Sie sind auf Seite 1von 1

OSTEUROPA-BIBLIOTHEK

Der papierene Reiz



Von Peter Haber

N
iemand, der an der Hallerstrasse 6, Geschichte Osteuropas, auf das alltägliche
unweit des Berner Hauptbahnhofs, Leben der Menschen in diesen Ländern, aber
vorbeiläuft, ahnt, welche Schätze auch auf die rhetorischen Figuren des Kalten
sich im Keller dieses trostlosen Krieges erlaubt.
Bürokomplexes befinden. Wer aber die Treppe Und dann gibt es an der Hallerstrasse 6 noch
zum Untergeschoss hinuntergeht, findet sich die «Davoser Bibliothek», eine ganz besondere
plötzlich in einer Welt wieder, die weder zur kulturhistorische Rarität: Diese Sammlung
Behäbigkeit der Bundeshauptstadt noch zum umfasst über 3600 vor allem russische Bücher
modernen Universitätsleben des Quartiers pas- aus der Zeit vor der Revolution von 1917. Die
sen will: 160 000 Bücher und Zeitschriftenbände meisten Bücher stammen aus den Beständen der
aus und über Osteuropa lagern hier auf zwei verschiedenen Sanatorien in Davos, in denen
Stockwerken. In endlosen Regalen ist gesam- sich bis zur Oktoberrevolution zahlreiche rus-
melt und verwahrt, was denjenigen Teil unseres sische Patienten zur Kur aufgehalten haben.
Kontinentes, der hinter dem so genannten Der Wert der Sammlung besteht dabei nicht
«Eisernen Vorhang» lag, in den letzten Jahr- so sehr in den einzelnen Büchern, sondern
zehnten geprägt hat. in der Tatsache, dass sich mit dieser Sammlung
Lesegewohnheiten und Denkweisen der vor-
DER PUTSCH UND DAS OST-INSTITUT revolutionären Oberschicht anhand eines
kompakten Quellenbestandes rekonstruieren
Prag am 25. Februar 1948. Nach mehrtägigen lassen.
Verhandlungen gelingt es den Kommunisten,
Staatspräsident Edvard Benes zur Ernen- DAS SEILZIEHEN UND DIE SAMMLUNG
nung einer neuen Regierung zu bewegen. In
dieser Regierung sitzen fast nur noch Kommu- Mit dem Zusammenbruch des immer surrealer
nisten. Der Weg zur kommunistischen Allein- werdenden «Realsozialismus» in Osteuropa
herrschaft ist geebnet. Wenige Wochen später, Ende der achtziger Jahre wurde plötzlich auch
am 9. Mai, verabschiedet die Nationalversamm- die Frage aktuell, wie es mit dem Ost-Institut
lung eine neue Verfassung. Die Èeskoslovenska und der Osteuropa-Bibliothek weiter gehen
Republica wird zur Volksdemokratie. Benes soll. Die zusehends spärlicher werdenden Spen-
verweigert die Unterzeichnung der Verfassung den und die immer dünner werdende ideologi-
und tritt am 7. Juni zurück. Der bisherige sche Legitimation des Institutes führten 1994
Ministerpräsident und Sekretär der Kommunis- zum endgültigen Ende. Dem Ost-Institut dürf-
tischen Partei, Klement Gottwald, über- te wohl niemand nachgetrauert haben, be-
nimmt das Amt. Der Umgestaltung der Tsche- schränkte sich doch der intellektuelle Output
choslowakei nach sowjetischem Muster steht der letzten Jahre auf eher peinliche «Medienana-
nun nichts mehr entgegen. lysen» um die angebliche kommunistische
Westeuropa reagiert scharf auf diesen Unterwanderung des schweizerischen Medien-
unblutigen Putsch der Kommunisten: Von systems.
einem «Staatsstreich in der Tschechoslowakei» Wohin aber mit der Sammlung der Schwei-
schreibt die «Neue Zürcher Zeitung» am zerischen Osteuropa-Bibliothek? Nach einem
27. Februar auf der Titelseite ihrer Morgenaus- längeren Seilziehen hinter der Bühne fand sich
gabe. Auch ein junger Student in Bern empört eine Lösung: Ende 1996 wurde diese als Spezial-
sich über die kommunistische Machtergreifung sammlung mit eigenem Standort in die Stadt-
in Prag und organisiert am 2. März eine Kund- Unzählige Regalmeter mit Dokumenten aus der Zeit des «real existieren- und Universitätsbibliothek Bern integriert. Der
gebung. Rund hundert Dozenten und gegen den Sozialismus». FOTO HEINI STUCKI für Aussenstehende schwer benutzbare Katalog
Tausend Studierende finden sich im grossen aus der Ära Gosztonyi wurde in den digitalen
Saal des Bürgerhauses ein und verabschieden Verbundkatalog Basel-Bern eingearbeitet, die
eine Protestresolution. Der Student heisst gesamten Bestände wurden benutzerfreundlich
Peter Sager ist 23 Jahre alt und studiert Poli- erschlossen und aufgestellt – kurz: die antikom-
tikwissenschaft. Später wird er einer der ein-
flussreichsten Osteuropa-Spezialisten in der
Von aussen sieht die Osteuropa-Bibliothek in Bern munistische Bücherburg Péter Gosztonyis
wurde zu einer zeitgemässen Forschungsbiblio-
Schweiz, ein antikommunistischer Agitator mit thek umgebaut. Die treibende Kraft hinter die-
einer wertvollen Bibliothek seltener alter unscheinbar aus. Dabei beherbergt sie eine der sem Wandel war der junge Osteuropa-Histori-
Bücher aus Russland. Die Ereignisse in Prag ker Christophe von Werdt, seit Anfang
1948 und die Reaktionen des Westens sind nicht wertvollsten Sammlungen historischer und politi- 1997 SOB-Leiter. Von Werdt, ein ausgewiese-
nur die Geburtsstunde des Kalten Krieges, es ist ner Osteuropa-Kenner schaffte mit innovativen
der Anfang der politischen Karriere von Peter scher Bücher aus der Zeit des Kalten Krieges. Ideen und viel Engagement den Sprung ins
Sager, der von 1983 bis 1991 für die Berner SVP 21. Jahrhundert. So gehörte die SOB zu den
im Nationalrat sitzt. Nach dieser grossen Kund- ersten wissenschaftlichen Bibliotheken in der
gebung beschliesst er, seine damals schon beste- Schweiz, die ihre gedruckten Bestände mit digi-
hende Dokumentation zum Totalitarismus talen Angeboten aus dem Internet ergänzten
systematisch auszubauen. und eine umfassende Linksammlung zu Osteu-
Acht Jahre später: Die blutige Niederschla- ganz verfehlt wäre. Nach längeren Vorarbeiten Palette von Material, das sich hier in den letzten ropa ins Netz stellten. Heute sammelt die
gung des ungarischen Volksaufstandes im gründen Peter Sager und seine Mitstreiter im Jahrzehnten angesammelt hat: Aus fast allen Bibliothek nicht mehr nur Material über die
Herbst 1956 entrüstet und mobilisiert erneut Sommer 1959 eine wissenschaftliche Dokumen- osteuropäischen Ländern ist zum Beispiel min- kommunistische Vergangenheit, sondern doku-
die westeuropäische Öffentlichkeit. Und als es tationsstelle sowie ein Institut zur Erforschung destens eine Tageszeitung vollständig vorhan- mentiert die aktuelle Entwicklung in Osteuropa
der Sowjetunion nur einige Monate später mit Osteuropas. Das so genannte Ost-Institut er- den – unzählige Regalmeter mit schweren, in ihrer gesamten Breite. Von Werdt organisier-
dem «Sputnik» gelingt, einen Satelliten in die hält die Rechtsform einer Aktiengesellschaft, dicken Bänden, die in dieser Vollständigkeit te in den vergangenen Jahren zahlreiche Vorträ-
Erdumlaufbahn zu schiessen und damit eine die Schweizerische Osteuropa-Bibliothek wird nur in wenigen westeuropäischen Bibliotheken ge und Lesungen und suchte den Kontakt zum
technologische Überlegenheit des «Ostens» als Stiftung eingetragen. Finanziert wird die vorhanden sind. Oder historische und politi- Publikum und vor allem auch zu den Univer-
über den «Westen» vorzutäuschen, wirkt das Stiftung hauptsächlich von der öffentlichen sche Bücher aus der Zeit des «real existieren- sitäten. Mit Erfolg: Immer häufiger erscheinen
hierzulande wie ein Schock. Einigen Politikern Hand. Die Stiftungsurkunde hält fest, dass die den Sozialismus»: Quellen von unschätzbarem wissenschaftliche Studien und Dissertationen,
dämmert, dass eine intensivere Beschäftigung Bibliothek den «angestrebten Herrschaftsbe- Wert für eine noch zu schreibende Alltags- und die das Material, das an der Hallerstrasse lagert,
mit der Situation im «Ostblock» wohl nicht reich der Sowjetunion aufgrund der einschlägi- Ideengeschichte Osteuropas in der zweiten auswerten.
gen Literatur» dokumentieren soll. 1964 bis Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zu den besonderen Die französische Historikerin Arlette
INFORMATIONEN Schweizerische Osteuropa-Bib-
1966 übernimmt der aus Ungarn emigrierte Schätzen der Bibliothek gehört auch eine Farge prägte den Begriff «Le goût de l’archi-
liothek SOB, Hallerstrasse 6, 3000 Bern 9, Tel. Militärhistoriker Péter Gosztonyi die Lei- umfangreiche Sammlung von Broschüren und ve»: Es bezeichnet das Kribbeln, das einem
+41 31 631 41 80, Fax: +41 31 631 41 70. tung der Bibliothek, während Peter Sager wei- Flugschriften – Material, das wissenschaftliche befällt, wenn man sich in Archiven und Biblio-
E-Mail: sob@stub.unibe.ch www.stub.unibe.ch/sob terhin das Ost-Institut leitet. Bibliotheken in der Regel verächtlich auf die theken auf Materialsuche begibt, wenn man
Katalog: aleph.unibas.ch/ALEPH
Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag, 10–18 Uhr.
Heute ist die Osteuropa-Bibliothek (SOB) Seite schieben. Péter Gosztonyi und sein Team nicht weiss, auf welche Geschichten man stos-
Teil der Stadt- und Universitätsbibliothek Bern hingegen haben während Jahrzehnten akribisch sen wird beim vorsichtigen Öffnen einer ver-
und präsentiert sich in modernem Gewand als zusammengetragen, was ihnen in die Finger staubten Pappschachtel. Wer mitten in der
● P E T E R H A B E R ist Historiker und passionierter
zeitgemässe Forschungsbibliothek. Seit 1997 kam und so entstand ein bis heute weitgehend Schweiz den papierenen Reiz des Ostens erle-
Bibliotheksgänger. Er lebt in Basel. Im Netz ist er
unter http://hist.net/haber zu finden. liegen die Räumlichkeiten der Bibliothek im unerschlossenes Konvolut von Material, das ben will – an der Hallerstrasse 6 in Bern ist er an
Berner Universitätsviertel. Es ist eine breite einen ganz anderen Blick auf die neueste der richtigen Adresse. ●

BaslerMagazin Nr. 42 18. Oktober 2003 3