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«WARTET NUR, ICH ZEIGS EUCH ALLEN!»

Rolf Fringer war einst ein Wundertrainer, der Super- star des Schweizer Fussballs. Doch private Probleme warfen ihn auch im Job um Jahre zurück. Jetzt ist der 49-Jährige beim FC St. Gallen wieder auf gutem Weg und sagt: «Ich stehe vor einer erfolgreichen Zukunft.»

Interview: Patrick Mäder Fotos: Phil Müller

Herr Fringer, ist das Leben gerecht?

Rolf Fringer: Ich glaube ans Schicksal im Leben. Jeder bekommt irgendwann das, was er verdient. Das heisst konse- quenterweise auch, dass die negativen Dinge zu einem bestimmten Zeitpunkt bestraft werden.

Für welche negativen Dinge sind Sie bestraft worden in Ihrem Leben?

Diese Frage habe ich mir auch schon oft gestellt. Eine Antwort darauf habe ich nicht. Auffallend ist, dass ich in meinem Leben immer alle Facetten durchmachen musste. Schon als Kind war das so. Ich hatte eine gute Kind- heit, aber wir hatten nicht viel. Als Spieler war ich in der dritten Liga, dann irgendwann im Cupfinal. Als Trainer begann ich in der ersten Liga und war irgendwann Coach der Natio- nalmannschaft und später arbeitslos. Offenbar gehören die Hochs und Tiefs einfach zu mir. Inzwischen habe ich das so absolut akzeptiert.

Wer steuert das Schicksal?

Für religiöse Menschen mag das Gott sein. Für mich nicht. Ich bin nicht reli- giös, dafür ist die Welt für mich zu ungerecht. Ich kann diese Frage nicht

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beantworten. Klar ist, man muss selber etwas für die positive Entwicklung tun. Man kann nicht den ganzen Tag im Bett liegen und auf den Moment hoffen, in dem sich alles wieder zum Guten wendet.

Als Trainer des FC St. Gallen sind Sie wieder auf gutem Weg. Ihre These vorn Schicksal hat sich bestätigt.

Ich habe immer gewusst, dass es so kommen wird. Während all den schwierigen Jahren habe ich nie an meinen Fähigkeiten als Trainer ge- zweifelt. Die Erfüllung der These war für mich immer eine Frage der Zeit.

Als Sie 1993 mit dem FC Aarau aus dem Nichts Schweizer Meister wur- den, stand für Sie die Trainerwelt offen. Sie haben das geschafft, was Ottmar Hitzfeld vor Ihnen nicht geschafft hatte mit dem FC Aarau. Sie waren damals der Superstar des Schweizer Fussballs. Was lief danach schief?

Knackpunkt war wohl das Engage- ment bei der Schweizer Nationalmann- schaft. Es war ein undankbarer Zeit- punkt, was die Situation in der Mann- schaft betraf. Wir haben uns nicht für

die WM 1998 qualifiziert. Verständlich, dass ich danach kritisiert wurde.

Sie wurden nicht nur kritisiert, sie wurden von der Kritik weggefegt. Wäre das auch bei einem anderen Trainer so passiert?

Wer weiss? Aber ich hatte schon eine schwierige Position. Ich war sehr jung und habe mich mit Spielern angelegt, die nicht für das Team spielten, son- dern nur für sich selber und am Ende vor allem gegen mich. Und das mit der Unterstützung des damaligen Präsi- denten (Marcel Mathier, Anm. der Re- daktion). Das hat mir nicht geholfen.

Mit GC wurden Sie danach zwar Schweizer Meister mit Rekordvor- sprung. Ein halbes Jahr später, auf Rang zwei liegend, wurden Sie trotzdem unehrenhaft entlassen. Wessen Schuld war das? Wer innerhalb von zwei Jahren zwei negative Medienkampagnen gegen sich hat, der bringt den negativen Rucksack fast nicht mehr los. In diese Zeit fielen auch gewisse private Prob- leme, die schliesslich in der Scheidung von meiner Frau gipfelten. Ich konnte mich damals und in den folgenden >

^ Jahren nicht hundertprozentig auf

meine Aufgabe als Trainer konzentrie-

ren. Glauben Sie mir, die Entlassung bei GC hatte mich kaum berührt. Ich musste um meine Familie kämpfen, das war viel wichtiger.

trauen kann und die realistisch und vernünftig denken und handeln. Wir haben die Voraussetzungen geschaf- fen, um mittelfristig erfolgreich zu sein.

Welchen Rang am Ende der Saison würden Sie als Erfolg werten? Die Rangierung ist nicht so wichtig. Es geht um den fussballerischen Fort- schritt und die Anzahl Punkte. Wenn

Spiel gewinnen können. Egal, wie der Gegner heisst. Das sind wichtige Vor- aussetzungen, um erfolgreich zu sein.

Sprechen Sie mit 49 Jahren noch die Sprache der Spieler? Sie verstehen mich und ich verstehe sie, das ist das Wichtigste. Dafür muss ich nicht ihre Sprache sprechen oder ihre mega-coolen Grusszeremonien mitmachen.

Wie haben sich die Spielertypen im Ver- gleich zu früher ver- ändert? Es gibt auch heute

noch Typen mit Ecken und Kanten, aber sie sind rarer geworden. Tendenziell hatten die Typen früher mehr Verantwortungsgefühl. Die woll- ten Profi werden und mussten dafür die eigenen Ellbogen ausfahren. Heute haben die 15-Jährigen bereits zwei, drei Manager. Der Papi fährt sie ins Training, die Grossmutter zurück nach Hause und die Tante bringt noch einen Kuchen mit. Wenn ein Spieler mal un- ten durch muss, legen ihm die Berater drei Alternativen auf den Tisch und dem Vater noch eine Prämie. Er wech- selt schnell den Klub und alle klopfen dem Spieler auf die Schulter: Du bist eben doch der Beste. Das ist jetzt pla- kativ ausgedrückt, kommt der Wirk- lichkeit in vielen Fällen aber ziemlich nah. Wie sollen die Spieler so lernen, sich aus schwierigen Situationen he- rauszukämpfen?

Dürfen zu Ihnen die Spieler Du sagen? Ich sage zu ihnen «Du» und den Vor- namen. Sie sagen «Sie Trainer», obwohl ich das gar nie thematisiert habe. Das ergab sich einfach so.

Früher waren Sie der Kumpeltyp. Sind Sie heute die Autoritätsperson? Ich bin eine Mischung von beidem. Der wichtigste Faktor in meiner Bezie- K

Welches Verhältnis haben Sie heute zu Ihrer Ex-Frau? Wir haben heute ein gutes Verhältnis. Als ich als Trainer in Zypern, Griechenland

und in den Emiraten war, ist sie mit den Kin- dern jeweils zu mir in die Ferien gekommen.

"Der Preis der gescheiterten Ehe war zu hoch. Wüsste ich, dass ich das alles noch einmal durchleben musste, würde ich mir wohl einen

anderen Job suchen."

Haben Sie in der Zwi- schenzeit eine neue Liebe gefunden? Noch nicht. Doch das ist der nächste Schritt in meinem Leben. Ich konzen- triere mich hundertprozentig auf mei- ne Arbeit beim FC St. Gallen. Das ande- re ergibt sich von allein.

Was ist übrig geblieben vom einsti- gen Wundertrainer Fringer? Damals kam ich von Schaffhausen zu Aarau und sagte: Wartet nur, ich zeigs euch allen. Ich war jung, bereit zum Risiko, unbekümmert, lebensfroh. Heu- te hab ich dieselben Eigenschaften wieder gefunden. Ich bin motiviert, enthusiastisch, habe zu meinem Stolz und jugendlichen Trotz zurückge- funden und sage auch heute wieder:

Wartet nur, ich zeigs euch allen.

Wen meinen Sie mit «euch»? Die Öffentlichkeit. Ich will beweisen, dass ich als Trainer nicht schlechter geworden bin, sondern dass mich einzig die privaten Umstände ein paar Jahre daran gehindert hatten, ein er- folgreicher Trainer zu sein.

Was ist sportlich möglich mit dem FC St. Gallen? Dieser Klub ist gut geführt. Ich habe Leute um mich herum, denen ich ver-

wir am Ende der Saison fünfzehn bis

zwanzig Punkte mehr haben als letzte Saison und die Zuschauer Freude

haben

das ein schöner Erfolg.

am FC St. Gallen, dann wäre

Diese Aussage passt nicht zu Ihnen. Ein Trainer, der zweimal Schweizer Meister wurde, kann doch nur höchste Ziele verfolgen. Was ich sage und was ich denke, das sind zwei verschiedene Sachen. Ich weiss aus Erfahrung, dass ein Glücks- treffer immer möglich ist. Aber wir dür- fen jetzt nicht den zweiten Schritt vor dem ersten machen. Wir müssen mit- tel- und langfristig denken. Unser Ziel ist die Stabilisierung und die Etablie- rung in der vorderen Tabellenhälfte.

Wie machten Sie den FC St. Gallen in so kurzer Zeit zu einem Klub, der vorne mitspielen kann? Ich bin nur Teil des Ganzen. Die Ver- einsführung und die Spieler haben ei- nen wesentlichen Beitrag geleistet. Ich habe die Unbekümmertheit und das Selbstbewusstsein mitgebracht, die Bereitschaft zum Risiko. Wir gehen heute auf den Platz, machen Pressing und glauben daran, dass wir jedes

ROLF FRINGER

Geboren:

Adliswil ZH Familienstand: Geschieden, 2 Kinder (Michel,17, und Aline,13)

Wohnort:

26. Januar 1957 in

Abtwil SG

Karriere als Spieler:

1978-1981: CS Chenois 1981-1983: FC Luzern 1983-1985: SC Zug

1986-1987: FC Altdorf

(Spielertrainer) 1987-1990: FC Schaff hausen (Spielertrainer)

Karriere als Trainer:

1990-1992: FC Schaffhausen

1992-1995:

1995-1996: VfB Stuttgart

1996-1997: Schweizer

schaft 1998-2000: Grasshoppers (1998 Meister)

2000-2002: FC Aarau

FC Aarau (1993 Meister)

Nationalmann-

2003:

Al-Wahda Abu Dhabi

2004:

(Vereinigte Arabische Emirate) Apollon Limassol (Zypern)

2004-2005: PAOK Saloniki (Griechenland) Seit 15. April 2006: FC St. Gallen (Vertrag bis Juni 2007)

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> hung zu den Spielern und zu der

Klubführung ist der gegenseitige Res- pekt.

ging als Trainer nach Zypern, Grie- chenland und in die Emirate. Diese Ab- stecher waren keine sportlichen High- lights, aber sie haben mich weiter- gebracht, meinen Horizont erweitert. Durch den Abstand konnte ich das alles verarbeiten und meine Batterien wieder aufladen. Inzwischen habe ich zwei neue Hüftgelenke. Der Service ist abgeschlossen.

Auf was sind Sie besonders stolz? Stolz bin ich, dass ich gestärkt und un- beschadet aus der ganzen Sache raus- gekommen bin. Ich habe die Lösung meiner Probleme

nie dem Alkohol oder anderen Dro- gen überlassen. Ich kaue nicht mal Fingernägel. Ich konnte immer in den Spiegel schauen und habe den Glauben an mich nie verloren. Eine Genugtuung ist zudem, dass ich ein absolut ungestörtes Verhältnis zu meinen Kindern habe, trotz Scheidung und räumlicher Trennung. Sie freuen sich mit mir, dass es mir wieder gut geht.

Zucken Sie zusammen, wenn Ihnen heute einer auf die Schultern klopft und im Erfolg auffallend Ihre Nähe sucht? Nein, das ist so und ich akzeptiere das. Wenn es gut läuft, hast du Freunde. Wenn nicht, werden die Freunde weni-

ger. Das tut mir nicht weh.

"Ich konnte immer in den Spiegel schauen und habe den Glauben an mich nie verloren."

In Schaffhausen waren Sie Ange- stellter bei der Stadt, als das Profi- angebot aus Aarau

kam. Sie hatten damals kurz gezö- gert, bevor Sie zusagten. Würden Sie im Wissen, was alles auf Sie zukommt, noch einmal gleich entscheiden? Diese Frage kann ich nicht mit Ja oder Nein beantworten. Ich bin wohl dazu geboren, im Fussball tätig zu sein. Und ich bin privilegiert, dass ich das immer noch kann. Aber der Preis der geschei- terten Ehe war zu hoch. Wüsste ich, dass ich das alles noch einmal durch- leben müsste, würde ich mir wohl einen anderen Job suchen.

Leben Sie heute mit der ständigen Angst, dass es plötzlich wieder abwärts gehen könnte? Absolut nicht. So schnell haut mich nichts mehr um. Auch keine Niederla- gen. Was sind denn schon ein paar verlorene Fussballspiele? Wenn es bei St. Gallen nicht wie gewünscht klap-

pen sollte, was ich nicht glaube, dann gehe ich halt zu einem anderen Klub.

dass im Leben immer

Ich habe gelernt,

eine Tür aufgeht, wenn man selber etwas dafür tut. Ich könnte mir auch vorstellen, einen Job in der Privatwirt- schaft gut zu machen. Momentan bin ich aber überzeugt, dass ich als Trainer

wieder vor einer guten und erfolgrei- chen Zukunft stehe. •

Welches war Ihr absoluter Tief- punkt? Als ich ohne Familie und ohne Job da- stand und aufs Arbeitsamt müsste. Obwohl ich mit dem Stempeln keine Probleme hatte. Ich war mir dafür nicht zu schade. Damals wurden meine gesundheitlichen Probleme akuter - die Arthrose in beiden Hüftgelenken. Das war eine zusätzliche Belastung zu allem anderen.

Wie sind Sie da herausgekommen? Es war wichtig, dass ich dieses Umfeld in der Schweiz verlassen konnte. Ich