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Erziehung nach A uschwitz die es dahin gebracht haben!

heute die gleichen sind wie vor fünf~,


undzwanzig Jahren, Millionen schuldloser Menschen - die Zahlen
zu nennen oder gar darüber zu feilschen, ist bereits menschenun­
würd.ig - wurden planvoll ermordet. Das i!it von keinem Lebendi­
Die Fordcl'llflg, daß Auschwitz nicht noch einmal sei~ ist die alleT­ gen als Oberfläehenphänomen, als Abinung vom Laul dcr Ge­
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un Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, daß schichte abzutun, die gegenüber der großen Tendenz des Fort­
ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen. Ich kann schritts, der Aufklärung! der vermeintlich zunehmenden Humani~
nicht verstehen, daß man mit ihr bis heute so wenig sich abgegeben' tät nicht in Betracht käme,. Daß es sich ereignete, ist selbst Aus~
hat. Sie zu begründen hätte etwas Ungeheuerliches angesichts des druck einer überaus mächtigen gesellschaftlichen Tendenz. Ich
Ungeheueriichen, das sich zutrug. Daß man aber die Forderung, m~chte dabei auf eine Tatsache hinweisen, di~ sehr charakteristi­
und was sie an Fragen aufwirft, so wenig sich bewußt macht, zeugt, scherweise in Deutschland kaum bekannt zu sein scheint, obwohl
'. dall das Ungeheuerliche nicht in die Me.nschen eingedrungen ist, ein Bestseller wie >Die vierzig Tage des Musa Dagh< von Werfel sei~
'Symptom dessen, daß die Möglichkeit der Wiederholung, was den nen Stoff daraus zog. Schon im ersten Weltkrieg haben die Türken
~Bewußtse.ins- und Unbewußtseinsstand der Menschen antan'gt, - ~Jie sogenannte Jungtürkische Bewegung unter der Führung von,
,
!fortbesteht. Jede Debatte über Erziehungsideale ist nichtig und Ebver Pascha und Talaat Pascha - weit über eine Million Armenier
rgleichgültig diesem einen gegenüber, daß Auschwitz nicht sich ermorden lassen. Höchste deutsche militärische und auch Regie­
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w iederhole. Es war die Barbarei, gegen die alle Erziehung geht. rungssrellen haben offensichtlich davon gewußt, aber es strikt ge­
Man spricht vorn drohenden Rückfall in die Barbarei. Aber er h~itngehalten. Der Völkermord hat seine Wurzel in jener Resur­
droht nicht, sondern Auschwitz war er; Barbarei besteht fort 1 SO~ rektion des angriffslustigen Nationalismus, die seit dem Ende des
fange die Bedingungen, die jenen Rückfall zeitigten, wesentHch ne.unzchnten Jahrhunderts in vielen Ländern sich zutrug,
fortdauern. Das ist das: ganze Grauen, Der gesellschaftliche Druck Man wird weiter die Erwägung nicht von skh abweisen können.
lastet weiter, trotz aller Unsichtbarkeit der Not heute. Er treibt die daß die Erfindung der Atombombe, die buchstäblich mit einem
Menschen zu dem lrnsägHchen, das in Ausch'witz nach weltge~ Schlag Hunderttausende auslöschen kann. in denselben geschicht­
schichtUchem Maß kulminierte, Unter den Einsichten von Freud, lichen Zusammenhang hineingehört wie der Völkermord. Die
die wahrhaft auch in Kultur und Soziologie hineinreichen, scheint sprunghafte BevölkerungszuJ1ahme heute nennt man gern Hevö]­
roh' eine der tiefsten daß die Zivilisation ihrerseits das Antizi­ kerungsexplosion: es sieht aus, als ob die historische Fatalität für
viHsatorische hervorbringt und es zunehmend verstärkt. Seine die Bevölkerungsexplosion auch Gegenexplosionen. die Tötung
Schriften >Das Unbehagen in der Kultur< und )Massenpsychologie ganzer Bevölkerungen. bereit hätte. Das nur, um anzudeuten, wie
und Ich-Analyse< verdienten die aIlerweiteste Verbreltung gerade sehr die Kräfte. gegen die man angehen muß, solche des Zuges der
im Zusammenhang mit Auschwitz. Wenn jm ZiviJisationsprinzip W cltgeschichte sind.
selbst die Barbarei angelegt ist, dann hat es etwas Desperates, da­ die Möglichkeit, die Objektiven, nämlich gesellschaftlichen und "
gegen aufzubegehren. politischen Voraussetzungen I die solche Ereignisse ausbrüten, zu'
Die Besinnung darauf, wie djc Wiederkehr von Auschwitz zu v~r­ verändern, heute aufs äußerste beschränkt 1st, sind Versuche, der
hindern sei, wird verdüstert davon.. daß man dieses Desperaten sich Wiederholung entgegenzuarbeiteq, notwendig auf die subjektive
bewußt sein muß 1 wenn man nicht der idealistischen Phrase verfal~ S~ite abgedrängt. Damit meineichwesentlicb auchdie Psychologie
len will. Trotzdem ist es zu versuchen, auch angesichts dessen, daß def Menschen, die so etwas tun. Ich glaube nicht, daß es viel hülfe,
die Grundstruktur der Gesellschaft und damit ihre Angehörigen, anlewige Werte zu appellieren, über die gerade jene, die für solche

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Untaten anfällig sind, nur die Achseln zucken würden; glaube auch Ein Schema, das in der Ge.'\chichte aller Verfolgungen sich bestä­
nicht, Aufklärung darüber, welche positiven Qualitäten die ver­ tigthatr 11;t; daß die Wut gegen die Schwachen sich richtet, vor allem
folgten Minderheiten besitzen. könnte viel nulzen, Die Wurzeln gegen die welche man ais gesellschaftlich schwach und zugleich ~
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sind in den Verfolgern zu suchen! nicht in dei) Opfern} die man un­ mit Recht oder Unrecht _. als glücklich empfindet. Soziologisch
ter den armseligsten Vorwänden hat ermorden lassen. Nötig ist, möchte ich wagen, dem hinzuzufügen, daß unsere Gesellschaft,
was ich unter diesem Aspekt einmal die W~.~~::!lYt~,!:!,~~_~:u..~j~kt ge­ während sie immer mehr sich integriert, zugJeich Zerfallstenden~
nannt habe. Man muß die Mechanismen erkennen. die die ~·Men­ zen ausbrütet. Diese ZerfaJlstendenzen sind, dicht unter der Ober­
sehen so mache'[l'.~daß sil~ solCher, Taten 'fähig 'werden,' ciiliß .il1I).~n fläche des geordneten, zivilisatorischen Lebens, äußerst weit fort­
selbst diese Mc'chanismen aufz.eigep U1l9 zu vei'hindern trachten, geschritten, D.~I)).fUck des herrschenden Allgemeinen auf alles-'
dan sie abermals so werden. indem man ein allgemeines Bcwp,ß~­ Besondere. 'die ein~lnen MCMchen und die einzc'lnen Instit~ti~- '
sein je:~er Mechanismen erweckt. Nicht die Ennordeten sind -nen, hat eine Tendenz, das Besondere und Ejnz~ln~ samt s~iner
SChuldig) nicht einmlil in dem sophistischen und karikierten Sinn, Widerstandskraft zu zertrümmern. Mit ihrer Identität und rnitihrer :
io dem manche eS heute noch k,onstruieren möchten. Schuldig sind Wid-erstandskrait büßen die Menschen auch die Qualitäten ein,
aHein die, welche besinnungslos ibren Haß-und ihre Angriff~wut an kraft deren sie es vermöchten, dem sich entgegenzustemmen, was
ihnen ausgelassen haben, Solcher Besinnungslosigkeit ist entge­ zuirgendeiner Zeit wieder zur Untat lockt. Vielleicht sind sie kaum ~
genzuarbeiten, .die Menschen sind davon abzubringen, ohne noch fähig zu widerstehen, wenn ihnen von etablierten Mächten
Reflexion aur sich selbst nach außen zu schlagen.\Erziehung wäre befohlen wird, daß sie es abermals tun, solange es nur im Name-n
sinnvoll überhaupt nur als eine zu kritischer Selbsirdfe>;.i6,n~'~tra irgendwelcher halb oder gar nicht geglaubter Ideale geschieht,
a'ber die 'Charaktere insgesamt, auch die, welche im späteren Leben Spreche ich von der Erziehung nach Auschwitz, so meine icb zwei
die Untaten verübten, nAch den Kenntnissen der Tiefenpsycholo­ -,Bereiche; einmal ErziehJll1gjn der Kindheit, zumal der frühen;
gie schon in der frühen Kindheit sich bilden, so hat Erziehung; weI­ dann allgemeine AUfklärung, die ein 'geistiges, kulturelles und ge­
che die Wiederholung verhindern will, auf die frühe Kindheit sich ~el1schaftliches Klima schafft, das eine Wiederholung nicht zul~ßt~
zu konzentrlereo. Ich nannte Ihnen Freuds These vorn Unbehagen ein Klima also, in dem die Motive, die zu dem Grauen geführt ba­
in der Kultur. Sie ist aber umfassender noch, als er sie verstand; ben, einigermaßen bewußt werden. Ich kann mir selbstverständlich
vor allem, wcH unterdessen der zivilisatorische Druck. den er be­ nicht anmaßen, den Plan einer solchen Erziehung auch nur im
obachtet har, sich bis zum Unerträglichen vervielfacbte. Damit ha­ Umriß zu entwerfen. Aber ich möchte wenigstens einige Nerven­
ben auch die Tendenzen zur Explosion, auf die er aufmerksam punkte bezeichnen. Vielfach hat man etwa in Amerika den
machte, eine Gewalt angenommen, die er kaum absehen konnte. autoritätsgläubigen deutschen Geist föl' den Nationa.l!l1oziaJismus
Das Unbehagen in der Kultur hat jedoch - was Frcud nicht ver~ und auch für Auschwitl. verantwortlich gemacht. Ich halte diese
kannte., wenn er dem auch nieht konkret nachging - seine soziale Erklärung für zu oberflachlich. obwohl bei uns. wie in vielen ande­
Seite. Man kann von der Klaustrophobie der Menschbeit in der ren europäischen Ländern, autorjtäre Verhaltenswejsen und
verwalteten Welt reden, einem Gefühl des Eingespemseins in blinde Autorität viel zäher überdauern, als man es unter Bedin­
/ einem durch und durch vergeselJschafteten. netzhaft dicht gespon­ gungen formaler Demokratie gern Wort hat. Eher ist anzunehmen, ':J
I, nenen Zusammenhang. Je dichter das Netz, de.;:;to mehr will man daß der Faschismus und das Entsetzen, das er bereitete, damit zu- "
( heraus, während gerade seine Dichte verwehrt, daß man heraus­ sammenhängen, daß die allefl, etablierten Autoritäten des Kaiser~
kann. Das verstärkt die Wut gegen die Zivilisation. Gewalttätig reichs zerfallen, gestürzt waren, nlcbt aber die Menschen psycho­
und irrational wird gegen sie aufbegehrt. logisch schon bereit, sich selbst zu bestimmen'"Sie zei~~n ,d~~ Frei­
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heit, die ihnen in den Sghoßfie), gi.cl!15jCJ:l.ge-,yachs~n. Darum ha­ antworten. Was die Psychologie über-Ich nennt, das Ge;;lissllil.: 1
··be~.d-ann' d[eAu~t-öritätsstrukturen jene destruktive und - wenn ich WIrifirri Rahmen Von Bindung durch äußere, tlIlverbindlich.e\i~~~~,_U
so sagen darf - irre Dimension angenommen, die sie vorher nicht wechseJbare Autoritäten ersetzt, so wie man es nach dem Zusa~':l
hatten, jedenfalls nicht offenbarten. Denkt man daran, wie Besu­ menbruch des Dritten Reichs auch in Deutschland recht deutlitWl
che irgendwel.cher Potentaten, die politisch gar keine reale Funk­ hat beobachten können. Gerade die Bereitschaft, mit der Mach!..,)
tion mehr haben, zu ekstatischen Ausbrüchen ganzer Bevölkerun­ zu halten und äußerlich dem, was stärker ist, als Nonn sich zu bell­
gen führen. so ist der Verdacht wohl begründet, daß das autoritäre gen, ist aber die Sinnesart der Quälgeister, die nicht mehr aufköffi­
Potential nach wie vor weit stärker ist, als man denken sonte. Ich men soll. Deswegen ist die Empfehlung der Bindungen so fatal,
möchte aber nachdrücklich betonen, daß die Wiederkehr oder Menschen, die sie mehr oder minder freiwiHig annehmen, werde:n
Nichtwiederkehr des Faschismus im Entscheide~der.l k"eine"_ p'sy­ in eine Art von permanentem Befehlsnotstand versetzt. Die einzig.' ,
, ·c!iö)ogiSche, sondern eine gesellschaftliche Fragiist. Vom Psycho­ wahrh,~ft~ ~!ii~t"gegen das Prinzip. ~on Aus,~hwitz wäre ~Ätito_nO:,
logischen rede 'ich nur deshalb soviel, weil die anderen. wesentli­ mie:'werm ich c,ien Kantischen Aosdr:uck; verwendet~ darf; ai't:' Krätt'
cheren Momente dem Willen gerade der Erziehung weitgehend zur Reflexio~, zur Selbstb~s!immung, zum Nicht-Mül:Jlachen."
entrückt sind~ wenn nicht dem Eingriff der Einzelnen jiberhaupt. Mich hat einmal eine Erfahrung sehr erschreckt: ich las auf einer
Vielfach wird von Wohlmeinenden, die nicht möchten, daß es noch Reise an den Bodensee eine badische Zeitung, in-der über das Sar­
" einmal so komme. der Begriff der Bindung zitiert. Daß die Men M
tre-Stück >Tote ohne Begräbnis! berichtet wurde, das die furcht­
:,: sehen keine Bindung mehr hätten, sei verantwortlich für das, was barsten Dinge darstellt. Dem Kritiker war das Stück offensichtlich
;'[da vorging. Tatsächlich hängt der Autoritätsverlust, eine der unbehaglich. Aber er hat dies Unbehagen nicht mit dem Grauen
~Bedingungen des sadistisch·-autoritären Grauens, damit zusam~ der Sache, die das Grauen unserer Welt ist. erklärt, sondern hat es
i trnen. Für den gesunden Menschenverstand ist es plausibel, Bin­ so geareht, daß wir gegenüber einer Haltung wie der Sartres; der
: !dungen anzurufen, die dem Sadistischen. Destruktivcn, Zerstöre­ damit sich abgebe, doch - ich möchte beinahe sagen - einen Sinn
;;rischen Einhalt tun durch ein nachdrückliches »Du sollst nicht«. für ef\.'\.'as Höheres hätten: daß wir die Sinnlosigkeit des Grauens
. i Trotzdem halte ich es für eine Illusion, daß die Berufung auf Bin­ nicht anerkennen könnten. Kun: der Kritiker wollte sich durch
: ; dungen oder gar die Forderung, man solle wieder Bindungen ein~ edles existentielles Gerede der Konfrontation mit dem Grauen
\; geben, damit es besser in der Welt und in den Menschen ausschaue, entziehen. Nicht zuletzt darin liegt die Gefahr, daß es sich wieder­
l im Ernst frommt. Die Unwahrheit von Bindungen, die man for­ hole, daß man es nicht an sich herankommen läßt und den, der auch
dert, nur damit sie irgend etwas - sei es auch Gutes - bewirken, nur davon spricht, von sich wegschiebt, als wäre ert wofern er es
ohne daß sie in sich selbst von den Menschen noch als substantiell ungemildert tut, der Schuldige, nicht die Täter.
erfahren werden, wird sehr rasch gefühlt, Erstaunlich, wie prompt Beim Problem von Autorität und Barbarei drängt sich mlr ein
selbst die törichtesten und naivsten Menschen reagieren~ wenn es Aspekt auf, der jm allgemeinen kaum beachtet wird. Auf ihn ver­
ums Aufspüren von Schwächen des Besseren geht. Leicht werden weist eine Bemerkung in dem Buch >Der SS~Staat{ von Eugen
die sogenannten Bindungen entweder zum Gesinnungspaß _. man Kogon, das zentrale Einsichten'zu dem gesamten Komplex enthält
nimmt sie an~ um sich als ein zuverlässiger Bürger auszuweisen­ und das von der Wissenschaft und Pädagogik längst nicht so absor­
oder sie produzieren gehässjge Rancunc, psychologisch das biert ist, wie es absorbiert zu werden verdiente. Kogon sagt, die
Gegenteil dessen, wofür sie aufgeboten werden. Sie bedeuten Quälgeister des Konzentrationslagers, in dem er selbst Jahre ver­
Heteronomie, ein ~i~abhängjgmachen von Geboten, von Nor­ bracht hat, seien zum größten Teil jüngere Bauernsöhne gewesen.
men, die sich nicht vOr der eigenen Vernunft des Individuums ver~ Die immer noch fortdauernde kulturelle Differenz von Stadt Ulld
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Land ist eine, wenn auch gewiß nicht die einzige und wichtigste~ der Körper erinnern, das Horkheimer und ich in der >Dialektik der
Bedingungt!O des Grauens. Jeder Hochmut gegenüber der Land­ Aufklärung< dargestell! haben, ü6erall dort, wo Bewußtsein ver­
bevölkerung ist mir (ern, Ich weiß, daß kein M'ensch etwas dafür stümmelt Lljt} wird es in unfreier, zur Gewalttat neigender Gestalt
kann, ob er ein Städter ist oder im Dorf groß wird. Ich registriere auf den Körper und die Sphäre des Körperlichen zurückgeworfen,
dabei nur, daß wahrscheiri1ich die Entbarba.risierLl:p.Kau(,d.~n.l,pJ~t­ Man muß nur bei einem bestimmten Typus von Ungebildeten ein­
ten Land noch weniger als sonstwo- g~Kl~gen is.t, Auch das Fernsc­ mal darauf ac~tcnl wie bereits ihre Sprache - vor allem. wenn ir­
\.. ht!n uhd die anderen Massenmedien haben wohl an dem Zustand gend etwas ausgesetzt oder beanstandet wird - ins Drohende überM
des mit der KuJtnr nicht ganz Mitgekommcnse1ns nicht allzuviel geht, als wären die Sprachgesten solche von kaum kontrollierter
geändert. Mir scheint es richtiger, das auszusprechen und dem ent­ körperlicher Gewalt. Hier müßte man wohl auch die Rolle des
gegenzuwirken, als sentimental irgendwelche besonderen Qualitä­ Sports studieren~ die von einer kriti::;chen Smdalpsychologie wohl
ten des Landlebens. die verlorenzugehen drohen, anzupreisen. Ich noch kaum zureichend erkannt wurde. Der Sport ist doppeldeutjg:
gehe so weit, die Entbarbarisierung des Landes für eines der wich­ auf der ejnen Seite kann er antibarbarlsch und antisadistisch wir­
tigsten Erzjehungsziele zu haJten. Sie setzt allerdings ein Studium ken durch fairplay, Ritterlichkeit,Rücksichtaul den Schwächeren,
des Bewußtseins und U nbewußtseins der Bevölkerung dort voraus. Andererseits kann er in manchen sejner Arten und Verfahrungs­
Vor allem auch wird man sich zu beschäftigen haben mit dem Auf- weisen Aggression! Roheit und Sadismus fördern, vor allem It:l
der modernen Massenmedien auf einen Bewußtseinsstand. Personen, die nicht seibst der Anstrengung und Disziplin des
der den des bürgerlichen KuJturliberalismus des neunzehnten Sports sich aussetzen sondern bloß zusehen; in jenen, die auf dem
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1 Jahrhunderts längst noch nicht erreicht hat. Sportfeld zu brüllen pflegen, Solche Doppeldeutigkeit wäre sy'te­
" Um diesen Zustand zu verändern, dürfte das normale, auf dem matisch zu analysieren. SoweH Erziehung darauf Einfluß hat, wä~
Land vielfach sehr problematische Volksschulsystem nicht ausrei­ ren die Ergebnisse aufs Sportleben anzuwenden.
chen. Ich dächte an eine Reihe von Möglichkeiten, Eine wäre - ich All das hängt mehr oder weniger mit der alten autoritätsgebunde~
improvisiere - t daß Fernsehsendungen geplant werden unter nen Struktur zusammen, mit Verhaltensweisen ... ich hätte beinahe
Berücksichtigung von Nervenpunkten jenes spezifischen Bewußt­ gesagt - des guten alten autoritären Charakters. Was aber Au..;;ch~
~ seinszustands. Dann könnte ich mir vorsteHen, daß etwas wie mo­ witz hervorbdngt, die für die Welt von Auschwitz charakteristi­
'~ bile Erziehungsgruppen und -kolonnen von Freiwilligen gebildet schen Typen, sind vermutlich ein Neues. Sie bezeichnen auf der
,} werden, daß sie aufs Land fahren und in Diskussionen, Kursen und einen Seite die blinde Identifikation mit dem Kollektiv. Auf der
j zusätzlichem Unterricht versuchen, die bedrohlichsten Lücken anderen sind sie danach zugeschnitten, Massen, Kollektive :w ma­
:: auszufüllen, Ich verkenne dabei freilich nicht, daß solche Men­ nipulieren, so wie die Himmler, Höss, Eichmann. ~.ij.~ß:iS .,~n~,r~, '4
}schen sich schwerlich sehr beliebt machen werden. Aber es wird wichtig$t~,gegenüber der Gefahreiner Wiederholung halte ich, der ~,
! dann doch ein kleiner Kreis um sie sich bHden, der anspricht, und ,bÜnden Vormacht aller Kollektive entgegenzuarbeiten, den
\von dort könnte es vielleicht ausstrahJen, Widerstand gegen sie dadurch zu steigern, daß man, das Problem
Kein Mißverständnis allerdings soIlte darüber aufkommen, daß die der Kollektivie;rung 'ins Licht rück~, Das ist nicht so abstr~kt', wie
archaische Neigung zur Gewalt auch in städtischen Zentren, ge­ es angesichts der Leidenschaft gerade junger. dem Bewußtsein
rade in dengroßen sich findet Regressionstendenzen -- will sagen,
j nach progressiver Menschen, sich in irgend etwas einzugliedern,
Menschen mit verdrückt sadistischen Zügen - werden von der ge­ klingt. Anknüpfen ließe sich an das Leiden, das die Kollektive zu­
sellschaftlichen Gesamttendcnz heute überall hervorgebracht. nachst allen Individuen, die in sie aufgenommen werden, zufügen,
Dabei möchte ich an das verquere und pathogene Verhältnis 7um Man braucht nur an die eigenen ersten Erfahrungen in der Schule
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zu denken. Anzugehen wäre gegen jene Art folk~ways, Volkssit­ anderen Worten:' Erziehung müßte, Ernst machen mit ,einem

ten, Initiationsriten jeglicher Gestalt, die einem Menschen physi­ Gedanken, der der Philosophie k·eineswegs fremd iSt,
d:äßmandie·

schen Schmerz _·oft bis zum Unerträglichen - antun als Preis dafür, Angst niCht verdrangen sofI."Wenfl 'AngSt niclii ·verdrärtgt'"Wird.

daß er sich als Dazugehörigertals einer des Kollektivs fühlen darf. wenn man" siCh g'estMtet, 'real so viel Angst zu haben, wie diese

Das Böse von Gebräuchen wie die Rauhnüchte und das Haber­ Realität Angst verdieut, dann wird gerade dadurch wahrscheinlich

feldtreiben und wie derlei beliebte bodenständige Sitten sonst hei­ doch manches von dem zerstörerischen Effekt der unbewußten

ßen mügen, ist eine unmittelbare Vorform der natioJ1alsozialisti~ und verschobenen Angst verschwinden.

sehen Gewalttat. Kein Zufall, daß die Na7js solche Scheußlichkei­ Menschen, di,c .QliQcj in KoHektive,aJ,ch einordnen... mäcrn:~ sieh seI- ,

ten unter dem Namen »)Brauchtum-« verherrlicht und gepflegt ha­ ,ber scho~ ~ etwas wie Material, jös~hen sich als s~ib~tbesti~lI~t~'

ben. Die Wissenschaft hätte hier eine höchst aktuelle Aufgabe. Sie Wesen aus. D'äzu p'aßt dje'B-e~~itsc:haft. and~re 'als amdrphe Mas'se

kö'nnte die Tendenz der Volkskunde. die von den Nationa]s07iati~ zu behandeln. Ich habe die 7 weichesichso verhalten, in denAuthor­

sten begeistert beschlagnahmt wurde, energisch umwenden, um itarian PersonaJjty< den manipulativen Charakter genannt~ und

dem zugleich brutalen und gespenstischen überleben dieser zwar zu einer Zeit, als das Tagehueh von Höss oder die Aufzeich­

Volksfreuden zu steuern. nungen von Eichmann noch gar nicht bekannt waren. Meine

In dieser gesamten Sphäre geht es um ein vorgebliches Ideal, das Beschrejbungen des manipulativen Charakters datieren auf ,die

in der traditionellen Erziehung auch sonst eine erhebliche Rolle letzten Jahre des ZVieiten Weltkrieges zurück, Manchmal vermö­

das der Härte. Es kann auch noch, schmachvoll genug, auf gen Sozialpsychologie und Soziologie Begriffe zu konstruie.ren. die

einen Ausspruch von N1etzsche sich berufen, ob\vohl er wahrhaft erst später empirisch ganz sich bewahrheiten. Der manipulative

etwas anderes meinte. Ich erinnere daran, daB der fürchterliche Charakter- jeder kann das an den QueUen kontroJIieren. die über

Hoger während der Auschwitz-Verhandlung einen Ausbruch .Jene Naziführer zur Verfügung stehen - zeichnet sich aus durch

harte, der gipfelte in einer Lobrede auf erziehung zur Disziplin Orgauisationswut, durch Unfähigkeit. überhaupt unmittelbare

durch Härte. Sie sei notwendig, um den ihm richtig erscheinenden menschtiche Erfahrungen zu macllen, durch eine gewisse Art von

Typus vom Menschen hervorzubringen. Dies Erzichungsbild der emotionslosjgkeit, durch iiberwertigcn Realismus. Er w1H um je­

Härte, an das viele glauben mögen, ohne darüher nachzudenken, den Preis angebliche, wenn auch wahnhafte Realpolitik betreiben.

ist durch und durch verkehrt. Dje Vorstellung, Männlichkeit be~ Er denkt oder wiinscht nicht eine Sekunde lang die Welt anden:>l

stehe in einem Höchstmaß an Ertragenkönnen, wurde längst zum als sie ist, besessen vom Willen of doing things, Dinge zu tun,

Deckbild eines Masochismus, der - wie die Psychologie dartat gleichgültig gcgen den Inhalt solchen Tuns. Er macht aus der

mit dem Sadismus nur aUzu leicht sich zusammenfindet. Das ge­ Tätigkeit, der Aktivität, der sogenannten efficümcy als solcher

priesene Hart-Sein, zu dem da erzogen werden soU, bedeutet einen Kultus, der in der Reklame für den aktiven Menschen an­

Gleichgültigkeit gegen den Schmerz schlechthin, Dabei wird zwi­ klingt Dieser Typ ist unterdessen - wenn meine Beobachtungen

schen dem eigenen und dem anderer gar nicht einmal so sehr fest mich nkht trügen und manche soziologhlche Untersuchungen Vcr~

unterschieden. Wer hart ist gegen sich, der erkauft sich das Recht, allgemeinerung gestatten - viel weiter verbrejtet, als man denken

hart auch gegen andere zu sein, und rächt sich für den Schmerz; könnte. Was damals nur einige Nazimonstren exemplifiziertcn.

dessen Regungen er nicht zeigen durfte, die er verdrängen mußte. wird man heute feststeHen können an sehr zahlreichen Menschen,

-Djeser Mechanlsmus ist ebenso bewußt zu machen wie eine ErLie­ etwa jugendlichen Verbrechern, Bandenführern und ähnlichen,

:zu fördern, die nicht, wie früher, auch noch Prämien auf den von denen man jeden Tag in der Zeitung Hcst. Hätte ich diesen

Schmerz setzt und auf die Fähigkeit, Schmerzen auszuhalten. Mit Typus des manipulativen Charakters auf eine Formel zu bringen

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- vielleicht soll man es nicht! aber zur Verständigung mag es doch bat. Abervermutlich existieren auch in ihnen f oder wenigstens in
gut sein -. so würde ich ibn den Typus des verdinglichten Bewußt~ mancnen~ psychologiscne An knüpfungspunkte, durch die sich das
seins nennen. Rrst haben die Menschen, die so geartet sind, sich ändern könnte, etwa ihr Narzißmus, schlicht gesagt ihre Eitelkeit.
selber gewissermaßen den Dingen gleichgemacht Dann machen Sie mögen sich wichtig vorkommen, wenn sie hemmungslos von
sie, wenn es ihnen möglkh ist, die anderen den Dingen gleich. Der sich sprechen können. so wie Eichmann, der ja offenbar ganze
Ausdruck ))fertigmacben«, ebenso populär in der Welt jugendli­ Bibliotheken von Bändern einsprach. Schließlich ist anzunehmen.
cherRowdies wie in der der Nazis, drückt das sehr genau aus. Men­ daß auch in diesen Personen, wenn man tief genug gräbt, Restbe­
schen definiert dieser Ausdruck »fel1igmachen(~ als im doppelten stände der alten, heute vielfach in Auflösung befindlichen Gewis­
Sinn zugerichtete Dinge. Die Folter ist nach der Einsicht von Max sensinstanz vorhanden sind. Kennt man aber einmal die inneren
Horkbeimer die in Regie genommene und gewissermaßen be­ und äußeren Bedingungen, die sie so machten - wenn ich.hypothe­
schleunigte Anpassung der Menschen an die Kollektive. Etwas da­ tisch untersteHen darf, daß man das tatsächlich herausbdngen
von liegt im Geist der Zeit, sowenig es auch mit Geist zu tun hat kann -. dann Jassen sich möglicherweise doch praktische Folge­
Ich zitiere bloß das vor dem letzten Krieg gesprochene Wort von rungen ziehen, daß es nicht noch einmal so werde. Ob der Versuch
Paul Valery, die Unmenschlichkeit habe eine groBe Zukunft. etwas hilft oder nicht. wird sich erst zeigen. wenn er unternommen
Besonders schweristes, dagegen anzugehen, weil jene manipulati­ ward ;.ich möchte ihn nicht überschätzen. Man muß sich vergegen­
ven Menschen, die zu Erfahrungen eigentlich nicht fähig sind, eben wärtigen, daß aus derlei Bedingungen Menschen nicht automatisch
deshalb Züge von Unansprcchbarkeit aufweisen, die sie mit gewis­ erklärt werden können. Unter gleichen Bedingungen wurden
sen Geisteskranken oder psychotischen Charakteren, den Schizo­ manche so und manche ganz anders. Trotzdem wäre es der MUhe
iden. verbinden. wert ,1:in aufklärel\des Potential dürfte allcjn schon in der Fntge~
( Bei Versuc}len, der Wiederholung von AllSch\vitz entgegenztlwir­ stel1ung liegen, wie f!1an so wurde. Denn es gehdrt zu dem ynhejJ­
\" ken, schiene es mir wesentlich, zunächst KJarheit darüber zu schaf­ vollen Bewußtse.ins- und Unbewußtsei~szustand, daß man sein
fen, wie der manipuiative Charakter zustande kommt, um dann So~Scin - daß man so und nj~ht ~nders ist iälschlich für Natur.
durch Veränderung der Bedingungen sein Entstehen, so gut es ein
fui llna6~'nderlich G~geb~n~ hält 'u~d n~·~ht fUr e'jn G~worde-­
geht, zu verhindern. leh möchte einen konkreten Vorschlag ma­ n'es. leh nannte den Begriff des verdinglichten Bew~lßtseins. D3~
chen: dje Schuldigen von Auschwitz mit allen der Wissenscbaft j~t aber vor allem eines. das gegen alles Geworden-Sein, gegen alle
verfügbaren Methoden, inshesondere mit langjährigen Psycho~ Einsicht in die eigene Bedingtheit sich ahblendet und das, was so
analysen, zu studieren, um möglicherweise herauszubringen, wie ist, absolut setzt. Würde dieser Zwangsmechanismus einmal
ein Mensch so wird. Das, was jene an Gutem irgend noch tun kön­ durchbrochen, wäre - so dächte ich doch einiges gewonnen.
nen, ist, wenn sie seIhst. in 'Widerspruch zu ihrer eigenen Charak­ 'Weiter soUte man im Zusammenhang mit dem verdinglichten
terstruktur. etwas dazu helfen. daß es nic1Jt noch einmal so komme. Bewußtsein auch das Verhältnis zur Technik genau betrachten,
Das würde nur dann geschehen, wenn sie mitarheiten wollten bei und zwar kejneswegs nur bei kleinen Gruppen, Es ist so doppel~
der Erforschung ihrer Genese. Allerdings dürfte es SChwierig sein, deutig wie das zum Sport, mit dem es im Übrigen verwandt ist
sie zum Reden zu bringen; um keinen Preis dürfte irgend etwas ih­ Einerseits produziert jede Epoche diejenigen Charaktere - Typen
ren eigenen Methoden Verwandtes angewendet werden, um zu der Verteilung von psychischer Energie --, die sie gesellschaftJich
lernen, wie sie so wurden. Einstweilen jedenfaHs fühlen sie - eben braucht. Eine Welt, in der die Technik eine solche Schlüsselposi­
in ihrem Kollektiv, im Gefühl, daß sie allesamt alte Nazis sind-· tion hat wie beute. bringt technologische, auf Technik einge­
sich so geborgen. daß kaum einer auch nur Schuldgefiihte gezeigt stimmte Menschen hervor. Das hat seine gute Rationalität: in ih­
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rem engeren Bereich werden sie weniger sich vormachen lassen, mit del]1derge5ilmlen Zivilisa_tionyerkopjlelti't, Ihn bekämpfe l1
und das kann auch ins Allgemeinere hinein wirken, Andererseits heißt soviel wie gegen den Weltgeist sein; aber damit' wieaerhole
stecktim gegenwärtjgen Verhälttlis zur Technik etwas übertriebe­ ich nur etw~s, ~as ich zu 'Eingang als den düstersten Aspekt einer
nes, Irrationales, Pathogenes. Das hängt zusammen mit dem Erziehung gegen Auschwitz vorwegnahm.
»technologischen Schleier«. Die Menschen sind geneigt. die Tech­ Ich sagte, jene Menschen seien jn einer besonderen Weise kalt.
nik für die Sache selbst, für Selbstzweck, für eine Kraft eigenen Wohl sind ein paar Worte über Kilte überhaupt erlaubt. Wäre sie
Wesens zu halten und darüber zu vergessen, daß sie der verlängerte nicht ein Grundzug der Anthropologie, also der Beschaffenheit der "
Arm der Menschen ist. Die Mittel -~ und Technik ist ein Inbegdff Menschen. wie sie in unserer Gesellschaft tatsächlich sind; wären j
von Mitteln zur Selbsterhaltung der Gattung Mensch - werden fe­ sie also nicht zutiefst gleichgültig gegen das, was mit allen anderenil
tischisiert r weil die Zwecke - ein menschenwürdIges Leben - ver~ geschieht außer den paar. mit denen sie eng und womöglich durch:1
deckt und vom Bewußtsein der Menschen abgeschnitten sind. handgreifliche Interessen verbunden sind, so wäre Auschwitz nicht~
Solange man das so allgemein sagt, wie ich es eben formulierte, möglich gewesen. die Menschen hätten es dann nicht hingenom-~
dürfte das einleuchten. Aber eine solche Hypothese ist noch vieJ men. Die Gesellschaft in ihrer gegenwärtigen Gestalt - und wohl r
zu abstrakt. Keineswegs weiß man bestimmt) wie die Fetischisie­ seit Jahrtausenden - beruht nicht, wie seit AristoteIes ideoiogisch t
rung der Technik in der individuellen Psychologie der einzelnen untersteHt wurde, auf Anziehung, auf At~raktion, sondern auf der t
Menschen sich durchsetzt, wo die Schwelle ist zwischen einem ra­ Verfolgung des je eigenen Intereso;es gegen die Interessen aUer an- I,
tionalen Verhältnis zu ihr und jener Überwertung, die schließlich deren. Das hat im Charakter der Menschen bis in ihr Innerstes hin­
dazu führt, daJl einer, der ein Zugsystem ausklügelt, das die Opfer ein sich niedergeschlagen. Was dem widerspricht, der Herdentrieb
möglichst schnell und reibungs10s nach Auschwitz bringt, darüber der sogenannten lonely crowd, der einsamen Menge, ist eIne Reak~
vergiBl, was in Auschwitz mit ihnen geschIeht. Bei ~~,~.T;Y{lu~" qer don darauf, ein Sich-Zusammenrotten von Erkalteten, die die
, ~ur Fetischisierong der Technik neigt, IlandeJt cs sich, schlicht ge­ eigene Kälte nicht ertragen, aber' auch nicht sie ändern können:
sagt, ~m Menschen, die nicht li~ben können, Das jst" 'nicht sen'ti­ J~er Mensch heute, ohne jede Ausnahme, fühlt sich zuwenig ge­
~mental und nicht moralisierend gemeint, sondern bezeichntlt die J!tibt. weil jeder z,~nvcnjg.iletien,ka~m. 't(nfä,higkcit :iuT, Identifika­
mangelnde libidinöse Beziehung zu anderen Personen. Sie sind tion War fraglos die wichtigste psychd(ogisehe Bedingung dafür,
uurch und durch kalt, mi.issen auch zuinnerst die Möglichkeit von daß so etwas wie Auschwitz sich inmitten von einigermaßen gesit­
Liebe negieren, ihre Liebe von anderen Menschen von vornherein, teten und harm losen Menschen hat abspjelen können. Was man so
ehe sie sich nur entfaltet, abziehen, Was an Uebesfähigkeit in ih­ llMitläufertum« nennt, war primär Geschäftsinteresse: daß man
nen irgend überlebt, müssen sie an Mittel verwenden. Die vorur­ seInen eigenen Vorteil vor allem anderen wahrnimmt und, um nur
teilsvollen, autoritätsgebundenen Charaktere. mit denen wir es in ja nicht sich zu gefährden, sich nicht den Mund verbrennt. Das ist
der )Authoritarian Personality< in Berkeley zu tun hatten, liefenen ein allgemeines Gesetz des Bestehenden. Das Schweigen unter
manche Belege dafür. Eine Versuchsperson - das Wort ist selber dem Terror war nur dessen Konsequenz. Die Kälte der gesell­
schon ein Wort aus dem verdinglichten Bewußtsein - sagte von schaftlichen Monade, des isolierten Konkurrenten, war als Indiffe­
sich: »I 1ike nice equipment« (Ich habe hübsche Ausstattungen, renz gegen das Schicksal der anderendie Voraussetzung dafür, daß
hübsche Apparaturen gern), ganz gleichgültig. welche Apparatu­ nur ganz wenige sich regten. Das wissen die Folterknechte; auch
ren das sind. Seine l...iebe wurde von DiL1gen, Maschinen als solchen darauf machen sie stets erneut die Probe.
absorbiert. Das Bestürzende ist dabei - bestürzend, weH es SO hoif­ Vcrntchen Sie mich nicht falsch. Ich möchte nicht die Uebe predi­
nUf!gslos er~~h~i~e~ i'ißt~"dagegcn anzuge'hen -, daß di~~r 'Tren.d gen. Sie zu predigen, halte ich fürvcrgeblich: keiner hätte auch nur
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das Recht, sie,zu predigen, weil der Mangel an Liebe - ich sagte Kälte verewigt. Ihm eignet das Zwangshafte, Unterdrückende, das'!
es schon - ein Mangel aller Menschen 1st, ohne Ausnahme, so wie der Liebesfähigkeit entgegenwirkt. Das erste wäre darum, der;
sie heute existieren, Liebe predigen setq:t in denen~ an die man sich Kälte zum Bewußtsein ihrer selbst zu verhelfen, der Gründel war- :
wendet, bereits eine andere Charakterstruktur voraus als die, wel­ um sie wurde. i
che man verändern will. Denn die Menschen, die man lieben soll. Lassen Sie mich zum Ende nur noch mitwenigen Worten eingehen
sind ja solber so, daß sie nicht lieben können, und darum ihrerseits auf einige Möglichkeiten der Bewußtmachung der subjektiven
keineswegs so liebenswert. Es war elner der großen, mit dem Me,chanismen überhaupt, ohne die Auschwitz kaum wäre. Kennt­
Dogma nicht unmittelbar ide'~tjsch~n Impllls~ des Chris~eriiums, nis dieser Mechanismen ist not; ebenso auch die der stereotypen
die alles durchdringende Kälte zu tilgen. Aber dieser Versuch Abwehr, die ein solches Bewußtsein blockiert. Wer heute noch
scheiterte; wohl darum, ~eiI et:.nicht ai}"öi~n~escUsChaft1iene:0rd'­ sagt. es sef nicht so oder nicht ganz so schlimm gewesen. der ver~
llUng rührte, we}qhe die, Käit~ produziert und reproduziert. Wahr­ teidigt bereits, was geschah. und wäre fraglos bereit zuzusehen
scheinlich jstj~,~,~,-WM~~. unter deo Menschen, nach der alle sich oder mitzutun. wenn es wieder geschieht. Wenn rationale ,Aufklä­
sehnen, außer in kurzen Perioden und ganz kleinen Gruppen, mag ,g;rade's;'egs
rung Huch - ,wie 4i~ P,sy,<;)IplQgie g~ij'luw~iß'~~ ~~i~~
sein auch unter manchen frie,dlichen Wilden, bis heute überhaupt die unbewußten Mechijnismen auflöst, .so, krliltigt' sie w.e'nig$!e'ns
noch l*,~~Jgt:w.e.sen. Die vielgeschmähten Utopisten haben das ge~ im Vorhewußtsein gewisse Gegeninst.nzen ulld ,!tmt ein, Klima
sehe'n~ ·So hat Chartes Fourier die Attraktion ais ein durch men­ bereiten, das delP Äußersten. ungdns"tig' ist: \Vtlrde wirklich das
schenwürdige gesellschaftliche Ordmmg erst Herzustellendes be­ gesamte kult\trelJe Bewußtsein durchdrungen von der Ahnung des
stimmt; auch erkannt, daß dieser Zustand nur möglich sei, wenn pathogenen Charakters der Züge, die in Auschwitz zu dem Ihren
die Triebe der Menschen nicht länger unterdrückt sind, sondern kamen, so würden die Menschen jene Züge vielleicht besser kon­
erfüllt und freigegeben. Wenn irgend etwas helfen kann gegen trollieren.
Kälte als Bedingung des U nheils~ dann die Einsicht in ihre eigenen "?{~i~~Fw,~r~ aufz:4~1?~~n ~iber die lY!öglJchkejt der Yerschieb,ung :i
Bedingungen und der Versuch, vorwegnehmend im individuellen dessen, was in Auschwitz sich austobte. Morgen kann eine andere J, r
Bereich diesen ihren Bedingtmgen entgegenzuarbeiten. Man !ii~ppe dran·k@~JJlen als die Juden.• etwa die Alten l die ja inl'brit­
möchte meinen, je weniger in der Kindheit versagt wird) je besser ten Reich gerade eben noch verschomwurden, oder die Intellektu­
Kinder behandelt werdcn~ um so mehr Chance sei. Aber auch hier ellen, oder einfach abweichende Gruppen. Das Klima - ich deutete
drohen Illusionen. Kinder, die gar nichts von der Grausamkeit und darauf hin -, das am meisten solche Auferstehung förden, ist der
Härte des Lebens ahnen, sind, einmal aus dem Geschützten entlas­ wiedererwac}Je;nde Nationalismus. Er ist deshalb so böse, weiJ er
sen, erst recht der Barbarei ausgesetzt. Vor aIJem aber kann man imZei~lte~ d~r·internatlonalen Kommunikation und der überna~
,I EJtern, die selber Produkte dieser Gesellschaft sind und ihre Male tionalen Blöcke an sich selbst gar nicht mehr so recht glauben kann !4
1 tragen, zur Wärme nicht animjeren. Die Aufforderung, den Kin­ u'nd sich ins Maßlose übertreiben muß, um sich und anderen einzu- ~',
. dern mehr Wärme zugeben, drehtclie Wärme künstlich an und ne­ reden, er wäre no't:h substantiell,
giert sie dadurch. überdies läßt sich in berufHch vermittelten Ver­ l<:onkrete ·~..t'og1ichi~'eit~n des Widerstands wären immerhin zu zeI­
hältnissen wie dem von Lehrer und Schüler, von Arzt und Patient, gen. Rs wäre etwa auf die Geschichte der Euthanasi~rnorde einzu­
i von Anwalt und Klient Liebe nicht fordern. Sie ist ein UnmitteIba- ~~ gehen, die in Deutschland, dank des Widerstands dagegen, doch
res und wideTNpricht wesentlich vennitteften Beziehungen, Der .,.,' nicht in deIn ganzen Umfang begangen wurden, in dem die N atio­
, Zuspruch zur Liebe - womöglich in der imperativischen Form, daJ3 naJsoziaHsten sie geplant hatten. Der Widerstand war auf die
man es soll ist selber Bestandstück der Ideologie, welche die eigene Gruppe beschränkt; gerade das isteln besonders aufffiHiges,
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wcitverbreitetes Symptom der universalen Kälte. Sie ist aber, zu Erziehung - wozu?
aJIem anderen, auch borniert angesichts der Unersättlkhkeit, die
im Prinzip der Verfolgungen liegt. Schlechterdings jeder Mensch,
der nicht gerade zu der verfolgenden Gruppe dazugehört. kann
ereilt werden; es gibt also ein drastisches egoistisches Interesse, an Becker: In der Bundesrepublik wird das Wort Bildungsplanung
das sich appellieren ließe. - Schließlich müßte man nach den spezi­ heute überwiegend in quantitativer Beziehung gebraucht. Mir
fischen, geschichtlich objektiven Bedingungen der Verfolgungen schei.nt, daß wir ~ ausgehend von berechtigten Feststellungen über
fragen. ~ogenannte nationale ~rneuerungsbewegungen ,in elne~ den Notstand in dieser Hinsicht. der Gefahr erliegen, immerwieder
Zeitalter. 'in demder Natlofit\llsl'nüs vera'ltet 18't, ihld' offcnb~r be­ über Zahlen und Bedarfzu sprechen, und dabei übersehen~ daß die
~9pders anfiHilg für sad.lstische, Praktiken. Bildungsplanung auch eine inhaltliche Planung ist, Es gibt eigent­
All'er politische Unterricht endlich sollte zentriert sein darin, daß lich überhaupt keine quantitative Planung ohne inhaltliehe
Auschwitz nicht sich wiederhole. Das wäre möglich nur, wenn Zu­ Aspekte. Jede quantitative Ausweitung unseres Bildungswesens
mal er ohne Angst, bei irgendwelchen Mächten anzustoßen, offen impliziert unmittelbar qualitative l1'olgen, Das sinnvollste Beispiel
mit diesem Allerwichtigsten sich beschäftigt. Dazu müßte er in bietet die Bildungswerbung, die darauf ausgeht, möglichst viele
Soziologie sich verwandeln, also über das gesellschaftliche Kräfte­ Menschen auf die höhere Schule zu bringen. Damltwird die höhere
spiel belehren, das hinter der OberfHiche der poHtjschen Formen Schule auch inhaltlich entscheidend verändert. Von hier erscheint
seinen Ort hat. Kritisch zu behandeln wäre, um nur ein ModeH zu es mir dringend notwendig, die Frage des Was und des Wozu der
geben, ein so respektabler Begriff wie der der Staatsraison: indem Bl1dung in die Diskussion einzubeziehen, nicht um quantitjtive
man das Recht des Staates über das seiner Angehörigen stellt, ist Erwägungen ausluschahen,'sondern um sie in den weiten Zusam~
das Grauen potentiell schon gesetzt. mcnhang zu stellen, dem sie notwendig angehören.
Walter Benjamin fragte mich einmal in Paris während der Emigra­ Adorno: Nach meiner Kenntnis würden gerade die Statistiker. so­
tion, als ich noch sporadisch nach Deutschland zurückkehrte, ob weit sie über ihr eigenes Metier nachdenken, darin mit Ihnen sehr
es denn dort noch genug Fo[terknechte gäbe, die das von den Nazis einig sein und, wenn ich das vorwegnehmen darf. aucb mit mir: sie
Befohlene ausführten. Es gabsie. Trotzdem hat die Frage ihr tiefes würden sagen, daß aUe quantitativen Erhebungen sehließlich einen
Recht. Benjamin spürte, daß die Menschen, die es tun, im Gegen­ qualitativen Erkenntniszweck haben. Wenn ich vorgeschlagen
satz zu den Schreibtischmördern und Ideologen, in Widerspruch zu habe. daß wir uns unterhalten, über »Bildung - wozu?« oder
ihren eigenen unmittelbaren Interessen handeln, Mörder an sich »Erziehung- wozu?«, so sollte das nicht bedeuten zu diskutieren,
selbst, indem sie die anderen ermorden. Ich fürchte, durch Maß­ wozu überhaupt noch Erziehung da oder nötig sei~ sondern; wohin
nahmen auch einer noch soweit gespannten Erziehung wird es sich soll Erziehung führen? Es sollte also die Frage des Erziehungszieles
kaUm verlüridern lassen, daß Schrejbtisthmörder nachwachsen. in einem sehr prinzipiellen Sinn gefaßt werden) und zwar so, daß
Aber daß eS' Menschen gibt, die unten, eben alS,Knechte das tun, eine solche generelle Unterhaltung über das Erziehungsziel ge­
wödurch ~le ihre eigene Knechtscbaft verewigen und sich selbst genüber der Diskussion der einzelnen Erziehungsbereiche und
eniwÜrdigen; daß es weiter Bogers und Kaduks gebe, dagegen läßt Medien den Vorrang hätte.
sich doch durch Erziehung un~ Aufkläru~g ein Weniges unterneh­ Hecker: Ich glaube, daß wir uns darülier gal12 einig sind. Das Ent­
men. scheidende scheint mir zu sein, daß wir in einer Zeit leben! in der
sich das Wozu offensichtlich nicht mehr von selbst versteht.
Adorn.o: Genau das ist das Problem, mit dem wir es zu tun haben.
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