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Chinesisch-Deutscher Imagereport

Sprache und Wissen

Herausgegeben von Ekkehard Felder

Wissenschaftlicher Beirat
Markus Hundt, Wolf-Andreas Liebert,
Thomas Spranz-Fogasy, Berbeli Wanning,
Ingo H. Warnke und Martin Wengeler

Band 28
Chinesisch-Deutscher
Imagereport

Das Bild Chinas im deutschsprachigen Raum aus


kultur-, medien- und sprachwissenschaftlicher
Perspektive (2000–2013)

Herausgegeben von
Friedemann Vogel und Jia Wenjian
ISBN 978-3-11-054208-0
e-ISBN [PDF] 978-3-11-054426-8
e-ISBN [EPUB] 978-3-11-054228-8
ISSN 1864-2284

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Inhalt
Vorwort der Herausgeber   IX

Zur Einführung

Friedemann Vogel und Jia Wenjian


Das Bild Chinas im deutschsprachigen Raum
Ein Forschungsüberblick zu Ethnostereotypen und Vorurteilen
über das „Reich der Mitte“ und Perspektiven für die interkulturelle
Kommunikation   3

Das Bild Chinas in der deutschsprachigen Presse:


Überblicksanalysen

Caja Thimm
China im Spiegel der Printmedien – Zwischen Verdammung und Überhöhung?
Medieninhalte und Expertenperspektiven zur Berichterstattung in
Deutschland   29

Friedemann Vogel
Linguistische Imageanalyse Chinas
Theoretisch-methodische Grundlagen und exemplarische Analyse   48

Das Bild Chinas in der deutschsprachigen Presse:


Fokusstudien I – korpuslinguistische Zugänge

Li Jing
„Reich der Mittel“
Linguistische Imageanalyse zu Chinas Wirtschaft (2000–2013)   73
VI   Inhalt

Elisa Lang
„China wirkt ja vor allem so bedrohlich und unsympathisch, weil die Chinesen
so übermotiviert sind, so ekelehrgeizig.“
Chinesische Bildung in deutschen Medien   102

Marcus Müller und Maria Becker


Von Hunden, Hürden und Brücken
Tropen der deutsch-chinesischen Begegnung im kulinarischen
Diskurs   119

Das Bild Chinas in der deutschsprachigen Presse:


Fokusstudien II – Inhalts- und Diskursanalysen

Zhao Jin
Die Wechselwirkung des Selbstbildes und des Fremdbildes
Analyse von Medienberichten zu Sino-Afrika-Beziehungen   139

Zhou Haixia
Das Bild von Überseechinesen in den deutschen Leitmedien
Analysiert am Beispiel von DIE ZEIT und DER SPIEGEL (2000–2010)   154

Su Fu
Kontrastive Untersuchung zu den medial konstruierten Tibetdiskursen
Am Beispiel deutscher und chinesischer Enzyklopädien   172

Liang Shanshan
Die Dynamik von Stereotypen
Analyse der Deutschland-Stereotype im chinesischen Nachrichtenmagazin
„Lifeweek“    187

Li Yuan und Ye Xiangmei


Das politische Chinabild
In der Berichterstattung im Spiegel anlässlich des Nationalen
Volkskongresses von 2003 bis 2013   204
Inhalt   VII

Das Bild Chinas in visuellen und audiovisuellen Medien:


Werbung, Comics, Film

Friedemann Vogel und Maximilian Haberer


Das China-Image in der deutschsprachigen Werbung
Multimodale Formen und Funktionen eines asiatischen Ethnostereotyps in
persuasiven Verwendungskontexten   229

Monika Lehner
Graphisches Erzählen über China
Chinabilder in Comics und Graphic Novels   257

Chen Zheng
Interkulturelle Analyse der kommunikativen Wirkung chinesischer Image-Filme
Vergleich einer chinesischen mit einer deutschen Zielgruppe   282

Anhang

Chinesische Zusammenfassungen der Beiträge – 论文的中文总结   299

Autorenverzeichnis   312
Vorwort der Herausgeber
Der vorliegende Band dokumentiert das vorläufige Zwischenergebnis eines drei-
jährigen Forschungsprojektes (2014–2016) unter dem gleichnamigen Titel „Chine-
sisch-Deutscher Imagereport“ in Kooperation der Beijing Foreign Studies Univer-
sity (China, unter Leitung von Prof. Dr. Jia Wenjian) und der Universität Freiburg
(Deutschland, unter Leitung von Prof. Dr. Friedemann Vogel). Ziel des Projektes
wie auch dieses Bandes war und ist erstens, einen Überblick über die bisherige
Forschung zu Ethnostereotypen über China bzw. Chinesen in der deutschspra-
chigen Medienöffentlichkeit zu gewinnen. Zweitens geht es um die interdiszipli-
näre Entwicklung und Durchführung kontrastiver linguistischer Imageanalysen
zur computergestützten, semiautomatischen Untersuchung von Ethnostereoty-
pen (insb. Chinas und Deutschlands) auf Basis sehr großer Sprachdatenmengen
(Textkorpora), wie sie in diesem Band auch exemplarisch vorgestellt werden.
Drittens unternehmen wir hier den Versuch, auf Basis des aktuellen Forschungs-
standes vorsichtige Schlussfolgerungen und Empfehlungen für die zukünftige
deutsch-chinesische, interkulturelle Kommunikation und Zusammenarbeit zu
formulieren. Sollte es uns gelingen, mit diesem Band zu einer weiteren Sensi-
bilisierung für bestehende Stereotype, Vorurteile und ihre medialen, musterhaft
erscheinenden Formen und damit letztlich zu einer besseren Kulturverständi-
gung beizutragen, wäre viel gewonnen.
Wir bedanken uns an dieser Stelle bei dem Deutschen Akademischen Aus-
tauschdienst (DAAD) und dem China Scholarship Council (CSC) für die dreijäh-
rige finanzielle Förderung, die uns und zahlreichen Nachwuchswissenschaft-
lerInnen eine gute Basis für die Zusammenarbeit ermöglicht hat; dem National
Social Science Fund of China (No. 14@ZH036) danken wir besonders auch für
die Finanzierung dieses Bandes. Dank gilt auch dem Reihenherausgeber, Prof.
Dr. Ekkehard Felder (Heidelberg), für die Aufnahme des Bandes in die Reihe
„Sprache und Wissen“, und Tang Meng (Beijing) für die umsichtige Übersetzung
der erweiterten Aufsatzabstracts ins Chinesische. Dank gilt schließlich allen
Beteiligten, die zum Gelingen dieses transnationalen und interdisziplinären Pro-
jektes beigetragen haben.

 März 2017 in Freiburg und Beijing,


 Friedemann Vogel und Jia Wenjian

DOI 10.1515/9783110544268-203
Zur Einführung
Friedemann Vogel und Jia Wenjian
Das Bild Chinas im deutschsprachigen Raum
Ein Forschungsüberblick zu Ethnostereotypen und Vorurteilen
über das „Reich der Mitte“ und Perspektiven für die
interkulturelle Kommunikation

1 Einführung
Wissen über fremde Länder, Völker und Kulturen fasziniert die Menschen seit
jeher. Genauso lange sind die Zugangsmodalitäten für solches Wissen sozial und
medial determiniert. Zu einer Zeit, in der Reisemobilität ein wertvolles und kost-
spieliges Privileg darstellte, speiste sich das Wissen über „das Fremde“ vor allem
aus Erfahrungsberichten und Reisedokumenten in der Regel von einer kleinen
Gruppe Wohlhabender (vgl. zu China etwa Liu 2001). Der absoluten Mehrheit der
Bevölkerung war ein eigenes Bild mangels direkten Zugangs verwehrt. Mit der
Technisierung des 19.  Jahrhunderts und der Mediatisierung aller Lebensberei-
che (insb. durch Presse, Rundfunk, Fernsehen und Internet) spätestens ab der
zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts änderte sich das grundlegend. Auch wenn
Reisen mit dem Zug oder Flugzeug mittlerweile für die soziale Mittelschicht
erschwinglicher wurden, bildeten (und bilden) diese Massenmedien bis heute
den zentralen Zugang zum „Anderen“ (Butterwegge 2006; Ernest W. B. Hess-
Lüttich 1992; Luhmann 2004). Dies wäre kein Problem, würden von den Rezi-
pientInnen zugleich auch die jeweiligen Konstitutionsbedingungen, die interne
Arbeitslogik dieser Wissensarchive (im Sinne Foucaults) reflektiert. Tatsächlich
werden die Faktoren, nach denen mediale Wahrheit – das heißt weitreichende
Annahmen über die Beschaffenheit der Welt als „historisches Apriori“ (Foucault
1974, S. 204) – diskursiv konstituiert wird, meist völlig ausgeblendet.

Anmerkung: Der Beitrag wurde unter anderem unterstützt durch den National Social Science
Fund of China (No. 14@ZH036).

Vogel, Friedemann, Prof. Dr., Juniorprofessor für Medienlinguistik, Institut für Medienkulturwis-
senschaft, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Deutschland
Jia, Wenjian, Prof. Dr., Professor für Interkulturelle Kommunikation, Prorektor für Lehre, Beijing
Foreign Studies University (BFSU), China

DOI 10.1515/9783110544268-001
4   Friedemann Vogel und Jia Wenjian

Aus einer mitteleuropäischen Perspektive gilt dies insbesondere und in


durchaus fataler Weise für die mediale Konzeptualisierung und Stereotypisie-
rung der chinesischen Kultur(en). Während in Deutschland wohl niemand auf
den Gedanken käme, Spanier, Deutsche und Norweger in einen habituellen Topf
zu stecken, so scheint dies in der Berichterstattung über China und Chinesen
weitestgehend Normfall zu sein (sieht man von einzelnen Kommentaren zur Min-
derheiten-Politik in China ab). Mangelnde Differenzierung aber ist die erste Vor-
aussetzung für Missverstehen und Ablehnung. Umso wichtiger ist es, bestehende
Schematisierungen in Medien aufzuspüren, transparent und einer analytischen
Kontrolle zugänglich zu machen. Die Beiträge in diesem Band sollen hierzu einen
Beitrag leisten.
Im Folgenden werden wir zunächst den Begriff des Stereotyps näher kontu-
rieren (2) und die bisherige Forschungsliteratur zum China-Bild in deutschspra-
chigen Medien zusammenfassen (3). Anschließend stellen wir Thesen zu Risiken,
aber auch Chancen der medialen Stereotypisierung zur Diskussion (4), ehe wir
die Beiträge in diesem Band kurz umreißen (5).

2 Stereotype und Methoden ihrer Untersuchung


Stereotyp, Vorurteil, Klischee, Allgemeinplatz, Abklatsch usw. – Solche und bedeu-
tungsähnliche Ausdrücke unserer Gemeinsprache begegnen uns tagtäglich in
der zwischenmenschlichen und medial vermittelten Kommunikation. Sie sind
in ihrer sprachlichen, äußerlich wahrnehmbaren Form ein Symptom (im Sinne
von Bühler [1934] 1999, S. 28) für soziale Klassifizierungsprozesse, die Personen
und Personengruppen untereinander sich einschließend oder sich untereinan-
der abgrenzend sortieren und mittels Zeichen als kollektiv bekannt auszeichnen.
Dieser Zusammenhang ist in der Stereotypenforschung – vor allem von Psycholo-
gie, Soziologie und Ethnographie – hinreichend gut modelliert (vgl. umfassend:
Merkens 2000; Nelson 2006; Rösch 2001; Feilke 1989) und kann wie folgt zusam-
mengefasst werden:
Stereotype sind (sozial-)kognitive Wissensrahmen (Barsalou 1992; Minsky
1975), die maßgeblich unsere Wahrnehmung der Welt prägen. Als schematisier-
tes Wissen (zum Schema-Begriff vgl. Rumelhart 1975) sind sie zunächst nur Teil
eines hierarchisch und prototypisch organisierten Netzwerks aus Eigenschafts-
zuschreibungen (X → Y → Z → …). So wissen wir – in industrialisierten Kultur-
kreisen –, dass es Fahrzeuge zum Transport von Personen oder Sachen gibt. Wir
wissen auch, dass Fahrzeuge für diesen Transport, d. h. um sich in Bewegung zu
setzen, Energie benötigen. Wir kennen verschiedene Energieformen, von denen
 Das Bild Chinas im deutschsprachigen Raum   5

wir wissen, dass sie zum Antreiben von Maschinen genutzt werden können:
Menschliche Muskelkraft, Holz und Kohle in Verbindung mit Wasser und Ther-
modynamik, Benzin oder Diesel, Strom oder einfach nur der Wind. Das Stereotyp
von einem Verkehrsfahrzeug zum Transport von Menschen Ende des 19.  Jahr-
hunderts war jedoch ein „Dampfwagen“, in den 1980er Jahren ein „Benziner“
und heute gibt es mehr und mehr Elektrofahrzeuge. Das Beispiel macht deut-
lich, dass bestimmte Eigenschaftsketten in der Abhängigkeit von Zeit und Raum
‚stabiler‘ oder ‚typischer‘ sind als andere. Mit anderen Worten: Die Eigenschaften
(z. B. Energiequelle), die uns mit Blick auf eine Person oder einen Gegenstand
(z. B. Fahrzeug) als erstes einfallen, sind prototypischer als andere, durch aktives,
evaluierendes Erinnern zugängliche Eigenschaften. Das Stereotyp einer Person,
einer Gruppe oder eines Gegenstands besteht  – heuristisch gesehen  – aus den
Eigenschafts-Prototypen der jeweiligen Kategorie.
Wir unterscheiden an dieser Stelle zwischen Stereotypen als wertneutralem
Oberbegriff für eine bestimmte, prototypisch gewichtete Wissensform und Vorur-
teilen. Letztere sind solche Stereotype, die sich in einer abwertenden Weise auf
eine Person, eine Gruppe oder einen Sachverhalt in der Welt beziehen (Konerding
2006). Sprachliche Realisierungen von Vorurteilen sind etwa Alle Deutschen sind
Nazis oder Chinesen essen Würmer.
Stereotype sind – soweit wir wissen – weder angeboren, noch folgen sie meta-
physischer (göttlicher, übernatürlicher usw.) Eingebung, sondern sie werden
wie jedes andere Wissen durch Sozialisierung erlernt. Eine wichtige Rolle für
die Aneignung von Stereotypen spielt die regelmäßige, direkte Kommunikation
(z. B. im Gespräch face-to-face) mit vertrauten Bezugspersonen (Ingroup, „peer-
groups“), insbesondere Eltern, Familienmitgliedern, Lehrern, Freunden und
engeren Bekannten, also Personen und Gruppen, denen eine kontinuierliche,
intensive und auch emotional gefärbte Orientierungsfunktion für die Einordnung
und Bewertung unserer (sozialen) Welt zukommt (zur sog. „Kontakthypothese“
vgl. Nelson 2006, S. 262). Dabei lässt sich die Übernahme von Stereotypen  –
etwa die elterliche Sicht auf bestimmte gesellschaftliche Gruppen oder Sachver-
halte – weniger als kontrollierter Lernvorgang verstehen, denn mehr als passive
Aneignung. Stereotypes Wissen wird auch ‚auswendig gelernt‘, mehr noch aber
durch kontinuierliche, ‚alltägliche‘ Präsentation inkorporiert, zu Eigen gemacht,
schlicht deshalb, weil es unsere ‚natürliche‘, ‚vertraute‘ Umgebung bildet und
damit als ‚normal‘ angenommen wird (zur diskursiven Herstellung des Normalen
vgl. auch grundlegend Link 2013).
Eine weitere wichtige, wenn heutzutage nicht sogar die viel wichtigere Quelle
für die Aneignung von kulturellen Stereotypen bildet die mediale Berichterstat-
tung. Medien  – Zeitungen, Radios, Fernsehen, Blogs, Wikipedia, Social Media
usw. – beliefern die Menschen in industrialisierten Kulturen heute nahezu lücken-
6   Friedemann Vogel und Jia Wenjian

los mit Informationen zu allen erdenklichen Themen weit über den individuellen
direkten Wahrnehmungs- und Handlungshorizont hinaus. Der vielzitierte Satz
„Was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen,
wissen wir durch die Massenmedien.“ (Luhmann 2004, S. 9) bringt es auf den
Punkt: Vor allem diejenigen Sachverhalte, aber auch Gruppen, Völker, Lebens-
weisen usw., zu denen uns ein direkter Kontakt verwehrt bleibt, kennen wir allein
medienvermittelt. Medien tragen damit zu einer grundlegenden Kohärenz in der
Wahrnehmung von Kultursemantik und zur Normalisierung von Erwartungen
und Handlungsoptionen bei (K. Merten 1994; Krämer 1998; Hans-Bredow-Institut
für Medienforschung an der Universität Hamburg 2008; Meyer 2004; Dreesen et
al. 2012). Mit anderen Worten: Wer Zugang zu den Produktions- und Distributi-
onswegen von Massenmedien und Mediendiskursen besitzt, hat damit potentiell
(nicht automatisch faktisch1) auch weitreichenden Einfluss auf das Denken und
Handeln der Bevölkerung. Eine rechtlich garantierte Medienvielfalt und Mei-
nungsäußerung – wie sie etwa in Deutschland existiert – sollte diese Gefahr einer
zunehmenden Homogenisierung eigentlich verhindern. Die globale Marktlibera-
lisierung des Mediensektors zeigt jedoch seit einigen Jahrzehnten eine gegen-
läufige Tendenz, zunächst in Form einer Akkumulation unabhängiger Medien
(Zeitungen, Radios usw.) durch Übernahme weniger global agierender Medien-
konzerne (wie Springer, Bertelsmann u. a.) sowie durch Aussterben regionaler
und lokaler Angebote (dazu ausführlich Prott 1994). Die wenigen verbleibenden
Einzelmedien zwingt die Rationalisierung zu einer internen Arbeitslogik, die
immer häufiger auf eigenständige Recherche vor Ort, Quellenprüfung und Auto-
renvielfalt verzichtet und stattdessen Agenturangebote übernimmt. An die Stelle
sorgfältiger Themenabwägung und Hintergrundinformationen treten Event- und
Gelegenheitsjournalismus (wobei die Events und Gelegenheiten auch noch selbst
geschaffen werden, vgl. Knobloch und Vogel 2015). Die Entwicklung des Internets
und dort die ressourcengünstige Publikation von unabhängigen, weltweit leicht
zugänglichen Homepages oder Blogs und insbesondere das „Web 2.0“ (d. h. jeder
Leser ist potentiell auch Autor) boten in den ausgehenden 90er und ersten 2000er
Jahren wiederum eine Alternative –, doch im Geflecht aus staatlichen, ökonomi-
schen und militärischen Interessen, sich das Netz anzueignen, schaffen sich nur

1 Medienrezipienten sind Massenmedien nicht einfach passiv ausgeliefert, sie haben durchaus
die Möglichkeit, Informationen zurückzuweisen, Nachrichten zu filtern, kritisch zu prüfen usw.
Das in manchen Teilen der Kommunikationswissenschaft zu findende Diktum, Medien „wirk-
ten“ auf Menschen, unterstellt häufig ein verkürztes, an die informationstechnische Datenüber-
tragung angelehntes Zeichen- und Kommunikationsmodell, das moderne Grundlagen der Kog-
nitions- und Sprachpsychologie völlig ausblendet.
 Das Bild Chinas im deutschsprachigen Raum   7

wenige Angebote eine nachhaltige Grundlage (Rilling 1998). Vor diesem Hinter-
grund gewinnt die medienvermittelte Produktion und Verteilung von Stereotypen
eine besondere Relevanz und Brisanz.
Einmal erworben, erfüllen Stereotype wichtige Funktionen im (sozial-)kog-
nitiven Haushalt ihrer Träger: Als leicht abrufbare Rahmen erleichtern sie die
Verarbeitung von Handlungsoptionen und die Lösung von Entscheidungsfin-
dungsprozessen, insofern sie die – prinzipiell unendlich komplexe – Wahrneh-
mungswirklichkeit schematisch (d. h. auch vereinfachend, pauschalisierend,
vom Einzelnen abstrahierend) aufbereiten und damit eine effiziente, erprobte
und von anderen Kulturangehörigen antizipierbare Handlungsgrundlage bereit-
stellen. Auf diese Weise erst ist es möglich, mit beschränkten kognitiven Ressour-
cen in kurzer Zeit etwa auf einem Gemüsemarkt im dichten Gedränge mit anderen
Kunden seinen Bedürfnissen  – nämlich dem Einkauf  – nachzukommen. Diese
Vorgänge sind also hochgradig automatisiert, ritualisiert (Goffman 2002 [1967])
und laufen überwiegend unbewusst ab. Die kognitive Entlastung durch Stereo-
type wird meist nur dann bewusst, wenn sie fehlt: z. B. als Reisender in einem
fremden Land, als Gast in ungewohnter Umgebung oder als Milieufremder. Die
Rede ist dann etwa von „fehlender Routine“ oder „Überforderung“.
Insofern Stereotype die Wahrnehmung vereinfachen, tendieren sie auch
dazu, sich selbst zu stabilisieren, sich gegen Veränderung zu immunisieren:
wahrnehmbare Aspekte der sozialen Lebenswirklichkeit, die bestehenden Ste-
reotypen widersprechen, werden schlicht ausgeblendet, um eine einfache Ent-
scheidungsstruktur aufrecht zu erhalten.
Stereotype sind in ihrer Ausprägung gruppen- (milieu-) und kulturspezifisch.
Ein typischer Restaurantbesuch sieht – im Hinblick auf Handlungsabläufe, invol-
vierte Personen, Sitzanordnung, Essenswahl, Bezahlung, Trinkgeld usw.  – für
einen in Berlin Aufgewachsenen deutlich anders aus als für einen in Madrid,
Beijing oder Kapstadt Sozialisierten. Zahlreiche Probleme der interkulturellen
Kommunikation lassen sich auf unkontrollierte, d. h. von den Interaktanten nicht
reflektierte kulturspezifische Stereotype zurückführen (vgl. etwa Kotthoff 1993;
Günthner 1994; Busch 2007). Sie führen vor allem dann zu Missverständnissen,
Unmut und ggf. Konflikten, wenn grundlegende Annahmen über die Erwartbar-
keit von (un)angemessenen Verhaltensregeln voneinander abweichen.
Die Untersuchung von Stereotypen gestaltet sich – so wie jede Wissensana-
lyse – insofern schwierig, als dass Wissen nie direkt, sondern immer nur mittel-
bar auf symptomatischer Ebene beobachtbar ist. Methodologisch finden sich in
der Stereotypenforschung im Wesentlichen drei Ansätze:
1. Mit Hilfe von Befragungstechniken (Fragebogen, Interviews) kann der Wis-
sensstand erfragt werden, entweder auf einer Metaebene (‚was glauben die
Befragten zu wissen‘) oder indirekt in Form von sachbezogenen Wissensfra-
8   Friedemann Vogel und Jia Wenjian

gen. Die Beiträge von Caja Thimm und Chen Zheng in diesem Band beruhen
teilweise auf dieser Methode. Befragungstechniken kämpfen in der Regel mit
verschiedenen Herausforderungen, die vor allem aus der Interaktion zwi-
schen Fragenden und Befragten heraus entstehen. Selbsteinschätzungen
von Probanden können mangels Reflexionsfähigkeit falsch oder unvollstän-
dig sein oder  – noch problematischer  – der Befragte kann sich so äußern,
wie er glaubt, dass er aus Höflichkeit, Eitelkeit oder allgemeiner Akzeptanz
antworten sollte (Soziale Erwünschtheit, vgl. Edwards 1957).
2. Ethnographische Studien versuchen häufig, von beobachtbaren Verhal-
tensmustern auf zugrundeliegende stereotypisierte Wissensrahmen rück-
zuschließen. Beobachtungsstudien erlauben, Selbsteinschätzungen von
Befragten zu eigenem Wissen und Verhalten mit deren tatsächlichem Ver-
halten in der Praxis zu kontrastieren. Bei ihrer Umsetzung – zum Beispiel in
Form teilnehmender Beobachtung – stellen sich jedoch ähnliche Schwierig-
keiten wie in Befragungssituationen infolge der körperlichen oder technisch
vermittelten (Kameras, Mikrofone usw.) Kopräsenz des Analysierenden (vgl.
exemplarisch Spranz-Fogasy und Deppermann 2001).
3. Qualitative, (philologisch-)hermeneutische Ansätze versuchen ebenso von
äußerlich wahrnehmbaren Zeichen auf zugrundeliegendes Wissen zu schlie-
ßen, bedienen sich jedoch vor allem medialen Repräsentationen von sozialer
Interaktion, d. h. schriftlichen Äußerungen in Texten, Fotographien, Comics,
ggf. Filmmaterial. Die theoretischen Fundierungen und praktische Operatio-
nalisierung dieses Grundansatzes, der auch den meisten hier versammelten
Beiträgen zugrunde liegt, differieren teilweise erheblich. Zu den etablierten
und häufigsten Ansätzen zählen die Inhaltsanalyse (vgl. insb. Früh 2011;
Mayring 2010; Merten 1995; Krippendorff 2009), die soziologische Wissens-
analyse (Keller 2008), die linguistische Diskursanalyse (Felder 2006; Warnke
2007; Warnke und Spitzmüller 2008; Vogel 2009) und die kritische Diskurs-
analyse (Jäger 2004; Fairclough und Wodak 1997). Eher jüngeren Datums
sind computergestützte, respektive korpuslinguistische Ansätze, die qualita-
tiv-hermeneutische Methoden um eine (semi-)automatische Auswertung von
großen Massendaten (große Textkorpora) und unter Einsatz von computer-
linguistischer Software ergänzen (etwa Baker 2006; Bubenhofer 2008; Vogel
2012 u. a.).
 Das Bild Chinas im deutschsprachigen Raum   9

3 Ein kurzer Forschungsüberblick2


Die bisherige Forschung zum Bild Chinas in Medien des deutschsprachigen
Raums3 ist sehr heterogen, in sehr unterschiedlichen Disziplinen verortet und
basiert auf Grundlage verschiedener Methoden4. Neben wenigen umfassenden
Untersuchungen (Richter et al. 2010; Bieber 2011; Bürger et al. 2014; Huawei 2014)
finden wir eine Vielzahl an Fokusstudien, die im Mosaik betrachtet relativ klare
Konturen zeichnen. Im Folgenden versuchen wir die aktuelle, d. h. die auf das
China der zweiten Hälfte5 des 20. Jahrhunderts sowie der 2000er-Jahre6 bezogene
Literatur kurz auf ihre gemeinsame Essenz hin zusammenzufassen.
Während die frühe Berichterstattung als eher marginal gelten kann, nimmt
sie zu China in den deutschsprachigen Printmedien seit den 80er Jahren generell
kontinuierlich zu (mitverantwortlich hierfür ist wohl auch der Zusammenbruch
der ehemaligen Sowjetunion, vgl. Stone und Xiao 2007). Das Gleiche gilt für die
Vielfalt der berücksichtigten Themen, wobei sich der Großteil der Nachrichten
bis heute auf die Domänen Politik (v. a. Außenpolitik) und Wirtschaft (v. a. Wirt-
schaftsboom, Wachstumsraten, Expansion) verteilt. Kulturelle und gesellschaft-
liche Themen finden dagegen im Verhältnis bis heute weniger oder kaum Beach-
tung (vgl. Wilke und Achatzi 2011; Willnat und Luo 2011; Bieber 2011; Bürger et al.
2014; Huawei 2014).

2 Für Unterstützung bei der Recherche danken wir Martin Jank und Kai Zwettler.
3 Zur medialen Repräsentation Chinas in anderen Ländern und Kulturen vgl. Assmann et al.
2008; mit Blick auf ‚den Westen‘: Spence 1998; Mackerras 1999; Zhang 2010 bzw. spezieller die
USA: Akhavan-Majid und Ramaprasad 2000; Stone und Xiao 2007; Wu 2010. Zum Bild Deutsch-
lands in chinesischen Medien vgl. Tang 1993; Huawei 2014.
4 Inhalts- und Diskursanalyse: Wilke und Achatzi 2011; Bürger et al. 2014; Huawei 2014; Willnat
und Luo 2011; Poerner 2009; Richter et al. 2010; Peuckmann 2010; Trampedach 1999; Bieber
2011; Befragungen und Experteninterviews: Bürger et al. 2014; Gerhard und Zubayr 2008; Hua-
wei 2014; Langer 2003; Peuckmann 2010; Historische Aktenanalyse und literaturwissenschaftli-
che Untersuchungen: Gollwitzer 1962; Franke 1962.
5 Zum Image Chinas während der Weimarer Republik vgl. Mende 1975, zum Image bei den Na-
tionalsozialisten vgl. Leutner 1986; zur Steuerung der Nachrichten über China (und Japan) im
dritten Reich vgl. Hübner 2012.
6 Zum Bild Chinas in der Vergangenheit: Umfassend: Franke 1962; Leutner 1986; Liu 2001; Zur
habituellen Stigmatisierung von Chinesen als gelbe Schlitzaugen und hinterhältige Lügner vgl.
Leutner 1986. China in der deutschen Literatur der Aufklärungszeit (vgl. Schuster 1977, 1988;
Berger 1990) und im frühen 20. Jhr. (Harth 1995); zur Wahrnehmung des Konfuzianismus vgl. Lee
2003. Methodisch nicht unproblematisch, aber inspirierend auch die Arbeit von Dawson 1967. Zu
den Spuren von China-Stereotypen in der deutschen Sprache früher und heute vgl. Sons 1996;
zum Schlagwort der „gelben Gefahr“ (Gollwitzer 1962).
10   Friedemann Vogel und Jia Wenjian

In der Literatur finden sich zwei Hauptthesen oder Beschreibungsfiguren zur


bewertenden Perspektive der Medien auf China: Zum einen wird regelmäßig eine
Ambivalenz zwischen ablehnender und bewundernder Haltung konstatiert (z. B.
bei Hilsmann 1998), die eine Tradition bis in Zeiten des Mittelalters zeige (Pigulla
2003). Vor allem das wirtschaftliche Erstarken Chinas wird sowohl als Potential
zur Erweiterung der eigenen Wirtschaftsinteressen gesehen als auch (zugleich)
als zu fürchtende Konkurrenz.
Zum anderen wird insgesamt eine tendenziell pejorative Perspektive medi-
aler China-Berichterstattung beschrieben und kritisiert, „Bedrohungsszenarien
[…] [seien] weit verbreitet“ (Huawei 2014, S. 14). Paradigmatisch hierfür steht das
Konzept der gelben Gefahr (Leutner 1990) – auch als ein zentrales Schlagwort und
Sprachstereotyp der Kolonialzeit (Gollwitzer 1962; Sons 1996) –, das in verschie-
denen Variationen bis heute fortdauert. In diesem Sinne gilt China als Gegen-
modell, unabhängig von jeglichem politischen Wandlungsprozess. Deutschland
und China werden einerseits als Systemkonkurrenten, andererseits als strategi-
sche Partner dargestellt. (Huawei 2014)
Gegenstand allgemeiner Kritik sind meist wiederkehrende Themen, vor
allem der sog. „Tibetkonflikt“ (dessen mediale Bearbeitung auch einen negati-
ven Schatten auf die Olympischen Spiele 2008 in China warf), chinesische Auf-
rüstung, mangelnde Menschenrechte, fehlende Rechtsstaatlichkeit und Presse-
freiheit, ein verheerender Umgang mit der Umwelt, Produkt- und Ideenpiraterie
sowie eine allgemeine schlechte Produktqualität. (vgl. Trampedach 1993; Becker
2011; Gerhard und Zubayr 2008, S. 501; Huawei 2014)
Doch auch die überwiegend kritische Berichterstattung zeige zwei Seiten, wie
Zhou (2010, S. 232) exemplarisch zeigt: während die „Glas-Halbleer-Perspektive“
allein auf ‚fortdauernde Probleme‘ fokussiere, konstatiere die „Glas-Halbvoll-
Perspektive“ auch Fortschritte bei der Beseitigung von gesellschaftlichen Prob-
lemen. Wilke und Achatzi (2011) sehen gar eine Tendenz zunehmend positiver
Berichterstattung in den letzten Jahren7.
Die Berichterstattung über China ist oftmals durch medienspezifische
Arbeitslogiken beeinflusst. So seien etwa im Fall der Tibet-Berichterstattung
nachweislich falsche Informationen von Agenturen übernommen und ungeprüft
weiterverbreitet worden (vgl. Becker, 2011; zu einem optimistischeren Schluss
bezüglich der Rolle von Agenturen generell kommen Bieber 2011, S. 77; Richter
et al. 2010). Am Beispiel der Berichterstattung im Jahre 2008 zeigt Bieber (2011,

7 Auch scheint es – in der Verarbeitung der Berichterstattung – altersbedingte Unterschiede zu


geben. China-Vorurteile und Ablehnung seien bei Gymnasiasten etwa eher selten, Antipathie
gebe es lediglich zum Kommunismus (vgl. Langer 2003).
 Das Bild Chinas im deutschsprachigen Raum   11

S. 88) ferner eine starke regionale Fokussierung, Krisenzentrierung, Elitenzent-


rierung und mangelnde Hintergrund-Einbettung (Vernachlässigung von Ereig-
niskontexten). Nachrichten würden von sehr wenigen Korrespondenten vor Ort
geleistet (Bürger et al. 2014), was die Themen- und Perspektivenvarianz insge-
samt stark einschränke und zu einem monolithischen, eurozentrischen China-
Bild beitrage (Richter et al. 2010).8 Auch wenn die Regionalexpertise der Korre-
spondenten durchaus tragfähig sei, bleibe das letztlich medial präsentierte Bild
infolge redaktioneller Aushandlungsprozesse eintönig. (ebd.)9
Ein Großteil der Studien sieht in der Aufbereitung Chinas in deutschsprachi-
gen Medien daher eine überwiegend vorurteilsreproduzierende und kaum dif-
ferenzierende Berichterstattung. Richter et al. konstatieren in ihrer Analyse von
insg. 8766 Artikeln im Jahr 2008,

„dass etwas mehr als die Hälfte dieser Beiträge sich lediglich in allegorischer und stereo-
typisierender Form auf China bezieht. Das bedeutet, dass in einer Vielzahl von Medienbei-
trägen der Bezug Chinas zur jeweils postulierten Thematik nicht näher beleuchtet wird,
sondern bestimmte offensichtlich gesellschaftlich inhärente Vorstellungen und Klischees
über das Land unreflektiert kolportiert werden. Dabei prägen normativ abwertende Bilder
von China bspw. als ‚Unterstützer von Schurkenstaaten‘, als ‚Klimasünder‘, als ‚Billigpro-
duzent‘ oder als Land mit unbändigem ‚Rohstoffhunger‘ den Diskurs, obwohl insbesondere
im Wirtschaftsbereich auch scheinbar positiv besetzte Bilder vom ‚attraktiven Wachstums-
markt‘ und ‚interessanten Produktionsstandort‘ vorkommen. Insgesamt lässt sich hier aber
von einer fortlaufenden Verbreitung existierender Stereotypen durch die Medien sprechen,
die sich eher an gesellschaftlich verankerten Symbolen und Floskeln orientieren, statt ihre
eigentliche Aufgabe des Hinterfragens dieser Bilder wahrzunehmen.“ (Richter et al. 2010,
S. 10)

Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch Poerner (2009c), den konkreten Ereig-
nissen vor Ort seien die Medienartikel nicht gerecht geworden. Auch wenn die
Schematisierung im Laufe der Olympischen Spiele 2008 nachgelassen habe,
bleibt die Berichterstattung überwiegend ablehnend. (Peuckmann 2010; vgl.
auch – eher kommentierend denn empirisch: Digel 2008)
„[Trotz] der diagnostizierten quantitativen Diversität der Themenfelder
herrscht eine auf Konflikte und Gewalt fokussierende Kernagenda in der China-
Berichterstattung vor.“ (Richter et al. 2010, S. 11)

8 Vgl. auch Frahne 1989 mit einer Fallanalyse zur Berichterstattung des Peking-Korresponden-
ten Herbert Kremp in den 70er und 80er Jahren; zu einer Kritik an deutschen „China-Experten“
vgl. Näth 1995.
9 Die Bedeutung des interkulturellen Kontaktes für die Entwicklung von Medien zeigt auch
Hetze (1989) (exemplarisch für das Bild Chinas).
12   Friedemann Vogel und Jia Wenjian

Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum, dass sich die Vorurteilsbil-


dung und -reproduktion bis in die Knigge- bzw. Ratgeberliteratur findet (Poerner
2009a, 2009b), was mittel- und langfristig natürlich fatale Folgen für die inter-
kulturelle Kommunikation haben kann. Welchen Beitrag WissenschaftlerInnen
gegen die Tendenz zur klischeehaften Medialisierung Chinas beitragen können,
ist weiterhin offen (vgl. dazu Trampedach 1999).
Die Länderimageforschung in China selbst blickt auf Anfang der 90er Jahre
des letzten Jahrhunderts zurück. Seit Anfang des 21. Jahrhunderts steigt die Auf-
merksamkeit für dieses Forschungsfeld deutlich an. Zahlreiche Artikel, Sammel-
bände und Monographien sind erschienen, deren Forschungsergebnisse sich
zwei Hauptrichtungen zuordnen lassen. Auf der Makroebene liegt der Fokus auf
Konzeptionen und Strategien zur kommunikativen Konstruktion des Länderima-
ges. Auf der Mikroebene handelt es sich meistens um empirische Forschungs-
arbeiten über China-Images in den Massenmedien außerhalb Chinas (Liu et al.
2016, S. 18–23). Die Monografie Das China-Bild in der internationalen Kommunika-
tion: Tatsachen und Maßnahmen (Liu / He 2006) und der Sammelband China im
Spiegelbild: Das China-Bild in den meinungsführenden Medien der Welt (Liu / He
2007) sind zwei repräsentative Forschungsarbeiten chinesischer Kulturwissen-
schaft.
Die bisherigen Forschungsarbeiten über das China-Bild in Deutschland
liegen vor allem in der Form wissenschaftlicher Zeitschriftenartikel vor. Eine
Recherche anhand der Schlagwörter China-Bild + Deutschland sowie China-Bild +
Deutsch bei der Datenbank China Academic Journal Network Publishing Database
am 31. Juli 2016 zeigt diesbezüglich 32 Aufsätze, die im Zeitraum von 2001 bis
2016 veröffentlicht wurden und deren Autoren mehrheitlich dem Fachkreis der
Germanistik zuzurechnen sind. Diese Journalartikel lassen sich inhaltlich in drei
Gruppen einteilen.
In der ersten Gruppe wird die Medienwirklichkeit des China-Bildes unter-
sucht. Forschungsgegenstände sind chinabezogene Berichterstattungen in den
Zeitungen und Zeitschriften Spiegel, Zeit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Welt,
Süddeutsche Zeitung, Bild usw. (Mei 2008, Jia 2008, Wang 2009a, Shen 2009,
Wang u. a. 2010, Zhou 2010, Zhou / Wang 2011, Gao / Jin 2012, Cai 2014). Von der
Lühe (2007) und Zheng / Song (2013) haben das China-Bild in deutschsprachigen
Dokumentarfilmen analysiert. Wang (2009b) hat deutschsprachige Reiseführer
über China-Reisen behandelt.
In der zweiten Gruppe wird das China-Bild in deutschsprachigen literari-
schen Werken erforscht, wobei die deutschsprachige Literatur des Mittelalters
(Tan 2014a), des 17. Jahrhunderts (Huang 2009) sowie des Impressionismus (Li
2012; Zhao / Zhang 2013; Tan 2014b) in Betracht gezogen worden sind. Xie (2012)
 Das Bild Chinas im deutschsprachigen Raum   13

hat sich mit der Verbreitung der neuen chinesischen Literatur in Deutschland
und deren Einfluss auf die Entstehung des China-Bildes beschäftigt.
Drittens finden sich Studien über Kommunikationsstrategien zur effektiven
Gestaltung des China-Images, wobei Deutsche als Zielgruppe anvisiert werden.
Wang / Long / Jiang (2012) haben die Wahrnehmung und Akzeptanz der kultu-
rellen Soft Power Chinas in Deutschland quantitativ untersucht. Chen (2013) hat
sich mit der Rezeptionspsyche der Deutschen in der interkulturellen Kommuni-
kation auseinandergesetzt und entsprechende Kommunikationsstrategien vor-
geschlagen. Wu (2015) hat Methoden bei der Übersetzung chinesischsprachiger
Nachrichten ins Deutsche zusammengefasst.
Über die obigen Fachaufsätze hinaus sind zwei Forschungsarbeiten zu
würdigen. Zhou (2012) hat chinabezogene Berichterstattungen in „Der Spiegel“
(2000–2010) und „Die Zeit“ (2000–2010) erforscht. Diese von der Beijing Foreign
Studies University ausgezeichnete Dissertation ist insbesondere durch ihre solide
Datenbasis und reichhaltigen Erkenntnisse gekennzeichnet. Wang (2016) hat
eine Kombination von quantitativen und qualitativen Methoden angewendet und
das China-Bild in der deutschen Gesellschaft von verschiedenen Blickwinkeln
betrachtet.

4 Stereotype in der interkulturellen Kommuni-


kation zwischen Deutschen und Chinesen:
Chancen und Herausforderungen
Das nach wie vor überwiegend klischeehafte Bild, das über China und Chine-
sen in deutschsprachigen Medien gezeichnet wird, sagt weniger über China und
Chinesen als vielmehr über die deutsche Mehrheitskultur in Vergangenheit und
Gegenwart aus. Wolfgang Franke schrieb bereits 1962 über die deutsche bzw. mit-
teleuropäische Wahrnehmung ‚der Chinesen‘:

„Im ganzen gesehen war im 19. und frühen 20. Jahrhundert im Abendlande die Bereitschaft
zum Verständnis Chinas noch erheblich geringer als in China die Bereitschaft zum Ver-
ständnis des Westens. Gestützt auf die durch bessere Kanonen gewährleistete Vorherrschaft
des Weißen Mannes in allen Ländern der Erde, sah dieser in der Regel keine Veranlassung
zu einer ernsthaften Beschäftigung mit den lediglich als Objekte kolonialer Ausbeutung
gewerteten Völkern Asiens.“ (Franke 1962, S. 120)

„Die hochmütige und überlegene Haltung des Abendlandes gegenüber China weicht seit
dem letzten Jahrzehnt [= 50er/60er Jahre] mehr und mehr einer weitgehend durch Furcht
und Haß charakterisierten Einstellung. Das Klischee vom kommunistischen, und daher
14   Friedemann Vogel und Jia Wenjian

grundsätzlich bösen und verwerflichen ‚Rot-China‘ beherrscht größtenteils die Vorstel-


lung.“ (Franke 1962, S. 124)

Herablassung und Antikommunismus in dieser gravierenden Form sind heute


eher die Ausnahme. Es bleibt aber – nicht nur gegenüber China, sondern auch
gegenüber anderen Kulturen – eine eurozentrische Grundtendenz, die die inter-
kulturelle Kommunikation zwischen den Kulturen vor große Herausforderungen
stellt.
Die schematisierende Presse ist nicht notwendigerweise mit dem Denken
der RezipientInnen gleichzusetzen; darauf weisen verschiedene Befragungsstu-
dien (Huawei 2014; Bürger et al. 2014) sowie auch etwa einige Beiträge (z. B. mit
Blick auf kulturell-kulinarische Fragen) in diesem Band hin. Gleichwohl bildet
die Medienberichterstattung eine öffentliche Folie für die zwischenmenschliche
Interaktion nicht nur im privaten Feld, sondern noch stärker auf dem Feld der
Wirtschafts- und Politikbeziehungen. Unternehmen und Politiker orientieren
sich in zweifacher Hinsicht an medialen Bildern: Zum einen indirekt und passiv
als Quelle für Informationen über das jeweils ihnen fremde Gegenüber, zum
anderen als zu kalkulierender (ver-)öffentlich(t)er Raum für die aktive Gestaltung
der individuellen, gegenüber der eigenen Peergroup zu rechtfertigende Hand-
lungsinteressen.
Das Aufbrechen interkultureller Vorurteile und damit die Vermeidung von
Missverständnissen bzw. Konflikten sowie der Aufbau eines gegenseitigen
Grundvertrauens ist eine mühsame, kräftezehrende Aufgabe. Sie beginnt mit
der Reflexion eigener, ungeklärter Vorannahmen über „das Andere“ und mit der
Bereitschaft zur Differenzierung. Differenzierung bedeutet vor allem auch das
Anerkennen von Widersprüchen, d. h. der Gleichzeitigkeit sich scheinbar gegen-
seitig ausschließender Attribute. Erst damit entsteht eine neue Grundlage für
gegenseitiges Verständnis.
Ein solcher kognitiver Prozess, wie er hier nur sehr grobschlächtig skizziert
ist, lässt sich jedoch nur durch konkreten Austausch anstoßen. Der direkte, im
Idealfall aufgabenbezogene Kontakt zwischen Interaktanten unterschiedlicher
Kulturen ermöglicht den Aufbau eines interkulturellen Raumes und den Aufbau
gemeinsamer Wissensrahmen. Ein solcher Austausch kann – wie jeder innerkul-
turelle Kontakt auch  – scheitern, wenn er einseitig koordiniert oder (gar auch
noch offensichtlich) strategisch instrumentalisiert wird.
Um die interkulturelle Kommunikation zwischen Chinesen und Mitteleuro-
päern vor allem auch mit Blick auf die mediale Berichterstattung zu verbessern,
möchten wir die folgenden Vorschläge zur Diskussion stellen:
1. Einrichtung einer deutsch-chinesischen Journalistenschule: Ein wichtiger
Faktor für die Qualität aktueller China-Berichterstattung ist die Qualität
 Das Bild Chinas im deutschsprachigen Raum   15

interkultureller, journalistischer Ausbildung sowie der Mangel an China-


kundigen Auslandskorrespondenten. Ein gemeinsamer institutioneller Raum
für den Austausch deutscher und chinesischer JournalistInnen könnte hierzu
Abhilfe leisten. Um etwaige Vorverurteilungen gegenüber dem Projekt zu
vermeiden, sollten die chinesischen TeilnehmerInnen von einem deutschen
Auswahlkomitee, die deutschen TeilnehmerInnen wiederum von einem chi-
nesischen Auswahlkomitee bestimmt werden.
2. Einrichtung oder Ausbau eines chinesisch-deutschen Ko-Stipendienpro-
gramms für JournalistInnen, WissenschaftlerInnen und UnternehmerInnen,
bei dem jeweils immer zwei TeilnehmerInnen der beteiligten Länder die Gele-
genheit haben, vor allem in weniger berücksichtigten Teilen des jeweiligen
Landes Studien und Recherchen nachzugehen.
3. Nicht zuletzt wären bestehende Programme für internationale, v. a. auch
deutsch-chinesische Sommerschulen an Universitäten und Schüleraus-
tausch-Projekte systematisch auszubauen.

5 Die Beiträge des Bandes


Der vorliegende Band dokumentiert sowohl qualitative als auch computerge-
stützte Untersuchungen zum zeitgenössischen Bild Chinas in den deutschspra-
chigen Medien. Die Beiträge werden in vier Abschnitten sortiert.
Der erste Teil stellt zunächst die Ergebnisse zweier aktueller Überblicks-
analysen vor, die auf Basis eines multiperspektivischen Ansatzes unter Berück-
sichtigung von Textanalyse und Befragung sowie auf Basis korpuslinguistischer
Auswertung von medialen Massendaten die Produktions- und Rezeptionsmuster
medialer China-Images herausarbeiten.
Im Mittelpunkt des Beitrages von Caja Thimm stehen diejenigen Bilder
und Stereotype über China, die in der deutschen Öffentlichkeit in ausgewählten
Medien kommuniziert werden und die von Chinakennern auf ihrem persönli-
chen Erfahrungshintergrund kommentiert werden. Mit Hilfe von zwei methodi-
schen Verfahren wird so das Image, das China in Deutschland zugeschrieben
wird, überprüft. Dabei wird zunächst die mediale Repräsentation anhand einer
umfangreichen Medienanalyse basierend auf deutschen Leitmedien untersucht,
um dann im zweiten Schritt eine spezifische Zielgruppe (Chinaexperten) in einer
Einzelbefragung im Hinblick auf ihre Wahrnehmung und Einstellung zu China zu
überprüfen. Die erste Phase der inhaltsanalytischen Medienanalyse ergibt eine
vielfältige und breit gefächerte Themenselektion und verdeutlicht den Wandel
der Einstellung zu China. Die Berichterstattung ist vor allem dort problemorien-
16   Friedemann Vogel und Jia Wenjian

tiert, wo grundlegende Wertunterschiede zwischen Deutschland und China zum


Tragen kommen. Die Expertinnen und Experten ihrerseits sehen aufgrund ihrer
Erfahrung die Berichterstattung eher kritisch, zeigen aber auch politische Prob-
leme Chinas auf.
Friedemann Vogel stellt den Ansatz sowie Ergebnisse einer kontrastiven lin-
guistischen Imageanalyse vor, die auf Basis von 238.595 Texten (d. h. 155,43 Mio.
Token) aus 15 verschiedenen deutschsprachigen Print- und Onlinemedien (CDI-
Korpus) sowie mit Einsatz computerlinguistischer Verfahren wiederkehrende
Sprachstereotype zu China und Chinesen beschreibt. Die Überblicksanalyse
zeigt, welche Sachverhalte, Akteure, Objekte, Ereignisse, Haltungen und anderes
typischerweise mit China in Verbindung gebracht werden und die Ambivalenz
zwischen Stigmatisierung und Bewunderung (insb. hinsichtlich wirtschaftli-
chem Aufstieg).
Ebenso dem Paradigma der linguistischen Imageanalyse folgen die ersten
beiden Beiträge des zweiten Teils dieses Bandes. In ihren Fokusstudien widmen
sich Li Jing und Elisa Lang  – ebenso mit Rückgriff auf das CDI-Korpus  – der
medialen Schematisierung von Wirtschaft und Bildung Chinas. Gerade in diesen
beiden Domänen wird deutlich der selektive, eurozentrische Zugriff der Medien-
akteure sichtbar, mit anderen Worten: Solange deutsche Unternehmer in China
günstig produzieren und Geld verdienen können, dominiert die Euphorie über
Wirtschaftswachstum und billige Arbeitskräfte. Führt das Erstarken chinesischer
Wirtschaft aber zu mehr Export und unternehmerischen Initiativen auf dem euro-
päischen Markt, dann handelt es sich um ›drohende Invasion der gelben Gefahr‹.
Ähnliches findet sich auch in der Berichterstattung um Chinas Erziehungs- und
(Aus-)Bildungsstil, der überwiegend als ›autoritär und inhuman‹ gerahmt,
zugleich aber  – aus der Distanz  – mit Bewunderung für die Leistungsfähigkeit
chinesischer (Wunder-)Kinder verbunden wird.
Korpuslinguistisch gehen auch Marcus Müller und Maria Becker der medi-
alen Zubereitung des ›kulinarischen Chinas‹ nach. Anhand von Pressetexten,
welche die chinesische Küche bzw. die Begegnung von Chinesen mit der deut-
schen Küche thematisieren, werden sprachliche Mittel der Herstellung von Iden-
tität und Alterität herausgearbeitet. Im Fokus stehen dabei Formen und Funk-
tionen von Metaphern und Metonymien als Basisverfahren der sprachlichen
Bewältigung des Anderen. Dabei zeigt sich, dass metaphorische Prozesse eher in
lokalen Verdichtungen von Annährung oder Abgrenzung wirken, während met-
onymische Verfahren semantische Figuren konstituieren, die den Diskurs sehr
tiefgehend zu strukturieren scheinen.
Den korpuslinguistisch operationalisierenden Analysen schließen sich im
dritten Teil Fallstudien an, die auf qualitative Inhalts- und Diskursanalysen
zurückgreifen.
 Das Bild Chinas im deutschsprachigen Raum   17

Zhao Jin geht der Wechselwirkung der Medienberichterstattung zu Sino-


Afrika-Beziehungen nach. Die sino-afrikanischen Beziehungen spielen in der
chinesischen Außenpolitik eine gewichtige Rolle: Ein Zeichen dafür ist, dass der
chinesische Staatspräsident Xi Jinping kurz nach seinem Amtsantritt seine erste
Auslandsreise nach Afrika unternahm. Allerdings wird die chinesische Afrika-
politik von den deutschen Medien anders interpretiert, als es sich China selbst
vorstellt. Der Beitrag analysiert die deutschen und die chinesischen Medienbe-
richte anlässlich des Staatsbesuches von Xi Jinping in Afrika vom 22. bis zum 30.
März 2013 hinsichtlich des immanenten (neo)kolonialistischen Diskurses, um zu
diskutieren, was für ein deutsches Chinabild es gibt, wie das Selbstbild und das
Fremdbild zueinander in Wechselwirkung stehen und welche historischen Hin-
tergründe zu einem solchen Bild geführt haben können.
Zhou Haixia untersucht das Bild von Überseechinesen in den deutschen
Leitmedien Die Zeit und Der Spiegel im Zeitraum von 2000 bis 2010 auf Basis einer
kritischen Diskursanalyse. Die Ergebnisse zeigen, dass das Bild der Überseechi-
nesen im Großen und Ganzen eher einen negativen Tenor hat und als Gruppe
wird in ihnen oft überwiegend ein Sicherheitsrisiko gesehen. In den Berichter-
stattungen werden immer wieder kriminelle Taten von Überseechinesen bzw. in
den Siedlungsgebieten der Überseechinesen thematisiert, wie illegale Einwande-
rung und Schwarzarbeit sowie die sogenannte chinesische Mafia als kriminelle
Organisation usw. Die einzige Ausnahme bildet die Gruppe der im Ausland stu-
dierenden chinesischen Studenten (fleißige „kluge Köpfe“).
Die bilateralen Beziehungen zwischen China und Deutschland wurden in
Folge der Ereignisse in und rund um Tibet in den vergangenen Jahren wiederholt
auf die Probe gestellt. Su Fu diskutiert in ihrer Studie, welchen Anteil die mediale
Berichterstattung am Selbst- und Fremdbild Chinas im Hinblick auf die Tibet-
Problematik hat und untersucht hierfür die digitale Enzyklopädie „Brockhaus
multimedial“ aus Deutschland und „Zhongguo Dabeike Quanshu“ (Chinesische
Enzyklopädie).
Liang Shanshan widmet sich in ihrem Beitrag der Dynamik von Stereoty-
pen. Stereotype seien einerseits stabil, jedoch änderten und entwickelten sie sich
andererseits genau wie andere soziale Phänomene, nur vergleichsweise langsam.
Um diese Dynamik von Stereotypen zu untersuchen, analysiert sie Werbeanzei-
gen des chinesischen Nachrichtenmagazins „Lifeweek“ und die in diesen Anzei-
gen enthaltenen Deutschland-Stereotype, die im Laufe der Zeit entstanden und
wieder verschwunden sind.
Li Yuan und Ye Xiangmei untersuchen die Konstruktion des medial kon-
stituierten Nationenbildes Chinas am Beispiel der Berichterstattung über den
Nationalen Volkskongress (NVK) und mit Blick auf die Zeitschrift Der Spiegel von
18   Friedemann Vogel und Jia Wenjian

2003 bis 2013. Theoretisch und methodisch zugrunde liegt eine Rahmenanalyse
(Frameanalyse), die mit einer kritischen Diskursanalyse (CDA) kombiniert wird.
Im vierten Teil des Bandes werden schließlich drei Studien zum Bild Chinas
in visuellen und audiovisuellen Medien dokumentiert.
Friedemann Vogel und Maximilian Haberer gehen mittels einer multimo-
dalen Imageanalyse der Schematisierung Chinas in deutschsprachiger Werbung
nach. Zu diesem Zweck werten sie rund 220 Werbemittel unterschiedlicher
Formate aus (Plakate, Produktverpackungen, TV-Spots, Radiobeiträge). Im Fokus
stehen zum einen die formseitigen Muster (z. B. die Farben gelb und rot; Mao-Sym-
bole; Abbildung von Stäbchen; Luftwirbel-Sounds), die von den Werbenden zur
„Komponierung“ chinesischer Stereotype herangezogen werden, zum anderen
die semantischen Attributfelder, die mittels dieser Formmuster konstituiert und
zum Zwecke der Werbung auf das Produkt übertragen werden (z. B. Exotik, tradi-
tionelle Gesundheitsmedizin usw.). Im Ergebnis zeigen sich vier wiederkehrende
China-Bilder deutschsprachiger Werbung, nämlich das ›traditionelle China‹, das
›moderne China‹, das ›fremd-exotische China‹ und das ›kulinarische China‹.
Monika Lehner untersucht graphisches Erzählen über China in Comics und
Graphic Novels. Diese kreieren ein breites Spektrum von China-Bildern zwischen
dokumentarischem Anspruch und exotischer Skurrilität. Sie verstärken dadurch
jeweils dominierende China-Bilder zwischen Exotik und ‚Gelber Gefahr‘, zwischen
Verniedlichung und Dämonisierung und nutzen dabei alle Genres graphischen
Erzählens. Wenngleich es im Wandel der Zeit unterschiedliche Interpretationen
gibt, so bleiben die zur Markierung von China und Chinesischem verwendeten
Symbole und Marker weitgehend unverändert. Für den mit der Geschichte Chinas
Vertrauten ergibt sich so eine zusätzliche Ebene, die dem breiten Publikum ver-
borgen bleibt. Die deutschsprachigen Comics und Graphic Novels sind überwie-
gend Übersetzungen, die mit mehr oder weniger großem zeitlichem Abstand zur
Erstveröffentlichung erschienen sind, sodass die darin transportierten Chinabil-
der mit dem aktuell dominierenden Bild nicht immer übereinstimmen.
Chen Zheng schließlich widmet sich in einer interkulturellen Analyse der
kommunikativen Wirkung chinesischer Image-Filme. Zu diesem Zweck wurde
einer deutschen und einer chinesischen Zielgruppe ein (staatlicher) chinesischer
Image-Film vorgeführt und im Anschluss narrative Interviews durchgeführt. Auf
Grundlage des Feedbacks erfolgte ein interkultureller Vergleich. Das Feedback
wird in erster Linie inhaltlich analysiert und zeigt, dass der nationale Charakter,
die kulturellen Standards usw. von Chinesen und Deutschen an verschiedenen
Stellen bestehen bleiben. Der Autor äußert die Hoffnung, dass aus dem Feedback,
welches auf jeweils unterschiedlicher deutscher und chinesischer Perspektive
beruht, konstruktive Anregungen für die Verbreitung chinesischer Image-Filme
 Das Bild Chinas im deutschsprachigen Raum   19

und die interkulturelle Kommunikation mit dem (westlichen) Ausland entwickelt


werden könnten.
Im Anhang finden sich chinesische Zusammenfassungen zu allen Beiträgen
in diesem Band; für die umsichtige Übersetzung danken wir Tang Meng (Beijing).

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Das Bild Chinas
in der deutschsprachigen Presse:
Überblicksanalysen
Caja Thimm
China im Spiegel der Printmedien –
Zwischen Verdammung und Überhöhung?
Medieninhalte und Expertenperspektiven zur Berichterstattung
in Deutschland

1 Einleitung
Nicht nur in Deutschland hat das Interesse an China in den letzten Jahren rasant
zugenommen – auch aus globaler Perspektive weckt das riesige Reich mit seinen
1,3 Milliarden Einwohnern vielfältige mediale Aufmerksamkeit.
Dabei ist die Haltung China gegenüber höchst polarisiert  – während in
manchen Ländern China Hoffnungen weckt, schürt es durch seine wirtschaftliche
und politische Expansion anderen Ortes Befürchtungen und Ängste. So zeigt eine
Studie des renommierten amerikanischen PEW-Instituts, wie stark sich China
entweder kritischer oder positiver Wertung in der ganzen Welt ausgesetzt sieht
(PEW 2013). Dabei verdeutlicht diese Studie zum „Global Attitudes Project“ einen
hoch interessanten Befund. Für einige Länder auf dem südamerikanischen und
dem afrikanischen Kontinent ist China Hoffnungsträger, ganz anders dagegen in
Europa und den USA – hier ist das Image ausgesprochen ambivalent. Weder traut
man den Chinesen in Bezug auf ihre Verlässlichkeit, noch sieht man sie als fairen
Partner. Vielmehr herrscht Misstrauen und Sorge vor der als unkalkulierbar emp-
fundenen Supermacht.
Diese Einblicke geben wichtige Hinweise auf Einstellungen, Erwartungen
und Hoffnungen in Bezug auf andere Länder, diese wiederum können als starke
Treiber politischer Prozesse gelten (Kleinstäuber 1991, Wilke 1989). Ausgehend
von dieser Annahme erweist sich dann auch die Frage nach der medialen Präsenz
Chinas in den deutschen Medien als nicht nur wissenschaftlich-theoretisch inte-
ressante Fragestellung, sondern auch als politisch höchst relevant. Dabei ist
jedoch zu berücksichtigen, dass Forschung zur Berichterstattung über China

Anmerkung: Ich danke der „Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik
(BAPP)“ für die Unterstützung dieses Forschungsprojektes.

Thimm, Caja, Prof. Dr., Professorin für Medienwissenschaft und Intermedialität, Rheinische
Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Deutschland

DOI 10.1515/9783110544268-002
30   Caja Thimm

in deutschen Medien recht spärlich ist. Richter et al. stellen fest, dass „der For-
schungsstand zum China-Bild in deutschen Medien noch recht unterentwickelt”
(Richter und Gebauer al. 2010, 26) sei. Bisherige Studien beschäftigen sich vor-
nehmlich mit der Betrachtung zeitlich eng umrissener Ereignisse. Dies ist etwa
die Rückgabe Hongkongs an China, die Trampedach anhand einer Analyse exem-
plarischer Texte erforscht hat (Trampedach 2000). Ein Großteil der Analysen sind
allerdings „methodisch wenig ausgereift […]“ und reflektieren über das China-
bild „eher anhand einiger kursorisch ausgewählter Beispiele“ (Richter et al. 2010,
27). Einige Jahre nach der umfangreichen Studie der Heinrich Böll-Stiftung steigt
aber das Interesse in Wirtschaft und Gesellschaft am Verhältnis Deutschland/
China, zu nennen sind hier bspw. die Umfrage „Das Asienbild deutscher Eliten“
der Körber Stiftung oder die Huawei Studie „Deutschland und China  – Wahr-
nehmung und Realität“. Dieses Interesse reflektiert die gewachsene Bedeutung
Chinas für Deutschland. Allerdings stellt sich umso deutlicher die Frage, wie
dieses Verhältnis im öffentlichen Diskurs gestaltet wird.
Diese Ausgangsbeobachtungen sind handlungsleitend für die hier darge-
stellten Studien. Im Mittelpunkt stehen diejenigen Bilder und Stereotype über
China, die in der deutschen Öffentlichkeit in ausgewählten Medien kommuni-
ziert werden und die von Chinakennern auf ihrem persönlichen Erfahrungs-
hintergrund kommentiert werden. Die Kombination dieser beiden Perspektiven
verdeutlicht, wie komplex sich Erwartungen und Einstellungen gestalten (zur
Gesamtstudie s. Thimm/Bürger/Kuhn 2014).

2 Inhaltsanalyse deutscher Printmedien: Themen


und Wertungen
Für die vorliegende Untersuchung der Chinaberichterstattung in Deutschland
wurden Artikel des Jahres 2012 (01.01.  – 31.12.2012) der reichweitenstarken,
meinungsbildenden Tageszeitungen und Wochenblätter ausgewählt. Zu den
untersuchten Tageszeitungen zählen die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.),
die tageszeitung (taz), Süddeutsche Zeitung (SZ) und Die Welt. Als Wochenblät-
ter wurden DER SPIEGEL, FOCUS, Die ZEIT und der STERN ausgewählt. Für die
Inhaltsanalyse wurden in diesen Zeitungen/Magazinen insgesamt 5.279 Artikel
erfasst. Identifiziert wurden diese, indem in verschiedenen Datenbanken die
(digitalen) Zeitungen im Volltext nach den trunkierten Wörtern China oder chi-
nesisch durchsucht wurden. Artikel, die diesen Kriterien entsprachen, wurden
anschließend in eine Datenbank aufgenommen und zunächst nach ihrer Bezug-
 China im Spiegel der Printmedien – Zwischen Verdammung und Überhöhung?   31

nahme im Hinblick auf die Relevanz codiert. So wurden Artikel ausgeschlossen,


die China nur peripher erwähnten.
Kern der Auswertung ist eine Inhaltsanalyse nach thematischer Schwer-
punktsetzung in den Artikeln sowie ein fünfstufiges Schema der Bewertungs-
dimensionen innerhalb der Artikel, das zwischen den Polen –2 (klar negativ),
–1 (abgeschwächt negativ), 0 (neutral), +1 (abgeschwächt positiv) und +2 (klar
positiv) differenziert. Die Intercoder-Reliabilität war mit .86 sehr zufriedenstel-
lend. Diese Form der Analyse erlaubt nicht nur eine Codierung des gesamten Arti-
kels, sondern auch die getrennte Betrachtung von Themen, Akteuren und Bewer-
tungsdimensionen. Um in den Datensatz aufgenommen zu werden, mussten die
zu codierenden Artikel einen starken Bezug zu China aufweisen. Somit wurden
ausschließlich die Artikel vollständig codiert, die China als tatsächliches Schwer-
punktthema behandelten. Ausgeschlossen wurden Artikel, in denen der Referenz
auf China keine weitere inhaltliche Vertiefung folgte, wie z. B. in Aufzählungen
oder einer Nebensequenz. Von den 5.279 zu Beginn erfassten Artikeln entspra-
chen insgesamt 1.125 diesem Kriterium, sodass auch nur diese für die vertiefende
Analyse verwendet wurden.

2.1 Themendistribution

Von den untersuchten Zeitungen berichten insgesamt F.A.Z.1, SZ, Welt und taz
am häufigsten über Themen mit dem Schwerpunkt China. Allein aufgrund ihres
täglichen Erscheinens liegt der Anteil der China-Berichterstattung in den Tages-
zeitungen naturgemäß wesentlich höher als bei den wöchentlich erscheinenden
untersuchten Medien. Im Vergleich zur Analyse von Richter und Gebauer (2012)
lässt sich feststellen, dass die Anzahl der Artikel, die einen starken Bezug zu
China aufweisen, in vielen Sachgebieten weit unter dem Prozentsatz von 2008
liegt – es lässt sich also auf den ersten Blick eher eine geringere Berichterstattung
im Jahresvergleich konstatieren:

1 Aus forschungsökonomischen Gründen wurde bei der F.A.Z. auf eine systematische Stichpro-
benziehung zurückgegriffen, denn für das gesamte Jahr wurden allein für die F.A.Z. insgesamt
5.067 Artikel mit Bezug zu China festgestellt. Für den Zeitraum Oktober bis Dezember 2012 wur-
den alle Artikel der F.A.Z. vollständig codiert. Um die Struktur der Beiträge abzubilden, wurden
mittels der Systematik einer künstlichen Woche 131 Artikel ausgewählt und codiert. Bei den üb-
rigen untersuchten Medien wurde jeweils eine Vollerhebung durchgeführt.
32   Caja Thimm

Tab. 1: Beiträge mit starkem und mit schwachem Bezug zu China (Einfachzuweisung)

In Bezug auf die Sachgebiete findet sich eine klare Ausrichtung: Wirtschaft &
Finanzen dominieren. Aber auch das Sachgebiet Kultur & Gesellschaft ist stark
vertreten. Der Anteil der Artikel, die sich im Schwerpunkt mit einem kulturellen
Thema beschäftigen, ist mit 24,7 Prozent, gemessen an der Gesamtzahl aller Bei-
träge, beachtlich. Deutlich wird bei der genaueren Betrachtung der kommuni-
zierten Inhalte, dass sich im Bereich Wirtschaft häufiger Bedrohungsszenarien in
Bezug auf China als Konkurrent finden, während kulturelle Themen eher positiv
konnotiert sind. So macht die Solarindustrie „für ihre Misere vor allem die chine-
sische Konkurrenz verantwortlich“2. Nach der Solarindustrie wird nun auch die
Windenergiebranche als bedroht diskutiert: „Billig-Konkurrenz aus China wird
stärker: Droht bald ein Absturz wie in der Solarindustrie?“3
Der Bereich Innenpolitik ist ebenfalls von hoher Relevanz. Hier werden häufig
westliche Vorstellungen von Demokratie als Vergleichsfläche herangezogen und
Krisenszenarien geschildert. So wird in der SZ kritisch über die Zensur und das
chinesische Mediensystem berichtet: „Der Kampf gegen die Korruption ist mit
diesem System nicht zu gewinnen. Dazu bräuchte es unabhängige Medien und
eine unabhängige Justiz. Also nicht weniger als eine neue KP.“4
Mit 162 Artikeln ist das Gebiet Internationales das am drittstärksten im Unter-
suchungszeitraum vertretene. SZ (40,1 %), taz (23,5 %), Welt und F.A.Z. berichten

2 „Sonnenfinsternis“, Der SPIEGEL, 20.08.2012.


3 „Angriff auf die Windbranche“, Die Welt, 25.04.2012.
4 „Pekings gierige Kader“, SZ, 27.10.2012.
 China im Spiegel der Printmedien – Zwischen Verdammung und Überhöhung?   33

aus diesem Themenkomplex am ausführlichsten. Einige wenige Schwerpunkte


dominieren dieses Themengebiet. Zum einen der Inselstreit zwischen China und
Japan, zum anderen die bilateralen Beziehungen zwischen China und anderen
Nationen. Das Sachgebiet Soziales stellt insgesamt 123 Beiträge mit einem starken
Bezug (10,9 % aller Artikel). Zentrale Themen sind die Arbeitsbedingungen,
Demonstrationen und die Ein-Kind-Politik. Besonders die taz mit insgesamt 36
Artikeln sowie die SZ mit 25 Artikeln widmen sich diesem Thema. Geht es um
soziale Aspekte, so erhält vorrangig der Themenkomplex der Arbeitsbedingun-
gen in chinesischen Firmen Beachtung: so war das Thema Foxconn im Beitrag
„Neues iPhone, alter Mensch“,5 extreme Arbeitszeiten von bis zu „61 Stunden pro
Woche“6, die sozialen Folgen der Arbeit in einem Massenbetrieb, wie „seelische
Vereinsamung und Überforderung“,7 Selbstmorde und Massenschlägereien,8
aber auch Kinderarbeit, zum Beispiel bei Samsung, jeweils Thema der Artikel.9
Betont werden aber auch die Versuche der Zivilgesellschaft, Einfluss auf die
Regierung zu nehmen, wie bei Baumaßnahmen10 oder Umweltverschmutzung11.
Man sieht eine Chance, dass Proteste gegen die unterschiedlichen Bauvorhaben
„landesweit Schule machen“12. Der Aufstand auf dem Platz des himmlischen
Friedens,13 der Hausarrest14 und die anschließende Ausreise des blinden chinesi-
schen Dissidenten Chen Guangcheng tragen weiter zum Bild von inneren politi-
schen Missständen bei. Einen weiteren Themenkomplex bilden Beiträge rund um
die chinesische Familienpolitik. Hierbei werden sowohl die gesellschaftlichen
Probleme der Ein-Kind-Politik15 als auch die einer alternden Gesellschaft16 sowie
erzwungene Massenabtreibungen17 als negative Kehrseite eines „asiatischen
Wirtschaftsbooms“ beschrieben. Die Verstärkung der sozialen Kluft, Wohnungs-
not18 und die zu wenig beobachteten Bedürfnisse einer aufstrebenden chinesi-

5 „Neues iPhone, alter Mensch“, taz, 25.09.2012


6 „61 Wochenstunden am Produktionsband“, taz, 31.03.2012.
7 „Verzweifelter Arbeiter“, SZ, 12.01.2012.
8 „Massenschlägerei legt Fabrik lahm“, taz, 25.09.2012.
9 „Kinderarbeit bei Samsung?“, Der SPIEGEL, 30.09.2012.
10 „Volksmassen stürmen Regierungssitz“, taz, 30.07.2012.
11 „Chinesen kippen KP-Beschluss“, taz, 30.07.2012.
12 „Chinas Weg zur Zivilgesellschaft“, taz, 30.07.2012.
13 „Maos blutige Ernte“, Die ZEIT, 19.04.2012.
14 „Ich bin nicht frei“, Der SPIEGEL, 07.05.2012.
15 „Viele Kaiser, wenige Frauen“, taz, 07.07.2012.
16 „Die Einsamkeit der vielen“, Die ZEIT, 08.11.2012.
17 „Der mörderische Makel Frau“, Die ZEIT, 15.03.2012.
18 „Gestrandet in Hongkong“, Die Welt, 03.09.2012.
34   Caja Thimm

schen Mittelschicht bilden einen weiteren Themenbereich in der Berichterstat-


tung.
Das Sachgebiet zu Kultur & Gesellschaft liegt mit insgesamt 108 Beiträgen in
Bezug auf die Anzahl der Artikel nur knapp hinter dem Gebiet Soziales mit ins-
gesamt 123 Beiträgen. taz (27,8 %), ZEIT (19,4 %) und SZ (30,6 %) veröffentlich-
ten dazu im Untersuchungszeitraum die meisten Artikel. Hier finden sich nicht
nur positive Bewertungen chinesischer Künstler, allen voran Ai Weiwei, sondern
auch Abschnitte, die sich kritisch mit dem deutschen Chinabild beschäftigen. So
in einem Beitrag der taz, der mit der erhöhten Sichtbarkeit chinesischer Kultur
die Hoffnung verbindet, dass diese auch in Deutschland eine breitere Rezeption
erführe, denn sie sei „bis heute meist auf ein paar Stereotypen reduziert“19.
Erstaunlicherweise macht der Bereich Umwelt & Gesundheit nur einen gerin-
gen Anteil von 1,6 Prozent der gesamten Berichterstattung mit starkem Bezug aus.
Themenschwerpunkte sind Luftverschmutzung, Agrarwirtschaft und Lebensmit-
tel sowie Tierschutz. Berichtet wird beispielsweise über übermäßigen Einsatz von
Pestiziden durch chinesische Landwirte20 oder den Import billiger, aber verdor-
bener Erdbeeren21. Nur wenige Beiträge dagegen thematisieren Tibet: Wurden
200822 noch insgesamt 384 Artikel identifiziert, die sich mit diesem Thema
beschäftigen, so schrumpft dieser Anteil in unseren Daten auf gerade einmal 23
Artikel. Insgesamt spielt das Thema Tibet in den Medien in dem ausgewählten
Zeitraum eine eher untergeordnete Rolle.
Die Themenanalyse verdeutlicht einerseits eine klare Schwerpunktsetzung,
andererseits jedoch eine breite Themenpalette. Die inhaltlichen Gewichtungen
zeigen dabei eine Präferenz gegenüber kritisch zu beurteilenden Themen auf. Um
aber wirklich beurteilen zu können, ob der gerne geäußerte Vorwurf einer einsei-
tigen oder besonders negativen Berichterstattung wirklich zutrifft, wurde mittels
des aufwändigen 5-poligen Bewertungsschemas ausgewertet.

2.2 Bewertungsmuster in den Artikeln

Bei der genaueren Analyse der Inhalte im Hinblick auf die kommunizierten Bewer-
tungen fällt auf, dass die am häufigsten vergebene Wertung null, also neutral ist:

19 „Besuch im Jahr des Drachen“, taz, 12.05.2012.


20 „Groß gespritzt“, SZ, 08.12.2012.
21 „Brechobst made in China“, taz, 10.10.2012.
22 Richter und Gebauer (2008).
 China im Spiegel der Printmedien – Zwischen Verdammung und Überhöhung?   35

Abb. 2: Gesamt Wertung bei Artikeln mit starkem China-Bezug

Fast dreiviertel aller Artikel wurden während der Auswertung als neutral gewich-
tet. Im negativ/kritischen Bereich, also entweder mit -1 oder -2 bewertet, wurden
insgesamt nicht ganz 25 Prozent. Dagegen war jedoch die Anzahl der Artikel, die
mit einer klar positiven Wertung versehen waren, deutlich geringer. Denn als 1
(positiv) oder 2 (sehr positiv) wurden lediglich 9 Prozent eingestuft. Betrachtet
man die Wertungen genauer, so verschiebt sich das Bild jedoch. Je mehr Artikel
zu einem Thema vorhanden sind, desto differenzierter fällt die Bewertung letzt-
lich aus. Zu beobachten ist dies in der Kategorie Innenpolitik: Von knapp 230 Arti-
keln zu diesem Themenblock sind zusammen 78 Artikel mit -1 oder -2 bewertet,
145 neutral und nur sechs im Bereich zwischen 1 und 2. Eine Ausnahme stellt
Wirtschaft & Finanzen dar. Obwohl es die Kategorie mit den meisten Artikeln ist,
überwiegt die Anzahl neutraler bis positiv wertender Artikel: Von 330 Artikeln
fallen 81 Prozent unter die Wertung neutral, elf Prozent in den negativen und
sieben Prozent in den positiven Bereich. Es wird an dieser Kategorie deutlich, wie
positiv die wirtschaftliche Entwicklung Chinas im Jahr 2012 eingeschätzt wurde.
Einige Themenkomplexe, die aus westlicher Sicht weniger kritisch gesehen
werden (wie Kunst & Architektur, Reisen & Tourismus und Sport) sind fast aus-
schließlich neutral bis positiv formuliert. Auch Bildung, Wissenschaft & Technik
tendiert eher zu positiven Wertungen und würdigt Chinas Errungenschaften in
diesen Sektoren. Gesellschaftspolitisch eher kritisch rezipierte Themen wie Sozi-
ales, Militär, Rüstung &Verteidigung und Tibet hingegen befinden sich im Bereich
neutral bis negativ. Umwelt & Gesundheit steht ebenfalls häufig in der Kritik. Ver-
gleicht man die Bewertungen der untersuchten Themenkomplexe, dann genie-
ßen vor allem Themen aus dem Bereich Wirtschaft & Finanzen einen eher neutral
bis positiven Tenor.
36   Caja Thimm

Das Sachgebiet Kultur & Gesellschaft rangiert weit oben in der Statistik,
sowohl in Bezug auf die Artikelmenge als auch auf die Bewertungsstrukturen.
Mit insgesamt 108 Beiträgen liegt es nur knapp hinter dem Gebiet Soziales. Die
Themenkomplexe in diesem Sachgebiet sind vielfältig und reichen von der Inter-
netzensur durch die Regierung über den Literaturnobelpreis und die Frankfurter
Buchmesse bis hin zu Film,- Musik- und Konzertrezensionen.
Einen zusammenfassenden Überblick über die Wertung der Sachgebiete gibt
die nachstehende Tabelle:

Tab. 3: Bewertung der Sachgebiete

Es wird schon allein an der Menge der Artikel ersichtlich, dass das Thema China
längst einen festen Platz in der deutschen Medienberichterstattung innehat.
Allem voran ist der Themenkomplex rund um die wirtschaftliche Bedeutung
Chinas in den untersuchten Medien führend, aber auch die Beziehungen zu
anderen Staaten und das politische Personal werden von den Medien aufmerk-
sam beobachtet und kommentiert. Andererseits werden langfristig existente
Themen wie der Tibetkonflikt aus den Zeitungen verdrängt und erfahren weniger
Aufmerksamkeit. Waren die Olympischen Spiele 2008 noch ein Anlass für die
Berichterstattung über soziale Unruhen und Zensur, so spielen diese Themen
nun eine deutlich geringere Rolle. Allerdings rückten soziale Themen innerhalb
der letzten Jahre auch immer wieder aufgrund von Berichten über die Arbeitsbe-
 China im Spiegel der Printmedien – Zwischen Verdammung und Überhöhung?   37

dingungen in chinesischen Unternehmen in den Fokus der Berichterstattung; die


Ein-Kind-Politik, die Feinstaubbelastung und Themen zum Umgang mit älteren
Generationen oder Wohnungsnot erweitern diesen Themenkomplex. Zwar wird
die China-Berichterstattung natürlicherweise von besonderen Ereignissen wie
dem Parteitag, dem Skandal um Bo Xilai oder dem Inselstreit mit Japan bestimmt,
trotzdem lässt sich im breiten Themenspektrum eine hohe Kontinuität feststel-
len. Dies ist nicht zuletzt einigen versierten Journalisten geschuldet, die für ihre
jeweiligen Zeitungen  – zwar mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen  –
doch mit einem insgesamt sehr breit gestreuten Themenspektrum die Neugierde
der Leserschaft an China bedienen.
Die hier untersuchten Medien vermitteln ein facettenreiches China-Bild, das
aktuelle wirtschaftliche und politische Themen in den Fokus rückt, andererseits
aber auch den nötigen Raum für eine durchaus kritische Berichterstattung zu
Themenkomplexen erlaubt, die von hoher gesellschaftlicher und kultureller Rele-
vanz sind und die Rolle und Bedeutung Chinas als einen bedeutsamen Spieler in
der internationalen Gemeinschaft reflektieren (s. auch Thimm und Witsch 2015).
Um in einem zweiten Schritt eine ergänzende Perspektive einzubinden, die
weniger auf die medial vermittelten Bilder in der allgemeinen deutschen Öffent-
lichkeit fokussiert, sondern Experten und Expertinnen zu Wort kommen lässt,
die ihrerseits diese Berichterstattung einschätzen sollten, wurde eine zweite
Studie durchgeführt.

3 Die Berichterstattung aus Expertensicht


In der nachstehend vorgestellten Untersuchung wurden deutsche China-Exper-
tinnen und Experten um ihre Einschätzungen zum (Medien)Bild Chinas gebeten.
Diese Experten stammten aus den Bereichen Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und
Kultur. Die Identifizierung der Expertengruppe richtete sich nach unterschiedli-
chen Vorgaben. Ein wichtiges Kriterium war eine berufliche Befassung mit dem
Thema China. So befinden sich im Experten-Pool zahlreiche China-Referenten,
Korrespondentinnen und Korrespondenten, Übersetzer oder Mitarbeiterinnen
und Mitarbeiter von Institutionen, die sich mit China-Themen beschäftigen.
Auch Politiker, Wirtschaftsvertreter und vereinzelt Vertreterinnen und Vertre-
ter anderer Berufsgruppen (z. B. Medizin, Filmproduktion, Pädagogik), die sich
zwar nicht zwangsläufig hauptberuflich mit den Thema China beschäftigen, aber
dennoch oft genug mit dem Land und seinen Bewohnern in Kontakt kommen,
um zu einer gewissen Expertise zu gelangen, nahmen an den Interviews teil. Ins-
gesamt konnten 26 weibliche und 56 männliche Experten für die Befragung rek-
38   Caja Thimm

rutiert werden. Die meisten Teilnehmer befinden sich in der Altersgruppe 31–50
Jahre (47%). Die Zugehörigkeit zu den vier Gruppen war relativ gleichmäßig ver-
teilt: 26 Experten ordneten sich der Interessen-/Beschäftigungsgruppe Politik zu,
27 der Gruppe Wirtschaft. Den Gruppen Kultur und Wissenschaft ordneten sich
jeweils 25 Experten zu.

3.1 Assoziationen zu China

Besonders aufschlussreich war eine Frage direkt zu Beginn der Interviews, in


der die Befragten aufgefordert wurden, spontan Begriffe zu nennen, die ihnen
zum Thema ‚China’ einfielen. Dabei zeigte sich, dass China in vielerlei Hinsicht
positiv assoziiert wird. So dominierten Begriffe, wie „Kultur“, „Wirtschaft“,
„Gastfreundschaft“, „Kunst“ und „Vielfalt“, als absoluter Spitzenreiter wurde
allerdings „leckeres Essen“ genannt. Auch bekannte chinesische Symbole oder
Personen, wie die „Chinesische Mauer“, „Schriftzeichen“, „Shanghai“, „Peking“,
„Konfuzius“, „Mao Zedong“, „Ai Weiwei“ oder allgemein „Kommunismus“ bzw.
„Sozialismus“ wurden häufig genannt. Allerdings haben auch negativ konno-
tierte Begriffe in den Nennungen einen großen Anteil. Hier wurden besonders
oft „Umweltverschmutzung“, Chinas „Tibet-Politik“, „Menschenrechtsverletzun-
gen“, „Tiananmen-Massaker“, „Kulturrevolution“, „Korruption“, „autoritäres
Regime“ und „Diebstahl geistigen Eigentums“ genannt. An der Verteilung dieser
Assoziationen lässt sich gut ablesen, dass China bei den Befragten ein starkes
und positives Image hat, was kulturelle Errungenschaften oder Chinas land-
schaftliche und ethnische Vielfalt angeht. Die negativen Assoziationen setzten
sich aus vielen bereits bekannten Bildern zu China zusammen. Dabei domi-
nierten die Ablehnung von Chinas politischem System, sowie die Kritik an den
Folgen des ungebremsten Wirtschaftswachstums, die einerseits in einer zerstör-
ten Umwelt, andererseits aber auch in wenig Respekt vor Marken/Patenten bzw.
geistigem Eigentum resultieren. Befragt nach den Medien, die die Expertinnen
und Experten hauptsächlich nutzen, zeigte sich, dass die Befragten am häufigs-
ten den SPIEGEL (Print und online) (37 Nennungen) lesen, um sich über China
zu informieren. Weiterhin wurden die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) (29
Nennungen), DIE ZEIT und die Süddeutsche Zeitung (je 21 Nennungen) als Infor-
mationsquellen genannt.
 China im Spiegel der Printmedien – Zwischen Verdammung und Überhöhung?   39

3.2 Rolle der Medien aus Expertensicht

Insgesamt wird die Rolle der Medien in Bezug auf das Chinabild in Deutschland
als sehr hoch bewertet. In allen vier Gruppen stimmte jeweils die Mehrzahl der
Experten und Expertinnen der Aussage „Die Medienberichte beeinflussen unsere
Einstellung“ zu. Die größte Zustimmung kam dabei aus den Gruppen der Poli-
tiker mit 96% bzw. der Gruppe der Wissenschaftler mit 91,7% Zustimmung. Der
Aussage „Die deutschen Medien berichten vielseitig, sodass man sich seine
eigene Meinung [in Bezug auf China] bilden kann“ konnten die Befragten nur
teilweise bzw. überhaupt nicht zustimmen. Am wenigsten Zustimmung kam hier
aus der Gruppe der Politiker, in welcher 40% mit „trifft eher nicht zu“ bzw. „trifft
gar nicht zu“ antworteten.
Im Gegenzug waren sich die Teilnehmer in allen Gruppen mehrheitlich einig,
dass in den Medien besser und ausführlicher über China berichtet werden müsse.

Tab. 3: Einschätzung der Wichtigkeit der Medien für das Chinabild durch die Experten

Einschätzung Politik Wirtschaft Kultur Wissenschaft

trifft vollständig zu 48,0% 55,6% 58,3% 62,5%

trifft zu 36,0% 33,3% 29,2% 16,7%

trifft mehr oder weniger zu 16,0% 11,1% 8,3% 16,7%

trifft eher nicht zu 0% 0% 0% 0%

trifft gar nicht zu 0% 0% 4,2% 4,2%

Die Experten äußerten sich in vielen Fällen sogar ausgesprochen kritisch gegen-
über der deutschen Berichterstattung zu China. Diese Kritik kam auch in den
freien Aussagen explizit zum Ausdruck:

„Die Vielseitigkeit in China wird kaum in Deutschland wahrgenommen. Über Themen, wie
Wanderarbeiter wird nur schlecht berichtet, nicht differenziert […] Sowas wollen die Deut-
schen nicht hören, weil die sowieso schon ihre Meinung darüber gebildet haben.“ (Experte
Nr. 9)

Auch die konfliktorientierte Kernagenda der Medien wurde an vielen Stellen kri-
tisiert:

„Die meisten Touristen sind begeistert von China und kommen in der Regel wieder, aber in
den Medien sieht das anders aus, man wartet immer darauf, dass was schief geht. Immer
40   Caja Thimm

wenn was Schlimmes passiert, lese ich aus den Zeitungen so eine gewisse Häme heraus,
„Wir haben ja gesagt, dass das nicht gut gehen kann“. Das ist aber kein chinaspezifisches
Problem, das ist ein medienspezifisches Problem.“ (Experte Nr. 22)

Besonders wurde dabei von einigen Befragten auf die Häufung von Stereotypen
in der Berichterstattung hingewiesen.

„Die deutschen Journalisten, die ich in China kenne, die beklagen sich, dass wenn sie
positive Geschichten schreiben, es viel schwerer ist. Allgemein ist es so, dass wir schlechte
Nachrichten stärker wahrnehmen, als die guten Nachrichten und die Erfolgsstories.“
(Experte Nr. 1)

Kritisiert wird auch die mangelnde Vielfalt in der Berichterstattung:

„Die Deutschen tun sich grundsätzlich sehr schwer, was die Berichterstattung über große
Länder angeht. China ist mehr als Peking und Shanghai. Vielfalt entgeht der Medienbericht-
erstattung komplett. Stereotypen überwiegen. In China werden unter schlechten Bedingun-
gen Waren hergestellt, die Machthaber interessieren sich nicht für ihr Volk usw. Die ganze
positive Dynamik der Menschen, die dort sind, auf allen Ebenen, wird völlig ausgeblendet.
Das wird nicht verstanden, das will man auch nicht verstehen, weil es dem Stereotyp nicht
entspricht. Der ganze Fortschritt, der sich in den letzten 30 Jahren entwickelt hat, findet
sich in den deutschen Medien kaum wieder.“ (Experte Nr. 22)

Neben den persönlichen Interviews wurden auch teilstandardisierte Fragebogen-


studien mit den Experten durchgeführt. Die Ergebnisse aus diesen Fragebögen
unterstützen diese ambivalente Sichtweise der Experten. Der Aussage „Berichtet
wird mit einem neutralen Blick auf das Land“ konnten nur insgesamt zwei Teil-
nehmer (= weniger als 3%) aller Befragten zustimmen. Über die Hälfte der Befrag-
ten antwortete mit „Trifft gar nicht zu“ bzw. „Trifft eher nicht zu“. Der Kontroll-
aussage „Berichtet wird mit einem westlichen Blick auf das Land“ stimmten dann
über zwei Drittel aller Befragten zu, die meisten aus den Bereichen Politik und
Wirtschaft. Auch die Frage, ob Medienberichte in China als korrekt recherchiert
anzusehen sind, wurde von nur zwei Teilnehmern bejaht. Bei der Beantwortung
dieser Frage zeichnete sich allerdings kein klarer Trend ab. Ein knappes Drittel
(n=26) beantwortete die Frage mit der Aussage „trifft mehr oder weniger zu“, 21
Befragte antworteten mit „trifft gar nicht zu“. Die Gründe für die Unzulänglichkeit
der China-Berichterstattung wurden unterschiedlich eingeschätzt. Ein Befragter
sieht das Problem in einer zu geringen Korrespondentenverteilung vor Ort:

„In China arbeiten weniger als 15 akkreditierte Journalisten/zeitweise weniger als 10.
Alleine in New York sind derzeit über 70 Journalisten für deutsche Medien tätig. Unser
China-Medien-Bild wird aus zu wenigen Quellen gespeist.“ (Experte Nr. 12)
 China im Spiegel der Printmedien – Zwischen Verdammung und Überhöhung?   41

Ein anderer Experte sieht das Problem einerseits in der zu geringen Relevanz, die
dem Thema China beigemessen wird, andererseits aber auch in der wenig infor-
mativen Berichterstattung der Printmedien:

„Ich glaube, Zeitungsleser sagen sich mittlerweile, diesen Kram, den ich aus der Zeitung
kriege, den brauch ich eigentlich nicht, das bestätigt mein Bild, wenn ich mehr will, gehe
ich sowieso ins Internet. […] China ist eben auch für die meisten Deutschen gar kein Thema,
das ist ein Riesending weit weg. Wenn man sich schon kaum über Italien und Frankreich
informieren kann, wieso sollte man sich dann über China informieren?“ (Experte Nr. 22)

Im Vergleich zu deutschen Medien heben einige Experten außerdem hervor, in


welchen Bereichen internationale Fachmedien Vorteile hätten:

„Englischsprachige Medien sind detaillierter, spezialisierter als deutsche, berichten zeit-


naher und ausführlicher zur Menschenrechtssituation oder spezifischen Problemen in
China. Englische Fachmedien haben keine deutschen Pendants, wenn es um Themen wie
Menschenrechte, soziale Entwicklung und Reformen des Rechtssystems geht; US-Medien
berichten wahrscheinlich ähnlich wie deutsche“. (Experte Nr. 39)

Häufig wird eine verengte Perspektive kritisiert:

„Die deutschen Medien berichten einseitig, sie haben eine sehr begrenzte Auswahl an
Themen. China ist groß und hat viele relevante Ereignisse und Trends zu verzeichnen, […]
von denen der Großteil nicht berücksichtigt wird. Man hat den Eindruck, dass nur eine
negative China-Berichterstattung eine gute China-Berichterstattung ist. Ich hab manch-
mal den Eindruck, dass größere internationale Medien eine breitere Fächerung an Themen
bieten.“ (Experte Nr. 50)

Das eher negative Bild Chinas in der deutschen Presse wird von den Befragten
einerseits mit Chinas gestiegenem Einfluss und andererseits mit der allgemeinen
Mentalität der Deutschen erklärt:

„Es hat auch mit der Politik zu tun. Früher war China noch ein Land, das sich positiv gezeigt
hat, es war einfach noch nicht so mächtig. Heute wird China als übermächtig angesehen
und deshalb wird es anders bewertet und kritischer beäugt. Die Menschenrechtsverlet-
zungen waren früher vielleicht viel schlimmer als sie es heute sind. […] China wird heute
negativer betrachtet, als in den letzten 30 Jahren. Früher hat man den Chinesen allgemein
einen Bonus entgegengebracht, z. B. „Die arbeiten hart“, „Die sind fleißig“ usw. Heute ist
das quasi umgekehrt, heute heißt das, „Die nehmen unsere Arbeitsplätze weg“, „Die klauen
unsere Technologie“, es sind überwiegend negative Stereotype. Wenn ich mit chinesischen
Kadern spreche, sind die total entsetzt, wie negativ über China in Deutschland berichtet
wird.“ (Experte Nr. 1)
42   Caja Thimm

Allerdings gab es auch einige Experten, die grundsätzlich mit der China-Bericht-
erstattung zufrieden waren:

„Das aus den deutschen Medien zu entnehmende Bild Chinas ist in der Regel differenziert,
hoch seriös recherchiert und beruht auf sehr guten Kenntnissen der Korrespondenten
(Sprache, Kultur) vor Ort. Ein Medienbashing ist nicht angebracht.“ (Experte Nr. 25)

Ähnlich auch andere Stimmen:

„Eigentlich sind die deutschen Medien nicht so schlecht. Die deutschen Medien haben
natürlich auch immer den Auftrag, ihre Produkte zu verkaufen, die müssen gewisse Stereo-
type bedienen. Und das führt dazu, dass sie Dinge des Alltages oder Dinge, die im deutsch-
chinesischen Verhältnis eigentlich wichtig wären, ausblenden. Zum Teil liegt das in der
Natur der Medien, nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. […] Der Alltag und
das, was in China abläuft, bleiben außen vor. Das kann man den deutschen Medien aber
wirklich nur zu einem geringen Teil vorwerfen, das ist einfach in der Logik von Medien
verwurzelt.“ (Experte Nr. 23).

Besonders auch einzelne Journalisten werden in Schutz genommen:

„Aber: das Niveau ist hoch bei deutschen China-Korrespondenten, der Großteil berichtet
sehr differenziert mit hohem Standard. Fehler in der Berichterstattung kommen häufig eher
aus den Redaktionen“ (Experte Nr. 39)

Um China besser einschätzen zu können, betont eine Vielzahl von Experten die
Wichtigkeit von Erfahrungen aus erster Hand:

„Die Diskrepanz zwischen dem, was in Deutschland bekannt ist und dem was in China
passiert, ist extrem groß. Meiner Erfahrung nach ändert ein China-Aufenthalt, auch wenn er
nur von kurzer Dauer ist, die Perspektive um 180 Grad. Den meisten Leuten fehlt der direkte
Kontakt. Und wenn der direkte Kontakt da ist, dann ist die Offenheit viel größer, die Leute
sind wesentlich positiver und wesentlich unvoreingenommener.“ (Experte Nr. 50)

Die Mehrzahl der Experten betonte allerdings, dass es allgemein schwierig sei,
China auf Grund seiner Vielfalt und Größe richtig einzuschätzen. Dies sei selbst
für Ausländer, die dort schon einige Zeit gelebt haben, schwierig.

„Man sollte ein stärkeres Bewusstsein dafür entwickeln, dass man China nur in Teilaspek-
ten begreifen kann, niemals als Ganzes. Dafür ist das Land zu groß und zu differenziert.
Man sollte Berichte mehr in Relationen setzen und ein Gefühl dafür vermitteln, dass es sich
bei dem Land nicht um einen festen Monolithen, sondern um eine Vielzahl völlig unter-
schiedlicher Provinzen handelt, die ihre spezifischen Eigenheiten haben. Zentrale Vor-
schriften werden auf lokaler Ebene den Umständen entsprechend interpretiert und umge-
setzt. Zum Guten und zum Schlechten. Dieses Gefühl der Komplexität lässt es erst zu, dass
 China im Spiegel der Printmedien – Zwischen Verdammung und Überhöhung?   43

man Informationen in den richtigen Kontext setzen kann und nicht ein Land mit der Größe
eines Kontinents auf einzelne Faktoren reduziert.“ (Experte Nr. 44)

Chinas Soft Power


Auch die Bedeutung des Faktors Soft Power spielte in den Meinungen der Befrag-
ten eine wichtige Rolle. Dabei wurden vor allem Chinas bisher erfolglosen Versu-
che, das eigene Image zu verbessern, sowie die mangelnde Souveränität bezüg-
lich westlicher Kritik bemängelt:

„Auf jeden Fall beklagen sich die Kader aus der KP Westeuropa über deutsche Medien,
besonders den Spiegel. Die bemühen sich auch, Einfluss zu nehmen, aber das machen die
nicht clever genug. Also das China-Image nehmen die ernst, wenn man den Brandname
China verkaufen will und dann vielleicht denkt, nachher werden unsere Produkte negativ
vom Markt auf Grund dieses schlechten allgemeinen China-Images behandelt werden, wäre
das mittel- und langfristig furchtbar.“ (Experte Nr. 1)

Wichtig war vielen Experten auch, die Berichterstattung in ihrer Rolle zu relati-
vieren und auf die Vergleichbarkeit mit anderen Länderberichten hinzuweisen:

„Die Wirkung von westlichen Medienberichten auf westliche Leser/Zuschauer wird in


China stark überschätzt und übersensibel reagiert. Die Berichterstattung über Deutschland
selbst / die USA etc. ist genauso kritisch.“ (Experte Nr. 19)

„Auf der anderen Seite sollten die Chinesen ein bisschen Gelassenheit entwickeln in Bezug
auf Themen, mit denen man sich einfach auseinandersetzen muss. Das geht nicht mehr,
dass man sagt, das passt uns nicht und deswegen gibt es das nicht. Die Chinesen haben viel
getan, sind aber in der Beziehung unglaublich sensibel.“ (Experte Nr. 32)

Politisch gesehen wird China eher ambivalent eingeschätzt. Der Aussage „China
ist eine Großmacht“ stimmte die Mehrzahl der Befragten zu. Am meisten Zustim-
mung kam dabei aus der Gruppe der Wirtschaft. Die geringste Zustimmung aus
der Gruppe der Wissenschaftsvertreter. Ein Experte äußerte sich allerdings sehr
euphorisch, was Chinas wirtschaftliches Bild in der Welt angeht:

„Die Zeiten sind vorbei, wo China Plagiate hervorbrachte und billig produzierte. China wird
die wirtschaftliche Supermacht des 21. Jahrhunderts sein. Die Zeit der „Schande“ ist vorbei,
die letzten 400 Jahre werden ein kurzes Intermezzo der Schande sein, das Reich der Mitte
kehrt zurück in die Mitte“ (Experte Nr. 61)

Ein etwas schwächeres Bild zeigte sich bei der Aussage „China sieht sich als den
USA ebenbürtig“. Auch dieser Aussage stimmte jedoch ein Großteil der Exper-
ten grundsätzlich zu. Ein Fünftel aller Befragten aus der Wissenschaftsgruppe
44   Caja Thimm

konnte dieser Aussage allerdings nicht zustimmen, auch eine geringe Anzahl von
Experten aus der Wirtschaftsgruppe stimmte dieser Aussage nicht zu.
In den geschlossenen Fragen des Fragebogens zeigte sich außerdem beson-
ders, wie die chinesische Kultur wahrgenommen wird. So stimmte die Mehrzahl
der Befragten der Aussage „Die Chinesen sind stolz auf ihre Jahrtausende alte
Kultur“ vollständig zu. Die größte Zustimmung kam hier aus den Gruppen Wirt-
schaft und Kultur. Am wenigsten Zustimmung kam aus der Gruppe der Wissen-
schaft.

Tab. 4: Experteneinschätzung zum Thema „Chinesen sind stolz auf ihre Tradition“ (n= 67)

Politik Wirtschaft Kultur Wissenschaft

trifft vollständig zu 73,1% 81,5% 76,0% 72,0%

trifft zu 11,5% 7,4% 4,0% 4,0%

trifft mehr oder weniger zu ,0% ,0% ,0% 4,0%

trifft eher nicht zu ,0% ,0% ,0% ,0%

trifft gar nicht zu ,0% ,0% ,0% 4,0%

weiß nicht ,0% ,0% ,0% ,0%

Zwar wird der alten Kultur Chinas und deren Stellenwert unter Chinesen durch-
aus Anerkennung gezollt, dennoch scheint Chinas aktuelle Kulturszene in
Deutschland nur wenig bedeutsam zu sein. Der Aussage im Fragebogen „Aus
China kommen viele erfolgreiche Künstler“ konnten die meisten Befragten nur
teilweise zustimmen. Am wenigsten Zustimmung kam hier aus der Gruppe der
Kulturvertreter. Auch die meisten Befragten aus der Gruppe der Wirtschaftsver-
treter konnten dieser Aussage kaum bis gar nicht zustimmen, aus dieser Gruppe
wurde auch besonders häufig mit „weiß nicht“ geantwortet.

Abgleich mit Stereotypen


Aufschlussreich war der Abgleich mit bekannten Stereotypen in Bezug auf China.
Der Aussage „Habe Sorge um Spionage/Plagiate“ stimmte fast die Hälfte der Teil-
nehmer ausdrücklich zu. Besondere Zustimmung kam hier, wenig überraschend,
von den Experten aus der Gruppe Wirtschaft (n= 14). Weniger Sorge um Spionage/
Plagiate herrschte in den Gruppen der Wissenschaftler und Kulturvertreter. Hier
gab jeweils knapp die Hälfte an, überhaupt keine Angst vor Spionage/Plagiaten
zu haben.
 China im Spiegel der Printmedien – Zwischen Verdammung und Überhöhung?   45

Ein noch klareres Bild zeigte sich bei den Themenbereichen von Ökologie
und Menschenrechten. Der Aussage „Chinas Wirtschaftswachstum geht auf
Kosten der Umwelt“ stimmte die überwiegende Mehrheit der Experten zu. Aller-
dings antworteten immerhin knapp 8% der Teilnehmer mit „trifft überhaupt
nicht zu“. Auch die Aussage „China missachtet Menschenrechte“ wurde vom
Großteil der Teilnehmer unterstützt. Auch hier wurde nur einmal mit „trifft eher
nicht zu“ geantwortet. Die größte Zustimmung kam aus den Gruppen Politik und
Wirtschaft. Zu der Lage der Menschenrechte in China herrschte allerdings auch
Uneinigkeit unter den Experten. So wurde auch Deutschlands Rolle in diesem
Konflikt kritisiert:

„[…] China ist viel mehr als seine Regierung. Vor der Normalbevölkerung habe ich den
allergrößten Respekt. Mich nervt der Hype um Liao Yiwu, Ai Weiwei etc. zur allgemeinen
Beruhigung des deutschen schlechten Gewissens und die wissen gar nicht, dass sie instru-
mentalisiert werden!“ (Experte Nr. 35)

Andere haben zu diesem Punkt eine völlig andere Ansicht:

„Dieser Bürgerrechtler ist dort geschunden worden, da geht’s den Menschen schlecht, da
werden Wirtschaftsbeziehungen gepflegt, obwohl die Menschenrechte nicht eingehalten
werden und dann reist Politiker xy da hin und sagt garantiert, ich hab auch die Menschen-
rechte angesprochen’. Da werden all die Dinge abgeliefert, die der deutsche Zeitungsleser
auch haben will.“ (Experte Nr. 22)

So sei die Lage für den Durchschnittschinesen auch entspannter, als es die west-
lichen Medien darstellten:

„[D]a geht man davon aus, es gibt eine Einparteienherrschaft, überall steht die Geheimpoli-
zei, man kann nichts sagen und das Internet ist zensiert. Da vergisst man einfach, dass die
Mehrheit der Chinesen genau wie die Mehrheit der Deutschen nur ins Internet schaut um zu
wissen, wie sie von A nach B kommt, wenn sie sich neue Kleider kaufen wollen oder wissen
wollen wie das Urlaubswetter wird.“

4 Fazit
Im Mittelpunkt unserer Untersuchungen standen verschiedene Ansätze zur
Sichtbarmachung von Images, Einstellungen und Stereotypen über China in der
deutschen Medienöffentlichkeit und ausgewählten Bevölkerungsgruppen. Dabei
wurden medien- und rezeptionsanalytische Ansätze kombiniert, um eine mög-
lichst facettenreiche Perspektive zu den jeweiligen Konzepten zu erhalten. Dieser
46   Caja Thimm

multiperspektivische Ansatz ermöglicht eine größere Vielfältigkeit der Sichtwei-


sen und erlaubt komplexere Interpretationen.
So zeigte sich, dass keine einheitliche Sichtweise entsteht, sondern vor allem
eines sehr deutlich wird: ein Bild von China im Wandel. Die Medieninhaltsanalyse
der untersuchten Zeitungen konnte zeigen, dass die wirtschaftliche Bedeutung
Chinas in den untersuchten Medien nach wie vor als Leitthema gelten kann. Aller-
dings wird auch die internationale Rolle Chinas zunehmend stärker gewichtet: es
lässt sich ein breites Themenspektrum und eine hohe Themendichte feststellen.
Dabei ist die journalistische Haltung keinesfalls einseitig negativ – vielmehr wird
häufig ein ausgewogenes China-Bild vermittelt, das besonders dort kritisch ist,
wo sich Missstände nicht nur aus deutscher Sicht kommentieren lassen.
Die Experteninterviews der Perzeptionsstudie durch vier Gesellschaftsgrup-
pen (Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Kultur) bestätigen zum Teil Ergebnisse der
Medienanalysen, allerdings sehen die meisten der beteiligten Experten die deut-
sche Berichterstattung nach wie vor als zu wenig ausdifferenziert an. Auch von
den befragten Experten wurde China vor allem als Land mit starkem Wirtschafts-
wachstum charakterisiert, nur wenige sahen kulturelle oder wissenschaftliche
Errungenschaften als relevant an. Besonders kritisch betrachtet wurden Chinas
Umgang mit der Umwelt und die Verletzung von Menschenrechten. Auffallend
war hierbei, dass Bereiche, in denen die Befragten eigene Erfahrungen mit China
gemacht hatten (etwa durch direkten Kontakt mit der Bevölkerung, kulturelle
Erfahrungen und Reisen), durchgehend positiver bewertet wurden als Bereiche,
in denen Informationen eher aus den Medien bzw. aus Sekundärquellen gewon-
nen werden (etwa Politik und Menschenrechte). Dies zeigt, dass der direkte per-
sönliche Austausch mit China positive Effekte für das gegenseitige Verständnis
haben kann. An der Berichterstattung selbst kritisierten die Experten vor allem,
dass diese vorwiegend aus westlicher Perspektive geschrieben sei und die Aus-
gewogenheit teilweise fehle. So beanstanden viele Experten, dass China stets
negativ dargestellt werde und Stereotype in den Beschreibungen dominieren.
Auch wenn die Analysen unserer Studien teils kritische Perspektiven auf
China ergeben haben, so zeigte sich ebenfalls, dass auch das moderne Gesicht
des Landes zunehmend in die deutsche Medienwelt Einzug erhalten hat. Es wird
vielfältig und intensiv berichtet − und dabei keineswegs nur über Wirtschaft oder
gesellschaftliche Problemfelder. Die Rolle als „verantwortungsvoller Akteur einer
neuen politischen Weltordnung“ (Peuckmann 2010:34) ist jedoch für viele noch
nicht klar sichtbar. Hier, so scheint es, müssen auch Anlässe für eine entspre-
chende Berichterstattung gegeben sein.
 China im Spiegel der Printmedien – Zwischen Verdammung und Überhöhung?   47

5 Literaturverzeichnis
Kleinsteuber, Hans. „Stereotype, Images und Vorurteile – Die Bilder in den Köpfen der
Menschen“. Die häßlichen Deutschen: Deutschland im Spiegel der westlichen
und östlichen Nachbarn. Hg. Günter Trautmann. Darmstadt: Wissenschaftliche
Buchgesellschaft.
Peuckmann, Lukas. „One world – one dream?“. Das Bild Chinas in der Olympia-
Berichterstattung. Berlin: Frank & Timme (Internationale und Interkulturelle
Kommunikation, 7), 2010.
PEW (2013): PEW Research Center: The global attitudes project: Balance of power, http://www.
pewglobal.org/2013/07/18/.
Richter, Carola und Gebauer, Sebastian. Die China-Berichterstattung in den deutschen Medien.
Berlin: Heinrich-Böll-Stiftung, 2008.
Trampedach, Tim. „Das neue ‚Reich des Bösen‘“? Die Volksrepublik China in den deutschen
Medien, 1949 und 1999, in: Berliner China-Hefte, Nr. 18. Münster, S. 3–10, 2000.
Thimm, Caja, Bürger, Tobias und Kuhn, Phyllis. China im Spiegel der deutschen Gesellschaft:
Images, Einstellungen und Erwartungen in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Kultur.
Schriftenreihe der Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik, Bonn,
2014.
Thimm, Caja und Witsch, Kathrin. China im Spiegel der Printmedien. Wertende
Berichterstattung und ihre Perzeption am Beispiel China. Erscheint in: Deutscher
Fachjournalisten-Verband (Hrsg). Journalistische Genres“. UVK Verlag, Konstanz, 2015/i.
Dr.
Wilke, Jürgen. „Imagebildung durch Massenmedien. In: Bundeszentrale für politische Bildung“.
Völker und Nationen im Spiegel der Medien. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung,
1989. 11–22.
Friedemann Vogel
Linguistische Imageanalyse Chinas
Theoretisch-methodische Grundlagen und exemplarische
Analyse

1 Stereotype, Klischees, Vorurteile im Muster der


Sprache
Kontrastive linguistische Imageanalysen (grundlegend entwickelt und erprobt
bei Vogel 2010a, 2010b, 2012, 2014) schließen an Paradigmen der Foucault-nahen
Diskurslinguistik (Warnke 2007), an vorausgehende Ansätze zur Analyse von
Sprachstereotypen (Feilke 1989; Dąbrowska 1999; Bourhis und Maass 2005; Püm-
pel-Mader 2010) und an Methoden der Korpuslinguistik (McEnery und Wilson
1997; Teubert 2006; Teubert und Cermakova 2007; Lüdeling und Kytö 2009) an.
Grundlegend ist dabei die Unterscheidung zwischen Stereotypen als real-kogni-
tive Entitäten1 und „Medienimages“.

„Öffentliche Medienimages sind Teil global-diskursiver Ereignisse, die sich in Form typi-
scher, d. h. wiederkehrender, ko(n)textsensitiver Sprachmuster manifestieren und damit
ausdrucksseitige Vorlagen für spezifische Standardwerte in Frames bzw. Stereotypen bereit-
stellen.“ (Vogel 2010a, S. 350)

Der Begriff des Medienimages dient allein heuristischen Zwecken und bezieht
sich auf transtextuelle, sich auf ein- und denselben Sachverhalt beziehende,
sprachliche Muster in Massendaten als Indizien für diskursiv wirksame Denk-
schemata. Anders formuliert: Wenn vielfältige Medien (Zeitungen, Zeitschrif-
ten, Online-Blogs usw.) in ähnlicher, teilweise identischer Form (Formmuster:
bedeutungsverwandte Substantive, Adjektive, Adverbien, Mehrworteinheiten
usw.) über einen gewissen Zeitraum und hochfrequent über einen Sachverhalt
berichten, entwickelt sich über die Einzeltexte hinweg eine mehr oder weniger

1 Siehe hierzu den einleitenden Beitrag von Jia Wenjian und Friedemann Vogel in diesem Band.

Vogel, Friedemann, Prof. Dr., Juniorprofessor für Medienlinguistik, Institut für Medienkulturwis-
senschaft, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Deutschland

DOI 10.1515/9783110544268-003
 Linguistische Imageanalyse Chinas   49

kohärente Struktur von Attributionen und Prädikationen (Eigenschaftszuschrei-


bungen) hinsichtlich eines Referenzobjektes. Diese Struktur oder – im metapho-
rischen Sinne  – dieses „Bild“ begleitet MedienrezipientInnen kontinuierlich in
ihrem Alltag und konstituiert damit eine als „Normalität“ markierte, konventi-
onalisierte und damit auch erwartbare Zeichenumgebung. Images existieren
nicht realiter, sondern nur als heuristisches Konstrukt und als Ergebnis einer
empirischen Analyse. Kognitiv-real werden sie erst, wenn sie im kontinuierlichen
Rezeptionsprozess bestehende Wissensrahmen schematisieren (sedimentieren)
oder zur Bildung neuer Stereotype beitragen.
Dieser Zusammenhang lässt sich gut am aktuellen Beispiel des deutschen
Flüchtlingsdiskurses illustrieren: Die Berichterstattung über die zunehmende
Anzahl an Flüchtlingen, MigrantInnen und Asylsuchenden ist in den letzten
Jahren (im Grunde seit den 60er-Jahren) kontinuierlich und hochfrequent mit
metaphorischen Ausdrücken wie Masse, Andrang, Ansturm, Welle, Flut u. ä.
umschrieben worden (vgl. auch Wengeler 2003). Die  – häufig als wertneutrale
Berichte markierten – Texte konstituierten damit ein „Bild“, in dem die Akteure
(die Flüchtlinge) im sprachlichen Konzeptualisierungsmuster einer ›Gefahr‹ kon-
textualisiert wurden. Von diesem analytisch gewonnenen Medienimage lässt sich
(vor dem Hintergrund des Luhmannschen Paradigmas) die Hypothese formulie-
ren, dass die deutsche Bevölkerung mehrheitlich und tendenziell ein negatives
Stereotyp zu Flüchtlingen entwickelt (hat).
Um Hypothesen wie die zuvor Genannte aufstellen zu können, bedarf es
jedoch der Auswertung von großen Massendaten im Umfang von (hundert-)tau-
senden Texten bzw. mehrerer Millionen Wortformen (sehr große Textkorpora).
Denn im Unterschied zu klassisch-hermeneutischen Einzeltextanalysen kommt
es hier weniger auf den einzelnen, gegebenenfalls vom Autor intendiert gewähl-
ten, Ausdruck an, sondern auf hochfrequente Belege, die erst in ihrer Gesamtheit
zum Stereotype prägenden medialen Hintergrundrauschen beitragen und das als
solches in berechenbaren Mustern sichtbar gemacht werden kann. Eine derart
gerichtete Analyse lässt sich nicht mehr allein manuell (händisch), sondern nur
mithilfe von Sprachdaten verarbeitenden Algorithmen und Software bewältigen.
Eine Linguistische Imageanalyse setzt genau hier an, denn sie

„abstrahiert weitestgehend von konkreten Akteuren, insb. von Textproduzenten, […]


wendet sich damit zugleich auch ab von dem Paradigma der geschlossenen Texteinheit als
Basis für Ganztextanalysen und fokussiert vielmehr auf großkorpusbasierte, textübergrei-
fende rekurrente Sprachmuster […] als Indikatoren für mediale Zuschreibungsmuster, die
schließlich […] (vorsichtige) Rückschlüsse zulassen auf mögliche implizite Stereotype (bzw.
prototypische Wissens-Standardwerte) in der Bevölkerung.“ (Vogel 2010a, S. 352)
50   Friedemann Vogel

Der analytische Arbeitsprozess verläuft dabei grundsätzlich wie folgt: Zunächst


erfolgt die Zusammenstellung eines volldigitalisierten Textkorpus sowie  – je
nach Gegenstand  – eine weitere Aufbereitung der Daten durch Filterung und
Annotation (Auszeichnung der Texte mit Zusatzinformationen wie etwa Wortart
und Lemma). Grundlage für die Texterhebung bildet eine sogenannte Minimal-
hypothese. Unter einer „Minimalhypothese“ ist eine Sammlung von ausgewähl-
ten, geprüften und möglichst wertneutralen Ausdrücken zu verstehen, von denen
begründet angenommen werden kann, dass sie mit dem Zielkonzept (zumindest
auch) assoziiert werden können. Bei der Untersuchung des China-Images bietet
es sich etwa an, Landes- und Städtebezeichnungen (China, Beijing oder Peking
usw.) zu verwenden. Gegebenenfalls müssen naheliegende, bedeutungsähnliche
Ausdrücke mit Hilfe einer Synonymdatenbank ermittelt werden2.
Nach der Zusammenstellung des Untersuchungskorpus werden mit Hilfe kor-
puslinguistischer Tools auf verschiedenen Ausdrucksebenen Ko(n)textmuster zu
Ausdrücken der Minimalhypothese ermittelt. Dabei liegt der Fokus auf solchen
Kotext-Ausdrücken und grammatischen Merkmalen, die geeignet sind, Prädi-
kationen  – also Zuschreibungen im Sinne von ›X [Untersuchungsobjekt] ‚ist‘ Y
[Eigenschaft]‹ – zu realisieren. Hierzu zählen etwa Komposita und Bindestrich-
Komposita (via Bestimmungswort: Ostchinesen; via Grundwort: China-Markt),
Adjektiv-Attribute (die fleißigen Chinesen), Genitivattribute (chinesisches Reich
der Raubkopie) und Partizipialattribute (kopierendes Volk), aber auch explizite
Prädikationssätze (China ist/war ein Volk von strebsamen Ameisen), Appositionen
mit als (China als größter Konkurrent) oder auch Zuschreibungen durch Gegen-
überstellung mittels adversativer und konzessiver Konnektoren (Umweltver-
schmutzung, aber China plant die Energiewende).

2 Besonders eignet sich hierfür die frei zugängliche und empirisch fundierte Kookkurrenzdaten-
bank am Institut für Deutsche Sprache in Mannheim, entwickelt von Cyril Belica (Belica 2008;
Keibel und Belica 2007; http://corpora.ids-mannheim.de/ccdb/, 17.02.2016).
 Linguistische Imageanalyse Chinas   51

Abb. 1: Sortierte Konkordanzen („KWICs“) in AntConc (Anthony 2012)

Neben der deduktiven Suche nach solchen Zuschreibungsmustern können mit


entsprechenden Tools auch induktiv Kotextmuster berechnet werden, wie z. B.
alle wiederkehrenden Dreiwort-Einheiten mit dem Bezugsausdruck chines (sog.
Cluster).

Abb. 2: Einwort-Cluster (1grams) zur Ermittlung von Komposita in AntConc

Ein zentrales Verfahren zur induktiven Analyse von Kotext-Ausdrücken bildet


schließlich die sog. Kookkurrenzanalyse (vgl. Steyer 2002). Kookurrenzen sind
solche Ausdrücke, die im statistischen Sinne überzufällig häufig gemeinsam mit
einem Bezugsausdruck vorkommen. Kookkurrenzanalysen können damit als
52   Friedemann Vogel

paradigmatische Operationalisierung des Wittgensteinschen Grundsatzes gelten


(die Bedeutung eines Wortes sei sein Gebrauch in der Sprache, Wittgenstein 2003
[1953], § 40).

Abb. 3: Statistische Kookkurrenzanalyse mit dem LDA-Toolkit (Vogel 2012)

Je nach Datengrundlage können darüber hinaus komplementär auch weitere


Ausdrucksebenen herangezogen werden, etwa Bilder, Geräusche, Musik und
Film (vgl. den Beitrag von Friedemann Vogel und Maximilian Haberer in diesem
Band sowie bereits Vogel 2014).
Die verschiedenen Sprachmuster werden anschließend induktiv mit Blick
auf wiederkehrende Eigenschaftszuschreibungen bzw. textübergreifende seman-
tische Felder (in Anlehnung an Trier 1973; Gloning 2002) qualitativ interpretie-
rend sortiert und gruppiert. Zur Orientierung können abstrakte Frame-Kategorien
herangezogen werden, wie sie (als sog. „Matrix-Frames“) bei Konerding (1993)
empirisch ermittelt wurden, etwa Akteure (‚Wer‘ wird als chinesisch bezeichnet,
was zeichnet ihn/sie aus?), Handlungen (‚Was tun‘ als chinesisch markierte
Akteure und warum?), Institutionen und Orte (wie sind chinesische ‚Hand-
lungsräume‘ gestaltet?), Ereignisse (‚was passiert‘?), Sachverhalte, Folgen,
Ursachen usw.
Das damit eruierte „Image“ bildet in der Gesamtheit dieser Ausdrucks- und
Bedeutungsmuster die Grundlage für eine abschließende Paraphrasierung eines
durch das Image potentiell insinuierten Stereotyps. Die Formulierung soll dabei
den Status dieser Wissensform zum Ausdruck bringen, d. h. insbesondere ihren
 Linguistische Imageanalyse Chinas   53

pauschalisierenden, vom Einzelfall absehenden, übertreibenden und zuspitzen-


den Charakter („Der typische Chinese ist …“).

2 Das CDI-Korpus
Dem CDI-Projektteam – und auch der nachfolgenden Überblicksanalyse – liegt
ein gemeinsames Kern-Textkorpus zugrunde, bestehend aus insg. 238.595 Texten
(d. h. 155,43 Mio. Token) von 15 verschiedenen deutschsprachigen Print- und
Onlinemedien (überwiegend aus Deutschland, einzelne aus Österreich und der
Schweiz). Bei der Auswahl der Medien wurde darauf geachtet, sowohl domänen-
übergreifende als auch ausgewählte domänenspezifische (Wirtschaft, Autoin-
dustrie), sowohl überregionale als auch regionale sowie Tages- und Wochenzei-
tungen zu berücksichtigen. Das zeitliche Intervall umfasst sämtliche Texte, die
zwischen dem 01.01.2000 und dem 31.12.2013 erschienen sind und mindestens
einmal einen Ausdruck der Minimalhypothese enthalten.

Tabelle 1: Medien des CDI-Korpus

Medium Datenbankvorrat

AUTO BILD Ab 08.01.1999

Berliner Morgenpost Ab 01.03.1999

Berliner Zeitung Ab 03.01.2000

Der Spiegel Ab 04.01.1999

Die Presse Ab 23.04.2004

Die Welt Ab 01.03.1999

Die Welt am Sonntag Ab 05.01.1997

Focus Magazin Ab 18.01.19933

Focus-Money Ab 30.03.2000

Frankfurter Rundschau Ab 03.01.2000

Impulse Ab 01.01.19984

3 Es fehlen Daten für den September 1995.


4 Daten nur bis 01.03.2013.
54   Friedemann Vogel

Tabelle 1: (fortgesetzt)

Medium Datenbankvorrat

Spiegel Online Ab 17.08.1998

Stern Ab 08.01.1998

taz, die tageszeitung Ab 03.01.1994

Wirtschaftsblatt Ab 05.01.1996

Die Texte entstammen der Datenbank LexisNexis5 und wurden mithilfe des Tree-
Taggers (Schmid 1994) sowie dem Tool „Corpustransfer“6 Part-of-Speech anno-
tiert sowie lemmatisiert. Die Wortart-Annotation erlaubt selektive Filterungen,
etwa Analysen ausschließlich mit Fokus auf Autosemantika.

POS-Output des TreeTaggers: Originaler Plaintext:


schließlich ADV schließlich Schließlich boomt der chinesische
boomt VVFIN boomen Luftverkehr – und auf internationalen
der ART d Flügen können Sprachprobleme gefährlich
chinesische ADJA chinesisch werden.
Luftverkehr NN Luftverkehr
– $( – Lemmatisierter Plaintext:
und KON und schließlich boomen d chinesisch Luftver-
auf APPR auf kehr – und auf international Flug können
internationalen ADJA international Sprachproblem gefährlich werden.
Flügen NN Flug
können VMFIN können Lemmatisierter Text nur aus Autoseman-
Sprachprobleme NN Sprachproblem tika (VV [keine MV]/NN/ADJ):
gefährlich ADJD gefährlich boomen chinesisch Luftverkehr internatio-
werden VAINF werden nal Flug Sprachproblem gefährlich
. $. .

Die Korpuszusammenstellung erfolgte in einem mehrstufigen Filterprozess:


Zunächst wurden sämtliche Texte erhoben, die mindestens einmal eine der nach-
folgenden Zeichenketten enthielten: China OR chines OR Peking OR Beijing OR
Schanghai OR Shanghai. Um falsch-positive Kandidaten auszuschließen, wurde
anschließend automatisiert eine Komposita-Liste mit all jenen Ausdrücken
erstellt, die die obengenannte Minimalhypothese enthalten. Bei der Prüfung

5 http://w3.nexis.com/sources/; keine Duplikate.


6 Friedemann Vogel, http://friedemann-vogel.de/index.php/software/31-corpustransfer,
17.02.2016.
 Linguistische Imageanalyse Chinas   55

sämtlicher Belege stellten sich die folgenden Ausdrücke als problematisch


heraus:

Chinakohl, Chinarinde, Chinaschilf (botanisch), Machination, Chinagarten (botanisch),


Chinaböller, Chinaski (Nachname), Chinapfanne, Gruschina (Nachname), Chinakracher,
Chinalokal, Chinarindenbaum, Schinakel (österreich. Mundart für kleines Ruderboot/aus-
getretene Schuhe), Chinapapier, Chinampas (Flöße aus Rohrschilfgeflecht, ursprünglich im
alten Mexiko), Chinagras (botanisch), Druschina (Leibwache eines mittelalterlichen russ.
Fürsten), Chinakrepp, Maschineschreiben, Machines

Die unterstrichenen Ausdrücke haben keinerlei Bezug zum Untersuchungsgegen-


stand und wurden daher ausgeklammert7; die übrigen Ausdrücke waren in ihrer
Frequenz vernachlässigbar und konnten ebenfalls getilgt werden. Die größten
Schwierigkeiten bereitete der Ausdruck Maschine in Verbindung mit chinesi-
schen Kontexten (Schwerindustrie). Die Filterarbeiten führten schließlich zu fol-
gender Suchanfrage bzw. Minimalhypothese:

((!China! OR !Peking! OR !Beijing! OR !Schanghai! OR !Shanghai!) AND NOT (!Machination!


OR !Chinaski! OR !Gruschina! OR !Schinakel! OR !Chinampas! OR !Druschina!)) OR (!chines!
AND NOT (!Maschines! OR !Machines!)) OR ((!China! OR !Peking! OR !Beijing! OR !Schang-
hai! OR !Shanghai! OR chines!) AND !Maschine!)

Mithilfe eines weiteren projektinternen Tools („Subcorpus“8) wurden schließlich


kleinere, thematisch fokussierende Teilkorpora gebildet, wie sie den Beiträgen
von Li Jing (Wirtschaft) und Elisa Lang (Bildung) zugrunde liegen.
Im Folgenden wird eine globale Überblicksanalyse zum Image Chinas und
Chinesen im Gesamtkorpus des CDI-Projektes exemplarisch vorgestellt. Grund-
lage hierfür bildet die Auswertung von statistischen Kookkurrenzanalysen sowie
ausgewählten Suchanfragen zur volltextnahen Einordnung von Prädikationen.
Besonderer Dank für ihre sehr gründliche Vorarbeit bei der Sortierung der Daten
gilt dabei Julia Kanthak (Freiburg im Breisgau).

7 Das heißt, Texte, die ausschließlich einen falsch-positiven Ausdruck, aber keinen der Ausdrü-
cke der Positiv-Liste enthielten, wurden aus dem Korpus getilgt.
8 Friedemann Vogel, http://friedemann-vogel.de/index.php/software/33-kleine-helfer-fuer-den-
alltag, 17.02.2016.
56   Friedemann Vogel

3 Das Medienimage Chinas 2000–2013: Ein


exemplarischer Überblick zu wiederkehrenden
Sprachmustern im CDI-Korpus

3.1 Stereotype, Klischees und Vorurteile zu China

Einen ersten Eindruck über die Existenz und Beschaffenheit von stereotypen
Schemata zu ›China‹ und ›Chinesen‹ in deutschsprachiger Presse bietet die
Auswertung all jener Belege, in denen sich Textautoren metadiskursiv über das
Bestehen von Stereotypen, Vorurteilen oder Klischees äußern. Zu diesem Zweck
wurden mit der entsprechenden Suchanfrage (formuliert als regulärer Ausdruck)

((China|[Cc]hines).{1,100}([Kk]lischee|[Ss]tereotyp|[Vv]orurteil)) |(([Kk]lischee|[Ss]tereotyp|
[Vv]orurteil).{1,100}(China|[Cc]hines))

insgesamt 511 Belege erfasst und nach Domänen bzw. Objekten und den ihnen
zugeschriebenen Attributen sortiert. Für die Auswertung ist dabei irrelevant, ob
die Existenz eines Vorurteils bejaht oder verneint oder gar widerlegt wird. Die
Tatsache, dass ein mögliches Stereotyp angenommen wird, ist entscheidend ins-
besondere im Kontext eines massenmedialen, adressatenorientierten und damit
auch Stereotype reproduzierenden Journalismus.
Ein Großteil der Belege konstatiert Stereotype in der Domäne der ›Kultur‹,
insbesondere zu ‚chinesischen‘ Nahrungsmitteln und Nahrungsaufnahme, aber
auch zu Kunst, Erziehung, typischen Kulturartefakten und Medizin. Die Belege
zeugen überwiegend von der Annahme einer distanzierten, befremdeten und
ablehnenden Rezipientenhaltung, wenn es um vermeintlich typisch ‚chinesi-
sche‘ seltsame Lebensmittel (sehr oft: Hundefleisch, Katzen- und Rattenfleisch,
Glutamat, Schwalbennester u. ä.) und Essenskultur (Spucken, Schlürfen) geht.
Prototypisch gelten auch Lebensmittel wie Glückskekse, Frühlingsrolle, Ente süß-
sauer, Chinakohl. Zuweilen scheinen bestimmte Lebensmittel sozial stigmatisiert
zu sein, etwa von Superreiche[n], die teure Bordeauxweine angeblich gleich contai-
nerweise horten. Vorurteile werden auch konstatiert hinsichtlich überehrgeiziger
Erziehungs- und Bildungspraktiken (Drill, Abrichtung, Ganztagesbeschäftigung
für Kinder) sowie komplementär chinesischen Wunderkindern (v. a. in Instrumen-
talbeherrschung), exotischer Kunst (Verklärung der ewigen Schönheit der Natur;
der typische chinesische Künstler sei Maler, männlich und aus Peking; chinesi-
sches Feuerwerk als Klischee asiatischer Kultur schlechthin) und einseitiger, auch
personalisierter Filmkultur (v. a. Kung-Fu, Jackie Chan). Als typische Gegenstände
chinesischer Kultur gelten: Roter Lampion, Stäbchen, Seidenfächer, winkende
 Linguistische Imageanalyse Chinas   57

Katze, Drache und Terrakotta-Armee, Dschunke, Gärten, Ornamente und Mauer.


Hinsichtlich chinesischer Sprache gelte das Klischee von Sprachfehlern (Ausspra-
che von R als L). Seltener konstatiert werden Vorurteile hinsichtlich einer Ableh-
nung chinesischer Medizin als Voodoozauber (d. h. im Umkehrschluss  – ent-
sprechend auch der Akzeptanz bei dt. Ärzten und Krankenkassen –, chinesische
Medizin gilt als weitestgehend akzeptiert).
Ein weiterer Bereich an angenommenen Vorurteilen bei der deutschen Leser-
schaft bildet ›Aussehen und Verhaltensweisen von Chinesen‹: Diesen Vorur-
teilen nach ‚sehen Chinesen alle gleich aus‘: Schlitzaugen, gelbe Hautfarbe, klein
und drahtig, schlank und schmächtig. ‚Der‘ Chinese werde als besonders höflich,
lächelnd, dabei zugleich verschlossen (geheimnisvoll) und zurückhaltend (alter-
nativ: kühl, böse, hinterhältig-mafios), als bescheiden und fleißig betrachtet. Als
Konformist und Ameise sei das Individuum in der chinesischen Kultur nichts
wert, apolitisch ergebe es sich dem Schicksal; nur das synchron agierende Kol-
lektiv zähle, ein Heer getreuer Mao-Freunde in mittelblau (Parteikonformismus;
Kaderathleten; kommunistische Gleichmacherei). Han-Chinesen strebten nach
Dominanz über die Minoritäten.
Konstatierte Vorurteile hinsichtlich chinesischer ›Lebensumstände‹ (Natur,
Städte, Landschaft) betonen superlativisch die Größendimensionen (Mega-Zen-
tren; Ultra-Staus; Superbau; riesenhaft); auf der einen Seite Umweltbelastung
und städtische Enge (Klimasünder und Luftverpester; Supersmog; Bild vom ver-
schmutzten Fluß und molochartiger Stadt), auf der anderen Seite weitläufige Reis-
anbau-Ebenen und Kaiser-Architektur.
Hinsichtlich chinesischer ›Wirtschaft‹ kritisieren Presseautoren vor allem
und vielfach Vorurteile über mangelnde Qualität und Echtheit (Fälschung; Pro-
duktpiraterie, Industriespionage u. ä.) chinesischer Waren, Ausbeutung von
Arbeitnehmern (Billiglohnland; Dumping) und Korruption. Zugleich beschäftige
die dt. LeserInnen der ›wirtschaftliche und hegemoniale Aufstieg Chinas‹
(permanente gelbe Gefahr; Tigerstaat; fieser Konkurrent u. ä.), der Totalitarismus
nach innen wie nach außen (gelenkte Staatspresse; Diktatur; Imperium; Beset-
zungsmacht).
An dieser Stelle sei noch einmal betont: Die oben genannten Eigenschaften
werden von einzelnen PresseautorInnen aufgerufen, um sie als Vorurteile oder
Klischees in der deutschen Bevölkerung in der Regel abzulehnen. Es handelt sich
also um Annahmen (d. h. ihrerseits Stereotype) über das Bestehen von Stereoty-
pen, nicht um geprüfte Faktenrekapitulation (auf Basis von Erhebungen). Viele
der von den AutorInnen konstatierten Vorurteile finden sich auch in der Verar-
beitung visueller oder auch audiovisueller deutschsprachiger Werbung wieder
(vgl. den Beitrag von F. Vogel und M. Haberer in diesem Band.). Nichtsdestotrotz
58   Friedemann Vogel

zeigt die weitere Auswertung sprachstereotyper Attribuierung in den Pressetex-


ten selbst eine Reproduktion der hier vereinzelt abgelehnten Pauschalisierungen.

3.2 Eigenschaftszuschreibungen (Prädikationen):
China|Chinesen sind X
Prädikationen ermöglichen die expliziteste Form der Eigenschaftszuschreibung.
Für deren statistische Auswertung wurden die ersten 1000 hochsignifikanten (t
≥ 2,3)9 Kookkurrenzen im Intervall von bis zu fünf Wörtern rechts des Suchaus-
drucks [Cc]hina|[Cc]hines sein [= Lemmata] erhoben und durch Prüfung der damit
verbundenen Einzel-Kotexte (via Konkordanzen) kategorisiert. Zu unterscheiden
sind tendenziell positiv, negativ und wertneutral konnotierende (bzw. auch deno-
tierende) Prädikationen.

Tendenziell negativ konnotierende China-Prädikationen


– ›Problematisches Sozialverhalten gegenüber Dritten‹: schwierig; empört
[bzgl. Umgang mit Dalai Lama]; unzufrieden; streng; falsch [zu Europäern];
aggressiv [Immobiliensuche]; skeptisch; böse; schlecht [Autofahren]; besorgt
[muslimische Separatisten; internationales Ansehen].
– ›Schwellenland‹ und ›wirtschaftlicher Konkurrent‹: arm [früher]; abhän-
gig [von erfolgreichen Unternehmern]; Konkurrent; hart [bzgl. Krise und Akti-
enkurs von 1,30 Euro]; teuer [Autos]; schwach [wirtschaftliche Grundlage];
schuld [Weltmarkt durcheinander, teurer]; Konkurrenz; schlafender Riese.
– ›Politischer Gegner, Kontrollpolitik und (tendenziell10) bedrohliche
Weltmacht‹: Diktatur; dagegen [bzgl. Bush-Politik]; Gegner [amerikanisch-
japanischer Pläne]; nervös [bzgl. Taiwan und Ein-Kind-Politik]; Großmacht;
Volksrepublik; kommunistisch; kapitalistisch; autoritär; brutal; Feind; Super-
macht; Weltmacht; Spitzenreiter [Hinrichtungen]; [Nordkoreas] einziger [poli-
tischer Verbündeter].
– ›Umweltverschmutzung‹: giftig [Fluss]; bedrohen [bedroht? Wüste rückt
vor].

9 Das heißt, es handelt sich um überzufällig häufige Eigenschaftszuschreibungen.


10 Hier scheint sich ein Wandel abzuzeichnen, zumal sich auch politikbezogene Prädikationen
finden wie friedlich oder bereit [mit allen Ländern, einschließlich der USA, den Dialog aufzu-
nehmen].
 Linguistische Imageanalyse Chinas   59

Tendenziell positiv konnotierende Prädikationen


– ›China als wirtschaftlicher Erfolgs- und globaler Investitionsmarkt,
vielversprechender Handelspartner‹:
– Adjektive und Adverbien: erfolgreich; bedeutend; wachsend; aufstrebend;
ausländisch [Investoren]; zweitwichtig [als Handelspartner für Europa];
global [Macht]; international; wichtig [als Markt]; boomend [Export;
Wachstumsmarkt]; attraktiv; führend; bedeutend; billig; stark; voraus
[Batterietechnik]; weit [auf dem Weg zum Industriestaat]; bereit [mehr in
europäischen Ländern zu investieren]; reich [mittlerweile], willkommen
[Investoren; Management in Konzern]; großartig [Handwerker] u. a.
– Substantive: Wachstumsmarkt; Zukunftsmarkt; Wachstumstreiber;
Partner  / Handelspartner; Importeur; Hersteller; Abnehmer; Kunde;
Käufer [einer der wichtigsten von US-Anleihen]; Zukunft [Automarkt];
Herausforderung [für Europa, die USA und Russland]; Wirtschaftspart-
ner; Produktionsstandort [attraktiv]; Handelsnation; Investor; Exporteur/
Exportmarkt; Exportweltmeister; Absatzmarkt; Wirtschaftsmacht; Auto-
markt; Stahlproduzent; Wachstumsmotor; Wachstumslokomotive; Loko-
motive u. a.
– ›Freundliches, selbstbewusstes Sozialverhalten gegenüber Dritten‹:
sozial; stolz; aktiv; offen; anders [bzgl. Gefühle zeigen/ Bestrafungen]; zufrie-
den; ernst; traditionell; zurückhaltend; selbstbewußt; bescheiden.
– ›Fremde, faszinierende und für Touristen sichere Kultur‹: fremd; beliebt;
interessant; bekannt; anders; beeindruckend; Thema [des Sommers 2008,
z. B. im Kino]; eigen; interessiert; unglaublich; reif [für eigene Designentwick-
lungen]; speziell.

Tendenziell wertneutrale Prädikationen


– ›Physisch-habituelle Eigenschaften‹: klein; schnell; asiatisch; schlau;
fleißig.
– ›Geographische Dimension‹: groß; riesig; massiv; gigantisch; nah; gewaltig;
unglaublich; nahe.

3.3 Sedimentierte Attribut-Kontextualisierung: Kookkurrenzen


zu Chinesisch X

Um einen globalen statistischen Überblick darüber zu erhalten, welche Domänen


und Themen mit China in der deutschsprachigen Presse häufig assoziiert und
verhandelt werden, wurde eine Kookkurrenzanalyse zum Ausgangsausdruck [Cc]
hines mit einem Wortintervall von bis zu fünf Wörtern rechts vom Suchausdruck
60   Friedemann Vogel

durchgeführt und die ersten 500 hochsignifikanten (t ≥ 10,4) Substantive und


Namen herausgefiltert sowie induktiv gruppiert.

Tabelle 2: Die 20 ersten hochsignifikanten Kookkurrenzen zu [Cc]hines

Nr. Ausdruck (KKP) t-score f / 10.000 Nr. Ausdruck (KKP) t-score f / 10.000

1 Regierung 74,32 0,37 11 Hersteller 39,62 0,10

2 Markt 56,40 0,22 12 Peking 38,80 0,11

3 Provinz 51,82 0,18 13 Wirtschaft 38,63 0,11

4 Unternehmen 49,15 0,17 14 Künstler 37,07 0,09

5 Firma 44,61 0,14 15 Mauer 36,05 0,09

6 Medizin 44,09 0,13 16 Autor 35,24 0,10

7 Behörde 44,01 0,13 17 Hauptstadt 32,56 0,07

8 Meer 43,39 0,12 18 Medium 31,32 0,07

9 Führung 41,52 0,11 19 Partner 31,01 0,07

10 Stadt 40,78 0,12 20 Investor 30,27 0,06

Die Clusterung ergibt folgende Verteilung:

Abb. 4: Relative Verteilung der ersten 500 hochsignifikanten substantivischen Kookkurrenzen


zu Chinesisch X, nach Domänen gruppiert
 Linguistische Imageanalyse Chinas   61

Die drei wichtigsten Domänen in der Kontextualisierung ›Chinas‹ in deutsch-


sprachiger Presse sind zweifellos Kultur (zusammen mit Bildung und Medien
29%), Wirtschaft (28%) und Politik (zusammen mit politischen Beziehungen und
Militär 19%). Sie bestimmen im Wesentlichen die Agenda und die damit verbun-
denen Sachverhalte der Berichterstattung. Mit einem genaueren Blick auf die ein-
zelnen Domänen lassen sich wiederkehrende, besondere Themenschwerpunkte
hinsichtlich Sachverhalten, Orten, Akteuren und Ereignissen differenzieren:
– In der Domäne der „Politik“ im weitesten Sinne finden sich insbesondere
Akteure der chinesischen Führungsapparate der Vergangenheit und Gegen-
wart (Kommunistische Partei, Diplomat, Staatspräsident, Xi, Jiechi, Mao
usw.), politische Artefakte (etwa mit Blick auf Gesetzesänderungen), Akteure
der Verwaltungs-, Justiz- und Überwachungsinstitutionen (Gericht, Behör-
den, Geheimdienst, Polizei, Gefängnis u. a.) sowie zahlreiche Akteure oder
Ereignisse chinesischer regierungskritischer Sozialbewegungen (Dissident,
Bürgerrechtler, Blogger, Aktivist, Protest, Ai Weiwei usw.) oder Kriminalität
(Mafia, Hacker).
– Die politische Subdomäne „Beziehungen“ versammelt Kontexte, die von
der Presse wiederkehrend betrachtet wurden, wie politisch-wirtschaftlich-
kulturelle Verknüpfungen zu anderen Staaten bzw. wichtigen Handlungsor-
ten, allen voran: Deutschland, Berlin (als politische Hauptstadt), Frankfurt
(Finanzzentrum), Hamburg (Handelsdrehkreuz), Japan (‚Konfliktpartner‘),
USA, Nordkorea (Verbündeter), Belgrad, Europa, Russland u. a.
– Die Domäne der „Kultur“ spiegelt auch statistisch zahlreiche Aspekte wieder,
die auch in vereinzelten Metaäußerungen über bestehende Vorurteile quali-
tativ eruiert wurden (vgl. Kap. 2.1): Im Zentrum stehen häufig politisch aktive
Künstler (Ai Weiwei), aber auch Regisseure, Schriftsteller (v. a. Liu Xiaobo)
und Philosophen. Dominant sind in der dt. Presse bestimmte Kunstfertig-
keiten, Kunstartefakte, Symbole und sprachliche Formen wie chinesische(s)
Malerei, Porzellan (prototypisch: Vase), Schriftzeichen, Drachen-Ornamentik,
Sprichwörter, Architektur, Musik, Gong; als markierendes Nahrungsmittel:
Tee (allg. findet chinesisches Essen / chinesische Küche große Zuwendung);
weiche Kampfkunst (Chi); als hervorgehobene historische Bezugspunkte
Ming- und Zhou-Dynastie sowie Kulturrevolution; besondere chinesisch-kul-
turelle Orte: Gärten, Restaurant, Küche, Teehaus.
– Als kulturelle Tradition gilt nicht zuletzt auch die chinesische Medizin (TCM,
Akupunktur).
– Bildungs- und wissensbezogene Kookkurrenzen sind Teil der Kultur-
Domäne, spielen in ihrer Häufigkeit aber eine hervorgehobene Rolle. Im Ver-
gleich zu anderen Ländern (wie Ungarn oder Türkei, vgl. Vogel 2010a, 2010b)
62   Friedemann Vogel

wird insb. die chinesische Wissenschaftslandschaft (Akademie, Universität


usw.) in der deutschen Presse sehr genau beobachtet.
– Die Domäne der „Wirtschaft“ setzt sich nicht beliebig zusammen; vielmehr
stehen bestimmte Akteure, Themen und Wirtschaftsbereiche im Fokus der
Aufmerksamkeit, insb. (Zentral-)Bankwesen, Automobil-, Mobilfunk- und
Energie- und Internet- und Flugbranche. Statistisch auffällig (t ≥ 20,0) ist
das Wortfeld Partner, Investor, Konkurrenz, Konkurrent, sowie (mit t ≥ 13,0)
Kunde, joint und Zulieferer. Die Ausdrücke verweisen auf die Beziehung zwi-
schen chinesischer und nicht-chinesischer Wirtschaft, mehrheitlich in einer
kooperativen Weise. Folgende chinesische Firmen spielen in der Berichter-
stattung eine besondere Rolle: Geely, Chery und Saic (Fahrzeughersteller),
Huawei und ZTE (Mobilfunk-Branche), Cnooc (Energie), Alibaba (Internet/
Handel), Baidu (Internet/Suchmaschine), Byd (Internet), Lenovo (IT); Google
spielt eine negative Rolle – als in China ›Ausgeschlossener‹. Auf die Akteure
Bauern, Arbeiter, Wanderarbeiter und Schneiderinnen wird ebenso wieder-
holt (statistisch markiert) referiert; die Ausdrücke stehen vor allem für den
Kontext kritisierter ›schlechter Arbeits(schutz)bedingungen‹.
– Die Domäne „Sonstiges“ versammelt all jene Kookkurrenzen und diskur-
siven Kontextsedimente, die eine domänenübergreifende Rolle spielen.
Hierzu gehören in erster Linie ›Orte‹, die Hinweise auf wiederkehrende lokale
Fokussierungen der Berichterstattung geben, im Einzelnen:
– Provinzen und Städte: Peking/Beijing, S[c]hanghai, Hongkong, Tibet,
Guangzhou, Shenzhen, Guangdong, Sichuan, Jiang, Xinjiang, Hainan,
Nanjing, Taiwan, Henan, Yiwu, Dalian, Yunnan, Chongqing, Shandong,
Tianjin, Zhejiang, Hunan, Wuhan, Qingdao, Harbin, Shenyang.
– Funktions- und in der Dimension markierte Orte: Reich, Hauptstadt,
Metropole, Millionenstadt, Großstadt; Festland, Insel (in der Regel Über-
nahme der chinesischen Leitsprache hinsichtlich des Taiwan-Status);
Meer, Küste, Dorf, Region, Provinz, Stadt
– Konfliktorte: Unterscheidung von Festland und Nicht-Festland (Taiwan).

Neben Orten rufen zahlreiche Kookkurrenzen bestimmte Akteure auf, die eine
domänenübergreifende Rolle spielen: Volk, Bevölkerung und Bürger pauschali-
sieren bzw. generalisieren akteursbezogene Eigenschaftszuschreibungen. Das
Thema chinesische Kinder wird presseseitig in zahlreichen Kontexten als ‚Pro-
blemfeld‘ bearbeitet (insb. Ein-Kind-Politik, Erziehungsmethoden), wobei das
weibliche Geschlecht (Mädchen  – ‚stigmatisiert, oft abgetrieben‘, Frauen und
Mütter  – ‚Emanzipation‘ und ‚Erziehung‘; Männer, Jungen oder Väter spielen
statistisch hier keine Rolle!) oft im Fokus steht. Das gleiche gilt generell für den
hervorgehobenen gesellschaftlichen Status von Familie und Eltern. Die übrigen
 Linguistische Imageanalyse Chinas   63

Akteursbezeichnungen verweisen auf soziale Konfliktfelder, insb. hinsichtlich


Einwanderern, einem Piloten (militärischer Zwischenfall 2001), Uiguren (Autono-
miekonflikt) und Minderheiten-Rechte.
Ebenso domänenübergreifend sind Kookkurrenzen einzuordnen, die die
Ausschnitthaftigkeit und Selektion referierter Meinungen im Kontext der
China-Berichterstattung metasprachlich markieren. Diese Form der Diskurswie-
dergabe weist auf ein erhöhtes Bedürfnis der Relativierung von China-bezoge-
nen Informationen hin: (in der) Perspektive (von), (im) Interesse (von), (nach)
Angaben (von), (aus) Sicht (von).
Vergleicht man die statistische Verteilung der Kookkurrenzen und die damit
verbundenen Themen und Sachverhalte in der neuerlichen Presseberichterstat-
tung11 über China mit Analysen zu anderen Ländern – etwa Türkei (Vogel 2010a)
oder Ungarn (Vogel 2010b)  – treten die Gemeinsamkeiten und Besonderheiten
deutlicher hervor. Ohne hier die Ergebnisse wiederholen zu wollen, so zeigt
sich in allen Fällen etwa eine – für Auslandsberichterstattung daher typische –
Fokussierung auf Konflikt-assoziierte, wirtschafts- und handelsbezogene sowie
kulturell-exotisch-assoziierte Themen. Für die interkulturelle Kommunikation ist
jedoch die Kenntnis der jeweils konkreten, landesspezifischen Ausgestaltung des
Medienimages und mit ihr potentiell aktivierte Stereotype von entscheidender
Bedeutung. So spielen die Themenbereiche ›Musik‹, ›Erziehung‹ oder ›Minder-
heiten‹ für das deutsche China-Image offenbar eine größere Rolle als etwa für das
Ungarn- oder Türkeiimage.

3.4 Erwartungen: China|Chinese muss X

Vor dem Hintergrund attributiver und prädikativer Zuschreibungen ist schließlich


die Frage interessant, welche Erwartungen mehrheitlich an China bzw. Chine-
sInnen herangetragen werden. Hierzu eignet sich etwa eine qualitative Kontext-
analyse rund um das deontische Modalverb müssen12. Die (lemmatisierte) regex-

11 An dieser Stelle sei dabei noch einmal betont: Die Tatsache, dass bestimmte Kookkurrenzen
und Themen hier nicht genannt oder berücksichtigt wurden, heißt nicht, dass sie in der China-
Berichterstattung nicht existieren oder keine Rolle spielen würden. Sie zählen am Maßstab des
gesetzten Signifikanzniveaus aber im statistischen Sinne nicht zu den TOP-Themen.
12 Die Verwendung des Modalverbs müssen erlaubt prinzipiell an dieser Stelle zwei sich ergän-
zende Lesarten: Zum einen kann der Autor damit eine Erwartungshaltung an China/Chinesen
für zukünftige Handlungen formulieren (China muss viel mehr Produkte selbst entwickeln); zum
anderen kann eine zurückliegende, China/Chinesen zugeschriebene Handlung autorseitig als
64   Friedemann Vogel

Abfrage [Cc]hina|[Cc]hines muss X ergibt 893 Belege im gesamten CDI-Korpus, die


sich über eine Einzeltext-Sichtung wie folgt kategorisieren lassen:
– ›Gesundes wirtschaftliches Wachstum im Einklang mit den Nachhal-
tigkeitsbedürfnissen von Natur und Mensch‹: Ein großer Teil der Belege
legt China nahe, das (bislang) hohe Wirtschaftswachstum zugunsten Umwelt
und Natur auf ein nachhaltiges Maß zu reduzieren (zu einem koordinierten
und gesunden Wachstum zurückkehren). Die Empfehlungen sind dabei jedoch
teilweise widersprüchlich: während mancher Autor das hohe Wirtschafts-
wachstum als ursächlich für Naturverschmutzung sieht (sich entscheiden:
Wachstum oder Umweltschutz), erwarten andere Autoren Maßnahmen zum
Umweltschutz und verbesserten Lebensbedingungen (Lohnanhebung), um
damit ein hohes Wachstum zu ermöglichen (z. B. gegen Umweltverschmutzung
steuern, um rasches Wirtschaftswachstum zu ermöglichen). Mit Forderungen
wie diesen geht oft auch die Frage nach ›mehr Innovationen‹ insbesondere
in Forschung und Technologie (eigene Anstrengungen in der Forschung ver-
stärken) sowie nach Möglichkeiten zur ›Stärkung des Binnenkonsums und
der Sozialstaatlichkeit‹ (z. B. ein nachhaltiges Renten- und Gesundheitssys-
tem entwickeln) und zum ›Abbau von (insb. Land-) Armut‹ einher.
– ›Stärkere Einbindung in den bzw. Öffnung und Anpassung des Binnen-
marktes für den Weltmarkt, Einhaltung internationaler Finanzmarkt-
regeln‹: Vielfach fordern Autoren, China solle einerseits seine Handelsbe-
schränkungen für den Zugang ausländischer Investoren und Produkte sowie
eigene Exportbeschränkungen (z. B. bei seltenen Erden) lockern (z. B. sich
noch viel weiter für ausländische Investitionen öffnen), andererseits sich den
Regeln des globalen Marktes unterwerfen und noch mehr tun, um die Welt-
wirtschaft zu stützen. Anpassungsforderungen richten sich vor allem auch
gegen die chinesische Kapitalverkehrs- bzw. Zinspolitik: Abschaffung
der Yuan-Aufwertung, Zinssystem liberalisieren; Kapitalverkehr vollständig
öffnen; Zugeständnisse bei den Industriezöllen machen.

Wirtschafts-, finanz- und handelsbezogene Forderungen machen allein zwei


Drittel aller Belege aus.
– ›Politische Öffnung, Annäherung, Anpassung an den Westen (Europa,
USA, Japan), mehr Distanz zu Nordkorea und Iran‹: Im Hinblick auf die
transnationalen politischen Verhältnisse fordern Autoren mehr Koopera-
tionsbereitschaft gegenüber Europa (Brüssel) und eine gemeinsame Welt-

‚notwendig‘ und ,zu erwartend‘, ggf. sogar als ‚alternativlos‘ markiert werden. Beide Lesarten
sollen an dieser Stelle erfasst werden.
 Linguistische Imageanalyse Chinas   65

politik (international mehr Verantwortung übernehmen). Dies schließt auch


Erwartungen ein hinsichtlich einer Annäherung und Akzeptanz gegenüber
Japan (und Tibet: eine friedliche Antwort im Tibetkonflikt finden) sowie eine
stärkere politische Distanzierung gegenüber Nordkorea (mehr Druck auf
Nordkorea ausüben) und Iran (China müsse verstehen, dass der Iran eine
Gefahr darstellt)13.
– ›Demokratisierung‹: Nicht nur von Bürgerrechtlern vorgetragen finden
sich Forderungen nach einer Öffnung der Ein-Parteien-Politik, Demokrati-
sierung der Gesellschaft und mehr Transparenz (etwa hinsichtlich Anzahl
der Todesurteile, Organtransplantationen usw.); China müsse sich politisch
liberalisieren. China solle die Menschenrechte einhalten, aktiv gegen Men-
schenrechtsverletzungen vorgehen, Pressefreiheit, unabhängige Justiz und
Eigentumsrechte (v. a. Urheberrecht) gewährleisten. Man solle lernen, mit
[v. a. westlicher] Kritik umzugehen.
– ›Anerkennung internationaler Umweltschutz-Verträge und Reduzie-
rung der CO2-Emmissionen‹: In zahlreichen Belegen wird China eine
besondere Verantwortung bei der Begegnung klimatischer Veränderungen
infolge zunehmender Umweltverschmutzung zugewiesen. Gefordert wird
die Ratifizierung internationaler Vereinbarungen zur Reduktion von CO2-
Ausstößen (insb. das Kyoto-Protokoll), der Abbau von Kohlekraftwerken und
die Investition in regenerative Energien. China solle die Energiebasis seiner
Wirtschaft beschleunigen und auf nicht-fossile Energie umstellen. Auch der
kontinuierliche Ausbau chinesischer Atomkraftwerke infolge zunehmen-
den Energiebedarfs wird mit Sorge betrachtet; wiederholt fordern Autoren,
China solle freiwillig eine Kontrolle der internationalen Atomenergieorganisa-
tion (IAEO) akzeptieren.
– ›Krankheitsvorsorge‹: Im Kontext von Aids- (in Afrika) und SARS-Bekämp-
fung (Vogelgrippe) sowie allgemein finden sich wiederholt Belege, die mehr
Engagement bei der Krankheitsbekämpfung und staatlichen Gesundheits-
vorsorge anmahnen: man müsse wieder ein landesweites System für öffentli-
che Gesundheit aufbauen.
– ›Kulturpolitische Korrekturen‹: Schließlich wird vereinzelt eine korrigierte
kulturpolitische Haltung gefordert, etwa bei der Vorbereitung und Ausrich-
tung kultureller- bzw. sportbezogener Ereignisse (etwa bei WM und Buch-
messe), aber auch beim fehlerfreien Druck deutschsprachiger Produkte oder

13 Den Kontext von Forderungen gegenüber mehr Distanz zum Iran bilden vor allem wirtschaft-
liche Investitionen und Fördermaßnahmen Chinas (etwa auf dem Feld der Atomenergie).
66   Friedemann Vogel

bei der ‚wahrheitsgetreuen‘ Gestaltung von Lehrbüchern (in denen etwa die
chinesische Mauer größer gemacht werde als sie in Wirklichkeit sei).

4 Zusammenfassung: Das China-Image in dt.-


sprachiger Presse 2000–2013 aus globaler
Perspektive
Der vorliegende Text führt kurz in die Methode der kontrastiven linguistischen
Imageanalyse (Vogel 2010a, 2010b, 2012, 2014) ein und stellt die Datengrundlage
des CDI-Korpus sowie eine exemplarische Überblicksanalyse zum Image Chinas
in deutschsprachigen Medien vor. Diese Analyse ist mitnichten ausgeschöpft,
kann aber die statistisch besonders auffälligen und damit potentiell stereotyp-
wirksamen Aspekte des China-Images herausarbeiten und einen Einblick vermit-
teln sowohl in die landesübergreifenden als auch landesspezifischen themati-
schen Selektionen und Fokussierungen hinsichtlich Domänen, Akteuren, Orten,
Ereignissen und Konfliktfeldern. Zwei hieran anschließende Detailstudien, die
sich mit der deutschsprachigen Berichterstattung zu chinesischer Wirtschaft und
Erziehung auf Basis des CDI-Korpus beschäftigen, finden sich in den anschlie-
ßenden Beiträgen von Li Jing und Elisa Lang.
Versucht man abschließend auf Basis der hier vorgestellten exemplarischen
Überblicksanalyse eine Hypothese über ein durch die medialen Zuschreibungs-
muster potentiell insinuiertes, deutsch-mitteleuropäisches China-Stereotyp für
den Zeitraum 2000–2013 zu formulieren, so lautete diese wie folgt:

›Das ‚typische‘ China ist groß und anders (exotisch-fremd). China ist das Land der Superla-
tive: Menschenmassen, überdimensionale Regionen und Megastädte, gigantisches ökono-
misches Wachstum, attraktivstes Produktions- und Niedriglohnland, schnellster Fortschritt
und Aufbau. Es führt eine problematische Innenpolitik, die Menschen immerfort in Wissen
und Handeln kontrollierend, jegliche Kritik im Keim erdrückend, kurz: totalitär, kommunis-
tisch, unwestlich. Der chinesische Staat und seine reicher werdenden Eliten sind korrupt;
sie unterwerfen Umwelt, Mensch, Natur und fremdes Gedankengut (Ideen) dem Primat
des eigenen Wachstums. China ist der größte Umweltverschmutzer der Welt, unbelehrbar.
Zugleich wandelt sich China in den letzten Jahren, ist kapitalistisches Schwellenland, hält
sich aber (noch) nicht an internationale Spielregeln hinsichtlich Handelsbeschränkungen
und Geldpolitik. Es ist zunehmend wichtiger Handelspartner (für Deutschland und Europa),
Investitionsmarkt der Zukunft. China giert ökonomisch und politisch nach Weltmacht, ist
Konkurrent gegenüber USA und Europa; man muss es sorgfältig im Auge behalten. Seine
Waren sind mangelnder Qualität; China entwickelt aber zunehmend eigene, innovative
Technologien (insb. im IT-, Automobil- und Energiesektor). China verfügt als altes Reich
 Linguistische Imageanalyse Chinas   67

über eine lange Geschichte, Kultur und Medizin. Zur Kultur Chinas zählen spezifische Arte-
fakte [die hier nicht erneut aufgezählt werden, vgl. 2.3].‹

›Der ‚typische‘ Chinese ist klein, sprachlich [aus deutscher Perspektive] sprachgehandicapt,
gelbhäutig und schlitzäugig. Er pflegt eine seltsame Essenskultur (ungewöhnliche Nah-
rungsmittel – außer Ente süß-sauer, Chinanudeln und Glückskekse – und Essensgewohnhei-
ten) und äußerst strenge, nicht kindgerechte Erziehungsmethoden. Er ist sehr höflich und
zurückhaltend, bescheiden und dem Kollektiv schicksalhaft ergeben, nicht durchschaubar
(geheimnisvoll oder verschlagen, schlitzäugig), stolz. Er verfügt über besondere, tradierte
Kenntnisse im Bereich der Kampfkunst und der Medizin, er trinkt viel Tee. Chinesen haben
nur ein Kind und am liebsten Jungen. Sie haben außergewöhnlich hohen Respekt gegen-
über den Eltern und der Familie.‹

Es sei an dieser Stelle noch einmal betont: Das oben formulierte Stereotyp ist
eine Paraphrase eines als idealtypisch existierend angenommenen Weltwissens
des  – seinerseits eine pauschalisierende Chimäre  – ‚Durchschnitts-Deutschen‘
oder ‚Durchschnitts-Europäers‘ der sozialen Mittelschicht (analog zur gewähl-
ten Datengrundlage). Als ein solches folgt es keiner sachlichen Logik, es kann
auch widersprüchliche Anteile umfassen. Die Pauschalisierung in jeder Hinsicht
zeichnet schematisiertes Denken aus. Wollte man gruppenspezifischere Hypo-
thesen formulieren, bedürfte es allerdings spezialisierter Korpora und insb. auch
die Berücksichtigung anderer Medien (von Boulevardpresse wie der Bildzeitung
bis hin zu Privatfernsehen und Social Media).
Die Gründe für dieses sowohl negative (mehr) als auch positive (weniger)
Anteile beinhaltende Stereotyp sind schließlich vielseitig und können hier nicht
im Einzelnen diskutiert werden (vgl. hierzu auch den Beitrag von Caja Thimm in
diesem Band). Es seien nur zwei wichtige Gründe herausgegriffen, die zugleich
auch mögliche Ansätze zu ihrer Korrektur bieten (ausführlicher im Beitrag von Jia
Wenjian und Friedemann Vogel in diesem Band):
1. Stereotype und Vorurteile speisen sich umso mehr aus dem medialen Hin-
tergrundrauschen, je weniger persönlicher Kontakt und Austausch zwischen
den involvierten Personengruppen besteht. Im direkten Kontakt werden Chi-
nesen in Deutschland (aber wohl auch andernorts) vor allem als Touristen
wahrgenommen, sie bleiben damit anonym und können keinen Ersatz für
eine interpersonale, d. h. auch interkulturelle Auseinandersetzung bieten.
Man kann es daher nicht oft genug betonen: Nur durch eine entsprechende
starke – deutlich verstärkte! – Politik zur Förderung des interkulturellen Aus-
tausches auf allen Ebenen (Schule, Universitäten, Gemeindepartnerschaften
usw.) lässt sich das China-Stereotyp bzw. China-bezogene Vorurteile ersetzen
durch differenzierte, gesprächs- und lernoffene Wissensschemata. Wandel
durch Dialog, der gegenseitiges Vertrauen und Verständnis schafft.
68   Friedemann Vogel

2. Ein zweiter Grund liegt in der Logik medialer Praxis, insb. der Auslandsbe-
richterstattung: Auch wenn China aufgrund seiner ökonomischen und politi-
schen Rolle in der Welt heute fest in der Auslandsberichterstattung verankert
ist, so bleibt es vom globalen Wandel der Medienbranche – v. a. Aussterben
von Lokalredaktionen und Akkumulation der Medien in wenigen, global
agierenden Medienkonzernen  – nicht unberührt. In der Folge schrumpft
die Anzahl kundiger journalistischer Auslandskorrespondenten weiter und
fokussiert sich lediglich auf die großen Metropolen. Entsprechend homogen
verarmt die Berichterstattung zum jeweiligen Ausland. In Anbetracht der
Größe Chinas sind die Folgen dieser Entwicklung nicht zu unterschätzen.

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Suhrkamp (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, 501).
Das Bild Chinas in der deutschsprachigen Presse:
Fokusstudien I – korpuslinguistische Zugänge
Li Jing
„Reich der Mittel“
Linguistische Imageanalyse zu Chinas Wirtschaft (2000–2013)

1 Einleitung
Die vorliegende Untersuchung ist eine linguistische Imageanalyse, die sich als
Teilstudie aus dem CDI-Projekt1 ergibt und sich der Domäne Wirtschaft widmet.
Sie schließt sich den gedanklichen und methodischen Ansätzen der linguisti-
schen Imageanalyse an (Vogel 2010a, 2010b, 2014), wie sie im Beitrag von Friede-
mann Vogel in diesem Band eingeführt werden, und versucht auf der Basis eines
sorgfältig aus dem gesamten CDI-Korpus generierten Wirtschafts-Kernkorpus
einen Einblick in die verschiedenen Fassetten des wirtschaftsbezogenen China-
Bildes zu vermitteln.
Bei der Untersuchung geht es zugespitzt formuliert vor allem um folgendes:
Was sind die Gegenstände und in welcher Form wird wie häufig berichtet, wenn
in deutschsprachigen Printmedien von Chinas Wirtschaft die Rede ist. Damit setzt
sie sich das Ziel, auf Basis von korpuslinguistischen Verfahren2 die relevantesten
Themen und Zuschreibungen herauszuarbeiten und sie in einem strukturierten
und verständlichen Zusammenhang transparent zu beschreiben.
In diesem Beitrag wird zunächst skizziert, wie man durch einen mehrstufigen
Filterprozess das für die Untersuchung bereitzustellende Wirtschafts-Kernkorpus
generiert. Im Anschluss daran werden die Ergebnisse aus drei unterschiedlich
fokussierenden Datenauswertungsprozessen (einer Überblicksstudie und zwei
Fokusstudien) dargestellt und diskutiert, die aus unterschiedlichem Blickwinkel
interessanten Aufschluss über das medienbasierte Image chinesischer Wirtschaft

1 Ausführlicher dazu im Beitrag von Friedemann Vogel und Jia Wenjian in diesem Band.
2 Überblick bei Lemnitzer/Zinsmeister 2006, Scherer 2006; zur diskurslinguistischen Anwen-
dung vgl. ferner Vogel 2010a, 2010b, 2014, Baker 2006, Bubenhofer 2008.

Anmerkung: Die vorliegende Untersuchung wird finanziert durch die National Social Science
Foundation of China (No. 14@ZH036) und China Scholarship Council 留金欧 [2014] 6013/[2016]
6041.

Li, Jing, Dr., Rechts- und Medienlinguistik, Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Beijing Foreign
Studies University (BFSU), China

DOI 10.1515/9783110544268-004
74   Li Jing

geben sollen. Dieses wird zum Schluss mittels einer zusammenfassenden Hypo-
these beleuchtet.

2 Erstellung des Wirtschafts-Kernkorpus


Der Untersuchung wird ein auf Wirtschaft spezialisiertes Subkorpus zugrunde
gelegt. Die dazu gehörigen Texte fokussieren vor allem auf wirtschaftliche
Themen. Als Ausgangskorpus, aus dem das entsprechende Subkorpus gefiltert
wird, gilt das gemeinsame Kern-Textkorpus des CDI-Projektteams mit insgesamt
238.595 Texten aus 15 verschiedenen deutschsprachigen Print- und Onlinemedien
mit dem zeitlichen Intervall vom 01.01.2000 bis 31.12.2013.3 Der Filterprozess wird
mit Hilfe des projektinternen Tools Subcorpus4 durchgeführt. Es arbeitet mit drei
Suchstrings5 und erlaubt eine Berechnung der Frequenz angegebener Suchaus-
drücke sowie eine Extrahierung bestimmter Textteilmengen aufgrund dieser Fre-
quenzberechnung. Für die vorliegende Untersuchung werden diejenigen Texte
aus dem Ausgangskorpus herausgefiltert und als Subkorpus gespeichert, die eine
bestimmte Anzahl an wirtschaftsrelevanten Suchausdrücken enthalten.

3 Ausführliche Informationen zu dem gesamten CDI-Korpus finden sich in der Überblicksanaly-


se von Friedemann Vogel in diesem Band.
4 http://friedemann-vogel.de/index.php/software/33-kleine-helfer-fuer-den-alltag, 17.02.2016.
5 Der Suchstring 1 enthält die eigentlichen Suchausdrücke zur positiven Suche (Positivliste). Der
Suchstring 2 beinhaltet die Ausschlusskriterien (Negativliste). Alle Texte, die diesen Suchstring
enthalten, werden ausgeschlossen. Der Suchstring 3 hat keinen Einfluss auf die Textauswahl
und stellt lediglich einen weiteren statistischen Hinweis über entsprechende Suchausdrücke dar.
Dieser wird häufig genutzt als Kontextindikator. Die Suchanfragen können entweder in Form re-
gulärer Ausdrücke (regular expressions, kurz: regex) oder einfacher Wörter formuliert werden.
 „Reich der Mittel“   75

Abb. 1: Generierung des Wirtschafts-Kernkorpus mit dem projektinternen Tool Subcorpus

Der gesamte Prozess besteht aus 4 Schritten:


Schritt 1: Zunächst wurde eine Liste mit Wörtern erarbeitet, die sich als wirt-
schaftlich relevant erweisen und die als Suchbegriffe zur Abrufung von entspre-
chenden Texten genutzt werden können. Die Ermittlung dieser Wörter erfolgte
hauptsächlich über die Kookkurrenzdatenbank CCDB6 des IDS (eine empirische
Datenbank gebrauchsverwandter Wörter), und zwar ausgehend vom Kookkur-
renzprofil des Ausgangslexems Wirtschaft. Bei der Auswahl wurden vor allem
diejenigen Wörter bevorzugt, die einerseits einen bestimmten Abstraktionsgrad
aufweisen (z. B. Markt statt Automobilmarkt) und andererseits weitestgehend
wertneutral bleiben (z. B. Produkt statt Qualitätsprodukt, Ware statt Ramsch-
ware). Ausgewählte Wörter (wie Finanz, Markt) wurden wiederum zur weiteren
Kookkurrenzprofilberechnung des Ausgangslexems genutzt. Zum Schluss wurde
die Liste noch über Lektüre vorhandener Literatur (Zhou 2012; Zhou/Wang 2011;
Wang 2009; Jia 2008) überprüft und um wichtige chinaspezifische Wirtschafts-
wörter (z. B. Wanderarbeiter) ergänzt. Die fertiggestellte Liste bestand aus folgen-
den Ausdrücken:

6 http://corpora.ids-mannheim.de/ccdb/. Ausführlicher zu CCDB siehe Keibel/Belica 2007.


76   Li Jing

Absatz / Absatzmarkt / Aktie / Aktionär / Anbieter / Angebot / Arbeitsmarkt / Arbeitsplatz /


Ausfuhr / Bank / Bankwesen / Bau / Beschäftigung / Betrieb / Börse / Branche / Devise /
Devisenreserven  / Dienstleistung  / Einfuhr  / Einkäufer  / Export  / Exportmarkt  / Fabrik  /
Finanz / Firma / Geld / Geschäft / Geschäftsklima / Geschäftswelt / Gewerbe / Gewerbe-
markt  / gewerblich  / Handel  / herstellen  / Holding  / Import  / Industrie  / Infrastruktur  /
investieren / Investition / Investment / Investor / Kapital / kaufen / Konjunktur / Konzern /
Kosten / Kosum / Kredit / Kunde / Lieferung / Markenpiraten / Marketing / Markt / Mittel-
stand / Nachfrage / Niederlassung / Ökonomie / Ostmarkt / Patent / Preis / Produktion /
produzieren / Produzent / Raubkopie / Reichtum / Ressort / Ressourcen / Schwellenland /
Sektor  / Stagnation  / stagnieren  / Standort  / Standortwettbewerb  / Steuer  / Syndikus  /
Tochtergesellschaft / Tochterunternehmen / Umsatz / Unternehmen / Unternehmer / Ver-
trieb / Währung / Wanderarbeiter / Ware / Warenaustausch / Weltfabrik / Wertpapier / Wirt-
schaft / Zoll / Zulieferer

Schritt 2: Die obigen „natürlichen“ Wörter wurden dann in reguläre Ausdrücke


umgewandelt, da mit dieser Form der Suchstrings im Tool Subcorpus gezielter
gesucht werden kann. Schon bei diesem Schritt wurden kleinere Testverfahren
eingesetzt, um zu ermitteln, welche Zeichenfolgen (einfache Wörter, Komposita,
Ableitungen usw.) die regulären Ausdrücke mit sich bringen würden, so dass
die ersten „falschen Positive“ durch differenziertere Regex-Formulierung ausge-
schlossen werden konnten (z. B. Unternehmen oder -unternehmen, aber nicht das
Verb unternehmen; insofern differenziertere Regex-Formulierung: \bUnterneh-
men|\Sunternehmen\b).
Schritt 3: Die aus dem Schritt 2 erarbeitete Anfangssuchanfrage wurde
mittels eines Pilotkorpus gründlich und sorgfältig auf „falsche Positive“ über-
prüft und modifiziert. Das Pilotkorpus bestand aus 8000 Texten und ergab sich
aus einer Zufallsstichprobe aus dem gesamten CDI-Korpus. Mit AntConc (Pilotkor-
pus, Anfangssuchfrage in Form regulärer Ausdrücke, Funktion Cluster, Cluster
Größe 1) wurden die verschiedensten Zeichenfolgen, die durch die Suchanfrage
abgerufen werden konnten,7 ermittelt und auf das Potential der „falschen Posi-
tive“ und deren Einfluss auf die Suchqualität bzw. -effizienz überprüft. Hierbei
konnte man zwischen zwei Möglichkeiten differenzieren:
– Der reguläre Ausdruck führt zu Wörtern (Zeichenfolgen), die sich im Pilotkor-
pus als hoch frequentiert erweisen, aber mit dem Thema Wirtschaft wenig zu
tun haben: z. B. [Hh]erstell führt auch zu sicherstellen. In diesem Fall handelt
es sich um die „offensichtlich“ falschen Treffer.
– Der reguläre Ausdruck führt zu Wörtern (Zeichenfolgen), die an sich mehr-
deutig sind und sowohl wirtschaftsbezogene als auch nicht wirtschaftsbe-

7 Der reguläre Ausdruck [Aa]bsatz in der Suchanfrage kann z. B. die Zeichenfolgen Absatz, Ab-
satzmarkt, Absatzmenge, Autoabsatz usw. abrufen.
 „Reich der Mittel“   77

zogene Bedeutungsvarianten/Teilbedeutungen enthalten (z. B. Absatz im


Sinne von Verkauf, Schuhsohle oder Textabschnitt). In diesem Fall wurden
die einzelnen Belege – komplett oder stichprobenartig (etwa 200 Belege) –
ausgewertet, um das grobe Mengenverhältnis zwischen den erwünschten
und nicht erwünschten Treffern herauszubekommen und auf dieser Basis zu
überlegen, ob und wie man die nicht erwünschten Treffer ausschließen kann.

Die aus der Überprüfung resultierte Modifizierung konnte entweder durch die
Umformulierung der regulären Ausdrücke in der Anfangssuchanfrage (für
Suchstring 1 im Subcorpus) oder durch die Erstellung einer Negativliste (für
Suchstring 2 im Subcorpus) realisiert werden. Im Folgenden findet man die Liste
mit überarbeiteten regulären Ausdrücken:

\bAbsatz\S|[Aa]ktie[^r]|[Aa]rbeitsplatz|[Aa]usfuhr|[Bb]ank\b|[Bb]eschäftigte|\bBörse|\
Sbranche|[Dd]evisen|[Dd]ienstleistung|[Ee]infuhr|k[aä]uf|[Ee]xport|\bFabrik\b|[Ff ]
inanz|[Ff]irma\b|[Ff]irmen|\bGeld[^o]|\bGeschäft\b|[Gg]ewerb[^u]|[Hh]andel\b|[Hh]
andels.[^l]|[Hh]ersteller|[Ii]mport[^a]|[Ii]ndustri|[Ii]nvest. [^g]|[Kk]apital[^i]|[Kk]onjunktur|
[Kk]onzern|[^\s|\||r]kosten|\bKonsum[^e|i]|\bKredit|\Skredit\b|\bKunde|[Mm]arkt.
[^n|r]|nachfrage\b|[Öö]konomie\b|\bPatent[^l|r]|[Pp]rodukt.[^v]|\Ssektor|[Uu]msatz|\bUn-
ternehmen|\Sunternehmen\b|[Uu]nternehmer|[Vv]ertriebs|[Ww]anderarbeiter|\bWare\
b|[Ww]irtschaft[^\/].[^l]|[Zz]oll\b

Darüber hinaus wurden noch die chinabezogenen Kontextindikatoren in Regex-


Form übertragen und zur obigen Liste hinzugefügt:

{0,500}([Cc]hina|[Cc]hines|Peking|Beijing|Schanghai|Shanghai)

Somit entstand die endgültige Suchanfrage in Form der drei Suchstrings, die im
Subcorpus eingesetzt wurden:
– Suchstring 1 (Positivliste)

((\bAbsatz\S|[Aa]ktie[^r]|[Aa]rbeitsplatz|[Aa]usfuhr|[Bb]ank\b|[Bb]eschäftigte|\
bBörse|\Sbranche|[Dd]evisen|[Dd]ienstleistung|[Ee]infuhr|k[aä]uf|[Ee]xport|\bFabrik\
b|[Ff]inanz|[Ff]irma\b|[Ff]irmen|\bGeld [^o]|\bGeschäft\b|[Gg]ewerb[^u]|[Hh]andel\
b|[Hh]andels.[^l]|[Hh]ersteller|[Ii]mport[^a]|[Ii]ndustri|[Ii]nvest.[^g]|[Kk]apital[^i]|[Kk]
onjunktur|[Kk]onzern|[^\s|\||r]kosten|\bKonsum[^e|i]|\bKredit|\Skredit\b|\bKunde|[Mm]
arkt.[^n|r]|nachfrage\b|[Öö]konomie\b|\bPatent[^l|r]|[Pp]rodukt.[^v]|\Ssektor|[Uu]
msatz|\b Unternehmen|\Sunternehmen\b|[Uu]nternehmer|[Vv]ertriebs|[Ww]anderar-
beiter|\bWare\b|[Ww]irtschaft [^\/]. [^l]|[Zz]oll\b).{0,500}([Cc]hina|[Cc]hines|Peking|Be
ijing|Schanghai|Shanghai))|(([Cc]hina| [Cc]hines|Peking|Beijing|Schanghai|Shanghai).
{0,500}(\bAbsatz\S|[Aa]ktie[^r]|[Aa]rbeitsplatz|[Aa]usfuhr|[Bb]ank\b|[Bb]eschäftigte|\
bBörse|\Sbranche|[Dd]evisen|[Dd]ienstleistung|[Ee]infuhr|k[aä]uf|[Ee]xport|\bFabrik\
b|[Ff]inanz|[Ff]irma\b|[Ff]irmen|\bGeld[^o]|\bGeschäft\b|[Gg]ewerb[^u]|[Hh]andel\
78   Li Jing

b|[Hh]andels.[^l]|[Hh]ersteller|[Ii]mport[^a]|[Ii]ndustri|[Ii]nvest.[^g]|[Kk]apital[^i]|[Kk]
onjunktur|[Kk]onzern|[^\s|\||r]kosten|\bKonsum[^e|i]|\bKredit|\Skredit\b|\bKunde|[Mm]
arkt.[^n|r]|nachfrage\b|[Öö]konomie\b|\bPatent[^l|r]|[Pp]rodukt.[^v]|\Ssektor|[Uu]msatz|\
bUnternehmen|\Sunternehmen\b|[Uu]nternehmer|[Vv]ertriebs|[Ww]anderarbeiter|\bWare\
b|[Ww]irtschaft[^\/].[^l]|[Zz]oll\b))

– Suchstring 2 (Negativliste)

[Dd]atenbank|[Gg]enbank

– Suchstring 3 (Kontextindikatoren)

[Cc]hina|[Cc]hines|Peking|Beijing|Schanghai|Shanghai

Schritt 4: Mit der modifizierten Suchanfrage aus Schritt 3 wurde das für die
vorliegende Untersuchung bereitzustellende Wirtschafts-Kernkorpus aus dem
Ausgangskorpus gefiltert und abgespeichert. Aufgenommen wurden diejeni-
gen Texte, bei denen sowohl eine bestimmte Anzahl an wirtschaftsrelevanten
Wörtern (Suchstring 1, f ≥10) als auch eine bestimmte Anzahl an chinabezogenen
Kontextindikatoren (Suchstring 3, fB ≥ 20) vorhanden waren:

Abb. 2: Eingrenzung der Textauswahl mittels Suchstring 1 (f) und Suchstring 3 (fB)

Zum Schluss wurden noch über manuelle Überprüfung die vereinzelten proble-
matischen Texttreffer (Inhaltsverzeichnis als Text; englischsprachiger Text) aus-
gefiltert. Das dadurch entstandene endgültige Wirtschafts-Kernkorpus enthält
1234 Texte mit insgesamt 1.920.401 Tokens.
 „Reich der Mittel“   79

3 Das Medienimage chinesischer Wirtschaft

3.1 Überblicksstudie mit Schlüsselwörtern

In der vorliegenden Untersuchung lässt sich auf Basis von einer umfassenden
Keyword-Analyse ein Überblick zum Medienimage chinesischer Wirtschaft erar-
beiten. Zunächst wurden mit Hilfe von AntConc statistisch relevante Schlüssel-
wörter für das Wirtschafts-Kernkorpus generiert (AntConc, Funktion Keyword
List, Referenzkorpus Pilotkorpus mit 8000 Texten) und aus diesen die ersten 100
Schlüsselwörter herausgenommen und zur weiteren Kookkurrenzanalyse und
KWIC-Analyse bereitgestellt. Bei jedem dieser 100 Schlüsselwörter wurden die
wichtigsten Kookkurrenzpartner ermittelt (AntConc, Funktion Collocates, Kontext
China oder chinesisch, t ≥ 2,3). Zu den gewonnenen Kookkurrenzpartnern wurden
mit Fokus auf Autosemantika KWIC-Analysen durchgeführt. Die jeweils abgerufe-
nen KWIC-Belege wurden induktiv gruppiert, um wiederkehrende Themenkate-
gorien und Zuschreibungsmuster in Bezug auf das entsprechende Schlüsselwort
herauszuarbeiten. Die dadurch entstandenen Ergebnisse vonseiten jedes Schlüs-
selwortes wurden wiederum zusammengelegt und zu größeren schlüsselwort-
übergreifenden Themenfeldern gruppiert.

1 China 26 Million 51 Kredit 76 steigen

2 chinesisch 27 Regierung 52 Wen 77 Indien

3 | 28 Wachstum 53 BYD 78 Ware

4 Chinese 29 Pekinger 54 VW 79 Aufstieg

5 Peking 30 Mitte 55 Quelle 80 wirtschaftlich

6 Shanghai 31 Wirtschaft 56 Geschäft 81 Bank

7 Yuan 32 Export 57 Aufwertung 82 umgerechnet

8 Volksrepublik 33 Währung 58 Bauer 83 Börse

9 Prozent 34 West|Westen 59 Wirtschaftswachstum 84 Xiaoping

10 Dollar 35 Mao 60 kommunistisch 85 Import

11 Reich 36 Renminbi 61 Hersteller 86 SAIC

12 Hongkong 37 Wang 62 billig 87 Wohlstand

13 westlich 38 kaufen 63 Unternehmer 88 Fernost

14 Land 39 KP 64 Auto 89 Investor

15 Firma 40 d 65 Asien 90 lokal


80   Li Jing

16 Milliarde 41 staatlich 66 Produkt 91 mehr

17 Fabrik 42 Konzern 67 produzieren 92 MONEY

18 in 43 wachsen 68 Geld 93 Devisenreserve

19 Unternehmen 44 Jahr 69 Investition 94 ISIN

20 Arbeiter 45 Wanderarbeiter 70 Xi 95 BIP

21 Markt 46 investieren 71 Joint 96 Schanghai

22 ausländisch 47 Stadt 72 Hu 97 Alibaba

23 Shenzhen 48 Zhang 73 bauen 98 Werkbank

24 Li 49 groß 74 Volkswirtschaft 99 Know

25 Provinz 50 Deng 75 Shanghaier 100 Bruttoinlands-


produkt

3.1.1 Grammatisch-kategoriale Vorsortierung der Schlüsselwörter

Einen ersten Überblick liefert vorerst die folgende grammatisch-kategoriale Vor-


sortierung der obigen Schlüsselwörter. Dabei wird – mit Modifikation – von den
abstrakten Frame-Kategorien von Konerding (1993) Gebrauch gemacht: Akteure,
Handlungen, Institutionen und Orte, Ereignisse, Sachverhalte, Folgen,
Ursachen usw.8

a) Substantive
Die meisten Schlüsselwörter sind Substantive. Diese lassen sich in mehrere Kate-
gorien untergliedern.
Die erste Kategorie der Substantive bilden ORTE. Zu ORTEN gehören zunächst
die verschiedensten Bezeichnungen, mit denen auf China verwiesen wird: China,
Volksrepublik, Land, Reich, Mitte (Reich der Mitte). Ferner handelt es sich um
Wörter, die geographische Befindlichkeit (Fernost, Asien) oder die politische
Struktureinheit Chinas im Allgemeinen (Provinz, Stadt, Land)  – als relevante
wirtschaftliche Handlungsräume – darstellen. In vielen Kontexten wird mit den
beiden  – eigentlich breit konzipierten  – geographischen Lagen Fernost und
Asien überwiegend auf China verwiesen, was dessen besonderen wirtschaftli-
chen Status in der Region markiert:

8 Ausführlicher dazu vgl. auch die Überblicksanalyse von Friedemann Vogel in diesem Band.
 „Reich der Mittel“   81

Afrikas Staaten profitieren von der Wirtschaftsförderung aus Fernost  / auch die deutsche
Wirtschaft profitiert vom Boom in Fernost / Beschäftigung wird gänzlich nach Asien verlagert.
China ist dann die neue Weltmacht Nummer eins.

Darüber hinaus zählen Peking, Shanghai/Schanghai, Hongkong und Shenzhen


zu konkreten Städten, die wegen ihrer herausragenden Bedeutung im Wirtschafts-
leben Chinas immer wieder erwähnt werden: Peking als Hauptstadt Chinas mit
großem Einfluss auf wirtschaftliche Entscheidungen, vielfach im thematischen
Zusammenhang mit der Aufwertung der chinesischen Währung; Shanghai/
Schanghai als Wirtschafts- und Finanzzentrum Chinas, auch in Bezug auf Börse
und Auto (Kooperation mit VW); Shenzhen vielfach im Zusammenhang mit
Börse und als Sonderwirtschaftszone der Reform- und Öffnungspolitik (zentraler
Produktionsstandort); Hongkong häufig wegen Börse und historisch bedingter
Sonderstellung im wirtschaftlichen Austausch zwischen Außenwelt und Fest-
landchina. Nicht zuletzt gehören zu dieser Kategorie noch internationale ORTE,
sowohl konkrete Einzelstaaten wie Indien, das wegen vergleichbarer wirtschaft-
licher Situation zu China häufig in Aufzählung (BRICS-Staaten / Schwellenland)
mit erwähnt wird, als auch das abstraktere Staatenkollektiv wie Westen, das in
unterschiedlichen Wirtschaftsverhältnissen (z. B. Investition, Marktbelegung,
Produktionsverlagerung) als holistisches Pendant gegenüber China geprägt und
gesetzt wird.
Die zweite Kategorie bilden INSTITUTIONEN9, die auf unterschiedlichen hie-
rarchischen Ebenen anzusiedeln sind. Dazu gehören zunächst Regierung und
KP, die eher politische Instanzen als wirtschaftliche Figuren darstellen. Dennoch
haben sie sich wegen der (in China besonders) engen Verflochtenheit zwischen
beiden Domänen (Politik und Wirtschaft) als aktive Akteure im Wirtschaftsleben
etabliert. Die Beteiligung der Regierung realisiert sich in verschiedenen Formen.
Zu den am häufigsten berichteten Formen gehören vielfältige Maßnahmen zur
Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung (gigantisches Konjunkturpaket  /
Staatsfonds / Kreditvergabe), Entgegenwirken gegen wirtschaftliche Überhitzung
(verhindern / bremsen / gegensteuern, z. B. bei Inflation, bei möglichen Blasen im
Aktien- und Immobilienmarkt), Währungspolitik (Aufwertung der Währung Ren-
minbi  / Internationalisierung ihrer Währung). Es wird vielfach beobachtet, dass
die KP – anders als Regierung – in tendenziell negativen Wirtschaftszusammen-
hängen verwendet wird (manipulieren  / Korruption). Aus der Kookkurrenzana-

9 In der vorliegenden Untersuchung wird mit INSTITUTIONEN eine Übergangskategorie an-
genommen, und zwar mit fließenden Grenzen zu der vorstehenden Kategorie ORTE (mehr als
Handlungsräume) und der nachstehenden Kategorie AKTEURE (mehr als handelnde Subjekte).
82   Li Jing

lyse zu KP ergibt sich eine besondere – gegenüber Führer/Funktionär/Mitglied/


Kader eher weniger zu erwartende – Personengruppe: Kinder (Kinder hoher KP-
Funktionäre). Diese wird häufig als privilegiert charakterisiert (gute Beziehungen
und gute Aussichten / gut bezahlte Jobs und gute Aussichten / sahnen Milliarden
ab), was die Schattenseite der engen Verflochtenheit zwischen Politik und Wirt-
schaft markiert. Eine weitere wichtige INSTITUTION bildet die Bank. Meistens
wird von den staatlichen Banken berichtet. Sie unterstützen mit billigen Kredi-
ten die Regierung bei ihrer Wirtschaftsförderungspolitik im Inland und bei ihrer
wirtschaftlichen Expansion ins Ausland. Das am meisten thematisierte Problem
ist die Anhäufung von faulen Krediten (bis zu 40 Prozent faule Kredite / ein Berg
fauler Kredite / eine Reihe fauler Kredite / faule Kredite von insgesamt 2 Billionen
Yuan). Darüber hinaus gehören zu INSTITUTIONEN noch Unternehmen, Firma,
Konzern, Fabrik und Joint-Venture10. Sie fungieren entweder als aktive wirt-
schaftsbetreibende Figuren in Bezug auf Investition, Produktion, Marktbelegung,
Export-/Import-Geschäft oder geben konkrete Lokalitäten dieser Wirtschaftspra-
xis an. Besonders erwähnenswert ist: Unternehmen/Firma/Konzern werden
sowohl mit chinesisch als auch mit ausländisch/westlich attribuiert; dementgegen
handelt es sich bei Fabrik vor allem um Fabriken in China oder China als Fabrik
der Welt. Joint-Venture wird nicht nur als übliche Form der wirtschaftlichen
Zusammenarbeit zwischen China und Ausland charakterisiert, sondern auch
zum Teil mit Kritiken zur Zwangsläufigkeit der Joint-Venture-Gründung (Zwangs-
Joint-Venture) und des Technologietransfers verbunden.
Die dritte Kategorie der Substantive bilden die AKTEURE, welche sich wiede-
rum in zwei Subkategorien PERSONEN und PERSONENGRUPPEN untergliedern
lassen. Die Schlüsselwörter Hu, Xi, Wen, Deng, Mao, Li, Xiaoping, Wang, Zhang
sind zum größten Teil (bis auf Xiaoping) Familiennamen und verweisen auf Ein-
zelpersonen, vor allem politische Persönlichkeiten: z. B. der große Reformer Deng
Xiaoping, der die für den heutigen chinesischen Wirtschaftserfolg entscheidende
Reform- und Öffnungspolitik eingeleitet hat; ehemalige bzw. aktuelle Staatschefs
(Xi Jinping, Hu Jintao, Wen Jiabao), die durch Staatsbesuche wirtschaftliche
Beziehungen zu anderen Ländern anknüpfen und ankurbeln. In der Kategorie
PERSONENGRUPPEN befinden sich neben thematisch bedingtem Chinese einer-
seits Investor, Unternehmer bzw. Hersteller und andererseits Arbeiter, Wan-
derarbeiter bzw. Bauer. Wie bei Unternehmen/Firma/Konzern gibt es auch bei
Investor/Unternehmer/Hersteller eine Differenzierung zwischen chinesischen
Investoren/Unternehmern/Herstellern vs. ausländischen Investoren/Unterneh-
mern/Herstellern. Bei Arbeiter/Wanderarbeiter/Bauer handelt es sich lediglich

10 In den ersten 100 Schlüsselwörtern kommt lediglich die Wortform „Joint“ vor.
 „Reich der Mittel“   83

um chinainterne Bevölkerungsgruppen, die sich in schwächeren wirtschaftli-


chen und sozialen Zuständen befinden.
Die vierte Kategorie umfasst SACHVERHALTE und EREIGNISSE. Die betref-
fenden einzelnen Schlüsselwörter verweisen auf relevante Themen in chinabe-
zogenen Wirtschaftsdiskursen und verbinden sich  – auch mit anderen Schlüs-
selwörtern aus anderen Kategorien (auch grammatischen Kategorien wie Verben,
Adjektiven) – zu größeren schlüsselwort-übergreifenden Themenfeldern, die im
nächsten Abschnitt ausführlich erläutert werden. Dazu gehören ›chinesische
Wirtschaft im Allgemeinen‹ (Wirtschaft, Volkswirtschaft), ›Wirtschaftswachs-
tum‹ (Wachstum, Wirtschaftswachstum, BIP, Bruttoinlandsprodukt, Auf-
stieg), ›wirtschaftliche Stärke‹ (Geld, Wohlstand, Devisenreserve), ›Investition‹
(Investition, Börse, ISIN, Kredit), ›Außenhandel‹ (Export, Import, Geschäft,
Alibaba), Markt und Konsum (Markt), ›Produktion in China‹ (Produkt, Ware,
Werkbank), ›Auto‹ (Auto, BYD, VW, SAIC), ›Währung‹ (Aufwertung, Yuan,
Währung, Renminbi), ›Technologietransfer‹ (Know-how11).
Die letzte Kategorie umfasst Schlüsselwörter, mit denen wirtschaftlich rele-
vante Größen (z. B. Wachstum, Investitions-, Absatz-, Umsatzvolumen, Devisen-
reserve) gemessen und quantifiziert werden können: Prozent, Million, Milli-
arde, Dollar, Jahr (als temporale Vergleichsbasis).12

b) Verben
Die 6 Verben unter den ersten 100 Schlüsselwörtern lassen sich in zwei große
Kategorien einteilen. Die eine Kategorie (kaufen, investieren, produzieren,
bauen) bezieht sich auf HANDLUNGEN, die von bestimmten personellen bzw.
institutionellen Akteuren (chinesischen/ausländischen Unternehmen/Firmen/
Konzernen/Herstellern/Investoren/Banken usw.) im Rahmen bestimmter Hand-
lungsräume (China, Provinz, Stadt; Ausland, Westen, Afrika; Werk, Fabrik usw.)
in Bezug auf bestimmte Objekte (Geld investieren, Auto/Ware/Staatsanleihe/
Rohstoff kaufen, Auto produzieren/bauen usw.) durchgeführt werden. Die andere
Kategorie (wachsen, steigen) bezeichnet eine nach oben gerichtete Entwick-
lungstendenz von verschiedenen SACHVERHALTEN bzw. EREIGNISSEN (mit
tendenziell positiven Folgen: Wirtschaft, BIP/Bruttoinlandsprodukt, Wohlstand,
Markt, Export, Import; mit tendenziell problematischen bis negativen Folgen:
Inflationsrate, Preis, Lohn, Energieverbrauch).

11 In den ersten 100 Schlüsselwörtern kommt lediglich die Wortform „Know“ vor.
12 Ähnlich verhält sich das Schlüsselwort umgerechnet. Es dient hauptsächlich zur veran-
schaulichenden Darstellung einer Geldsumme anhand einer für die Adressaten nachvollziehba-
ren Währung: 1940 Yuan im Monat (umgerechnet 230 Euro).
84   Li Jing

c) Adjektive
Die 12 Adjektive unter den ersten 100 Schlüsselwörtern fungieren meistens als
Attribute zu relevanten AKTEUREN bzw. INSTITUTIONEN: chinesische/westli-
che/ausländische Unternehmen/Firmen/Konzerne/Hersteller/Investoren/Unter-
nehmer, staatliche Banken, lokale Partner/Firmen in Bezug auf Joint-Venture-
Gründungen, kommunistische Partei/Führung, Pekinger Regierung/Führung,
Shanghaier Börse/Aktienbörse) oder dienen zur Prädikation von SACHVER-
HALTEN bzw. EREIGNISSEN (billiger/e/es Yuan/Werkbank/Ware/Produkt, wirt-
schaftliche/er Öffnung/Aufstieg/Aufschwung/Erfolg/Entwicklung/Stärke, große/
er/es Wirtschaft/Volkswirtschaft/Markt/ Automarkt/Absatzmarkt/Produzent/
Hersteller/Autobauer/Exporteur/Problem/Herausforderung/Risiko, ausländische
Investition/Direktinvestition, verkaufen/ exportieren/importieren mehr Autos/
Wagen/Fahrzeuge).

Das Schlüsselwort mehr tritt im vorliegenden Textkorpus sowohl als Adjektiv als
auch als Adverb auf. Die beiden statistisch relevantesten Syntagmen mit mehr
(als Adverb) sind nicht mehr und immer mehr. Nicht mehr markiert eine Wende
von einem bestimmten Zustand (vor allem Werkbank / billiger Produktionsstand-
ort) zu einem anderen und postuliert eine Pluralisierung der wirtschaftlichen
Rollen, die China in der gesamten Wirtschaftswelt einnimmt. Immer mehr ver-
weist ähnlich wie wachsen und steigen auf eine ansteigende Tendenz in Bezug
auf verschiedene SACHVERHALTE bzw. EREIGNISSE oder HANDLUNGEN (z. B.
Investition). Beide Syntagmen unterstreichen die dynamische Entwicklung der
chinesischen Wirtschaft.

d) Sonstiges
Diese Kategorie umfasst zum einen Funktionswörter (in: Präposition zur lokalen
bzw. temporalen Angabe; d: Artikelwort) und zum anderen textsorten- bzw. zeit-
schriftenspezifische Zeichen (|, Quelle, MONEY). Diese Gruppe spielt keine große
Rolle bei der Herausbildung von wirtschaftlich relevanten Themenfeldern.

3.1.2 Größere schlüsselwort-übergreifende Themenfelder

Die in diesem Abschnitt vorgestellten Themenfelder ergeben sich aus dem Zusam-
menschluss der wiederkehrenden Themenkategorien und Zuschreibungen, die
 „Reich der Mittel“   85

man aus der Untersuchung einzelner Schlüsselwörter gewonnen hat, und sollen
wichtigen Aufschluss über das Medienimage der chinesischen Wirtschaft geben.13
Um die Darstellung zu strukturieren, wird ein Beschreibungsraster zugrunde
gelegt, das basierend auf der Analyse von drei „Kern-Schlüsselwörtern“ (Wirt-
schaft  / Volkswirtschaft  / wirtschaftlich14) entwickelt wurde. Es umfasst vier
zentrale Aspekte:
– Zustand der chinesischen Wirtschaft
– Hauptstützen der chinesischen Wirtschaft
– Probleme der chinesischen Wirtschaft
– Chinesische Wirtschaft im globalen Wirtschaftskontext

a) Zustand der chinesischen Wirtschaft


– Themenfeld ›Wirtschaftswachstum‹, Schwerpunkt-Schlüsselwörter15:
Wachstum, Wirtschaftswachstum, wachsen, BIP, Bruttoinlandsprodukt,
steigen, Aufstieg

Auf verschiedene Art und Weise (konkrete Zahlen, pauschalisierende Behaup-


tungen, Vergleich mit anderen Volkswirtschaften) wird wiederholt berichtet, dass
die chinesische Wirtschaft schnell und anhaltend wachse:

das Wachstum der chinesischen Wirtschaft war im letzten Quartal 2009 mit 10,7 Prozent
wieder zweistellig / von 1991 bis 2003 stieg das chinesische Bruttosozialprodukt um durch-
schnittlich 9,7 Prozent pro Jahr / Chinas Wirtschaft wächst in großen Schritten / die chinesi-
sche Wirtschaft wächst und wächst und wächst / das rasante Wirtschaftswachstum, das seit
Jahren alle anderen Volkswirtschaften weit in den Schatten stellt / nirgends ist das Wachstum
so stark wie in China.

Die genau bezifferte jährliche Wachstumsrate des BIP/Bruttoinlandsprodukts (um


X Prozent) wird häufig als Parameter herangezogen. Beim Vergleich mit anderen
Volkswirtschaften treten üblicherweise als wirtschaftlich stark angesehene Ein-
zelstaaten (wie USA / Japan / Deutschland) ebenso wie Staatenkollektive verschie-
dener Bezugsgröße (von westlichen Industrienationen / westlicher Ökonomie bis
alle anderen Volkswirtschaften) als Vergleichspendant auf. Damit wird die (abso-

13 Es muss angemerkt werden, dass die einzelnen Themenfelder aus heuristischen Zwecken
erarbeitet werden und nicht immer scharf voneinander abzutrennen sind.
14 Die drei Wörter erweisen sich wegen ihrer Semantik als zentral für die Thematik „Chinas
Wirtschaft“.
15 Hier werden nur die Schlüsselwörter aufgelistet, mit denen hauptsächlich das Themenfeld
generiert wird.
86   Li Jing

lute) Überlegenheit Chinas in Bezug auf das Wachstumstempo unterstrichen und


das starke Wachstum als charakteristisches Merkmal der chinesischen Wirtschaft
im Mediendiskurs hervorgehoben. In Medienberichten vor allem nach 2008 wird
vereinzelt auch von einer Abschwächung des Wachstums (immerhin Wachstum,
allerdings etwas langsamer) berichtet.
– Themenfeld ›wirtschaftliche Stärke‹, Schwerpunkt-Schlüsselwörter:
Volkswirtschaft, BIP, Bruttoinlandsprodukt, Aufstieg, Devisenreserve,
Geld, Wohlstand

Neben dem Wirtschaftswachstum wird viel über die wirtschaftliche Stärke, die
China inzwischen erreicht hat, berichtet. Insgesamt hat sich das Bild einer florie-
renden/boomenden Wirtschaft etabliert. Der Wirtschaftserfolg wird häufig mit der
Phrase die X-größte Volkswirtschaft der Welt (gemessen am BIP/Bruttoinlandspro-
dukt) spezifiziert. Im vorliegenden Korpus mit einem zeitlichen Intervall von 14
Jahren (2000 bis 2013) lässt sich ablesen, dass China immer einen der vorderen
Plätze im internationalen Vergleich belegt: von der sechstgrößten Volkswirtschaft
in der Anfangsphase über die viertgrößte Volkswirtschaft in der Mittelphase bis
zur zweitgrößten Volkswirtschaft in der Endphase.16 Hinzu kommt noch die wie-
derkehrende positive Prognose, dass China in der Zukunft die größte Volkswirt-
schaft der Welt werde. Auch bei der mehrfach vorkommenden Mehrwortverbin-
dung Chinas Aufstieg zu X kommt der Verweis auf die wirtschaftliche Stärke am
häufigsten vor (Chinas Aufstieg zur Wirtschaftsmacht Nummer 1 / Chinas Aufstieg
zur wirtschaftlichen Supermacht / Chinas Aufstieg zur reichen Weltmacht). Darüber
hinaus wird immer wieder thematisiert, dass China die größte Devisenreserve auf
der ganzen Welt besitze (die weltweit größte Devisenreserve / die größte Devisen-
reserve der Welt / die größte Devisenreserve / die größte Devisenreserve der Erde).
Besonders herausragend sind die Ad-hoc-Bildung Reich des Geldes (aus Reich der
Mitte) und die interessanten Metaphern China ertrinkt im Geld / China schwimmt
gerade im Geld. Sie bestärken den Eindruck, dass China insgesamt über sehr viel
Geld verfügt. Es wird auch wiederholt von zunehmendem/steigendem/wachsen-
dem Wohlstand berichtet.
Die oben dargestellte, eher das gesamte Wirtschaftsvolumen fokussierende
Perspektive erweist sich als eine dominante Betrachtungsperspektive in Bezug
auf den wirtschaftlichen Zustand Chinas. Dementgegen erscheint das noch ganz
bescheidene Pro-Kopf-Wirtschaftsvolumen (vor allem via Bruttoinlandsprodukt
pro Kopf) weniger pointiert in den Berichten.

16 Die Phaseneinteilung bezieht sich auf das zeitliche Korpusintervall.


 „Reich der Mittel“   87

Dieses Themenfeld ist besonders anschlussfähig und verflechtet sich mit


vielen anderen Themenfeldern: z. B. ›Investition‹ (viel Geld, mehr investieren
können oder umgekehrt), ›Markt und Konsum‹ (mehr Wohlstand, mehr Konsum),
›Überhitzung‹ (zu viel Geld, Gefahr vor Inflation und Blasen).

b) Hauptstützen der chinesischen Wirtschaft


In der Analyse zeigen sich Export und Investition (Investition vom Ausland und
durch die chinesische Regierung) als Hauptstütze (Treiber/Motor) für die Ent-
wicklung der chinesischen Wirtschaft. In Belegen aus der zweiten Hälfte des
zeitlichen Korpusintervalls wird zunehmend auch Konsum (vor allem Binnenkon-
sum/Binnennachfrage/inländischer Konsum) eine immer wichtigere Rolle zuge-
schrieben. Vor diesem Hintergrund werden alle Themenfelder, die – unmittelbar
und mittelbar  – mit Export, Investition und Konsum zusammenhängen, unter
dem breit angelegten Aspekt „Hauptstütze der chinesischen Wirtschaft“ zusam-
mengefasst.
– Themenfeld ›Investition‹, Schwerpunkt-Schlüsselwörter: Investition,
investieren, Investor, Geld, Devisenreserve, Kredit, Regierung, Bank,
Unternehmen, Firma, Konzern, kaufen, billig (Kredit), staatlich (Bank)

In Bezug auf Investitionen konzentrieren sich die Belege auf drei Themenkatego-
rien: ausländische Investitionen in China; chinesische Investitionen im Ausland;
chinesische Investitionen im Inland.
China wird in erster Linie als ein Land dargestellt, das wegen Markt17, billiger
Arbeitskraft18, billiger Währung19 Investition/Geld von verschiedenen Ländern
und Regionen (vielfach Europa, Deutschland, Japan) in großer bzw. zunehmen-
der Menge anzieht. Die interessante Strom-Metaphorik (immer mehr ausländi-
sches Geld strömt ins Land / [es] fließt derzeit viel Geld nach China) unterstreicht
in besonderem Ausmaße die Menge und Bewegungsdynamik der Investitionen.
Wichtige Akteure bei dieser Art Investitionstätigkeit sind ausländische Unter-
nehmen/Firmen/Konzerne/Investoren. Nicht wenig wird auch über die negativen
Einfluss-Faktoren berichtet, die ausländische Investoren unsicher machten. Dazu
gehören a) unfreiwillige und unerwünschte Kooperation und Technologietrans-
fer, die eventuell zu späteren Konkurrenzverhältnissen auf dem globalen Markt

17 Ausführlicher dazu bei Themenfeld ›Markt und Konsum‹.


18 Ausführlicher dazu bei Themenfeld ›Produktion in China‹.
19 Ausführlicher dazu bei Themenfeld ›Währung‹.
88   Li Jing

führten; b) ungünstige Rechts- und Marktsituation (z. B. ohne ausreichende


Rechtsstaatlichkeit / mangelnde Markttransparenz).
In der zweiten Hälfte des zeitlichen Korpusintervalls lässt sich in den Belegen
mehr und mehr lesen, dass China zunehmend ins Ausland investiere. Es etabliert
sich langsam das neue Image – das große Devisenreserve besitzende China auf
weltweiter Einkaufstour. Diese veränderte Rolle zeigt besonders deutlich der fol-
gende kontrastierende Beleg:

Während die vergangenen Dekaden von ausländischen Investoren in China geprägt waren,
rollt nun eine Welle chinesischer Investitionen auf den Rest der Welt zu.

Als aktive Akteure in diesem Kontext gelten neben wirtschaftlichen Institutio-


nen wie Unternehmen/Firmen/Konzerne auch Instanzen wie die Regierung und
die (staatlichen) Banken mit billigen Krediten. Die Zielländer dieser Investition
lassen sich pauschal in zwei Gruppen einteilen: a) relativ unterentwickelte (vor
allem afrikanische, auch asiatische) Länder, und zwar mit der Primärzielsetzung
der Aneignung von Rohstoffen/Energie und Märkten; b) entwickelte Länder (z. B.
Europa, Deutschland, Japan, USA). Außer Rohstoffen/Energie werden der Inves-
titionstätigkeit Chinas auch häufig zwei weitere Zielsetzungen zugeschrieben: a)
Aneignung von Wissen und Technik (bzw. Marken); b) zunehmender Einfluss im
internationalen Umfeld.
Es wird weiterhin mehrfach darüber berichtet, dass die chinesische Regierung
stark ins Inland investiere und dadurch die Wirtschaftsentwicklung ankurble.
Die Hauptakteure dabei sind die Regierung und die staatlichen Banken, die Kon-
junkturpakete/Konjunkturprogramme/Konjunkturspritzen und billige Kredite
anbieten. Die Branchen der neuen Energie (Sonnen-, Wind-, Wasserenergie), die
High-Tech-Branchen und nicht zuletzt die Infrastruktur werden als häufige Ziel-
branchen genannt.
– Themenfeld ›Außenhandel‹, Schwerpunkt-Schlüsselwörter: Export,
Import, Geschäft, steigen, kaufen

China wird stark als internationale Export-Großmacht (Export-Weltmeister  /


weltweiter Champion) geprägt. Es wird wiederholt über das zunehmende Export-
geschäft Chinas berichtet. Export gilt als Hauptstütze für die chinesische Wirt-
schaft. Teilweise wird auch die wirtschaftliche Wende von Export zu Konsum/Bin-
nenkonsum thematisiert. Ein wiederholt aufgegriffener kritischer Aspekt in Bezug
auf Chinas Exportgeschäft ist die sog. künstlich billig/niedrig gehaltene Währung
(Yuan/Renminbi), durch welche die chinesische Regierung – in manchen Bran-
chen eventuell noch in Ergänzung mit Subventionen – Wettbewerbsvorteile auf-
 „Reich der Mittel“   89

grund niedriger Preise schaffe. In diesem Zusammenhang wird auch häufig von
den abwehrenden Reaktionen (Strafzoll) anderer Länder berichtet.
In Bezug auf Chinas Importgeschäft stehen im Mittelpunkt aller gesichte-
ten Belege Rohstoffe und Energie (vor allem aus Afrika). Die diesbezüglich wie-
derkehrende bzw. übertreibende Phrase Markt/Weltmarkt leer kaufen und die
negativ konnotierten Metaphern Riesenstaubsauger/Rohstoff-Hunger verstärken
das Rohstoffe und Energie begehrende Image Chinas. Neben Afrika hebt sich
auch Deutschland als relevanter Handelspartner aus den Belegen heraus. Es wird
vielfach über den steigenden Export von Deutschland nach China berichtet (vor
allem von Autos).20
Dieses Themenfeld verschmilzt im Grunde mit zwei weiteren Themenfeldern:
›Produktion in China‹, ›Markt und Konsum‹. Diese verdienen allerdings wegen
thematischer Relevanz als eigenständige Kategorien aufgeführt zu werden.
– Themenfeld ›Produktion in China‹, Schwerpunkt-Schlüsselwörter: pro-
duzieren, bauen, Produkt, Ware, Werkbank, Fabrik, Markt, Unterneh-
men, Firma, Konzern, Joint-Venture, Hersteller, Arbeiter, billig

Diesbezügliche Belege haben sich grob gesehen zu zwei unterschiedlichen


Bildern vereinigt: China als billige Werkbank/Fabrik der Welt vs. China nicht mehr
als billige Werkbank/Fabrik der Welt.
Es wird wiederholt darüber berichtet, dass ausländische Unternehmen/
Firmen/Konzerne wegen billiger Arbeitskraft und Nähe zum riesigen lokalen
Absatzmarkt in China produzieren lassen.21 China wird als verlängerte Werkbank
der Welt/Fabrik der Welt betrachtet. Es fällt auf, dass bei dieser Zuschreibung
meistens Verben/Prädikate mit hohem Faktizitätsanspruch (z. B. sein, gelten,
bleiben) verwendet werden. Manchmal wird diese Zuschreibung als Attribut
beim Referieren auf China hinzugefügt: das Verhältnis der Werkbank China in der
westlichen Konsumgesellschaft / zudem liefert China als Werkbank der Welt viele
Produkte nach Amerika. Es finden sich sogar Belege, in denen allein mit dieser
Zuschreibung auf China Bezug genommen wird: die Werkbank der Welt und Wirt-
schaftssupermacht hat für den Absatz ihrer Massenware auch Indiens kaufkräftige
Mittelschicht im Visier. All das trägt dazu bei und spricht auch dafür, dass sich
dieses Image im Mediendiskurs dominant durchgesetzt hat. Ähnlich wie beim
Thema Investition konzentrieren sich die negativen Szenarien vor allem auf:

20 Vgl. auch die Themenfelder ›Markt und Konsum‹ und ›Auto‹.


21 Diese wiederkehrende (kausale) Verknüpfung (billige Arbeitskraft, Marktpräsenz) findet
man auch bei dem Themenfeld ›Investition‹.
90   Li Jing

a) unfreiwillige Kooperation:
denn wer in China produzieren will, darf das nur in einem „ Zwangs-Joint-
Venture“ mit ansässigen Firmen tun / ausländische Firma dürfen in China nur
gemeinsam mit chinesischen Staatsunternehmen Autos produzieren / wie ein
mächtiger Platzwart wies sie ausländischen Firmen lokale Partner zu
b) Probleme bzw. Ärger in Bezug auf Technologietransfer (Industriespionage /
Kopieren von High-Tech-Geräten / billige Klone).

Eine weitere Komponente des Medienimages Chinas als Werkbank/Fabrik der


Welt besteht darin, dass China die ganze Welt mit Produkten/Waren beliefere, und
zwar in großer Menge (X Prozent aller XY / mehr als die Hälfte aller X / die meisten
X; in diesem Kontext auch die tendenziell negativ konnotierte Strom-Metapho-
rik in verschiedenen Formulierungsvarianten: China überschwemmt die Welt
mit seinen Waren / Flut chinesischer Waren) und in breiter Palette (Bekleidung /
Schuhe / Spielzeug / Fotokameras / Mobiltelefone / Fernseher / Autos / Stahl usw.).
Die prototypischen Etikettierungen zu Produkten/Waren aus China umfassen: a)
billig (oft im Diskurszusammenhang mit der billigen chinesischen Währung und
Sanktionsmaßnahmen anderer Länder wie Strafzoll  / Anti-Dumping-Klage); b)
Kopie und Fälschung (fälschen / nachbauen / kopieren / abkupfern / nachahmen;
hemmungslos / skrupellos; Ideenklau / Nachbildung / Raubkopierer / Markenfäl-
scher  / Kopieranstalt); c) mangelnde Qualität (Ramsch  / Ramschware  / Schrott-
Produkte / Skandal um Qualitätsmangel).
Vor allem in dem letzten Drittel des zeitlichen Korpusintervalls zeichnet sich
eine Wandlungstendenz des Images ab: von billiger Werkbank der Welt zu nicht
mehr billiger Werkbank der Welt. Während bei der Verankerung des ursprüngli-
chen Images eher Verben wie sein/gelten/bleiben zum Einsatz kommen, werden
bei dem neuen Image vor allem Modalverben wie wollen/sollen herangezogen.
Das unterstreicht den unterschiedlichen Grad des Geltungsanspruchs der beiden
Images. Dasjenige, zu dem sich China – weg von billiger Werkbank – entwickeln
wolle/solle (mehrfach in der Phrase von der Werkbank der Welt zu X), ist vor allem:
a) High-Tech-Standort (High-Tech-Macht / Innovationsfabrik / Hightech-Labor /
Technologiegesellschaft);
b) Qualitätsprodukt unter eigener Marke (hochpreisige Markenprodukte  / erst-
klassige High-Tech-Produkte / mit eigenen Marken expandieren / hochwertige
Industrieprodukte selbst herstellen / eigene Produkte und Lösungen);
c) Gesellschaft mit mehr Binnenkonsum (einheimischer Konsum / Binnenmarkt /
aus Arbeitern und Bauern sollen fröhliche Verbraucher werden).
– Themenfeld ›Markt und Konsum‹, Schwerpunkt-Schlüsselwörter:
Markt, Produkt, Ware, Wohlstand, kaufen, Export, steigen, wachsen,
Wachstum, Auto, Unternehmen, Firma, Konzern, Hersteller, groß
 „Reich der Mittel“   91

Zahlreiche Belege verweisen auf die Wichtigkeit des chinesischen Marktes für ver-
schiedene Länder, Unternehmen/Firmen/Konzerne/Hersteller und ihre Produkte.
Die Autobranche gilt als die am meisten thematisierte Branche im Zusammen-
hang mit Markt und Konsum. Neben der enormen Größe (Riesenmarkt / riesiger
Binnenmarkt  / gewaltiger Markt  / riesiger Absatzmarkt) wird auch der dynami-
sche Zuwachs des Marktes und des Konsumpotentials immer wieder betont, der
vor allem mit dem steigenden Wohlstand in China in diskursiven Zusammen-
hang gebracht wird. Die vielfach verwendete Militär-Metaphorik zum Beispiel
in Phrasen wie chinesischen Markt erobern, die wiederkehrende Attribuierung
mit Superlativ-Formen (der größte Markt / der wettbewerbsintensivste Markt / der
dynamischste Markt der Welt) und nicht zuletzt einzelne wortspielerische Formu-
lierungen wie wer den größten Markt der Welt verliert, der verliert den Weltmarkt,
all das unterstreicht die strategische Bedeutung des chinesischen Marktes im glo-
balen Wirtschaftskontext aus Sicht der Berichterstatter.
– Themenfeld ›Auto‹, Schwerpunkt-Schlüsselwörter: Auto, VW, SAIC,
BYD, bauen, produzieren, kaufen, Markt, mehr

Die Autobranche gilt als die einzige konkrete Industriebranche, deren Bedeut-
samkeit durch 4 branchenspezifische Schlüsselwörter (Auto, VW, SAIC, BYD)
gekennzeichnet ist. Auf der einen Seite wird China als ein riesiger Autoabsatz-
markt dargestellt. Besonders bemerkenswert ist, dass in diesem Zusammenhang
häufig mit dem Schüsselwort mehr Vergleiche formuliert werden, bei denen ent-
weder traumhaftes Absatzwachstum (z. B. 130 Prozent mehr Autos als im Vorjahr)
oder Überlegenheit des Absatzvolumens auf dem chinesischen Markt gegenüber
anderen Märkten (z. B. Marktführer Volkswagen verkauft in China sogar bereits
mehr Autos als auf seinem Heimatmarkt) thematisiert wird. Auf der anderen Seite
gilt China als weltweit relevanter Autoproduktionsstandort, und zwar sowohl in
Zusammenarbeit mit ausländischen Autofirmen (z. B. mit VW) als auch  – mitt-
lerweile – in eigenständiger Entwicklung unter eigenen Marken (z. B. BYD). Die
wiederkehrende Kritik konzentriert sich vor allem auf a) die als nicht fair qua-
lifizierte Kooperationsform (z. B. Zwangs-Joint-Venture / Konkubinenwirtschaft22)
und b) Plagiate (Copy-Shop / Plagiat / kaufen und kopieren / fälschen).
– Themenfeld ›Währung‹, Schwerpunkt-Schlüsselwörter: Währung, Yuan,
Renminbi, Dollar, billig, Regierung, Peking

22 „Konkubinenwirtschaft“ nennt sich diese Art der Zusammenarbeit. So wie sich chinesische Kai-
ser einst ihre (Teilzeit-)Gefährtinnen aussuchten, wählt die heutige Führung Chinas ausländische
Unternehmen aus, die gemeinsam mit einem einheimisch Partner im Land produzieren dürfen. Die
Volksrepublik nötigt die Hersteller zu diesen Kooperationen.
92   Li Jing

Wenn von chinesischer Währung die Rede ist, handelt es sich vor allem um zwei
Aspekte: a) die künstlich niedrig gehaltene Währung und b) die Aufwertung der
Währung.
Es wird vielfach behauptet, dass die chinesische Regierung (Staat als Akteur;
auch Peking als stellvertretender Referenzausdruck) die chinesische Währung
künstlich niedrig halte (billiger Yuan  / „substantiell“ unterbewertet  / am stärks-
ten unterbewertete Währung weltweit). Dies wird wiederholt explizit durch finale
Konnektoren (um …zu / damit) mit der Förderung von Chinas Exportgeschäft ver-
knüpft. Dadurch wird ein starkes Mittel-Zweck-Verhältnis geprägt. Während die
Unterbewertung der Währung aus exportantreibendem Motiv eher als Faktizität
diskursiv dargestellt wird, handelt es sich bei dem zweiten Aspekt – Aufwertung
der Währung – überwiegend um Inhalt/Proposition von direktiven Sprechakten
(wollen / verlangen / fordern / drängen / appellieren) anderer Staatenakteure (USA
als in diesem Zusammenhang besonders herausragender Einzelstaat; sonst nur
Staatenkollektive wie westliche Industrieländer / Westen / alle Welt).
Dieses Themenfeld hängt eng mit den beiden Themenfeldern ›Außenhandel‹
und ›Produktion in China‹ zusammen.

c) Probleme der chinesischen Wirtschaft


– Themenfeld ›Überhitzung‹, Schwerpunkt-Schlüsselwörter: Wirtschaft,
Volkswirtschaft, Kredit, Börse, wachsen, Wachstum, Wirtschaftswachs-
tum, steigen, Aufwertung, Regierung

In den gesichteten Belegen wird die Überhitzung (Blase / Kollaps / Inflation / die
Preise steigen drastisch/kräftig) als ein großes Problem der chinesischen Wirt-
schaft benannt. Die viel angesprochenen Blasen-Branchen sind Immobilien und
Börse. Als Ursache werden schnelles/hohes Wachstum, von der Regierung in Form
von Krediten in die Wirtschaft gepumptes Geld, nationales bzw. internationales
Spekulationsgeld geltend gemacht. Es wird auch mehrfach von der Bemühung
der Regierung berichtet, solcher Überhitzung entgegenzuwirken (bremsen / dros-
seln / verhindern / eindämmen / verlangsamen / gegensteuern).
– Themenfeld ›Verbrauch von Energie/Rohstoff‹, Schwerpunkt-Schlüs-
selwörter: Wirtschaft, Volkswirtschaft, Investition, kaufen, Import,
steigen, wachsen, Wachstum, Wirtschaftswachstum

Ein weiteres viel thematisiertes Problem ist die steigende Inanspruchnahme


Chinas von Energie und Rohstoffen. Es wird häufig berichtet, dass China – mit der
Wirtschaftsentwicklung einhergehend – eine ‚Unmenge‘ von Energie/Rohstoffen
(Öl, Kohle usw.) aus aller Welt einkaufe (verschlingen / leer kaufen / leer räumen /
 „Reich der Mittel“   93

aufkaufen), vielfach aus unterentwickelten Ländern im Austausch gegen chine-


sische Investitionen  / billige Kredite (vgl. die Themenfelder ›Außenhandel‹ und
›Investition‹). Besonders häufig werden in diesem Zusammenhang der hohe (und
ineffiziente) Verbrauch und die dadurch entstandene Umweltbelastung kritisiert:

der Vergleich mit den USA liefert den Beweis: China verbraucht für einen Dollar des BIP jähr-
lich drei- bis viermal mehr Energie / Mit den Abfällen ihrer boomenden Wirtschaft vergiften
die Chinesen sich selbst und den Rest den Welt / die Zerstörung der Natur ist der Preis für
Chinas Wachstum  / drei Jahrzehnte ungestümes Wirtschaftswachstum haben Luft, Wasser
und Erde verdreckt.

d) Chinesische Wirtschaft im globalen Wirtschaftskontext


– Themenfeld ›chinesische Wirtschaft im globalen Wirtschaftskontext‹,
Schwerpunkt-Schlüsselwörter: Wirtschaft, Volkswirtschaft, wachsen,
Wachstum, Wirtschaftswachstum, Aufstieg

Es lohnt sich, unter einem eigenständigen Themenfeld zusammenzufassen, wie


explizit (!) über den Einfluss der chinesischen Wirtschaft auf die Weltwirtschaft
und über das Empfinden anderer Länder/Volkswirtschaften gegenüber China
berichtet wird. In vielen Belegen wird China als ein Land konstituiert, dessen
Wirtschaftsentwicklung substanziellen Einfluss auf die Weltkonjunktur ausübt.
Besonders auffällig sind die wiederkehrenden Metaphern, die die antreibende
Funktion des chinesischen Wirtschaftswachstums für die globale Konjunktur
unterstreichen: globaler Wachstumsmotor / der asiatische Wachstumsmotor / die
weltweite Konjunkturlokomotive / Motor der globalen Konjunktur / Motor der Welt-
konjunktur / Schmieröl für die Weltwirtschaft / die Lokomotive. Andererseits wird
auch über einzelne negative Folgen im Zusammenhang mit Chinas Wachstum
und Aufstieg berichtet: z. B. Wettbewerb um Rohstoffe, Verlust von Arbeitsplät-
zen, Konkurrenz auf dem Weltmarkt. In Bezug auf das explizit (!) thematisierte
Empfinden anderer Volkswirtschaften gegenüber Chinas Wachstum und Auf-
stieg treten zum überwiegenden Teil negative Emotionen wie Bedrohung/Risiko/
gefährlich, Angst/fürchten, Misstrauen, Sorge/Besorgnis, verhindern/behindern/
bremsen/eindämmen, Neid/neidisch auf. Im Gegensatz zu der Verschiedenartig-
keit der negativen Emotionskomplexe konzentriert sich das tendenziell positiv
geprägte Empfinden vor allem auf Nützlichkeitsüberlegungen: profitieren / gewal-
tige Chance. Als Akteure, die diese gemischten (vor allem negativen) Gefühle
zeigen, gelten in erster Linie holistisch geprägte, eher anonym bleibende Staa-
tenkollektive wie Westen  / westliche Ökonomie  / die kapitalistische Welt  / viele
Staaten in der Region / Länder Asiens / die asiatischen Nachbarn.
94   Li Jing

Bei der Analyse der Schlüsselwörter ist aufgefallen, dass sich bei bilatera-
len Wirtschaftsverhältnissen zwischen China und anderen Volkswirtschaften  –
abhängig von dem betreffenden „Interaktionspartner“  – ein unterschiedlicher
diskursiver Fokus herausbildet. Trotz einzelner Diskussionen bei den Kategorien
und Themenfeldern werden an dieser Stelle nochmal die sich aus den Belegen
heraushebenden bilateralen Wirtschaftsverhältnisse (Indien, Deutschland, Afrika,
USA) zusammenfassend und zugespitzt aufgegriffen:
– China vs. Indien: China und Indien befinden sich überwiegend in einem
kopulativ verknüpfenden (und, auch, Komma) syntaktischen Kontext. Sie
teilen wegen ähnlicher wirtschaftsbezogener Konstellationen Gruppenetiket-
tierungen wie Schwellenländer / Schwellenstaaten / BRIC-Staaten23 / Boom-
länder  / Aufsteigerländer  / Aufsteigernationen. Hervorgehoben wird dabei
ihre wachsende und florierende Volkswirtschaft.
– China vs. Deutschland: Das deutsch-chinesische Wirtschaftsverhältnis ist
durch regen Handelsaustausch und enge Verknüpfung im Hinblick auf Inves-
tition und Produktion gekennzeichnet. Die Autobranche gilt dabei als die am
meisten fokussierte Branche quer durch alle oben genannten Tätigkeitsbe-
reiche.
– China vs. Afrika: Das afrikanisch-chinesische Wirtschaftsverhältnis ist
ebenfalls durch enge Wirtschaftskooperation gekennzeichnet. Anders als bei
Deutschland handelt es sich bei Afrika überwiegend um massenhafte Liefe-
rung von Energie bzw. Rohstoffen nach China, und zwar oft im Austausch
gegen Investitionen in Form von billigen Krediten aus China.
– China vs. USA: Die zwei auffälligsten Kontexte, in denen China und die USA
gemeinsam thematisiert werden, bilden die Diskussionen über Chinas riesige
Devisenreserve und Chinas billige Währung. Zum Unterstreichen seiner rie-
sigen Devisenreserve wird wiederholt der Status Chinas als der größte Gläu-
biger der USA hervorgehoben. Im Kontext der Währungskontroverse treten
die USA als am meisten fokussierter Einzelstaat-Akteur auf, der Druck auf
die chinesische Regierung (Peking) in Bezug auf die Aufwertung chinesischer
Währung ausübe.

3.2 Fokusstudie: Technologietransfer

Um dem besonderen Erkenntnisinteresse gerecht zu werden, wird auf Basis vom


vorliegenden Korpus eine Fokusstudie dem Thema Technologietransfer gewid-

23 Brasilien, Russland, Indien und China


 „Reich der Mittel“   95

met. Sie beruht auf einer gründlichen KWIC-Analyse des Schlüsselwortes Know(-
how) mit Hilfe der folgenden fokussierenden Regex-Abfrage:

(Know.{0,100}([Cc]hina|[Cc]hines|Peking|Beijing|Schanghai|Shanghai))|(([Cc]hina|[Cc]hine
s|Peking|Beijing|Schanghai|Shanghai).{0,100}Know)

Aus der Suche ergaben sich insgesamt 148 Belege. Sie wurden auf das berichtete
Verhältnis zwischen China und Know-how überprüft. Die Ergebnisse lassen sich
in folgenden Großkategorien zusammenfassen:

Abb. 3: Relative Verteilung der 148 Belege in Bezug auf das postulierte Verhältnis zwischen
China und Know-how in Großkategorien

– In Bezug auf Know-how wird ein asymmetrischer Entwicklungsstand (Know-


how-Gefälle) zwischen China und anderen (westlichen) Ländern konstatiert.
Die Komposita wie Know-how-Vorsprung  / Know-how-Spender bringen die
dominante Position westlicher Nationen deutlich zum Ausdruck. Dementge-
gen wird China als ein Land dargestellt, dem es an Know-how fehlt (fehlen /
Mangel / mangeln / wenig), das bei seiner Wirtschaftsentwicklung westliches
Know-how benötigt (brauchen / Bedarf / interessieren / Interesse / wollen /
erhoffen / setzen auf …) und benutzt (mit Know-how / nutzen / profitieren).
– Es werden unterschiedliche Handlungstypen postuliert, wie sich China das
erwünschte Know-how aneignet. Insgesamt lassen sich drei Subgruppen
differenzieren. Die erste Subgruppe bilden die explizit (d. h. semantisch)
negativ markierten Handlungen, die gegen rechtliche, wirtschaftsethische,
moralische Maßstäbe verstoßen: stehlen (Know-how-Diebstahl / Know-how-
Klau  / klauen  / gestohlen  / kapern), kopieren (kopieren  / kopiertes Know-
how / abkupfern), erzwingen (Zwang zur Know-how-Preisgabe / erzwungene
96   Li Jing

Offenlegung von Know-how  / unerwünschter Know-how-Transfer  / muss in


China produzieren und sein Know-how mitbringen). Als kritischer Hintergrund
dafür gilt die unfreiwillige und unerwünschte Wirtschaftskooperation (z. B.
in Form von Joint-Ventures). In diesem Zusammenhang wird auch von der
Furcht westlicher Länder vor Know-how-Verlust (Angst vor Know-how-Ver-
lust  / die Furcht, dass deutsches Know-how unkontrolliert abwandert) und
Präventionsmaßnahmen (wir achten darauf, dass wir kein Know-how preisge-
ben / Sie haben verhindert, dass Know-how abfließt) berichtet. Zu der zweiten
Subgruppe gehören die relativ wertneutralen Handlungstypen bezüglich des
Prozesses des Technologietransfers. Es wird zum großen Teil aus der Perspek-
tive berichtet, dass China als Agens der jeweiligen Handlungen gilt: erwer-
ben / Erwerb / Zugang zu … erhalten / an … kommen / Zugriff auf … / bekom-
men. Darüber hinaus gibt es auch Belege aus zwei weiteren Perspektiven mit
entweder westlichen Ländern (weitergeben  / schicken  / liefern  / bringen  /
Bereitstellung) oder Know-how selbst (fließen / kommen) als Agens. Die dritte
Subgruppe betrifft eine spezifische Handlungsform in Bezug auf den Techno-
logie-Erwerb: kaufen. Hierbei wird sowohl aus der Kauf-Perspektive Chinas
(kaufen / einkaufen / erkauft / zusammenkaufen / aufkaufen / Kauf / Firmen-
shopping) als auch aus der Verkauf-Perspektive westlicher Länder (verkau-
fen / Ausverkauf / hoher Kaufpreis / gegen lukrative Bezahlung weitergeben)
berichtet. Durch die Sonderstellung dieser auf finanzielle Mittel gegründeten
Erwerbsart wird die wachsende wirtschaftliche Stärke Chinas ersichtlich.
– Im Gegensatz zu den obigen zwei breit angelegten Kategorien wird am
Rand auch von Chinas Know-how-Entwicklung berichtet, sowohl von dem
Willen (wollen / versuchen) als auch von der erzielten Leistung (Know-how …
wachsen  / steigendes technisches Know-how  / rasant wachsendes Know-
how / Know-how-Rivale). Das entspricht dem sich wandelnden Medienimage
Chinas von billiger Werkbank zu High-Tech-Standort.

Die folgende Graphik zeigt nochmal zusammenfassend die genaue Verteilung der
148 Belege, und zwar eingeteilt in den oben skizzierten Subkategorien:
 „Reich der Mittel“   97

Abb. 4: Genaue Verteilung der 148 Belege in Bezug auf das postulierte Verhältnis
zwischen China und Know-how

Die Ergebnisse dieser Fokusstudie betreffen Kategorien und Zuschreibungen, die


sich auch aus der Überblicksstudie ergeben. Sie fungieren als Bestätigung, Spezi-
fizierung bzw. Erweiterung aus einem besonderen Blickwinkel.

3.3 Fokusstudie: zugespitzte Zuschreibungen anhand ausge-


wählter Sprachmuster

Bei der Analyse der Schlüsselwörter sind manche wiederkehrenden sprachlichen


Formulierungen besonders aufgefallen wegen ihres semantischen bzw. syn-
taktischen Potentials, schematisierend-pauschalisierende Zuschreibungen zu
akzentuieren. In dieser Fokusstudie wird anhand von drei ausgewählten Sprach-
mustern zusammenfassend dargelegt, welche zugespitzten stereotypen Zuschrei-
bungen sich in Bezug auf China im wirtschaftlichen Kontext ermitteln lassen. Die
drei ausgewählten Sprachmuster umfassen: Reich der/des X; China als X; Land
(kaum ein anderes Land, als jedes andere Land, als in jedem Land, (in) kein(em)
anderes(anderen) Land).
Reich der/des X (z. B. Reich der Mittel / Reich des Geldes) geht auf Reich der
Mitte (die übliche Bezeichnungsvariante Chinas) zurück. Sie ist eine auf die syn-
taktische Parallelität gegründete Ad-hoc-Bildung und kann damit den angespro-
chenen Aspekt Chinas besonders pointieren. China als X (z. B. China als großer
Zukunftsmarkt  / China als künftiger Konkurrent) stellt eine klassische Zuschrei-
bungssyntax dar. Mit kaum ein anderes Land, als jedes andere Land, als in jedem
Land, (in) kein(em) anderes(anderen) Land wird auf die sich heraushebenden
Eigenschaften/Merkmale Chinas im Gegensatz zu anderen Ländern verwiesen.
Die ermittelten Zuschreibungen können wie folgt (mit ausgewählten exemplari-
schen Belegen) zusammengefasst werden:
98   Li Jing

– schnelles Wachstum, boomende Wirtschaft: Reich der Superlative / China


als einzige große Volkswirtschaft nicht von einer Rezession bedroht / kaum ein
anderes Land weltweit entpuppt sich derzeit als ein vergleichbarer konjunktu-
reller Tempomacher.
– Reichtum: Reich der Mittel / Reich der üppigen Mittel / Reich des Geldes /
China ist außerdem reich wie kaum ein anderes Land  / über eine Billion an
Währungsreserven, das meiste davon in Dollar, hat China angehäuft, so viel wie
kein anderes Land der Welt.
– sehr begehrter Standort für ausländische Investitionen: Reich der
Rendite  / Volksrepublik zieht seit 2002 mit jährlich mehr als 50 Milliarden
Dollar mehr Direktinvestitionen an als jedes andere Land der Welt  / kein
anderes Land zieht so viele ausländische Investitionen an wie China  / kein
anderes Land der Erde lockte 2002 mehr Direktinvestitionen an als China.
– großzügige Investition im Inland (Schwerpunkt: neue Energie): Reich
der Winde / mit rund sieben Prozent des BIP schnürte kein anderes Land ein
derart großes Konjunkturpaket / China gab 2009 für alternative Energien mehr
aus als jedes andere Land  / Chinas Wirtschaftsstrategen sehen aber in der
grünen Wirtschaft die Zukunft und investieren so viel wie kein anderes Land.
– relevanter Produktionsstandort; Patentproblem; Qualitätsmangel:
Reich der Arbeit / Reich des Stahls / Reich der Weber / Reich der Produktpi-
raten / Reich der Pfuscher / mit 220 Million Tonnen produzierte das Reich der
Mitte 2003 mehr als jedes andere Land.
– riesiger wachsender Markt (Schwerpunkt: Autos): Reich des Konsums  /
China als Absatzmarkt / China als großer Zukunftsmarkt / China als Markt der
Hoffnung / China als weltweit größter Wachstumsmarkt / in keinem anderen
Land wächst die Zahl der Autobesitzer so rasant wie in China / denn in keinem
anderen Land haben die Autokäufer die globale Krise derart konsequent igno-
riert wie in China.
– Manipulation der Währung: Reich des billigen Yuan / China als „Währungs-
manipulator“ / China als manipulativer Handelspartner.
– Verbrauch von Energie und Rohstoff; Umweltproblem: Reich des
Röchelns / China als größter Kohleverbraucher des Planeten / China als Land
der tausend schwefelspuckenden Schornsteine  / China braucht Energie. Wie
kaum ein anderes Land / schon jetzt bläst kein anderes Land so viel des Treib-
hausgases Kohlendioxid (CO2) in die Atmosphäre wie China.
– Motor der Weltkonjunktur: China als globaler Wachstumsmotor / China als
internationales Zugpferd der Wirtschaft / China als Wachstumslokomotive.
– Konkurrent, Rivale, Bedrohung: China als künftiger Konkurrent / China als
Rivale auf dem Weltmarkt / China als die bedrohliche Weltmacht.
 „Reich der Mittel“   99

– enge Wirtschaftsbeziehung mit Deutschland: kaum ein Land ist für


Deutschlands Industrie so wichtig wie China  / kaum ein Land profitiere von
Chinas Aufstieg so stark wie Deutschland  / In diesem Jahr werden die deut-
schen Unternehmen laut einer Studie des deutschen Industrie- und Handels-
kammertages (DIHK) in keinem anderen Land so viel investieren wie in China.

Die herausgearbeiteten Zuschreibungsmuster überschneiden sich zum größten


Teil mit den Themenfeldern aus der Überblicksstudie und können als schlüssiges
und pointiertes Resümee zur gesamten Untersuchung angesehen werden.

4 Fazit und Ausblick


Auf der Basis der vorgestellten Überblicksstudie und Fokusstudien kann eine
Hypothese über das grundlegende Medienimage zu Chinas Wirtschaft wie folgt
formuliert werden:
›Chinas Wirtschaft ist durch schnelles anhaltendes Wirtschaftswachstum
und großen, zu mehr Wohlstand und Reichtum führenden Wirtschaftserfolg
gekennzeichnet. China gilt einerseits wegen seines riesigen zuwachsenden
Marktes als attraktiver Investitionsstandort, der aus aller Welt Investitionen in
großer Menge anzieht. Andererseits agiert China als global tätiger Investor, der –
mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Zielsetzungen  – großzügig sowohl
im Ausland als auch im Inland investiert. China ist wegen billiger Währung und
Arbeitskraft zum relevanten Produktionsstandort bzw. zur Export-Großmacht
geworden und beliefert die ganze Welt mit Produkten und Waren. Mittlerweile
nimmt der Umwandlungsprozess der chinesischen Wirtschaft Gestalt an, und
zwar mit der Zielsetzung zu mehr Technologie, Qualität und Binnenkonsum.
Wirtschaftliche Überhitzung, Verbrauch von Energie und Rohstoffen sowie damit
verbundene Umweltbelastung gehören zu den schwerwiegendsten Problemen
der chinesischen Wirtschaft. Im globalen Wirtschaftskontext wird China wegen
seiner weltkonjunkturellen Bedeutsamkeit sowohl als Chance als auch als Kon-
kurrent von anderen Volkswirtschaften wahrgenommen: Zunächst kann man in
China gutes Geld verdienen, denn den Arbeitern muss man nicht soviel Lohn
zahlen und die Chinesen kaufen alles, was nach westlichem Know-how aussieht;
später erdreisten sich die Chinesen, selbst im Ausland Geld verdienen zu wollen,
indem sie ihre Produkte billiger und zunehmend mit konkurrenzfähiger Qualität
auf dem Weltmarkt anbieten und dabei unlautere Methoden anwenden (unfaire
Wirtschaftskooperationen erzwingen, westliches Know-how klauen, Währung
manipulieren, sich in Afrika einkaufen usw.).
100   Li Jing

Zu den wichtigsten diskursiv etablierten Akteuren im Rahmen der chine-


sischen Wirtschaft gehören auf der höchsten Strukturebene Einzelstaaten wie
China/Regierung, Deutschland, Indien, USA und Staatenkollektive wie Westen,
Afrika, auf der mittleren Strukturebene Institutionen wie Banken, Unternehmen,
Firmen, Konzerne, Fabriken, Joint-Ventures und Personengruppen wie Investo-
ren, Unternehmer, Hersteller (Arbeitgeber) und Bauern, Arbeiter, Wanderarbeiter
(Arbeitnehmer), auf der unteren Strukturebene einzelne politisch-wirtschaftlich
relevante Persönlichkeiten.‹
Die vorliegende Untersuchung konzentriert sich auf die Erhellung der
sprach- und diskursbasierten Prägung von dominanten Medienkonzepten auf
Basis von korpuslinguistischen Analyseverfahren. Die herausgearbeiteten Kon-
zepte lassen sich in anknüpfenden Studien vertieft unter mediengeschichtlichen
und kulturwissenschaftlichen Gesichtspunkten reflektieren und diskutieren. Aus
der Analyse ergeben sich einzelne sprachlich hochinteressante Muster (z. B. die
Einsetzung unterschiedlicher Metaphern zur Prägung bestimmter diskursiver
Image-Konzepte), die ebenfalls in weiterführenden Studien aufgegriffen werden
können.

5 Literaturverzeichnis
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Bubenhofer, Noah (2008): Diskurse berechnen? Wege zu einer korpuslinguistischen
Diskursanalyse. In: Warnke, Ingo/Spitzmüller, Jürgen (Hg.): Methoden der
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 „Reich der Mittel“   101

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Zhou, Haixia/Wang, Jianbin (2011): 周海霞/王建斌, 2011. “经济危机时期德国媒体中的动态中国
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Zhou, Haixia (2012): 周海霞, 2012. ⟪德国媒体中的中国形象建构——›明镜‹周刊 (2000–2010年)
和›时代‹周报 (2000–2010年)的涉华报道分析⟫. 北京外国语大学优秀博士论文.
Elisa Lang
„China wirkt ja vor allem so bedrohlich
und unsympathisch, weil die Chinesen so
übermotiviert sind, so ekelehrgeizig.“
Chinesische Bildung in deutschen Medien

1 Gegenstand der Untersuchung und Stand der


Forschung
Bildungskonzepte in China waren und sind Gegenstand wissenschaftlicher
Beschäftigung. Die Bereiche Schulsystem, Unterricht, Erziehung, Hochschule,
Lehrerbildung und Bildungstransfer haben Fu-sheng Franke und Müller (2003)
ausführlich dargestellt. Auswirkungen der wirtschaftlichen Reformen in China
auf die chinesische Bildungspolitik und Lehrplanreformen sind bei Guo und
Guo (2016) dokumentiert. Lee (2000) legt in seiner diachronen Betrachtung den
Schwerpunkt auf Bildungsideale, -themen, -institutionen und -akteure im tradi-
tionellen China. Bailey (2007) lenkt den Fokus auf Gender und Bildung in China.
Osten (2008) geht insbesondere auf die Entwicklungen im chinesischen Bildungs-
sektor ein als „intellektuelle Renaissance“ (Osten 2008: 150) und beschreibt in
seinem Beitrag das „umfassend[e] und gezielt[e] Bildungsreform-Programm“
(ebd.: 153) Chinas. Deutschland als Bildungsexportland (insbesondere auch
Bildungsexport nach China) thematisiert Adick (2014). Miao (2015) analysiert
chinesisch-deutsche Kooperationen im Hochschulwesen und beschreibt Chinas
Bildungsinternationalisierung.
Bislang nur peripher untersucht ist aber die Wahrnehmung bzw. Präsen-
tation chinesischer Bildung in deutschsprachigen Medien. Thimm, Bürger und
Kuhn (2014) untersuchen in ihrer Studie Bilder und Stereotype über die chine-
sische Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Kultur, die in deutschen Medien
kommuniziert werden, und stellen lediglich fest, dass Themen aus dem Bereich
Bildung, Wissenschaft und Technologie im Vergleich zu Themen aus dem Bereich
Wirtschaft und Finanzen nur am Rande vertreten seien (ebd.: 23). Waldow (2016)
weist zwar auf „die Existenz eines stabilen, von deutlich negativen Wertungen

Lang, Elisa, MA, Medienkulturwissenschaft, Studiengangkoordinatorin, Institut für Medienkul-


turwissenschaft, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Deutschland

DOI 10.1515/9783110544268-005
 Chinesische Bildung in deutschen Medien   103

geprägten Heterostereotyps zu den ‚asiatischen‘ Bildungssystemen“ (ebd.: 408)


hin, geht jedoch nicht weiter auf die Wahrnehmung chinesischer Bildung in
deutschsprachigen Medien ein. Die Huawei-Studie „Deutschland und China  –
Wahrnehmung und Realität“ von 2012 kombiniert methodisch Interviews und
Medienanalyse und geht nur in einem Unterkapitel auf die Wahrnehmung der
Deutschen von „Bildung und Leistungsorientierung“ in China ein (ebd.: 65ff).
Seibt (2010) untersucht in ihrer Medienanalyse von 1993 bis 2007 die Themen
Wirtschaft und Politik, das Thema Bildung bleibt hierbei jedoch unbeachtet.
Kuang erforscht am Beispiel der China-Berichterstattung des ZDF, welche Chi-
nabilder deutschen Zuschauern vermittelt werden. In seinem Unterkapitel „Cha-
raktere der chinesischen Bevölkerung“ werden Stereotype zum Bildungs- und
Erziehungsbereich allerdings lediglich angeschnitten.
Der vorliegende Text soll der Frage nachgehen, welche sprachlichen Bilder
von chinesischer Bildung auf welche Weise in den deutschen Medien konstruiert
und vermittelt werden. Ziel ist dabei zu ermitteln, welche verschiedenen Attribute
chinesischer Bildung in der deutschen Berichterstattung signifikant häufig zuge-
schrieben werden. Dabei sollen sowohl offensichtliche als auch latente Bedeu-
tungsebenen erfasst werden, die für die Konstruktion eines „Public Images“ eine
entscheidende Rolle spielen. Folgende Fragestellungen leiten die vorliegende
Analyse:
– Mit welchen sprachlichen Mitteln wird auf Chinas Bildungswesen (Themen,
Gegenstände, Personen, Gruppen usw.) referiert und welche Wertungspers-
pektive ist diesen Äußerungen immanent?
– Inwiefern lassen die damit verbundenen Muster rückschließen auf potenti-
elle Stereotype bei den Medienrezipienten?

2 Methodischer Ansatz und Korpusgrundlage


Die vorliegende Untersuchung ist Teil des CDI-Projektes1 und folgt dem metho-
dischen Ansatz der linguistischen Imageanalyse (Vogel 2010a, 2010b, 2014), wie
er im Beitrag von Friedemann Vogel in diesem Band eingeführt wird und auch
in der Untersuchung von Li Jing zum Image chinesischer Wirtschaft in diesem
Band operationalisiert wurde. Aus diesem Grund beschränke ich mich an dieser
Stelle auf die Explikation der Untersuchungsgrundlage, also der Erstellung und

1 Ausführlicher dazu im Beitrag von Friedemann Vogel und Jia Wenjian in diesem Band.
104   Elisa Lang

Nutzung eines CDI-Subkorpus, das zum Thema ›Bildung‹ relevante Texte enthält,
sowie einen kurzen Überblick des analytischen Vorgehens.
Am Anfang der Subkorpuserstellung stand die kontrollierte Bildung einer
Minimalhypothese, das heißt einer Liste an wertneutralen Ausdrücken, die erst
mutmaßlich, dann geprüfter Maßen mit dem Zielkonzept ›Bildung‹ assoziiert
werden. Zu diesem Zweck wurden mithilfe der Kookkurrenzdatenbank (CCDB)
am Institut für Deutsche Sprache in mehreren Durchgängen wertneutrale,
gebrauchsverwandte Ausdrücke zum Ausgangswort Bildung ermittelt.

Abb. 1: SOM-Ähnlichkeitsprofil des Ausdrucks Bildung (CCDB, http://corpora.ids-mannheim.de/


ccdb/)
 Chinesische Bildung in deutschen Medien   105

Das Ergebnis dieser Wortfeldanalyse ist eine Liste mit folgenden  – bereits als
regular expression formulierten – Ausdrücken:

(A) [Bb]ildung|bilde|[Ss]chul|[Ll]ehr|[Aa]bsolvent|[Aa]usbildung|[Uu]nterricht|[Ss]
chüler|[Ww]issensvermittlung|[Uu]niversitä|[Dd]idakti|[Pp]ädagog|[Ss]tudi|[Pp]rofess|[Dd]
ozent|[Aa]kademie

Mithilfe dieser Liste wurden über eine Zufallsstichprobe 1000 Texte aus dem CDI-
Kernkorpus (mit insg. 238.595 Texten; vgl. den Beitrag von Friedemann Vogel,
Kap. 2) erhoben, die jeweils mindestens einen dieser Ausdrücke (mindestens
einmal) enthalten. Über eine Kompositawortliste wurden für dieses Stichproben-
korpus anschließend alle Ausdrücke erhoben, die ganz oder teilweise einen der
obigen Listenausdrücke enthielten (insb. Komposita), und via Konkordanz- und
Volltextansicht auf ihre thematische Einschlägigkeit geprüft. Auf diese Weise
konnten missverständliche bzw. falsch positive Treffer aussortiert werden. Für die
Auswahl der Subkorpus-Texte wurde damit neben einer Positiv-Liste (A) zugleich
eine Negativ- bzw. „Stop“-Liste (B) zugrunde gelegt, so dass nur jene Texte prin-
zipiell aufgenommen wurden, die mindestens einen der Ausdrücke aus (A) und
zugleich keinen der Ausdrücke aus (B) enthielten.

(B) studio\b|\bStudio.{4,10}\b|[Ss]chulz|[Ss]kilehrer|[Ss]chuld|[Pp]rofession|[Ss]
chulte|[Ss]chultz|[Bb] ilder| [Ss]tudienreise|[Uu]mbildung|[Aa]bbildung|[Ss]
chultrig|[Ff]ahrschul|[Dd]esign(studio|studie)| [Hh]erausbildung|[Ss]chult|[Ff]
ahr|[Ff]ahrschüler|[Uu]niversitätsklinik|[Ll]ehrter|[Ss]chulkino|[Ss]chulmedizin| [Ss]
chulesse|[Bb]aumschulenweg|[Rr]egierungsbildung|[Gg]artenakademie|[Nn]achbil
dung|[Bb]aumschule|[Ss]tudies|[Kk]onzeptstudie|[Ll]ehrke|[Mm]achbarkeitsstudie|[Mm]
ißbildung|[Ww]üstenbildung| [Hh]armonielehre|[Ss]enatsbildungsverwaltung|[Bb]
odenbildung|[Ee]inbildung| [Ee]rnährungslehre|[Ff]allstudie|[Ff]ruchtbildung|[Ll]
angzeitstudie|[Rr]ückenschule|[Ss]tudienautor|[Uu]niversitätskrankenhaus |[Kk]
ommandozentrale|[Kk]leinwagen|[Vv]iertürer|[Ss]traßenbild|[Hh] unde|[Ff]lug|[Uu]
nbelehrbar|[Ff]eldstudie|[Gg]ehörbildung|[Jj]ugendbildungsverein|[Kk]lima|[Kk] och|[Ll]
ehrmeinung|[Ll]ehrpfad|Lehr-te|[Ll]eserakademie|\bStudie.{0,1}\b|[Mm]aschulik|[Mm]ein
ungsbild|[nN]eubild|Neueinstudierung|[Pp]reisbildung|[Rr]udelbildung|[Ss]chulenburg|\
bSchulp\b| [Tt]auchschule|Tauchlehrer|[Ee]volution|[Ff]arb|[Ff]ehl|Jantschulowa|[Gg]
artenbau|[Kk]undendienst|Lehrmann|[Mm]arken|[Mm]itarbeiter.{0,15}(schul|bild)|Patsc
huli|Mengenlehre|[Rr]ückbildung|\bStudio\b|\bSchuler\b|\bBlasenbildung\b|\bLehr\b|\
bStudiVZ\b|\bstudied\b|\bEstudiantes\b|\bVermög ensbildungsfonds\b|\bMatschull\b|\
bMattschull\b|\bSchulke\b|\bLehrian\b|\bSchuller\b|\bStudigroo ve\b|\bStudioschein-
werfer\b|\bLehrl\b|\bTonstudios\b|\bTropfenbil-dung\b|\bTümpelgartenschule\b| \bBla-
senbildungen\b|\bLehrs\b|\bPigmentbildung\b|\bPädagogs\b|\bSchulien\b|\bStudivz\b|\
bWuestenbildung\b|\bLochbildung\b|\bprofess\b|\bprofesses\b|\bRealismusStudio\b |\
bSchauspielstudios\b| \bstudiously\b|\bstudiVZ\b
106   Elisa Lang

Auf diese Weise wurden all jene Texte erfasst, die zumindest an einer Stelle das
Konzept ›Bildung‹ sprachlich zum Ausdruck brachten. Um nun zugleich darunter
wiederum nur jene Texte auszuwählen, die sich überwiegend oder ausschließlich
(und nicht nur am Rande) mit China beschäftigen, musste ein Text neben der
Erfüllung der oben genannten Bedingungen jeweils auch mindestens sieben Mal
einen der nachfolgenden Ausdrücke enthalten:

(C) [cC]hina|[pP]eking|[bB]eijing|[sS]changhai|[sS]hanghai|[Cc]hines

Das Ergebnis ist ein Subkorpus (SK1) mit 135 Texten, die sich maßgeblich mit Bil-
dungsaspekten der VR China beschäftigen und die qualitativ untersucht wurden.
Für eine korrespondierende quantifizierende, korpuslinguistische Auswertung
wurde ferner ein Subkorpus (SK2) gebildet, dessen insgesamt 10.600 Texte min-
destens fünf Mal einen der Ausdrücke der Liste (C) enthielten.
Die Auswertung der beiden Korpora erfolge im Einzelnen analog zum Ver-
fahren, wie es im Beitrag von Friedemann Vogel und Li Jing beschrieben wird.
Zunächst wurde auf Basis des Subkorpus SK2 eine statistische Kookkurrenzana-
lyse zu den Ausdrücken der Liste (A) durchgeführt, das heißt all jene Wörter ermit-
telt, die überzufällig häufig im Kotext-Intervall von [+8/-8] Wörtern gemeinsam
mit einem der Ausgangswörter vorkommen. Die ersten 150 hochsignifikanten,
autosemantischen Kookkurrenzen (Substantive, Verben, Adjektive) wurden mit-
hilfe von Konkordanzen und Volltextanalyse genauer betrachtet und die damit
verbundenen Belege im Paradigma der Pragmasemiotik hermeneutisch-induktiv
nach thematisch-konzeptuellen Clustern (Ereignisse, Orte, Akteure, Handlungen
usw. ›chinesischer Bildung‹ usw.) und rekurrenten Eigenschaftszuschreibungen
gruppiert. In einem weiteren Schritt wurde auch das Subkorpus SK1 rein quali-
tativ auf wiederkehrende Sachverhalte und Referenzobjekte untersucht und die
Ergebnisse mit der korpuslinguistischen Analyse kontrastierend zusammenge-
führt.

3 Ergebnisse
Im Folgenden stelle ich die Ergebnisse der Untersuchung vor, zunächst mit Blick
auf angrenzende Themenfelder, die in der deutschsprachigen Berichterstattung
wiederholt mit dem Fokusthema ›chinesische Bildung‹ verknüpft werden (3.1). Im
Anschluss wird der Kern der medialen Berichterstattung und Prädikationen zu
›chinesischer Bildung‹ dokumentiert.
 Chinesische Bildung in deutschen Medien   107

3.1 An den Rändern ›chinesischer Bildung‹:


Diskursverknüpfungen

Ein Teil der Belege bezieht sich nicht im engeren Sinne auf das Bild chinesischer
Bildung in den Medien, sondern auf angrenzende Themenfelder. Die Analyse
dieser Belege zeigt textübergreifende semantische Felder, die sich aus den wie-
derkehrenden Sprachmustern ableiten lassen. Es wurden fünf Kategorien oder
Oberbegriffe ermittelt, denen die in den Beiträgen behandelten Sachverhalte
zugeordnet werden können.
Im Zusammenhang mit dem Bildungskontext spielt in zahlreichen Belegen
›China als Wirtschafts- und Wissenschaftsnation‹ diskursiv eine große Rolle.
Zahlreiche Belege konstatieren in diesem Kontext die wachsende Bedeutung des
Zukunftsmarktes China für die Aus- und Weiterbildung innerhalb Deutschlands:

China und Zukunft, diese Begriffe gehören jetzt zusammen; in 20 Jahren wird die asiatische
Welt auf dem Globus eine ganz andere Bedeutung haben als heute.

Vor diesem Hintergrund spielt die Vermittlung der chinesischen Sprache und
Kultur an deutschen Bildungseinrichtungen eine zunehmend wichtige Rolle: Von
der vorschulischen Ausbildung (Eröffnung der ersten deutsch-chinesisch bilingu-
alen Kita) über die wachsende Attraktivität von Schulaustauschpartnerschaften
zwischen deutschen und chinesischen Schulen und dem Trend, Chinesischunter-
richt an deutschen Schulen anzubieten (mit Englisch und Chinesisch kommt man
überall klar) bis hin zum Aufbau neuer Studiengänge mit China-Schwerpunkt
(diverse Studiengänge und Weiterbildungen bereiten gezielt auf den Zukunftsmarkt
China vor; Chinesischkenntnisse als Zusatzqualifikation).
Die ›deutsch-chinesischen Kooperationen‹ stellen die zweite Kategorie
dar. Bildungs- und Wissenschaftsfragen sowie globalisierungsbedingte, bil-
dungspolitische Herausforderungen für Deutschland und für China werden
in zahlreichen Belegen angesprochen (auch Bildung wird global). Studierende
werden dabei von den Textautoren dargestellt als mobiles wirtschaftliches Poten-
tial (kulturelles Kapital im Sinne Bourdieus), das zu zunehmender Konkurrenz
auf dem Welt(arbeits-)markt führen werde.
Die dritte Kategorie umfasst Belege, die sich mit der ›prekären Ausbildungs-
struktur in den ländlichen Gebieten‹ Chinas beschäftigen und einen kausalen
Zusammenhang zu Urbanisierung und letztlich Bildungs(un)gerechtigkeit kons-
tatieren:

als Folge der Urbanisierung sind rund die Hälfte der Grundschulen durch Schließung oder
Zusammenschluss weggefallen; immer länger werdender Schulweg und schlechte Erziehungs-
108   Elisa Lang

angebote produzieren immer mehr Schulabbrecher, psychische Defekte einer ganzen Genera-
tion von Kindern, die von ihren Eltern meist alleingelassen werden.

Eine vierte Kategorie bildet der ›bildungspolitische Einfluss, welchen Zentral-


china auf Hongkong ausüben‹ wolle. Dabei wird von den Autoren eine deutlich
ablehnende Haltung eingenommen (Patriotismusstunden, Pekinger Gehirnwä-
sche; Kinder werden mit kommunistischer Propaganda und Halbwahrheiten infil-
triert).
Die fünfte Kategorie von Beiträgen umfasst schließlich allgemein Meldungen
zu ›Unglücken oder (Natur-) Katastrophen‹ sowie deren ›Folgen für Orte oder
Sachverhalte chinesischer Bildungskontexte‹.

Blutiges Massaker in einem Kindergarten; Sprengsatz explodiert an zwei Universitäten; aus


Angst vor Ansteckung mit SARS bleiben die chinesischen Schulen in Peking vorerst für zwei
weitere Woche geschlossen, um eine Ausbreitung von SARS unter den 1,37 Millionen Schülern
zu verhindern; mehr als 5000 Schüler nach Erdbeben tot.

3.2 Oberthemen der Berichterstattung: Facetten ›chinesischer


Bildung‹ im Spiegel der Medien

Im Folgenden werden zentrale Oberthemen vorgestellt, die das deutschsprachige


Medienimage chinesischer Bildung prägen. Hierzu zählt die ›Bildungspolitik
Chinas als Ganzes‹ (3.2.1), besonders hervorgehobene ›Leitideen und Methoden‹,
die chinesische (Aus-)Bildung auszeichne (3.2.2), wiederkehrende ›Bildungsorte‹
(3.2.3), die attributive Besetzung von ›Bildungsakteuren‹ (3.2.4) sowie zugeschrie-
bene ›Motive‹ für Aus- und Fortbildung (3.2.5).

3.2.1 Bildungspolitik Chinas aus globaler Perspektive

Der Begriff Bildung steht vorrangig im Zusammenhang mit Reform- und Trans-
formationsprozessen der chinesischen Bildung. Dabei werden die steigenden
Investitionen für Bildung in China häufig thematisiert (chinesische Regierung
steckt viel Geld in die Ausbildung eigener Experten; Bildungswesen ist unterfinan-
ziert). Aufbruchstimmung und neue Möglichkeiten werden betont (Ausgaben stark
erhöhen; Wohlstand soll alle erreichen; jeder soll von der Frucht der Entwicklung
etwas abbekommen). Ähnlich häufig finden in Beiträgen verschiedene Konferen-
zen zur Verbesserung der deutsch-chinesischen Kooperation in Bildungs- und
Wissenschaftsfragen Erwähnung (Zusammenarbeit optimieren). Durchgängig
 Chinesische Bildung in deutschen Medien   109

wird in diesem Zusammenhang die Attraktivität der deutschen (Hochschul-)Aus-


bildung sowie deutscher (Bildungs-)Abschlüsse betont:

es zieht chinesische Schüler und Studenten nach Deutschland; deutsche Abschlüsse können
das Einkommen in China um das Drei- bis Vierfache steigern; in Deutschland ausgebildeter
Stardirigent Yu Long.

Impliziert werden hierbei nicht nur bildungspolitische, sondern an vorderster


Stelle wirtschaftspolitische Ziele: Die Stärkung der Wirtschaftsbeziehungen
zwischen Deutschland und China bzw. auf kleinerer Ebene zwischen einzelnen
deutschen und chinesischen Städten.
In diesem Zusammenhang wird mehrfach die Gründung staatlicher chinesi-
scher Schulen in Deutschland als weicher Standortfaktor hinsichtlich attraktiver
Arbeitsbedingungen für deutsche Städte wie z. B. Hamburg aufgeführt.
Die zunehmend ›wichtige Rolle Chinas im globalen Wettbewerb‹ wird im
Zusammenhang mit der vielfach erwähnten Förderung von chinesischem Fremd-
sprachenunterricht an deutschen sowie amerikanischen Schulen deutlich: im
globalen Wettbewerb, so die Erkenntnis vor allem bei der Wirtschaftselite, geht kein
Weg an China vorbei.
Deutschland nehme auf wirtschaftlicher Ebene als Partner Chinas eine
›wichtige Position‹ ein, was sich auch in der Nachfrage an Deutschunterricht
(riesig) zeige.
Europa nehme eine politisch belehrende Rolle gegenüber dem zunehmend
selbstsicheren China ein. Konkrete Äußerungen auf europäischer Ebene zur chi-
nesischen Bildungspolitik ließen sich jedoch nicht finden.
Im Kontext mit bildungspolitischen Herausforderungen Chinas steht
wiederholt das Verb stärken: Die chinesische Bildungspolitik müsse daran arbei-
ten, dass die chinesischen Absolventen für den globalen Arbeitsmarkt gestärkt
werden. Das bildungspolitische ›Ziel Chinas, Schülern bzw. Studierenden
eine optimale Vorbereitung auf die berufliche Zukunft zu ermöglichen‹, werde
dadurch deutlich.
Einige Belege weisen auf die ›verpflichtende Teilnahme chinesischer Studie-
render an politischem Unterricht‹ in chinesischen Hochschulen hin und insi-
nuieren damit eine politische Kaderschule:

Chinas Studenten müssen regelmäßig am politischen Unterricht teilnehmen, wo sie die leeren
Marxismustheorien des KP-Führers auswendig lernen.

Hierbei werden von den deutschen Autoren auch ein ›mangelhafter Forschungs-
betrieb und schlechte Ausbildung‹ an chinesischen Hochschulen kritisiert.
110   Elisa Lang

Im Zusammenhang mit der Prädikation staatlich steht ferner häufig der ›Aus-
schluss einzelner Bevölkerungsgruppen‹ vom staatlichen Schulsystem (Land-
bevölkerung, „überzählige“ Kinder). Die staatlichen Akademien in China finden
Erwähnung in Zusammenhang mit Bestrebungen der chinesischen Regierung,
politische Propaganda und kapitalistische Technik einzuführen.
Eine ›tendenziöse, verfälschende historische Ausbildung‹ Chinas wird
schließlich im vielfach erwähnten Schulbuchkonflikt zwischen China und
Japan konstatiert. Fragen der Selbst- und Fremdwahrnehmung und damit zusam-
menhängende Vorwürfe Chinas an Japan werden dabei vorgetragen (nationalisti-
sche Schulbücher; beschönigen die Kriegsverbrechen).

3.2.2 Leitideen und Methoden chinesischer Bildung

Ein Großteil der Belege lässt Stereotype erkennen, die unter dem Oberbegriff
›Leitideen und Methoden chinesischer Bildung‹ zusammengefasst werden
können. Die Belege weisen überwiegend auf eine ablehnende Rezipientenhal-
tung hin, was chinesische Erziehungs- und Bildungsmethoden und -leitideen
betrifft.
›Inhumane Prüfungskultur‹: Belege zur Hochschulaufnahmeprüfung „Gao
Kao“ spielen in ihrer Häufigkeit eine hervorgehobene Rolle. Der „Gao Kao“ wird
als Spiegelbild der chinesischen Tradition der Prüfungskultur dargestellt (Mutter
aller chinesischen Prüfungen; Ausläufer eines uralten Auswahlsystems; härtester
Test in der chinesischen Schullaufbahn). Er diene der ›traditionellen Elitenrekru-
tierung‹ und ›ermögliche den Weg zum sozialen Aufstieg‹:

bietet den Besten des Landes die Chance, ohne Ansehen von Herkunft oder Person in die
Beamtenschar aufzusteigen; entscheidet über die künftige Universität und meist auch über
den weiteren Werdegang

Indessen wird der „Gao Kao“ auch als erstarrte Tradition bezeichnet, der aus
Sicht von Eltern und Reformpädagogen einer grundlegenden Reform unterzogen
werden müsse. Die Hochschulaufnahmeprüfung wird als ›dramatisches Ereignis
für alle Beteiligten‹ dargestellt:

Ambulanz steht bereit; Schüler und Eltern brechen zusammen; bewaffnete Polizei bringt Prü-
fungsbögen in gepanzerten Geldtransportern; Schüler müssen Mobiltelefon abgeben)

Die chinesische Hochschulaufnahmeprüfung steht in häufigem Gebrauchszu-


sammenhang mit der tendenziell negativ konnotierenden Eigenschaftszuschrei-
bung hart (Abschlusstests gelten als die härtesten der chinesischen Schullaufbahn)
 Chinesische Bildung in deutschen Medien   111

und verweist damit auf ›große Konkurrenz und unmenschlichen Druck‹, unter
dem chinesische Schüler stünden. Auch im Sportkontext wird dies deutlich
(harte Ausbildung; hartes Training).
›Konfuzius als Erzieher der Nation‹: Als wichtiger Funktionsträger und
als Leitfigur im Bildungszusammenhang wird von den Textautoren wiederholt
der chinesische Philosoph Konfuzius als Erzieher der Nation stilisiert. Im Gegen-
satz zur deutschen Lehrer-Schüler-Beziehung werde bei der konfuzianischen
Tradition die ›lebenslange, wechselseitige Verantwortungsbeziehung zwischen
Schülern und Lehrern‹ betont. Konfuzius findet im Kontext mit traditionellen
Lerninhalten in der Schule und dem tendenziell negativ umrahmten „Nachah-
mungslernen“ häufig Gebrauch (viel nachahmen, wenig diskutieren).
›Strenge Methoden chinesischer Bildung‹: Traditionelle2 Erziehungs-
methoden (Respekt ist ein höheres Bildungsziel als analytisches Denken und
die Fähigkeit, Kritik zu üben), strenge Lernmethoden und -inhalte (auswendig
lernen; von Konfuzius lernen; Kunst des geduldigen Schlangestehens lernen; mehr
lernen und weniger spielen) und ݟberfordernde, auf Gehorsam disziplinierende
Leistungsanforderungen‹ (für viele Lehrer und Familien gibt es nur noch einen
Maßstab: gute Noten) bildeten die wesentlichen Pfeiler chinesischer Erziehung.
Das Konzept ›Erziehung durch Einschränkung‹ zeigt sich in zahlreichen Kookkur-
renzen, etwa auch in den deontisch gebrauchten Verben dürfen und verbieten,
die auf ›übertriebene elterliche Ge- und Verbote‹ verweisen (keinen Freund haben
dürfen) oder auf ›unmenschliche Sanktionen‹ (drastische Gegenmittel; Elektro-
schock wird inzwischen verboten).
Unter den Bereich ›Produktion von Bildungseliten‹ fällt das in der Presse
vieldiskutierte Thema Schul- und Leistungssport. Dabei wird in der Regel eine
›unerbittliche Zurichtung‹ von jungen Sportlern mit ›ungewöhnlichen Methoden‹
konstatiert:

brutale Trainingsmethode; Drill; zu Fabelzeit getrieben; dank Schildkrötenblut zu Fabel-Welt-


rekorden; Training gleicht einer Tortur; hartes Programm, das die Schüler regelmäßig an ihre
physische und psychische Grenze bringt.

Ausdrücke aus dem Militärjargon und der Perspektive vom ›leidenden Opfer‹
bestimmten die Rahmen zahlreicher bildungsbezogener Beiträge, vorneweg die
auch statistisch hochsignifikanten Schlagwörter Drill und Tortur. Die stereotype,
wiederkehrende Darstellung disziplinierender Erziehungsmaßnahmen mit mili-

2 Traditionell wird tendenziell als positiv konnotierende Eigenschaftszuschreibung oft mit Ge-
lehrsamkeit und Bildung, chinesischer Medizin und Körperentspannungsmethoden verbunden.
112   Elisa Lang

tärischen Begriffen erweckt den Eindruck, dass diese feste Bestandteile chinesi-
scher Bildung seien.
Eine vergleichsweise untergeordnete und dennoch statistisch signifikante
Rolle spielt der Unterricht in China, der vor allem mit ›ideologischen Kontrol-
len an (Hoch-)Schulen‹ in Verbindung gebracht wird (KP organisiert allerorten
Polit-Schulungen; den fortschrittlichen Charakter der KP festigen; Unterricht gegen
Korruption). Die Texte tragen dabei oft einen ironisch-distanzierenden Unterton
(Jintao versucht derzeit mit allerlei Methoden, den Einfluß der Partei zu stärken;
vom Westen kommen alle Übel).

3.2.3 Orte der Ausbildung

Einige Kookkurrenzen rufen bestimmte Orte der Ausbildung auf, welche auf
wiederkehrende bildungsrelevante Institutionen und Regionen hinweisen: Die
chinesische Schule wird vor allem kontrastiv zu deutschen Schulen beschrie-
ben, meist mit Blick auf ›die Dimension und Disziplinierung‹ (ganz anders; rie-
sengroß und voll; strikt organisiert; streng). Dabei wird das Bild eines ›anonymen
und anonymisierenden Ortes‹ erzeugt, an dem eine ›große, uniforme Masse‹ an
Schülern „durchgeschleust“ werde. Sportschulen werden auf der einen Seite in
ihrer herausragenden Qualität beschrieben (insbesondere Turnen und Artistik:
Artisten-Lehrgänge in der chinesischen Schule gehören zu den besten der Welt), auf
der anderen Seite in Zusammenhang mit extremem Leistungs- und Erfolgsdruck.
Die tendenziell positiv konnotierte Eigenschaftszuschreibung renommiert
wird häufig verbunden mit dem ›schweren Zugang zu den besten Universitäten‹
in China und damit auch mit einer ›unsicheren Zukunftsperspektive‹ für junge
Chinesen. Spöttisch berichtet wird in diesem Zusammenhang auch davon, dass
Zeugnisse renommierter Universitäten gekauft werden könnten (vortäuschen;
dick auftragen wollen). Ausführlich wird mehrfach über verschiedene Fälle von
Festnahmen chinesischer, regierungskritischer Intellektueller berichtet, welche
an renommierten chinesischen Universitäten studiert haben.
Das Konfuzius-Institut wird in einigen Belegen als Ausbildungsort und
wichtige Institution der Kultur- und Fremdsprachenvermittlung genannt (vermit-
telt chinesische Kultur und Sprache).
Die Sonderverwaltungszone Hongkong, der eine Schlüsselrolle bei der
Wirtschaftsreform zugeschrieben wird, steht in häufigem Gebrauchszusammen-
hang mit der tendenziell positiv konnotierenden Prädikation modern. Dabei wird
Hongkong im Gegensatz zu Festland-China auch in der Bildung als besonders
fortschrittlich dargestellt (hochspezialisiert; lebendig; fit).
 Chinesische Bildung in deutschen Medien   113

3.2.4 Akteure: Kinder, Schüler, Studierende, Eltern, Lehrende

Zahlreiche Kookkurrenzen nehmen Bezug auf bestimmte im Bildungskon-


text relevante Akteure: Dabei werden die Verhaltensweisen von chinesischen
Schülern stereotyp dargestellt; Umgangsformen und Benehmen von Schülern
werden insgesamt sehr kritisch betrachtet. Es wird das Bild eines ›rücksichts-
und manierlosen‹ chinesischen Schülers vermittelt, auch vor dem Hintergrund
der Einführung von Benimmkursen für Schüler als Erziehungskampagne des Bil-
dungsministeriums: Tischmanieren und der Respekt alten Menschen gegenüber;
Konversationsregeln; Kunst des geduldigen Schlangestehens.
Auch wird ein ›asiatischer Typ eines Lernenden‹ beschrieben, der in erster
Linie auswendig lerne, wenig kritische Reflexionsfähigkeit besitze und den Aus-
handlungskonflikt meide (sie sagen nicht, was sie denken, sie streiten nicht, schon
gar nicht mit den Eltern). Eine ›starke Leistungsorientierung‹ (Druck aushalten;
kaum Zeit für sich selbst; mehr lernen und weniger spielen) sowie ›ausdauerndes
Aneignen‹ neuen Wissens (bis spät in die Nacht und auch an den Wochenenden
büffeln) seien Zeugnis für die Andersartigkeit des chinesischen Lernverhaltens.
Kinder, Jugendliche, Schüler bzw. Studierende treten als Akteure beim Lernen,
Studieren oder Trainieren auf. Fleiß, Disziplin, Leistung und Erfolg chinesischer
Kinder/Jugendlicher/Schüler/Studierender werden durchgängig als Resultat des
Erwartungsdrucks der Eltern und der starken kompetitiven Situation mit anderen
Schülern sowie der schwierigen Arbeitsmarktaussichten konstituiert. Damit wird
das Bild eines ›ehrgeizigen und rücksichtslosen, jedoch äußerst duld- und gehor-
samen‹ chinesischen Schülers vermittelt.
Das Bild des auf Leistung und Erfolg ›abgerichteten‹ Schülers manifestiert
sich auch im Diskurs über eine ›exzessive Internetnutzung‹ von chinesischen
Jugendlichen ›aufgrund von Überforderung und Zukunftsangst‹. Zahlreiche
Belege beschreiben Kliniken gegen Internetsucht von Jugendlichen als quasi-
militaristische Orte (Trainingscamp; Entzugslager) mit drastischen Mitteln (Drill;
Dauerlauf; Elektroschock). Die Jugendlichen seien letztlich ›Opfer eines inhuma-
nen Systems‹:

Web-Junkies; Druck von Eltern und Schule lässt keine Luft und treibt sie in die Parallelwelt des
Webs; brechen vor Erschöpfung zusammen.

Grundlegende Unterschiede zur Eltern-Schüler-Beziehung in China im Vergleich


zu Deutschland stehen auch im Fokus bei der Beschreibung von Eltern, die maß-
geblich zur ›Erschöpfung ihrer Kinder‹ beitrügen:
114   Elisa Lang

treiben Schüler an; üben Druck aus; verlangen Gehorsam; haben hohen Anspruch; ambitio-
nierte chinesische Eltern; bestrafen.

Eltern erwarteten ›Bestleistungen und Bestnoten‹ von ihren Kindern, Lernerfolg


werde auf die Position in Rankings reduziert:

wissen ganz genau, was sie von ihrem Kind erwarten: hervorragende Leistung; für viele Lehrer
und Familien gibt es nur noch einen Maßstab: gute Note = gutes Kind.

Kurzum: Chinesische Eltern werden tendenziell als ›emotionslose, bildungsver-


sessene Akteure‹ dargestellt, denen allein das (erfolgreiche) Ergebnis wichtig sei.
Dieses Bild überambitionierter Eltern, die um jeglichen Preis den Erfolg
ihres Sprösslings erzwingen wollten (ein Wunderkind für nur 100.000 Yuan, rund
12.500 Euro), zeigt sich auch in dem wiederkehrenden Diskurs um sogenannte
Wundercamps: Sie schickten ihre Kinder in ›fragwürdige elitäre Schulungszent-
ren‹, die aus Kindern kleine Helden machen und in denen Schülern Hellsehen und
Schnelllesen beigebracht werde. Chinesische Eltern zeigen in der Berichterstat-
tung daher eine gewisse habituelle Ambivalenz: Einerseits wird ihnen ݟberzo-
gene Strenge und Gehorsamserwartung‹ zugeschrieben (traditionell chinesische
Erziehung; Kontrolle; absolute Autorität), andererseits erscheinen sie als ›Zurück-
stehende, sich Aufopfernde‹ im Ringen für eine gute oder bessere Zukunft ihrer
Kinder:

sie bezahlen  – nach Möglichkeit  – Eliteschulen mit hohem Schulgeld; besonders für die
Bildung des Nachwuchses sind die Eltern bereit, enorme Ausgaben zu tätigen und die eigenen
Bedürfnisse auf ein Minimum zurückschrauben; sind besorgt, selbstlos

Interessanterweise stehen Frauen  – im Vergleich zu Männern  – überzufällig


häufig im Fokus der Berichterstattung. Neben der Tochter als ›fleißige Bildungs-
akteurin‹ (die möglichst im Ausland studierte, jedoch immer unter der ›strengen
Aufsicht der autoritären Eltern‹) ist es auch die Mutter: Im Gegensatz zum Vater,
der im Grunde keine Rolle spielt, stehe die Mutter für Perfektion und für das
Optimum, für ausgeübten Druck und gesteigertes Trainingspensum.
Einen besonderen Anlass zur (herablassenden) Auseinandersetzung mit
›chinesischen Erziehungsleitideen‹ in der deutschsprachigen sowie internati-
onalen Presse bot das Erscheinen eines Buches der chinesisch-amerikanischen
Autorin Amy Chua („Die Mutter des Erfolgs: Wie ich meinen Kindern das Siegen
beibrachte“). Das Buch und die darin geschilderten ›Disziplinierungsmethoden‹
wurden Gegenstand von vernichtenden Kommentaren. Die Autorin wurde – pars
pro toto für chinesische Mütter – als Muttermonster, Brutalo-Pädagogin, als chi-
 Chinesische Bildung in deutschen Medien   115

nesische Kampfmutter, als Frau mit Engelsgesicht, das zur Monster-Mom mutiert,
zum ›Dämon chinesischer Pädagogik‹ erklärt.
Ein häufig genannter Akteur, der sich identifizieren lässt, sei nicht zuletzt
die chinesische Regierung und ihr ›politisch restringierender, leistungsfordern-
der Einfluss auf die Universitäten‹ (Druck erhöhen; Internet-Diskussionsforen
schließen; politische Propaganda verschärfen). Die Regierung sorge aber auch für
Investitionen in Bildung und die Verbesserung der Ausbildung sowie der Berufs-
chancen für Akademiker durch erschwerte Zugangsmöglichkeiten an chinesi-
schen Hochschulen. Im Zusammenhang mit der Olympiade in Peking erscheint
die Regierung als ›Erzieherin ihrer Bürger‹: westliches Benehmen beibringen;
Schlange stehen üben; nicht mehr öffentlich spucken.
Weitere Akteure weisen auf soziale Konfliktfelder wie die Landbevölkerung
und das starke Wohlstandsgefälle zwischen Land (viele Familien sind zu arm, um
die Schulgebühr zu bezahlen) und Stadt (wo die Elite des Landes lebt) hin.

3.2.5 Bildungsmotivation

Die Kategorie ›Bildungsmotivation‹ versammelt Kookkurrenzen, die auf einen


›generell hohen Stellenwert von Bildung‹ in China verweisen: Bildung als ein
›Gut, das mit sozialem Aufstieg verbunden ist‹ und daher hoch geschätzt wird.

Bildung sei in der chinesischen Erziehung generell sehr wichtig; mit ihrem Einkommen können
[die Eltern] sich eine eigene Wohnung leisten und eine gute Schule für den Sohn oder die
Tochter finanzieren; für die Bildung des Nachwuchses sind die Eltern bereit, enorme Ausga-
ben zu tätigen und die eigenen Bedürfnisse auf ein Minimum zurückzuschrauben.

Man muss sich den Erfolg erarbeiten; harte Arbeit und Fleiß seien die Gründe für Erfolg; die
für Eltern entscheidende Frage sei: was muss ich tun, damit mein Kind erfolgreich wird; der
Erfolg des Kindes bestimmt dann auch das Ansehen der Familie.

In diesem Zusammenhang verweisen zahlreiche Belege auf die Problemfelder


›hohe Arbeitslosigkeit von Hochschulabsolventen‹ (Akademiker stehen Schlange;
Uni-Abgänger haben ernstes Problem bei der Jobsuche), ›stagnierende Lohn-
kosten‹ und ›extreme Reaktionen der Jugendlichen auf Leistungsdruck und
Zukunftsangst‹ (Schulschwänzer; Sucht nach Computerspiel).
Statistisch hochsignifikant ist das Thema ›Elitenausbildung in China‹. Dabei
wird thematisiert, dass es Ziel chinesischer Universitäten sei, soziale Eliteabsol-
venten auszubilden, um diesen eine Chance auf dem Arbeitsmarkt zu ermögli-
chen. Hierzu zähle auch – im Kontrast zur herrschenden Ideologie – die ›Vermitt-
116   Elisa Lang

lung von elitären Sozialskills‹ wie Golf-Spielen: Golfspielen nützt für zukünftige
Karriere; Sozialismus war gestern, heute ist Golf.
Der Wettbewerb um Arbeitsplätze zeigt sich auch auf deutscher Seite als
relevantes Thema: deutsche Kinder sollten die Chance nicht verpassen und Chi-
nesisch in der Schule wählen, um auf dem Arbeitsmarkt künftig beste Möglich-
keiten zu haben (Eltern glauben, dass Chinesisch einmal so viel Bedeutung wie
Englisch haben wird). Im Konkurrenzkampf der Wissenschaftsnationen werden
Deutschland sehr gute Chancen attestiert, in diesem Zusammenhang wird auch
häufig erwähnt, dass Chinesen gerne in Deutschland studieren und dankbar
sind für die kostenlose Ausbildung.

4 Fazit
Die Untersuchung des Images chinesischer Bildung in den deutschsprachigen
Medien wurde auf zwei Ebenen vorgenommen: Zur Untersuchung einzelner Text-
sequenzen im Rahmen von Diskursen wurde in der vorliegenden Untersuchung
zum einen eine quantitative Inhaltsanalyse vorgenommen, zum anderen konnten
qualitative Inhaltsanalysen von Medientexten dazu beitragen, sprachliche
Muster herauszuarbeiten, die auf Chinas Bildungswesen (Themen, Gegenstände,
Personen, Gruppen usw.) referieren.
Auf Grundlage der hier vorgestellten Imageanalyse kann abschließend
eine zusammenfassende, pauschalisierend-zuspitzende (vgl. Vogel 2010a: 3)
Hypothese zu einem potentiell wirksamen Stereotyp ›chinesischer Bildung‹ bei
deutschsprachigen MedienrezipientInnen formuliert werden:
›Chinesische Ausbildung und Erziehung ist leistungsorientiert, autoritär
und inhuman. Zuhause und in den Bildungseinrichtungen dominieren äußerste
Strenge, Druck und Disziplin, Militär-gleiche Abrichtung (Drill) und die Forderung
unbegrenzter Leidensfähigkeit (Tortur). Unnachgiebige Lehrer bedienen sich tra-
ditioneller, erstarrter Unterrichtsmethoden wie Auswendiglernen und Nachahmen.
Chinesische Schüler werden von ihren unnachgiebigen Eltern angetrieben, sind
zugleich ehrgeizig, diszipliniert und duldsam (d. h. die Autorität passiv hinneh-
mend). Es herrscht unbarmherzige Konkurrenz, Bildung ist harter Wettbewerb.
Staatliche Aufnahmeprüfungen (wie der „Gao Kao“) dienen der Elitenauslese, sie
sind darum bei Eltern und Schülern der Schlüssel zum Erfolg. Die herausgeho-
bene Bedeutung von Bildung in der chinesischen Gesellschaft ist innerstaatlich
schätzenswert, denn sie ermöglich dem Einzelnen sozialen Aufstieg und Erfolg.
Bildung gilt in China als wichtige Ressource für wirtschaftlichen Erfolg und Moder-
nisierung, was sich auch in den Anstrengungen beim Fremdsprachenerwerb zeigt.
 Chinesische Bildung in deutschen Medien   117

Doch die hohe Disziplin(ierung) chinesischer Schüler und der Erfolg chinesischer
Hochschulabsolventen ist außerstaatlich auch eine Gefahr, die den Westen flut-
ähnlich zu überschwemmen droht und Arbeitsplätze für deutsche Absolventen
gefährdet.‹
Auf mögliche Gründe für das überwiegend negativ geprägte, deutsch-mittel-
europäische China-Stereotyp auch auf der Domäne der ›Bildung‹ für den Zeitraum
2000–2013 weisen bereits die Beiträge von Vogel und Thimm in diesem Band hin.
Hier sei darum nur ein Aspekt hervorgehoben: In den hier untersuchten Texten
zeigt sich immer wieder der diskurstrategische Versuch, über die pauschalisie-
rende Abwertung ›chinesischer Bildungskonzepte‹ als ›asiatisch-autokratisch‹
den eigenen, in diesem Kontext ebenso als ›mitteleuropäischen‚ partnerschaft-
lich-sozialintegrativ‹ pauschalisierten Erziehungsstil abzugrenzen und aufzu-
werten.3 Das stigmatisierende „mediale Hintergrundrauschen“ lässt sich wohl
nicht (allein) durch eine konkurrierende Berichterstattung, sondern mittel- und
langfristig nur durch einen verstärkten interkulturellen Austausch lösen.

5 Literatur
Adick, Christel (2014): „Deutschland als Bildungsexportland“, In: Zeitschrift für Pädagogik
(05/2014), S. 744–763.
Anthony, Laurence (2012): AntConc (3.2.4w) [Computer Software]. Waseda University.
Tokyo. Online verfügbar unter http://www.antlab.sci.waseda.ac.jp/, zuletzt geprüft am
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Inhaltsanalyse am Beispiel der China-Berichterstattung des ZDF im Jahr 2008.
Tectum-Verlag, Marburg.
Lee, Thomas H. C. (2000): Education in traditional China: a history. In: Altenmüller, H. et al.
(Eds.), Handbuch der Orientalistik, Abt. 4, China; Bd. 13, Brill, Leiden / Boston / Köln.

3 Zu den unterschiedlichen Erziehungsstilen siehe Tausch und Tausch (1973).


118   Elisa Lang

Miao, Xu (2015): Chinas Bildungsinternationalisierung: Eine Analyse chinesisch-deutscher


Kooperationen im Hochschulwesen. Inauguraldissertation zur Erlangung der Doktorwürde
der Philosophischen Fakultät der Universität Heidelberg.
Osten, Manfred (2008): „China – das Europa des Ostens?“. In: Tröger, Jochen (Ed.): Streit der
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Ruble, Racheal A. / Zhang, Yan Bing (2013): „Stereotypes of Chinese international students
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Seibt, Alexandra (Ed.) (2010): „Von der Idealisierung bis zur Verteufelung. Das Bild Chinas im
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URN:
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Vogel, Friedemann (2010a): „Linguistische Imageanalyse (LIma). Grundlegende Überlegungen
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Vogel, Friedemann (2012): „Das LDA-Toolkit. Korpuslinguistisches Analyseinstrument für
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Waldow, Florian (2016): „Das Ausland als Gegenargument: Fünf Thesen zur Bedeutung
nationaler Stereotype und negativer Referenzgesellschaften“, In: Zeitschrift für Pädagogik
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Marcus Müller und Maria Becker
Von Hunden, Hürden und Brücken
Tropen der deutsch-chinesischen Begegnung im kulinarischen
Diskurs

1 Einleitung
In diesem Beitrag möchten wir Textpassagen betrachten, in denen Begegnungen
zwischen dem deutschen und dem chinesischen Kulturraum mittels sprachlicher
Verfahren der Übertragung wie der Metapher und der Metonymie geschildert
werden, und zwar beim Essen. Uns scheint der kulinarische Diskurs aus zwei
Gründen besonders geeignet, um kulturelle Selbst- und Fremdzuschreibungen
in der Sprache zu untersuchen: Erstens materialisiert sich beim Essen Kultur – in
dem wörtlichen Sinne, dass die Zubereitung von Lebensmitteln in hohem Maße
kulturell kodiert und in semiotische Verweissysteme verwoben ist. Das Essen ist
demnach der Vorgang, in dem kulturelle Semiose in Körperlichkeit mündet und
Leiber über biochemische Stimulierung zu Kontextualisierungshinweisen model-
liert (zur semiotischen Dimension der Kulinaristik vgl. Posner/Wilk 2008). Auf
der anderen Seite sind nationale, regionale und lokale Küchen ein Schulbeispiel
für die transkulturelle Perspektive, die Kulturen als Verwirbelungen semiotischer
Ströme in lokalen Identitätsspielen auffasst (Mittler 2013) – man denke nur an
die globale Erfolgsgeschichte der Nudel als Stifterin kollektiver Identität (Neid-
hart 2007). Insofern ist die semiotische Herstellung von Identität und Alterität
ganz besonders erfolgreich am kulinarischen Diskurs zu untersuchen. Zweitens
spricht für den kulinarischen Diskurs auch noch das aus der Kunstwissenschaft
bekannte Morelli-Prinzip, das besagt, dass Zuschreibungen von Bildern an
Künstler besonders effektiv an solchen Details vorgenommen werden können,
die nicht im Fokus des Bildes stehen, sondern ganz nebensächlich erscheinen
(vgl. dazu Ginzburg 2002: 8139). Da nämlich griffen die routinisierten Bewälti-
gungspraktiken viel stärker, während man bei den zentralen Bildelementen ggf.
versuche, einen bestimmten Stil oder eine Schule zu imitieren. Gleichermaßen
kann man annehmen, dass Autorinnen und Autoren beim Reden über die Küche

Müller, Marcus, Prof. Dr., Professor für digitale Linguistik, Universität Darmstadt, Deutschland
Becker, Maria, M. A., Germanistische Linguistik, Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abtei-
lung Zentrale Forschung, Institut für Deutsche Sprache Mannheim, Deutschland

DOI 10.1515/9783110544268-006
120   Marcus Müller und Maria Becker

ihre Vorstellungen von kollektiver Identität und Völkerbegegnung weniger kont-


rollieren als z. B. beim Schreiben über Politik. Dementsprechend untersuchen wir
im folgenden Beitrag an einem Korpus aus deutschen Pressetexten, welche die
chinesische Küche bzw. die Begegnung von Chinesen mit der deutschen Küche
thematisieren, sprachliche Mittel der Herstellung von Identität und Alterität. Wir
konzentrieren uns dabei exemplarisch auf Formen und Funktionen von Tropen,
nämlich Metaphern und Metonymien, als Basisverfahren der sprachlichen
Bewältigung von Neuem. Konkret behandeln wir Beispiele wie die folgenden:
„Viele kochende, rollende, hackende, schwenkende Hände“ – „[…] in Deutsch-
land regieren Messer und Gabel. Diese Hürde meistern alle.“ – „Lautes Schlür-
fen kühlt die heiße Flüssigkeit ab, schmatzendes Einsaugen, tief über die Schale
gebeugt, bringt die Nudeln leichter in den Mund“ – „Und später undefinierbares
Fleisch auf meinem Teller, das zu mir zu sagen scheint: I was no chicken.“ An
diesen Beispielen, die willkürlich, aber nicht grundlos gewählt wurden, kann
man schon erkennen, dass sprachliche Verfahren der Verschiebung hier dazu
dienen können, solche Elemente kulinarischer Prozeduren zu fokalisieren, die
als Indikatoren für kulturelle Differenzen konzeptualisiert werden – bei gleich-
zeitiger Vermeidung gesichtsverletzender Äußerungen.
Der deutsch-chinesische Kulturkontakt wiederum eignet sich für diese Unter-
suchung hervorragend, da China – und insbesondere die chinesische Küche – in
Deutschland einerseits die ambivalente Position des vertrauten Fremden ein-
nimmt. Damit ist gemeint, dass es eine lange Tradition gibt, das Exotische und
Exotistische im deutschen Diskurs gerade am Chinesischen zu thematisieren
(Mittler 2013). Andererseits nehmen praktische Kulturkontakte von Menschen
aus China und Deutschland in den letzten Jahren durch die zunehmende Mobili-
tät in Tourismus, Wirtschaft und Wissenschaft immer mehr zu.1 Damit wird das
vertraute Bild des Fremden durch das fremde Bild des Vertrauten herausgefor-
dert und muss sprachlich bewältigt werden. Ein Brennpunkt solcher sprachlicher
Bewältigungspraktiken im interkulturellen Diskurs ist aber seit jeher das Spre-
chen und Schreiben über das Essen (Hijiya-Kirschnereit 2008).
Nachdem wir im Folgenden in der gebotenen Kürze erstens an diejenige Tra-
dition zur Explikation von ‚Kultur‘ erinnern, die uns hier angemessen scheint,
und zweitens unsere Arbeitsbegriffe von ‚Metapher‘ und ‚Metonymie‘ einführen,

1 Diesem Umstand verdankt sich auch das hier zugrunde gelegte Korpus: Marcus Müller war im
Jahr 2014 Gastdozent an der Beijing Foreign Studies University (BFSU) und leitet, gemeinsam
mit dem Bandherausgeber Jia Wenjian, das deutsch-chinesische Graduiertennetzwerk ‚Fachkul-
turen – Sprachkulturen‘. Das hier analysierte Korpus entstand ursprünglich für eine Lehrveran-
staltung an der BFSU.
 Von Hunden, Hürden und Brücken.   121

geben wir eine Systematik der Konzeptualisierung kulinarischer deutsch-chine-


sischer Begegnungen in sprachlichen Tropen.2

2 Kultur und das Kulinarische


An der unüberschaubaren Diskussion rund um den Begriff ‚Kultur‘ (Überblick
in Jäger 2004) interessiert uns hier vor allem, dass Kultur ein „Totalitätsbegriff“
(Hermanns 1999) ist, der auf soziale Gruppen angewendet wird, um damit eine
oder mehrere spezifische Praktiken, die einigen oder allen Mitgliedern dieser
Gruppen zugeschrieben werden, auf angenommene Wesenseigenschaften
der ganzen Gruppe zu beziehen. Gleichzeitig setzt sich derjenige, der mit dem
Ausdruck Kultur operiert, in ein spezifisches Verhältnis zu der entsprechenden
Gruppe, weil ‚Kultur‘ die Merkmale des mutmaßlich Fremden als Differenzeffekte
des mutmaßlich Eigenen konzeptualisiert (oder umgekehrt). ‚Kultur‘ entsteht
also im Sprachgebrauch und immer dann, wenn es um Entwürfe von Identität
und Alterität in der – erlebten oder imaginierten – Begegnung mit dem Anderen
geht. In diesem Rahmen gibt es aber nun – mit einem Höchstmaß an Vereinfa-
chung gesagt  – erstens solche Gebrauchssituationen, in denen Kultur sozusa-
gen als Abstandshalter dient, mit dem man sich das Andere präventiv vom Leib
hält, ohne damit tatsächlich konfrontiert zu sein. Zweitens gebraucht man Kultur
dann, wenn man sich in Situationen beschreibt, in denen sich die Gebiete des
gewohnten Eigenen und des gewohnten Fremden überlappen. Um solche Situ-
ationen handelt es sich, wenn man das Essen, ein hoch routinisierter Vorgang,
der mit der Erlebensgeschichte des Eigenen so eng verknüpft ist wie wenige
andere Praktiken (Hijiya-Kirschnereit 2008), im Kontext ungewohnter Routinen
und angesichts ungewohnter Speisen praktiziert. Für solche kulturellen Hybrid-
situationen hat der Kulturwissenschaftler Homi Bhabha (2000) den Begriff des
„Dritten Raums“ etabliert. Diesen versteht er – mit Anleihen an der Philosophie
Jacques Derridas  – als ein Prinzip sich selbst perpetuierender Differenzeffekte
zwischen Fremdem und Eigenem, in denen Selbstzuschreibungen weder auf das
eine noch das andere rekurrieren können, sondern in beständiger Neuformation
aus der Differenz beider entstehen. Wir geben hier die Synthese der Literaturwis-
senschaftlerin Vanessa Geuen (2014: 180 f.) zu Bhabhas Kulturtheorie:

2 Wir danken Johanna Meyer für ihre wertvolle Unterstützung bei der Korpusrecherche für die-
sen Beitrag.
122   Marcus Müller und Maria Becker

Bhabha etabliert den Begriff des Thirdspace, des Dritten Raums, den er als Differenzprin-
zip versteht, „aus dem heraus dieser unabschließbare Aushandlungsprozess stattfinden
muss“. […] Bhabha wendet sich gegen die Vorstellung, dass kulturelle Bedeutungssysteme
auf ein ‚ihnen Eigenes‘ reduziert und damit von allen anderen getrennt betrachtet werden
können. Er schreibt: „Der interpretatorische Pakt besteht nie einfach in einem Akt der Kom-
munikation zwischen dem in der Aussage festgelegten Ich und Du. Um Bedeutung zu pro-
duzieren, ist es erforderlich, daß diese beiden Orte in eine Bewegung versetzt werden, bei
der sie einen Dritten Raum durchlaufen. Der Dritte Raum ist auf verschiedenen Ebenen in
erster Linie ein Äußerungsraum. Gleichzeitig ist er ein Begegnungsraum. Ein Ich und ein
Du sind nicht singulär zu verstehen.“ Die Interaktion zwischen Ich und Du generiert Bedeu-
tung. Sie ist ein Diskurs, den Bhabha räumlich denkt. Bedeutung kristallisiert sich in einem
Zwischenraum heraus, bleibt dabei stets beweglich und wandelbar. Sie ist das Dazwischen,
und der Dritte Raum konstituiert sich aus Differenzen.

Der kulturelle dritte Raum, um den es im Folgenden geht, formiert sich als
sprachlicher Reflex auf die „Schwellensituation“ (Parr 2011) der kulinarischen
Begegnung mit dem Fremden. Unsere nochmalige thematische Verengung auf
Metaphern und Metonymien zielt damit auf eine Zuspitzung eben dieses Hybrid-
charakters sprachlicher Kulturentwürfe im kulinarischen Diskurs, und zwar auf
je unterschiedliche Weise: Metaphern sind Paradefälle von dritten Räumen im
hier eingeführten Sinn. Am deutlichsten wird das im Modell der Blending Theorie
(Fauconier/Turner 2002, s. u.), wo ihre Wirkung damit beschrieben wird, dass auf
eine kontextsensitive und dynamische Weise zwei Wissensbereiche überblendet
werden. Metonymien wiederum werden als Tropus der Verschiebung oft einge-
setzt, um kognitive Fokussierungen vorzunehmen. Um in dem Bild der Optik zu
bleiben: Metonymien fungieren als Ringblenden, mit denen zentrale Motive einer
Situation hervorgehoben werden, so wie im bereits oben zitierten Fall: „Lautes
Schlürfen kühlt die heiße Flüssigkeit ab, schmatzendes Einsaugen, tief über die
Schale gebeugt, bringt die Nudeln leichter in den Mund“.

3 Metaphern und Metonymien als dritte Räume


Dass Metaphern und Metonymien grundlegende Gestaltungsprinzipien der
Sprache sind, ist keine neue Erkenntnis, hat als Thema der Linguistik in den
letzten Jahren aber wieder eine beachtliche Renaissance erfahren.3 Einen großen
Anteil daran hat insbesondere die kognitive Linguistik. Dem Metaphernbuch von

3 Als neuere Beispiele der germanistischen Forschung seien die Bände von Lefèvre (2014) und
Spieß/Köpcke (2015) genannt.
 Von Hunden, Hürden und Brücken.   123

Lakoff/Johnson (1980) ist es zu verdanken, dass Metaphorik nicht mehr als sin-
guläres Phänomen gedacht wird, das an einzelnen Ausdrücken festzumachen
ist, sondern vielmehr als ein Grundprinzip der kognitiven Erschließung der Welt,
dessen Spuren sich allerorts in der Sprache finden. Metaphern sind nach der
Bestimmung Lakoffs und Johnsons zweidimensionale konzeptuelle Bereiche, die
entstehen, wenn zwei Konzepte aufeinander bezogen werden – ein ‚Ausgangsbe-
reich‘ und ein ‚Zielbereich‘ der Metapher werden demnach in einem metaphorical
concept übereinander projiziert. Es entstünde eine Vorstellung als ein Drittes. Der
metaphorische Prozess fände also nicht zwischen zwei Ausdrücken statt, sondern
vielmehr zwischen zwei mentalen Bereichen. In dem einflussreichen kognitiven
Metaphernmodell Fauconniers und Turners (2002) wird von vier Dimensionen
des metaphorischen Prozesses ausgegangen: Aus Quellbereich („Input I“) und
Zielbereich („Input II“) fließen auf der Basis gemeinsamer Grundlagen („Generic
Space“) Eigenschaften in einen Überblendungsbereich ein („Blend“). Hier ist
nun wichtig, dass metaphorische Verfahren zur kognitiven Erschließung der Welt
einerseits ubiquitär sind, also die gesamte Sprache durchziehen, andererseits
aber immer auch in Verdichtungen greifbar werden. Wir können also zwischen
transparenten und salienten metaphorischen Verfahren unterscheiden. Im Fol-
genden interessieren wir uns für Spuren salienter Blendingprozesse als Praktiken
der Konstitution dritter Räume im kulinarischen Diskurs.
Metonymien spielen eine ebenso elementare Rolle in Sprachwandel, Spra-
cherwerb und Sprachgebrauch. Allerdings werden Metonymien in der Forschung
nicht ganz so prominent behandelt, oft als eine Art Anhängsel in Metaphern-Ana-
lysen. Zudem ist der linguistische Begriff von Metonymie äußerst unscharf. Hier
meinen wir damit einen Prozess der kognitiven Verschiebung von Sachverhalt A
auf Sachverhalt B innerhalb einer Wissensdomäne auf der Basis von Kontiguitäts-
beziehungen (vgl. Croft/Cruse 2004: 216). Diese können logisch, ontologisch oder
kulturell bestimmt sein (Brinker 2010). Die häufigsten Typen von Metonymien
führen Croft/Cruse (2004: 2017) auf:

(a) Part-whole
Part for a whole: I noticed several new faces tonight.
Whole for part: Do you need to use the bathroom?
(b) Individual-class
Individual for a class: He’s no Heifetz.
Class for individual: Postman, this letter is covered in mud!
(c) Entity-attribute
Entity for attribute: Shares took a tumble yesterday.
Attribute for entity: He’s a size ten.
(d) Different values on same scale
Hyberbole: It’s practically absolute zero in here – shut the window!
Understatement: I’m feeling a bit puckish – I haven’t eaten for three days.
124   Marcus Müller und Maria Becker

(e) Opposites
Irony: Now let’s move on to the small matter of the £300,000 you owe us.

Metaphern und Metonymien interessieren uns hier also als Verfahren der sprach-
lichen Verdichtung der kulturell aufgeladenen kulinarischen Begegnung. Aller-
dings sind metonymische Prozesse ausweislich unseres Korpus diskursstruktu-
rell wesentlich bedeutender als metaphorische.

4 Tropen der deutsch-chinesischen Begegnung


im kulinarischen Diskurs

4.1 Korpus und Methode

Das Korpus, das dieser Studie zu Grunde liegt, besteht aus deutschen Pressear-
tikeln zur chinesischen Küche. Es ist mittels der Mediendatenbank LexisNexis
zusammengestellt worden. Der Zugriff darauf erfolgte am 12.09.2013 mit folgen-
der Suchanfrage: ([china ODER chine! ODER Peking] I50 [Küche ODER kulinar!
ODER ess! ODER gegessen]) Die Erhebung erfolgte für den Zeitraum von 2012 und
2013. Es wurden also alle Dokumente gesucht, die im Radius von höchstens 50
Wörtern erstens entweder den Ausdruck “China”, ein Adjektiv oder Substantiv
mit dem Wortbestandteil “chine” oder “Peking” aufwiesen und zweitens den
Ausdruck “Küche”, ein Wort mit dem Bestandteil “kulinar” oder eine verbale
oder substantivische Flexionsform des Lemmas “essen” enthielten. Das Risiko
von Fehltreffern (false positives) wurde mit dem breiten Radius bewusst in Kauf
genommen, um auch solche Dokumente zu erheben, in denen das Thema ‘Essen’
nur am Rand eine Rolle spielt. Als Quelle wurde “Deutsche Zeitungen” eingege-
ben, die Duplikatsanalyse wurde mit der Einstellung “identisch” durchgeführt,
das heißt, das vollkommen identische Duplikate von Artikeln von der Erhebung
ausgeschlossen wurden. Artikel, die anderen lediglich ähnlich oder passagen-
weise identisch sind, wurden aber erhoben. Auf diese Weise entstand ein Korpus
mit 834 Dokumenten und 556.698 laufenden Wörtern (Tokens).
Das Korpus wurde in die Analyseumgebung CQPweb (Hardie 2012) auf der
Analyse-Plattform Discourse Lab (http://discourselab.de/) importiert. Durch
den Abgleich mit einem Referenzkorpus wurde anschließend zunächst eine Key-
wordliste erstellt. Bei dem Referenzkorpus handelt es sich um ein Pressetextkor-
pus zur aktuellen Asyldebatte, das mithilfe von LexisNexis anhand des Wort-
stamms -Asyl- erstellt wurde und aus 5110 Texten mit insgesamt 1.205.652 Tokens
 Von Hunden, Hürden und Brücken.   125

besteht. Die auf diese Weise erstellte Keywordliste enthält insgesamt 16 Ausdrü-
cke aus dem semantischen Feld Essen, dies sind die im Folgenden aufgeführten
Lemmata: Essen, essen, Fisch, Fleisch, Food, Gemüse, Geschmack, Koch, kochen,
Küche, kulinarisch, Lebensmittel, Nudel, Restaurant, Speisen und Teller. Anschlie-
ßend wurden die Kotexte der Schlüsselwörter gesichtet und manuell auf meto-
nymische und metaphorische Praktiken hin untersucht. Die auf diese Weise eru-
ierten relevanten Textpassagen wurden anschließend kategorisiert und mittels
der Methodik der hermeneutischen Textarbeit (vgl. Felder/Müller/Vogel 2012) als
Verfahren der Herstellung von kultureller Identität und Alterität analysiert. Im
Folgenden stellen wir Analysen metaphorischer und metonymischer Praktiken
vor, um exemplarisch daran diejenigen Prozesskategorien aufzuzeigen, die uns
im oben beschriebenen Verfahren als bedeutsamste aufgefallen sind. Wir unter-
nehmen aber keinen quantifizierenden, sondern einen qualitativ kategorisieren-
den Zugriff auf unsere Daten.

4.2 Metaphorische Verfahren

Metaphorische Verfahren verweisen in den Korpusbelegen oft entweder auf den


Versuch, über Ähnlichkeitsbeziehungen das Fremde mit dem Bekannten zu
begreifen, oder aber, das Fremde vom Eigenen abzugrenzen und diesem entge-
genzusetzen. Sie erscheinen – im Gegensatz zu den metonymischen Verfahren –
als oberflächennahe, lokale Phänomene. Im Folgenden geben wir jeweils exem-
plarische Analysen für die beiden wichtigsten metaphorischen Prozesse, deren
Spuren wir im Korpus gefunden haben. Die Prozesskategorien benennen wir
nach dem bekannten Muster aus Lakoff/Johnson (1980) mit Seinsprädikationen
des Typs x ist y.

4.2.1 Essen ist Kämpfen – Metaphern der Abgrenzung

Der erste Beleg steht für metaphorische Verfahren als Zeichen kultureller Abgren-
zung: Es geht um eine Rezension des Dokumentarfilms „Brenz Band goes China“,
der die Geschichte einer Konzerttour einer Ludwigsburger Musikgruppe erzählt.
Dort heißt es:

[Textbeleg 1]
Aber der 50-minütige Film hat nicht nur diese nachdenklichen Momente. Er ist auch sau-
komisch und lässt die Zuschauer laut rausprusten. Dann nämlich, wenn die europäischen
Musiker mit dem chinesischen Essen kämpfen. Vor Stäbchen, Reis oder glitschigen Nudeln
126   Marcus Müller und Maria Becker

sind alle gleich. Und alle nehmen es sehr gelassen in dem sehr beschwingten Film. (Stutt-
garter Zeitung, 03.12.2012)

Die Andersartigkeit der chinesischen und deutschen Kultur wird hier durch die
metaphorische Beschreibung der Tätigkeit des Essens als Kampf dargestellt. Stäb-
chen, Reis und glitschige Nudeln als prototypische Vertreter des semantischen
Feldes Chinesisches Essen erscheinen so als Gegner, die es zu besiegen gilt. Auf
diese Weise wird zum einen auf die für viele Europäer ungewohnte und schwierig
erscheinende Essenspraxis der Chinesen hingewiesen, zugleich wird aber auch
die Fremdheit der chinesischen Kultur für die deutsche Musikgruppe verdeutlicht.
Es sei darauf hingewiesen, dass in dem Satz „Vor Stäbchen, Reis oder glitschigen
Nudeln sind alle gleich“ mit alle nicht  – wie ein Blick auf den weiteren Kotext
verrät – Deutsche und Chinesen gleichermaßen gemeint sind, sondern lediglich
die verschiedenen Mitglieder der zwölfköpfigen Band, von denen ein großer Teil
eine geistige Behinderung hat. Das chinesische Essen bzw. die Fähigkeit, nach
chinesischer Tradition mit Stäbchen zu essen, wird so zum Abgrenzungsmerkmal
zwischen den deutschen Musikern und deren chinesischen Gastgebern.

4.2.2 Asien ist Europa – Metaphern der Annäherung

Der folgende Beleg steht exemplarisch für ein metaphorisches Verfahren der
Annährung kultureller Räume, und zwar mit der hegemonialen Praktik (Müller/
Becker im Druck, s. u.), die als fremd konzeptualisierten Nahrungsmittel mit
den vertrauten europäischen Wahrnehmungsgestalten zu überblenden. In dem
folgenden Textbeispiel, das aus einer Restaurantkritik eines Stuttgarter Lokals
stammt, bedient sich der Autor also einer kulinarischen Metaphorik, um auf die
Kompatibilität der deutschen und der chinesischen Küche – und Kultur – zu ver-
weisen:

[Textbeleg 2]
Serviert werden im Dim Sum Dishes neben chinesischen Maultaschen asiatische Tapas in
ungewöhnlichen Kombinationen, neudeutsch Fusion Food genannt. Das klingt urban und
entsprechend ist auch die Einrichtung des Lokals. (Stuttgarter Zeitung, 17.05.2013)

Die Rede ist hier von Fusion Food, worunter die Kombination unterschiedlicher,
zumeist internationaler Küchen und Kochkünste zu verstehen ist. Hierauf hat sich
auch das beschriebene Restaurant Dim Sum Dishes spezialisiert, das asiatische
Tapas und chinesische Maultaschen anbietet. Indem die Maultasche, eine Spezia-
lität der schwäbischen Küche, hier mit dem Attribut „chinesisch“ verknüpft wird,
 Von Hunden, Hürden und Brücken.   127

wird die Kombinierbarkeit, die Kompatibilität der chinesischen und der schwäbi-
schen Küche, die traditionellerweise als gegensätzlich, ja geradezu unvereinbar
erscheinen mögen, in den Fokus gerückt. Ebenso wie mit der Maultasche eines
der regelmäßig als typisch deutschen Speisen gelisteten Gerichte angeführt wird,
werden auch die Tapas als prominente Vertreter der spanischen Küche genannt
und durch die Verknüpfung mit dem Attribut „asiatisch“ als Fusion Food aus-
gewiesen. Hier werden also jeweils prototypische Repräsentanten verschiedener
Landesküchen angeführt und durch attributive Verknüpfungen mit der chinesi-
schen bzw. asiatischen Küche verbunden. Dass derartige Kombinationen im sich
anschließenden Nebensatz als „ungewöhnlich“ bezeichnet werden, verweist auf
die oben bereits erwähnte Gegensätzlichkeit der entsprechenden Küchen. Die
asiatischen Tapas werden somit gemeinsam mit der chinesischen Maultasche
nicht nur zum Zeichen für kulinarische Kombinierbarkeit, sondern lassen sich
zugleich im metaphorischen, bedeutungsübertragenden Sinne, als sprachliche
Bewältigung, als Auflösung von ursprünglicher Fremdheit und somit zugleich als
Symbol der kulturellen Annäherung im kulinarischen Diskurs interpretieren.

4.3 Metonymische Verfahren

Metonymische Verfahren lassen sich im untersuchten kulinarischen Diskurs als


Versuche interpretieren, etwa über beispielhaft verwendete Teil-Ganzes- oder
Ursache-Wirkung-Beziehungen Prinzipien der anderen Kultur zu erschließen. Sie
setzen oft wesentlich tiefer an und strukturieren ganze Diskurspositionen relativ
zu Teilthemen.

4.3.1 Teil-Ganzes A: Essen ist Kultur

Der in unserem Zusammenhang bedeutendste metonymische Prozess ist eine tie-


fensemantische Figur der Verschiebung vom Teil zum Ganzen. Oft werden, wie
wir im Folgenden zeigen möchten, am Essen exemplarisch die Nähe und Distanz
von Kulturen thematisiert, welche dann als Totalitäten konzeptualisiert werden.
Hierzu geben wir zuerst ein eher schlichtes Beispiel der kulinarischen Metonymie
als Mittel der stereotypen Herstellung von Alterität, bevor wir an einer längeren
Textpassage komplexere Figuren der Modellierung des Kulturkontakts als hybri-
dem Raum besprechen.
128   Marcus Müller und Maria Becker

4.3.1.1 Tee und Instantnudeln


Ein schlichter, aber häufiger Umgang mit interkulturellem Kontakt wird in dem
folgenden Textbeleg aus der Südwestpresse veranschaulicht, der die Begegnung
von Deutschen und Chinesen im touristischen Rahmen thematisiert:

[Textbeleg 3]
Für ein sicheres und angenehmes Reisegefühl erwarteten Chinesen im Ausland beispiels-
weise, ein „Stück Heimat als Rückzugsort vorzufinden“. Dazu gehörten chinesisches Essen,
Zugang zu chinesischen Medien oder „ein Wasserkocher im Hotelzimmer, um jederzeit Tee
oder Instantnudeln“ zubereiten zu können. (Südwestpresse, 05.01.2013)

Chinesisches Essen wird hier ebenso wie Tee oder Instantnudeln durch die Dekla-
ration als „ein Stück Heimat“ zum pars pro toto für chinesische Kultur. Tee und
Nudeln als typische Bestandteile chinesischer Kultur werden als „Rückzugsort“
für chinesische Touristen in Deutschland thematisiert. Durch chinesisches Essen
und Trinken, das hier als Kernstück chinesischer Identität dargestellt wird, wird
so das Bekannte in die fremde Kultur transportiert, ohne dabei jedoch selbst Teil
dieser zu werden.

4.3.1.2 Maultaschen und Stäbchen


Um zu zeigen, wie mittels solcher metonymischer Figuren komplexere kulturelle
Begegnungen konzeptualisiert werden, geben wir eine Reihe zusammenhängen-
der Belege:

[Textbeleg 4a]
Ist es möglich, Maultaschen mit Stäbchen zu essen? Diese Frage können sich chinesische
Urlaubsgäste bei praktischen Übungen selbst beantworten. Denn sie werden neben Messer
und Gabel immer öfter auch Stäbchen vorfinden. Die Zahl der chinesischen und indischen
Urlauber im Schwarzwald steigt stark. Zwischen Januar und Mai 2013 gab es bei Gästen aus
Asien und aus Israel jeweils zwischen zehn und 20 Prozent Plus. (Südwestpresse, 22.07.2013)

Dass der Bericht der Südwestpresse über die steigende Anzahl von Touristen aus
Asien und die damit einhergehenden Veränderungen und Anpassungen in der
Tourismusbranche mit der Frage eingeleitet wird, ob es möglich sei, Maultaschen
mit Stäbchen zu essen, verweist zunächst auf die Frage der ‚Kombinierbarkeit‘
verschiedener kultureller Kontexte. Dass eine solche Kombination möglich und
insbesondere auch praktizierbar ist, erfährt der Leser hier am Beispiel von Gast-
ronomiebetrieben im Schwarzwald, die ihren Gästen einerseits Gerichte der deut-
schen Küche servieren, bei der Wahl des Bestecks jedoch auch auf die Herkunfts-
länder der Gäste bedacht sind. Gleichzeitig wird der Kulturkontrast durch die
 Von Hunden, Hürden und Brücken.   129

doppelt metonymische Konstruktion Maultaschen mit Stäbchen essen kulinarisch


auf den Punkt gebracht und verdichtet.
Die Notwendigkeit der ‚Anpassung‘ an Gäste aus anderen Ländern, hier am
Beispiel der Darreichung von Stäbchen, wird mit deren wachsender Anzahl und
somit zugleich mit den damit einhergehenden wachsenden Verdienstmöglich-
keiten für die Tourismusbranche begründet. Eine kulturelle Annäherung scheint
hier also in erster Linie hinsichtlich finanzieller Aspekte attraktiv zu sein. Diesbe-
züglich heißt es weiter im Text:

[Textbeleg 4b]
Nicht nur in China, auch in Brasilien und Russland sei eine „reisefreudige und kaufkräftige
Mittelschicht“ entstanden, die hohe Anforderungen an die Gastgeber stelle, berichtet die
Tourismus-Gesellschaft. Sie appelliert an Gastgeber, Gastronomen und Hoteliers, sich auf
diese Gäste und deren Kultur einzulassen ohne sich und das eigene Brauchtum zu verbie-
gen. Authentisch bleiben, heißt die Devise. (Südwestpresse, 22.07.2013)

Als Motiv für die kulturelle Annäherung – ja Anpassung („sich auf diese Gäste
und deren Kultur einzulassen“)  – fungiert hier die Beschreibung der auslän-
dischen Gäste als „reisefreudige und kaufkräftige Mittelschicht“. Gleichzeitig
wird jedoch die Wichtigkeit betont, eigene Traditionen zu repräsentieren und
hervorzuheben  – wobei zunächst nicht näher darauf eingegangen wird, worin
die Brauchtümer genau bestehen  –, das Schlüsselwort ist hier Authentizität.
Dieses setzt sich aus den griechischen Wörtern „autos“ („selbst“) und „ontos“
(„seiend“) zusammen. Authentisch zu sein bedeutet demgemäß seinem wahren
Selbst entsprechend zu handeln (Harter 2002) und scheint daher zunächst nur
schwerlich in Verbindung zu bringen zu sein mit dem Konzept kultureller Annä-
herung. Gerade die Balance zwischen der Wahrung von Authentizität und des
Sich-Einlassens auf eine der eigenen fremde Kultur stellt also eine große Heraus-
forderung dar. Hier ist gut zu besichtigen, wie sprachliche Identitätsarbeit im von
Bhabha beschriebenen dritten Raum funktioniert: Die Versicherung des Eigenen
scheint als Möglichkeit erst in der Thematisierung des Fremden als Möglichkeit
des Eigenen auf. Das „Brauchtum“ wird hier ja gerade als Modus der Positionie-
rung im Angesicht der „Gäste“ konzeptualisiert. Der Beleg geht weiter:

[Textbeleg 4c]
Genau das könnte zu Konflikten führen. Denn echte Schwarzwälder nehmen, wenn sie
authentisch sind, kein Blatt vor den Mund und kaum Rücksicht auf die Bedürfnisse zart-
besaiteter Gäste. Deshalb könnte schon ein kleines „Nein“ zu Irritationen führen. Chinesen
könnten sich in ihrem Harmonie-Empfinden gestört fühlen […]. (Südwestpresse, 22.07.2013)

Hier wird nun auf die zuvor noch offen gebliebene Frage nach der genauen
Beschaffenheit der Brauchtümer, die in der Begegnung mit anderen Kulturen
130   Marcus Müller und Maria Becker

nicht verbogen werden dürften, eingegangen und beschrieben, wodurch sich


authentisches Handeln im Fall der Schwarzwälder Gastgeber genau auszeichne:
So werden „echte Schwarzwälder“ als direkt und rücksichtlos stereotypisiert
(„nehmen […] kein Blatt vor den Mund und kaum Rücksicht auf die Bedürfnisse
zartbesaiteter Gäste“) und in diesen Eigenschaften mit den als harmoniebedürf-
tig beschriebenen chinesischen Touristen kontrastiert. Als Ursache einer konflik-
treichen Begegnung der deutschen und chinesischen Kultur wird hier zum einen
genannt, was als (stereo-) typisch gehalten wird für deren jeweilige Mitglieder,
zum anderen aber auch, was diese demnach am meisten voneinander unter-
scheidet. Stereotype wie der rücksichtslose und direkte Schwarzwälder (bzw.
Deutsche) oder der empfindliche und zurückhaltende Chinese, der sich bereits
von einem „kleine[n] Nein“ beirren lasse, dienen, wie sich hier zeigt, nicht nur
der vereinfachenden und generalisierenden Charakterisierung einer Gruppe
oder Person (vgl. Quasthoff 1998: 48), sondern fungieren zugleich in ihrer kari-
kierenden Art und Weise als Abgrenzung zu Mitgliedern anderer Gruppen. Eben
auf diese Art und Weise kristallisiert sich die Abgrenzung der deutschen und
der chinesischen Kultur auch hier gerade in der stereotypen Darstellung deren
Verhaltens- und Umgangsformen heraus. Es wird aber deutlich, dass gerade die
Thematisierung des interkulturellen dritten Raums die stereotypen Selbst- und
Fremdattribuierungen begünstigt.
Dass es schlussendlich doch wieder die zu Beginn des Artikels thematisier-
ten Stäbchen sind, mit der metonymisch die kulturelle Annäherung fokussiert
wird, zeigt indes der sich anschließende Textbeleg:

[Textbeleg 4d]
Wenn sich der Schwarzwald für asiatische Gäste öffnen möchte, sollten die Gastgeber mit
den zahlungskräftigen und konsumfreudigen Urlaubern umgehen können. […] Und sie
sind bereit, für guten Service gut zu bezahlen. Chinesen erwarten deshalb, dass neben dem
Teller Stäbchen liegen. Wenn diese dann auch noch aus echt Schwarzwälder Tannenholz
geschnitzt wären, wäre die Begeisterung perfekt. (Südwestpresse, 22.07.2013)

Die zuvor bereits thematisierte Eigenschaft der chinesischen Touristen, wohlha-


bend zu sein, wird auch hier wiederum zum Motiv, ja zum Beweggrund kultu-
rellen Entgegenkommens. Indem hier die Rede ist von „aus echt Schwarzwälder
Tannenholz geschnitzten [Stäbchen]“, fungieren diese in einem noch höheren
Maß als bei ihrer anfänglichen Thematisierung als Metonymie des hybriden
Raums kultureller Annäherung: Denn während zuvor die Begegnung zwischen
den chinesischen Touristen und deren Schwarzwälder Gastgebern als problema-
tisch und konfliktbehaftet dargestellt wurde, scheinen sie nun eben in der kuli-
narischen Domäne, bei der Wahl des Essbestecks, in Einklang zu bringen zu sein.
Auf diese Weise zeigt sich hier in besonderer Art und Weise, dass Vorstellungen
 Von Hunden, Hürden und Brücken.   131

von kollektiver Identität und Alterität ganz besonders erfolgreich am kulinari-


schen Diskurs untersucht werden können: Denn beim Schreiben über das Kuli-
narische – dies zeigen in besonderer Deutlichkeit die stereotypen Beschreibun-
gen der Deutschen und der Chinesen – kontrollieren die Autorinnen und Autoren
ihre Vorstellungen von kollektiver Identität und Völkerbegegnung offensichtlich
in einem weit geringerem Maße als dies etwa beim Schreiben über politische
Themen zu erwarten wäre.

4.3.2 Teil-Ganzes B: Nahrungsmittel sind Kulturprodukte

4.3.2.1 Die chinesische Tiefkühlerdbeere


Zu dem metonymischen Verfahren, Essen als Kultur zu deuten, lassen sich nun
Subkategorien finden, die sich wiederum metonymisch dazu verhalten. Die wich-
tigste dieser Subkategorien beschreibt Nahrungsmittel als Kulturprodukt. Dabei
geht es meist um Praktiken der Abgrenzung, mit denen die Fremdheit des Nah-
rungsmittels aus der anderen Kultur thematisiert wird und auf übergeordnete
Fremdheitskonzepte übertragen wird: Als Beispiel dient der Diskursstrang zur
„chinesischen Tiefkühlerdbeere“, die in unserem kleinen Korpus immerhin in
insgesamt 13 Belegen aus unterschiedlichen Zeiten über einen längeren Zeitraum
hinweg stellvertretend für die schlechte Qualität von Nahrungsmitteln themati-
siert wird. Das möchten wir zunächst anhand des folgenden Textbelegs aus der
Stuttgarter Zeitung veranschaulichen, in welchem Tiefkühlobst aus China zum
Index für mangelnde hygienische Standards von Mahlzeiten in Kindertagesstät-
ten wird:

[Textbeleg 5]
Lust auf chinesische Erdbeeren, das hat im Gemeinderat keiner. Und diese Früchte sollten
auch den Kindern in der noch zu bauenden Kindertagesstätte in Stetten nicht serviert
werden. Darin waren sich die Stadträte von L.-E. am Dienstagabend in der Zehntscheuer
einig. […] SPD-Stadtrat Erich Klauser machte klar: ‚Niemand hat Lust auf chinesische Erd-
beeren.‘ (Stuttgarter Zeitung, 11.10.2012)

Die Tiefkühlerdbeeren aus China, die, wie im weiteren Verlauf des Artikels deut-
lich wird, Auslöser einer Brechdurchfallerkrankung von über 11.000 Menschen,
vorwiegend Kindern und Jugendlichen, waren, fungieren hier als pars pro toto für
schlechte Qualität und mangelnde Frische des Essens in Schulen und anderen
Einrichtungen. Dabei fällt auf, dass das Attribut „chinesisch“, das zuvor noch
in Verbindungen wie „chinesische Maultasche“ (siehe Textbeleg 2) auf die Kom-
patibilität der deutschen und der chinesischen Küche und Kultur verwies, hier
nun vielmehr als Abgrenzungsmarker fungiert: Lebensmittel aus China werden
132   Marcus Müller und Maria Becker

anhand des Beispiels der Tiefkühlerdbeere, deren Herkunft in diesem kurzen


Ausschnitt gleich mehrfach thematisiert wird, dargestellt als minderwertig, ja
sogar schädlich und somit als nicht akzeptable Zutat in Küchen deutscher Kin-
dertagesstätten: „Niemand hat Lust auf chinesische Erdbeeren.“
Interessant ist zudem, dass die Kollokation „chinesische (Tiefkühl-)erd-
beere“ keinesfalls einen Einzelfall im Diskurs darstellt, sondern sich vielmehr zu
einer usuellen Wortverbindung zu verfestigen scheint, wie etwa folgende Belege
veranschaulichen mögen:

[Textbeleg 6 und 7]
Es war die chinesische Tiefkühlerdbeere, die im Herbst eine Brechdurchfall-Epidemie
auslöste. Allein in Berlin ging es 3.000 Kindern schlecht. Sie hatten ein mit Noroviren ver-
seuchtes Dessert gegessen, das ein Caterer an Kitas und Schulen in Ostdeutschland geliefert
hatte. (taz, 09.02.2013)
Wir leben in einer schnelllebigen Zeit. Und deshalb ist fast schon in Vergessenheit geraten,
dass im Herbst 2012 mehr als 11 000 Schüler an schwerem Brechdurchfall erkrankten,
nachdem sie chinesische Tiefkühl-Erdbeeren gegessen hatten. (Stuttgarter Zeitung,
16.02.2013)

Wir sehen, dass die ausdrucksseitige Stereotypisierung der Wortverbindung „chi-


nesische Tiefkühlerdbeere“ hier anlässlich der Thematisierung eines Vorfalles
geschieht, der zum Produktionszeitpunkt der letzten beiden Belege bereits einige
Monate in der Vergangenheit liegt. In den Belegen wird mit dem Rückblick jeweils
eine Sachverhaltsverknüpfung (Felder 2009) zu anderen Lebensmittelskandalen
vorbereitet. In der Verfestigung auf der Ausdrucksseite formiert sich damit die
Spur einer Metonymisierung des Konzeptes ‚chinesische Tiefkühlerdbeere’. In
dieser themensensitiven Stereotypisierung zeigt sich ein weiteres Beispiel für die
diskursstrukturierende Potenz der Metonymie.

4.3.2.2 Der Hund auf dem Speiseplan


Ein metonymischer Dauerbrenner der deutsch-chinesischen Begegnung im kuli-
narischen Diskurs ist der Hund als ein Nahrungsmittel. Auch in unserem Korpus
ist diese Figur prominent vertreten. Hier geht es jeweils um die Thematisierung
des Anderen beim Essen, entweder als lineare Praktik des kulturellen Ausschlus-
ses oder – wesentlich häufiger belegt – als Einleitungsfigur kulturpädagogischer
Passagen, in denen gerade das Gemeinsame, die Überblendung von Eigen- und
Fremdbild, dadurch erreicht werden soll, indem die Rede vom Hund als alltägli-
chem Nahrungsmittel in China widerlegt wird, wie im folgenden Textbeleg. Im
Anschluss an eine kurze Einleitung wird dort ein Interview zwischen einem Jour-
nalisten der Stuttgarter Nachrichten und einer Lehrerin, die als Betreuerin eines
Austauschprogramms in China unterwegs war, wiedergegeben:
 Von Hunden, Hürden und Brücken.   133

[Textbeleg 8]
Im Mai sind 15 Zehntklässler des Marbacher Friedrich-Schiller-Gymnasiums (FSG) nach
China gereist. Rund drei Wochen lang haben sie das Land erkundet und Partnerstädte und
-schulen besucht. Die Chinesischlehrerin Marion Rath war dabei und berichtet im Gespräch
von ihren Erlebnissen.

Gab es auf Ihrer Reise Hund zu essen?

(lacht): Nein, auf dem alltäglichen chinesischen Speiseplan steht der auch eigentlich nicht.
Die Chinesen essen  – wie wir auch  – viel Schwein und Rind. (Stuttgarter Nachrichten,
07.06.2013)

Der entscheidende Punkt ist hier die erste Frage des Journalisten, in welcher
durch das Stereotyp vom Hund als prototypischer chinesischer Speise gleich zu
Beginn des Interviews die Unterschiede zwischen der chinesischen und der deut-
schen Küche in den Fokus gerückt werden, was allerdings von der interviewten
Lehrerin als nicht zutreffend zurückgewiesen wird. Zur Beschreibung der chinesi-
schen Kultur wird hier, wie bereits in Textbeleg 4c, herangezogen, was als typisch
gilt, wobei die Typik sich vor allem als Differenzeffekt zur deutschen Kultur kon-
stituiert  – auch hier zeigt sich der dritte Raum Bhabas. Auch im Hinblick auf
weitere Texte erweist sich der Hund als debattenbeherrschendes Lebensmittel
des deutsch-chinesischen kulinarischen Diskurses. Dass sich gerade diesbezüg-
lich kulinarische und zugleich kulturelle Inkompatibilitäten herauskristallisie-
ren, unterstreicht auch folgender Beleg aus der Onlineausgabe des Spiegels, in
welchem ein Besucher des jährlichen „Hundefleisch-Festivals“ im chinesischen
Yulin folgendermaßen zitiert wird:

[Textbeleg 9]
„Wenn ihr aufhört Rind zu essen, hören wir auch auf, Hund zu essen“, sagt ein Festival-
Teilnehmer. „Es schmeckt gut und ist nahrhaft“, behaupten andere. Hundefleisch zu essen,
bringt Glück, so der weitverbreitete Irrglaube. (Spiegel Online, 22.06.2015)

Durch das Nebeneinander von Hund und Rind als Nahrungsmittel wird hier
metonymisch eine Parallele zwischen der deutschen und chinesischen Kultur
gezogen, die jedoch vielmehr deren Differenzen als Gemeinsamkeiten hervor-
hebt. Denn während die Frage, ob sie in China Hund gegessen habe, von der Leh-
rerin in Textbeleg 8 noch verneint und mit einem Hinweis auf Gemeinsamkeiten
in der Wahl von Lebensmitteln abgewiegelt wurde („Die Chinesen essen  – wie
wir auch  – viel Schwein und Rind“), wird Hundefleisch hier von dem Festival-
besucher als wohlschmeckend und nahrhaft beschrieben. In dem sich anschlie-
ßenden Verweis auf einen „weitverbreitete[n] Irrglaube[n]“, demzufolge es Glück
bringe, Hundefleisch zu essen, lässt sich eine Entindividualisierung des Fremden
134   Marcus Müller und Maria Becker

als Verfahren der Bewältigung interkulturellen Kontakts beobachten: So wird


hier nun nicht länger die Meinung des Festivalbesuchers als Individuum zitiert,
sondern die Überzeugung einer anonymen, nicht näher beschriebenen Masse,
die gerade durch diese Überzeugung als befremdlich, ja als nicht den Normen
der Kultur, aus deren Blickwinkel heraus sie hier betrachtet wird, entsprechend
dargestellt wird.

5 Fazit
In unseren Daten hat sich auf vielfältige Weise gezeigt, wie sich in der Analyse
des kulinarischen Diskurses Vorstellungen von kollektiver Identität und kultu-
reller Begegnung widerspiegeln und in diesem Sinne Aufschluss geben über
Bewältigungsverfahren der Begegnung mit demjenigen, was jeweils als das
Andere erfahren wird. Wir haben den Fokus unserer Analyse dabei auf meta-
phorische und metonymische Prozesse der Bedeutungskonstitution gelegt, die
wir als Basisverfahren der sprachlichen Bewältigung des Anderen beschrieben
haben. Dabei hat die Korpusanalyse gezeigt, dass metaphorische Prozesse eher
in lokalen Verdichtungen von Annährung oder Abgrenzung wirken, während
metonymische Verfahren die diskursstrukturell äußerst bedeutsamen tiefense-
mantischen Figuren konstituieren. Dabei kristallisieren sich zweierlei, sich wech-
selseitig beeinflussende Verfahren heraus, nämlich die semiotische Herstellung
von Identität und Alterität (vgl. Müller/Becker im Druck). In der durch den Tropus
erreichten konzeptuellen Verdichtung konstituiert sich ein hybrider Raum, in
dem das Eigene durch das Fremde als Eigenes aufscheint und dadurch erst als
kognitive Bewältigungsgestalt des als fremd Wahrgenommenen fungieren kann.
Dadurch haben die in unseren Korpusbelegen analysierten Konzepte die Form
von „dritten Räumen“ im Sinne Bhabhas (2000).
Dass das Reden und Schreiben über das Essen eng verwoben ist mit einer
Manifestation von Kultur, hat sich in den Belegen verschiedentlich gezeigt, etwa
in der Thematisierung der aus Schwarzwälder Holz geschnitzten Essstäbchen als
Symbol kultureller Annäherung und Anpassung oder anhand des Stereotypen
vom Hund als chinesischem Nahrungsmittel, das als Sinnbild der Fremdheit der
chinesischen Kultur aus deutscher Perspektive fungiert. Die Tropen sind hierbei
ein Katalysator der Dialektik der Begegnung im dritten Raum: Die metaphorischen
und metonymischen Markierungen des Fremden sind als Markierung oft eben
nicht fremd, sondern vertraute Bestandteile des interkulturellen Diskurses, z. B.
der Tee, der Hund als vermeintliches Grundnahrungsmittel oder die Stäbchen als
Essbesteck. Wenn nun neue „Schwellensituationen“ (Parr 2011) entstehen, etwa
 Von Hunden, Hürden und Brücken.   135

durch den Tourismus, in denen vertraute Stereotype durch neue Erfahrungen her-
ausgefordert werden, dann dienen die vertrauten Fremdheitsmarkierungen dazu,
das Neue zu thematisieren und kognitiv zu bearbeiten – das Neue liegt aber nicht
selten darin, dass im vermeintlich Fremden das Eigene entdeckt wird oder aber
das immer schon Fremde nach und nach zum Eigenen wird. Im kulinarischen
Diskurs als kulturpolitischem Nebengleis lassen sich solche Prozesse wesentlich
besser und prägnanter beobachten als in weltpolitischen Diskursen, die durch
Deutungsrahmen wie Demokratie und Diktatur oder das Links-Rechts Schema
überlagert sind. Insofern meinen wir Anzeichen dafür gefunden zu haben, dass
gerade die Analyse tropischer Verdichtungen beim Reden über das Essen ein
Gradmesser für die Festigkeit oder Dynamik kultureller Kontexte sein kann.

6 Literaturverzeichnis
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Das Bild Chinas in der deutschsprachigen Presse:
Fokusstudien II – Inhalts- und Diskursanalysen
Zhao Jin
Die Wechselwirkung des Selbstbildes und
des Fremdbildes
Analyse von Medienberichten zu Sino-Afrika-Beziehungen

1 Einleitung
Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung und der immer wichtigeren Rolle Chinas
in der Weltpolitik nehmen in Deutschland auch die Berichterstattungen über
China zu, so dass auf der wissenschaftlichen Ebene zahlreiche Forschungsar-
beiten zu deutschen Medienberichten über China bzw. zum deutschen Chinabild
in den letzten Jahren zustande gekommen sind. Neben themenübergreifenden
Forschungen (z. B. Jia 2008, Ritta/Gebrauer 2010, Bieber 2011, Braun 2011) sind
insbesondere Untersuchungen zu einem bestimmten Ereignis auffällig, wie zum
Beispiel über die Olympischen Spiele 2008 in Beijing (Pfeifer 2009, Shen 2009,
Peuckmann 2010, Zhao 2010), über die Weltausstellung Expo 2010 in Shanghai
(Gu 2011), über die „Tibet-Frage“ (Wang 2010), über das Diaoyu Dao1-Ereignis (Li
2014) usw., aber auch das wirtschaftsbezogene Chinabild wird schwerpunktmä-
ßig erforscht (Wang 2009, Zhao 2010, Zhou/Wang 2011). Dabei betrifft ein wich-
tiger Aspekt die (Wirtschafts-)Beziehungen zwischen China und Afrika. Denn in
der von Carola Richter und Sebastian Gebauer durchgeführten Studie Die China-
Berichterstattung in den deutschen Medien (2010), die die Berichte in sechs Zei-
tungen und Zeitschriften sowie zwei Fernsehsendungen über China im Jahr 2008
untersucht hat, wurde herausgefunden, dass 1,2% aller untersuchten Beiträge
sich dem Thema chinesisch-afrikanische Beziehungen widmen (vgl. S. 151). Ins-
gesamt ruft das chinesische Engagement in Afrika heftige Kritik bzw. Vorwürfe
aus dem Westen hervor (vgl. Zhao 2010: 417 f.) und wird als Neokolonialismus

1 Diaoyu Dao oder die Senkaku-Inseln sind eine unbewohnte Inselgruppe auf dem Festlandso-
ckel im Ostchinesischen Meer. Es besteht Streit zwischen der Volksrepublik China sowie Taiwan
und Japan bezüglich des territorialen Anspruches auf diese Inselgruppe.

Zhao, Jin, Prof. Dr., Professorin für germanistische Linguistik, Deutsche Fakultät, Tongji-Univer-
sität, China

DOI 10.1515/9783110544268-007
140   Zhao Jin

bezeichnet (vgl. Wang 2009: 65, Richter/Gebauer 2010: 158), aber „ohne dieses
Bild näher zu hinterfragen“ (Richter/Gebauer 2010:151).
In der Tat spielen die sino-afrikanischen Beziehungen in der chinesischen
Außenpolitik eine wichtige Rolle. Beispielsweise hat der chinesische Staatsprä-
sident Xi Jinping die erste Auslandsreise kurz nach seinem Amtsantritt nach
Afrika unternommen. Hinsichtlich dieser außenpolitischen Präsenz Chinas in
Afrika finden sich sowohl in deutschen als auch in chinesischen Medien zahl-
reiche Berichte bzw. Kommentare über die sino-afrikanischen Beziehungen.
Der vorliegende Beitrag wird insofern versuchen, die neokolonialistische Dis-
kursentfaltung deutscher Medienberichte in Kontrast zu den Gegenargumenten
der chinesischen zu analysieren und die möglichen Gründe für die Unterschiede
des deutschen Chinabildes und des chinesischen Selbstbildes diesbezüglich zu
untersuchen.
Insgesamt sind sechs Beiträge von der F.A.Z., fünf von der Welt, ein Beitrag
im Spiegel2 sowie 29 Beiträge der Wenhui Zeitung und 67 der Volkszeitung im Zeit-
raum vom 16. bis zum 31. März 2013 über die sino-afrikanischen Beziehungen
anlässlich des Besuchs Xi Jinpings in Afrika vorgekommen. Darunter haben sich
drei deutsche Beiträge jeweils aus der Welt, der F.A.Z. und dem Spiegel sowie
drei chinesische Beträge aus der Wenhui Zeitung mit dem neokolonialistischen
Diskurs auseinandergesetzt, diese werden in der vorliegenden Arbeit als Korpus-
texte dienen.
Methodisch basiert die Analyse auf dem diskurslinguistischen Analyse-
modell (vgl. Spitzmüller/Warnke 2011), d. h., die Korpustexte werden auf der
intratextuellen Ebene hinsichtlich der Wortwahl, der Satzstruktur sowie des
Textaufbaus untersucht, um die Diskursstränge herauszuarbeiten. Auf der tran-
stextuellen Ebene gilt zu fragen, welche relationalen Informationen mit dem
Kernsachverhalt in Texte einbezogen werden, welche strukturellen sowie inhalt-
lichen Funktionen solche Kombinationen aufweisen; ob es durch Wiederholun-
gen entstandene Stereotypen von dem Referenzierten gibt, die die Wahrnehmung
der Rezipienten beeinflussen können; ob die eigene Perspektive als Maßstab bei
der Betrachtung und Bewertung des Fremden angelegt wird; ob die Aussagen von
dem eigenen Interesse ausgegangen sind und welche Ideologie als Stütze bei der
Argumentation dient.

2 Der Spiegel-Text ist zwar vom 18. Nov. 2013, aber bezieht sich ebenfalls auf den Staatsbesuch
von Xi Jinping in Afrika, insofern wird er auch in das Korpus aufgenommen.
 Die Wechselwirkung des Selbstbildes und des Fremdbildes   141

2 Untersuchungsergebnisse

2.1 In den deutschen Medien

In den untersuchten drei deutschen Beiträgen wird zum einen China der Neoko-
lonialismus direkt zugesprochen:

Beispiel 1:
„[Sanusi sagte,] China trage mit einer neuen Form des Imperialismus3zur Unterentwick-
lung des Kontinents bei.“ („Vom losen Bündnis zur festen Ehe“)

Beispiel 2:
„Die südafrikanische Mitgliedschaft nutzt alleine China, dessen Unternehmen sich mit
rasanter Geschwindigkeit in Afrika ausbreiten. Und damit dieses Streben nach Hegemonie
nicht allzu rüde wirkt, verkleidet Peking es geschickt als Solidarpakt der ehedem Unter-
drückten.“ („Kolonialismus 2.0“)

Beispiel 3:
„China kopiert ungeniert das Geschäftsmodell der alten Kolonialmächte, nennt es aber
‚Handel unter Gleichen‘.“ („Kolonialismus 2.0“)

Beispiel 4:
„[Chef der Zentralbank von Nigeria, Lamido Sanusi findet,] China betreibt eine neue Form
der Kolonisierung.“ („Kolonialismus 2.0“)

Beispiel 5:
„Lamido Sanusi, Gouverneur der Zentralbank Nigerias, verspürt schon einen ,Hauch von
Kolonialismus’.“ („Der Drache und der Strauß“)

Beispiel 6:
„In den Townships werden die neuen Einwanderer ,yellow masters’ geschimpft, gelbe
Kolonialherren. Die Chinesen seien gierig, rücksichtslos und oft auch rassistisch.“
(„Der Drache und der Strauß“)

An den obigen Beispielen ist zu erkennen, dass die chinesischen Aktivitäten


in Afrika direkt mit „Kolonialismus“ etikettiert werden, entweder als direkte
Bewertung durch den Autor des Berichtes („Kopie der alten Kolonialmächte“
im Beispiel 3) oder mit den Worten von afrikanischen Einheimischen, um der
kolonialistischen Beschuldigung Ausdruck zu verleihen („eine neue Form der
Kolonisierung“ im Beispiel 4, „Hauch von Kolonialismus“ im Beispiel 5, „yellow

3 Alle Hervorhebungen durch Fettdruck stammen von der Autorin.


142   Zhao Jin

masters“ im Beispiel 6). Mit ideologischen Begriffen wie „Imperialismus“ im


Beispiel 1 und „Hegemonie“ im Beispiel 2 wird der kolonialistische Hintersinn
aber auch indirekt zum Ausdruck gebracht. „Kolonialismus“ wird als Mittel zum
„Imperialismus“ betrachtet und die beiden Begriffe stehen in engem Zusam-
menhang. Denn der Imperialismus bedeutet das Streben einer Großmacht nach
Ausweitung ihres politischen oder wirtschaftlichen Machtbereichs und erfuhr
seine große Verbreitung mit der kolonialen Expansionspolitik der europäischen
Staaten. Auch nach der Entkolonialisierung werden die ehemaligen Kolonien als
billige und profitträchtige Rohstoffquellen ausgenutzt, so dass eine wirtschaft-
liche Abhängigkeit der formal selbstständigen Staaten von den Industriegesell-
schaften besteht (vgl. Hillmann 52007: 361). Dagegen ist unter „Hegemonie“ ein
„bestimmtes polit[isches] oder soziales Verhältnis der Über- und Unterordnung
[zu verstehen], bei dem unter Beibehaltung formaler Gleichheit der Beteiligten
einer von ihnen tatsächlich oder rechtl[ich] eine höhere Stellung einnimmt“ (Hill-
mann 52007: 332), was auch als Motivation des Kolonialismus angesehen werden
kann. Darüber hinaus werden den Chinesen die Merkmale der Kolonialherren
zugeschrieben. Sie seien nämlich „gierig, rücksichtslos und oft auch rassistisch“
(Beispiel 6), und außerdem auch sehr trickreich und verdeckten ihre Hegemonie-
absicht unter einem „Solidarpakt“ (Beispiel 2).
Zum anderen werden bei dem Vorwurf des kolonialistischen Anstrebens
Chinas in Afrika viele Kontraste gezogen:

Beispiel 7:
„Bagamoyo war einmal die Hauptstadt der Kolonie Deutsch-Ostafrikas von 1888 bis
1891, dann wurde der Verwaltungssitz nach Daresssalam verlegt, weil das Gestade für einen
richtigen Seehafen zu flach war. Seither scheint hier die Zeit stehen geblieben. ,Aber bald
wird in Bagamoyo nichts mehr so sein wie es immer war’, sagt Marie Schaba. ,Denn jetzt
kommen die neuen Herrscher der Welt, die Chinesen.’“ („Der Drache und der Strauß“)

Beispiel 8:
„,Die Geschichte wiederholt sich’, sagt Marie Schaba, die Kulturaktivistin. ,Früher wurden
über Bagamoyo Elfenbein und Sklaven exportiert, heute sind es Bodenschätze.’“ („Der
Drache und der Strauß“)

Beispiel 9
„Das Reich der Mitte stieg zum wichtigsten Wirtschaftspartner Afrikas auf, es hat die
alten Großmächte – Großbritannien, Frankreich und die USA. – überholt.“ („Der Drache
und der Strauß“)

Beispiel 10:
„,West is best’– das war einmal. Enttäuscht von Europa und Amerika[…] schauten die Afri-
kaner in den Fernen Osten. Dort fanden sie einen starken Verbündeten – einen, der vor
 Die Wechselwirkung des Selbstbildes und des Fremdbildes   143

allem Big Business machen möchte und sich nicht in ihre inneren Angelegenheiten ein-
mischt.“ („Der Drache und der Strauß“)

Beispiel 11:
„In autoritären Staaten wie Äthiopien, Uganda oder Ruanda ist das Leitbild der chinesi-
schen Entwicklungsdiktatur längst eine willkommene Alternative zur liberalen Demo-
kratie, mehr Wachstum, weniger Freiheit.“ („Der Drache und der Strauß“)

Beispiel 12:
„Afrika wurde gerade zum zweiten Mal aufgeteilt, wie damals, 1885, auf der Berli-
ner Konferenz der europäischen Kolonialmächte, sagt Shaba.“ („Der Drache und der
Strauß“)

Aus den obigen Beispielen sind zwei Kontrastmuster herauszulesen, nämlich das
diachronische und das synchronische. Zeitlich wird das heutige China mit den
Kolonialmächten in der Geschichte verglichen – zum Beispiel mit dem Bild der
Chinesen als neue Herrscher der Welt in der Hauptstadt der ehemaligen deut-
schen Kolonie (Beispiel 7), dem Vergleich des afrikanischen „Exports“ von Elfen-
bein und Sklaven an die Kolonialmächte in der Geschichte mit dem Export der
Bodenschätze nach China von heute (Beispiel 9), und dem Vergleich der Auftei-
lung Afrikas auf der Berliner Konferenz der europäischen Kolonialmächte in der
Geschichte mit der erneuten Aufteilung Afrikas vor allem durch China von heute
(Beispiel 12). Durch diese Kontrastierung wird China den alten Kolonialmächten
vergleichbar gemacht. In dem synchronischen Muster wird China in Gegensatz zu
dem Westen gebracht, wie zum Beispiel das Reich der Mitte als wichtigster Wirt-
schaftspartner Afrikas vs. die alten Großmächte mit reduziertem wirtschaftlichen
Einfluss in Afrika (Beispiel 9), Europa und Amerika mit politischen Konditionen
bei der Entwicklungshilfe vs. chinesisches Wirtschaftsinteresse ungeachtet der
politischen Verantwortung (Beispiel 10), chinesische Entwicklungsdiktatur vs.
westliche liberale Demokraten (Beispiel 11). Durch diese Kontraste wird China
einerseits als Nachahmer oder Nachfolger der alten Großmächte betrachtet und
andererseits aufgrund seines Verhaltens im Unterschied zum heutigen Westen
moralisch wie politisch in ein negatives Licht gerückt.
Zum dritten wird das chinesische neokolonialistische Bild indirekt konstru-
iert, und zwar aus verschiedenen Perspektiven:
1. Wirtschaftlich zielten die chinesischen Aktivitäten in Afrika darauf ab,
– Rohstoffe auszubeuten und Absatzmärkte zu erschließen bzw. auszu-
bauen:
144   Zhao Jin

Beispiel 13:
„[Nigerias Zentralbankchef Lamido Sanusi sagte,] das Land kaufe preiswert Rohstoffe und
exportiere seine daraus produzierten Produkte dann wieder nach Afrika.“ („Vom losen
Bündnis zur festen Ehe“)

Beispiel 14:
„Dass China afrikanische Rohstoffe mit Infrastruktur bezahlt, ist noch der beste Teil der
inzwischen sehr einseitigen Handelsbeziehungen. Dass Peking aber gleichzeitig Afrika
mit seinen Billigprodukten überschwemmt und damit jede heimische Produktion
abwürgt, ist der weniger schöne Teil“ („Kolonialismus 2.0“)

Beispiel 15:
„Dass der Schwerpunkt der Unterstützung auf den Aufbau einer industriellen Infrastruktur
in Afrika gelegt wird, glaubt zuerst jedenfalls niemand. Es wird wohl daher auf die Finan-
zierung chinesischer Exporte hinauslaufen.“ („Kolonialismus 2.0“)

Beispiel 16:
„China, die Wirtschaftsgroßmacht aus Asien, ist hungrig nach Bodenschätzen, Energie,
Nahrungsmitteln und Absatzmärkten.“ („Der Drache und der Strauß“)

Beispiel 17:
„Sie erließen Schulden, gewährten Milliardenkredite, besiegelten Rüstungsgeschäfte, ver-
teilten großzügige Entwicklungsgeschenke. Vor allem aber sicherten sie sich den Zugriff
auf Afrikas Rohstoffe.“ („Der Drache und der Strauß“)

Beispiel 18:
„Sie würden Afrika nur ausbeuten, seine Märkte mit Billigprodukten überschwem-
men und die ohnehin schwache heimische Industrie ruinieren.“ („Der Drache und der
Strauß“)

Diese Beispiele beschreiben die Absicht der chinesischen Aktivitäten in Afrika.


Denn in Form von Entwicklungshilfe strebe China nur „hungrig“ nach „Boden-
schätzen, Energie, Nahrungsmitteln und Absatzmärkten“, nämlich Afrikas „Roh-
stoffen“ (Beispiel 13, 14, 16, 17). Außerdem wolle China seine Exportmöglichkei-
ten erweitern und somit Afrika als seinen Absatzmarkt sichern (Beispiel 13, 15),
allerdings mit den katastrophalen Folgen, dass Afrika ausgebeutet werde, seine
heimische Produktion abgewürgt und heimische Industrie ruiniert (Beispiel 14,
18).
– statt solidarische Hilfe zu leisten, das eigene Wirtschaftsinteresse zu betrei-
ben:

Beispiel 19:
„[…] dann entpuppt sich Brics vor allem als ein Vehikel für chinesische Wirtschaftsin-
teressen. […] Handel wohlgemerkt, nicht Investitionen. Aus dieser Sicht ist Brics nichts
 Die Wechselwirkung des Selbstbildes und des Fremdbildes   145

anderes als eine mautbefreite Autobahn für ihre Containerschiffe.“ („Kolonialismus


2.0“)

Beispiel 20:
„Von langfristigen Investitionen etwa in Produktionsstätten, die helfen würden, die
Arbeitslosigkeit zu senken, ist dabei kaum die Rede.“ („Kolonialismus 2.0“)

Auch die Brics-Gruppe (Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika) wird
als Mittel des einseitigen chinesischen Wirtschaftsinteresses interpretiert. Dabei
gehe es nicht um egalitäre Zusammenarbeit, auch nicht darum, Südafrika wirt-
schaftlich zu unterstützen (Beispiel 19), sondern nur um die Eigennützigkeit
Chinas, die anderen Mitgliedsländer auszunutzen und seine Wirtschaftsinteres-
sen durchzusetzen.
2. Politisch unterstütze China die einheimischen Herrschaftsgruppen und
sichere indirekt ihre Macht:

Beispiel 21:
„China knüpft keinerlei politische Konditionen an die wirtschaftliche Zusammenarbeit,
im Gegensatz zum Westen. Deswegen schätzen auch Despoten wie Simbabwes Präsident
Robert Mugabe die Genossen aus China so: Die Kooperation füllt die leeren Haushaltskas-
sen und sichert ihre Macht. Und Afrikas Diktatoren werden nicht geschurigelt, wenn sie
ihre Völker unterdrücken und ausplündern.“ („Der Drache und der Strauß“)

An diesem Beispiel ist abzulesen, dass die chinesischen Aktivitäten in Afrika


stark moralisiert und politisiert werden. Denn aus wirtschaftlichem Interesse
unterstütze China direkt oder indirekt „Despoten“ oder „Diktatoren“ Afrikas und
sichere ihre Macht, so dass sie skrupellos „ihre Völker unterdrücken und aus-
plündern“ können. China hat sich anders verhalten als der Westen, der bei der
wirtschaftlichen Zusammenarbeit „politische Konditionen“ verlange. Dadurch
wird China als politisch verantwortungslos und moralisch unanständig skizziert.
Der Grund wird auch angedeutet, denn chinesische Regierungspolitiker seien die
„Genossen“ von „Despoten“, motiviert von ähnlichen politischen Systemen.
3. Kulturell breitet China seinen Einfluss aus:

Beispiel 22:
„Chinas staatliche Nachrichtenagentur Xinhua unterhält mittlerweile 28 Büros in Afrika,
mehr als jeder westliche Konkurrent. Das Staatsfernsehen CCTV, das im Vorjahr eine
neue Propagandazentrale in Nairobi eingerichtet hat, zählt immer mehr Zuschauer.
Denn statt der üblichen Katastrophenberichte verbreitet der Sender überwiegend „good
news“ aus Afrika und präsentiert China als „wahren Freund.“ („Der Drache und der Strauß“)
146   Zhao Jin

Auch kulturell habe China westliche Konkurrenten hinter sich gelassen und
seinen Einfluss in Afrika schnell ausgebreitet, indem es zahlreiche Büros von der
staatlichen Nachrichtenagentur einrichte und immer mehr Zuschauer zum CCTV
anziehe. Die Methode dazu sei „Propaganda“ durch die Verbreitung von „good
news“ und durch Selbstinszenierung als „wahren Freund“.
4. Chinas wirtschaftliche Aktivitäten assoziieren militärische Aktivitäten:

Beispiel 23:
– „Chinesische Unternehmen erobern den schwarzen Kontinent […].“
– „Chinas ökonomische Offensive in Afrika begann vor der Jahrtausendwende.“
– „Der ,Einfall’ Chinas […]“
– „[…] er warnt vor einer zweiten Welle der Eroberung.“
– „Im derzeitigen Boom, der vor allem durch Chinas Offensive beflügelt wird, [ …]“
(„Der Drache und der Strauß“)

Zwar gibt es keine militärische Aktivität von China in Afrika, aber seine wirt-
schaftlichen Aktivitäten werden in eine militärische Metaphorik gekleidet. Denn
„erobern“, „Eroberung“, „Offensive“ und „Einfall“ stammen ausnahmslos aus
dem Bereich des Militärs.
Aus der obigen Analyse ist ersichtlich, dass China entweder dem (Neo)Kolo-
nialismus direkt zugeschrieben oder eine Analogie zwischen China und den alten
Kolonialmächten gezogen wird. Indirekt wird China aus den wirtschaftlichen,
politischen, kulturellen und militärischen Perspektiven auch als (neo)kolonia-
listisch profiliert, was den Charakteristika des (Neo)Kolonialismus-Begriffs ent-
spricht. Denn Kolonialismus macht „Kolonien[…] [des] ,Mutterland[es]’politisch,
wirtschaftlich und kulturell abhängig“, um v. a. beim „[a]us Ethnozentrismus
resultierende[n] kulturelle[n] Überlegenheitsgefühl […] ,primitive’ Völker [zu
modernisieren]“, „(billig[e]) Rohstoff[e] und (günstig[e]) Absatzmärkt[e] für
die heimische Wirtschaft [zu sichern]“ sowie „ein[e] profitabl[e] Kapitalver-
wertung (Investition) und ein[en] hohen Lebensstandard[…] für die inländische
Bevölkerung [zu sichern]“ (Hillmann 52007: 434 f.). Dagegen wird Neokoloni-
alismus betrieben, um „die gesellschaftlichen Strukturen und die politischen
und wirtschaftlichen Abhängigkeitsverhältnisse der ehemaligen Kolonial-
gebiete nach ihrer politischen staatlichen Souveränität aufrechtzuerhalten“,
was oft „in offenen oder gedeckten militärischen Interventionen zum Schutz
traditioneller und von den Industrieländern gestützter und abhängiger einhei-
mischer Herrschaftsgruppen ebenso wie in einer Entwicklungs- und Kapi-
talhilfe“ gehandhabt wird (Hillmann 52007:614 f.). Die chinesisch-afrikanischen
Aktivitäten werden in ihrer wirtschaftlichen Rohstoffausbeutung und Absatz-
markterschließung mittels der Entwicklungs- und Kapitalhilfe, dem indirek-
ten politischen Schutz der einheimischen Herrschaftsgruppen, der kulturellen
 Die Wechselwirkung des Selbstbildes und des Fremdbildes   147

Einflussausübung, der militärartigen Wirtschaftsinvasion sowie rassistisch mit


Ethnozentrismus gerade (neo)kolonialistisch abgebildet und dies medial an die
deutsche Öffentlichkeit vermittelt.

2.2 In den chinesischen Medien

In den chinesischen Medien sind drei Beiträge zu finden, die sich mit dem neo-
kolonialistischen Vorwurf auseinandersetzen. Die Gegenargumente richten sich
v. a. an die Ansicht Lamido Sanusis, dass China Afrika ausbeute und kolonisiere,
und werden im Zeitungsartikel „Das chinesische Wirtschaftswachstum wird
bestimmt dem Wohl Afrikas dienen“ wie folgt dargestellt:

Gegenargument 1: Die afrikanische und chinesische Wirtschaft weisen Komplementarität


auf. China hat neben dem Import von Energie und Rohstoffen aus Afrika auch zahlreiche
Geldmittel und Technik angeboten, was Afrika nicht nur geholfen hat, das Potenzial seiner
Naturressourcen auszulasten, sondern auch die afrikanische Wirtschaft direkt vorangetrie-
ben hat. (非洲和中国经济存在互补性。…… 中国在进口非洲的能源和原材料的同时, 也为
非洲提供了大量资金和技术, 这不但帮助非洲发展了资源优势, 而且直接推动了非洲的经
济发展。)

Gegenargument 2: [Kolonialismus] entstand nach dem Vorkommen des Kapitalismus, wobei


die westlichen Großmächte mit Gewalt als Rückhalt die wirtschaftlich zurückgebliebenen
Länder und Gebiete politisch, wirtschaftlich und militärisch erobert und eine Kolonialherr-
schaft eingerichtet haben. Der Ausgangspunkt sowie das endgültige Ziel der Kolonialherr-
schaft ist die Maximierung des Interesses der Kolonialisierung. Deswegen wird als Folge der
Kolonialherrschaft das Interesse des Koloniallandes gänzlich geopfert und dagegen haben
die westlichen Großmächte den größten Profit daraus gewonnen. […] Hinzu kommt, dass
die afrikanischen Länder in ihrer Geschichte die Kolonialherrschaft lange Zeit erlebt haben
und deswegen ein besseres Verständnis vom Kolonialismus haben. Insofern entbehrt es
jeder Grundlage, die chinesisch-afrikanische Beziehung analog dazu zu betrachten. ([殖民
主义是指], 资本主义因素出现后, 西方列强以暴力为后盾, 采用政治、经济和军事手段占领
经济落后地区和国家, 建立殖民统治, 而殖民统治的出发点和最终目标, 就是追求殖民利益
最大化。因此殖民统治的后果, 是殖民地利益被彻底牺牲, 而西方列强却获得了最大化的
利益。…… 况且非洲国家在历史上曾长期遭受殖民统治, 对于殖民主义的认识更加深切。
因此, 若以此对照中非关系, 实在是风牛马不相及。)

Gegenargument 3: Afrikanische Regierungsleiter sowie Intellektuelle sind der Meinung,


dass Afrika hofft, sich mittels des chinesischen Wirtschaftsaufschwungs aus der Armut und
Rückständigkeit zu lösen. (非洲的领导人和学者认为, 非洲期盼借力中国经济腾飞, 改变自
身贫穷落后面貌。)

Gegenargument 1 bezieht sich auf den Vorwurf der chinesischen Ausbeutung in


Afrika und weist darauf hin, dass aufgrund der Komplementarität der chinesi-
148   Zhao Jin

schen und der afrikanischen Wirtschaft China nicht einseitig Nutzen aus der bei-
derseitigen Wirtschaftsbeziehung gezogen habe, sondern Afrika auch viel davon
profitiert habe.
Gegenargument 2 bezieht sich auf die kolonialistische Kritik an China und
versucht, aus der Definition von Kolonialismus heraus zu begründen, dass die
Kolonialherrschaft der westlichen Großmächte in der Geschichte sowohl in der
Ursache, der Zielsetzung als auch in der Folge mit den heutigen chinesischen
Aktivitäten in Afrika nichts zu tun habe. Darüber hinaus wird auch angedeutet,
dass die entkolonialisierten afrikanischen Länder aufgrund ihrer Kolonialge-
schichte Kolonialismus besser kannten, aber selber keine kolonialistische Kritik
an China geübt hätten.
Gegenargument 3 hat mit dem Zitat von Ọbasanjọ, dem ehemaligen Präsi-
denten von Nigeria sowie einem nigerianischen Experten der chinesisch-afrika-
nischen Beziehung von dem afrikanischen Standpunkt her ausgesagt, dass die
afrikanischen Einheimischen die chinesischen Wirtschaftsaktivitäten in Afrika
wünschen und auch schätzen. Ähnliche Meinungen haben auch Sassou, der Prä-
sident von Kongo („Das große Kooperationsprojekt zwischen China und Kongo
möglichst schnell in Angriff zu nehmen wird angestrebt“), sowie Kikwete, der
Präsident von Tansania, geäußert („Wünscht, dass der große chinesische Traum
in Erfüllung geht“). Dies hat die Zurückweisung des kolonialistischen Vorwurfs
gegen China weiterhin verstärkt.
Darüber hinaus gibt es noch weitere Argumente aus den drei Beiträgen, um
China als Partner von Afrika darzustellen und indirekt der Beschuldigung der
Kolonialisierung zu widersprechen:

Argument 1: China und afrikanische Staaten sind Entwicklungsländer und haben ähnliche
historische Erfahrungen und gleiche Kampfziele. (中非双方都是发展中国家, 具有相似的历
史遭遇和相同的奋斗目标。) („Das chinesische Wirtschaftswachstum wird bestimmt dem
Wohl Afrikas dienen“)

Argument 2: Die chinesisch-afrikanische Beziehung basiert nach wie vor auf der Gleich-
berechtigung und Freundschaft. (中非关系始终建立在平等友好的基础上。) („Das große
Kooperationsprojekt zwischen China und Kongo möglichst schnell in Angriff zu nehmen
wird angestrebt“) („Wünscht, dass der große chinesische Traum in Erfüllung geht“)

Argument 3: Alte Freunde sind wie echtes Gold, dessen Farbe durch hundertfache Läu-
terung auch nicht verändert wird. (故交如真金, 百炼不变色。) („Das chinesische Wirt-
schaftswachstum wird bestimmt dem Wohl Afrikas dienen“)

Argument 1 geht auf einen ähnlichen wirtschaftlichen Entwicklungsstand sowie


ähnliche geschichtliche Erlebnisse zurück und besagt, dass China und afrika-
nische Staaten beide Entwicklungsländer sind und in der Geschichte beide von
 Die Wechselwirkung des Selbstbildes und des Fremdbildes   149

westlichen Großmächten kolonisiert oder halbkolonisiert wurden. Das heißt,


China und Afrika seien in demselben Lager und China könne Afrika nicht kolo-
nisieren.
Argument 2 setzt Akzent auf die Gleichberechtigung und die Freundschaft
zwischen China und Afrika. In der Tat werden Wörter wie „Respekt“ (尊重),
„Zusammenarbeit“ (合作), „helfen“ (帮助), „in die innere Angelegenheit der afri-
kanischen Länder nicht einmischen“ (不干涉非洲国家内政), „verstehen“ (理解)
usw. in den drei Beiträgen häufig benutzt, was eine gleichberechtigte Partner-
schaft zwischen China und Afrika ausmalt. Außerdem werden „Freundschaft“ (友
谊), „Freunde“ (朋友), „Solidarität“ (团结), „Vertrautheit“ (亲密) usw. zur Bekräf-
tigung der freundschaftlichen Beziehung zwischen China und Afrika verwendet.
Dies besagt indirekt, dass bei einer freundschaftlich verbundenen Partnerschaft
von Kolonialismus keine Rede sein kann.
Das Argument 3 ist das Zitat aus einem Tang-Gedicht durch den ehemali-
gen chinesischen Premierminister Wen Jiabao („Das chinesische Wirtschafts-
wachstum wird bestimmt dem Wohl Afrikas dienen“) und verweist auf die lange
Geschichte der Freundschaft zwischen China und Afrika. Formulierungen wie
1. „traditionell tief verwurzelte Freundschaft“ (深厚的传统友谊) („Das große
Kooperationsprojekt zwischen China und Kongo möglichst schnell in Angriff
zu nehmen wird angestrebt“),
2. „Der Freundschaftsbaum hat bereits die zeitliche wie räumliche Einschrän-
kung überschritten, je länger die Zeit desto lebendiger ist er, so dass er tiefe
Wurzeln und üppig wuchernde Blätter aufweist.“ (友谊之树早已超越了时间
和空间的限制, 历久弥新, 根深叶茂)(„Wünscht, dass der große chinesische
Traum in Erfüllung geht“) oder
3. „die Freundschaftsbeziehung, die von der älteren Generation der führenden
Persönlichkeiten beider Länder eigenhändig geschaffen und herangezo-
gen worden ist“ (坦中两国老一辈领导人亲手缔造和培育的坦中友好关系)
(„Wünscht, dass der große chinesische Traum in Erfüllung geht“)

betonen alle ohne weiteres die lange Geschichte der chinesisch-afrikanischen


Freundschaft, die weit in die Vergangenheit zurück reicht. Das kann darauf
hindeuten, dass China Afrika nicht neu entdeckt hat sowie China Afrika in der
Geschichte nicht kolonisiert hat und heute auch nicht kolonisieren wird.
An diesen Argumenten gegen die westliche kolonialistische Kritik ist nicht
schwer zu erkennen, dass China sich selbst als Partner und Freund von Afrika
ansieht, der in einer Win-Win-Beziehung zu Afrika steht.
150   Zhao Jin

3 Erklärungsversuche
Die Analyse der deutschen und der chinesischen Medienberichte über sino-afri-
kanische Beziehungen führt zu weit voneinander entfernten deutschen China-
und chinesischen Selbstbildern: Ersteres zeichnet das Bild einer wirtschaftlich
motivierten kolonialistischen Invasion Chinas in Afrika mit allen Merkmalen des
Kolonialismus während letzteres eine freundschaftlich gebundene Partnerschaft
Chinas zu Afrika darstellt.
Um nach der Ursache dieser großen Diskrepanz zu suchen, soll ein Blick auf
die Geschichte geworfen werden, denn ein (Nationen)Bild ist „eine Mischung
aus erzählter Historie, Erinnerungen an vergangene Ereignisse, Geschichten und
Gesprächen [sic] usw. plus einer großen Menge gewöhnlich schlecht verarbeite-
ter und oberflächlich gesammelter aktueller Informationen.“ (Boulding 1969:424,
zitiert nach Peuckmann 2010:22). Die geschichtlichen Ereignisse spielen zur
Bildung des Fremdbildes und des Selbstbildes insofern eine wichtige Rolle.
Wie bei der Konstruktion des kolonialistischen Chinabildes China häufig im
Vergleich zu den alten Kolonialmächten betrachtet wird, schwingt in dem ganzen
chinabezogenen neokolonialistischen Diskurs eine historische Erinnerung an die
Kolonialgeschichte Europas mit. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der afrikanische
Raum aufgeteilt und zum größten Teil in europäische Kolonialreiche eingegliedert
(vgl. Seitkamp 2005:13). Dabei verfügte Deutschland mit dem geographischen
Schwerpunkt in Afrika nach Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden
über das viertgrößte europäische Kolonialreich (vgl. Conrad 2008: 22, 28). Nach
Conrad (2008:18) „stand [der deutsche Kolonialismus] im Zusammenhang der
weltwirtschaftlichen Konkurrenz und der Suche nach Rohstoff- und Absatz-
märkten für die jungen Industrien, der weltpolitischen Konflikte zwischen
den europäischen Großmächten und der Ideologie des Evolutionismus und
Sozialdarwinismus, die zunehmend von Begriffen der ‚rassischen‘ Differenz
überlagert wurden.“ Möglicherweise haben die deutschen Medien diesen global-
geschichtlichen Rahmen von damals in den heutigen chinesischen Engagements
in Afrika wieder abgesteckt gefunden. Denn China mit seinem schnellen Wirt-
schaftswachstum wird zunehmend als Konkurrent der westlichen Länder ange-
sehen, „als Globalisierungsweltmeister […] zur größten Herausforderung unseres
sozialen, wirtschaftlichen und damit politischen Systems.“ (Seinitz 2006:1), der
„eine Konkurrenzsituation (China – „Westen“) schafft“ (Heberer 2010:284). Sein
Engagement in Afrika wird deswegen „in Europa und den USA vielfach als Bedro-
hungsfaktor für westliche Interessen interpretiert und als Teil einer chinesischen
Strategie zur Ausplünderung afrikanischer Rohstoffquellen“ (Heberer 2010: 281),
eine „Furcht, dass der Westen den Wettlauf mit China um Wohlstand und Werte
verlieren könnte“ (Sandschneider 2007: 2 f.). Dabei haben das politische System
 Die Wechselwirkung des Selbstbildes und des Fremdbildes   151

und die Ideologie Chinas im Unterschied zum Westen eine entscheidende Rolle
gespielt und China wird somit als das Andere oder das Fremde in Gegensatz zum
westlichen Selbstverständnis gesetzt.
Auch das chinesische Selbstbild als afrikanischer Partner ist geschichtlich
motiviert und steht im Kontrast zu dem chinesischen Fremdbild des Westens hin-
sichtlich Afrikas. China sieht sich selbst im selben Lager wie Afrika, beide Seiten
haben sich ähnlich von der westlichen Kolonisierung bzw. Halbkolonisierung
befreit, gehörten gemeinsam der Dritten Welt an und zählen zu den Entwicklungs-
ländern (vgl. Zhang 2012: 40). Die brüderliche Freundschaft wurde bereits nach
der Gründung der Volksrepublik China entwickelt, wobei schon in den 1950er
und 1960er Jahren zahlreiche afrikanische Staaten diplomatische Beziehung mit
China hergestellt haben (vgl. Zhang 2012: 31). Die Grundlage der wirtschaftli-
chen und technischen Entwicklungshilfe bzw. Zusammenarbeit mit Afrika wurde
bereits in den 1960er Jahren anlässlich des Besuches des ersten Premierministers
der Volksrepublik China, Zhou Enlai, zwischen dem 14. Dezember 1963 und dem
4. Februar 1964 geschaffen und der Kern der Prinzipien sei „Gleichberechtigung
und gegenseitiger Nutzen“ sowie „Akzeptanz der Souveränität anderer Staaten
und Nichteinmischung in innere Angelegenheiten“ (vgl. Zhang 2012:41 f.). Inso-
fern hat im chinesischen Verständnis die partnerschaftliche Beziehung zwischen
China und Afrika eine lange Geschichte und wurde bereits auf die Probe gestellt.
Dagegen sieht China den Kolonialismus als das europäische Projekt im ausge-
henden 19. Jahrhundert an, in dem die westlichen Großmächte durch Besatzung
der afrikanischen Länder und durch den Sklavenhandel die afrikanische Gesell-
schaftsstruktur ruiniert, seinen Zivilisationsprozess zerstört und die Rassen-
diskriminierung herbeigeführt haben, insofern waren die Beziehung zwischen
dem Westen und Afrika die zwischen Souveränstaaten und Kolonien (vgl. Zhang
2012:42 f.). Auch die Beziehung zwischen dem Westen und Afrika selbst nach der
nationalen Unabhängigkeit der afrikanischen Länder wird von China als hierar-
chisch betrachtet, denn der Westen verlange immer politische Konditionen und
versuche, den Afrikanern mittels der Entwicklungshilfe die westliche Kultur und
eigene politische Werte aufzuzwingen, was gegen die Gleichberechtigung ver-
stoße (vgl. Zhang 2012:44–50).
Die obige Analyse gibt zu erkennen, dass die Fremdeinschätzung in Wechsel-
wirkung mit der Eigeneinschätzung steht, und umgekehrt. Denn „bei Definition
des Fremden [kommen] nicht tatsächliche oder ,objektive’ Kriterien zur Geltung,
sondern dass letztlich unsere Beziehung zu diesem Anderen darüber entscheidet,
wie ,fern’ oder fremd es für uns ist. […] Wir definieren uns immer im Verhältnis
zu anderen – und umgekehrt.“ (Bolten 2001:53). Oder im Sinne von Hegel: „Im
Fremden das Eigene zu erkennen, in ihm heimisch zu werden, ist die Grundbe-
152   Zhao Jin

wegung des Geistes, dessen Sein nur Rückkehr zu sich selbst aus dem Anderssein
ist.“ (Gadamer 72010: 19 f.)

4 Literaturverzeichnis
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80

5 Anhang
In den deutschen Medien:
„Vom losen Bündnis zur festen Ehe“, geschrieben von Christia Putsch. Die Welt (27. Mär. 2013)
„Kolonialismus 2.0“, geschrieben von Thomas Scheen. Frankfurter Allgemeine Zeitung (27. Mär.
2013)
„Der Drache und der Strauß“. Der Spiegel 47 (18. Nov. 2013)
In den chinesischen Medien:
“中国经济增长定会为非洲带来福祉” (舒运国)(„Das chinesische Wirtschaftswachstum wird
bestimmt dem Wohl Afrikas dienen“, geschrieben von Shu Yunguo) Wenhui Zeitung (17.
März 2013)
“争取早日上马中刚大型合作项目” (钱彤、韩冰)。(„Das große Kooperationsprojekt zwischen
China und Kongo möglichst schnell in Angriff zu nehmen wird angestrebt“, geschrieben
von Qian Tong und Han Bing) Wenhui Zeitung (20. März 2013)
“祝伟大的‘中国梦’梦想成真” (卢山、张晓春)。 („Wünscht, dass der große chinesische Traum
in Erfüllung geht“, geschrieben von Lu Shan und Zhang Xiaochun) Wenhui Zeitung (25.
März 2013)
Zhou Haixia
Das Bild von Überseechinesen in den
deutschen Leitmedien
Analysiert am Beispiel von DIE ZEIT und DER SPIEGEL
(2000–2010)

1 Forschungsmotiv und -design


Vor dem Hintergrund, dass die moderne Gesellschaft heutzutage bereits zu einer
Mediengesellschaft geworden ist, geht die vorliegende Arbeit davon aus, dass
das Bild von Überseechinesen in den Medien eines Landes von repräsentati-
ver Bedeutung ist, da dies ungefähr zeigen kann, wie das Publikum in diesem
Land die Überseechinesen betrachtet. Und das Bild von Überseechinesen in den
deutschen Leitmedien spiegelt nicht nur in gewissem Sinne wider, wie das deut-
sche Publikum die Überseechinesen betrachtet, sondern teilweise auch, wie die
Medien in anderen westlichen Ländern die Überseechinesen sehen. Aufgrund
der Tatsache, dass immer mehr Menschen chinesischer Herkunft heutzutage ins
Ausland fahren oder außerhalb von China leben, ist es von größerer Bedeutung,
ihre Präsenz sowie deren Kommunikation mit den Einheimischen im Ausland zu
erforschen. Auf diese Weise sollte die Erforschung des Bildes der Überseechinesen
in den ausländischen Medien einen Beitrag dazu leisten können, den betroffenen
Menschen dabei zu helfen, das eigene Bild in den Augen der Einheimischen, d. h.
das im Ausland wahrgenommene Fremdbild über sich selbst, besser zu kennen,
was prinzipiell deren interkulturelle Kommunikation im Ausland positiv beein-
flussen dürfte und die Unverständnisse bzw. Missverständnisse zwischen unter-
schiedlichen kulturellen Gruppen abbauen helfen könnte.

Anmerkung: Die der vorliegenden Arbeit zugrunde liegenden Forschungen werden im Rahmen
des Projektes „Chinesisch-deutscher Imagereport (2000–2013)“ von CSC (No. 14@ZH036) und
DAAD kofinanziert, und auch im Rahmen des Projektes „Das Chinabild in den Augen der deut-
schen Medien und des deutschen Publikums“ aus der Projektreihe “Qingnian Yingcai Jihua”
von dem Bildungsausschuss der Stadt Peking finanziert (Nr. YETP 0828).

Zhou, Haixia, Prof. Dr., Associate Professorin für Germanistik, Department of German, Beijing
Foreign Studies University (BFSU), China

DOI 10.1515/9783110544268-008
 Das Bild von Überseechinesen in den deutschen Leitmedien   155

Das der vorliegenden Arbeit zugrunde liegende Korpus beruht auf den
Berichterstattungen über Überseechinesen in den deutschsprachigen Leitmeiden
DER SPIEGEL und DIE ZEIT während des Zeitraums von 2000 bis 2010. Mithilfe
der im Internet heruntergeladenen digitalisierten Volltexte der einzelnen Aus-
gaben der beiden Printmedien ist zuerst eine eigene Datenbank erstellt worden.
Die Texte, die mindestens einmal den Ausdruck „Chinese“ bzw. „Chinesin“ oder
die Zeichenfolge „chines“ enthalten, bilden zusammen erst die Vorversion des
Korpus. Anschließend wurde manuell jeder Text durchgelesen, und alle Texte,
die inhaltlich gar nichts mit dem Thema Überseechinesen zu tun haben oder Chi-
nesen lediglich kurz erwähnen, ohne sie konkret zu beschreiben, wurden ausge-
nommen. Die übrigen Berichterstattungen, die Überseechinesen als Hauptthema
oder eines der Unterthemen haben, bilden auf diese Weise das endgültige Korpus
der Arbeit. Zu betonen ist, dass wegen beschränkter Zeit- und Personalaufwände
im Rahmen des Forschungsprojektes nicht alle Berichterstattungen zum Thema
Überseechinesen während des obengenannten Zeitraums als Forschungsmateri-
alien ins Korpus aufgenommen wurden, sondern nur die in jeder vierten Ausgabe
der Zeitschrift bzw. Zeitung enthaltenen Artikel, nämlich jeweils in der Ausgabe
2, 6, 10, 14, … Nach diesen Kriterien wurden letztlich insgesamt 33 Texte gewon-
nen, die zusammen das Korpus der vorliegenden Arbeit bilden.
Als theoretische Grundlage dienen hier die Kenntnisse aus dem Bereich
der Medienkommunikationswissenschaft, wie Selektivität und Perspektivität
der Medien. Die von der Medienpraxis immer wieder und bis heute immer noch
behauptete Objektivität existiert eigentlich nicht. Nach den Forschungsergebnis-
sen herrscht dort die sogenannte Objektivität nur als „strategisches Ritual“ (vgl.
Schmidt und Weischenberg 1994, 227). Die Berichterstattungen sind eben keine
einfache Widerspiegelung der Wahrheit in der Gesellschaft, sondern Produkte
eines nach medieninternen und -externen Prinzipien vollzogenen Auswahlpro-
zesses, der durch Selektivität und Perspektivität des Mediensystems gekenn-
zeichnet ist (vgl. Schmidt 1993, 116). Da es hier um das Bild der Überseechinesen
in den deutschen Medien geht, werden außerdem Begriffe aus dem Bereich der
interkulturellen Kommunikation eingeführt, wie Eigenbild, Fremdbild, Ethno-
zentrismus usw. Methodisch wird hauptsächlich die kritische Diskursanalyse von
dem Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) herangezogen.1
Wie oben genannt, enthält das Korpus alle den Auswahlkriterien entsprechenden
Diskursfragmente zum Thema Überseechinesen. Diese Diskursfragmente lassen
sich dann je nach Unterthema wiederum innerhalb des gesamten Diskurses zu

1 Zu den eingeführten Begriffen wie Diskursfragment, -ereignis, -strang usw. im Rahmen der
KDA siehe Jäger und Jäger 2007.
156   Zhou Haixia

unterschiedlichen Diskurssträngen bündeln, wobei dem jeweiligen Diskursereig-


nis besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird. Durch die Analyse des jeweiligen
Diskursstrangs wird versucht, die Teilbilder der Überseechinesen zu gewinnen.
Durch das Vergleichen und Zusammenfassen dieser Teilbilder ist schließlich das
gesamte Bild der Überseechinesen zu erlangen. Erforscht werden im Rahmen
der Kritischen Diskursanalyse nicht nur das Bild der Überseechinesen in den
deutschen Medien an sich, sondern auch die hinter der Konstruktion solch eines
Bildes steckenden Gründe.

2 Darstellung der empirischen


Forschungsergebnisse
Der Kritischen Diskursanalyse des Korpus zufolge ist festzustellen, dass das Bild
von Überseechinesen in den deutschen Medien hauptsächlich von einer Tendenz
zu negativer Berichterstattung geprägt ist. Bis auf die Subgruppe „chinesische
Studierende im Ausland“ kommen in den Berichterstattungen über andere Sub-
gruppen von Chinesen, die langzeitig im Ausland leben, oft kriminelle Taten vor,
wie z. B. Menschenschmuggel und illegale Zuwanderung, Schwarzarbeit, Geld-
wäscherei, organisierte Kriminalität der sogenannten chinesischen Mafia usw.
Ein typisches, klischeehaftes mediales Bild und Betrachtungsmuster (Frame)
liefern diesbezüglich die Berichterstattungen über China-Restaurants und
Händler chinesischer Herkunft im Ausland. Anhand der Berichterstattungen ist
im Großen und Ganzen festzustellen, dass die Gruppe der Überseechinesen in
den deutschen Medien hauptsächlich als Sicherheitsrisiko konstruiert werden. In
den deutschen Medien wird sogar vermutet, dass die Überseechinesen als Gruppe
gewisse staatsinteressenbezogene Aufgaben Chinas im Ausland erfüllen sollten.
Diese Behauptung hat in den letzten Jahren dazu beigetragen, dass die These
der „Gelben Gefahr“ in Bezug auf Chinesen wieder ins Leben gerufen worden ist.
Die Subgruppe „chinesische Touristen“, die nur kurzfristig ins Ausland reisen,
wird medial ebenfalls negativ dargestellt. Sie werden zwar nicht als Bedrohung
angesehen, aber werden in den deutschen Medien auch nicht als herzlich will-
kommene Gäste gezeichnet, sondern nur als von der Wirtschaft begehrte Konsu-
menten.
 Das Bild von Überseechinesen in den deutschen Leitmedien   157

2.1 Illegal Zugewanderte und Menschenschmuggel

Eine der vielen Facetten des gesamten Überseechinesen-Bildes bildet das Wort
„Menschenschmuggel“. Insbesondere das Ereignis, dass 58 Chinesen auf dem
Weg nach Dover qualvoll starben (vgl. Falksohn et al. 2000), ist innerhalb des
Diskursstrangs zum Diskursereignis dieses Unterthemas entwickelt worden. Das
häufige Thematisieren dieses Ereignisses in den deutschen Medien vermittelt
einerseits den deutschen Rezipienten den Eindruck, dass es eine große Menge
von Chinesen gebe, die illegal ins Ausland einwandern würden, andererseits
wird das Stereotyp bzw. Vorurteil bezüglich der Überseechinesen verstärkt, dass
sich unter den Überseechinesen im Westen sehr viele illegale Einwanderer ver-
stecken. DER SPIEGEL meint z. B., dass die chinesische Provinz Fujian wegen
ihrer geographischen Lage an der Küste eine jahrhundertelange Tradition des
Schmuggels habe (vgl. Falksohn et al. 2000). Was die Hauptursache des Phäno-
mens angeht, vertreten sowohl DER SPIEGEL als auch DIE ZEIT die Ansicht, dass
dies daran liege, dass Chinesen, insbesondere die chinesische Landbevölkerung,
in Not und Armut leben (vgl. o.V. 2000b) und sich daher nach dem Wohlstand
in westlichen Ländern sehnen (vgl. Falksohn et al. 2000). Deswegen sei es laut
den beiden Printmedien „kein Wunder, dass die Geschäfte der Schlepper blühen“
(o.V. 2000b).
Den Berichterstattungen nach haben die USA und die europäischen Länder
Maßnahmen gegen illegale Zuwanderung ergriffen. Laut derer setzte Washington
im Kampf gegen illegale Einwanderer aus der Volksrepublik China auf psycholo-
gische Kriegsführung (vgl. o.V. 2000a). Die Amerikaner sollten durch die bedrü-
ckenden Filmmaterialien der gescheiterten Flucht versuchen, potentiellen chine-
sischen Flüchtlingen Angst und Schrecken einzujagen und ihnen die Botschaft
zu vermitteln: Auf Flüchtlinge warten Tod oder Deportation (vgl. o.V. 2000a).
Im Anschluss daran appellieren die deutschen Medien auch, dass der gemein-
same europäische Kampf gegen die hoch professionellen Fluchthelfer verbessert
werden sollte (vgl. Falksohn et al. 2000).
Dem in den deutschen Medien konstruierten Überseechinesen-bezogenen
Stereotyp bzw. Vorurteil entsprechend, dass zahlreiche Chinesen illegal in westli-
che Länder zugewandert wären und illegal dort lebten, setzen DER SPIEGEL und
DIE ZEIT beide in Zweifel, dass die Zahl der offiziell angemeldeten Einwohner der
Siedlungsgebiete von Überseechinesen sich seit Jahren nicht ändere oder dass
eine genaue Zahl der Einwohner solcher Siedlungsgebiete im statistischen Sinne
überhaupt nicht existiere (vgl. Schmidt-Häuer 2000; Smoltczyk 2007). In einem
Artikel aus dem Jahr 2000 in DIE ZEIT steht:
158   Zhou Haixia

„Niemand weiß genau, wie viele Chinesen in Budapest leben. […] die Leichen der Menschen
sind unauffindbar. Seit einem Jahrzehnt. […] Wer stirbt, verschwindet. Bisher spurlos. Nur
sein Pass kommt einem neuen chinesischen Einwanderer zugute.“ (Schmidt-Häuer 2000)

Dieser Artikel behauptet, dass Budapest Chinas europäischer Brückenkopf für


den Schmuggel mit Billigwaren und Menschen sei (vgl. Schmidt-Häuer 2000).
Ähnliche Aussagen gibt es auch in DER SPIEGEL, aber diesmal nicht über die
Überseechinesen in Budapest, sondern über die in Rom lebenden Chinesen, über
„unsterbliches China“ (Smoltczyk 2007):

„Sicher ist, dass die Zahl der Aufenthaltsgenehmigungen lange Jahre vollkommen konstant
war. Keiner kam, keiner ging, keiner starb. Jetzt kommen sie wieder. Aber gestorben wird
immer noch nicht.“ (Smoltczyk 2007)

Laut des Artikels sollte die römische Polizei eine Sonderkommission auf das Mys-
terium der toten Chinesen angesetzt haben, weil in Italien verschiedene Gerüchte
und Vermutungen bezüglich dessen verbreitet seien, und viele davon seien alles
andere als harmlos, wie z. B. [dass die Chinesen dort] „die Toten in die Suppe
schneiden“ (Smoltczyk 2007). Den mystisch wirkenden Überseechinesen wird
offenbar alles zugetraut, nicht nur in Budapest und in Rom, sondern auch in den
deutschen Medien.
Die Zweifel der deutschen Medien an der tatsächlichen Zahl der Einwohner
im Siedlungsgebiet der Überseechinesen implizieren die Einstellung, dass es sehr
üblich wäre, illegale Einwanderer unter den Überseechinesen zu finden, was wie-
derum an das Thema Menschenschmuggel erinnern sollte. Gleichzeitig spricht
das sogenannte „Mysterium der toten Chinesen“ (Smoltczyk 2007) auch dafür,
dass Überseechinesen in den Augen der westlichen Gesellschaft rätselhaft und
mystisch wirken. Sie zeigen sich als illegal ins Ausland eingewanderte Menschen-
gruppen und sollen nach den Medien dort ein in sich geschlossenes Gruppenle-
ben führen.
Hier ist zu betonen, dass eines der Attribute des Unterthemas „illegale
Zuwanderung“ sich darauf bezieht, dass die Siedlungsgebiete der Überseechine-
sen, wo die illegalen Einwanderer aus China normalerweise gelandet sind, als
Unsicherheitsfaktoren im Gesellschaftsleben des jeweiligen Landes dargestellt
werden. In den Berichterstattungen steht z. B., die neu gelandeten Einwanderer
chinesischer Herkunft könnten keinen Job finden, und „manche versuchen sich
auf den Straßen als Masseure für Touristen, andere sinken in die Kriminalität
ab, wobei die Opfer meistens ebenfalls Chinesen sind.“ (Falksohn et al. 2000)
Die Polizei aus Budapest solle eine Regel der Kriminalität im Siedlungsgebiet der
Überseechinesen feststellen können, laut der
 Das Bild von Überseechinesen in den deutschen Leitmedien   159

„sich Erpressungen, Entführungen und Morde jeweils zwischen Januar und März häuften.
[…und] dieser regelmäßige Anstieg der Kriminalität mit dem Mondneujahr zusammen-
hing – da muss man die Schulden begleichen.“ (Falksohn et al. 2000)

Im engen Zusammenhang zum Stereotyp bezüglich der Überseechinesen als


Sicherheitsrisiko gibt es noch andere Vorurteile bzw. Stereotype über die Sied-
lungsgebiete dieser Gruppe sowie über die von Überseechinesen betriebenen
Läden oder China-Restaurants usw. So heißt es, dass chinesische Mafia über die
Siedlungsgebiete der Überseechinesen herrsche und dass China-Restaurants
sowie Läden oder Casinos im Besitz von Chinesen oft mit Geldwäscherei zu tun
hätten. Diese Vorurteile bzw. Stereotype unterstützen in gewissem Sinne das
Gesamturteil der Medien über illegal zugewanderte Chinesen als Unsicherheits-
faktoren im Ausland, weil es die Rezipienten assoziieren lässt, dass die allge-
meine Lebensumgebung der Überseechinesen eben schon von illegalen Geschäf-
ten und Kriminalität geprägt ist.
Wie oben erwähnt, behaupten die deutschen Medien außerdem, dass die
Überseechinesen staatsinteressenbezogene Aufgaben im Ausland zu erfüllen
hätten. Vermutet wird z. B., dass Budapest zur heimlichen Hauptstadt der Chi-
nesen in Europa geworden sei und aus der ungarischen Metropole heute alle chi-
nesischen Gemeinschaften in Europa gelenkt würden (vgl. Schmidt-Häuer 2000).
In den Medien steht sogar, dass die chinesische Regierung oder der chinesische
Geheimdienst dahinterstecken würde (vgl. Schmidt-Häuer 2000). Solche Vermu-
tungen sind dem Vorwurf gegenüber Überseechinesen in Deutschland beispiels-
weise in der Titelgeschichte „Prinzip Sandkorn“ in DER SPIEGEL sehr ähnlich,
dass sie in Deutschland das Knowhow für China spionieren würden: „Mit einem
Spitzel-Heer gehen Chinas Geheimdienste auf die Jagd nach dem wichtigsten
Rohstoff von Exportweltmeister Deutschland: Know-how.“(Dahlkamp et al. 2007)
In diesem Sinne ergibt sich aus der Analyse, dass Überseechinesen nicht nur als
Unsicherheitsfaktor für das gesellschaftliche Leben vor Ort betrachtet werden,
sondern auch als Bedrohung der Staatsinteressen Deutschlands bzw. westlicher
Länder. Das in den deutschen Medien konstruierte Teilbild von Überseechine-
sen entspricht nicht nur dem negativen Chinabild in den deutschen Medien
heute oder der These „chinesische Bedrohung“, die im Westen weit verbreitet
ist, sondern hat seine Wurzel schon in der Geschichte: Das Chinabild in Europa
hat schon immer zwischen Verteufelung und Idealisierung gependelt.(vgl. Zhou
2010, 12)
160   Zhou Haixia

2.2 China-Restaurants und Illegalität

China-Restaurants sind heutzutage weit verbreitet im Westen mit ihrem guten


kulinarischen Ruf. Im Gegensatz dazu scheint das konstruierte Bild von China-
Restaurants in den deutschen Medien nicht besonders attraktiv zu sein. Stattdes-
sen treten China-Restaurants in den Berichterstattungen häufig im Kontext unter-
schiedlicher Formen von Illegalität und Kriminalität auf. Der siebenfache Mord
im China-Restaurant Lin Yue im niederländischen Sittensen nahe Hamburg ist
innerhalb des Diskursstrangs zum Unterthema „China-Restaurants“ so wichtig,
dass dieses Ereignis sich zum Diskursereignis entwickelt hat und somit einen
hohen Stellenwert einnimmt und Einfluß auf die Qualität des Diskursstrangs
ausüben kann. Das mehrfache und intensive Berichten über dieses Ereignis und
die große Aufmerksamkeit, die ihm die deutschen Medien geschenkt haben,
aktivieren die Vermutungen bzw. Gerüchte bezüglich China-Restaurants, die
ohnehin schon lange unter dem deutschen Publikum verbreitet waren, dass
hinter China-Restaurants oft organisierte Kriminalität stecken würde, wie Geld-
wäscherei, Mafia, Schwarzarbeit usw. Dem entsprechend steht z. B. in einem
Artikel: „Auch das BKA bestätigte, dass China-Restaurants ‚oftmals Kristallisa-
tionspunkt chinesischer organisierter Gewalt‘ sind.“ (Pfaff 2007) Dass die Mafia
hinter China-Restaurants stecke, ist und bleibt ein hartnäckiges Stereotyp bzw.
Vorurteil in den deutschen Medien und wird daher in den Berichterstattungen in
Bezug auf China-Restaurants immer wieder thematisiert. Beispielsweise wird in
den Medien noch in Bezug auf die Explosion in einem anderen China-Restaurant
die Vermutung geäußert, dass der Vorfall mutmaßlich auf die chinesischen Fami-
lienverbände und die blutige Rache zurückzuführen sei. (vgl. Schmidt-Häuer
2000) Zu lesen ist in den deutschen Medien z. B. auch, dass chinesische Köche in
deutschen Asia-Restaurants meist ausgebeutet, rechtlos und miserabel bezahlt
und Opfer systematischen Menschenhandels seien (vgl. Ulrich 2009), oder dass
deutsche China-Restaurants mit einem weitverzweigten System von Schutzgel-
derpressungen (vgl. Ulrich 2009) in Verbindung stünden.
Neben den Verbindungen zur Mafia werden China-Restaurants in den deut-
schen Medien auch mit konkreten illegalen Tätigkeiten in Verbindung gebracht,
wobei Geldwäscherei (vgl. Smoltczyk 2007) und Schwarzarbeit (vgl. Schmidt
2004) die typischsten und meistgenannten sind. Die deutschen Medien stellen
in diesem Zusammenhang „eine Art Sklavenhandel des 21. Jahrhunderts“ (Ulrich
2009) in deutschen China-Restaurants fest. Die chinesischen Köche seien durch
die als Vermittlungsagenturen getarnten Schleuserorganisationen nach Deutsch-
land bzw. in den Westen gelockt worden und würden dort als Sklaven am Wok
„schuften“. (Ulrich 2009)
 Das Bild von Überseechinesen in den deutschen Leitmedien   161

„Fast allen Köchen wurde gleich nach ihrer Ankunft der Pass abgenommen. Nach Welkes
Erkenntnissen wurden die Pässe teilweise von anderen Personen dafür benutzt, Spielka-
sinos zu besuchen oder Gelder nach China zu transferieren. Die Ermittler halten es auch
für möglich, dass mit diesen Pässen Chinesen illegal in die EU geschleust werden.“ (Ulrich
2009)

Dass das mit Illegalität eng zusammenhängende China-Restaurant-bezogene Ste-


reotyp bzw. Vorurteil in den deutschen Medien immer wieder in den Berichter-
stattungen zu dem entsprechenden Thema angesprochen und auf diese Weise
bestätigt wird, wirkt sich selbstverständlich negativ auf das Bild der Überseechi-
nesen als Gruppe aus, und zwar sowohl auf deren mediales Bild, als auch auf das
Bild von ihnen in den Augen des deutschen Publikums.

2.3 Überseechinesen als Händler in ausländischen Grenzstäd-


ten an der Grenze zu China

Neben den in den entwickelten mitteleuropäischen Ländern lebenden Über-


seechinesen ziehen auch die Chinesen in ausländischen Grenzstädten an der
Grenze zu China die Aufmerksamkeit der deutschen Medien auf sich, z. B. die
in den an China grenzenden russischen Städten lebenden Händler chinesischer
Herkunft. Das in den deutschen Medien konstruierte Bild von Überseechinesen in
den Grenzstädten Russlands ist dem von den in den entwickelten europäischen
Ländern lebenden Überseechinesen in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich.
Es geht hier genauso um die illegale Zuwanderung der Überseechinesen und
um die Not und Armut der Landbevölkerung in China. Der Berichterstattung
zufolge seien die fleißigen Händler zumeist arme Bauern aus Nordchina. (vgl.
Voswinkel 2004) Darüber hinaus handelt es sich in Bezug auf das Bild der in den
russischen Grenzstädten lebenden Überseechinesen ebenso um das Stereotyp,
dass unter Überseechinesen oft Kriminalität herrscht:

„Geldwäsche übernehmen mit Vorliebe auch große und kleine Spielclubs, die offen oder
über Strohmänner Chinesen gehören […] Rubel-Milliarden fließen schwarz an der Staats-
kasse vorbei – direkt nach China oder in das Netz halb legaler chinesischer Unternehmen
im Gastland.“ (Mettke 2002)

Die Überseechinesen in den russischen Grenzstädten, in denen die Wirtschaft


unterentwickelt ist, werden in den deutschen Medien ebenfalls als Sicherheits-
risiko für die einheimische Gesellschaft dargestellt. Laut den Medien seien die
Überseechinesen für viele Russen „der Inbegriff der ‚gelben Gefahr‘“ (Voswin-
kel 2004). Sie seien in den Augen der Russen wie eine gefährlich anschwellende
162   Zhou Haixia

gelbe Flut (vgl. Mettke 2002). So wie in dem Siedlungsgebiet von Überseechinesen
in Budapest „das Labor für Pekings Interessen“ (Schmidt-Häuer 2000) gesehen
wird, steht hier in den Berichterstattungen auch ähnliches:

„Wiktor Ischajew, Gouverneur von Chabarowsk, hält die ‚einigen hunderttausend illegal in
Fernost wohnenden Chinesen‘ nicht nur für ein Sicherheitsrisiko. Er glaubt, dass Peking
ein geheimes Programm zur Aneignung russischer Erde ausgeheckt habe, ein besonders
raffiniertes.“ (Mettke 2002)

Nach den deutschen Medien „glauben mehr als 70 Prozent der Russen der Pri-
morje-Hauptstadt weiterhin an einen chinesischen Generalplan zur Eroberung
des Fernen Ostens“ (Voswinkel 2004). Wegen der großen Anzahl der dort leben-
den Überseechinesen meinen die deutschen Medien, dass Chinesen die an China
grenzenden Städte erobert hätten (vgl. Voswinkel 2004), und deren Siedlungs-
gebiete werden entsprechend als „eine illegale Kolonie Chinas“ (Mettke 2002)
bezeichnet.
Aber anders als das von den deutschen Medien konstruierte Bild der Überse-
echinesen in den entwickelten mitteleuropäischen Ländern ist das Bild der Über-
seechinesen in den russischen Grenzstädten nicht nur einseitig negativ geprägt,
sondern zeigt auch gewisse positive Facetten. Die deutschen Medien erkennen
hier noch einen gewissen Beitrag der Überseechinesen für diese Grenzstädte an.
Laut den Berichterstattungen hätten die Überseechinesen mit ihren Waren die
einheimischen Einwohner „vor dem Waren-Hungertod gerettet“ und billig „von
Kopf bis Fuß eingekleidet“ (Mettke 2002). Die chinesischen Waren hätten den von
Moskau vergessenen Fernen Osten ernährt und gekleidet. (vgl. Voswinkel 2004)
Ferner ist zu erwähnen, dass sonst oft in Bezug auf Chinesen genannte Ste-
reotype wie „Fleiß“ oder „Herstellung und Verkauf billiger Waren“ im Kontext der
in den russischen Grenzstädten lebenden Chinesen auch thematisiert werden, so
wie in den Berichterstattungen über Überseechinesen in den entwickelten euro-
päischen Ländern.
Ein anderer Artikel im Korpus handelt davon, dass Überseechinesen in den
an China grenzenden Städten Laos Geschäfte und Handel betreiben. Der Unter-
titel des Artikels lautet: „Weitgehend unbemerkt verschiebt China seine Grenzen
nach Süden. Investoren aus dem Riesenreich pachten ganze Ortschaften und
lassen die Einwohner vertreiben.“ (Thielke 2012) Dem Artikel nach sei das eine
„moderne Form des Kolonialismus“ (Thielke 2012), denn in diesen Gebieten
werde ausschließlich Mandarin gesprochen, die Schriftzeichen an den Geschäf-
ten seien chinesisch, die Währung sei der Yuan, und die Uhren zeigen die Zeit von
Peking an und nicht die von Vientiane, der laotischen Hauptstadt. (vgl. Thielke
2012) Der Artikel weist darauf hin, dass Überseechinesen sich große Ackerflä-
 Das Bild von Überseechinesen in den deutschen Leitmedien   163

chen, etwa in Sambia, Uganda oder im Kongo sichern würden, und ordnet auch
dies der sogenannten modernen Form des Kolonialismus zu. Das entspricht den
Berichterstattungen in den deutschen Medien über Chinas Präsenz in Afrika, in
denen China immer wieder als „neue Kolonialherren“ (vgl. Lorenz und Thielke
2007; Grill 2006) gebrandmarkt wird. Als Sicherheitsrisiko werden die Überse-
echinesen auch hier betrachtet. Dem Artikel nach hätten die Überseechinesen
den Ort zu einer „chinesischen Stadt“ gemacht, indem sie die Wirtschaft dort
völlig unter Kontrolle hätten. Die meisten Laoten, die einst dort lebten, wären
zum Umziehen gezwungen worden.

„Und weil in Boten vornehmlich das Laster lockt, trauen sich Laoten nicht mehr in diesen
Teil ihres Heimatlandes. Sowohl Glücksspiel als auch Prostitution sind den Laoten unter-
sagt. Und die wenigen Laoten, die hier noch leben, halten Abstand zu den Eroberern aus
dem Nachbarland.“ (Thielke 2012)

Zusammenfassend ergibt sich aus der Analyse, dass die Siedlungsgebiete von
Überseechinesen im Ausland, egal ob sie sich in Europa oder in den Grenzstäd-
ten der Nachbarländer Chinas befinden, von den deutschen Medien meistens als
eine Art Bedrohung dargestellt werden. Wenn diese sich in den wirtschaftlich
entwickelten Ländern befinden, werden die Überseechinesen eher als Sicher-
heitsrisiko aus armen Ländern betrachtet und deren Bild ist eher von Illegalität
und Kriminalität geprägt, während die in den wirtschaftlich unterentwickelten
ausländischen Grenzstädten lebenden Überseechinesen eher für „Kolonialher-
ren“ gehalten werden, die sich aggressiv zeigen und die betreffenden Gebiete im
Ausland erobern würden oder erobert hätten. Aber sowohl in dem ersten Bild der
Überseechinesen als auch in dem zweiten ist die These der „Gelben Gefahr“ und
die sogenannte „chinesische Bedrohung“ zu spüren.

2.4 Chinesische Studierende in Deutschland bzw. im Ausland

Anders als die anderen Subgruppen von Überseechinesen ist das von den deut-
schen Medien konstruierte Bild der in Deutschland bzw. im Ausland studieren-
den Chinesen wesentlich positiver. Nicht nur die chinesischen Studierenden
in Deutschland, sondern auch chinesische Studierende im Ausland allgemein
werden in den deutschen Medien neutral bis positiv betrachtet. Ein markantes
Merkmal der Gruppe chinesischer Studierender ist laut den Berichterstattungen
„Fleiß“ und „Studierwille“: „Der eiserne Studierwille ist weltweit zum Marken-
zeichen chinesischer Studenten geworden.“ (Blume 2002) Ferner sind die chine-
sischen Studierenden in den Augen der deutschen Medien durch hohe fachliche
164   Zhou Haixia

Qualifikation gekennzeichnet, deswegen würden sie im Ausland trotz riesiger


Absolventenzahlen umworben (vgl. Schramm 2010). In den Berichterstattungen
werden die chinesischen Studierenden mit Ausdrücken wie „chinesische Eliten-
studenten“ oder „Elite“ oder „Chinas kluge Köpfe“ (Blume 2005) usw. bezeichnet.
In dieser Wortwahl spiegelt sich das positive Bild der chinesischen Studierenden
wider. Angesichts der hohen Anerkennung und des guten Images der chinesi-
schen Studierenden in der Welt meinen die deutschen Medien, dass die deut-
schen Universitäten dabei einen Nachteil gegenüber denen in den USA hätten,
weil für die meisten chinesischen Studierenden die USA die erste Wahl und
„das Gelobte Land“ als Studienort im Ausland seien (vgl. Fischermann 2002).
Daher appellieren die deutschen Medien, dass die deutschen Universitäten sich
bemühen sollen, mehr chinesische Studierende anzuwerben. (vgl. Fischermann
2002)
Nicht nur der fachlichen Qualifikation der chinesischen Studierenden im
Ausland wird Aufmerksamkeit in den deutschen Medien geschenkt, sondern
auch dem großen Umfang dieser Guppe sowie dem dahinter steckenden gesell-
schaftlichen und kulturellen Grund, aus dem so viele Chinesen gern ein Aus-
landsstudium absolvieren. DIE ZEIT meint z. B., dass die Zahl der im Ausland
studierenden Chinesen sich in den letzten Jahren immer wieder erhöht habe,
denn der Glaube, dass ein Auslandsstudium der goldene Weg zu Bildung, Reich-
tum und Ansehen sei, trage Züge einer Volksreligion. (vgl. Blume 2002) Wie oben
erwähnt, sind die deutschen Medien aufgrund der hohen fachlichen Qualifika-
tion der chinesischen Studierenden der Meinung, dass deutsche Universitäten
die Chance nicht verpassen dürften, chinesische Studierende anzuwerben. Ins-
besondere seitdem die Einreisebedingungen in den USA nach dem 11. September
2001 strenger geworden sind, sehen die deutschen Medien eine gute Chance für
die deutschen Universitäten. Laut den Medien sei Deutschland vor diesem Hin-
tergrund zur zweiten Wahl für die Chinesen als Studienort im Ausland gewor-
den und es ziehe lerneifrige Chinesen zu Zehntausenden nach Deutschland.
(vgl. Blume 2002) Laut den Angaben der Medien habe sich die Zahl der chine-
sischen Studenten von 2001 bis 2006 deutschlandweit verdoppelt. (vgl. Wiarda
2006). Und der Trend bleibt auch danach unverändert und unter ausländischen
Studierenden in Deutschland sollen die Studenten aus China seit Jahren oft den
größten Anteil ausmachen. (vgl. Hoffinger 2010) Zu erwähnen ist, dass das Bild
der im Ausland studierenden Chinesen jedoch nicht nur positive Seiten zeigt. Es
enthält auch teilweise negative Punkte, die sich zwar vergleichsweise wenig auf
das gesamte Bild auswirken, aber nicht übersehen werden dürfen. Es geht dabei
darum,
 Das Bild von Überseechinesen in den deutschen Leitmedien   165

„dass private chinesische Vermittlungsagenturen […] mit dubiosen deutschen Partnern zu


Tausenden junge Chinesen mit gefälschten Universitätszeugnissen nach Deutschland ein-
schleusten, um für das Arrangement einer im Prinzip kostenlosen Universitätszulassung
fünfstellige Euro-Summen zu kassieren.“ (Blume 2002)

Von vielen auf diese Weise in Deutschland gelandeten chinesischen Studen-


ten, denen es an elementaren Fähigkeiten fehle, seien deutsche Universitäten
enttäuscht. (vgl. Blume 2002) Das ist auch der Hintergrund der Einrichtung
einer Akademischen Prüfungsstelle (APS) in der deutschen Botschaft in Peking
gewesen, deren Aufgabe darin liegen solle, die Studienanträge der chinesischen
Studierenden zu prüfen. (vgl. Wiarda 2006) Die deutschen Medien können die
diesbezüglichen Sorgen einiger deutscher Universitäten zwar gut verstehen, aber
aufgrund des guten Images der meisten chinesischen Studierenden halten sie
nicht viel von der bürokratischen Bildung der APS, weil es ein Hindernis für mehr
Elitestudenten aus China nach Deutschland sei, und damit hätten die deutschen
Universitäten eben auch die beste Chance verpasst, möglichst viele kluge Köpfe
aus China zu gewinnen. (vgl. Blume 2002)
Einen anderen Trend bezüglich der im Ausland studierenden Chinesen
betonen die deutschen Medien in den letzten Jahren besonders stark: Immer
mehr Absolventen chinesischer Herkunft kehren nämlich nach dem Abschluss
des Auslandsstudiums nach China zurück. Die hohe mediale Aufmerksamkeit
auf diesen Trend hängt einerseits mit dem positiven Bild der chinesischen Stu-
dierenden zusammen und ist andererseits auf den Kontext des Wirtschaftsauf-
schwungs Chinas sowie auf die damit eng verbundene These der chinesischen
Bedrohung zurückzuführen. Das Positive an den chinesischen Studierenden im
Ausland wendet sich dann ins Gegenteil, wenn es aus einer anderen Perspektive
betrachtet wird. Die zunehmende Rückkehr der chinesischen Studenten nach
China wird von den deutschen Medien in gewissem Sinne im Kontext des chi-
nesischen Machtzuwachses interpretiert und dabei als potentielle Bedrohung
wahrgenommen:

„Im Westen wurden Chinas kluge Köpfe zur Elite ausgebildet. Jetzt rüsten sie die Volksrepu-
blik zur technologischen Supermacht des 21. Jahrhunderts auf.“ (Blume 2005)

Entsprechend werden in den Berichterstattungen zum Thema chinesischer Tech-


nologie sowie deren Entwicklung immer wieder die nach ihrem Auslandsstudium
nach China zurückkehrenden Chinesen als wichtige Humanressourcen erwähnt.
Oft wird parallel dazu auch Chinas Politik thematisiert, die Rückkehr der Absol-
venten chinesischer Herkunft auf Staatsebene zu fördern: Das Land „startete eine
Kampagne, um erfolgreiche Auswanderer wieder nach China zu locken, Gratis-
flüge für die ganze Familie inbegriffen.“ (Fischermann 2002)
166   Zhou Haixia

In dem Kontext, dass chinesische Studierende im Ausland zunehmend nach


China zurückkehren, werden deren eiserner Studierwille und hohe Fachqualifi-
kation nicht mehr hoch gelobt, sondern im Kontext des Wirtschaftsaufschwungs
Chinas eher als harte Konkurrenz und sogar Bedrohung in Bezug auf den Wett-
bewerb der technischen Entwicklung zwischen westlichen Ländern und China
betrachtet. Dieser Gegensatz liegt an dem Perspektivenwechsel und spiegelt
die Diskursdisposition der deutschen Medien wider, die sich an den Interessen
Deutschlands orientieren.

2.5 Chinesische Touristen in Deutschland

Eine andere Gruppe von Chinesen in Deutschland bzw. in Europa, denen in den
deutschen Medien Aufmerksamkeit geschenkt wird, bilden die chinesischen Tou-
risten. Anders als die anderen Subgruppen leben sie nicht langzeitig im Ausland,
sondern bleiben nur kurz als Reisende dort. Daher ist das Bild der Gruppe „chi-
nesischer Touristen“ in den deutschen Medien auch ganz anders geprägt als das
der anderen Subgruppen, die langzeitig im Ausland leben. Der Schwerpunkt liegt
nämlich nicht mehr darauf, wie sie dort ihr Leben führen, sondern wie sie sich
im Ausland benehmen, d. h. es geht hier eher um kulturelle Unterschiede zwi-
schen China und Deutschland wie Sitten und Gewohnheiten. In DER SPIEGEL
steht z. B.:

„Chinesen entdecken Europa als Urlaubsziel. Hotels und Gaststätten stellen sich auf den
Ansturm aus Fernost ein, tun sich aber noch schwer mit manchen Gebräuchen.” (Jung 2006)

Durch diese als Untertitel dienenden Sätze ist zu erschließen, dass die chinesi-
schen Touristen einerseits wegen ihrer großen Menge rein wirtschaftlich profi-
torientiert als Kunden bzw. Konsumenten willkommen sind, aber andererseits
wegen kultureller Unterschiede nicht gerade beliebte Gäste in Deutschland sind.
Zu dem Trend, dass immer mehr Chinesen nach Deutschland bzw. Europa
reisen, vertreten die deutschen Medien die Ansicht, dass sich dies auf die Wirt-
schaftsentwicklung Chinas zurückführen lasse. Nach den Berichterstattungen
sollen Chinesen nach jahrelangem „Schuften“ und Sparen sich etwas gönnen
wollen, zumindest jene drei Prozent der Gesellschaft, die es sich leisten könnten.
(vgl. Jung 2006) Die deutschen Medien betrachten es als eine von der Mittelschicht
und den Neureichen Chinas neu entdeckte Freizeitmöglichkeit, ins Ausland zu
reisen. Daher zeigen sich die in Deutschland bzw. in Europa reisenden Chine-
sen in den deutschen Medien hauptsächlich als wohlhabend und konsumfreudig
und -fähig, oder sogar -gierig. Den Berichterstattungen zufolge würden unter chi-
 Das Bild von Überseechinesen in den deutschen Leitmedien   167

nesischen Touristen Kaufhäuser mindestens als genauso sehenswert wie Kirchen


gelten. (Jung 2006) Dabei betonen die deutschen Medien oft, dass die chinesi-
schen Touristen inzwischen weltweit zu den größten Gruppen gehören würden,
die viel Geld für zollfreie Waren (vgl. o.V. 2006) bzw. Luxusartikel ausgeben (vgl.
Ingenhoven 2008). Davon profitiert natürlich auch Deutschland als eines der
Reisezielorte der chinesischen Touristen. Das nehmen die deutschen Medien zur
Kenntnis und sie weisen darauf hin, dass deutsche Markenwaren bei Chinesen
einen hervorragenden Ruf hätten (vgl. Blume 2002).
Abgesehen von den wirtschaftlichen Vorteilen für den Einzelhandel in
Deutschland werden chinesische Touristen in den deutschen Medien eigentlich
nicht als willkommene Gäste wahrgenommen. Ein wichtiges Merkmal der Tou-
risten aus China sieht laut den Berichterstattungen so aus: „Chinesen möchten
in kürzester Zeit möglichst viel sehen.“ (Röpke 2003) Chinesische Touristen
werden in den deutschen Medien gern mit Touristen aus Japan verglichen. Den
Berichterstattungen nach bestehe der Ehrgeiz chinesischer Touristen darin, so
viele Länder wie möglich mitzunehmen  – wie früher die Japaner. (vgl. Blume
2002) Zur Begründung des Phänomens wird der Tourismusprofessor Wolfgang
Georg Arlt aus Stralsund zitiert. Er meint, Chinesen reisten nicht zum Spaß nach
Deutschland bzw. Europa, wie Deutsche sich Urlaub vorstellen, sondern Chine-
sen wollten damit zu Hause angeben können, wo man überall gewesen sei. Das
sollte den Status heben helfen. (vgl. Jung 2006) Die Art und Weise, wie Chine-
sen im Ausland ihre Reise gestalten, entspräche nämlich den Vorstellungen von
Deutschen über Reisen und Urlaub nicht und werde daher gern von den deut-
schen Medien als merkwürdige Eigenschaft chinesischer Touristen thematisiert.
Darüber hinaus sollen deutsche Hoteliers und Gastwirte sich mit manchen
chinesischen Gebräuchen schwer tun. (vgl. Blume 2002) Diesbezüglich wird z. B.
Folgendes in den Berichterstattungen genannt: „Etwa wenn der Rezeptionist den
Schlüssel nicht zuerst dem Ranghöchsten in der Gruppe aushändigt. Da fühlten
sich die anderen peinlich berührt.“ (Blume 2002) Hinter den in den Augen der
deutschen Medien befremdlich wirkenden chinesischen Gebräuchen dieser Art
stecken eigentlich kulturelle Unterschiede zwischen China und Deutschland.
Aber die in den entsprechenden Berichterstattungen implizierte Einstellung
gegenüber chinesischen Touristen ist eben auf den Mangel der Toleranz bzw.
Empathie der deutschen Medien gegenüber andersartigen Kulturen zurückzu-
führen, was oft dazu führen kann, dass Menschen aus anderen Kulturen, auch
Outgroup genannt, einfach wegen ihrer Andersartigkeit im Verhalten oder im
Denken abwertend beurteilt werden. Neben impliziten Beschwerden sind in den
Berichterstattungen auch Vorwürfe gegen chinesische Touristen im Klartext zu
lesen: „Regelmäßig kommen Reiseleitern Beschwerden zu Ohren über Touristen,
die auf den Boden spucken oder am Büfett schmatzen und rülpsen.“ (Blume 2002)
168   Zhou Haixia

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass das Bild der chinesischen Tou-
risten in Deutschland bzw. Europa aus zwei Perspektiven zu betrachten ist. Auf
der einen Seite sind sie wegen ihrer Konsumfähigkeit und der dadurch entstande-
nen Vorteile für die deutsche Tourismusindustrie willkommen, auf der anderen
Seite sind sie aber als Gäste aus Fernost mit unterschiedlichen Kulturprägungen
bei Deutschen nicht gerade beliebt. Das Bild der chinesischen Touristen in den
deutschen Medien tendiert eher zum Negativen. Durch die getroffene Wortwahl
„Ansturm [aus Fernost]“ (Blume 2002), womit die gestiegene Zahl an Touris-
ten aus China gemeint sind, ist in gewissem Sinne der Unterton der negativen
Tendenz zu erschließen.

3 Resümee und Schlusswort


Aufgrund der medialen Teilbilder der Überseechinesen kann man zusammenfas-
send zu dem Ergebnis kommen, dass das konstruierte Bild der Überseechinesen
in den deutschen Medien überwiegend negativ ist. Bis auf die Subgruppe der chi-
nesischen Studierenden werden die Überseechinesen eher negativ wahrgenom-
men, egal ob sie langzeitig im Ausland leben oder arbeiten, oder nur kurzfristig
dorthin reisen. Im ersten Fall werden sie oft als Sicherheitsrisiko und Bedrohung
betrachtet, während die chinesischen Touristen in Deutschland bzw. Europa
oft wegen ihrer aus deutscher Perspektive unangemessenen Verhaltensweisen,
aber oft auch nur wegen ihrer Andersartigkeit im Verhalten und Denken, negativ
beurteilt werden. Im Vergleich dazu genießen die chinesischen Studierenden
wegen des Fleißes und der hohen Fachqualifikation in den deutschen Medien
hauptsächlich ein gutes Image. Gleichzeitig werden die immer öfter nach China
zurückkehrenden Absolventen chinesischer Herkunft wegen ihrer hohen Fach-
qualifikation wiederum als gewisse Konkurrenz für westliche Länder im Bereich
der Technologie betrachtet und im Kontext des chinesischen Machtzuwachses in
der Welt sogar als eine Art Bedrohung wahrgenommen.
In den Diskursfragmenten zum Thema Überseechinesen kommt das Wort
„Fernost“ hochfrequent vor, das bereits ein gewisses Stereotyp bezüglich der Chi-
nesen bzw. Chinas darstellt. Der häufige Gebrauch des Wortes spiegelt an sich
schon die Andersartigkeit der chinesischen Kultur in den Augen der deutschen
Medien wider und erinnert daher die Rezipienten immer wieder daran, dass diese
Menschen aus einem weit entfernten und hochwahrscheinlich völlig anderen
Land stammen. Ein anderer markanter Fall des Wortgebrauchs bezieht sich auf
die vorurteilsgeprägte und abwertende Einstellung „Gelbe Gefahr“ sowie auf jene
daraus abgeleiteten Ausdrücke wie „Gelbe Flut“ oder „Gelbe Hoffnung“ (Voswin-
 Das Bild von Überseechinesen in den deutschen Leitmedien   169

kel 2004). Der Wortgebrauch dieser Art hat seine tiefen Wurzeln in dem historisch
entwickelten kollektiven Gedächtnis Deutschlands über China und Chinesen.
Dabei war das deutsche kollektive Gedächtnis über die sog. „Gelbe Gefahr“ für
lange Zeit nicht mehr aktiv, ist aber in dem Kontext der Überseechinesen in den
deutschen Medien wieder ins Leben gerufen worden. Das besagt einerseits, wie
hartnäckig die in der Geschichte entstandenen Vorurteile bzw. Stereotype über
eine andere Menschengruppe aus fremden Kulturen sein können, die zwar mit
der Entwicklung der Zeit in Vergessenheit geraten, aber sofort reaktiviert werden
können, wenn ähnliche oder vergleichbare Kontexte wieder da sind, wo sie einst
entstanden waren oder existiert hatten. Andererseits ist durch die Reaktivierung
des Begriffs „Gelbe Gefahr“ wiederum zu spüren, wie negativ das Bild der Überse-
echinesen in den deutschen Medien ist. Wie oben bereits erwähnt, betrifft es hier
hauptsächlich die für längere Zeit im Ausland lebenden Überseechinesen bzw.
die Siedlungsgebiete der Überseechinesen im Ausland. Sie gelten in den Augen
der Einheimischen bzw. aus der Perspektive der deutschen Medien als Outgroup
und sogar als Bedrohung gegenüber der Ingroup. Außerdem ist zu betonen, dass
es auf die etwa in den letzten 25 Jahren in Deutschland bzw. im Westen wahrge-
nommene Bedrohung durch den Wirtschaftsaufschwung Chinas sowie den damit
einhergehenden weltweiten Machtzuwachs Chinas zurückzuführen ist, dass die
These der „Gelben Gefahr“ oder andere Varianten dieses Ausdrucks in Bezug auf
Chinesen reaktiviert worden sind.
Was die chinesischen Touristen angeht, die nur kurzfristig nach Deutsch-
land bzw. Europa reisen, fokussieren die deutschen Medien ihre Aufmerksamkeit
eher auf die andersartigen Verhaltensweisen dieser Gruppe und interpretieren
sie ethnozentristisch mit der eigenen Kultur als Maßstab. Als Bedrohung werden
die chinesischen Touristen nicht betrachtet, sondern eher als konsumfähige
und gewinnbringende Kunden, die nur aufgrund ihrer Andersartigkeit nicht
gerade beliebt sind. Dieser Unterschied der Einstellungen lässt sich auch auf der
Ebene der Wortwahl beobachten: In Bezug auf die Touristen aus China wird das
befremdlich wirkende Wort „Fernost“ zwar auch gebraucht, aber der Ausdruck
„Gelbe Gefahr“ und seine Varianten kommen jedenfalls nicht mehr in den ent-
sprechenden Berichterstattungen vor.
Das überwiegend negative Bild der Überseechinesen in den deutschen
Medien entspricht nicht nur dem zum Negativen tendierenden Chinabild in den
deutschen Medien der letzten Jahre als Ganzem, sondern auch den Ergebnissen
der Meinungsumfragen über das Chinabild in den Augen der deutschen Bevöl-
kerung durch bestimmte Forschungsinstitute im Westen. Laut den entsprechen-
den Ergebnissen von 2007 bis 2015 ist das Chinabild in Deutschland fast immer
überwiegend negativ, und zwar oft mit Abstand negativer als das Chinabild in
den meisten westlichen Ländern: Dem PEW Research Center zufolge beträgt bei-
170   Zhou Haixia

spielsweise der Anteil der befragten Deutschen, die China nicht mögen, vom Jahr
2007 bis 2015 jeweils 54%, 68%, 63%, 61%, 59%, 67%, 64%, 64% und 60%. (vgl.
PEWResearchCenter 2015) Vor diesem Hintergrund ist es nicht schwer zu verste-
hen, dass das gesamte Bild der Überseechinesen in den deutschen Medien nicht
gerade positiv gestaltet wird. Nicht schwer zu verstehen ist es auch, dass das alte
Vorurteil der „Gelben Gefahr“ reaktiviert worden ist. Wie sich durch die Analyse
bereits gezeigt hat, existiert die sogenannte Objektivität im Sinne des Realismus
in der medialen Praxis eigentlich nicht. Jede von den Medien vollzogene Beob-
achtung eines Objektes ist beobachterabhängig und keinesfalls die objektive
Widerspiegelung der Wahrheit. Das gilt für das konstruierte Bild der Überseechi-
nesen in den deutschen Medien, das insofern eindeutig von deren eigenen Pers-
pektiven sowie deren Standpunkt geprägt ist – so wie man im Fall des Berichtens
über eine andere Kulturgruppe typischerweise oft die eigene Kultur und die Inte-
ressen des eigenen Landes als Ausgangspunkt und Maßstab nimmt. In diesem
Sinne spiegelt sich in dem Bild der Überseechinesen in den deutschen Medien als
Fremdbild eben deren Eigenbild wider: WIR sind anders als IHR, WIR sind besser
als IHR, und WIR haben manchmal auch Angst vor EUCH Fremden.

4 Literaturverzeichnis
Jäger, Margarete und Jäger, Siegfried. Deutungskämpfe. Theorie und Praxis Kritischer
Diskursanalyse. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2007.
PEWReserchCenter. Opinion of China. Do you have a favorable or unfavorable view of China?
http://www.pewglobal.org/database/indicator/24/survey/17/response/Unfavorable/.
2015 (25. Juli 2015).
Schmidt, Siegfried J. „Kommunikation – Kognition – Wirklichkeit“. Theorien öffentlicher
Kommunikation. Problemfelder, Positionen, Perspektiven. Hg. Bentele, Günter und Rühl,
Manfred. München: DGPuK, 1993. 105–117.
Schmidt, Siegfried J. Und Weischenberg, Siegfried. „Mediengattungen,
Berichterstattungsmuster, Darstellungsformen“. Die Wirklichkeit der Medien. Eine
Einführung in die Kommunikationswissenschaft. Hg. Merten, Klaus und Schmidt, Siegfried
J. und Weischenberg, Siegfried. Opladen:Westdeutscher Verlag, 1994. 212–236.
Zhou, Ning. „Vorwort zur Bücherreihe CHINABILDER IN DER WELT“[shi jie de zhong guo xing
xiang cong shu zong xu]. Chinabilder im Westen [xi ou de zhong guo xing xiang]. Li, Yong.
Beijing:Renmin Verlag, 2010. 1–32.
 Das Bild von Überseechinesen in den deutschen Leitmedien   171

5 Quellen
Blume, Georg. „Die zweite Wahl“. Die Zeit 52 (2002).
Blume, Georg. „An die Spitze“. Die Zeit 25 (2005).
Dahlkamp, Jürgen und Rosenbach, Marcel und Schmitt, Jörg und Stark, Holger und Wagner,
Wieland. „Prinzip Sandkorn“. Der Spiegel 35 (2007).
Falksohn, Rüdiger und Malzahn, Claus Christian und Schreiber, Sylvia und Sontheimer, Michael
und Thielke, Thilo. „Seidenstraße des Todes“. Der Spiegel 26 (2000).
Fischermann, Thomas. „Sündenböcke im Gelobten Land“. Die Zeit 52 (2002).
Grill, Bartholomäus. „Die neuen Kolonialherren“. Die Zeit 38 (2006).
Hoffinger, Isa. „Bedingt willkommen“. Die Zeit 09 (2010).
Ingenhoven, Christoph. „Ich baue nicht in China“. Der Spiegel 01 (2008).
Jung, Alexander. „Zwei Nächte in Deutschland“. Der Spiegel 33 (2006).
Lorenz, Andreas und Thielke, Thilo. „Im Zeitalter des Drachen“. Der Spiegel 18 (2007).
Mascolo, Georg. „Hochzeit undercover“. Der Spiegel 38 (2005).
Mettke, Jörg R. „‚Einfach hingehen und dort leben‘“. Der Spiegel 14 (2002).
o.V. „Schutz durch Schock“. Der Spiegel 51 (2000a).
o.V. „Verzweiflung“. Die Zeit 26 (2000b).
o.V. „Drang in die Ferne“. Der Spiegel 22 (2006).
Pfaff, Jan. „‚Ich traute es ihnen nicht zu‘“. Die Zeit 38 (2007).
Röpke, Thomas. „Was der Chinese will“. Die Zeit 24 (2003).
Schmidt, Caroline. „Hoheitlicher Akt“. Der Spiegel 14 (2004).
Schmidt-Häuer, Christian. „Geheime Stadt an der Donau“. Die Zeit 37 (2000).
Schramm, Stefanie. „Kaffeepause – gute Idee“. Die Zeit 29 (2010).
Smoltczyk, Alexander. „Unsterbliches China“. Der Spiegel 14 (2007).
Thielke, Thilo. „Zocken beim Nachbarn“. Der Spiegel 02 (2012).
Ulrich, Andreas. „Sklaven am Wok“. Der Spiegel 34 (2009).
Voswinkel, Johannes. „Wasserfälle mit Stromschaltern“. Die Zeit 26 (2004).
Wagner,Wieland. „Die rote Prinzessin“. Der Spiegel 22 (2006).
Wiarda, Jan-Martin. „Von Kanton nach Clausthal“. Die Zeit 35 (2006).
Su Fu
Kontrastive Untersuchung zu den medial
konstruierten Tibetdiskursen
Am Beispiel deutscher und chinesischer Enzyklopädien

1 Einleitung
Im Zeitalter der sogenannten Informationsgesellschaft stellt Medienkommunika-
tion ein weit verbreitetes und bedeutsames Phänomen dar. Medien „bieten das
Material für unser Weltverstehen, unser Weltbild“1 und ermöglichen den Aufbau
von Wissen, das zugleich dazu beiträgt, eine Medienrealität zu konstruieren, die
nicht zwangsläufig die wahre Widerspiegelung der Außenwelt ist. Dabei besteht
die Gefahr, dass aus dem selben Tatbestand je nach verschiedenen Bezugsrah-
men unterschiedliche Medienrealitäten abgeleitet werden könnten.
Hinsichtlich der Tibetdiskurse haben sich auch in China und Deutschland
zwei verschiedene Medienrealitäten herausgebildet, die in den vergangenen
Jahren eine nicht übersehbare Rolle bei der Verstimmung der Beziehungen zwi-
schen beiden Ländern gespielt haben. Aus diesem Grund wird in der vorliegen-
den Arbeit versucht, die verschiedenen Mediendiskurse über Tibet in China und
in Deutschland gegenüberzustellen, einen Überblick zu vermitteln und Gründe
zu analysieren.

2 Tibetdiskurse in China und in Deutschland

2.1 Zur Geschichte in Tibet

Der Grund, warum sich Tibet zu einem Fokuspunkt entwickelt hat, hängt eng
zusammen mit dessen Geschichte.

1 Funiok 2007, 13.

Su, Fu, Prof. Dr., Professorin für Interkulturelle Kommunikation, Capital Normal University
(CNU), China

DOI 10.1515/9783110544268-009
 Kontrastive Untersuchung zu den medial konstruierten Tibetdiskursen   173

Die Geschichte bzw. Geschichtsschreibung wird meistens unüberlegt als


Wissen aufgenommen, das wiederum als fester Bestandteil des Weltwissens
eines Individuums tief eingeprägt ist und eine Orientierungsfunktion für das
Denken und Verhalten ausübt. In der Tat wird Geschichte von den Erzählern in
Form eines Diskurses niedergeschrieben, dessen Produktion bewusst oder unbe-
wusst „kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird“2. In diesem Sinne
ist der Prozess der Niederschreibung zugleich ein Prozess der Subjektivierung.
Geschichte kann keine reale und objektive Rekonstruktion sein, sondern eher
eine Rekonstruktion, die verschmolzen ist mit Neuorganisation, Selektion, Inter-
pretation etc.
In der Tat erzählt jeder Geschichtsschreiber seine eigene Geschichte, was sich
auch in den unterschiedlichen Erzählungen über Tibet in China und in Deutsch-
land widerspiegelt. Betrachtet man die Tibetdiskurse in China und in Deutsch-
land, so ist festzustellen, dass in dem jeweiligen Kontext eine hohe Konformität
in Bezug auf die Geschichtserzählung über Tibet herrscht. Für die vorliegende
Arbeit werden jeweils die deutsche Version zu Tibet aus dem Brockhaus Multi-
medial und die chinesische aus der Enzyklopädie Chinas ausgewählt. Um einen
Überblick über die beiden Diskurse zu verschaffen, werden die Inhalte wie folgt
zusammengefasst.

Periode Brockhaus Multimedial Enzyklopädie Chinas

das siebte Jh. Vereinigung der nomadischen Hochlandstämme von Tibet

das neunte Jh. Zerfall des Reiches in kleinere Fürstentümer

das dreizehnte Zeitweilige Vorherrschaft der Unterwerfung unter Mongolen; seitdem


Jh. Mongolen Verwaltungsgebiet der Yuan-Dynastie
und Aufnahme ins Territorium Chinas

2 Foucault 2003, 11.


174   Su Fu

Periode Brockhaus Multimedial Enzyklopädie Chinas

das vierzehnte Beanspruchung der Oberhoheit über Unterordnungsbeziehung zwischen


Jh. – Anfang des Tibet durch die chinesischen Dynastien Tibet und der Zentralregierung in der
zwangzigsten der Ming und Mandschu Qing- und Ming-Dynastie
Jhs.
Eroberung durch die Dsungaren, die Vertreibung der Dsungaren durch die
von den Chinesen vertrieben wurden; Qing-Dynastie, Wiederherstellung des
daraufhin wurde Tibet als Protektorat Friedens und der Ordnung in Tibet
Chinas behandelt.

Errichtung des Protektorat-Modells für Offizielle Errichtung des Amts für eine
die tibetisch-chinesischen Beziehun- Verwaltung Tibtes unter der Leitung
gen eines Tibet-Ministers

Blutige Unterdrückung tibetischer Niederschlagung der Revolten


Aufstände durch die Chinesen

Gewaltsames Vordringen der Briten

Anerkennung der chinesischen Ober- Machtexpansion Großbritanniens in


hoheit über Tibet durch Großbritannien Tibet unter Ausnutzung von Privilegien
und Russland in ungleichen Verträgen mit der Qing-
Dynastie, die Großbritannien erzwun-
gen hat

1911 Vertreibung der chinesischen Truppen Vertreibung der Truppen und des Tibet-
und Behörden in den Wirren der chine- Ministers der Qing-Dynastie durch
sischen Revolution von 1911 probritsche Kräfte Tibets in den Wirren;
blutige Ermordung der Patrioten unter
den Adligen und in der religiösen
Führungsschicht

1914 Zuspruch der Teile von Osttibet an Teilung Tibets ins „äußere“ und
China auf der Konferenz von Simla; „innere“ Tibet mit Jinsha-Fluss als
Unabhängigkeit des größten Teils Grenze auf der Konferenz von Simla,
von Tibet de facto; Nichtanerkennung die von Großbriannien initiiert wurde;
Chinas Nichtanerkennung der Teilung durch
die Delegierten aus China

1927 Klarstellung der staatlichen Zugehörig-


keit Tibets durch Gesetzlegung von der
Zentralregierung der Republik China

1940 Feierliche Einführung des 14. Dalai- Feierliche Einführung des 14.
Lama, an dessen Hof sich ab 1946 H. Dalai-Lama unter der Leitung von
Harrer aufhielt. Reting-Lama und Wu Zhongxin, dem
Sondergesandten für mongolische und
tibetische Angelegenheiten der Zent-
ralregierung der Republik China
 Kontrastive Untersuchung zu den medial konstruierten Tibetdiskursen   175

Periode Brockhaus Multimedial Enzyklopädie Chinas

1949 Erneuerter Anspruch Chinas auf Tibet Forderung nach der Befreiung Tibets
unter Ausnutzung der Rivalität zwi- und Vereinigung des Vaterlands v. a.
schen Dalai-Lama und Pantschen-Lama von dem 10. Pantschen-Lama

1950 – 1951 Eindringen und Besetzung durch Unterzeichnung des „17-Punkte-


Einheiten der chinesischen »Volksbe- Abkommens“ zur friedlichen Befreiung
freiungsarmee« in Tibet Tibets; Stationierung der Volksbefrei-
ungsarmee in Tibet

Diese Tabelle zeichnet jeweils zwei parallel laufende Geschichten, die den
Rezipienten eindeutig unterschiedliche Informationen weitergeben. Der Haup-
tunterschied findet sich in den Beziehungen zwischen Tibet und der Zentralre-
gierung.  – Abgesehen davon, dass Großbritannien die Oberhoheit Chinas über
Tibet anerkannte, als es Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in Tibet eindrang,
wird im Brockhaus kaum etwas über die Zugehörigkeit Tibets geäußert, die aber
von der chinesischen Erzählung hervorgehoben wird, was sich durch folgende
Beschreibungen bestätigen lässt.
a) Zur Zugehörigkeit Tibets im dreizehnten Jahrhundert: Im Brockhaus wird
lediglich erwähnt, dass Tibet sich der Mongolei unterworfen habe. Nicht
erwähnt wird, dass im dreizehnten Jahrhundert die Mongolei über das ganze
China regierte und das Kaiserhaus den Namen Yuan trug. In der chinesischen
Erzählung wird dieser Zeitpunkt als ein Meilenstein in den Beziehungen
betrachtet.
b) Über die Beziehungen zwischen Tibet und der Zentralregierung in der Ming-
und Qing-Dynastie: Das Wort „beanspruchen“ betont den einseitigen Wunsch
und die einseitige Forderung seitens der Ming- und Qing-Dynastie. Dagegen
weist die chinesische Enzyklopädie auf die Fortsetzung der Beziehung seit
der Yuan-Dynastie hin. Hierdurch wird zum Ausdruck gebracht, dass es ein
Tatbestand ist, dass Tibet in der Ming- und Qing-Dynastie zu China gehörte,
nicht bloß ein Wunsch.
c) Über die Besatzung von den Dsungaren: Obwohl die Vertreibung von Dsun-
garen als ein wichtiges Ereignis in beiden Büchern erzählt wird, ist doch
die Beschreibung über das Ergebnis differenziert  – im Brockhaus sei Tibet
Protektorat Chinas geworden, in der chinesischen Erzählung dagegen seien
Ruhe und Ordnung in Tibet wiederhergestellt.
d) Über die Verwaltung durch die Qing-Dynastie: der Brockhaus betont das
Modell eines Protektorats, während in der chinesischen Erzählung der Tibet-
Minister eine umfassende Verwaltungsarbeit ausführte.
176   Su Fu

e) Über Tibet in der Zeit der Republik China: Laut Brockhaus habe sich der
große Teil von Tibet zu jener Zeit in Unabhängigkeit befunden, im Gegensatz
bringt die Enzyklopädie Chinas die Fortsetzung des Hoheitsrechts gegenüber
Tibet zum Ausdruck.
f) Über die Zeremonie der Reinkarnation: im Brockhaus wird hier die Passiv-
form verwendet und dabei derjenige, der diese Zeremonie geleitet hat, weg-
gelassen. Die chinesische Enzyklopädie weist dagegen eindeutig darauf hin,
dass Vertreter der Zentralregierung diese Zeremonie geleitet haben.
g) Über Tibet nach 1949: Bezüglich der Zugehörigkeit Tibets wird im Brockhaus
die Phrase „Anspruch auf etw. erneuern“ verwendet und dabei der einsei-
tige Wunsch Chinas hervorgehoben, während in der chinesischen Erzählung
betont wird, dass die Befreiung Tibets dem Wunsch des tibetischen Volkes
entsprochen habe.
h) Über Tibet in der Periode zwischen 1950–1951: dem Ausdruck „Einseitig-
keit“ entsprechend werden bei der Beschreibung der Volksbefreiungsarmee
Verben wie „eindringen“ und „besetzen“ gebraucht, dagegen wird „stationie-
ren“ von der chinesischen Seite verwendet.

Neben den unterschiedlichen Perspektiven zur Zugehörigkeit Tibets beschreiben


beide Werke auch die Beziehungen zwischen Han-Chinesen und der tibetischen
Minderheit unterschiedlich:
a) Über die Unruhen in Tibet: Dem Brockhaus zufolge habe es in der Qing-
Dynastie einige Aufstände gegeben, die von der Regierung blutig unterdrückt
worden seien. Hierbei ist die Zugehörigkeit Tibets nicht schwer zu schluss-
folgern. Wahrzunehmen ist hier außerdem das klare Signal, das an die Rezi-
pienten weitergegeben wird: Grausamkeit der Herrscher Chinas und Unzu-
friedenheit des tibetischen Volks gegenüber den chinesischen Besatzern. Es
ist darauf hinzuweisen, dass im Brockhaus kein genauer Zeitpunkt und kein
Hintergrund angegeben sind, weswegen ein Vergleich der Informationen von
beiden Seiten nicht möglich ist.
b) Über die Vertreibung der Beamten und Truppen der Qing-Dynastie während
der Revolution 1911: im Langenscheidts Großwörterbuch wird das Wort „gelin-
gen“ wie folgt erklärt: „etw. verläuft so, wie es jd. gewollt od. geplant hat,
hat ein positives Ereignis“ 3. Das bedeutet, dass die Beamten und Truppen
der Qing-Dynastie unwillkommene Gäste waren und es eine Selbstverständ-
lichkeit darstellte, sie aus Tibet zu vertreiben. Von der chinesischen Seite hat

3 Ye 2000, 684.


 Kontrastive Untersuchung zu den medial konstruierten Tibetdiskursen   177

eine probritische Minderheit unter dem tibetischen Volk die Vertreibung pro-
voziert, also war Großbritannien der Urheber der Vertreibung.

Außerdem ist zwar unbestritten, dass Großbritannien Anfang des neunzehnten


Jahrhunderts mit Gewalt in Tibet eingedrungen ist, die Rolle Großbritanniens in
der Geschichte von Tibet bleibt aber umstritten:
a) Über die Aktivitäten in der Anfangsphase, in der Großbritannien in Tibet ein-
gedrungen ist: Im Brockhaus wird lediglich erwähnt, dass Großbritannien
die Vorherrschaft der Qing-Dynastie anerkannt habe, unerwähnt bleibt aber,
was Großbritannien überhaupt in Tibet getan hat. Die chinesische Enzyklo-
pädie betont die ungleichen Verträge, die Großbritannien erzwungen und
mit deren Hilfe es seine Macht in Tibet erweitert hat.
b) Über die Simla-Konferenz: Durch die vielfache Verwendung der Passivform
werden im Brockhaus der Akteur dieser Konferenz und entsprechende Infor-
mationen zur Teilung von Ost- und Westtibet weggelassen. Offensichtlich
werden diese Informationen als so banal angesehen, dass sie vernachlässigt
werden können. Im Vergleich zur flüchtigen Beschreibung über den Verlauf
dieser Konferenz legt der Brockhaus mehr Augenmerk auf das Ergebnis
und hebt die Unabhängigkeit im großen Gebiet Tibets hervor. Einen klaren
Gegensatz dazu stellt die Beschreibung in der chinesischen Enzyklopädie
dar: Großbritannien sei der Veranstalter dieser Konferenz gewesen und auch
Urheber der Teilung Tibets ins „äußere“ und „innere“ Tibet.

Trotz dieser Differenzen über die Geschichte Tibets deckt sich die chronologische
Beschreibung auf beiden Seiten im Großen und Ganzen. Die wichtigen geschicht-
lichen Ereignisse werden trotz der unterschiedlichen Gewichtung von beiden
Seiten erwähnt.
Dadurch, dass Geschichte nicht einfach niedergeschrieben, sondern auch
umgeschrieben und interpretiert wird, wird Geschichte umhüllt mit einem halb-
durchsichtigen Seidentuch und ist nicht mehr transparent und eindeutig – Brock-
haus und chinesische Enzyklopädie haben mit ihren jeweiligen Erzählungswei-
sen, geschichtlichen Perspektiven, ihrer Rhetorik und Grammatik zwei Bilder
gezeichnet, die sich teils überschneiden und teils unterscheiden: dem Brockhaus
zufolge behaupte China zwar stets die Hoheit über Tibet, in der Tat herrsche es
auch zeitweilig über das Land, sei aber immer ein unwillkommener Fremder.
Laut der chinesischen Enzyklopädie aber sei Tibet seit der Yuan-Dynastie ein Teil
Chinas und werde von der Zentralregierung verwaltet. Diese Beziehung werde
auch vom tibetischen Volk anerkannt. Tibet gerate erst seit der Einmischung der
britischen Kolonialmacht in Spaltungsgefahr.
178   Su Fu

2.2 Tibet seit 1949

Über den aktuellen Zustand in Tibet seit der Gründung der Volksrepublik China
sprechen die beiden kulturellen Gruppen in China und Deutschland tatsächlich
unterschiedliche Sprachen, was auf verschiedene Faktoren wie z. B. das unter-
schiedliche Wissen zurückzuführen ist.
Im Brockhaus wird der Zustand Tibets in drei Phasen eingeteilt. Die erste
Phase dauert von 1951 bis zur Kulturrevolution:

Die VR China begründete ihre Legitimation mit historischen (»seit der Tangzeit«), politi-
schen (»Befreiung des tibetischen Volkes vom Feudalismus«) und wirtschaftlichen Argu-
menten (»Modernisierung«). Mit dem Bau strategisch wichtiger Fernstraßen zu den benach-
barten chinesischen Regionen und Provinzen, für den viele Tibeter unter unmenschlichen
Bedingungen zwangsverpflichtet wurden, sowie durch die Anlage von Flugplätzen konnte
sie die Abgeschlossenheit Tibets durch eine immer stärkere Bindung an die VR China erset-
zen.
Am 9. September 1965 wurde dem etwa um die Hälfte seines Territoriums reduzierten
Tibet offiziell der Status einer Autonomen Region der VR China eingeräumt; große Gebiete
gliederte man administrativ den chinesischen Nachbarprovinzen Yunnan, Sichuan und
Qinghai an.4

Aus der obigen Erzählung ist zu schlussfolgern, dass die chinesische Regierung
in dieser Phase auf folgende Art und Weise versuchte, die Herrschaft über Tibet
zu verstärken:
a. Begründung der Legitimation der Herrschaft;
b. Straßenbau und Bau des Flughafens;
c. Gliederung großer Gebiete in Nachbarprovinzen.

In der Erzählung zu den oben genannten drei Punkten hat der Brockhaus zwei
grundverschiedene Diskursstrategien verwendet: Bezüglich der Hoheit Tibets
hat der Brockhaus durch das Verb „begründen“ seine Neutralität zum Ausdruck
gebracht.  – Nur die chinesische Seite versuche, sich zu rechtfertigen, die Legi-
timität zu behaupten, aber der Brockhaus habe keinen Standpunkt dazu geäu-
ßert. Ein deutlicher Unterschied dazu stellt die Strategie im zweiten und dritten
Punkt dar. Hierbei verliert der Brockhaus offensichtlich die Neutralität und ist
zur Rolle eines Kritikers übergegangen: Es ist allgemein bekannt, dass der Bau
und die Pflege der Infrastruktur für alle Länder sowohl von politischer als auch
wirtschaftlicher Bedeutung ist. Doch im Brockhaus wird nur die politische Seite
hervorgehoben, die wirtschaftsfördernde Bedeutung verschweigt man. Daraus

4 Brockhaus Multimedial 2007.


 Kontrastive Untersuchung zu den medial konstruierten Tibetdiskursen   179

ist offensichtlich eine Präsupposition zum Motiv der chinesischen Regierung zu


schlussfolgern. Außerdem wird durch die Äußerung, die chinesische Regierung
habe große Teile Tibets in Nachbarprovinzen gegliedert, unterstellt, dass die
chinesische Regierung beabsichtigt, Tibet zu schwächen. Ein anderer Punkt ist
ebenfalls bemerkenswert: Die Äußerung über die Gliederung Tibets stammt vom
14. Dalai Lama, was von chinesischer Seite bestritten wird. Die chinesische Seite
behauptet: „Die administrative Gliederung Tibets ist erhalten geblieben seit der
Yuan-Dynastie. Die Grenze hat sich nur in geringem Maße verändert.“ 5 Die Tatsa-
che, dass man die Behauptung der einen Seite für wahr hält und die der Gegenpo-
sition für falsch, offenbart bereits den Standpunkt dieser Enzyklopädie, der darin
deutlich wird, dass der Vorwurf, die chinesische Regierung habe für den Bau des
Flughafens und der Straße „viele Tibeter unter unmenschlichen Bedingungen
zwangsverpflichtet“, sehr emotional geprägt ist.
Die zweite Phase dreht sich um die Kulturrevolution und betont die Unter-
drückung der tibetischen Minderheit und die Zerstörung der tibetischen Kultur:

Nachdem bis 1966 bereits viele buddhistische Klöster und Tempel zerstört worden waren,
kam es in den Wirren der chinesischen Kulturrevolution zur Verwüstung fast aller noch ver-
bliebenen (mit Ausnahme von 13). Die Bauern und auch die Nomaden wurden zum Leben in
Volkskommunen gezwungen; Tausende Tibeter starben in Arbeitslagern, durch Verfolgung
oder Hungersnöte.6

Zu dieser Periode wird in der chinesischen Enzyklopädie etwas erwähnt, was im


Brockhaus ungesagt bleibt: Die Kulturrevolution sei eine Katastrophe, die das
ganze Land betreffe, nicht nur das Gebiet Tibet. Gleichzeitig sind auch die Daten
von beiden Seiten widersprüchlich: Laut der Enzyklopädie Chinas seien in Tibet
nach der demokratischen Reform 1959 über 530 Tempel erhalten geblieben.7 In
der chinesischen Quelle wird jedoch auch nicht geleugnet, dass viele Tempel
während der Kulturrevolution in unterschiedlichem Maße beschädigt worden
seien.
In der dritten Phase wird die Tibet-Politik nach der Einführung der Reform-
und Öffnungspolitik beschrieben:

Unter Deng Xiaoping ließ die kommunistische Führung Chinas seit 1979 eine vorsichtige
Öffnung Tibets zu, förderte die Entwicklung der Wirtschaft, die aber mit einer rücksichts-
losen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen verbunden wurde, und duldete unter stren-
ger Aufsicht eine begrenzte Wiederbelebung der einheimischen religiösen und kulturellen

5 Zhang 2006, 174.


6 Brockhaus Multimedial 2007.
7 Wu 2001.
180   Su Fu

Traditionen (Wiederaufbau einiger Tempel und Klöster). Gleichzeitig betrieb die VR China
eine strikte Sinisierungspolitik (Ansiedlung besonders von Han-Chinesen, die bereits in
allen größeren Städten die Bevölkerungsmehrheit bilden; Geburtenkontrolle unter der tibe-
tischen Bevölkerung, Zerstörung der alten Städte durch Abriss ganzer historischer Viertel
und Neubau chinesischer Siedlungen) und sicherte ihre Macht durch starke Militärpräsenz
(Stationierung hunderttausender Soldaten).8

Obwohl hier zum ersten Mal einige positive, die Wirtschaftsentwicklung för-
dernde Maßnahmen erwähnt werden, ist die positive diskursive Wirkung darin
durch die Verwendung von Konnektoren wie „zwar …aber“ oder Redemittel wie
„vorsichtig“ auf der einen Seite und „strikt“, „streng“ auf der anderen Seite in
großem Maße abgeschwächt. Genau wie die Diskursposition in der ersten und
zweiten Phase ist die Hauptmelodie hier die Beschreibung der Maßnahmen und
Politik der chinesischen Regierung zur Zerstörung der Kultur in Tibet.
Darunter wird die drastische Zunahme der Zahl der Han-Chinesen in Tibet
als eindeutiger Beweis dafür angeführt, dass die chinesische Regierung das tibe-
tische Volk auszurotten versucht habe. In diesem Punkt sind die statistischen
Daten im Brockhaus, dass Han-Chinesen die Mehrheit in Tibet ausmachen, weit
entfernt von den Daten Chinas. Die Daten der 5. Volkszählung aus dem Jahr 2000
sehen wie folgt aus:

Gebiet Lhasa Qamdo Sannan Xigaze Nagqu Ali Nying- Gesamt-


chi zahl

Gesamt- 474433 586152 318106 634962 366710 77253 158647 2616323


bevölkerung

Zahl der Han- 80584 19673 10968 12500 7510 3543 23792 158570
Chinesen

Im Buch „Über die interethnischen Beziehungen in Tibet“ hat der Autor Su


Faxiang die Zahl der Han-Chinesen in Tibet in den Jahren 1982, 1990, 2000 in
der „Tibet-Jahresstatistik 2001“ mit der Volkszählung in der gleichen Periode
verglichen:9

8 Brockhaus Multimedial 2007.


9 Su 2006, 60.
 Kontrastive Untersuchung zu den medial konstruierten Tibetdiskursen   181

Periode Han-Chinesen im Jahr Han-Chinesen im Jahr Han-Chinesen im Jahr


1982 1990 2000

Tibet-Jahresstatistik 91720 67407 72122


2001

Ergebnisse der 91720 80837 158570


Volkszählung

Es ist darauf hinzuweisen, dass es deswegen eine große Diskrepanz zwischen der
Jahresstatistik und Volkszählung gibt, weil unterschiedliche Kriterien erhoben
worden sind. Die Daten in der Jahresstatistik schließen diejenigen nicht ein, die
nicht polizeilich angemeldet sind, dagegen deckt die Volkszählung alle Men-
schen ab, die an einem Ort länger als fünf Monate gelebt haben. Daraus kann man
schlussfolgern, dass mehr als die Hälfte der Han-Chinesen in Tibet kein Fami-
lienbuch hat. Diese Gruppe von nicht Ortsansässigen ist vor dem Hintergrund
des mit der Durchführung der neuen Politik seit der Reform- und Öffnungspolitik
einhergehenden Florierens der Privatwirtschaft in Tibet entstanden, und schließt
Privatladenbesitzer, Händler, Leute in der Diensleistungsbranche, Gastronomie,
Handwerker etc. ein. Es handelt sich dabei um ein weit verbreitetes Phänomen,
nicht um ein speziell tibetisches, da es in China seit der Reform- und Öffnungs-
politik eine generelle Tendenz zu zunehmender Mobilität der Bevölkerung gibt.
Auch in diesem Fall macht die Zahl der Han-Chinesen in Tibet laut der Statistik
aus China eine Minderheit aus.
Darüber hinaus ist die Familienpolitik eine leitende Staatspolitik, die lan-
desweit umgesetzt wird. Und diese Politik „differenziert je nach Regionen und
Ethnien. In Tibet z. B. wird keine Familienplanungspolitik durchgeführt“10, was
unter dem chinesischen Volk allgemein bekannt ist und eine unbestrittene Tat-
sache darstellt.
Weil im Brockhaus dieser Punkt unerwähnt bleibt und weil dem Wort „Gebur-
tenkontrolle“ das präpositionale Attribut „unter der tibetischen Bevölkerung“
folgt, wird die Behauptung verstärkt bestätigt, dass die chinesische Regierung
eine strikte Sinisierungspolitik durchführe.
Wenn man sagt, dass in der Geschichte Tibets die Erzählungen von der chi-
nesischen und deutschen Seite jeweils parallel verlaufen, so kann behauptet
werden, dass die Erzählungen über den Stand Tibets seit der Gründung der Volks-
republik China zwei eindeutig entgegengesetzte Richtungen darstellen: In dem
Diskurs Deutschlands ist das, was die chinesische Regierung in Tibet gemacht

10 Die Enzyklopädie Chinas 2002, 663.


182   Su Fu

hat, unmenschlich und grausam. Alle Maßnahmen und die Politik zielen darauf
ab, die Religion, Kultur und das Volk in Tibet zu vernichten. Die chinesische
Erzählung dagegen zeichnet das Bild eines florierendes Tibet.

2.3 Zusammenfassung der unterschiedlichen Diskurse

Betrachtet man die Erzählungen über die Geschichte, den Zustand im deutschen
und chinesischen Diskurs, so kann festgestellt werden, dass sich die Widersprü-
che und Gegensätze auf folgende Punkte konzentrieren:
a. Zugehörigkeit Tibets: Die Frage, ob Tibet in der Geschichte zu China gehörte,
wird im Brockhaus nur sehr vage angedeutet. Dagegen ist die Äußerung, dass
Tibet in der Neuzeit de facto unabhängig sei, klar und eindeutig. Dass Tibet
seit der Yuan-Dynastie ein fester Bestandteil Chinas ist, bildet ein wichtiges
diskursives Ereignis in der chinesischen Erzählung. In der Enzyklopädie
Chinas ist an diesem Punkt nicht zu zweifeln.
b. Die Verwaltung der Kommunistischen Partei Chinas: Der Brockhaus zeigt
den Rezipienten eine grausame Regierung, die hohen Druck auf Tibet ausübt
und die Kultur und Religion Tibets zu unterdrücken versucht. Im Weißbuch
„Die Zugehörigkeit und Menschenrechte in Tibet“ wird die positive Entwick-
lung in Tibet in Sachen Menschenrechten (einschließlich Religion, Kultur,
Bildung etc.) und Wirtschaft seit der Gründung der VR China gezeigt.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Erzählung im Brockhaus die legi-
time Basis für Chinas Hoheit und Verwaltung Tibets in Frage stellt. Insofern ist
es auch nicht erstaunlich, wenn die Beschreibung über die Brutalität der Kom-
munistischen Partei Chinas bei den Rezipienten Ressentiments gegen China und
Sympahie für die Exiltibeter hervorruft.
Obwohl der Brockhaus in seiner Weite und Breite das Bedürfnis der Fach-
leute und Forscher nicht decken kann, erreicht er eine breite Leserschaft, die
Antwort auf Fragen und Unklarheiten sucht, und wird als Nachschlagwerk von
den Massen als eine Autorität und eine Wissensquelle betrachtet. So wird gene-
rell an dessen Informationsangebot und Seriosität, Wahrheitsgehalt, Neutralität
sowie Objektivität kein Zweifel gehegt. Das gilt selbstverständlich auch für die
Vorstellung über Tibet.
Aber nach einer vertieften Analyse sind im Brockhaus eine emotional
geprägte Erzählungsweise in Bezug auf Tibet sowie die Verwendung von zum
Teil nicht überzeugendem Material festzustellen. Dieses Phänomen spiegelt sich
nicht nur in der Rhetorik wider, sondern auch in den folgenden zwei Punkten:
 Kontrastive Untersuchung zu den medial konstruierten Tibetdiskursen   183

a. Selektivität der Quellen – Obwohl in den Veröffentlichungen auf der chinesi-


schen Seite viele Materialien aus der ersten Hand stammen, wie Dokumente
oder Briefe, widersprechen diesen die „Tatsachen“ in dem Diskurs im Brock-
haus, die aber eine hohe Konformität mit den Informationen aus dem Kreis
der Exiltibeter unter der Führung vom Dalai Lama aufweisen,11 was nahelegt,
dass der Tibetdiskurs Chinas in Deutschland überhaupt nicht oder kaum
wahrgenommen wird.
b. Im Brockhaus sind unscharfe Ausdrücke festzustellen, die einer sachlichen
Darstellung des Wissens über Tibet dienen sollen und dem Image der Deut-
schen mit ihrer „Genauigkeit“ gar nicht entspricht. Beispielhaft ist folgende
Äußerung: „Die Tibeter, sowohl im Exil wie auch in China, sehen in ihrer
überwiegenden Mehrheit den Dalai-Lama nach wie vor auch als ihr politi-
sches Oberhaupt an.“12 Der Ausdruck „überwiegende Mehrheit“ lässt sich
nicht bestätigen und kann eher als ein subjektives Urteil als eine sachliche
Aussage gelten.

2.4 Wissensaufbau in Bezug auf Tibet

Der Grund dafür, dass zwei verschiedene Tibetbilder im Nachschlagwerk Chinas


und Deutschlands vermittelt werden, liegt m. E. vor allem in dem Wissen der
Textproduzenten. Das enzyklopädische Wissen bildet die wichtigste Grundlage
in der Kette des ganzen Wissenssystems eines Menschen, wobei darauf aufmerk-
sam gemacht werden soll, dass das enzyklopädische Wissen urteilsgeladen ist.
Wenn der Produzent versucht, ein Ereignis mit diskursiven Mitteln zu rekonstru-
ieren, wirken sich auch seine vorhandenen Wertvorstellungen, die im enzyklopä-
dischen Wissen enthalten sind, auf die Wahrnehmung und Selektion der neuen
Informationen aus. Das findet Unterstützung in der Theorie von Festingers „kog-
nitiver Dissonanz“: Solange die neuen Informationen mit dem ursprünglichen
Wissen, das im Kopf des Produzenten gespeichert ist, nicht übereinstimmen,
müssen diese neuen Informationen sich oft an das alte Wissenssystem anpassen.
D. h., bei der Aufnahme von Informationen werden die Informationen bevorzugt,
die mit den vorhandenen in Einklang sind. Dagegen werden Informationen, die
sich mit dem gespeicherten Wissen nicht vereinen können, oft unbewusst igno-
riert, was dazu führen kann, dass die aufgenommenen neuen Informationen

11 Die Konformität lässt sich daran erkennen, dass Informationen aus dem Brockhaus sich mit
denen aus der Autobiographie vom 14. Dalai Lama decken.
12 Brockhaus Multimedial 2007.
184   Su Fu

ihre Objektivität und Wahrhaftigkeit verlieren. Diese Verarbeitung realisiert sich


durch das selektive Wahrnehmen und diese Selektion wird in Konfliktsituationen
verstärkt vorgenommen, vor allem durch die Evaluation der Informationsquelle,
schließlich liegt das Besondere an Informationen in Konfliktsituationen in den
widersprüchlichen Informationsquellen. Das gilt auch für die Tibetproblematik.
In diesem Fall sind unterschiedliche Wertschätzungen bezüglich des 14. Dalai
Lama festzustellen, was den Ton für die Erzählungen bestimmt.
Alles in allem bilden das Wissen eines Textproduzenten und die Einstel-
lungen, die in dem Wissen enthalten sind, die Grundlage für die Produktion
eines Textes. Um einen umfassenden Blick auf den Gesamtdiskurs über Tibet in
Deutschland zu gewinnen, wird folgende Analyse durchgeführt:
a. Die Recherche auf Online-Shops für Bücher zum Thema Tibet in Deutschland
ergibt, dass Tibet mehr Augenmerk auf sich zieht als andere Provinzen und
autonome Gebiete Chinas. Auf der Webseite des bekannten Online-Shops
„Amazon“ (www.amazon.de)13 tauchen 1406 Suchergebnisse auf, wenn
man das Wort „Tibet“ eingibt (verschiedene Auflagen von demselben Buch
sind mit eingerechnet). Diese Zahl ist viel höher als regierungsunmittel-
bare Städte wie Beijing (410), Shanghai (290), Tianjin (7) und Chongqing (3)
sowie andere autonome Gebiete wie Xinjiang (23), die Innere Mongolei (10),
Ningxia (4) und Guangxi (1). Die Publikationen über Tibet haben sogar einen
anderen Fokuspunkt, Taiwan (377), weitaus überschritten.
b. Im Vergleich dazu wird in China nicht so viel Aufmerksamkeit auf Tibet
gerichtet. Nach der Recherche auf der Webseite von „Dangdang“, einer der
größten Online-Shops in China, steht Shanghai mit 58145 an erster Stelle,
danach folgen Beijing mit 57315, Taiwan mit 15698, Tianjin mit 14293, Guangxi
mit 9271, Chongqing mit 8368 und Xinjiang mit 4895. Tibet steht mit 4339 vor
Ningxia (2488) und der Inneren Mongolei (582).
c. Es ist allgemein bekannt, dass die Publikation eines Buches in großem Maße
vom Interesse der Leser abhängt. Aus der großen Zahl von Publikationen
ist zu erkennen, dass Tibet ein heißes Thema in der ganzen Gesellschaft
Deutschlands geworden ist.
d. Flüchtiges Lesen zur Vorstellung von und zum Kommentar über diese Publi-
kationen. Diese Publikationen erscheinen in vielfältiger Form wie Buch, CD,
Video, Kassette, Kalender etc. und decken verschiedene Themenbereiche
wie Buddhismus, Sitten und Gebräuche, Tourismus, Politik, Geschichte und
Medizin usw. ab. Die Diskursposition, die die meisten davon vertreten, deckt
sich mit der des Brockhauses: Tibet, mitsamt seiner Kultur, Religion und

13 Letzter Zugriff am 15.10.2007.


 Kontrastive Untersuchung zu den medial konstruierten Tibetdiskursen   185

Landschaft sei ein heiliges und reines Shangri-La. Seit langer Zeit aber werde
das Volk unterdrückt. Dagegen versuche sich das tibetische Volk zu wehren.
Vereinzelt gibt es auch Gegendiskurse, die sich inhaltlich auf die Offenle-
gung der Schattenseite in den Klöstern konzentrieren. Bisher werden noch
keine Publikationen gefunden, die sich in Bezug auf den aktuellen Zustand
Tibets gegen den herrschenden Diskurs ausgesprochen haben.
e. Kategoriesierung der Autoren. Den angegebenen Informationen zufolge
können die Autoren der Publikationen in zwei Gruppen eingeteilt werden:
die eine Gruppe umfasst Autoren aus den westlichen Ländern, die andere
umfasst überwiegend Exiltibeter einschließlich des 14. Dalai Lama. Von den
über 1000 Werken sind es 392, die den 14. Dalai Lama betreffen, davon haben
52 Publikationen den 14. Dalai Lama als Hauptthema und 111 wurden von
dem 14. Dalai Lama verfasst (die verschiedenen Auflagen desselben Werks
nicht eingeschlossen).
f. Zusammenfassung der Werke des 14. Dalai Lamas. In den 111 Publikationen
gibt es nur 10 Werke, die Politik als Thema haben. 25 Publikationen erzählen
über Buddhismus. Im Rest der Werke wurde Lebensphilosophie als Haupt-
thema behandelt. Das bedeutet aber auf keinen Fall, dass es keine inhaltliche
Überschneidung zwischen diesen Werken gibt. Ganz im Gegenteil, in vielen
Publikationen über Buddhismus und Lebensphilosophie wird über die Lage
in Tibet berichtet, und in Publikationen über Politik wird auch buddhisti-
sche Lehre interpretiert. Darüber hinaus sind Titel in solchen Publikationen
charakterisiert durch Wörter wie „Frieden“, „Freiheit“, „Weisheit“, „Ehr-
lichkeit“, „Warmherzigkeit“, „Sympathie“, „Liebe“. Auffallend ist überdies
die breite Anerkennung, die die Publikationen gewonnen haben, was sich
daran erkennen lässt, dass viele dieser Werke hohe Auflagen haben. Allein
die Autobiographie, die der 14. Dalai Lama nach dem Erhalten des Friedens-
nobelpreises veröffentlicht hat, wurden in den 16 Jahren von 1992 bis 2008 17
mal gedruckt.

Die obige Untersuchung zeigt, dass die Bedeutung des Begriffs „Tibet“ im Diskurs
Deutschlands weitaus die von anderen Gegenden in China überragt. Längst hat
es die Grenze eines rein geographischen Begriffs überschritten und trägt die sym-
bolische Bedeutung, die Geheimnis, Frieden und Warmherzigkeit in sich vereint
hat. Bedauerlicherweise fehlt unter den vielen Publikationen nur der Diskurs aus
China, was bewirkt hat, dass die Exilgruppe unter der Führung des Dalai Lama
eine Monopolstellung bezüglich Tibets innehat. Darüber hinaus ist darauf hin-
zuweisen, dass, egal welche Tätigkeiten der 14. Dalai Lama in der Tat ausübt,
seine Worte keine politische Figur, sondern viel mehr ein Image als einen spiri-
tuellen Führer und wegweisenden Lehrer aufgebaut haben. Genau das spricht
186   Su Fu

diejenigen gut an, die versuchen, vor dem Missstand in der modernen Gesell-
schaft zu fliehen und nach Zuflucht für die Seele suchen. Der 14. Dalai Lama hat,
dank seines Heiligenscheins, im großen Maß von dem so genannten Halo-Effekt
profitiert: Alle weltlichen Übel wie Betrug, Gewalt und Machtbesessenheit sind
unmöglich in einem spirituellen Führer zu finden.

3 Schlusswort
Aus der obigen Untersuchung ist zu schlussfolgern, dass zwei unterschiedliche
Tibetbilder im chinesischen und deutschen Diskurs dargestellt werden. In der
Darstellung und von den Publikationen über Tibet in China und in Deutschland
wird außerdem ersichtlich, dass der Diskurs in Deutschland sehr stark von der
Zuneigung nicht nur zu Tibet, sondern auch zum 14. Dalai Lama geprägt ist.
Die Komplexität der Lage kann auf verschiedene Faktoren zurückgeführt
werden. Ein unübersehbarer und wichtiger Faktor davon ist, dass sie u. a. in
einem engen Zusammenhang mit dem jeweiligen Wissen steht, das in großem
Maße auf den unterschiedlichen Wissensquellen aufgebaut worden ist. Jede Seite
behauptet die Authentizität der eigenen Quellen. Die Selektivität beim Prozess
der Kognition ist zwar schwer zu überwinden, dennoch könnte sie durch einen
effektiven Austausch gemindert werden, an dem es zur Zeit offensichtlich fehlt.

4 Literaturverzeichnis
Brockhaus Multimedial, 2007.
Enzyklopädie Chinas. Beijing: Encyclopedia of China Publishing House, 2002.
Foucault, Michel. Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt am Main: Fischer Wissenschaft
(Deutsche Übersetzung von Seitter, Walter). 9. Auflage, 1972/2003.
Funiok, Rüdiger. Medienethik. Stuttgart: Verlag W. Kohlhammer, 2007.
Su, Faxiang. Interethnische Beziehungen in Tibet. Beijing: Verlag der Minzu University of China,
2006.
Wu, Yunceng. Tatsache über die Forderung des 14. Dalai Lama nach autonomer Verwaltung
Tibets. http://info.tibet.cn/info/economy/t20051123_73257.htm (23. Mai. 2008).
Ye, Bendu (Hg.). Langenscheidts Großwörterbuch (Deutsch – Chinesisch). Beijing: Foreign
Language Teaching and Research Press, 2000.
Zhang, Yun. Geschichtsforschung Tibets. Beijing: Verlag für Tibetforschung, 2006.
Liang Shanshan
Die Dynamik von Stereotypen
Analyse der Deutschland-Stereotype im chinesischen
Nachrichtenmagazin „Lifeweek“

1 Einleitung
Stereotype sind stabil und änderungsresistent. Das ist wohl eines der bekanntes-
ten Charakteristika der Stereotype. Allerdings bedeutet dieses Charakteristikum
der Stabilität nicht, dass Stereotype sich im Laufe der Zeit nicht ändern sowie
entwickeln, sondern die Dynamik des Stereotyps wird aufgrund seiner relati-
ven Stabilität oft übersehen. Besonders im heutigen Zeitalter mit dem schnellen
Informationsaustausch sowie großen Einflüssen durch Medien wird der Entwick-
lungsprozess der Stereotype beschleunigt und die Dynamik der Stereotype ist
immer deutlicher zu erkennen.
Dieses Charakteristikum der Dynamik analysiert der vorliegende Artikel am
Beispiel von Deutschland-Stereotypen in Anzeigen des chinesischen Nachrich-
tenmagazins „Lifeweek“. „Lifeweek“ zeigt seit langem traditionelle Stereotype in
Bezug auf Deutschland wie „Deutschland als Land mit fortschrittlicher Techno-
logie und technischen Anlagen“, „Made in Germany als Bezeichnung für hohe
Qualität“, usw. Über diese traditionellen Stereotype hinaus erleben deutsche Ste-
reotype in Anzeigen auch Änderungen, wenn man sie diachronisch beobachtet:
Manche Stereotype tauchen in den letzten Jahren auf, werden allmählich akzep-
tiert und verbreiten sich im Laufe der Zeit, während andere Stereotype verschwin-
den.

Anmerkung: Die vorliegende Untersuchung wurde unterstützt durch die National Social Science
Foundation of China (No. 14@ZH036).

Liang, Shanshan, Associate Professorin Dr., Deutschabteilung, Beijing Institute of Technology


(BIT), China

DOI 10.1515/9783110544268-010
188   Liang Shanshan

2 Das Stereotyp

2.1 Der Begriff des Stereotyps

Der Begriff des Stereotyps setzt sich aus „den zwei griechischen Wörtern stereos
(starr, hart, fest) und typos (Entwurf, feste Norm, charakteristisches Gepräge)“
zusammen. Ursprünglich wurde dieser Begriff von dem Franzosen Firmin Didot
Ende des 18. Jahrhunderts zur „Bezeichnung eines Vorganges in der Drucktech-
nik“ gewählt. 1922 wurde der Begriff des Stereotyps durch den amerikanischen
Journalisten Walter Lippmann in seinem Buch „Public Opinion“ in die Sozialwis-
senschaften eingeführt. Lippmanns These war,

„dass wir Menschen häufig nicht als Individuen, sondern als Teil einer Gruppe sehen und
Personen entsprechend der vorgefassten Meinung über diese Gruppe – ganz ähnlich dem
drucktechnischen Verfahren – einen Stempel aufdrücken“ (vgl. Petersen et al. 2008, 21).

Darauf geht die heute noch allgemein gebräuchliche Verwendung des Begriffs
„Stereotyp“, d. h. des Stereotyps „als Bezeichnung für stark vereinfachende, ja
verzerrende Schematisierung sozialer Formationen (Gruppen, Ethnien, Berufe,
Institutionen u. ä.)“ (Klein 1998, 26) zurück.
An diese Begriffsbestimmung angelehnt wird Stereotyp in diesem Artikel
folgendermaßen definiert: Stereotype sind allgemein akzeptierte kognitive Kon-
zepte sowie Vorstellungen über alle Mitglieder eigener sowie fremder Gruppen,
die unmittelbar von einer Generation zur anderen weitergegeben werden und
vereinfachend auf verbalisierte Weise die Realität widerspiegeln. Im Vergleich zu
Vorurteilen, die eindeutig negativ und einseitig sind, enthalten Stereotype eher
neutrale Aussagen und können sowohl richtig als auch falsch sein. Stereotype
sind ziemlich änderungsresistent und werden benutzt, um alle Gruppenmitglie-
der zu beschreiben. An diesen Punkten unterscheiden sie sich von Images, die
über Nacht aufgebaut oder zerstört werden und sich sowohl auf ein einzelnes
Individuum als auch auf Gruppen beziehen können.
Stereotype werden nach Prokop in „nationale und soziale Stereotype“ spezi-
fiziert. Bei nationalen Stereotypen handelt es sich darum,

„wenn sich Fremd- oder Selbstbilder an der Nationalität oder Ethnie einer Gruppe festma-
chen lassen und sie beruhen auf Verallgemeinerungen positiver und negativer Erfahrungen
mit unterschiedlichen Völkern und Staaten“.

Soziale Stereotype bezeichnen „die Selbst- und Fremdbilder, die über die Zuge-
hörigkeit zu einer sozialen Gruppe definiert werden“ (vgl. Prokop 1995, 192–200).
 Die Dynamik von Stereotypen   189

Soziale Gruppen können Angehörige verschiedener Berufe, Geschlechter, Alters-


gruppen usw. umfassen. Der vorliegende Artikel beschäftigt sich mit nationalen
Stereotypen.

2.2 Charakterisierung des Stereotyps

2.2.1 Allgemeine Charakteristika des Stereotyps

An dem oben definierten Begriff erkennt man die wichtigsten Eigenschaften


des Stereotyps, nämlich Generalität, Vereinfachung, Indirektheit und Stabilität.
Diese Eigenschaften werden häufig in der Stereotypforschung angeführt.
Die Generalität des Stereotyps beschreibt seine allgemeine kognitive Eigen-
schaft, weil fast alle Mitglieder einer Gruppe dadurch beschrieben werden und
Stereotype häufig auf „die gesammelten und letztendlich generalisierten Erfah-
rungen einer Nation“ zurückgehen (vgl. Klooth 2005, 28). Die Vereinfachung der
Stereotype erleichtert die „Sammlung sowie Zuordnung unzähliger Informati-
onen und Daten und deren bessere sowie schnellere Verbreitung“, so dass die
Komplexität der Außenwelt verringert und der Umgang mit ihr einfacher wird
(Roth 1998, 33). Die Indirektheit der Stereotype liegt darin, dass sie in der Gesell-
schaft entstanden sind und „nicht durch persönliche Erlebnisse sowie Erfahrun-
gen, sondern während der Sozialisation in der Familie, Schule, unter Freunden
sowie von den immer wichtiger werdenden Medien erworben worden sind“ (Weis
2009, 34). Medien spielen beim Sozialisationsprozess in der heutigen Informa-
tionsgesellschaft eine entscheidende Rolle. Durch Presse, Fernsehen, Internet
usw. bekommt man mehr Gelegenheiten als je zuvor, die Außenwelt kennen
zu lernen. Die Stabilität der Stereotype manifestiert sich darin, dass sie im Ver-
gleich zu anderen sozialen Phänomen von Dauer sind (vgl. Yu Xiaoxia 2004,
42). Sie werden immer allgemein akzeptiert und können lange erhalten bleiben.
Auch durch Kritik sind Stereotype kaum zu korrigieren. Ihre Stabilität gründet
darauf, „dass Stereotype nicht durch persönliche Erfahrungen erworben werden,
sondern auf dem kollektiven Gedächtnis einer Gruppe basieren“ (vgl. Tiittula
1994, 204). Sie besitzen starke Durchsetzungskraft und werden „vererbt“ und
gehören zu einer Gruppe von allgemein geteilten Kenntnissen sowie Informatio-
nen (Wu Jiarong 2004, 111).
190   Liang Shanshan

2.2.2 Die Dynamik des Stereotyps

Die Stabilität sowie die Änderungsresistenz sind typische Charakteristika des Ste-
reotyps. Allerdings heißt das nicht, dass Stereotype nicht dynamisch sind und
sich nicht ändern, sondern sie entwickeln sich im Vergleich zu anderen sozialen
Phänomenen nur mit einem sehr langsamen Tempo. Die Dynamik des Stereotyps
wird aufgrund seiner relativen Stabilität oft übersehen.
Mit der gesellschaftlichen Entwicklung wandeln Stereotype sich ebenfalls:
Neue Stereotype bilden sich heraus, bestehende Stereotype ändern sich bzw.
verschwinden. Nur im Vergleich zu anderen sozialen Phänomenen geschieht
dieser dynamische Entwicklungsprozess sehr langsam (Weis 2009, 29–32). Mit
anderen Worten kann man sagen: Stereotype sind historisch bedingt, oder haben
eine begrenzte Lebensdauer (Ye Xumin et al. 2004, 160). Das Charakteristikum
der Dynamik zeigt sich auch daran, dass einige Stereotype durch den Einfluss
einer bestimmten historischen Phase entstehen und mit dem geschichtlichen
Wandel allmählich außer Gebrauch kommen können, eventuell ihre Dynamik
sowie Akzeptanz verlieren oder durch neue Stereotype ersetzt werden. In einem
besonderen historischen Kontext können allerdings diese schon lange nicht
mehr benutzten oder längst vergessenen Stereotype wieder aktiviert und verbrei-
tet werden, wie z. B. „Yellow Peril“ (Jiang Zhiqin 2007, 20), ein Ausdruck, der im
neunzehnten Jahrhundert entstanden ist und schon lange beim Publikum nicht
mehr benutzt wird, aber jetzt wieder im Hintergrund von Chinabedrohungsthe-
orien in den westlichen Medien vorkommt. Das zeigt, dass das Charakteristi-
kum der Dynamik mit dem historischen sowie gesellschaftlichen Hintergrund in
engem Zusammenhang steht. Der geschichtliche und gesellschaftliche Kontext
kann Stereotype beeinflussen und veranlasst ihre Entwicklung sowie Verände-
rung.
Insbesondere in der heutigen Gesellschaft, in der Medien immer wichti-
ger werden und das Leben tiefer beeinflussen, zeigt sich das Charakteristikum
der Dynamik der Stereotype deutlicher. Die Indirektheit der Stereotype bedingt
nämlich, dass Stereotype nicht durch persönliche Erlebnisse und Erfahrungen,
sondern während der Sozialisation lediglich übernommen werden. Im Gegensatz
zu anderen traditionellen Formen der Sozialisation spielen Medien wie Fernse-
hen und Internet beim Erwerb der Stereotype durch ihre jetzige explosionsartige
Entwicklung eine noch bedeutendere Rolle. Durch Medien lernen Menschen
andere Kulturen im Vergleich mit der Vergangenheit viel schneller und in viel
mehr Facetten kennen, was zur rapiden Informationsaktualisierung führt. Damit
wird der Entwicklungsprozess der Stereotype beschleunigt und dessen Dynamik
verstärkt. Daher wird in der jetzigen Gesellschaft, in der die Informationsmenge
 Die Dynamik von Stereotypen   191

förmlich explodiert, das Charakteristikum der Dynamik wie noch nie zuvor deut-
lich.
Von diesem theoretischen Ausgangspunkt ausgehend wird unten das Charak-
teristikum der Dynamik der Stereotype am Beispiel der Analyse von Stereotypen
in Bezug auf Deutschland in der chinesischen Zeitschrift „Lifeweek“ erläutert.

3 Analyse der Dynamik der Stereotype in


Anzeigen

3.1 Über das Korpus „Lifeweek“

Das chinesische Nachrichtenmagazin „Lifeweek“ wurde in den 1920er Jahren


zum ersten Mal veröffentlicht und stellte mit 155.000 Exemplaren den Auflagen-
rekord im damaligen China auf (Song 2000, 170). Nach den 20er Jahren wurde
die Veröffentlichung aus finanziellen Gründen eingestellt und erst 1995 erschien
„Lifeweek“ wieder. Momentan ist „Lifeweek“ mit ca. 180 Seiten die dickste
wöchentliche Zeitschrift in China und das führende Nachrichtenmagazin mit
großem Einfluss auf das chinesische Publikum.
Der Slogan des Magazins „Ein Magazin und das von ihm geförderte Leben“
(一本杂志和他倡导的生活) steht oben auf der Titelseite jeder Ausgabe von „Life-
week“. Damit wird die Zielsetzung des Magazins erkennbar, nämlich, eine neue
Zeit, neue Meinungen und neue Strömungen in der Gesellschaft widerzuspiegeln
und mit seinem eigenen Charakter neue Themen, moderne Menschen und neue
Lebensentwürfe zu kommentieren.

3.2 Analyse der Dynamik der Stereotype in Bezug auf Deutsch-


land in „Lifeweek“

Stereotype sind dynamisch und diese Dynamik zeigt sich einerseits durch das
Auftreten neuer Stereotype und andererseits durch Änderungen bzw. das Ver-
schwinden bestehender Stereotype. Im Folgenden wird das Charakteristikum der
Dynamik am Beispiel von Anzeigen mit Stereotypen in Bezug auf Deutschland
erläutert.
192   Liang Shanshan

3.2.1 Neu entstandene Stereotype

Über traditionelle deutsche Stereotype wie „hohe Qualität“ hinaus tauchen in


den letzten Jahren neue Stereotype über Deutschland in Anzeigen der „Lifeweek“
auf: die Betonung des deutschen Umweltschutzes, der Mitmenschlichkeit sowie
des fortschrittlichen Industriedesigns, die anschließend analysiert werden.

– Umweltschutz

Abb. 1: Anzeige von VW (Quelle: Lifeweek 2010/31)

Bei der Anzeige von VW (2010/31) kann man sich inhaltlich auf die Schlagzeile
„Fokus auf den Umweltschutz und diese Gelegenheit“ konzentrieren. Hier spielt
der Umweltschutz in dieser Anzeige die bedeutendste Rolle. Im Fließtext „Nur
mit langsichtigem Denken kann man die Entwicklungstendenz des Umweltschut-
zes genau erkennen. Der PASSAT von VW Shanghai führt die Aktion „Wunsch
Blau“ durch und lädt Sie dazu ein, die Zukunft zu sichern und den großartigen
„blauen“ Plan zu entwerfen“ wird Umweltschutz in den Mittelpunkt gerückt.
Solche Inhalte von Anzeigen der VW-Autos passen genau zu der Entwicklung des
Umweltschutzbewusstseins in Deutschland. Der Satz
 Die Dynamik von Stereotypen   193

„Neue Besitzer von PASSAT werden die Gelegenheit erhalten, zur deutschen Halle der Expo
zu kommen, die menschliche Technologie-Fabrik von VW zu besichtigen und bei Meister-
fotografen zu lernen“

zeigt den Zusammenhang zwischen dem Umweltschutzgedanken und Deutsch-


land. Im Hintergrund ist der Preis bei dieser Aktion zu sehen, nämlich eine über
der See schwebende Digitalkamera umgeben von Löwenzähen und durch die
Kameralinse sieht man die berühmte Sehenswürdigkeit von Shanghai, den Bund
und den Fernsehturm. Das Logo von VW und der deutschen Halle der Expo ver-
deutlichen die deutsche Herkunft dieses Produkts. Dieses Bild passt inhaltlich zu
dem Anzeigentext.
Auf der formalen Ebene werden der Himmel und die See als Hintergrund
gewählt, sodass die Hintergrundfarbe selbstverständlich blau ist, was zu der
„Wunsch Blau“  – Aktion passt, die zur von VW organisierten Veranstaltung
„think blue“ gehört, die darauf abzielt, Emissionsreduzierung, Energiesparen,
Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung zu verwirklichen. Die weiße Schrift
der Schlagzeile „Fokus auf den Umweltschutz“ fällt vor dem blauen Hintergrund
auf und betont den Sale Point. Der Ausdruck „Ji Bu Ke Shi“(机不可失) ist eigent-
lich ein Sprichwort und bedeutet: Diese Gelegenheit darf nicht verpasst werden.
Hier wird das Schriftzeichen „Ji“ mit dem Anführungszeichen angedeutet und
dadurch wird eine Äquivokation benutzt, denn das Schriftzeichen „Ji“ hat in
diesem Kontext zwei Bedeutungen: einerseits die Abkürzung von „Gelegenheit“
und andererseits „Kamera“. Daher bedeutet „Ji Bu Ke Shi“: Die Gelegenheit bzw.
die Chance auf die Kamera als Preis dieser Aktion soll man nicht verpassen. Ent-
sprechend dem Fließtext erinnern das Logo der deutschen Halle der Expo sowie
die schwarz-rot-goldene deutsche Flagge an die deutsche Herkunft. Durch diese
Kombination von Bild und Text wird das Stereotyp über den deutschen Umwelt-
schutz, dass sich VW zuschreiben möchte, deutlich.
Nicht nur diese Auto-Anzeige von PASSAT, sondern auch die Polo-Anzeige im
Jahr 2003 thematisiert Umweltschutz: Die deutsche Regierung hat dem Polo den
Preis für umweltfreundliche Autos verliehen. Über diese Auto-Anzeigen hinaus
wird auch in der Anzeige für Siemens-Waschmaschinen (2005/1, 2005/13) durch
Ausdrücke wie „Design fürs Energiesparen“, „hocheffizienter Umweltschutz“,
„Werte für Kunden Schaffen“; bei Vaillant-Heizgeräten „genießen Sie die weltwei-
ten Vaillant-Umweltschutzideen“ (2006/9), „Durch die Benutzung von energie-
sparenden sowie Energieeffizienz erhöhenden Technologien werden allgemeine
Bedürfnisse in verschiedenen Wohnverhältnissen nach Wärme und gemütli-
chem, energiesparendem, preiswertem sowie umweltfreundlichem Warmwasser
erfüllt“ (2007/39–48) das Stereotyp vom deutschen Umweltschutz deutlich.
194   Liang Shanshan

– Mitmenschlichkeit

Abb. 2: Anzeige von VW-Bora (Quelle: Lifeweek 2009/21)

In dieser Anzeige des neuen VW-Bora aus dem Jahr 2009 wird mit dem Titel des
Fließtextes „solide Fürsorge, Fünf-Sterne-Zuverlässigkeit“ zuerst auf den Sale
Point, nämlich „Mitmenschlichkeit“ sowie „Zuverlässigkeit“ hingewiesen. Der
Fließtext

„Das fortschrittliche Sicherheitssystem des neuen VW-Bora schafft durch mehrfache elek-
tronische Technologien mehr Sicherheit. Fußgängern wird ein Schutz nach dem europäi-
schen Standard geboten. Der neue VW-Bora hat beim C-NCAP Fünf-Sterne-Sicherheitssys-
tem gewonnen“

zeigt nochmals die Betonung der Fürsorge für Fußgänger. Diese Betonung der
Sicherheit und der darüber hinaus gehenden Fürsorge ist vorher in Anzeigen zu
Autos aus anderen Ländern in „Lifeweek“ fast nie zu sehen. Im bildlichen Hin-
tergrund steht ein neuer VW-Bora. Im Vordergrund links befindet sich ein Vater
mit einem Baby im Arm, das lächelnd nach links blickt. Das ganze Bild versucht,
menschliche Liebe in den Vordergrund zu stellen. In der Mitte stehen noch fünf
Sterne mit der Erklärung „Zuverlässigkeit“. Unten steht eine Serie von Fotos
des VW-Bora. Diese Anzeige von VW-Bora drückt nicht nur durch den Text Mit-
menschlichkeit aus, sondern es wird mit der Vater-Baby-Szene eine Atmosphäre
von Liebe und Wärme geschaffen. Im Unterschied zu anderen Autoanzeigen wird
die Sicherheitseigenschaft des Autos durch neue Inhalte dargestellt.
 Die Dynamik von Stereotypen   195

Auf der formalen Ebene wird der Titel des Fließtextes, gleichzeitig der wich-
tigste Sale Point, mit einer größeren Schrift fett gedruckt. Im Fließtext wird noch-
mals auf diesen Sale Point hingewiesen. Durch die Formulierungen „die mensch-
liche Fürsorge“ sowie „Mehr Fürsorge für Fußgänger“ werden die Sorgen um
die Mitmenschen mehrmals betont. Der Vater-Baby-Hintergrund, der eigentlich
wenig mit der Autoanzeige zu tun hat, ruft indirekt bei Lesern durch die Darstel-
lung der natürlichen Zuneigung des Vaters zum Kind die Assoziation der mensch-
lichen Liebe sowie Fürsorge hervor, die mit dem Thema dieser Autoanzeige im
Zusammenhang steht. Die Atmosphäre der Liebe wird in der Anzeige eindeutig
durch den Text sowie das Bild geschaffen.
Die Mitmenschlichkeit wird auch in der Anzeige des VW-Polo von 2005 darge-
stellt. Darin steht „Polo mit der von VW geerbten Wertschätzung der Menschen“.
Im Vergleich zu anderen Autoanzeigen, wo bildlich ausschließlich Autos und
Technologien gezeigt werden, tauchen seit 2008 immer mehr Familienszenen in
VW-Autoanzeigen auf, wie z. B. beim VW-Bora (2008, 2010/4), beim Turan (2011)
und einigen anderen. Ein Vater füttert Kinder, die ganze Familie umarmt sich
oder blickt einander an, solche Szenen brechen die traditionellen technischen
Darstellungen der Autoanzeigen auf und schaffen im Gegensatz dazu eine neue
menschliche Atmosphäre. Dadurch können diese Autoanzeigen einerseits die
Erwartungen der Konsumenten über einige bestimmte Wagen mit der Zielgruppe
Familie in Bezug auf bestimmte Wagen erfüllen, andererseits nähert sich das Auto
dem realen Leben und schafft durch die Darstellung von Menschen statt nur von
Technologien bei Konsumenten neue Wahrnehmungen. Außerdem sieht man das
Stereotyp der Mitmenschlichkeit auch in anderen Werbetexten, wie denen von
Vaillant-Heizgeräten (2007/12) mit „mitmenschliche Technologien“, von Siemens-
Waschmaschinen mit „computergesteuertes Programm voller Mitmenschlichkeit
(2005/13)“ usw.

– Fortschrittliches Industriedesign
Die erste Anzeige, in der der deutsche Preis „Red Dot Design Award for Design
Concepts“ auftauchte, erschien im Jahr 2009 für das Produkt Haier-Warmwasser-
boiler. Danach liest man oft über „den deutschen Preis Red Dot“ in Anzeigen von
„Lifeweek“. Die Erwähnung dieses deutschen Preises zeigt einerseits die Auto-
rität und die Anerkennung dieses Preises im Industriedesignbereich und führt
andererseits allmählich zur Entstehung eines neuen Stereotyps in Bezug auf
Deutschland. Unten wird dieses neu entstandene Stereotyp über fortschrittliches
deutsches Industriedesign am Beispiel von VW-CC erklärt.
196   Liang Shanshan

Abb. 3: Anzeige von VW-CC (Quelle: Lifeweek 2010/7)

In dieser VW-CC-Anzeige aus dem Jahr 2010 weist inhaltlich gesehen der Titel
des Fließtextes („geschicktes Design von CC fügt dem eleganten Leben Vitalität
hinzu“) auf den Sale Point hin. Der Fließtext

„Geschickt entworfene Kurven, weil nur die Rückansicht meistens gesehen wird. Vom ele-
ganten Rücken aus wird jede Kurve mit Herzen entworfen.“

stellt die Gestalt von CC sowie ihre Kurvenentwürfe dar. Am Ende des Fließtextes
wird erwähnt, dass

„VW-CC bei dem deutschen Preis Red Dot 2009 die hervorragende Bezeichnung „beste Qua-
lität sowie Geschmack“ („Best oft the Best“) gewonnen hat“.

In dem Schaubild wird ein fahrender VW-CC gezeigt, was im Vergleich zu anderen
Anzeigen mit einem stehenden Auto anders ist. Der zum Teil verschwommene
Hintergrund veranschaulicht genau das schnell fahrende Auto und entspricht
der Beschreibung „Rückansicht“ im Fließtext.
Formal gesehen tauchen im Werbetext Ausdrücke wie „geschicktes Design“,
„Kurve mit dem Herzen entworfen“ usw. auf, was den besonderen Entwurf von
VW-CC besonders hervorhebt. Basierend auf diesen Inhalten ist der Gewinn des
deutschen Preises „Red Dot“ nicht verwunderlich. Vor der Bezeichnung „beste
Qualität sowie Geschmack („Best of the Best“)“ wird noch das Adjektiv „her-
vorragend“ zum Ausdruck des hohen Ansehens des Preises benutzt, was seine
Stellung im Industriedesign nochmals betont. Die Verwendung der englischen
Formulierung „Best of the Best“ in einem chinesischen Kontext versucht, über
die chinesische Sprache hinaus durch eine einfache englische Formulierung, die
zweimal den Superlativ enthält, den Preis sowie das Designniveau zu unterstrei-
 Die Dynamik von Stereotypen   197

chen. Das Auto wird nicht von hinten gezeigt, sondern eher leicht von der Seite,
damit die Leser eine optimale Perspektive haben, aus der sie das durch den Preis
ausgezeichnete Design des Autos sowie die im Fließtext beschriebene Kurve des
Autos erkennen können. Dieser durch den deutschen Industriedesignpreis aus-
gezeichnete Entwurf wurde von VW-CC als Sale Point für sein Produkt benutzt
und etabliert indirekt auch das neue Stereotyp, dass Deutschland im Industrie-
design weltweit bekannt und anerkannt ist.
Über diese Werbung hinaus wird im Jahr 2011 in der Audi-Anzeige dieser
deutsche Industriedesignpreis erwähnt und ausführlich vorgestellt. Im Werbetext
wird dieser Preis als Oscar-Preis im Designbereich bezeichnet. In der Anzeige von
Peugeot aus dem Jahr 2011, von Haier-Warmwasserboilern sowie der Klimaanlage
aus den Jahren 2009, 2010, 2011, der Delongh-Kaffeemaschine aus dem Jahr 2010
usw. tauchen ähnliche Ausdrücke auf: „Der langfristige Entwurf gewinnt den
deutschen Red Dot Preis“ (Lifeweek 2010/8) und „aufgrund von perfekter Kunst-
dekoration wird der deutsche Red Dot Preis verliehen“ (Lifeweek 2011/17). In der
Anzeige des Hisense-Kühlschranks aus dem Jahr 2012 manifestiert sich dieses
neue Stereotyp in Bezug auf Deutschland im Werbetext „Herkunft von deutschen
Top-Entwurfsideen“ (Lifeweek 2012/37) noch deutlicher.

3.2.2 Verschwundene Stereotype

Die Dynamik besteht nicht nur im Auftreten neuer Stereotype, sondern auch im
Verschwinden alter Stereotype. Im Gegensatz zu den oben analysierten Stereo-
typen in Anzeigen, die in den letzten Jahren neu entstanden sind, offenbart sich
das Stereotyp, dass Deutschland bzw. deutsche Herkunft für exklusiven Status
stehen, nur eine Weile in Anzeigen der „Lifeweek“. Hier wird eine Anzeige über
Immobilien mit diesem Stereotyp aus dem Jahr 2004 als Beispiel ausgewählt.
198   Liang Shanshan

Abb. 4: Anzeige von Shimaobinjiang-Immobilien (Quelle: Lifeweek 2004/39)

In dieser Anzeige über Shimaobinjiang-Immobilien fasst inhaltlich gesehen ein


Untertitel des Fließtextes „Ruhiger See mit stillem Wasser  – westeuropäische
Gemütlichkeit und Gartenanlage – grüner Schwanensee in deutschem Stil“ eine
der Sale Points dieser Immobilien zusammen. Anschließend folgt in dem nachfol-
genden Fließtext die detaillierte Beschreibung: „Die Seefläche mit 20.000 m2 ist
der größte See innerhalb der Shimaobinjiang-Immobilien. Der See ist weit ausge-
dehnt, ruhig und frisch […] Die Gestaltung dieser Seelandschaft lehnt sich an den
Aufbau der europäischen Höfe und Gartenlandschaften an. Aus dem deutschen
Adelsleben stammen die grüne Fläche und die Kombination von Wasser und
Himmel, vielfältige biologische Landschaften, klassische europäische Plätze,
große Springbrunnen und schöne Skulpturen.“ Dem Fließtext entsprechend steht
eine große Schwanen-Skulptur im Hintergrund eines westlichen Paars am See.
Auf der formalen Ebene besitzt diese Anzeige zwei Seiten und mehr als die
Hälfte davon zeigt den großen deutschen Schwanensee, der im Fließtext erwähnt
wird. Im Text werden die Adjektive „alt“ und „klassisch“ zur Beschreibung des
europäischen Hofes und der Umgebung, die zum „Leben des deutschen Adels“
gehörte, benutzt, um den exklusiven Status der Shimaobinjiang-Immobilien her-
vorzuheben. In diesem Sinne wird Deutschland mit dem europäischen Adel und
seinem Lebensstil in Zusammenhang gebracht. An diesem Stereotyp in Bezug auf
 Die Dynamik von Stereotypen   199

Deutschland lässt sich die Vorstellung eines höheren und exklusiveren Status
erkennen und es wird suggeriert, dass man auch seinen eigenen Status erhöhen
könne, wenn man diese Immobilien kaufe.
2004 veröffentlichte Shimaobinjiang noch zwei andere ähnliche Immobilien-
Anzeigen mit diesem Stereotyp in „Lifeweek“. Nach diesen drei Immobilien-
Anzeigen kam das Deutschland-Stereotyp von exklusivem Status nicht mehr vor.

3.2.3 Analyse der Dynamik der Stereotype in „Lifeweek“

Im Vergleich zu stabilen Stereotypen über Deutschland wie „Land mit fortschritt-


lichen Technologien und technischen Anlagen“ usw. erleben die dynamischen
Stereotype wie deutscher Umweltschutz, Mitmenschlichkeit, fortschrittliches
Industriedesign sowie exklusiver Status einen Entwicklungsprozess. Während
die ersten drei Stereotype neu entstanden sind und ihre Inhalte davon immer viel-
fältiger werden und allmählich auch dazu tendieren, stabil zu werden, erschien
das letzte Stereotyp nach seinem kurzen Erscheinen nicht mehr. Diese dynami-
sche Entwicklung der Stereotype ist direkt sowie indirekt auf unterschiedliche
Hintergründe sowie gesellschaftliche Entwicklung zurückzuführen und wird im
Folgenden jeweils analysiert.

– Direkte Widerspiegelung
Wie oben erwähnt, gehören Stereotype zur Wahrnehmung von fremden Kultu-
ren. Sie spiegeln vereinfachend die Realität wider und geben Aufschluss über die
gesellschaftliche Entwicklung. Das Stereotyp über deutschen Umweltschutz stellt
genau diese neue gesellschaftliche Entwicklung in Deutschland unmittelbar dar.
Mit der raschen Industrie- sowie Wirtschaftsentwicklung zählt „der Schutz
von Umwelt und Klima zu den globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts
und genießt weltweit, besonders aber in der deutschen Politik, in Publizistik und
in der Zivilgesellschaft einen hohen Stellenwert“. Deutschland gilt international
als eine der Vorreiternationen beim Klimaschutz und als Pionier beim Ausbau
erneuerbarer Energien. „Schon seit Jahren verfolgt Deutschland einen Weg, der
Klima- und Umweltschutz im Sinne nachhaltigen Wirtschaftens zusammen-
führt. Als bedeutendes Rückgrat der deutschen Industrie investiert die Autoher-
stellungsbranche viel in umweltfreundliche Motoren, um sich besser auf einen
zukünftig nachhaltigen umweltfreundlichen Weg vorzubereiten“1. Dazu gehört

1 http://www.tatsachen-ueber-deutschland.de/de/umwelt-klima-energie/startseite-klima/we-
ge-zu-einer-mode rnen-klima-und-energiepolitik.html
200   Liang Shanshan

auch die „Think Blue“-Aktion von VW zur Verbreitung von Umweltschutz und
Energieeffizienz als Ideen zur Realisierung der Ziele für eine nachhaltige Ent-
wicklung. Passend zu dieser umweltfreundlichen Entwicklungstendenz tauchen
allmählich Inhalte über Umweltschutz in Anzeigen der deutschen Produkte in
„Lifeweek“ auf. Deutsche Haushaltsgeräte- sowie Automobilhersteller benutzen
gerne „umweltfreundlich“, „energiesparend“, „Technik mit hoher Energieeffizi-
enz“ und andere ähnliche Ausdrücke sowie entsprechende Bilder bzw. Fotos z. B.
vom Fahrradfahren in ihren Anzeigen. Dafür setzt VW ferner die „Think Blue“
Werbekampagne mit entsprechenden Anzeigen für Umweltschutz und nach-
haltige Entwicklung ein. Durch diese im Laufe der Zeit immer mehr werdenden
Anzeigen ist das Deutschland-Stereotyp des Umweltschutzes entstanden und sta-
bilisiert sich.
Auf eine andere Art und Weise zeigt das Stereotyp „exklusiver Status“ direkt
den Einfluss der historischen sowie gesellschaftlichen Situation. Das Stereo-
typ „Deutschland steht für exklusiven Status“ erschien nur in Anzeigen der
Shimaobinjiang-Immobilien. Als Shimaobinjiang-Immobilien keine Anzeigen
mehr veröffentlichte, verschwand dieses Stereotyp auch aus „Lifeweek“. Die Her-
kunft dieses Stereotyps in Bezug auf Deutschland ist schwer zu ermitteln und zu
erklären. Es fehlt ein historischer sowie gesellschaftlicher Hintergrund, auf den
das Stereotyp zurückzuführen ist. Beschreibungen wie „grüner Schwanensee
im deutschen Stil“, „Aus dem deutschen Adelsleben stammen die grüne Fläche
und das Zusammenspiel von Wasser und Himmel“ kann wohl nur im Kontext mit
„englischer Landschaft auf dem Land“ sowie „französischem Garten“ (Quelle:
Lifeweek 2004/39) erläutert werden. Denn diese Anzeige zielt nur darauf ab, den
Status der Shimaobinjiang-Immobilien auf das europäische Niveau zu erhöhen,
das im Vergleich zum damaligen China ein eleganteres sowie wohlhabenderes
Leben symbolisierte. Daher versucht die Anzeige der Shimaobinjiang-Immobilien
ihre Produkte im Zusammenhang mit Europa, insbesondere mit den drei bekann-
testen europäischen Staaten England, Frankreich sowie Deutschland, zu setzen.
Aus der chinesischen Kognition sind die englische ländliche Landschaft und der
französische Königshof – besonders der von Louis XIV sowie dessen Hofleben –
sehr bekannt. Daher liest man im Fließtext über entsprechende Inhalte wie „fas-
zinierende englische ländliche Landschaft“ sowie „französischer Hofgarten“. Im
Gegensatz dazu kannte man wenig von Deutschland außer dessen Technik und
deswegen musste man etwas Elegantes Europäisches extra für Deutschland erfin-
den, was die Tatsache ignoriert, dass Adlige aus Deutschland den Chinesen kaum
bekannt sind. Dieser Zusammenhang zwischen Deutschland und dem exklusiven
Status ist vermutlich gezielt von den Werbestrategen geschaffen worden. Wegen
fehlender wahrer historischer sowie gesellschaftlicher Hintergründe konnte
dieses erfundene Stereotyp in Bezug auf Deutschland als Symbol für exklusiven
 Die Dynamik von Stereotypen   201

Status, nicht vom Publikum übernommen werden und daher nicht lange existie-
ren. Das zeigt vermutlich den Einfluss des gesellschaftlichen Hintergrundes auf
die Entstehung sowie die Entwicklung der Stereotype. Ohne tatsächliche histori-
sche Grundlagen, die den Rezipienten der Werbung bekannt sind, können erfun-
dene Stereotype nicht lange bestehen.

– Indirekte Widerspiegelung
Im Gegensatz zum Deutschland-Stereotyp Umweltschutz, das direkt die gesell-
schaftliche Entwicklung in Deutschland widerspiegelt, veranschaulichen die Ste-
reotype „Mitmenschlichkeit“ sowie „fortschrittliches Industriedesign“ indirekt
einen solchen Wandel.
Wenn man auf die Produkte der Anzeigen mit letzteren Stereotypen zurück-
geht, bemerkt man, dass unter den beworbenen Produkten Haushaltsgeräte und
Autos sind, die früher eigentlich in „Lifeweek“ sehr oft mit traditionellen Stereo-
typen wie gute deutsche Qualität und ausgezeichnete Technik beworben wurden.
Allerdings verschärft sich mit dem Auftritt der gleichen Art von Produkten anderer
Länder auf dem chinesischen Markt die Konkurrenz und wenn deutsche Produkte
in dieser neuen Situation die Aufmerksamkeit der chinesischen Kunden immer
noch auf sich ziehen wollen, müssen sie neue Sale Points entdecken. Daher
kommen in diesen Produktanzeigen neue Werbeinhalte vor, wie „menschliche
technische Grundlage“, „hervorragende intelligente deutsche Technik integriert
die Mitmenschlichkeit“, „als Oscar im Industriedesignbereich bezeichneter deut-
scher Red Dot Preis“, „fantastisches Design gewinnt den hochkarätigen deut-
schen Industriedesignpreis“ usw. Diese „neuen“ Deutschland-Stereotype „Mit-
menschlichkeit“ sowie „fortschrittliches Industriedesign“, die eigentlich schon
seit langem existieren und keine neuen Phänomene sind, versuchen deutsche
Produkte beim chinesischen Publikum gewissermaßen einzupflanzen, damit sie
auf dem chinesischen Markt immer noch attraktiv bleiben und durch diese neu
eingeführten Sale Points chinesische Kunden gewinnen können.
Im Vergleich zum Deutschland-Stereotyp „Umweltschutz“ verdeutlichen die
deutschen Stereotype „Mitmenschlichkeit“ sowie „fortschrittliches Industrie-
design“ zwar nicht unmittelbar den gesellschaftlichen Wandel, aber durch das
Auftreten dieser Stereotype kann die Entwicklung der chinesischen Wirtschaft
indirekt beobachtet werden: Das Wachstum der chinesischen Wirtschaft und der
immer größere sowie attraktivere Markt führen zur verschärften Konkurrenz auf
dem chinesischen Markt, worauf deutsche Hersteller mit neuen Ideen wie Ein-
führung neuer Stereotype in der Werbung reagieren.
202   Liang Shanshan

4 Schlusswort
Durch die oben geführte Untersuchung über Stereotype in Bezug auf Deutsch-
land in Anzeigen der Zeitschrift „Lifeweek“ kann beobachtet werden, dass außer
einigen traditionellen stabilen Stereotypen andere Stereotype auch Änderungen
erleben. Entsprechend aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen können neue
Stereotype entstehen, während andere Stereotype wegen fehlender historischer
Grundlage nur für kurze Zeit existieren. Diese in Verbindung zu einem bestimm-
ten gesellschaftlichen Hintergrund entstandenen Stereotype tendieren nach der
Entstehung dazu, weiterhin wieder stabil zu bestehen. Aus dieser Untersuchung
kann die Schlussfolgerung gezogen werden, dass Stereotype trotz des grundsätz-
lichen Kennzeichens der Stabilität auch eine Dynamik besitzen. Infolge des jetzi-
gen umfangreichen weltweiten Informationsaustausches wird der Entwicklungs-
prozess der Stereotype immer schneller und ihre Dynamik wird sich dadurch
deutlicher als zuvor zeigen.

5 Literaturverzeichnis
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Unbekannter Autor. http://www.tatsachen-ueber-deutschland.de/de/umwelt-klima-energie/
startseite-klima/wege-zu-einer-modernen-klima-und-energiepolitik.html (15. Februar
2014).

Dieses Projekt wurde unterstützt durch das „Programm zum Projektbezogenen


Personenaustauschs (PPP)”, China Scholarship Council ([2014] 6013/[2016] 6041) sowie
von „The Major Projects of the National Social Science Foundation of China“, Grant
No. 14&ZH036.
Li Yuan und Ye Xiangmei
Das politische Chinabild
In der Berichterstattung im Spiegel anlässlich des Nationalen
Volkskongresses von 2003 bis 2013

1 Einleitung
Die Chinabild-Forschung kann in China auf die 1990er Jahre zurückgeführt
werden (vgl. Liu/Zhou/Duan2002, 270). Nach dem von Li Xiguang und Liu Kang
publizierten „Hinter der Dämonisierung von China“ (1996) haben die Veröffentli-
chungen zur Chinabild-Forschung drastisch zugenommen. Während 1999 nur 25
Artikel in wissenschaftlichen Zeitschriften zu finden waren, belief sich die Zahl
2013 auf 228, fast zehnmal so hoch. Allerdings wird das politische Chinabild in
deutschen Medien seltener als Forschungsgegenstand betrachtet.
China erfährt in der Auslandsberichterstattung deutscher Medien zuneh-
mend Beachtung. Als eines der wichtigsten politischen Ereignisse zieht der Nati-
onale Volkskongress (NVK), das Parlament der Volksrepublik China, große Auf-
merksamkeit von Seiten der deutschen Medien auf sich.
Da die Leitmedien beim Agenda Setting bzw. der Konstruktion des Natio-
nenbildes eine bedeutende Rolle spielen, wendet sich die vorliegende Arbeit der
Berichterstattung über Chinas NVK im Spiegel zu. Das Nachrichtenmagazin Der
Spiegel wird nämlich aufgrund seines Einflusses auf die öffentliche Meinungsbil-
dung als ein Leitmedium in Deutschland bezeichnet.
Ziel der vorliegenden Arbeit1 ist es, durch die Analyse der Berichte über
Chinas NVK das politische Chinabild im Spiegel zu ermitteln, es in gewissen
sozialen, politischen und kulturellen Kontexten offenzulegen und kritisch zu
beleuchten. Konkreter wird dabei auf folgende Fragen eingegangen:
1) Was für ein politisches Chinabild wird anlässlich des NVK konstruiert?

1 Teilergebnis des Forschungsprojekts der Zhejiang Provinz (17NDJC202YB)浙江省社科规划课


题 (17NDJC202YB)成果.

Li, Yuan, Prof. Dr., Professorin für German Studies, Institut für German Studies, Zhejiang Uni-
versität, China
Ye, Xiangmei, Institut für German Studies, Zhejiang Universität, China

DOI 10.1515/9783110544268-011
 Das politische Chinabild   205

2) Wie wird das politische Chinabild konstruiert?


3) Welche soziokulturellen Faktoren könnten darauf Einfluss nehmen?

Untersucht werden alle Berichte von 2003 bis 2013 im Spiegel2, die während des
NVKs veröffentlicht wurden und den NVK als Hauptthema behandelten. Die the-
oretische Grundlage bilden die Rahmenanalyse (Framing) sowie die Kritische
Diskursanalyse (CDA), welche gleichzeitig als Untersuchungsmethoden dienen.

2 Theoretische Grundlage und


Forschungsmethode
Scheufele (1999, 106) zufolge wirken die Media Frames (Rahmen) als „working
routines for journalists“, aufgrund derer die Journalisten schnell die für ihr Pub-
likum geeigneten Nachrichten auswählen. In Bezug auf den Prozess der Rah-
mensetzung hat Entman (1993, 52) konkrete Konzepte entwickelt: „select“ und
„salient“. Ihm zufolge ist die Entwicklung der Rahmen ein Prozess voller absichts-
voller Selektionen, Betonung und Ausgrenzung. Außerdem sollen Faktoren wie
„die Ideologie“, „die Haltungen und Ansichten der Eliten“, „die organisatorischen
Belastungen“, die in der Ausgangsphase eine wichtige Rolle spielen, berücksich-
tigt werden.
Die Rahmenanalyse hilft durch eine Quantifizierung von inhaltlichen Merk-
malen, größere Datenmengen zu erfassen und verallgemeinerbare Muster zu
identifizieren. Die quantifizierten Forschungsergebnisse der Rahmenanalyse
werden als Basis für die Kritische Diskursanalyse mit Faircloughs Dreidimensio-
nenmodell angewandt.
Die Kritische Diskursanalyse setzt sich „die Aufgabe, einerseits den Zusam-
menhang zwischen sprachlichen Mitteln und konkreten diskursiven Handlungen
und andererseits die Wechselwirkung zwischen diskursiver Praxis und politi-
scher, sozialer und institutioneller Wirklichkeit aus einer kritischen Perspektive
darzulegen“ (Bluhm/Deissler et al. 2000, 4). Die vorliegende Arbeit wendet sich
dem dreidimensionalen Modell von Fairclough zu. Jedes diskursive Ereignis wird
gleichzeitig als ein Text, eine Instanz der diskursiven Praxis („an instance of dis-

2 Die Berichte sind aus dem Spiegel und Spiegel Online ausgewählt. Obwohl die Berichte in bei-
den nicht immer identisch sind und sich ihr Stil auch manchmal unterscheidet, gehören beide
zur Spiegel-Gruppe und verfügen über viele Gemeinsamkeiten. Aus ökonomischen Gründen wird
in der vorliegenden Arbeit „Der Spiegel“ als Sammelbegriff für beide angewendet.
206   Li Yuan und Ye Xiangmei

cursive practice“) und eine Instanz der sozialen Praxis („an instance of social
practice“) angesehen (Fairclough 1992, 4). Fragen der Macht und Ideologie stehen
hier im Mittelpunkt.

3 Rahmenanalyse: Anzahl, Inhalt und Haltung der


Themenbereiche
Der Forschungszeitraum beschränkt sich auf die Amtszeit von Staatspräsident Hu
Jintao, also von 2003 bis 2013. Das für die Untersuchung wichtige Zugriffskrite-
rium des einzelnen Berichts ist die Behandlung des Nationalen Volkskongresses
als Hauptthema während des NVK. Insgesamt wurden 50 Berichte unter www.
spiegel.de gefunden und in der vorliegenden Arbeit nach dem Erscheinungsda-
tum nummeriert (s. Anhang).

3.1 Anzahl und Inhalt der Themenbereiche

Zunächst lässt sich ein deutlicher Anstieg der Anzahl der Berichte erkennen, von
einem im Jahr 2003 bis fünf im Jahr 2007 und schließlich 11 im Jahr 2013 (Abbil-
dung 1). Daraus könnte geschlussfolgert werden, dass Der Spiegel an Chinas NVK
stetig Interesse hat und diesem seit den letzten Jahren immer mehr Aufmerksam-
keit geschenkt wird.

Abb. 1: Anzahl der Chinaberichterstattungen des Spiegel von 2003 bis 2013
 Das politische Chinabild   207

Was die Themenbereiche betrifft, sind die Berichte ihrer Hauptthemen gemäß in
drei Kategorien einzuordnen: Wirtschaft, Politik und Menschenrechte. Demnach
gehören 13 Artikel zur Wirtschaft, neun zu Menschenrechten und 28 zur Politik.
Alle 50 Berichte dienen als Untersuchungsmaterialien der vorliegenden Arbeit,
der Schwerpunkt liegt jedoch auf 37 Berichten, die der Kategorie „Politik“ und
„Menschenrechte“ zugeordnet sind, weil hier das politische Chinabild zu ermit-
teln ist.

Hauptthemen Anzahl der Berichte Anteil (%)

Generationswechsel 10 27

Menschenrechte 9 24

Militär 2 5,5

Taiwan und Tibet 3 8

Delegierte 2 5,5

Innenpolitik 11 30

Summe 37 100

Abb. 2: Themenkomplexe

Diese 37 Berichte beziehen sich auf folgende sechs Themen: Generationswech-


sel, Menschenrechte, Militär, Taiwan und Tibet, Delegierte und Innenpolitik.
In Abbildung 2 wird deutlich, dass Innenpolitik, Generationswechsel und Men-
schenrechte hierbei die meist behandelten Themen sind.
Als wichtigster Themenbereich macht „Innenpolitik“ 30% der gesamten
Berichterstattung aus. Den zweiten Rang nimmt eindeutig der Bereich „Gene-
rationswechsel“ ein. Im Bereich Generationswechsel lenkt Der Spiegel die Auf-
merksamkeit der Leser auf die Wahl des Staatschefs und des Regierungschefs. Da
die Wahl des Staatspräsidenten und die Ernennung des Ministerpräsidenten alle
fünf Jahre stattfinden, erschienen die Berichte über den Generationswechsel nur
in den Jahren 2003, 2008 und 2013.
An dritter Stelle steht das Thema Menschenrechte. Die Rubrik „Menschen-
rechte“ umfasst Beiträge, die über Informationsfreiheit, Pressefreiheit, Mei-
nungsfreiheit und auch Menschenrechte berichten (die Berichte im Anhang mit
*). Nach einer genauen Analyse des Veröffentlichungsdatums dieser Berichte
wird klar, dass es in fast jedem Jahr mindestens einen Bericht über Menschen-
rechte in China gibt. Dadurch wird die große Aufmerksamkeit des Spiegel auf
Chinas Menschenrechte deutlich. Die relevanten Berichte konzentrieren sich
zum einen auf die Internet-Zensur (Bericht Nr. 3, 10, 11, 26). Zum anderen wird
208   Li Yuan und Ye Xiangmei

die Rolle der Sicherheitskräfte thematisiert. In den Berichten Nr. 18, 30, 33 und
37 werden z. B. die Aufrüstung der Polizei sowie der Streitkräfte und deren harte
Maßnahmen gegen „Regimekritiker und ausländische Korrespondenten“ hervor-
gehoben. Als beliebtes Thema im Spiegel gelten der „Kritiker der Regierung“ Ai
Weiwei und „Bürgerrechtler“ wie Hu Jia und Teng Biao.
Zur Rubrik „Taiwan und Tibet“ gehören drei Berichte. Die zwei Berichte über
die Taiwan-Frage beziehen mehrere Aspekte ein, einschließlich der Beziehung
zwischen Taiwan und dem Festland China sowie des Kriegsgesetzes bzw. des
Anti-Sezessionsgesetzes Chinas gegen Taiwan, falls sich Taipei für unabhängig
erklären sollte. Beide Berichte erschienen im Jahr 2005, wo eine neue Krise zwi-
schen China und Taiwan entstand und im März 2005 ein Anti-Abspaltungsgesetz
vom NVK verabschiedet wurde (Bericht Nr. 5, Nr. 7). In Bezug auf Tibet wird der
Schwerpunkt auf den Umgang mit dem Dalai Lama, den Unruhen, dem Chaos
und der Selbstverbrennung gelegt. Beispielsweise wurde der Dalai Lama von chi-
nesischer Regierung für die Selbstverbrennung im Jahr 2012 beschuldigt (Bericht
Nr. 38). Die Taiwan- und Tibet-Frage habe problematische Konsequenzen für die
internationalen Beziehungen, beispielsweise die Beziehung zu den USA. Die USA
haben mit Waffenverkäufen an Taiwan und mit dem Empfang des Dalai Lama
beim Präsidenten „die chinesische Souveränität“ verletzt, wodurch es auch zu
„ernsthafte(n) Störungen“ der Beziehungen zwischen China und den USA gekom-
men sei (Bericht Nr. 29).
Die Berichte zum Thema „Militär“ stellen die Aufrüstung Chinas dar (Nr. 39
und Nr. 43) und in den Berichten Nr. 35 und 44 rücken die Delegierten ins Zentrum.

3.2 Tendenz der Themenbereiche

Die Tendenz bezieht sich anscheinend zunächst nicht auf die Haltung des Maga-
zins Spiegel zu China, sondern hängt von den Themen der Berichte ab. Wenn
die Berichte ein negatives Thema zum Gegenstand haben, z. B. „Das Internet:
Chinas Staatsfeind“ (Bericht Nr. 3), „Volkskongress: Chinas Führung legt Kriegs-
gesetz gegen Taiwan vor“ (Bericht Nr. 5), „Nervöse Führung: China setzt erneut
ausländische Journalisten fest“ (Bericht Nr. 30), dann werden sie in die Kategorie
„negatives Thema“ eingeordnet. Und wenn es um positive Ereignisse geht, z. B.
den Erfolg der olympischen Spiele in Peking, dann ist die Tendenz überwiegend
positiv. Wenn die Berichte den Volkskongress z. B. nur darstellen, dann sind sie
neutral.
 Das politische Chinabild   209

Jahre 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 13 Summe

Gesamtzahl 1 1 4 3 3 4 1 4 2 5 9 37

Neutrales Thema 0 0 2 0 2 2 0 0 0 1 7 14

Negatives Thema 1 1 2 3 1 2 1 4 2 4 2 23

Anteil mit negativen Themen (%) 100 100 50 100 33,3 50 100 100 100 80 22,2 62,2

Abb. 3: Anzahl und Proportion der neutralen und negativen Themen im Bereich Politik

In Abbildung 3 ist auffällig, dass es keine positive Berichterstattung bei den aus-
gewählten Materialien gibt. Mehr als die Hälfte (62,2%) der Gesamtberichte im
Bereich Politik behandeln negative Themen. Außerdem ist deutlich, dass sich
alle Berichte in den Jahren 2003, 2004, 2006, 2009, 2010 und 2011 auf negative
Themen beziehen. Daraus kann geschlussfolgert werden, dass Der Spiegel dazu
neigt, negative Themen über den Volkskongress auszuwählen und davon zu
berichten.

Abb. 4: Anteil der neutralen und negativen Themen in verschiedenen Themenbereichen

In Abbildung 4 wird der Anteil der neutralen und negativen Themen in einzel-
nen Themenbereichen der Politik dargestellt. Am auffälligsten ist, dass die auf
„Menschenrechte“ und „Taiwan und Tibet“ bezogenen Berichte eine ausschließ-
lich negative Tendenz aufweisen. In den Themenbereichen „Generationswechsel“
und „Militär“ zeigen fast alle eine neutrale Tendenz. In Bezug auf „Generations-
wechsel“ gibt es nur einen negativen Bericht, der von der schwierigen Aufgabe
der neuen Generation erzählt (Bericht Nr. 42). Die übrigen berichten hauptsäch-
lich neutral über das Vorgehen der Wahl des Staatspräsidenten usw. In Bezug auf
210   Li Yuan und Ye Xiangmei

„Militär“ sind die zwei Berichte über die Aufrüstung des Militärs auch neutral
gehalten. Darüber hinaus sind die Themenbereiche „Delegierte“ und „Innenpoli-
tik“ sowohl als neutrales Thema als auch als negatives Thema zu lesen.
Bei eingehender Analyse lässt sich schließlich herausarbeiten, dass die
Tendenz der Themenbereiche des Spiegel in erster Linie nicht von den Themen
der Berichte abhängt, sondern die politische oder weltanschauliche Orientie-
rung des Spiegel ausdrückt. Ob ein positives oder negatives Chinabild vermittelt
wird, hängt von der Wahl der Themen ab. Die Auswahl bestimmter Themen ist
nichts anderes als die Wahl, eher negative Ereignisse oder positive Dinge an die
Leserschaft heranzutragen. Dazu kommt, dass Begriffe wie „Menschenrechte“
und „Demokratie“ nicht die gleiche Bedeutung, Geschichte und Konnotation in
beiden Ländern haben, aber immer davon ausgegangen wird.

4 Kritische Diskursanalyse der Berichterstattung


Im Folgenden wird die Berichterstattung, basierend auf dem dreidimensionalen
Modell von Norman Fairclough, kritisch analysiert, und zwar auf der textanaly-
tischen, diskursiven und soziokulturellen Ebene. Ziel ist es, herauszufinden, wie
Der Spiegel über die verschiedenen Themen berichtet und das politische China-
bild gestaltet.

4.1 Textanalytische Praxis

Zur Analyse der textanalytischen Praxis gehören die Analyse des Titels, der lexi-
kalischen Auswahl und der Überlexikalisierung.

4.2 Titel

Der Titel des Berichts hat eine semantische Funktion, indem über den „inhalt-
lichen Kern“ des Textes informiert wird (Harweg 1984, 78). In Bezug auf prag-
matische Funktionen kündigt der Titel an, was in dem Bericht zu erwarten ist.
Außerdem hat Brandt (1991, 238) bei seiner Untersuchung der Überschriften von
Zeitungstexten festgestellt, dass der Titel die Funktion des „Informierens“ und
des „Appellierens“ übernehmen kann.
Dieser Teil beschäftigt sich mit den Titeln der Berichterstattungen. Als Bei-
spiele werden nun die Titel in Bezug auf die Menschenrechte (im Anhang mit *)
 Das politische Chinabild   211

analysiert. Allein an den Titeln ist bereits eine kritische Einstellung des Spiegel
gegenüber den Menschenrechten Chinas zu erkennen. Als „Staatsfeind“ wird das
Internet bezeichnet, das in China nicht willkommen ist. Mit dem Titel „die Partei
greift durch“ wird die Partei indirekt für ihre Eingriffe in die Meinungsfreiheit
und Redefreiheit durch Internet-Zensur und Internetcafé-Verbot kritisiert. Mit dem
Titel „Menschenrechte: Chinesischer Bürgerrechtsanwalt spurlos verschwunden“
weist der Journalist nicht nur auf das Verschwinden des Bürgerrechtsanwalts hin,
sondern auch auf das der Menschenrechte. „Gespielte Pressefreiheit“ weist direkt
darauf hin, dass es in China keine reale Pressefreiheit gibt und dass der Umgang
mit der Pressefreiheit in China zu kritisieren ist. Als Beweis sind beispielsweise
„die erneute Festnahme der ausländischen Journalisten“ und „willkürliche Voll-
macht“ für Chinas Polizei wegen der Nervosität der chinesischen Regierungen
genannt.
Anhand der Beispiele wird klar, dass die Titel die Einstellung der Medien
gegenüber dem Sachverhalt offenlegen. Hier kann man sehen, dass Der Spiegel
die Situation der Menschenrechte in China kritisch und überwiegend negativ
beurteilt.

4.2.1 Lexikalische Wahl

Die Entscheidung für eine bestimmte Lexik wird nicht per Zufall getroffen. Die
lexikalische Wahl verrät wichtige Informationen zur Einstellung der Autoren
(Simpson 1993, 141). Jede Äußerung lässt sich „mit dem vergleichen, was nicht
gesagt worden ist, aber was auch hätte gesagt werden können“ (Pollak, 35). „Lexica
choice is an element aspect of discourse in which hidden opinions or ideologies may
surface“ (Van Dijk 1988, 177). Die lexikalische Wahl beeinflusst die ideologische
Struktur. Daher ist es sinnvoll, die ausgewählten Berichte zuerst auf der lexikali-
schen Ebene zu analysieren.

Wörter Erscheinungsfrequenz Erscheinungsorte (Bericht Nr. )

der Machthaber 4 (11), (46), (48)

das Regime 9 (3), (33), (37)

die Führung/ 72 (1), (2), (4), (5), (12), (14), (16), (17), (27), (30), (33),
der Führer (34), (35), (36), (38), (39), (40), (41), (42), (43), (45),
(47), (48), (49)

die Obrigkeit 5 (33), (35)

Abb. 5: Bezeichnungen für die chinesische Regierung


212   Li Yuan und Ye Xiangmei

In Abbildung 5 ist zu erkennen, dass „die Führung“ am häufigsten benutzt wird.


Dann folgt „das Regime“, das in drei Berichten erscheint. Die Wörter „der Macht-
haber“ und „die Obrigkeit“ werden ebenfalls oft als Synonyme für die chinesische
Regierung eingesetzt.
Statt ,,die chinesische Regierung” benutzen die Journalisten sehr oft ,,die
Führung“, z. B. ,,Chinas Führung” (Bericht Nr. 1), ,,Pekings Führung“ (Bericht
Nr. 5), „neue kommunistische Führung“ (Bericht Nr. 45) „die KP-Führung“ (Bericht
Nr. 27), „der Führungszirkel“ (Bericht Nr. 12, 49), „die Staatsführung“ (Bericht
Nr. 12), „die Führung der KP“ (Bericht Nr. 4), „die Führung der Partei“ (Bericht
Nr. 5), „Führungswechsel“ (Bericht 42), „Chinas Führer“ (Bericht Nr. 42), „Ein
Parteiführer“ (Bericht Nr. 38) usw. Im kollektiven Gedächtnis der Deutschen mag
das Wort „Führung“ an sich negativ konnotiert sein.Wenn man heute von einem
„Führer“ spricht, denkt man sofort an die nationalsozialistische Vergangenheit.3
Beispielsweise werden Führungsseminare für Wirtschaftswissenschaftler, Juris-
ten oder Ingenieure selten oder gar nicht angeboten, und wenn, dann werden
sie mit „Leadership-Seminar“ oder ähnlichem betitelt.4 Dieses Wort wird im deut-
schen Alltag vermieden, weil die Deutschen etwas Negatives damit verbinden.
Das Wort „Regime“ findet im allgemeinen Sprachgebrauch mit abwer-
tender Konnotation vor allem für „solche Regierungen, die nicht demokra-
tisch sind“ Anwendung (Langenscheidt 2007, 894), wie etwa „Diktaturen oder
Putschregierungen“5. Ein „Machthaber“ ist „ein Mensch“, der in einem Staat
„viel Macht hat“ und diese „missbraucht“ (Langenscheidt 2007, 1111). „Häufig
sind Machthaber durch einen Staatsstreich oder einen Militärputsch an die Macht
gekommen oder halten sich mit militärischer Gewalt oder manipulierten Wahlen
an der Macht.“6 Wenn es um einen „Obrigkeitsstaat“ geht, dann bezieht sich dies
auf „einen autoritären Staat, in dem die Bürger über keine demokratischen Rechte
verfügen“ (Langenscheidt 2007, 1250).
Aus dem wiederholten Einsatz von zahlreichen negativ konnotierten Wörtern
wird die kritische Einstellung des Spiegel zur chinesischen Regierung ersichtlich.
China sei kein Rechtsstaat, sondern ein autoritäres Land, das von einer kleinen
Gruppe von Personen bestimmt wird. Die chinesische Regierung wird im Zusam-
menhang mit einer Diktatur verstanden. Diese Kritik wird durch die zusätzliche
Verwendung von bestimmten Adjektiven, Verben und Redewendungen verstärkt.

3 Vgl. http://www.christoph-blepp.de/Beratung/?page_id=74. Zugriff am 04.11.2013.


4 Vgl. http://www.christoph-blepp.de/Beratung/?page_id=74. Zugriff am 04.11.2013.
5 http://de.wik ipedia.org/wiki/Regime. Zugriff am 04.11.2013.
6 http://de.wikipedia.org/wiki/Machthaber. Zugriff am 04.11.2013.
 Das politische Chinabild   213

4.2.2 Die Überlexikalisierung

Unter Überlexikalisierung wird die häufige Wiederholung vielfacher synony-


mer Termini verstanden. „Overwording shows preoccupation with some aspect of
reality  – which may indicate that it is a focus of ideological struggle“ (Halliday
1978, 165 f.). Die „ideologische Signifikanz“ eines Bedeutungsbereichs wird durch
deren „Variation“ und „wiederholte Verwendung“ erzeugt. (Salamun 2005, 69).

Wörter Erscheinungsfrequenz Erscheinungsorte (Bericht Nr. )

Scheinparlament 3 (3), (14), (33)

Pseudoparlament 6 (12), (17), (18), (25), (35), (41)

Abb. 6: Überlexikalisierung für den Nationalen Volkskongress

In Abbildung 6 werden die Bezeichnungen für den NVK aufgelistet. NVK ist
das höchste politische Organ Chinas. Der Spiegel beschreibt den NVK wieder-
holt als „Scheinparlament“, „Pseudoparlament“ und „Abnickparlament“. Dabei
wird „Pseudoparlament“ am häufigsten benutzt. Wenn ein Deutscher das Wort
sieht, dürfte er sich wohl an die Geschichte des Scheinparlamentarismus des
NS-Regimes erinnern, wo in der Einparteiendiktatur Parlamentswahlen abge-
halten wurden. „Pseudo-“ wird in der Regel abwertend verwendet, drückt aus,
„dass jemand/etwas in Wirklichkeit nicht das ist, was sie zu sein vorgibt oder zu
sein scheint.“ (Langenscheidt 2007, 871). Den NVK mit einem „Pseudoparlament“
gleichzusetzen, wird bei den Lesern den Eindruck erwecken, dass der NVK kein
Parlament im realen Sinne ist.
Der Spiegel bezeichnet den NVK außerdem oft als „das sogenannte Parla-
ment“, „Pekings zahnloses Parlament“, „dem nicht frei gewählten Parlament“.
Mit den Attributen „zahnlos“, „nicht frei gewählt“ und „sogenannt“ wird ein kri-
tisches und problematisches Bild des NVK gestaltet.
Durch eine Anzahl „von wiederkehrenden Vorstellungen, Formulierungen und
Symbolen“ werden Stereotype aufgebaut (Seibt 2010, 22). Mittels der Überlexi-
kalisierung von Wörtern wie „das Scheinparlament“ verweisen die Berichte auf
ein Bild des NVK, nach dem es in China keinen realen Volkskongress und daher
keine reale Demokratie gibt, was als Stereotyp verfestigt wird.
Aus der obigen textanalytischen Praxis wird klar ersichtlich, dass Sprache
kein neutrales Medium ist. Sowohl der Einsatz eines bestimmten Titels als auch
die Auswahl und Wiederholung der Lexik drücken eine bestimmte Absicht aus,
die mit der politischen und weltanschaulichen Einstellung verbunden ist.
214   Li Yuan und Ye Xiangmei

4.3 Diskursive Praxis

Die diskursive Praxis verbindet die Textebene und die Ebene der sozialen Praxis.
Im Unterschied zur textanalytischen Praxis, bei der sprachliche Komponenten
im Vordergrund stehen, wird hier auf die internen Beziehung zwischen dem Text
und der Gesellschaft eingegangen. Konkret heißt dies, zu analysieren, wo der
Text herkommt und wie er entstanden ist. Da jeder Text „Fragmente von anderen
Texten in sich“ beinhaltet (Fairclough 2003, 36) und „ein Flickenteppich von
Zitaten“ ist (Kristeva1986, 37), kann ein Text ohne die intertextuellen Verbindun-
gen zu anderen Texten nicht existieren. In der diskursiven Praxis gelten folglich
Informationsquelle, Handlungsträger und Zitate sowie Intertextualität als Gegen-
stand der Analyse.

4.3.1 Informationsquelle

Bei der Erhebung der Informationsquelle sind in den Untersuchungsmaterialien


drei verschiedene Quellen zu unterscheiden: ausländische Nachrichtenagentu-
ren, Spiegel-Korrespondenten und nicht angegebene Quellen. Zu den ausländi-
schen Nachrichtenagenturen gehören beispielsweise die Dienste der Nachrich-
tenagenturen AFP, AP, DPA, Reuters usw.

Abb. 7: Proportion verschiedener Informationsquellen

Gemäß Abbildung 7 bilden die ausländischen Nachrichtenagenturen wie dpa,


AFP und Reuters den größten Teil der Informationsquellen. Es lässt sich fest-
stellen, dass die Quellen des Spiegel relativ einseitig sind und die chinesischen
Nachrichtenagenturen gar nicht einbezogen werden. Auffällig ist, dass mehr als
70% der Spiegel-Berichte von Andreas Lorenz geschrieben sind. Als Dauerbeob-
achter der Angelegenheiten in China übt Lorenz auf den Sachverhalt und auch
auf die Leser großen Einfluss aus. Er zog im Jahr 1988 zum ersten Mal nach Peking
 Das politische Chinabild   215

und erlebte dort unter anderem die Protestbewegung von 1989. Seit 1999 lebt er
wieder in China, von wo aus er bis Ende 2010 für den Spiegel schrieb.7

4.3.2 Zitate und Handlungsträger

Als ein wichtiger Teil des Diskurses drücken auch Zitate die Haltung und Stand-
punkte von Autoren aus. Aber Zitate, sowohl die direkte als auch die indirekte
Rede, tragen dazu bei, den Eindruck bei Lesern zu erwecken, dass die Nachrich-
ten keine persönlichen Ansichten des Autors vertreten. Die Objektivität und die
Überzeugungskraft einer Berichterstattung hängen also zum großen Teil von
Zitaten ab. Handlungsträger sind „Personen oder Gruppen, die im Beitrag als
Sprecher in Erscheinung treten oder wesentlichen Raum als Beschriebene bekom-
men.“ (Richter und Gebauer 2010, 20) Die Untersuchung der Handlungsträger
dient dazu, die Herkunft der Zitate zu analysieren und zu bewerten, ob die Zitate
sachlich sind.
In dieser Arbeit sind die Handlungsträger in Anlehnung an Richter und
Gebauer (2010) in zehn Kategorien unterteilt (Abbildung 8). Auffällig ist, dass
die meisten betroffenen Handlungsträger chinesische Repräsentanten des Staats
sind. Trotz des starken Bezugs der chinesischen Handlungsträger lässt sich aber
andererseits beobachten, dass die Handlungsträger meistens ohne genaue Hin-
weise auf Name, Beruf, Status usw. angeführt werden, z. B. „Augenzeugen berich-
ten, Beamte des Staatssicherheitsdienstes hätten ihn entführt.“ (Bericht Nr. 18)
Hier wurden die Handlungsträger nur als „Augenzeugen“ benannt, aber konkrete
Informationen darüber, wer sie sind, wurden nicht angegeben. Mittels dieser
Strategie wird die Tatsache anscheinend objektiv bewiesen, aber nach genauerer
Analyse ist die Glaubwürdigkeit der Informationen fraglich.

7 http://www.koerber-stiftung.de/edition-koerber-stiftung/autoren/details/autor/andreas-lo-
renz.html. Zugriff am 04.11.2013.
216   Li Yuan und Ye Xiangmei

Abb. 8: Anteil der direkten Rede und indirekten Rede bei verschiedenen Handlungsträgern

Obwohl die Berichte Informationen aus China zitieren, muss berücksichtigt


werden, dass die Rede meist indirekt wiedergegeben wird. In Untersuchungs-
materialien tauchen direkte Reden 53-mal auf, während indirekte Reden 173-mal
erscheinen. Besonders auffällig ist, dass ausländische offizielle Staatsvertreter,
ausländische Beteiligte, chinesische Medien und ausländische Medien über-
haupt nicht direkt zitiert werden.
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Journalisten dazu neigen,
indirekte Rede und Handlungsträger ohne konkrete Angaben zu benutzen. Die
Ursache liegt wohl darin, dass durch diese Strategien zum einen der Eindruck der
Echtheit und Objektivität der Sachverhalte verstärkt wird. Zum anderen könnte
auf diese Weise die Ideologie und Einstellung der Medien versteckt zum Aus-
druck gebracht werden.

4.3.3 Intertextualität

Der Diskurs, der immer einen anderen Diskurs „absorbiert“ und „transformiert“
(Kristeva 1986, 37) verfügt über die Eigenschaft von „Intertextualität“. „Die inter-
textuelle, beziehungsweise interdiskursive Analyse fragt, wie Texte diese sozialen
und historischen Grundlagen kombinieren oder verändern und wie sich Diskurse
und Genres vermischen.“ (Kristeva 1986, 37). Die folgenden Sätze sind typische
Beispiele der Intertextualität.

a) „Nach Einschätzung der amerikanischen Regierung sind die tatsächlichen Militäraus-


gaben Chinas zwei- bis dreimal höher als offiziell bekannt, weil viele Aufwendungen in
anderen Haushaltsposten enthalten sind.“ (Bericht Nr. 39)
 Das politische Chinabild   217

b) „Nach Einschätzung der US-Regierung dürften die tatsächlichen Militärausgaben Chinas


zwei- bis dreimal höher liegen, weil viele Aufwendungen in anderen Haushaltsposten ent-
halten sind.“ (Bericht Nr. 43)

Satz a) erschien 2012 und Satz b) stammt von 2013. Offensichtlich sind der Inhalt
und die Struktur der beiden Sätze fast identisch. Daher könnte man vermuten,
dass die Information im Jahr 2013 nicht durch aktuelle Recherche vermittelt wird.
Trotz der Gemeinsamkeit darf man die Unterschiede auf keinen Fall vernachläs-
sigen. Durch die Verwendung des Verbs „sind“ wirkt die Einschätzung im Satz a)
hundertprozentig sicher, während der Konjunktiv „dürften“ in Satz b) die Über-
zeugungskraft der Einschätzung stark verringert. Die Leser würden wohl vermu-
ten, dass China sehr viel für Militär ausgibt, was zwangsläufig zur Angst der Deut-
schen vor dem Aufstieg Chinas führen könnte.
Außerdem werden „die UdSSR und die arabischen Diktaturen“ auch in die
Berichte miteinbezogen, um China mit ihnen zu vergleichen und den Begriff
Diktatur zu unterstreichen (Bericht Nr. 42). „Die ehemalige UdSSR und die arabi-
schen Diktaturen“ geben nur ein ausschließlich negatives Bild der sozialistischen
Gesellschaftsordnung wieder. Im Folgenden finden sich weitere Beispiele:

a) „Auf erstaunlich entlarvende Weise bezieht die Parteiführung das Schicksal der vertrie-
benen arabischen Autokraten auf sich selbst.“ (Bericht Nr. 33)
b) „Die Nazis köpften Hörer von BBC-Rundfunksendungen, Europas kommunistische
Regime wurden vom Westfernsehen zersetzt. Allabendlich, beschwerte sich damals ein
Sowjetpropagandist nach einer DDR-Reise, sitzt in Ostdeutschland „der Klassenfeind mit
am Kamin“. Das einzige noch völlig unabhängige Nachrichtenmittel in Wladimir Putins
Russland sind die russischen Online-Dienste.“ (Bericht Nr. 3)
c) „Eines hat China der UdSSR und den arabischen Diktaturen voraus: wirtschaftlichen
Erfolg und, bei allen Ungleichgewichten, eine beeindruckende Bilanz in der Armutsbe-
kämpfung. Etwas anderes aber teilt das Land mit diesen Verblichenen der Weltgeschichte:
China ist keine Demokratie, sein Volk kann die Entscheidungen der Partei und des Volks-
kongresses höchstens im Internet kommentieren, mitzubestimmen hat es nichts.“ (Bericht
Nr. 42)

In Satz a) wird die Kommunistische Partei mit den arabischen Autokraten in


Beziehung gesetzt, wenn es um die Überwachung des Volkes durch die chine-
sische Partei geht. Das Beispiel taucht in dem Bericht über die Internet-Zensur
in China auf. In Satz b) werden einige Beispiele zur Wirkung des Internets auf
Diktaturen genannt, z. B. „die Nazis, Europas kommunistische Regime, Sowjet-
propagandist“ (Bericht Nr. 3). Durch diese Beispiele verweisen die Journalisten
direkt auf die Dringlichkeit, alle Medien zu kontrollieren, weil die „Informati-
onstechnologie jegliche Diktatur“ gefährdet (Bericht Nr. 33). Die Kommentare in
Satz c) sind direkte Vorwürfe gegen die Demokratie Chinas, ohne eine Quelle der
218   Li Yuan und Ye Xiangmei

Kommentare zu nennen. Es handelt sich hier um einen oberflächlichen Vergleich


zwischen Phänomenen in China, der ehemaligen DDR sowie UdSSR und arabi-
schen Ländern. Diese Länder werden ohne Differenzierung miteinander in Bezug
gesetzt, gleichgestellt und hinsichtlich der Demokratie pauschal kritisiert. Die
angegebenen Beispiele sind anscheinend nur eine neutrale Darstellung der his-
torischen Ereignisse, aber in der Tat ist es eine Strategie der Journalisten, China
als ein diktatorisches Land zu vermitteln und Kritik an der Demokratie in China
zu üben. Das entsprechende Stereotyp wird dadurch verstärkt bzw. gefestigt. In
China herrscht eigentlich ein anderes Verständnis von Demokratie und der Volks-
kongress gilt gerade als ein Weg zur Ausübung des demokratischen Rechts, der
von der chinesischen Bevölkerung seit Jahren anerkannt, praktiziert und auch
ständig verbessert wird.

4.4 Soziale Praxis

Jeder Diskurs ist eine „Form der sozialen Praxis“, die die sozialen Verhältnisse
nicht nur reflektiert, sondern zugleich konstituiert und organisiert (vgl. Fair-
clough/Wodak 1997, 265). Im Anschluss an die Analyse auf der textuellen und
diskursiven Ebene folgt die Analyse der sozialen Praxis. Hier wird dem Einfluss
der sozialen Kontexte der kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Praxis auf
die Auswahl der Diskurse besondere Aufmerksamkeit geschenkt, um erklären zu
können, warum China anlässlich des NVK in den Berichterstattungen so darge-
stellt wird. Welche soziokulturellen Faktoren könnten darauf Einfluss nehmen?

4.4.1 Kulturelle Praxis

In der Sozialwissenschaft werden oft „emisch“ und „etisch“ verwendet, um alter-


native Herangehensweisen sowie unterschiedliche Arten von Daten zu beschrei-
ben. „Etisch“ bedeutet, dass ein Beobachter von außen auf eine Kultur schaut
und „emisch“ bedeutet dagegen die Beobachtung einer Kultur mit den Augen
des Insiders (vgl. Zhou 2009, 47). Unserer Analyse zufolge betrachten die deut-
schen Medien China häufig aus der Außenperspektive und diese Außenperspek-
tive lässt sich auf die verschiedenen kulturellen Unterschiede zurückführen. Die
deutschen Medien gehen von ihrer eigenen Kultur aus und können deshalb die
chinesischen Phänomene nur aus eurozentrischer Sicht bewerten, was leicht zu
der Gefahr führen kann, die Sachverhalte misszuverstehen und das Chinabild zu
verfälschen.
 Das politische Chinabild   219

Seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert ist die westliche Kultur die führende
Kultur der Welt geworden und es bis heute geblieben. Die Europäer betrachten
sich als überlegen und sehen die anderen Kulturen als fremd und primitiv an.
Außerdem wird die europäische Kultur als „Bewertungsmaßstab für andere Kultu-
ren“ dargestellt (Haller und Shore 2005, 17). Die westlichen entwickelten Länder
neigen dazu, mit ihrer eigenen Kultur in andere Länder einzudringen und die dort
vorhandene umzugestalten oder sogar zu ersetzen. Außerdem sind die Medien
ein wichtiges Mittel für die Europäer, ihre eigenen Vorstellungen und ihre Inter-
essen durchzusetzen.
Als erstarkter und weiter aufsteigender Staat ist China auch zu einer Groß-
macht auf der Weltbühne und gleichzeitig zu einem großen Konkurrenten für
andere Länder geworden. Wegen ihres Eurozentrismus und der Angst und Furcht
vor China neigen die Deutschen stetig dazu, die eigene Kultur als Schablone zu
nehmen und das Phänomen China aus ihrer Perspektive und nach ihren Stan-
dards zu beurteilen und zu kritisieren.

4.4.2 Wirtschaftliche Praxis

Die wirtschaftliche Entwicklung Chinas leistet einen großen Beitrag zur Stabili-
tät und Entwicklung der Weltwirtschaft. 84 Prozent der Bundesbürger halten die
Wirtschaftsbeziehungen zum Reich der Mitte für ebenso wichtig wie die zu den
USA. Knapp die Hälfte der Deutschen (49 Prozent) haben jedoch Angst vor der
wirtschaftlichen Stärke Chinas, 86 Prozent sehen China vor allem als Standort
für Massenproduktion8. Und diese Stimmung reflektiert oft die Berichterstattung.
In der heutigen Welt spielt China vor allem nach der Weltwirtschaftskrise im
Jahr 2008 eine wichtige Rolle auf der Weltbühne. China hat 2007 Deutschland im
Export eingeholt, ist seit 2010 vor Japan die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt
und ist derzeit auf dem Weg, die USA als größte Handelsnation abzulösen. Zudem
hält China die weltweit höchsten Devisenreserven (rund 3,5 Bill. USD).9 Dagegen
wurde Deutschland durch die Weltwirtschaftskrise stark beeinträchtigt.
Deutschland ist seit mehr als 30 Jahren Chinas größter Handelspartner in
Europa. „Im Jahr 2002 gelang es China sogar, zum ersten Mal Japan zu übertref-

8 http://www.welt.de/wirtschaft/article124977430/Deutsche-haben-Angst-vor-Chinas-Wirt-
schaftsmacht.html 18.02.2014. Zugriff am 20.03.2016.
9 Vgl. http://www.auswaertiges-amt.de/DE/Aussenpolitik/Laender/Laenderinfos/China/Wirt-
schaft_node.html. Zugriff am 14.12. 2013.
220   Li Yuan und Ye Xiangmei

fen und der größte Handelspartner Deutschlands in Asien zu sein.“10 Trotz der
engen Handelsbeziehungen wird China aufgrund der aktuellen Entwicklung eher
als Konkurrent und weniger als Partner betrachtet. Deutschland fühlt sich durch
China bedroht. Obwohl die „Gelbe Gefahr” kein neues Argument ist, löst diese
Bedrohung eine echte Panik aus, nachdem China relativ schnell die Weltwirt-
schaftskrise überstanden hatte. (Zhou und Wang 2011, 39–47).

4.4.3 Politische Praxis

In Bezug auf die politische Praxis sollten zuerst die Unterschiede des politischen
Systems der beiden Länder erkannt werden. Das politische System Chinas ist
anders als das in Deutschland. Chinas Beibehaltung des Kommunismus führt zu
einer Feindschaft Deutschlands gegenüber dem politischen System in China.
Kommunismus wird nach der Oktoberrevolution und der Errichtung der
UdSSR mit brutalem Terror, der asiatischen Bedrohung Europas durch Bestiali-
tät und der Umwertung aller Werte gleichgesetzt.11 Wenn die Berichterstattungen
„den kommunistischen Staatscharakter“ (Bericht Nr. 3) Chinas beschreiben und
die chinesische Regierung als „Chinas kommunistische Machthaber“ (Bericht
Nr. 11) und als „die Kommunistische Führung in China“ (Bericht Nr. 43) betrach-
ten oder China sogar als „immer noch kommunistisch geprägtes China“ (Bericht
Nr. 44) ansehen, dann dürfte wohl das kollektive Gedächtnis der DDR-Geschichte
hervorgerufen werden, was zu einem Chinabild voller Stereotypen und Vorurteile
führt.
Außerdem werden die Schätzungen der amerikanischen Regierung (Beispiel
a und b in 4.3.3.) beim Thema der Militärausgaben miteinbezogen. China ist ein
großer Konkurrent der USA und die Glaubwürdigkeit der Einschätzung der US-
Regierung wirkt deshalb fragwürdig, weil sich das Interesse des Landes und
der regierenden Partei hinter jedem Wort einer Regierung verbirgt. Hinter der
Einschätzung der US-Regierung versteckt sich die Ideologie der USA. Zweitens
wird keine genauere Quelle angegeben als „amerikanische[n] Regierung“ und
„US-Regierung“. Deshalb könnte die Glaubwürdigkeit der Einschätzung proble-
matisch sein. Aber die Einschätzung der USA könnte einen Einfluss auf die Leser
ausüben und sie dazu bringen, nicht an die Angaben der Militärausgaben seitens

10 Vgl. http://german.china.org.cn/politics/archive/chn-ger/txt/2006-05/19/content_2238388.
htm. Zugriff am 16.12.2013.
11 Vgl. https://gegen-kapital-und-nation.org/de/gespensterjagd-zur-ideengeschichte-des-anti-
kommunismus. Zugriff am 04.11.2013.
 Das politische Chinabild   221

der chinesischen Behörden zu glauben. Dadurch wird die Transparenz der chine-
sischen Regierung wiederum angezweifelt.
Die deutschen Medien, die sich als „vierte Gewalt“ bezeichnen, sehen sich
als unabhängige Informationsdienstleister, die die Verletzung der Bürgerrechte
verhindern sollen. Deshalb ist Der Spiegel generell kritisch und würde auch „über
die USA oder die deutsche Bundesregierung ähnlich kritisch berichten“ (Hansen
2008, 1). Aber wie oben erwähnt, sind deutsche Medien unweigerlich durch deut-
sche Ideologie und andere Faktoren beeinflusst. Deshalb bleibt die Haltung des
Spiegel gegenüber China in der Regel kritisch.

5 Zusammenfassung
Die vorliegende Arbeit hat sich das Ziel gesetzt, das vom Spiegel vermittelte poli-
tische Bild Chinas im Zeitraum von 2003 bis 2013 anlässlich des NVK zu erfor-
schen. Wie zu Beginn ausgeführt, zielt die Arbeit darauf, sich kritisch damit
auseinandersetzen, was das politische Chinabild ist und wie und warum es so
dargestellt wird.
Als Untersuchungsmaterialien dienten hierbei die Berichterstattungen, die
während der Veranstaltung des NVK von 2003 bis 2013 vom deutschen Leitme-
dium Spiegel (Print und online) veröffentlicht wurden und den NVK als Haupt-
thema behandeln. Als Untersuchungsmethoden wurden die Rahmenanalyse und
die CDA eingesetzt.
An einem deutlichen Anstieg der Anzahl der Berichte lässt sich erkennen,
dass dem NVK immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Die meist behan-
delten Themen sind Innenpolitik, Generationswechsel und Menschenrechte. Der
Spiegel neigt dazu, negative Themen über den Volkskongress auszuwählen und
darüber zu berichten.
Außerdem legt Der Spiegel einen besonderen Schwerpunkt auf das Thema
„Menschenrechte“: die Berichte hierzu wurden in Hinsicht auf die Titel, die lexika-
lische Auswahl und die Überlexikalisierung untersucht. In Bezug auf Menschen-
rechte tauchen überwiegend negativ konnotierte Wörter und Formulierungen
auf, die bewusst selektiert und wiederholt werden, oft nicht nur in den Texten,
sondern bereits in Titeln, durch die ein kritisches Gefühl gegenüber Chinas
Menschenrechten hervorgerufen wird. Durch die Wahl dieser Wörter dürfte der
Spiegel suggerieren, dass die chinesische Regierung aus Angst vor der Informati-
onsverbreitung durch das Internet willkürlich Macht ausübe, um Dissidenten zu
unterdrücken und Webseiten zu blockieren. Die Verstärkung der Medienkontrolle
und der Internet-Zensur könnten zu Anspannungen, harscher Kritik, Unzufrie-
222   Li Yuan und Ye Xiangmei

denheit, sogar zu Folter und Misshandlungen führen. Zusammenfassend wird


China im Spiegel kritisch als ein Staat ohne Rede- und Pressefreiheit, ohne Infor-
mationsfreiheit und ohne Menschenrechte beurteilt.
Außerdem wirden das Bild der chinesischen Regierung und das Bild des NVK
hauptsächlich durch lexikalische Auswahl und Überlexikalisierung negativ dar-
gestellt. Die Regierung und der NVK wirden auch wegen mangelnder Transpa-
renz kritisiert, indem negative Wörter wie „der Machthaber“, „die Führung“, „das
Regime“ und „die Obrigkeit“ zur Beschreibung der Regierung verwendet werden.
Durch die Wiederholung von Wörtern wie „Schein-, Pseudo- und Abknickparla-
ment“ und Formulierungen wie „das sogenannte Parlament“, „Pekings zahnloses
Parlament“ wird der NVK abwertend dargestellt. Durch die Formulierung „das
nicht frei gewählte chinesische Parlament“ wirde auf das Problem der Demokratie
in China hingewiesen, wodurch China als ein Land ohne Demokratie dargestellt
wird.
Die obigen Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass China in diesen
Berichten als ein diktatorisches Land ohne Redefreiheit und Rechtsstaatlich-
keit dargestellt wird. Durch bestimmte Strategien auf der textuellen Ebene, wie
z. B. Titel, lexikalische Wahl, Überlexikalisierung und Strategien auf der diskur-
siven Ebene, wie z. B. Zitate, Handlungsträger und Intertextualität wird dieses
Bild dargestellt und stereotypisiert. Die Berichterstattungen basieren auf einem
bestimmten sozialen Hintergrund und reflektieren gleichzeitig die wirtschaftli-
chen, politischen und kulturellen Faktoren. Bei der diskursiven Konstitution geht
es nicht lediglich um China, sondern vielmehr um die Darstellung der deutschen
Wertvorstellungen und Ideologien. Bilder des Fremden seien „Konstrukte“, so
Eduard Said, „die mehr über die jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse und
Wertvorstellungen des eigenen Landes als über die Fremdkultur selber aussagen“
(Wang 1999, 64).

6 Literaturverzeichnis
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 Das politische Chinabild   223

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224   Li Yuan und Ye Xiangmei

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7 Anhang: Verzeichnis der Chinaberichterstat-


tungen vom Spiegel anlässlich des Nationalen
Volkskongresses von 2003 bis 2013
Bericht Veröffentlichungs- Titel
Nr. datum

1 15.03.2003 China: Neuer Präsident mit 99 Prozent der Stimmen


2 05.03.2004 Fernöstliche Dynamik: Chinas Industrie wächst um 16,5 Prozent

3* 24.03.2004 Das Internet: Chinas Staatsfeind


4 05.03.2005 Chinas Volkskongress: Herr Wen liebt es lau

5 08. 03.2005 Volkskongress: Chinas Führung legt Kriegsgesetz gegen Taiwan


vor
6* 14.03.2005 Nationaler Volkskongress: Chinas gespielte Pressefreiheit

7 14.03.2005 Anti-Sezessionsgesetz: China verstärkt Druck auf Taiwan


8 05.03.2006 Volkskongress in Peking: Tausendfaches Rascheln

9 13.03.2006 China: Zurück in die Armut


10* 14.03.2006 Volkskongress: China verteidigt Internet-Zensur

11* 20.03.2006 China: Die Partei greift durch


12 04.03.2007 Volkskongress: China will ein bisschen mehr Westen probieren

13 05.03.2007 Ungezügelter Wirtschaftsboom: China will Wachstum auf acht


Prozent begrenzen
14 05.03.2007 Chinesen setzen auf Öko

15 08.03.2007 Schritt zum Kapitalismus: China will Privateigentum schützen


16 16.03.2007 Volkskongress: China schützt Privateigentum

17 03.03.2008 China: Wen wird Wen wählen?


18* 07.03.2008 Menschenrechte: Chinesischer Bürgerrechtsanwalt spurlos
verschwunden
 Das politische Chinabild   225

Bericht Veröffentlichungs- Titel


Nr. datum

19 15.03.2008 Fast Hundert Prozent: Volkskongress bestätigt Chinas Staatschef


Hu
20 16.03.2008 China: Volkskongress bestätigt Regierungschef Wen Jiabao

21 05.03.2009 Wirtschaftskrise: China verkündet Wachstumsziel von acht


Prozent
22 06.03.2009 Folgen der Weltwirtschaftskrise: China fürchtet Lebensmittel-
knappheit

23 10.03.2009 Chinas Volkskongress: „Wir brauchen mehr Informationen“


24 13.03.2009 Neues Konjunkturprogramm: Aktienkurse in Asien schießen in die
Höhe

25 01.03.2010 Transparentes Kanton


26* 04.03.2010 China: Hacker rächen sich wegen Forderung nach Internetcafé-
Verbot

27 05.03.2010 Nationaler Volkskongress: China inszeniert seine neue Demut


28 05.03.2010 Volkskongress: China plant Rekordverschuldung gegen die Krise

29 14.03.2010 Volkskongress: China lässt Kritik des Westens abperlen


30* 06.03.2011 Nervöse Führung: China setzt erneut ausländische Journalisten
fest

31 14.03.2011 Fünfjahresplan: Chinas Volkskongress billigt wirtschaftliche


32 14.03.2011 Umstrukturierung
Trotz Nuklearkatastrophe: China will Dutzende neue AKW bauen

33* 14.03.2011 China: Prinzip Härte


34 02.03.2012 Skandal um Polizeichef: Chinas KP weist Spekulationen um
Machtkampf zurück

35 04.03.2012 Volkskongress in China: Versammlung der Ohnmächtigen


36 05.03.2012 Schwächelnde Weltwirtschaft: China dämpft die Wachstumser-
wartungen

37* 14.03.2012 Gesetz gegen Regimekritiker: Willkür-Vollmacht für Chinas Polizei


38 07.03.2012 Proteste in Tibet: China beschuldigt Dalai Lama wegen Selbstver-
brennungen

39 04.03.2012 Höherer Militär-Etat: China rüstet kräftig auf


40 04.03.2013 China: Das Kohlenmonster

41 05.03.2013 Chinas neuer Premier: Herr Li aus der Provinz


42 05.03.2013 Volkskongress in Peking: Chinas Führer misstrauen ihrem Erfolg

43 05.03.2013 Aufrüstung in Fernost: China schraubt Militär-Angaben hoch


44 08.03.2013 Superreiche Politiker: In Chinas Volkskongress sitzen 31 Milliar-
däre
226   Li Yuan und Ye Xiangmei

Bericht Veröffentlichungs- Titel


Nr. datum

45 10.03.2013 Effizienz-Offensive: China löst umstrittenes Eisenbahnministe-


rium auf
46 13.03.2013 Große Wirtschaftsreform: Chinas Machthaber müssen loslassen

47 14.03.2013 Chinas neuer Präsident: Die Xi-Doktrin


48 14.03.2013 Volkskongress: Xi Jinping ist neuer Präsident Chinas

49 15.03.2013 Regierungswechsel in China: Volkskongress kürt Li Keqiang zum


Ministerpräsidenten
50 17.03.2013 Volkskongress in Peking: Parteichef Xi beschwört „chinesischen
Traum“
Das Bild Chinas in visuellen und audiovisuellen
Medien: Werbung, Comics, Film
Friedemann Vogel und Maximilian Haberer
Das China-Image in der deutschsprachigen
Werbung
Multimodale Formen und Funktionen eines asiatischen
Ethnostereotyps in persuasiven Verwendungskontexten

1 Einleitung und Fragestellung: Stereotype, Eth-


nostereotype und Werbung
Werbung zielt kurz- oder langfristig auf eine Meinungs- bzw. Einstellungsände-
rung ihrer Rezipienten im Hinblick auf das umworbene Objekt. In der Regel geht
es um den Aufbau einer positiven oder zumindest verbesserten rezipientenseiti-
gen Bewertung eines Akteurs (z. B. eines Unternehmens oder eines Politikers),
eines Sachverhalts (z. B. Lebensumstände, vgl. Kampagnen vom Schlage „Du
bist Deutschland“, Holly 2009) oder eines gewerblichen oder nichtgewerblichen
Objektes bzw. Produktes (von Schampoo bis Spenden). (Huth und Pflaum 1996,
S. 18 f.; Behrens 1976, S. 12) Der ‚Kontakt‘ zwischen Werbung und Rezipienten ist
dabei angewiesen auf die Verwendung (Produktion) und Verarbeitung (Rezep-
tion) von Zeichen in Sprache, Bild, Ton oder multimodalen Zeichenkomplexen
(Film, Internetplattformen usw.). In Zeiten medialer Reizüberflutung bleibt für
den ‚Kontaktaufbau‘, also die bewusste oder auch unbewusste Zuwendung und
Aufmerksamkeit des Rezipienten von Werbung, in der Regel nur wenig Zeit. Meist
geht es um Sekunden, in denen Passanten an einem Werbeplakat vorübergehen,
über eine Zeitungsanzeige blättern oder während des Kochens einem Radiospot
lauschen. Aufmerksamkeit ist daher ein wertvolles Gut und die Zeit, in der ein
Aufmerksamkeitsfokus auf werbenden Zeichen liegt, will gut genutzt sein (Peters
1975, S. 19).
Vor diesem Hintergrund verwundert nicht, dass sich Werbung vor allem an
kulturell etablierte, rezipientenseitig präsupponierte Stereotype anzuschließen
versucht. Unter einem „Stereotyp“ verstehen wir ein erwartbares, pauschalisie-

Vogel, Friedemann, Prof. Dr., Juniorprofessor für Medienlinguistik, Institut für Medienkulturwis-
senschaft, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Deutschland
Haberer, Maximilian, MA, Wiss. Mitarbeiter, Institut für Medien- und Kulturwissenschaft,
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Deutschland

DOI 10.1515/9783110544268-012
230   Friedemann Vogel und Maximilian Haberer

rendes Zuschreibungswissen über eine Gruppe von Personen, Sachverhalten


oder Objekten, unabhängig davon, ob diese Zuschreibungen tatsächlich stimmen
oder nicht (Putnam 1990; vgl. Nelson 2006; Merkens 2000, S. 11; Aronson et al.
2012, S. 425 ff.). Ein solches Wissen orientiert effektiv das Handeln in der Gesell-
schaft (schematische Komplexitätsreduktion anstelle von allgegenwärtiger ratio-
naler Abwägung), prägt unsere Wahrnehmung zugunsten von Stereotyp-konfor-
men Ereignissen und immunisiert sich damit gegen potentielle Veränderungen
(Nelson 2006, S. 4). Stereotype in diesem Sinne sind wertneutral; explizit Objekt-
abwertende Stereotype bezeichnen wir als Vorurteile. Stereotype bzw. Vorurteile
sind allgegenwärtig und machen einen Großteil unserer kulturellen Wissens-
bestände aus. Lippman schrieb bereits 1964, das meiste Wissen über die „Welt
außerhalb unserer Reichweite“ beruhe „nicht auf unmittelbarem und sicherem
Wissen […], sondern auf Bildern, die [man] sich selbst geschaffen oder die man
ihm gegeben hat.“ (Lippmann 1990 [1964], S. 25 f.; vgl. auch Luhmann 2004)
Die Schematisierung (Bartlett 1932; Rumelhart 1975) und Pauschalisierung
von stereotypem Zuschreibungswissen schlägt sich auch auf der materiellen
Formseite als wiederkehrende Formmuster nieder. Sprache ist gewissermaßen
der Transmissionsriemen bei der kulturellen Verbreitung und Stabilisierung von
Stereotypen (Bourhis und Maass 2001, S. 1592). Als „Sprachstereotype“ bezeich-
net man in der Linguistik formelhaftes Sprechen, das den Sprecher qua seiner
Musterhaftigkeit als Träger damit assoziierten Kulturwissens markiert (vgl. Kon-
erding 2001; Feilke 1989; Pümpel-Mader 2010). Wiederkehrende Formmuster
können auf unterschiedlichen Form-Ebenen Hinweise auf Stereotype geben:
Neben formelhaftem Sprechen  – z. B. in Form von Redewendungen (Aug um
Aug), feststehenden Wortverbindungen (Zähne putzen vs. Ohren waschen) oder
schlagwortartig gebrauchten Phrasen (vgl. Wir sind das Volk!)  – können Form-
muster auch in komplexeren rekurrenten Ko(n)text-Mustern auftreten, wie sie
etwa in Kookkurrenz-Netzwerken sichtbar gemacht werden können. Den seman-
tisch interpretierten Gesamtkomplex aller thematisch rekurrenter Formmuster
bezeichnen wir als „Image“. Ein Image – zum Beispiel einer Personengruppe – ist
eine heuristische Größe und postuliert am Ende der Analyse ein datenorientiertes
bzw. datengestütztes semantisches Zuschreibungsfeld auf transtextueller Ebene
(z. B. Image der Chinesen in deutschen Zeitungen). Von Images zu unterscheiden
sind real-kognitive Stereotype, die einer direkten Analyse nicht zugänglich sind
(wir können den Menschen nicht in die Köpfe schauen). Stereotype sind daher
nur indirekt über Imageanalysen erschließbar unter der Prämisse, dass sich das
stereotype Wissen des Einzelnen an den formseitigen Zuschreibungsangeboten
(Images) orientiert. Dies gilt insbesondere für Sachverhalte, Gegenstände oder
Akteure, die uns ausschließlich oder zumindest überwiegend nur medial vermit-
telt begegnen (zur Imageanalyse ausführlich: Vogel 2010a, 2010b, 2012, 2014).
 Das China-Image in der deutschsprachigen Werbung   231

Werbung greift vielfältig auf Stereotype und insb. auch Ethnostreotype


zurück, um mit geringem semiotischem und damit eben auch kognitivem
Aufwand die Aufmerksamkeit des Betrachters auf den beworbenen Sachverhalt
oder Gegenstand zu richten (Hoffmann 2001, S. 109 ff.). In der Regel werden dabei
nur affirmative Stereotype adressiert, um kognitive Dissonanzen zu vermeiden.
Ethnostereotype haben zudem den Vorteil, dass sie Gegenstände leicht in fremde,
und damit der rationalen Überprüfung sich häufig entziehende Kontextumge-
bungen verlagern können. Ein einfacher, aromatisierter Tee aus der maschinellen
Massenproduktion wird dann zur ›exotischen Auslese glücklicher, chinesischer
Teeblattpflücker‹. Nicht selten simulieren werbefunktional eingesetzte Ethnoste-
reotype tradierte Reminiszenzen des harmonischen Zusammenlebens vorzivi-
lisatorischer Kulturen, mythologisieren so die umworbene Ware und bedienen
letztlich Sehnsüchte nach einem in der globalisierten, Konsum-orientierten Welt
verlorengegangenen „Fremden“ (Spieß 1995). Der Konsument, so die Verheißung,
wird Teil des fiktiven Fremden, des Exotischen.
Trotz dieser offenkundigen Relevanz von Ethnostereotypen für Werbung
existieren vergleichsweise wenig seriöse Studien zu Länderimages in Werbung1.
Gegenstand der vorliegenden medienlinguistischen Untersuchung bzw. Ima-
geanalyse sind daher Ethnostereotype in deutschsprachiger Werbung am Beispiel
Chinas. Genauer geht es um die Frage, wie ‚China‘ und ‚Chinesen‘ in deutschspra-
chiger Werbung dargestellt, mit welchen Attributen sie schematisierend versehen
und wie diese Schematisierungen formseitig in sprachlichen, auditiven und visu-
ellen Zeichen konstituiert werden.
Im Folgenden werden wir zunächst die Quellen sowie methodischen Zugänge
skizzieren (2) und anschließend die Ergebnisse der Studie vorstellen (3–4). Ein
Fazit zu den vier Images Chinas in deutschsprachiger Werbung sowie zu weiteren
Forschungsdesiderata beschließt diesen Beitrag (5).

1 Lediglich Mosbach 1999 widmet sich umfassend „Bildermenschen – Menschenbilder“ in der


neueren deutschen Printwerbung, am Rande auch asiatischstämmigen Menschen und Chinesen.
Allein, die Studie liegt bereits 15 Jahre zurück, das zugrunde gelegte Korpus scheint relativ klein
und die Kriterien der Datenauswahl sind nicht nachvollziehbar (keine Angaben über Recherche-
verlauf und -hintergrund).
232   Friedemann Vogel und Maximilian Haberer

2 Quellen und methodischer Zugang


Das der Untersuchung zugrundeliegende Korpus wurde 2014 kontrolliert aufge-
baut und umfasst insgesamt 220 Funde deutschsprachiger (Text-,) Print-, Audio-,
Video- und Internetwerbung (Internetseiten und -spiele) aus dem Zeitraum 1910
bis 2014. Um ein möglichst breites Spektrum vorhandener China-Images zu erfas-
sen und eine Ergebniseinschränkung durch quellenbedingte Vorselektion zu
vermeiden, erfolgte der Korpusaufbau explorativ und berücksichtigte folglich
sowohl Funde systematischer Datenbankrecherchen als auch „Zufallsfunde“.
Zudem konnten auf diese Weise auch implizite, nicht textlich markierte, Bezüge
auf China in das Korpus mit aufgenommen werden.
Der Begriff „Werbung“ wurde möglichst weit verstanden und lediglich im
Hinblick auf ihre direktive Funktion hin eingeschränkt: Aufgenommen wurden
Belege, wenn sie erkennbar von einem Auftraggeber motiviert persuasiv für
einen Sachverhalt, Gegenstand, eine juristische oder private Person(engruppe)
warben, das heißt zu einer in der Regel mit Geldleistungen verbundenen Rezi-
pientenhandlung zugunsten des Werbenden aufforderten. Neben klassischen
Zeitschriftanzeigen großer Pharmaunternehmen und Werbespots für Instant-
nudeln finden sich somit auch Produktverpackungen und Werbemaßnahmen
politischer Kampagnen wieder. Abgesehen von kostenpflichtigen (AdZyklopaedie
und Coloribus) und kostenlosen (Publispot, AdsandBrands, Slogans.de und das
Regensburger Archiv für Werbeforschung) Werbedatenbanken wurden Plakatar-
chive (Filmposter-Archiv, Plakatsammlungen des Bundesarchivs, des Albertina
Museums Wien, der Bibliothek für Zeitgeschichte und des Deutschen Historischen
Museums), Jahrbücher der Werbung (Jeske et al. 1987–1991; Schalk und Thoma
1992–2012), Reisekataloge (Tchibo Reisen, TUI Deutschland, Thomas Cook), Inter-
netseiten auf Chinareisen spezialisierter Anbieter (China Reisen) und das Video-
portal Youtube nach folgenden Suchausdrücken bzw. Verschlagwortungen syste-
matisch gesichtet:

China, Chinese, Chinesin, Chinesisch, Chinesischen, Asien, Asiatisch, Asia, Asiat, Asiatin,
Asiatischen, Peking, Shanghai, Hongkong, Hong Kong, Beijing, Shaolin, Konfuzius, ni hao,
Mao, Kung Fu, Gongfu, Qigong, Tai-Chi, Wushu, Meditation, Meditieren

Auf Grundlage der Bemerkung Mosbachs, chinesische Stereotype in der Werbung


verwiesen größtenteils auf allgemein Asiatisches und vice versa (Mosbach 1999,
S. 254 ff.), wurden auch mit Asien verbundene Suchausdrücke verwendet und,
sofern diese sich kontextuell nicht explizit auf ein anderes asiatisches Land
bezogen, entsprechende Belege in das Korpus aufgenommen. Die übrigen Such-
 Das China-Image in der deutschsprachigen Werbung   233

ausdrücke sind entweder bekannte Metropolen der Region oder während der
Recherche vermehrt aufgetretene, kontextverwandte Begriffe.2
Schließlich wurden auch Belege vor Ort in Filialen erhoben. Im Zeitraum Mai
bis Juli 2014 wurden hierfür in Supermärkten und Drogerien der Stadt Freiburg im
Breisgau Produktverpackungen fotografiert, die entweder der Beschreibung nach
Produkte aus China beinhalteten, eines der Schlagworte (siehe oben) verwende-
ten oder über visuelle Merkmale verfügten, die der restlichen Datenerhebung
zufolge auf den ostasiatischen Bereich verwiesen (vgl. 3.3).
Die Auswertung der Belege erfolgte in drei Schritten: Im ersten Schritt wurden
sämtliche Korpusbelege im Hinblick auf wiederkehrende Darstellungen auf der
Formseite erhoben und als Formmuster systematisiert (vgl. das nachfolgende
Kapitel). Dabei wurden folgende Formebenen berücksichtigt: Ebene der Sprache,
auditive Ebene (Musik, Soundeffekte, prosodische und Artikulationsbeson-
derheiten usw.) und visuelle Ebene (von Farbgebung über Typoghraphie bis zu
Figur-Grund-Konstellationen). Im zweiten Schritt erfolgte eine ähnliche Systema-
tisierung auf der Ebene der semantischen Zuschreibungsmuster. Hierfür wurde
jeder einzelne Beleg ausgezeichnet nach folgenden Kategorien: a) beworbenes
Produkt, b) präsupponierte China-Attribute und assoziierende Formen sowie c)
semantische Funktion der Attribute im Hinblick auf das beworbene Produkt.

Beispiel: Olbas 2014


Beworbenes Objekt: Tropfen
Attribute: ‚Traditionelle chinesische Heilmedizin‘
Semantische Funktion: Affirmativ – Produkt steht in der Tradition jahrtausend-
alter, bewährter Heilkunst
Erläuterung: Chinesische Schriftzeichen und Kraut-Skizze als Kontextualisie-
rungshinweise zu Ausdrücken medizinischer Domäne (Tropfen, bei Erkältung,
Kopfschmerzen)

Beispiel: Obi [Erscheinungsdatum unbekannt]


Beworbenes Objekt: Akteur (Baumarkt)
Attribute: ‚Unverständlichkeit‘, ‚Überforderung‘, ‚Fremde‘
Semantische Funktion: Kontrastiv  – Umworbenes Produkt
klar und verständlich im Gegensatz zur chinesischen Sprache
Erläuterung: Person in Anzug steht vor Regal mit Sanitär-
möbeln, äußert sich fragend an einen Vorbeigehenden in
grauem Kittel: ah guten TAG ich möchte eine DUSCHkabine […] Der Angesprochene sowie
zwei weitere Hinzukommende fallen ins Wort, kurzsilbig und konsonantenreich, Chine-
sisch immitierend. Off-Sprecher: wenn sie keine lust auf fachchinesisch haben […]

2 Eine genaue Dokumentation des Korpusaufbaus, sowie damit verbundene Schwierigkeiten


und Entscheidungen finden sich bei Haberer 2014.
234   Friedemann Vogel und Maximilian Haberer

Nach belegspezifischer Auswertung wurden induktiv Cluster wiederkehrender


Zuschreibungen gebildet (siehe Kapitel 4). Im dritten Schritt wurden schließlich
die Ergebnisse verdichtet zu transtextuellen bzw. transmedialen Korrelaten aus
Form- und Prädikationsmustern (die vier Images Chinas, vgl. Kapitel 5).

3 Sprachliche, auditive und visuelle Formen


des China-Stereotyps in deutschsprachiger
Werbung
Die Auswertung von Werbeanzeigen, die – sei es im Fokus oder als Kontextvaria-
blen – ‚China‘ oder ‚Chinesen‘ zum Gegenstand haben, zeigen unterschiedliche,
doch wiederkehrende Muster an der materiell wahrnehmbaren Ausdrucksseite.
Wir unterscheiden dabei induktiv erstens sprachliche, auditive und visuelle
Formmuster, andererseits Primär- und Sekundärzeichen. Mit Primärzeichen
bezeichnen wir solche Formmuster, bei denen wir nach Datenlage plausibel
machen zu können glauben, dass sie ohne weitere formseitige Kontextualisie-
rungshinweise (im Sinne Gumperz 1982, S. 131) rezipientenseitig ein abstraktes
China-Ethnostereotyp aktivieren. Ein Beispiel hierfür wäre etwa die – meist iro-
nisch überzeichnete  – Imitation von chinesischen Sprachmerkmalen, etwa die
chinesische Kurzsilbigkeit (vgl. das Wortspiel Sching schang schong) sowie der
Tausch von r- durch l-Laute, oder auch pentatonische Imitationen asiatischer
Klänge auf entsprechenden Instrumenten (vgl. unten). Sekundärzeichen sind
dagegen solche Zeichen, die nach unserer Einschätzung nur im ko(n)textuellen
Verbund mit weiteren formseitigen Hinweisreizen stereotypisierend rezipiert
werden. Zu Sekundärzeichen in diesem Sinne zählen in unserem Korpus etwa
zahlreiche Soundelemente (z. B. der Gong, bestimmte Küchen- oder Luftzugge-
räusche), einzelne Farben und Farbkombinationen (rot, gelb) oder Abbildungen
von Tieren und Gegenständen (Pandabär, Bambus, Seide usw.).
Dabei möchten wir betonen, dass sich diese beiden Kategorien heuristisch
nicht auf die Ebene der Formtoken (einzelne Belege), sondern auf die Ebene der
Formmuster, also auf die Ebene der Types oder Prototypen beziehen. Einzelbe-
lege können dann nicht exakt, sondern nur mehr oder weniger einem bestimm-
ten Prototypen eines Primär- oder Sekundärzeichens entsprechen (Prototypen
sind Idealtypen im Sinne Max Webers).
Der Großteil chinesischer Attributformen rekurriert nicht auf den Gegenstand
der jeweiligen Werbung. Sie sind meist nur ornamentales Beiwerk der Stereoty-
pisierung.
 Das China-Image in der deutschsprachigen Werbung   235

Im Folgenden stellen wir die wichtigsten Musterelemente des formseitigen


Repertoires dar, das in deutscher Werbung zur Konstruktion von China-Stereoty-
pen eingesetzt wird.

3.1 Sprachliche Formen und Sprachspiele

Die überzeichnete Imitation von markanten Merkmalen chinesischer Sprache


ist ein sehr dominantes, wenn nicht das wichtigste Formmuster zur Aktivierung
von China-Stereotypen. Sie lassen sich differenzieren in a) Wortspiele, b) Mehr-
worteinheiten, c) Komposita mit dem Determinandum -chinesisch sowie d) als
bekannt präsupponierte chinesische Wörter und Namen.
(a) Wortspiele evozieren ‚das‘ Chinesische und/oder Asiatische meist durch
Zerlegung deutscher Wörter in einzelne Silben, das heißt durch Imitation oder
Simulation von chinesischsprachiger Kurzsilbigkeit. Hinzu kommt bei Belegen
mündlicher Äußerungen die Imitation chinesischsprachiger Morphem-Homo-
phonie oder die Vermischung von deutschen und chinesischen Wörtern bzw.
Silben und Lauten.
1. Leer Ling (Bier leer und Chinese als Lehrling deutscher Braukunst; Karlsberg
Urpils), Beef Lang Zu (McDonalds 2008), Un Ter Steu Ern (sei ein Fremdwort
bei Audi)
2. Namensspiele: Im Muster einer Essensbestellung: Also ich nehm Düjing (Düs-
seldorf-Peking Flugstrecke) – neben der Auswahl Nasi Goreng oder Chop Suey
(Airport Düsseldorf)
3. Der Singapure Wahnsinn (Lufthansa 2014), Neues aus Fernkost (McDonalds
1998), Bankoch (Schenker 2004)
(b) Unter Mehrworteinheiten finden sich vereinzelt (Kinder-)Lieder wie
(häufig) Drei Chinesen mit dem Kontrabass (Film 2000) oder Variationen in Anleh-
nung an das Muster Weck den X in Dir mit X = Tiger oder Drache (Motto des ZDF
2009 zur Olympiade in China) oder In China essen sie X mit X = als Nahrungsmit-
tel qualifizierte Objekte oder Tiere (distanzierend).
(c) Wird mittels Determinatrum chinesisch explizit auf die Sprache des Chi-
nesischen rekurriert, dann geht es meist um die Markierung von ‚Unverständlich-
keit‘ und ‚Fremde‘ des Fachchinesischen oder auch Versicherungschinesischen.
(d) Bestimmte chinesische Wörter oder Wendungen sowie Bezeichnun-
gen (Onomastik) für Städte, Personen oder Sachen werden von den Werbenden
offenbar als bekannt vorausgesetzt, denn sie werden nicht näher erläutert oder
lassen sich situativ aus dem dargestellten Geschehen einordnen. Besonders
häufig finden sich formuliert Ni hao (‚Guten Tag‘), Xie xie (Danke) sowie Yin und
Yang.  – Chinesische Ausdrücke werden grafisch ausschließlich in der chinesi-
236   Friedemann Vogel und Maximilian Haberer

schen Umlautschrift (Pinyin) und ohne Tonmarkierung oder ihrer deutschspra-


chigen Adaption wiedergegeben. Das Gleiche gilt für Städtebezeichnungen (vor
allem Peking/Beijing, Hongkong und Shanghai) und Personennamen (Konfuzius,
Mao). Lotus(blüte) oder Seidenstraße dagegen sind deutsche Bezeichnungen für
bekannte chinesische Sachverhalte.

3.2 Auditive Formen

Als auditive Formmuster kategorisieren wir akustisch wahrnehmbare Formen.


Zu ihnen zählen a) die chinesische Stimme (in der Werbung), b) wiederkehrende
Geräusche und Sounds sowie c) Musik bzw. musische Klänge.
(a) Wenn sich in der Werbung Chinesen oder als ‚chinesisch‘ markierte Per-
sonen äußern, geschieht dies in der Regel mit einer Übertreibung bestimmter
stimmlicher Merkmale. Äußern sich die als Chinesen inszenierten, in der Regel
männlichen Akteure auf Deutsch, sprechen sie mit starkem Akzent, in hoher,
heller Stimmlage und vertauschen die Konsonanten r und l (vgl. in Lemon Gold
oder McDonalds). Äußern sich Stimmen auf Chinesisch, werden diese ebenso
überzeichnet (laut, Konsonanten-betont, untypisch stark Satz-intonierend3), um
semantisch ‚Fremde‘ und/oder ‚Härte‘ und ‚Kälte‘ bei deutschen RezipientInnen
zu aktivieren. Ein typisches Beispiel für Letzteres ist etwa die Radiowerbung von
Human Rights Watch, die eine Folterszene inszeniert (brüllender Folterer und
offenbar geknebeltes, von Taser-Stromstößen geplagtes Opfer), und anschlie-
ßend kommentiert: sie müssen nicht viel verstehen, um zu verstehen, WIE SEHR
wir ihre hilfe brauchen. Das Vorspielen der chinesischsprachigen Szene vor einem
Kolloquium chinesischer DoktorandInnen löste Lachen aus, da sie komisch (im
Sinne von ironisch) wirkte.
(b) Bestimmte Rahmengeräusche und Sounds tragen  – genauso wie
manche musischen Klänge (s. u.) – vor allem als Sekundärzeichen zur stereoty-
pen Kollorierung der Werbung bei. Auffällig ist das sonorige, tibetische Mönch-
Kutten begleitende Summen (Omm), Naturgeräusche (Tiere, sprudelndes Wasser,
exotische Vogelschreie, Grillenzirpen, Windgeräusche), Restaurant- und Küchen-
geräusche (Messer-Wetzen, Hacken, Eingießen einer Flüssigkeit, meist Tee),
Luftzuggeräusche (vor allem typisch für Kampfsport-insinuierende Werbung),
Großstadt- und Baustellen-Lärm oder Foto-Klick-Geräuche (Anspielung auf chi-
nesische Touristen).

3 Das Chinesische verfügt über keine dem Deutschen vergleichbare Satzprosodie.


 Das China-Image in der deutschsprachigen Werbung   237

(c) Ein letzter Typus auditiver Formmuster sind asiatische bzw. chinesische
Musik und Klänge. Diese werden vor allem durch die Verwendung pentatoni-
scher Skalen (Levis 1963) und traditionell chinesischer Instrumente (Jin 2011)
kenntlich. Entsprechend lässt sich im Korpus diverse Musik identifizieren, die
auf einen der fünf traditionell chinesischen pentatonischen Modi (kung, shang,
chiao, chih oder yü) basiert und sich dadurch melodisch von der dem Rezipienten
vertrauten westeuropäischen Musik deutlich abgrenzt. Zudem zeichnet sich die
beispielsweise von einer Xiao (chinesische Flöte), einer Erhu (chinesisches zwei-
saitiges Streichinstrument), einer Yangqin (chinesisches Zupfinstrument), einer
Guan (chinesisches Holzblasinstrument) oder auch einer Guzheng (chinesische
Zither) gespielte Musik aufgrund der von europäischen Instrumenten unterschei-
denden Bauweise und Materialien durch eine ebenso differierende Klangfarbe
aus.4 Durch diese offenbare Abweichung von europäischen Hörgewohnheiten
entsteht der Vermutung nach beim Rezipienten vorerst eine schnelle Assoziation
mit ›Fremde‹ und in der Folge, durch das womögliche Erkennen genuin chinesi-
scher Melodie- und Klangcharakteristika, eine Verknüpfung mit dem asiatischen
Kulturraum und eine entsprechende Interpretation des Gesamtkontextes. Empi-
risch zu prüfen wäre auch die Vermutung, dass durch die Verwendung traditio-
nell chinesischer Musik beim Rezipienten eine Verbindung des Produktes nicht
nur mit dem asiatischen Kulturraum aktiviert wird, sondern auch eine Verbin-
dung des Produktes mit ›Natur‹ (Pentatonik), ›Präzivilisatorischem‹ bzw. Zivili-
sationen in einer sehr frühen Ausführung/Ancient Cultures und ›Exotischem‹
(Klangfarbe). Durch das Abspielen dieser Art von Musik trägt die Werbung somit
effektiv zur wissensseitigen Rahmung des beworbenen Produktes mit Teilen des
China-Stereotyps bei.

3.3 Visuelle Formen

Unter visuellen Formen verstehen wir sämtliche Wahrnehmungsreize, die mit


den Augen erfasst werden. Hierzu zählen a) die Darstellung von Personen, Tieren
sowie damit verbundene Handlungen und Routinen, b) die Darstellung von
Objekten sowie c) der Umgang mit Typographie, Farben und besonderen Sym-
bolen.

4 Für eine genauere Beschreibung der Klangfarben siehe Jin 2011.


238   Friedemann Vogel und Maximilian Haberer

(a) Als ‚chinesisch‘ (oder zumindest ‚asiatisch‘) eingeführte oder von den
Werbemachern präsupponierte Personen tragen  – in Abhängigkeit von der
ihnen zugedachten Rolle – alle sehr ähnliche physiognomische Merkmale. Rol-
lenübergreifend zeigen sie alle tendenziell eine runde Gesichtsform, mandel-
förmige Augen, markante Wangen- und Kieferknochen, schwarze Haare (wenn
nicht, dann weiße Haare oder Glatze), kleine Nasen und Lidfalte. Darüber hinaus
lassen sich – in Kombination mit weiteren visuellen Kontexthinweisen (vgl. dazu
b und c) – fünf wiederkehrende, hier idealtypisch skizzierte Rollen differenzie-
ren5:
– ‚(Feld-)Arbeiter‘: trägt idealtypisch farbiges Gewand und einen flach-kegel-
förmigen Sonnenhut aus Bambus (Dou Li, 斗笠); oft auch lange Haare, meist
weibliche Personen; sofern die Mimik erkennbar ist, zeigt sie Lächeln oder
Lachen;
– ‚Mao-Anhänger‘: meist grauer oder grüner Kittel und Mao-Schildkappe (Hong
Jun Mao, 红军帽, Hut der Roten Armee);
– ‚chinesischer Weiser‘: langer weißer Kinnbart und Schnurrbart (Fu Manchu);
dunkle oder weiße Kutte; runde Nickelbrille und eine schildlose Kappe (地主
帽, Hut der Landbesitzer);
– ‚Mönch‘: Personen mit Glatze; Kutte; die Augen geschlossen und in ruhender
Haltung (meditierend); ähnlich auch ‚Buddha‘: kräftiger, halbnackter, haar-
loser Mann mit Tuch in sitzend-meditierender Haltung;
– ‚Kämpfer‘: jüngerer Mann mit traditioneller Kutte; Haar-Dutt und in kämpfe-
rischer Haltung.

5 Für Hinweise zu den Originalbezeichnungen der Kopfbedeckungen danken wir Dr. Haixia
Zhou (Beijing Foreign Studies University).
 Das China-Image in der deutschsprachigen Werbung   239

EADS Thomas Cook China

McDonalds Ricola Handelsblatt

John Player McDonalds

China-Tourism

Jean Pascal China Story (Film)

Ching (Film) Maggi Terrine


240   Friedemann Vogel und Maximilian Haberer

Auch bestimmte Tiere finden sich wiederkehrend abgebildet, allen voran Ente
(meist als Peking Ente mitteleuropäischer Fassung, d. h. als frittierte halbe Enten-
brust), Pandabär (bekannt auch als WWF-Symbol), Schlange (meist symbolisch
für Verrat) sowie – als Fabelwesen – der Drache, vor allem auch vertreten in zahl-
reicher (künstlicher) Ornamentik.
Als china-typische Handlungen und Rituale werden wiederholt abgebildet:
– aus der Domäne der chinesischen Medizin: Akupunktur und fiktive Formen
traditioneller Heilkunst (z. B. Zubereitung von Ricola-Kräuter-Bonbons);
– aus der Domäne des Sports: Kampf und Kampfkunst;
– aus der Domäne der Kultur: historisches Schattentheater, Kalligraphie, Tanz,
Karaoke, Nahrungsmittelzubereitung und -servierung (insb. Teezuberei-
tung).

(b) Abgebildete Objekte oder Sachverhalte lassen sich ihrerseits differenzie-


ren in Elemente der ‚Mode‘ (im weitesten Sinne), besondere Orte oder räumliche
Formen, Elemente der (Natur-)Umgebung sowie verschiedene sonstige Artefakte.

Zu häufig abgebildeten Elementen der Mode zählen:


– asiatische Haarnadeln (meist mit Dutt) und typische Kopfbedeckungen (Son-
nenhut, Armeehut, Hut der Landbesitzer vgl. o.);
– ‚traditioneller‘ Schmuck, z. B. lange Ohrringe mit exotischer Ornamentik
oder anderer Kopfschmuck;
– asiatische Sonnenschirme und Fächer;
– Kommunistische Armeekutte, Seidenstoffe und traditionelle Frauentrachten
und -gewänder (v. a. farben- und ornamentreiche Trachten der chinesischen
Minderheiten werden häufig zur Illustration des Exotisch-Fremden abgebil-
det).

Roter Ginseng Peking Action Blues (Film) Thomas Cook


 Das China-Image in der deutschsprachigen Werbung   241

Ebenfalls zur persuasiven Ornamentik zählen wiederkehrende Orte und räumli-


che Formen. Hierzu zählt zunächst die Abbildung traditioneller chinesisch-asia-
tischer Architektur mit Betonung der horizontalen, geschwungenen Dachsparren,
überkragend, und reicher Ornamentik in überwiegend Rot-Gold-Farbtönen. Das
Werbeplakat RAG (2009) etwa verknüpft sprachliche Hinweise mit der Montage
von Dächern im Stil des chinesischen Kaiserreiches (vgl. Verbotene Stadt u. ä.).
Das ‚Konsum-Moderne‘ assoziierende Pendant bilden Panorama-Abbildungen
von Großstädten, Reklame-stakenden Hochhausschluchten und Wimmelbilder.

RAG 2009

Hochhäuser, Reklame, Wimmelbilder


242   Friedemann Vogel und Maximilian Haberer

Die häufigsten, benennbaren (und häufig auch im Kontext benannten) Orte sind
Shanghai (Panorama), der Platz des Himmlischen Friedens (Peking) sowie unbe-
nannte Baustellen. Sofern in visuelle oder audiovisuelle Werbung Elemente der
Naturumgebung eingebunden werden, sind es vor allem Berge, Bambus, Seen
und Reisfelder, Teeplantagen, Blütenbäume sowie Blumen fast ausschließlich
in den Farben weiß und rot. Gelegentlich wird auch Smog, meist als gräulicher
Dunst vor Großstadt-Skyline, wiedergegeben.
Schließlich finden sich weitere, sehr verschiedene und thematisch nicht
immer motivierte Gegenstände oder räumliche Formen im China-stereotypi-
sierenden Repertoire deutschsprachiger Werbung.
– Häufig: Schiffe, Rikschas, Mobiliar (asiatische Lampen und Lampenschirme),
exotische Instrumente, Nahrungsmittel und Gegenstände der Nahrungsmit-
telherstellung bzw. -aufnahme (Stäbchen, Wok, Teekanne mit Teeschälchen,
gebratene Nudeln, Nudelsuppe, Glückskeks, Peking-Ente, Pilze, Reis, Soja,
Tofu, Suppe, Tee, Frühlingsrollen, Bambus-Geschirr, Porzellan u. a.).
– Vereinzelt: Reklameschilder, (Rotes) Parteibuch, Terrakottaarmee, Tusche,
Mingvase, Manekineko.

(c) Typoskripte, Farben und Symbole bilden den letzten und mit Blick auf ihr
semantisches Schematisierungspotential auch wichtigsten Teil visueller Formen.
Besonders hervorzuheben ist der Einsatz (Abbildung chinesischer Schriftzei-
chen) oder die Adaption von chinesischer Kalligraphie. Letzteres meint die
Übertragung des für Kalligraphie typischen Pinselstrich-Musters auf lateinische
Buchstaben:

Kalligraphische Typographie lateinischer Buchstaben


 Das China-Image in der deutschsprachigen Werbung   243

Gelegentlich werden auch Zeichen bzw. Striche kombiniert, die wohl die Ton-
Formalisierung des Pinyin (Umlautsprache des Chinesischen) imitieren sollen.

Audi Herbata (vgl. Pinyin: chá)

Neben der Kalligraphie werden folgende Ikone und Symbole (im Sinne Pierce‘)
häufig eingesetzt: Yin-Yang-Symbol, Flaggen, der Stern sowie Zeichnungen von
Drachen. Unter den eingesetzten Farben dominieren Rot und Gelb (als Teil der
Nationalfarben).

4 Semantische Felder des China-Stereotyps:


Attribute und Prädikationen
Die oben beschriebenen Formmuster werden in der Werbung maßgeblich zur Kon-
stitution von China- und/oder Asien-Stereotypen eingesetzt. In diesem Kapitel
stellen wir die typischen semantischen Werbe-Attribute vor, die in unserem
Korpus formseitig realisiert werden.

›Natur‹, ›Erholung‹ und ›verwöhnende Gesundheitsförderung‹ (17,7 %6): Ein


zentrales Attribut der in unserem Korpus befindlichen touristischen Werbung
perspektiviert China als ein ›Land der unangetasteten, präzivilisatorischen
Natur‹ und als ein Ort der ›Erholung‹. Diese Attribute dienen der Umwerbung
unterschiedlichster Werbeobjekte, von Reisen bis hin zu Sportartikeln oder
einem Baumarkt.

6 Die relativen Angaben ergeben sich aus der Zählung einzelner Belege, wobei ein Werbe-Beleg
mehrere Attribute enthalten kann.
244   Friedemann Vogel und Maximilian Haberer

Besonders oft wird dabei auf eine bzw. „die“ ›chinesische Teekultur‹ referiert.
Das Attribut, das sowohl alleine als auch als Nebenattribut auftritt, suggeriert,
die chinesische Bevölkerung verfüge hinsichtlich Teezubereitung, -konsum und
-genuss über ein besonderes Expertenwissen. Besonders deutlich illustriert die
Funktion dieses Attributs ein Werbespot von Nestlé Special T (2012). In diesem
werden diverse Teekapseln sowie eine Kapselmaschine beworben und der
Zuschauer insinuiert, im Universum von „Special T“ werde jeder Tee zu einer
außergewöhnlichen Reise. Unter diesen besten Tees der Welt befindet sich auch
‚Tee aus China‘, attribuiert durch die Darstellung idyllischer Natur und Pandabä-
ren, sowie roter Lampions, Haarnadeln, traditioneller Gewänder und einem roten
Sonnenschirm. Das Attribut der Teekultur wird vor allem durch den Produktkon-
text und den ›zeremoniellen‹ Konsum der mit weiteren chinesischen bzw. asia-
tischen Ausdrucksformen ausgestatteten Darstellerin konturiert. Es dient dabei
auch der Produktauthentifizierung: Der hier beworbene Tee komme aus China
und trage, so die Message, die chinesische, naturverbundene Tee- und Genuss-
kultur in kleinen (Plastik-!) Kapseln in westliche Wohnzimmer.

Nestlé Special T (2012): Standbild bei 1:16 und 1:46

Zahlreiche Produkte aus dem Nahrungsmittelbereich werden mit dem Attribut


›chinesisch-traditionelle (s. u.) Gesundheitsförderung‹ markiert. Es schreibt Chi-
nesen vor allem die Kompetenz zu, besonders gesund zu leben und über beson-
ders tradiertes Wissen natürlicher Kräuter- und Heilkunde zu verfügen. Den
umworbenen Produkten soll damit eine gesundheitsfördernde Wirkung zuge-
schrieben werden. So wirbt beispielsweise die Gintec Europe GmbH (vgl. oben)
für ihr Produkt „Roter Ginseng“ mit dem Slogan Das königliche Heilmittel der chi-
nesischen Kaiser und bildet auf der roten Produktverpackung neben chinesischen
Schriftzeichen und asiatisch wirkender Typografie einen „chinesischen Weisen“
(vgl. oben 3.3) ab. Doch auch einfachen Nahrungsmitteln wird eine heilende
oder zumindest wohltuende ›chinesische‹ Wirkung nachgesagt. So etwa der von
Albert von Zoonen BV vertriebenen Vollkornrolle >Tofu<, welche als Vollwertkost
 Das China-Image in der deutschsprachigen Werbung   245

fernöstlich. Gesund und köstlich vermarktet und unter anderem mithilfe eines Yin-
Yang Symbols beworben wird.

Albert von Zoonen BV

Das hier beschriebene Attributfeld lässt sich noch erweitern um Attribute wie
›Zufriedenheit‹, ›innere Ausgeglichenheit‹, ›Fröhlichkeit‹, ›Bedächtigkeit‹ – nicht
zu verwechseln mit ›Ausgelassenheit‹, die sich im China-Image der Werbung inte-
ressanter Weise nirgends findet. In diesem Sinne zeigen zum Beispiel abgebildete
Akteure in der Regel eine offene Mimik (Lächeln bis Strahlen), einen verträumten
Blick in eine horizontlose Ebene oder sie strahlen mit geschlossenen Augen eine
gewisse innere Ruhe aus. Ähnliches signalisieren Symbole wie Yin-Yang u. a.

›Traditionalität‹ (44,5 %): Nicht nur im Kontext ›chinesischer Medizin und Heil-


kräfte‹ spielt das Attribut der ›historischen Verwurzelung‹ bzw. die ›Besinnung
auf traditionelle Werte und Künste‹ eine meist idealisierende Rolle. Nicht selten
finden sich dabei Assoziationen zu einem ›Sagen umwobenen, Jahrtausende
währenden Kaiserreich‹ (Porzellan, Kaiserkult, Kalligraphie und ornamentale
Kunst, Drachen usw.).
Wie ›Traditionalität‹ wirksam werden kann, zeigt etwa die Werbeanzeige der
Papierfabrik Scheufelen aus dem Jahre 1993. In dieser ist eine Person in traditi-
onell chinesischem Gewand und mit Hut (ein ›Gelehrter‹) zu erkennen, die ein
Blatt Papier mit chinesischen Schriftzeichen in den Händen hält. Die Zeichen
sind kalligraphisch realisiert und in der Schreib-/Leserichtung offenbar von oben
nach unten angeordnet. Das Papier scheint gefaltet und in der düster-dunklen
246   Friedemann Vogel und Maximilian Haberer

Stimmung in der Beleuchtung hervorgehoben. Dass es um ein ›altes‹, ggf. wert-


volles (weil zu erhaltendes) Schriftstück als Trägermaterial geht, kontextualisiert
auch der Beitext, ein Zitat von Plinius dem Älteren: Daß wir als Menschen leben
und ein ehrlich Gedächtnis hinterlassen können, das haben wir dem Papier zu ver-
danken. Auf diese Weise ermöglicht die Werbung mehrere, sich gegenseitig stüt-
zende positive Assoziationen: a) ›Das von Scheufelen vertriebene Papier steht in
der Tradition der chinesischen Papiermanufaktur‹ (China als Papier-Erfinder); b)
›als solches ist es Grundlage und Gedächtnis unserer menschlichen Zivilisation‹;
c) ›das ‚deutsche‘ Papier wird auch von chinesischen Fachleuten geschätzt‹. Das
beworbene Produkt (einfaches Druckpapier) gleitet so in das semantische Feld
des ›traditionellen China‹ (vgl. auch das Fazit) und erfährt eine symbolische Auf-
wertung.

Scheufelen 1993

Die letztgenannten Attribute stehen nicht selten in Verbindung mit dem der
›Weisheit‹ (auch als: ›Allwissenheit‹, ›Geheimnis-Wissen‹, insg. 8,6 %). Hierfür
wird, abgesehen von Symbolen chinesischer Philosophie und Erwähnungen chi-
nesischer Heil- und Kräutermedizin, insbesondere die bildliche Repräsentation
eines älteren chinesischen Mannes mit Spitzbart und Kappe verwendet, welchem
in vielen Fällen Weisheit durch die Wiedergabe scheinbar philosophischer bzw.
tradionsgeladener Aussagen zugeschrieben wird. Besonders gut wird dieser
Aspekt in einem Werbespot der Ricola AG aus dem Jahre 2008 deutlich, welcher
die Kräuterbonbons des schweizerischen Herstellers bewirbt. Ein wie eben
beschriebener, der Werbung zufolge chinesischer, Akteur mit stark affektiertem
asiatischem Akzent erklärt in Anwesenheit von zwei offenbar Kräuter verarbei-
tenden chinesischen Personen in traditionell chinesischen Gewändern zu im
Hintergrund ertönender asiatischer Musik, dass Chinesen wohltuende Bonbons
gegen Husten und Heiserkeit erfunden hätten. Hieraufhin erscheint aus einem
 Das China-Image in der deutschsprachigen Werbung   247

Korb ein Mann in Anzug und schweizerischem Dialekt, welcher konfrontativ


darauf hinweist, dass die Erfindung nicht, wie behauptet aus China, sondern aus
der Schweiz, von Ricola, stamme.

Ricola (2008); Standbild bei 00:05 und 00:13 – Kontrastierung Schweiz/China

Zwar dauert dieser Spot nur 25 Sekunden, jedoch komprimiert er dafür eine
Vielzahl der bereits beschriebenen Attribute und scheint vor allem auf einem
spielerisch-ironischen Umgang mit der Kontrastierung und/oder Identifizierung
des konstruierten chinesischen Länderimages zu fußen. So lädt er zunächst das
eigene Produkt mithilfe der Attribute ›Weisheit, Gesundheit und traditionelles
China‹ symbolisch auf, bevor er dieses mittels der Figur des westeuropäischen
Mannes mit schweizerischem Dialekt kontrastiert, ohne jedoch die vorherige
symbolische Projektion zu dekonstruieren. In anderen Worten, das zum Ende hin
genuin als schweizerisch markierte Produkt wird als derart begehrenswert darge-
stellt, dass sogar die Experten weiser, traditioneller, gesunder Lebensweise, die
Chinesen, seine Erfindung für sich proklamieren wollen. Insofern bleiben dem
Produkt die mit China in Assoziation gebrachten Attribute erhalten, während
seine Länderzuordnung eindeutig in das ›Eigene‹, die ›Heimat‹ (im Kontrast zur
fremden Ferne) fällt.
Der eben erläuterte Kräuterbonbonwerbespot dient hierbei als ein gutes Bei-
spiel für das allgemeine Attribut der ›Fremde‹ (43,3 %). Denn obwohl eines der
Werbeziele sicherlich in der Übertragung der positiven China-Attribute auf das
Produkt bestand, ist dem wohl übergeordnet, die ›Überlegenheit‹ und den ›Quali-
tätsstandard‹ des aus der eigenen Kultur stammenden Produktes gegenüber einer
fremden Kultur zu demonstrieren. Die Ricola AG zielt folglich mit ihrer Werbung
weniger auf die Authentifikation ihres Produktes als besonders ›chinesisch‹ oder
besonders ›nicht-chinesisch‹, sondern auf eine Hervorhebung des schweizeri-
schen Produktursprungs. Besonders deutlich wird dies an einem anderen Wer-
bespot des gleichen Produzenten, in dem zwar in analoger Weise das Produkt
mithilfe von Ethnostereotypen beworben, allerdings der Werbekontext nach
Finnland verlegt wird. Die Austauschbarkeit der chinesischen mit der finnischen
248   Friedemann Vogel und Maximilian Haberer

Kultur deutet somit darauf hin, dass durch die Darstellung des „Fremden“ vor
allem die Identität des „Eigenen“ konstruiert werden soll.

Ricola (2008/2); Standbild bei 00:08 – Kontrastierung Schweiz/Finnland

›Moderner Markt‹ und ›High-Life‹ (11,4 %): Geradezu im Gegensatz (wenn-


gleich nie als solcher in ein- und derselben Werbung kontrastiert) zum Attribut
des Traditionellen stehen Zuschreibungen, die China als modernes, lebendiges,
kapitalreiches Land konstituieren. Die Abbildung von Metropol-Großstädten,
Hochhaus-Skylines, Leuchtreklamen, Menschenmassen und Straßenverkehr
steht für ›Weltmarkt‹ und ›Kaufkraft‹. Ein Beispiel für die Anwendung dieses
Attributs ist eine gemeinsame Anzeige von Deutscher Post und Quelle AG für ein
Gewinnspiel (um ein Ticket für eine in China stattfindende Episode der Sendung
„Wetten, dass …?“) anlässlich der Auslieferung des einmilliardsten Quellepakets
durch DHL. Das Wimmelbild rekurriert gemeinsam mit dem Beitext (Ein Milliar-
den-Publikum zu gewinnen!) auf die Einwohnerzahl Chinas sowie den chinesi-
schen Markt als Investitions- und Expansionsort für Anleger und Unternehmen.

›Kampfkunst‹ und ›Gefahr‹ (15,0 %): In der Vielzahl der im Korpus enthal-


tenen Filmplakate finden sich die Attribuierungen Chinas als eine ›Kultur des
Kampfsportes‹ sowie als ›gefährlicher Ort‹, zwei Attribute, die sich zwar vor
allem, aber nicht allein in diesem Werbetypus finden. Beispielsweise macht sich
auch die Nahrungsmittelindustrie bei ihrer Werbung das ›Kampfsport‹-Attribut
in ironisierender Funktion zunutze. So wirbelt ein Koch im Hintergrund eines
McDonalds-Werbespots mit einem Salto durch die Luft; bei „Delikatessa Chef
Menü“ simuliert ein kleiner Koch den Messerkampf bei der Zubereitung eines
Bami Goreng (kontrastierend mit der Leichtigkeit, die die Zubereitung des umwor-
benen Fertiggerichts mit sich bringe) und bei Reis-fit droht dem Kulturbanausen
(Gabeltest) ein Kampf.
 Das China-Image in der deutschsprachigen Werbung   249

Reis-fit Delikatessa Chef Menü

Bleibt der Kontext zwischen beworbenem Produkt und Attribut referenzgleich,


wie im Fall der Filmplakate, welche in der Regel mit Szenenausschnitten und
-collagen werben, entfällt die Komik und die Funktion des Attributs beschränkt
sich auf die Authentifizierung des zu erwartenden Inhalts der asiatischen Kampf-
kunst. Deren Darstellung ist mitunter auch, jedoch nicht einzig, für die Attribu-
ierung Chinas als gefährlich verantwortlich (Heiße Hölle Hongkong, Todesgrüsse
aus Shanghai usw.).

›Kommunistisch‹, ›undemokratisch‹ und ›menschenverachtend‹ (4,1 %):


Während selbst ›Kampfkunst‹ und ›Gefahr‹ nicht wirklich negative China-
Zuschreibungen realisieren, so konstituieren wenige Ausnahmen explizit pejo-
rative Attribute und präsupponieren ein China der staatlichen Willkür bzw. der
Menschenrechtsverletzungen (vgl. Werbung der IGFM). Das Attribut ›kommu-
nistisch‹ tritt verhältnismäßig selten auf und wird kontextseitig ebenso überwie-
gend7 negativ verankert. So wirbt die NZZ (1992) mit dem Slogan Werben Sie dort,
wo man eine Peking-Ente nicht für eine kommunistische Falschmeldung hält. Die
Werbung greift auf das Stereotyp der ›chinesisch-kommunistischen Propaganda‹
zurück, um sich ihr gegenüber als ›kultiviertes und seriöses Medium‹ zu situie-
ren. Ähnlich wirbt die Software-Firma „issbase“ mit Nicht jede Revolution sieht
rot, begleitet von einer Abbildung eines kommunistischen Parteibuchs (in rot).
Das mithin abstrakteste Attribut ist das  – oben bereits mehrfach angedeu-
tete – der ›Authentizität (des Fremden)‹ (55,0 %): Damit ist gemeint, dass ein
China-Image allein oder zusätzlich die Funktion hat, das umworbene Produkt im
Hinblick auf seine Eigenschaften oder Herkunft als ‚echt chinesisch‘ zu unterstrei-

7 Eine Ausnahme bildet hier etwa das eher wertneutrale Aufgreifen der ›kommunistischen Plan-
wirtschaft‹ in der Werbung für die Modefirma Jean Pascale (1999).
250   Friedemann Vogel und Maximilian Haberer

chen. Hierzu zählt etwa die Illustration eines Grüntees mit Teeplantagen-Arbei-
tern. Während damit ein ‚möglichst unvermitteltes‘ China-Bild behauptet wird,
tendiert das Attribut der ›Fremde‹ genau zum Gegenteil. Formseitige China- oder
Asienverweise haben dann lediglich die Funktion, einen Gegenstand oder Sach-
verhalt als möglichst ›exotisch‹ zur Kultur der Werbeadressaten zu inszenieren.
Die Siemens AG veröffentlichte 2001 etwa eine Werbeanzeige für ihren „Micro-
master“, in welcher sie vier Situationen abbildet, in denen eine Hand mithilfe von
Stäbchen Nahrungsmittel zu greifen versucht – offensichtlich mit großen Schwie-
rigkeiten. Der Beitext kontextualisiert: Manchmal dauert’s, bis man Dinge kann
… Bei MICROMASTER geht alles sofort. Die chinesische (Essens)Kultur spielt im
Grunde keine eigenständige Rolle. Sie ist hier nur insofern wichtig, als sie einen
kulturellen Kontrast aktiviert. In China oder Asien funktionieren Dinge ›anders,
ungewohnt, ungeübt, fremd‹; dem gegenüber gestellt wird die als ›einfach zu
beherrschende‹, als ›eigene‹ präsupponierte ‚Kultur‘ von Siemens bzw. Siemens-
Technologien.

Siemens 2001
 Das China-Image in der deutschsprachigen Werbung   251

5 Fazit
Wir fassen die Ergebnisse der vorliegenden Studie zusammen: Am Beispiel
Chinas konnten wir erstens zeigen, dass Ethnostereotype in der Werbung tenden-
ziell mit einem wiederkehrenden Set aus Formmustern geradezu ‚gebaut‘ oder
‚komponiert‘ werden. Dabei erweisen sich manche Formmuster als hochgradig
Schemata-aktivierend  – Primärzeichen wie chinesische Kalligraphie  –, andere
Formmuster  – Sekundärzeichen wie etwa die Farben Rot oder Gelb  – dienen
mehr dem orchestralen Framing eines Produktes. Dabei ist den Werbenden eher
gleichgültig, ob manche Formmuster aus wissenschaftlicher Perspektive keiner-
lei ethnographisch-kulturelle Grundlage haben. Wenn sie dem Ziel der möglichst
pauschalisierenden Schematisierung nützlich sind, werden sie auch eingesetzt.
Zweitens zeigen sich auf der Ebene der semantischen Felder ebenso wieder-
kehrende, typische Attribute, die von den Werbenden als ‚typisch chinesisch‘
oder zumindest ‚typisch asiatisch‘ präsupponiert und funktional für das Refra-
ming des beworbenen Produkts eingesetzt werden. Die Schematisierungen zielen
auf eine möglichst schnelle rezipientenseitige Verarbeitung sowie den effektiven
Aufbau von konzeptionellen Rahmen zur Einbettung des oder der Beworbenen.
Die adressierten China-Stereotype sollen Aufmerksamkeit stimulieren, auch
irritieren und vor allem positive8 China-Attribute (wie ‚Exotik‘, ‚Gesundheitsbe-
wusstsein‘, ‚Naturverbundenheit‘ usw.) auf das Produkt übertragen helfen.
Betrachten wir abschließend auf einer transtextuellen bzw. transmedialen
Ebene Korrelate aus den zuvor jeweils isoliert beschriebenen Form- und semanti-
schen Prädikationsmustern, können wir idealtypisch9 vier China-Images unter-
scheiden, die in deutschsprachiger Werbung bevorzugt inszeniert werden:
– Das ‚moderne China‘ (insg. 44,5 %) inszeniert formseitig ein Land der Met-
ropolen, der Wolkenkratzer und Skylines, des dichten Verkehrs und der Bau-
stellen, der Leuchtreklamen und des Konsums. China als ‚wirtschaftlicher
Expansions- und Investitionsmarkt‘.

8 Ausnahmen bilden etwa kontrastierende Rahmungen mit den Attributen ‚Unverständlichkeit‘


(Sprache) oder ‚menschenverachtend‘ (Hinrichtungen, mangelnde Rechtsstaatlichkeit u. ä.).
9 Tatsächlich treten in den einzelnen Belegen immer Mischtypen auf, z. B. aus ‚fremd-exoti-
schem‘ (affirmativem, c1) sowie ‚traditionellem‘ China (b).
252   Friedemann Vogel und Maximilian Haberer

DHL Frankfurter Messe

– Das ‚traditionelle China‘ (11,8 %10) ist historisch orientiert, zeigt klassische


(kaiserliche) Architekturelemente, spezifische Kleidung, Schmuckelemente
und Ornamentik. Das ‚traditionelle China‘ symbolisiert ‚Natur‘ und ‚Ruhe‘
(Innerlichkeit), Gesundheit und Spiritualität.

Emirates (Fluglinie) John Player (Zigaretten)

10 Die Diskrepanz zwischen dem Attributfeld ‚Traditionalität‘ (44,5 %) und dem Image ›Traditio-
nelles China‹ (11,8 %) ergibt sich daraus, dass für jeweils das dominant konstituierte Chinaimage
gewählt wurde. ‚Traditionalität‘ wirkte so in vielen Fällen eher als Teil der Repräsentation des
›Fremd-exotischen Chinas‹ und in weniger Fällen als Herausstellung des ›authentischen tradi-
tionellen Chinas‹.
 Das China-Image in der deutschsprachigen Werbung   253

– Das ‚fremd-exotische China‘ (76,4 %) lässt sich in ein positives sowie ein
pejoratives Image aufteilen: das positiv-bewertende, ‚fremd-exotische China‘
(c1) adressiert empathisch ‚Kulturdifferenzen‘ im weitesten Sinne: Akteure
mit asiatischen Gesichtszügen, als fremd präsupponierte Riten und Symbole,
unbekannte Sprache und Schriftzeichen, Kampfkunst.

Hamburg (Veranstaltung) Kuoni (Reisen) Siemens (Technik)

Das pejorativ-assoziierende ‚fremd-exotische China‘ (c2) verweist dagegen vor


allem auf ‚politische Differenzen‘ mit Bezug (und Einsatz typischer Symbole) auf
Kommunismus und Maoismus sowie Vorwürfen der Menschenrechtsverletzun-
gen (vgl. oben).
– Das ‚kulinarische China‘ (insg. 20,9 %) zeigt vor allem drei Seiten: (d1) affir-
mativ ‚typische chinesische Lebensmittel aus dem Gastronomiebereich‘, vor
allem gebratene Nudeln, Ente süß-sauer  / sog. „Pekingente“ und Glücks-
kekse. Die zweite Seite (d2) ist das ‚China der Teekultur‘ und der damit ver-
bundenen positiven Attribuierungen (‚wohltuend‘, ‚gesund‘, ‚traditionell‘
usw.). Tendenziell pejorativ, Produkt-kontrastiertend ist schließlich die dritte
Seite des ‚kulinarischen Chinas‘. Sie zeigt sich etwa in der feststehenden
Phrase In China essen sie X, wobei die Leerstelle mit als abzulehnend präsup-
ponierten ‚Nahrungsmitteln‘ gefüllt wird (z. B. Hunde in einem Werbespot der
bayrischen Wirtsstube „Sakrisch Guat“).

Diese China-Images verweisen auf die real-kognitiven Stereotype, die die Werbe-
strategen bei deutschsprachigen Rezipienten einerseits als bekannt vorausset-
zen, andererseits durch ihre musterhafte mediale Darbietung und Distribution
(re)produzieren. Auch wenn wir nicht in die Köpfe der Rezipienten direkt hin-
254   Friedemann Vogel und Maximilian Haberer

einsehen können, so erlauben multimodale linguistische Imageanalysen (Vogel


2010a, 2014) vor diesem Hintergrund Einblicke in die kulturellen Schematisie-
rungen und Ethnostereotypisierungen unserer Zeit. Das durch deutschsprachige
Werbung verbreitete oder vorausgesetzte China-Ethnostereotyp lässt sich wie
folgt pauschalisierend paraphrasieren:

Der typische ›Chinese‹


a) ‚ist traditionsbewusst, spirituell und weise (manchmal komisch), in sich
ruhend, gelassen und kennt die heilenden Kräfte‘;
b) ‚ist ein westlich orientierter (erfolgreicher) Geschäftsmann, technologieinter-
essiert‘;
c) ‚isst neben Reis auch seltsame Dinge und mit Stäbchen, liebt Fastfood (vor
allem McDonalds!), trinkt nur Tee‘;
d) ‚sieht wie andere Asiaten aus, lächelt immer und ist unverständlich (oder
kann kein „r“ aussprechen)‘;
e) ‚ist disziplinierter Kampfsportler‘;
f) ‚ist Kommunist und Parteikonformist oder menschenverachtend‘;
g) ‚ist in Deutschland lebend Restaurantbesitzer oder fotografierender Tourist‘.

 er typische ‚Chinese‘: liebt McDonalds und


D  er typische ‚Chinese‘: ist weise und kennt
D
mit den Stäbchen zu essen (hier: McDonalds) die heilenden Kräfte der Natur (hier: Ricola)

Als nicht unproblematisch hat sich bei unserer Studie zu Ethnostereotypen vor
allem die Korpuszusammenstellung erwiesen. Die Schwierigkeit liegt in der Suche
und Auswahl von Belegen mit Kriterien, die nicht zugleich lediglich dem eigenen
Vor-Urteil entsprechen. Wir haben dieser Gefahr mit einem weiten Werbe- und
China- bzw. Asien-Begriff zu begegnen versucht.
Für die zukünftige Forschung offen wären schließlich vergleichbare Studien
(a) zum China-Stereotyp in nicht-deutschsprachiger Werbung sowie (b) sprach-
und kulturvergleichend zu anderen Ethnostereotypen. Auf diese Weise könnte
 Das China-Image in der deutschsprachigen Werbung   255

schrittweise und empirisch ein Repertoire oder auch ‚Baukasten‘ zeitgenössi-


scher Formmuster sowie Attributfelder erhoben werden, wie er bei der Stereoty-
pisierung in Werbung und gesellschaftlicher Praxis zum Einsatz kommt.

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Monika Lehner
Graphisches Erzählen über China
Chinabilder in Comics und Graphic Novels

1 Einleitung
China-Bilder in Comics und Graphic Novels bewegen sich zwischen Skurrilität
und dokumentarischem Anspruch. Die Darstellungen greifen auf ein gut einge-
führtes Repertoire von Markern, Symbolen und Stereotypen zurück, um exotische
Alteritäten zu betonen im Spannungsfeld zwischen Faszination für das Exotische
und Angst vor einer ‚Gelben Gefahr‘, zwischen Verniedlichung und Dämonisie-
rung. Dies gilt für ‚Klassiker‘ wie Hergés Le lotus bleu (1946)/Der blaue Lotos
(Hergé 1975) ebenso wie für jüngere Arbeiten wie die Reihe La Tigresse blanche
(ab 2005)/Die weiße Tigerin (ab 2008a), für Guy Delisles Shenzhen (frz. 2000; dt.
2006) ebenso wie für Li Kunwus Les pieds bandés (2013)/Lotusfüsse (2015) und
für Die kopierte Stadt (Gnehm 2014).
Die meisten der deutschsprachigen Comics zu China-Themen sind Überset-
zungen, die mit unterschiedlich großem Abstand zum Original veröffentlicht
wurden, denn das Thema ist im französischen und frankobelgischen sowie im
anglo-amerikanischen Raum durchaus präsent. Kaum eine länger laufende
Reihe – von Asterix abgesehen – kommt ohne China-Band aus: Tim und Struppi
sind vor dem Hintergrund der Mandschureikrise im China der 1930er Jahre. Lucky
Luke sucht in einer Chinatown im ‚Wilden Westen‘ nach L’héritage de Rantan-
plan (Goscinny und Morris 1973)/Die Erbschaft von Rantanplan (Goscinny und
Morris 1988). Spirou und Fantasio sind Gefangen im Tal der Buddhas (Franquin
und Müller 1986). Michel Vaillant1 bestreitet in China Moon (frz. 2005; dt. 2008)
den Grand Prix von China und stellt eine (chinesische) Entwicklung vor, die den

1 Die Serie Michel Vaillant, die seit den 1950er Jahren läuft, schildert die Abenteuer eines fik-
tiven Rennfahrers auf und abseits der Rennpisten. Der Held, der für einen fiktiven Rennstall
startet, misst sich dabei mit real existierenden Rennfahrern. Die Comic-Reihe kann so als Doku-
mentation der Entwicklung des Motorsports gesehen werden.

Lehner, Monika, Dr., Lektorin, Institut für Geschichte, Universität Wien, Österreich

DOI 10.1515/9783110544268-013
258   Monika Lehner

Automobilmarkt revolutioniert, und Largo Winch2 nimmt es in Les Trois Yeux des
Gardiens du Tao (2007)/Hüter des Tao (2007) und La voie et la vertu (2008a)/Weg
der Tugend (2008b) mit einem alten Feind und den Triaden3 auf.
In den Arbeiten deutschsprachiger Comickünstlerinnen und Comickünst-
ler bleibt China Randthema. Das Album Mecki bei den Chinesen. Sein vierter
märchenhafter Reisebericht, aufgeschrieben von ihm selbst (Rhein und Petersen
1955) wird manchmal als erstes Beispiel genannt (Lackner 2008), ist allerdings
mehr Bilderbuch denn Comic. So sind wohl die 1991 erstmals erschienenen Aben-
teuer der Abrafaxe4, die sich primär an ein jüngeres Publikum richten, die erste
Annäherung an ein Chinathema.5 Arbeiten, die darüber hinausgehen, tauchen
erst in den letzten Jahren auf, zu nennen sind hier Die kopierte Stadt (2014)6 von
Mathias Gnehm, In China (2016)7 von Sascha Hommer und Der Hase auf dem
Rücken des Elefanten (2016)8 von Rina Jost.
Der Beitrag skizziert die Entwicklung graphischen Erzählens über China,
beschreibt die Entwicklung von Symbolen und Markierungen für China und Chi-
nesisches und die dabei abgedeckten Themen und gibt somit einen Einblick in
die Formen- und Themenvielfalt deutschsprachiger China-Comics.

2 Comics aus China


Den China-Bildern westlicher Autorinnen und Autoren gegenüber stehen Arbei-
ten chinesischer Autorinnen und Autoren. Erste Versuche in den 1990er Jahren

2 Die Figur des Largo Winch, eines Abenteurers, der vom Waisen zum Multimillionär wurde,
erschien zunächst in Kolportageromanen von Jean Van Hamme, seit 1990 in einer Comicserie
(Szenario: Van Hamme, Zeichnungen: Philippe Francq).
3 Als Triaden [sānhéhuì三合會] werden Vereinigungen im Bereich der organisierten Kriminalität
bezeichnet. Ihr Ursprung liegt in China, sie sind jedoch weltweit aktiv. Zu den Ursprüngen (Haar
1998), zur Wahrnehmung (Bolton und Hutton 2000).
4 Die Abrafaxe von Lothar Dräger und Lona Rietschel sind seit 1976 die Protagonisten der Zeit-
schrift Mosaik und gelten als längster Fortsetzungscomic der Welt im Guinness-Buch der Rekor-
de.
5 Die China-Abenteuer erschienen zuerst in den Heften 1–12/1991, sie sind gesammelt im Mosaik-
Sammelband 46: Im Reich der Mitte (Mosaik 2009).
6 In Die kopierte Stadt bildet China den Hintergrund einer konventionellen Beziehungsgeschich-
te; der Band thematisiert unter anderem den Bauboom und die damit einhergehenden Phäno-
mene Kopierwut und Gigantomanie.
7 Sascha Hommer, In China (Berlin: Reprodukt, 2016).
8 Rina Jost, Der Hase auf dem Rücken eines Elefanten (Zürich: Edition Moderne, 2016).
 Graphisches Erzählen über China   259

waren wenig erfolgreich, obwohl es Arbeiten des bekannten Comic-Künstlers Tsai


Chih Chung (i. e. Cài Zhìzhōng) 蔡志忠 (n. 1946) waren. Dabei handelte es sich
um Comic-Versionen von Werken der klassischen chinesischen Literatur und Phi-
losophie, die für eine Reihe mit dem Titel Chinesische Weisheit aus englischen
Übersetzungen ins Deutsche übertragen wurden: Tsais Auswahl aus dem Lièzĭ列
子erschien unter dem Titel Ein Daoist reitet den Wind (Cai 1994a). Der Band Die
Freiheit des Geistes (Cai 1994b) enthält Texte des Zen-Buddhismus. Die Auswahl
aus dem Zhuāngzǐ莊子erschien unter dem Titel Die Musik der Natur (Cai 1994c).
Hinter Das Schweigen des Weisen (Cai 1994d) verbirgt sich das traditionell dem
Lǎozǐ 老子 zugeschriebene Dàodéjīng道德經, für das inzwischen eine Überset-
zung aus dem chinesischen Original vorliegt (Cai und Laozi 2008). Die spezielle
Bildsprache, die doch sehr fremden Themen und die leicht esoterisch angehauch-
ten Titel dürften dem Publikum den Zugang zu diesen chinesischen Comics nicht
unbedingt erleichtert haben.
Die chinesischen Formate, die in den letzten Jahren vermehrt auf dem euro-
päischen Markt auftauchen, sind zum einen kürzere manhua 漫画 (häufig in Sam-
melbänden zusammengefasst), zum anderen umfangreichere Graphic Novels.
Graphic Novels widmen sich vermehrt Themen der Geschichte Chinas. Aktu-
elle Beispiele sind die Arbeiten von Lǐ Kūnwǔ李昆武, der im deutschen Sprach-
raum eben erst entdeckt wird, wenngleich über den Umweg einer französischen
Fassung oder Übersetzung. In einigen Fällen liegt die französische Fassung zuerst
vor, danach kommen Übersetzungen in andere westliche Sprachen und ins Chi-
nesische. So erschien die dreiteilige autobiographische Erzählung von Lǐ Kūnwǔ,
deren Szenario zusammen mit P. Ôtié (i. e. Philippe Autier) entstand, zunächst
unter dem Titel Une vie chinoise (2009a (Bd. 1); 2009b (Bd. 2); 2010 (Bd. 3)) in
französischer Sprache. Dann folgten die englische Übersetzung A Chinese Life
(Li und Philippe Ôtié 2012) und die deutsche Fassung Ein Leben in China (2012
(Bd. 1); 2013a (Bd. 2); 2013b (Bd. 3)). Eine chinesische Fassung unter dem Titel
Cóng Xiǎo Lǐ dào Lǎo Lǐ 从小李到老李erschien 2013 (2013a (Bd. 1); 2013b (Bd. 2);
2013c (Bd. 3)). Lǐ Kūnwǔ legt mit Ein Leben in China ein Großwerk vor, das die
Geschichte Chinas seit den frühen 1950er Jahren nachzeichnet. Dabei wird
immer wieder deutlich, dass Lǐ zuvor lange Zeit vor allem Propaganda-Comics
(chin. Liánhuánhuà 連環畫)9 gezeichnet hatte, denn er bleibt stilistisch am Holz-
schnittartigen der Propagandacomics. Autobiographische Erzählungen in Comic-
Form erleben seit Persepolis (2000–2003) von Marjane Satrapi einen Boom, der

9 Zur Geschichte der (Propaganda-)Comics vgl. (Farquhar 1981; Farquhar 1999; Ā 1957).
260   Monika Lehner

noch anhält.10 Zumeist behandeln diese Autobiographien Coming-of-Age-Erfah-


rungen11 oder mehr oder weniger kurze Lebensabschnitte, die in einen größeren
Kontext eingeordnet werden.12 Die biographische Erzählung Ein Leben in China
reiht sich in dieses Schema ein, knüpft zugleich aber nahtlos an die seit den
1990ern im Westen erscheinenden Autobiographien und autobiographischen
Romane an, die Lebensgeschichten von Chinesinnen und Chinesen schildern.13
Die Erzählstruktur, die sich am etablierten Format chinesische (Modell-)Biogra-
phien (vgl. Wagner 2003) orientiert, wirkt für das westliche Publikum ungewöhn-
lich. Zum historischen Kontext gibt es nur rudimentäre Hinweise, die volle Dra-
matik der Episoden teilt sich dem mit der jüngeren Geschichte Chinas nicht sehr
vertrauten Leser nur in Ansätzen mit. Ganz ähnlich arbeitet Lǐ Kūnwǔ in Les pieds
bandés (2013)/Lotusfüsse (2015). In dem Band werden Episoden aus dem Leben
von Lǐs Kinderfrau erzählt, von ihrer Kindheit im China der späten Qīng-Zeit bis
zu den Veränderungen auf dem Land lange nach dem Tod der Kinderfrau. Hier
bleiben die Episoden unverbunden, der historische Kontext wird nur in Ansätzen
skizziert (M. Lehner 2015b).
Neben Graphic Novels, die sich mit Themen der Geschichte Chinas beschäfti-
gen, stehen one-shots wie Reload14 (frz. 2008; dt. 2009) von Sòng Yáng宋羊 oder
Sammlungen wie Chroniques de Pékin (2008)/Peking. Zehn Gesichter einer Stadt
(2009) und China Girls (frz. 2010a; dt. 2010b). Diese stellen ein China vor, das
mit konventionellen westlichen Vorstellungen wenig gemein hat – in einer eigen-
ständigen Bildsprache, die Collagen, Airbrush, Computergraphik und Mangaele-
mente zu einer speziellen Ausdrucksform verbindet.
Angelehnt an diesen Stil ist der Dreiteiler Shanghaï (2010 (Bd. 1); 2011a
(Bd. 2); 2013a (Bd. 3))/dt. (2011b (Bd. 1); 2013b; 2015) von Mathieu Mariolle und
Yann Tisseron. Diese Abenteuergeschichte um zwei Frauen spielt vor dem Hin-
tergrund des zusammenbrechenden Qīng-Reichs und verarbeitet dabei Opium-

10 Beispiele sind neben (Satrapi 2000; Satrapi 2001; Satrapi 2002; Satrapi 2003), deutsche Aus-
gabe in 2 Bänden 2004, unter anderem: (Bashi 2006), (Yang und Pien 2006) und (Tatsumi 2012).
11 Beispiele (u. a.): (Thompson 2003), deutsche Ausgabe: (Thompson und Wieland 2009), (Lust
2009); (Bechdel 2006), dt. Ausgabe: (Bechdel 2008).
12 Bei Tatsumi Yoshiro辰巳ヨシヒロ (1935–2015) ist es eine entscheidende Phase der Manga-
Geschichte, die er in Gekiga hyōryū劇画漂流behandelt: die Zeit, in der er und seine Mitstreiter
die gekiga劇画-Bewegung initiierten. S. (Tatsumi 2008); dt. Ausgabe: (Tatsumi 2012).
13 Das wohl bekannteste Beispiel dürfte Wilde Schwäne sein (Chang 1991); dt. (Chang 1993),
ähnlich sind (Ye 1998); (Min 1994); (Chen 2003).
14 Reload beschreibt die Geschichte einer Band von ihren ersten Auftritten bis zum großen
Durchbruch. Sòng verbindet in seinen Bildern Computergraphik, Fotos, Öl und Collage zu einer
ganz besonderen Bildsprache (vgl. dazu auch den Klappentext des Bandes).
 Graphisches Erzählen über China   261

handel, Triaden und die Aktivitäten der revolutionären Gruppen um Sun Yat-sen
孫逸仙. Die stimmungsvollen, oft auch düsteren Bilder von Yann Tisseron erin-
nern vor allem bei den zahlreichen Kampfszenen an Filmsequenzen aus Tiger
and Dragon (2000) von Ang Lee [Lǐ Ān 李安] oder Hero von Zhāng Yìmóu 張藝謀
mit Kämpfen im Schnee, auf den Dächern oder über den Dächern und der Zuord-
nung von bestimmten Farben zu bestimmten Charakteren. Viel Aufmerksamkeit
wird dabei auf ‚echt‘ und ‚typisch‘ Chinesisches gelegt wie Architekturelemente
und gepinselte Schriftzeichen. Dabei bleiben Skurrilitäten nicht aus, so unter
anderem Kurzzeichen auf Geschäftsschildern (Mariolle und Tisseron 2011a, 14)
und Mondtore im Inneren von Häusern, wo rote Teppiche von einem Zimmer
ins nächste führen (u. a. Mariolle und Tisseron 2011a, 23 f.). Die Handlung spielt
1908, Kurzzeichen [jiǎntǐzì 簡體字] wurden in der Volksrepublik China ab 1956
eingeführt, es wäre also shūdiàn書店zu erwarten, nicht 书店. Mondtore [yuèmén
月門] sind traditionelle Elemente in den Gärten der Oberschicht, die in Innenräu-
men nicht verwendet wurden.15

3 Kulisse China
Die Verwendung von (vermeintlich) typisch chinesischen Kulissen zieht sich wie
ein roter Faden durch China-Comics und Graphic Novels: Landschaft, Architek-
tur, Interieurs, Gegenstände, Symbole wie die Yinyang-Scheibe und chinesische
Schriftzeichen.
Die ‚typischen‘ Landschaften sind weitläufige Ebenen, bizarre Felsenland-
schaften (die an die Granitfelsen im Huángshān 黄山 in der Provinz Ānhuī安徽
erinnern) und manchmal das Hochland von Tibet (z. B. bei Largo Winch). Hong
Kong [Xiānggǎng 香港] und Shànghǎi 上海sind häufig Kulisse. Die Largo Winch-
Bände Hüter des Tao und Weg der Tugend zeichnet Philippe Francq in dem für
ihn typischen detailverliebten und sehr realistischen Zeichenstil Landschaften
und Stadtansichten, vom Hafenpanorama über Hochhausschluchten zu den
tropischen Gärten auf den vorgelagerten Inseln mit Hofhäusern, Tempeln und
Pagoden, aber auch Felsenverliese – die sich allerdings als Nachbauten heraus-
stellen. Im Geheimdienst des Großen Steuermanns, der erste Band der Reihe Die
weiße Tigerin hat die Hafenansicht mit Dschunke auf dem Cover – und zeigt in
einem späteren Band (Yann/Conrad 2009a, 18) eine der bekanntesten Ansichten
von Shànghǎi, den Bund [chin. Wàitān外灘] mit dem Customs House (und dem

15 Zu Mondtoren s. Keswick, Hardie und Jencks 2003, 148 f.


262   Monika Lehner

charakteristischen Uhrturm) und dem Sassoon House, das ehemals das Hotel
Cathay beherbergte.
Die Straßenzüge in chinesischen Städten zeigen in der Regel shíkùmén 石
庫門 [wörtl. „steinernes Lagerhaustor“]16 und sìhéyuàn四合院 [wörtl. „auf vier
Seiten von Gebäuden umschlossener Hof“. Gebäude vom Typ shíkùmén, zweige-
schossige Bauten mit Ladenlokalen im Erdgeschoss. Diese Gebäude waren für für
Shànghǎi und andere Vertragshäfen seit den 1860ern typisch. Über den Eingän-
gen der Läden fanden sich Fahnen mit Werbeaufschriften, die Kunden anziehen
sollten. Sìhéyuàn (die eher für Běijīng, 北京typisch waren), sind nach außen durch
Mauern abgeschlossen, der Zugang über eine hohe Schwelle soll unerwünschten
Besuchern den Zugang erschweren. Mit dem Lokaltypischen wird es in Comics
nicht so genau genommen, so läuft Tim in Shànghǎi durch endlos scheinende
schmale Gässchen [hútòng衚衕], wie sie für síhéyuàn-Viertel in Běijīng typisch
waren (und heute nur mehr in Resten, die der mit dem Bauboom einhergehenden
der Zerstörung entgingen, zu sehen sind).17
Nicht immer wird zwischen China und Japan strikt getrennt, wenn chinesi-
sche Tempel mehr Ähnlichkeit mit japanischen Schlössern aufweisen. Ein Bei-
spiel ist der Tempel, in dem die Weiße Tigerin Alix Yin Fu ausgebildet wird – und
der zu allem Überfluss durch zwei Mondtore betreten wird, zunächst durch eine
Öffnung in der Umfassungsmauer und dann durch eine ‚typisch‘ chinesische
rote Tür mit Gitterwerk, die in die Öffnung eines Mondtores eingefügt ist. (Yann/
Conrad 2009a, 19)
Die Dächer sind mit ‚typischen‘ Dachdekorationen [yánshòu 檐獸] versehen,
die im kaiserzeitlichen China nur auf offiziellen Gebäuden zu finden waren, nach
dem Sturz der Qīng-Dynastie aber an allen möglichen Dächern angebracht sind,
vor allem auf Geschäftsgebäuden und auf Ausflugsbooten. Dabei vermischen
sich Zitate tatsächlich existierender yánshòu mit purer Phantasie, wenn auf
dem Umschlag von Raubkatze auf dem Dach (2009a) neben der mythologischen
Gestalt auf dem Dachreiter ein Fischer und ein springender Karpfen auf das Dach
gesetzt sind.
Die Innenräume chinesischer Häuser sind mit niedrigen Sitzmöbeln, kleinen
Tischchen und Kästen und Vasen in allen Größen ausgestattet, zum Teil ähneln
sie Museen, wo sich Kunstschätze aus dem Dian-Reich [Diān guó 滇國] wie in Die
kopierte Stadt von Matthias Gnehm (2014, 23; s. dazu M. Lehner 2015a) finden

16 Die seit den 1860er Jahren vor allem in Shànghǎi verbreiteten shíkùmén石庫門 verbinden
chinesische und westliche Elemente, charakteristisch ist der kleine Innenhof, der von hohen
Mauern umschlossen ist.
17 Siehe Hergé (1975, passim).
 Graphisches Erzählen über China   263

oder Kostbarkeiten quer durch alle Epochen der chinesischen Kunstgeschichte


wie in Hüter des Tao (2007, 34–36). Hier findet sich der Protagonist Largo Winch
in der Residenz eines reichen Chinesen auf einer kleinen Insel vor Hong Kong,
und sieht auf einem Platz versammelt Kostbarkeiten wie Terrakotta-Krieger und
deren Pferde aus dem Mausoleum des Qín Shǐhuángdì秦始皇帝, kostbare Por-
zellanvasen, Gemälde im Stil kaiserlicher Ahnenporträts und Kalligraphien. Von
diesen außergewöhnlichen Szenen abgesehen, werden die Inneneinrichtungen
meist generisch mit niedrigen Möbeln, Papierlaternen, Kastenbetten, Papier-
wandschirmen und Vasen in allen Größen gestaltet. Kalligraphien und Bildrollen
schmücken die Wände.
Bei der Markierung der Bewohnerinnen und Bewohner des Landes wird  –
von einer Ausnahme abgesehen, den Abrafaxen, die Im Reich der Mitte (Mosaik
2009) auf Mongolen treffen – im Allgemeinen auf die ethnische Vielfalt nicht ein-
gegangen, es sind schlicht Chinesinnen und Chinesen.
Zum Repertoire physiognomischer Charakteristika gehören die Augenform,
der Chinesenzopf, dünne Bärte und lange Fingernägel, bei Frauen langes Haar
oder hochaufgetürmte Aufsteckfrisuren. Zum Körperstereotyp gehört, dass Chi-
nesinnen und Chinesen von schlankem Körperbau und eher geringer Körper-
größe sind, Abweichungen von dieser Darstellung charakterisieren im Wortsinn
herausragende Figuren, die sowohl positiv als auch negativ besetzt sein können.
So ist in den Weiße Tigerin-Alben Zizhu, die eine Gruppe der Weißen Tigerinnen
anführt, groß und adipös. Sie bildet so einen deutlichen Kontrapunkt zu den
zartgliedrigen Kämpferinnen – und entpuppt sich am Ende als böse Verräterin.
Umgekehrt wird Alix Yin Fu, die Heldin der sieben Bände, stark sexualisiert mit
vollen Lippen, schmalen Hüften und enormer Oberweite dargestellt.
Unterstrichen wird der exotische Charakter von Chinesinnen und Chinesen
durch ‚typische‘ Kleidung und ‚typisches‘ Schuhwerk. Zur ‚typischen‘ Kleidung
gehören neben dem Langkleid [chángshān長衫)18 für männliche Figuren und
dem qípáo旗袍 (auch Cheongsam genannt) für Frauen vor allem die Uniformen
der Volksbefreiungsarmee [Zhōngguó rénmín jiěfàngjūn中國人民解放軍] und der
sogenannte Mao-Anzug.
Langkleid und qípáo wurde ursprünglich von den Mandschu für die Hàn-
Chinesen eingeführt. Speziell Beamte und Angehörige des Kaiserhofs trugen
diese Kleidung. Im Lauf der Zeit übernahmen mehr und mehr Hàn-Chinesen, die
nicht körperlich arbeiten mussten, diesen eigentlich mandschurischen Kleidung-
stil. Das Langkleid wurde als formelle Kleidung getragen, bis im 20. Jahrhundert
Anzüge im westlichen Stil populär wurden. Nach der Gründung der Volksrepub-

18 Andere Bezeichnungen sind changpao长袍 und dagua 大褂.


264   Monika Lehner

lik China wurden Langkleid und Cheongsam mehr und mehr zurückgedrängt –
weshalb es besonders merkwürdig anmutet, dass in der Reihe Die weiße Tigerin
die Führungsoffiziere der Agentinnen im Langkleid auftreten, das mit ärmellosen
kurzen Westen [mǎjiǎ馬甲] kombiniert wird.19
Die heute vertraute Form des qípáo – schmal geschnitten, hochgeschlossen,
ärmellos  – stammt aus den 1920er Jahren, die Mode entwickelte sich rasant.20
Die extrem aufreizenden Varianten mit Cut-outs, schulter- und rückenfrei, hoch
geschlitzt, die Alix Yin Fu und die anderen weißen Tigerinnen tragen, machen
die Figuren zu einer Karikatur. Der in der Zeit, in der die Handlung spielt – in den
Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkrieg –, einsetzende Umbruch, der Klei-
dung hochpolitisch werden ließ, wird so ins Absurde gezogen.
Weitere ‚typische‘ Kleidungsstücke sind die Uniform der Volksbefreiungsar-
mee (in der Regel die olivgrünen Uniformen der Armee, seltener die von Luftwaffe
und Marine) und der so genannte ‚Mao-Anzug‘, der eigentlich Sun-Yatsen-Anzug
[Zhōngshān zhuāng中山裝] heißt.21 Das weibliche Pendant zum Mao-Anzug ist
der sogenannten Lenin-Anzug, der aus einer zweireihigen grauen Jacke mit hals-
nahem Umlegkragen und einer Hose mit geradem Bein bestand (Finnane 2008,
204 f.).
In Comics und Graphic Novels tragen moderne Chinesen oft den tángzhuāng
唐裝 [„Chinesischer Anzug“], für den eine gerade geschnittene Jacke mit Steh-
kragen typisch ist. Die Hose zum Anzug ist in der Regel schwarz, die Jacke kann
verschiedene Farben haben, der Stoff ist häufig in sich gemustert oder bestickt,
auch mit glückverheißenden Schriftzeichen wie fú福 „Glück“ oder shòu壽 „langes
Leben“.
In Comics und Graphic Novels werden die ‚typisch chinesischen‘ Kleidungs-
stücke sehr unterschiedlich eingesetzt. Bei Hergé tragen chinesische Männer
Langkleid und Weste und unterscheiden sich so deutlich von den Japanern, die
entweder in modernen Uniformen oder in westlichen Anzügen komplett mit
Vatermörder-Kragen und Krawatte erscheinen. Die Polizisten/Agenten, die Tim
festsetzen wollen, verkleiden sich, um sich möglichst unauffällig unters Volk zu
mischen. Ihre Verkleidung besteht aus gelben Mänteln mit Mandarinquadrat22,

19 Zahlreiche Abbildungen finden sich bei Finnane (2008).


20 Zur Entwicklung des qípáo und zur politischen Bedeutung von sich verändernden Schnittde-
tails s. das Kapitel „Qipao China“ bei Finnane 2008, 139–175.
21 In der Volksrepublik China wird Sun Yatsen [Sūn Yìxiān 孫逸仙] in der Regel Sūn Zhōngshān
孫中山genannt.
22 Das Mandarin-Quadrat [bŭzi 補子] ist ein besticktes Tuch, das während der Míng明-Dynastie
(1368–1644) und der Qīng-Dynastie (1644–1911) als Rangabzeichen auf dem Gewand chinesi-
scher Beamter aufgenäht war. S. Cammann (1944).
 Graphisches Erzählen über China   265

dazu ein steifer Hut mit Pfauenfeder und ein langer Zopf (Hergé 1975, 47–50).
Sie erinnert an mandschurische Soldaten – im Shànghǎi der 1930er Jahre alles
andere als unauffällig – und werden schnell von einer johlenden Menge verfolgt.
Im Dreiteiler Shanghai bleibt die Kleidung wenig definiert, es sind im weites-
ten Sinne asiatische, jedenfalls sehr phantasievolle Mäntel und Jacken, die mit
weiten Hosen kombiniert werden. Die Kleidung nimmt Anleihen bei den stili-
sierten Kaiserporträts der legendären ersten Kaiser, die weiten Capes und langen
Ärmel unterstreichen die Dynamik der Kampfszenen.
Philippe Francq hingegen spielt in den Largo Winch-Bänden Hüter des Tao
und Weg der Tugend, geschickt mit tángzhuāng, Mönchsroben [jiāshā; 袈裟],
qípáo, Uniformen und westlicher Kleidung, um unterschiedliche Handlungs-
räume zu definieren (van Hamme und Francq 2007; Francq und van Hamme
2008b).

4 Symbole und Marker des Chinesischen


Zur Markierung von China und Chinesisch-Sein werden in Comics und Graphic
Novels Symbole herangezogen, die allgemein ‚chinesisch‘ konnotiert sind. Dazu
gehören die Acht Trigramme und das Yin-Yang-Symbol ebenso wie das Wappen
oder die Flagge der Volksrepublik China.
Die Acht Trigramme [bā guà八卦, wörtlich „acht Orakelzeichen“] sind
Symbole, die zur Weissagung dienen. Sie bilden die Grundlage des Yìjīng易經,
des „Buchs der Wandlungen“, des ältesten der Fünf Klassiker [wǔ jīng五經]. Kom-
biniert werden die Trigramme häufig mit dem daoistischen Yin-Yang-Symbol [tàijí
tú太極圖, wörtl. „Symbol des sehr großen Äußersten“], einem Symbol für das tàijí
太極, das als Ursprung der Welt aufgefasst wird. Es ist in China erst im 11. Jahr-
hundert belegt und stammt in der heute gebräuchlichen Form ☯ aus der Míng-
Zeit (Robinet 2008). In Comics und Graphic Novels sind tàijí tú und Trigramme
nicht daoistisch konnotiert, sondern fungieren als Symbol für fernöstliche Philo-
sophien oder als Marker für Ostasiatisches, speziell Chinesisches.
Zu den Markern und Markierungen kommen chinesische Schriftzeichen in
unterschiedlichen Formen und gepinselte Schriftzüge, die auf den charakteris-
tischen Strich der chinesischen Kalligraphie verweisen sollen. Bei den Schrift-
zeichen finden sich alle Spielarten im Spektrum zwischen sinnvollen Texten in
ansprechender Kalligraphie (so in den Arbeiten von Lǐ Kūnwǔ, aber auch bei
Largo Winch und in Guy Delisles Shenzhen (2006)), sinnvollen Texten in einfa-
chem, oft unbeholfen wirkendem Duktus (z. B. bei Tim und Struppi im Blauen
Lotus), korrekten Schriftzeichen, die ornamental zusammengestellt sind und
266   Monika Lehner

keinen Sinn ergeben (z. B. bei Spirou und Fantasio, teilweise auch bei Tim und
Struppi im Blauen Lotus) und reinen Phantasieprodukten (wie bei Lucky Luke).
Verweise auf die chinesische Sprache manifestieren sich in zwei Varianten:
in mehr oder weniger witzigen Ausgestaltungen des l/r-Problems und in blumi-
gen Formulierungen und Bezeichnungen – mitunter auch kombiniert. Der Tausch
von /l/ und /r/ beziehungsweise der Ersatz von /r/ durch /l/ verweist darauf, dass
Ostasiaten bei Umgang mit westlichen Sprachen die nahe beieinander liegen-
den Phoneme /l/ und /r/ verwechseln. In den Sprachen ist jeweils nur ein Laut
aus dem Phonemraum realisiert und es bedarf intensiver Übung, die Laute beim
Hören auseinanderzuhalten und korrekt zu reproduzieren. Beispiele finden sich
in eher plumpen Comics wie Lucky Luke, z. B. „Flemdel mit del plächtigen Nase!
…“ (Goscinny und Morris 1988, 19), aber auch als besonderes Stilmittel in Arbei-
ten von Asian Americans wie z. B. bei Gene Yuen Lam in American Born Chinese
(von dem noch keine deutsche Übersetzung vorliegt), wo eine Figur konsequent
jedes /l/ durch /r/ und jedes /r/ durch /l/ ersetzt (Yang und Pien 2006).
Zum ‚typisch‘ Chinesischen gehören blumige Bezeichnungen für Zeit- und
Ortsangaben. So finden sich Zeitangaben wie „Jahr des Schweins süß-sauer,
Stunde des Hahns“ (Yann/Conrad 2008a, 11), „[…] Stunde des Wildschweins“
(Yann/Conrad 2008b, 3) oder „[…] Stunde des nassen Hundes“ (Yann/Conrad
2009a, 43), aber auch „Stunde des Hundes“ (Yann/Conrad 2009a, 30) und
„Stunde der Schlange“ (Yann/Conrad 2009b, 3). Tatsächlich existieren in tra-
ditionellen Zeitangaben die Stunde des Hundes (19:00–21:00 Uhr), die Stunde
der Schlange (9:00–11:00) und die Stunde des Hahns/Huhns (17:00–19:00 Uhr),23
„Wildschwein“ und „nasser Hund“ sind reine Phantasie. Ähnliches gilt für das
„Jahr des Schweins“, das Schwein (zhū 豬) ist eines der Tierkreiszeichen, die im
chinesischen Kalender jeweils bestimmten Jahren zugeordnet werden (Wilkinson
2013, 518). Schwein süß-sauer ist wohl eines der bekanntesten Gerichte der chine-
sischen Küche, aber als Bezeichnung für ein Datum eher dazu angetan, die tradi-
tionellen Zeitangaben ins Lächerliche zu ziehen. Ähnliches gilt für Ortsangaben
wie „Tempel des nachhaltigen Friedens und der heiteren Gelassenheit“ (Yann/
Conrad 2008a, 3), wo der Agentennachwuchs in den Kampfkünsten unterwiesen
wird, oder „Kowloon, Ummauerte Stadt“ (Yann/Conrad 2009b, 20). Ersteres spielt
mit den typischen Namen für Tempel und Paläste, wie „Halle der Höchsten Har-
monie“ [Tàihédiàn 太和殿], „Tempel der Azurblauen Wolken“ [Bìyún Sì 碧云寺]
oder „Tor des Himmlischen Friedens“ [Tiān’ānmén天安門], ohne auf reale Vor-
bilder zu rekurrieren. Anders verhält es sich bei „Kowloon, Ummauerte Stadt“:
Die Kowloon Walled City [Jiǔlóng Chéngzhài 九龍城寨] war ein Gebäudekomplex

23 Zum System der 12 Doppelstunden s. Wilkinson 2013, 537–539.


 Graphisches Erzählen über China   267

auf der Halbinsel Kowloon [Jiǔlóng 九龍], der lange Zeit als Hort des organisier-
ten Verbrechens und Treffpunkt für Geheimbünde aller Art galt. Ursprünglich
befand sich an der Stelle ein chinesischer Militärposten, der nach der Abtretung
Hong Kongs an Großbritannien zum befestigten Lager ausgebaut worden war
und bei der Verpachtung der New Territories ausgenommen blieb. Die Exklave
wurde von China nicht genutzt und von Großbritannien weitgehend ignoriert.
Erst in den späten 1940er Jahren erklärte China, das Gebiet weiter beanspruchen
zu wollen. Die Nichteinmischung der Briten hatte dazu geführt, dass das Gebiet
unter Kontrolle der Triaden stand, die de facto Steuerfreiheit ließ die Zahl der
Bewohner rasch steigen. Der sehr begrenzte verfügbare Raum wurde durch eine
immer dichtere und immer höhere Bebauung erweitert. Der Komplex, der auch
‚Hak Nam‘ [Hēi‚àn黑暗], „[Stadt der] Dunkelheit“ genannt wurde, bildete eine
Art Parallelgesellschaft und wurde mehr und mehr als Schandfleck gesehen. In
den späten 1980er Jahren begann die Räumung, der Komplex wurde Anfang der
1990er demoliert und an der Stelle ein Park angelegt.24 Offen bleibt, ob Leserin-
nen und Leser ohne Chinawissen das subtile Spiel mit Fiktion und Fakten rezi-
pieren können.

5 Typ und Stereotyp


Attribute, Marker und Markierungen werden verwendet, um wohlbekannte
und vertraute Typen zu kreieren. Verbrecher orientieren sind an Fu Manchu,
dem legendären Bösewicht aus den Romanen von Sax Rohmer.25 In Die Liga der
außergewöhnlichen Gentlemen (Moore, O’Neill und Dimagmaliw 2008) taucht Fu
Manchu explizit auf, in anderen Comics bildet er eine Vorlage. Die Kämpfer und
Kämpferinnen, die im ewigen Wechselspiel Gut gegen Böse miteinander ringen,
scheinen direkt aus den Martial-Arts-Filmen entnommen; es sind Figuren, bei
denen man nicht annehmen würde, dass sie Kampfkünste beherrschen. Die
Typen sind selten den klassischen Martial Arts-Filmen [wǔdǎpiàn武打片] der
1920er Jahre oder den aufwändigen Inszenierungen wie Tiger and Dragon [Wòhǔ
Cánglóng臥虎藏龍] (2000) oder Hero [Yīngxióng 英雄] (2002), sondern den
Eastern aus der Massenproduktion der Post-Bruce-Lee-Ära nachempfunden.

24 Zur Walled City s. Girard/Lambot 1993 und Girard u. a. 2014. Einen Eindruck von den Lebens-
umständen gibt Pullinger/Quicke 1980.
25 Zum Zusammenhang zwischen der Entwicklung der Figur Fu Manchu und des Schlagworts
von der Gelben Gefahr s. (Mayer 2014).
268   Monika Lehner

Neben Verbrechern und Martial-Arts-Spezialisten sind da Parteikader, Tage-


löhner/Kulis, Diener und buddhistische Mönche. Weibliche Typen sind – neben
Kämpferinnen  – vorwiegend Sexarbeiterinnen, die im Habitus der Suzie Wong
aus dem Roman von Richard Mason (1957) entsprechen, Hausangestellte und Die-
nerinnen in allen Altersstufen.

6 Geschichte in Graphic Novels


Alle Formen graphischen Erzählens rekurrieren implizit auf tatsächliche Ereig-
nisse oder aktuelle Themen  – vielfach werden diese auch explizit angespro-
chen: Der blaue Lotos (Hergé 1975) behandelt die Anfang der 1930er aktuelle
Mandschureikrise,26 die dem Publikum von Le Petit Vingtième 1934/1935 aus den
Tageszeitungen vertraut war. Corto Maltese (Pratt 1983; Pratt 1985; Pratt 1988)
spielt vor dem Hintergrund des Russisch-Japanischen Krieges 1904/05 in der
Mandschurei. Die Weiße Tigerin kämpft sich durch die Jahre zwischen 1945 und
1947/48. Ein Leben in China und Lotusfüsse thematisieren das China des zwan-
zigsten Jahrhunderts. Matthias Gnehm verweist in Die kopierte Stadt (2014) auf
aktuelle Themen wie Bauboom und Gigantomanie, aber auch (vermeintliche)
Kopierwut.27 Allen China-Comics gemeinsam ist eine stark ideologisch geprägte
Perspektive, die aus dem Spannungsfeld zwischen hegemonialem Diskurs und
Erwartungen des intendierten Publikums entsteht.

Comics etablieren im 20.  Jahrhundert eine parodistische Ästhetik, die die rassistischen,
sexistischen und klassenbedingten Stereotypien reproduziert und zugleich aufgrund ihrer
immanent erkenntniskritischen Anlage reflektiert – durch den operationalisierten Modus
der Wiederholung in der Konstellation von Bild und Schrift einerseits, die Serialisierungen
von Bildern, Figuren und Geschichten andererseits. Ist diese Parodie für manche, insbe-
sondere populäre Comics wie Popeye, Asterix oder jene Robert Crumbs so offensichtlich,
dass sie kaum für erwähnenswert gehalten wird, gilt es, die strukturelle Erkenntniskritik
der Comics mit ihren Mitteln genauer zu bestimmen. (Frahm 2010, 11 f.)

26 „Le Lotus bleu“ erschien zuerst zwischen dem 9.8.1934 und dem 17.10.1935 in Schwarz-Weiß
als Serie in Le Petit Vingtième, 1946 erschien das kolorierte Album. Frz. Ausgabe: Hergé 1946; dt.
Ausgabe: Hergé 1975.
27 Die Stadt, die bei Gnehm kopiert werden soll, ist Zürich. Der (fiktive) Plan übertrifft bei wei-
tem den tatsächlich realisierten Nachbau der Altstadt von Hallstatt, der 2011/2012 in der Provinz
Guǎngdōng廣東省entstand.
 Graphisches Erzählen über China   269

Folgt man dieser Argumentation Ole Frahms, so ist jeder Comic Parodie oder kann
als Parodie gelesen werden  – wobei Parodie genauer definiert werden müsste,
denn als literarische Gattung ist sie eine verzerrende, übertreibende, biswei-
len verspottende, aber immer komische Nachahmung eines bekannten Werkes,
dessen Bekanntheit wiederum als gegeben vorausgesetzt wird.
Damit aber wird ein circulus vitiosus in Gang gehalten, der etablierte Zuschrei-
bungen und stereotype Repräsentationsmodi kontinuierlich wiederholt, ohne
diese zu hinterfragen. Der ‚typische‘ Chinese bleibt das personifizierte Fremde
schlechthin, wahlweise Opium rauchendes Opfer des Imperialismus, brutaler
Triaden-Kämpfer, „Drachenlady“, die mit List (und wǔshù武術) jeden Gegner
besiegt, oder heimtückischer Politiker und Geschäftemacher, der zur Durchset-
zung seiner Ziele vor nichts zurückschreckt. Damit werden Bilder perpetuiert,
die schon in China-Beschreibungen des siebzehnten,28 achtzehnten und neun-
zehnten Jahrhunderts29 auftauchen und von der ‚Verschlagenheit‘ der Chine-
sen berichten.30 Auch Comics beschwören immer wieder das Bild einer diffusen
‚Gelben Gefahr‘ – sei es konkret für die Wende vom neunzehnten zum zwanzigs-
ten Jahrhundert wie in Boxers and Saints (Yang/Pien 2013) und Corto Maltese
(Pratt 1988), sei es eher unterschwellig wie bei Largo Winch oder in China Moon
(Graton/Graton 2008).
Immer wieder treten in Comics und Graphic Novels reale Personen in
Erscheinung, unter anderem Máo Zédōng毛澤東 (1893–1976)31, Sun Yat-sen
(1866–1925)32, Dài Lì戴笠 (1897–1946)33, T.V. Soong (Sòng Zǐwén 宋子文, 1891–

28 Zum Einfluss der China-Bilder in Johan Nieuhofs Beschreibung Chinas (Nieuhof 1665) s. Ul-
richs 2003.
29 Für die Darstellung der Bevölkerung Chinas in Enzyklopädien des achtzehnten und frühen
neunzehnten Jahrhunderts s. Lehner 2011, 165–193, für das 19. Jahrhundert und frühe 20. Jahr-
hundert G. Lehner 2015.
30 Eine detaillierte Untersuchung europäischer Chinabilder vor 1750, die Generierung und Dis-
semination von Wissen über China in europäischen Texten analysiert, ist in Vorbereitung. Bei-
spiele für einzelne Bilder (im Wortsinn) finden sich im Blog mind the gap(s) (http://mindthegaps.
hypotheses.org/)
31 Máo Zédōng war 1943–1946 Vorsitzender der Kommunistischen Partei Chinas, 1949–1954 Vor-
sitzender der Zentralen Volksregierung und 1954–1959 Staatspräsident der Volksrepublik China.
32 Sun Yat-sen gilt als Gründer des modernen China, er war 1912 der erste (provisorische) Präsi-
dent der Republik China. Zur Biographie: Bergère 1998.
33 Dài Lì hatte an der Whampoa-Militärakademie studiert und sich bald Chiang Kai-shek [Jiǎng
Jièshí蔣介石] (1887–1975) und der Kuomintang [Guómíndǎng 國民黨] angeschlossen, deren mi-
litärischen Geheimdienst er von 1927 bis zu seinem Tod leitete. Zur Biographie: Wakeman 2003.
270   Monika Lehner

1971)34 und Kāng Shēng 康生 (1898?-1975)35. Máo erscheint unter anderem in Ein
Leben in China und Lotusfüsse von Lǐ Kūnwǔ auf Postern und in Slogans. Bei Im
Geheimdienst des Großen Steuermanns (Yann/Conrad 2008a) ist Máo im Titel, was
anachronistisch erscheint, denn das Epithet ‚Großer Steuermann‘ taucht erst in
den Slogans der ersten Phase der Kulturrevolution auf. Máo und Sūn, die wohl
allgemein bekannt sein dürften, treten nur mittelbar auf; sie sind auf Postern und
Transparenten dargestellt oder es wird aus ihren Schriften gelesen. Die anderen
der oben genannten treten als Person im Comic auf, dürften aber nur dem mit der
jüngeren Geschichte Chinas Vertrauten bekannt sein, sodass offen bleibt, ob die
Figur spontan identifiziert werden kann. Als Beispiel sei Kāng Shēng genannt,
der federführend bei vielen großen Kampagnen der Kommunistischen Partei
Chinas gegen Andersdenkende war. In Raubkatze auf dem Dach ist er eindeutig
zu erkennen – so wie er auf einer der wenigen von ihm bekannten Aufnahmen
aus den 1940er Jahren aussieht (u. a. Yann/Conrad 2009a, 7). Ähnliches gilt für
Dài Lì und T. V. Soong.

7 Zur Vielfalt Graphischen Erzählens über China


Comics und Graphic Novels zu China-Themen lassen sich auf unterschiedliche
Art zu Gruppen zusammenfassen: Da sind Arbeiten westlicher Autorinnen und
Autoren, von denen einige individuelle Chinaerfahrungen haben (wie Guy Delisle,
der seine Erfahrungen eines Chinaaufenthalts in Shenzhen (2006) verarbeitet,
oder Sascha Hommer, der in In China (2016) seinen Aufenthalt in Chéngdū成都,
thematisiert), die meisten haben wenig oder keinen Bezug zu China. Daneben
sind Arbeiten von chinesischen Autorinnen und Autoren, die als Übersetzun-
gen von Übersetzungen in deutschen Versionen erscheinen und die Arbeiten
von Asian Americans (von denen häufig noch keine deutschen Versionen vorlie-
gen). Der überwiegende Teil der China-Bände sind Teile von Serien, zu denen ein
China-Abenteuer gehört, das mit mehr oder weniger Liebe zum Detail gestaltet

34 T. V. Soong war Geschäftsmann und Politiker, er war die Ehen seiner Schwestern mit Sun
Yat-sen und Chiang Kai-shek verbunden. 1930 und von 1945 bis 1947 war er Premier der Repulik
China. Zur Biographie s. den Eintrag „Soong, T.V.“ in Boorman und Howard 1970, 149.
35 Kāng Shēng, der sich früh der Kommunistischen Partei Chinas angeschlossen hatte, hatte
in den frühen 1940er Jahren und während der Kulturrevolution Innere Sicherheit und den Ge-
heimdienst der Partei gearbeitet. Nach dem Tod Máos und dem Sturz der Viererbande wurde
Kāng mitverantwortlich für die Exzesse der Kulturrevolution gemacht und 1980 posthum aus der
Partei ausgeschlossen. Zur Biographie: Byron 1991.
 Graphisches Erzählen über China   271

wird; und wo China wenig mehr ist als austauschbare Kulisse. Die Serien, deren
Handlung in China oder zum Großteil in China angesiedelt wird, wie Die weiße
Tigerin oder Shanghai, erscheinen nur als verlängerte Form der one-shots, indem
eine Erzählung in Episoden unterteilt wird, die in sich geschlossen erscheinen.
Schließlich sind da one-shots, in sich geschlossene Erzählungen wie Shenz-
hen (Delisle 2006), Lotusfüsse (Li 2015) oder Reload (Song 2009). In französischer
Sprache liegen hier zahlreiche Veröffentlichungen vor, ob eine deutsche Fassung
folgen wird, wird abzuwarten sein – die Themen sind mitunter spröde, während
das Thema des Füßebindens doch universell zugänglich erscheint, so sind fran-
zösische Bahnprojekte in Yúnnán雲南, die Lǐ Kūnwǔ in La voie ferrée au-dessus
des images (Li/An/Montésinos 2013; chin. Lǐ 2014) beschreibt, schwer zugäng-
lich. Hochinteressant erscheint auch Cicatrices (2014) von Lǐ Kūnwǔ, das zuvor in
chinesischer Sprache erschien (Lǐ 2012). Hier erscheint Lǐ selbst, der in chinesi-
schen Archiven nach Spuren der chinesisch-japanischen Konflikte im neunzehn-
ten und zwanzigsten Jahrhundert sucht. Indem er selbst sich in seinem Comic
zeigt, knüpft er an Reportagecomics von Joe Sacco (wie Palästina (2011a), Gaza
(2011b), Sarajevo (2015) und andere) an. Die Einbindung von Landkarten, Zei-
tungsausschnitten und Photographien knüpft an Der Fotograf (Guibert/Lefèvre/
Lemercier 2008) an.
In den Arbeiten chinesischer Autorinnen und Autoren (und selten auch in
den Arbeiten westlicher Autorinnen und Autoren) wird versucht, dem klischee-
behafteten Chinabild eine differenziertere Sichtweise entgegenzustellen. Es
zeichnet sich hier eine Entwicklung ab, die dem Boom der autobiographischen
Erzählungen von Chinesinnen und Chinesen aus den 1990er und frühen 2000er
Jahren ähnelt – der wenig geeignet war, ein differenzierteres Bild zu zeichnen,
denn dabei wurde nur ein Narrativ durch ein anderes – das der Opfer der Kul-
turrevolution – ersetzt. Avantgardistische Stimmen wie Reload (Song 2009) oder
Peking (Ji’An u. a. 2009) bleiben zu leise, um einen Kontrapunkt zu setzen.

8 Raum, Zeit und Themenvielfalt


Das China der Comics und Graphic Novels besteht aus Metropolen wie Běijīng,
Shànghǎi, Shēnzhèn 深圳 und Hong Kong, oder namen- und gesichtslosen
Städten im Landesinneren: hypermoderne Stadtviertel mit Wolkenkratzern
ebenso wie ärmliche Bauerndörfer. Identifiziert werden Städte durch bekannte
Sehenswürdigkeiten und markante Punkte wie das Hafenpanorama von Hong
Kong, die Verbotene Stadt und der Tiān’ānmén天安門-Platz in Běijīng oder der
Oriental Pearl Tower [Dōngfāng Míngzhūtǎ 東方明珠塔] in Shànghǎi. Das China
272   Monika Lehner

der Comics und Graphic Novels besteht aber auch aus Chinatowns in Metropolen
Nordamerikas und aus Lebensräumen von Overseas Chinese, die nicht zwangs-
läufig in größeren Communities leben.
Zeit der Handlung ist in der Regel die Vergangenheit, lediglich Largo Winch
und China Moon sind in einer nicht näher bezeichneten und somit schwer fassba-
ren Gegenwart verortet. Die Zeitspanne reicht vom China der Yuán-Zeit (1271–1368)
bei den Abrafaxen (Mosaik 2009) über das Ende der Qīng-Zeit wie im Dreiteiler
Shanghai oder in den ersten Kapiteln von Lotusfüsse (Li 2015) zu klar eingeordne-
ten Phasen im der Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts.
Genauso vielfältig wie die zeitlichen Kontexte sind die Themen, die aufge-
griffen werden: Opium (Opiumhandel, Opiumschmuggel, Opiumimport und
Opiumhöhlen), Geheimgesellschaften und Triaden, die Politik und Wirtschaft
beeinflussen ebenso wie China im System internationaler Beziehungen. China
tritt als Akteur auf, aber auch als quasi unbeteiligter Zuschauer, der den Akti-
vitäten fremder Mächte wenig entgegensetzen kann. Zwar werden auch kontro-
verse Themen berührt, wie Tibet oder die Menschenrechtsfrage, häufiger aber
wirtschaftliche Interessen. Immer wieder geht es um Themen wie Technolo-
gietransfer, Werks- und Industriespionage, Kopien und Skrupellosigkeit, die
unterschwellig die diffuse Angst vor einer nicht näher definierten Gelben Gefahr
schüren – nur geht es jetzt nicht mehr um asiatische Heere, die den Westen über-
rennen, sondern darum, dass China mit seinen nahezu unendlichen Ressourcen
durch List und Skrupellosigkeit Märkte übernimmt und das Wirtschaftssystem
beeinflusst.
Für einen genauen Blick und eine differenzierte Darstellung bleibt wenig
Raum, übrig bleiben gängige Stereotype, die auf das bedrohliche Bild vom rätsel-
haften Orientalen rekurrieren oder aber ‚kleine gelbe Männchen mit Schlitzaugen
und langem Zopf‘ verspotten.

9 „Chinesische“ Kultur
Versatzstücke ‚chinesischer‘ Kultur sollen Authentizität, die über die dem Comic
immanenten Quellenauthentizität (Gundermann 2007, 82) hinausgeht, generie-
ren. Die in den biographischen Darstellungen und in den Reportagen erzählten
Geschichten sind „subjektiv authentisch“ und verfügen über „Erlebnisauthen-
tizität“ (Gundermann 2007, 82). Die Leserinnen und Leser sind gefordert, diese
Erzählungen in einen größeren Kontext einzuordnen  – was bei China-Themen
nicht immer gelingt. Die von den Autorinnen und Autoren, häufiger von Heraus-
geberinnen und Herausgebern oder von Übersetzerinnen und Übersetzern bei-
 Graphisches Erzählen über China   273

gefügt Erklärungen sollen die historische Verortung erleichtern. Ob das immer


gelingt, muss bezweifelt werden.36
Bei genauerer Betrachtung bleibt von Authentizität wenig übrig, es bleiben
bloß Stereotype, Generalisierungen und  – mehr oder weniger dezidiert artiku-
lierte – Vorurteile. Im vorliegenden Kontext geht es nicht darum, Schuldzuwei-
sungen und Anschuldigungen zu erheben, ein Comic-Künstler wäre rassistisch
oder antichinesisch.37 Das Prinzip der Typenauthentizität, also die Forderung,
dass fiktive Charaktere einem historischen Typus entsprechen (Gundermann
2007, 82–83), fördert stereotype Darstellungsmodi. Damit Chinesen als solche
erkennbar und eindeutig identifizierbar sind, werden medienübergreifend
immer dieselben Attribute und Attribuierungen verwendet. So kommt es, dass
die Chinesen der Comics dann weit im zwanzigsten Jahrhundert immer noch das
Langkleid und die Chinesinnen den qípáo tragen – vom Zopf gar nicht zu reden.
Dass dieser ‚Chinesenzopf‘, der der hànchinesischen Bevölkerung von den Mand-
schu im siebzehnten Jahrhundert aufgezwungen wurde, während der Revolution
1911/12 als Symbol der Befreiung abgeschnitten wurde, wird ignoriert.
Unabhängig vom Medium Comic ist festzuhalten, dass die China-Konstruk-
tionen primär das Fremdartige, das Exotische und das kuriose Andere betonen,
dem mit Neugier oder aber mit Widerwillen und Entsetzen begegnet wird. Je nach
Standpunkt des Betrachters steht die Bedrohung durch etwas a priori Fremdes
im Vordergrund oder aber ein (vermeintliches) Entwicklungsdefizit, dem nur
mit Hilfe von außen beizukommen ist. Diese Muster kommen in wellengleichen
Folgen (mit zum Teil hohen Amplitudendifferenzen) immer wieder zum Tragen –
auf allen Ebenen der Beschäftigung mit China  – auch in Comics und Graphic
Novels.
Ähnlich wie Karikaturen spiegeln Comics überdeutlich Eigen- und Fremdbil-
der ihrer Entstehungszeit. Sie können diese Bilder nicht erzeugen, sie können
sie nur aufgreifen. Comics sind mäßig geeignet, Bilder zu verstärken und/oder
zu beeinflussen, sie sind Dokumentation ansonsten nur schwer fassbarer Eigen-
und Fremdbilder und von deren Projektionen.
Gut ablesbar ist das am ‚Klassiker‘ Der blaue Lotus (Hergé 1975), das als
Schlüssel im Werk Hergés gilt. Der Autor entfernt sich von stereotypen, lose
verbundenen Geschichten hin zu geographischer und kultureller Genauigkeit.
Bei oberflächlicher Betrachtung scheint das tatsächlich der Fall zu sein: Es gibt

36 S. dazu die Überlegungen zu Lotusfüsse bei (M. Lehner 2015b).


37 Diese Diskussion entzündet sich vor allem um das Werk Hergés, zuletzt an Tim im Kongo
und Der geheimnisvolle Stern diskutiert. S. Ole Frahm, Die Sprache des Comics, Fundus-Bücher
(Hamburg: Philo Fine Arts, 2010). 267–291.
274   Monika Lehner

einen aktuellen Bezug: die japanische Aggression gegen die Republik China,
der Angriff auf die Mandschurei nach dem Mukden-Zwischenfall 1931 und der
Versuch Chinas, sich dagegen mit internationaler Hilfe zur Wehr zu setzen.38 Dass
der Konflikt nach Shanghai verlegt wird, passt nicht in das Bemühen um Genau-
igkeit. Die Schriftzeichen sind korrekt und ergeben weitgehend sinnvolle Sätze
(die ‚Tintinologen‘ haben diese im Detail aufgelöst39), das Szenario wirkt im oben
beschriebenen Sinn ‚typisch‘ chinesisch: Den Titel ziert ein vierklauiger Drache,
ein Papierlampion mit dem Schriftzeichen lián蓮 (‚Lotus‘) und eine Vase, aus der
Tim und Struppi herausschauen. Die Vase ist blaugrün und mit Blütenzweig und
Vogel bemalt. Ihre Form ist ‚chinesisch‘, wenngleich ein Deckel zu erwarten wäre,
die Farbe kommt dem Seladon-Ton (qīngcí青瓷) nahe, das Motiv, Blütenzweig mit
Vogel, wirkt chinesisch. Die Kombination ist allerdings zumindest ungewöhn-
lich: Seladon-Gefäße blieben in der Regel unbemalt, um die Farbe der Glasur
wirken zu lassen.
Die Typen, die auftauchen, passen ins Klischee: Briten und Amerikaner, die
Rikschafahrer und Diener verprügeln; wenige aufgeklärte ‚weise‘ alte Chinesen,
arme Opiumsüchtige, die in Opiumhöhlen dahinvegetieren, japanische und eng-
lische Agenten, die sich wenig ungeschickt anstellen – sie verkleiden sich, erwi-
schen aber ‚kaiserliche‘ Uniformen. Das einzige, was als ‚Versatzstück‘ fehlt, sind
die flachen Kegelhüte, die zwar vor allem im ländlichen Raum getragen wurden,
die aber auch im Stadtbild allgegenwärtig waren. Die Szenen, die auftauchen,

38 Unter Mukden-Zwischenfall (auch: Mandschurei-Zwischenfall) versteht man einen Spreng-


stoffanschlag auf die Süd-Mandschurische Eisenbahn bei Mukden [Shenyang 瀋陽] am 18. Sep-
tember 1931, den eigentlichen Beginn des Zweiten Chinesisch-Japanischen Krieges. Die japani-
sche Armee machte China für den Zwischenfall verantwortlich und reagierte mit der Invasion der
Mandschurei und der Gründung des Marionettenstaats Mandschukuo. Die japanische Invasion
durch die Guandong-Armee beginnt unmittelbar nach dem Zwischenfall, die japanische Beset-
zung dauerte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs.
Am 19. 9. 1931 eröffnete die japanische Seite das Feuer auf die chinesische Garnison, die kleine
Luftwaffe von Zhang Xueliang 張學良(1900?-2001) wurde zerstört, seine Truppen verließen die
zerstörten Barracken – es stehen rund 7000 schlechtausgebildete chinesische Soldaten gegen ca.
500 gut ausgebildete und gut ausgerüstete Japaner. Innerhalb eines Tages ist Mukden/Shenyang
unter japanischer Kontrolle – etwa 500 Chinesen und zwei Japaner sind gefallen.
Die Truppen Zhang Xueliangs hatten sich (höherem Befehl folgend) nicht zur Wehr gesetzt, sie
hatten ihre Waffen niedergelegt und so die schnelle japanische Invasion begünstigt: Changchun
und Andong fielen ohne Probleme. Anders war die Situation in Heilongjiang (Gouv. General Ma
Zhanshan) und Jilin (Gen. Ting Chao und Li Du), doch der Widerstand war in kaum fünf Monaten
gebrochen.
39 Vgl. Tintinologist.org: The Blue Lotus http://www.tintinologist.org/guides/books/05bluelotus.
html (abgerufen am 30.7.2015).
 Graphisches Erzählen über China   275

bedienen ebenfalls gängige Bilder: belebte, überfüllte Straßen, schmucklose


Außenmauern, das Gitterwerk an Fenstern und Türen.
Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass die chinesische Fassade nicht
mehr ist als das: Fassade. Die historischen Bezüge (obwohl zeitnah) bleiben ober-
flächlich, die Zeichnung der Figuren bleibt klischeehaft und wenig differenziert.
Als Parodie kann Der blaue Lotus dennoch nur schwer gelesen werden, denn es
fehlt das reale Vorbild, das parodiert wird.
Nahe an der Grenze zur Parodie bewegen sich einzelne Passagen aus der
Reihe Die Weiße Tigerin  – allerdings eher für Insider, für Kenner der neueren
Geschichte Chinas, die Zusammenhänge ohne Erklärung entschlüsseln können:
Hongkong in den 1940er Jahren, in der Gründungsphase der Volksrepublik China.
Im Zentrum steht eine überaus attraktive Agentin im Dienst des Großen Steuer-
manns. Sie ist perfekt ausgebildet in ‚Kung fu‘ (gongfu 功夫 „etwas durch harte
bzw. geduldige Arbeit Erreichtes“)40 und ideologisch voll auf Linie. Nach der von
Stephan Ditschke und Anjin Anhut entwickelten Typologie von Superheldinnen
und Superhelden (Ditschke und Anhut 2009) wäre Alix, die ihre Kräfte durch
langjähriges Training entwickelt hat, ein klassischer Mischtyp: Sie ist ausgebil-
det und bereit, das Neue China zu schützen und sie will den Tod ihrer Mutter (die
von japanischen Soldaten bei lebendigem Leib verbrannt wurde) rächen. Zweifel,
ob sie einer gerechten Sache dient (oder nicht) tauchen in der zweiten Serie auf.
Die ersten drei Alben sind typische China-Comics: chinesisches Ambiente, idylli-
sche Tempelanlagen, wo Kampfmaschinen gedrillt werden, Briten und Amerika-
ner sind ‚böse‘ Imperialisten, die mit allen Mitteln bekämpft werden. Die ersten
Bände sind China-Kitsch in Reinkultur: mit ‚komischen‘ Formulierungen und
vielen Versatzstücken wie Dachfiguren, Mondtoren, Gitterwerk, Tempeln und
Pagoden. Die letzten Alben stellen – auch durch entsprechende Vorbemerkungen
gelenkte – direkte historische Bezüge her.
Bedenklich wird es, wenn versucht wird, historische Tatsachen einzuarbei-
ten: der Großteil der erwähnten Personen ist dem gemeinen Publikum vermut-
lich unbekannt. Die Hauptquelle für die im Comic verarbeiteten authentischen
Informationen über Kāng Shēng dürfte die Biographie Kang Shengs von Faligot
und Kauffer (1988) gewesen sein. Mit dieser Biographie wurde Neuland betreten,

40 Der Begriff taucht in den 1960er Jahren im Kontext der Bruce Lee-Filme auf und wurde in-
zwischen zu einem fast generischen Gattungsbegriff für asiatische bzw. chinesische Kampfküns-
te. Er wird mittlerweile auch im Chinesischen in diesem Sinne verwendet, wo gongfu diese Be-
deutung traditionell nicht unbedingt hatte. Im Vordergrund steht eine schwer oder nach Mark
Salzman „nicht messbare Qualität“, die einer Sache innewohnt (Mark Salzman: Eisen und Seide.
Begegnungen mit China, 1995).
276   Monika Lehner

denn es gab von Kāng Shēng keine Fotos und kaum Informationen. Die Autoren
schufen das Bild eines brutalen, skrupellosen und über Leichen gehenden
Mannes – quasi einen modernen Fu Manchu.
Die Figur des Fu Manchu aber ist reines Phantasieprodukt: der bösartige
Supergangster, der versucht, die Weltherrschaft an sich zu reißen, zuerst in der
Romanreihe von Sax Rohmer, die zwischen 1913 und 1959 entstand, später in
Filmen und Fernsehserien. In den Filmen verkörperten westliche Darsteller  –
unter anderem Warner Oland, Boris Karloff, Christopher Lee und Peter Sellars
den Supergangster.41 Fu Manchu ist die personifizierte Bosheit, der undurch-
dringliche Orientale – und damit eine Fortschreibung sehr alter Bilder, die zum
Teil aus den ersten Kontakten zwischen Europa und China stammen. Sie knüpfen
schließen direkt an die Zeichnung von Chinesinnen und Chinesen in den ameri-
kanischen Dime Novels aus dem späten neunzehnten und frühen zwanzigsten
Jahrhundert an. Beispiele sind die Geschichten der Bradys in den Opiumhöhlen
der Chinatowns42 oder die Dime Novels von Harrie Irving Hancock (1866?-1922)
über den chinesischen Superverbrecher Li Shoon, die 1915–1917 im Detective
Story Magazine erschienen.
Die wirtschaftliche Öffnung Chinas und der damit verbundene Zugang zu
Informationen aus und über China haben (noch) nicht zu neuen Darstellungs-
modi in Comics und Graphic Novels geführt. In den Superhelden-Comics wie
Largo Winch oder Michel Vaillant: China Moon wird China zum Feindbild und zur
Bedrohung stilisiert – und das bleibt die dominante Darstellungsform.

10 Fazit
Die China-Konstruktionen in Comics und Graphic Novels zeichnen Bilder, die
sich primär aus traditionellen Stereotypen speisen und wenig konkretes Wissen
abrufen. Dabei werden diffuse Vorstellungen perpetuiert, die auch in allen

41 Zu Yellowface (Darstellung von Chinesinnen und Chinesen durch ‚asiatisch‘ geschminkte
Darstellerinnen und Darsteller) vgl. grundlegend (Moon 2004), wobei der Schwerpunkt der Stu-
die auf Musik, Musiktheater und Variété liegt.
42 Die Groschenromane um die Bradys haben Titel wie The Bradys After a Chinese Princess; or,
The Yellow Fiends of ‘Frisco; The Bradys and the Bronze Idol; or, Tracking a Chinese Treasure and
Other Stories, Hop Lee, The Chinese Slave Dealer; or, Old and Young King Brady and the Opium
Fiends etc., vgl. die Dime Novel and Story Paper Collection der Stanford University. Eine Reihe
der Brady-Romane ist online zugänglich unter http://collections.stanford.edu/dimenovels/bin/
search/simple/process?query=China (abgerufen am 30.7.2015).
 Graphisches Erzählen über China   277

anderen Medien auftauchen. Auffallend ist, dass, während Karikaturen sehr


schnell und Trivialliteratur eher langsam auf politische Veränderungen reagie-
ren, Comics lange indifferent bleiben. Veränderungen der politischen Rahmen-
bedingungen finden mit großem zeitlichem Abstand Eingang und sind häufig nur
schwer auszumachen. Das bedeutet allerdings nicht, dass Comics und Graphic
novels politikfreie Räume sind – das Gegenteil ist der Fall.

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278   Monika Lehner

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Chen Zheng
Interkulturelle Analyse der kommunikativen
Wirkung chinesischer Image-Filme
Vergleich einer chinesischen mit einer deutschen Zielgruppe

1 Einleitung
Noch vor 60 Jahren stützte sich die zwischenmenschliche Kommunikation haupt-
sächlich auf geschriebene und gesprochene Sprache (Mohrhof: 1999, 43–48).
Darauf folgte die rapide Entwicklung der modernen Medien. Das Leben der Men-
schen geriet zunehmend in den Sog aller Arten von Massenmedien, Film, Fernse-
hen, Werbung und anderem Bildmaterial, die visuelle Verbreitung von Inhalten
wurde zu einem immer wichtigeren Mittel außerschriftlicher Kommunikation.
Die Forschung, die sich mit visueller Verbreitung von Inhalten beschäftigt, hat
sich hauptsächlich darauf konzentriert, wie visuelle Phänomene auf Bildern
wahrgenommen werden. Doch seit die Zahl bewegter Bilder zugenommen hat,
machen auch Filme und Videos einen großen Teil der visuellen Kommunikation/
Verbreitung aus (Müller: 2003, 13–14).
In China gibt es insgesamt nur sehr wenige Forschungsarbeiten, die sich
mit Videos in der interkulturellen Kommunikation befassen. Nach einer Aus-
wertung der Aufsätze zu diesem Thema im chinesischen Netzwerk für Zeitschrif-
tenpublikationen (CNKI) von 1979 bis 2010 konnten wir feststellen, dass Videos
erst ab 2000 zu einem Thema der Forschung über interkulturelle Kommunika-
tion wurden. Bislang wurde meist untersucht, welcher Strategien interkulturel-
ler Kommunikation sich spezifische Filme bedienen. Nur sehr wenige Arbeiten
führen eine theoretische Analyse durch bzw. versuchen, eine Theorie über die

Anmerkung: Chinesischer Image-Film bezieht sich auf „国家形象宣传片 (China national publi-
city film)“, wurde von The State Council Information Office produziert. Dieser Film zielt auf die
Verbesserung des Chinabildes auf der Welt.
Teilergebnis des Forschungsprojekts der Beijing Stadt (13SHC022)北京市哲学社会科学规划课
题 (13SHC022) und des Bildungsministerium (2013<1792>)教育部留学回国人员科研启动基金项
目(教外司留2013<1792>号)成果

Chen, Zheng, Dr. phil., Assistant Professor for Intercultural Communication and Education
Science, National Academy of Education Administration, Ministry of Education of the People’s
Republic of China

DOI 10.1515/9783110544268-014
 Interkulturelle Analyse der kommunikativen Wirkung chinesischer Image-Filme   283

Rolle von Videos in der interkulturellen Kommunikation zu entwickeln. Noch


seltener findet man Arbeiten, die ihre Analyse der interkulturellen Kommunika-
tion mit Blick auf unterschiedliche Länder und Sprachumgebungen durchfüh-
ren. Obwohl einige Aufsätze die Frage nach Verbreitungsstrategien aufwerfen,
mangelt es noch erheblich am theoretischen Rahmen, und empirische Forschung
ist noch seltener.
Mit Blick auf diese Forschungsdesiderate führt diese Arbeit anhand eines
beispielhaften „nationalen chinesischen Image-Films“ eine empirische For-
schung zur interkulturellen Kommunikation in einem deutschen Feld durch. Ziel
dabei ist es, die kommunikative Wirkung des Image-Films bei einer chinesischen
und einer deutschen Zielgruppe zu erklären, um einen fruchtbaren und effekti-
ven Kommunikationsmodus zu entwickeln und konstruktive Vorschläge für die
interkulturelle Kommunikation Chinas zu geben. Die Arbeit befasst sich haupt-
sächlich mit den folgenden Fragen:
– Wie nehmen die chinesische und die deutsche Zielgruppe den chinesischen
Image-Film wahr?
– Worin unterscheiden sich die Perspektiven der chinesischen und der deut-
schen Zielgruppe? Welche kulturellen Einflussfaktoren und Wertvorstellun-
gen stehen dahinter?
– Welche Anregungen lassen sich daraus für die Verbreitung chinesischer
Image-Filme ziehen?

2 Planung der Interviews und Datenerhebung

2.1 Methodische Vorbereitung der Interviews

Diese Arbeit erfasst den Inhalt der Berichte in der Hauptsache durch die qualita-
tive Auswertung der Interviews. Die Interviewfragen, die direkt im Anschluss an
die Filmvorführung gestellt werden, richten sich zunächst auf Gefühlseindrücke.
Es wird davon ausgegangen, dass Erfahrungen kontextuell bedingt sind und ein
einzelner Vorgang immer mit der Umgebung in Verbindung steht, und außerdem
versucht, die beobachteten Phänomene theoretisch zu erklären.
In der Philosophie geht Wittgenstein im Jahr 1945 davon aus, dass sprachli-
che Mittel eine immense Potenz haben: Sie spiegeln nicht nur die Weltsicht des
Sprechenden wider, sondern geben auch seine Gedanken, Absichten und Hoff-
nungen zu erkennen. Will man die Metaphysik in die praktischen Erfahrungen
des täglichen Lebens hineintragen, dann ist die Sprache der Mittler (Wittgen-
stein: 2003). Unter der Prämisse, dass alles kontextabhängig ist, erforscht diese
284   Chen Zheng

Arbeit, gestützt auf die spezifischen sprachlichen Äußerungen, die subjektive


Weltsicht der Zielpersonen. Mithilfe einer Worthäufigkeitsanalyse geht sie deren
Empfindungen und Interpretationen nach.
Um möglichst viele subjektiven Eindrücke der Zielpersonen zu erhalten,
stützt sich die Datenerhebung hauptsächlich auf semi-strukturierte Interviews
und lässt beim Beantworten der Fragen viel Freiraum für die Schilderung eigener
Eindrücke. In den narrativen Interviews „werden überwiegend Erzähltexte vom
Befragten erwartet, denn Erzählungen eigen erlebter Erfahrungen sind diejeni-
gen vom thematisch interessierenden faktischen Handeln abgehobenen sprachli-
chen Texte, die diesem am nächsten stehen und die Orientierungsstrukturen des
faktischen Handelns auch unter der Perspektive der Erfahrungsrekapitulation
in beträchtlichem Maße rekonstruieren“ (Lamnek: 2008, 357). In der Praxis hat
sich gezeigt, dass die Befragten bei dieser Methode bereitwillig und entspannt
Antworten geben (Gläser/Laudel:2009). Ein solches Vorgehen entspricht der
Forschungsintention dieser Arbeit. Schließlich können mittels einer Analyse der
Berichte die subjektiven Wertvorstellungen des Erzählenden und die beeinflus-
senden gesellschaftlichen Faktoren rekonstruiert werden. Besonders die Erfah-
rungen, die ein Mensch im Lauf des Erwachsenwerdens macht, sind Gegenstand
einer Analyse, die die implizite Bedeutung von Aussagen herausarbeiten kann (
陈向明: 2000, 169; Jüttemann /Thomae: 1997).

2.2 Auswahl der Befragten und Vorbereitung des Ablaufs

Bei der Auswahl der Befragten waren die folgenden Maßgaben wichtig:
1. Die etische und emische Perspektive wurden gleichermaßen mit einbezogen
(Berry: 1969, 119–128).
2. Für eine Studie über neue Medien schien eine junge Zielgruppe am besten
geeignet, als Altersspanne wurden also 20–30 Jahre festgelegt.
3. Das Verhältnis von Männern und Frauen war so gut wie ausgewogen.

Schließlich wurde die Gesamtzahl der Befragten auf 30 festgelegt. Nachstehend


findet sich eine Aufstellung der ausgewählten Befragten.
 Interkulturelle Analyse der kommunikativen Wirkung chinesischer Image-Filme   285

Tabelle 1: Zusammensetzung der Zielgruppe

Anzahl der Alter Geschlecht Herkunftsland


Befragten

30 20–30 Jahre männlich weiblich China Deutschland

14 16 14 16

Der Interviewleitfaden, der Fragen zum Image-Film enthält, wurde in Anknüp-


fung an frühere Forschungsergebnisse entwickelt. Um Verabsolutierungen zu
vermeiden, hat der Autor bei einigen Fragen eine verfeinerte Darstellung gewählt.
Da Gedanken in der eigenen Muttersprache am klarsten zum Ausdruck gebracht
werden können, fand die Kommunikation mit chinesischen und deutschen Ziel-
personen in der jeweiligen Muttersprache statt. Die Interviews dauerten etwa 40
bis 60 Minuten, mit kleineren Abweichungen wegen unterschiedlicher Umstände.

3 Auswertung, Analyse und Diskussion des


Feedbacks

3.1 Allgemeiner Überblick über die Bewertungen der chinesi-


schen und der deutschen Zielgruppe

Eine statistische Auswertung, Klassifikation und Analyse der Schlüsselbegriffe


im Feedback der Befragten zeigt, dass die deutschen Zielpersonen nach dem
Ansehen des Films ihre positiven Eindrücke mit Schlagworten wie „Fortschritt“,
„Pluralismus“ und „Attraktivität“ umschrieben. Auch in den positiven Rück-
meldungen der chinesischen Befragten kam vor allen Dingen die Zustimmung
zu Chinas Entwicklung zum Ausdruck, so fielen Begriffe wie „Entwicklung“,
„Reformen“, „in jugendlicher Blüte stehen“, „sich entwickeln“, „Wachstum“,
„Stärke“ usw. Außerdem wurde angemerkt, dass der Image-Film Chinas Öffnung
(„Öffnung“, „Chinas Internationalisierung“ usw.) sowie Pluralisierung zeige
(„Sozialkultur“, „Pluralisierung“ usw.). Über den wirtschaftlichen Fortschritt
Chinas scheinen die chinesische und die deutsche Zielgruppe einer Meinung zu
sein, und auch bei der Pluralisierung der Kultur herrscht Konsens.
286   Chen Zheng

Tabelle 2: Die drei häufigsten positiven Begriffe im Feedback zum Image-Film

deutsche Zielgruppe chinesische Zielgruppe

Fortschritt Entwicklung
Pluralisierung Öffnung
Attraktivität Pluralisierung

Die negative Kritik der deutschen Zielgruppe lief darauf hinaus, dass die poli-
tische Propaganda im Film zu stark sei (“propagandistischer Stil“), dass er zu
weit entfernt von der Realität sei („zu idealisiert“, „das hat nichts mit der Praxis
zu tun“), dass ihm kritisches Bewusstsein fehle usw. Ins Auge sticht, dass einige
der Befragten keine negative Kritik zu äußern hatten, weil ihnen der Film zu gut
gefiel. Aus dem Feedback der chinesischen Zielgruppe lässt sich ablesen, dass
die Kluft zwischen Arm und Reich zu einer wichtigen Frage für viele Chinesen
geworden ist; zudem erschien ihnen der Film zu artifiziell („zieht eine Show ab“,
„unauthentisch“, „an der Wahrheit vorbei“); schließlich trat auch die Frage nach
der ungleichen Entwicklung der Provinzen in den Vordergrund. Diese Antworten
korrespondieren stark mit der Kritik der deutschen Zielpersonen, dass der Film
„zu weit entfernt von der Realität“ sei.
Allgemein lässt sich über das Feedback sagen, dass die deutschen Zielper-
sonen hauptsächlich Kritik am Film als solchem üben. Ob ihnen „kritisches
Bewusstsein fehlt[e]“ oder „die politische Propaganda zu stark“ war: All das ist
Kritik, die sich auf die Darstellungsformen und den Inhalt des Films bezieht.
Währenddessen richtete die chinesische Zielgruppe ihre Kritik häufig direkt auf
soziale Probleme, ohne dabei auf den Film einzugehen.

Tabelle 3: Die drei häufigsten negativen Begriffe im Feedback zum Image-Film

deutsche Zielgruppe chinesische Zielgruppe

politische Propaganda ist zu stark Kluft zwischen Arm und Reich, der soziale
zu weit entfernt von der Realität Status macht sich bemerkbar
es fehlt kritisches Bewusstsein artifiziell/künstlich
ungleiche Entwicklung der Provinzen

Aus obiger Zusammenfassung wird deutlich, dass es in der allgemeinen Einschät-


zung des Image-Films einige Gemeinsamkeiten gibt und das Lob sich tendenziell
ähnelt, während sich die Kritik am Film recht stark unterscheidet. Für die deut-
sche Zielgruppe sind die wichtigsten Kritikpunkte: „Die politische Propaganda
 Interkulturelle Analyse der kommunikativen Wirkung chinesischer Image-Filme   287

ist zu stark“, „zu weit entfernt von der Realität“ und „Es fehlt kritisches Bewusst-
sein“. Währenddessen äußerte die chinesische Zielgruppe als negative Punkte:
„Der soziale Status macht sich bemerkbar“, „artifiziell/künstlich“, und „Die
Entwicklung der Provinzen verläuft ungleich“. Während die deutsche Zielgruppe
Kritik übte, gab die chinesische Zielgruppe eher einen Gesamteindruck wieder.
Das spiegelt wider, dass die Zielpersonen aus China und aus dem Westen „bei der
Rezeption von Medien mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten aufweisen“ (王
国珍: 2003, 104). Eine effektive interkulturelle Kommunikation und Verbreitung
muss mindestens drei Schlüsselfaktoren berücksichtigen: den Hauptträger der
Kommunikation, den Rezipienten und die Übermittlung der codierten Nachricht (
关世杰: 1995, 4). Im Folgenden geht es hauptsächlich um die RezipientInnen. Die
Perspektive der Zielpersonen wird herausgearbeitet, und die kulturellen Einfluss-
faktoren, die hinter den Unterschieden liegen, werden aufgezeigt.

3.2 Unterschiede im Feedback

Aus dem Feedback der deutschen Zielgruppe sticht zuerst die folgende Kritik am
chinesischen Image-Film ins Auge: „Es fehlt eine kritische Perspektive“ und „Die
politische Propaganda ist zu stark.“ In der Analyse des Feedbacks zeigt sich, dass
die deutsche Zielgruppe sehr oft den Begriff „Propaganda“ nennt oder eine pro-
pagandistische Darstellung kritisiert, so etwa hier:

„Den propagandistischen Stil finde ich nicht so gut.“


„keine Belege für Infos, propagandistischer Stil“
„Ich fand ihn nicht realistisch, sondern sehr idealistisch.“

Der Begriff Propaganda ist im Deutschen üblicherweise negativ konnotiert, er ver-


weist auf absichtsvolle, systematische Methoden, bei denen durch Umerziehung
oder Agitation von rechts oder links versucht wird, ein bestimmtes politisches
Ziel zu erreichen (Duden: 2000, 1096). In Deutschland macht dieses Wort Leute
misstrauisch gegenüber politischen Zwecken. Nicht jede politische Proklama-
tion ist gleich ‚Propaganda‘. Im eigentlichen Wortsinn meint ‚Propaganda‘ einen
absichtlichen und systematischen Versuch, öffentliche Sichtweisen zu formen,
Erkenntnisse zu manipulieren und Verhalten zum Zwecke der Erzeugung einer
vom Propagandisten oder Herrscher erwünschten Reaktion zu steuern (Norstedt:
2000, 143–153).
Währenddessen bezog sich die chinesische Zielgruppe mit ihrer Kritik häufi-
ger direkt auf soziale Probleme, ohne auf den Film einzugehen. So brachten die
288   Chen Zheng

Chinesen den äußerst positiven Filminhalt mit der Kluft zwischen Arm und Reich
sowie mit der ungleichen Entwicklung der Provinzen in Verbindung.

„Die Interviewten waren fast alle aus der Mittelschicht, die einfachen Leute bekamen gar
nicht die Chance, vor die Kamera zu treten. Das betrifft vor allem die Wanderarbeiter. Das
lässt mich über den sozialen Status nachdenken.“
„Die Kluft zwischen Arm und Reich ist zu groß, das betrifft vor allem die Unterschiede zwi-
schen Stadt und Land, Ost und West.“
„Es gibt zwar einen Wandel, aber nur ein kleiner Teil der Bevölkerung profitiert vom Wohl-
stand. Es wird nur diese Seite betont.“

Auch in der Dechiffrierung und Verarbeitung neuer Informationen zeigen sich


Unterschiede zwischen den beiden Gruppen. Viele der deutschen Zielpersonen
vertraten den Standpunkt, dass man den Stoff überarbeiten und die authenti-
schen Anteile verstärken könne.

„Der Inhalt könnte gekürzt werden, der Rhythmus ist zu schnell. Es werden zu viele Inhalte
angerissen, so kann man das gar nicht alles verarbeiten.“
„Der Film versucht viel zu sehr, einen glamourösen Eindruck zu erwecken, das ist keine
realistische Darstellung.“

Die chinesischen Zielpersonen hingegen waren der Ansicht, dass die im Film
gezeigten Inhalte ein unvollständiges Bild lieferten, dass ein globales Gesamtbild
fehle.

„In Wirklichkeit gibt es noch viel mehr, was in diesem Film gar nicht gezeigt wurde.”
„Es wurden nur ein paar Aspekte beleuchtet, ein Gesamtbild hat sich nicht ergeben.“

Die Unterschiede in der Deutung neuer Informationen, die sich hier zwischen Chi-
nesen und Deutschen zeigen, verweisen darauf, dass Menschen aus westlichen
Ländern den Fokus eher auf individuelle Besonderheiten legen und dadurch zu
einem analytischen Denken neigen, während Chinesen eher die Tendenz zu einer
allgemeinen Zusammenfassung und damit zu einem synthetisierenden Denken
haben. Ein westlich geprägter Mensch will eine Nahaufnahme voller Details
machen, indem er individuelle Besonderheiten hervorhebt; Chinesen gehen eher
von einem Überblick aus, um ein Gesamtbild zu entwickeln.
Dieser Unterschied im Denken beeinflusst nicht nur das Verständnis der
chinesischen und der deutschen Zielgruppe von den Bildern, die der Film zeigt,
sondern auch ihr Sprachverständnis. Einige deutsche Probanden hoben einzelne
Stellen besonders hervor, so wurde etwa der Titel „China on the Way“ mit der
westlichen „China threat“ in Verbindung gebracht. Daher muss man die kultu-
rellen Einflussfaktoren hinter dem Verständnisprozess einer Zielgruppe berück-
 Interkulturelle Analyse der kommunikativen Wirkung chinesischer Image-Filme   289

sichtigen, um die Titel entsprechend der jeweiligen Mentalität wählen zu können.


Eine treffende Auswahl ist von großer Bedeutung. Unter dem Gesichtspunkt der
Textstruktur hat der Titel eine Sonderstellung. Die Funktion eines Titels besteht
nicht nur darin, sprachlich präzise den Inhalt eines Werks zu fassen, sondern er
muss auch eine kohärente Verbindung zum kommunikativen Umfeld schaffen.
Der Titel eines Werks kann Formulierungen aus dem Textinhalt aufgreifen, oder
er kann sich synonymer Umschreibungen bedienen und metaphorisch arbeiten (
赵雅丽: 2011, 311). Aus diesen Gründen bedarf die Wahl von Titeln im interkultu-
rellen Austausch besonderer Sorgfalt.

3.3 Evaluation und Analyse

Im Jahr 1947 hat der Psychologe Kurt Lewin in seiner Arbeit “Channels of Group
Life“ den Begriff des „Gatekeepers“ aufgebracht (Lewin: 1947, 143–153). Dieser
Begriff verweist auf einen Kommunikator, der bei der Verbreitung neuer Infor-
mationen rational und effizient aussieben und protektiv vorgehen kann, wofür
er mit den Unterschieden zwischen Eigen- und Fremdkultur vertraut sein muss.
Auch bei der Verbreitung von „Images“ bedarf es eines solchen interkulturellen
Kommunikators, der mit chinesischer wie mit westlicher Kultur vertraut ist und
daher im Verlauf der Kommunikation sowohl „Selbstkenntnis“ als auch „Kennt-
nis des anderen“ an den Tag legen kann. Er muss die Besonderheiten der eigenen
Kultur verstehen und mit ihren Kernwerten vertraut sein, und ebenso muss er
die psychischen Anliegen und die Aufnahmefähigkeit der Zielgruppe einschät-
zen können, damit die Kommunikation inhaltlich wie methodisch den Anfor-
derungen eines „internationalen Publikums“ gerecht wird. Aus dem Feedback
der Zielpersonen wird deutlich, dass der nationale Charakter und die kulturellen
Standards Einfluss auf ihre Reaktionen haben.

– Der Einfluss nationaler Unterschiede auf die chinesische und die deut-
sche Zielgruppe

Aus historischer Sicht hat die deutsche Bevölkerung einige sehr spezielle Erfah-
rungen gemacht. Menschen aus dem Westen beschreiben die „Deutschen“ wie
folgt (杨立义/钱松英: 1998, 8): „Die deutsche Bevölkerung ist etwas Einzigarti-
ges“. Die Deutschen gelten als strikt und gewissenhaft im Verfolgen von Zielen,
als wissensdurstig und unermüdlich. Über den „Geist“ der Deutschen haben viele
bedeutende Gelehrte aus den unterschiedlichen Blickwinkeln der Geschichte,
Psychologie, Literatur und Soziologie geschrieben. Hier sind etwa die Werke des
deutschen Historikers Herder über den „Volkscharakter“ und die „Volksseele“,
290   Chen Zheng

die des deutschen Philologen Steinthal über Völkerpsychologie und die des deut-
schen Ethnologen Bastian über Gesellschaftspsychologie zu nennen (Steinthal/
Lazarus: 1878). Daraus kann man ablesen, dass die Deutschen Gesetzen und
Regeln besondere Bedeutung beimessen, das kritische Denken schätzen und
einen sehr kritischen Geist besitzen. Diesen kritischen Geist hat Engels stark her-
vorgehoben: „Kants Kritik der reinen Vernunft hat ebenso wie die Naturwissen-
schaften einen riesigen Beitrag geleistet, seine beiden bedeutenden Grundannah-
men haben die Grenzen der Tradition durchbrochen und besitzen einen enormen
Einfluss auf die Welt der theoretischen Naturwissenschaften.“ (恩格斯:1971, 31).
Der kritische Geist ist in den Deutschen tief verwurzelt, so dass Fragen oft mit
recht kritischer Haltung diskutiert werden. Auch nach dem Ansehen des Films
äußerten viele Zielpersonen, dass es besser wäre, wenn der Film mehr kritische
Passagen enthielte.
Der deutsche Begriff „Kritik“, der auf das griechische „Kritiké“ zurückgeht,
bezeichnet eine Kunst der Evaluation. „Der Begriff hat vier Bedeutungsebenen,
erstens meint er die Kritik in Wissenschaft und Kunst, Evaluierung und Gutach-
ten; zweitens ein In-Zweifel-Ziehen; drittens die Rezension eines künstlerischen
Erzeugnisses, einer wissenschaftlichen Arbeit, eines Buchs oder Kunstwerks;
viertens die Gesamtheit der Kritiker.“ (Duden: 2000, 767). In ihrer sprachlichen
Darstellung soll die Kritik möglichst objektiv, gerecht, formal korrekt und wahr-
heitssuchend sein, wobei selbstverständlich positive ebenso wie negative Kritik
einbezogen werden kann. Ein Blick auf die Geschichte verrät, dass Deutschland
eine historische Tradition kritischen Denkens hat. Kant hat der „Kritik“ einst eine
besondere Bedeutung zugeschrieben: „Die Kritik ist nicht dem dogmatischen Ver-
fahren der Vernunft in ihrem reinen Erkenntnis als Wissenschaft entgegengesetzt,
sondern dem Dogmatismus, d. i. der Anmaßung, mit einer reinen Erkenntnis aus
Begriffen (der philosophischen)…“ (Kant: 1990, 20). Hieraus ist klar abzuleiten,
dass „Kritik“ für Kant nicht Kampf, Widerstand, Ablehnung und Unterwerfung
bedeutet, sondern Erkundung, Forschung, Analyse und Reflexion (曹兴/姜丽萍:
2005, 16). So wird auch deutlich, dass die Kritik der deutschen Zielgruppe an dem
Image-Film nicht unbedingt eine stark ablehnende Haltung bedeutet.
Die Frage des „chinesischen Nationalcharakters“ wurde von vielen Wissen-
schaftlern neu überdacht, so schreibt etwa der amerikanische Sozialforscher
Smith in seinem Buch „Chinese Characteristics“, dass die Chinesen Gesichts-
wahrung betrieben, fleißig und diensteifrig seien, großen Wert auf Etikette legen,
sich durch die Blume äußern, sich unterwerfen, ohne wirklich loyal zu sein,
usw. [21] Werke wie Liang Qichaos „Der Nationalcharakter der Chinesen“, Lu Xuns
„Betrachtung zum Volkscharakter der Chinesen“, Kang Baiqings „Betrachtung
zum Temperament des chinesischen Volks“, Lin Yutangs „Mein Land und mein
Volk“ oder Liang Shumings „Die Essenz der chinesischen Kultur“ stellen überein-
 Interkulturelle Analyse der kommunikativen Wirkung chinesischer Image-Filme   291

stimmend fest, dass es den „Chinesen“ an Eigenständigkeit und Kraft zur Autono-
mie mangele; dass das Gesichtskonzept als wichtig erachtet werde; dass die Chi-
nesen beharrlich und gutmütig seien und die Harmonie wahren (梁启超: 1994; 石
列娟: 2005; 鲁迅: 2008; 康白情: 1919; 林语堂: 2003; 梁漱溟: 2003). Es wird deut-
lich, dass das Konzept der Gesichtswahrung tief in der chinesischen Kultur ver-
wurzelt ist. Auch in der aktuellen Forschung über „Chinesen“ hat sich etwa bei
Ting-Toomey et al. gezeigt, dass das Gesichtskonzept im zwischenmenschlichen
Umgang und im sprachlichen Ausdruck der Chinesen eine wichtige Rolle spielt.
Oft streben sie aktiv nach Gesichtsgewinn, wobei das stets sowohl „Gesichtswah-
rung“ als auch „Gesichtgeben“ beinhaltet (Ting-Toomey: 1994, 47–77).
Nachdem sie den Film gesehen hatten, reflektierten viele der chinesischen
Zielpersonen darüber, dass der Film an zahlreichen Stellen zu sehr auf einen
glanzvollen Eindruck und auf Gesichtswahrung bedacht sei und dabei Reali-
tätssinn vermissen lasse. Dieser Eindruck zeigt das besondere Augenmerk, das
Chinesen auf das Gesichtskonzept richten. Die Psychologen Bond und Lee (1982)
haben in ihren Forschungen herausgefunden, dass kollektiv orientierte Gesell-
schaften das Gesichtskonzept stärker betonen als individualistisch orientierte
und auch mehr Wert darauf legen, die Gesellschaftsordnung zu wahren. Der Stel-
lenwert dieser Konzepte in China ist sehr hoch (Zhai: 2011) und hängt für Chine-
sen eng mit Anerkennung zusammen, deswegen springt den Probanden gleich
ins Auge, an welchen Stellen der Filminhalt besonders darauf abzielt, einen
schönen Schein zu wahren.

– Einfluss der unterschiedlichen Kulturstandards auf die deutsche und


die chinesische Zielgruppe

Um die kulturellen Unterschiede zwischen China und Deutschland wirklich zu


klären, muss man auf einen Vergleich der jeweiligen „Kulturstandards“ zurück-
greifen. Die „Kulturstandards“ verweisen auf „[…] alle Arten des Wahrnehmens,
Denkens, Wertens und Handelns […], die von der Mehrzahl der Mitglieder einer
Kultur für sich persönlich und andere als normal, selbstverständlich, typisch und
verbindlich angesehen werden“ (Schroll-Machl: 2003, 72–89)
Thomas (2003) und Liang (2003) haben Kulturstandards diskutiert und
zusammengefasst (siehe Tabelle 4). Zum Verständnis der kulturellen Unter-
schiede, die sich in den Rückmeldungen der deutschen und der chinesischen
Zielgruppe zeigen, kann man die Kulturstandards heranziehen. Aus der Auf-
listung wird ersichtlich, dass Chinesen tendenziell nach Beziehungen („关系“
guanxi), sozialem Status, Gesichtsgewinn und Harmonie in der Gesellschaft
streben, was im alltäglichen Leben zu einem Regelrelativismus führt. Im Gegen-
satz hierzu haben die Deutschen die Tendenz, die private von der öffentlichen
292   Chen Zheng

Sphäre zu trennen und sich auf eine Sache als solche zu konzentrieren; sie ten-
dieren auch zu Selbständigkeit, zu Pünktlichkeit und dazu, im Leben wie in der
Arbeit Strukturen und Regeln zu befolgen.

Tabelle 4: Unterschiede der kulturellen Standards in China und Deutschland; Quelle: Thomas/
Kammhuber/Schroll-Machl (Hg.) (2003)

Deutschland China

Trennung von privater und öffentlicher Sphäre „guanxi“, Beziehungen


sich auf eine Sache als solche konzentrieren sozialer Status
Selbständigkeit Gesicht, Gesichtswahrung
Pünktlichkeit Harmonie in der Gesellschaft
Strukturen und Regeln befolgen Regelrelativismus
Direktheit Etikette beachten

Die Kritik der deutschen Zielpersonen am Film ist ein gutes Beispiel dafür, dass
die Deutschen lieber über eine Sache als solche sprechen. Ob von „mangelndem
kritischem Bewusstsein“ die Rede war oder davon, dass „die politische Propa-
ganda zu stark“ sei, immer ging es um den Film als solchen, handelte es sich
um direkte Kritik an seiner Darstellungsweise und seinem Inhalt. Die Chinesen
hingegen übergingen den Film oft, um Kritik an sozialen Problemen zu üben;
so brachten die chinesischen Zielpersonen etwa die Kluft zwischen Arm und
Reich sowie die Unterschiede zwischen den Provinzen mit dem Inhalt des Films
in Verbindung, aber auch Fragen nach sozialem Rang, Harmonie in der Gesell-
schaft usw. wurden aufgeworfen. Das offenbart, wie stark konfuzianisch geprägt
die Mentalität der Chinesen immer noch ist. Die antike philosophische Tradition
des Konfuzianismus hat in China sehr viele greifbare geschichtliche Veränderun-
gen bewirkt und übt einen monumentalen Einfluss auf die chinesische Kultur im
Ganzen aus. Auch im Film selbst finden sich viele Stellen, die mit den Idealen des
Konfuzius im Einklang stehen.
Die Eindrücke, die die chinesischen Befragten als „Nachdenken über den
sozialen Status“, „die sozialen Unterschiede sind zu groß” und „die Entwick-
lung ist ungleich” wiedergaben, haben ihren Ursprung auch im konfuzianischen
Denken. Eine solche Sichtweise entspricht dem konfuzianischen Denken in
gesellschaftlichen Zusammenhängen. Konfuzius vertrat die Ansicht, dass kein
Mensch auf dieser Welt für sich allein stehe, sondern mit anderen zusammen
eine große Lebensgemeinschaft bilde. Im Staat müsse jeder Mensch die Pflichten
übernehmen, die mit seinem „Status“ einhergehen. Nur durch strenge Einhal-
tung der statusbedingten Arbeitsteilung und gewissenhafte Ausübung der Pflich-
 Interkulturelle Analyse der kommunikativen Wirkung chinesischer Image-Filme   293

ten könne das friedliche und harmonische gemeinschaftliche Leben in einem


Staat gewahrt werden (Lin-Huber: 2006, 41). Da der Image-Film nicht alle sozi-
alen Schichten Chinas abbildet und die Unterschiede zwischen den Regionen/
Provinzen deutlich macht, wird eine chinesische Zielgruppe sehr leicht an die
Statusfrage denken.

4 Empfehlungen und Zusammenfassung


In einem kurzen Film ein Gesamtbild von China zu entwerfen, ist fraglos schwie-
rig. Bis eine wirksame interkulturelle Kommunikationsstrategie entwickelt ist,
die in einem ausländischen Publikum Verständnis und Liebe zur chinesischen
Kultur wecken kann, bis die geschmacklichen Vorlieben und die psychischen
Mechanismen eines internationalen Publikums bei der Filmrezeption erforscht
sind, liegt noch ein ganzes Stück Arbeit vor uns.

4.1 Allgemeine Bildung, das Niveau interkultureller Akteure


stärken

Da viele Denkweisen in China tief verwurzelt sind, muss eine Unterweisung in


interkulturellen Fragen an der Basis ansetzen und dann Schritt für Schritt syste-
matisch entwickelt werden. Nicht nur das Level der allgemeinen Bildung muss
angehoben werden, es sind auch strukturelle Probleme zu lösen, wie etwa die
ungleiche Verteilung von Bildungsmöglichkeiten in den unterschiedlichen Regi-
onen.
Es geht darum, sich den aktuellen Problemen zu stellen und das Bildungs-
wesen aktiv auszubauen. Jeder Einzelne soll ermuntert werden, sein kulturel-
les Wissen zu erweitern und so einen Beitrag zum Ganzen zu leisten. Kritik und
Selbstkritik, aktives Lösen von Problemen, rationales Denken und Reflexionsfä-
higkeit sowie die Vernetzung und Kommunikation zwischen kulturellen Räumen,
ob inner- oder interkulturell, sind zu kultivieren und auf rationaler Basis in
Angriff zu nehmen.
294   Chen Zheng

4.2 Sich selbst und den anderen kennen – mehr indigene


Forschung zur Erweiterung der Theorien interkultureller
Kommunikation
Gemäß Bredellas (2007) Theorie über Innen- und Außenperspektiven stellt es
eine Perspektiverweiterung dar, fremde Kulturen verstehen zu lernen. Im Zuge
dieser Perspektiverweiterung muss man zunächst einmal Wissen über die eigene
und die fremde Kultur erwerben, schließlich selbst an der fremden Kultur teil-
nehmen, um zu verstehen und sich verständlich zu machen. Doch das bedeutet
nicht, dass man sich selbst verleugnen oder aus Zusammenhängen ausklammern
soll: Es handelt sich vielmehr um eine Koexistenz mit der fremden Kultur, wobei
die eigene Kultur Eingang in die Fremdkultur findet. Indem man die fremde
Kultur wirklich kennen- und verstehen lernt, wie auch die Unterschiede und Ver-
bindungen zwischen den beiden Kulturen, erlangt man schließlich eine Außen-
perspektive, die die Rangunterschiede zwischen der eigenen und der fremden
Kultur überbrückt – und eine Perspektiverweiterung ist erreicht. (Bredella, 2007:
11–30) Um diesem Ziel näherzukommen, muss mehr indigene Forschung betrie-
ben werden. Nur sie führt zu dem Ziel, „sich selbst und den anderen zu kennen“,
und weist gangbare Wege für die interkulturelle Kommunikation.

4.3 Neue Ideen einbringen, langfristige Strategien für den


interkulturellen Austausch entwickeln

„Der Einfluss der Medien auf Zielpersonen ist kein kurzfristiger, sondern ein
langfristiger, unterschwelliger, der sich allmählich aufbaut und unterbewusst
die Wirklichkeitswahrnehmung der Menschen zu formen beginnt.” (Shao/Pan:
2006, 70) Die Langzeitwirkung und die aktuelle Wirkung der Medien müssen
untersucht werden, um die langfristigen Ziele des interkulturellen Austauschs zu
verwirklichen. Auch die stetige Entwicklung und der Prozesscharakter von Kultur
sind zu berücksichtigen, was immer damit einhergeht, dass sich äußere Einflüsse
mit lokalen kulturellen Gegebenheiten mischen und eine wechselseitige Beein-
flussung stattfindet. Der amerikanische Soziologe Roland Robertson hat darauf
hingewiesen: „Auf der ganzen Welt hat der Kapitalismus bereits zu kulturellen
Angleichungen geführt, doch gleichzeitig bringt er auch eine kulturelle Hetero-
genisierung hervor. Wir haben bereits die Umstände der Angleichung/Homoge-
nisierung kennengelernt, wie auch die der Heterogenisierung.“ (Robertson: 1992,
8). Die Entwicklung der interkulturellen Kommunikation ist also ein Prozess, bei
dem viele Faktoren im Wettstreit miteinander liegen. Durch stetigen Austausch,
Kommunikation, Verständnis und Reflexion muss man sich an die Bedürfnisse
 Interkulturelle Analyse der kommunikativen Wirkung chinesischer Image-Filme   295

der Zielgruppe annähern. Findet in der Kommunikation eine Hinwendung zum


„anderen“ statt, dann wird auch das Ziel erreichbar, das eigene „Selbst“ adäquat
auszudrücken.

5 Literaturverzeichnis
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Anhang
Chinesische Zusammenfassungen der
Beiträge – 论文的中文总结

1 德语区的中国形象——关于“中央之国”的族裔刻
板印象和偏见的研究综述以及对跨文化交流的
展望 (Friedemann Vogel/贾文键)
一直以来, 人们都被关于陌生国家、民族和文化的知识所吸引。这些知识的获取形式也一
直以来由社会和媒体所决定。在旅行还是珍贵且昂贵的特权的时代, 关于这些陌生国家、文化
和民族的知识一般来源于小部分富贵人士的旅行叙述和记录 (关于中国的记录参见 Liu 2001)。
由于缺乏与陌生国家、民族和文化的直接接触, 绝大多数人无法自己构建出其相应形象。随着
19世纪的技术发展, 最晚自20世纪下半叶以来, 人类所有的生活领域都被媒体化了 (尤其通过出
版社、广播、电视和网络), 这彻底改变了以往人们获取关于陌生国家、民族和文化的知识的方
式。虽然社会的中产阶级比以往更有能力负担乘火车或者飞机旅行所产生的费用, 大众媒体仍
然是民众至今为止获得关于 “他者” 知识的主要方式。由此, 大众媒体成为了社会刻板印象和偏
见的基本组成部分。刻板印象是 (社会)认知的知识框架, 其很大程度上影响了我们对世界的感
知。刻板印象作为图式化的知识, 是层级化、典型化组织的特征归属网络的一部分 (X → Y → Z →
…)。我们需要对刻板印象和偏见进行区分, 刻板印象是特定的、被认定为典型的知识形式和 “
偏见” 的上位概念, 它是价值中立的。偏见则是包含对世界中某个人、某个群体或者某个事物
的贬低性评价的刻板印象。例如, 偏见的语言表现形式为: 所有德国人都是纳粹或者所有中国
人都吃虫。
一旦习得刻板印象, 它便会在其持有者的社会认知领域中发挥重要作用: 作为一种可简单
提取的知识框架, 刻板印象对——原则上无限复杂的——感知现实进行图式化的整理 (即进行简
化、一般化和从具体到抽象), 提供高效的、被证明的、能被他文化成员所预知的行为基础, 因
此能减少其持有者选择行为时的困难, 帮助他做出决定。只有通过这种方式, 个体才能在拥有有
限认知资源的情况下, 短时间内比如在蔬菜市场拥挤的人群中满足自己的需求 —— 即采购。这
些过程是高度自动化和仪式化的, 而且多数情况下是无意识进行的。通常, 只有在刻板印象缺
席时, 人们才察觉到它在认知方面的减负作用: 例如在陌生的国家旅行、在不熟悉的环境中做
客或者处于一种自己所陌生的氛围中。在这种情况下, 人们会说 “没有经验” 或称之为 “挑战”
。由于刻板印象能够简化个体对外部世界的感知, 因此它具有稳定化的倾向, 对变化免疫: 为了
维持简单的决策结构, 个体 所感知到的与已有刻板印象不一致的社会现实的某些方面直接屏
蔽在外。
目前, 德语区关于中国和中国人的刻板印象及偏见的研究呈现出巨大的差异, 不同学科以
不同的研究方法为基础。除少数综合性研究外 (Richter et al. 2010; Bieber 2011; Bürger et al.
2014; Huawei 2014), 我们还发现许多焦点研究, 它们如马赛克般拼合出相对清楚的轮廓。占
据统治地位的是一种陈词滥调的形象, 这种形象与其说涉及的是中国和中国人, 倒不如说是表
明了德国主流文化的过去或现在。与过去几十年德国媒体对中国的报道相比, 居高临下和反共

Anmerkung: Übersetzung der allein deutschsprachigen Beiträge ins Chinesische von Tang
Meng (Beijing).

DOI 10.1515/9783110544268-015
300   Anhang

产主义的态度在今天的媒体报道中已不常见了。但欧洲中心主义的基本倾向 ——不仅针对中
国——依然是跨文化交际所面对的一个巨大挑战。
打破跨文化偏见、避免误解和冲突、相互建立起基本的信任是一个耗费精力的艰辛任
务。这一任务应当开始于反思自己关于 “他者” 不曾澄清的预设, 同时愿意对他者进行区分。区
分首先意味着承认矛盾, 即承认那些看起来相互排斥但又同时存在的特点。只有这样, 才能产生
相互理解的基础。
为了改善中欧人民之间的跨文化交流, 我们主要从媒体报道方面提供以下建议, 以供讨论:
1. 建立德中记者学校, 作为德国和中国记者相互交流的共同机构;
2. 建立或扩大针对记者、科学家和企业家的中德合作奖学金项目;
3. 逐步扩展现有的国际项目, 特别是在中德大学暑期班和中学生交换项目。

2 纸媒中的中国镜像——介于踩和捧之间? 德国媒
体报道内容和专家视角 (Caja Thimm)
本文致力于通过不同的方式, 揭示出德国媒体和本研究所选择人群眼中的中国形象、对中
国的态度以及关于中国的刻板印象。本研究结合使用媒体分析和受众分析两种方案, 以求在执
行不同的分析方案时都尽可能获得多元化的视角。这种多元视角的分析方式, 使本研究得以实
现较高程度的观点多元化和阐释的多层次性。
研究表明, 德国媒体中的中国形象并不统一, 但有一点却是十分清楚的: 中国形象始终处于
变迁之中。基于相关报纸进行的内容分析表明, 在所研究的媒体中, 中国经济的重要性始终是占
据主导地位的话题之一。当然, 中国在国际舞台上饰演的角色也越发受到媒体关注: 相关报道
的议题范围很广, 并且议题密度很高。媒体对中国的态度绝非一味负面, 而往往是塑造出较为均
衡的中国形象。其中, 当媒体并非仅从德国视角评论中国社会的弊端时, 其所建构的中国形象尤
具批判性。
在受众分析方面, 本论文对四个领域 (经济、政治、科学和文化)的专家进行了访谈。专家
访谈结果部分印证了媒体内容分析的结果, 不过绝大多数专家都认为, 德国媒体的涉华报道仍
然过于片面和单一, 细化程度不够。而且受访专家们也主要 中国视作经济快速增长的国家, 只
有少数专家认同中国在文化领域或者科学领域取得的成就具有重要意义。在环境保护和人权方
面, 受访专家对于中国的态度最具批判性。此处引人注意的是, 相比而言, 在其自身具有直接经
验的领域 (通过与中国人的直接接触, 或通过文化体验或旅游), 受访专家们对于中国的评价更为
积极, 而在其信息来源主要依赖媒体或者二手信源的领域 (如政治和人权), 受访专家对于中国的
评价则消极多了。这说明, 个体与中国的直接交流, 对于增强彼此间的理解能够产生积极影响。
就德国媒体的涉华报道本身而言, 受访专家们批评称: 德国媒体主要从西方的视角出发报道中
国, 并且部分领域的报道有失均衡。很多专家指责说, 媒体总是展示中国消极的一面, 关于中国
的刻板印象在涉华报道中占据主导地位。
尽管本研究的分析结果部分体现出对中国的批判性视角, 但同时分析也表明, 中国现代性
的一面越来越多出现在德国的媒体世界中。德国对于中国的报道是多样性的、有深度和广度
的, 而绝不是仅仅报道中国经济或者中国社会问题。不过中国作为 “新政治格局中负责任的行
为主体” (Peuckmann 2010:34)的身份, 对于很多人而言, 尚非清晰可辨。看起来在这个方面已
经有了对之进行相应报道的理由和动机。
 Chinesische Zusammenfassungen der Beiträge   301

3 中国形象的语言学分析: 理论和方法基础及分析
范例 (Friedemann Vogel)
对比性的语言学形象分析 (Vogel 2010a, 2010b, 2012, 2014) 遵循以福柯理论为基础的话语
语言学范式、前人对语言刻板印象的分析理论和方法以及语料库语言学的研究方法。最基本的
是对作为真实认知实体的刻板印象和 “媒体形象” 进行区分。 “大众媒体形象是全球话语事件的
组成部分, 它体现于典型的、重复出现的、对语境敏感的语言模式之上, 为框架的标准填充项和
刻板印象提供了语言表达方面的草案” (Vogel 2010a, 第350页)。
媒体形象的概念完全服务于启发式目的, 它指的是大众媒体中跨篇章的、指示同一事物的
语言模式, 这些大数据中的语言模式表明话语中有效显著的思考图示。
为了实 上述理论, 需要对包含成千上万的文章和数百万词语形式的大型语料进行分析。
与传统阐释学的单个篇章分析不同的是, 这里的媒体形象分析较少关注单个的、作者在需要时
有意选择的语言表达方式, 而是高频出现的语例。这些语例从整体上帮助形成构筑刻板印象的
媒体背景声音, 通过可计算的语言模式使其得以显现。这种方式的形象分析不能单纯依靠人工 (
手动的)分析, 而是需要借助能够处理语言数据的计算机算法和软件。语言学形象分析正是由此
着手, 因为这种分析方法能够最大程度地超越具体主体, 特别是篇章生产者进行抽象和提炼……
它抛弃了 封闭的篇章单元作为整个篇章分析基础的这种分析范式, 更多地聚焦于以大型语料
为基础的、跨篇章层面上重复出现的语言模式……这些语言模式体现了媒体 特点归赋予事物
的归属认定模式, 通过它们能够最终 (小心翼翼地)推断到民众中可能隐含的刻板印象 (或者原型
式的知识型标准填充项)。(Vogel 2010a, 第352页)
“德中形象报告2000年 — 2014年”项目以包含15个不同德语纸质媒体和网络媒体 (主要为
德国媒体, 包含少量奥地利和瑞士媒体)、238 595 篇文章 (15 543 000 000词符) 的核心篇章语
料为共同的实证基础。这些文章覆盖的时间区域为2000年1月1日和2013年12月31日, 每篇文章
至少包含一个与中国有关的表达方式。
从对本语料的整体统计研究中 (另有焦点研究, 参见本书中李婧和Elisa Lang的文章), 可以
获得以下大概符合德语区民众刻板印象和偏见的媒体形象:
‘典型的’中国是巨大的和不同的 (奇特的、陌生的)。中国是各种 “最”之国: 海量人口、超
大规模的地区和城市 、超强的经济增长速度、最有吸引力的生产基地和低工资国度, 最快的进
步和建设。中国实行的是一种有问题的内部政策, 人民的信息和行为一直受到控制, 每一个批评
都被无情地扼杀在摇篮之中, 简单来说: 中国是极权的、共产主义的、非西方的。中国这个国家
和它变富的精英阶层是腐败的;他们 环境、人、自然和陌生的思想产品 (观念)置于自身发展这
一优先任务之后。中国是全球最大的环境污染者, 且不受教诲。同时, 中国在过去几年中经历转
型, 是资本主义式的门槛国家, 但在贸易限制和货币政策方面却 (依然) 不遵守国际游戏规则。它
成为越来越重要的贸易伙伴 (对德国和欧洲而言)和未来的投资市场。人们需要小心的是, 中国
在经济上和政治上都渴求世界权力, 是美国和欧洲的竞争对手。中国产品质量不足; 但中国也在
逐渐发展自己的创新科技 (特别在计算机、汽车和能源领域)。中国是拥有悠久的历史、文化和
医学的古老国度。中国文化包含特殊的工艺品 (这里不作详述, 参见2.3)。
‘典型的’中国人是矮小的、语言上不敏捷的 (从德国视角)、黄皮肤、眯缝眼。中国人拥有
奇特的饮食文化 (不寻常的食品 —— 除酸甜鸭、中国面和幸运饼干以外——和不寻常的饮食习
惯), 极其严格的、不适宜儿童的教育方法。中国人是礼貌的、拘谨的、谦虚的, 为了集体坚定
地奉献自己, 是难以捉摸的 (神秘的或者狡猾的、阴险的)、骄傲的。在武术和医学方面, 中国人
拥有传承下来的特殊知识, 中国人喝很多茶。中国人只有一个小孩, 而且最好是男孩。中国人对
父母和家庭尤其尊重。
302   Anhang

4 “财富之国”——关于中国经济的语言学形象分
析 (李婧)
本研究是CDI项目的组成部分, 秉承语言学形象分析的思路和方法 (详见Vogel 2010a,
2010b, 2014), 聚焦德语媒体中语言建构的中国经济形象。本研究通过多步骤筛选, 从CDI总语
料中提取出一个 “经济核心语料集” 作为实证分析的基础, 主要探讨问题为: 德语媒体主要聚焦
哪些主题、以何种方式报道中国经济?本论文旨在通过计算机辅助的语料库语言学分析方法,
提取总结出在媒体报道中反复出现的主题范畴和描写认定范式, 揭示媒体通过话语建构重要议
题、观念、形象的运作方式。
整个论文包括一项总体研究和两项焦点研究。总体研究从提取、分析主题词入手 (主题词
的搭配分析、索引行分析), 在对其进行语法-范畴化预分类的基础上, 生成一系列统合多个主题
词的主题领域, 得出经济形象的核心要素。两项焦点研究分别关注 “技术转移” 这个话题和三个
高度标签化的语言表达模式, 从不同视角对总体研究得出的结论进行印证和细化。
从分析结果中, 可以高度概括总结出以下关于中国经济的媒体形象:
“中国经济的显著特征是高速持续的经济增长以及带来更多财富的辉煌经济成就。一方面,
中国因其幅员辽阔、不断增长的市场, 吸引来自全球的大量投资, 成为举世瞩目的热门投资地
点; 另一方面, 中国也作为活跃于全球的投资方, 出于不同目的, 有选择有重点地在国内外进行慷
慨投资。由于低价的货币和劳动力, 中国成为重要的生产基地和出口大国, 给全世界提供各种产
品和商品。近年来, 中国经济也开始经历往更多科技、质量和内需型消费方向的转型。经济过
热、对能源和原材料的消耗以及与此关联的环境压力是中国经济最严重的问题。在全球经济语
境中, 其他国家因中国对世界景气的重要性, 既把中国当作机遇, 也把中国视为竞争对手: 原先,
在中国挣钱很容易, 工资低, 市场大, 中国人愿意付钱购买有西方技术含量的商品; 后来, 中国人
反过来想去国外挣钱了, 向世界市场输出价格更低、质量上却越来越有竞争力的产品, 中间还使
用一些不恰当的方法 (强迫进行不平等的经济合作、窃取西方的技术、操纵货币、从非洲进行
大量采购等)。
在报道中反复出现的、最重要的中国经济框架中的行为主体包括: 最高层面的单个国家类
主体 (中国/政府、德国、印度、美国)和国家集合类主体 (西方国家、非洲国家); 中间层面的
机构类主体 (如银行、企业、公司、工厂、合资企业)和群体类主体 (如投资人、企业主、生产
商、农民、工人、农民工); 最低层面的个人类主体, 即个别在政治经济领域有重要影响力的个
人。”

5 “中国看起来特别具有威胁性和不讨人喜欢, 因
为中国人拥有过强的学习动机和令人厌恶的上
进心”—— 德国媒体中的中国教育 (Elisa Lang)
本项焦点研究是CDI项目的一部分 (参见Friedemann Vogel和贾文键的文章), 所探讨的问题
为, 德国媒体以什么样的方式构建和传递了何种中国教育的语言形象。研究目标为获取德国媒
体报道经常归赋于中国教育的不同特征。在此过程中, 应抓住那些对建构 “公众形象” 发挥决定
性作用的、明显和隐藏的意义层面。本论文的分析围绕以下研究问题进行: 德国媒体运用了哪
些语言手段来指称中国教育 (话题、物品、人物、群体等)以及这些语言表达中包含了怎样的评
价性视角?如何能够从相关的语言模式中推断出媒体受众中潜在的刻板印象?
 Chinesische Zusammenfassungen der Beiträge   303

本研究以计算机辅助的形象分析为基础, 针对德国受众关于中国教育的潜在有效的刻板印
象, 提出以下高度概括化、尖锐化的假设:
“中国的学校教育和家庭教育注重成绩, 是独裁的、不人道的。家庭和教育机构中充斥着
极端的严格、压力、纪律、军事般的训练 (或操练)和无限忍耐痛苦 (折磨)的要求。毫不妥协的
老师使用传统和僵化的教授方法, 例如死记硬背和模仿。中国学生被他们毫不妥协的父母驱赶
着, 形成了上进心强、守纪律的和忍耐力高的性格 (被动忍受父母的权威)。由于充满了 酷的
竞争, 教育就是一场艰苦的竞赛。国家组织的选拔考试 (例如高考), 其目的在于挑选精英, 因此
对家长和学生来说是成功的关键。中国社会中教育的突出意义在中国国内备受重视, 因为它使
个人能够借此提升自己的社会阶层, 能够获得成功。在中国, 教育是经济成就和现代化的重要资
源, 这一点也表现在对外语学习的努力劲头上。但中国学生的高度纪律性 (或纪律化)和中国大
学毕业生的成就对其它外部国家而言是一种危险, 他们害怕中国学生 如洪水般淹没西方社会,
并威胁到德国毕业生的工作岗位。”

6 狗、围栏和桥——饮食话语中德中文化相遇的
隐喻和转喻 (Marcus Müller/Maria Becker)
本论文以包含834篇文本和556698个词 (词符) 的语料库为基础, 旨在分析关于集体认同和
文化相遇的想象在饮食话语 (以食物、厨具等为主题的话语)中是如何体现的; 以及在自我遭遇
他者时, 这些想象能够提供怎样的启示。我们的研究聚焦于意义建构的隐喻和转喻过程, 因为
在自我遭遇他者时, 此类过程是发生在语言层面的基本程序。语料分析表明, 隐喻过程的作用
更多在于表述本土文化与他者之间的相似性或差异性, 而转喻过程则在建构对于整体话语结构
而言极为重要的深层语义元素方面, 起到关键性作用。在隐喻和转喻的过程中突显出两种相互
影响的机制, 即一致性和差异性的符号生产机制。在通过隐喻和转喻所实现的方案性凝缩中, 产
生出一个混合空间。在这一空间中, 自我基于他者的存在得以突显出来, 并也因此自我才能够在
认知层面实现感知和掌握他者的功能。在这个意义上, 基于我们的语料所分析得出的概念具有
Bhabas (2000)所说的 “第三空间” 的形式。
口头谈论饮食或者书面描述饮食, 是与文化的表现形式密切交织的。这种交织在语料凭证
中以各种不同的形式体现出来, 例如, 由黑森林木材制作而成的筷子视作文化接近和文化适
应的象征, 或者, 狗肉作为关于中国饮食的刻板印象, 这点标识的是德国视角下中国文化的陌生
性。对于他者的隐喻化和转喻化标记, 其本身通常并非陌生的标记手段, 而是跨文化话语中耳熟
能详的组成部分, 例如茶和狗肉作为人们通常以为的中国人的基本食品、筷子作为餐具。当新
的 “门槛情境” (Parr 2011) 产生时, 比如在旅游行业中, 当人们熟知的刻板印象受到全新经验的
挑战时, 那么这些已知的用于标记他者陌生性的元素, 在处理新的经验时便可以派上用场, 人们
可以借助它们对新经验进行认知层面的加工——对新经验的认知处理, 往往是在臆想的陌生性
中发现了自我的属性, 或者一直以来被视作陌生的属性逐渐变成自我的一部分。饮食话语是文
化政治的旁支, 与世界政治话语相比, 在饮食话语中往往能够更好地、更清晰地观察上述过程,
因为世界政治话语已经被诸如民主和独裁这样的阐释框架或者左倾、右倾图式所覆盖。在这个
意义上, 我们认为已经找到迹象表明, 在饮食议题上关于隐喻化和转喻化凝缩现象的分析, 恰恰
可以作为衡量文化语境的稳定性与动态性的标尺。
304   Anhang

7 自我形象与他我形象的交互作用 – 分析有关中
非关系的媒体报道 (赵劲)
习近平在出任中国国家元首后的首次出访中, 选择访问非洲国家, 体现出非洲在中国对外
和经济政策中的重要性。然而, 中国奉行的对非政策在德国媒体眼中却有了另一种解读方式, 和
本国认知相去甚远。该文以2013年3月22日至30日习主席出访非洲为契机, 围绕着新殖民主义
这一话题, 分析中、德两国媒体对习主席此次非洲之行报道的差异, 以研究自我形象与他我形象
之间的交互作用, 探究导致该现象出现的历史原因。
随着经济的飞速发展, 中国成为当今世界一支重要的政治力量。近年来, 德国媒体对于中
国的关注度明显提升, 相关报道层出不穷。学术界也 目光投向两国媒体报道间的差异, 涌现了
许多相关研究, 其中之一便是中非关系。总的来讲, 中国在非洲不断扩大的影响力屡次遭到西方
国家的诟病, 被扣上了 “新殖民主义” 的帽子, 但很少有文章去分析其背后的原因。
在习近平2013年3月16日至31日访非期间, 中、德印刷媒体关于中非关系的报道, ⟪法兰克
福汇报⟫有6篇, ⟪明镜⟫周刊有1篇, ⟪世界报⟫有5篇, ⟪文汇报⟫有29篇, ⟪人民日报⟫有67篇。筛选
出其中关于新殖民主义的报道作为研究语料, 中、德两国媒体各为3篇: 其中⟪法兰克福汇报⟫
、⟪明镜⟫周刊及⟪世界报⟫各1篇, ⟪文汇报⟫3篇。本文采用Spitzmüller/Warnke (2011)的话语分
析模式, 从篇章的选词、造句、谋篇及篇章之间的信息关联、结构和语义功能方面进行分析, 以
揭示他我形象和自我形象的建构机制, 并尝试从历史的视角去解读成因。
研究结果表明, 德国媒体通过直接的、对比的和间接的方式给中非合作贴上了新殖民主义
的标签。就直接方式而言, 主要指责中国在非洲的经济活动是一种 “新的殖民形式”, 称中华民
族为 “黄种殖民者” 等; 采用 “帝国主义” 及 “霸权主义” 等意识形态强烈的词汇指责中国扩张政
治及经济势力的企图与野心。其次, 通过对比的方式, 中国人描述为贪婪、肆意的种族主义
者, 是非洲的殖民统治者。具体是通过共时和历时的对比, 把现在的中国与历史上的西方殖民霸
权进行对比, 例如提到坦桑尼亚历史名城巴加莫约, 1891年前是德意志帝国在东非殖民的重要据
点, 而中国现在是那儿新的殖民统治者; 非洲国家向殖民母国出口象牙以及奴隶买卖的历史与现
今向中国出口自然资源的现状对比; 欧洲列强在柏林会议上瓜分非洲与中国占领非洲合作先机
进行对比。而在当今世界, 又 中国与西方各国的对非政策进行对比。中国如今是非洲最重要
的经贸伙伴, 而西方国家对非洲经济的影响力却不断减弱; 中国在非支持独裁, 西方则推行民主
自由; 中国俨然成为西方殖民列强的继任者, 而西方国家则化身为道义的象征。此外, 采用间接
的方式, 从经济、政治、文化和军事方面塑造中国的新殖民主义形象。例如, 称中国单方面掠夺
非洲资源, 倾销商品; 政治上中方支持非洲当地的独裁者巩固其在非势力; 选用了 “占领”、 “具
有攻击性的” 及 “干预” 等字眼暗指中国在非的经贸合作其实质与军事干预无异; 文化上通过宣
传实行文化侵略等。而这些行为都契合了 (新)殖民主义的定义。
中国媒体则在报道中驳斥了西方新殖民主义的不实指责, 主要针对尼日利亚央行行长拉米
多·萨努西 (Lamido Sanusi)提出的所谓要警惕中国的论调。他提醒非洲国家在充分利用中国给
非洲带来机遇的同时, 要预防中国对非洲事务的介入。对此, 中方报道主要从以下三方面予以
了反驳: 1. 非洲和中国经济存在互补性; 2. 通过解释殖民主义的定义及特征; 3. 引用非洲政界、
学者对中国的高度赞誉。另外, 中文报道侧重中非长期互信互利的伙伴关系, 强调双方的传统
友谊。
通过对中、德两国媒体就中非关系进行的专题报道, 我们不难发现两国就同一事件报道角
度与立场差异巨大。美国学者布丁 (Boulding)认为, 国家形象是对历史、对过往事件的记忆、
对故事和谈话等以及对大量常常处理并不理想的肤浅的即时信息的一种混合。因此, 要探究
造成主、客体认知差异的原因, 就必须深入了解两国的相关历史。德国媒体始终 中国在非洲
的经济活动与历史上欧洲的殖民霸权联系在一起进行比较, 这与德国在非洲的殖民史是分不开
的。回顾历史, 非洲是欧洲国家独享的势力范围。进入新世纪, 中国迅速崛起让一些视非洲为后
院的西方国家感受到了潜在的威胁, 仿佛中国 “动了西方的奶酪”, 再加上中、西方政体与意识
 Chinesische Zusammenfassungen der Beiträge   305

形态上差异明显, 中非关系引来了一些西方国家对中国的担忧。他们 中国在非洲活跃的经济


活动解读为占领资源, 是 “新殖民主义”。而中国自身的发展经历赋予中国在对非关系上积极正
面的国家形象认知, 中国与非洲有着相同或相似的历史遭遇, 中国和非洲友谊源远流长, 早在新
中国成立之初就建立了友好邦交。中华人民共和国首任总理周恩来首次访非更是为双方在经济
技术领域互帮互助和共同发展打下了坚实的基础。
从上述分析中可以总结出, 自我形象与他我形象间互相影响, 相互作用。

8 海外中国人在德国主流媒体中的镜像 (周海霞)1
一、 选题动机与研究设计
本文以定期抽样方式 (从第2期开始每隔3期选一期, 即所选刊号为2、6、10、14……), 选取
德国主流媒体⟪明镜⟫周刊 (Der Spiegel)和⟪时代⟫周报 (Die Zeit)自2000年至2010年期间以海外
中国人群体为(部分)主题的报道共33篇。基于批评话语分析方法 (CDA)得到的分析结果, 显示出
海外中国人在德国媒体中所呈现的群体形象。
在现代社会, 人们的信息很大一部分来自于大众媒体, 因此一国媒体眼中的海外中国人形
象, 在一定意义上能够代表性地反映该国公众是如何看待海外中国人的。研究德国主流媒体中
的海外中国人群体形象, 不仅可以在一定意义上反映出德国公众对海外中国人的判断, 同时对于
其他西方媒体眼中的海外中国人形象研究也具有一定的代表性意义。
二、 分析结果呈现
德媒中关于海外中国人的报道主要涉及五个不同的华人/中国人群体, 他们分别是非法移
民、中餐馆经营人员和工作人员、在与中国接壤的他国边境区域经商的中国人、留学德国的中
国学生、赴德中国游客。
(一)、非法移民与偷渡事件
海外中国人群体形象的侧面之一是 “偷渡”, 与德国媒体所塑造的大量中国人偷渡到西方的
刻板印象相应, 一方面, 德媒对海外中国人/华人聚居地在官方登记的人口总量不变、或者无确
切人口数据的情况提出质疑; 另一方面中国非法移民在德媒中被定位为来自贫穷国家的、对当
地社会具有负面影响的不稳定因素。
(二)、 中餐馆与非法行为
在德媒中, 中餐馆的形象却并不像中国美食那样吸引人。相反, 中餐馆的形象在德媒中总
是与各种非法行为和非法交易联系在一起。其中2007年德国汉堡市附近的一家中餐馆发生的
七人遇害事件具有话语事件的质量, 该事件印证并再次激活西方社会长期以来认为中餐馆业存
在洗黑钱等非法行为的猜测。
(三)、 在与中国接壤的他国边境区域经商的中国人群体
此处的报道议程同样涉及中国人在他国境内非法居住的问题、中国农村人口的贫困生活,
也存在 中国人群体与洗黑钱等非法行 关联的刻板印象。可以说, 中国人群体被塑造成掌控
当地经济的、具有侵略性的 “殖民者” 形象。
(四)、⟪时代⟫议题: 留德中国学生群体
一方面, 留德中国学生群体在德媒中的重要形象特征是好学与勤奋, 德媒对于中国学生生
源质量的评价很高; 另一方面, 中国大力实施吸引留学人员回国发展的政策以及越来越多中国学
生学成归国的趋势, 让德国媒体看到的是中国对西方构成潜在的科技威胁。

1 本论文为北京高等学校“青年英才计划”项目的阶段性成果, 立项单位: 北京市教育委员会, 项


目号: YETP0828。
306   Anhang

(五)、 赴德中国游客群体
德媒对于中国游客群体的基本定位是: 生活富足、有一定消费能力。虽然中国游客能够给
德国等欧洲国家带来消费增长, 受到德国旅游业欢迎, 但是根据德国媒体的报道, 这个群体本身
在德国社会显然却并不受欢迎, 其群体形象是倾向负面的。德媒一方面突出中国游客多喜参加
几日多国游的特点, 另一方面表示, 由于存在文化差异, 德国旅游业很难应对某些中国习俗。
三、 总结
德国媒体所塑造的海外中国人 (华人)形象以负面居多, 除了中国留学生群体形象主要为中
性偏正面之外, 其他身份的海外中国人群体形象均偏向负面, 不管是长期在海外生活和工作的中
国人群体, 还是短期在海外旅游的中国游客群体。除留学生群体外, 在海外长居的中国人作为群
体多被视为社会不稳定因素和外来威胁, 其群体形象更多与非法行为联系在一起, 如偷渡、非法
劳工、刑事案件等, 其中较为典型的是中餐馆与中国商人群体。可以说, 海外中国人群体被视为
导致当地不稳定的因素, 甚至更有报道臆测称, 海外中国人群体背负中国在海外实现本国利益的
使命, 由此, 黄祸论再度甚嚣尘上。短期赴海外旅游的中国人, 虽不被视为威胁, 但因为行为方式
与德国人存在差异和切实存在不当举止被予以负面评价, 进而在德国媒体涉华报道中也主要呈
现出不受欢迎的形象, 这主要与中德两国存在较大文化差异有关。
从语言使用层面看, 在关于海外中国人的话语片段中, 德国媒体经常使用“远东”这样的刻
板印象标记词汇, 这反映出中国人群体在德国媒体眼中的异文化特性。媒体重复使用该词提醒
受众, 这是个来自遥远国度的群体。德媒在描述海外华人群体, 尤其是在境外长期生活的华人群
体时, 还会使用 “黄祸”、“黄色洪水”等侮辱性的偏见标记。这样的偏见承载着德国人对于中国
的负面历史记忆, 经过几百年之后这种记忆再次被唤醒。“黄祸论”的再提一方面表明历史偏见
之根深蒂固, 即使有一段时间被遗忘, 但当它遇到合适的土壤时就会被唤醒; 另一方面也说明海
外中国人群体的媒体形象负面程度之高。如此根深蒂固的刻板印象和偏见主要是以长期生活在
海外的中国人群体为对象的, 因为在德国媒体眼中, 这些海外中国人是入侵者, 对“我群体”成员
构成威胁。当然, “黄祸” 以及“黄色”再次被提起, 与中国因国力增强而被视作对西方构成威胁
有关。对于只是短期赴国外旅游的中国游客, 德国媒体所关注的更多是中西两种文化相遇时人
们在行为举止上的差异, 即文化表层的符号差异, 而不会视之为威胁, 何况这个群体还能够给德
国带来经济收益。因此在相关话语片段中“远东”这样的刻板印象标记同样存在, 而“黄祸”则不
再出现了。

9 媒体建构下西藏话语的对比研究——以中德百
科全书为例 (苏芙)
随着国际关系的风云变幻, 越来越多的现象仅从纯理性角度已无法得到合理解释, 长时期
占据主流地位的现实主义学派一时陷入了失语状态, 国际关系研究开始多元化, 新的范式与理论
层出不穷。其中, 文化的重要性、文化与利益的交互作用逐渐进入研究者的视阈。
近年来在中德关系中不断引发双边龃龉的西藏问题为这种交互作用提供了典型例证: 冲突
虽爆发于外交层面, 但究其根源, 西藏问题所体现与折射的正是不同文化、不同话语体系的碰
撞。众所周知, 话语并非外部世界真实、客观的再现。因此, 由话语事件所建构起来的话语语境
也不可避免地与现实世界产生偏差。在西藏问题上, 中、德双方就的的确确在“用不同的语言说
话”, 这也是不同知识背景、不同价值观念以及不同社会制度等多重因素影响与作用的结果, 而
知识背景构成了其中关键性一环。简言之, 话语生产者的知识以及知识中所蕴含的价值判断为
话语的产生打下了根基, 而以此为基础所进行的知识扩充又难以摆脱固有思维的桎梏。因此, 这
种“不同的语言”在很大程度上源于两种社会的不同话语语境以及由两国媒体分别建构起来的有
 Chinesische Zusammenfassungen der Beiträge   307

关西藏的两种截然不同的知识体系。恰恰是这种差异、分歧, 这诸多相悖之处给中、德双方提
供了迥然不同的知识基础, 也为中德外交关系中在西藏问题上的冲突与争端埋下了伏笔。