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Departement Architektur

Vorwort

Vorwort

Die Ordnung der Architektur überträgt sich auf die Stadt, verleiht ihr gewissermassen gebaute Regeln und benennt die Ausnahmen. Wenn jemand wie Carl André meint, dass er in der Zeit von Besessenheit nach Veränderung, nach Unveränderlichkeit besessen ist, dann bezieht er sich da- mit auch ausdrücklich auf die Qualität der Trägheit. Es ist sehr wichtig, bei den immer neuen Formen von Ge- schwindigkeit, das Interesse an Schwere und Trägheit nicht in Opposition, sondern in Beziehung dazu zu set- zen, so wie Goethe allen Kindern wünscht, dass sie von ihren Eltern Wurzeln und Flügel bekommen sollen. Stellt man sich die Erde als leicht und entgrenzt vor, wird zwar der Weg frei für zahlreiche neue Definitionen von Schwerkraft. Damit wird aber gleichzeitig der Blick auf die Urphänomene von Architektur, der Schwere und dem Verharren aufgeweitet; man erkennt neue Qualitäten dieser Phänomene. Architektur ist und bleibt an ihre Dreidimensionalität und an eine gebaute Tatsächlichkeit gebunden, bei welcher man einen bestimmten Umfang an Masse als Grundeigenschaft der Materie einsetzt, um sie mit Raum und Licht zu formen. Man kann vom physikalischen Gewicht von Material und Masse ausgehen und von dessen unmittelbarer Kräfteablagerung auf den Grund. Das physikalische Ge- wicht ist das Ausmass an Schwerkraft, das Gegenstände zur Erde zieht. Struktur und Materialeigenschaften sowie die konstruktive Idee des Tragens ordnen den architekto- nischen Entwurf und setzen ihn in Spannung zur Schwer- kraft. Schwere und Trägheit rufen nach Leichte und Dynamik und werden so zum Thema der Form, zur sicht- baren Gestalt des Inhalts. Man kann dazu den Begriff des Gestaltgewichts einführen. Es geht um die Wahrneh- mung von Gestalt in Verbindung mit dem Grad des Wissens um Formen, Materialien und Bestimmung. Wenn etwas schwer erscheint, was in Wirklichkeit leicht ist oder umgekehrt, entzieht sich das Gestaltgewicht dem physikalischen Gewicht. Es gelten andere Gesetze, als die der formalen Wahrnehmung von Grösse, Schwere oder Leichte. Architektonische Formen haben aber auch ein Bedeutungsgewicht in der Landschaft und in der Stadt, das zum sichtbaren Ausdruck von Vereinbarungen und Regeln oder deren Ausnahmen im Stadtgemenge wird. Die Frage der Angemessenheit verbindet sich immer mit dem Bedeutungsgewicht einer Bauaufgabe. Nicht je- des Haus ist eine Kathedrale. Es gibt gute Rosen, aber nicht alle Pflanzen können Rosen sein. Es muss auch gutes Gemüse geben, so wie Mies van der Rohe es schon benannt hat. Man kann auch über Dauerhaftigkeit von Formen der Stadt sprechen. Dazu ist festzustellen, dass die Stadt als Versammlung von Körper und Raum in erster Linie träge und schwer ist,aber immer durchwoben von pulsierendem Leben, entgrenzter Mobilität und flüchtigen Gedanken. Der Angriff auf die Solidität des Steins ist immer auch ein Angriff auf das Fundament der Stadt. Dies wirkt zwar antithetisch in Bezug auf die Faszination des Virtuellen und das hierarchische Durcheinander in Fragen der Ge- wichtungen und Entgrenzungen. Aber nur die gebaute,

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Foreword

The ordering structure of architecture transfers to the city; it provides it with a set of built rules and names the exceptions. When such a figure as Carl André says that he is obsessed with permanence in a time obsessed with change, then he is also referring explicitly to the quality of slowness. It is very important, amidst ever-new forms of speed, to position an interest in heaviness and slowness not in opposition, but in relationship to them. It is in this sense that Goethe wished for all children that their parents give them roots and wings. If one imagines that the earth is light and limitless, then countless new definitions of gravity become possible. At the same time, awareness of architecture’s essential phenomena, that which is weighty and permanent, is expanded; one recognizes new qualities in these phe- nomena. Architecture is and remains bound to its three dimensionality and its built factuality. It is here that a specific amount of mass is employed as the fundamental characteristic of material in order to allow its configura- tion through space and light. One can begin with the physical weight of material and mass, and their immediate transfer of forces. Physical weight is the measure of the gravity, which draws objects towards the earth. Structure and material qualities, as well as the constructional idea of the bearing system, lend order to the architectural design and position it relative to gravity. Weight and slowness also need levity and dyna- mism and thus become the formal parameters as they assume the visible shape of the content. One might intro- duce the concept of Gestalt weight. It is a matter of the perception of form as related to the degree of knowl- edge with regard to forms, materials and determination. If something appears heavy although it is in reality light, or vice versa, then the Gestalt weight distances itself from the physical weight. There are other laws in effect than those of size, weight or lightness. Architectural forms also, however, have the weight of their meaning in the landscape or in the city which then becomes the visible expression of mutual agreements and rules, or the exceptions to them, in the urban conglomerate. The question of appropriateness is always connected to the weight of meaning of any building project. Not every building is a cathedral. There are good roses, but not all plants can be roses. There must also be good vegeta- bles, as Mies van der Rohe once expressed it. It is also possible to speak about the permanence of urban forms. One can establish that the city, as a collec- tion of volumes and space, is primarily slow and heavy, but also marbled with pulsating life, unbounded mobili- ty and fleeting thoughts. An attack on the solidity of stone is always also an attack on the foundation of the city. This might seem antithetical to a fascination with the virtual and with a hierarchical chaos of emphasis and delimitation. But only the built, the architectural city, whose regulatory structure remains palpable regardless of de- viation, can satisfy humanity’s essential need to feel secure and, wherever possible, to find a bit of peace. The fact that architecture is understood as the art of building, and in that sense represents the technical, natural scientific and humanist disciplines as well as the world of art, is a constant and inspirational component

Departement Architektur

Vorwort

die architektonische Stadt, deren Regelwerk bei allen Ab- weichungen spürbar bleibt, kommt einem Grundbedürfnis der Menschen entgegen, sich in ihr geborgen zu fühlen und womöglich gar etwas Ruhe zu finden. Die Tatsache, dass Architektur als Kunst des Bauens verstanden wird, und dabei ebenso das Technische, Natur- und Geisteswissenschaftliche sowie die Welt der Kunst vertritt, ist steter und inspirierender Bestandteil des kontinuierlichen Diskurses am Departement Architek- tur. In diesem Feld der Auseinandersetzung werden die theoretischen Ebenen mit der Feldforschung in der Praxis vermessen. Daraus entsteht, innerhalb ideologischer Polarisierungen, eine gemeinsame, sozusagen europäische Position, bei der die Rolle der Geschichte als Bezugsfeld und die Praxiserprobung von theoretischen Behauptungen im Mittelpunkt stehen. Es ist ebenso unbestritten, dass die generelle Ausrich- tung der Lehre und Forschung sowie die im Jahre 2004 abgeschlossene Unterrichtsreform auf ein stärker vernetz- tes Zusammenwirken von einzelnen Disziplinen zielt. In dieser Beziehung ist auch das neu geschaffene Netzwerk Stadt- und Landschaft zu verstehen, welches im Sinne eines gemeinsamen Auftritts der beiden Departemente d-arch und d-baug auf eine Zukunft hinzielt, die viel stärker nach solchen widerstandsfähigen Positionen fragen wird. Städtebau, Stadtbaugeschichte, Landschaftsarchi- tektur, Umweltwissenschaften, Verkehrs- und Transport- systemfragen werden in einer gemeinsamen, von beiden Departementen getragenen Forschungsplattform gebündelt und deren Resultate unter dem gemeinsamen Label nsl vermittelt. Der Prozess des Zusammenwirkens hat begon- nen, das Netzwerk als Ganzes wird seine Synergien ab Herbst 2003 erstmals einsetzen können. Parallel dazu, eingebettet und abgestimmt mit dem nsl, wird das neu geschaffene Institut «Studio Basel – Stadt der Gegen- wart» des d-arch seine über drei Jahre entwickelte, bedeutende Forschungsarbeit in Buchform herausbringen. Das Jahrbuch in der vorliegenden Form setzt das ein- geleitete Gestaltungskonzept fort. Es trägt die Hand- schrift von Fritz Gottschalk und dem neuen Gestalter Jakob Roduner. Für die Redaktion und Koordination war Frau Denise Michel besorgt. Ich danke ihnen sehr für die sorgfältige Arbeit und das Engagement. In meinen Dank schliesse ich ausdrücklich meine Kolleginnen und Kollegen, Professorinnen und Professoren ein, welche dafür garantieren, dass der Gehalt und die Qualität der dokumentierten Arbeiten in der Lehre und Forschung sowie auf der Ebene der Publikation die Kontinuität des hohen Standards des Departements Architektur inner- halb der eth Zürich gewährleisten.

Prof. Adrian Meyer Vo rsteher des Departements Architektur

of the ongoing discourse in the Faculty of Architecture. In this area of discussion, theoretical planes are meas- ured in terms of the field research of practice. Within this ideological polarization, a common European position arises in which the role of history as a frame of reference and the practical testing of theoretical assertions occupy the center. It is equally accepted that the general direction of teaching and research, including the reforms in teaching to be completed in 2004, aim to establish a more strong- ly networked cooperation among individual disciplines. It is in this light that the newly created Network City and Landscape should be understood, which is intended to fa- cilitate a joint venture in the future between the faculties ‘d-arch’ and ‘d-baug.’ The object of this collaboration will be a deeper inquiry into such resistant positions. Urbanism, urban history, landscape architecture, environ- mental science, traffic and transportation system issues will be combined in a common research platform spon- sored by both faculties. The results will be disseminated through the common title nsl. The process of collabora- tion has begun, and the net-work as a whole will be able to deploy its synergy in the fall of 2003 for the first time. Parallel to that effort, as part of the nsl and subject to its consideration, the newly formed ‘Studio Basel/Institute for the Contemporary City’ will prepare a book on its significant research work as it has been developed over the past three years. The yearbook in its present form represents the further development of the formal concept already introduced. It bears the signature of Fritz Gottschalk and the new designer, Jakob Roduner. Ms. Denise Michel was re- sponsible for the editing and coordination. I would like to thank them for their careful work and engagement. Included in my thanks are also my colleagues, the profes- sors, who guarantee that the content and quality of the works documented in the areas of teaching and research as well as in publication will carry on the high standard held by the Faculty of Architecture within the eth Zurich.

Prof. Adrian Meyer Head, Faculty of Architecture

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