exil neu aufgebaut und siedelten Dachverbände sind die Turner-
AKTUELLE SITUATION (2017): Weniger skandalgeplagt geht es schaft Germania und der Verein
sind zwei Gründe maßgeblich. des Kaiserreichs immatrikuliert sich nach dem Ende der DDR bei den beiden örtlichen Corps
Zum einen hat Dresden als waren1, mit der Erteilung des wieder in ihrer alten Heimat an. Derzeit zählt Dresden drei aktive Deutscher Studenten (VDSt)
zu. Auch wenn die Mensur Dresden aktiv. Der Coburger
Universitätsstadt eine nur kurze Promotionsrechts den Univer- Nach einem kurzen Aufschwung Burschenschaften, von denen Pflicht ist und die Erziehung zu
Tradition – in Sachsen wurde sitäten gleichgestellt. Trotzdem in den 90er Jahren schwand mit zwei der durch Skandale und Convent der Landsmannschaf-
konservativen Werten dazuge- ten, Sängerschaften und Turn-
jahrhundertelang vor allem in beanspruchten auch weiterhin der nationalen Euphorie auch Austrittswellen belasteten Deut- hört, hält man sich in Corps in
Leipzig studiert und in Dres- die Kösener Corps der Universi- wieder der Einfluss der studen- schen Burschenschaft (DB) an- erschaften pflegt eine nationale
der Regel hinsichtlich politischer Ausrichtung und fällt ebenso
den entstanden mit Ausnahme täten ihren Führungsanspruch tischen Verbindungen. War es gehören, die deutlich im Bereich Positionierungen zurück. Das
der Kunstakademie erst im 19. in der deutschen Verbindungs- in den 90er und frühen 2000er der Neuen Rechten zu verorten wie der Verband der Vereine
Corps Silvania war in Tharandt, Deutscher Studenten durch
Jahrhundert hochschulähnliche landschaft. Die kurze Blüte des Jahren noch selbstverständlich, ist. Viele Jahre wurde das bur- am Ort der forstwissenschaftli-
Einrichtungen, deren wichtigste studentischen Verbindungswe- dass die verschiedenen Dresdner schenschaftliche Leben in Dres- inhaltliche wie personelle Ver-
chen Fakultät der TU Dresden, bindungen ins neurechte Lager
das Königlich-Sächsische Poly- sens in Dresden wich mit der Korporationen auf Unterstüt- den von der damals einzigen ak- von der Einstellung des Aktiven-
technikum war, aus dem später Auflösung im Nationalsozialis- zung des Studentenrats zählen tiven Burschenschaft Cheruscia auf. Sowohl die pflichtschlagen-
betriebs bedroht und schaffte de Turnerschaft Germania als
die Technische Universität Dres- mus und dem langen Verbot in konnten, wurden jene nach und dominiert, die ebenfalls immer es, erfolgreich in Dresden Fuß
den hervorging. Deshalb wurden der DDR einer Zeit, in der das nach in Folge politischer Ausein- wieder durch einschlägige Ver- auch der nicht schlagende VDSt
zu fassen. Besonders das Corps Dresden unterstützten die GFSK
erst Mitte des 19. Jahrhunderts Erbe der studentischen Verbin- andersetzungen isoliert.2 Mit der anstaltungen und Verbindungen Teutonia war jahrelang eng mit
die ersten studentischen Ver- dungen nahezu vollständig aus Gründung der Gesellschaft zur bis zur Neonaziszene auffiel. und zählten die Redaktion der
dem Netzwerk der GFSK ver- neurechten Blauen Narzisse um
bindungen gegründet. Die dem Bewusstsein der ansässigen Förderung Studentischer Kultur Seit 2012 spitzte sich die Situati- bunden und nahm eine Füh-
erste, die offen als eine solche Bevölkerung verschwand. Wäh- (GFSK) schließlich versuchten on in Dresden aber zu. Ein star- Felix Menzel, Dirk Taphorn und
rungsposition unter den Dresd- Philip Stein zu ihren Gästen.
in Erscheinung trat, war das rend das Bild über studentische die Dresdner Verbindungen auf ker örtlicher Ableger der extrem ner Verbindungen ein. Unter
1859 gegründete Corps Teutonia. Verbindungen in der DDR vor ihren zunehmenden Bedeu- rechten Identitären Bewegung dem Vorsitz des Teutonia-Mit-
Weitere Verbindungen folgten allem durch die Verfilmung von tungsverlust zu reagieren. Mit wurde mit Unterstützung aus glieds Ralf Prescher begründete Zwei katholische Verbindungen
in den nächsten Jahren. Aber oft Heinrich Manns Der Untertan dem interkorporativen Netzwerk dem Umfeld der Burschenschaft man die Tradition der Dresdner sind in der evangelisch gepräg-
aktiv, die aktiven Cherusker Akademikerbälle, die nach den ten Landeshauptstadt Sachsens
1 Vgl. Pommerin, Reiner (Hrsg.): Geschichte der TU Dresden 1828 – 2003. Köln 2003. S. 53ff. und S. 125. unterstützten die völkische
2 Stand 2005 noch die Selbstvorstellung der Antifaschistischen Hochschulgruppe auf einer Seite mit der Präsentation politischen Querelen in der aktiv: die Katholische Deutsche
der rechten Burschenschaft Cheruscia im „Spiritus Rector“, der dicken Einführungsbroschüre für Erstsemester, haben 3 Zu den Auseinandersetzungen um die GFSK vgl. Ausgefuxt, Teil 2: Zusammenhalt in Dresden: Die Dresdner
studentische Verbindungen seit 2006 nicht mehr die Möglichkeit, sich in Publikationen des Studentenrats vorzustellen. Verbindungen und die Gesellschaft zur Förderung Studentischer Kultur.

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K.St.V.
Abraxas-
Rheinpreußen

ADV Regina
Maria-Josepha
(öffentl. Treffpunkt)

Ausschnitt Südvorstadt

Vereiner
Deutsch
Jagdlich
Akademische K D StV Studenten
Damenverbindung
Chursa chsen
Skadi Tharandt
Karte: OpenStreetMap (openstreetmap.org) | bearbeitet

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Studentenverbindung (KDStV) der forstwissenschaftliche Cam- der größeren Verbände, be-
Chursachsen und der Katholi- pus der TU Dresden befindet, er- sonders um das Verhalten der
sche Studentenverein (KStV) Ab- wähnt. Die erst 2016 gegründete Deutschen Burschenschaft, die
raxas-Rheinpreußen. Während Verbindung Skadi ist jedoch als annähernd zur Selbstauflösung
die Chursachsen in der Vergan- wahrscheinlich einzige Damen- des Convents Deutscher Akade-
genheit auch mit der rechten jagdverbindung Deutschlands mikerverbände (CDA) geführt
Burschenschaft Cheruscia inner- bemerkenswert und stellt als haben, auch in Dresden zu spü-
halb der GFSK zusammenarbei- solche zumindest teilweise die ren. Gerade aber die rechtsoffe-
teten und auch der Dachverband Geschlechterrollenbilder des tra- nen oder extrem rechten sowie
(Cartellverband, CV) sich dem ditionellen Verbindungswesens pflichtschlagenden Verbindun-
neurechten Diskurs problem- in Frage. Derzeit ohne Aktiven- gen wie die Burschenschaften,
los öffnete, beschränkt sich das betrieb ist die Akademisch-Musi- die Verbindungen des Coburger
öffentliche Auftreten der Ab- sche Verbindung (AMV) Arion, Convents und die Corps sind aus
raxas-Rheinpreußen und ihres die noch vor wenigen Jahren dieser Entwicklung gestärkt her-
Dachverbands (Kartellverband, zu den integralen Kräften in vorgegangen.4 Der Aufschwung
KV) weitestgehend auf den Be- der GFSK gehört hatte und als des Verbindungswesens geht
reich der Religion. einzige Verbindung Dresdens einher mit dem Rechtsruck in
gemischtgeschlechtlich war. Die Deutschland und Europa. Nur
Seit der Gründung der Akademi- ebenfalls noch in der DDR ge- moderate, um Modernisierung
schen Damenverbindung (ADV) gründeten Verbindungen Eques bemühte Verbindungen wie die
Regina Maria-Josepha im Jahr Aureus Dresdensis und Cimbria AMV Arion konnten davon nicht
2009 kommt dieser eine beson- Dresdensis sind heute nur noch profitieren. Teil 2 unserer Pub-
dere integrierende Funktion in Altherren-Vereinigungen, die likation Ausgefuxt widmet sich
der lokalen Verbindungsszene christliche Burschenschaft Alb- detailliert der hier angerissenen
zu. Durch Freundinnen von Ver- inia musste 2001 ebenso ihren Entwicklung und weist sie an-
bindungsstudenten gegründet Aktivenbetrieb einstellen. Die hand zahlreicher Beispiele nach.
bringt die Damenverbindung die neonazistische Freie Akademi-
verschiedenen Dresdner Verbin- sche Verbindung (FAV) Neoger-
dungen besser zusammen als mania dagegen bleibt bis auf we-
die momentan ein Schattenda- nige Ausnahmen ein Phantom.
sein fristende GFSK. Auch wenn Ob der auf ihrer Website be-
die Regina Maria-Josepha wie hauptete Aktivenbetrieb wirklich
die meisten Damenverbindun- stattfindet, kann mangels Belege
gen politisch nicht nach außen nicht geklärt werden.
auftritt, treffen auf ihren Veran-
staltungen Korporierte aus der Vor dem Hintergrund der politi-
extremen Rechten bis zu solchen schen Entwicklung in Deutsch-
aus dem moderat konservativen land, und insbesondere in Dres-
Spektrum zusammen. Auch un- den seit dem Aufkommen von
ter den verschiedenen Damen- Pegida und Co., ist davon auszu-
verbindungen in Deutschland gehen, dass sich in Dresden die Bildquellen:

und Österreich, die jährlich zu Gräben zwischen den einzelnen Einband: https://de.wikipedia.org/wiki/Studentenverbindung#/media/File:Corpsstudenten_im_Hof_der_Rudelsburg_-_1.jpg | by Rabe! | bearbeitet

einem großen Treffen zusam- Verbindungen wieder etwas ver- Seite 2/3: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6a/Weinheimtagung_2010.jpg | beide: Rabe! | bearbeitet

Seite 4: Georg Mühlberg - Bierduell


menkommen, gibt es keinerlei tieft haben, zumal es auch um Seite 8: Georg Mühlberg - Auf die Mensur

Abgrenzungsbemühungen zu das Netzwerk der GFSK relativ Seite 20/21: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dresden_hbf_bus.jpg | Schelzel Kunstverlag Dresden | bearbeitet

extrem rechten und völkischen still geworden ist. Hatten die Seite 24: https://www.wien.gv.at/wiki/images/d/da/Baldurvonschirach.jpg

Verbindungen wie den Wiener verschiedenen Dresdner Verbin- Seite 25: Bundesarchiv, Bild 183-J0305-0600-003 / CC-BY-SA 3.0 | bearbeitet

Akademischen Mädelschaften dungen über Jahre hinweg kei- Seite 26: Bundesarchiv, Bild 102-00247 | CC-BY-SA 3.0

Seite 32/33: Stiftung Haus der Geschichte, 2001_03_0275.4237 | bearbeitet


Freya und Nike. nerlei Berührungsängste unter- Seite 38: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/fc/Karl_Marx.jpg | bearbeitet
einander, wenn es darum ging, Seite 40: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Flag_of_Urburschenschaft.svg?uselang=de | by Ericmetro
Der Vollständigkeit halber seien gemeinsam für einen größeren Seite 43: https://www.flickr.com/photos/hinkelstone/32007132420

hier noch die relativ unauffälli- Einfluss der Korporationen in Seite 45: https://de.wikipedia.org/wiki/Studentenverbindung#/media/File:Corpsstudenten_im_Hof_der_Rudelsburg_-_1.jpg | by Rabe!

gen Jagdverbindungen Cervidia der Gesellschaft zu kämpfen, Seite 50: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Schwarzer_Block_zu_Besuch_in_Wien.JPG | by Bwag

Seite 56/57: Karte: OpenStreetMap (openstreetmap.org) | bearbeitet


und Skadi aus Tharandt, wo sich sind die Auseinandersetzungen Seite 62/63: https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AWeinheimtagung_2011.jpg | by Rabe! | bearbeitet

4Vgl. Zeitlose Gemeinschaft: Zum Verhältnis zwischen studentischen Verbindungen und der Neuen Rechten, ebenfalls in
dieser Publikation.
GLOSSAR
die auch bei Damenverbindungen gebräuchliche Band, Mütze und Zipfelbund, bedeutet also die jedoch weniger Pflichten (siehe Aktivitas). In der
Bezeichnung Rezeption. Farben der Verbindung, die sich auf den genann- Regel wird man zur Diplomarbeit o. ä. inakti- Lebensbund: Eines der wichtigsten Prinzipien Schläger: Studentische Fechtwaffe, aber auch
ten Couleurartikeln befinden. viert. studentischer Verbindungen. Bei der Rezeption bei nichtschlagenden Verbindungen zur Reprä-
wird man lebenslanges Mitglied und gibt später sentation mit stumpfen Klingen Teil des sog.
Charge: Eine Charge (ursprünglich: Bürde eines
als Alter Herr bzw. Hohe Dame die erfahrene Vollwichses. Es gibt Glocken- und Korb-Schläger,
Aktive/r: Studierendes Mitglied einer studenti- Amtes) ist ein Amt, das mit Führungsaufgaben Couleurdamen (gilt nur für Männerbünde): Kartell: Abkommen bzw. Freundschaftsverhält- Unterstützung an die Aktiven der Verbindung die nach der Form des Handschutzes unterschie-
schen Verbindung (siehe Aktivitas). betraut ist. Die Amtsträger (Chargierte) werden (In der Regel) Junge Frauen, die regelmäßig zu nis zwischen Verbindungen. Sowohl innerhalb wieder weiter. den werden.
vom Convent auf die Dauer eines Semesters Verbindungsveranstaltungen eingeladen werden eines Verbandes vorkommender Begriff für
gewählt. Die Aktivitas hat max. fünf Chargen.
und sich mit der Korporation verbunden fühlen, Freundschaftsverhältnisse von Verbindungen aus
Aktivitas: Alle Füxe/Füchse bzw. Fähen, aktive Mensur: Studentischer Zweikampf (Fechten), der Schmiss: Schmisse bezeichnen die beim Fechten
aber nicht Mitglied sind. Ansprechpartner für die verschiedenen Universitätsstädten (dann auch
Burschen/Damen und inaktive Burschen/Damen sich aus dem früheren Ehrenduell heraus zur zugezogenen Verletzungen und die daraus
[I] Der Senior/die Seniora (Abkürzung: x) vertritt Couleurdamen ist der Consenior. Kreis oder Ring), als auch Bezeichnung von ge-
bilden zusammen die Aktivitas. Sie wird geleitet heutigen Bestimmungsmensur entwickelt hat. resultierenden Narben. Vor allem früher oft als
die Verbindung nach innen und nach außen. samten Verbänden oder verbandsübergreifenden
von den Chargen, ist mehrheitsdemokratisch, Das heißt, die Kontrahenten werden durch die Demonstration von Männlichkeit gezeigt. Das
Ihm bzw. ihr obliegt die Einberufung und Zusammenschlüssen.
aber nach festen Regeln aufgebaut (Convente) Couleurherren: Pendant zu den Couleurdamen in Fechtwarte der beteiligten Verbindungen ausge- Wort „schmissig“ ist davon abgeleitet.
Leitung der Convente sowie anderer Veranstal-
und gestaltet das Programm und somit das Damenverbindungen. Keilen: Werben neuer Mitglieder für die Verbin- wählt, also bestimmt.
tungen. Diese höchste Position der Aktivitas
Verbindungsleben. einer Verbindung ist ausführendes Organ und dung, oft im Aufgabenbereich des Fuxmajors Silentium: Silentium werden die Abschnitte wäh-
„schützt“ die Satzungen von Verbindung und bzw. der Fähmajora. rend einer Kneipe oder eines Kommerses genannt,
Fähe: Weibliches Pendant zum Fux/Fuchs. Neu- Mütze: Kopfbedeckung der Korporierten, deren
Dachverband. Ihm bzw. ihr steht das Hausrecht anwärterin einer Damenverbindung. Farben sich aus den Farben der Verbindung zu- in denen die Corona sich nicht unterhalten darf,
Alter Herr: Ab ca. 1860 neben Philister ge- Knattern (auch Paulen): Humorvolles Provozie-
zu. Zu den Aufgaben des Seniors/der Seniora sammensetzen. An Formen unterscheidet man es wird Silentium (Schweigen) gewahrt. In die-
bräuchliche Bezeichnung für ein Mitglied einer ren bis offenes Beleidigen unter Korporierten, vor
gehören außerdem die Pflege des erforderlichen u. a.: Teller, Hinterhauptcouleur, Nackencouleur, sen Abschnitten werden Reden gehalten, verbin-
Korporation nach Abschluss des Studiums. Der allem zwischen solchen verschiedener Verbin-
Kontakts zu Hochschule, Landes- und Bun- Fakultativ schlagend: Mitglieder einer Verbin- Biedermeier, Hochformat , Tönnchen und Stür- dungsstudentische Bräuche zelebriert (Comment)
„spießbürgerlichen“ Nebenbedeutung von Phi- dungen. Häufig ist dabei die Herausforderung
desverband sowie die Rezeption/Burschung der dung fechten auf freiwilliger Basis Mensuren, sind mer. Beim Chargenwichs sind häufig ein Barett oder es wird gesungen. Das Gegenstück zum
lister sollte mit diesem Ausdruck die Würde des zu einem Trinkduell (Bierjunge) das Ziel, ist aber
Neumitglieder. aber in der Regel dazu angehalten, das akademi- oder ein Cerevis üblich. Silentium ist das Kolloquium.
Alters entgegengesetzt werden. auch darüber hinaus üblich, zum Teil auch zur
sche Fechten zumindest zu erlernen.
Stärkung der Identität mit dem eigenen Bund. Spefux: Ein potentielles Mitglied. In einigen
[II] Die Durchführung der wissenschaftlichen
Alias (bzw. Vulgo): (Abkürzung v/o, al/alias) und kulturellen Abende sowie der Damenveran- Farben: Jede Verbindung hat Farben (siehe auch Nichtschlagend: In nichtschlagenden Verbindun- Verbindungen kann auch ein Spefux schon eine
Auch Biername, Bierspitz, Couleurname oder staltungen (bei Damenverbindungen: Herren- Couleur), denen eine besondere Bedeutung zu- gen wird keine Mensur durchgeführt und nicht Art Mitgliedschaft eingehen, z. B. Schüler:innen
Kneipe: Traditionelle Art verbindungsstuden-
Kneipname. Interner Name eines Verbindungs- veranstaltungen) fällt in den Aufgabenbereich gemessen wird. Die Farben finden sich auf den gefochten. oder Wehrpflichtige etc., die demnächst am Ort
tischen Feierns, bei der gesungen wird, Reden der Verbindung studieren wollen.
mitgliedes. Entstanden in Zeiten, in denen des Conseniors/der Conseniora (Abkürzung: xx). Couleurartikeln wieder. gehalten werden und die nach bestimmten
Korporationen verboten waren. Er bzw. sie vertritt den Senior/die Seniora bei Regeln (Comment) abläuft. Während einer
Verhinderung. Farbenführend: Die Verbindung besitzt zwar Kneipe wechseln sich die Abschnitte mit Reden Pauken: Erlernen (und Üben) des studentischen Stiftungsfest: Feier in Erinnerung an die Grün-
Band: Schmale Schärpe, meist ca. 28 mm breit, eigene Farben und Symbole, trägt sie aber in der (Corona im Silentium) und Kolloquium (Corona Fechtens, meist, um auf die Mensuren vorbereitet dung der Verbindung.
in den Verbindungsfarben, wird als äußeres Regel, bis auf Zipfel und Anstecker, nicht am im Gespräch) ab. Eine Kneipe hat immer einen zu werden.
[III] Der/die Schriftführer/in (Abkürzung: xxx)
Zeichen der Zugehörigkeit zu einer (farbentra- Körper. Ausnahme ist der Wichs der Chargen. feierlichen Teil (Offizium, kurz Offiz). Es kann
führt die Protokolle der Convente und den Schrift- Stoff: In vielen Verbindungen Bezeichnung für
genden) Verbindung getragen (über die rechte verkehr der Verbindung. sich ein gesellig-lustiger Teil (Inoffizium, kurz
Farbentragend: Alle Verbindungsmitglieder Pekesche: Besonders verzierte Jacke, Bestandteil Bier.
Schulter zur linken Hüfte, zum Frack auch Inoffiz) anschließen.
horizontal). Bestandteil der Couleur. Symbolisiert tragen bei Veranstaltungen, die die Verbindung des Wichses, alleine gelegentlich auch von Nicht-
das Eintreten für die Prinzipien der Verbindung betreffen (und oft auch darüber hinaus), Couleur chargierten getragen. Verbindungen mit Wurzeln
[IV] Der Kassier/die Kassiererin (Abkürzung: Kolloquium: (lat. Gespräch) Kolloquium werden Vollwichs: Der Vollwichs besteht aus einer reich
und das „Freundschaftsband“, das alle Gleich- und als Chargen einen Wichs. in Studienfächern des Bergbaus verwenden oft
xxxx) verwaltet die Finanzen der Verbindung. die Abschnitte während einer Kneipe oder eines verzierten Kopfbedeckung (Cerevis), bei man-
gesinnten umschlingt. Füxe/Fähen haben im stattdessen schwarze Jacken aus bergmännischer
Kommerses genannt, in denen sich die Teil- chen Verbindungen auch Barett; der Pekesche;
Unterschied zu Burschen ein in der Regel nur Fechten, akademisches: Ritueller Waffenge- Tradition. Meist hat die Pekesche die wichtigste
nehmenden (Corona) unterhalten dürfen. Das einer Schärpe, die über dem Verbindungsband
zweifarbiges Band (zweistreifig oder dreistreifig [V] Der Fuchsmajor/die Fähmajora (Abkürzung: brauch, der aus Gründen der Tradition bewahrt Farbe der Verbindung.
Gegenstück zum Kolloquium ist das Silentium. getragen wird, und aus den selben Farben wie das
mit Wiederholung einer Farbe). Entstanden aus FM) ist für den Nachwuchs und die Füchse/Fähen wird. Wird mit scharfer Klinge nach strengen
Band besteht, nur deutlich breiter ist; einer wei-
dem Band der Ordenskreuze der studentischen zuständig. Mit dieser Charge ist das Abhalten Regeln als Zweikampf ausgeführt. Ehrenange-
Kommers: Feierliche Variante der Kneipe, oft bei Pflichtschlagend: Schlagende Verbindungen ßen Hose; schwarzen Schaftstiefeln oder Stulpen
Orden. von Fuxenstunden, in welchen der erforderliche legenheiten („Satisfaktion“) werden heutzutage
Stiftungsfesten o. ä. verlangen von ihren Mitgliedern das Fechten in (evtl. mit Sporen); weißen Stulpenhandschuhen,
Wissensstoff über die Verbindung, Dachverband, kaum noch damit geregelt.
einer oder mehreren Pflichtmensuren. dem Gehänge, einer Art Gürtel als Befestigung
Bierjunge: Trinkduell mit Bier, in seinen Formen die Prinzipien, den Comment usw. vermittelt für den Schläger (Degen); sowie dem Schläger.
spielerisch an die früheren Zweikämpfe mit wird, verbunden. Fechtwart: In schlagenden (=fechtenden) Verbin- Kommersbuch: Liederbuch in studentischen
Schlägern (Fechtwaffe) angelehnt. Der Begriff dungen für die Fechtausbildung, die Pflege des Verbindungen. Enthält neben studentischem Philister: Bei Korporationen Bezeichnung für die Wahlspruch: Ein von einer Verbindung bei der
geht dabei auf die für Duelle nötige Ehrverlet- Fechtmaterials (Paukmaterial) und die Paukstun- Liedgut auch viele alte Volkslieder. Es gibt
Chargierte:r: Ein:e Chargierte:r ist Amtsträger:in Mitglieder, die ihr Studium beendet haben (Alte Gründung gewählter Denkspruch, mit dem oft
zung zurück, deren einfachste Form in etwa „Du den zuständig. standardisierte und spezielle Formen mit ver-
einer Charge. Da diese:r während der Zeit der Herren und Hohe Damen). in Neulatein gemeinsame Wertvorstellungen
bist ein dummer Junge“ war. Auch heute noch bindungseigenen Liedern. Viele sog. Studenten-
Charge häufig in Vollwichs (komplette Couleur in Kurzform ausgedrückt werden. Bei jüngeren
werden solche Duelle gerne durch gegenseitiges Fux, Fuchs: Ursprünglich die Universitätsneu- lieder, die im 18. und 19. Jahrhundert entstanden
sowie entsprechende Kleidung) auftritt, wird Verbindungen auch in Deutsch möglich.
Knattern provoziert. linge, dann die Neulinge einer studentischen sind, tragen stark nationalistische, z. T. auch
heutzutage auch ein:e in Vollcouleur gekleidete:r Präsidium: Das leitende Gremium einer Kneipe
Vertreter:in einer Verbindung so bezeichnet. Verbindung. Die Fuchsenzeit beträgt in der Regel gewaltverherrlichende Züge. oder eines Kommerses, wird normalerweise von
Bierpabst: In manchen Verbindungen spezielle Wichs: Abgeleitet vom Putzmittel für Ledersa-
zwei Semester. Während dieser Zeit hat der den Chargierten gestellt, kann aber im Laufe einer
Vorrichtung (Becken mit zwei Handgriffen) chen. In der Korporiertensprache meint es das
Fuchs die Gelegenheit, die Verbindung und das Kneipe gegen Mitglieder der Corona ausgetauscht
zum leichteren Übergeben nach übermäßigem Festgewand oder den besten Anzug. Halbwichs
Comment: (franz. wie) Normen, Formeln und Verbindungsleben kennenzulernen. Er wird in Korporation: (lat. Gesamtheit, Körperschaft) Syn- werden. Der/dem Präside:n (i. d. R. Senior:a bzw.
Alkoholgenuss. oder Salonwichs ist eine Pekesche mit schwarzer
Formen, die in erster Linie einem einheitlichen dieser Zeit vom Fuxmajor betreut. Wenn er nach onym für Studentenverbindung. Ihre Mitglieder Erstchargierte:r) obliegt die Führung der Kneipe. Anzughose und Band.
Erscheinungsbild nach außen hin dienen. Der seiner Fuchsenzeit endgültig Mitglied der Verbin- sind dementsprechend korporiert.
Bierverschiss: Ausschluss von den Rechten an
Comment besteht in der Regel aus überliefertem dung werden will, kann er durch die Rezeption
der Kneiptafel. Geht oft mit demütigender Posi- Rezeption: Feierliche Aufnahme in eine stu- Zipfel: Ein Zipfel ist ein Anhänger, bestehend
studentischen Brauchtum. bzw. Burschung zum vollberechtigten Mitglied
tion, z. B. alleine auf einem Stuhl, der auf einen dentische Verbindung am Ende der Fuxen- bzw. aus einem Stück Couleurband, Schieber mit Zir-
der Verbindung werden. Landesvater: Der Landesvater, heute eine Zere-
leeren Tisch gestellt wurde, einher. Fähenzeit. kel und evtl. Wappen, Endstücken, und trägt eine
Convent: Demokratisch beratendes und be- monie der Bekräftigung und Erneuerung des
Burscheneides, hat mehrere historische Wurzeln, Widmung. Ein Zipfel ist das Zeichen besonders
Bude: Aus dem 19. Jahrhundert stammender schlussfassendes Organ einer studentischen Gründungsfest: Das Gründungsfest erinnert wie
die wichtigsten: 1. das Bruderschaftstrinken und freundschaftlicher Bindung. Es werden Bier-,
Ausdruck für die Wohnung Studierender. Bude Verbindung. Je nachdem, welche Mitglieder einer das Stiftungsfest an die Gründung der Verbindung
2. das Ausbringen eines Vivats (irgendwer lebe Salamander: Festliche Trinkzeremonie zu Wein-, Sekt- und Schnapszipfel, deren Unter-
wird heute auch für Verbindungswohnheim Verbindung zugelassen sind, unterscheidet man und findet meist im Wintersemester statt. Es
hoch). Der Brauch des Landesvaters geht bis ins bestimmten Anlässen, meist zur Ehrung einer schied in der Breite besteht, unterschieden. Ein
verwendet. u. a. zwischen Allgemeinem Convent, Burschen- wird nicht in allen Verbindungen gefeiert.
17. Jahrhundert zurück. Ab dem Dreißigjährigen Persönlichkeit. bzw. mehrere Zipfel werden an einer Spange ein-
convent, Altherrenconvent, Chargenconvent,
Krieg war es üblich, auf alles mögliche Vivats zu gehängt. Mehrere Zipfel bilden den Zipfelbund.
Bundesbruder/Bundesschwester: Die Mitglieder Generalconvent etc. Satisfaktion: „Genugtuung“ zur Beilegung eines
singen. So kam es auch zur Huldigung auf den Der Comment (die Regeln) für das Tragen eines
einer studentischen Verbindung untereinander (Verbindungs-)Haus: Ort für Veranstaltungen Ehrenstreites, meist durch Ehrerklärung oder Zipfelbundes ist unterschiedlich. Meist wird er
Landesherrn. 1782 revidierte der Kieler Student
werden Bundesbrüder bzw. -schwestern genannt. und Zimmer der Verbindungsmitglieder. Veran- Duell. Satisfaktionsfähig war ein Student/eine jedoch am linken Hosenbund getragen.
Corona: Bedeutet so viel wie Teilnehmerkreis, ge- August Niemann den Text und schuf daraus das
staltungen finden „auf dem Haus“ statt. Verbindung, falls generell die Bereitschaft gege-
Bursch(e): Ausdruck aus dem Mittelalter für sellige Runde. So werden die Teilnehmer:innen Weihelied bei entblößtem Haupt und Degen,
ben war, Ehrenstreitigkeiten zwischen Studenten
Bewohner einer Burse (Studentenhaus), heute einer Kneipe außerhalb des Präsidiums bezeich- wie es heute noch üblich ist (= Alles schwei-
Hohe Dame: Pendant zum Alten Herren bei und anderen „honorigen“ Personen ggfs. mit der Zirkel: Ein in der Regel geschwungenes Symbol
jedoch vollberechtigtes Mitglied einer Korporation net. Unterteilt sich oft weiter in Fuxia (Fuxenstall) ge). Heute ist der Landesvater die feierlichste
Damenverbindungen. Waffe zu regeln. Seit Verdrängung des Duells für eine Korporation, das die Anfangsbuchstaben
nach Beendigung der Fuxenzeit.Burschung: Fei- und Burschensalon. Zeremonie einer Verbindung als Ehrung für den
kaum noch von Bedeutung. der wichtigsten Prinzipien beinhaltet. Er wird an
erliche Zeremonie, in der ein Fuchs zum vollbe- Inaktive:r: Aktives Mitglied, das sich bereits Landesvater bzw. das Vaterland, die Hochschule,
die Unterschrift angehängt und auf Couleurge-
rechtigten Mitglied endgültig in die studentische Couleur: (franz. Farbe) Die (oder das) Couleur in der Verbindung engagiert hat. Ein inaktives die Verbindung. Schlagend: In schlag. Verbindungen wird die genständen verwendet.
Verbindung aufgenommen wird. Neutraler ist (Vollcouleur) besteht in der Regel aus Nadel, Mitglied hat dieselben Rechte wie ein:e Aktive:r, Tradition des akademischen Fechtens ausgeübt.

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„Anknüpfen ließe sich an das Leiden, das die Kollektive zu-
nächst allen Individuen, die in sie aufgenommen werden zufü-
gen. […] Anzugehen wäre gegen jene Art folk-ways, Volkssitten,
Initiationsriten jeglicher Gestalt, die einem Menschen physi-
schen Schmerz – oft bis zum Unerträglichen – antun als Preis
dafür, daß er sich als Dazugehöriger, als einer des Kollektivs
fühlen darf. [...] In der gesamten Sphäre geht es um ein vor-
gebliches Ideal, das in der traditionellen Erziehung auch sonst
eine erhebliche Rolle spielt, das der Härte. [...] Das Erziehungs-
bild der Härte, an das viele glauben mögen, ohne darüber
nachzudenken, ist durch und durch verkehrt. Die Vorstellung,
Männlichkeit bestehe in einem Höchstmaß an Ertragenkön-
nen, wurde längst zum Deckbild eines Masochismus, der [...]
mit dem Sadismus nur allzuleicht sich zusammenfindet.
Das gepriesene Hart-Sein bedeutet Gleichgültigkeit gegen den
Schmerz schlechthin. Dabei wird zwischen dem eigenen und
dem anderer gar nicht einmal so sehr fest unterschieden. Wer
hart ist gegen sich, der erkauft sich das Recht, hart auch gegen
andere zu sein, und rächt sich für den Schmerz, dessen Regun-
gen er nicht zeigen durfte, die er verdrängen musste.“

- Theodor W. Adorno
(Erziehung nach Auschwitz)
‚Lebenslange Gemeinschaft statt anonyme Massen-
universität‘ – mit solchen Worten werben studenti-
sche Verbindungen (auch Korporationen genannt)
unter den Erstsemestern um Neumitglieder. Was nach
Ersatzfamilie klingt, wird vor allem mit Traditionen
und angeblich „zeitlosen Werten“ begründet. Zu
diesen gehören bunte Mützen und Bänder, Degen und
Wappen, rituelle Abendveranstaltungen und jahrhun-
dertealte Lieder sowie eine Sprache, die für Außen-
stehende kaum zu enträtseln ist. Die meisten dieser
Verbindungen sind reine Männerbünde. Kritiker:innen
werfen ihnen häufig eine elitäre und frauenfeindliche
Haltung, nicht selten sogar explizit extrem rechte
Einstellungen vor. Der StuRa der TU Dresden hat sich
der Aufgabe gewidmet, Fakten von Klischees zu tren-
nen und das deutsche Verbindungswesen allgemein
wie auch vor Ort genauer unter die Lupe genommen.
Band 1 zeigt die historische Entwicklung der deut-
schen Verbindungen, geht der Frage ihrer Rolle beim
Aufstieg des Nationalsozialismus nach, prüft, wie viel
von der alten Elite noch übrig geblieben ist und zeigt,
was die Korporationen mit der derzeit vielbeschwore-
nen „Neuen Rechten“ in der Bundesrepublik verbindet.

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