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LSD, die Zweite

von: http://mysteriousrabbithole.wordpress.com/

Als ich an jenem Tage um die Mittagszeit aufstand, wusste ich nicht, ob tatsächlich eine Reise ins Wunderland angetreten wird. Seit Wochen wurde der Trip schon aufgeschoben und somit reduzierte ich Woche für Woche meine emotionale Verstrickung in die typische Vorfreude, damit ich im Falle einer weiteren Verzögerung nicht mit der entstandenen Anspannung umgehen musste. Gelegentlich spielte ich auch mit dem Gedanken einmal alleine trippen zu gehen, doch letztlich hoffte ich darauf, baldmöglichst wieder mit B. reisen zu gehen. Am Vortag vereinbarte ich mit B. ein gemeinsames Treffen in meinen Räumlichkeiten gegen 17 Uhr. Ungefähr eine Stunde vorher kam ich wieder in meinem Tempel an. Es war ein staatlicher Feiertag und somit blieb mir nichts anderes übrig, als die gewünschte rote Rose bei einer Tankstelle zu kaufen. In einer bekannten ZDF- Dokumentation über LSD wird berichtet, dass man Patienten, die sich einer LSD-Therapie unterzogen, nach ihrer stundenlangen Innenschau eine rote Rose gab. Der Anblick, so hieß es, soll gewaltig sein.

Gegen 17.30 traf B. dann ein und nahm neben mir auf der Couch Platz. Unterstützt durch Prem Joshuas Album Dakini Lounge akklimatisierte sich B. bei mir. Auf dem Tisch stand ein Teller mit Äpfeln, Bananen und Mandarinen, dazu zwei Totenschädel und ein verträumter Totenschädel mit Korpus, der mich

unentwegt an die faszinierende Santa Muerte erinnerte. Des Weiteren wurden Teelichter aufgebaut, von denen ich leider nur noch eine Handvoll hatte, weswegen auch eine angebrochene Schachtel weißer Stabkerzen hervorgeholt und in Griffnähe gelegt wurde. Im Zentrum stand eine Teekanne, gefüllt mit Wasser, um die darin befindliche Rose mit ausreichend Nahrung zu versorgen. Zusammen mit dem roten Licht des Leuchtschlauchs war also für eine mysteriöse Atmosphäre gesorgt. Nun war spätestens auch klar, dass wir uns auf die Reise begeben würden.

Ungefähr kurz nach 18 Uhr nahmen wir die Pappen (Shiva-Aufdruck) und führten dabei neben persönlichen Gesprächen auch einen Streifzug durch die europäische Kulturgeschichte. Angefangen bei der bekannten Mozart Verfilmung, gelangten wir auf die Spuren von Multitalent Goethe, dessen Mannigfaltigkeit uns über den italienischen Schriftsteller, Philosophen, Kabbalahkundigen und Mathematiker Casanova stolpern ließ, welcher der Nachwelt vor allem durch seinen weit gefächerten Frauengeschmack in Erinnerung blieb. Ab einem gewissen Punkt wurde es mir immer schwerer den Ausführungen meines Begleiters zu folgen. Dann erkannten wir, dass die Reise bereits in vollem Gang war und unsere Maschine einen regelrechten Senkrechtstart hingelegt hatte. Zudem ließ uns der gute Prem Joshua fast keine Atempause, weswegen wir uns entschlossen auf Klaus Wieses El Hadra –

The mystic dance umzusteigen, der auch schon große Strecken unseres berüchtigten LSA-Trips im letzten Sommer begleitete. Klaus Wiese der Mann für professionelle Innenraumforschung.

Danach deckte ich mich zunächst einmal im eigenen Bett etwas zu, die Kälte im Zimmer machte mir zu schaffen. Doch ich war mir sicher, dass dies ein Trugschluss war, denn die Heizung war auf eine durchaus angemessene Temperatur gestellt. Ständige Wechsel zwischen den Empfindungen warm und kalt waren die gesamte Reise über präsent, führten besonders bei mir in der Anfangs- bis zur Mittelphase für viel Bewegungsdrang. Ich spürte eine Unruhe, die es mir nicht möglich machte, klare Gedanken zu fassen. Der Höhenflug ging mir definitiv zu schnell und ich spürte, wie sich Teile meines Selbst mit Fragen befassten, von denen ich mich eigentlich abgewandt hatte. Als ich in meiner Umtriebigkeit wieder neben B. Platz nahm, der zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht die Stelle gewechselt hatte, fragte mich dieser, ob es in mir arbeiten würde. Und er hatte recht, bestimmte Stellen von Geist und Körper waren so sehr mit anderen Dingen beschäftigt, dass ich den Rest meiner Aufmerksamkeit immer wieder auf sie richtete. Nach einer Weile, ich hatte mich an die Staffelei gestellt und erste Pinselstriche unternommen, kam mir eine gewaltige Erkenntnis. Teile von mir, so war es jetzt klar, versteckten sich vom Rest. Diese Anteile waren nicht bewusst beim Trip dabei, sondern wollten weiterhin in ihrer

gewohnten Struktur verweilen, wehrten sich gegen den Prozess, gegen die Bewegung, die Möglichkeit endgültig zu vergehen. Über dieses Erkennen schaffte ich es dann immer mehr, diese Teile zu finden und auch auf die andere Seite zu holen. Das Versteckspiel machte immer mehr Spaß und schlussendlich waren sie alle durch das Rabbithole gesprungen, bereit für die nächsten Herausforderungen, bereit sich zu verändern.

Ab diesem Punkt wurde der Trip immer unterhaltsamer. Zwar kann ich nicht mehr die Einzelheiten wiedergeben, jedoch scherzten wir im Groben über vorgebliche Realitätskonstrukte, die Leichtigkeit des Daseins, die scheinbare Unmöglichkeit des Menschen andere als Menschen anzuerkennen (man munkelt, das würde das große Spiel für alle leichter machen…), all die kleinen Versteckspiele mit sich selbst, die bloßer Ausdruck unserer persönlichen Vorliebe für Tragödien jeglicher Art sind. Immer wieder brach man in gemeinsames Gelächter aus, pushte sich gegenseitig, was dazu führte ein immer kosmischeres Gefühl des Verständnis zu entwickeln. Immer mehr Zusammenhänge im großen Spinnennetz der Maya schimmerten auf und erzählten die großartige Geschichte eines Universums, das wir als unsere Bühne nutzen.

Jetzt erkannten wir, dass Lachen das Sprungbrett zur Erkenntnis und darüber hinaus zur Erleuchtung sein

kann. Lachen, pures Lachen, brutal-pures Lachen. Und wir lachten. Es war noch sehr früh an jenem Abend. Zwar mutmaßte ich, dass meine Nachbarin nicht zuhause war, jedoch konnte ich mir nicht sicher sein, ob sie zurückkommen würde. In jenem Moment bemerkte ich aber die Möglichkeit eines entfesselten Hinüberspringens in die heiteren Abgründe der Unkontrollierbarkeit. Ich sehnte mir ein Schloss herbei, das einem Tim Burton Film gleichend von schrägen Clowns, Mumien und Echsenmenschen bewohnt wird, die sich niemals über die Lautstärke beschweren, stattdessen ihrerseits für befreiendes Tohuwabohu sorgen würden.

In einem der immer seltener gewordenen Momente, in denen mir noch Luft zum Sprechen blieb, fragte ich B., ob wir möglicherweise zu laut waren. Mir erschien es unmöglich den Grad unserer Entrücktheit einzuschätzen. Er schnappte seinerseits nach Luft und meinte: “Aber nein. Wir sind doch nicht hemmmunglos.” Dieser Satz war für uns beide das Startzeichen der Einkehr in eine nicht gekannte Form der Verzückung. In meinen Ohren klang er nach Shakespeare.

Nun ergab alles Sinn. Man erinnere sich bitte:

“All the world’s a stage,

And all the men and women merely players:

They have their exits and their entrances;

And one man in his time plays many parts

[

Shakespeare)

]”

(“All

the

world’s

a

stage”

Monolog

von

Meine vorangegangene Tragödie, das Versteckspiel mit mir selbst, hatte sich in eine wahnsinnige Komödie verwandelt. Alles war nur noch ein großer Witz. Oder besser: Alles war schon immer nur ein großer Witz. Ich dachte an Erleuchtete, die in allem nur den großen Witz sehen. In diesem Moment waren wir zu ihnen gestoßen. Jetzt verstanden wir. Jetzt lachten wir und erfüllten damit unsere Bestimmung. Vielleicht kann man das große Spiel nicht gewinnen, doch man kann immerhin lachen. Das Gefühl der Einheit kann auf vielerlei Wegen erreicht werden. Auf schnellen und langsamen Sohlen, sowohl auf die nette als auch auf die unschöne Tour. Alles gehört zum Spiel, alles ist das große Spiel. An jenem Tag lachten wir und vergaßen dabei aber auch nicht diejenigen, die sich für den Weg des Propheten entschieden haben.

Der Prophet, der sein eigenes Kreuz dabei hat und

sich voller Inbrust die Nägel ins eigene Fleisch rammt!

Nachdem das Bild des Propheten mit seinem Baukasten-Kreuz vor unserem inneren Auge auftauchte, wurde eine weitere Grenze gesprengt. Unser ohnehin schon schallendes Gelächter nahm nicht für möglich gehaltene Auswüchse an. Mich riss es auf dem Boden herum, unmöglich aufzuhören oder die Kontrolle über meinen Leib zurück zu gewinnen. Es war als würde die Erde beben, doch das scheinbare Beben entpuppte sich schließlich als weitaus weitreichender: Wir waren dem Witz des Universums auf die Spur gekommen!

“Lachen ist die einzig vertretbare Einstellung in einem Universum, das ein Witz ist, der sich selbst erzählt.” (“Liber Null” – Peter J. Carroll)

Wir lachten und weinten gleichzeitig. Das kosmische Gelächter war markerschütternd und schlichtweg orgiastisch, dazu lief uns der Rotz aus den Nasen. Die vermutlich minutenlang anhaltenden Erschütterungen lösten Spannungen im ganzen Leib und schenkten Einblick in eine versteckte Sphäre der Ekstase. Nachdem das Lachen langsam verstummte, fühlte ich mich so, als hätte mich das Universum von hinten rangenommen. B. konnte diese Empfindung zwar nicht ganz teilen, war seinerseits aber ebenso von diesem Moment, seiner unfassbaren Tiefe überwältigt.

Ich

war

sogar

dermaßen

überwältigt,

dass

ich

gewissermaßen wieder begann, ein wenig Tragödie zu spielen. Im kosmischen Jaulen sah ich mich mit Kräften konfrontiert, die zu mächtig, zu unbegreiflich waren, als dass der menschliche Verstand sich ungestraft mit ihnen befassen konnte. Wieder irrte ich im Raum herum, positionierte mich vor der Staffelei, malte verlegen weiter an einer Blume und versuchte mich vor den Eindrücken des vorangegangen lovecraftschen Moment zu drücken.

Irgendwann danach – ehrlich gesagt bin ich mir nicht mehr sicher, ob mir die Botschaft tatsächlich in Reaktion auf die erneuten Anflüge der Tragödie kam – ereilte mich ein Wink. Es handelte sich um die Antwort auf ein mich seit Monaten zu gewissen Gelegenheiten plagendes Schreckgespenst, das mir kurz vor dem letztjährigen Sommer zum ersten Mal erschien. Ohne zu sehr ins Detail gehen zu wollen, kann ich an dieser Stelle zumindest festhalten, dass dieses Gespenst im Zusammenhang mit meinem Studium stand. Es war das Fehlen einer angemessenen und nachvollziehbaren Antwort auf ein nicht gekanntes Gefühl der Ausgeliefertheit in einem jener Momente, die eigentlich vertraut waren, da so oft erlebt und mit Leichtigkeit gemeistert. Dieser Wink gab mir eine Antwort, die ich nachvollziehen konnte, schon immer in mir war, nur nicht im richtigen Licht erschien. Doch jetzt war es klar. Verschiedene Rollen, die ich im Alltag zu spielen hatte, standen sich im Weg, kollidierten unentwegt, stellten eine große Belastung für mich dar.

Das kosmische Lachen und die anschließende Lehre durch den Wink waren auf dieser Reise jedenfalls meine persönlichen Highlights. Im Laufe des Abends gab es noch eine Reihe anderer Ereignisse, beispielsweise eine Decke mit Zähnen, die versuchte sich in aufmerksamkeitserheischender Manier zwischen die Reisenden zu stellen oder eine indianische Trancesession mit dem lieblichen Klang körpereigenen Summens. Doch diese Dinge sollen zum jetzigen Zeitpunkt nicht weiter ausgeführt werden. Ehrlich gesagt fiel es mir beim Schreiben dieses Berichts auch deutlich schwerer, mich an die Einzelheiten zu erinnern.

Eines lässt sich jedoch festhalten: die Reise hat sich für uns beide definitiv gelohnt und ich wage die Vorhersage, dass es nicht unsere Letzte gewesen sein sollte…

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