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„Im Grunde nur ein Verein von alten Tanten...


Hans Büchenbachers Erinnerungen im historischen Kontext – Aufklärung und Kritik
Eine Buchempfehlung (und zugleich eine auto-biografische Vergegenwärtigung des
Komplexes Anthroposophie/Nationalsozialismus)
Hans-Jürgen Bracker ist Waldorflehrer und ehemaliger Redakteur der
anthroposophischen Kulturzeitschrift „Novalis“. Zur historischen
Anthroposophieforschung hat er vor allem mit seinen Publikationen zu den großen
jüdischen Schülern Rudolf Steiners, Ernst Müller und Schmuel Hugo-Bergman,
beigetragen. Ein weiteres Feld der Auseinandersetzung blieb für ihn die
Verflechtungen von Anthroposophie und völkischem Gedankengut. Zur kürzlich
erschienenen Hans Büchenbacher-Edition hat er inhaltlich z.T. entscheidende
Hinweise beigesteuert, und reflektiert das Projekt nun in Verbindung einem „auto-
biografischen“ Rückblick auf die anthroposophische Politik des Unpolitischen. Eine
Buchempfehlung (und zugleich eine auto-biografische Vergegenwärtigung des
Komplexes Anthroposophie/Nationalsozialismus)
[Bild]

Wer aus der lieben Verwandtschaft heraus ein Haus erbt, der kann beim Aufräumen,
Aussortieren oder Ausmisten manch unangenehme Überraschung erleben. Es müssen
nicht gerade Leichen im Keller sein –, aber üble Hinterlassenschaften, die jahrzehntelang
im Dunkeln vor sich hingegammelt, gemodert, gar gefault haben, tun auch schon das Ihre
dazu, dass man sich überlegt, das ganze Erbe auszuschlagen und vielleicht irgendwo
etwas Neues anzufangen. An diese Situation mögen sich heutige Freunde der
Anthroposophie erinnert fühlen, wenn sie auf bestimmte „Hinterlassenschaften“ ihrer
Vorgänger schauen. Ansgar Martins schaut sich im Haus „Anthroposophie“ um und
leuchtet im Keller auch in die hintersten entlegenen Winkel. Nicht als Unbeteiligter,
sondern als neugieriger, kritischer, vielleicht entfernter Verwandter...
Der bayerische Anthroposoph Hans Büchenbacher (geboren 1887 in WürzburgFürth), war
als Sohn eines jüdischen Vaters und einer katholischen Mutter getauft und christlich
erzogen worden, er galt somit nach den NS-Rassegesetzen als „Halbjude“. In der Nazizeit
gelang ihm, der seit 1931 Vorsitzender der Anthroposophischen Gesellschaft in
Deutschland war, die Emigration in die Schweiz, wo er auch nach 1945 bis zu seinem
Tode 1977 lebte. Seine im Alter verfassten „Erinnerungen 1933-1949“ erschienen im
Frühjahr im Frankfurter info 3 / Mayer Verlag, herausgegeben und kommentiert vom
Betreiber dieses blogs, Ansgar Martins.
Neonazismus und Anthroposophie
Büchenbachers Erinnerungen an die Jahre der NS-Diktatur sind mir seit 1992 bekannt;
damals bekam ich Fotokopien eines 34-Seiten-Typoskripts in die Hände, das ich in einer
Nacht mit Spannung und nicht geringer Fassungslosigkeit durchlas. Das Thema
„Anthroposophen im Nationalsozialismus“ beschäftigte mich damals schon seit Jahren.
Spätestens seit Jan Peters Buch „Nationaler 'Sozialismus' von rechts“ (Berlin 1980) war
die Problematik – anhand der dort behandelten Biografie des ehemaligen
Christengemeinschaftspriesters Werner Georg Haverbeck - auf dem Tisch. In der Folge
des Anwachsens der grün-alternativen Bewegung kam auch damals schon das
Schlagwort vom „Ökofaschismus“ auf. Das markante Erscheinungsbild des Vorsitzenden
der GLSH (Grüne Liste Schleswig-Holsteins) und Demeter-Bauern Baldur Springmann im
Russenkittel war prägend in der Gründungsphase der grünen Partei. Dass er neben
ökologischem nicht nur konservatives, sondern auch völkisches Gedankengut vertrat,
wurde erst allmählich bekannt. Springmann gehörte wie Haverbeck (dieser als Präsident)
und der Bio-Lieferant Ernst-Otto Cohrs dem „Weltbund zum Schutze des Lebens“ (WSL)
an, einer Umweltschutzorganisation, die in der Anti-AKW-Bewegung der 70er Jahre
unauffällig mitwirkte. Peters zeigte in seinem Buch gerade am Beispiel des WSL
interpretationsbedürftige Verbindungslinien von der grünen in die braune Szene auf und
stellte die Frage, ob gewisse personelle Schnittmengen Zufall oder ideologie-immanent
seien. In der Zeitschrift „Die Bauernschaft“ des schleswig-holsteinischen Alt- und Neonazis
Thies Christophersen las ich ungefähr gleichzeitig zum ersten Mal von biologisch-
dynamischer Landwirtschaft in Auschwitz, und E.-O. Cohrs schrieb dort belustigt in einem
Leserbrief, dass er in Büchern von Rudolf Steiner Hakenkreuze gefunden hätte – ob man
diese deshalb etwa auch verbieten wolle (so wie die vom Verfassungsschutz beobachtete
und wegen des Abdrucks von Hakenkreuzen vom Verbot bedrohte „Bauernschaft“). – Die
drei Genannten wurden in der Öffentlichkeit allerdings nicht in erster Linie als
Anthroposophen sondern als Umwelt-Aktivisten wahrgenommen.
Anthroposophische Aufarbeitungen der anthroposophischen Geschichte
Dass es „Berührungen“ zwischen Anthroposophen und dem NS gab, war mir also 1992
keineswegs neu – zumal Haverbeck 1989 mit seinem Buch „Rudolf Steiner. Anwalt für
Deutschland“ mit seinem rückwärtsgewandten Welt- und Geschichtstbild an die
Öffentlichkeit getreten war, welches auf heftige Ablehnung in der aufgeschreckten
anthroposophischen Szene gestoßen war. 1991 veröffentlichte die progressiv-
anthroposophische Zeitschrift „Flensburger Hefte“ zwei Nummern zum Thema
„Anthroposophen und Nationalsozialismus“, insbesondere der zweiteilige Hauptartikel des
Rendsburger Eurythmisten und Verlegers Arfst Wagner (Untertitel: „Probleme der
Vergangenheit und Gegenwart“) stellte einen ersten Markstein in der
inneranthroposophischen Aufarbeitung der „eigenen“ NS-Vergangenheit dar. Viele, die es
hätte angehen sollen, wollten aber gar nicht so genau wissen, was im Detail bei Wagners
Recherchen herausgekommen war (deren Ergebnisse er – ohne irgendwelche
Unterstützung und auf eigene Kosten – in fünf Materialbänden herausgab); stattdessen
wurde er als Nestbeschmutzer beschimpft. Einige Jahre später schließlich legte der
damalige Goetheanum-Archivar Uwe Werner im anerkannten Wissenschaftsverlag
Oldenbourg seine umfassende Studie „Anthroposophen in der Zeit des
Nationalsozialismus“ vor (München 1999), in der er – anders als Wagner – auf
Büchenbachers Erinnerungen zurückgreifen konnte. Damit war zunächst einmal einiges
Material veröffentlicht; die Meinungen darüber, ob nun das Thema abgeschlossen werden
könne, gingen natürlich weit auseinander. Den einen war Werners Duktus zu apologetisch,
konservative Anthroposophen hingegen schien die ganze „Aufarbeitung“ unnötig,
manchen erschien diese schmerzhafte Beschäftigung aber doch als eine notwendige
Pflicht – im Sinne einer Begegnung bzw. Auseinandersetzung mit dem eigenen
Doppelgänger oder den „Schattenbildern“.
Zum Thema der „okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus“ gibt es seit 1985 die Studie
des britischen Historikers Nicholas Goodrick-Clarke, der speziell Theosophie und
Ariosophie im Blick hatte und Steiner hinsichtlich einer geistigen „Mitschuld“ oder eines
„Vorbereitertums“ kaum belastete. Und Micha Brumlik konstatierte 1992 in seiner Studie
„Die Gnostiker“: „Trotz einiger Wirrungen der Anthroposophie ist ihr im ganzen jedenfalls
nicht anzulasten, dass sie sich während der Zeit des Nationalsozialismus ähnlich
diskreditiert hätte wie die protestantischen und katholischen Kirchen...“ Ob dieses Urteil zu
kurz greift, möge der Leser nach der Lektüre von Ansgar Martins Buch selber bewerten.
Der amerikanische Historiker Peter Staudenmaier jedenfalls meint im Gegensatz zu
Goodrick-Clarke und Brumlik eine innere Wesensverwandtschaft zwischen dem von ihm
so wahrgenommenen okkultistisch-rassistisch-völkischen Weltbild Steiners und dem
Nationalsozialismus oder zumindest einigen Strömungen innerhalb desselben zu
erkennen.
Durch Wagners und Werners Arbeiten wurden mittlerweile die Namen bestimmter
Protagonisten des ganzen Komplexes bekannt. Dazu gehören u.a. der Münchener
anthroposopphische Arzt Hanns Rascher (NSDAP-Mitglied seit 1931), das Dornacher
Vorstandsmitglied der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft Guenther
Wachsmuth, die Dresdner Waldorflehrerin Elisabeth Klein und der Landwirt Erhard
Bartsch, auf NS-Seite der Führerstellvertreter Rudolf Hess als Protektor
anthroposophischer Tätigkeit im Dritten Reich, Alfred Bäumler, Oswald Pohl oder Otto
Ohlendorf. Alles diese Namen tauchen auch in Büchenbachers Erinnerungen auf. Der
Herausgeber Ansgar Martins macht die Geschichte von deren Entstehung in den 70er
Jahren weitestgehend deutlich und stellt auch die Editionsgeschichte dar. Anlässlich
Werners Buchveröffentlichung, in der Büchenbachers Erinnerungen ausgewertet und
ausführlich zitiert wurden, kamen größere Teile davon im April 1999 erstmals in Info3 zum
Abdruck; seither ist deren Existenz allgemein bekannt. Im vorliegenden Band machen die
nunmehr vollständig edierten und mit 300 Fußnoten versehenen Erinnerungen 70 Seiten
aus, mithin ein Siebtel des Gesamtumfangs. –

Seit 1999 sind weitere Arbeiten zum Thema entstanden, auch wurden neue peinliche
Verstrickungen zutage gefördert, so die Nazivergangenheit des
Christengemeinschaftspfarrers Friedrich Benesch (2004) oder auch die autobiografischen
Retuschen der anthroposophischen Historikerin Renate Riemeck (2007). Vor allem in
Amerika wurde einiges publiziert, wobei Staudenmaiers Dissertation „Between Occultism
and Fascism: Anthroposophy and the politics of Race and Nation in Germany and Italy,
1900-1945“ aus dem Jahre 2010 hervorzuheben ist. Staudenmaier machte auch die
Namen zahlreicher Persönlichkeiten bekannt (s. Info 3 Nr. 7/8, 2007), die beiden Lagern
angehörten.

Ansgar Martins‘ Anhänge zur Büchenbacher-Edition


Martins zitiert und verarbeitet diese Arbeiten und große Mengen weiterer, bisher meist
unbekannter oder nicht ausgewerteter Quellen in seinen fünf umfangreichen Anhängen,
die im Buch dem Abdruck der Erinnerungen folgen und 340 Seiten umfassen. Gut 50
Seiten Quellen- und Personenregister beschließen den stattlichen Band, der es insgesamt
auf stolze 1335 Fußnoten bringt. Den Anhängen ist ein ausführliches Inhaltsverzeichnis
derselben vorangestellt.
Dem mit der Thematik wenig vertrauten Leser würde ich empfehlen, die Lektüre des
Buches mit Ansgar Martins „Einleitung zu den Anhängen“ zu beginnen und erst danach
den Text Büchenbachers zu lesen. Dieser spricht und steht für sich, unvermittelt und ohne
Einleitung am Anfang des Buches. Büchenbacher konstatiert darin für das Jahr 1934,
„dass [nach seinem Eindruck] ungefähr 2/3 der Mitglieder [in Deutschland] mehr oder
weniger positiv zum Nationalsozialismus sich orientierten.“ – Es gibt Schilderungen im
Text, die man kaum vergessen wird, hat man sie einmal gelesen. So etwa die Szene, in
der Carlo S. Picht in seinem Büro der Stuttgarter Zeitschrift „Anthroposophie“ (die er bis
1933 gemeinsam mit Büchenbacher redigierte) Kristalle unter einem einem Hitlerbild
aufstellt. Büchenbachers Anerbieten, von der Redaktion zurückzutreten, wurde ohne
weiteres von Picht hingenommen.
Der stille Rückzug bzw. „freiwillige“ Austritt von Anthroposophen jüdischer Abstammung
aus der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland 1933/34 und die Reaktion vieler
Mitglieder und Funktionäre ist ein bedrückendes und beschämendes Kapitel; Helmut
Zander schrieb 1999 in seiner NZZ-Rezension des Wernerschen Buches: „Liest man, mit
welcher Bitterkeit er [Büchenbacher] die teilweise bereitwillige 'Bereinigung' des Konfliktes
um jüdische Mitglieder erfuhr, deutet sich die – andere – Perspektive der Opfer an“ –, die
ihm bei Werner zu kurz gekommen war. Ansgar Martins widmet seinerseits dem Schicksal
jüdischer Anthroposophen den – zugegebenermaßen deprimierenden – fünften Anhang
(„Ohne Opfer geht es nicht“: Judentum und Antisemitismus in der Anthroposophie) seines
Buches, mit dem er die Gesamtdarstellung beschließt.
Den ersten Anhang bildet eine „intellektuelle Kurzbiografie“ Büchenbachers, in der sein
anthroposophischer Werdegang, vor allem als Philosoph geschildert wird, sein
Kennenlernen Steiners und der Anthroposophie, sein beruflicher Werdegang, seine
Militärzeit, seine „Karriere“ und historische Einordnung innerhalb anthroposophischer
Organisationen zwischen dem 1. Weltkrieg und seiner Emigration sowie sein Dasein als
geduldeter Emigrant in Dornach.
Im zweiten Anhang reflektiert Martins „einige politische Auseinandersetzungen der frühen
Anthroposophie“, die sich nicht einfach verorten lässt, so dass er mit Recht von einem
„left-right crossover“ (Peter Staudenmaier) spricht. Der heute oftmals wie
selbstverständlich vorgenommenen Zuordnung der Anthroposophie – die sich ja in ihren
Statuten ausdrücklich apolitisch definiert – und der Anthroposophen zum
antidemokratischen, konservativ-reaktionär-nationalen Lager stehen hier einzelne
Beispiele entgegen, die zeigen, dass die politische Orientierung von Anthroposophen
keineswegs einem Automatismus folgt. Steiners politische Aktivitäten in der
„Dreigliederungszeit“ nach dem Ersten Weltkrieg fanden auch bei links denkenden und
fühlenden Menschen Anklang, wenngleich die Führer der in Gewerkschaften und Parteien
organisierten Arbeiterschaft Steiners Ideen als ihren Interessen entgegengesetzt
darstellten. Von extrem rechter, völkisch-nationalistischer Seite wurde Steiner ebenfalls
bekämpft und als Juden- und Kommunistenfreund dargestellt. (Über seine Organisation
der Abwehr eines geplanten Übergriffs auf Steiner 1922 im Münchener Hotel „Vier
Jahreszeiten“ berichtete Büchenbacher öfter, so auch hier im vorliegenden Text.) Es sei
mir an dieser Stelle gestattet, ganz kurz an den „Astral-Marx“ zu erinnern (damit ist Steiner
gemeint), einen „Kursbuch“-Artikel (1979, Nr. 55) von Joseph Huber, der dazumal in
anthroposophischen praktischen Gründungen vieles der sozialistischen Ideale –
ansatzweise – verwirklicht sah. In den 1970ern war ein naiv-unvoreingenommener Blick,
gerade von links-alternativer Seite her, auf die Praxisfelder der Anthroposophie noch
möglich; anders heute, wo sich im linken Diskurs eine oftmals oberflächliche und von
wenig Sachkenntnis getrübte, weitgehend ablehnende steinerkritische Sichtweise
durchgesetzt hat. Huber ließ seinen übrigens nicht unkritischen Text wie folgt enden: „Ich
möchte sagen: über Marx hinaus- und an Steiner nicht vorbeigehen. Vielleicht ist eine
unbefangene Begegnung nicht möglich, aber eine Begegnung überhaupt wäre auch schon
etwas. Wer 1968/69 bei der Begegnung mit Marx gleich „Marxist“ wurde, braucht dies
1978/79 mit Steiner ja nicht gleich zu wiederholen. Spirituelle Gedanken können
spiritistischer Unfug sein, sie können aber auch Inspiration bedeuten. Man kann
schließlich nur dazulernen.“ – Das war vor 35 Jahren...

Roman Boos und der Dornacher Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft


Der spannende dritte Anhang – er bildet gewissermaßen eine Mitte des Ganzen – trägt die
Überschrift: „Die nazistischen Sünden der Dornacher“: Der Vorstand der Allgemeinen
Anthroposophischen Gesellschaft und die Schlüsselfigur Roman Boos 1933. In
Büchenbachers Text kommen zwei Szenen vor, die für mich seit meiner ersten Lektüre
ebenfalls unvergesslich wurden: 1.) Marie Steiners Klage während einer Besprechung in
Dornach über Büchenbachers Lächeln („Das ist furchtbar, dieses Lächeln zu sehen, das
sind die Wogen des Blutes!“), nachdem zuvor über die Tätigkeit ihres damals (1933) in
anthroposophischen Kreisen fleißig pro-nazistisch agitierenden Einflüsterers Roman Boos
gesprochen worden war; dieser war in den 1920ern aufgrund psychischer Probleme
jahrelang nicht in die anthroposophischen Aktivitäten einbezogen worden. Und 2.)
Guenther Wachsmuths Ausruf, er wolle am Goetheanum „keinen Judenstall haben“. In
diesem Kapitel werden nicht nur die mehr oder weniger eindeutigen pro- und
antinazistischen Haltungen der fünf Dornacher Vorstandsmitglieder offenbar, sondern
auch, inwiefern sie im inner-anthroposophischen „Gesellschaftsstreit“, der auf der
Generalversammlung 1935 mit dem Vorstandausschluss von Ita Wegman und Elisabeth
Vreede (die sich später beide für die Rettung jüdischer Mitglieder aus Deutschland
einsetzen sollten) seinen Höhepunkt hatte, eine Rolle spielten. Albert Steffen, dessen klare
Anti-NS-Haltung in seinen Tagebüchern dokumentiert ist, und der verklausuliert
Anspielungen auf den NS in seine Dramen einfließen ließ, enthielt sich als Vorsitzender
allerdings jeglicher Initiative und überließ Wachsmuth und Marie Steiner das Feld, womit
letztlich Roman Boos zum Zuge kam, der in Deutschland umtriebig war und Kontakte zu
NS-Führern wie Hans Frank knüpfte; immer in der Absicht, die Nationalsozialisten von der
Kompatibilität der Anthroposophie mit dem NS zu überzeugen, unter dauernder Betonung
des „wahren Deutschtums“, das so etwas wie die eigentliche Essenz der Anthroposophie
sei. Dass die verschiedenen miteinander konkurrierenden Fraktionen innerhalb des NS
herzlich wenig davon hielten, merkte Boos viel zu spät. – Die Rolle von Boos beleuchtet zu
haben , ist ein besonderes Verdienst der vorliegenden Arbeit. Man darf gespannt sein, ob
überhaupt, und wenn ja, welche Reaktionen gerade dieses Kapitel in der
anthroposophischen Öffentlichkeit nach sich ziehen wird; die Vorstellung, dass auch
politische Beweggründe für das Handeln des Dornacher Rest-Vorstandes mitentscheidend
gewesen sein könnten, ist mit Sicherheit nicht für jeden Anthroposophen leicht zu
verdauen.
Interessant in diesem Anhang sind auch die Ausführungen über die drei antinazistischen
Anthroposophen Ita Wegman, Valentin Tomberg und den mit Büchenbacher befreundeten
Generalsekretär (bis 1933) der dänischen Landesgesellschaft, Johannes Hohlenberg.
Letzterem hatte Marie Steiner 1936 – wohl aus Sorge um eine Kompromittierung des Rufs
der Anthroposophie (bei der deutschen Führung) durch dessen kompromisslose
Ablehnung des Nazismus – die Erlaubnis zum Abdruck von Steinervorträgen in seiner
Zeitschrift „Vidar“ entzogen.

„Aber jetzt würde eben eine richtige Anthroposophische Gesellschaft entstehen“

Martins behandelt im vierten Anhang „Deutsche Anthroposophen in der Zeit des


Nationalsozialismus“. In Büchenbachers Erinnerungstext gibt es eine Stelle, die besonders
eklatant zeigt, wie unvorstellbar weit unter Anthroposophen die Fehleinschätzung der NS-
Führer ging: [Prag, Spätherbst 1937, ein Treffen anthroposophischer Freunde im Atelier
des jüdischen Malers Richard Pollak, der später in Auschwitz ermordet wurde. Der
Christengemeinschaftspriester Eduard] „Lenz berichtete, dass ein kleines Komitee,
bestehend aus dem Priester [Alfred] Heidenreich, Frau Elisabeth Klein, einem Nazi-
Ministerialrat aus Berlin und Dr. Bartsch, mit Gestapo-Erlaubnis eine neue
Anthroposophische Gesellschaft gründen würden. Der Ministerialrat erhielte von Frau
Klein einführende Informationen über Anthroposophie. Auf die Frage eines jüdischen
Mitgliedes, ob dann Frau Klein auch den Ministerialrat über Reinkarnation und Karma
informieren würde, erwiderte Pfarrer Lenz, dass ein solcher Unterricht natürlich mit einem
gewissen Takt gegeben werden müsse. Dass die Anthroposophische Gesellschaft in
Deutschland verboten worden sei, wäre ja schließlich nicht schade, denn sie sei doch im
Grunde nur ein Verein von alten Tanten gewesen. Aber jetzt würde eben eine richtige
Anthroposophische Gesellschaft entstehen. Ich sprach an diesem Abend kein Wort,
sondern hörte alles mit Interesse an.“ – Martins führt als Ausnahme vom Verhalten
nichtjüdischer deutscher Anthroposophen das Beispiel des Stuttgarter Waldorflehrers
Hermann von Baravalle an, der anders als die überwiegende Mehrheit Nazideutschland
verließ und zunächst in die Schweiz, später in die USA emigrierte.
Die Hoffnung deutscher Anthroposophen, dass irgendwann das richtige, eigentliche,
wahre und gute Deutschtum sich doch allmählich im NS durchsetzen werde und die
Unsicherheit, ob bzw. wie weitgehend man sich um des Fortbestandes der bestehenden
anthroposophischen Einrichtungen und Initiativen willen anpassen und mit dem NS-
System arrangieren sollte, kommen in diesem Anhang immer wieder zum Ausdruck. Die
Fokussierung des Blicks auf das Verbindende, Gemeinsame, gar Identische des eigenen,
anthroposophischen Spirituellen mit einem angenommenen „guten Kern“ des NS führte zu
einer Blindheit für die Wahrnehmung der tatsächlichen Gegensätze und für die Bosheit
des Nationalsozialismus. Der NS wurde vielleicht als nicht genügend deutsch und geistig
bewertet, gleichwohl wandte er sich doch (so mag man empfunden haben) auch gegen
Materialismus und Rationalismus und führte „geistige“ Werte im Schilde. Man kämpfte
doch gegen dieselben Feinde... so dachte man. Die amerikanische Autorin Karen
Priestman hat in ihrer Dissertation (2009) diese auf eine allmähliche Veredelung und
Vergeistigung des NS hoffende, aber die Realität verkennende Grundhaltung passend mit
dem Begriff „Illusion of Coexistence“ bezeichnet. Die kontrovers diskutierte und
unterschiedlich beantwortete Frage, wie weit Kompromisse mit dem NS gehen durften
oder sollten, ist eines von vielen Beispielen für das Dilemma, in das viele Anthroposophen
sich ungewollt geworfen sahen. – Man muss Martins nicht in allen seinen Urteilen
zustimmen (etwa was die Vorführung von Eurythmie-Stabübungen abgeht), es ist aber zu
wünschen, dass sie Anlass zu einer fruchtbaren selbst-kritischen Auseinandersetzung
werden. –

Vorschlag zur Güte

Helmut Zander schrieb 1999: „Über das Verhältnis von Distanz und Nähe von
Anthroposophen und Nationalsozialismus in einzelnen Fragen ist wohl noch nicht das
letzte Wort gesprochen.“ Das letzte Wort wird auch jetzt nicht gesprochen sein, mit Ansgar
Martins Buch liegen aber auf jeden Fall zahlreiche neue Beurteilungskriterien zur
Beantwortung dieser Frage vor. Dafür ist ihm uneingeschränkt zu danken und es steht zu
hoffen, dass die zahlreichen im Buch angestoßenen Fragen und mancher nur gestreifte
Hinweis eine gründliche Erarbeitung und nachfolgend auch Veröffentlichungen nach sich
ziehen werden. – Vieles könnte in dieser Buchempfehlung noch hervorgehoben werden,
doch will ich dem Leser nicht das Staunen und auch Erschrockensein angesichts zahlloser
detaillierter Schilderungen und Schicksale nehmen; deshalb – und auch, damit ich jetzt
zum Ende kommen kann – sei es hiermit nun gut.
Wer Ansgar Martins verdienstvolle Arbeit gelesen hat, wird viele Dinge in
anthroposophischen Zusammenhängen mit anderen Augen sehen können und einen
kritischen Blick gewonnen haben. Kritik ist ein Hinzugewinn und eine Bereicherung. Das
sollten sich Kritiker von Anthroposophie-Kritikern wie Martins (aber auch Zander und erst
recht Staudenmaier) immer vor Augen halten. Kritiker als Gegner oder gar Feinde zu
titulieren mag zwar – leider und immer noch – typisch anthroposophisch sein, für mich ist
es schlicht unwissenschaftlich und unanthroposophisch.

Hans-Jürgen Bracker