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taz 🐾 am wochenende sonnabend/sonntag, 5./6.

juni 2021 hausbesuch 23


Sie will
etwas
bewirken:
Priya Basil
in ihrer
Wohnung
in Berlin

Verwoben
mit Mutter
und
Großmutter

Für die Schriftstellerin Priya Basil heißt Gastfreundschaft, Dinge stets aus neuen Perspektiven zu sehen. Das gilt auch für
die Geschichte ihrer Familie. Als Kind indischer Eltern ist sie in Nairobi und London aufgewachsen. Heute lebt sie in Berlin

Von Lea De Gregorio (Text) und Heike Steinweg (Fotos)

P
riya Basil sagt, jede tungen der Frauen hätten sie Komplizin: Ihre Familie habe diese Branche entschieden Text und Textil
kann aufsaugen, geprägt. Wichtig sei es aber, sich in einer „sonderbaren Situa- habe“, sagt sie. „Ich dachte, es ist haben etwas
was sie will, und nichts nachzuahmen, sondern tion“ befunden: Als Inder waren kreativ und ich würde gut ver- miteinander zu
sein, wer sie will. Zu „herauszutreten und etwas an- sie Kolonialisierte, als indisch- dienen, aber es war so oberfläch- tun, findet sie.
Besuch bei einer Au- ders zu sehen“. Basil hat Gast- stämmige Briten Kolonialisten. lich.“ Sie brach aus, der Umzug Beides
torin, die versucht, freundschaft als politische und Basil spricht von „Komplizen- nach Berlin machte es leicht. verwebt
sich von ihren Prägungen zu soziale Idee untersucht und da- schaft“. Bei ihrer Großmutter sei
befreien. rüber ein Buch geschrieben. Es es viel um Hautfarbe gegangen, Liebe: Matti lernte sie im Ita-
heißt „Gastfreundschaft“. Das darum, dass ihr Basils Mutter zu lienurlaub kennen. Ein Deut-
Draußen: Eine ruhige Ge- Wort „bedeutet für mich, offen dunkel sei. Basil spricht von ei- scher, zwölf Jahre älter, nicht
gend in Berlin-Mitte. Eine Frau zu sein für das, was kommt“. Das ner „Hierarchie der Schönheit“, indisch, er war geschieden. Ba-
nimmt ein Kind an die Hand, ist auch ihre persönliche Ma- sagt: „Sie war vom kolonialen sil erzählt, dass die Familie mit
das schreit. Ein Mann, vielleicht xime. Sie übt sich stetig darin, Erbe geprägt.“ ihm zunächst nicht einverstan-
der Vater, schiebt den Kinder- Dinge aus verändertem Blick- den war. Basil wuchs in der in-
wagen. Ein echter Frühlingstag. winkel zu sehen. Bildung: Mit 16 ging Basil auf dischen Community in Kenia und Handeln mit anderen sich dem weniger Angst, allein zu
Die ersten Menschen laufen im ein Internat in England. Über mit traditionellen Familien- selbst entdeckt“. Inspiriert hat sein.“ Das klinge wie ein Wider-
T-Shirt rum. Priya Basil öffnet, Kosmopolitin: 1977 wurde sie in Kolonialismus habe sie dort und Rollenbildern auf – und sie vor allem die Idee der Plu- spruch, sei aber keiner. Gemein-
fragt: „Wie geht’s?“ und bietet London geboren – als Kind indi- kaum etwas gelernt, mehr über mit vielen Religionen. Die indi- ralität von Hannah Arendt und schaft ist ihr wichtig – und po-
das Du an. scher Eltern. Als sie ein Jahr alt den Holocaust. Studiert hat sie sche Community sei vielfältig deren damit verknüpfte Vorstel- litisches Engagement. Darum
war, zog die Familie nach Kenia. danach englische Literatur in gewesen, ihre beste Freundin lung von Macht, die durch das hat sie auch die Vereinigung Au-
Drinnen: Regale voller Bücher, Sie führten ein Leben zwischen Bristol. „Vieles, was ich in mei- war Muslimin. Zugleich gab es Zusammenkommen vieler ent- thors for Peace gegründet: „Ich
viele von Frauen. Basil zeigt eine England und der indischen Sikh- nem Leben gelesen habe, war Spannungen. „Es gab eine Nähe steht. Basil sagt: „Das hat mich dachte, wenn ich etwas mit an-
Ausgabe der Modezeitschrift Community in Nairobi. Als das eurozentrisch und männlich.“ und gleichzeitig Distanz“, sagt wirklich verlockt.“ deren tue, wird es wirksamer
Vogue, in der auch sie abgebil- ostafrikanische Land noch briti- Basil. „Meine Eltern haben ge- sein.“
det ist. Es grüßt Matti, Basils sche Kolonie war, sind viele von Wege: Nach dem Studium ar- sagt, du kannst niemals einen Textil: Auch beim Schreiben
Mann. Seit 2010 wohnen sie in Indien dorthin gezogen, um für beitete sie zunächst in der Wer- Muslim oder einen Weißen oder gehe es ihr um „die Macht der Alt werden: Die Angst vor der
der Wohnung. Und sie wollen die Kolonialregierung zu arbei- bebranche. „Es ist für mich er- Schwarzen heiraten.“ vielen Stimmen“, die zusam- Einsamkeit macht Basil zu
nicht weg – wegen der Nachba- ten. So auch ihre Großeltern. staunlich, dass ich mich für menkommen. Basil spricht da- schaffen. Sie fürchtet sich da-
rinnen und Nachbarn, sagt Ba- Schriftstellerin: Ihr erster Ro- von, dass Text und Textil et- vor, alleine alt zu werden, weil
sil. „Freunde sind wichtig“, sagt man handelt von einem Fami- was gemeinsam haben: „Die ihr Mann älter ist. Basil geht da-
ihr Mann. liengeheimnis, einem uneheli- Idee der Vielstimmigkeit, dass von aus, dass sie ihn überlebt.
chen Kind. Auch ihre Großmut- Dinge verwoben sind.“ Basil „Ich denke fast jeden Tag darü-
Im Garten: Überall weiße Blü- ter hat eine uneheliche Tochter verknüpft Theoretisches gern ber nach, weil meine Mutter al-
ten, die vom Baum fallen. Das – und hielt das geheim. „Die mit dem Alltäglichen, dem Per- leine lebt.“ Ihre Eltern sind ge-
Gespräch findet wegen der Pan- Frauen in unserer Familie konn- sönlichen, dem Hadern mit ih- schieden. Während ihre Groß-
demie draußen statt. Basil stellt ten nicht solidarisch miteinan- rem Umfeld und den Kämpfen mutter in einer Ehe verharrt sei,
einen Tisch ins Gras, darauf: der sein“, sagt Basil. „Das Bedürf- mit sich selbst. So auch in ihrem die sie nicht glücklich machte,
Muffins und Marzipan. „Ich bin nis, das Gesicht nicht zu verlie- neuen Buch „Im Wir und Jetzt. habe ihre Mutter den Mut auf-
damit aufgewachsen, dass nie- ren, war wichtiger, als sich zu Feministin werden“. gebracht, sich zu trennen. Basils
mand als Gast kommen und unterstützen in einem patriar- Geschwister leben verstreut, der
ohne Essen wieder gehen kann“, chalen System.“ Vogue: Solidarität unter Frauen Bruder in Kenia, die Schwester
sagt sie. erlebte sie während eines Pro- in Australien. Die Mutter esse al-
Erinnerung: In Deutschland jektes für die Vogue. Gemeinsam lein „mit Geräuschen vom Fern-
Die Maximen: Eine gute Gast- habe sie begonnen, sich über mit anderen aus der gemeinnüt- seher“.
geberin sein – in ihrer Fami- Kolonialismus und Erinne- zigen Organisation „Wir machen
lie war das wichtig. Der Mut- rungskultur stärker Gedanken das“ gestaltete sie eine Ausgabe Glück: Basil entschied mit 30,
ter, „Mitgründerin einer Be- zu machen – ausgehend von der der Modezeitschrift. Basil setzte keine Kinder zu bekommen.
nimmschule“, ging es darum, Sichtbarkeit des Holocausts im sich mit der Beziehung zu Klei- „Ich hatte nicht das Gefühl, dass
alles perfekt und den anderen Berliner Stadtbild. Sie begann dung auseinander. „Es war die ich das brauche“, sie sei zufrie-
recht zu machen. Ihre Großmut- auch, ihr Leseverhalten zu än- Bereitschaft, in dieses Kraftfeld den, wenn sie schreiben kann
ter Mumji wiederum wollte ge- dern, las viele Übersetzungen. des Kapitalismus, des Sexismus, und Freundschaften habe. Ihre
lobt werden – und in der Kü- Und: „In den letzten Jahren habe des Rassismus zu treten und zu Großmutter habe dafür kein
che zugleich so etwas ausüben Priya Basils ich versucht, nur Bücher von versuchen, dem zu widerste- Verständnis. „Sie kann sich nicht
wie Macht. „Die Küche war das Motto: dass Frauen zu lesen.“ hen und daraus etwas anderes vorstellen, dass jemand ein Le-
Feld, wo sie wirklich geherrscht man etwas zu machen.“ Da war sie wieder, ben ohne Kinder hat und den-
hat. Man musste immer mehr auch anders Vorbild: Basil gefällt die Vorstel- die Macht der Vielen, von der noch glücklich und zufrieden
essen, als man will.“ Diese Hal- sehen kann lung, „dass man beim Denken Arendt spricht. „Ich habe seit- sein kann.“ Sie sieht das anders.