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Dreams are my reality

© carsten thoben

Ich habe aufgehört zu zählen. Nahezu unendlich ziehen die Baumreihen vor dem
Fenster vorbei. Ihre Kronen erstrahlen im grünen Glanz. Der Fluss liegt friedlich zu
ihren Füßen. Es ist windstill. Nicht die kleinste Bewegung auf dem Wasser. Langsam
verschwinden die Sonnenstrahlen hinter den ersten Gewitterwolken. Der Himmel
hüllt die Stadt in mattes Grau. Sie wirkt verlassen. Wie ausgestorben. Kaum Autos
auf den Straßen. Die meisten Plätze des Abteils sind unbesetzt. Außer mir verlieren
sich noch vier Fahrgäste in den Reihen. Sitzen bestimmt alle vor dem Fernseher. Das
Spiel gucken.
Irgendwie merkwürdig, dass in diesem Moment ein Fahrkartenkontrolleur einsteigt.
Er wirkt fehl am Platz. Fremd. Wie ein Nomade in der eisbedeckten Antarktis. Seine
raue Stimme durchdringt die Stille des Abteils: „Die Fahrausweise, bitte!“
Die Frau links von mir, kurz geschorene Haare, Batikhose, selbst gefärbt, wühlt in
ihrer Tasche aufgeregt nach dem Ticket. Sie wird es finden, davon bin ich überzeugt.
Eine Schwarzfahrerin sieht anders aus. Ich weiß, dass man Menschen nicht nach
ihrem Äußeren beurteilen sollte. Meistens sogar gewaltig daneben liegt. In diesem
Fall behalte ich Recht. Als der Kontrolleur zum zweiten Mal einem Roboter gleich
seine Frage herunter betet, zieht die Dame links von mir triumphierend ihr Ticket
aus der Tasche. Der Kontrolleur schaut sie böse an. Seine vermutlich schon sicher
geglaubte Provision hat sich in Luft aufgelöst. Auch bei mir kommt er nicht weit mit
seiner Hoffnung. Ich halte ihm mein Studententicket unter die krumme Nase. Scheint
so, als hätten schon zahlreiche Fahrgäste auf sie eingeprügelt. Vielleicht um ihren
Besitzer auf diese Weise davon zu überzeugen, dass sie sehr wohl in Besitz eines
Fahrscheines sind.
Frustriert steigt der Kontrolleur an der nächsten Station aus, um im vorderen Abteil
seine Beutejagd wieder aufzunehmen. Das Handy vibriert in meiner Tasche. Ich hole
es hervor, entschließe mich, dass ich mit dem Anrufer nicht reden möchte und stecke
es wieder ein. Bukowski verliert zunehmend den Kampf um meine Aufmerksamkeit.
Die Frau links von mir liest gebannt in einem abgewetzten Büchlein. Es ist eines
dieser kleinen gelben Reclam-Heftchen, mit denen einen die Lehrer in der Schule
immerzu gequält haben. Goethe und Schiller, Kleider machen Leute oder Nathan der
Weise. Langweilige Lektüre eben. Ich habe es nie über das erste Kapitel hinaus
geschafft und statt dessen irgend welche infantilen Bildchen neben die Zeilen gemalt.
Die Frau links von mir gehörte mit Sicherheit zu den Streberinnen, die vor jeder
Stunde das zu besprechende Kapitel zweimal gelesen haben. Damit sie auch ja alles
verstehen und die Lehrerin mit exaltierten Fragen nerven können.
Als sich die Frau links von mir erhebt, um auszusteigen, was aufgrund ihrer
Körperfülle ziemlich langsam vonstatten geht, gelingt es mir, einen Blick auf den
Titel zu werfen. „Kommunikatives Handeln und detranszendalisierte Vernunft“.
Habermas. Weitaus schlimmer als Deutschlektüre.
Ein dunkelhäutiger Mann setzt sich neben mich. Ein wenig seltsam, wie ich finde, da
fast alle Sitzreihen unbesetzt sind und er eine komplette Bank für sich alleine
beanspruchen könnte. Er riecht nach einer Mischung aus Curry und irgend welchen
anderen exotischen Gewürzen. Ihre Namen kenne ich nicht. Ich wende meinen Blick
wieder dem Mädchen zu. Sie sitzt zwei Reihen vor mir und hat mir den Rücken
zugewandt. Trotzdem kann ich mich ihres Anblickes nicht entziehen. Eine fesselnde
Aura umgibt sie. Traurigkeit garniert mit einer Prise Verträumtheit. Wie ein
unsichtbarer Duft, der alle anderen davon abhält, sich neben sie zu setzen. Mit ihr zu
reden. Ihre Haare hat sie zu einem Zopf gebunden, der hinten über die Lehne fällt.
Mit der rechten Hand streicht sie eine Strähne hinter das Ohr. Wie automatisch.
Immer wieder. Ihr Gesicht scheint starr gerade aus gerichtet. Einen Punkt im
Nirgendwo fixierend, unsichtbar für alle anderen. Ich würde ihr gerne einen Stern
vom Himmel pflücken. Ein Lächeln auf ihre Lippen zaubern.
Der Mann mit dem Currygeruch fragt mich in gebrochenem Deutsch nach der
Uhrzeit. Ich schaue auf mein Handgelenk und merke, dass ich meine Uhr zu Hause
gelassen habe. Nach einem Blick aufs Handy antworte ich ihm. Ich schaue wieder
nach vorne. Starre auf den Rücken des Mädchens.
Sie ist nicht mehr da. Einfach verschwunden. Ich überlege kurz. Komme zu der
Erkenntnis, dass es nicht möglich ist. Die Bahn hat nicht angehalten. Niemand hätte
aussteigen können. Die Zweifel bohren sich in meinen Schädel. War sie bloß eine
Einbildung, ein Geschöpf meiner tagträumenden Phantasie? Verwirrt schaue ich im
Zug umher. Hoffe, dass sie sich bloß einen anderen Platz gesucht hat.
Da ist sie. Draußen vor dem Fenster. Mit gesenktem Kopf geht sie durch eine kaum
beleuchtete Seitengasse. Ich kann ihr Gesicht nicht erkennen. Sehe nur, wie zwei
Typen um die Ecke kommen. Direkt auf sie zusteuern. Ihre Mundwinkel bewegen
sich. Sie rufen ihr etwas entgegen. Lachen. Das Mädchen schaut auf. Unsicher. Ihre
Augen funkeln wie die einer Katze in dunkelster Nacht. Graublaue Melancholie. Die
beiden Typen umzingeln sie. Berühren ihren Körper. Lachen lauthals. Die Knöpfe
ihrer Bluse lösen sich. Fallen geräuschlos zu Boden. Die Bahn fährt unbeirrt weiter.
Ich verliere sie aus den Augen. Sie sind weg. Die nächste Station nur ein paar
hundert Meter entfernt. Eine erneute Einbildung? Egal, ich muss hier raus.
Unbedingt. Könnte es mir nicht verzeihen am nächsten Morgen in der Zeitung zu
lesen: „Junge Frau von zwei Männern vergewaltigt“. Oder gar Schlimmeres. Der Zug
hält an. Ich stoße eine alte Dame unter Protesten aus dem Gang – „junger Mann,
passen Sie doch auf“ – und eile aus der Tür.

Trockene Gräser fressen sich durch den brüchigen Beton nach oben. Eine
Zeitungsseite schleicht verloren über den Boden. Bleibt an einer Laterne hängen. Ihr
Licht ist erloschen, die Birne vermutlich durchgebrannt. Ein roter Filzstift erinnert an
die Liebe von Florian und Kerstin. An einigen Stellen ist die Farbe verblichen. Kein
Mensch ist seitdem mehr an diesem Ort gewesen. Gottverlassene Einsamkeit.
Der Regen zerreißt die Luft. Die Tropfen explodieren auf dem Asphalt. Keine Spur
von ihr. Die Luft trägt keinen Geruch mit sich. Nichts. Ich setze mich auf einen
flachen Holzpfeiler. Suche ihre Knöpfe auf dem Boden. Sehe nichts als die feuchten
Tropfen, die auf der Suche nach einem Unterschlupf in den Gully fliehen.
Hauptsache weg von hier. Diesem trostlosen Ort. Die Zweifel kehren zurück. Was
soll das alles? Das Mädchen existiert nicht. Punkt. Eine traurige Erkenntnis.
Im Augenwinkel nehme ich eine Bewegung wahr. Plötzlich. Unerwartet. Ein
Schatten huscht über die Gleise. Die Hoffnung schickt die Zweifel auf die verdiente
Heimreise. Hat mich gefreut... Das Scheinwerferlicht wird dichter. Ich schreie.
Beginne zu laufen. Renne. Die Bahn fährt vorbei. Funken sprühen, als die Notbremse
gezogen wird. Zu spät.
Wie aus dem Nichts spüre ich eine Berührung an meinem Arm. Eiskalt wie eine
Leiche. Eine irgendwoher bekannte Stimme. „Entschuldigen Sie, so wachen Sie doch
auf.“ Die Frau mit dem Reclam-Heftchen sitzt neben mir. Entgeistert schaut sie mich
an. Mit großen Augen. „Sie haben im Schlaf geschrieen. Allen hier einen riesigen
Schrecken eingejagt.“ In einer kreisenden Bewegung deutet ihre Hand durch das
Abteil. Untermauert ihre Worte. Der Zug ist überfüllt. Schwarz Rot Gold überall.
Helllichter Tag. Alle Blicke sind auf mich gerichtet. Meine Hose ist feucht. Stinkt
nach Bier. Eine leere Dose liegt unter meinen Füßen.
In diesem Moment vibriert es in meiner Hosentasche. Das Handy. „Wo zum Teufel
bist du? Warum warst du nicht in der Bahn? Ich steh hier wie bescheuert rum und
warte auf dich...“
„Aber...“ Ein Blick aus dem Fenster. Unendliche Baumreihen. Ich bin ausgestiegen.
Wollte ihr helfen. Spüre den Regen auf meiner Haut. Die Einsamkeit. „Hallo, bist du
noch dran?“
Ich schalte das Handy aus. Fahre weiter. Auf, auf und davon. Ich spüre, wie die
Blicke langsam von mir weichen. Erleichterung. Die Frau neben mir kramt einen
kleinen Spiegel aus ihrer Handtasche. Fummelt an ihren Zähnen herum. Nach den
Überresten vom Mittagessen vielleicht, so genau möchte ich das gar nicht wissen.
Manchmal versteckt sich das Verstehen. Ist die Welt ein merkwürdiger Ort. Die
Grenze zwischen Phantasie und Realität fließend. Bei mir vielleicht öfter als bei allen
anderen. Dreams are my reality, a wonderous world where I´d like to be.
Ein Mann in der Reihe vor mir deutet aus dem Fenster. „Dort drüben ist der
Reichstag, siehst du?“ Seine Begleitung nickt kurz, offensichtlich ziemlich
desinteressiert. „Da sitzen die Politiker und leben in ihrer eigenen Welt. Ohne zu
merken, dass sie unsere dabei kaputt machen.“
Seine Begleitung würdigt das Parlamentsgebäude keines Blickes. „Ach, Bernhard“,
sagt sie, „reg dich nicht so auf!“
Dichter Rauch steigt in ruhelosen Bewegungen in den Himmel. Trifft sich mit den
Wolken zu einem Rendezvous ganz in grau. Die S-Bahn-Station steht in Flammen.
Der Geruch nach verbranntem Plastik durchdringt die Luft. Einstürzende Bauteile.
Panische Menschen. Die Bahn wird nicht langsamer. Ich schließe die Augen. Erwarte
das Flammeinferno.
„Weißt du zufällig, wie spät es ist?“ Eine sanfte Stimme dringt an mein Ohr.
Passender Moment für solch eine Frage. Ich krame das Handy aus der Tasche. Drehe
mich zur Seite, um zu antworten. Das Mädchen steht vor mir. Der Duft von Rosen
statt verbranntem Plastik. Die Flammen sind verschwunden. Der Himmel ein
einziges sonnenstrahlendes Meer. Ich versinke in der graublauen Unendlichkeit.
„Kurz vor halb fünf“, antworte ich und zögere.
Das kann nicht sein. Unmöglich. Mein Zeitgefühl sagt etwas anderes. Das Mädchen
verschwindet aus der Tür. Einfach so. Lässt mich ohne ein weiteres Wort zurück.
Ich schaue ihr nach. Wie sie in der Masse der Menschen verschwindet, die wie die
Lemminge in die Stadt drängen. Einer nach dem anderen. Blauer Rauch kräuselt sich
über ihren Haaren. Eine Zigarette. Gute Idee eigentlich. Ich schaue auf das
Rauchverbotsschild am Ende des Ganges. Wünsche mir den Mut, es zu ignorieren.
Meiner Sucht nachzugeben. Ich stehe auf. Schiebe noch einmal die alte Dame aus
dem Gang. Sie sagt nichts. Schüttelt bloß vorwurfsvoll ihren Kopf.
Draußen erfrischt die Luft meine Sinne. Frisst sich der Rauch tief in meine Lunge. Ein
wunderbares Gefühl. Ich verschwinde auf der Treppe nach unten. Hinter ihr her.
Schnell. Vorbei an den Kinoplakaten – Mission Impossible III – Coming soon -, dem
türkischen Brezelbäcker und dem obdachlosen Punk, der mich um zwanzig Cent
anhaut. Die Sonne brennt. Gefühlte fünfzig Grad im Schatten. Ich gehe schneller,
laufe, will sie nicht verlieren. Sie bleibt stehen. Stimmen und Gelächter. Überall um
sie herum. Sie wirkt wie eine Fremde. Eine Schiffbrüchige in einem Meer der
Fröhlichkeit.
Die Ampel springt auf grün. Sie überquert die Straße, vorbei an der Filiale von Beate
Uhse und dem Sex-Kino, und biegt um die Ecke. Fort vom bunten Treiben der
Hauptstraße. Sie geht langsam. Schlendert geradezu. Ich habe keine Mühe mit ihr
Schritt zu halten. Mehr damit, nicht aufzufallen. Ihr ein Loch in den Rücken zu
starren und als Stalker denunziert zu werden.
Wir kommen an einem Plattenladen vorbei. Die neue Johnny Cash prangt im
Schaufenster. Ein Sonderangebot. Der Gewissenskonflikt versucht die Oberhand zu
gewinnen. Es geht nicht anders, ich werde später wieder kommen. Ich
reiße mich los, und lenke meinen Blick zurück auf den Gehweg. Nichts. Sie ist fort.
Nicht schon wieder, geht es mir durch den Kopf. Ich laufe den Weg entlang, biege
links um die Ecke und bleibe abrupt stehen. Erschrocken. Außerstande mich zu
bewegen.
Sie schaut mich an. „Sag mal, verfolgst du mich?“
Leere. In meinem Gehirn. Worte formen sich. Setzen sich zu sinnlosen Sätzen
zusammen. Totale Blockade.
„Warum läufst du mir hinterher“, fragt sie. Ihre Augen funkeln mich böse an.
„Du hast in der Bahn so traurig ausgesehen“, versuche ich eine halbwegs vernünftige
Antwort zu finden, „da dachte ich... na ja, ich dachte...“
„Was? Dass du mich trösten musst? Was glaubst du eigentlich, wer du bist... Du
kennst mich überhaupt nicht.“ Mission gescheitert. Und wie. Ich senke meinen Blick.
Beschämt. Starre auf ihre Füße.
„Verfolgst du eigentlich alle Frauen, die dir in der S-Bahn über den Weg laufen?“
Ihre Stimme zittert ein wenig. Eine unbändige Wut spricht aus ihr. Die Traurigkeit ist
wie weggeblasen. Was habe ich getan? Ich weiß es nicht. Bin mir keiner Schuld
bewusst.
„Ein kleiner Tipp: Such dir nen Therapeuten.“ Ihre Abschiedsworte, bevor sie sich
umdreht und mich alleine zurück lässt. Wieder einmal.

„Hey, wach auf.“ Ein Angestellter der Verkehrsbetriebe beugt sich über mich.
Verwirrt reibe ich mir die Augen. „Das ist hier kein Hotel oder so was.“
Seine Stimme klingt grob. Es ist der Kontrolleur von vorhin. Wann auch immer
vorhin war.
„Wie spät ist es“, frage ich.
„Zwei Uhr.“
„Mittags?“
Der Kontrolleur lacht höhnisch. „Geh nach Hause“, sagt er und verschwindet.
Die S-Bahn-Station ist ziemlich verlassen. Überall schwarz rot gold. Zertrampelt auf
dem Boden. Zerrissen im Müll. Das sichere Zeichen der Niederlage. Auf der Straße
verliert sich nicht eine Menschenseele. Nur ein Hund, der einsam von einem
Laternenmast zum nächsten streunt. Er bellt kurz, als er mich sieht. Sein Körper
zittert. Vor Hunger oder der kühlen Nacht, keine Ahnung. Ein Auto fährt vorbei. Die
italienische Flagge flattert aus dem Seitenfenster. Der Fahrer hupt kurz. Ich hebe
meine Hand als Erwiderung. Der Mond steht hoch am Himmel. Seine Silhouette
spiegelt sich in der Glasfassade eines Gebäudes auf der anderen Straßenseite. Ich
muss an die Worte eines bekannten deutschen Malers denken. „Die im Wachen
träumen, haben Kenntnis von tausend Dingen, die jenen entgehen, die nur im Schlaf
träumen.“
Ich gehe zum nahe gelegenen Taxistand. Habe für heute genug von der S-Bahn. Will
einfach nur nach Hause. Mein Bett wartet sicher schon.