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FRANZ VON SALES .

BRIEFE I

1
Deutsche Ausgabe der

WERKE DES HL. FRANZ VON SSALES


VON ALES

Band 5

Nach der vollständigen Ausgabe der

OEUVRES DE SAINT FRANÇOIS DE SALES

der Heimsuchung Mariä zu Annecy (1892-1931)

herausgegeben von den Oblaten des hl. Franz von Sales


unter Leitung von P. Dr
Dr.. FFranz
ranz Reisinger OSFS.

2
Franz von Sales

BRIEFE
I. An Johanna Franziska von Chantal

Franz-Sales-Verlag, Eichstätt
ranz-Sales-V

3
A us dem FFranzösischen
ranzösischen über tragen
übertragen
von Susi Handler und P. FFranz
ranz Reisinger
Reisinger..

Die kirchliche Dr uck


Druck erlaubnis er
uckerlaubnis teilte das
erteilte
Bischöfliche Generalvikariat Eichstätt.

ISBN 3-7721-0115-1
Alle Rechte vorbehalten.
© Franz Sales Verlag, Eichstätt
2. Auflage 2002
Herstellung Brönner und Daentler, Eichstätt

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VORWORT

Mit diesem Band beginnen wir die Herausgabe der Briefe des hl.
Franz von Sales. Sie bilden in der Ausgabe von Annecy die Bände XI
bis XXI. Über 2000 Briefe sind in diesen Bänden veröffentlicht worden.
Die Erstausgabe der Briefe des Heiligen (1626) stand unter der Aufsicht
der hl. Johanna Franziska von Chantal, die selber einen Großteil davon
beisteuerte. Was sie veröffentlicht hat, stammt sicher alles von Franz von
Sales. Freilich hat sie, wie bei der Herausgabe der „Geistlichen Gespräche“ des
Heiligen, sich nicht gescheut, manches auszulassen, einiges aus anderen
Briefen hinzuzufügen; ferner sind die Briefe nicht chronologisch geord-
net, sondern nach anderen Gesichtspunkten. H. Hérissant hat im Jahre
1758 auch eine gute Anzahl damals noch nicht veröffentlichter Briefe
herausgegeben.
Was vor 1800 an Briefen des Heiligen herausgekommen ist, kann
mit Sicherheit als echt angesprochen werden (einige wenige jansenisti-
sche Fälschungen ausgenommen). – Im 19. Jahrhundert haben leider einige
Gruppen von Fälschern angebliche Briefe des Heiligen angefertigt und für
viel Geld abgesetzt. Einige Verleger haben dieses Material dann in ihre
Sammlungen der Briefe hineingenommen (besonders Blaise 1821, Datta
1835, aber auch Migne 1861 und Vives 1856); leider auch die authentische
Ausgabe von Annecy (1900). Die Heimsuchungsschwestern, die die ersten
Bände unter Führung des gelehrten Benediktiners Dom Mackey, dann zwei
Bände in Verbindung mit P. Novatel S.J. herausgaben, haben die späteren
Bände allein bearbeitet. Sie haben Gewaltiges geleistet: vor allem die
Festsetzung der chronologischen Reihenfolge, die Identifizierung aller
Persönlichkeiten, die in den Briefen erwähnt werden, usw. Auf ihren Appell
hin, alle noch nicht veröffentlichten Briefe, Predigten und kleineren Schrif-
ten an sie zur Herausgabe einzuschicken, sind ihnen neben vielen echten
Briefen auch Fälschungen zugeschickt worden. Damals war es auch noch
nicht bekannt, daß es im 19. Jahrhundert drei Fälscherwerkstätten (zu
Lyon, Genf und Paris) gegeben hat, die für ihre Fälschungen auch lukra-
tiven Absatz gefunden haben. – In den letzten Jahren hat sich besonders
der Herr Kanonikus Secret von Chambery bemüht, diese Fälschungen her-
auszufinden. Das Ergebnis seiner Studien soll im 27. Band der Ausgabe

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von Annecy veröffentlicht werden. Ihm schulde ich Dank für die Hin-
weise in seiner Broschüre und seine persönlichen Fingerzeige.
In dieser deutschen Ausgabe der Briefe an die hl. Johanna Franziska
bringen wir 1. alle Seelenführungsbriefe des Heiligen, soweit sie vor 1800
veröffentlicht worden sind; ausgeschieden sind eine Anzahl Briefe und
Teile von Briefen, die in der ersten Ausgabe nicht standen, und auch Teile
von Briefen, die nur unwichtige Nachrichten und Grüße enthielten.
2. von den nach 1800 bekannt gewordenen Briefen solche, die nach
Inhalt und Form mit den sicher echten übereinstimmen und auch von seel-
sorglichem Interesse sind.
Diese Kriterien sind zwar reichlich subjektiv. Eine wirklich kritische
Sichtung aller nach 1800 bekannt gewordenen echten oder unechten
Briefe des Heiligen ist mir praktisch unmöglich, weil man alle Manuskripte
untersuchen müßte, die über ganz Frankreich, Savoyen, Italien usw. ver-
streut sind, wie aus den Tafeln ersichtlich ist, die am Ende eines jeden
Bandes der Ausgabe von Annecy stehen. Es ist zu hoffen, daß der 27.
Band der Ausgabe Annecy bald erscheinen und diese Aufgabe erfül-
len wird.
Eines möchte ich noch bemerken: Man stößt zuweilen auf widersinnige
Bemerkungen über die Freundschaft zwischen Franz von Sales und Johanna
Franziska von Chantal, von der ja die Briefe reichlich Kunde geben. Zuwei-
len glaubt man auch, sich darauf stützen zu können, um fragliche Freund-
schaften zwischen Mann und Frau zu beschönigen.
Man könnte es mit Recht tun, wenn es Freundschaft zwischen Heili-
gen wäre und deren Gegenstand das gemeinsame heldenhafte Streben
nach Heiligkeit, wenn es eine ganz reine, heilige Freundschaft und Liebe
wäre, ohne eine Spur von Sinnlichkeit. Wer kann wagen, das von sich zu
sagen? Die Schau einer so edlen, leuchtenden Freundschaft ist aber
etwas so Erhebendes, daß es ein Unrecht wäre, wollte man davon et-
was vertuschen.
Die Ausdrucksformen sind romanisch und barock, wären also in un-
serer Zeit und in unseren Landen unangebracht; damals aber waren sie
gang und gäbe. Man soll sich freuen, daß es so etwas Edles auf Erden
gegeben hat, darf aber keine falschen Konsequenzen daraus ziehen.

Eichstätt, 21. November 1962.


P. Dr. Franz Reisinger.

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INHALTSÜBERSICHT
INHALTSÜBERSICHT
Die Angaben der ersten Zeile bedeuten: Briefnummer, Band und
Seitenzahl der „Oeuvres“, das Datum und rechts außen die Seiten-
zahl dieser Ausgabe.

Vorwort 5
Zur Einführung 29

I. An die Baronin von Chantal


215. Bd. XII, Seite 262, vom 26. April 1604 43
„Gott hat mich Ihnen gegeben.“
216. XII, 263-267, vom 3. Mai 1604 43
Die zwei Säulen des Heiligtums: Verlangen nach Vollkommenheit und
Liebe zum Witwenstand. – Vor Skrupeln hüten. – Liebe zur Kirche, Ge-
bet für die Seelsorger. – Oft und vertrauensvoll schreiben.
221. XII, 277-281, vom 14. Juni 1604 46
Bedenken wegen des Beichtvaters. – Ehrende Worte für ihn.
223. XII, 282-288, vom 24. Juni 1604 48
Ihr Beichtvater und Franz von Sales. – Furcht vor Unaufrichtig-
keit. – Wiedersehen im September. – Widersprüche und
B i t t e r k e i t e n . – Vo r Überhastung, Melancholie und Ängstlichkeit
hüten.
234. XII, 352-370, vom 14. Oktober 1604 52
Wahl des Bischofs zum Seelenführer. – Verhalten bei Versuchun-
gen. – Tägliche Gebete und Übungen. – Grundregel ihres Gehorsams:
Alles aus Liebe, nichts aus Zwang. – Ihre Angehörigen. – Der Geist
der Freiheit. – Gott will, daß sie sich seiner bediene.
238b. XIII, 392a-392e, vom 1. November 1604 67
Er steht ihr in Liebe zur Verfügung. – Demut, die Tugend der Wit-
wen. – Mut, wenn der Feind lärmt. – Geist des Zwanges.
240. XII, 386-390, vom 21. November 1604 70
Schwere Zeiten für Franz von Sales. – Unvermögen ihrer Fähigkeiten.
– Eigenliebe und Gottesliebe. – Wünsche: Fliegen, ohne Flügel zu ha-
ben; Gefühl der Festigkeit. – Ungestüm und Mangel an Ergebung. –
Gott dienen, wie er will. – Versprechen, Gott nichts zu verweigern. –
Erwartung eines Sturmes. – „Die Hölle ist voll von guten Vorsätzen.“
273. XIII, 4-11, vom 18. Februar 1605 77
Ausdauer im Ertragen der Prüfungen. – Frau von Brulart. – Fest blei-
ben in Versuchungen und Trockenheit. – Versuchung als Läuterung.
276. XIII, 16-17, von Ende Februar 1605 83
Kreuztragen. Gedanken über ein Bildchen.
283. XIII, 39-42, um den 20. April 1605 83
Über ihre Reise nach Thorens.
285. XIII, 45-46, vom 19. Mai 1605 86
Ankündigung eines Reisebegleiters. – Jungfrauen- und Witwenweihe.

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286. XIII, 46-47, vom 29. Mai 1605 86
Gedanken zu einem Bild. – Jesus throne in beider Herzen.
288. XIII, 51-52, von Anfang Juni 1605 87
Bußübung. – Unruhe. – Einheit der Herzen. – Verlangen nach Gehor-
sam. – Seelenführung.
297. XIII, 67-68, vom 3. Juni 1605 88
Verhalten gegen den unfreiwilligen Mörder ihres Mannes.
300. XIII, 74-76, vom 21. Juli 1605 89
Gedanken zum Fest der hl. Magdalena. – „Geheiligt werde Dein Name.“
– Freude und Mut.
304. XIII, 80-85, vom 1. August 1605 90
Zuversicht des Heiligen für sie; deren Gründe. – Schranken der Wit-
we. – Kreuze des Heiligen. – Warten können. – Gespräch mit Häre-
tikern. – Zuneigung des Bischofs. – Bekehrung eines jungen Mannes.
– Erhebung zum Kardinal? – Ehrentitel „Vater“.
306. XIII, 87-89, vom 28. August 1605 94
Versuchungen nicht fürchten. – Erfolge im Chablais. – Liebe zu ihrer
Seele. – Verhalten in Versuchungen, Dunkelheit und Trauer.
308. XIII, 91-92, vom 8. September 1605 96
Mariä Geburt in den Herzen. – Demut, Einfachheit und Liebe. –
Übung der kleinen Tugenden.
311. XIII, 98-100, vom 14. September 1605 97
Ermunterung, ihm alles zu schreiben; Teilnahme an ihren Schwierigkeiten.
– Ihr Wunsch für seine Vollkommenheit. – Ruhm und Freude im Kreuz.
316. XIII, 113-115, vom 13. Oktober 1605 98
Bevorstehende Visitationsreise. – Den Feind toben lassen. – Beichte.
– Der Herr sei ihr Alles.
321. XIII, 126-128, vom 5. Dezember 1605 100
Ruhen im Willen Gottes. – Die Seeschwalben.
325. XIII, 133-134, vom 28. Dezember 1605 102
Gedanken zum Jahresschluß. – Keine Kasteiungen in der Fastenzeit.
328. XIII, 138-141, vom 30. Januar 1606 102
Geist der Freiheit und des Gleichmuts. – Reise nach Chambéry. –
Last der Amtsgeschäfte; Liebe zu den Seelen; Gnadenerweise Gottes
trotz Trockenheit. – Frau Brulart und ihr Beichtvater. – Verhalten
der Baronin gegen Bewerber. – Unmöglichkeit eines Treffens in Bur-
gund; geplanter Besuch der Baronin in Annecy. – Schwestern, die
Karmelitinnen werden wollen.
329. XIII, 144-145, vom 24. Februar 1606 107
Gedanken zur Fastenzeit. – Leichte Wendung zum Besseren. – Die
Seele, der Weinberg des Herrn. – Altar, die Kelter der Kirche.
330. XIII, 146-148, von Ende Februar 1606 108
Über seine Predigten. – Wünsche für den Fortschritt in der heiligen
Liebe. – Wahl des himmlischen Bräutigams. – Echtheit ihrer Herzens-
verbindung; Grundlage ist das Kreuz. – Vorsätze des Bischofs.

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332. XIII, 152-153, vom 6. März 1606 110
Verhalten in Versuchungen. – Keine Befürchtung über die „Säulen“;
Gnadenwünsche.
339. XIII, 161-163, vom April 1606 111
Herr Gallemand; zwei Bücher. – Verstand und Vorstellungskraft im
Gebet. – Treffen in diesem Jahr. – Geist der Freiheit; vom Reden.
351. XIII, 181-192, vom 8. Juni 1606 112
Wiedersehen erst im nächsten Jahr. – Wohlgefallen Gottes, Verzicht
auf Tröstungen. – Der Bischof, eine Fessel für die Baronin? Sorge für
seine Gesundheit. – Einbildungskraft und Verstand im Gebet. – Hand-
arbeiten für die Armen; der Rauchmantel für den Bischof. – Ihr Wunsch
nach dem Ordensleben; kleine Tugenden üben. – Kommunion auch am
Donnerstag. – Erziehung der Schwester des Bischofs bei der Baronin. –
Ihre „Geheimnisse“. – Visitationsreise; Nachrichten und Grüße.
352. XIII, 192-193, vom 17. Juni 1606 120
Gedanken zur Visitationsreise. – Weisungen für innere Schwierigkeiten.
358. XIII, 199-201, von Ende Juli-Anfang August 1606 121
Der erfrorene Hirte. – Die heilige Dorfbewohnerin. – Gebete und
Ratschläge für die Baronin: Ganz Gott gehören, vom Kreuz geprägt.
359. XIII, 201-212, vom 6. August 1606 123
Die „Spindel“ der Baronin; ihr Unvermögen: den Gekreuzigten lie-
ben. – Vo n d e r E r n i e d r i g u n g . – B e d e n k e n w e g e n i h r e r K l o s t e r -
wünsche; noch keine Entscheidung. – Erziehung ihrer Kinder. – Angst
vor Schwierigkeiten: auf Jesus schauen.
360. XIII, 212-213, von August-September 1606 132
Johannes der Täufer. – Die heilige Dorfbewohnerin.
365. XIII, 221-222, vom 2. Oktober 1606 132
Bericht von der Visitationsreise. – Öftere Kommunion.
366. XIII, 222-225, von Ende Oktober 1606 133
Gedanken des Bischofs über seine Seele; der Hirte im Gletscher.
371. XIII, 236-237, um den 25. November 1606 134
Jubiläum in Annecy. – Liebe des Volkes für den Bischof.
2022. XXI, 83-85, vom 30. Dezember 1606 134
Gedanken zum Jahreswechsel. – Ermutigung. – Krankheit des Bischofs.
381. XIII, 252-253, vom 20. Januar 1607 136
Wünsche für ihren geistlichen Fortschritt: Klein bleiben ist wahre
Größe; Pfeil der Gottesliebe.
385. XIII, 260-267, vom 11. Februar 1607 136
Klostergedanken und Wille Gottes. – Ratschläge für die Kleidung. –
Die Jahreszeiten der Seele. – Demut und Nächstenliebe. – Prozesse
meiden. – Der Bischof als Schiedsrichter. – Heilung einer Person von
ungehöriger Liebe. – Ratschläge erfordern keinen Gehorsam. – An-
deutung über den „Theotimus“. – Kinder-Katechese. – Ermutigung.

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390. XIII, 274, vom 5. April 1607 140
Eine ärgerliche Ungewißheit. – Vom Besuch der Baronin in Annecy. –
Jesus, das Herz unserer Herzen.
391. XIII, 275-276, vom 5. April 1607 140
Fastenzeit in Annecy. – Frau von Charmoisy. – Mit Jesus verbunden
sein. – Stellung der Baronin im Gebet des Bischofs; der Heiland,
Treffpunkt ihrer Liebe.
394. XIII, 280-281, vom 14. April 1607 141
Ostergedanken. – Mißdeutung der Geduld als Verstellung. – Predigt
in St. Klara. – Jesus nimmt unsere Kreuze auf sich. – Ihre Kinder. –
Ihre Wünsche.
396. XIII, 283-284, vom 20. April 1607 142
Bevorstehende Reise der Baronin nach Annecy; Jubiläum in Thonon.
398. XIII, 287, von Ende April oder 1. Mai 1607 143
Ihre Reise. – Ganz Gott angehören.
401. XIII, 292-294, vom 2. Juli 1607 144
Rückreise der Baronin. – Gedanken über die Eucharistie. – Festhal-
ten an den Entschlüssen. – Sorge für seine Gesundheit. – Weite des
Herzens; Ruhen in den Armen des Heilands.
402. XIII, 294-297, vom 7. Juli 1607 145
Vertrauen in Kreuz und Stürmen. – Eigenart seiner Liebe zur Baronin. –
Wie vom verstorbenen Gatten sprechen? – Vertrauen auf die Vorse-
hung.
403. XIII, 297-298, vom 10. Juli 1607 147
Gedanken auf einer Fahrt über den See: Gehorsam; die hl. Marta.
405. XIII, 300-302, vom 20. Juli 1607 147
Die Baronin und die hl. Margarete. – Keine Angst vor Versuchungen.
– Die Frösche von Viuz. – Positive Demut. – Vorsehung, Freiheit,
Unerschrockenheit.
406. XIII, 302-305, vom 24. Juli 1607 149
Zu Füßen Jesu mit Magdalena und Unserer lieben Frau. – Kleine Fehler.
– Weite Reisen der Frauen. – Klugheit und Einfachheit. – „Der Geist-
liche Kampf“. – Verhalten in Versuchungen; Sehnen nach dem Frie-
den; Vertrauen auf die Führung des Bischofs.
407. XIII, 305-309, vom 9. August 1607 151
Wünsche nach Vollkommenheit, die das Herz tyrannisieren; auf Jesus
schauen. – Über ein Gewitter. – Mut, Einfachheit, Demut. – Gedan-
ken des Bischofs über seine Seele.
408. XIII, 309-312, vom 16. August 1607 154
Liebe des Bischofs zur Pflicht gegen die Baronin. – Im Haus der hl.
Marta; Ausgleich der Aufgaben. – Von einer Leichenrede. – Gebets-
und Mahlzeiten. – Gewitter auf Sales. – Sorge um Frau von Charmoisy.

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412. XIII, 317-319, vom 6. September 1607 156
Geduld und Gleichmut im Kreuz. – Eine Unruhe des Bischofs. – Über-
legung und Freude an den Entschlüssen. – Frage der Baronin nach
seinem betrachtenden Gebet.
418. XIII, 328-333, vom 2. November 1607 157
Nach dem Tod seiner Schwester in Bourbilly: Der Wille Gottes; Ver-
halten der Mutter; Dank an die Baronin; Empfindungen des Bischofs.
– Kritik am Verhalten der Baronin. – Weisungen für das Requiem.
425. XIII, 347-348, von 1606-1607 161
Einigkeit und Frömmigkeit in seiner Familie.
426. XIII, 348, von 1606-1607 161
Nachrichten aus Sales.
428. XIII, 354-355, vom 1. Januar 1608 161
Der heilige Name Jesus.
429. XIII, 355-356, um den 20. Januar 1608 162
Bitte um reine Liebe zum Erlöser. – Fastnachtszeit in Annecy.
430. XIII, 357-363, vom 24. Januar 1608 163
Öftere Kommunion in der Fastenzeit. – Der „Geistliche Kampf“. – Ein
junger Bediensteter, von der Baronin empfohlen. – Der allgemeine und
besondere Wille Gottes. – Gute Vorzeichen für die „Heimsuchung“.
433. XIII, 367-370, vom 5. März 1608 166
Genügend schlafen. – Nicht so übergenau sein. – Eine Versuchung des
Bischofs. – Weisungen für Versuchungen. – Mit dem Beichtvater be-
sprechen; Gutachten über ihr Vorhaben.
436. XIII, 373-377, vom 7. März 1608 169
Ratschläge für Unruhe und Angst. – Thibaut; Frau von Charmoisy;
Groisy. – Wirkung der Predigten des Bischofs.
437. XIII, 377-379, vom 7. März 1608 172
Begleitschreiben zu einer „Übung“. – Entschlüsse bei der Gewissens-
erforschung. – Weniger von ihm schreiben.
451. XIV, 13-14, vom 6. Mai 1608 173
Geplante Rangerhöhung für den Bischof. – Gleichmut. – Aimée.
452. XIV, 14-16, um den 11. Mai 1608 174
Wünsche der „guten Seele“. – Widerstreben gegen Abberufung von
Annecy. – Sorge für die Seele der Baronin.
461. XIV, 33-38, vom 25. Juni 1608 174
Sehnsucht nach Zurückgezogenheit. – Aufnahme zweier Apostaten.
464. XIV, 44-45, vom 4. Juli 1608 176
Die geplante Lebensweise. – Geduld.
478. XIV, 63-64, vom 19. September 1608 176
Ein Bauernmädchen als künftige Windenschwester.

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481. XIV, 67-73, vom 29. September 1608 177
Wünsche der Baronin für den Bischof. – Warten auf den Klosterein-
tritt. – Valladier; Franziska von Rom. – Zurückhaltung außerhalb der
Beichte. – Krankheit seiner Mutter. – Angehörige der Baronin. – Das
Holz auf dem Wasser.
484. XIV, 76-77, vom 8. Oktober 1608 180
Kirchweihfest. – Rosenkranz.
487. XIV, 80-81, vom 28. Oktober 1608 181
Hochschätzung und Vertrauen der Baronin für den Bischof. – Gleich-
mut; Freiheit des Geistes.
492. XIV, 88, vom 16. November 1608 182
Friedliche Güterteilung in seiner Familie.
494. XIV, 91, vom 7. Dezember 1608 182
Jahrestag seiner Bischofsweihe.
496. XIV, 93-97, vom 18. oder 19. Dezember 1608 183
Heiratsprojekt seines Bruders. – Abfall; Bekehrung; Predigt.
500. XIV, 101-102, von Ende Dezember 1608 185
Fräulein von Blonay und die künftige Kongregation.
510. XIV, 116-117, von Ende 1608 oder 1609 185
In Erwartung Aimées.
515. XIV, 128-132, von Mitte Februar 1609 185
Ratschläge für die Reise nach Sales. – Frau von Puits d’Orbe. – Groisy;
Fräulein Bréchard. – Briefe und Abhandlungen für die „Anleitung“. –
Frau von Charmoisy; Frau von Puits d’Orbe.
533. XIV, 163-164, vom 27. Mai 1609 187
Trauer einer Frau über den Tod ihrer Tochter. – Menschliches Empfin-
den und Glaubensgeist. – Innerliches Gebet des Bischofs.
536. XIV, 169-171, vom 18. Juni 1609 188
Gedanken und Empfindungen am Fronleichnamsfest.
552. XIV, 206-207, um den 10. Oktober 1609 189
Bevorstehende Ankunft des Bischofs in Bourbilly.
555. XIV, 210-211, vom 16. November 1609 190
Gedanken und Empfindungen des Bischofs.
557. XIV, 214, von Ende November 1609 191
Ruhen an der Brust des Heilands.
560. XIV, 226-231, vom 11. Dezember 1609 191
Kandidatinnen für die „Heimsuchung“. – Ritt des Bischofs durch Genf.
– Angebot eines Hauses. – Eifersucht. – Das heilige Schweißtuch und
die wunderbare Hostie. – Zweite Auflage der „Anleitung“. – Verlan-
gen, dem Herrn zu dienen. – Groisy.

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561. XIV, 231-232, von Mitte Dezember 1609 194
Anne-Jacqueline und die Abtötung seiner Töchter; Entblößung des
Herzens, Einfachheit und Aufgeben des Eigenwillens.
563. XIV, 234-235, vom 29. Dezember 1609 194
Zeit und Ewigkeit. – Einsamkeit inmitten zahlreicher Besucher;
Wunsch, für die heilige Liebe zu leben. – Sehnen nach gemeinsamer
Vollkommenheit.
566. XIV, 239, Anfang 1610 195
Anne-Jacqueline fragt nach dem Kommen der Baronin.
540/838. XXI, 89-98, vom 16. Januar 1610 195
Der Neffe der Baronin. – Warten auf den „Freudentag“ – Ruhe des
Bischofs in Widrigkeiten; Mitteilungen über seine Seele. – Gebets-
weise der Baronin. – Frau von Saint-Jean. – Sorge um das Kloster. –
Die Schwestern von St. Katharina. – Die Schwester des Bischofs. –
„Anleitung“ und „Gottesliebe“. – Groisy. – Fräulein Favre und La
Thuille. – Nochmals Gebetsleben der Baronin. – Gegenwart Gottes;
die Statue in der Nische. – Vertrauen.
572. XIV, 246-248, vom 5. Februar 1610 200
Absage der Predigten in Salins. – Fräulein Favre. – Erkundung des
Willens Gottes. – Das Buch über die Gottesliebe.
576. XIV, 252-254, um den 23. Februar 1610 201
Lange ohne Nachricht von der Baronin. – Ruhe in der Hetze der
Geschäfte. – Ihre Empfehlung der Demut. – Beim Kreuz bleiben;
im Herzen Jesu. – Gedämpfter Karneval; viele Kommunionen; flam-
mende Predigt.
581. XIV, 260-267, vom 11. März 1610 203
Über den Tod seiner Mutter: Schmerz der Trennung; letzte Lebenstage
der Mutter; Verhalten seines Bruders. – Einladung nach Annecy. –
Die kleine Charlotte. – Die Äbtissin von Puits d’Orbe. – P. de Monchi.
– Die ersten Kandidatinnen. – Gebetsweise der Priorin der Karmelitin-
nen.
583. XIV, 268-269, um den 25. März 1610 207
Witwen als Anwärterinnen. – Rigaud. – Gedanken zum Kommen der
Baronin.
592. XIV, 289, vom 24. April 1610 207
Gedanken zum Abschied von der Welt; Wohnung in der Seite des
Erlösers; nichts ohne ihn tun.
596. XIV, 296-297, vom 5. Mai 1610 208
Traum von der Kongregation. – L eben im Dienste Jesu. – Einheit
der Herzen; Wunsch nach Wachstum in der Liebe.
601. XIV, 312-313, vom 28. Mai 1610 209
Sorgen um die zeitlichen Angelegenheiten des Hauses. – Ganz seine
Tochter. – Einheit der Herzen.
602. XIV, 313-315, vom 10. Juni 1610 209
Gedanken zu Fronleichnam. – Ankauf des Hauses der „Galerie“.

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II. An die Mutter von Chantal
606. XIV, 320-321, vom 23. oder 24. Juni 1610 211
Johannes der Täufer: engelhafter Mensch, Engel in Menschengestalt;
Gehorsam ...
608. XIV, 323-325, vom 30. Juni 1610 212
Fasten der Kandidatinnen. – Gedanken über Mariä Gang zu Elisabet.
612. XIV, 334-335, von Juli-August 1610 213
Leiden der Nichte. – Ihr Vater. – Gebet. – Liebe zu den Töchtern.
618. XIV, 343-344, vom 7. September 1610 214
P. de Monchi. – Fasten. – Frauen. – Neffe der Baronin. – Gelassenheit
und Ruhe des Geistes. – Erwartung des Kindleins.
631. XIV, 366-367, vom 28. November 1610 215
Ratschläge für den Advent: Maria, Johannes, der Erlöser.
2026. XXI, 101, vom 28. November 1610 215
Predigt für das Volk, für die Schwestern.
633. XIV, 369, vom 3. Dezember 1610 215
Zum Fest der Unbefleckten Empfängnis. – Tägliche Kommunion.
636. XIV, 374-375, vom 5. Dezember 1610 216
Gebet um gemeinsamen Fortschritt. – Tägliche Kommunion.
638. XIV, 381-382, vom 8. Dezember 1610 216
Ratschläge bei ärgerlichen Gedanken; Zuflucht bei der Mutter; Ver-
trauen auf Gott.
645. XIV, 392-393, vom 25. Dezember 1610 217
Weihnachtsgedanken; Geschenke für den König: Gold – Liebe, Myrr-
he – Abtötung, Weihrauch – Gebet.
651. XIV, 400-401, von Ende 1610-1611 218
Ärztliche Behandlung der Mutter Chantal; Ergebung. – Wunsch nach
Liebe für „unser“ Herz.
657. XV, 10-11, um den 6. Januar 1611 218
Neujahrsgruß. – Über ein Buch. – Rückkehr einer großen Seele.
660. XV, 15-17, um den 12. oder 20. Januar 1611 219
Aufnahme der Frau von Saint Sergues in der Kapelle der Kongregati-
on. – Hilfe für unser Herz. – Gott oder nichts.
663. XV, vom Februar 1611 220
Ehre Gottes. – Einheit in Gott.
666. XV, 26-27, vom März 1611 220
Erholung beim Heiland.
668. XV, 29-31, vom 9. März 1611 221
Änderung des Namens „Oblatinnen“.
670. XV, 32, vom März 1611 221
Der Bischof als Schiedsrichter unter Franzosen.

14
671. XV, 33, vom 17. März 1611 221
Größe des hl. Josef; Bitte für die Mutter von Chantal.
681. XV, 47, vom 29. April 1611 222
Unser Herz Jesus zu eigen; sein Herz uns geschenkt.
688. XV, 56-57, um den 10. Mai 1611 223
Freude über Wiederherstellung des katholischen Kultes in Gex. – Pre-
digt vor Häretikern.
691. XV, 61, vom 19. Mai 1611 224
Ankündigung seiner Rückkehr nach Annecy. – Sorge um seine kranke
Schwester.
692. XV, 61-62, vom 22. Mai 1611 224
Pfingstgedanken; Geist der Stärke in menschlicher Schwachheit; Um-
wandlung durch das Feuer der Liebe.
693. XV, 63-64, vom 10. Juni 1611 225
Wappen der Heimsuchung; ein Werk der Herzen Jesu und Mariä.
698. XV, 74-76, vom 24. Juni 1611 225
Johannes der Täufer; seine Vorzüge vor Jungfrauen, Bekennern ...
699. XV, 76, vom 1. oder 2. Juli 1611 227
Maria im Haus des Zacharias. – Kommunion und Selbstentäußerung.
705. XV, 87, vom 11. August 1611 227
Nichts übereilen; Feier in St. Klara; Katechese.
709. XV, 91-92, um den 29. August 1611 227
Versprechen der Sorge für sich. – Betrachtungsgegenstand vor der
Gelübdeablegung; Wünsche für die Heiligkeit.
712. XV, 98-100, vom 10. September 1611 228
Aus Thonon an Mutter Chantal in Burgund: Sorge um ihre Gesund-
heit; Ratschläge für ihre Angelegenheiten. – Nachrichten und Grüße.
713. XV, 101-102, vom 14. September 1611 230
Übernatürliche Auffassung irdischer Angelegenheiten. – Seine Ge-
sundheit und seine Heiligkeit. – Vertrauen. – Fruchtbare Wünsche;
Fortschritt in der Liebe; Einheit der Herzen; Liebe zum Kreuz.
718. XV, 107-108, vom 1. Oktober 1611 231
Wünsche und Grüße vor dem Aufbruch von Bous.
725. XV, 121-122, vom 15. November 1611 232
Verbleiben der Mutter von Chantal in Burgund. – Wünsche für den
Fortschritt in der heiligen Liebe.
728. XV, 125-126, vom 7. Dezember 1611 233
Arbeitsfülle in Gex. – Vermehrter Eifer zur Liebe; Dank für den
G l a u ben.
2028. XXI, 104-105, von Juni-August 1610-1612 234
Erkältung der Mutter von Chantal. – Wünsche.

15
907. XVI, 58, um den 23. Dezember 1611 234
Unfall der Mutter von Chantal. – Einladung zur Rückkehr; Freude
auf das Wiedersehen. – Wünsche.
739. XV, 143-144, vom 1. Januar 1612 235
Neujahrsgedanken: Beschneidung
743. XV, 149-151, vom 17. Januar 1612 236
Himmlische und irdische Arznei. – Freude des Geistes. – Antonius. –
Tröstungen.
747. XV, 158-160, vom 24. Januar 1612 237
Muster einer Ansprache für die Aufnahme; Selbstüberwindung, Ge-
horsam, Kreuztragen. – Zugleich Mahnung für die Schwestern.
748. XV, 160-161, vom 25. Januar 1612 238
Gedanken zur Bekehrung des hl. Paulus: Gott wollen lassen. – Geduld
in geistlicher Dürre. – Gründe, warum Gott sich entzieht. – Empfeh-
lung für das Verhalten gegen eine Dame.
750. XV, 163, vom 9. Februar 1612 239
Heilung des Bischofs durch eine Reliquie der hl. Apollonia.
764. XV, 197-199, vom 28. März 1612 240
Trostworte vor einer Predigt in Chambéry für ihre innere Prüfung:
Gefühllosigkeit, Vergleich mit Unmündigkeit. – Anbetung der Vor-
sehung; Ergebung; Streben nach Vollkommenheit.
780. XV, 220, von Ende Mai 1612 241
Ratschläge für die Behandlung eines schwierigen Charakters.
781. XV, 221-222, vom 31. Mai 1612 242
Gedanken zur Himmelfahrt des Herrn: Schönheit des Himmels; höch-
stes Gut ist die Liebe; Glück der Verklärung.
791. XV, 240-241, vom 24. Juni 1612 243
Rose als Sinnbild des hl. Johannes. Maria und Jesus als Lilien in
seinem Herzen.
798. XV, 252-253, vom 1. August 1612 244
Gedanken zur Befreiung des hl. Petrus: Hingabe an den göttlichen
Willen. – Einheit der Herzen für Gott.
802. XV, 258-259, vom 15. August 1612 245
Mariä Himmelfahrt und die kleine Kongregation. – Seine Predigt.
826. XV, 306, vom 20. November 1612 246
Umzug der Schwestern in das neue Haus. – Mißbilligung ihrer Arbeit,
des Fastens bei ihrer Kränklichkeit.
830. XV, 311-312, vom 30. November 1612 246
Weisungen in der Krankheit der Mutter von Chantal.
831. XV, 312-313, vom 9. Dezember 1612 247
Frage nach ihrem Befinden. – Seine Predigt am Jahrestag der Bischofs-
weihe.
839. XV, 323-324, von 1611-1612 247
Weisungen für das innere Leben. – Empfehlung einer Nonne.

16
840. XV, 324, von 1611-1612 248
Über die Annahme des Wortes Gottes in Einfachheit.
844. XV, 330, von 1612-1613 248
Eingebungen im Gebet für das Buch von der Gottesliebe.
846. XV, 333-336, um den 10. Januar 1613 248
Persönliche Wünsche. – Geplante Priesterkongregation. – Tod des
Barons von Lux. – Erkundigung nach ihrem Befinden.
865. XV, 367-369, um den 7. April 1613 249
Gedanken zum Vespermantel, den Mutter Chantal ihm schickte.
866. XV, 367-370, vom 8. April 1613 250
Arbeiten der Mutter Chantal für die Kirche. – Grüße und Wünsche.
869. XV, 374, vom 21. April 1613 251
Froh im Herrn leben. – Weisungen und Wünsche.
870. XV, 375-376, von April-Mai 1613 251
Von der Krankheit einer Schwester. – In Frieden bleiben.
873. XVI, 1-3, vom 6. Mai 1613 252
Bericht aus Turin; Ankündigung der Rückkehr.
875. XV, 5-7, vom 15. Mai 1613 253
Bericht aus Turin. – Die Herzogin von Mantua. – Grüße und Wün-
sche. – Von einem Prozeß.
878. XVI, 12-13, vom 25. Mai 1613 254
Gruß an Mutter Chantal und die Schwestern nach der Rückkehr; An-
kündigung seines Besuches.
880. XVI, 14-16, vom 27. Mai 1613 254
Der Prozeß. – Frau von Gouffiers.
883. XVI, 19-21, vom 6. Juni 1613 254
Nachricht über ihr Befinden; religiöse Erwägungen. – Die Anschauung
Gottes. – Schwester Favre. – Empfehlung eines „armen Geschöpfes“.
888. XVI, 29, um den 14. Juni 1613 255
Erwartung eines Sturmes. – Duft der Nelken am Abend.
893. XVI, 35-36, vom 23. oder 24. Juni 1613-1614 256
Johannes der Täufer: Reinheit, Gleichmut, entsagende Liebe.
895. XVI, 37-39, von Ende Juni-Anfang Juli 1613 256
Besuch des Celse-Benigne.
904. XVI, 49-51, vom 12. August 1613 257
Weisungen für das innere Leben. – Die kranke Biene.
915. XVI, 72-73, um den 15. September 1613 257
Schwester Marie-Aimée de Blonay. – Demut und Treue, verbunden
mit Liebe und Beharrlichkeit.
936. XVI, 112, vom 7. Dezember 1613 258
Die Schwestern von St. Katharina. – Der Immaculata übergeben.

17
2023. XXI, 109-110, vom 8. Dezember 1613 258
Gedanken zum Jahrestag seiner Bischofsweihe.
940. XVI, 120-121, vom 25. Dezember 1613 259
Weihnachtsgedanken. – Einheit ihrer Herzen. – Predigt.
941. XVI, 122, vom 31. Dezember 1613 260
Der Wille Gottes. – Die Auswechslungen in der Heimsuchung.
942. XVI, 123, von 1613 260
Empfehlung der Vereinigung mit dem Heiland.
944. XVI, 125, von 1610-1613 261
Die Vorsehung Gottes.
947. XVI, 128, von 1612-1614 261
Arbeit am 9. Buch der „Gottesliebe“; der taube Sänger.
952. XVI, 140, vom 11. Januar 1614 261
Arbeit an der „Gottesliebe“.
953. XVI, 140-141, von Mitte Januar 1614 261
Weisungen für Briefe. – Arbeit am Buch.
963. XVI, 168-169, vom 19. März 1614 262
Litanei vom hl. Josef; Betrachtung seiner Größe.
967. XVI, 172-173, um den 14. April 1614 262
Über den Bau des neuen Klosters.
971. XVI, 177-179, vom 4. Mai 1614 263
Erinnerung an die Ausstellung des Schweißtuches in Turin.
1001. XVI, 231-232, um den 6. Oktober 1614 264
Besichtigung ihres Hauses.
1002. XVI, 232, vom 7. Oktober 1614 264
Arbeiten an seinem Buch. – Gartentausch.
1008. XVI, 248, von Anfang November 1614 264
Arbeitsüberlastung; wenig Fortschritt im Buch.
1009. XVI, 250-251, um den 6. November 1614 264
Eine Beichte. – Ankündigung seines Besuches.
1020. XVI, 272, vom 2. Dezember 1614 265
Auf der Reise nach Sitten. – Empfindungen über die Gnade.
1023. XVI, 279, von der zweiten Hälfte Dezember 1614 266
Um die Berufung eines Mädchens.
1026. XVI, 282-283, von 1614 266
Glaube in der Seelenspitze; Nacht des Leidens.
1031. XVI, 288, von 1613-1614 266
Gelegenheit für Mutter Chantal, ihrem Kind zu schreiben.

18
1036-1042. XVI, 295-299, vom 26. Januar 1615 267
Sieben Geleitbriefe für Mutter von Chantal und die Schwestern auf
dem Weg nach Lyon zur Klostergründung.
1045. XVI, 302-306, vom 4. Februar 1615 270
Nachrichten und Wünsche von Chateaufort nach Lyon.
1049. XVI, 311-313, vom 1. oder 2. März 1615 272
Weisungen für das innere Leben: Jeden Tag neu beginnen; wenig von
sich sprechen. – Jesus in ihrem Haus.
1050. XVI, 313-315, vom 5. März 1615 273
Freuden in Sales. – Erleuchtungen. – Fortschritt des Buches.
1058. XVI, 327-328, vom 19. März 1615 274
Grüße und Nachrichten von der Heimsuchung. – Predigt in St. Klara
und in der Heimsuchung.
1060. XVI, 329-333, von Ende März bis Anfang April 1615 275
Antwort auf drei Briefe. – Weisungen für ihre Gesundheit, für ihre
Briefe. – Gebet der einfachen Hingabe. – Andachtsbeichten.
1065. XVI, 342-346, vom 18. April 1615 277
Weisungen für die Heimsuchung. – Predigt am Karfreitag.
1072. XVI, 358, vom 10. Mai 1615 278
Grüße. – In Jesus leben.
1073. XVI, 359-361, vom 13. Mai 1615 279
Gleichmut. – Einheit trotz örtlicher Trennung. – Weisungen für die
Heimsuchung. – Erwägungen über seine Seele.
1074. XVI, 361-362, vom 14. Mai 1615 280
Sehnsucht nach dem Dienst der Liebe Gottes. – Bericht über die
Schwestern. – Vertrauen.
1076. XVI, 363-364, vom 14. Mai 1615 280
Nachrichten. – Ergebung. – Vereinigung mit dem göttlichen Willen.
1077. XVI, 365-366, vom 16.-18. Mai 1615 281
Krankheit der Mutter von Chantal. – Über sein Herz.
1088. XVII, 6, vom 14. Juni 1615 oder 1616 282
Erneuerung der Berufung.
1095. XVII, 7-8, vom 2. Juli 1615 282
Einheit der Herzen zur Einheit des Dienstes. – Predigt.
1096. XVII, 19, vom 1.-9. Juli 1615 283
Das Memorandum.
1097. XVII, 19-20, vom 1.-9. Juli 1615 283
Das Memorandum.
1099. XVII, 22-24, vom 14. Juli 1615 283
Reisebericht. – Präsident Le Blanc. – Frau von Traverney. – Grüße.

19
1105. XVII, 34-37, vom 16. oder 17. August 1615 285
Erwartung von Gästen. – Heimsuchung und Dritter Orden.
1121. XVII, 70-71, vom 8. Oktober 1615 286
Schwester Jeanne-Charlotte. – Entrückungen der Schwester Isabeau.
1155. XVII, 127-128, vom 1. Januar 1616 287
Neujahrsbrief. – Das gemeinsame Herz. – Heilige Wünsche.
1191. XVII, 190, vom 7. April 1616 288
Ankündigung der Rückkehr. – Ein einziges Herz, von Gott geschaffen.
1199. XVII, 210, vom 12. oder 13. Mai 1616 288
Erkältung des Bischofs.
1201. XVII, 212, vom 14.-16. Mai 1616 289
Unpäßlichkeit des Bischofs.
1202. XVII, 213-214, vom 15.-17. Mai 1616 289
Über die Eigenliebe.
1203. XVII, 214-215, vom 18. Mai 1616 290
Übung der Selbstentäußerung: Verzicht auf die „Amme“.
Antwort der Mutter von Chantal 291
1204. XVII, 216-217, vom 19. Mai 1616 291
Die Entblößung der Mutter von Chantal: Maria und Josef auf der
F l u c h t ; Ve r k l ä r u n g ; S c h u l a m m i t ; d e r ä g y p t i s c h e J o s e f ; J e s u s i n
der Krippe und am Kreuz; Maria. – Einfaches Vertrauen.
Antwort der Mutter von Chantal 293
1205. XVII, 218-219, vom 21. Mai 1616 294
In der Entblößung bleiben. – Vereinigung mit dem Willen Gottes;
nicht mehr an die Freundschaft denken.
1206. XVII, 219-220, vom 21. Mai 1616 295
Wünsche für ihre Entblößung: Martial; Wohlgefallen Gottes. – Wunsch
nach eigener Heiligkeit. – Fröhlich in Gott leben.
1230. XVII, 270-271, vom 15. August 1616 296
Gedanken zum Tod der seligsten Jungfrau.
1235. XVII, 276-277, vom 7. September 1616 296
Hoffnung auf das Jenseits. – Maria Blumen streuen.
1263. XVII, 317, vom 3. Dezember 1616 297
Bericht aus Grenoble.
1264. XVII, 318-319, vom 8. Dezember 1616 297
Aus Grenoble zwischen zwei Predigten. – Fromme Damen.
1266. XVII, 322, von 1616 298
Ausruhen im Schoß der Vorsehung. – Grundlagen friedvoller Freude.
1268. XVII, 324, von Anfang Januar 1614-1617 298
Abtötung durch Unannehmlichkeiten. – Die hl. Paula. – Verherrli-
chung der göttlichen Liebe.

20
1275. XVII, 337, vom 23. Januar 1617 299
Geburtstagswünsche für Mutter von Chantal.
1279. XVII, 343-345, vom 9. Februar 1617 299
Bericht aus Grenoble über die Aussichten für ein Kloster. – Predigten. –
Nachrichten und Grüße.
1288. XVII, 356-357, vom 12. März 1617 300
Bericht aus Grenoble über das Volk und die Klosteraussichten.
1321. XVIII, 27-29, vom 24. Juni 1617 300
Krankheit einer Schwester. – Weisungen für Mutter von Chantal.
1323. XVIII, 32-34, vom 29. Juni 1617 301
Bericht aus Viuz. – Zwei „arme Mädchen“. – Frau von Fléchere.
1331. XVIII, 46-49, um den 8. Juli 1617 302
Bericht aus Thonon über Kandidatinnen, Frau von Puits d’Orbe, sei-
ne Aufgaben. – Die Kranken.
1337. XVIII, 55, vom 30. Juli 1617 304
Mitteilung der Rückkehr aus Thonon.
1347. XVIII, 70, vom 5. September 1617 304
Betrübnis über Aimée und ihr Kind.
1348. XVIII, 70-71, vom 5. September 1617 304
Hindernisse für den geplanten Besuch.
1369. XVIII, 109-111, vom 15.-31. Oktober 1617 305
Verdrießliche Angelegenheiten. – Erbschaftsfragen. – Geplante Hei-
rat des Herrn Foras.
1375. XVIII, 123-124, vom 4. Dezember 1617 305
Gruß aus Grenoble. – Liebe zu ihrem Herzen.
1377. XVIII, 126-127, vom 8. Dezember 1617 305
Über eine Predigt in Grenoble. – Hoffnung auf Genesung von Mutter
und Tochter. – Maria, Königin der Liebe; Erinnerung an die Bischofs-
weihe.
1378. XVIII, 127-128, vom 9. Dezember 1617 306
Dank für die Genesung der Mutter von Chantal; Dank an Maria.
1393. XVIII, 156-157, vom 24. Januar 1618 306
Zum Tod des Herrn von Quoex. – In Frieden bleiben.
1412. XVIII, 191-192, vom 11. März 1618 307
Errichtung des Klosters in Grenoble. – Präsidentin Le Blanc. – Die
„Bienchen“ zum Ausfliegen vorbereiten.
1413. XVIII, 192-193, vom 15.-Ende März 1618 307
Über eine Schwester, die in Annecy zu bleiben wünscht.
1419. XVIII, 201-208, vom 30. April 1618 307
Bericht aus Annecy an Mutter von Chantal in Grenoble. – Angelegen-
heiten der Heimsuchung. – Heirat des Herrn von Chantal. – Tägliche

21
Kommunion. – Gesundheit und Reisepläne der Mutter von Chantal. –
Briefe und Grüße. – Echtheit der Worte der Liebe.
1424. XVIII, 216, von Anfang Mai 1618 311
Das Begehren nach Klöstern der Heimsuchung.
1437. XVIII, 233, von Ende Mai-Anfang Juni 1618 311
Absage des Besuches wegen Überlastung. – Vermählung des Fräuleins
von Chavanne. – Ratschläge für Mutter von Chantal.
1439. XVIII, 235, von Mai oder Juni 1614-1618 312
Gottgewollte Sehnsucht. – Selbstentäußerung.
1453. XVIII, 257-258, vom 31. Juli 1618 312
Entlassung eines Mädchens; Wirkung und Grundsätze.
1475. XVIII, 290-291, von Anfang Oktober 1618 312
Um eine Generalbeichte. – Von einer Kandidatin.
1490. XVIII, 318, vom 24. Dezember 1618 313
Bericht über eine Predigt am Hof von Paris.
1492. XVIII, 320-321, vom 29. Dezember 1618 313
„Noviziat bei Hof “. – Vereinigung des Herzens mit Gott. – Wunsch
einer Schwester nach Versetzung.
1966. XXI, 2-3, von 1615-1618 314
Unterwerfung der Affekte. – Wirkungen der Liebe. – Tapferkeit.
1497. XVIII, 332-334, vom 5. Januar 1619 315
Ratschläge für die inneren Leiden der Mutter von Chantal. – Herr
von Foras. – Nachrichten und Grüße aus Paris.
1500. XVIII, 339-340, vom 11. Januar 1619 316
Der Gekreuzigte als Bräutigam. – Unangenehme Nachrichten über Herrn
von Chantal; Bitte um Milderung des Kelches.
1503. XVIII, 345-349, vom 19. Januar 1619 316
Aufnahme eines Adeligen in die Kirche. – Aufnahme von Kränklichen
in die Heimsuchung. – Frau von Gouffiers. – Heirat der Prinzessin. –
Bemühungen für Herrn von Chantal. – Das Haus des Prinzen. –
Heiratspläne des Herrn von Foras. – Beinleiden des Bischofs.
1504. XVIII, 350-353, vom 21. Januar 1619 318
Bericht über verschiedene Personen und den Plan einer Heimsuchung
in Paris. – Grüße.
1508. XVIII, 359, um den 20. Februar 1619 320
Begeisterung in Frankreich für Heimsuchung und Mutter von Chantal.
1510. XVIII, 364-365, vom 21. oder 23. März 1619 320
Auftrag zur Reise nach Orléans. – Vertrauen auf die Vorsehung.
1515. XVIII, 373-374, vom 29. oder 30. April 1619 321
Betreuung der „Büßerinnen“ durch die Heimsuchung.

22
2037. XXI, 119, von Januar-Mai 1619 321
Ablehnung angebotener Würden.
1527. XVIII, 395-396, vom 24. Juni 1619 321
Über den Täufer in der Wüste; nur Gott und sich schauen. – Güte.
1535. XVIII, 409-410, um den 22. Juli 1619 322
Unpäßlichkeit des Bischofs; Behandlung durch die Äbtissin von Port-
Royal. – Ankündigung seines Besuches.
1538. XVIII, 414-415, vom 31. Juli 1619 322
Unpäßlichkeit des Bischofs. – Wunsch nach einer Unterredung mit
Mutter von Chantal.
1544. XIX, 5-6, vom 20. August 1619 323
Besorgnis um die Gesundheit der Mutter von Chantal. – Predigt über
den hl. Augustinus. – Fräulein von Plessis.
1552. XIX, 19-21, vom 18. September 1619 324
Reisepläne. – Aufmerksamkeiten der Königinmutter; Gedanken über
den Hof. – Briefankündigung.
1558. XIX, 31-33, vom 28. oder 29. September 1619 324
Meldung mehrerer Briefe. – Familie Foras. – Messe in der Heimsu-
chung von Bourges. – Unruhe.
1560. XIX, 37-45, vom 5.-19. Oktober 1619 325
Bericht aus Roanne-Voreppe über verschiedene Personen, die Pläne,
den Bischof in Frankreich zu behalten, die weitere Reiseroute. –
Die unfähige Oberin von Bourges. – Gründungsplan in Orléans. –
Über Schwestern.
1563. XIX, 49-50, vom 30. Oktober 1619 329
Ernennung zum Großalmosenier; Verachtung für den Hof.
1565. XIX, 53-54, vom November 1619 329
Bericht aus Annecy über die Schwestern von Bourges und die Oberin.
1569. XIX, 58-59, vom 30. November 1619 330
Leiden des Herrn von Foras. – Verleumdung des Bischofs.
1578. XIX, 71-74, vom 13. Dezember 1619 330
Ergebung in die Vorsehung. – Mutter von Chantal ist um ihn zu be-
sorgt. – Adventpredigten. – Bericht über die Schwestern; Grüße.
2039. XXI, 121-122, von 1619 332
Aufnahme von Sündern in das Kloster.
1591. XIX, 100-102, vom 8. Januar 1620 332
Wahl zum „König“ der Heimsuchung. – Geplante innere Einkehr. –
Schwierigkeiten mit einer Schwester. – Ernennung des Bruders zum
Koadjutor. – Pläne und Wünsche des Bischofs.
1618. XIX, 151-156, vom 26. Februar 1620 334
Ernennung des Koadjutors. – Plan der Berufung des Bischofs nach
Par i s . – F r ä u l e i n v o n C h a n t a l ; e i n e S c h w e s t e r . – H i n g a b e a n
G o t t i n m i t ten von Schmerzen. – Nachrichten und Grüße.

23
1631. XIX, 172-173, vom März 1620 336
Ernennung seines Bruders ein Werk Gottes.
1642. XIX, 188-189, von Ende April-Anfang Mai 1620 336
Bericht über seine Seele. – Einsetzung des Koadjutors. – Nachrichten.
2042. XXI, 124, von Januar-Mai 1620 337
Bereitschaft zum Dienst Gottes nach seinem Wohlgefallen.
1645. XIX, 193-195, vom 14. Mai 1620 337
Über die Zukunft des Bischofs. – Geplante Reise nach Rom.
1666. XIX, 250-251, um den 15. Juni 1620 338
Die Gaben des Heiligen Geistes.
1672. XIX, 263-269, vom 5. oder 6. Juli 1620 339
Nachrichten über Schwestern. – Frau von Gouffiers; einige Damen. –
Der Bischof von Belley. – Klostergründung in Turin. – Fürsprache für
ein gefährdetes Mädchen.
1683. XIX, 289-290, vom 26. Juli 1620 342
Streit zwischen Moulins und Nevers um Geld zur Gründung in Nevers.
1690. XIX, 302-304, vom 4. August 1620 343
Unpäßlichkeit. – Zwei Schwestern. – Nachrichten und Grüße.
1694. XIX, 310-313, vom 9. August 1620 344
Angelegenheiten von Schwestern und Klöstern. – Gedanken an das
Jenseits. – Prüfung der Satzungen in Rom.
1702. XIX, 334-338, vom 22. September 1620 346
Nachrichten. – Bevorstehende Reise nach Paris. – Das Kloster in Orléans.
– Msgr. Camus. – Die Frau von Port-Royal. – Wiedersehen.
1707. XIX, 348-350, von Juli-Oktober 1620 348
Stellung der Frauenklöster.
1710. XIX, 352-354, vom 11. Oktober 1620 349
Verschiebung der Reise nach Frankreich. – Versprechen von Antworten.
– Mutter von Chantal und die Frau von Port-Royal.
1726. XIX, 381, um den 9. oder 10. November 1620 350
Einigung in Nevers in der Geldfrage.
1729. XIX. 387-389, vom 22. November 1620 350
Abfall des Abbé Granier. – Freude über die Ausbreitung der Heimsu-
chung und die Äbtissin von Port-Royal. – Grüße. – Empfindungen
über die Güte Gottes.
2046. XXI, 130, vom 6. Januar 1621 oder 1622 351
Gedanken zum Dreikönigsfest.
1788. XX, 74, von Anfang Mai 1621 352
Grundsätze des Evangeliums. – Prozessieren.
1798. XX, 93-94, gegen Ende Mai 1621 353
Der Ärger des Paters. – Unpäßlichkeit. – Durchsicht des Geistlichen
Direktoriums.

24
1811. XX, 114-116, gegen Ende Juli 1621 353
Frau Gouffiers. – Regeltreue; Wachstum der Frömmigkeit. – Grüße.
1819. XX, 127-130, vom 7. August 1621 354
Durchsicht der Satzungen; Stellungnahmen von Rom. – Rückreise der
Mutter von Chantal. – Von zwei Oberinnen. – Frau Gouffiers.
1821. XX, 134-137, vom 24. August 1621 357
Empfinden der Größe Gottes. – Dank für die Festigung in Paris. –
Kinder des Leidens und Todes Jesu. – Frau Gouffiers. – Einwände
gegen das Offizium der Schwestern; Erlaubnis für weitere zehn Jahre.
– Plan für die Klöster. – Die Gitter.
1826. XX, 142-143, vom August 1621 358
Ehrerbietung gegen den Pfarrer. – Vollmachten der Oberin; Aufnah-
me von Gebrechlichen.
1847. XX, 174-183, vom 10. oder 11. November 1621 359
Beruhigung über Genf. – Reise-Anweisungen. – Nachrichten über ver-
schiedene Personen und Ereignisse. – Fragen der Heimsuchung. – Die
Äbtissin von Port-Royal.
1863. XX, 210-211, vom 15. Dezember 1621 363
Hoffnung auf das Wiedersehen. – Tod der Frau Gouffiers.
1867. XX, 215, von 1620 oder 1621 364
Menschliche Klugheit und Vertrauen auf die Gnade. – Brief an eine
Schwester. – Schaden der Rührseligkeit.
1873. XX, 226, von 1619-1621 365
Zunehmende Immunität des Bischofs gegen die Welt.
1907. XX, 290-293, vom 23. April 1622 365
Bericht über abreisende Schwestern. – Frau von Dalet. – Glück des
Lebens in Gott.
1912. XX, 300, vom April oder Mai 1622 366
Bericht über die Schwestern in Paris.
1937. XX, 349-356, vom 30. August 1622 367
Weisungen für die Heimsuchung. – Tod der Präsidentin Brulart, des
Kardinals von Retz.
1940. XX, 360-363, von Anfang September 1622 369
Weisungen für die Heimsuchung.
1954. XX, 384-386, vom 22. Oktober 1622 371
Reise-Anweisungen für Mutter von Chantal. – Bedrängnis des Bischofs.

I I I. B r u c h s t ü c k e
I. Aus den Jahren 1605-1608 (Bd. XIV)
501. XIV, 103-104 373
1. Bestimmte Zeit für das Gebet; Armseligkeit und Barmherzigkeit
Gottes. – 2. Der Gekreuzigte als Bräutigam. – 3. Einfachheit in
der Beichte, in Handlungen; nicht grübeln; Aufblick zu Gott; Gott
anrufen; Demut und Aufgeschlossenheit.

25
502. XIV, 105-106 374
Gegen den Zorn.
503. XIV, 106-107 375
1. Prüfung des Herzens auf Leidenschaften. – 2. Den Augenblick nutzen.
504. XIV, 107-108 375
Weltmännische Freundschaft: Kennzeichen und Abhilfe.
505. XIV, 109-111 376
Übungen der Witwe: Kleine Tugenden. – Ekstasen. – Kleine und große
Tugenden. – Wünsche; Wandel vor Gott. – Frohsinn, Vertrauen.
506. XIV, 111-113 379
Natürlicher Verstand und Glaubensgeist. – Versuchungen. – Ergebung
in Gottes Willen.
507. XIV, 114 380
1. Ruhen in den Armen des Erlösers. – 2. Gegenwart Gottes.
508. XIV, 114-115 381
Urteil über den Nächsten, seine Handlungen und Absichten.

2. Aus den Jahren 1604-1622 (Bd. XXI)

2060. XXI, 140-141, von 1604-1605 382


Alles Gott überlassen; Unruhe; gekünstelte Handlungen.
2061. XXI, 141-142, von 1605-1607 382
Einfachheit und Offenheit in der Beichte. – Herzenserhebungen. –
Erneuerung des Entschlusses, Gott zu dienen. – Lektüre.
2062. XXI, 143-144, von 1605-1607 383
1. Liebe zu Eltern und Freunden. – 2. In den Armen der Vorsehung. –
3. Frohsinn und Mut, unseren Weg mit Jesus gehen.
2063. XXI, 144-145, von 1605-1607 384
Wahre Liebe und Freundschaft; Vergleich mit der Koralle.
2064. XXI, 146, von 1605-1608 384
Ertragen des Leides. – Kürze des Lebens; Geduld.
2065. XXI, 146-147, von 1605-1608 385
1. Priester und zeitliche Geschäfte. – 2. Vertrauen zum Bischof; Heilmit-
tel gegen Versuchung, Trockenheit usw.
2066. XXI, 147-148, von 1606-1608 385
Gottes Willen wollen. – Einfachheit im Gehorsam.
2067. XXI, 149, von 1606-1608 386
1. Christus möge uns erfüllen. – 2. Überwindung beim Essen. –
3. Wunsch nach Liebe für Jesus. – 4. Freudig leben für Jesus.
2068. XXI, 150, von 1604-1609 387
Alle Kreuze lieben; die besten; Dauer verleiht ihnen Wert.

26
2069. XXI, 151-152, von 1605-1609 388
1. Demut, Demütigung, Verachtung seiner selbst. – Armseligkeit
f ü h r t zu Gott.
2070. XXI, 152-153, von 1607-1609 389
Erneuerung durch Betrübnis.
2071. XXI, 153-154, von 1608-1610 389
1. Alles dem Herrn überlassen. – 2. Liebe zu Gott; innerliches Ge-
spräch mit Gott; Willensvereinigung.
2072. XXI, 154-155, von 1608-1609 390
Prüfung des Herzens auf Anhänglichkeit. – Aufmerksamkeit auf Wich-
tiges. – Neid; Geist der Milde; Ertragen; Entblößung und Einfachheit.
2073. XXI, 156-157, von 1610-1613 391
Heiliger Gleichmut. – Weichliche Frömmigkeit. – Bereitschaft zum Guten.
2074. XXI, 157-158, von 1610-1613 392
Die Liebe schließt alle Tugenden ein. – Natürliche Tugenden auf Gott
ausrichten. – Tugendhaltung und Tugendakte. – Eingebungen.
2075. XXI, 158-159, von 1610-1613 392
1. Abtötung; Nähe des Kreuzes. – 2. Demütigung; Geistliches Martyri-
um; Sanftmut im Kreuztragen.
2076. XXI, 159-160, von 1611 oder 1612 393
1. Ruhe des Geistes in Krankheit. – 2. Kleine Leiden von Liebe erfüllt.
– 3. Trost in der gottgeschaffenen Einheit.
2077. XXI, 160-161, von 1612-1613 394
Liebe ohne Gefühl. – Unerschütterliche Einheit.
2078. XXI, 161-162, von 1612-1614 394
1. Zuflucht in der Vorsehung Gottes. – 2. Absichten Gottes mit den
Liebesgluten: Arbeit oder Kreuz.
2079. XXI, 162-163, von 1611-1614 395
Geduld mit dem eigenen Herzen.
2080. XXI, 163, von 1613-1614 395
Zustimmung zum Kreuz, weil Gott es will.
2081. XXI, 163-164, von 1611-1615 395
Zulassung der Versuchungen; Liebe zur Vorsehung.
2082. XXI, 164-165, von 1611-1615 396
Demut, Einfachheit, Mut. – Geduld und Gleichmut.
2083. XXI, 166, von 1611-1615 397
Sehnen nach der Liebe. – Einheit des Geistes mit dem göttlichen Wohl-
gefallen. – In Frieden bleiben.
2084. XXI, 167, von 1612-1615 397
Ertragen der Fehler in Ruhe und Sanftmut. – Einfachheit.
2085. XXI, 168-169, von 1612-1616 398
1. Erkenntnis des göttlichen Willens bewahren. – 2. Demut und Sanft-
mut. – 3. Alles Gott anheimgeben; Zurechtweisungen.

27
2086. XXI, 169-170, von 1612-1616 399
Rührseligkeit in Widrigkeiten und Versuchungen; Gott handeln lassen.
2087. XXI, 171-172, von 1612-1616 400
1. Hingabe an den Willen Gottes, an die Vorsehung. – 2. Ergebung
in Leiden; Güte im Reden; um nichts Sorgen machen.
2088. XXI, 173, von 1614-1616 401
1. Fest in der Treue; Ruhen im Willen Gottes. – 2. Selbstentäußerung.
2089. XXI, 174, nach dem 21. Mai 1616 402
Über die Selbstentäußerung; Empfindlichkeit; Tränen Jesu.
2090. XXI, 174-176, von 1615-1617 402
1. In Gott sein und sich selbst entäußern. – 2. Seelischer Nutzen
durch Liebe, Wirken und Leiden. – 3. Zurechtweisungen.
2091. XXI, 177, von 1615-1620 403
Armut und Liebe zur Niedrigkeit; Freuden der heiligen Armut.
2092. XXI, 178-180, von 1615-1621 404
1. Eingebungen; Hingabe an Gott; Gefühle der Liebe. – 2. Liebe zu Gott
und den Geschöpfen. – 3. Ertragen des Nächsten.
2093. XXI, 180-181, von 1620-1622 405
1. Freudig von der Vorsehung führen lassen. – 2. Gefühle der Liebe
durch die Berufung zum Dienste Gottes.
2094. XXI, 181-182, von August-Oktober 1622 405
Gott volle Freiheit lassen. – Hungersnot.
2095. XXI, 182-184 406
1. Andrang zum Bischof als Seelenführer. – 2. Der Wille Gottes.
– 3. Schwäche und Vertrauen in Bedrängnis. – 4. Eingebungen und Stre-
ben nach göttlicher Liebe. – 5. Hilfe Marias in Predigten.
2096. XXI, 184-185 407
1. Gedanken über den Tod. – 2. Sinn des Lebens. – 3. Sich absterben.
2097. XXI, 185-186 408
1. Demut und Sanftmut; Einbildung und Entrückungen. – 2. Demut.
– 3. Wohlgefallen Gottes.
2098. XXI, 186-187 408
Ertragen und Mitleid, mit dem Nächsten, mit sich selbst. – Erniedri-
gung und Sünde. – Gewohnheit der Tugenden. – Höherer und niederer
Seelenbereich.
2099. XXI, 188-189 409
Schwierigkeiten, Schwächen. – Demut und Vertrauen. – Liebe der
Geschöpfe nicht suchen.
2100. XXI, 189 410
Auf sich schauen, nur um Gott wohlzugefallen.
Anmerkungen 411
Vergleichende Tafeln 428

28
ZUR EINFÜHRUNG

1. Mit dem 26. April 1604 beginnt der Briefwechsel zwischen Franz von
Sales und der Baronin von Chantal, in dem Franz von Sales seine reichen
Gaben als Seelenführer entfalten und Johanna Franziska von Chantal unter
Anleitung des heiligen Bischofs zu hoher Heiligkeit heranreifen wird.
Franz von Sales hatte bereits zehn Jahre eines reichen priesterlichen Lebens
hinter sich, als er mit Johanna Franziska von Chantal zum erstenmal
zusammentraf. Er hielt in Dijon die Fastenpredigten und sah vor der Kanzel
eine Dame in Witwenkleidern, die mit großer Aufmerksamkeit seinen Wor-
ten lauschte. Er fragte den jungen Erzbischof von Frémyot, den Sohn des
Präsidenten von Dijon, wer diese Dame sei. Lächelnd antwortete ihm der
Bischof: „Meine Schwester.“ Beim gemeinsamen Mahl stellte er sie ihm dann
vor. Beide hatten einander bereits gesehen, uzw. in Visionen, deren Geschichtlich-
keit über jeden Zweifel erhaben ist. – Davon sprach zunächst weder der Bischof
noch die Witwe. Franz von Sales war sich aber sofort der Größe dieser Frau
bewußt. Sie hatte von Anfang an großes Vertrauen zu ihm gefaßt, und da sie
gerade von Ängsten und Versuchungen geplagt war, glaubte sie, ihn um Rat
fragen und ihm ihre Seele erschließen zu dürfen.
Franz von Sales beendete seine Fastenpredigten und kehrte in seine Diözese
zurück. Auf der ersten Station schrieb er der Baronin drei inhaltsschwere
Zeilen, die den Auftakt bildeten zu einem der schönsten Briefwechsel, die
die Kirche und die französische Literaturgeschichte kennen, der sowohl für
Franz von Sales wie für Johanna Franziska von höchster Bedeutung wurde.
Der Bischof von Genf hatte in diesen Tagen viel über seine Begegnung
mit der jungen Witwe nachgedacht. Er sagt es deutlich: „Es wird mir jede
S t u n d e m e h r z u r G e w i ß h e i t . . . “ Wa s i h n s o b e s c h ä f t i g t e , s a g t e r k l a r ,
w e n n a u c h etwas zögernd: „Gott, so scheint es mir, hat mich Ihnen gege-
ben.“ – Ein Wort, das für die Baronin wie Balsam für ihre wunde Seele
war, allerdings zunächst Anlaß zu schweren seelischen Ängsten gab.
2. Wer waren die beiden Korrespondenten, als sie Gott auf diese geheim-
nisvolle Weise zusammenführte?
Franz von Sales war damals 37 Jahre alt. Er hatte hinter sich ein Jahr
eifrigsten Priesterwirkens zu Annecy und vier Jahre harter Missionsarbeit
im Chablais, ferner ein Jahr kirchlich-diplomatischer Verhandlungen in Pa-
ris und zwei Jahre bischöflichen Wirkens. Im Salon der heiligmäßigen Barbe
Acarie in Paris hatte er reiche Anregungen empfangen und war mit vielen eifrigen
Katholiken bekannt geworden, hatte allerdings noch besser die Nöte und
Schwierigkeiten kennen gelernt, unter denen die katholische Kirche litt.
Als Bischof arbeitete er mit Feuereifer an der Vertiefung christlichen Lebens
in seiner Diözese, aber auch darüber hinaus durch Advent- und Fastenpredigten,
und durch eine immer reger werdende Korrespondenz.
Johanna Franziska von Chantal, 1572 geboren, war die Tochter des Prä-
sidenten Frémyot zu Dijon. Mit dem jungen Baron von Chantal verheiratet,
verbrachte sie glückliche Jahre auf Schloß Bourbilly mit ihrem Gatten, den sie

29
innig liebte. Ein Jagdunglück raffte 1600 ihren Mann hinweg. Nach einer
Zeit niedergeschlagener Trauer raffte sie sich auf: Sie mußte jetzt für ihre
Kinder leben. Um ihnen das Erbe zu erhalten, zog sie zu ihrem Schwiegervater
auf Schloß Monthelon; zu einem griesgrämigen Mann, der von seiner Mätresse
beherrscht wurde, von der die Baronin Unsagbares zu erdulden hatte.
Zugleich mit dieser einschneidenden Änderung ging eine tiefe religiöse
Wandlung in ihr vor. Sie war bisher gewiß ein gutes Mädchen und eine echt
christliche Frau gewesen. In ihren jungen Jahren war sie, nach ihren eigenen Wor-
ten, ein übermütiges, zu jedem Unfug bereites Mädchen gewesen, „fille à toute
follie“, aber zugleich ihrem katholischen Glauben leidenschaftlich treu erge-
ben. Als junge Frau tat sie bei allen Festlichkeiten, die auf Schloß Bourbilly
wie in allen adeligen Schlössern gefeiert wurden, fröhlich mit. Zugleich aber war sie
die tüchtige Verwalterin des verschlampten Besitzes, die gütige Herrin und
besorgte Helferin der Armen und Kranken, liebende Gattin ihres Mannes.
Ihr Herz aber war doch geteilt gewesen. Da nun ihr geliebter Mann so
tragisch von ihr gegangen war, wandte sich ihre Seele mit dem ihr eigenen
Ungestüm ganz Gott zu. „Durch die blutige Bresche drang Gott in ihr Herz ein“
(Brémond) und sie gab sich ihm hin ohne Vorbehalt und ohne Zögern.
Es war aber noch viel Unklares in ihrer Seele. Einerseits das Drängen ihres
Herzens, ganz Gott anzugehören, das sie gleich nach dem Tod ihres Mannes
antrieb, das Gelübde ewiger Witwenschaft abzulegen, andererseits aber auch
Versuchungen gegen den Glauben, viel Ängstlichkeit, wie sie es recht machen
konnte. Sie hatte Sehnsucht nach einem Seelenführer. Gott hatte ihn ihr
allerdings in einem Gesicht gezeigt; aber wo war dieser Mann Gottes zu finden?
Als sie wieder einmal in Dijon bei ihrem Vater weilte, drangen einige
„fromme Seelen“ in sie, doch zu ihrem Seelenführer zu gehen. Sie willigte
ein, und dieser seltsame Priester, den sie noch gar nicht gebeten hatte, ihr
Seelenführer zu werden, band diese so in seinen Bannkreis geratene Seele sofort
durch vier Gelübde an sich: 1. ihm zu gehorchen; 2. niemals einen anderen
Seelenführer zu nehmen; 3. keinem anderen Priester Mitteilungen über das zu
machen, was er ihr sagte; 4. von ihrem Seelenleben nur mit ihm zu sprechen.
Zugleich legte er ihr eine Unzahl religiöser Übungen und Kasteiungen auf,
die sie willig auf sich nahm.
Es zeigte sich aber kein Fortschritt. Im Gegenteil: die Ängste, Versuchungen
und Unklarheiten wuchsen ins Ungemessene; außerdem wurde sie ihren
Dienerinnen, die sie nachts für ihre Übungen wecken und ihr dafür immer
zur Verfügung stehen mußten, schwer erträglich.
Da sah und hörte sie Franz von Sales in der Kathedrale von Dijon. Das
war der Priester, den sie in der Vision als ihren künftigen Seelenführer gesehen
hatte! Seine schlichten Worte gaben ihr Klarheit. Alles drängte sie, sich dem
Bischof anzuvertrauen, zumal sie gerade damals unter einem schweren Ansturm
von Versuchungen und Ängsten stand. Da glaubte sie, diesen weisen Bischof
in ihrer Not befragen zu dürfen.
Ihr merkwürdiger Seelenführer hatte eine Aufpasserin bestellt, die sie nicht
aus den Augen lassen sollte, damit ihm dieses edle Schäflein nicht entgleite.
Es gelang ihr aber, sie fortzuschicken, und ihr Bruder, der Erzbischof von
Bourges, stand Wache vor der Tür des Zimmers, in dem sie sich mit Franz

30
von Sales besprach. – Franz von Sales gab ihr Ratschläge für die augenblick-
liche Drangsal. Sie besprach sich aber noch mehr mit ihm, über ihre Vorsät-
ze, ihre Seelenführung und ihre Schwierigkeiten. Franz von Sales gab ihr in
seiner gütigen aber festen Art Weisungen und Ratschläge, die plötzlich ein
mildes und klares Licht über ihren Lebensweg breiteten.
Franz von Sales selbst war aufs tiefste beeindruckt von dieser Frau, deren
Seele ganz heilige Entschlossenheit war, sich vorbehaltlos und für immer
Gott hinzugeben. Keimte schon in Dijon das Große auf, das er Jahre später der
Heiligen mitteilen wollte? Jedenfalls wird er sie und sich noch lange prüfen,
ehe er seine endgültigen Beschlüsse fassen wird.

A. Briefe an die Baronin von Chantal

I. Von Dijon bis Saint-Claude. Die ersten Briefe des Heiligen.

1. Der erste Brief besteht aus wenigen Zeilen. „Gott hat mich Ihnen ge-
geben“, ist sein wesentlicher Inhalt (23. 4. 1604).
2. Der zweite Brief ist ausführlicher (3. 5. 1604). Er sollte wohl das
schriftlich festhalten, was Franz von Sales der jungen Witwe in der Unter-
redung von Dijon gesagt hatte. Franz von Sales freut sich, daß die beiden
„Säulen ihres Heiligtums“ feststehen, ihr Verlangen nach Vollkommenheit
und ihre Liebe zum Witwenstand. Die Liebe zu diesen beiden Säulen soll
wachsen und reiche Frucht bringen.
3. Der dritte Brief (14. 6. 1604) sollte den seltsamen Beichtvater be-
schwichtigen. Franz von Sales hat ihn in aller Ehrlichkeit und Wahrhaftig-
keit, aber doch recht klug abgefaßt. Dieser Priester und wahrscheinlich der
Kreis „frommer Seelen“ um ihn dürften Frau von Chantal Vorwürfe über ihre
Unterredung mit Franz von Sales gemacht haben. So schreibt ihr Franz von
Sales, sie solle sich über diese Aussprache nicht ängstigen, ihre seelische Not
rechtfertige sie. Das sei keine Verfehlung gegen ihren Seelenführer, über den
er viel Gutes sagt, während er zugleich ihr Recht auf Freiheit unterstreicht.
4. Der vierte Brief (24. 6. 1604) war für sie allein bestimmt. Wieder
beteuert er, daß ihrem seelischen Verkehr mit ihm nichts im Wege stehe. Sie
soll sich des Bischofs in aller Liebe und Offenheit bedienen. Es bedarf zwi-
schen ihnen keines anderen Bandes als der Liebe. Sie soll Hast, Melancholie
und Ängstlichkeit meiden und frohen Herzens sein.
Aus beiden Briefen geht hervor, daß Franz von Sales sich noch nicht klar
war, ob er ganz die Seelenführung der Frau von Chantal übernehmen oder ihr
nur gelegentlich Ratschläge geben sollte. Eine Unterredung gelegentlich einer
Wallfahrt nach Saint-Claude sollte die Klärung bringen.
5. Mitte August 1604 fand diese statt. Frau von Chantal kam mit zwei
Freundinnen von Dijon, Franz von Sales mit seiner Mutter und Schwester
von Annecy. Am ersten Abend (21. August) hört Franz von Sales nur alles
an, was Johanna Franziska über ihren Seelenzustand berichtet. Am nächsten
Morgen sagt er ihr: „Ich habe die ganze Nacht auf Ihre Angelegenheit ver-
wendet. Ich sehe, es ist der Wille Gottes, daß ich die Leitung Ihrer Seele

31
übernehme und Sie meinen Weisungen folgen. Diese vier Gelübde taugen zu
nichts, als Ihren Seelenfrieden zu zerstören ...“ Noch am gleichen Tag legte
Johanna Franziska ihre Generalbeichte ab.
So schien jetzt alles klar zu sein. In den nächsten, meisterhaften Briefen hatte
freilich Franz von Sales noch manche Gewissensängste zu zerstreuen.

II. Von Saint-


Von Claude bis Schloß Sales. Die großen W
Saint-Claude eisungen.
Weisungen.
(Ende August 1604 – Ende Mai 1605)

1. Vom 14. Oktober 1604 ist ein 20 Seiten langer Brief datiert. Er beant-
wortet eine Reihe von Fragen, die Johanna Franziska gestellt hatte, enthält aber
auch grundsätzliche Erörterungen, besonders über die Freiheit, auf die Franz
von Sales noch oft zurückkommen wird. Die Fragen offenbaren den seeli-
schen Zustand der Baronin, die Antworten die weise Führung des Heiligen.
2. Ein weiterer Brief vom 1. November 1604 ist einem großen Anliegen
des Heiligen gewidmet: der Demut. Sie ist die eigentliche Tugend der Wit-
wen.
3. Ein langer Brief vom 21. November 1604 offenbart das ungestüme
Drängen der Witwe nach Heiligkeit, ihre Unzufriedenheit mit sich selbst
und ihre Ungeduld über das Unvermögen ihrer Seele. Franz von Sales geht
auf ihre Schilderung ein, analysiert sie, sucht ihr dadurch Klarheit über
sich selbst zu vermitteln, sie in ihrem Drängen zu mäßigen, ohne ihrem
Streben nach Vollkommenheit Abbruch zu tun.
4. Der Brief vom 18. Februar 1605 enthält sehr eingehende Weisungen
über die Geduld im Tragen ihres Kreuzes, ihrer Schwierigkeiten und Versuchun-
gen. Der Feind hat den unbezwinglichen Turm nicht eingenommen. Die Ver-
suchung kommt vom Teufel, Leid und Qual aber von der Barmherzigkeit
Gottes; durch sie läutert er das Gold. Ein Brief von Ende Februar 1605
kommt nur kurz auf das Thema des letzten Briefes zurück.
5. Die beiden nächsten Briefe (20. 4. und 19. 5. 1605) bereiten auf die
Zusammenkunft in der Woche vor Pfingsten vor. Die Baronin soll viel Gleich-
mut und Selbstverleugnung mitbringen; bei der Vorbereitung soll sie nicht
in Unruhe geraten, sondern sie gelassen und in der Freiheit der Kinder Got-
tes vernehmen und frohen Herzens kommen.
Die Zusammenkunft auf Schloß Sales bildet wieder eine wichtige Etappe
für die Baronin im Aufstieg zur Heiligkeit. Sie legte eine Generalbeichte ab
und erneuerte ihre Gelübde. Während der nächsten Tage fragte Johanna
Franziska ihren Seelenführer, ob er sie aus der Welt herausnehmen werde.
Franz von Sales hatte zwar damals schon seine Pläne, hielt aber die Zeit noch
nicht für gekommen und entließ die Baronin mit der Empfehlung, zunächst
im Witwenstand zu bleiben.

III. Von Schloß Sales bis zur Begegnung in Annecy


Von Annecy..
(Mai 1605 – Mai 1607)

1. Jede der bisherigen Zusammenkünfte war ein Markstein im Leben der


Baronin von Chantal. Die erste zu Dijon hatte als Ergebnis die Erklärung
des Bischofs: „Gott hat mich Ihnen gegeben.“ Die zweite zu Saint-Claude

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gab Franz von Sales die Gewißheit, daß er nun der Seelenführer der Baronin
sein soll. Die dritte auf Schloß Sales führte zur feierlichen Erklärung der
Baronin, daß sie ganz für Gott leben wolle, und zum Versprechen des Heiligen,
daß er sie einmal aus der Welt herausnehmen werde. – In der vierten Zusammen-
kunft zu Annecy wird Franz von Sales der Baronin seinen Plan enthüllen,
eine Gemeinschaft zu gründen, in der Marta und Maria vereinigt sind, Maria
aber der bessere Teil zufällt.
2. Zwischen der dritten und vierten Zusammenkunft liegt nun die
Korrespondenz von zwei Jahren, vom Mai 1605 bis April 1607; etwa 30
Briefe, die meisten kurz; nur vier, die in ihrer Länge mit den ersten ver-
gleichbar sind.
Wieder enthüllt sich uns in den Antworten des Heiligen die Seele der Baronin
in ihrem ungestümen Drängen und ungeduldigen Aufbäumen gegen ihr
„ U nvermögen“, gegen die Schranken, die ihr gesetzt sind, – und ihr
sehnsüchtiger Wunsch, der Welt entrückt zu werden, um ganz ungeteilt Gott
lieben und ihm dienen zu können.
Und wieder offenbart in diesen Briefen der Bischof seine unnachahmliche
Kunst, die Seele zum Aufstieg zu höchsten Höhen anzuspornen, sie aber
zugleich dahin zu führen, daß sie sich mit ihrer Begrenztheit abfinde.
Fast in jedem Brief lesen wir glühende Aufrufe zur Liebe Gottes, zum
„Leben in Christus“. Darin soll ja das einigende Band zwischen Bischof und
Witwe bestehen, in diesem gemeinsamen Streben, in der heiligen Liebe zu
wachsen.
3. Für die Abwehr der Versuchungen weist er auf seine früheren Ausfüh-
rungen hin und ergänzt sie. Sie soll sich darum nicht kümmern, sie nicht
ansehen, den Teufel draußen toben lassen, sich ablenken. Angst soll sie nicht
haben. Warum auch? Gott ist mit ihr, Jesus liebt sie. Was hat sie noch zu
fürchten? Sie soll auf Gott vertrauen und soll auch dem Bischof ihr Vertrau-
en bewahren; er will ihr ja immer gerne helfen. Und er hilft ihr immer
wieder mit großer Güte, geht auf alles ein, was sie ihm schreibt, kann aber
auch streng sein, wenn sie ihm schreibt, daß sie vor ihm sterben möchte.
Einmal schreibt er ihr: „Bin ich zu hart? Zumindest bin ich aufrichtig.“
4. Immer wieder drängt sich das Verlangen der Baronin vor, die Welt zu
verlassen und in der Einsamkeit ganz und ausschließlich Gott zu dienen. Franz
von Sales antwortet mehrmals auf diese Fragen und Bitten der Baronin. Er
läßt die Frage offen, gibt aber zu erkennen, daß einmal die Entscheidung
fallen wird. Dann wird er sagen, wie er sich das vorstellt, sie selbst aber muß
sich frei entscheiden, während sie in allem anderen einfach gehorchen soll.

5. Oft spricht er von ihren Kindern. Unbefangen schreibt er von seinen


Erlebnissen und Eindrücken, freut sich, wenn sie ihn in aller Einfachheit
um sein Gebetsleben befragt, knüpft oft an seine Erlebnisse das Bekenntnis
seiner Armseligkeit und bittet sie um ihr Gebet. Natürlich kommt er oft auf
ihre gegenseitigen Beziehungen zu sprechen; darüber soll aber später in
größerem Zusammenhang die Rede sein.

6. Durch diese Briefe vorbereitet, tritt die Baronin die Reise nach Annecy an,
wo die Entscheidung für ihr Leben und das vieler anderer fallen wird. Sie
traf einige Tage vor Pfingsten dort ein. Franz von Sales ließ sie zunächst
Rechenschaft über ihr Seelenleben in der letzten Zeit ablegen; er sagte ihr noch

33
nichts von dem, was er plante, hieß sie aber eifrig beten und sich ganz Gott
überlassen.
Der Pfingstmontag brachte die Entscheidung. Franz von Sales will ihre
Bereitschaft prüfen und fordert sie nacheinander auf, Klarissin zu werden,
Krankenschwester, Karmelitin; jedesmal ist sie bereit, ihrem Seelenführer zu
gehorchen. Schließlich erklärt er ihr seinen Plan, eine eigene Kongregation
zu gründen, deren Zweck sein soll, auch kranken und älteren Menschen, die nach
Vollkommenheit streben, diese Möglichkeit zu bieten, die in den bisherigen
Orden wegen der harten Kasteiungen und langen Chorgebete nicht bestand.
Die Liebe sollte das Grundgesetz seiner Gründung sein. Gelübde sah er zu-
nächst nicht vor, wohl aber neben dem Hauptziel der Kontemplation den
Dienst an den Armen und Kranken als Nebenaufgabe.
Der Plan war klar; wie aber ihn verwirklichen? Beide Heilige meinten,
daß es wohl sechs oder mehr Jahre bräuchte, bis die Gründung möglich wurde;
das hohe Alter ihres Vaters und Schwiegervaters, die Jugend ihrer Kinder
schienen unüberwindliche Hindernisse zu bilden.

IV. Von der Begegnung in Annecy bis zur Gründung der „Heimsuchung“.
(Mai 1607 – April 1610)

1. Der Briefverkehr verläuft meist in den bisherigen Bahnen, aber schon


bald schiebt sich die geplante Gründung der „Heimsuchung“ in den Vorder-
grund. Dieses Vorhaben nimmt allmählich greifbare Formen an.
Anläßlich eines Besuches der Baronin bei der Mutter des Bischofs hatte
ein harmloses Wort der Baronin in der Mutter die Hoffnung geweckt, ihr
jüngster Sohn könnte die Tochter Aimée der Baronin heiraten. Die Baronin sah
damals kaum eine Möglichkeit dazu. Nun starb aber die jüngste Schwester des
Bischofs bei der Baronin, der sie anvertraut worden war. In ihrem überaus
großen Schmerz erinnerte sich die Baronin der Andeutung der Mutter des
Bischofs und gelobte, dieser ihre Tochter Aimée zur Tochter zu geben, indem
sie nicht nur in deren Vermählung mit dem jüngsten Sohn der Frau von Boisy
einwilligte, sondern auch alles tun wollte, um diesen Plan zu verwirkli-
chen. Nun konnte Frau von Chantal den Verwandten begreiflich machen,
daß ihr Platz in Annecy sein müsse, um der jungen Frau zur Seite zu stehen.
2. Der Brief des Bischofs an die Baronin nach dem Tod seiner Schwester
und der Brief, den er ihr über den Tod seiner Mutter schrieb, gehören wohl
zum Ergreifendsten, was zum Tod lieber Menschen je geschrieben wurde.
3. So schmerzlich das Ableben dieser beiden Menschen dem Bischof und der
Baronin war, so beschleunigten sie doch den Abschied der Baronin von den
Ihren. – Es meldeten sich auch bereits Gefährtinnen für ihr künftiges Leben,
deren Namen in den Briefen zwischen 1607 und 1610 auftauchen.
4. Mit einem ergreifenden Abschied von ihren Lieben, mit der Reise nach
Annecy, wo es noch in den letzten Tagen Schwierigkeiten mit dem verspro-
chenen Haus gibt, ist das L eben der Baronin von Chantal in der Welt zu
Ende. Es beginnt ein neuer, überaus fruchtbarer Abschnitt ihres Lebens als
Ordensfrau und Mutter vieler geistlicher Töchter.

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B. Briefe an die Mutter von Chantal

Diese Briefe spiegeln nicht nur die Seele der beiden Heiligen wieder, sie
bieten auch Einblick in die Geschichte der „Heimsuchung Mariä“ von deren
Anfängen (1610) bis zu ihrer bereits weiten Entfaltung beim Tod des hl.
Franz von Sales (1622).

I. Von der „Galerie“ bis zur Gründung in Lyon (1610-1615).

1. Das erste Jahr (Sommer 1610-1611) ist nicht sehr ergiebig an Briefen
des Bischofs; etwa 20 Briefe sind uns erhalten. Einige davon sind wieder,
wie früher, fromme und geistreiche Erwägungen zu kirchlichen Festen, je-
weils mit praktischen Anwendungen. Im anderen gibt Franz von Sales Anwei-
sungen für die Schwestern.
Der Mutter von Chantal erlaubt er vom 8. Dezember 1610 an die tägliche
Kommunion; er läßt sie teilnehmen an den Freuden seines Wirkens, erzählt ihr
von seinen Mühen, von seinem Beten, von seinen Schwierigkeiten, muntert
sie zum Fortschritt in der heiligen Liebe auf ...
Die Briefe geben nur einen kleinen Ausschnitt aus den Beziehungen bei-
der Heiligen zueinander. Die eigentliche Formung der Mutter und ihrer
Töchter vollzog sich in der Kapelle, im Sprechzimmer und im Garten der „Gale-
rie“. Einige der köstlichen Unterredungen des Heiligen mit seinen Töchtern sind
uns in den „Geistlichen Gesprächen“ erhalten. Vieles hat Mutter von Chantal
später ihrer Sekretärin von Chaugy erzählt, die es in den Memoiren festhielt.
2. Das zweite Jahr (Mitte 1611-1612) ist bewegter. Wir haben aus dieser
Zeit wieder etwa 20 Briefe. In einem Schreiben vom 10. 6. 1611 gibt Franz
von Sales seiner Gründung ein Wappen, das sie als Werk der heiligen Her-
zen Jesu und Mariä kennzeichnet.
Am 23. August 1611 reiste Mutter von Chantal, begleitet von Schwester
Favre, nach Burgund, um die Erbrechte ihrer Kinder zu wahren. Sie blieb
dort vier Monate. Franz von Sales beteuert in seinen Briefen die innige
Verbundenheit mit ihr. Sie muß ihre Aufgabe dort gut erfüllen, aber auch
bereit sein, Mißerfolge zu tragen und ihr Kreuz zu lieben. Gegenüber wohl-
meinenden Ratgebern soll sie fest dabei bleiben, nur die notwendige Zeit
außerhalb ihres Klosters zu weilen.
Am 24. Dezember ist Mutter von Chantal wieder in Annecy. Er schreibt ihr
wieder Gedanken zu Festtagen, nimmt Stellung zu der von ihr beklagten Ge-
fühllosigkeit, erzählt seine plötzliche Heilung (9. 2. 1612) und legt ihr eine
längere Ansprache vor, die sie den Novizinnen bei deren Aufnahme halten soll;
ein echtes Lebensprogramm: Abtötung, Gehorsam, Offenheit, Demut.
3. Von Juli 1612-1613. Die Feste Petri Kettenfeier und Maria Himmel-
fahrt geben dem Bischof Gelegenheit, Mutter von Chantal in ihrer Hingabe an
Christus zu bestärken. Ihre Gesundheit ist erschüttert. Franz von Sales er-
muntert sie, jede ärztliche Behandlung willig anzunehmen; er muß sie auch
tadeln, daß sie beim Umzug in das neue Kloster mitgearbeitet hat.
Mitte April bis Ende Mai 1613 ist Franz von Sales auf einer Wallfahrt
nach Mailand zum Grab des hl. Karl Borromäus, die er im Jahr zuvor wäh-
rend einer schweren Erkrankung der Mutter von Chantal gelobt hatte. Mit

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der Wallfahrt verbindet er wichtige Verhandlungen in Turin. Von der Reise
schreibt er einige Male an Mutter von Chantal, gibt Weisungen, erzählt von
seinen Erlebnissen in Mailand und Turin.
Seine Arbeit über die „Gottesliebe“ erwähnt er zweimal in diesem Jahr.
Gott gibt ihm so viel Licht, daß er nicht weiß, woher er die Worte nehmen
soll (XV, 330); einmal mußte er die Arbeit unterbrechen, als er gerade von
heiligen Empfindungen überwältigt war (XVI, 19 ff). Ende Juni kommt Celse-
Benigne nach Annecy. Franz von Sales schreibt seiner geistlichen Tochter,
sie solle ihm nicht zu „abgetötete Zärtlichkeiten“ erweisen und nicht grau-
sam mit ihm sein.

4. Von Juni 1613 – Januar 1615. Der sechswöchige Aufenthalt der Mutter
von Chantal in Burgund (Juli bis Mitte August 1613) hinterließ keine Spu-
ren in den erhaltenen Briefen des Bischofs. Die meiste übrige Zeit waren
beide Heilige in Annecy und konnten alles mündlich besprechen. Die wenigen
Briefe aus dieser Zeit betreffen Einzelheiten, immer von hoher Warte aus be-
trachtet; ferner Erwägungen zu Festen, Bemerkungen über seine „Abhand-
lung von der Gottesliebe“, Verhandlungen über das neue Haus in Annecy ...
Im Dezember 1614 reist Franz von Sales nach Sitten, um an der Weihe
des neuen Bischofs teilzunehmen; Ende Dezember ist er wieder in Annecy
und bespricht mit Mutter von Chantal schriftlich deren persönliche Anlie-
gen und Fragen der „Heimsuchung“.

5. Das Jahr 1615 bringt die Gründung eines zweiten Klosters der „Heim-
suchung“, zugleich das erste außerhalb von Annecy und Savoyen, uzw. in
Lyon, dem Sitz des Primas von Gallien. In den sieben Jahren bis zum Tod
des hl. Franz von Sales folgen noch 16 Gründungen; bis zum Tod der Stifte-
rin weitere 60. – Das Jahr 1615 bringt wichtige, wenn auch nicht wesentli-
che Änderungen im Leben der Schwestern von der Heimsuchung.
Die nicht immer erquickliche Geschichte der Gründung zu Lyon ist in den
Lebensbeschreibungen der beiden Stifter ausführlich dargestellt. Nach der
mißglückten Gründung eines Klosters der „Darstellung Mariä“ wendet
sich Erz bischof Marquemont nach Annecy um Hilfe. Franz von Sales, der
sich der Wichtigkeit dieser Neugründung bewußt ist, schickt einige seiner
besten Schwestern nach Lyon, angeführt durch Mutter von Chantal, die
jedoch nicht dauernd dort bleiben soll. Die Schwestern reisen am 26. Januar
1615 ab. Franz von Sales gibt in zarter Aufmerksamkeit einer der Schwes-
tern sieben kleine Briefe mit; jeden Tag soll sie einen der Mutter von Chantal
übergeben; sie enthalten liebevolle Aufmunterungen, väterliche Wünsche.
Eine Woche später schreibt er ihr wieder. Von März bis Juli schickt er ihr
zunächst jede Woche einen Brief, im April nur einen, aber im Mai und Juni
in rascher Folge sieben Briefe. Diese enthalten gute Nachrichten vom Klo-
ster zu Annecy und von ihm selbst, Vorschriften für ihre Gesundheit, Bil-
ligung ihres Gebetes der einfachen Hingabe. Dann gibt er ihr Weisungen für
die Schwestern und dazwischen immer wieder aufmunternde Worte, dem
Willen Gottes allein zu leben.
Ende Juni begibt sich Franz von Sales selbst nach Lyon, wo er eine Woche
bleibt. Drei Brieflein an Mutter von Chantal sind uns erhalten; zweimal ist
darin die Rede von einem Memorandum, wahrscheinlich über die Wünsche

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des Erzbischofs von Lyon. Die Kontroverse mit ihm wird sich noch länger
hinziehen.
Der erste Brief nach seiner Rückkehr beschreibt seine Reise; die nächsten
handeln von Frauen des Dritten Ordens aus Toulouse, die in der Heimsu-
chung von Annecy ausgebildet werden wollen; andere Klöster bitten um
Heimsuchungs-Schwestern, um von ihnen geformt zu werden.
Mutter von Chantal kam Ende Oktober 1615 nach Annecy zurück. Aus
den letzten Monaten dieses Jahres haben wir keinen sicheren Brief des Bi-
schofs.

II. Von 1616 bis zum Tod des hl. Franz von Sales (1622).
1. Das Jahr 1616 bringt einen wichtigen Briefwechsel innerhalb weniger
Tage, während Mutter von Chantal in der „Einsamkeit“ (Exerzitien) und Franz
von Sales durch eine Krankheit ans Bett gefesselt ist. Der Anstoß dazu mag
wohl die Sorge der Mutter von Chantal über die Krankheit des Bischofs gewe-
sen sein (Briefe an Franz von Sales, Seite 33 f). Franz von Sales hält nun die
Zeit für gekommen, von seiner geistlichen Tochter das Höchste zu verlangen:
die totale Entäußerung, die Bereitschaft, auf alles zu verzichten, um nur Gott
allein anzugehören; zu verzichten auf das eigene Ich, auf jede „Amme“, auch
darauf, daß der Bischof ihr als „Amme“ diene; zu verzichten auf jeden Liebes-
erweis für das Geschöpf, „um sich allen gegenüber gleichmütig zu verhalten“;
zu verzichten auf Hochschätzung, auf den Eigenwillen, auf jedes Gefallen an
den Geschöpfen und an natürlicher Liebe, mit einem Wort, auf sich selbst; all
dies soll sie begraben in einer ewigen Hingabe an Gott und nur das wollen, was
Gott anordnen und wie er es anordnen wird.
Die Antwort der Heiligen ist ihrer würdig. Sie hat die feste Absicht, in
dieser Selbstentäußerung zu bleiben. Es scheint ihr, sie dürfe nichts mehr
denken und wünschen als das, was Gott sie denken und wollen läßt. Franz
von Sales schreibt sofort zurück. Er ist hocherfreut, sie ganz von sich entäu-
ßert vor Gott zu wissen; ihr Herz soll so einfach und restlos mit Gott vereint
sein, daß nichts anderes an ihr hafte. – Mutter von Chantal antwortet.
Sie scheint erst aus dem zweiten Brief die ganze Tragweite der Forderungen
ihres Seelenführers zu erkennen. Sie wagt nicht mehr, wie bisher (und Franz
von Sales auch weiterhin) von „unserer“ Seele zu sprechen. „Mein Gott ...
wie tief ist das Messer eingedrungen!“ Aber ein paar Zeilen weiter: „Ich
bin voll Zuversicht und Mut, Frieden und Ruhe ...“ Früher hatte ihr der
Bischof angekündigt, er werde sie aller Dinge entäußern; jetzt geht es um
mehr: „Wie leicht ist es doch, alles zu verlassen, was um uns ist. Aber seine
Haut, sein Fleisch zu verlassen und in das innerste Mark einzudringen, das
ist etwas Unmögliches, wenn Gottes Gnade nicht hilft ...“ Und großmütig
fügt sie hinzu: „Ohne Ihre Erlaubnis möchte ich mir nicht mehr den Trost
verschaffen, den mir die Unterredung mit Ihnen gewährt.“
Franz von Sales erwidert, sie soll nun auch auf alle Tugenden verzichten,
sie nur in dem Maß haben und erwerben wollen, als Gott sie ihr verleihen
will. Gott liebt sie; nur auf ihn allein soll sie ihre Blicke richten; sie soll
nicht mehr an ihre von Gott geschaffene Freundschaft und Einheit denken
... sie hat ja alles Gott überlassen.
Wir haben nicht mehr die Antwort der Mutter von Chantal auf diesen

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Generalangriff des Heiligen, wohl aber noch einen weiteren kurzen Brief des
Bischofs vom 21. Mai 1616: Gott wird sie in seine Arme nehmen wie den hl.
Martial, um sie nach seinem Willen zur höchsten Vollkommenheit zu tragen.
Wenn Gott ihr Tröstungen und das Gefühl seiner Gegenwart entzieht, so
deshalb, daß nicht mehr seine Gegenwart ihr Herz festhalte, sondern nur Er
und sein Wohlgefallen.
So hat der Heilige in diesen denkwürdigen Tagen Mutter von Chantal zu den
lichten Höhen der völligen Selbstentäußerung, zum heiligen Gleichmut ge-
führt, die er wohl um dieselbe Zeit in seinem Werk von der Gottesliebe
beschrieben hat. An anderer Stelle werden wir versuchen, den tieferen Sinn
dieser Briefe vom Mai 1616 zu ermitteln. Jedenfalls bedeuten sie einen Gip-
fel in der Korrespondenz der Heiligen und einen Wendepunkt in ihren Be-
ziehungen, wenn auch in einem anderen Sinn, als zuweilen angenommen wird.
– Außer diesen besitzen wir nur wenige sichere Briefe aus dem Jahr 1616.

2. Von 1617 bis zur Gründung des Klosters zu Grenoble (April 1618) .
Franz von Sales ist zeitweise von Annecy abwesend; dadurch besitzen wir aus
dieser Zeit einige Briefe an Mutter von Chantal, darunter zwei während der
Todeskrankheit der von beiden so geliebten Aimée. Von Grenoble schreibt er
während der Adventpredigten über die letzten Vorbereitungen der dortigen
Klostergründung.

3. Von Grenoble nach Paris (April 1618-1619). Mutter von Chantal kehrt
nach der Gründung in Grenoble Ende Mai nach Annecy zurück. Die Briefe
des Bischofs von April bis Dezember 1618 betreffen zum Großteil Angele-
genheiten der Heimsuchung; daneben auch die Sorge um den Sohn der Hei-
ligen und Segenswünsche.
Ende Dezember 1618 ist Franz von Sales in Paris, Johanna Franziska in
Bourges, wo sie wieder ein Kloster der Heimsuchung gründet. Wieder kreisen
die Briefe des Bischofs besonders um Probleme des Ordens; er behandelt
aber auch persönliche Fragen der Mutter von Chantal, die ihren Sohn betref-
fen, und seelische Leiden, die sie bedrücken. – Anfang 1619 bespricht er
die schwierigen Verhandlungen um eine Gründung in Paris und gibt der Hei-
ligen Weisungen für ihre Reise dorthin.

4. Von der Gründung in Paris bis zum Tod des Heiligen. Franz von Sales
bleibt noch einige Monate in Paris und unterstützt Johanna Franziska bei
der schwierigen Gründung. Die Briefe dieses halben Jahres behandeln Fra-
gen der Heimsuchung. – Die Äbtissin von Port-Royal taucht zum erstenmal
in seiner Korrespondenz mit Mutter von Chantal auf.
Auf seiner Reise im Gefolge des Hofes besucht Franz von Sales einige
Klöster der Heimsuchung. Am Hof sind Bestrebungen, ihn als Koadjutor des
Kardinals von Retz nach Paris zu holen, er gibt aber seiner Abneigung gegen den
Hof und dessen Intrigen offen Ausdruck. – Im Advent predigt er in Annecy
über die Gebote Gottes.
Die Ernennung seines Bruders zu seinem Koadjutor beschäftigt ihn stark,
ebenso die Bestrebungen, ihn nach Paris zu ziehen, einige schmerzliche Ereignisse
in seinem Orden, der Wunsch der Frau von Port-Royal, in die Heimsuchung
einzutreten, der Abfall des Neffen seines Vorgängers ... Obwohl er leidend

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ist, muß er den Fürstkardinal auf einer großen Reise begleiten; es soll seine
letzte Reise sein. All dies spiegelt sich in seinen Briefen.
Briefe an Mutter von Chantal aus den letzten Monaten seines Lebens sind
nicht erhalten. Der letzte vom 22. Oktober 1622 ist eine Aufmunterung,
zwei neue Klöster zu besuchen.
In den letzten Perioden des Briefwechsels zwischen Franz von Sales und
Johanna Franziska finden sich wohl immer wieder Ermunterungen zur Hingabe
an den Heiland, zum Leben aus dem Geist des Evangeliums, aber keine ausführ-
lichen Erörterungen zur geistlichen Führung der Mutter von Chantal. Er hat
seine Aufgabe als „Amme“ erfüllt, wie es in den großartigen Briefen von
1616 heißt. Ihre völlige Selbstentäußerung enthebt ihn der Notwendig-
keit, ihr noch Richtlinien zu geben. Sie hat mit ihm den Gipfel heiligen Gleich-
muts erklommen.

C. Bruchstücke, gesammelt von Mutter Chantal

In den Oeuvres finden sich zwei Sammlungen von Stellen aus Briefen
des hl. Franz von Sales, die Johanna Franziska von Chantal abgeschrieben
und aufbewahrt hatte.
Die erste Sammlung ist im Band XIV der Oeuvres enthalten und bietet Briefe
an die Baronin zwischen 1605 und 1608. Das Original dieser Abschriften
ist verloren, aber einige Kopien sind erhalten. Zuerst wurden sie 1875 unter den
Schriften der hl. Johanna Franziska veröffentlicht. Die Herausgeber der Oeuvres
haben sie nach einem Manuskript der Heimsuchung von Annecy übernommen.
Sie machen darauf aufmerksam, daß die Heilige nicht immer ganz genau
abgeschrieben habe, daß möglicherweise auch durch Kopisten sich einige
Fehler eingeschlichen haben. Man kann diese Bruchstücke daher nicht so
werten wie Briefe, die im Original vorliegen; immerhin enthalten sie kostba-
re Gedanken des Heiligen.
Die zweite Sammlung, aus der Zeit von 1605 bis 1622, findet sich im Band
XXI der Oeuvres nach einer 1921 entdeckten Handschrift. Diese wurde 1626
von Johanna Franziska nach Pont-à-Mouson gebracht und ist eine von ihr
veranlaßte Kopie ihrer Aufzeichnungen, die in Annecy blieben. Diese Kopie
befindet sich jetzt in der Heimsuchung von Nancy. – Dieser zweiten Samm-
lung sind in den Oeuvres noch einige Aussagen des hl. Franz von Sales hinzu-
gefügt; am Ende dieses Bandes wird angegeben, woher sie stammen. – Für
diese zweite Sammlung gilt das gleiche, was von der ersten gesagt wurde: Sie ist
keine Originalschrift des Heiligen; gewiß äußerst wertvoll (dafür bürgt die hl.
Johanna Franziska von Chantal), aber doch nur eine Kopie.
In beiden Sammlungen hat Johanna Franziska keinen Wert auf chronologische
Reihenfolge gelegt. Die Herausgeber der Oeuvres haben sich bemüht, aus
dem Inhalt dieser Bruchstücke auf das Datum ihres Ursprungs zu schließen;
in der Übersetzung geben wir diese Datierung an, aber ohne Gewähr.
Es ist fast unmöglich, diese Bruchstücke unter größeren Gesichtspunkten
zusammenzufassen. Es sind durchwegs typisch salesianische Gedanken, die offen-
bar Johanna Franziska besonders beeindruckten und daher in ihrer seeli-
schen Entwicklung eine bedeutende Rolle spielten. Manche mag Franz von Sales

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niedergeschrieben, andere in seinen Aussprachen zu Annecy, Grenoble oder Pa-
ris mündlich gegeben haben; insofern sind sie eine willkommene Ergänzung
der Briefe und Schriften des Heiligen.

D. Zusammenfassung

Überblicken wir die Briefe des Heiligen von 1604 bis 1622 und die von
Johanna Franziska notierten Worte des Heiligen, so kommen wir zu folgenden
Ergebnissen.
1. Franz von Sales führt Johanna Franziska mit großer Liebe, aber auch
mit klarer Sicht ihrer Seele und mit starker Hand. Ihre Seele liegt ausge-
breitet vor seinen Augen. Schon die ersten Zusammenkünfte haben ihm diese
erlesene Seele geoffenbart: mit ihrem hohen Idealismus, mit ihrem kraftvollen
Streben, das aufs Ganze ging, mit ihrem Opfermut, allerdings auch mit ihren
Ängsten und Unklarheiten, die noch gesteigert wurden durch die unmöglichen
Anweisungen des Priesters, der sich ihr als Seelenführer aufgedrängt hatte.
Er stellt zuerst das Positive heraus; es muß gestärkt und geklärt werden;
das Streben nach Vollkommenheit und die gelobte heilige Witwenschaft. Dieses
Streben nach immer größerer Liebe zu Christus und nach letzter Hingabe
stellt Franz von Sales immer wieder in den Vordergrund seiner Ermunterungen.
Er übersieht dabei auch nicht das Störende. Da ist zunächst eine bei dieser
tatkräftigen Frau erstaunliche Skrupelhaftigkeit, wohl herrührend von ihrer
Angst, den Willen Gottes nicht zu erkennen und zu erfüllen. Diese Skrupeln
betrafen zunächst ihre Bindung an den ersten Seelenführer, später die Frage,
ob die Gründung der „Heimsuchung“ wirklich gottgewollt war. – Franz von
Sales gibt sich viel Mühe, diese Ängste zu zerstreuen, nicht durch einen
herrischen Befehl, sondern durch eingehende Beweisführung.
Derselben Quelle ihres Strebens nach Vollkommenheit entspringt eine gewisse
Enge. Ihr früherer Beichtvater hatte sie mit vielen Einzelvorschriften gefesselt,
die sie peinlich genau auszuführen suchte. Dem gegenüber proklamiert Franz
von Sales das Gesetz der Freiheit der Kinder Gottes. Ausführlich handelt
er davon in einem seiner ersten Briefe, er kommt aber darauf immer wieder
zurück.
Viel zu schaffen macht ihm ihr Ungestüm. Immer wieder muß er ihr sagen,
daß dieses „empressement“, dieses Hasten und Jagen vom Übel ist. Sie will
fliegen, noch ehe sie Flügel hat; sie will vorwärtsstürmen, ohne die Schran-
ken zu sehen. – Sie muß lernen, mit sich Geduld zu haben; sie soll die
Schranken bejahen; sie muß warten können, bis ihr die Flügel gewachsen
sind.
Dabei leidet sie unter Versuchungen, besonders gegen den Glauben. Franz
von Sales beteuert ihr, daß Versuchung keine Sünde ist, solange ihr Wille
intakt ist, Gott nicht beleidigen zu wollen. Alles ist in Ordnung, auch wenn
die Versuchung den niederen Seelenteil förmlich betäubt hätte. Auch wenn
sie nichts mehr sieht, wenn alles Finsternis ist: solange auf der obersten
Spitze der Seele das Licht leuchtet, kann Satan ihr nichts anhaben.
Dunkelheit und innere Trockenheit scheint auf weite Strecken ihres Le-
bensweges ihr Los gewesen zu sein. Der Heilige versichert ihr oft, daß das
einzig Notwendige die Richtung ihres Willens auf Gott ist.

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Dann ist noch der merkwürdige Zustand der Ohnmacht ihrer Fähigkeiten
ihr großes Kreuz. Der erfahrene Seelenführer fragt sich, ob die Ursache in der
Eigenliebe, im Mangel an Ergebung liegt, oder ob er eine Prüfung Gottes ist.
Sie soll darüber nicht grübeln und mutig das Kreuz tragen; nicht ein selbst-
gewähltes, sondern das Kreuz, das Gott ihr auferlegt.

2 . Ü b e r d a s G e b e t s l e b e n d e r h l . J o h a n n a Fr a n z i s k a v o n C h a n t a l i s t
viel geschrieben worden. Bekannt sind die geistreichen Paradoxe Brémonds, der
Franz von Sales zum Schüler der hl. Johanna Franziska stempelt und von „köst-
lichen Mißverständnissen“ des Heiligen spricht, der die mystischen Zustände
der Frau von Chantal mit asketischen Mitteln behandelt hätte; bekannt
auch seine Ansicht, daß Franz von Sales erst durch seine Beziehungen zum
Karmel Einblick in das mystische Gebet erhalten hätte, das er dann der Heiligen
erlaubt, dem er sich auch selbst hingegeben habe.
Ausgangspunkt für diese Behauptungen sind Besprechungen der Baronin
von Chantal mit den Karmelitinnen von Dijon, die angeblich ihre
Betrachtungsmethode und damit auch die des Bischofs geändert hätten. –
Franz von Sales antwortet im April 1606, am 8. Juni 1606 und am 11. März
1610 auf Briefe der Baronin, die von Ratschlägen der Priorin und des
Superiors des Karmels berichten. In den beiden ersten Briefen erwähnt die
Baronin deren Ansicht, bei der Betrachtung solle der Wille mehr als Ver-
stand und Einbildungskraft tätig sein.
Franz von Sales gibt in seiner Antwort ebenfalls dem Willen den Vorzug,
möchte aber die beiden anderen Fähigkeiten nicht ganz ausgeschaltet sehen,
besonders wenn es sich um die Menschheit Christi handelt (worin er mit der hl.
Theresia und deren Jüngerin, Anna von Jesus, ganz im Einklang ist, wie
Sérouet beweist). Nach dem Brief von 1610 meint die Priorin, man solle die
Vorbereitung auf die Betrachtung fallen lassen. Franz von Sales antwortet, meist
brauche man diese, die Baronin soll sich aber diskret bei der Priorin erkundigen,
worauf sie ihre Ansicht stütze. Es handelt sich hier also nicht um die Frage, ob
Betrachtung oder Beschauung, ob Aszetik oder Mystik, sondern um Detailfra-
gen: um die Rolle der einzelnen Fähigkeiten beim innerlichen Gebet und um
die Vorbereitung auf die Betrachtung. Der Wunsch des Heiligen, Johanna
Franziska solle sich erkundigen, weshalb die Priorin auf die Vorbereitung
kein Gewicht lege, hat nur dies eine zum Gegenstand, keineswegs ein Aus-
fragen der Karmelitin über ihr geistliches Gebet überhaupt, wie auch behaup-
tet wurde. Franz von Sales konnte das einfacher aus den Schriften der hl.
Theresia erfahren, die er damals schon gut kannte.
Anzumerken ist, daß sowohl Franz von Sales wie die Baronin damals
bereits seit Jahren das innerliche Beten vereinfacht hatten und zum minde-
sten zeitweise zur aktiven Beschauung gelangt waren, zeitweise auch der
passiven Beschauung gewürdigt wurden (Nachweis bei Sérouet, De la vie
dévote à la vie mystique. Paris 1958; besonders auf den Seiten 147-160, 183-
198, 243-261).

3. Die Freundschaft der beiden Heiligen. Franz von Sales spricht sich
darüber mehrmals ausführlich aus. Es ist eine echte Freundschaft, echte
Liebe, die beide verbindet. Das Band, das sie eint, ist das gemeinsame Stre-
ben nach Heiligkeit, die gemeinsame Liebe zu Christus, zu Gott.

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Wir erinnern uns der Theorie der Freundschaft in der „Anleitung zum
frommen Leben“ (3. Teil, 19. Kap.). Was Franz von Sales von der Freund-
schaft zwischen den Heiligen Basilius und Gregor von Nazianz mit den
Worten Gregors erzählt, daß es schien, als hätten beide nur eine Seele in
zwei Körpern, das wendet er immer wieder auf seine Freundschaft mit Jo-
hanna Franziska an. Ungezählte Male spricht er in seinen Briefen von dieser
Einheit, die Gott geschaffen hat, wo es kein Mein und Dein gibt, durch die
beide gemeinsam nach immer größerer Liebe zu Christus, nach immer grö-
ßerer Vollkommenheit strebten.
Es ist auch nicht der geringste Schein einer sinnlichen Liebe in dieser
wahrhaft engelhaften gegenseitigen Zuneigung zu sehen. Einige Male in der
ersten Zeit spricht sich Franz von Sales darüber aus (vgl. Seite 93, 108, 113,
144); später ist es eine Selbstverständlichkeit, die keiner Erklärung bedarf.
Das Jahr 1616 hat daran nichts geändert. Nach wie vor verwendet Franz
von Sales dieselben Ausdrücke, sind seine Briefe im gleichen herzlichen Ton
gehalten, wie es die Briefe vor 1616 sind. Von einer Kündigung seiner Freund-
schaft kann daher nicht die Rede sein. Wohl aber hatten die Briefe des Heiligen
aus dem Jahr 1616 den Zweck, Frau von Chantal von allem innerlich freizu-
machen, was nicht Gott und seine Liebe ist. Er weiß sie seelisch auf solcher
Höhe, daß sie seiner nicht mehr bedarf. Außerdem mögen sein Gesundheitszu-
stand und vielleicht Todesahnungen ihn bewogen haben, sie darauf vorzube-
reiten, daß sie bald allein ihren Weg gehen mußte. Wir wissen, wie hochher-
zig sie diese Mahnung entgegengenommen hat und wie tapfer sie in den
Jahren bis zum Tod und nach dem Hinscheiden des Heiligen diesen Weg
heiligen Gleichmuts gegangen ist.

42
I. BRIEFE AN DIE
BARONIN V ON CHANT
VON CHANTAAL

26. April 1604.


Gott, so scheint es mir, hat mich Ihnen gegeben; dies wird mir mit jeder
Stunde mehr zur Gewißheit. Das ist alles, was ich Ihnen zu sagen vermag.
Empfehlen Sie mich Ihrem Schutzengel.1

Annecy, 3. Mai 1604.


Gnädige Frau!
Dieses Schreiben soll Sie noch mehr versichern, daß ich mein Versprechen,
Ihnen, sooft ich nur kann, zu schreiben, auch sorgfältig erfüllen will.
Je weiter ich äußerlich von Ihnen entfernt bin, desto mehr fühle ich mich
innerlich mit Ihnen verbunden.
Ich werde nie aufhören, Gott zu bitten, daß er in Ihrer Seele sein heili-
ges Werk vollbringe (vgl. Phil 1,6) und Ihr tiefes Verlangen erfülle, zur
Vollkommenheit christlichen Lebens zu gelangen. Lieben Sie es und nähren Sie
es inniglich im Herzen. Ist es doch ein Werk des Heiligen Geistes und ein
Funke seines göttlichen Feuers.
In Rom sah ich einen Baum, den St. Dominikus gepflanzt hatte; jeder
Besucher schaut ihn gerne an aus Liebe zu dem, der ihn gepflanzt. So habe
auch ich in Ihrer Seele den Baum des Verlangens nach Heiligkeit wahrge-
nommen, den der Herr selbst gepflanzt hat. Ich liebe diesen Baum
sehr und betrachte ihn mit Freude – jetzt noch mehr als bei unserem
Zusammensein.
Machen Sie es bitte so wie ich und sagen Sie: „Gott schenke dir
Wachstum, edles Reis! Er lasse reife Früchte aus dir sprossen, du gött-

43
liches Samenkorn (vgl. Ps 1,3)! Und wenn du einmal solche trägst,
bewahre er dich vor dem Sturm, der sie zu Boden schüttelt, wo häßli-
che Tiere sie verzehren.“
Gnädige Frau, Ihr Verlangen nach Vollkommenheit gleiche den Oran-
genbäumen an der Küste von Genua. Sie tragen fast das ganze Jahr
hindurch Früchte, Blüten und Blätter zugleich. So soll auch Ihr Streben
Früchte bringen in den vielen Gelegenheiten des Alltags; es muß aber auch
stets neue und höhere Ziele ins Auge fassen: dies sind die Blüten des
Baumes; den Blättern vergleichbar ist das häufige Bewußtsein der eigenen
Schwäche, das unseren guten Werken und Wünschen immer Bestand
gibt.
Das Verlangen nach Vollkommenheit ist die erste Säule Ihres Heiligtums.
Die zweite ist Ihre Liebe zum Witwenstand, eine heilige und begehrens-
werte Liebe. Die Gründe hiefür sind zahlreich wie die Sterne am Him-
mel. Witwenschaft, die nicht geliebt wird, ist gering zu werten und un-
echt. Der hl. Paulus (1 Tim 5,3) befiehlt, „die Witwen zu ehren, die es
wirklich sind“. Die aber keine Liebe zu ihrer Witwenschaft haben, sind
Witwen nur dem Scheine nach. Ihr Herz ist verheiratet. Von solchen
aber gilt nicht das Wort: „Mit reichem Segen will ich der Witwe geden-
ken“ (Ps 132,15); oder jenes im Psalm 68,6 und Psalm 146,9, wo es heißt,
daß Gott der Richter, Beschützer und Anwalt der Witwen ist. Dank sei
Gott, daß er Ihnen diese kostbare und heilige Liebe geschenkt hat. Lassen
Sie diese immer mehr wachsen! Dann wird auch Ihre Freude daran
immer größer werden, denn all Ihr Glück ruht ganz auf diesen beiden
Säulen.
Überprüfen Sie wenigstens einmal im Monat, ob die eine oder andere
erschüttert wurde. Sie können sich dabei einer frommen Betrachtung und
Erwägung bedienen, ähnlich der, die ich mit einigem Erfolg auch schon
anderen, meiner Führung anvertrauten Personen mitgeteilt habe. Ich lege
Ihnen eine Abschrift bei, doch brauchen Sie sich nicht genau daran hal-
ten. Dazu schicke ich sie Ihnen nicht, sondern nur, damit Sie sehen, worauf
sich diese monatliche Erforschung und Prüfung richten soll. Es soll Ihnen eine
Hilfe bieten. Wollten Sie aber diese Betrachtung doch lieber wiederho-
len, so wird sie Ihnen nicht ohne Nutzen sein.
Aber ich sage wieder: nur wenn Sie es gern wollen; denn in allem
und über alles wünsche ich, daß Sie für den Gebrauch der Mittel
zu Ihrer Heiligung eine heilige Freiheit des Geistes walten lassen. Wich-
tig ist nur, daß die beiden Säulen fest und gesichert bleiben. Das „Wie“ ist
dabei unwesentlich.

44
Hüten Sie sich vor Skrupeln! Verlassen Sie sich ganz auf das, was ich
Ihnen schon mündlich sagte; denn ich habe es Ihnen im Herrn gesagt.
Halten Sie sich ganz fest in Gottes Gegenwart. Tun Sie es mit allen
Mitteln, die Sie kennen. Hüten Sie sich vor Hast und Unruhe, denn nichts
hindert den inneren Fortschritt mehr als dies. Versenken Sie ohne
Gewalt und ganz ruhig Ihr Herz in die Wunden des Herrn. Haben Sie
unbegrenztes Vertrauen, daß seine Barmherzigkeit und Güte Sie nie
verlassen wird. Hören Sie darob nicht auf, sein heiliges Kreuz zu um-
fassen.
Nach der Liebe zu unserem Herrn empfehle ich Ihnen sehr die Liebe zu
seiner Braut, der Kirche. Sie ist die edle und sanfte Taube, die als einzige
ihrem göttlichen Bräutigam Kinder zu schenken vermag. Danken Sie Gott
oft und oft für die Gnade, eine „Tochter der Kirche“ sein zu dürfen. So tat es
Mutter Theresia, die dieses Wort auf dem Sterbebett immer wieder mit großer
Freude aussprach. Richten Sie Ihre Blicke auf den Bräutigam und die Braut;
sagen Sie zum Herrn: „Wie schön ist doch Deine Braut!“ und zu ihr: „O
Braut, welches Glück, einem göttlichen Herrn vermählt zu sein!“
Nehmen Sie warmen Anteil an den Aufgaben derer, die in der Seelsorge
arbeiten und das Wort Gottes verkünden. Schauen Sie, wie sie überall wir-
ken und wie es heute kein Land und keinen Erdteil gibt, wo sie sich nicht
um die Seelen mühten. Beten Sie für sie, daß ihre Arbeit den Menschen
und ihnen selbst zum Segen sei. Hier darf ich Sie sehr bitten, auch mich
nicht zu vergessen, zumal mir Gott solch festen Willen eingab, auch Ihrer
nie zu vergessen.
Ich sende Ihnen eine Schrift über die Vollkommenheit christlichen
Lebens. Sie ist nicht für Sie geschrieben, sondern für verschiedene andere
Personen. Aber Sie werden sehen, wieweit sie auch Ihnen dienen kann.
Schreiben Sie mir bitte, so oft Sie können, und tun Sie es ganz vertrau-
ensvoll. Mir liegt doch Ihr Wohl und Ihr Fortschritt so sehr am Her-
zen, daß ich mir Sorgen machen würde, wäre ich längere Zeit ohne Nach-
richt, wie es Ihnen geht. Empfehlen Sie mich im Gebet dem Herrn! Ich
bedarf dessen mehr als irgend jemand. Ich will Gott sehr darum bitten, er
möge Ihnen und den Ihren in reichem Maße seine Liebe schenken.
Ich bin auf immer (und ich bitte mich auch als solchen zu betrachten),
Ihr in Jesus Christus ganz ergebener Diener
Franz, Bischof von Genf.
Annecy, am Tag des heiligen Kreuzes 1604.

45
Annecy, den 14. Juni 1604.
Gnädige Frau!
Ihr Brief vom 30. Mai bereitete mir große Freude, und zwar alles,
was Sie mir schreiben: erstens, daß Sie meiner in Ihren Gebeten gedenken;
das bezeugt Ihre Liebe. Zweitens, daß Sie sich meiner Fastenpredigten
noch gut erinnern. Wenn auch mein Anteil daran nur Unvollkommenheit
war, so war es doch immerhin Gottes Wort, dessen Erinnerung Ihnen
nur sehr nützlich sein kann. Freude machte es mir auch zu sehen, mit
welchem Eifer Sie nach Vollkommenheit verlangen, was ja bereits eine
gute Grundlage ist, um dieses Ziel zu erreichen.
Dies alles war für mich eine große Freude, besonders auch die Erwäh-
nung, der hochwürdige Herr Pater, den Gott Ihnen als Führer gege-
ben, hätte es für sehr gut befunden, daß Sie mir in Dijon Ihre Seele
eröffneten; ja daß er es sogar für gut hielte, wenn Sie mir ab und zu schrie-
ben.
Sie werden sich noch erinnern, gnädige Frau, daß ich Ihnen dies schon
sagte, als Sie von Ihrer Befürchtung sprachen, Sie könnten ihn verletzt
haben. Sie waren besorgt, weil Sie von mir mündlich einige Ratschläge
über die inneren Schwierigkeiten empfingen, die Sie im heiligen Gebet
verwirrten. Ich sagte Ihnen damals schon, daß Sie damit keinen Fehler
begangen haben, zumal Sie dieses Übel sehr bedrängte und Ihr Seelen-
führer gerade abwesend war. Ich wies darauf hin, daß dies doch keines-
wegs einen Wechsel des Seelenführers bedeutete, was für Sie nur sehr
nachteilig gewesen wäre. Sie hatten sich ja nur erleichtern wollen, weil Ihr
Seelenführer nicht erreichbar war. Meine Ratschläge bezogen sich auch
nur auf dieses augenblickliche Übel, das eine sofortige Hilfe erforderlich
machte, und wollten daher in keiner Weise der Gesamtleitung durch Ihren ei-
gentlichen Seelenführer vorgreifen.
Was nun Ihre andere Angst betrifft, mich um meine Ansicht über Ihre
ganze Lebensführung befragt zu haben, so muß ich Ihnen gleichfalls sa-
gen: auch darin haben Sie nicht gegen die Gesetze der Unterwerfung ver-
stoßen, wie sie religiöse Menschen ihrem geistlichen Vater schulden. Meine
Ratschläge wollten nicht mehr Geltung beanspruchen als irgendeine reli-
giöse Schrift, deren Befolgung doch immer dem Urteil Ihres gewöhnlichen
Seelenführers überlassen bleiben müßte. Dieser hat Sie immer vor Augen,
besitzt auch eine größere Klarheit des Urteils und eine tiefere Kenntnis
Ihrer Eigenschaften. Das alles gibt ihm die Möglichkeit, Sie besser zu
führen, als ich es mit dem könnte, was ich bin.
Außerdem sollten die Ratschläge, die ich Ihnen erteilen wollte, ganz im

46
Einklang mit denen Ihres Seelenführers sein. Erinnern Sie sich doch dessen, was
ich Ihnen sagte, als Sie mir seinen Namen nannten; nämlich, daß er mich
kenne und mich sogar einmal durch die Versicherung seiner Freundschaft
geehrt habe. Erinnern Sie sich auch, wie ich Ihnen sagte, er würde ganz
sicher nichts Unrechtes daran finden, daß Sie mit mir in Verbindung
getreten seien. So sehr zählte ich ihn zu meinen Freunden.
Sie sehen also, gnädige Frau, daß ich dies wohl erwog, ja kaum Zeit und
Überlegung brauchte, um zu diesem Schluß zu kommen. Ich freue mich,
wenn Sie nun erkannt haben, daß Menschen, die einig sind in der Absicht,
Gott zu dienen, auch in Neigung und Urteil kaum weit voneinander ab-
weichen.
Ich billige durchaus Ihre tiefe Ehrfurcht vor dem Seelenführer, ja ich
lege Ihnen dies auch weiter sehr ans Herz. Aber lassen Sie mich doch noch
ein Wort über dieses Thema sagen: Jener ehrfurchtsvolle Gehorsam soll
Sie zweifellos in der frommen Lebensführung, die Sie verheißungsvoll
begannen, fördern. Er darf jedoch die rechte Freiheit, die der Geist des
Herrn den Seinen verleiht (2 Kor 3,17), weder hemmen noch ersticken.
Gewiß verstößt es keineswegs gegen die dem Seelenführer geschuldete
Ehrfurcht, wenn man Ratschläge und Weisungen anderer annimmt und sich in
Abwesenheit des Seelenführers an sie wendet, vorausgesetzt, daß der
Seelenführer und seine Autorität immer den Vorrang hat. Gott sei geprie-
sen!
Diese Zeilen sollten Sie wieder an alles erinnern, was ich Ihnen schon
mündlich gesagt habe. Ich fügte nur einige Gedanken hinzu, die mir beim
Schreiben kamen, um meine Meinung über Ihre Skrupel klar auszu-
drücken. Wenn Sie in der nächsten Aussprache Ihrem Seelenführer diese
meine Auffassung vorlegen werden, wird er hierin genau so mit mir
einig gehen, wie in den übrigen Fragen. Dies wage ich wohl zu be-
haupten. Aber ich überlasse es auch hier Ihrem Urteil, ob Sie darüber mit
ihm sprechen wollen oder nicht. Ich würde Sie aber sehr bitten, ihm meine
Grüße zu vermitteln und ihn meiner Ergebenheit zu versichern. Lange bevor ich
ihn persönlich kennen gelernt hatte, schätzte ich ihn schon sehr hoch. Als
ich nun mit ihm bekannt wurde, wuchs meine Zuneigung für ihn noch mehr.
Als ich aber seine Erfolge in Dijon sah (denn Sie sind nicht die Einzige!),
war ich ihm so sehr von Herzen zugetan, als er es sich von mir nur wün-
schen konnte. So bin ich ihm und ihm in Ihnen und beiden in Jesus Chris-
tus tief verbunden.
Der Herr Erzbischof2 schrieb mir einen so außergewöhnlich wohlwol-
lenden Brief, daß es mich in meiner Armseligkeit bedrückt. Man muß es

47
seiner Höflichkeit und echt menschlichen Güte nachsehen; doch Ihnen ge-
genüber muß ich es beklagen, bringt es mich doch in Gefahr, eitel zu
werden ...
Da Ihnen übrigens Ihr Seelenführer erlaubt, mir hin und wieder zu
schreiben, tun Sie es bitte ganz ruhig, auch wenn es Ihnen schwierig
ist. Es ist ja ein Werk der Nächstenliebe: Mein Amt und meine Arbeit
sind so schwer, daß ich ein gewisses Mittragen durch andere brauche. So
wird es mir immer Erleichterung bringen, im Trubel so vieler ärgerlicher
und unangenehmer Geschäfte Nachricht von Menschen wie Ihnen zu er-
halten. Das ist für meine Seele wie frischer Tau.
Die Länge dieses Briefes zeigt Ihnen, wie gerne meine Seele mit der
Ihren spricht. Gott gebe uns die Gnade, in seiner Liebe zu leben und –
wenn es ihm gefällt – für seine Liebe zu sterben. Dies ist mein Gebet ...
Gott sei Ihr Herz und Ihre Seele, gnädige Frau, und ich bin Ihr ganz
ergebener und wohlgeneigter Diener ...

Annecy, 24. Juni 1604.


Gnädige Frau!
Der andere Brief sollte den guten Pater zufriedenstellen, dem Sie
diesen Brief ja zeigen wollten. Ich stopfte ihn voll mit vielerlei Dingen,
um jeden Verdacht zu zerstreuen, er könnte in bestimmter Absicht
geschrieben sein. Er ist aber trotzdem ganz wahrhaftig und aufrichtig
geschrieben, wie es ja meine Pflicht ist; nicht aber mit soviel Freiheit wie
dieser Brief, in dem ich von Herz zu Herz mit Ihnen sprechen möchte.
Man wollte Sie mit der Behauptung ängstigen, daß man nur einen geist-
lichen Vater haben dürfe, dessen Autorität in allem den Vorrang vor dem
eigenen Willen und vor den Ratschlägen irgendwelcher Privatpersonen
haben soll. Das ist wohl wahr, hindert aber keineswegs, daß eine Seele sich
einer anderen erschließt und manch guten Rat und Wink auch von ande-
ren annimmt.
Kurz bevor ich Ihren Brief erhielt, nahm ich in den Abendstunden
ein Buch über die gute Mutter Theresia 3 zur Hand, um meine Seele
von des Tages Mühen zu entspannen. Ich las darin, daß sie ein eigenes
Gelübde abgelegt hatte, Pater Gratian aus dem Karmeliterorden zu ge-
horchen und sich das ganze Leben hindurch seinen Weisungen zu fügen,
sofern sie nicht im Widerspruch zu Gott oder zum Gehorsam gegen-
über den rechtmäßigen kirchlichen oder Ordensoberen stünden. Dane-
ben aber hatte sie immer Priester, denen sie besonderes Vertrauen schenk-
te. Sie sprach sich bei ihnen aus, befolgte gewissenhaft ihre Weisungen und

48
machte sich diese in allem zunutze, was nicht dem gelobten Gehorsam
entgegen war. Das tat ihr sehr gut, wie sie selber an mehreren Stellen ihrer
Schriften bezeugte.
Mögen Sie daraus ersehen, daß die Wahl eines bestimmten geistlichen
Vaters keineswegs das Vertrauen zu anderen und eine Aussprache mit
ihnen ausschließt. Voraussetzung ist nur, daß der gelobte Gehorsam den
gebührenden Platz einnimmt und den Vorrang hat.
Geben Sie sich bitte damit zufrieden und quälen Sie sich nicht weiter
mit dem Gedanken, welche Stellung Sie mir geben sollen. Dies ist alles
nur Versuchung und sinnlose Grübelei. Was liegt schon daran, zu wissen, ob
Sie mich für Ihren geistlichen Vater halten dürfen oder nicht, wenn Sie nur
wissen, wie meine Seele zu Ihnen steht – und wenn ich weiß, was Ihre
Seele mir bedeutet?
Ich sehe, daß Sie volles Vertrauen in meine Zuneigung setzen. Daran
zweifle ich nicht im mindesten und es macht mir viel Freude. Sie sollen
auch wissen und fest daran glauben: ich spüre in mir den starken und
entschiedenen Willen, Ihrer Seele mit allen meinen Kräften zu dienen.
Ich bin nicht imstande, Ihnen die Art und Größe meiner Liebe zum Dienst
an Ihrer Seele zu schildern; eines kann ich Ihnen wohl sagen: ich glaube,
sie stammt von Gott. Darum will ich sie innig hegen, zumal ich erkenne,
daß sie täglich tiefer wird. Wenn es anginge, würde ich Ihnen noch mehr
sagen – und dies der Wahrheit gemäß, aber ich muß es dabei bewenden
lassen.
Aber Sie sehen jetzt schon deutlich genug, liebe gnädige Frau, in wel-
chem Ausmaß Sie meine Dienste in Anspruch nehmen dürfen und wie
sehr Sie Vertrauen zu mir haben können. Nützen Sie meine Zuneigung
und gebrauchen Sie alles, was Gott mir zum Dienst an Ihrer Seele
gegeben hat. Ich bin ganz der Ihre. Machen Sie sich keine Gedanken
mehr darüber, in welcher Eigenschaft und in welcher Rangordnung ich
dies nun bin. Gott hat mich Ihnen gegeben. Nehmen Sie mich in ihm als
den Ihren an und nennen Sie mich, wie Sie wollen. Das hat keinerlei
Bedeutung.
Doch muß ich Ihnen noch sagen, um alle Einwände, die sich in Ihrem
Herzen erheben könnten, sogleich im Keime zu ersticken: Ich habe
niemals beabsichtigt, daß eine Bindung zwischen uns bestehen solle, die
irgendwelche Verpflichtungen nach sich zieht, außer solche, die sich aus
der Nächstenliebe und aus wahrer christlicher Freundschaft ergeben, deren
Band der hl. Paulus (Kor 3,14) „das Band der Vollkommenheit“ nennt.
So ist es in Wahrheit; denn dieses Band ist unlöslich und lockert sich nie.

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Alle anderen Bindungen währen nur in der Zeit, ja selbst das Gelübde des
Gehorsams, das Tod und andere Umstände lösen. Das Band der Liebe
hingegen festigt sich mit der Zeit und schöpft stets neue Kraft aus seiner
Dauer. Es ist das einzige Band, das der Tod nicht zerreißt. Sonst mäht seine
Sense alles nieder, nur die Liebe bleibt bestehen. „Die Liebe ist stark
wie der Tod“ und „stärker als die Hölle“, sagt Salomo (Hld 8,6; vgl. 1
Kor 13,8).
Sehen Sie, meine liebe Schwester – erlauben Sie mir, daß ich Sie
mit diesem Namen anrede, durch den schon die Apostel und die ersten
Christen ihre herzliche Liebe zueinander ausdrückten, – das ist unser
Band, das sind unsere Ketten. Je mehr sie uns zusammenschließen und
zusammenhalten, desto mehr Wohlsein und Freiheit werden sie uns schen-
ken. Ihre Kraft ist mild und sanft ihre Gewalt; nichts ist so schmiegsam,
nichts aber auch so fest.
Betrachten Sie mich denn als ganz eng mit Ihnen verbunden und
machen Sie sich weiter keine Sorgen. Es genügt für Sie zu wissen, daß
unsere Bande keiner anderen Bindung entgegenstehen, weder einem Ge-
lübde noch dem Band der Ehe. Bleiben Sie also in dieser Hinsicht ganz
ruhig. Gehorchen Sie Ihrem ersten Führer kindlich und frei, bedienen Sie
sich aber meiner in Liebe und Offenherzigkeit.
Nun will ich noch auf einen anderen Punkt Ihres Briefes eingehen. Sie
fürchten, irgendwie unaufrichtig gewesen zu sein, als Sie bekannten, Sie
hätten sich bei mir ausgesprochen und mich um Rat gebeten. Ich freue mich,
daß Sie List und Doppelzüngigkeit verabscheuen. Es gibt auch kaum etwas,
das dem Wohlbefinden und der Anmut der Seele mehr entgegengesetzt
wäre. Aber in Ihrem Fall ist doch von Doppelzüngigkeit keine Rede!
Selbst wenn Sie wegen Ihrer skrupelhaften Ängstlichkeit, mir Ihr Herz
aufzuschließen und um Rat zu bitten, einen kleinen Fehler begangen hät-
ten, so hatten Sie ihn doch nachher wieder hinreichend gutgemacht, so daß
Sie nicht mehr verpflichtet waren, es irgend jemand zu sagen. Dennoch
lobe ich Ihre Einfachheit und ich freue mich, daß Sie es – wie alles ande-
re – offen bekannten. Halten Sie aber künftig fest an meiner Entschei-
dung: Was im Geheimnis der Beichte gesagt wird, ist derart heilig, daß es
außerhalb der Beichte nicht besprochen werden soll. Wenn also jemand
fragt, ob Sie dies oder jenes, was Sie unter dem heiligen Siegel der Beichte
offenbarten, gesagt haben, dürfen Sie getrost und ohne Gefährdung der
Aufrichtigkeit „Nein“ sagen! Hier gibt es keine Schwierigkeit. Nun
gut! Gott sei gepriesen! Es ist mir lieber, Sie gehen in der Offenheit zu
weit, als daß sie Ihnen mangelte. Ein anderes Mal jedoch bleiben Sie

50
fest und halten Sie das, was mit dem sakramentalen Schleier verhüllt ist,
für nicht gesagt und reden Sie mit anderen nicht darüber. Machen Sie sich
aber jetzt keine Gewissensbisse. Sie haben dadurch, daß Sie es sagten, kei-
ne Sünde begangen, wenn Sie auch besser getan hätten zu schweigen. Die
Ehrfurcht vor dem Sakrament sollte so groß sein, daß von dem, was
darin gesagt wird, außerhalb der Beichte nicht gesprochen wird. Ich
erinnere mich noch gut, wie wir über dieses Thema zum ersten Mal
sprachen.
Sie schreiben, daß ich vielleicht die Freude haben werde, Sie im Septem-
ber wiederzusehen. Das wird ein sehr froher Tag für mich sein, zumal ich
auch Frau Brulart und Fräulein von Vilars treffen werde. Wenn Sie mich
benachrichtigen, werde ich trachten, Ihnen so viel Zeit als möglich zu wid-
men. Ich will Gott sehr bitten, daß ich Ihnen allen in dem Maße dienen
kann, als ich Sie lieb habe.
Ich mußte mehr als zwölfmal zur Feder greifen, um Ihnen diese beiden
Blätter zu schreiben. Es schien mir, als wollte der böse Feind durch Ab-
lenkung und Geschäfte mich daran hindern. Legen Sie die Länge dieses Briefes
nicht falsch aus. Sie war notwendig, um neue Einwände und Skrupeln –
wie sie bei Frauen immer wieder aufsteigen – zu entkräften. Hüten Sie
sich davor, ich bitte Sie darum. Und haben Sie guten Mut!
Wenn Sie Unangenehmes befällt, mag es von innen oder außen kom-
men, nehmen Sie Ihre zwei Entschlüsse, welche die beiden Säulen des
Gebäudes der Vollkommenheit sind, fest in die Hand. Handeln Sie
wie eine Mutter, die ihre Kinder vor einer Gefahr rettet. Bergen Sie Ihre
Entschlüsse in den Wunden des Herrn! Bitten Sie ihn, er möge diese für
Sie behüten und Sie selber mit ihnen! Und warten Sie in diesem heili-
gen Versteck (Hld 2,14), bis der Sturm vorüber ist.
Sie werden Widersprüche und Bitterkeiten erfahren. Wehen und Schmer-
zen der geistigen Geburt sind nicht geringer als die der körperlichen! Sie
haben beides schon mitgemacht. Ich habe mich inmitten meiner kleinen
Schwierigkeiten schon oft mit den Worten des Herrn ermutigt: „Wenn die
Frau gebiert, leidet sie Not, weil ihre Stunde gekommen ist; aber wenn sie
das Kind zur Welt gebracht hat, denkt sie nicht mehr an die Not vor lauter
Freude, daß ihr ein Kind geboren ist“ (Joh 16,21). Ich glaube, diese Worte
werden auch Sie trösten, wenn Sie sie still betrachtend oft wiederholen.
Unsere Seelen sollen, nicht aus sich heraus, sondern in sich hinein ein Kind
gebären, ein edles und schönes Kind, wie man es lieblicher nicht wün-
schen kann; Jesus soll in uns geboren werden. Er soll in uns Gestalt ge-
winnen (vgl. Gal 4,19). Sie, meine liebe Schwester, tragen ihn schon in

51
Ihrem Herzen. Gott sei gepriesen, der sein Vater ist. Nur Mut, man
muß viel leiden, um dieses Kind zur Welt zu bringen. Doch ist es wert,
daß man diese Schmerzen auf sich nimmt. Nur so können Sie es besit-
zen und ihm Mutter sein.
Nun habe ich Ihnen aber schon allzuviel erzählt. Ich will schließen mit
der Bitte an dieses göttliche Kind, es möge Ihnen seine Gnade und
Huld schenken und uns für ihn oder doch wenigstens in ihm sterben lassen.
Erbitten Sie diese Gnade auch für mich, gnädige Frau! Ich bin ja ein
armer Mensch, beladen mit eigener und fremder Last. Sie wäre untragbar,
wenn er selbst, der mich mit allen meinen Sünden einst am Kreuz trug
(vgl. 1 Petr 2,24), mich nicht auch in den Himmel trüge.
Indessen feiere ich nie das heilige Meßopfer, ohne Ihrer und der
Anliegen Ihres Herzens zu gedenken. Ich empfange nie unseren Herrn in
der heiligen Kommunion ohne Sie. Kurz, ich bin so sehr der Ihre, wie
Sie es mehr nicht wünschen könnten.
Hüten Sie sich vor Überhastung, Melancholie und Ängstlichkeit!
Sie wollen doch um nichts in der Welt Gott beleidigen. Das genügt,
um frohen Herzens zu leben.
Meine liebe Mutter und alle meine Geschwister sind Ihnen sehr
ergeben. Sie läßt Ihnen aufrichtig danken für Ihr Wohlwollen. Auch mein
Bruder fühlt sich Ihnen dankbar verbunden, weil Sie sich seiner erinnern.
Er gedenkt Ihrer stets am Altar. Er ist gerade abwesend, da ich diesen
Brief schreibe. Ich wünschte gerne Namen und Alter Ihrer Kinder zu wis-
sen, weil ich sie in Gott als die meinen ansehe.
Ich wage es nicht, die von Ihnen genannten Damen zur Reise zu
drängen. Es wäre nicht schicklich. Doch ich wünsche ihre Reise sehr und
freue mich jetzt schon auf Ihr Kommen.
Ich bleibe, gnädige Frau,
Ihr ganz geringer und ergebener Diener im Herrn ...
Am Fest des hl. Johannes 1604.

Es lebe Jesus!
Sales, den 14. Oktober 1604.
Gnädige Frau!
Gebe Gott, daß ich mich in diesem Brief so verständlich machen kann,
wie ich es gerne möchte. Dann wäre ich überzeugt, daß Sie wenigstens
in einigen der vorgelegten Fragen beruhigt wären, vor allem in jenen
beiden Bedenken, die der böse Feind Ihnen dagegen vormacht, daß Sie
mich zu Ihrem geistlichen Vater gewählt haben. Aber nun will ich Ihnen,

52
so gut ich kann, mit wenigen Worten sagen, was Sie meiner Ansicht nach
darüber wissen müssen.
Fürs erste: Die von Ihnen getroffene Wahl weist alle Zeichen einer
guten und rechtmäßigen Entscheidung auf. Zweifeln Sie doch nicht
mehr daran, ich bitte Sie! Solche Zeichen sind: das starke Drängen Ihres
Herzens, das Sie fast mit Gewalt und doch wieder voll Freude dahin ge-
führt hat; ferner meine eigene, der Einwilligung vorausgegangene gründ-
liche Überlegung; dann die Tatsache, daß weder Sie noch ich uns auf das
eigene Urteil verließen, sondern Ihren guten, klugen und erfahrenen
Beichtvater4 befragten; außerdem, daß wir dem ersten inneren Drängen
Zeit ließen, sich abzukühlen, für den Fall, daß es unbegründet gewesen wäre;
endlich, daß dieser Entscheidung doch auch das Gebet nicht bloß eines
oder zweier Tage, sondern mehrerer Monate vorausgegangen war; das
alles sind ohne Zweifel untrügliche Zeichen, daß hier Gottes Wille ge-
schah.
Die Antriebe des bösen Feindes oder des menschlichen Geistes sind
ganz anderer Natur. Sie sind gewaltig und heftig, aber ohne Beständigkeit.
Vor allem suchen sie die Seele, die sich von ihnen angetrieben fühlt, dahin
zu bringen, auf keinen Rat zu hören; oder wenn schon, dann nur auf die
Ratschläge von Menschen mit wenig oder keiner Erfahrung. Sie drän-
gen zur Eile und wollen, daß man entscheide, bevor man überlegt hat. Sie
geben sich mit einem kurzen Gebet zufrieden, das nur als Vorwand dient,
Dinge von größter Wichtigkeit zu unternehmen.
In unserem Falle trifft dies alles nicht zu. Weder Sie noch ich haben
diese Abmachung getroffen. Ein Dritter tat es, der dabei nur auf Gott
allein schauen konnte. Schon mein anfängliches Zögern, das nur davon
herrührte, daß ich es gründlich überlegen mußte, sollte Sie vollständig
überzeugen. Glauben Sie doch, es fehlte nicht an tiefer Neigung zum Dien-
ste Ihrer Seele, – sie war unsagbar stark – ich wollte aber in einer so
folgenschweren Angelegenheit weder Ihrem Wunsch noch meiner Neigung,
sondern nur Gott und seiner Vorsehung folgen. Lassen Sie es bitte dabei
bewenden und diskutieren Sie darüber nicht mehr mit dem Feind. Sagen
Sie ihm entschieden, daß Gott es so fügte und wollte (vgl. Ps 115, 11;
135,6). Gott lenkte Sie hin zur ersten Führung, die damals für Sie gut war;
Gott führte Sie nun zur zweiten, die er auch für Sie nützlich und frucht-
bringend machen wird, mag auch das Werkzeug unwürdig sein.
Nun fürs zweite: Bedenken Sie auch, meine sehr liebe Schwester, daß
mir Gott vom ersten Augenblick, da Sie mir Einblick in Ihre Seele ge-
währten, eine große Liebe zu ihr gab. Ich sagte es Ihnen soeben. Als

53
Sie sich mir noch mehr erschlossen, war dies für meine Seele wie eine
wunderbare Bindung, die Ihre immer mehr zu lieben. Deshalb schrieb
ich Ihnen, daß Gott mich Ihnen gegeben habe. Ich meinte damals, daß
diese Zuneigung, die ich im Geiste und vor allem im Gebet für Sie
empfand, nicht mehr größer werden könnte. Nun aber, meine liebe Toch-
ter, scheint mir etwas Neues hinzugekommen zu sein, das ich nicht
beschreiben kann, dessen Wirkung aber das Empfinden einer großen in-
neren Freude ist, Ihnen die vollkommene Gottesliebe und all die Seg-
nungen des geistlichen Lebens zu wünschen. Nein, ich übertreibe nicht im
geringsten. Ich sage es vor dem Gott meines und Ihres Herzens (vgl.
Ps 73,26): Jede Liebe hat ihre Besonderheit, wodurch sie sich von
jeder anderen unterscheidet. Jene, die ich zu Ihnen hege, hat dies an sich, daß
sie mich unendlich erfreut und – um alles zu gestehen – von größtem
Nutzen für mich selbst ist. Glauben Sie mir das! Es ist die volle Wahrheit.
Hegen Sie also keine Zweifel mehr. Ich wollte an sich darüber nicht so viel
reden, aber ein Wort ergibt das andere. Ich denke aber, Sie werden
vorsichtig damit umgehen.
Von großer Bedeutung, meine Tochter, scheint mir dies: In Nachahmung
ihres Bräutigams lehrt uns die heilige Kirche Gottes, nicht für uns allein
zu beten, sondern immer für uns und unsere Brüder in Christus: „Gib
uns“, betet sie, „gewähre uns“, und mit ähnlichen Worten, die mehrere
umfassen. Es ist nie sonst vorgekommen, daß ich bei dieser allgemeinen
Form der Gebete meinen Geist auf irgendeine einzelne Person lenkte; seit
ich nun von Dijon abgereist bin, kommen mir bei dem Wort „wir“ immer
mehrere Einzelpersonen in den Sinn, die sich meinem Gebet empfohlen
haben. Sie sind aber gewöhnlich die erste, und wenn nicht die erste, – was
selten geschieht – dann die letzte, doch nur um länger bei Ihnen zu verwei-
len. Kann man da noch mehr sagen? Reden Sie aber um Gottes willen mit
niemand darüber; ich spreche ohnehin schon ein wenig zu viel davon,
wenn auch in voller Wahrheit und Reinheit. Dies möge genügen, um in
Zukunft all diesen Einwänden zu begegnen oder zumindest Ihnen Mut zu
machen, daß Sie deren Urheber verächtlich ins Gesicht spucken. Das
übrige will ich Ihnen ein anderes Mal sagen, in dieser oder in der anderen
Welt.
Als Drittes fragen Sie mich um Rat, wie Sie Versuchungen bekämpfen
sollen, die Ihnen der Teufel gegen den Glauben und die Kirche ein-
gibt. So verstehe ich Sie wenigstens. Ich will Ihnen sagen, was Gott mir
eingeben wird. Man muß hier die gleiche Haltung einnehmen wie bei den
Versuchungen des Fleisches: sich weder wenig noch viel auf Debatten ein-

54
lassen, sondern es so machen wie die Juden mit den Knochen des Oster-
lamms, die sie gar nicht erst zu zerbrechen suchten, sondern einfach ins
Feuer warfen (Ex 12,10.46; Joh 19,36). Man darf keineswegs dem Feind
antworten, oder sich auch nur den Anschein geben, als höre man, was er
sagt. Mag er vor der Tür lärmen, soviel er will; man soll nicht einmal
fragen: „Wer ist da?’’
„Aber“, so werden Sie einwenden, „er wird mir lästig und sein
Lärmen läßt jene, die drinnen sind, nicht einmal das eigene Wort ver-
stehen.“ Das tut nichts! Nur Geduld, man muß dann eben durch Zei-
chen sprechen: sich vor Gott niederwerfen und zu seinen Füßen blei-
ben. Aus dieser demütigen Haltung wird Gott erkennen, daß Sie ihm
gehören wollen und seine Hilfe erbitten, auch wenn Sie nicht sprechen
können. Vor allem aber halten Sie sich in Ihrem Innern fest eingeschlos-
sen. Öffnen Sie auf keinen Fall die Tür, weder um zu sehen, wer da ist,
noch um diesen Störenfried zu verjagen! Am Ende wird er seines Lärmens
müde werden und Sie in Ruhe lassen. „Dazu wäre es bald Zeit!“ werden
Sie sagen.
Verschaffen Sie sich doch das Buch „Über die Drangsal“ von Pater
Ribadeneira. Es ist spanisch geschrieben, aber ins Französische übersetzt.
Pater Rektor wird Ihnen sagen, wo es gedruckt wurde. Lesen Sie es
sorgfältig durch.
Haben Sie Mut! Es wird bald wieder vorübergehen. Wenn nur der Feind
nicht eindringt, dann liegt nichts daran. Es ist übrigens ein sehr gutes
Zeichen, wenn er vor der Tür schlägt und tobt. Das zeigt doch, daß er nicht
hat, was er möchte. Hätte er es erhalten, würde er nicht mehr schreien. Er
würde eintreten und bleiben. Merken Sie sich das, damit Sie nicht Skru-
peln verfallen.
Noch ein anderes Mittel will ich Ihnen nennen: Die Versuchungen ge-
gen den Glauben wenden sich geradewegs an den Verstand, um ihn zu
veranlassen, darüber zu debattieren, nachzusinnen und zu grübeln. Wis-
sen Sie, was Sie tun sollen, während der Feind sich müht, Ihren Ver-
stand zu erstürmen? Unternehmen Sie einen Ausfall durch das Tor des
Willens und greifen Sie ihn tapfer an! Ich will damit sagen: Sobald die
Versuchung gegen den Glauben naht und Ihnen zuflüstern will: „Wie
ist denn das möglich?“ „Wie ist dies und jenes?“ – lassen Sie sich
mit dem Feind nicht ins Gespräch ein, sondern werfen Sie sich mit der
ganzen Kraft Ihres Willens auf ihn. Fügen Sie zum inneren Wort ru-
hig auch das äußere: „Unglückseliger Verräter! Unseliger! Du selber
hast die Gemeinschaft der Engel verlassen; nun willst du, daß ich jene

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der Heiligen verlasse. Treuloser Lügner, du zeigtest der ersten Frau den
Apfel des Verderbens (Gen 3,1-6), nun willst du, daß auch ich anbei-
ße? Weiche, Satan, es steht geschrieben: ‚Du sollst den Herrn, deinen
Gott, nicht versuchen!’ (Mt 4,7). Nein, ich laß mich mit dir nicht ein, ich
will nicht mit dir streiten. Eva ließ sich mit dir ein und ward verführt.
– Es lebe Jesus, an den ich glaube! Es lebe die Kirche, zu der ich mich
bekenne!“ Solche und ähnliche flammende Stoßgebete können Sie spre-
chen. Wenden Sie sich in dieser Weise auch an den Heiland und an den
Heiligen Geist, wie er es Ihnen gerade eingibt. Oder auch an die Kirche:
„Mutter aller Gotteskinder, nie werde ich mich von dir trennen. Ich will
in deinem Schoß leben und sterben!“
Ich weiß nicht, ob ich mich gut verständlich mache. Ich will eben
sagen, daß man sich wehren soll mit Affekten, nicht mit Vernunftgründen,
mit Leidenschaft, nicht mit Überlegungen. Freilich ist der arme Wille in
solchen Zeiten der Versuchung ganz trocken. Umso besser, desto furcht-
barer werden seine Hiebe den Feind treffen. Merkt er einmal, daß er
Ihnen nur Gelegenheit gibt, tausend Tugendakte zu erwecken, anstatt Ih-
ren Fortschritt zu hemmen; merkt er, daß Sie erst recht Ihren Glauben
bekennen, dann wird er Sie am Ende in Ruhe lassen.
Noch ein drittes Mittel will ich Ihnen nennen: Ab und zu werden
Ihnen fünfzig oder sechzig Geißelschläge gut tun oder auch nur dreißig, je
nach Ihrem Befinden. Es ist erstaunlich, wie sich dies bei einer mir be-
kannten Seele bewährt hat. Zweifellos lenkt der äußere Schmerz von der
inneren Bedrängnis und vom Bösen ab und fordert Gottes Barmherzig-
keit heraus. Überdies bekommt der Teufel Angst und flieht, wenn er sei-
nen Verbündeten – das Fleisch – gezüchtigt sieht. Dieses dritte Mittel
gebrauche man jedoch mit Maß und je nach dem Gewinn, den Ihnen die
Erfahrung einiger Tage zeigen wird.
Letzten Endes sind diese Versuchungen nur Leiden wie alle anderen.
Man muß sich mit dem Wort der Heiligen Schrift trösten: „Selig der
Mann, der in der Versuchung standhält! Wenn er sich bewährt, wird er
den Siegeskranz des Lebens empfangen“ (Jak 1,12). Glauben Sie mir, ich
habe kaum Menschen gekannt, die ohne solche Prüfungen voran-
gekommen wären. Man muß eben Geduld haben. Nach dem Sturm
wird Gott die Stille senden. Bedienen Sie sich vor allem des ersten
und zweiten Mittels.
Was nun Ihre vierte Frage betrifft, will ich weder das ändern, was
Sie bei Ihrem ersten Gelöbnis geopfert haben, noch den Ihnen zugeteilten
Platz, noch sonst etwas.

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Als tägliche Gebete rate ich Ihnen folgende: Machen Sie am Morgen
die Betrachtung mit der Vorbereitung, wie ich sie in der bereits übersand-
ten Schrift angebe. Fügen Sie hinzu das „Vater unser“, „Gegrüßet seist Du,
Maria“, das Glaubensbekenntnis, die Gebete: „Komm Schöpfer Geist“,
„Stern des Meeres sei gegrüßt“, „Engel Gottes“, sowie ein kurzes Gebet zu
den beiden heiligen Johannes und zu den Heiligen Franz von Assisi und
Franz von Paula.
Diese Gebete finden Sie im Brevier, vielleicht stehen sie auch schon in
dem Büchlein, das Sie mir schicken wollen. Grüßen Sie die Heiligen mit
folgendem Gebet aus der Prim: „Heilige Maria und alle Heiligen, bittet
für uns beim Herrn, damit wir Hilfe und Rettung erlangen durch ihn,
der lebt und herrscht in Ewigkeit. Amen.“
Nach diesem Gruß an die Heiligen des Himmels beten Sie ein „Vater
unser“ und „Gegrüßet seist Du, Maria“ für die Armen Seelen und ein an-
deres für alle lebenden Christen. So haben Sie gleichsam die ganze
Kirche besucht, die sich im Himmel, auf Erden und unter der Erde befin-
det, wie der hl. Paulus (Phil 2,10) und der hl. Johannes (Offb 5,13) bezeu-
gen. Das alles wird eine gute Stunde in Anspruch nehmen.
Wohnen Sie möglichst jeden Tag dem heiligen Meßopfer bei und feiern
Sie es so mit, wie ich dies in der Schrift über die Betrachtung beschrieben
habe.
Ich möchte auch, daß Sie täglich, entweder während der Heiligen Mes-
se oder im Laufe des Tages recht andächtig den Rosenkranz beten. Machen
Sie tagsüber möglichst viele Stoßgebete, besonders beim Stundenschlag;
diese Übung wird Ihnen nützlich sein.
Vor dem Abendessen empfehle ich Ihnen eine kurze Sammlung. Sie
können dabei fünf „Vater unser“ und „Gegrüßet seist Du, Maria“ zu den
Wunden des Herrn beten. Vielleicht so, daß Ihre Seele jeden Tag in einer
der fünf Wunden des Herrn Einkehr hält; am sechsten Tag in den Wunden
seiner Dornenkrone und am siebten in seiner durchbohrten Seite; denn
damit soll jede Woche ihren Anfang nehmen und ihr Ende finden, so daß
wir am siebten Tag, am Sonntag, stets zum Herzen Jesu zurückkom-
men.
Am Abend, ungefähr eine bis eineinhalb Stunden nach dem Essen, zie-
hen Sie sich zurück und beten das „Vater unser“ und „Gegrüßet seist Du,
Maria“ und das Glaubensbekenntnis; dann das Confiteor bis „mea culpa“.
Hierauf erforschen Sie Ihr Gewissen und beten das Confiteor zu Ende.
Beten Sie auch noch die Lauretanische Litanei oder abwechselnd eine von den
sieben Litaneien zu unserem Herrn, zu Unserer lieben Frau, zu den heili-

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gen Engeln usw., wie sie in einem eigenen Büchlein stehen, das freilich
nicht leicht zu bekommen ist. Wenn Sie es nicht finden können, ge-
nügt die Lauretanische Litanei. Zu all dem werden Sie ungefähr eine halbe
Stunde brauchen. Machen Sie jeden Tag eine geistliche Lesung. Sie darf gut
eine halbe Stunde dauern. Dies genügt für die Wochentage. An Sonn-
und Feiertagen können Sie noch der Vesper beiwohnen und das kleine
Offizium Unserer lieben Frau beten.
Sollten Ihnen aber die Gebete, die Sie bisher verrichtet haben, mehr
zusagen, so ändern Sie bitte nichts. Und wenn Sie von den angegebenen
irgendwelche auslassen sollten, machen Sie sich keine Sorge.
Dies soll die Grundregel unseres Gehorsams sein: Ich schreibe sie in
großen Buchstaben:
ALLES AUS LIEBE TUN UND NICHTS AUS ZWANG! MEHR DEN
GEHORSAM LIEBEN, ALS DEN UNGEHORSAM FÜRCHTEN! – Ich
lasse Ihnen den Geist der Freiheit; nicht jenen, der den Gehorsam
verneint, denn dies ist die Freiheit des Fleisches, sondern jenen, der Zwang,
Skrupel und Hast ausschließt. Wenn Sie Gehorsam und Unterordnung
sehr lieben, ist es mein Wunsch, – dies soll für Sie eine Art Gehorsam
sein – daß Sie aus einem berechtigten Grund oder aus Nächstenliebe
Ihre Übungen unterlassen und diese Unterlassung durch die Liebe aus-
gleichen.
Ich möchte, daß Sie eine französische Übersetzung all Ihrer Gebete
haben. Sie sollen diese aber nicht französisch beten, sondern lateinisch;
so werden Sie mehr zur Andacht gestimmt. Ich möchte nur, daß Sie den
Sinn jedes Gebetes verstehen, auch der Litaneien vom Namen Jesu,
der Gottesmutter und der anderen. Aber tun Sie das alles ohne Hast,
ruhig und liebevoll.
Gegenstand Ihrer Betrachtung sei das Leben und Sterben des Herrn.
Sie können die „Geistlichen Übungen“ von Tauler, die „Betrachtun-
gen“ des hl. Bonaventura und jene von Capiglia verwenden. Sie
enthalten ja das Leben unseres Herrn, wie es in den Evangelien steht.
Halten Sie sich aber dabei in allem an die Art und Weise der
Schrift, die ich Ihnen schicke. Die Betrachtungen über die vier letz-
ten Dinge werden Ihnen nützen, vorausgesetzt, daß Sie immer mit einem
Akt des Vertrauens auf Gott schließen. Stellen Sie sich Tod und Hölle
nie vor, ohne auf der anderen Seite das Kreuz zu sehen. Nachdem Sie
durch das eine zur Furcht erregt werden, sollen Sie sich voll Vertrauen
zum anderen flüchten. Die Betrachtung soll höchstens dreiviertel Stun-

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den dauern. Ich liebe geistliche Lieder, doch müssen sie andächtig gesun-
gen werden.
Für den Bruder Esel billige ich das Fasten am Freitag und ein mäßiges
Abendbrot am Samstag. Freilich muß man ihn die ganze Woche in Zucht
halten, aber nicht so sehr durch den Entzug der Nahrung – die Mäßigkeit
muß freilich immer gewahrt bleiben, – sondern vielmehr durch Ein-
schränkung in der Auswahl. Doch heiße ich es gut, ihn bisweilen zu strei-
cheln, wie es St. Franziskus tat, um ihn schneller in Gang zu bringen: Ich
meine die Geißel, die eine wunderbare Kraft besitzt. Während sie dem
Fleisch die Sporen gibt, weckt sie den Geist. Wenden Sie diese aber nur
zweimal in der Woche an.
An der Häufigkeit der heiligen Kommunion sollen Sie nichts ändern,
sofern es Ihnen nicht Ihr Beichtvater befiehlt. An den Festtagen ist es
mir eine besondere Freude zu wissen, daß wir am Tisch des Herrn vereint
sind.
Nun zum fünften Punkt: Es ist wahr, daß ich unseren Celse-Benigne wie
Ihre anderen Kinder besonders liebe. Da Ihnen Gott den Wunsch, sie
gänzlich seinem Dienst zu weihen, ins Herz legte, müssen Sie Ihre Kinder
auf dieses Ziel hin erziehen und ihnen liebevoll solche Gedanken eingeben.
Nehmen Sie das Buch der „Bekenntnisse“ des hl. Augustinus und lesen
Sie sorgfältig vom 8. Buch an. Sie sehen hier die heilige Witwe Moni-
ka, wie sie um Augustinus besorgt ist, und noch vieles andere, was Sie
ermuntern wird.
Auf Celse-Benigne muß man mit hochherzigen Motiven einwirken
und in sein junges Herz den Keim legen zu edlem, ritterlichem Streben
nach dem Dienst Gottes, zugleich aber seine Vorstellungen von rein
weltlichem Ruhm zu korrigieren suchen. Aber alles nur nach und nach.
Später werden wir dann mit Gottes Hilfe an die besonderen Maßnahmen
denken, die seinen Altersstufen entsprechend notwendig sind. Für
jetzt achten Sie darauf – nicht nur bei ihm, sondern auch bei seinen
Schwestern, – daß sie möglichst allein schlafen oder zusammen mit
Personen, denen Sie vertrauen können wie sich selbst. Man sollte nicht
glauben, wie nützlich dieser Rat ist; meine Erfahrung läßt mich dies im-
mer wieder empfehlen.
Wenn Franziska von selbst Ordensfrau werden will, gut; andernfalls
bin ich nicht dafür, ihrem Willen durch Entscheidungen vorzugreifen,5
wohl aber – wie auch bei den anderen, – durch liebevolle Beeinflussung
auf sie einzuwirken. Wir müssen soweit wie möglich gleich den Engeln an
den Seelen wirken, nämlich durch liebevolle, gütige Anregungen und ohne

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Gewalt. Ich bin aber einverstanden, daß Sie Ihre Kinder zur Erziehung ins Klo-
ster Puits d’Orbe geben. Ich hoffe, daß dort das religiöse Leben bald wie-
der sichtlich aufblühen wird. Wirken Sie in diesem Sinne mit! Tilgen Sie
aber die Eitelkeit aus den Herzen all Ihrer Kinder; sie ist beinahe ein
Merkmal Ihres Geschlechtes.
Ich weiß, daß Sie die Briefe des hl. Hieronymus in französischer
Sprache besitzen. Lesen Sie den Brief über Pacatula und die anderen für
die Erziehung der Mädchen. Diese Lektüre wird Ihnen Freude bereiten. Aber
man muß dabei Maß halten! Mit dem Wort „liebevolle Beeinflussung“
habe ich alles gesagt.
Ich sehe, daß Sie 2.000 Taler Schulden haben. Beeilen Sie sich möglichst, diese
zurückzuzahlen. Achten Sie sehr darauf, so gut es geht, bei niemand mit
der Bezahlung im Rückstand zu bleiben.
Geben Sie gelegentlich kleine Almosen, aber in großer Demut. Ich
habe es gerne, wenn Sie kranke und alte Leute besuchen, besonders Frau-
en, aber auch junge Leute, wenn sie sehr krank sind. Ebenso liegt mir am
Herzen, daß Sie die Armen besuchen, besonders die armen Frauen. Tun Sie es
mit viel Güte und Demut!
Und nun zum sechsten Punkt:
Es ist mir recht, wenn Sie sich teils bei Ihrem Vater, teils bei Ihrem
Schwiegervater aufhalten, um für deren Seelenheil in der erwähnten Art
der Engel zu sorgen. Ob dieser Aufenthalt in Dijon etwas länger ausfällt,
ist unbedeutend. Das ist ja auch Ihre erste Pflicht. Trachten Sie, sich
den beiden gleicherweise mit jedem Tag liebevoller und ergebener zu
erweisen, und sorgen Sie sanften Geistes für ihr Heil. Zweifellos wird es
für Sie besser sein, den Winter in Dijon zu verbringen.
Ich schrieb Ihrem Herrn Vater; und da er mich gebeten hatte, ihm etwas
für das Heil seiner Seele zu schreiben, tat ich es mit großer Einfach-
heit. Mein Rat bezog sich auf folgende zwei Punkte: erstens, er möge
einen umfassenden Rückblick auf sein Leben halten, um dann eine Gene-
ralbeichte abzulegen, ohne die kein Mann von Ehre sterben sollte. Zweitens,
er möge versuchen, sich nach und nach von den Bindungen an diese Welt
zu lösen. Ich nannte ihm auch die Mittel hierzu. Ich denke, meine
Vorschläge sind klar und behutsam gefaßt. Ich meine, daß man die Bindun-
gen an die Welt und ihre Geschäfte keineswegs mit einem Schlag zerrei-
ßen, sondern allmählich lockern und lösen sollte. Er wird Ihnen zweifel-
los meinen Brief zeigen. Helfen Sie ihm, diese Worte richtig zu verstehen
und zu verwirklichen.
Sie sind ihm zu großer Liebe verpflichtet, daher auch verpflichtet,

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ihn zu einem seligen Ende zu geleiten. Die Ehrfurcht vor ihm darf Sie
nicht hindern, sich mit demütigem Eifer dafür einzusetzen; denn er
ist Ihr erster „Nächster“, den Gott Sie zu lieben verpflichtet. Und
das erste, was Sie an ihm lieben sollen, ist seine Seele; in seiner Seele
aber das Gewissen; im Gewissen die Reinheit und in der Reinheit die
Heimkehr zur ewigen Seligkeit. Das gleiche gilt von Ihrem Schwieger-
vater.
Vielleicht wird Ihr Vater, da er mich nicht kennt, meinen Freimut
unpassend finden; aber sehen Sie zu, daß er mich kennen lerne; ich
bin dann sicher, daß er mich dieser Offenheit wegen mehr lieben wird als
um anderer Dinge willen.
Ich schrieb Herrn von Bourges einen fünf Blätter langen Brief über das
Predigtamt.6 Zugleich erlaubte ich mir, ihm sehr offen meine Ansicht über
manche Dinge im Leben eines Erzbischofs zu sagen. Nun, bei ihm zweifle
ich nicht, daß er es gut aufnehmen wird. Was wollen Sie noch mehr? Vater,
Bruder, Onkel, Kinder – alle liegen mir sehr am Herzen.
Ihre siebente Frage betrifft den Geist der Freiheit. Ich will Ihnen
sagen, was das ist. Jeder rechtschaffene Christ ist frei von Todsünde und
von jeder Anhänglichkeit an sie. Das ist eine zum Heil notwendige Frei-
heit. Von dieser spreche ich nicht. Ich meine die Freiheit der Kinder Got-
tes (Röm 8,21). Worin besteht sie? Sie ist die Loslösung des Herzens von
allen Dingen, um dem erkannten Willen Gottes zu folgen. Sie wer-
den dies leicht verstehen, wenn mir Gott die Gnade schenkt, Ihnen die
Merkmale, Kennzeichen und Wirkungen dieser Freiheit darlegen zu kön-
nen.
Wir bitten Gott vor allem, daß „sein Name geheiligt werde, sein
Reich komme, sein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden“
(Mt 6,9 f). Das alles ist nichts anderes als der Geist der Freiheit. Er macht
sich um nichts weiter Sorgen, wenn nur der Name Gottes geheiligt wird,
seine Majestät in uns herrscht und sein Wille geschieht.
Erstes Kennzeichen: Das Herz, das diese Freiheit besitzt, hängt nicht
an Freuden. Es nimmt das Leid gelassen an, soweit die Natur dessen fähig
ist. Ich sage nicht, daß es Freude nicht liebt und wünscht. Aber es
hängt nicht an ihr.
Zweites Kennzeichen: Das Herz bindet sich in keiner Weise an geistli-
che Übungen. Wird es durch Krankheit oder durch andere Umstände
daran gehindert, so entsteht in ihm kein Bedauern. Ich sage wiederum
nicht, daß es diese Übungen nicht liebt, sondern nur, daß es nicht daran
hängt.

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Drittes Kennzeichen: Es verliert kaum jemals seinen Frohsinn, denn
kein Verlust kann den traurig machen, dessen Herz an nichts hängt. Ich
sage nicht, daß es die Freude nie verliert, wenn es sie jedoch verliert, dann
nur für kurze Zeit.
Die Wirkungen dieser Freiheit sind eine wohltuende Milde des Gei-
stes, große Güte und Aufgeschlossenheit für alles, was nicht Sünde oder
Gefahr zur Sünde ist. In dieser Haltung ist man für alle Tugend- und
Liebesakte in schlichter Bereitschaft. Ein Beispiel: Jemand hängt sehr
an der Betrachtung. Unterbrechen Sie ihn einmal dabei! Sie werden
sehen, wie er dann verärgert, aufgeregt und unwillig aufhört. Wer aber
die wahre Freiheit besitzt, wird dem Störenfried mit gleichmütigem
Gesicht und liebenswürdigem Herzen begegnen und die Betrachtung
ruhig unterbrechen. Es ist ihm völlig eins, ob er Gott in der Betrachtung
oder im Ertragen des Nächsten dient. Das eine wie das andere ist Gottes
Wille, aber den Nächsten zu ertragen, ist für diesen Augenblick gerade
das Notwendige.
Diese Freiheit können wir bei allem üben, was unserer Neigung entge-
gensteht. Wer an seinen Neigungen nicht hängt, wird nicht ungeduldig,
wenn er sie nicht erfüllt sieht.
Dieser Freiheit stehen zwei einander entgegengesetzte Laster gegen-
über: Unbeständigkeit und innerer Zwang oder Ungebundenheit und
knechtische Abhängigkeit.
Unbeständigkeit oder Ungebundenheit ist eine Übertreibung der Frei-
heit. Man will ohne Grund seine Übungen wechseln, seinen Stand ändern,
ohne Grund und ohne zu wissen, ob dies Gottes Wille ist. Man ändert
beim kleinsten Anlaß Übung, Plan und Ordnung. Ein geringfügiger Um-
stand schon genügt und man läßt von seiner Einteilung und von einer
lobenswerten Gewohnheit. So verflüchtigt und verliert sich das Herz. Es
wird wie ein offener Garten, dessen Früchte nicht dem Herrn, sondern
allen Vorübergehenden gehören (vgl. Ps 80,13).
Innerer Zwang und knechtische Abhängigkeit hingegen offenbaren ei-
nen gewissen Mangel an Freiheit. Hier wird der Geist verdrossen und
aufgebracht, wenn er nicht tun kann, was er sich vorgenommen; selbst
wenn er Besseres dafür tun könnte.
Ein Beispiel: Ich nehme mir vor, täglich am Morgen die Betrachtung
zu halten; bin ich unbeständigen oder ausgegossenen Geistes, werde ich
sie beim geringsten Anlaß auf den Abend verschieben: wegen eines
Hundes, der mich nachts nicht schlafen ließ, wegen eines Briefes, den
ich schreiben muß, obwohl es nicht eilt. Habe ich aber den Geist des

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Zwanges und der knechtischen Abhängigkeit, werde ich auch dann nicht
von meiner Betrachtung lassen, wenn ein Kranker gerade in dieser
Stunde meine Hilfe notwendig braucht oder ein sehr eiliger Brief zu
schreiben ist, der nicht gut aufgeschoben werden kann, und derglei-
chen mehr.
Noch zwei oder drei Beispiele für diese Freiheit des Geistes. Sie sollen
Ihnen noch deutlicher zeigen, was ich in Worten nicht auszudrücken ver-
mag.
Zuerst aber muß ich sagen, daß hier zwei Regeln zu beachten sind.
Sonst könnten Sie stolpern.
Erste Regel: Man darf nur dann von seinen Übungen und von den allge-
mein geltenden Grundsätzen für die Tugendübung abgehen, wenn man
ganz klar auf der anderen Seite Gottes Willen erkennt. Dieser gibt sich auf
zweierlei Art kund: durch Notwendigkeit und durch Aufgaben der Liebe.
– Ich will in diesem Jahr während der Fastenzeit in einem kleinen Ort
meiner Diözese predigen. Wenn ich inzwischen krank werde oder mir ein
Bein breche, habe ich nicht zu klagen und mich nicht darüber zu beunru-
higen, daß ich nicht predigen kann. In solchem Fall ist es ohne Zweifel
Gottes Wille, daß ich ihm durch Leiden und nicht durch Predigen diene.
Wenn ich nun nicht krank bin, aber Umstände es nahelegen, an einen
anderen Ort zu gehen, wo die Leute zu den Hugenotten abfallen könn-
ten, wenn ich nicht käme, so zeigt sich der Wille Gottes deutlich genug,
um gelassen meinen Plan zu ändern.
Zweite Regel: Muß man aus Nächstenliebe von der Freiheit Gebrauch
machen, so soll dies ohne Ärgernis und Ungerechtigkeit geschehen. Ich
weiß zum Beispiel, daß ich irgendwo weitab von meiner Diözese nütz-
licher sein könnte. In diesem Fall darf ich von der Freiheit nicht Gebrauch
machen, weil ich Ärgernis erregte und unrecht täte; denn hier hält mich
meine Pflicht fest. So machen auch verheiratete Frauen einen falschen
Gebrauch von der Freiheit, wenn sie sich ohne rechtmäßigen Grund und
unter dem Vorwand der Frömmigkeit und Nächstenliebe von ihrem Gat-
ten entfernen. Die rechte Freiheit schadet keinem Stand. Im Gegenteil,
sie bewirkt, daß jeder seinen Beruf liebt, weil er weiß: es ist der Wille
Gottes, daß er darin bleibe (1 Kor 7,20.24).
Nun will ich Ihren Blick auf den Kardinal Karl Borromäus lenken,
der in wenigen Tagen heiliggesprochen wird. 7 Er war der denkbar
gewissenhafteste, gegen sich strengste und härteste Mann. Er trank
nur Wasser und aß nur Brot. Er war so gewissenhaft, daß er als Erz-
bischof in 24 Jahren nur zweimal das Haus seiner Brüder betrat, weil

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sie krank waren, und nur zweimal in seinen eigenen Garten ging. Und
trotz seines strengen Geistes aß er oft mit den Schweizern – seinen
Nachbarn, – um sie zu einem besseren Leben anzuhalten. Er trug auch
kein Bedenken, in ihrer Mitte über seinen Durst zu trinken und mit ihnen
bei ihren Mahlzeiten anzustoßen.
Das ist ein Zug heiliger Freiheit an diesem vielleicht strengsten
Mann seiner Zeit. – Ein ungezügelter Geist hätte leicht zuviel getan, ein
enger hätte darin eine Todsünde gesehen. Ein Geist der Freiheit aber tut
solches aus Nächstenliebe.
Spiridion, ein Bischof des christlichen Altertums, nahm zur Fastenzeit
einen halbverhungerten Pilger auf. Er hatte gerade nur Pökelfleisch
im Haus, ließ es kochen und setzte es dem Fremden vor. Dieser wollte
trotz des Hungers nichts essen. Spiridion aß nun als erster davon, obwohl
bei ihm keine Notlage gegeben war. Er tat es aus Liebe, um durch sein
Beispiel die Bedenken des Pilgers zu zerstreuen. So sieht die liebevolle
Freiheit eines Heiligen aus.
Pater Ignatius von Loyola, der demnächst heiliggesprochen wird,8 aß
am Aschermittwoch Fleisch auf die bloße Anordnung des Arztes hin, der
es wegen einer Unpäßlichkeit für notwendig hielt. Ein engherziger Geist
hätte sich drei Tage lang bitten lassen.
Nun will ich Ihnen noch einen Heiligen vorstellen, der alle wie eine
helle Sonne überstrahlt, eine wahrhaft offene und an nichts hängende
Seele, die nur den Willen Gottes kannte! Ich fragte mich schon oft, wer
unter den mir bekannten Heiligen wohl die größte Selbstverleug-
nung geübt habe. Schließlich fand ich, daß es Johannes der Täufer war.
Mit fünf Jahren ging er hinaus in die Wüste und wußte, daß unser und
sein Erlöser ganz nahe, etwa eine bis drei Tagesreisen entfernt,
geboren worden war. Gott allein weiß, wie sehr sein Herz, das schon
im Mutterschoß von der Liebe des Erlösers getroffen war, verlangte, in
seiner liebevollen Gegenwart zu sein. Dennoch bleibt er 25 Jahre in der
Wüste und sucht nicht ein einziges Mal den Herrn zu sehen. Er verläßt
sie nur, um sich ganz der Predigt zu widmen. Jesus selbst aber sucht
er nicht auf; er wartet vielmehr, bis der Herr zu ihm kommt. Auch
nach der Taufe folgt er ihm nicht, sondern bleibt seiner Berufung
treu (Mt 3; Lk 3). – Mein Gott, welche Selbstbeherrschung wird hier
offenbar! Seinem Herrn so nahe sein und ihn doch nicht sehen! Ihn
so nahe haben und seine Nähe doch nicht verkosten! Was soll das
bedeuten, als seinen Geist von allem gelöst haben, selbst von Gott –
aber um Gottes Willen zu tun und ihm zu dienen! Gott um Gottes

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willen lassen, ihm nicht anzuhangen, um ihn umso tiefer und reiner
zu lieben. Dieses Beispiel überwältigt mich ob seiner Größe.
Ich vergaß zu sagen, daß Gottes Wille sich nicht nur durch Notwendig-
keiten und durch Aufgaben der Nächstenliebe zu erkennen gibt, sondern
auch durch den Gehorsam. Wer darum einen Befehl erhält, muß darin
Gottes Willen sehen. Geht dies nicht zu weit? Doch mein Geist fliegt
schneller, als ich es will. Es trägt ihn der Eifer, Ihnen zu dienen.
Nun zum achten Punkt: Erinnern Sie sich des Festes des heiligen
Ludwig. Da nahmen Sie erneut von Ihrem Geist die Krone Ihres König-
reiches herab und legten sie dem König Jesus zu Füßen (Offb 4, 10). An
jenem Tag „erneute sich Ihre Jugendkraft gleich dem Adler“ (Ps 103,5),
da Sie in das Meer der Buße tauchten.9 So bereitete er Ihrer Seele den Weg
zum ewigen Tag. Erinnern Sie sich doch, wie ich über Ihren großen Ent-
schluß, mit Leib, Geist und Herz ganz Gott zu gehören, im Namen unse-
rer Mutter Kirche das Amen sprach. Wie dann als Echo vom Himmel das
große Amen und Halleluja der seligsten Jungfrau, der Engel und Heiligen
zurückklang? Erinnern Sie sich daran, daß Sie willens sind, die ganze
Vergangenheit als ein Nichts zu betrachten, und daß Sie jeden Tag mit
David sprechen sollen: „Nun will ich anfangen“, meinen Gott von Herzen
zu lieben (Ps 77,2).
Tun Sie viel für Gott und tun Sie nichts ohne Liebe. Alles soll dieser
Liebe gehören, auch Essen und Trinken (vgl. 1 Kor 10,31).
Verehren Sie den hl. Ludwig! Seine große Treue ist bewundernswert. Er
wurde mit zwölf Jahren König, hatte neun Kinder, mußte ständig gegen
Rebellen oder Feinde des Glaubens Kriege führen und war über vierzig
Jahre König. Nach seinem Tod aber sagte sein Beichtvater, ein heilig-
mäßiger Mann, bei dem der Heilige das ganze Leben lang gebeichtet hat-
te, unter Eid aus, daß er ihn nie in eine schwere Sünde habe fallen sehen.
– Der König unternahm zwei Fahrten über das Meer. Beide Male verlor er
sein Heer. Auf der zweiten Fahrt starb er selbst an der Pest, nachdem er
lange Zeit die Pestkranken seines Heeres besucht, sie verbunden und bis
zu ihrer Gesundung gepflegt hatte. Er starb frohen, mutigen Herzens, mit
einem Worte Davids auf den Lippen (Ps 5,8; 138,2). Ich gebe Ihnen die-
sen Heiligen zum besonderen Patron für dieses Jahr. Schauen Sie immer
wieder auf zu ihm und den anderen hier genannten Heiligen. Im kom-
menden Jahr werde ich Ihnen, so Gott will, wieder einen anderen Heili-
gen als Vorbild geben, nachdem Sie von diesem Heiligen heuer viel ge-
lernt haben.
Nun kommen wir zum neunten Punkt: Glauben Sie mir zwei Dinge:

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Erstens will Gott, daß Sie sich meiner bedienen. Zweifeln Sie nicht daran!
Zweitens: In allem, was Ihrem Heil dient, wird mir Gott mit seinem
Licht helfen, das mir notwendig sein wird, um Ihnen gut dienen zu kön-
nen. Das Wollen hat er mir so groß gegeben, daß es nicht größer sein
könnte! – Ich habe das Brieflein mit Ihren Gelübden erhalten und bewah-
re es sorgfältig auf; betrachte ich es doch als die Urkunde unserer ganz in
Gott gegründeten Verbundenheit, die kraft der Barmherzigkeit ihres Ur-
hebers ewig dauern wird.
Vor kurzem starb der Bischof von Saluces, einer meiner vertrautesten
Freunde und einer der größten Diener Gottes und der Kirche. Sein Volk
trauerte sehr um ihn, durfte es sich doch seines Wirkens nur eineinhalb
Jahre erfreuen. Wir erhielten am gleichen Tag die Bischofsweihe. Bitte,
beten Sie dreimal den Rosenkranz für seine Seelenruhe. Hätte er mich
überlebt, würde er mir wohl den gleichen Liebesdienst bei allen erwirkt
haben, auf die er Einfluß hatte.
Nach einer Stelle Ihres Briefes zu schließen, scheinen Sie es schon für
ausgemacht zu halten, daß wir uns eines Tages wiedersehen. Gebe es Gott,
meine sehr liebe Schwester! Von meiner Seite sehe ich allerdings nichts,
was mich erhoffen ließe, mich frei zu machen. Den Grund sagte ich Ih-
nen schon im Vertrauen damals in Saint Claude. Ich bin hier mit Hän-
den und Füßen gebunden. Und Sie, meine gute Schwester, schrecken Sie
nicht die Mühen der letzten Reise? Wir werden aber bis Ostern sehen,
was Gott von uns haben will. Sein heiliger Wille sei immer der unsere! Ich
bitte Sie, mit mir Gott zu danken für das Ergebnis der Reise nach Saint
Claude. Ich kann nicht darüber sprechen. Aber es ist von außerordentli-
cher Art. Wenn Sie einmal Zeit haben, schreiben Sie mir doch die Bege-
benheit vor der Pforte von Saint Claude. Glauben Sie mir, ich frage nicht
aus Neugierde danach.10
Meine Mutter ist Ihnen ganz zugetan. Ich freue mich, daß Sie die Frau
Puits d’Orbe so gerne Schwester nennen; sie ist eine große Seele, wenn sie
gut unterstützt wird. Gott wird sich ihrer zur Verherrlichung seines Na-
mens bedienen. Helfen Sie ihr und halten Sie brieflich Kontakt mit ihr. Gott
wird es Ihnen danken.
Wenn es nach mir ginge, würde ich diesen Brief niemals zu Ende
bringen; ich habe ihn nur geschrieben, um Ihnen zu antworten. Ich
will ihn aber nun doch beenden, wobei ich Sie um die große Hilfe
Ihres Gebetes bitte; und wie sehr bedarf ich doch dessen! Ich bete nie,
ohne daß Sie zum Teil Gegenstand meiner Bitten würden; ich grüße nie-
mals meinen Schutzengel, ohne nicht auch den Ihren zu grüßen. Tun Sie

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das gleiche für mich und auch Ihr Celse-Benigne, für den ich ständig bete,
wie auch für Ihre ganze Familie. Glauben Sie mir, daß ich in der Heiligen
Messe niemals Ihre Kinder vergesse, auch nicht deren verstorbenen Vater,
Ihren Gatten.
Gott sei Ihr Herz, Ihr Geist, Ihre Seele, meine sehr teure Schwester,
und ich bin in seinem Schoß Ihr sehr ergebener Diener ...

Annecy, 1. November 1604.


Mein Gott, mit welcher Liebe und welchem Eifer ich Ihrem Geiste
zur Verfügung stehe, das können Sie mir gar nicht genug glauben, mei-
ne liebe Schwester. Ich bin so sehr davon erfüllt, daß dies allein ge-
nügt, um mich zu überzeugen, daß unser Herr es mir eingibt; denn
meiner Meinung nach kann alle Welt zusammen nicht ein so starkes
Verlangen in mir wecken; zumindest bin ich dessen noch niemals gewahr
geworden.
Ich gebe den Brief diesem Boten mit, weil er wieder hierher zurück-
kehrt und mir Briefe von Ihnen mitbringen kann.
Heute ist das Fest Allerheiligen. Als ich die feierliche Matutin betete,
fand ich (7. Lesung), wie der Heiland die acht Seligkeiten mit der Armut im
Geiste (Mt 5,3) beginnt und der hl. Augustinus darunter die heilige und so
erstrebenswerte Tugend der Demut versteht. Dabei erinnerte ich mich an
Ihre Bitte, Ihnen etwas darüber zu schreiben. Meines Wissens tat ich das
nicht im letzten Brief, obwohl er umfangreich und vielleicht zu lang war.
Und gerade über die Demut hat mir Gott so viel eingegeben, um es Ihnen
zu schreiben, daß ich Ihnen darüber viel Schönes sagen könnte, wenn
ich nur genügend Zeit dafür hätte.
Zunächst, meine liebe Schwester, fiel mir ein, daß die Kirchenlehrer
die Demut als die den Witwen eigene Tugend bezeichnen. Die Jungfrauen
haben ihre Tugend, ebenso die Apostel, Märtyrer, Kirchenlehrer und Seelsorger
– jeder hat seine besondere Tugend gleich einem Ehrenzeichen seiner Ritter-
schaft. Freilich mußten alle die Demut üben; denn sie wären nicht erhöht
worden, wenn sie sich nicht erniedrigt hätten (Mt 23,12; Lk 18, 14). Der Witwe
aber geziemt Demut vor allen: denn was könnte ihr Grund zum Hochmut
sein? Sie besitzt ihre Unversehrtheit nicht mehr (die indes durch eine
große Witwendemut ausgeglichen werden kann. Viel besser ist, Witwe zu
sein mit viel Öl in der Lampe, als Jungfrau ohne Öl oder mit nur wenig
Öl); andererseits fehlt ihr auch das, was in den Augen der Welt der Frau
höheren Wert verleiht: ihr Mann, der ihre Ehre war und dessen Namen sie

67
getragen hat. Welcher Ruhm bleibt ihr noch, wenn nicht Gott? O seliger
Ruhm, o kostbare Krone!
Im Garten der Kirche gleichen die Witwen den Veilchen. Diese klei-
nen, niedlichen Blumen haben keine leuchtenden Farben und auch
keinen durchdringenden Duft, aber sie sind doch überaus lieblich.
Welch schöne Blume ist die christliche Witwe! Klein und niedrig durch
ihre Demut, fällt sie nicht auf in den Augen der Welt, die sie sogar
flieht; sie schmückt sich nicht mehr, um Blicke auf sich zu lenken. Warum
sollte sie auch nach den Augen jener verlangen, deren Herz sie nicht be-
gehrt? Der Apostel trägt seinem Schüler auf (1 Tim 5,3), „die Witwen zu
ehren, die es wahrhaft sind“. Und wer sind solche, wenn nicht jene, die es
dem Herzen und dem Geiste nach sind, d. h. deren Herz mit keinem
Geschöpf verheiratet ist? Der Heiland sagt heute nicht: „Selig, die
reinen Leibes sind“, sondern: „die reinen Herzens sind“ (Mt 5,8), und er
preist nicht die Armen, sondern die Armen im Geiste. Jenen Witwen ge-
bührt Ehre, die es dem Herzen und dem Geiste nach sind. Witwe sein,
heißt das nicht: heruntergesetzt, d. h. elend, arm und schwach sein? Die
arm, elend und schwach sind im Geiste und im Herzen, sind also zu
preisen; mit anderen Worten: die Demütigen, deren Schützer der Herr ist
(Ps 146,9).
Was aber ist Demut? Ist sie die Erkenntnis dieses Elends, dieser Ar-
mut? Ja, sagt unser hl. Bernhard. Aber das ist nur eine rein sittliche und
menschliche Demut. Was ist also die christliche? Sie ist die Liebe zu
dieser Armut und Niedrigkeit in Anbetracht des Beispiels unseres Herrn.
Wissen Sie, daß Sie eine schwache und arme Witwe sind? Dann lieben Sie
diesen Zustand der Niedrigkeit! Rühmen Sie sich, nichts zu sein! Freuen
Sie sich darüber, denn Ihr Elend ist Gegenstand der Güte Gottes, so kann er
Barmherzigkeit an Ihnen üben. Von den Bettlern halten sich jene für
die tüchtigsten und erfolgreichsten, die am elendsten aussehen und die
größten und schrecklichsten Wunden haben. Wir sind auch nur Bettler:
die Elendsten haben die besten Aussichten, denn die Barmherzigkeit
Gottes behält sie gern im Auge (Ps 11,4).
Demütigen wir uns, ich bitte Sie, und lassen wir am Tor des Tempels
der göttlichen Güte nur unsere Wunden und Nöte sprechen (Apg 3,2).
Denken Sie immer daran, sich ihrer mit Freude zu rühmen. – Es soll
Ihnen ein Trost sein, daß Sie ganz leer und ganz Witwe sind, auf daß Sie
der Heiland mit seinem Reich erfülle. Seien Sie gütig und freundlich zu
allen außer zu jenen, die Ihnen Ihren Ruhm, nämlich Ihre Armseligkeit
und vollkommene Witwenschaft nehmen wollten. „Ich will mich mei-

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ner Schwachheit rühmen“, sagt der Apostel (2 Kor 12,9), und: „ich will
lieber sterben als – nein – meinen Ruhm soll mir niemand zunichte
machen!“ (1 Kor 9,15). Sehen Sie, er möchte lieber sterben, als seine
Schwächen verlieren, die sein Ruhm sind. So müssen auch Sie Ihr
Elend, Ihre Armseligkeit recht wahren: denn Gott sieht herab auf
sie, wie er es bei der heiligsten Jungfrau getan (Lk 1,68). „Die Menschen
blicken auf das Äußere, der Herr aber schaut auf das Herz“ (1 Sam
16,7). Wenn er dann unsere Herzensdemut sieht, wird er uns große
Gnaden erweisen.
Diese Demut verleiht der Keuschheit Bestand; darum wird im Hohelied
(2,1) jene schöne Seele die „Lilie im Talgrund“ genannt. – Bleiben Sie
also voll frohen Mutes demütig vor Gott; aber auch froh und demütig vor
der Welt. Freuen Sie sich, wenn die Welt Sie unbeachtet läßt. Über ihre
Hochschätzung aber machen Sie sich frohen Herzens lustig. Ja, lachen
Sie über ihr Urteil und über Ihre von der Welt verachtete Armseligkeit.
Über deren Mißachtung trösten Sie sich fröhlich mit dem Gedanken, daß
sie zumindest darin der Wahrheit folgt.
Nach außenhin streben Sie nicht nach sichtbarer Demut; Sie wer-
den aber auch nicht gut tun, sie zu fliehen; nehmen Sie diese vielmehr an,
aber immer mit frohem Herzen. Ich bin dafür, manchmal niedrige Dien-
ste zu leisten, sogar Untergebenen und auch eingebildeten Menschen; be-
sonders aber Armen, Kranken, den Hausgenossen und auswärts; es
muß aber immer unbefangen und fröhlich geschehen. Das betone ich immer
wieder, denn hier liegt der Schlüssel zu diesem Geheimnis für Sie und für
mich. Ich hätte besser sagen sollen: „mit Liebe“; denn – so sagt der hl.
Bernhard nach dem hl. Paulus – „die Liebe ist frohgemut“ (Gal 5,22).
Demütige Dienste und äußere Demut sind nur Schale; diese bewahrt
aber die Frucht.
Halten Sie es mit dem Empfang der heiligen Kommunion und mit den
Übungen weiter so, wie ich es Ihnen geschrieben habe. Bleiben Sie dieses
Jahr bei der Betrachtung des Lebens und Sterbens des Herrn; es ist das
Tor zum Himmel. Wenn Sie gerne mit Jesus verkehren, werden Sie
seine Haltungen besser kennen lernen.
Haben Sie guten Mut und beharrlichen Mut. Verlieren Sie ihn nicht,
auch wenn der Feind viel lärmt und wenn Sie gegen den Glauben
versucht werden. Unser Feind ist ein großer Polterer; machen Sie sich
seinetwegen keine Sorge. Er kann Ihnen nicht schaden, ich weiß es
sicher. Lachen Sie über ihn, verachten Sie ihn und lassen Sie ihn lärmen.
Streiten Sie nicht mit ihm, nehmen Sie von ihm keine Notiz; das alles ist

69
nichts. Um Heilige herum hat er oft laut geschrien und gepoltert. Was hat
er erreicht? Sie sind doch an der Stelle, die der Elende verlor.
Ich wünsche, daß Sie im „Weg zur Vollkommenheit“ der seligen
Theresia das 41. Kapitel lesen. Es wird Ihnen helfen, ein Wort richtig zu
verstehen, das ich Ihnen schon so oft gesagt habe: man darf in der
Übung der Tugenden nicht zu kleinlich sein, sondern ungezwungen
daran gehen, aufrichtig, natürlich, nach alter französischer Art, frei-
mütig, redlich, großzügig. Ich fürchte tatsächlich den Geist des Zwan-
ges und des Trübsinns. Nein, meine liebe Tochter! Ich wünsche, daß Sie
ein weites und großes Herz voll Demut haben auf dem Weg unseres Herrn,
aber zugleich ein Herz voll Demut, Milde und Zucht.
Ich empfehle mich den kleinen, aber inständigen Gebeten unseres Celse-
Benigne. Wenn Aimée beginnt, mir manch kleine Wünsche anzuvertrauen,
werden sie mir sehr am Herzen liegen. Ich schenke Sie selbst, Ihr Witwen-
herz und Ihre Kinder alle Tage dem Herrn, wenn ich ihm seinen Sohn
darbringe. Beten Sie für mich, meine liebe Tochter, damit wir uns einst
mit allen Heiligen im Himmel wiedersehen. Mein Wunsch, Sie zu lieben
und von Ihnen geliebt zu werden, hat kein geringeres Maß als die
Ewigkeit. Diese möge Jesus in seiner Liebe und Güte uns geben. Amen.
So bin ich denn und will es immer sein, ganz der Ihre in Jesus Chris-
tus ...
Am Tage Allerheiligen.

Annecy, 21. November 1604.


Gnädige Frau, sehr liebe Schwester!
Unsere glorreiche und heiligste Herrin, Königin und Jungfrau Maria,
deren Darbringung im Tempel wir heute feiern, möge unsere Herzen ih-
rem Sohn darbringen und das seine uns schenken.
Ihr Bote kam ziemlich an der mühsamsten und schwierigsten Stelle zu
mir, der ich auf meiner Fahrt über das stürmische Meer dieser Diözese
begegnen konnte.11 Sie glauben nicht, wieviel Trost mir Ihre Briefe ge-
bracht haben. Ich bin nur in Sorge, ob es mir gelingen wird, im Trubel
meiner Geschäfte die nötige Zeit zu finden, Ihnen so bald zu antworten,
wie ich es wünsche, und auch so gut, wie Sie es erwarten. Ich schreibe, so
gut ich vermag, und ohne Ordnung. Wenn mir noch etwas einfällt, werde
ich Ihnen bald durch einen Bekannten schreiben, der nach Dijon reist und
wieder zurückkommt.
Ich danke Ihnen für die Mühe, die Sie sich machten, mir die Bege-

70
benheit von der Pforte des hl. Claudius zu erzählen. Dieser liebe Heilige ist
Zeuge der Reinheit und Lauterkeit des Herzens, mit der ich Sie liebe
in unserem Herrn und gemeinsamen Meister. Von seiner göttlichen Güte
möge uns St. Claudius den Beistand des Heiligen Geistes erbitten, der uns
notwendig ist, damit wir gut in die Ruhe des Heiligtums der Kirche einge-
hen können (Ps 15,1; 143,10) ... 12
Ich komme nun auf Ihr Kreuz zu sprechen, aber ich weiß nicht, ob mir
Gott die Augen recht geöffnet hat, um es in seinem vollen Umfang zu
erkennen. Aus ganzem Herzen wünsche ich es und bitte ihn, er möge
mich das Richtige sagen lassen.
Nach Ihren Angaben handelt es sich um ein gewisses Unvermögen der
Fähigkeiten oder Kräfte Ihres Verstandes, sodaß Sie nicht zufrieden sein
können, wenn Sie Gutes tun wollen. Am meisten jedoch quält Sie, daß Sie
nicht mehr die gewohnte Entschiedenheit fühlen, wenn Sie dann einen
Entschluß fassen. Sie stoßen auf eine merkwürdige Schranke, die Sie jäh
innehalten läßt. Daher stammen dann die quälenden Versuchungen wider
den Glauben.
Das ist gut gesagt, meine liebe Tochter, Sie drücken sich richtig aus; ich
weiß aber nicht, ob ich Sie gut verstehe. Sie fügen hinzu, daß – dank
der Gnade Gottes – der Wille trotzdem einfach und fest zur Kirche steht,
sodaß Sie gerne für diesen Glauben sterben wollten.
Gott sei gepriesen, meine liebe Tochter, „diese Krankheit führt nicht
zum Tod, sondern dient zur Verherrlichung Gottes“ (Joh 11,4).
Zwei Völker sind im Schoß Ihres Geistes; ein Volk kämpft gegen das
andere, schließlich aber „wird das ältere dem jüngeren dienen“ (Gen 25,23),
wie zu Rebekka gesagt wurde.
Die Eigenliebe stirbt erst, wenn wir selber sterben. Sie hat tausend Schli-
che, sich in unserer Seele zu verschanzen; man kann sie daraus nicht vertrei-
ben. Sie ist die Erstgeborene in unserer Seele, denn sie gehört zu unserer
Natur oder ist wenigstens mit ihr verbunden. Sie führt eine Legion
Kämpfer mit sich: Regungen, Handlungen, Leidenschaften. Sie ist gewandt
und versteht sich auf tausend listige Wendungen.
Auf der anderen Seite haben Sie die Liebe zu Gott. Sie wurde später
empfangen und später geboren. Auch sie hat ihre Regungen, Neigungen,
Leidenschaften und Handlungen.
Diese zwei Kinder bekämpfen sich im gleichen Schoß wie Esau und
Jakob; darum rief Rebekka aus: „Wäre es nicht besser für mich zu
sterben, als mit soviel Schmerzen zu gebären!“ (Gen 25,22). Diese Kämp-
fe erzeugen einen eigenartigen Ekel, so daß Ihnen die besten Speisen

71
nicht mehr schmecken. Aber was liegt daran, ob sie schmecken oder
nicht, da Sie doch nicht aufhören, ordentlich zu essen? Sollte ich einen
meiner Sinne verlieren müssen, würde ich auf den Geschmackssinn ver-
zichten, der mir sogar weniger notwendig zu sein scheint als der Ge-
ruchssinn.
Glauben Sie mir: es fehlt Ihnen nur der Geschmack, nicht das Seh-
vermögen. Sie sehen, aber ohne Befriedigung. Sie kauen das Brot, als wäre
es Werg, ohne Geschmack und Lust. Ihre Entschlüsse scheinen Ihnen
kraftlos zu sein, weil sie nicht freudig und froh sind. Aber Sie täuschen
sich; der heilige Apostel Paulus hatte sehr oft auch nur solche (Röm
7,21-25). Die arme Lea ist ein wenig triefäugig und häßlich, aber Ihr
Geist muß sich mit ihr begnügen, ehe er die schöne Rahel erhält (Gen
29,16-28). Nur Mut, sie wird trotzdem schöne und Gott wohlgefällige
Werke gebären. – Aber ich halte mich zu lange auf.
Sie fühlen sich nicht fest, beharrlich und nicht sehr entschlossen. Sie
sagen: es steckt etwas in mir, das immer unbefriedigt bleibt, aber ich
vermag nicht zu sagen, was es ist. Ich möchte es gerne wissen, meine liebe
Tochter, um es Ihnen zu sagen. Aber ich hoffe, eines Tages darüber klar zu
werden, wenn ich Sie mit Muße anhören kann.
Ist es nicht etwa eine Menge von Wünschen, die Ihrem Geist Hemmun-
gen verursacht? Auch ich litt an dieser Krankheit. Der an eine Stange
gekettete Vogel spürt nur, wenn er zu fliegen versucht, daß er gefesselt ist
und die Fesseln die Stöße verursachen. Ebenso weiß er, bevor er Flü-
gel hat, nichts von seinem Unvermögen zu fliegen. Er wird es erst inne
beim ersten Flugversuch.
Ich sage Ihnen ein Heilmittel dagegen, meine liebe Tochter: Da
Sie noch keine Flügel haben zum Flug und das eigene Unvermögen Ihrem
Wollen Schranken setzt, schlagen Sie nicht um sich, haben Sie keine
Eile zu fliegen, sondern gedulden Sie sich noch, bis Sie Flügel haben,
um gleich den Tauben zu fliegen (Ps 55,7). Ich fürchte sehr, daß Sie
etwas zu hitzig auf Ihre Beute losgehen, daß Sie zu ungestüm vorstürmen
und Ihre Wünsche etwas zu üppig wuchern lassen. Sie erkennen die
Schönheit des Lichtes, das Wohltuende der Entschlüsse; Sie meinen, diese
fast in Händen zu haben; die Nähe des Guten weckt in Ihnen ein maßlo-
ses Verlangen danach und dieser Heißhunger wiederum drängt Sie vor-
an und Sie möchten sich hinaufschwingen. Aber umsonst, denn der Mei-
ster hält Sie an der Stange gekettet oder besser gesagt: Sie besitzen noch
keine Flügel. Dabei aber magern Sie ab infolge der andauernden Erre-
gung des Herzens und erschöpfen ständig Ihre Kräfte. – Man soll schon

72
Versuche machen, aber mit Maß, ohne um sich zu schlagen und sich zu
erhitzen.
Prüfen Sie gründlich Ihr Vorgehen in dieser Hinsicht. Vielleicht werden
Sie erkennen, daß Sie Ihren Geist zu sehr fesseln lassen vom Verlangen
nach diesem großen Empfinden, das der Seele das Gefühl der Festigkeit,
Beständigkeit und Entschiedenheit verleiht. Sie besitzen diese Festigkeit.
Was ist denn Festigkeit anders, denn lieber sterben wollen, als den
Glauben verletzen oder aufgeben? Aber Sie haben nicht das Gefühl
dieser Festigkeit; hätten Sie es, dann empfänden Sie tausend Freuden.
Halten Sie aber ein! Hasten Sie nicht ungestüm! Sie werden sehen, daß
Ihr Befinden sich bessern wird. Ihre Flügel werden dann leichter erstarken.
Dieses ungestüme Hasten ist einer Ihrer Fehler. Das ist eben jenes
„Ich weiß nicht was“, das unbefriedigt ist, es ist ein Mangel an Er-
gebung. – Sie fügen sich wohl, jedoch mit einem „aber“; denn Sie
möchten gerne dies oder jenes haben und Sie schlagen um sich, um es zu
erhalten. – Ein einfacher Wunsch ist dieser Ergebung nicht entgegen, wohl
aber dieses Zappeln des Herzens, dieses Schlagen der Flügel, diese Erre-
gung des Willens, dieser ständig wiederholte Flugversuch. All das ist
Mangel an Ergebung. – Mut, meine liebe Schwester! Da unser Wille
Gott gehört, sind wir auch ohne Zweifel sein Eigen. Sie haben alles, was
notwendig ist, aber Sie fühlen nichts dabei. Das ist kein großer Ver-
lust. Wissen Sie, was man tun soll? Man muß es gerne annehmen, nicht
fliegen zu können, da man eben noch keine Flügel hat.
Sie erinnern mich an Mose. Als der heilige Mann auf dem Berge Pisga
anlangte, sah er das ganze Land der Verheißung vor seinen Augen. Es
war das Land, das er unter Murren und Auflehnung seines Volkes vier-
zig Jahre ständig ersehnt und erhofft hatte, mitten in den Härten der
Wüste. – Er sah es und betrat es nicht, sondern starb im Anblick dieses
Landes (Dtn 34,1-5). Er hielt das Glas Wasser an die Lippen und konnte
nicht trinken. O Gott, welch schmerzliche Sehnsucht mußte seine Seele
empfinden! Er starb aber viel glücklicher als so manche, die im
verheißenen Land starben. Denn Gott erwies ihm die Ehre, ihn selbst zu
begraben (Dtn 5,6). Wenn Sie also sterben müßten, ohne vom Wasser der
Samariterin (Joh 4,15) getrunken zu haben, was läge schon daran? Wenn
unsere Seele nur zugelassen wird, in Ewigkeit an der Quelle und am
Born des Lebens zu trinken! (Ps 36,10). Ereifern Sie sich nicht in
eitlen Wünschen. Ja, ereifern Sie sich nicht einmal darüber, daß Sie sich
nicht mehr ereifern. Gehen Sie ganz ruhig Ihren Weg, denn er ist gut.
Sie müssen wissen, meine sehr teure Schwester, daß ich Ihnen dies schrei-

73
be, während viele Dinge mich ablenken. Wenn Sie mein Schreiben konfus
finden, ist das kein Wunder, denn ich bin es selber auch, aber Gott sei
Dank, ohne Unruhe.

Wollen Sie sehen, daß ich recht habe, wenn ich sage: „was Ihnen
fehlt, ist die volle Ergebung“? Sie wünschen wohl ein Kreuz, aber ein
selbstgewähltes; Sie wollen ein gewöhnliches, ein körperliches, eines von
dieser oder jener Art. Aber was ist das, meine sehr liebe Tochter? Ach
nein, ich wünsche, daß Ihr Kreuz und auch meines ganz das Kreuz Jesu
Christi sei (Joh 19,25; Gal 6,14), sowohl in der Art, wie es uns aufer-
legt wird, als auch in der Auswahl. Gott weiß wohl, was er tut und
warum er es tut: es ist zweifellos zu unserem Besten. Unser Herr überließ
zwar David die Wahl der Rute, die ihn züchtigen sollte (2 Sam 24, 12-14).
Gott sei gepriesen; aber mir scheint, ich hätte nicht gewählt, sondern alles
seiner göttlichen Majestät überlassen. Je mehr ein Kreuz von Gott kommt,
umso mehr müssen wir es lieben.

Nun aber, meine Schwester, meine Tochter, meine Seele (und das
ist, wie Sie wissen, nicht zuviel gesagt), sagen Sie mir, ist Gott nicht besser
als der Mensch? Ist der Mensch nicht ein wahres Nichts im Vergleich zu
Gott? (Jes 40,17). Und doch ist hier ein Mensch, – oder vielmehr das
reinste Nichts unter so vielen Nichtsen, der Gipfel aller Armseligkeit, – der
das Vertrauen, das Sie ohne jedes Gefühl auf ihn setzen, um nichts
weniger liebt, als wenn Sie alle Gefühle der Welt hätten. Wie sollte
dann Gott Ihren guten Willen nicht für gut finden, auch wenn er ganz
ohne Gefühl ist? Ich bin, sagt David (Ps 119,23), wie ein Schlauch am
Rauch des Feuers ausgedörrt; man weiß nicht, wozu er dienen soll. –
Aber mag es noch soviel Trockenheit und innere Leere geben, wenn wir
nur Gott lieben!

Mit all dem sind Sie aber noch immer nicht in dem Land, wo es über-
haupt kein Licht mehr gibt; manchmal ist es doch wieder Tag in der Seele
und Gott sucht Sie heim. Ist er nicht gut? Scheint es Ihnen nicht so? Ich
glaube, daß dieses Auf und Ab Ihnen alles nur sehr schmackhaft machen
soll. Ich heiße es aber doch gut, daß Sie dem guten Heiland Ihr Leid
klagen, aber liebevoll und ohne Ungestüm; er möge sich – wie Sie
sagen – wenigstens von Ihrem Geist finden lassen. Er gefällt sich darin,
daß wir ihm das Leid sagen, das er uns bereitet, und daß wir uns über
ihn beklagen, vorausgesetzt, daß es liebevoll und demütig geschehe
und ihm selbst gegenüber, wie es die kleinen Kinder tun, wenn ihre liebe

74
Mutter sie gezüchtigt hat. Indessen müssen wir noch ein wenig Leid ertragen
und zwar in aller Ruhe.
Ich halte es nicht für unrecht, den Heiland zu bitten: „Komm in unsere
Herzen!“ Nein, da ist auch gar kein Schein von Bösem.
Der Herr weiß auch, daß ich seit meiner Abreise aus Ihrer Stadt
niemals ohne Sie die heilige Kommunion empfing. Gott will, daß ich ihm
diene im Erdulden von Trockenheiten, Ängsten, Versuchungen, wie
Ijob und der hl. Paulus – und nicht im Predigen. Dienen Sie Gott so, wie
er es will. Sie werden sehen, daß er eines Tages alles tun wird, was Sie
wollen, ja noch mehr, als Sie je wünschen könnten.
In der halbstündigen geistlichen Lesung können Sie folgende Bücher
lesen: Granada, Gerson,13 „Das Leben Jesu Christi“ von Ludolf dem Kar-
täuser (aus dem Lateinischen ins Französische übersetzt), Mutter There-
sia, „Die Abhandlung über das Leiden“, die ich Ihnen bereits im vorher-
gehenden Brief angab.
Ach, werden wir nicht eines Tages alle zusammen im Himmel sein, um
Gott ewig zu preisen? Ich hoffe es und freue mich dessen.
Ihr dem Herrn gemachtes Versprechen, nie zu verweigern, um was Sie
in seinem Namen ersucht werden, soll Sie zu nichts anderem verpflich-
ten, als Gott ganz zu lieben. Das heißt: Sie könnten es wohl auch
falsch auslegen, wenn Sie mehr geben wollten, als recht ist, und wenn Sie
sinnlos gäben. Das Versprechen muß also so verstanden werden, daß Sie es
unter Wahrung des rechten Maßes erfüllen wollen. Und es sagt also nicht
mehr, als daß Sie Gott ganz lieben und sich bemühen wollen, so zu leben,
zu reden, zu tun und zu geben, wie er es will.
Ich behalte das Psalmenbuch und danke Ihnen für die Musik dazu. Ich
verstehe allerdings nicht das geringste davon, liebe sie aber sehr, wenn sie
zum Lobpreis des Herrn dient.
Fürwahr, wenn Sie wünschen, daß ich rasch antworte und – ohne Zeit
zu haben – Zeit zum Schreiben finden soll, so schicken Sie mir wieder
diesen guten Herrn (Rose); denn, offen gesagt, er hat mir letztesmal der-
art zugesetzt, daß es nicht zu überbieten war; er hat mir auch keinen
einzigen Tag Aufschub gewähren wollen. Ich möchte nicht Richter sein in
einem Prozeß, den er betreiben würde.
Ich kann die Anrede „Gnädige Frau“ nicht lassen. Der heilige Evange-
list Johannes gebraucht das gleiche Wort in dem Brief an Frau Elekta.
Wie könnte ich mir anmaßen, zu glauben, daß ich Ihnen in Liebe nä-
herstehe, als Johannes jener Frau Elekta. Und sollte ich mich weiser dün-
ken als der hl. Hieronymus, der seine fromme Eustochium gleichfalls

75
„Gnädige Frau“ nennt? Ihnen jedoch will ich verbieten, mich mit Mon-
seigneur anzureden. Wenn dies auch bei Ihnen gegenüber Bischöfen so üb-
lich ist, bei uns nicht, und ich liebe die Einfachheit.
Sie dürfen ruhig eine Heilige Messe wöchentlich zu Ehren Unserer
lieben Frau geloben. Ich möchte aber, daß dieses Versprechen nur für
ein Jahr gelte; Sie können es allenfalls erneuern. Beginnen Sie damit an
Maria Empfängnis, dem Tag meiner Weihe, an dem ich das große und
erschreckende Gelöbnis ablegte, mich dem Dienst der Seelen zu weihen
und, wenn nötig, für sie zu sterben. Der Gedanke daran müßte mich
erschaudern lassen. – Gleiches gilt auch vom Rosenkranz und vom Ave
maris stella.
In dieser Antwort achtete ich weder auf Ordnung noch auf Maß; der
Überbringer nahm mir ja jede Möglichkeit dazu.
Wie ich bereits eingangs erwähnte, erwarte ich jetzt in aller Ruhe
einen schweren Sturm, der mich ganz persönlich betrifft. Ich bin aber
dabei froh gestimmt und mit dem Blick auf die Vorsehung Gottes habe
ich die Hoffnung, daß dies zu seiner größeren Ehre, zu meinem inneren
Frieden und zu noch viel anderem dienen wird. Ich bin nicht sicher,
daß dieser Sturm wirklich hereinbricht, ich bin nur von ihm bedroht.
Aber wozu sage ich Ihnen das? Weil ich nicht anders kann; mein Herz
muß sich dem Ihren weit öffnen; und da ich in der Erwartung des
Kommenden voll Trost und Hoffnung auf einen glücklichen Ausgang
bin, warum sollte ich es Ihnen nicht sagen? Aber nur Ihnen allein, ich
bitte Sie.
Ich bete innig für unseren Celse-Benigne und für die kleine Mädchen-
schar; ich empfehle mich auch ihren Gebeten. Vergessen Sie nicht, für
mein Genf zu beten, daß Gott es bekehre. Bringen Sie dem guten geistli-
chen Vater – Sie wissen, wen ich meine – in allem große Hochachtung und
Ehrfurcht entgegen, ebenso dem Kreis seiner Schützlinge, damit diese bei
Ihnen nur echte Sanftmut und Demut sehen. Wenn man Ihnen Vor-
würfe macht, bleiben Sie ruhig, bescheiden und geduldig. Was Sie sagen,
soll wahrer Demut entspringen. So muß es sein.
Gott sei immerdar Ihr Herz, Ihr Geist, Ihre Ruhestätte, und ich bin,
Gnädige Frau, Ihr sehr ergebener Diener im Herrn ...
Meine kranke Mutter grüßt Sie ergebenst und stellt Ihnen ihre beschei-
denen Dienste und die ihres ganzen Hauses zur Verfügung. Ich bin so in
Eile, daß ich die Seiten verwechselt habe, aber Sie können alles an Hand
der Nummern ordnen. Gott sei Ehre und Ruhm! (1 Tim 1,17).
Am Tag der Darbringung unserer Lieben Frau, 21. November 1604.

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Heute früh, am Fest der hl. Cäcilia, füge ich noch etwas hinzu: Der
Ausspruch unseres hl. Bernhard: „Die Hölle ist voll von guten Vor-
sätzen und Wünschen“, soll Sie in keiner Weise beunruhigen. Es gibt
zwei Arten von guten Vorsätzen: Der eine sagt: „Ich möchte es eigent-
lich tun, aber es ist mir lästig, ich werde es darum nicht tun.“ Der andere
sagt: „Ich will gewiß gut handeln, aber ich habe nicht so viel Kraft wie
guten Willen, und das hält mich auf.“ Die erste Art von Vorsätzen
füllt die Hölle, die zweite den Himmel. Die erste enthält nur einen Ansatz
zum Wollen und Streben, führt aber das Wollen nicht zu Ende; sol-
chen Wünschen fehlt es an Mut, es sind nur „Fehlgeburten“ des Willens,
darum füllen sie die Hölle. Die zweite Art aber bringt ganze und klar
geformte Wünsche hervor. Darum wurde Daniel „Mann der Wünsche“
genannt.
Unser Herr möge Ihnen den dauernden Beistand seines Heiligen Gei-
stes schenken, meine Schwester und ganz liebe Tochter!

Annecy, 18. Februar 1605.14


Gnädige Frau!
Ich preise Gott für Ihre Ausdauer beim Ertragen Ihrer Prüfungen. Den-
noch sehe ich noch immer etwas Unruhe und Hast, die Ihre Geduld nicht
zur vollen Wirkung gelangen lassen. „In Geduld“, sagt der Sohn Gottes,
„werdet ihr eure Seelen besitzen“ (Lk 21,19). Die Geduld also bewirkt,
daß man seine Seele besitzt. Je vollkommener die Geduld, desto ausschließ-
licher und vollkommener ist die Herrschaft über die Seele. Die Geduld
aber ist umso vollkommener, je weniger sie mit Unruhe und Hast durch-
setzt ist. Gott möge Sie denn von diesen beiden Unvollkommenheiten
befreien, dann werden Sie auch bald von der anderen frei sein.
Aber nur Mut, meine sehr liebe Schwester, ich bitte Sie. Sie haben erst
drei Jahre die Mühe des Weges getragen und wollen schon Ruhe. Erin-
nern Sie sich doch zweier Dinge: 1. Die Kinder Israels lebten vierzig
Jahre lang in der Wüste, bevor sie in das Land ihrer Verheißung kamen,
und doch hätten für die ganze Wegstrecke sechs Wochen genügt. Aber es war
ihnen nicht erlaubt zu fragen, warum Gott diese vielen Umwege zuließ
und sie auf so rauhen Pfaden führte; die darüber murrten, starben vor
Erreichung des gelobten Landes (Num 16, 36 f). 2. Selbst Mose, den
Gott von allen am meisten liebte, starb angesichts des Landes der Ruhe.
Nur sehen durfte er es, doch seines Besitzes konnte er sich nicht mehr
erfreuen (Dtn 34 f).
Gebe Gott, daß wir wenig auf die Beschaffenheit des eingeschlagenen

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Weges achten und die Augen mehr auf den richten, der uns führt, und auf
das selige Land, dem er uns zuführt. Was liegt daran, ob es durch Wüsten
oder Fluren geht, wenn nur Gott mit uns ist und wir den Himmel errei-
chen. Glauben Sie mir bitte und lenken Sie sich möglichst ab von Ihrem
Kreuz. Wenn Sie es fühlen, betrachten Sie es nicht; denn sein Anblick
wird Ihnen mehr Besorgnis bereiten, als das Fühlen Ihnen Schmerz zufü-
gen wird. So verhüllt man auch jenen die Augen, an denen man eine größe-
re Operation vornehmen will. Es scheint mir nämlich, daß Sie etwas zu-
viel bei der Betrachtung Ihres Kreuzes verweilen.
Sie sagen, es bereite Ihnen großes Leid, etwas zu wollen, es aber
nicht ausführen zu können. Ich möchte nicht sagen, man solle nur das
Ausführbare wollen. Ich sage Ihnen vielmehr: das Wollenkönnen ist be-
reits ein großes Können vor Gott. Gehen Sie Ihren Weg weiter, ich bitte
Sie, und denken Sie an die große Verlassenheit unseres Herrn im
Ölgarten. Betrachten Sie den Sohn, der vom Vater so sehr geliebt wird –
er bittet ihn um Tröstung, und da er erkennt, daß der Vater sie ihm
nicht gewähren will, denkt er nicht mehr daran, gerät nicht in Unruhe,
verlangt nicht mehr danach, sondern vollbringt, als hätte er nie darum
gebetet, tapfer und mutig das Werk unserer Erlösung.
Haben Sie also den Vater um Trost gebeten, und er will ihn nicht
gewähren, dann denken Sie nicht mehr darüber nach. Fassen Sie all
Ihren Mut zusammen, um das Werk Ihres Heils am Kreuz zu wir-
ken, als sollten Sie nie mehr herabsteigen und die Freude haben, Ihr
Leben klar und heiter zu sehen. Was wollen Sie? Man muß Gott sehen
und mit ihm sprechen auch im Donnergrollen und Wirbelsturm (Ex
19,16). Man muß ihn im Busch, im Feuer und in den Dornen sehen. Um
dies zu können, ist es wahrhaft nötig, die Schuhe abzulegen und hoch-
herzig unseren Wünschen und Neigungen zu entsagen (Ex 5,2 f). Gottes
Güte aber berief Sie nicht auf diesen Weg, ohne Sie dafür zu stärken; an
ihm liegt es, das Werk zu vollenden (Phil 1,6). Der Weg ist freilich
etwas lang, dies erfordert aber die Natur des Werkes. Jedoch Geduld!
Kurz, fügen Sie sich ganz dem Willen Gottes – ihm zur Ehre. Glau-
ben Sie keineswegs, ihm anders besser dienen zu können; denn man
dient ihm niemals gut, wenn man ihm nicht so dient, wie er es will.
Nun aber ist es sein Wille, daß Sie ihm ohne Freude und ohne Gefühl,
mit Widerstreben und seelischen Krämpfen dienen. Solcher Dienst ge-
währt Ihnen keine Befriedigung, wohl aber ihm; er ist nicht nach
Ihrem Geschmack, wohl aber nach seinem. Stellen Sie sich vor, Sie
sollten niemals mehr von Ihren Ängsten befreit werden; was würden Sie

78
dann tun? Zu Gott sprechen: „Ich bin Dein (Ps 119,94); wenn mein
Elend Dir angenehm ist, so lasse es wachsen an Größe und Dauer!“ Ich
vertraue im Herrn, daß Sie so sprechen und nicht mehr darüber nachden-
ken, zumindest aber nicht mehr voll Unruhe sein werden. Tun Sie das
schon jetzt und gewöhnen Sie sich an Ihr Leiden, als sollten Sie immer mit
ihm zusammenleben. Sie werden sehen: wenn Sie nicht mehr daran den-
ken, davon frei zu werden, wird Gott daran denken; und wenn Sie
Ihr ungestümes Hindrängen abgelegt haben, wird Gott dafür herbeiei-
len. Dies möge einstweilen genügen, bis Gott mir Muße schenkt, ausführ-
lich darüber zu sprechen. Das wird geschehen, wenn wir auf ihn unseren
gesicherten Lebensweg gründen werden. So Gott will, soll dies beim
nächsten Wiedersehen sein.
Jene gute Seele, die Sie und ich so sehr lieben,15 läßt mich fragen,
ob sie auf die Anwesenheit ihres Seelenführers warten kann, um sich einer
Sache wegen anzuklagen, an die sie sich bei ihrer Generalbeichte nicht
mehr erinnert hat. Wie ich sehe, wünscht sie dies sehr. Sagen Sie ihr
bitte, daß dies auf keinen Fall geht; ich würde an ihrer Seele Verrat
üben, wollte ich diesen Mißbrauch erlauben. Sie soll sich vielmehr bei
ihrer nächsten Beichte gleich zu Beginn dieser vergessenen Sünde an-
klagen (das gleiche gilt, wenn es sich um mehrere Sünden handelt), of-
fen und einfach, ohne etwas anderes aus ihrer Generalbeichte zu wieder-
holen, die doch recht gut war. Sie möge sich also wegen der vergessenen
Dinge in keiner Weise beunruhigen. Nehmen Sie ihr die falsche Vorstel-
lung, die in dieser Frage Ursache ihrer Sorge ist. Der erste und wichtig-
ste Punkt der christlichen Einfachheit liegt doch wahrhaftig in jener
zwanglosen Art, sich seiner Sünden anzuklagen, wenn es notwendig ist;
und zwar offen und unverhüllt, ohne das Ohr des Beichtvaters zu fürch-
ten, das nur da ist, um Sünden und nicht Tugenden zu hören, und
zwar Sünden aller Art.
Sie möge sich also mutig und unverzagt in diesem Sinne ihrer Last
entledigen mit großer Demut und Selbstverachtung, ohne Furcht; sie soll
ihre Armseligkeit dem zeigen, durch dessen Vermittlung Gott sie hei-
len will. Wenn sie vor ihrem ständigen Beichtvater zu viel Scham und
Furcht empfindet, mag sie anderswohin gehen; aber ich wünsche darin volle
Einfachheit. Ich glaube übrigens, daß das, was sie zu sagen hat, in
Wirklichkeit etwas ganz Unbedeutendes ist und nur durch die Angst au-
ßergewöhnlich groß erscheint. Sagen Sie ihr das alles mit großer Liebe und
versichern Sie ihr, daß ich darin, wenn es möglich wäre, sehr gerne ihrem
Wunsch entspräche, da ich doch der heiligen Freiheit der Christen meine

79
Dienste geweiht habe. Falls sie sich beim nächsten Zusammentreffen mit
ihrem Seelenführer aus dem Bekenntnis dieses gleichen Fehlers etwas
Trost und Gewinn verspricht, könnte sie dies tun, obwohl es nicht notwen-
dig wäre; aber wie ich aus ihrem letzten Brief ersehe, wünscht sie es. Ich
hoffe, daß es ihr sogar nützlich sein wird, von neuem eine Generalbeichte
nach gewissenhafter Vorbereitung abzulegen. Doch soll sie erst kurz vor
ihrer Abreise damit beginnen. Es wäre sonst zu fürchten, daß sie in Ver-
wirrung gerät.
Sagen Sie ihr auch, ich bitte Sie, ich hätte gesehen, wie in ihr der Wunsch
wächst, sich eines Tages an einem Ort zu sehen, wo sie Gott mit Leib
und Stimme dienen kann. Dämmen Sie in ihr diesen Wunsch gleich zu
Beginn ein und erklären Sie ihr, daß er von zu großer Tragweite ist, um ihn
zu wiederholen oder erstarken zu lassen, bevor sie sich darüber mit ihrem
Seelenführer völlig ausgesprochen hat und bevor beide gemeinsam ver-
nommen haben, was Gott dazu sagt. Ich fürchte sonst, sie könnte sich
von vornherein zu sehr darauf festlegen. Es wäre nachher schwer, sie zu
jenem Gleichmut zurückzuführen, mit dem man das hören soll, was Gott
uns rät. Es ist mir recht, daß sie diesen Wunsch hegt, nicht aber, daß er
noch stärker wird. Glauben Sie mir, es ist immer besser, auf den Herrn
mit Gleichmut und innerer Freiheit zu hören. Das aber ist nicht mög-
lich, wenn dieser Wunsch noch zunimmt. Denn dann wird er alle inneren
Fähigkeiten beherrschen und der Vernunft bei ihrer Wahl seinen Willen
aufzwingen.
Ich bereite Ihnen viel Mühe, wenn ich Sie zur Überbringerin dieser
Botschaft mache; aber da Sie die Mühe auf sich nehmen, mir deren Fra-
gen vorzulegen, wird es Ihre Nächstenliebe nicht abschlagen, ihr meine
Antwort zu überbringen.
Bleiben Sie fest, ich bitte Sie darum; nichts soll Sie erschüttern. Noch
ist es „Nacht, doch der Tag bricht an“ (Röm 13,12); ja gewiß, er wird
kommen. Indessen sprechen wir mit David: „Erhebt eure Hände im Hei-
ligtum inmitten der Nacht und preist den Herrn!“ (Ps 134,2). Preisen wir
ihn von ganzem Herzen und bitten wir ihn, er möge uns Führer,
Barke und Hafen sein.
Ich will nicht auf alle Einzelheiten Ihres letzten Briefes eingehen,
sondern nur auf einige Punkte, die mir vordringlich erscheinen.
Sie dürfen nicht glauben, meine sehr liebe Tochter, daß die Ver-
suchungen gegen Glauben und Kirche von Gott kommen. Wer hat Sie
denn je gelehrt, daß Gott deren Urheber sei? Manche Dunkelheit, man-
ches Unvermögen und Gefesseltsein, manche Verlassenheit, manches Ver-

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sagen der Kräfte, mancher Ekel am geistlichen Leben, manche innere Bit-
terkeit, die den süßesten Wein der Welt bitter werden läßt: dies alles
könnte wohl von Gott kommen; nicht aber Versuchungen zu Gottes-
lästerung, Untreue oder Unglaube; nein, das kann nicht von Gott kom-
men (Jak 1,13); zu rein ist sein Herz, als daß es solche Absichten hegen
könnte.
Wissen Sie, wie Gott dabei verfährt? Er läßt zu, daß der böse Rän-
keschmied uns solche Erzeugnisse seines Geistes anbietet, damit wir
durch die ihm bekundete Verachtung unsere Liebe zu den göttlichen
Dingen erweisen. Soll man sich deswegen, meine liebe Schwester, meine
sehr teure Tochter, in Unruhe stürzen lassen? Darf man deshalb seine
Haltung ändern? O Gott, niemals! Denn der Teufel umschleicht unse-
ren Geist (1 Petr 5,8), lauernd und Verwirrung stiftend; er schaut, ob er
nicht irgendeine Tür offen findet. So ist er bei Ijob, beim hl. Antonius,
bei der hl. Katharina von Siena und bei einer Menge guter Seelen vorge-
gangen, die ich kenne. Was nun? Soll man sich deswegen ärgern? –
Lassen Sie ihn nur sich langweilen, meine gute Tochter, und halten
Sie alle Zugänge fest verschlossen; am Ende wird er müde werden;
wenn aber nicht, dann wird Gott ihn zwingen, die Belagerung aufzu-
geben. Erinnern Sie sich an das, was ich Ihnen bereits früher gesagt habe
(ich glaube es wenigstens): es ist ein gutes Zeichen, wenn der Teufel
soviel Lärm und Getöse um den Willen herum macht. Das ist ein Zei-
chen dafür, daß er nicht drinnen ist.
Nur Mut, meine liebe Seele! Ich sage dieses Wort mit einem starken
Empfinden und in Jesus Christus: meine liebe Seele, Mut! Solange wir
entschlossen – wenn auch ohne Gefühl – sagen können: „Es lebe Jesus!“,
brauchen wir nichts zu fürchten. Wenden Sie nicht ein, daß Ihre Worte
Ihnen müde vorkommen, ohne Kraft und Mut. Sie müßten sich dafür
förmlich Gewalt antun. O Gott, das ist sie ja doch, jene heilige Gewalt,
die das Himmelreich an sich reißt (Mt 11,12). Sehen Sie, meine Tochter,
meine Seele, das ist ein Zeichen, daß der Teufel in unserer Festung alles
eingenommen und besetzt hat, außer den uneinnehmbaren und unbe-
zwingbaren Turm, der nur durch sich selbst verlorengehen kann. Dies ist
jener freie Wille, der, ganz entblößt vor Gott, im höchsten und gei-
stigsten Teil der Seele herrscht, von nichts anderem abhängig als von
sich selbst. Mögen auch alle anderen Fähigkeiten der Seele verloren und
vom Feind besetzt sein, der Wille allein bleibt Herr seiner selbst und
ergibt sich nicht.
Sehen Sie, wie manche Seelen voll Kummer sind, weil der Feind

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alle anderen Fähigkeiten besetzt hält und da drinnen schrecklichen Lärm
schlägt? Kaum vermag man zu hören, was in jenem höchsten Willen ge-
sagt und getan wird, obwohl seine Stimme viel klarer und lebendiger ist
als die des niederen Willens; doch diese ist so schreiend und laut, daß sie
die Klarheit der anderen erstickt. Merken Sie sich dies: solange die Ver-
suchung Ihnen mißfällt, ist nichts zu befürchten; warum mißfällt sie
Ihnen denn? Doch wohl, weil Sie sie nicht wollen!
Jedenfalls kommen diese lästigen Versuchungen von der Bosheit des
Teufels; Leid und Qual aber, die wir dabei empfinden, von der Barmher-
zigkeit Gottes, der gegen den Willen seines Widersachers aus dessen Bos-
heit eine heilige Betrübnis schafft, durch die er das Gold läutert, das er
dann in seine Schatzkammern legen will (Weish 3,5 f). Ich sage darum so:
Ihre Versuchungen stammen vom Teufel und von der Hölle, Ihr Leid und
Ihr Kummer aber von Gott und dem Himmel; die Mütter sind aus Baby-
lon, die Töchter aus Jerusalem. Verachten Sie die Versuchung, umfangen
Sie die Prüfung. – Wenn ich einmal viel Muße habe, will ich Ihnen schil-
dern, welchen Schaden solche Geisteshemmungen anrichten; das läßt sich
nicht mit einigen Worten abtun.
Befürchten Sie bitte keineswegs, mir irgendwelche Mühe zu machen;
im Gegenteil, ich muß bekennen, daß es mir sehr großen Trost verschafft,
zu einem Dienst für Sie gedrängt zu werden. Schreiben Sie nur getrost, oft
und ohne Ordnung und so unbefangen wie möglich; es wird mir immer
sehr viel Freude bereiten.
In einer Stunde etwa reise ich nach einem kleinen Marktflecken ab,
wo ich predigen soll; Gott will sich eben meiner bedienen im Leiden und
im Predigen; er sei immerdar gepriesen! Der Sturm, von dem ich
sprach, ist noch nicht hereingebrochen, aber die Wolken liegen noch dun-
kel und gewitterschwer über meinem Haupt.
Das Vertrauen, das Sie mir schenken, könnte nie zu groß werden.
Ich bin ja ganz und unwiderruflich in Jesus Christus der Ihre. Oft und oft
des Tages wünsche ich Ihnen die Fülle seiner Gnaden und seines Segens.
Leben und sterben wir in ihm und für ihn! Amen.
Ihr im Herrn ganz ergebener Diener ...

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La Roche, Ende Februar 1605.
Gnädige Frau!
Der Wunsch, das Wohl Ihrer Seele zu fördern, bereitet mir solch
tiefe Freude, daß nichts, was ich unter diesem Antrieb tue, mir schaden
könnte. Sie schreiben, daß Sie noch immer Ihr schweres Kreuz zu tragen
haben, daß seine Last aber weniger drückt, weil Sie mehr Kraft besitzen. O
Heiland der Welt, so ist es recht; man muß sein Kreuz tragen (vgl. Lk
14,27); wer das größere hat, ist besser daran. Möge uns Gott noch größere
auferlegen, möge es ihm aber auch gefallen, uns größere Kraft zum Tra-
gen zu verleihen. Mut also! „Wenn du Vertrauen hast, wirst du die
Herrlichkeit Gottes schauen!“ (Joh 11,40).
Diese Zeilen sind keine Antwort, dazu komme ich noch nicht; ich er-
wähne nur kurz Ihre Briefe. Heute kann ich auch noch nichts über den
Empfang der heiligen Kommunion beilegen; aber wenn möglich, das näch-
ste Mal.
Ich sah einmal ein Bildchen: ein Herz, darüber das Jesuskind. Herr,
sagte ich, nimm doch in gleicher Weise Besitz vom Herzen dieser Toch-
ter, die Du mir und der Du mich gegeben hast. An diesem Bild gefiel
mir die Haltung Jesu: er saß und ruhte. Das stellte mir eine gewisse
Beständigkeit dar. Es gefiel mir auch, daß er als Kind abgebildet
war; das ist das Alter, in dem die Menschen ganz einfach und voll
Liebreiz sind. Als ich dann die heilige Kommunion empfing und
wußte, daß Sie es auch taten, wies ich dem hohen Gast diesen Platz an
bei Ihnen und bei mir.
Gott sei in allem und durch alles gepriesen, er möge sich unserer Her-
zen für alle Ewigkeit bemächtigen! Amen.
Ihr im Herzen unseres Herrn ganz ergebener Diener ...

Annecy, um den 20. April 1605.


Gnädige Frau, meine sehr liebe Schwester!
Nun will ich Ihnen kurz auf Ihre letzten Briefe antworten. Da Sie
entschlossen sind, mich in der Zeit bis Pfingsten zu treffen, und sich davon
viel Gewinn versprechen, so kommen Sie denn im Namen Gottes. Als
Treffpunkt würde ich Ihnen Thorens bei meiner Mutter vorschlagen; denn
hier in der Stadt könnte ich Ihnen nicht eine Minute meiner Zeit zusi-
chern. Als Tag wäre mir der Samstag nach Christi Himmelfahrt recht,
damit ich Ihnen die darauffolgenden vier oder fünf Tage ungestört schenken
kann. Zu Pfingsten muß ich wieder in Annecy sein, um den Gottesdienst zu
halten und meinen Pflichten nachzukommen. Ich kann nicht sagen, ob die

83
Prüfung Ihres ganzen Seelenzustandes längere Zeit in Anspruch nehmen
wird. Das wird sich zeigen, ob wir etwas mehr oder weniger Zeit brau-
chen.
Sollte ein Hindernis auftreten, das Sie zwingt, Ihr Kommen zu ver-
schieben, brauchen Sie mich nicht durch einen eigenen Boten verständi-
gen, sondern bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit. Nach Pfing-
sten bin ich nämlich auf Visitation. Ich halte mich bis zum Marien-
fest im September nirgends länger auf. Auch dann werde ich nur vier-
zehn Tage hier sein. Sie haben also bis dahin genug Möglichkeit, mich zu
benachrichtigen. Ich sage das für den Fall, daß der Grund der Ver-
zögerung an sich nicht wichtig genug ist, mir zu schreiben. Handeln
Sie aber hierin, wie Sie es für richtig finden, mich zu benachrichtigen
oder nicht.
Bereiten Sie alles Erforderliche gut vor, damit diese Reise Frucht
bringe und die Begegnung für mehrere Jahre genüge. Vertrauen Sie die
Reise dem Herrn an. Stöbern Sie in allen Falten, durchsuchen Sie alle
Triebfedern Ihrer Seele und erwägen Sie alles, was in Ordnung ge-
bracht oder aufgegeben werden muß. Ich meinerseits werde Gott mehrmals
das Meßopfer darbringen, um von seiner Güte die notwendige Erleuch-
tung und Gnade für diesen Dienst zu erlangen. Vor allem möchte ich
Ihnen ans Herz legen: Bringen Sie großes Vertrauen mit, ein ganz großes
und vollkommenes Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit, aber auch
auf meine Liebe. Doch ich weiß, daß Sie Ihre Vorbereitungen in dieser
Weise bereits getroffen haben.
Wenn es Ihnen nützlich erscheint, Ihre Erinnerungen und Über-
legungen aufzuschreiben, so bin ich sehr dafür. Bringen Sie recht viel
Gleichmut und Verleugnung Ihres Eigenwillens mit, nämlich den festen
Wunsch und Entschluß, den Eingebungen und Weisungen Gottes zu ge-
horchen, welcher Art immer sie sein mögen. Das wird das Beste sein,
denn Gott wirkt nur in den Seelen, die ganz sein und nicht von An-
hänglichkeiten und Eigenwillen beherrscht sind. Vor allem aber achten Sie
darauf, bei dieser Vorbereitung nicht in Unruhe zu geraten. Machen Sie
diese gelassen und in Freiheit des Geistes. Was die Unruhe über Ihre Ver-
suchungen gegen den Glauben betrifft, so halten Sie sich nicht dabei auf,
sondern warten Sie zu, bis Sie selber hier sind. Das wird noch immer früh
genug sein. Reisen Sie nicht ohne Zustimmung Ihres Beichtvaters ab;
ich denke, daß Sie ihm von Ihren Plänen Mitteilung machten, ehe Sie
sich dazu entschlossen haben.

84
Außerdem muß ich Sie um einen Gefallen bitten. Meine Mutter wünscht
sehnlichst, meine junge Schwester nach Puits d’Orbe zu schicken, damit
sie in eine andere Umgebung komme und am frommen Leben Geschmack
finde. Sie möchte aber in keiner Weise, daß der Frau Äbtissin oder ihrem
Haus irgendwelche Unannehmlichkeiten daraus erwachsen, außer der
Sorge um ihr gutes Verhalten. Deshalb bitte ich Sie, mir mitzuteilen,
was in dieser Hinsicht alles getan werden muß, ohne daß die Frau
Äbtissin es weiß, damit alles ordnungsgemäß vor sich geht und meine
Schwester noch den Vorteil hat, Sie bei Ihrer Rückreise begleiten zu
können. Ich bereite Ihnen Mühe, aber es geschieht für ein Werk der
Nächstenliebe.
Nun kann ich nur noch Gott bitten, er möge Sie auf dieser Reise und
in all Ihren Vorhaben führen und leiten. Ich bitte ihn darum aus ganzem
Herzen, Sie aber, meine liebe Schwester, bitte ich, freudig zu kommen
in ihm, der Ihre Freude und Ihr Trost ist.
Wenn Sie wüßten, wie ich Ihnen schreibe, würden Sie das Durcheinander
meiner Worte und meines Stiles wohl entschuldigen; aber das ist gleich.
Ich schreibe, ohne viel nachzudenken, aber nicht ohne ein Herz voll inni-
ger Liebe für Ihr Wohl und Ihre Vollkommenheit. Mut, meine Schwe-
ster, Gott wird sich Ihnen gut und gnädig erweisen!
Ich bin Ihr in seinem Namen ganz ergebener Diener. Amen ...
Von Saint Claude führt Ihr Reiseweg direkt nach Gex, wohin ich
Ihnen einen Mann entgegenschicke, der Sie zu meiner Mutter begleiten
wird. Von Gex werden Sie nach Genf kommen, wo Sie sich nicht auf-
halten müssen, wenn Sie nicht wollen. Sonst können Sie aber ruhig
dort Halt machen, denn es besteht keine Gefahr. – Von dort führt Ihr
Weg nach Thorens. Von Saint Claude nach Gex sind es nur sechs Meilen
und von Gex nach Thorens sieben. Der Mann, der Ihnen entgegenreist,
wird Sie führen. Ich würde Sie lieber schon am Vortag von Christi
Himmelfahrt erwarten, als am darauffolgenden Samstag.
Ich lud Sie für den Vorabend von Christi Himmelfahrt ein, aber als
ich den Brief zumachte, kamen Kartäuser-Patres und beschworen mich,
in einem nahen Kloster die Jungfrauenweihe vorzunehmen. So wird der
Tag, an dem ich Sie erwarte, doch der Samstag nach Christi Himmelfahrt
sein. Gott stehe Ihnen bei! Es ist der 21. Mai.

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Mélan, 19. Mai 1605.16
Meine liebe Tochter!
Dieser Mann kommt Ihnen nach Gex entgegen, um Sie an Ihrem
letzten Reisetag zu begleiten. Könnte ich ebenso leicht abkommen wie er,
hätte ich Sie selbst abgeholt. Kommen Sie freudig, Gott erwartet Sie!
Ich flehe ihn an, er möge Sie stets begleiten.
Ich will nun dem Herrn die Jungfrauen weihen; im Geiste werde ich
mit diesen auch eine Witwe weihen, der ich Reinheit, Verdienst und Lohn
der Jungfrauen wünsche.
In Mélan, am Tag Christi Himmelfahrt.
Jener, dessen Seele Gott Ihnen gibt ...

Annecy, 29. Mai 1605.


Meine Tochter!
Hier schicke ich Ihnen ein Bildchen. Es stellt Ihre heilige Äbtissin17
dar, da sie noch im Kloster der Verheirateten war, und ihre gute Mutter,
wie sie aus dem Kloster der Witwen zu ihr auf Besuch kommt. Sehen
Sie, wie die Tochter die Augen gesenkt hält; weil sie die des göttlichen
Kindes nicht sehen kann. Die Mutter dagegen hebt den Blick, weil er auf
die Augen ihres Kindchens gerichtet ist. Die Jungfrauen erheben ihren
Blick nur, um die Augen ihres Bräutigams zu sehen, und die Witwen
senken den Blick, es sei denn, daß ihnen die gleiche Ehre zuteil wird.
Ihre Äbtissin ist herrlich geschmückt mit einer Krone auf dem Haup-
te, aber sie achtet ihrer nicht; sie schaut auf ein paar kleine Blumen
nieder, die auf die Stufen ihres Thrones gestreut sind. Die gute Groß-
mutter hat neben sich am Boden einen Korb voll Früchte stehen. Ich
glaube, das sind die Werke der Heiligkeit, vollbracht durch die demüti-
gen und kleinen Tugenden, die sie ihrem Kindchen überreichen will,
sobald sie es auf ihren Armen tragen wird.
Außerdem sehen Sie, wie das liebe Jesuskind sich niederneigt, seiner
Großmutter zugewandt, obwohl diese eine Witwe ist, keinen Kopf-
schmuck und nur einfache Kleidung trägt. Und wenn Sie genau
hinschauen, hält das Kind eine Welt in seinen Händen, die es behut-
sam nach links dreht, denn es weiß wohl, daß sie nicht Sache der Witwen
ist; mit der anderen Hand aber gibt es ihr den heiligen Segen.
Halten Sie sich an diese Witwe und haben auch Sie Ihren kleinen
Korb. Wenden Sie Augen und Arme dem Kind zu. Seine Mutter, Ihre
Äbtissin, wird es Ihnen darreichen. Es wird sich gerne zu Ihnen herab-
neigen und Sie gnadenvoll segnen. Ach, wie sehr wünsche ich dies doch,

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meine Tochter! Meine ganze Seele ist durchdrungen von diesem Wunsch; und
ewig wird es so sein.
Leben Sie froh in Gott und grüßen Sie Ihre Äbtissin und liebe Herrin
recht demütig von mir. Der gute Jesus throne in Ihrem und in meinem
Herzen gemeinsam! Er möge dort immerdar leben und herrschen. Amen.

Annecy, Anfang Juni 1605.


Meine liebe Tochter!
Ich vergaß Ihnen zu sagen, daß Sie die Gebete zum hl. Johannes,
Franziskus und andere auch auf französisch beten können – wenn Sie
dies mehr anspricht. Ich bin ganz damit einverstanden. Bleiben Sie in
Frieden, meine Tochter, in inniger Vereinigung mit Ihrem göttlichen
Bräutigam.
Wie froh ist doch meine Seele über die Bußübungen, die wir in diesen
vergangenen, so glücklichen, gnadenreichen (2 Kor 6,2) und denkwürdi-
gen Tagen vollbracht haben. Ijob (3,5) wünscht, daß der Tag seiner
Geburt ausgelöscht und für immer vergessen sein möge; ich aber, meine
Tochter, wünsche, daß diese Tage, an denen Gott Sie ganz zu der Seinen
gemacht hat, immerfort in Ihrem Geiste weiterleben und die Erinne-
rung daran ewig dauern möge. Ja, meine Tochter, es sind Tage, an die
wir uns zweifellos in alle Ewigkeit mit Freude erinnern werden, voraus-
gesetzt, daß unsere mit soviel Kraft und Mut gefaßten Entschlüsse unter
dem kostbaren Siegel, das ich eigenhändig aufgedrückt habe,18 verschlos-
sen bleiben. Meine Tochter, ich will, daß wir alle Jahre diese Gedenkta-
ge feiern durch besondere zusätzliche Übungen. Ich will, daß wir sie
die Tage unserer Weihe nennen, denn an diesen Tagen haben Sie Ihre
Seele ganz Gott geweiht.
Nun soll Sie nichts mehr beunruhigen, meine Tochter; sagen Sie mit
dem hl. Paulus: „Weiterhin soll mir niemand Mühe bereiten; ich trage
die Male Jesu, des Herrn an meinem Leib“ (Gal 6,17), das heißt: Ich bin
seine Dienerin, ihm geweiht, ihm zugeeignet, ihm geopfert. Behüten Sie
wohl die Klausur Ihres Klosters; lassen Sie Ihre Gedanken nicht da
und dort hinausschweifen, denn das alles bedeutet eine Zerstreuung des
Herzens. Beachten Sie gewissenhaft die Regel und glauben, ja glauben
Sie es wahrhaftig, daß der Sohn Ihrer Äbtissin ganz der Ihre sein wird.
Pflegen Sie möglichst viel die Verbindung mit der Frau von Puits
d’Orbe und Madame Brulart, denn es scheint mir für diese von Nutzen
zu sein.

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Daraus, daß ich Ihnen bei jeder Gelegenheit schreibe, werden Sie wohl
zur Genüge erkennen, daß ich im Geiste bei Ihnen bin. Das ist die
Wahrheit. Nein, niemals wird mich irgendetwas von Ihrer Seele trennen
können; so stark ist das Band. Selbst der Tod wird es nicht zu lösen
vermögen; denn es besteht aus einem Stoff, der von ewiger Dauer ist.
Ich bin sehr erfreut, meine liebe Tochter, Sie voll Verlangen nach Ge-
horsam zu sehen; das ist ein Wunsch von unvergleichlichem Wert. Er
wird Ihnen in all Ihren Nöten ein fester Halt sein. Aber, meine sehr teure
Tochter, achten Sie nicht auf den, dem Sie gehorchen, sondern auf den, um
dessentwillen Sie es tun. Ihr Gelübde ist Gott gemacht, wenngleich es
einen Menschen betrifft. Mein Gott, haben Sie keine Angst, daß seine
Vorsehung Sie jemals im Stich ließe. Nein, eher würde Ihnen Gott, wenn
nötig, einen Engel schicken, Sie zu führen, als daß er Sie ohne Führung ließe,
da Sie doch mit soviel Mut und Entschlossenheit gehorchen wollen. Verlassen
Sie sich, meine liebe Tochter, auf diese väterliche Vorsehung. Geben Sie
sich ihr ganz anheim; ich aber werde mich möglichst schonen und so
mein Wort halten, damit ich mit Gottes Gnade Ihnen lange diene. Aber
dieser göttliche Wille geschehe immerdar. Amen.

Annecy, 3. Juli 1605.


Sie fragten mich, wie ich mir denke, daß Sie sich gegen den Herrn
verhalten sollen, der Ihren Gatten tödlich getroffen hatte. Ich antworte
der Reihe nach:
Sie brauchen weder Tag noch Gelegenheit zu einer Begegnung suchen;
wenn sie sich aber ergibt, will ich, daß Sie ein gütiges, liebenswürdiges
und mitfühlendes Herz mitbringen. Ich weiß, daß dieses Herz heftig zucken
und aufbegehren und daß Ihr Blut in Wallung geraten wird. Aber was ist
das schon? Ähnlich erging es auch dem Herzen unseres Herrn beim
Anblick seines toten Freundes Lazarus und bei der Vorausschau auf
sein Leiden (Joh 11,33.38; 13,21). Was aber sagt die Schrift: Daß er in
beiden Fällen die Augen zum Himmel erhob (Joh 11,41; 17,1). Das ist
es, meine Tochter: Gott läßt uns in solchen Erregungen erkennen, wie sehr
wir aus Fleisch, aus Gebein und Geist bestehen. Ich bin eben im Begriff,
über das Evangelium vom Verzeihen und von der Feindesliebe zu predi-
gen (Mt 5,20-44). Ich bin ergriffen, wenn ich sehe, welche Gnaden mir
Gott schenkt nach sovielen Beleidigungen, die ich ihm zugefügt.
Ich habe mich deutlich genug ausgedrückt. Ich wiederhole: Sie brauchen
eine Begegnung mit diesem armen Menschen nicht zu suchen, aber Sie

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sollen auch bezeugen, daß Sie alles in Liebe annehmen, selbst den Tod
Ihres Gatten; auch den Ihrer Väter, Kinder und Angehörigen, sogar
Ihren eigenen Tod, im Tod und in der Liebe unseres gütigen Heilands.
Mut, meine Tochter, schreiten wir voran und üben wir diese kleinen
und unscheinbaren, aber soliden, heiligen und ausgezeichneten Tugen-
den. Gott befohlen, meine Tochter; bleiben Sie in Frieden, stellen Sie sich
auf die Fußspitzen und strecken Sie sich weit dem Himmel entgegen!

Annecy, 21. Juli 1605.


Sie haben meine kurzen Briefe, die ich Ihnen unterwegs schrieb, mit
so hoher Freude aufgenommen, daß ich Ihnen jetzt mehrere dieser
Art schicken werde und keine Gelegenheit vorübergehen lassen will,
ohne Ihnen viel oder weniger zu schreiben.
Was soll ich Ihnen sagen, meine liebe Tochter? Morgen, am Magda-
lenentag, werde ich vor unseren guten Töchtern von St. Klara predigen;
Ihnen aber sage ich: einst sprach Magdalena zu unserem Herrn, weinte
und verlangte nach ihm; sie glaubte, von ihm getrennt zu sein, und war
so erregt, daß sie ihn sah und doch nicht sah (Joh 20,11-16). Nur Mut!
Kein ungestümes Hasten! Wir haben unseren gütigen Jesus bei uns, wir
sind nicht von ihm getrennt – wenigstens hoffe ich dies fest. „Weib,
warum weinst du?“ (Joh 20,15). Nein, wir dürfen nicht mehr weibisch
sein, wir müssen ein männliches Herz haben. Wenn unsere Seele den
festen Willen hat, im Dienst Gottes zu leben und zu sterben, werden uns
weder Dunkelheit, noch Schwäche, noch Hindernisse erschrecken kön-
nen. Was diese betrifft: Magdalena wollte den Herrn umfassen, der güti-
ge Meister aber stellt eine Schranke auf, da er spricht: Nein, „rühre mich
nicht an! Denn ich bin noch nicht zum Vater aufgefahren!“ (Joh 20,17).
Dort oben wird es keine Schranken mehr geben, hier aber müssen wir
solche hinnehmen. Es muß uns genügen, daß Gott unser Gott ist und
unser Herz seine Wohnung (vgl. Eph 3,17; 2 Kor 6,16).
Soll ich Ihnen erzählen, welcher Gedanke mir kürzlich in früher Mor-
genstunde kam, die ich Ihrem Wunsch gemäß meiner schwachen Seele
vorbehalte? Ich betrachtete die Bitte im Gebet des Herrn: Sanctificetur
nomen tuum – Geheiligt werde dein Name (Mt 6,9). Mein Gott, sagte
ich, wer wird mir das Glück verleihen, eines Tages den Namen Jesus in
den tiefsten Grund des Herzens jener eingegraben zu sehen, die sein
Zeichen auf ihrer Brust trägt? O wie hätte ich gewünscht, das Eisen der
Lanze unseres Herrn in einer Hand und Ihr Herz in der anderen zu

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halten! Ich hätte zweifellos dieses Werk vollbracht. Ich dachte auch an die
Paläste in Paris, auf deren Fassade die Namen der Fürsten, denen sie ge-
hören, geschrieben stehen, und ich empfand Freude bei dem Gedanken,
daß die Wohnung Ihres Herzens Jesus Christus zu eigen ist. Möge er
hier ewig wohnen!
Beten Sie viel für mich, der ich so sehr und in unvergleichlicher
Weise der Ihre bin ...
Ihren Leuten hier geht es gut, aber niemand weiß davon, daß ich
Ihnen schreibe. Ich bin voll Hoffnung auf die Güte Gottes, daß wir ganz
die Seinen sein werden; ich bin voll Freude und Mut: ist Gott nicht
ganz unser? Amen. Es lebe Jesus!
Bei erster Gelegenheit werde ich an die Frau von Puits d’Orbe schreiben;
aber jetzt geht es nicht.

Annecy, 1. August 1605.


Nein, bei Gott, meine sehr liebe Tochter, nein, ich werde wegen Ihres
häufigen Unvermögens nicht Mühe, Angst und Zweifel haben; auch
nicht wegen des Übels in Ihrem Kopf. Ich bin jetzt nicht mehr so ängst-
lich; die Geburtswehen sind vorüber. Was kann ich jetzt für Sie noch
fürchten? Nein, was Ihren Seelenzustand betrifft, ist in mir ein „ich
weiß nicht was“, das mir ein beruhigendes Gefühl gibt.
Rahel, die keine Kinder haben konnte, gab ihrem Mann die gute Magd
Bilha zur zweiten Frau (in jener Zeit war es erlaubt, mehrere Frauen zu
haben, damit sich das Volk Gottes rasch vermehre). Bilha gebar auf den
Knien Rahels; dann nahm Rahel deren Kinder zu sich und behielt sie als
ihre eigenen (Gen 30), so daß Bilha, die zweite Frau, mit ihnen keine
Sorge mehr hatte, zumindest keine große Sorge.
O meine Tochter, so ist mir, als hätte ich Sie ein für allemal glück-
lich auf den Knien der schönen Rahel, unserer vielgeliebten und heiligen
Äbtissin, zur Welt gebracht; sie nahm Sie zu eigen, sodaß ich nicht mehr
die Hauptsorge für Sie trage. Bleiben Sie auf ihren Knien oder vielmehr
demütig zu ihren Füßen kniend. Das ist ein Grund, weshalb ich nicht für
Sie fürchte.
Ein zweiter Grund ist, daß es einfach nichts zu fürchten gibt. Beim
Tod unseres gütigen Herrn „brach eine Finsternis über das ganze
Land herein“ (Mt 27,45). Ich denke, daß Magdalena, die mit Ihrer Äbtis-
sin zugegen war, tief unglücklich wurde, weil sie nun ihren lieben
Herrn nicht mehr klar und deutlich sehen konnte; sie nahm ihn nur
noch dunkel am Kreuz wahr, stellte sich auf die Fußspitzen und heftete ihre

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Augen innig auf ihn, aber sie sah nur einen fahlen und verschwom-
menen Schein. Dennoch war sie ihm genau so nahe wie zuvor. – Lassen
Sie es nur geschehen, es wird alles gut werden. Möge sich noch so oft
Finsternis ausbreiten, wir sind doch nahe dem Licht; mögen wir noch so
oft unsere Ohnmacht fühlen, wir sind doch zu Füßen des Allmächtigen.
Es lebe Jesus! Mögen wir uns nie mehr von ihm trennen, weder im Dunkel
noch im Licht! (Röm 8,35-39).
Sie wissen nicht, was ich darüber denke, daß Sie von mir Mittel zur
Heilung erbaten? Ich kann mich nicht erinnern, daß unser Herr uns
aufgetragen hätte, das Haupt der Tochter von Zion zu heilen, sondern
nur ihr Herz. Nein, er hat niemals gesagt: „Sprich zum Haupt von Jeru-
salem“ (Jes 11,2). Ihr Herz ist in Ordnung, da Ihre Entschlüsse darin
lebendig sind. Bleiben Sie in Frieden, meine Tochter. Sie haben das
Erbe der Kinder Gottes. „Selig, die reinen Herzens sind, denn sie wer-
den Gott schauen“ (Mt 5,8); Jesus sagt nicht: „Sie schauen ihn“, son-
dern „sie werden ihn schauen.“
Dennoch ein kurzes Wort als Heilmittel. Laufen Sie innerhalb der
Schranken, die nun einmal aufgerichtet sind; Sie werden gleichwohl
den Preis gewinnen – und dies umso sicherer. Machen Sie sich keine
Sorgen. Geben Sie nicht Ihre ganze Kraft aus. Sie sagen ja selbst: „Auf
Regen folgt Sonnenschein“ (vgl. Tob 3,22). Seien Sie nicht so sehr auf
Ihren Geist bedacht. Bei ärgerlichen Nachrichten fühlt er also Unruhe.
Nun, es ist wirklich kein Wunder, daß der Geist einer armen kleinen
Witwe schwach und armselig ist. Aber wie sollte er denn sonst sein? Ein
hellschauender, starker, beständiger und fester Geist? Finden Sie sich
doch damit ab, daß Ihr Geist Ihrem Stand angemessen ist: der Geist einer
Witwe, d. h. unbedeutend und jeder Erniedrigung unterworfen, außer
jener, die in der Beleidigung Gottes liegt.
Neulich sah ich im Gefolge des Allerheiligsten eine Witwe. Während
die anderen große weiße Wachskerzen trugen, hatte sie nur ein kleines,
vielleicht selbstgefertigtes Talglicht, das überdies der Wind auslöschte.
Doch dies brachte sie weder in größere Nähe zum Allerheiligsten, noch
trennte es sie von ihm. Sie war genauso bald in der Kirche wie die
anderen.
Noch einmal: Seien Sie nicht so sehr auf Ihren Geist bedacht; Sie
tragen doch nicht allein an diesem Kreuz. Mein Gott, soll ich von mir zu
sprechen beginnen, da Sie es wünschen? In Wahrheit: den ganzen ge-
strigen Tag und heute Nacht habe ich ein ähnliches Kreuz getragen,
nicht in meinem Kopf, sondern im Herzen: aber jetzt ist es wieder von

91
mir genommen durch die soeben abgelegte Beichte. Gestern den ganzen
Tag über war mein Wille wirklich so kraftlos, daß eine Milbe ihn
hätte umwerfen können. Aber selbst wenn Sie ganz allein für sich ein
Kreuz hätten, was wäre schon daran? Es würde umso mehr wiegen
und müßte Ihnen schon durch seine Seltenheit umso teurer sein. Mein guter hl.
Petrus wollte nicht, daß sein Kreuz dem seines Meisters glich, so ließ er
es umdrehen; er starb mit dem Haupt zur Erde und dem Herzen im
Himmel.
„Nützt das wenige Licht, solange ihr es habt“, sagt unser Herr (Joh
12,35), „bis die Sonne aufgeht“. Noch steht Ihnen das Tor nicht offen,
aber durch das Gitter (vgl. Hld 2,9) sehen Sie bereits den Hof und die
Vorderfront vom Palast Salomos. Bleiben Sie hier. Es steht den Witwen
nicht übel an, ein wenig zurückgesetzt zu sein. Es gibt eine Menge
ehrenwerter Leute, die wie Sie warten, und es ist durchaus vernünftig,
daß diese vorgezogen werden. Haben Sie denn einstweilen keine kleinen
Arbeiten zu verrichten?
Bin ich zu hart, meine Tochter? Zumindest bin ich aufrichtig. Doch
zu etwas anderem: ich habe wenig Zeit, denn heute ist das Fest des hl.
Petrus, unser großer Festtag.
Ich sagte Ihnen schon, daß Sie die Hugenotten besuchen könnten;
ich wiederhole nochmals: ja, tun Sie es, aber nicht häufig. Seien Sie kurz
und zurückhaltend, trotzdem aber freundlich, ganz bescheiden und ein-
fach. Der Sohn Ihrer guten Meisterin schrieb einst der frommen
Maxima, seiner geistlichen Tochter, etwa mit diesen Worten (Augustinus,
Brief 264): „Seien Sie im Gespräch mit den Häretikern einfach und lie-
benswürdig wie eine Taube, haben Sie Mitleid mit solchem Unglück;
seien Sie aber auch klug wie die Schlange (Mt 10,16), indem Sie sich
bei gelegentlicher Begegnung bald wieder ihrer Gesellschaft entziehen
und überhaupt nur selten solche Besuche machen.“ Das sage ich Ihnen
auch.
Ja, meine Tochter, ich bin einverstanden, daß Sie die inneren Regun-
gen, die Unvollkommenheiten und Fehler verursacht haben, aufschrei-
ben – vorausgesetzt, daß Sie das nicht beunruhigt. Um flüchtig auf-
steigende Gedanken brauchen Sie sich nicht zu kümmern, sondern nur
um solche, die wie Bienen Gift und Stachel in den Wunden zurücklassen.
Nun noch ein paar Worte über mich: ich möchte, daß Sie mich auch
im Innersten ganz kennen lernen, vorausgesetzt, daß Sie an meinen Un-
vollkommenheiten nicht Anstoß nehmen. Seit Ihrer Abreise gab es un-
aufhörlich große und kleine Schläge; aber, Gott sei Dank, weder Herz

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noch Geist sind davon niedergeschlagen. Ich spürte keinen Trost und keine
Freude mehr, bis gestern war alles in Wolken gehüllt; aber jetzt, da ich
von der Heiligen Messe komme, ist alles heiter und klar.
Ich habe zum Teil getan, was Sie von mir wünschten: für die von
meinem Körper und Geist geforderten Werke meine Kräfte zu erhalten.
Mit Gottes Hilfe werde ich es jeden Tag besser machen; zumindest habe
ich den Willen dazu.
Ich brauche Ihnen nichts zu sagen über die Größe meiner Zuneigung
zu Ihnen. Ich sage Ihnen nur, daß sie weit über jeden Vergleich erhaben
ist. Und diese Zuneigung ist weißer als der Schnee und reiner als die
Sonne; darum habe ich ihr während dieser Abwesenheit die Zügel
gelockert und sie mit eigener Kraft dahineilen lassen. Herr Gott, wer
vermag zu sagen, welche Freude im Himmel sein wird, da man einander
im vollen Meer der Liebe lieben wird, wenn schon deren Bächlein so viel
Freude bringen!
Vor vier Tagen habe ich einen 20jährigen Edelmann, lauter wie der
Tag und tapfer wie sein Degen, in die Kirche aufgenommen und seine
Beichte gehört. Herr meines Herzens, welche Freude war es für mich, die
demütige Anklage seiner Sünden zu hören und im Gespräch darüber
eine so eigenartige, besondere Führung der Vorsehung zu erkennen, die
ihn mit so erhabenen, wunderbaren, dem menschlichen Auge nicht wahr-
nehmbaren Antrieben und Kräften an sich zog. Ich war tief ergriffen.
Wieviele Friedensküsse habe ich ihm gegeben!
Von zwei Seiten höre ich,19 daß man mir eine in den Augen der Welt
höhere Stellung geben will: einerseits aus dem Schreiben, das ich Ihnen
in der Galerie in Sales vorgelesen habe; andererseits hörte ich es auch
aus Rom. Meine Antwort vor Gott lautet: Nein! Zweifeln Sie nicht dar-
an, meine Tochter, ich würde nicht einen einzigen Augenaufschlag für
die Welt tun, ich verachte sie aus innerstem Herzen; wenn es nicht
zur größeren Ehre Gottes gereicht, rührt sich nichts in mir. Aber dies
bleibt zwischen Vater und Tochter; darüber hinaus kein Wort, ich bitte
Sie! Übrigens, was die „Tochter“ betrifft: ich will in Ihren Briefen keine
anderen Ehrentitel haben, als den eines Vaters; er ist kraftvoller, liebe-
voller, heiliger und ehrenvoller für mich als jeder andere Titel.
Wie glücklich würde ich sein, Ihrem Onkel einmal dienen zu können;
denn ich habe ihn von ganzem Herzen lieb. Ich grüße aufrichtig Ihren
Schwiegervater und biete ihm meine Dienste an. Ihren Kindern, die ich
im Herrn als die meinen betrachte, wünsche ich tausendfachen Segen:
das sind Worte des Sohnes Ihrer Meisterin aus einem Brief an seine

93
geistliche Tochter Italica (Augustinus, Brief 99). Ich bitte unseren Herrn,
Sie in seiner Liebe wachsen zu lassen.
Gott befohlen, meine sehr liebe Tochter; diesem großen Gott, dem
wir uns geweiht und hingegeben haben. Er hat mich für immer und ohne
Einschränkung ganz Ihrer Seele geschenkt, die mir lieb ist wie meine
eigene, ja, die ich ganz als die meine im Herrn betrachte, der uns seine
Seele geschenkt und uns damit untrennbar in sich selbst vereint hat. Es
lebe Jesus! ...
Am Hochfest des hl. Petrus.

Annecy, 28. August 1605.


Meine Tochter, Sie haben jetzt sicher meine drei Briefe in Händen,
die Sie noch nicht erhalten hatten, als Sie mir am 2. August schrieben.
So brauche ich mich nur auf diesen Brief beziehen; denn alle anderen
habe ich mit meinen vorhergehenden Schreiben bereits beantwortet.
Ihre Versuchungen sind also wiedergekommen und bedrängen Sie,
obwohl Sie ihnen kein Wort erwidert haben. Sie erwidern ihnen nichts;
das ist gut, meine Tochter; aber Sie denken zu viel daran, Sie fürchten
sich zu sehr davor, Sie haben zu viel Angst vor ihnen; wäre dies
nicht, so könnten sie Ihnen in keiner Weise schaden. Sie sind den
Versuchungen gegenüber allzu empfindsam. Sie lieben den Glauben
und möchten, daß Ihnen auch nicht ein einziger Gedanke dagegen käme.
Sobald ein Zweifel Sie berührt, geraten Sie in Traurigkeit und Ver-
wirrung. Sie sind zu eifersüchtig auf die Reinheit des Glaubens be-
dacht; Sie meinen, alles beflecke Sie gleich. Nein, nein, meine Tochter,
lassen Sie den Wind sein Spiel treiben und halten Sie nicht gleich das
Säuseln der Blätter für Waffengeklirr!
Neulich hielt ich mich in der Nähe von Bienenstöcken auf. Einige
Bienen setzten sich auf mein Gesicht. Ich wollte sie mit der Hand
wegnehmen. „Nicht so“, sagte mir ein Bauer, „haben Sie keine Angst
und rühren Sie keine an, dann werden sie Ihnen nichts tun. Nur
wenn Sie sie anrühren, werden sie stechen.“ Ich glaubte seinen Wor-
ten und nicht eine einzige stach mich. So glauben auch Sie mir: Fürch-
ten Sie die Versuchungen nicht, rühren Sie sie nicht an, dann werden
sie Ihnen nichts anhaben; gehen Sie zu etwas anderem über und den-
ken Sie nicht daran.
Ich komme eben aus dem entferntesten Winkel meiner Diözese an
der Schweizer Grenze zurück, wo ich die Errichtung von 33 Pfarreien
zu Ende führte, in denen es vor elf Jahren nur kalvinische Prediger gab

94
und ich in dieser Zeit drei Jahre lang der Einzige war, der den
katholischen Glauben verkündete. Gott ließ mir auf dieser Reise großen
Trost zuteil werden, denn wo ich einst kaum 100 Katholiken antraf,
fand ich jetzt keine 100 Hugenotten mehr. Ich hatte wohl viel Mühe
auf dieser Reise und furchtbare Schwierigkeiten. Da es sich um zeit-
liche Dinge und den Unterhalt von Kirchen handelte, gab es da schwere
Hindernisse; aber Gott hat durch seine Gnade dies zu einem guten Ende
geführt und es ergab sich dabei sogar ein wenig geistliche Frucht. Ich
schreibe Ihnen dies, weil mein Herz dem Ihren nichts verheimlichen kann
und sich nicht für verschieden von Ihnen oder für etwas anderes, sondern
für ein Einziges mit Ihrem Herzen hält.
Heute ist der Tag des hl. Augustinus und Sie können sich denken,
wie sehr ich für Sie beim Meister, seinem Diener und der Mutter des
Dieners Gottes gebetet habe. Wie sehr hat meine Seele die Ihre lieb! Trach-
ten Sie, daß Ihre Seele auch weiterhin recht auf die meine vertraut und
sie innig lieb hat. Gott will es, meine Tochter, das weiß ich wohl,
und es wird ihm zur Ehre gereichen. Er sei unser Herz, meine Tochter,
und in ihm bin ich durch seinen Willen ganz der Ihre. Leben Sie froh
und seien Sie hochherzig; so will uns Gott, den wir lieben und dem
wir geweiht sind. Er hat mich Ihnen gegeben; er sei immerdar gelobt
und gepriesen!
Am Tag des hl. Augustinus.

Gerade, da ich diesen schlechtgeschriebenen Brief beende, bringt man mir


zwei andere Briefe vom 16. und 20. August in einem einzigen Paket
zusammengeschlossen. Ich sehe nichts anderes, als was Ich Ihnen gesagt
habe. Sie fürchten zu sehr die Versuchungen, das ist das einzige Übel.
Seien Sie ganz versichert, daß alle Versuchungen der Hölle einen Geist
nicht beflecken können, der sie nicht lieb hat; lassen Sie ihnen also ihren
Lauf. Der heilige Apostel Paulus litt unter schrecklichen Versuchungen
und Gott wollte sie nicht von ihm nehmen (2 Kor 12,7-9) – und alles
aus Liebe! Kopf hoch, meine Tochter, Mut! Dieses Herz gehöre immerdar
seinem Jesus; und lassen Sie den Unhold draußen vor der Tür Lärm
schlagen, soviel er will.
Leben Sie, meine Tochter, mit dem gütigen Jesus und Ihrer heiligen
Äbtissin in all den Dunkelheiten, Wolken, Dornen, Lanzenstichen
und Verlassenheiten und leben Sie mit Ihrer Herrin; leben Sie lange
in Tränen, ohne etwas zu erreichen; am Ende wird Gott Sie wieder
auferwecken, Ihnen wieder Freude schenken und Sie das Ziel Ihres Her-

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zens sehen lassen (Ps 21,3). Das hoffe ich; und wenn er es nicht tut,
so wollen wir doch nicht ablassen, ihm zu dienen. Er hört deswegen nicht
auf, unser Gott zu sein, denn die Liebe, die wir ihm schulden, ist von
unsterblicher und unvergänglicher Natur.
Am 30. August 1605.

Annecy, am 8. September 1605.


Mein Gott, meine Tochter, wann wird wohl Unsere liebe Frau in
unserem Herzen geboren werden? Ich für meine Person sehe wohl ein,
daß ich dessen in keiner Weise würdig bin. Sie werden wohl das gleiche
von sich denken. Aber ihr Sohn wurde doch in einem Stall geboren.
Also Mut denn, bereiten wir im Herzen einen Raum für dieses heilige
Kind. Unsere liebe Frau liebt nur Räume, die durch Demut vertieft,
durch Einfachheit niedrig, durch Liebe weit geöffnet sind. Sie weilt gerne
bei der Krippe und zu Füßen des Kreuzes; sie sorgt sich nicht, ob sie
nach Ägypten gehen muß, ohne rasten zu können, wenn sie nur ihr
teures Kind bei sich hat.
Nein, möge unser Herr uns nach links oder rechts drehen und wenden,
möge er uns gleich dem Patriarchen Jakob festhalten und uns hundert-
fachen Verrenkungen unterwerfen; möge er uns bald von der einen,
bald von der anderen Seite her bedrängen: kurz, möge er uns tausendfa-
ches Leid bereiten, wir wollen doch nicht von ihm lassen, er schenke uns
denn seinen ewigen Segen (Gen 32,24-26). Niemals, meine liebe Toch-
ter, verläßt uns unser guter Gott, es sei denn, um uns umso fester zu
halten; niemals läßt er uns los, außer um uns besser zu behüten;
niemals kämpft er mit uns, außer um sich uns zu ergeben und uns
zu segnen.
Gehen wir indes weiter, meine liebe Tochter, durch diese niedrigen
Täler der bescheidenen und kleinen Tugenden. Wir werden Rosen unter
Dornen sehen, Nächstenliebe, die inmitten von inneren und äußeren
Kümmernissen hervorleuchtet; Lilien der Reinheit, Veilchen der Selbst-
überwindung, und was weiß ich noch. Ich liebe vor allem diese drei
kleinen Tugenden: die Güte des Herzens, den Geist der Armut und die
Einfachheit des Lebens; und diese niedrigen Übungen: Kranke besu-
chen, Armen dienen, Betrübte trösten und ähnliche; alles aber ohne
Ungestüm in wahrer Freiheit. Nein, unsere Arme sind noch nicht lang
genug, um die Zedern des Libanon zu erreichen; begnügen wir uns mit
dem Schilfrohr der Täler (1 Kön 4,33) ...

96
Annecy, 14. September 1605.
... Machen Sie sich meinetwegen keinerlei Sorgen um all das, was
Sie mir schreiben, denn sehen Sie, in Ihrer Angelegenheit ergeht es mir,
wie es einst Abraham erging. Er legte sich in düsterem Dunkel an einem
ganz grausigen Ort nieder und empfand große Furcht; diese hielt aber
nicht lange an, denn plötzlich sah er einen Feuerschein und hörte die
Stimme Gottes, die ihm Segnungen verhieß (Gen 19,12-18).
Mein Geist erlebt gewiß Ihre Dunkelheiten und Versuchungen mit,
denn er ist stets ganz fest mit Ihrem Geist verbunden. Der Bericht über
Ihre Nöte erfüllt mich mit Mitleid, aber ich sehe wohl, daß das Ende
davon glücklich sein wird, da ja unser guter Gott uns seine Schule zum
Gewinn werden läßt. In dieser Schule sind Sie, einer Schildwache gleich,
mehr wach als zu anderen Zeiten. Schreiben Sie mir nur offenherzig
über alles, was in Ihnen vorgeht, über das Üble wie über das Gute und
seien Sie unbesorgt, mein Herz eignet sich für das alles.
Mut, meine liebe Tochter, gehen, ja gehen wir diese niedrigen Täler
entlang; leben wir – das Kreuz in den Händen – in Demut und Geduld.
Was liegt uns daran, ob Gott aus Dornen oder aus Blumen zu uns
spricht? Aber ich erinnere mich nicht, daß er jemals aus Blumen heraus
gesprochen habe, wohl aber mehrmals in der Wüste und im Gestrüpp.
Gehen Sie also, meine liebe Tochter, gehen Sie Ihren Weg auch bei diesem
schlechten Wetter und bei Nacht.
Vor allem aber schreiben Sie mir ganz aufrichtig! Dies ist das Haupt-
gebot, recht offenherzig mit mir zu sprechen; denn davon hängt alles
andere ab. Und schließen Sie die Augen vor jeder Rücksicht auf meine
Ruhe. Glauben Sie mir, ich werde die Ruhe niemals Ihretwegen verlie-
ren solange ich sehe, daß Sie festen Herzens bestrebt sind, unserem
Gott zu dienen. Niemals, wirklich niemals, wenn es seiner Güte gefällt,
werde ich Sie anders als in dieser Weise sehen. Also machen Sie sich
keinerlei Sorgen.
Seien Sie mutig, meine Tochter; mit Gottes Hilfe werden wir manches
tun können. Und glauben Sie mir, daß diese Zeit zum Reisen weit
günstiger ist, als wenn die Sonne ihre glühende Hitze auf unsere Köpfe
schüttet. Neulich beobachtete ich, wie Bienen in ihren Stöcken verkro-
chen blieben, da das Wetter nebelig war; nur ab und zu flogen sie heraus,
um nach dem Wetter zu sehen, hatten aber keine Eile, herauszukommen,
sondern waren es zufrieden, ihren Honig zu genießen. O Gott, Mut! Er-
leuchtungen stehen nicht in unserer Macht, auch kein anderer Trost als
ein solcher, der von unserem Willen abhängt. Sind wir geborgen in

97
den von uns gefaßten heiligen Entschlüssen, und ist das große Siegel des
himmlischen Hofes Ihrem Herzen eingeprägt, dann ist nichts zu fürch-
ten.
Ich will Ihnen noch ein paar Worte über mich sagen. Seit einigen
Tagen hatte ich mich etwas krank gefühlt; ein Ruhetag aber hat mich
wiederhergestellt. Mein Herz ist in Ordnung, Gott sei Dank, und ich
hoffe, es nach Ihrem Wunsch noch zu bessern. Mein Gott, mit wieviel
Freude lese ich doch solche Worte, wie Sie mir schrieben, daß Sie nämlich
meiner Seele fast noch mehr Vollkommenheit wünschen, als Ihrer eigenen.
Das ist doch wirklich eine echte geistliche Tochter! Aber lassen Sie nur
Ihrer Vorstellungskraft, soviel Sie wollen, freien Lauf, sie vermag ja
doch nicht dorthin zu reichen, wohin mein Wille mich trägt, um Ihnen
viel Liebe zu Gott zu wünschen.
Dieser Bote reist sogleich ab. Ich werde nun unseren Büßern vom
heiligen Kreuz eine Ansprache halten. Jetzt kann ich Ihnen nichts mehr
sagen, sondern Ihnen nur noch den Segen erteilen. Ich gebe Ihnen diesen
Segen im Namen des gekreuzigten Jesus Christus, dessen Kreuz unser
Ruhm und unsere Freude sei, meine liebe Tochter. Möge dieses Kreuz in unse-
rer Mitte erhöht und in unserem Haupt eingepflanzt sein, wie es beim
ersten Adam geschah.20 Möge es unser Herz und unsere Seele erfüllen,
wie es den Geist des hl. Paulus erfüllte, der nichts anderes kannte als
dieses (1 Kor 2,2). Mut, meine Tochter, Gott ist für uns. Amen.
Ich bin in alle Ewigkeit immer ganz der Ihre. Gott weiß es, denn
er hat es so gewollt und mit überlegener und sorgsamer Hand bewirkt.
Am Tage der Kreuzerhöhung 1605.

Annecy, 13. Oktober 1605.


Nachdem ich bisher durch eine Menge dringender Geschäfte aufgehal-
ten worden war, meine liebe Tochter, begebe ich mich jetzt auf diese
gesegnete Visitation, wobei ich an jeder Ecke Kreuze aller Art sehe.
Mein Fleisch schaudert davor, mein Herz aber betet sie an. Ja, ich grüße
euch, ihr kleinen und großen, geistigen und zeitlichen, äußeren und in-
neren Kreuze. Ich grüße und küsse den Fuß des Kreuzes, dessen Schat-
ten ich nicht wert bin.
Aus welchem Anlaß schreibe ich das? Es hat seinen guten Grund,
meine so sehr liebe Tochter; ich bete nämlich mit gleicher Liebe Ihre
Kreuze an, die ich für die meinen ansehe, und ich will (zumindest bitte
ich Sie darum), daß Sie meine Kreuze genau so innig lieben. – Seit
unserer Ablaßfeier hatte ich reichlich Kreuze; sie waren aber leicht

98
und von kurzer Dauer. Mein Gott, stütze meine schwachen Schultern
und lege ihnen nur wenige Lasten auf, damit ich so erkenne, welch arm-
seliger Streiter ich wäre, wenn ich großen Angriffen gegenüberstünde.
Wie sehr haben mich doch Ihre Briefe erfreut, meine liebe Tochter!
Sehe ich Sie doch voll guter Wünsche, voll Mut und Entschlossen-
heit. So ist alles in Ordnung. Lassen wir nur den bösen Feind an der
Tür und rund um uns herum knurren und toben; denn Gott ist in unse-
rer Mitte (Dtn 7,21; 20,4), in unserem Herzen und er wird sich nicht
davon wegrühren, wenn es ihm so beliebt. Ach, bleibe bei uns Herr,
denn es will Abend werden (Lk 24,29).
Ich will Ihnen nichts mehr sagen, weder davon, daß man alle Dinge
und sich selbst Gott zuliebe gänzlich aufgeben soll, noch davon, daß
man aus seinem Land und aus dem Haus seiner Eltern fortziehen muß
(Gen 12,1). Nein, ich will nichts davon reden; Gott möge uns recht
erleuchten und sein Wohlgefallen erkennen lassen, denn selbst unter
Gefährdung all dessen, was in uns ist, werden wir ihm folgen, wohin
er uns führen will (Mt 17,4).
Ich denke da an die Seele des sehr guten und sehr heiligen Schächers.
Der Herr hatte ihm gesagt, daß er noch am gleichen Tag bei ihm im
Paradies sein werde (Lk 23,43), und kaum war seine Seele aus seinem
Leib entwichen, nahm sie der Herr mit in die Vorhölle. Denn sie sollte
mit unserem Herrn sein, unser Herr war aber in die Vorhölle hinab-
gestiegen; so ging sie mit ihm dorthin. Bei Gott! Was mag sie wohl
gedacht haben, als sie so niederstieg und diese Abgründe vor ihrem
inneren Auge sah? Ich glaube, daß sie mit Ijob sagte: „Wer wird mir die
Gnade erweisen, o mein Gott, daß Du mich in der Hölle bewahrst und
schirmst?“ (Ijob 14,13); und mit David (Ps 23,4): „Nein, ich fürchte
kein Übel, denn Du, Herr, bist ja bei mir.“ – Nein, meine liebe Tochter,
solange unsere Entschlüsse lebendig sind, bin ich nicht beunruhigt.
Mögen wir sterben, möge alles umgestürzt werden, was liegt daran,
wenn nur dies eine feststeht? Die Nächte werden uns zum Tag, wenn
Gott in unseren Herzen ist, und die Tage zur Nacht, wenn er nicht da
ist. Was unsere Töchter betrifft, gehen Sie nicht fehl, wenn Sie den Rat
Ihres Beichtvaters befolgen.
Es ist nicht notwendig, in der Beichte von solch kleinen Gedanken zu
reden, die wie Mücken vor unseren Augen hin- und herschwirren; auch
nicht davon, daß die fühlbare Freude über Ihre Gelübde nachließ, denn
all das sind keine Sünden, sondern nur Verdrießlichkeiten und Un-
annehmlichkeiten.

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Da man mich drängt, beschließe ich diesen Brief. Ich bitte unseren
Herrn, er möge Sie mehr dazu führen, ganz sein zu werden; er sei der
Schützer Ihrer Entschlüsse, der Schirmherr Ihrer Witwenschaft, der Herr Ih-
res Gehorsams; er sei Ihr Alles und ganz der Ihre. Ich bitte die heilige
Äbtissin, unsere liebe Frau und Königin, sie möge uns immerdar ge-
wogen sein und uns sterben und leben lassen in ihrem Sohn.
Ich bin, meine liebe Tochter, in unvergleichlicher Weise ganz der
Ihre im Herzen des Sohnes und der Mutter ...

Annecy, 5. Dezember 1605.


Meine sehr teure Tochter!
Seit meiner Rückkehr von der Visitationsreise hatte ich einige An-
fälle von fieberhaftem Katarrh; unser Arzt wollte mir nichts anderes
verschreiben als Bettruhe und ich habe ihm gehorcht. Sie wissen ja,
meine Tochter, daß ich auch gerne Ruhe als Heilmittel verordne und jedes
Hasten immer verbiete. Darum habe ich auch während dieser körper-
lichen Ruhezeit an die geistige Ruhe gedacht, die unsere Herzen im
Willen Gottes besitzen sollen, wohin er uns auch führen mag. Aber
es ist mir nicht möglich, die Erwägungen, die dafür nötig wären, länger
auszudehnen, außer wenn ich dafür einmal wirklich freie Zeit hätte.
Wir wollen also, meine Tochter, in diesem Tal der Tränen leben,
solange es Gott gefällt, in völliger Unterwerfung unter den allerhöch-
sten heiligen Willen. Ach, wie sehr sind wir doch seiner Güte zu Dank
verpflichtet, die in uns den Wunsch erweckt, verbunden mit so vielen
Entschlüssen, in seiner Liebe zu leben und zu sterben! Denn das wün-
schen wir zweifellos, meine Tochter, dazu haben wir uns entschlossen;
hoffen wir also, daß dieser große Heiland, der uns den Willen dazu
verleiht, uns auch die Gnade zuteilt, um ihn durchzuführen (Phil 2,13).
Neulich erwog ich, was einige Schriftsteller über die Seeschwalben
erzählen, jene kleinen Vögelchen, die am Gestade des Meeres brüten;
sie bauen ihre Nester ganz kugelförmig und so dicht, daß das Meer-
wasser niemals einzudringen vermag; und nur oben haben diese Nester
eine kleine Öffnung, durch die sie aus- und einatmen können. Da hinein
legen sie ihre Jungen, damit sie, wenn das Meer sie überfällt, sicher
schwimmen und auf den Wellen treiben können, ohne mit Wasser
vollzulaufen und unterzusinken. Die Luft, die durch die kleine Öffnung
eindringt, dient als Gegengewicht, sodaß sie niemals umkippen. – O
meine Tochter, wie sehr wünsche ich doch, daß unsere Herzen ebenso

100
wären, so völlig fest, überall abgedichtet, damit die dagegen anprallenden
Stürme und Unruhen der Welt nicht einzudringen vermögen, und daß
unsere Herzen nirgendshin offenstehen als gegen den Himmel zu, um
ganz für unseren Heiland zu leben und zu atmen. Und wofür ist dieses
Nest gemacht, meine liebe Tochter? Wohl für die kleinen Kücken dessen,
der das Nest gebaut hat: also für die Liebe zu Gott, für die göttlichen und
himmlischen Liebesregungen.
Während aber die Seeschwalben ihre Nester bauen und ihre Jungen
noch zu zart sind, um dem Ansturm der Wogen trotzen zu können, da
sorgt Gott für sie und erbarmt sich ihrer und verhindert, daß das Meer
sie erfaßt und mit sich reißt. O Gott, meine Tochter, so wird denn diese
höchste Güte das Nest unserer Herzen zugunsten seiner Liebe gegen
alle Anstürme der Welt sichern, von denen wir gewiß überfallen werden.
Ach, wie liebe ich diese Vögel! Rings vom Wasser umgeben, leben sie nur
von der Luft, sind im Meer verborgen und sehen nur den Himmel!
Sie schwimmen wie Fische und singen wie Vögel: und am meisten
gefällt mir, daß der Anker, der ihnen Halt geben soll vor den Wogen,
nach oben ausgeworfen ist und nicht nach unten. – O meine Schwester,
meine Tochter, möge uns der gütige Jesus so werden lassen, daß wir
inmitten der Welt und des Fleisches vom Geist leben; daß wir inmitten
der Eitelkeiten der Erde immer nur auf den Himmel schauen; daß wir,
inmitten von Menschen lebend, ihn mit den Engeln preisen und daß un-
sere Hoffnungen stets nach obenhin und im Paradies verankert seien
(Hebr 6,18 f).
O meine Tochter, mein Herz mußte diesen Gedanken zu Papier brin-
gen und seine Wünsche zu Füßen des Kreuzes niederlegen, damit die
heilige, göttliche Liebe in allem und überall unsere große Liebe sei.
Ach, wann endlich wird sie uns verzehren? Wann wird sie unser Leben
so aufzehren, daß wir uns selbst sterben und wieder für unseren Heiland
aufleben (Röm 6,8,11)? Ihm allein sei immerdar Preis und Ruhm und
Lob (1 Tim 1,17; Offb 5,13).
Mein Gott, meine liebe Tochter, was schreibe ich Ihnen da? Ich meine,
wozu dies? O meine Tochter, da unser unabänderlicher Entschluß und
unser endgültiger und unabänderlicher Vorsatz unaufhörlich auf die Liebe
Gottes hinzielen, sind Worte über die Liebe zu Gott niemals für uns
unangebracht.
Gott befohlen, meine Tochter, ja, ich sage, meine wahrhafte Tochter
in jenem, dessen heilige Liebe mich verpflichtet, ja dazu geweiht hat,
immerdar zu leben, zu sterben und wieder aufzuleben als der Ihre

101
und ganz der Ihre! Es lebe Jesus! Es lebe Jesus und Unsere liebe Frau!
Amen.
Am Vorabend des hochheiligen Nikolaus.

Annecy, 28. Dezember 1605.


Meine liebe Tochter, ich beschließe dieses Jahr mit dem nicht nur
großen, nein brennenden Wunsch, weiter voranzukommen in dieser hei-
ligen Liebe, die ich niemals aufhöre zu lieben, obwohl ich sie noch nicht
verkostet habe. Es lebe Gott! Meine Tochter, unser Herz (sehen Sie,
ich sage „unser Herz“) ist dafür geschaffen; ach, warum sind wir davon
nicht ganz erfüllt? Sie können sich gar nicht vorstellen, wie stark ich
jetzt dieses Verlangen fühle. O Gott, wofür werden wir denn im näch-
sten Jahr leben, wenn nicht dafür, diese höchste Güte besser zu lieben?
O möge sie uns von dieser Welt nehmen oder die Welt von uns nehmen;
möge sie uns sterben lassen oder den Tod der Welt mehr lieben lassen als
unser eigenes Leben.
Mein Gott, meine Tochter, wie sehr wünsche ich Sie jetzt in Betlehem
bei Ihrer heiligen Äbtissin! Ach, wie gut steht es ihr doch an, dieses
kleine Kindchen zur Welt zu bringen und zu umhegen. Vor allem aber
liebe ich ihre Güte, die jeden, der es nur will, dieses Kindlein sehen,
berühren und küssen läßt. Bitten Sie darum, und sie wird es Ihnen
geben; und wenn Sie es halten, stehlen Sie ihm heimlich eine der kleinen
Tränen, die in seinen Augen stehen. Noch ist es keine Tränenflut, noch
sind es nur die ersten Tautropfen seiner Tränen. Wunderbar, welche
Heilwirkung diese Tränen gegen jedes Herzweh haben!
Belasten Sie sich für die kommende Fastenzeit nicht mit Kasteiungen,
außer mit Erlaubnis Ihres Beichtvaters, der Ihnen meiner Meinung nach
solche nicht auferlegen wird.
Gott möge Ihren Jahresbeginn mit Rosen bekränzen, die rot sind
von der Farbe seines Blutes! Gott befohlen, meine liebe Tochter; ich bin es,
der Sie ganz seinem Dienst geweiht hat ...

Annecy, 30. Januar 1606.


Am 22. dieses Monats war ich in Sales, um meiner Mutter zu gehor-
chen, die mich vor meiner Abreise sehen wollte. Dort erhielt ich Ihren
Brief vom Neujahrstag, der mir viel Freude bereitete; diese verbreitete
sich über die ganze Familie, die so sehr die Ihre ist. Am 25. kam
dann Ihr Bote und fand mich so stark von Arbeit überhäuft, daß ich
ihn erst heute abfertigen kann.

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Aber sagen Sie mir, meine Tochter, ist es nicht ein Leid, Ihnen
nur so nebenbei schreiben zu können? Darum müssen wir soviel als mög-
lich den Geist der heiligen Freiheit und des Gleichmuts zu erringen
trachten; dieser ist für alles gut. Auch dafür, daß sechs bis sieben Wochen
dahingehen, ohne daß ein Vater, und ein Vater mit soviel Liebe, wie ich
es bin, und eine Tochter, wie Sie es sind, irgendwelche Nachrichten
voneinander erhalten.
Sie waren nach Maria Empfängnis krank, auch ich war sieben bis
acht Tage lang krank und fürchtete schon, es würde länger dauern. Aber
Gott wollte dies nicht. – Ich kann leider nicht so ausführlich schreiben,
wie ich möchte; denn heute ist ja mein Abschiedstag und morgen vor
Tagesanbruch reise ich nach Chambéry ab, wo mich der Pater Rektor
der Jesuiten erwartet, um mich für diese fünf oder sechs Tage vor der
Fastenzeit aufzunehmen. Ich habe sie mir vorbehalten, um meinen armen,
von so viel Geschäften bestürmten Geist wieder Ruhe finden zu lassen.
Dort, meine Tochter, will ich, mit Hilfe dieses guten Paters, der mich
und mein Wohl unerhört lieb hat, alles in mir überblicken und alle
Einzelheiten meines Herzens wieder an ihren richtigen Platz bringen.
Und nun, meine Tochter, will ich Ihnen etwas über mich erzählen,
da Sie es so sehr wünschen und weil Sie mir sagen, daß es Ihnen zum
Nutzen gereicht; aber nur Ihnen und Ihnen ganz allein. – Die Angelegen-
heiten dieser Diözese sind keine ruhigen Gewässer, sondern reißende
Ströme. Ich kann Ihnen in Wahrheit sagen, daß ich maßlos Arbeit habe,
seit ich mich auf Visitation begab, und bei meiner Rückkehr fand ich
eine Arbeit21 vor, von der ich meinen Teil übernehmen mußte. Diese hat
mich sehr in Anspruch genommen. Das Gute daran ist, daß all dies
zur Verherrlichung Gottes dient, für die er mir so große Vorliebe ver-
liehen hat, und ich bitte ihn, es möge ihm gefallen, diese Vorliebe in
Entschlüsse umzuwandeln.
Ich fühle eine größere Liebe zu den Seelen als gewöhnlich; das ist
der ganze Fortschritt, den ich seit unserem Wiedersehen gemacht habe;
inzwischen aber habe ich unter großen Trockenheiten und Verlassen-
heiten gelitten, zwar nicht lange, denn mein Gott ist so gut, daß kein
Tag vergeht, ohne daß er mich begünstigt, um mich für sich zu ge-
winnen. Aber ich Elender entspreche nicht der treuen Liebe, die er mir
bezeugt. Das Herz meines Volkes ist nun schon fast ganz mein. Frei-
lich bleibt immer etwas zu sagen übrig, denn ich begehe aus Unwissen-
heit und Schwäche Fehler, weil ich nicht immer den rechten Weg ein-

103
zuschlagen weiß. Heiland der Welt, welch gute Wünsche hege ich doch,
aber ich verstehe nicht, sie auszuführen (Röm 7,18).
Ist damit genug gesagt, meine gute Tochter? Ich sage, meine gute
Tochter, weil Sie mir recht gut sind und mir mehr Freude bereiten, als
Sie glauben können. Zweifellos ruht ein bestimmter Segen Gottes auf
diesem Kindesverhältnis.
Unsere andere Schwester in Dijon (Frau Brulart) hat gut daran getan,
ihre geistliche Aussprache auf den Beichtstuhl einzuschränken. Ich habe
keine Nachricht von ihr erhalten; sollte ich welche bekommen, werde
ich ihr antworten, entsprechend dem, was sie mir schreiben wird. –
Wenn die Fliegen, welche die Köstlichkeit des Salböls (Koh 10,1) ver-
dorben haben, oder es zumindest verderben wollten, recht zudringlich
und zahlreich wären, o Gott, in diesem Fall muß sie sich gewissenhaft
daran halten, alle überflüssigen Worte, alle Gesten, alle Blicke einzu-
schränken und nur den Beichtstuhl frei benutzen. Mein Gott, ist es nicht
schade, daß dieser Balsam geistlicher Freundschaft solchen Insekten
ausgesetzt ist? Dieses so heilige, so geheiligte Salböl braucht eine rechte
Sorgfalt, damit es ganz sauber, ganz rein bewahrt bleibe. Wer aber,
sagt der Weise (Sir 24,11), nicht erprobt worden ist, was weiß der? Alles
geht gut und alles wird mit Gottes Hilfe gut gehen, und – wie ich zu
sagen pflege – wenn Gott uns hilft, werden wir schon viel zustande-
bringen .... 22
Sprechen wir ein wenig über Sie, das braucht es wohl. Welche Ver-
messenen wollen diese weiße Säule unseres geheiligten Tabernakels
zerbrechen und zertrümmern?23 Fürchten Sie nicht die Kerubim, die den
Tabernakel auf beiden Seiten stützen und ihn unter dem Schatten ihrer
Flügel verbergen (Ex 37,7 ff)? Nun, es mag ein wenig Eitelkeit, ein
wenig Selbstgefälligkeit und ein wenig „ich weiß nicht, was“ gegeben ha-
ben; das ist aber nichts. Fest und mutig sein! Unsere Säulen sind, scheint
mir, fest gegründet; ein wenig Wind wird sie wohl nicht erschüttert ha-
ben. Das haben Sie gut gesagt, meine Tochter, bei solchen Dingen heißt
es: glatt abschneiden und reinen Tisch machen! Man darf sich mit
solchen Kunden nicht abgeben. Da wir die von ihnen verlangte Ware
nicht führen, müssen wir es ihnen offen sagen, damit sie anderswo ihr
Glück versuchen. Das sind doch wahrhaft tüchtige Leute! Sehen sie nicht,
daß wir das Firmenschild abgenommen und den Verkehr, den wir
mit der Welt pflegen konnten, abgebrochen haben? Es ist doch klar, daß
unser Leib uns nicht mehr gehört, ebensowenig wie das Elfenbein
des Thrones Salomos (1 Kön 10,18) den Elefanten gehört, deren Zahn

104
es einst war. Der große König Jesus hat unser Herz zu seinem Sitz
erwählt; wer soll ihn daraus vertreiben? Sie müssen also in dieser
Sache ganz einfach sein und nichts von Kapitulation hören wollen. Las-
sen wir nur alles geschehen, Gott wird schon unseren Vater behüten, und
diesen wird die Tochter nicht verlieren. Wahrlich, das ist nicht schlecht
gesprochen; die hl. Agatha, die hl. Thekla, die hl. Agnes haben den Tod
gelitten, um nicht der Lilie ihrer Keuschheit verlustig zu gehen, und uns
möchte man Angst mit Gespenstern machen?
Ja doch, meine Tochter, lesen Sie und lesen Sie mit Liebe die Nachfolge
Ihrer Äbtissin24 und die Briefe des hl. Hieronymus; Sie werden dabei
jenen Brief finden, den er an seine Furia schreibt, und noch einige andere,
die recht schön sind.
Sie fragen mich, ob ich in diesem Jahr nach Burgund kommen werde.
Gott allein weiß es, ich nicht. Ich denke eher nein, denn tausend Bande
schnüren mich so eng und fest zusammen, daß ich weder Hände noch
Füße bewegen kann, wenn Gott mit seiner heiligen Hand mich nicht dar-
aus erlöst. Das glaube ich Ihnen bereits in einem früheren Brief gesagt zu
haben. Ich für meine Person werde alles tun, um – ich sage nicht, Ihnen –
sondern dem Geringsten aller meiner Kinder, die Gott mir geschenkt
hat, zu dienen. Aber meine arme Braut25 tut mir leid; ich kann sie nicht
verlassen, ohne daß sie tausend Unannehmlichkeiten daraus erleidet, und
da Gott will, daß ich ihr angehöre (Gen 2,24; Mt 19,5), so stehe ich mit
gefesselten Händen da. Ich sage nicht, daß ihr eine Abwesenheit von weni-
gen Tagen schadet, weil sie meine Gegenwart entbehren muß; nicht das
hindert mich; aber die Jahreszeit ist so sehr Stürmen und Unwettern aus-
gesetzt, daß ich nicht nach meinem Willen kommen und gehen kann,
sondern so segeln muß, wie sie mich treiben.
Verstehen Sie mich gut? Ich glaube ja, denn Sie wissen, was ich Ihnen
eines Tages über meine Reise nach Dijon gesagt habe: Ich unternahm sie
gegen den Rat all meiner Freunde, vor allem aber gegen den Rat des
Freundes, auf den ich am meisten hören sollte. Es ist der gleiche Pater
Rektor, den ich vor Beginn der Fastenzeit aufsuchen werde. Aus großem
Eifer für mein Wohlergehen wollte er mich zurückhalten; der große
Gott aber, auf dessen Antlitz ich geradewegs hinsah, zog meine Seele
derart zu dieser gesegneten Reise hin, daß mich nichts aufhalten konnte,
und er hat auch alles zum Guten und zu seiner Verherrlichung geführt.
Jetzt aber dorthin zurückzukehren, bevor alles geklärt ist, hieße diese
Güte versuchen, die so gütig gegen mich ist, daß ich sie nur von Herzen
verehren kann.

105
Ich habe Ihnen das ausführlich gesagt, weil meiner Seele der Gedanke
kam, es tun zu müssen; es soll aber für Sie allein sein. Mein Gott weiß
wohl, daß ich überall, wohin mich die Pflicht ruft, gehen, ja fliegen wür-
de, wenn ich ganz frei wäre. Der hl. Paulus sagt seinen geliebten Rö-
mern, unter denen und durch die er später sterben sollte: „Ich habe mir
schon oft vorgenommen, zu euch zu kommen, um bei euch einige Frucht
zu gewinnen; aber ich war bisher verhindert“ (Röm 1,13). Wer aber
hinderte ihn daran? Seine eigene Seele; und der hl. Chrysostomus sagt,
daß es der Heilige Geist war.
Wie ich sehe, geht es Ihrer Seele trotz der Widrigkeiten und Heimsu-
chungen gut; jetzt müssen Sie nur darauf achten, daß Sie fest bleiben.
Wenn Sie mir während der Fastenzeit über Lyon schreiben, wird es für
Sie leichter sein; von Lyon nach Chambéry ist es nicht so weit wie von
hier, und es kommen alle Tage die Kuriere. Was mich betrifft, so denke
ich schon, mit Gottes Hilfe, Ihnen alle acht Tage zu schreiben. Dann
werden Sie mir sagen, ob es erforderlich ist, daß wir uns in diesem Jahr
sehen. – Ist dies der Fall, werde ich Ihnen mitteilen, wann es möglich ist.
Eigentlich kann ich es jetzt schon sagen: die Pfingstwoche wird mir, von
der Pfingstvigil angefangen, ganz gehören, ebenso die Oktav des Fron-
leichnamsfestes; ich werde dann hier sein und auch meine Mutter wird
dann kommen. In der übrigen Zeit muß ich noch 300 Pfarreien berei-
sen, die ich noch zu visitieren habe. Aber ich sage das nur für den Fall,
daß Sie und Ihr Beichtvater die Zusammenkunft für nützlich erachten;
denn – ehrlich gestanden – tut mir die Mühe leid, die Sie dafür auf sich
nehmen. Wenn sie nicht durch einen größeren geistlichen Nutzen ausge-
glichen würde, wäre sie mir zu schade.
Ich weiß nicht, ob die Karmelitinnen andere Ordensschwestern auf-
nehmen; ich glaube nicht. Sollten sie aber dies tun, so wäre dies, glauben
Sie mir, eine Versuchung für diese guten Damen, dies anzustreben, au-
ßer sie könnten alle ihre Klöster in Karmelitinnenklöster umwandeln.
Nun ja, also zu den Karmelitinnen! Dabei können wir uns aber nicht
einem kleinen Gehorsam unterwerfen. Aber das Strengste wollen wir
unternehmen!
Gott befohlen, meine liebe Tochter, seien Sie immerdar Gottes. Ich
gehöre Ihnen in ihm viel mehr an, als Sie je glauben möchten; es gibt
keinen Vergleich dafür. Der gütige Jesus ruhe immerdar an Ihrem Her-
zen und lasse Sie an dem seinen ruhen, oder doch zumindest zu seinen
Füßen.

106
Chambéry, 24. Februar 1606.

Das wird nur ein kurzer Brief heute, denn ich werde sogleich die Kan-
zel besteigen, meine sehr liebe Tochter. Sie sind jetzt in Dijon, wohin ich
Ihnen erst vor ein paar Tagen geschrieben habe. Sie haben durch die
Gnade Gottes dort viel Freude erlebt, an der ich im Geiste teilhabe. Die
Fastenzeit ist der Herbst des geistlichen Lebens, in dem man die Früchte
ernten und für das ganze Jahr sammeln soll. Tun Sie alles, ich bitte Sie,
um reich zu werden an diesen kostbaren Schätzen, die nichts Ihnen rau-
ben oder verderben kann (Mt 6,20). Erinnern Sie sich daran, was ich oft
sage: Solange wir zugleich zwei Fastenzeiten halten wollen, werden wir
niemals auch nur eine gut halten. Halten wir also diese, als ob sie unsere
letzte wäre, und dann werden wir sie gut halten.
Ich weiß, daß in Dijon ein ausgezeichneter Prediger sein wird. Die
heiligen Worte sind Perlen und zwar solcher Art, wie der wahre Ozean
des Ostens, der Abgrund der Barmherzigkeit, sie uns liefert. Legen Sie
deren viele auf Ihre Halskette, hängen Sie sich welche an die Ohren,
behängen Sie damit Ihre Arme; dieser Putz ist einer Witwe nicht verbo-
ten, denn er macht sie keineswegs eitel, sondern demütig.
Was mich betrifft, so sehe ich hier zunächst nur eine leichte Wen-
dung zur Frömmigkeit in den Seelen. Gott wird diese, wie es ihm ge-
fällt, zu seiner Ehre verstärken. Ich werde jetzt meinen Zuhörern sa-
gen, daß ihre Seelen der Weinberg Gottes sind (Mt 21,33; Mk 12,1):
die Zisterne ist der Glaube, der Turm die Hoffnung und die Kelter ist
die heilige Liebe; die Hecke ist das Gesetz Gottes, das sie von ungläu-
bigen Völkern trennt.
Ihnen, meine liebe Tochter, sage ich, daß Ihr Weingarten der gute
Wille ist; die Zisterne sind die heiligen Eingebungen zur Vollkommen-
heit, die Gott vom Himmel in sie hineinregnen läßt; der Turm ist die
heilige Keuschheit, welche – wie es vom Turm Davids (Hld 4,4; 7,5)
gesagt wird – aus Elfenbein sein muß; die Kelter ist der Gehorsam, der
ein großes Verdienst den Handlungen gibt, die er hervorbringt; die Hek-
ke sind Ihre Gelöbnisse. – Gott bewahre diesen Weingarten, den er ei-
genhändig gepflanzt hat! Gott möge immer mehr die heilsamen Wasser
seiner Gnaden in seine Zisterne einströmen lassen; Gott sei immer der
Beschützer seines Turmes; Gott sei es, der der Kelter alle zum Auspres-
sen guten Weines notwendigen Umdrehungen geben möge, und er halte
diese schöne, den Weingarten umgebende Hecke immer geschlossen
und versperrt, damit die Engel seine unsterblichen Winzer seien.

107
Gott befohlen, meine liebe Tochter, die Glocke drängt mich. Ich trete
jetzt an die Kelter der Kirche, an den heiligen Altar, wo unaufhörlich
der geheiligte Wein gewonnen wird aus dem Blut dieser köstlichen und
einzigartigen Traube (Dtn 32,14), welche Ihre heilige Äbtissin als himm-
lischer Weinstock uns glückhaft reifen ließ. Da werde ich – Sie wissen
wohl, daß ich nicht anders kann – Sie dem Vater in der Einheit mit
seinem Sohn darbringen und immer wieder darbringen in dem, für den
und durch den ich einzigartig und völlig der Ihre bin ...

Chambéry, Ende Februar 1606.


Beim öfteren Aufwachen heute Nacht kamen mir tausend gute Ge-
danken für die Predigt, aber dann haben mir die Kräfte gefehlt, sie rich-
tig in die Welt zu setzen. Gott weiß alles und ich überlasse alles seiner
größeren Ehre, bete seine Vorsehung an und bleibe in Frieden. Es ist
nichts zu machen: ich muß das tun, was ich nicht will, und das Gute, das
ich will, tue ich nicht (Röm 7,19). Ich stehe nun mitten in den Predigten
und in einer großen, ja größeren Menge Volkes, als ich dachte; wenn ich
aber da nichts tue, wird mir das wenig zum Trost gereichen.
Glauben Sie mir, daß ich indessen ständig an Sie und an Ihre Seele
denke, derentwillen ich unaufhörlich meine Wünsche Gott und den En-
geln vorbringe, damit sie mehr und mehr erfüllt werde von der Fülle
seiner Gnaden. Meine recht liebe Tochter, glühend wünsche ich doch, so
scheint es mir, Ihren Fortschritt in der hochheiligen himmlischen Liebe,
der ich Sie heute früh beim heiligen Meßopfer neuerlich geweiht und
aufgeopfert habe. Mir scheint, als ob ich Sie auf meinen Armen empor-
hob, wie man es mit kleinen Kindern und auch noch mit den großen tut,
wenn man stark genug ist, sie zu heben. Sehen Sie, welche Vorstellung
unser Herz doch bei solchen Anlässen hervorbringt. Ich bin ihm wirklich
sehr dankbar, daß es so alles mit dieser schönen, unvergleichlichen Zu-
neigung verbindet und es zugleich auf Heiliges hinwendet.
Ich habe nicht versäumt, besonders Ihres teuren Gatten zu gedenken.
Ach, welch glücklichen Tausch machten Sie trotzdem an diesem Tag, als
Sie sich zu diesem Zustand vollkommener Ergebung entschlossen, in
dem ich Sie mit soviel Trost gefunden habe. Ihre Seele, die einen Bräu-
tigam so hohen Standes erwählt hat, kann wohl mit Recht in außeror-
dentlicher Freude der Stunden ihrer Verlobung mit ihm gedenken.
Es ist wahr, meine liebe Tochter, unsere Einheit ist ganz der aller-
höchsten Einheit geweiht; und ich empfehle immer lebhafter die Echt-

108
heit unserer Herzensverbundenheit, die mich wohl davor bewahren wird,
Sie jemals zu vergessen, auch nachher und lange Zeit nachher, wenn ich
mich selbst werde vergessen haben, um mich umso besser ans Kreuz zu
halten. Ich muß immerdar mich bemühen, Sie hoch oben und ständig auf
dem Sitz zu halten, den Gott Ihnen in meiner Seele gegeben hat, und der
auf dem Kreuz errichtet ist.
Gehen Sie indessen Ihren Weg weiter, meine liebe Tochter, lassen Sie
Ihre guten Vorsätze und heiligen Entschlüsse Fuß fassen; vertiefen Sie
mehr und mehr Ihr Denken in den Wunden unseres Heilands. Sie wer-
den dort eine Unzahl Gründe finden, die Sie in Ihrem hochherzigen
Vorhaben bestärken und Sie wieder empfinden lassen werden, wie eitel
und erbärmlich ein Herz ist, das anderswo seine Heimat hat und auf
einem anderen Baum nistet als auf dem des Kreuzes. O mein Gott, wie
glücklich werden wir sein, wenn wir in diesem heiligen Tabernakel
leben und sterben; nein, nichts, nichts in der Welt ist unserer Liebe
würdig; sie gehört ganz dem Heiland, der uns seine ganze Liebe ge-
schenkt hat.
Wahrlich, ich empfand in den vergangenen Tagen, zu welch unendli-
chem Dank ich Gott verpflichtet bin, und mit tausend Freuden habe ich
mich von neuem entschlossen, ihm mit der größtmöglichen Treue zu
dienen und meine Seele noch beständiger in seiner göttlichen Gegen-
wart zu halten; und bei all dem empfand ich eine gewisse, nicht ungestü-
me, aber – so scheint es mir – doch wirksame frohe Entschlossenheit,
meine Besserung in Angriff zu nehmen. Wird es Sie nicht freuen, meine
liebe Tochter, wenn Sie mich eines Tages bei guter Verfassung im Dien-
ste unseres Heilands sehen? Ja, meine liebe Tochter, denn alles, was wir
an geistlichen Gütern besitzen, ist untrennbar und unteilbar gemeinsam.
Sie wünschen mir ständig viele Gnaden und ich bitte Gott mit unver-
gleichlichem Eifer, daß er Sie unumschränkt ganz zu der Seinen machen
möge.
Mein Gott, sehr liebe Tochter meiner Seele, wie gern möchte ich aus
Liebe zu meinem Heiland sterben! Zumindest aber, wenn ich schon nicht
für ihn sterben kann, doch für ihn allein leben.
Meine Tochter, ich bin sehr in Eile; was kann ich Ihnen noch sagen,
außer, daß dieser gleiche Gott Sie mit seinem reichsten Segen segnen
soll?
Gott befohlen, meine liebe Tochter, drücken Sie diesen teuren Ge-
kreuzigten fest an Ihre Brust! Ich flehe ihn an, er möge Sie immer mehr
an sich drücken und Sie mit sich vereinen. Nochmals Gott befohlen,

109
meine sehr teure Tochter; die Nacht ist schon weit vorgeschritten, aber
noch mehr und weiter bin ich voran in der Freude, mir vorzustellen, wie
der gütige Jesus in Ihrem Herzen thront. Möge er dort auf immerdar
bleiben! Noch einmal Gott befohlen, meine gute, meine liebe Tochter,
meine Schwester, die ich unvergleichlich in unserem Herrn liebe, der da
lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. Es lebe Jesus! ...

Chambéry, 6. März 1606.


Meine sehr teure Tochter!
All diesen erneuten Angriffen und Versuchungen zu Untreue oder
Glaubenszweifel gegenüber nehmen Sie Ihre Zuflucht zu den Weisun-
gen, die Ihnen bisher gegeben wurden; dann werden Sie nichts zu fürch-
ten haben. Hüten Sie sich davor, sich in Debatten einzulassen oder zu
feilschen; ebenso, traurig und unruhig zu werden; dann werden Sie da-
von befreit werden.
Ich sehe den großen Abscheu und Haß, den Sie gegen diese Vorstel-
lungen hegen, und ich zweifle nicht daran, daß dies Ihnen nicht zum
Schaden gereichen und daß der Feind keinen Vorteil davon haben wird.
Es genügt ihm, Sie zu belästigen und zu beunruhigen, weil er nichts
anderes zu tun vermag und es auch mit Gottes Hilfe nie wird tun kön-
nen. Aber nur Mut, meine liebe Tochter, halten Sie sich nicht dabei auf,
über das alles Erwägungen anzustellen; es muß Ihnen genügen, daß Gott
bei diesen Angriffen, denen Sie ausgeliefert sind, nicht beleidigt wird.
Ihre Waffe gegen diese Umtriebe sei deren größtmögliche Mißachtung,
denn diese ist das wirksamste Mittel dagegen.
Nein, ich befürchte nichts für die Säulen unseres Tabernakels, denn
Gott ist sein Schützer. Nichtsdestoweniger habe ich darüber viel nach-
denken und erwägen müssen, was wohl der Welt die Kühnheit und Un-
klugheit gestatten konnte, zu denken, daß sie diese Säulen erschüttern
würde; denn mir scheint, wir zeigen ihr doch wahrhaftig genug böse
Miene, um ihr den Mut zu nehmen, uns zu reizen. Nun, das ist ja alles
nichts.
Ich kann und will niemals schließen, ohne Ihnen ein Übermaß an
Gnade von unserem Herrn und seiner hochheiligen Mutter zu wün-
schen, in deren Liebe ich der Ihre bin und unabänderlich und ganz ein-
zigartig immer der Ihre sein werde ...

110
Annecy, April 1606.
Es freut mich, daß Herr Gallemant26 derselben Meinung ist wie ich.
Als Mittel gegen diese lästigen Glaubensschwierigkeiten nennt er ganz
richtig: sich in keine Debatten einlassen, sondern sich demütigen, nicht
mit dem Verstand herumtüfteln, sondern den Willen straffen.
Das Buch über die „Methode, Gott zu dienen“27 ist gut, aber verwor-
ren und schwierig, mehr als Ihnen zuträglich ist. Das Buch über den
„Geistlichen Kampf“28 enthält alles, was es sagt, jedoch viel klarer und
methodischer.
Sich beim innerlichen Gebet weder der Vorstellungskraft, noch des
Verstandes zu bedienen, ist nicht möglich. Unzweifelhaft aber soll man
sich ihrer nur dazu bedienen, um den Willen zu bewegen. Ist der Wille
in Bewegung gesetzt, soll man ihn mehr als die Vorstellungskraft und
den Verstand gebrauchen. Auch das ist sicher. Diese gute Mutter29 sagt,
es bedürfe nicht der Vorstellungskraft, um sich die geheiligte Mensch-
heit des Heilands vorzustellen. Vielleicht brauchen es jene nicht, die
bereits auf den Berg der Vollkommenheit hoch hinaufgelangt sind; für
uns andere aber, die wir noch in den Tälern sind – wenngleich willens,
den Berg zu besteigen, – ist es unerläßlich, denke ich, daß wir uns all
unserer Fähigkeiten bedienen, auch der Vorstellungskraft. Ich habe Ih-
nen jedoch irgendwo aufgeschrieben, daß diese Vorstellungskraft „recht
einfach“ sein und gleichsam als Nadelöhr dienen soll, um diese Affekte
und Entschlüsse in unseren Geist einzufädeln. Das ist, meine liebe Toch-
ter, die Hauptstraße, von der wir nicht abbiegen sollen, bevor der Tag
etwas weiter fortgeschritten ist und die Wege deutlich erkennbar sind.
Es ist wahr, daß diese Vorstellungen nicht von vielen Einzelheiten über-
laden, sondern einfach sein sollen. Bleiben wir, meine liebe Tochter,
noch ein wenig in diesen niedrigen Tälern, begnügen wir uns noch ein
wenig damit, die Füße des Heilands zu küssen; er wird uns schon an
seinen heiligen Mund rufen, wann es ihm gefällt (Hld 1,1). Gehen Sie
also nicht von unserer Methode ab, bevor wir uns wiedersehen.
Wann das sein wird, fragen Sie mich? Wenn Sie denken, meine liebe
Tochter, daß Ihnen meine Gegenwart so sehr Hilfe, reiche Frucht und
geistliche Stärkung bringen könnte, wie Sie mir schreiben, und daß Sie
den heißen Wunsch danach haben, werde ich nicht so hart sein, Sie auf das
kommende Jahr zu verweisen, sondern weise Sie wieder auf den ersten
Plan zurück, der mir keine Mühe macht außer der, die Ihre Reise Ihnen
bereitet; denn im Grunde bin ich recht froh und zufrieden darüber.

111
Die Schwierigkeit ist, daß mir nur die Oktaven von Pfingsten und
Fronleichnam zur Verfügung stehen. Zu welchem dieser Zeitpunkte Sie
auch kommen wollen, werden Sie mich herzlich bereit und mit Gottes
Hilfe freudig finden, Ihnen zu dienen.
Und sehen Sie, meine liebe Tochter, nehmen Sie in diesen nicht not-
wendigen Dingen oder zumindest in jenen, deren Notwendigkeit ich
nicht recht zu unterscheiden vermag, meine Worte nicht so genau; denn
ich will nicht, daß diese Sie einengen, sondern ich will, daß Sie die
Freiheit haben, zu tun, was Sie für besser erachten. Wenn Sie also glau-
ben, daß diese Reise Ihnen sehr nützlich sein wird, bin ich damit – und
zwar gerne und mit ganzem Willen – einverstanden. Nur müssen Sie
mich verständigen, auf welchen dieser Zeitpunkte Ihre Wahl fällt, denn
ich will in diesem Fall meine Mutter hierherkommen lassen; und glau-
ben Sie mir, daß sie und ich darüber sehr erfreut sein werden, auf Kosten
Ihrer Reiseanstrengung.
Gott sei immerdar mit Ihnen und möge ewiglich in unseren Herzen
leben! Gott befohlen, meine sehr teure Tochter! Ich verbleibe der, den
er so einzigartig zu dem Ihren gemacht hat ...

Annecy, 8. Juni 1606.


Wir werden uns also, so Gott will, im nächsten Jahr wiedersehen,
meine sehr teure Tochter; dann aber unfehlbar und dann wieder entwe-
der zu den Pfingstfeiertagen oder zu Fronleichnam, ohne daß jetzt schon
eine genauere Zeitbestimmung nötig ist. So kann man sich beizeiten
danach richten. – Und was werden wir inzwischen tun? Wir wollen uns
ganz und rückhaltlos dem Wohlgefallen Gottes fügen und in seinen
Händen auf alle unsere Tröstungen, geistliche wie zeitliche, verzichten.
Wir wollen rein und schlicht seiner Vorsehung Tod und Leben all der
Unsrigen anheimstellen, ob nun die Vorsehung die einen den anderen
oder Sie auch uns selbst nach seinem Wohlgefallen überleben läßt. Wir
sind ja dann sicher, daß er uns überreich genügt, wenn nur seine höchste
Güte mit uns, in uns und für uns ist.
Ich soll bitten, Sie zu überleben? O wahrhaftig, Gott soll tun, was ihm
gefällt, ob früh oder spät. Das würde ich in meinen Akten der Ergebung
in Gottes Willen nicht ausnehmen, wollte ich solche erwecken. Aber
Sie sagen, Sie seien in dieser Beziehung noch nicht losgelöst. Herr und
Gott, was sagen Sie da, meine ganz liebe Tochter? Soll ich Ihnen eine
Fessel sein, ich, der Ihnen nichts heißer wünschte, als Sie in gänzlicher
und vollkommener Herzensfreiheit der Kinder Gottes zu sehen (Röm

112
8,21)? Aber ich verstehe Sie gut, meine liebe Tochter, das wollen Sie gar
nicht sagen; Sie wollen wohl sagen, daß es Ihrer Meinung nach zur Ehre
Gottes dient, wenn ich Sie überlebe, und darum hängen Sie diesem Ge-
danken nach. So liegt Ihnen also die Verherrlichung unseres Herrn am
Herzen und nicht seine Geschöpfe. Das weiß ich wohl und preise seine
göttliche Majestät dafür.
Aber wissen Sie, was ich Ihnen gern versprechen will? Nämlich, von
nun an für meine Gesundheit mehr Sorge zu tragen, obwohl ich immer
eine bessere Gesundheit hatte, als ich sie verdiente. Und Gott sei Dank,
fühle ich mich jetzt bei recht guter Gesundheit, nachdem ich das lange
Aufbleiben am Abend und die vielen Schreibereien, die ich dann zu
verrichten pflegte, völlig aufgegeben habe und auch mehr die Mahlzei-
ten einhalte. Aber glauben Sie mir, Ihr Wunsch hat zu diesem Entschluß
viel beigetragen; denn mir liegt Ihre Zufriedenheit und Freude sehr am
Herzen. Dies aber mit einer gewissen Freiheit und Aufrichtigkeit des
Herzens, sodaß meine Zuneigung mir wie Tau vorkommt, der mein Herz
leise und zart benetzt. Und wenn Sie wollen, daß ich Ihnen alles sage: sie
wirkte zu Beginn, da Gott sie mir schickte (und er war es zweifellos),
nicht so beglückend wie jetzt, da sie unendlich stark ist und – so scheint
es mir – immer noch stärker wird, freilich ohne Aufregung und Unge-
stüm. Aber ich habe nun zuviel von etwas gesprochen, wovon ich eigent-
lich nichts sagen wollte.
Nun aber will ich Ihnen Ihre Stundeneinteilung bekanntgeben: um 9
Uhr womöglich Schlafengehen, oder um 10 Uhr, wenn es nicht anders
geht. Aufstehen 5 Uhr, denn Sie brauchen schon 7 bis 8 Stunden Schlaf.
Das betrachtende Gebet morgens soll eine halbe bis dreiviertel Stunde
dauern; eine ungefähr viertelstündige Sammlung um 5 Uhr nachmit-
tags. Eine Viertelstunde Lesung vorher oder nachher; am Abend eine
halbe Viertelstunde für die Gewissenserforschung und das Abendgebet;
untertags viele Herzenserhebungen zu Gott.
Ich habe über das nachgedacht, was Sie mir geschrieben haben, daß
Herr N.30 Ihnen geraten hat, sich weder der Einbildungskraft, noch des
Verstandes, auch nicht der langen Gebete zu bedienen, und daß die gute
Mutter Maria von der Dreifaltigkeit Ihnen bezüglich der Einbildungs-
kraft das gleiche gesagt hat. Gewiß, wenn Sie heftigen Phantasiegebilden
nachgegeben und sie mit Gewalt festgehalten haben, dann bedurften Sie
zweifellos dieser Richtigstellung; wenn Sie aber Ihre Einbildungskraft
kurz und einfach gebrauchen und nur, um Ihren Geist zur Aufmerksam-
keit zurückzurufen und seine Fähigkeiten zur Betrachtung hinzuführen,

113
so denke ich nicht, daß es dann noch nötig ist, sie ganz aufzugeben. Man
darf sich dabei nicht zuviel aufhalten, aber sie auch nicht ganz mißach-
ten. Man soll nicht zu sehr auf Einzelheiten eingehen, wie etwa, zu den-
ken, welche Haarfarbe Unsere liebe Frau hatte, welche Gesichtsform
und ähnliches. Stellen Sie sich die Mutter Gottes ganz einfach und im
Großen und Ganzen vor, etwa, wie sie nach ihrem Sohn Sehnsucht hat-
te, und auch das nur kurz.
Zu dem anderen, vom Verstand keinen Gebrauch zu machen, sage ich
das gleiche. Wenn Ihr Wille, ohne Gewaltanwendung, mit seinen Liebesaf-
fekten davonläuft, brauchen Sie sich nicht mit Erwägungen abgeben. Da
dies aber gewöhnlich bei uns unvollkommenen Leuten nicht geschieht,
müssen wir wohl noch für ein Weilchen zu Erwägungen Zuflucht nehmen.
Aus all dem entnehme ich zusammenfassend, daß Sie sich zu langer
Betrachtungen enthalten sollen (denn eine Betrachtung von dreiviertel
oder einer halben Stunde nenne ich nicht lang), ebenso heftiger, zu sehr
in Einzelheiten gehender und lange andauernder Übungen der Einbil-
dungskraft; diese sollen einfach und recht kurz sein und nur als Über-
gang von der Zerstreuung zur Sammlung dienen. Das gleiche gilt für den
Gebrauch des Verstandes, denn auch dieser dient nur dazu, die Affekte
auszulösen, und die Affekte sollen zu Entschlüssen führen, und diese
wieder zu deren Ausführung, die Ausführung der Entschlüsse aber zur
Erfüllung des Willens Gottes, in dem unsere Seele aufgehen und sich
auflösen soll. Das kann ich Ihnen zu diesem Gegenstand sagen. Sollte
ich Ihnen das Gegenteil gesagt, oder sollten Sie es anders verstanden
haben, müßte es zweifellos richtiggestellt werden.
Ich billige Ihre Abstinenzübungen am Freitag, aber ohne Gelübde
und ohne sich zu sehr Zwang anzutun. Mehr noch billige ich Ihre Hand-
arbeiten wie Spinnen und ähnliches in den Stunden, wo keine größeren
Aufgaben Sie beschäftigen. Ebenso billige ich, daß diese Handarbeiten
für die Altäre oder für die Armen bestimmt seien. Halten Sie sich aber
nicht so streng daran! Wenn Sie einmal etwas für sich oder für die Ihren
tun, dann sollen Sie sich nicht gezwungen sehen, den Armen den Gegen-
wert zu geben. Überall soll doch die heilige Freiheit und Geradheit
herrschen. Wir wollen kein anderes Gesetz, kein anderes „Muß“ ken-
nen als das der Liebe. Wenn diese uns vorschreibt, irgendeine Arbeit für
die Unsrigen zu leisten, so darf sie doch nicht getadelt werden, als hätte
sie Böses getan, oder mit einer Geldstrafe belegt werden, wie Sie es tun
wollten. Wozu immer sie uns auffordert, ob es für einen Armen oder
einen Reichen bestimmt ist, tut sie alles recht und alles ist in gleicher

114
Weise unserem Herrn angenehm. Ich denke, daß Sie mich gut verstehen.
Sie werden sehen, daß ich die Wahrheit sage und für eine gute Sache
kämpfe, wenn ich die heilige und liebevolle Freiheit des Geistes vertei-
dige, die ich – wie Sie wissen – besonders hochschätze, vorausgesetzt,
daß sie die wahre Freiheit ist und sich fern von Zügellosigkeit und von
Leichtfertigkeit hält, die ja nur eine Maske der Freiheit ist.
Ich habe wirklich gelacht und herzhaft gelacht, als ich Ihren Wunsch
las, daß der von Ihnen gewebte Stoff für meinen Gebrauch verwendet und
ich den Gegenwert den Armen geben sollte. Dennoch mache ich mich
nicht darüber lustig, denn ich sehe wohl, daß die Quelle dieses Wunsches
rein und klar ist, obwohl das Bächlein selbst etwas getrübt ist. O Gott!
Mein Gott möge mich so gestalten, daß alles, was ich zu meinem Ge-
brauch verwende, auf seinen Dienst bezogen werde und daß mein Leben
ganz ihm zu eigen sei, daß also von dem, was seiner Aufrechterhaltung
dient, gesagt werden könne, es diene seiner göttlichen Majestät.
Ich lache wohl, meine liebe Tochter, aber nicht ohne große Angst
wegen des Unterschiedes zwischen dem, was ich bin, und dem, was viele
glauben, daß ich sei. Nun wohl: Ihre Absicht möge vor Gott gelten! Ich
bin darüber einerseits erfreut; aber wer mag es mir wohl nach seinem
richtigen Wert einschätzen? Wenn ich den Armen seinen Gegenwert
nach meiner Einschätzung zurückerstatten wollte, dann seien Sie versi-
chert, daß ich nicht Geld genug dafür hätte. Niemals hielt mich ein
Kleidungsstück so warm wie dieses, dessen Wärme bis ins Herz dringt,
und ich glaube nicht, daß es violett ist, sondern purpurn und scharlach-
rot, da es – scheint mir – in Liebe getaucht ist. Also gut denn, für dieses
eine Mal; denn Sie müssen wissen, daß ich mir nicht jedes Jahr neue
Kleider machen lasse, sondern nur nach Notwendigkeit. Für die ande-
ren Jahre werden wir schon eine Möglichkeit finden, Ihre Arbeiten nach
Ihrem Wunsch gut unterzubringen.
Das ist noch nicht alles. Diese Ihre Absicht hat mich auf viele frohe
Gedanken gebracht; aber ich will Ihnen nur einen davon sagen, der
mir am Oktavtag von Fronleichnam kam, als ich das Allerheiligste bei
der letzten Prozession trug. Ich gab Ihnen, scheint es mir, viel zu spin-
nen auf und auf einem guten Spinnrocken. Sehen Sie, ich betete Ihn an,
den ich trug, und dabei kam mir der Gedanke, daß er das wahre Lamm
Gottes ist, das hinwegnimmt die Sünden der Welt (Joh 1,29). O heili-
ges und göttliches Lamm, betete ich, wie elend wäre ich ohne Dich!
Ach, ich bin nur mit Deiner Wolle bekleidet, die mein Elend vor dem
Angesicht Deines Vaters bedeckt. Bei dieser Überlegung kommt mir

115
ein Wort des Propheten Jesaja (50,7) in den Sinn, daß unser Herr in
seinem Leiden wie ein Lamm war, das – wenn es geschoren wird – den
Mund nicht auftut. Und was ist dieses göttliche Vlies, wenn nicht das
Verdienst, das Beispiel, das Geheimnis des Kreuzes? Es scheint mir
denn, daß das Kreuz der schöne Spinnrocken der heiligen Braut des
Hoheliedes, dieser frommen Sulamitin ist. Die Wolle des unschuldi-
gen Lammes ist sorgsamst darauf aufgebunden: das Verdienst, das Bei-
spiel, das Geheimnis.
O, stellen Sie gar ehrerbietig diesen Spinnrocken an Ihre linke Seite
und spinnen Sie den Faden beständig durch Erwägungen, Herzenserhe-
bungen und gute Übungen, ich will sagen: durch heilige Nachfolge. Spin-
nen Sie, sage ich, und ziehen Sie in die Spindel Ihres Herzens all diese
weiße und zarte Wolle. Das daraus entstandene Tuch wird Sie am Tag
Ihres Todes bedecken und vor Angst schützen, es wird Sie im Winter
warm halten und Sie werden, wie der Weise sagt (Spr 31,21), die Eises-
kälte nicht fürchten. Und das hat vielleicht der gleiche Weise gedacht,
als er zum Lob der heiligmäßigen Hausfrau sagte: „An Großes legt sie
ihre Hand und ihre Finger ergreifen die Spindel“ (Spr 31,19). Denn ist
das „Große“ in Bezug auf die Spindel nicht das durch unsere Nachfolge
gesponnene Geheimnis des Leidens Christi? Darüber wünschte ich Ih-
nen tausend- und abertausendfachen Segen. Möge dieser große Tag des
Gerichtes uns alle bekleidet finden, den einen als Bischof, die andere als
Witwe, diese als verheiratete Frau und jenen als Kapuziner, einen als
Jesuiten, den anderen als Weinbauer, alle aber mit der gleichen weißen
und roten Wolle, den Farben des himmlischen Bräutigams (Hld 5,10).
Das also, meine liebe Tochter, kam mir in den Sinn, als ich in meinen
Händen eben dieses Lamm hielt, von dessen Wolle ich spreche. Wahr-
haftig, bei den göttlichen Übungen kreuzt immer der Gedanke an Sie in
meinem Geist auf, ohne aber, Gott sei Dank, ihn zu durchkreuzen oder
abzulenken. Tue ich recht daran, meine liebe Tochter, Ihnen meine Ge-
danken zu sagen? Ich denke, zumindest dabei nicht schlecht zu handeln,
und hoffe, daß Sie diese für das nehmen, was sie sind.
Nun, Ihre Wünsche, sich all diesen weltlichen Unterhaltungen fern-
zuhalten, wie Sie sagen, können nur gut sein, da diese Sie nicht beunru-
higen. Aber haben Sie Geduld, wir werden im kommenden Jahr darüber
sprechen, wenn Gott uns am Leben erhält. Das mag genügen und ich
wollte Ihnen auch nicht antworten auf diese Wünsche, von daheim fort-
zugehen oder im Noviziat von Mädchen zu dienen, die nach dem Or-
densleben streben. All dies, meine liebe Tochter, ist zu bedeutungsvoll,

116
um schriftlich behandelt zu werden, es ist noch Zeit genug dafür. Spin-
nen Sie indessen Ihren Spinnrocken, nicht mit den großen und schweren
Spindeln, denn Ihre Finger werden nicht damit umzugehen wissen, son-
dern nur im Rahmen Ihrer geringen Leistungsfähigkeit: Demut, Ge-
duld, Erniedrigung, Sanftmut des Herzens, Ergebung, Einfachheit, Lie-
be zu den armen Kranken, Ertragen ärgerlicher Leute und ähnliche Akte
der Nachfolge könnten wohl in Ihre kleinen Spindeln Einlaß finden.
Ihre Finger werden sie wohl zu handhaben verstehen im Verkehr mit
der hl. Monika, der hl. Paula, der hl. Elisabeth, der hl. Lidwina und
vieler anderer, die sich zu Füßen Ihrer glorreichen Äbtissin aufhalten.
Diese weiß wohl mit jeder Art von Spindeln umzugehen, aber meiner
Meinung nach handhabt sie lieber noch diese kleinen Spindeln, um uns
ein Beispiel zu geben.
Nun aber wirklich genug gesagt von der Wolle unseres unbefleckten
Lammes. Wollen wir nicht von seinem göttlichen Fleisch etwas häufiger
essen? Wie köstlich und nahrhaft ist es doch! Ich meine, wenn es sich
ohne Schwierigkeiten machen ließe, wäre es gut, den Leib des Herrn
auch an einem Wochentag außer Sonntag, und zwar am Donnerstag zu
empfangen, falls kein Festtag auf einen anderen Tag der Woche fällt.
Dies jedoch, ohne Lärm zu machen, ohne unsere Pflichten zu vernach-
lässigen, ohne weder die eine, noch die andere Spindel wegzulegen.
Ich freue mich, die guten Kapuzinerpatres in Ihrem Autun zu sehen,
denn ich hoffe, daß Gott dadurch verherrlicht wird. Ich habe einen Brief
vom Bruder Mathieu aus Thonon zugeschickt bekommen, wo er sich
aufgehalten hat.
Ich weiß nicht, wo sich jetzt unser Erzbischof befindet. Sie werden
mir einen großen Gefallen erweisen, wenn Sie ihm meinen Brief nach-
senden. Ich schätze ihn aus allen Kräften und ich vergesse niemals beim
heiligen Opfer, ihn unserem Herrn zu empfehlen. Man hat mir gesagt,
daß er ein Priorat nicht weit von meiner Diözese erhalten hat; es soll
Nantua sein, aber ich höre nichts mehr davon. Der gute Vater, der gute
Onkel liegen mir sehr am Herzen und ich wünsche ihnen an göttlicher
Gnade, was ich vermag, und auch den kleinen Kindern, die ich als die
meinen ansehe, da sie die Ihren sind. Gott sei immerdar ihr Beschützer,
auch des Celse-Benigne, von dem ich schon lange Zeit nichts gehört
habe; aber Claude wird mir nach seiner Rückkehr wohl etwas über ihn
berichten können.
Nun muß ich noch über meine kleine Schwester mit Ihnen reden. Ich
zweifle keineswegs, ob ich sie Ihnen nun anvertrauen soll oder nicht;

117
denn abgesehen von meiner Geneigtheit dazu, will es auch meine Mutter
so sehr, daß sie darüber ganz unruhig ist, seitdem sie weiß, daß dieses
Kind nicht ins Kloster eintreten will. Wenn ich es auch selber nicht woll-
te, müßte ich es daher doch wollen. Zu diesem Zweck habe ich Ihnen 30
Dukaten über Lyon geschickt, sowohl für die notwendigen Ausgaben, da-
mit sie abgeholt werden kann, als auch für kleine Aufmerksamkeiten zu-
gunsten der Mädchen, die der Frau Äbtissin dienen. Bei ihrem langen
Aufenthalt hat sie dieser gewiß viel Unannehmlichkeiten bereitet.
Wie das geschehen soll, kann ich mir nicht ausdenken. Ich muß Sie
bitten, meine liebe Tochter, das Nötige zu veranlassen, damit alles rich-
tig gemacht wird. Ich fürchte schon ein wenig, daß unsere Frau Äbtissin
darüber verärgert sein wird; aber da ist nichts zu machen. Es wäre nicht
vernünftig, ein Mädchen so lang in einem Kloster zu belassen, wenn es
dort nicht sein ganzes Leben bleiben will.
Und was Sie betrifft, soll ich irgendein Zeremoniell einhalten, um
Ihnen diese Last aufzuladen? Ich versichere Ihnen, daß ich das nicht
vermag; wohl aber, Sie zu bitten, ja zu beschwören, und womöglich Ih-
nen noch mehr zu sagen: daß Sie mir doch schreiben, was notwendig ist,
um sie jetzt und auch in Zukunft nach Ihrem Ermessen auszustatten, wie
es die Prinzessinnen von Spanien tun, wenn man ihnen Mädchen als
Hoffräulein zuweist. Das will ich so haben und ganz bestimmt. Sie soll
auch ein Tuchhäubchen tragen, wenn das zu ihrer Kleidung gehören
sollte. Sie sehen, meine liebe Tochter, daß ich nicht schlecht gelaunt bin.
Aber ich beschwöre Sie ganz bewußt: es muß so sein, ich will und würde
es befehlen, wenn es notwendig wäre, daß Sie mir alles aufschreiben, was
für das Mädchen erforderlich ist. Ich meine für ihre Ausstattung, denn
über die Verköstigung darf ich ja kein Wort verlieren, sonst würden Sie
mich tausendfach schelten, das weiß ich. Ich schreibe Ihrem Herrn
Schwiegervater die Bitte, gütig einverstanden zu sein mit dem Gefallen,
den Sie mir erweisen wollen. Freilich verstehe ich mich nicht auf schöne
Worte, bitte, bewegen Sie ihn dazu.
Aber triumphieren Sie nicht, wenn Sie mir Stillschweigen über Ihre
Geheimnisse auferlegen? In Wirklichkeit habe nicht ich, meine liebe
Tochter, Herrn N. gesagt, daß Sie meine Tochter sind; er hat es mir
gleich gesagt als etwas, das mich sehr freuen sollte, und ich freute mich
ja auch. Ebenso sagte mir auch Herr von Sauzéa, daß Sie nicht prunklie-
bend seien, daß Sie keine aufgebauschten Röcke tragen und nicht daran
denken, sich wieder zu verheiraten. Das wurde mir so unbefangen ge-
sagt, meine liebe Tochter, daß ich es wirklich glaube. Und dann kom-

118
men Sie und verbieten mir, über Ihre Geheimnisse zu sprechen, nach-
dem alle Welt diese bereits weiß. Nun, ich werde kein Wort über das,
was Sie tun und wie Sie es tun, verlieren; denn wem, ich bitte Sie, sollte
ich es denn sagen?
Ich habe Ihre kleine jüngste Tochter sehr gern, denn sie ist, wie Sie
sagen, eine engelhafte Seele. Ich wußte bereits von der Abreise des guten
Paters von Villars; das tat mir sehr leid, denn es wird wohl nicht leicht
sein, einer Persönlichkeit zu begegnen, die Ihrem Wesen so entspricht
wie er. Es scheint mir, daß wir fast in allen Dingen gut übereinstimmen.
Aber schließlich hilft unsere teure Geistesfreiheit allem ab. Man hat
mir gesagt, daß an seine Stelle eine große Persönlichkeit gekommen ist,
einer der ersten Prediger Frankreichs, aber ich kenne ihn nur dem Na-
men nach; er genießt ein großes Ansehen.
Ich werde in zehn Tagen von hier abreisen, um während fünf vollen
Monaten die Visitation inmitten unseres Hochgebirges fortzusetzen, wo
die guten Leute mich mit herzlicher Zuneigung erwarten. Ich werde auf
mich möglichst achtgeben aus Liebe zu mir, den ich nur zu sehr liebe,
und auch aus Liebe zu Ihnen, die dies will und die an allem Guten
teilhaben soll, das geschehen wird, wie Sie allgemein teilhaben an allem,
was in meiner Diözese geschieht, entsprechend der Vollmacht, die ich
durch meinen Stand habe, es mitzuteilen.
Mein Bruder, der Kanonikus, wollte Ihnen schreiben; ich weiß nicht,
ob er es tun wird. Der arme Mann hat keine gute Gesundheit; er schleppt
sich dahin, soweit er es vermag, mit mehr Tapferkeit als Kraft. Er wird
sich ein wenig bei seiner guten Mutter erholen können, während ich in
unseren Bergen von Fels zu Fels springen werde. Ich habe der Frau von
Puits d’Orbe geschrieben, von der ich seit langem keine Nachricht habe.
Ich höre, daß ihre Töchter sich danach sehnen, Karmelitinnen zu wer-
den, was sie doch nicht erreichen können. Dadurch verlieren sie den
Mut zur Vollkommenheit ihres Klosters, die sie doch leicht erlangen
könnten. Das ist eben gewöhnlich so.
Herr von N. hat mir versprochen, daß er mit Ihnen kommen und Ihr
Führer sein werde, und hat erzählt, daß er bei Ihnen aufgewachsen sei.
Das hat mir sehr gefallen, wie auch, was Sie mir von der gegenseitigen
Liebe zwischen Ihnen und unserer Schwester von Dijon geschrieben
haben; denn ich halte sie für eine recht gute, mutige und aufrichtige
Frau. Es freut mich auch, daß die guten Karmelitinnen Ihnen zugetan
sind, und möchte gerne wissen, woher die gute Schwester Maria von der

119
Dreifaltigkeit ist. Ich kenne Karmelitinnen von Paris und schätze ihren
Orden sehr hoch.
Gott befohlen, meine liebe Tochter! Wir wollen immerdar Gott ange-
hören, ohne etwas auszunehmen und ohne je aufzuhören. Er lebe und
herrsche immerdar in unseren Herzen. Amen ...
Es lebe Jesus, meine liebe Tochter und Jesus lebe ewiglich! Amen.
Die Pfingst- und Fronleichnamsoktav haben mir gehört, meine liebe
Tochter, aber nur, um hier zu bleiben und nicht um etwa freie Zeit zu
haben. Ich kann mich mein ganzes Leben nicht erinnern, je in so viel
verschiedene, aber gute Dinge hineingezogen worden zu sein; ich erzäh-
le davon, um mich zu entschuldigen, daß ich Ihnen nicht ausführlicher
schreibe.
Ich vergaß, Sie zu bitten, mir – sobald Sie können – die geistlichen
Lieder zu schicken, die Sie dort haben. Tun Sie mir bitte den Gefallen,
meine liebe Tochter, aus Liebe zu Gott, der Sie segnen und ewiglich
bewahren möge. Amen.

Annecy, 17. Juni 1606.31


Meine sehr liebe Tochter!
Ich erhielt Ihren Brief vom 6. Juni; gleich werde ich das Pferd bestei-
gen für eine Visitationsreise von fünf Monaten. Sie können sich denken,
ob ich gerne nach Burgund reisen würde. Aber, meine liebe Tochter,
diese Arbeit der Visitation ist für mich notwendig und gehört zu den
Hauptaufgaben meines Amtes. Ich gehe mit großem Mut daran und seit
heute morgen habe ich eine besondere Freude an diesem Unternehmen
empfunden, obwohl ich vorher mehrere Tage hindurch tausenderlei sinn-
lose Ängste und traurige Anwandlungen hatte, die jedoch mein Herz
nur von außen her anrühren und nicht ins Innere drangen; es war wie ein
Frösteln beim Einbruch der Kälte. Wie ich Ihnen aber schon öfters
gesagt habe, behandelt mich Gott wie ein zartes Kind, denn er setzt mich
keinen rauhen Erschütterungen aus; er kennt meine Schwäche und weiß,
daß ich keine schweren ertragen kann. – Ich rede so über meine kleinen
Angelegenheiten zu Ihnen, weil es mir recht wohl tut.
O ja, ich weiß Ihnen schon Dank dafür, daß Sie Ihr Fieber lieben. Ich
stelle mir vor, hätten wir einen etwas feineren Geruchssinn, so nähmen
wir wahr, daß die Heimsuchungen wie Moschus duften und wie von
tausend guten Wohlgerüchen ganz durchtränkt sind. Wenn sie auch von
sich aus einen unangenehmen Beigeschmack haben, erreichen sie uns
doch, erfüllt von jeder Köstlichkeit, da sie von der Hand und mehr noch

120
vom Schoß, vom Herzen des göttlichen Bräutigams kommen, der von
sich aus nur Duft und Wohlgeruch ist.
Meine liebe Tochter, halten Sie Ihr Herz weit offen vor Gott; gehen
Sie Ihren Weg in seiner Gegenwart immer fröhlich weiter. Er liebt uns
zärtlich, er ist ganz unser, dieser gütige Jesus; seien auch wir nur ganz
die Seinen, lieben wir ihn, geben wir uns ihm hin. Mögen uns auch Fin-
sternisse umgeben, Stürme umtoben und mögen uns die Wasser der Bit-
terkeit bis an den Hals reichen: solange er uns den Mantel hochhält, gibt
es nichts zu befürchten.
Ich will Ihnen oft schreiben, meine liebe Tochter, und will Sie tau-
send- und abertausendmal segnen mit dem mir von unserem Gott ver-
liehenen Segen. Leben Sie fröhlich, ob gesund oder krank, und drücken
Sie Ihren göttlichen Bräutigam fest an Ihr Herz, meine liebe Tochter,
meine ganz liebe Tochter. Ich bin Ihnen ja, was ich nach dem Willen
seiner göttlichen Majestät sein soll, und was sich nicht in Worten aus-
drücken läßt. Es lebe Jesus immerdar! Amen.

Ende Juli oder Anfang August 1606.


Mein Gott, meine gute Tochter, wie sehr freuen mich doch Ihre Briefe
und wie lebendig stellen Sie doch Ihr Herz und Ihr Vertrauen auf mich
mit einer so klaren Reinheit dar, daß ich gezwungen bin zu glauben, daß
dies aus der Hand Gottes selbst kommt.
Ich habe in diesen vergangenen Tagen schreckliche Berge, ganz be-
deckt mit 10-12 Spieß dickem Eis, gesehen, und die Bewohner der be-
nachbarten Täler erzählten mir, daß ein Hirte, der eine seiner Kühe
suchen gegangen war, in eine 12 Spieß tiefe Gletscherspalte fiel, in der
er erfror. O Gott, sagte ich mir, war der Eifer des Hirten für die Suche
seiner Kuh so heiß, daß dieses Eis ihn nicht abgekühlt hat? Warum also
bin ich so lau auf der Suche nach meinen Schäflein? Sicher, das hat mich
erschüttert, und mein ganz eisiges Herz ist etwas geschmolzen.
Ich habe Wunderbares in diesen Gegenden gesehen: Täler voll Häu-
ser und Berge voll Eis bis in die Täler hinab. Kleine Witwen, kleine
Dorfbewohner, ähnlich den niedrigen Tälern, sind so fruchtbar, und
Bischöfe, die in der Kirche Gottes so hoch erhoben werden, sind eiskalt.
Ach, findet sich denn keine Sonne, stark genug, um das Eis zu schmel-
zen, in dem ich erstarre?
Zur gleichen Zeit brachte man mir einen Bericht über das Leben und
den Tod einer heiligmäßigen Dorfbewohnerin32 meiner Diözese, die im

121
Monat Juni gestorben war. Was meinen Sie wohl, daß ich davon denken
soll? Ich werde Ihnen einmal einen Auszug davon schicken, denn ohne
zu übertreiben – es liegt etwas ungemein Anziehendes in dieser be-
scheidenen Geschichte einer verheirateten Frau, die dank der Gnade
Gottes eine meiner großen Freundinnen war und mich oft Gott emp-
fohlen hatte.
Ich habe schon in der Heiligen Messe zu unserem Herrn über Sie,
meine ganz teure Tochter, gesprochen. Ich habe freilich nicht gewagt,
ihn vollends um Ihre Befreiung zu bitten; denn wenn es ihm gefällt, das
Opfer zu häuten, das ihm dargebracht werden soll, so liegt es nicht an
mir, zu wünschen, daß er es nicht tue; aber ich habe ihn beschworen und
beschwöre ihn noch bei dieser unendlichen Verlassenheit, in der er Blut
schwitzte (Lk 2 2,43 f) und am Kreuz ausrief: „Mein Gott, mein Gott,
warum hast Du mich verlassen?“ (Ps 22,1; Mt 27,46): Er möge Sie im-
mer mit seiner heiligen Hand festhalten, wie er es bis jetzt getan hat,
wenngleich Sie nicht wissen, an welcher Seite er Sie hält, oder zumin-
dest es nicht spüren. Sie werden bestimmt gut daran tun, einfach unseren
gekreuzigten Herrn zu betrachten und ihm Ihre Liebe und vollständige
Ergebung zu beteuern, so trocken, dürr und gefühllos diese auch sein
mag. Geben Sie sich nicht damit ab, Ihr Übel zu betrachten und zu
prüfen, nicht einmal, um es mir zu sagen.
Schließlich gehören wir Gott an, ganz, vorbehaltlos, ungeteilt, aus-
nahmslos und ohne anderes zu beanspruchen als die Ehre, die Seinen zu
sein. Hätten wir nur eine einzige Liebesflamme in unserem Herzen, die
nicht ihm gehörte und von ihm käme, o Gott, wir würden sie unmittel-
bar ausreißen. Bleiben wir also in Frieden und sagen wir mit dem gro-
ßen Liebhaber des Kreuzes: „In Hinkunft soll nichts mehr mich in Un-
ruhe stürzen, denn ich trage in meinem Herzen die Wundmale meines
Jesus“ (Gal 6,17). – Ja, meine sehr liebe Tochter, wenn eine kleine Faser
unseres Herzens nicht die Prägung des Kreuzes trüge, wollten wir sie
keinen Augenblick behalten. Warum also uns beunruhigen? „Meine Seele
hofft auf Gott, warum bist du traurig und warum wirst du verwirrt?“ (Ps
42,61), da doch Gott mein Gott ist und mein Herz ein Herz, das ganz
sein ist.
Ja, meine sehr liebe Tochter, beten Sie für den, der Ihnen unaufhör-
lich tausendfachen Segen wünscht und den Segen der Segen, seine voll-
kommene heilige Liebe.

122
Cluses, 6. August 1606.33
Gott möge mir beistehen, meine sehr teure Tochter, um Ihren Brief
vom 9. Juli mit Nutzen zu beantworten. Es ist dies mein heißer Wunsch,
aber ich sehe schon voraus, daß ich nicht genug Zeit haben werde, um
meine Gedanken richtig zu ordnen; es wird viel heißen, wenn ich sie
vorbringen kann.
Das ist recht gesagt, meine Tochter, sprechen Sie nur offen mit mir,
das heißt mit einer Seele, die Gott in seiner allerhöchsten Autorität ganz
zu der Ihren gemacht hat. Sie legen ein wenig Hand ans Werk, sagen Sie
mir. Ach, mein Gott, welch große Freude für mich! Tun Sie das immer,
legen Sie immer ein wenig Hand ans Werk; spinnen Sie alle Tage ein
wenig, sei es am Tag beim Licht der inneren Freuden und Klarheiten, sei
es bei Nacht, bei Lampenschein in Unvermögen und Unfruchtbarkeit.
Der Weise lobt darum die starke Frau (Spr 31,19): Ihre Finger haben,
sagt er, die Spindel gehandhabt. Wie gerne würde ich Ihnen etwas über
dieses Wort sagen! Ihr Spinnrocken ist die Vielzahl Ihrer Wünsche:
spinnen Sie alle Tage ein wenig, drehen Sie Ihre Vorsätze zum Faden bis
zur Durchführung, und Sie werden zweifellos ans Ziel gelangen. Hüten
Sie sich aber vor Hast, denn sonst verwickelt sich Ihr Faden zu einem
Knoten und bringt Ihre Spindel in Unordnung. Machen wir nur immer
weiter; wenn wir auch nur langsam vorwärts kommen, so legen wir doch
einen weiten Weg zurück.
Ihr Unvermögen schadet Ihnen sehr, denn, so sagen Sie, es hindert Sie
daran, in sich zu gehen und sich Gott zu nahen. Das ist zweifellos schlecht
gesagt. Gott beläßt Sie darin zu seiner Verherrlichung und zu Ihrem
großen Nutzen; er will, daß Ihre Erbärmlichkeit der Thron seiner Barm-
herzigkeit und Ihre Ohnmacht der Sitz seiner Allmacht sei. Wohin ver-
legte Gott die göttliche Kraft, die er Simson verlieh? Doch in seine
Haare (Ri 16,17), den gewiß schwächsten Teil seines Körpers. Solche
Worte will ich nimmer von einer Tochter hören, die Gott dienen will
nach seinem göttlichen Wohlgefallen und nicht nach fühlbarer Freude
und Leichtigkeit. Ijob sagt (13,15): „Und wenn er mich tötet, werde ich
noch auf ihn hoffen.“ Nein, meine Tochter, dieses Unvermögen hindert
Sie nicht, in sich einzukehren; aber es hindert Sie wohl daran, Gefallen
an sich selbst zu finden.
Wir wollen immer dies und das, und obwohl wir unseren gütigen Je-
sus in unserem Herzen tragen, sind wir damit nicht zufrieden; und trotz-
dem ist dies alles, was wir wünschen können. Eines nur ist uns notwen-

123
dig: bei ihm zu sein. Sagen Sie mir, meine liebe Tochter, Sie wissen
doch, daß bei der Geburt unseres Herrn die Hirten die Engelchöre und
die göttlichen Gesänge der himmlischen Heerscharen hörten; so be-
richtet die Schrift (Lk 2,13 f). Dennoch ist nirgends gesagt, daß Unsere
liebe Frau und der hl. Josef, die doch am engsten zum Kind gehörten,
auch die Stimmen der Engel vernahmen oder dieses wunderbare Licht
sahen; im Gegenteil, anstatt die Engel singen zu hören, hörten sie das
Kind weinen und sahen beim Schein irgendeiner schlechten Lampe die
Augen dieses göttlichen Knaben von Tränen überfließen und sahen ihn
selbst zitternd unter der strengen Kälte. Nun aber frage ich Sie aufrich-
tig: Hätten Sie nicht auch eher gewählt, in dem finsteren Stall bei dem
weinenden kleinen Kindlein zu sein, als mit den Hirten außer sich zu
sein vor Freude und Jubel über die Süße dieser himmlischen Musik und
über die Schönheit dieses wunderbaren Lichtes (Lk 2,9)?
„Ja“, sagte der hl. Petrus, „hier ist es gut sein“ (Mt 17,4), angesichts
der Verklärung (und heute ist der Tag, an dem die Verklärung Christi in
der Kirche gefeiert wird, der 6. August); aber Ihre Äbtissin ist nicht
dabei, sondern nur auf dem Kalvarienberg (Joh 19,25), wo sie nichts
sieht als Tote, Nägel, Dornen, Ohnmacht, tiefe Finsternis, Verlassenheit
und Trostlosigkeit.
Doch genug darüber, meine Tochter, und mehr schon, als ich über
diesen bereits so viel zwischen uns besprochenen Gegenstand sagen
wollte. Nichts mehr davon, ich bitte Sie. Lieben Sie den inmitten der
Dunkelheiten gekreuzigten Gott, bleiben Sie bei ihm, sagen Sie: „Es ist
gut für mich, hier zu sein; lasset uns drei Zelte bauen“, eines für unseren
Herrn, eines für Unsere liebe Frau und das dritte für den hl. Johannes.
Drei Kreuze, sonst nichts (Lk 18,33); und stellen Sie sich zu dem des
Sohnes, oder zu dem der Mutter, Ihrer Äbtissin, oder zu dem des Jün-
gers; Sie werden überall gut aufgenommen werden mit den anderen
Töchtern Ihres Ordens,34 die sich darum scharen.
Lieben Sie Ihre Erniedrigung. – Aber, so sagen Sie, was heißt das:
seine Erniedrigung lieben? Denn mein Verstand ist dunkel und ohn-
mächtig für alles Gute. Nun, meine Tochter, das ist es: Wenn Sie demü-
tig ruhig, sanftmütig vertrauend bleiben inmitten dieser Dunkelheit und
Ohnmacht, wenn Sie nicht ungeduldig werden, wenn Sie sich nicht ab-
hasten, wenn Sie wegen alldem nicht der Aufregung verfallen, sondern
gerne (ich sage nicht „ fröhlich“, aber ehrlich und fest) dieses Kreuz
umfassen und in diesen Dunkelheiten bleiben, dann lieben Sie Ihre Er-
niedrigung. Denn was heißt erniedrigt sein anderes, als in Dunkelheit

124
und Ohnmacht sein? Lieben Sie sich so aus Liebe zu dem, der Sie so
haben will, und Sie werden Ihre eigene Erniedrigung lieben.
Meine Tochter, auf lateinisch heißt Erniedrigung Demut und Demut
Erniedrigung; Unsere liebe Frau wollte also mit den Worten „weil er
herabgeschaut hat auf die Niedrigkeit seiner Magd“ (Lk 1,48), sagen,
„weil er herabgeschaut hat auf meine Erniedrigung und Armseligkeit.“
Dennoch besteht ein gewisser Unterschied zwischen der Tugend der
Demut und der Erniedrigung, weil Demut das Bekenntnis zur eigenen
Erniedrigung ist. Der Gipfel der Demut besteht nun darin, seine Ernied-
rigung nicht nur zu bekennen, sondern sie zu lieben; und dazu wollte ich
Sie aufmuntern.
Damit ich mich besser verständlich mache, müssen Sie wissen, daß es
unter den Übeln, unter denen wir leiden, erniedrigende und ehrenvolle
gibt. Viele fügen sich in ehrenvolle Übel, wenige aber in erniedrigende.
Da ist zum Beispiel ein armselig gekleideter und frierender Kapuziner:
Jeder ehrt sein zerrissenes Gewand und hat Mitleid mit dem Frieren-
den. Da ist aber ein armer Handwerker, ein armer Schüler, eine arme
Witwe, die das gleiche erleiden. Man macht sich über sie lustig; ihre
Armut ist erniedrigend. Ein Ordensmann erträgt geduldig eine Rüge
seines Oberen; jeder wird das Selbstüberwindung und Gehorsam nen-
nen. Ein Edelmann hingegen erduldet einen Tadel aus Liebe zu Gott,
und man nennt das Feigheit; da haben wir eine erniedrigende Tugend,
ein verachtetes Leiden. Ein Mann hat ein Geschwür am Arm, ein ande-
rer im Gesicht; jener verbirgt es und hat nur den Schmerz zu ertragen;
dieser aber kann es nicht verbergen und muß mit den Schmerzen auch
noch die Verachtung und Erniedrigung erdulden. Nun sage ich aber, daß
man nicht nur das Übel lieben muß, sondern auch die Erniedrigung.
Weiter gibt es auch erniedrigende und ehrenvolle Tugenden. Gewöhn-
lich sind Geduld, Sanftmut, Selbstüberwindung und Einfachheit für Welt-
menschen erniedrigende Tugenden; Almosengeben, Höflichkeit und
Klugheit gelten als ehrenvolle Tugenden. Manche Handlungen der glei-
chen Tugend sind erniedrigend, andere wieder ehrenvoll. Almosenge-
ben und Verzeihen von Beleidigungen sind Handlungen aus Nächsten-
liebe; die eine ist ehrenvoll, die andere in den Augen der Welt jedoch
erniedrigend.
Oder ich bin krank in einer Umgebung, die dies als lästig empfindet;
auch hier gesellt sich zum Übel eine Erniedrigung. Junge Damen der
Gesellschaft, die mich wie eine echte Witwe auftreten sehen, sagen, ich
sei eine Betschwester; wenn sie mich aber – wenn auch nur bescheiden

125
– lachen sehen, sagen sie gleich, daß ich noch umschwärmt werden wol-
le. Man will nicht glauben, daß ich nicht höher hinaus will und keine
Ehre anstrebe, oder daß ich meinen Stand ohne Bedauern liebe. All das
trägt zur Erniedrigung bei; das alles lieben, heißt seine eigene Erniedri-
gung lieben.
Und noch etwas anderes: meine Schwestern und ich machen Kran-
kenbesuche. Meine Schwestern schicken mich zu den armseligsten Kran-
ken; das ist in den Augen der Welt eine Erniedrigung; wenn sie mich zu
den weniger armseligen schicken, ist das eine Erniedrigung vor Gott;
denn jener Krankenbesuch ist von geringerer Würde vor Gott, dieser
aber vor der Welt. Nun, ich werde die eine und die andere lieben, wie sie
sich ergibt. Auf dem Weg zum Elendsten werde ich sagen: es ist recht,
daß ich erniedrigt werde. Wenn ich aber zu den weniger Armseligen
gehe, sage ich: das ist recht, denn ich habe nicht genug Verdienste, um
einen heiligeren Krankenbesuch abzustatten.
Oder ich begehe eine Dummheit; sie erniedrigt mich: gut. Ich falle
nieder und ärgere mich darüber maßlos; ich bereue die Beleidigung
Gottes, freue mich aber, dadurch geoffenbart zu haben, wie wenig wert,
wie armselig und erbärmlich ich bin.
Trotzdem, meine Tochter, achten Sie wohl auf das, was ich Ihnen jetzt
sagen werde: Obgleich wir die Erniedrigung lieben, die dem Übel folgt,
dürfen wir doch nicht davon ablassen, das Übel zu überwinden. Ich
werde tun, was ich kann, um nicht ein Geschwür im Gesicht zu bekom-
men; wenn ich aber eines habe, werde ich die Erniedrigung daran lie-
ben. – In allem Sündhaften muß man sich noch stärker an diese Regel
halten. Ich habe mich z. B. in dem und jenem gehen lassen; ich bin
darüber traurig, obwohl ich die daraus folgende Erniedrigung gerne auf
mich nehme. Wenn das eine vom anderen getrennt werden könnte, wür-
de ich herzlich gern die Erniedrigung behalten, das Übel und die Sünde
aber beseitigen. – Man muß hier auch die Nächstenliebe berücksichti-
gen; sie erfordert zuweilen, daß wir wegen der Erbauung des Nächsten
die Erniedrigung ausschalten, das heißt in diesem Fall, sie aus den Au-
gen des Nächsten entfernen, der daran Anstoß nähme, aber nicht aus
unserem Herzen, das daran Erbauung findet. „Ich habe gewählt“, sagt
der Prophet (Ps 84,11), „lieber im Haus Gottes erniedrigt zu sein, als in
den Zelten der Sünder zu wohnen.“
Schließlich möchten Sie wissen, meine Tochter, welches die besten
Erniedrigungen sind. Ich sage Ihnen: jene, die wir nicht gewählt haben
und die uns weniger angenehm sind, oder besser gesagt, jene, zu denen

126
wir nicht viel Neigung verspüren; das sind aber, um offen zu sprechen,
jene unseres Standes und Berufes. Die verheiratete Frau z. B. würde jede
andere Art der Erniedrigung eher wählen als solche, die sich aus dem
Ehestand ergeben; diese Klosterschwester würde jedem anderen lieber
gehorchen als ihrer Oberin; und ich wiederum würde eher ertragen, von
einer Ordensoberin gescholten zu werden, als im eigenen Haus von
meinem Schwiegervater.35 Ich meine, daß für jeden seine eigene Ernied-
rigung die beste ist. Wenn wir aber selber eine Wahl treffen, so nimmt
uns dies einen Großteil unserer Tugenden weg.
Wer, meine liebe Tochter, erweist mir die Gnade, daß wir unsere Er-
niedrigung so recht lieben? Das vermag keiner, außer jener, der seine
Erniedrigung so sehr liebte, daß er – um sie zu bewahren – sterben
wollte. Das mag wohl genügen.
Sie hatten Angst, gegen den Gehorsam verstoßen zu haben, weil Sie sich
der Hoffnung und dem Gedanken hingaben, in einen Orden einzutreten.
Aber nein, ich habe Ihnen nicht gesagt, Sie dürften keine Hoffnung oder
keinen Gedanken darein setzen, wohl aber, Sie sollen sich damit nicht
soviel abgeben. Denn das steht fest, daß nichts uns so sehr daran hindert,
in unserem Stand zur Vollkommenheit zu gelangen, als wenn wir uns
nach einem anderen Stand sehnen. Anstatt auf dem Feld zu arbeiten, auf
dem wir uns befinden, schicken wir dann unsere Ochsen mit dem Pflug
anderswohin, auf das Feld unseres Nachbarn, wo wir jedoch in diesem
Jahr nicht ernten können. All das ist Zeitvergeudung. Wenn unsere Ge-
danken und Hoffnungen anderswo sind, ist es unmöglich, daß unser Herz
sich ganz auf den Erwerb der Tugenden ausrichtet, die an dem Platz, auf
dem wir stehen, erforderlich sind. Nein, meine Tochter, niemals liebte
Jakob Lea richtig, während er sich nach Rahel sehnte (Gen 29,25.28).
Beherzigen Sie diesen Grundsatz, denn er ist sehr wahr.
Aber sehen Sie, ich sage nicht, daß man nicht daran denken und nicht
darauf hoffen könne, sondern ich sage, daß man sich nicht viel abgeben
und nicht viel daran denken soll. Es ist erlaubt, zum Ort hinzusehen, an
den wir zu kommen wünschen, aber nur unter der Bedingung, daß man
immer auf den Weg vor sich schaut. Glauben Sie mir, niemals konnten
die Israeliten in Babylon singen, weil sie an ihre Heimat dachten (Ps
137,104); ich aber möchte, daß wir überall singen.
Sie ersuchen mich, Ihnen zu sagen, ob ich nicht daran denke, daß Sie
eines Tages alle Dinge dieser Welt um Gottes willen gänzlich und völlig
verlassen werden. Sie bitten mich, Ihnen dies nicht zu verschweigen,
sondern Ihnen diese teure Hoffnung zu lassen. O gütiger Jesus, was soll

127
ich Ihnen sagen, meine liebe Tochter? Seine Allgüte weiß, daß ich oft
über diesen Punkt nachgedacht und seine Gnade beim heiligen Opfer
und auch sonst dafür angefleht habe; und nicht nur das: sondern ich
habe dafür auch die Frömmigkeit und Gebete anderer beansprucht, die
besser sind als ich. Und was habe ich bis jetzt erfahren? Daß Sie, meine
Tochter, eines Tages alles verlassen sollen; das heißt damit Sie darunter
nichts anderes verstehen als ich – ich habe vernommen, daß ich Ihnen
eines Tages raten soll, alles zu verlassen. Ich sage: alles, ob das aber zum
Zweck des Eintretens in einen Orden geschehen wird, das ist eine große
Frage, und ich bin bisher noch nicht so weit gelangt, dieser Meinung zu
sein. Ich bin darüber noch in Zweifel und ich sehe nichts vor meinen
Augen, was mich einlädt, es zu wünschen. Verstehen Sie mich recht um
der Liebe Gottes willen: Ich sage nicht nein, sondern ich sage, daß mein
Geist noch nichts gefunden hat, um Ja zu sagen. Ich will unseren Herrn
immer mehr um Erleuchtung darüber bitten, damit ich das „Ja“ klarer
sehen kann, wenn es mehr zu seiner Ehre gereicht, oder das „Nein“,
wenn es mehr nach seinem Wohlgefallen ist. Und Sie müssen wissen,
daß ich in dieser Untersuchung mich so stark wie nie zuvor in den Gleich-
mut meiner eigenen Neigung gegenüber versetzt habe, um den Willen
Gottes zu suchen; und doch hat sich das „Ja“ in meinem Herzen nie
festsetzen können, so daß ich es bis jetzt nicht zu sagen und auszuspre-
chen wüßte, das „Nein“ aber sich im Gegenteil darin ganz fest behaup-
ten konnte.
Da aber dieser Punkt von sehr großer Bedeutung ist und nichts uns
drängt, geben Sie mir noch etwas Zeit; Zeit, noch mehr zu beten und in
dieser Meinung beten zu lassen. Ich muß auch, bevor ich mich entschlie-
ße, ausführlich mit Ihnen sprechen, was mit Gottes Hilfe nächstes Jahr
der Fall sein wird. Und doch möchte ich nach all dem nicht, daß Sie in
diesem Punkt Ihren Entschluß gänzlich auf meiner Ansicht aufbauen,
außer Sie finden eine große Beruhigung darin und innere Übereinstim-
mung damit. Wenn die Zeit hierfür gekommen ist, werde ich es Ihnen
ausführlich sagen; und wenn dieser Entschluß Ihnen nicht die innere
Ruhe schenkt, befragen wir dann jemand anderen, den vielleicht Gott
seinen heiligen Willen besser erkennen läßt. Ich sehe nicht ein, daß es
erforderlich wäre, sich damit zu beeilen; indessen können Sie selbst
daran denken, ohne sich damit zu viel zu beschäftigen und damit Zeit zu
verlieren. Denn, wie ich Ihnen sagte, hat wohl bisher der Gedanke, Sie
im Ordensstand zu sehen, in meinem Geist noch nicht Platz gegriffen;
aber ich habe trotzdem noch keinen endgültigen Entschluß gefaßt. Stün-

128
de aber mein Entschluß fest, so würde ich gleichwohl meine Ansicht
nicht durchsetzen und nicht meine Meinung Ihren Neigungen vorzie-
hen, falls sie in dieser besonderen Angelegenheit sehr stark wären. (Über-
all sonst werde ich zu meinem Wort stehen und Sie meinem Urteil und
nicht Ihren Wünschen gemäß führen.) Ich werde auch meine Ansicht
nicht dem Rat geistlicher Personen vorziehen, die man befragen könnte.
Bleiben Sie, meine Tochter, ganz ergeben in den Händen unseres
Herrn; schenken Sie ihm den Rest Ihrer Jahre und flehen Sie ihn an, daß
er Sie für jene Lebensweise gebrauche, die ihm am meisten genehm sein
wird. Beunruhigen Sie Ihren Geist nicht mit eitlen Hoffnungen auf Ruhe,
Freude und Verdienst, sondern bieten Sie Ihrem göttlichen Bräutigam
Ihr Herz dar, ganz leer von jeder anderen Zuneigung, aber erfüllt von
seiner keuschen Liebe. Flehen Sie ihn an, er möge es in aller Reinheit
und Einfachheit mit Regungen, Bestrebungen und Wünschen erfüllen,
die in seinem eigenen Herzen sind, damit Ihr Herz wie eine Perlmutter
nur den Tau vom Himmel und nicht Wasser von dieser Welt empfange;
und Sie werden sehen, daß Gott uns helfen wird und daß wir das Rechte
tun werden, sowohl was die Entscheidung, als auch, was die Ausführung
betrifft.
Und nun zu Ihren Kindern: Ich billige, daß Sie ihnen einen Platz in
Klöstern vorbereiten, vorausgesetzt, daß Gott in ihren Herzen Platz für
das Kloster schafft. Das heißt, ich billige, daß Sie sie in Klöstern erzie-
hen lassen in der Absicht, sie dort zu belassen, unter zwei Bedingungen:
1. daß die Klöster gut reformiert seien und daß man in ihnen das innere
Leben pflege, 2. daß man im Zeitpunkt der Gelübde-Ablegung, also
wenn sie 16 Jahre alt sind, genau wisse, ob sie diese Weihe an Gott mit
Andacht und gutem Willen ablegen wollen; denn wenn sie es nicht mit
Liebe tun wollten, wäre es ein schweres Sakrileg, sie dort einzusperren.
Wir sehen oft genug, wie die wider ihren Willen aufgenommenen Mäd-
chen Mühe haben, sich einzuordnen und anzupassen. Man soll sie gütig
und lieb beeinflussen, daß sie ins Kloster gehen. Wenn sie dann so dort
bleiben, werden sie recht glücklich sein und auch ihre Mutter wird glück-
lich sein, daß sie diese in den Garten des Bräutigams gepflanzt hat, der
sie mit hunderttausend himmlischen Gnaden überhäufen wird. Berei-
ten Sie Ihre Töchter also auf diesen Stand ganz liebevoll und sorgfältig
vor; das ist so meine Meinung.
Da aber unsere Aimée in der unruhigen und stürmischen Welt bleiben
will, bedarf sie zweifellos einer hundertfach größeren Pflege, um sie in
der wahren Tugend und Frömmigkeit zu festigen. Man muß ihre Barke

129
noch viel besser mit aller erforderlichen Ausrüstung gegen Wind und
Wetter versehen; man muß ihr die wahre Gottesfurcht tief ins Herz
pflanzen und sie durch ganz heilige Andachtsübungen erziehen.
Für Celse-Benigne wird wohl sicher sein Herr Onkel36 Sorge tragen
und mehr auf die Bildung seiner jungen Seele sehen, als auf die seines
Äußeren. Wenn es ein anderer Onkel wäre, würde ich sagen, daß Sie
selbst dafür Sorge tragen sollen, damit dieser Schatz an Unschuld nicht
verlorengehe. Lassen Sie jedoch nicht davon ab, in seinen Geist die
gütigen und köstlichen Düfte der Frömmigkeit zu träufeln und oft sei-
nem Onkel die Pflege seiner Seele zu empfehlen. Gott möge dabei
nach seinem Gutdünken verfahren, und die Menschen müssen sich
darein fügen.
Ich wüßte Ihnen nichts anderes zu sagen zu Ihrer Besorgnis wegen Ihres
Übels und zu Ihrer Furcht, daß Sie es ungeduldig ertragen. Sagte ich Ih-
nen nicht gleich beim ersten Mal, als ich zu Ihnen über Ihre Seele sprach,
daß Sie viel zu viel über das grübeln, was Ihnen an Kreuz und Versuchung
zustößt, daß man diese nur im Großen und Ganzen (grosso modo) anse-
hen soll und daß die Frauen und manchmal auch die Männer zuviel Grü-
beleien über ihre Schwierigkeiten anstellen, was nur die Gedanken inein-
ander verwickelt. Befürchtungen und Wünsche verwirren dann derart die
Seele, daß sie sich daraus nicht zu lösen vermag. Erinnern Sie sich an
Herrn N., wie sein Geist gegen Ende der Fastenzeit in sinnlosen Ängsten
verwirrt und verstrickt war und wie das zu nichts geführt hat? Ich bitte Sie
um Gottes willen, meine Tochter, haben Sie nicht Angst vor Gott, denn er
will Ihnen nichts Böses zufügen; lieben Sie ihn nur recht stark, denn er
will Ihnen viel Gutes erweisen. Gehen Sie ganz einfach Ihren Weg weiter
im Schutz unserer Entschlüsse und weisen Sie die Grübeleien über Ihr
Kreuz als grausame Versuchungen zurück.
Was kann ich Ihnen sagen, um diesem Gedankenfluß in Ihrem Her-
zen Einhalt zu gebieten? Sorgen Sie sich nicht ab, es zu heilen, denn
diese Sorge macht es noch kränker. Strengen Sie sich nicht an, Ihre
Versuchungen zu besiegen, denn diese Anstrengung verstärkt sie nur.
Verachten Sie sie, beschäftigen Sie sich nicht mit ihnen. Stellen Sie sich
in Ihrer Einbildungskraft den gekreuzigten Jesus Christus in Ihren Ar-
men und an Ihrer Brust vor und sagen Sie hundertmal, seine Seitenwun-
de küssend: „Hier ist meine Hoffnung, hier ist die lebendige Quelle
meines Glückes; hier ist das Herz meiner Seele, hier die Seele meines
Herzens. Nichts soll mich von seiner Liebe wegreißen; ich halte ihn und
lasse ihn nicht mehr (Hld 3,4), bevor er mich in Sicherheit gebracht
hat.“

130
Sagen Sie oft zu ihm: „Was mag ich auf Erden haben und was erwarte
ich im Himmel außer Dich, mein Jesus? Du bist der Gott meines Her-
zens und das Erbe, das ich ewig begehre“ (Ps 73,23 f). Was fürchten Sie,
meine Tochter? Hören Sie doch, wie unser Herr Abraham und auch
Ihnen zuruft: „Fürchte dich nicht, ich bin dein Beschützer“ (Gen 15,1).
Was suchen Sie auf Erden außer Gott? Sie haben ihn doch. Seien Sie
fest in Ihren Entschlüssen: bleiben Sie in der Barke, in die ich Sie ge-
setzt habe, und mögen, auch Gewitter und Stürme kommen: es lebe
Jesus, Sie werden nicht zugrundegehen. Er wird schlafen, aber zur rech-
ten Zeit und am rechten Ort wird er erwachen, um Ihnen die Ruhe
wiederzugeben (s. Mt 8,24-26).
Der hl. Petrus, sagt die Schrift (Mt 14,29-31), geriet in Furcht, als er
das stürmische Wetter sah; und sobald er Angst hatte, begann er zu sin-
ken und unterzugehen; deshalb schrie er: „Herr, rette mich!“ Und unser
Herr nahm ihn an der Hand und sagte zu ihm: „Du kleingläubiger
Mensch, warum hast du gezweifelt?“ Sehen Sie diesen heiligen Apostel:
er schreitet trockenen Fußes über die Wellen; Wogen und Wind vermö-
gen ihn nicht zum Sinken zu bringen. Aber die Angst vor dem Wind und
den Wellen ließe ihn untergehen, wenn sein Meister ihn nicht an der
Hand faßte. Die Angst vor etwas Schlimmem ist ein viel größeres Übel
als das Übel selbst. O kleingläubige Tochter, was fürchten Sie denn?
Nein, fürchten Sie sich nicht; Sie schreiten wohl über das Meer inmitten
von Winden und Wellen, aber mit Jesus. Was braucht man da noch zu
fürchten? Wenn Sie aber die Angst packt, dann rufen Sie laut: „Herr,
rette mich!“ Er wird Ihnen die Hand hinstrecken; ergreifen Sie diese
fest und gehen Sie freudig weiter.
Kurz, philosophieren Sie nicht über Ihr Übel, geben Sie ihm keine
Antwort, gehen Sie tapfer voran! Nein, Gott wird Sie nicht verlorenge-
hen lassen, solange Sie in unseren Entschlüssen leben, um ihn nicht zu
verlieren. Möge die Welt einstürzen, alles in Finsternis, Rauch, und
Getöse gehüllt sein: Gott ist doch mit uns. Wenn aber Gott in Finsternis
und auf dem rauchumwölkten, von Blitzen, Donnern und Grollen um-
tosten Berg Sinai haust (Ex 19,16-18), wird es nicht auch da für uns gut
sein, bei ihm zu weilen?
Leben Sie, meine liebe Tochter, leben Sie denn ganz in Gott und fürch-
ten Sie den Tod nicht! Der gute Jesus ist ganz unser, seien wir auch ganz
sein. Unsere verehrte Herrin, unsere Äbtissin hat ihn uns gegeben; be-
wahren wir ihn gut. Und Mut, meine Tochter! Ich bin in unendlicher
Weise der Ihre, und mehr noch als der Ihre ...

131
August-September 1606.37
... Meine Tochter, wir müssen unsere Herzen wie der kleine Johannes
vom wilden Honig (Mt 3,4), wie vom gewöhnlichen nähren; das heißt,
alles in der Stadt wie auf dem Land für die hochheilige Liebe Gottes
nutzbar machen ...
Ich werde Ihnen recht bald die Lebensgeschichte einer heiligen Dorf-
bewohnerin meiner Diözese schicken, die verheiratet, in 48 Jahren ih-
res Lebens alle Anzeichen der Vollkommenheit nach innen und nach
außen aufwies; denn sie war eine Monika in ihrem Hauswesen und eine
Magdalena im Gebet. O meine Tochter, woran liegt es, daß wir nicht
Heilige sind inmitten so vieler Beispiele daheim und auswärts, in der
Stadt und auf dem Land? Alles ruft uns zur Heiligkeit auf, und wir gehen
diesen Weg dennoch so langsam. Im Gedanken daran fühle ich mich
selbst ganz vernichtet. Ach, meine liebe Tochter, sagen wir mit dem hl.
Augustinus: Was tun denn wir? Unwissende und Ungebildete erheben
sich, und da sie sich vor uns erheben, reißen sie die Himmel an sich; und
wir – wir vermodern in unserer Nachlässigkeit. Seien wir zumindest
demütig in diesem Elend, und Gott wird uns segnen und unsere Niedrig-
keit durch sein heiliges Erbarmen wieder erhöhen ...

Bonneville, 2. Oktober 1606.


Ich habe Ihren Brief erhalten, meine sehr teure Tochter, gerade als ich
zu Pferd stieg, um hierher zu kommen ... 38
Ich befinde mich wohl, meine liebe Tochter, in einer so großen Menge
von Arbeiten und Beschäftigungen, daß man mehr nicht sagen kann.
Gott wirkt da ein kleines Wunder, denn alle Abende, wenn ich mich
zurückziehe, kann ich weder meinen Leib noch meine Seele mehr re-
gen, so müde bin ich; und am Morgen bin ich dann fröhlicher denn je.
Ordnung, Maß, Vernunft wahre ich jetzt nicht im geringsten (denn ich
vermöchte es Ihnen ja doch nicht zu verheimlichen); und doch bin ich,
Gott sei Dank, ganz wohl.
O meine liebe Tochter, welch gutes Volk habe ich doch inmitten der
hohen Berge gefunden! Welche Ehrung, welcher Empfang, welche Ver-
ehrung für ihren Bischof! Vorgestern kam ich in diese kleine Stadt mit-
ten in der Nacht, aber die Einwohner haben so viele Lichter und festli-
che Beleuchtungen besorgt, daß es hell wie am Tag war. Ach, wie ver-
dienten sie doch einen anderen Bischof!
Leben Sie fröhlich, empfangen Sie die Kommunion an den hohen

132
Festtagen und Sonntagen, auch wenn sie aufeinander folgen. Erheben
Sie Ihre Augen oft zum Himmel, um sie abzulenken von den irdischen
Schauspielen.
Gott befohlen, meine Tochter, aber wir wollen immerdar Gott gehö-
ren, wie er ewiglich der Unsrige ist. Es lebe Jesus!

Annecy, Ende Oktober 1606.39


... Als ich jetzt bei meiner Rückkehr meine Seele etwas überschauen
wollte, erweckte sie großes Mitleid in mir, denn ich fand sie so mager
und hergenommen, daß sie wie der Tod aussah. Ich glaube, daß ich wäh-
rend der letzten vier bis fünf Monate kaum einen Augenblick zum Luft-
holen hatte. Ich werde aber jetzt diesen ganzen Winter bei ihr sein und
versuchen, sie gut zu behandeln. Ich werde nur in kleinen Zusammen-
künften predigen, auf einem Stuhl sitzend. Ich werde einem tugendhaf-
ten und eifrigen Kapuziner zuhören, werde den Kindern Katechismus-
unterricht erteilen und Beichte hören; so werde ich nur kleine Übungen
verrichten, die mein Herz nicht betäuben, sondern nur aufwecken. Ich
wünsche sehr, es zu bessern, damit es noch vielen anderen dienen möge,
deren Dienst es geweiht ist, und besonders dem Ihren ...
Ich weiß wohl, daß Sie keine andere Kenntnis brauchen, um getröstet
zu werden, als die von Gott, den Sie zweifellos hier finden werden, wo er
die Sünder zur Buße und die Büßer zur Heiligkeit erwartet, wie er es
auch an allen Orten der Welt tut. Ich bin ihm in seiner ganzen Güte und
Milde selbst inmitten unserer höchsten und rauhesten Berge begegnet,
wo viele einfache Seelen ihn in aller Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit
lieben und anbeten, wo die Ziegen und Gemsen inmitten schrecklicher
Gletscher herumspringen und sein Lob künden. Wegen Mangels an
Frömmigkeit habe ich leider nur hie und da ein Wort ihrer Sprache
verstanden, aber mir schien, sie sagten viel Schönes. Ihr hl. Augustinus
hätte sie sicherlich verstanden, wenn er sie gesehen hätte.
Aber, meine liebe Tochter, soll ich Ihnen etwas erzählen, was mich
jetzt noch bis ins Innerste erbeben läßt vor Schrecken? Eine wahre Ge-
schichte. Etwa acht Tage, bevor wir in die Gletscherregion kamen, lief
ein armer Hirte auf den Gletschern herum, um eine verirrte Kuh zu
suchen, und fiel, da er nicht auf den Weg achtete, in eine Gletscherspalte
von 12 Spießen Tiefe. Man wüßte nicht, was aus ihm geworden ist, wenn
nicht sein Hut, der ihm beim Sturz vom Kopf gefallen war, am Rand der
Gletscherspalte liegengeblieben wäre und den Ort gekennzeichnet hät-

133
te, an dem er verunglückte. O Gott! Einer seiner Nachbarn ließ sich
abseilen, um ihn zu suchen, und fand ihn nicht nur tot, sondern fast ganz
zu Eis erstarrt; und in diesem Zustand umarmte er ihn und schrie, man
möge ihn schnell hinaufziehen, sonst würde auch er zu Eis erstarren und
sterben. Man zog ihn also mit seinem Toten in den Armen hinauf und
beerdigte den Toten.
Welche Stacheln für mich, meine liebe Tochter! Dieser Hirte, der sich
einer einzigen Kuh wegen auf ein so gefahrvolles Gelände begibt; dieser
schreckliche Absturz im Eifer der Verfolgung, so daß er auf der Suche
eher schaute, wo die Kuh ihre Spuren hinterließ, als darauf achtete, wo
er sich befand und wo er selbst ging; diese Nächstenliebe des Nachbarn,
der sich selbst hinabläßt, um seinen Freund dem Abgrund zu entreißen;
sollte dieses Eis mich nicht entweder vor Furcht erstarren lassen oder
aus Liebe zum Brennen bringen? ...
Es lebe Jesus und alles in ihm. Er hat mich unwiderruflich und unver-
letzlich zu dem Ihren gemacht ...

Annecy, um den 25. November 1606.


... Ich muß Ihnen etwas über mich sagen, denn Sie haben mich lieb,
wie sich selbst. Wir hatten in diesen vierzehn Tagen große Jubiläums-
festlichkeiten wie überall in der ganzen Welt zum Pontifikatsantritt des
Papstes (Paul V.) und für den Krieg in Ungarn.40 Das hat mich sehr
beschäftigt, aber auch erfreut, da ich eine Anzahl Generalbeichten und
Gewissenserneuerungen über das Meer meiner gewöhnlichen Aufgaben
hinaus vornehmen konnte. Inmitten von all dem (das sage ich Ihnen)
lebe ich aber in völliger Herzensruhe, entschlossen, mich weiterhin in
aller Treue und mit aller Sorgfalt zur Ehre Gottes zu verwenden, zuerst
bei mir selbst und dann in allem, was meine Pflicht ist. Mein Volk be-
ginnt mich herzlich zu lieben, und das ist mir ein rechter Trost.
Alle die Ihren hier befinden sich wohl und ehren Sie in besonderer
Weise.

Annecy, 30. Dezember 1606.41


Es kommt mir vor, meine liebe Tochter, wenn ich Ihnen so wenig
schreibe, als schriebe ich Ihnen überhaupt nicht, aber ich muß mich der
Notwendigkeit beugen.
Da stehen wir nun am Ende des Jahres 1606 und ich finde, daß es sich
wie Wasser am Strand verlaufen hat, ohne in meiner Seele etwas zurück-
gelassen zu haben als Schmutz und einige kleine leere Muscheln von

134
manchen eitlen Scheinfortschritten und wieder gewissen Wünschen ohne
Auswirkung. Dennoch, meine sehr teure Tochter, verliere ich darüber
nicht den Mut und werde, solange mir Gott Jahre, Monate, Wochen,
Tage und Stunden gibt, um in dieser Welt zu leben, immer auf die heilige
und glorreiche Ewigkeit der anderen Welt hoffen.
Und sind nicht Sie, meine liebe Tochter, ganz von Hoffnung erfüllt,
einer lebendigen Hoffnung aber, die das Herz weitet und gegen die
Schwierigkeiten des Weges stärkt? Gewiß, meine Tochter, man muß
schon ein großes, weites und weit aufgeschlossenes Herz haben, um den
himmlischen Tau empfangen zu können, den das kleine Unschuldslamm
bei dieser Beschneidung über unsere Seelen ausschüttet und von dem
seine weiße Wolle, sein Vlies und seine Menschheit ganz durchtränkt
sind. Denn wenn auch die Tropfen noch ganz klein sind, so werden sie
doch nur von den Herzen aufgefangen, die gegen den Himmel sehr weit
offen sind. Sie haben gewiß sagen gehört, daß so die Perlmuttermu-
scheln sich öffnen, um vom Tau zu leben, und den Wassern von oben
ebenso offenstehen, wie sie den Wassern der Tiefe gegenüber verschlos-
sen sind ...
Ich bekenne meine Schuld, Ihnen diesen ganzen Monat Dezember
über nicht geschrieben zu haben, weil ich einige Zeit in Sales bei meiner
guten Mutter gewesen bin, die ein schweres Kreuz zu tragen hat, da sie
schwerstens unter der Gicht an den Beinen leidet. Zurückgekehrt, über-
fiel mich ein so heftiges Erbrechen und setzte mir so arg an der Brust zu,
daß ich gezwungen war, einige Tage hindurch weder zu lesen noch zu
schreiben, wodurch ich die Gelegenheit der nach Lyon reisenden Brief-
übermittler ungenützt verstreichen lassen mußte. Dies alles aber hat
nichts zu bedeuten, meine liebe Tochter; ich befinde mich nun wieder
ganz wohl und zwar so sehr, daß ich alle Gottesdienste der Weihnachts-
nacht und des Weihnachtstages hielt und mein Befinden sich seither,
Gott sei Dank, noch viel mehr gebessert hat.
Leben Sie frohgemut, meine liebe Tochter, und bewahren Sie Ihr Herz
einzig für Ihren Heiland. Ich flehe ihn an, unser Alles zu sein, daß wir ihm
ganz gehören mögen. Seine Majestät weiß wohl, wie alles umfassend mein
Wunsch in dieser Hinsicht ist, auch, daß Ihre Seele an allen Regungen
meiner Seele immer großen, wenn nicht vollständigen Anteil hat.
Ich bin immerdar und vorbehaltlos in ganz einzigartiger Weise der
Ihre in Ihm, dem wir immerdar ohne Ende und über alles Maß gehören
möchten. Er sei ewiglich gepriesen. Amen ...
Am vorletzten Tag des Jahres 1606.

135
Ich habe das Lied erhalten, das wohl schön, aber für den Katechismus-
unterricht zu hoch ist. Gott befohlen, meine Tochter, alles, was mir
gehört, gehört auch Ihnen, meine Mutter besonders. Es lebe Jesus!

Annecy, 20. Januar 1607.


Mein Gott, der mein Herz sieht, weiß, wie sehr es erfüllt ist von vielen
heißen Wünschen für Ihren geistlichen Fortschritt, meine liebe Tochter.
Ich bin wahrlich wie die Väter, die sich niemals zufriedengeben und
nicht aufhören können, zu ihren Kindern darüber zu reden, wie sie grö-
ßer werden können. Aber was soll ich Ihnen dazu sagen, meine liebe
Tochter? Seien Sie immer recht klein und werden Sie alle Tage in Ihren
Augen noch kleiner. O Gott, was ist das doch für eine ganz große Größe,
diese Kleinheit! Das ist wahre Größe der Witwen, aber auch der Bischö-
fe. Ich beschwöre Sie, bitten Sie Gott ständig für mich, der dessen so
sehr bedarf.
Mögen wir immerdar ans Kreuz geschlagen sein und mögen hundert-
tausend Pfeile unser Fleisch durchdringen, wenn nur der Brandpfeil der
Gottesliebe unser Herz als erster durchbohrt. Möge dieser Pfeil uns
seinen heiligen Tod sterben lassen, der mehr gilt als tausend Leben. Ich
will gleich dem Bogenschützen, der den Köcher trägt, darum bitten,
durch Vermittlung des hl. Sebastian, dessen Fest wir heute feiern.
Halten Sie Ihr Herz in der Weite, meine liebe Tochter, und, sofern nur
die Liebe zu Gott Ihr Wunsch und sein Ruhm Ihr Streben ist, leben Sie
immer fröhlich und tapfer. O Gott, wie sehr wünsche ich doch, daß das
Herz des Erlösers König all unserer Herzen werde.
Ich kann nicht mehr schreiben; ich verbleibe der, von dem Gott ge-
wollt, daß er der Ihre sei auf die Weise, die er allein weiß. Ihm sei ewig-
lich Ehre und Ruhm (Röm 16,27). Amen ...

Annecy, 11. Februar 1607.42


... Mein Gott, wie tun Sie doch recht daran, Ihren Wunsch, aus der
Welt fortzugehen, ganz in die Hände der göttlichen Vorsehung zu verle-
gen, damit dieser Wunsch nicht unnötigerweise Ihre Seele beschäftige,
wie er es zweifellos täte, ließe man ihn frei walten und nach Belieben
herumrumoren. Ich will fest daran denken und mehrere Heilige Messen
aufopfern, um die Klarheit des Heiligen Geistes für meine Entschei-
dung zu erlangen; denn sehen Sie, meine liebe Tochter, ein solcher Ent-
schluß ist ein Meisterschlag, der mit dem Gewicht des Heiligtums ge-

136
wogen werden muß. Beten wir zu Gott, flehen wir ihn an, uns seinen
Willen kundzutun, bereiten wir unseren Willen und bleiben wir in Ruhe,
ohne Ungestüm und ohne Erregung im Herzen. Bei unserem ersten Wie-
dersehen wird uns Gott, wenn es ihm gefällt, barmherzig sein ...
Glauben Sie mir bitte, meine liebe Tochter, ich habe vor mehr als drei
Monaten daran gedacht, Ihnen zu schreiben, daß wir in dieser Fastenzeit
gut daran täten, auf den modischen gebauschten Rock zu verzichten. Tun
wir es also, da Gott es auch Ihnen eingibt; Sie werden auch ohne diesen
nicht aufhören, in den Augen Ihres Bräutigams und Ihrer Äbtissin gut
dazustehen. Nach dem Beispiel unseres hl. Bernhard soll man recht nett
und sauber sein, aber nicht auffallend und herausgeputzt. Die wahre Ein-
fachheit ist Gott immer recht und angenehm.
Ich sehe, daß alle Jahreszeiten in Ihrer Seele aufeinanderstoßen; daß
Sie zuweilen den Winter mancher Trockenheit, Zerstreuung, manches
Widerwillens und Ärgers verspüren, dann wieder den Maientau mit dem
Duft der heiligen Blüten, oder die Sommerhitze des Wunsches, unserem
lieben Gott zu gefallen. Bleibt nur mehr der Herbst, von dem Sie, wie Sie
sagen, nicht viel Früchte sehen. Aber es geschieht doch oft genug, daß
man beim Dreschen des Getreides und beim Pressen der Weintrauben
mehr Ertrag findet, als Ernte und Weinlese versprachen. Sie möchten
wohl, daß alles Frühling und Sommer sei; aber nein, meine liebe Toch-
ter, Abwechslung tut not im Innern wie im Äußern. Erst im Himmel
wird alles seiner Schönheit nach im Frühling sein, dem Ertrag nach im
Herbst und der Liebe nach im Sommer. Dort wird es keinen Winter
geben. Aber hier ist der Winter erforderlich zur Übung der Selbstver-
leugnung und tausend kleiner schöner Tugenden, die zur Zeit der Un-
fruchtbarkeit geübt werden können. Machen wir immer unseren kleinen
Schritt weiter, wenn wir nur die gute und fest entschlossene Liebe haben,
können wir nicht anders als gut gehen.
Nein, meine sehr liebe Tochter, es ist nicht notwendig, daß man – um
die Tugenden zu üben – ständig aufmerksam auf alles achten müsse; dies
würde wahrlich zu sehr Ihre Gedanken und Affekte verwirren und ver-
wickeln. Demut und Nächstenliebe sind die Hauptsaiten; alle anderen
sind ihnen hinzugefügt. Man muß sich nur an diese beiden halten; die
eine ist die tiefste, die andere die höchste. Die Erhaltung des ganzen
Baues hängt vom Fundament und vom Dach ab. Wenn man sein Herz zur
Übung dieser beiden Tugenden anhält, wird man ohne große Schwierig-
keit auch auf die anderen stoßen. Denn diese beiden sind die Mütter der

137
Tugenden; die anderen folgen ihnen, wie die kleinen Kücken ihrer Mut-
terhenne.
O wirklich, ich bin sehr dafür, daß Sie Schullehrerin seien! Gott wird
Ihnen Dank wissen dafür, denn er liebt die kleinen Kinder (Mt 19,13-
15). Wie ich neulich im Katechismusunterricht sagte, um unsere Da-
men aufzumuntern, für ihre Töchter Sorge zu tragen, lieben die Schutz-
engel der kleinen Kinder mit ganz besonderer Liebe jene, die ihre Kin-
der in der Furcht Gottes erziehen und ihren zarten Seelen die heilige
Frömmigkeit einflößen; wie im Gegenteil unser Herr jenen, die den
Kindern Ärgernis geben (Mt 18,6.10), die Rache der Engel androht.
Das ist also gut ...
Ich preise Gott dafür, daß Sie Ihre Prozesse ausgleichen wollen. Seit
ich von der Visitation zurück bin, war ich immer wieder so sehr be-
drängt, Verhandlungen durchzuführen, daß meine Wohnung voll war
von streitenden Parteien, die sich, Gott sei Dank, zum Großteil wieder
in Frieden und Ruhe zurückzogen. Jedoch bekenne ich, daß dadurch
meine Zeit verflattert; aber dagegen läßt sich nichts machen. Man muß
sich den Nöten des Nächsten beugen.
Wie froh bin ich doch über die Heilung dieser guten Person, die von
einer unrechten Liebe ergriffen war und eine gefährliche Freundschaft
pflegte. Das sind Krankheiten, vergleichbar einem leichten Fieber: sie
hinterlassen eine gute Gesundheit.
Ich will zu unserem Herrn an seinem Altar über unsere Angelegen-
heiten sprechen; danach werde ich den Brief fertig schreiben.
Nein, Sie handeln nicht gegen den Gehorsam, wenn Sie Ihr Herz nicht
so oft zu Gott erheben und meine Ihnen erteilten Ratschläge nicht so
befolgen, wie Sie es wünschen. Das sind zwar gute und für Sie geeignete
Ratschläge, aber keineswegs Befehle. Wenn man befiehlt, verwendet man
unmißverständliche Ausdrücke. Die Ratschläge erfordern nur, daß man
sie nicht geringschätzt und daß man sie liebt, das ist schon genug; aber
sie verpflichten in keiner Weise. Mut, meine Schwester, meine Tochter,
bringen Sie Ihr Herz in dieser heiligen Fastenzeit recht in Glut! ...
Das Leben unserer guten Dorfbewohnerin konnte ich noch nicht für
die Reinschrift durchsehen; damit Sie aber über alles, was ich tue, Be-
scheid wissen, schreibe ich in jeder freien Viertelstunde das wunderbare
Leben einer Heiligen,43 von der Sie noch nichts gehört haben, und ich
bitte Sie auch, kein Wort darüber zu verlieren. Das ist aber eine langwie-
rige Arbeit, die ich nicht auf mich zu nehmen gewagt hätte, wenn nicht
einige der mir am meisten Vertrauten mich dazu gedrängt hätten. Wenn

138
Sie kommen, werden Sie schon ein gutes Stück davon sehen. Ich könnte
dem Leben unserer guten Dorfbewohnerin darin ein kleines Plätzchen
zuweisen; denn dieses Leben wird mindestens zweimal so groß werden
wie das große Leben der Mutter Theresia;44 aber – wie bereits gesagt –
wünsche ich, daß darüber nichts bekannt wird, bevor die Arbeit ganz
fertig ist, und ich habe doch erst damit angefangen. Ich tue das, um mich
zu erholen und, wie Sie es tun, auf meinem Spinnrocken zu spinnen ...
Was soll ich Ihnen nun sagen? Ich komme gerade vom Katechismus-
unterricht, wo wir heute mit unseren Kindern ein wenig übermütig wa-
ren und damit die Anwesenden zum Lachen brachten, indem wir uns
über Masken und Bälle lustig machten. Denn ich war recht gut aufgelegt
und eine große Zuhörerschaft ermutigte mich durch ihren Beifall, auch
weiterhin Kind mit den Kindern zu sein. Man sagt, das stünde mir gut
an, und das glaube ich auch. O Gott, mache mich wahrhaft zum Kind an
Unschuld und Einfachheit! Aber bin ich nicht auch wirklich einfältig,
Ihnen das zu schreiben? Es läßt sich nicht ändern, Sie sollen mein Herz
sehen, so wie es ist, und in der Vielfalt seiner Regungen, damit Sie, wie
der Apostel sagt (2 Kor 12,6), „nicht mehr in mir sehen, als in mir ist.“
Leben Sie froh und tapfer, meine liebe Tochter! Es gibt doch keinen
Zweifel, daß Jesus Christus unser ist. „Ja“, hat mir vor kurzem ein klei-
nes Mädchen geantwortet, „er gehört mir mehr, als ich ihm gehöre, und
sogar mehr, als ich mir selbst gehöre.“ So will ich jetzt ihn, den gütigen
Jesus, ein wenig in meine Hände nehmen, um ihn bei der Prozession der
Franziskanerbruderschaft zu tragen, und ich werde ihm mit Simeon das
Nunc dimittis (Lk 2,29-32) sagen: Wie ich wahrhaft, sofern es nur an
mir liegt, mich nicht sorge, in welche Welt ich gehe. Ich werde ihm von
Ihrem Herzen erzählen und, glauben Sie mir, ihn von ganzem Herzen
anflehen, er möge Sie zu seiner lieben, geliebten Magd machen. Ach,
mein Gott, wie sehr bin ich doch dem Heiland zu Dank verpflichtet, daß
er uns so sehr liebt, und wie sehr möchte ich ihn umfassen und an mein
Herz drücken! Damit meine ich auch Ihr Herz, da er gewollt hat, daß
wir so unzertrennlich in ihm eins seien.
Gott befohlen, meine sehr liebe, gewiß ganz liebe Schwester und Toch-
ter. Jesus sei immerdar in unseren Herzen, auf daß er darin ewiglich
lebe und herrsche; sein heiliger Name und auch der seiner hochheiligen
Mutter sei immerdar gepriesen. Es lebe Jesus und die Welt möge ster-
ben, wenn sie nicht für Jesus leben will. Amen ...

139
Annecy, 5. April 1607.
Ungewißheit45 wäre mir ärgerlich, wenn Gott nicht wollte, daß ich
mich darin befände. Ich werde Ihnen die Entscheidung so bald als mög-
lich schreiben.
Ich denke auch, daß Sie sich nun freihalten sollen, damit Sie, wenn
Gott es will, zu der von uns festgesetzten Zeit kommen können; zumin-
dest zu einer Zeit, die wir noch festsetzen werden. Ich schreibe Ihnen
gleich jetzt einen zweiten Brief nach Dijon, damit – wenn der eine Sie
spät erreicht – der andere wenigstens einen Ersatz für das Warten bieten
könnte.
Gott befohlen, meine liebe Tochter, der ich so viel Gutes wünsche
und der Gott mich so einzigartig gegeben hat. Der gütige Jesus sei im-
merdar das Herz unserer Herzen und sein heiliger Name sei auf immer
gepriesen. Ich bin Ihr Diener ...
Es lebe Jesus!

Annecy, 5. April 1607.


... Sehen Sie, meine liebe Tochter, Sie wissen wohl, daß Fastenzeit
Erntezeit der Seelen ist. Seit ich Bischof bin, habe ich noch nie, außer in
diesem Jahr, die Fastenzeit in dieser lieben Stadt gefeiert, ausgenom-
men im ersten Jahr, als man beobachtete, was ich tun würde. Ich hatte
damals Mühe genug, Haltung einzunehmen und die Aufgaben der Di-
özese im allgemeinen zu bewältigen, die mir ganz frisch zugefallen wa-
ren. Jetzt aber müssen Sie wissen, daß ich ein wenig Ernte halte mit
Tränen, teils der Freude, teils der Liebe. O mein Gott, wem soll ich diese
Dinge berichten, wenn nicht meiner lieben Tochter?
In unseren heiligen Netzen habe ich nun endlich einen Fisch gefun-
den, den ich seit vier Jahren ersehnt hatte.46 Ich muß in Wahrheit geste-
hen, daß es mich gefreut hat, ja überaus gefreut hat. Ich empfehle sie
Ihren Gebeten, damit unser Herr in ihrem Herzen die Vorsätze festige,
die er hineingelegt hat. Es ist eine ganz goldene Seele, die sich überaus
eignet, ihrem Heiland zu dienen. Wenn sie so weitermacht, wird sie reife
Frucht bringen.
Seit sieben bis acht Tagen habe ich nicht an mich gedacht und habe
mich nur oberflächlich gesehen, weil so viele Seelen sich an mich ge-
wandt haben, damit ich sie sehe und ihnen diene, so daß ich gar keine
Zeit hatte, an meine eigene Seele zu denken. Um Sie zu trösten, muß ich
Ihnen die Wahrheit sagen, daß ich sie dennoch ganz tief in meinem
Herzen spüre, wofür ich Gott preise; wahrhaftig, diese Art von Arbeit

140
ist mir unendlich von Nutzen. Möge sie auch jenen von Nutzen sein, für
die ich sie auf mich nehme.
Leben Sie, meine liebe Tochter, in dieser heiligen Leidenszeit mit
unserem gütigen Heiland in Ihren Armen; möge er immerdar an Ihrem
Herzen ausruhen, wie ein heiliger Myrthenstrauß (Hld 1,12); das wird
Ihnen das wirksamste Heilmittel für alle Erregungen Ihres Herzens sein.
O, heute morgen (denn das muß ich Ihnen noch sagen), als ich dem
Vater seinen Sohn zeigte, sagte ich ihm in meiner Seele: „O ewiger Va-
ter, ich bringe Dir Dein Herz dar; nimm ihm zuliebe auch unsere Her-
zen an.“ Ich nannte da Ihr Herz und das jener jungen Dienerin Gottes,
von der ich sprach, und noch mehrere andere. Ich wußte nicht, welchen
der Namen ich an die Spitze stellen sollte, den neuen auf Grund seiner
Bedürftigkeit oder den Ihren auf Grund meiner Zuneigung. Denken Sie,
welch ein Zwiespalt!
Nun aber bleiben Sie immer in Frieden in den Händen des Heilands, der
Sie überaus liebt und dessen Liebe allein uns als allgemeiner Treffpunkt
dienen soll für all unsere Freuden – diese heilige Liebe, meine Tochter, in
der unsere Liebe gegründet ist, Wurzel faßt, wächst und von der sie genährt
wird, und so ewiglich vollkommen und von Dauer sein wird.
Ich verbleibe der, den Gott Ihnen unwiderruflich gegeben hat, ...

Annecy, 14. April 1607.


O meine ganz teure Tochter, da stehen wir nun am Ende der heiligen
Fastenzeit und feiern die glorreiche Auferstehung. Ach, wie sehr wün-
sche ich doch, daß wir mit unserem Heiland auferstanden seien! Ich will
ihn darum anflehen, wie ich es täglich tue; denn niemals wandte ich die
Kommunion kräftiger Ihrer Seele zu als in dieser Fastenzeit und mit
einem besonderen Gefühl des Vertrauens auf diese unermeßliche Güte,
auf daß sie uns gewogen sei. Ja, meine liebe Tochter, wir müssen wohl
guten Mut haben.
Es ist nur gut, wenn Ihr geduldiges Ertragen der häuslichen Wider-
wärtigkeit als Verstellung47 ausgelegt wird. Glauben Sie denn, daß ich
von derartigen Angriffen verschont bleibe? Aber in aller Wahrheit, ich
lache nur darüber, wenn ich mich daran erinnere, was recht selten ge-
schieht. O Gott, warum bin ich nicht auch anderen Geschehnissen und
bösen Eingebungen gegenüber so unempfindlich, wie ich es gegen Be-
leidigungen und eine schlechte Meinung über mich bin! Sie sind freilich
nicht so peinigend und auch nicht so häufig; aber ich meine doch, daß

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ich, selbst wenn ihrer mehr wären, durch den Beistand des Heiligen
Geistes darob nicht erstaunt wäre. Nur Mut, meine ganz liebe und viel-
geliebte Tochter, gerade das tut uns not: daß unser bißchen Salböl von
der Nase der Welt als stinkend empfunden werde.
Gott befohlen, meine sehr liebe Tochter, Gott gehören wir in Zeit und
Ewigkeit; mögen wir doch immerdar unsere kleinen Kreuze mit seinem
schweren vereinigen.
Gestern (denn das muß ich Ihnen noch erzählen), hielt ich nach der
Stadtpredigt, der ich beiwohnte, vor unseren Schwestern der hl. Klara,
die mich so sehr darum gebeten hatten, eine Passionspredigt. Als ich in
der Betrachtung zu der Stelle kam, wo man das Kreuz auf die Schultern
unseres Herrn legte und er es auf sich nahm, sagte ich, daß er in und mit
seinem Kreuz all unsere kleinen Kreuze anerkannte und auf sich nahm
und daß er sie alle küßte, um sie zu heiligen. Als ich näher ausführte, daß
er unsere Trockenheiten, unsere Widerwärtigkeiten und Bitterkeiten
küßte, wahrlich, meine Tochter, da wurde ich stark getröstet und hatte
Mühe, den Tränen zu wehren. Warum ich Ihnen dies sage? Ich weiß es
nicht, außer daß ich mich nicht zurückhalten konnte, es Ihnen zu sagen.
Ich fand viel Trost an dieser kleinen Predigt, der außer den Insassen des
Klosters 25 oder 30 fromme Seelen der Stadt beiwohnten. So hatte ich
alle Freiheit, meinen armen und geringen Empfindungen über einen so
würdigen Gegenstand freien Lauf zu lassen. Der gute und gütige Jesus
sei immerdar der König unserer Herzen. Amen.
Ich liebe unseren Celse-Benigne und die kleine Françon. Gott möge
immerdar ihr Gott sein (Ex 6,7; 29,45 f) und der Engel, der ihre Mutter
geführt hat, möge sie immerdar segnen (Gen 48,16). Ja, meine Tochter,
denn das war ein großer Engel, der Ihnen Ihre guten Wünsche eingege-
ben hat; möge er Ihnen auch die Ausführung und Beharrlichkeit dazu
schenken (Phil 2,13)!
Es lebe Jesus, der mich ganz zu dem Ihren gemacht hat und als sol-
chen auf immer bewahrt ...
Am Karsamstag 1607.

Annecy, 20. April 1607.


Gott will also, meine sehr liebe Tochter, daß ich Sie zu Pfingsten
sehen werde und hier in Annecy, wo ich mich trotz des Jubiläums von
Thonon zu dieser Zeit befinden und mindestens 15 ganze Tage bleiben
werde, um nachher zum Abschluß des erwähnten Jubiläums zurückzu-
kehren, wo sich, wie man sagt, auch Ihre Hoheit befinden wird. Aber Sie

142
müssen wissen, meine liebe Tochter, daß dieser Entschluß erst gestern
gefaßt wurde, und gegen alle Hoffnung, aber so sehr nach meinem
Wunsch, daß ich nichts sehnsüchtiger wünschen könnte; darum sage
ich, daß Gott es will.
Der Überbringer dieses Briefes hat mir versprochen, Ihnen diesen
Brief noch in diesem Monat zukommen zu lassen, so daß Sie Zeit genug
für Ihre Reisevorbereitungen haben. Ich bitte Sie, mir über Lyon zu
schreiben, sobald Sie diese Nachricht erhalten haben, damit ich Sicher-
heit darüber habe, was Sie tun werden, und über den Tag, an dem ich Sie
in Saint Claude treffen soll, oder zumindest ungefähr. Und doch werde
ich Ihnen am 1. Mai noch Claude schicken, um noch mehr Gewißheit
darüber zu haben; denn es liegt mir überaus am Herzen.
Ich meine, daß ich Sie bereits in unserem kleinen Städtchen und in
meiner kleinen Herberge sehe. Indessen will ich unseren großen Gott
bitten, er möge mir seine heilige Erleuchtung schenken, damit ich Ihnen
in dieser Angelegenheit gut dienen kann, derentwillen Sie so viel Mühe
und Schwierigkeiten haben werden. Die Dame, über die ich Ihnen
schrieb,48 macht sehr schöne Fortschritte. Sie hat mich so sehr gebeten
wie nichts sonst, sie zu Ihrem Empfang vom Land hereinkommen zu
lassen.
Gott befohlen, meine sehr liebe Tochter, ich bin arg im Gedränge. Es
lebe Jesus immerdar! Amen.
Der, den Gott Ihnen so einzigartig gegeben hat ...
Am Freitag in der Osterwoche 1607.
Ich vermag nicht zu sagen, mit welcher Liebe meine Mutter Sie er-
wartet.

Annecy, Ende April oder 1. Mai 1607.


Meine sehr liebe Tochter!
... Glauben Sie mir, Gott wird in Ihrer Reise und in Ihrem Kommen
verherrlicht, umso mehr, als er allein es zustandegebracht und mir alle
Hindernisse weggeräumt hat, die ich gegen eine so baldige Reise vor
meinen Augen hatte. Bevor Sie aber abreisen, erbitten Sie den Segen des
Herrn Bischofs von Autun, wenn möglich mit der Erlaubnis, die Abläs-
se zu gewinnen, die Ihnen von den Bischöfen unterwegs gewährt werden.
Obwohl das nicht unbedingt notwendig ist, ist es doch gut.
Kommen Sie, kommen Sie also, meine ganz liebe Tochter; Ihr Schutz-
engel bleibe immerdar an Ihrer Seite, um Sie glücklich zu geleiten! Es
wird Sie freuen, meinen bescheidenen Haushalt und meine einfache

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Lebensweise in allem zu sehen und auch unser schönes Chorgebet zu
erleben, in dem mein Domkapitel hervorragt.
Gott befohlen also bis dahin, meine sehr liebe Tochter. In dieser Zeit
und in Ewigkeit wollen wir Gott angehören und nur ihm, denn außer-
halb und ohne ihn wollen wir nichts, nicht einmal uns selbst, die ja auch
außerhalb und ohne ihn nur ein wahres Nichts sind.

Annecy, 2. Juli 1607.


Ich denke, daß Sie jetzt schon nach Hause zurückgekehrt sind, meine
sehr liebe Tochter, denn jetzt sind es gerade acht Tage seit Ihrer Abreise.
Ich will nun durch diesen Brief und im Geiste Sie wiedersehen und Sie
um Nachricht über den Verlauf Ihrer Reise bitten. Ist es Ihnen gut ge-
gangen, meine liebe Tochter? Sind Sie nicht unterwegs unserem Hei-
land begegnet? Denn er erwartet Sie überall. Sie haben ihn gewiß getrof-
fen, daran zweifle ich keineswegs. Ich habe ihn sehr oft darum gebeten,
wenn auch recht gefühlskalt, entsprechend meinem üblichen Elend,
besonders aber bei der Heiligen Messe und bei unserer Abendandacht,
bei den Litaneien zu Unserer lieben Frau und Herrin; ich habe Sie ihm
ans Herz gelegt und Sie allen unseren Priestern empfohlen, damit sie
mein eigenes Ungenügen ersetzen.
Gestern, meine liebe Tochter, war ich beim Hochamt so erfreut, diese
Worte singen zu hören: „Wer von diesem Brot ißt, wird leben in Ewig-
keit“ (Joh 6,59); und das wurde oft wiederholt. O Gott, kam mir in den
Sinn, vielleicht ißt diese Tochter gerade jetzt von diesem Brot. Darüber
erfüllte eine gewisse wachsende Hoffnung für Sie meinen ganzen Geist
mit recht großer Freudigkeit. Ja, meine gute Tochter, das müssen wir
ganz sicherlich erhoffen, daß wir ewig leben werden. Und was täte unser
Herr mit seinem ewigen Leben, wenn er nicht davon den armen, kleinen
und schwachen Seelen gäbe?
Unser guter Pater Bonivard reiste gestern ab. Er hat in rein gefühls-
mäßiger Übereinstimmung die Wahl, die ich für Sie getroffen habe,49
überaus gebilligt. Was mich betrifft, so fühle ich, daß sie sich in meiner
Seele immer mehr festigt. Da wir nach soviel Überlegungen, Gebeten
und Opfern unsere Entschlüsse getroffen haben, erlauben Sie Ihrem
Herzen nicht, anderen Wünschen nachzuhängen. Preisen Sie Gott für
die Vortrefflichkeit anderer Berufungen, halten Sie sich aber demütig
an diese, die viel niedriger und weniger ehrenvoll, aber viel mehr Ihrer
Fähigkeit entsprechend und Ihrer Kleinheit würdiger ist. Verharren

144
Sie also einfach in diesem Entschluß, ohne nach links und rechts zu
schauen.
Nun, meine liebe Tochter, bin ich sehr in Eile und muß diesen Brief
schließen. Ich befinde mich wohl. Ich werde trachten, auf meine Ge-
sundheit zu achten und den Dienst an unserem gemeinsamen Meister
mehr zu lieben. Alles hier, was Sie lieben, befindet sich wohl.
Mein Gott, meine liebe Tochter, geben Sie Ihrem Herzen Weite, las-
sen Sie es oft in den Armen der göttlichen Vorsehung ausruhen! Mut,
Mut, Jesus gehört uns! Mögen immerdar unsere Herzen ihm gehören.
Er hat mich, meine liebe Tochter, einzigartig und unverbrüchlich zu
dem Ihren gemacht und macht mich, scheint es mir, alle Tage noch mehr
dazu, zumindest fühlbarer und freudiger, ganz und gar, in allem und
vorbehaltlos, in ganz einziger und unverletzlicher Weise, aber in ihm
und durch ihn, dem Ehre und Ruhm sei von Ewigkeit zu Ewigkeit (Röm
16,27), ebenso seiner heiligen Mutter. Amen ...
Empfehlen Sie mich Ihrem Schutzengel und unserer hl. Marta.50

Thonon, 7. Juli 1607.


O mein Gott, wie sehr wünsche ich Ihnen doch Trost, meine liebe
Tochter! Das heißt, wenn es seiner göttlichen Majestät gefällt; denn wenn
er Sie auf dem Kreuz will, so stimme ich dem bei. Und Sie auch, meine
sehr liebe Tochter, nicht wahr? Ja, zweifellos. Sind aber die Kreuze
Gottes nicht süß und trostvoll? Ja, wenn man daran stirbt, wie es der
Heiland tat. Sterben wir also dort, meine liebe Tochter, wenn es so sein
soll.
Ärgern wir uns nicht bei den Stürmen und Wettern, die manchmal
unser Herz aufstören und es seiner angenehmen Ruhe berauben. Demü-
tigen wir uns bis ins Tiefste unseres Geistes hinein; lassen wir ruhig alle
Dinge umstürzen, wenn nur unser so teurer Glaubensgeist in Treue ver-
harrt, und leben wir im Vertrauen. Wenn auch alles in uns stürbe, was
kümmert es uns, vorausgesetzt, daß Gott in uns lebt! Vorwärts denn,
vorwärts meine Tochter, wir sind auf dem rechten Weg! Schauen Sie
weder nach rechts noch nach links; nein, dieser Weg ist der beste für uns.
Halten wir uns nicht damit auf, die Schönheit anderer Wege zu betrach-
ten, grüßen wir bloß jene, die darauf wandern, und sagen wir ihnen ein-
fach: Gott führe uns alle, damit wir uns in der ewigen Heimat wiederse-
hen!
Sie können gar nicht glauben, wie sehr mein Herz in unseren Ent-

145
schlüssen bestärkt wird und wie alles zu dieser Bestärkung beiträgt. Ich
empfinde darüber eine außerordentliche Freude, wie auch über die Lie-
be, die ich zu Ihnen hege; denn ich liebe unvergleichlicherweise diese
Liebe. Sie ist stark, ohne Wanken, ohne Maß und ohne Vorbehalt, aber
köstlich, leicht, ganz rein, ganz ruhig; kurz, wenn ich mich nicht täu-
sche, ganz in Gott. Warum also sollte ich sie nicht lieben? Aber wohin
komme ich? Ja, ich werde diese Worte nicht auslöschen; sie sind ganz
wahrhaftig und ungefährlich. Gott, der in die innersten Falten meines
Herzens sieht, weiß, daß nichts darin ist, was nicht für ihn und seinem
Willen entsprechend ist. Ich will mit Hilfe seiner Gnade ohne ihn nie-
mand etwas sein und niemand soll auch mir etwas sein. In ihm aber will
ich diese einzigartige Zuneigung nicht nur bewahren, sondern auch recht
liebevoll nähren. – Ich muß aber bekennen, daß mein Geist mir da durch-
gegangen ist, ich hatte ihm nicht erlaubt, sich so zu verströmen. Man
muß ihm diesmal verzeihen, unter der Bedingung, daß er nichts mehr
darüber sagt.
Sie fragten mich, ob Sie nicht zu oft von Ihrem verstorbenen Gatten
sprachen. Was soll ich Ihnen sagen, meine liebe Tochter? Ich erinnere
mich nicht daran. Jetzt aber, nachdem ich darüber nachgedacht habe,
sage ich Ihnen, daß keine Gefahr darin besteht, bei einer sich bietenden
Gelegenheit darüber zu sprechen, denn das bezeugt nur das Gedenken,
das Sie ihm schulden. Ich glaube aber, wenn die Rede auf ihn kommt,
wäre es besser, hierüber ohne solche Worte und Seufzer zu sprechen, die
eine an der körperlichen Gegenwart hängende und an sie gebundene
Liebe bezeugten. Statt zu sagen: „Mein armer verstorbener Mann“, wür-
de ich daher sagen: „Mein Mann, dem Gott barmherzig sei.“ Und sagen
Sie diese Worte mit einem Empfinden von Liebe, die zwar durch die
Zeit nicht abgeschwächt, wohl aber durch die höhere Liebe befreit und
geläutert wurde. Ich denke, daß Sie mich gut verstehen, denn Sie verste-
hen mich immer gut ...
Halten Sie Ihr Herz fest und durch völliges Vertrauen auf seine heili-
ge Vorsehung zu Gott hoch erhoben. Sie hat Ihnen zweifellos nicht den
Wunsch, ihr zu dienen, verliehen, ohne Ihnen zugleich alle Mittel an die
Hand zu geben, es auch zu tun. Demütigen Sie sich recht kräftig, meine
liebe Tochter, aber mit einer sanften und nicht ungestümen Demut; denn
auch hierin kann es ein ungestümes Hasten geben.
Gott befohlen, meine liebe Tochter, ich schreibe Ihnen nicht in aller
Ruhe, sondern ich habe meine Feder bis hierher in Eile geführt, teils vor
der Heiligen Messe, teils nachher. Mögen wir Gott immerdar, ohne Ende,

146
ohne Maß und ohne Vorbehalt angehören! Beten Sie oft für jenen, der
nicht beten kann, ohne Sie an seinen Gebeten teilhaben zu lassen, und
der sein Heil nicht mehr anstrebt als das Ihre. Bewahren Sie Ihre Gelüb-
de und Entschlüsse, halten Sie sie im Grunde Ihrer Seele geborgen. Wir
sind reich genug, wenn dieser Schatz uns bleibt, wie es unfehlbar sein
wird mit Hilfe Gottes, der mich immer machtvoller und unverbrüchli-
cher zu dem Ihren gemacht hat. Amen. Es lebe Jesus! ...

Thonon, 10. Juli 1607.


Gestern fuhr ich in einem kleinen Boot über den See, um den Herrn
Erzbischof von Vienne zu besuchen, und es freute mich sehr, keinen
anderen Halt zu haben als ein drei Finger starkes Brett, auf das ich mich
ohne die heilige Vorsehung nicht verlassen konnte; und es hat mich
auch sehr gefreut, unter dem Gehorsam des Fährmanns zu stehen, der
uns sitzen und stillhalten hieß, ohne uns zu rühren, wie es ihm gutdünk-
te; und ich habe mich wirklich nicht gerührt. Geben Sie aber, meine
Tochter, diesen Worten keine große Bedeutung. Nein, es sind nur kleine
Phantasien über Tugenden, die mein Herz zu seiner Erholung übt; denn
ich weiß wohl, daß ich nicht so tapfer bin. Ich muß Ihnen dies doch in
aller Einfachheit und Schlichtheit schreiben.
Gott befohlen, meine sehr liebe Tochter, Gott, den ich anbete, der
mich so einzigartig und innig zu dem Ihren gemacht hat; immerdar sei
sein Name gepriesen und der seiner heiligen Mutter.
Ich dachte gestern auch an die hl. Marta, wie sie mit Magdalena in
einem kleinen Boot ausgesetzt war; Gott war ihr Lotse, um sie in unse-
rem Frankreich landen zu lassen.
Nochmals Gott befohlen, meine liebe Tochter, leben Sie ganz fröh-
lich, ganz beständig unserem lieben Jesus. Amen.

Viuz-en-Sallaz, 20. Juli 1607.


Heute ist das Fest der hl. Margareta, meine sehr liebe Tochter, und ich
habe soeben die Heilige Messe für Sie gefeiert. Ich kann immer „für Sie“
sagen, meine Tochter, denn Sie nehmen darin einen so einzigartigen und
besonderen Rang ein, daß es mir beinahe scheint, es geschehe nur für
Sie. Nun, ich habe mir in meinen Wünschen ein Bild von Ihnen ge-
macht, wie man die Heilige des Tages darstellt. O mein Erlöser, sagte
ich, diese Tochter, die Du mir so einzigartig anvertraut hast, möge im-
merdar den Höllendrachen tot und vernichtet zu ihren Füßen liegen

147
sehen, Dein Kreuz fest an die Brust gedrückt und ihre Augen zum Him-
mel erhoben, wo Du bist. – Wünsche ich Ihnen, meine liebe Tochter,
nicht alles, was man wünschen kann?
Nein, wundern Sie sich über nichts; machen Sie sich über die Angriffe
des bösen Feindes lustig; ich meine, diese Angriffe, die Sie mir während
Ihres Hierseins beschrieben haben. Nehmen Sie immer Zuflucht zu un-
seren großen und unverletzlichen Entschlüssen, unseren Gelöbnissen
und Weihen. Erschrecken wir nicht über seine Sturmsignale; er kann
uns nichts Böses antun. Darum will er uns zumindest Angst machen,
durch diese Angst uns beunruhigen, durch die Beunruhigung müde ma-
chen und durch die Müdigkeit uns dazu bringen, daß wir alles fallen
lassen. Aber seien wir es zufrieden, wie kleine Kücken unter die Flügel
unserer lieben Mutter geflüchtet zu sein. Fürchten wir nichts, außer
Gott, und ihn mit einer Furcht voll Liebe; halten wir unsere Türen fest
verschlossen; achten wir darauf, daß die Mauern unserer Entschlüsse
nicht gerammt werden, und leben wir dann in Frieden. Lassen wir den
bösen Feind uns umschleichen und um uns seine Kreise ziehen; mag er
mit aller Kraft des Bösen toben, er vermag doch nichts. Glauben Sie
mir, meine liebe Tochter, quälen Sie sich nicht ab wegen all der Vorstel-
lungen, die der Feind Ihnen eingibt. Man muß nur ein wenig Geduld
haben, um sein Lärmen und Poltern an den Ohren unseres Herzens zu
erdulden; darüber hinaus kann er uns nichts schaden.
Wissen Sie, meine liebe Tochter, was mir da einfällt? Ich meine gera-
de jetzt, denn ich bin eben fröhlich aufgelegt. Ich bin hier in Viuz auf
einem Besitztum unseres Bistums. Von altersher waren die Untergebe-
nen durch eine ausdrückliche Verordnung verpflichtet, während der
Nachtruhe des Bischofs die Frösche der umliegenden Gräben und Sümp-
fe zum Schweigen zu bringen. Dies scheint mir ein hartes Gesetz und ich
will es für mich nicht in Anspruch nehmen. Mögen die Frösche quaken,
soviel sie wollen; wenn nur die Kröten mich nicht beißen, dann will ich
ihretwegen nicht aufhören zu schlafen, wenn ich Schlaf habe. Nein, mei-
ne liebe Tochter, auch wenn Sie hier wären, würde ich nichts unterneh-
men, um die Frösche zum Schweigen zu bringen; ich würde Ihnen aber
sagen, sie nicht zu fürchten, nicht darüber unruhig zu werden und nicht
an ihr Quaken zu denken. Mußte ich Ihnen das nicht sagen, damit Sie
sehen, daß ich zum Scherzen aufgelegt bin?
Drücken Sie nur das Kreuz unseres Herrn an Ihre Brust! Erneuern Sie
ruhig und durch positive Akte unsere Entschlüsse! Strengen Sie sich
nicht an, den Hochmut zu zerstören, versuchen Sie vielmehr, die Demut

148
durch positive Übung zu sichern; und zweifeln Sie nicht, denn solange
Sie das Kreuz in Ihren Armen halten, wird der Feind immer unter Ihren
Füßen sein.
Richten Sie Ihre Augen zum Himmel. Ja, meine liebe Tochter, halten
Sie sich stark an die göttliche Vorsehung; sie möge aus Ihnen machen,
was sie will, und ebenso aus allem, was Ihnen gehört. Mein Gott, meine
Tochter, welchen Trost finde ich doch in der Gewißheit, uns ewiglich
verbunden zu sehen in dem Willen, Gott zu lieben und zu preisen! Möge
seine göttliche Vorsehung uns führen, wie es ihr am besten erscheint;
doch ich hoffe, ja ich bin sicher, daß wir in diesem Zeichen zum Ziel
kommen und diesen Hafen erreichen werden. Es lebe Gott! Meine liebe
Tochter, ich habe dieses Vertrauen. Seien wir fröhlich in diesem Dienst,
ich bitte Sie: fröhlich ohne Ausgelassenheit und unerschrocken ohne
Überheblichkeit; fürchten wir, ohne in Unruhe zu geraten, seien wir
sorgfältig, ohne hastig zu werden.
Ich mache Schluß, meine Tochter, und beende das Gespräch, zu dem
mich mein Herz mächtig mitreißt. Ich bin der Ihre in unserem Herrn
und zwar in ganz unvergleichlicher Weise. Es lebe Jesus! Amen ...

Viuz-en-Sallaz, 24. Juli 1607.


Erst am vergangenen Sonntag, dem Tag der hl. Magdalena, erhielt ich
plötzlich Ihre Briefe vom 4. und 12. dieses Monats. Welch eine große
Freude mir das war, meine liebe Tochter, können Sie gar nicht glauben.
Ich weiß nicht, wieso, aber am Morgen fühlte sich mein Geist im Gebet
sehr hingezogen, Sie unserem Heiland zu empfehlen, den ich – so schien
es mir – frohen Sinnes bei Simon dem Aussätzigen weilen sah (Lk 7,36-
38). Aus Hochachtung vor unserer lieben Magdalena wagten wir nicht,
uns zu seinen Füßen niederzulassen, sondern zu den Füßen seiner heili-
gen Mutter, die sich – wenn ich mich nicht täusche – auch da befand.
Und ich war recht betrübt, daß wir weder so viel Tränen, noch solche
duftende Salben hatten wie diese heilige Büßerin. Unsere liebe Frau
begnügte sich aber mit den wenigen Tränentropfen, die auf den Saum
ihres Gewandes fielen, denn wir wagten nicht, ihre heiligen Füße zu
berühren. Etwas tröstete mich sehr: Nach dem Mahl übergab unser Herr
seine teure Bekehrte Unserer lieben Frau. Sie sehen auch, seither blieb
Maria Magdalena fast immer bei ihr, und die heilige Jungfrau war dieser
Sünderin überaus zärtlich zugetan. Das gab mir doch viel Mut und ich
empfand unendliche Freude darüber.
Nun habe ich zwar nicht Zeit, Ihre Briefe eingehend zu beantworten,

149
ich will nur etwas zu diesem und jenem sagen. Nein, meine Tochter,
zeichnen Sie nicht auf diese Weise jeden geringsten Ihrer Fehler auf,
sondern beachten Sie diese nur im großen und ganzen; denn das genügt
überaus, um sich dem zu erkennen zu geben, dem Sie es zu tun wün-
schen, und zu Ihrer Seelenführung.
Es ist nicht nötig, jene zu nennen, für die Sie die Heiligen Messen
lesen lassen wollen; es genügt, daß den Betreffenden durch Ihre Absicht
dieses göttliche Gut zugewendet wird.
Große und weite Reisen sind Ihrem Geschlecht weder nützlich, noch
dienen sie dem Nächsten zur Erbauung, im Gegenteil, man spricht da-
von, man legt es als Leichtfertigkeit aus, man murrt gegen die geistlichen
Väter. Es ist nicht mehr die Zeit unserer hl. Paula und Melania; bleiben
wir dabei! Wir werden genug zu tun haben, unsere Entschlüsse zur Aus-
führung zu bringen, die mich immer mehr erfreuen, und ich sehe, wie
dies immer mehr zur Ehre Gottes gereicht, von dessen Vorsehung allein
ich deren Erfüllung erhoffe.
Ich weiß nicht, ob Sie mich gut kennen; ich denke es wohl für viele
Bereiche meines Herzens. Ich bin kaum klug, und das ist eine Tugend,
die ich nicht allzusehr liebe. Nur notgedrungen liebe ich sie, weil sie
notwendig, ja ich sage, sehr notwendig ist, und daraufhin gehe ich in
aller Ruhe voran im Schutz der Vorsehung Gottes. Nein, wahrhaftig, ich
bin keineswegs einfach, aber ich liebe überaus die Einfachheit. Um die
Wahrheit zu sagen, gefallen mir die armen, kleinen und weißen Täub-
chen viel besser als die Schlangen: und wenn man die Eigenschaften der
einen zu denen der anderen gesellen soll, so möchte ich keineswegs die
Einfachheit der Taube der Schlange geben, denn die Schlange würde
nicht aufhören, Schlange zu sein; aber ich würde die Klugheit der Schlan-
ge der Taube schenken, denn diese würde dadurch nicht aufhören, schön
zu sein.
Also vorwärts denn zu dieser heiligen Einfachheit, die eine Schwester
der Unschuld, eine Tochter der Liebe ist. Indessen finde ich in dem Akt,
den Sie mir aufzeigen, nicht viel Doppelzüngigkeit; zumindest ist es
nicht in schlechtem Sinn doppelzüngig, denn was erhofften Sie für sich
dadurch, wenn Sie erzählten, daß der gute Herr Graf fastete? Ärgerlich
ist die Doppelzüngigkeit, wenn einer guten Tat eine schlechte oder nich-
tige Absicht unterlegt wird. Schreiben Sie mir also von diesen Doppel-
züngigkeiten, was Sie am meisten ärgert. Ich will versuchen, Sie darüber
aufzuklären, denn ich verstehe mich ein wenig darauf.
Meine liebe Tochter, lesen Sie das 28. Kapitel des „Geistlichen Kamp-

150
fes“, dieses mir teuren Buches, das ich seit etwa 18 Jahren in meiner
Tasche bei mir trage und niemals ohne Gewinn wieder lese. Halten Sie
an dem fest, was ich Ihnen gesagt habe. Was Ihre alten Versuchungen
betrifft, so seien Sie nicht so darauf aus, davon befreit zu werden; tun Sie
so, als fühlten Sie sie nicht, seien Sie über diese Angriffe nicht so verär-
gert. Sie werden recht bald davon befreit werden mit Gottes Hilfe, den
ich darum bitte; aber ich versichere Sie, daß ich dies mit großer Erge-
benheit in sein göttliches Wohlgefallen tue, mit einer frohen und ruhi-
gen Ergebenheit. Sie wünschen so sehnlich, daß Gott Sie in dieser Hin-
sicht, sagen Sie, in Frieden sein lasse; und ich wünsche, daß Gott Sie in
jeder Hinsicht in Frieden sein lasse und nicht ein einziger unserer Wün-
sche den seinen entgegengesetzt ist. – Nun, ich will nicht, daß Sie sich
freiwillig nach diesem nutzlosen, vielleicht sogar schädlichen Frieden
sehnen. Aber quälen Sie sich jetzt nicht ab, diesen Befehl auszuführen.
Das will ich ja gerade, daß Sie sich nicht abquälen, weder mit diesen,
noch mit irgendwelchen anderen Wünschen. Mein Gott, meine Tochter,
diese Wünsche stehen in Ihrem Herzen allzusehr im Vordergrund. Wenn
nur der Geist des Glaubens in uns lebt, sind wir schon mehr als glück-
lich. Sehen Sie, unser Herr wird Ihnen seinen Frieden verleihen, wenn
wir uns dahingehend demütigen, im Krieg milden Geistes zu leben.
Mut, meine Tochter, halten Sie Ihr Herz fest: unser Herr wird uns
helfen, und wir werden die Seinen sein und ihn recht lieben. Sie tun gut
daran, keinerlei Sorge um Ihre Seele zu haben und sich darin ganz auf
mich zu verlassen; Sie werden sehr glücklich sein, wenn Sie weiter so
handeln. Gott wird mir bei Ihrer Führung zur Seite stehen, und mit
Hilfe seiner Gnade werden wir nicht irregehen. Glauben Sie mir, meine
Seele ist mir, so scheint es mir, nicht teurer als die Ihre. Ich hege nur die
gleiche Sehnsucht, ich verrichte nur die gleichen Gebete für beide, ohne
Teilung und Trennung.
Ich bin der Ihre: Jesus will es und ich bin es ...

Annecy, 9. August 1607.


Diesmal schreibe ich Ihnen durch Vermittlung unseres guten Pater
Guardian der Kapuziner, meine gute, meine ganz teure Tochter, denn
ich stellte mir vor, daß sich leicht einige der Patres in Autun zu ihrem
Provinzkapitel einfinden, die Ihnen diese Briefe übermitteln könnten.
Aber was soll ich Ihnen schreiben? Weiten Sie Ihr Herz, meine ganz
liebe Tochter, bedrängen Sie es nicht zu sehr mit Wünschen nach Voll-

151
kommenheit. Hegen Sie nur einen davon, einen guten, recht entschlos-
senen, richtig beständigen, das heißt eben den alten Wunsch, der Sie
unsere Gelübde mit so viel Mut ablegen ließ; denn diesen, meine Toch-
ter, diesen Wunsch müssen Sie oft mit dem Wasser des heiligen Gebetes
begießen. Sie müssen alle Sorge tragen, ihn in unserem Garten zu erhal-
ten, denn es ist der Baum des Lebens.
Es gibt aber gewisse Wünsche, die das Herz tyrannisieren. Sie möch-
ten, daß nichts sich unserem Vorhaben entgegensetzt, daß wir keine Fin-
sternisse haben sollen, sondern daß alles im hellsten Tageslicht sei. Sie
möchten nur süße Gefühle bei unseren Übungen, ohne Widerstand, ohne
Zerstreuungen; und sobald uns irgendeine innere Versuchung überfällt,
begnügen sich diese Wünsche nicht damit, daß wir ihr nicht nachgeben,
sondern sie möchten, daß wir sie nicht einmal fühlen. Sie sind so heikel,
daß sie nicht damit zufrieden sind, wenn man uns eine recht saftige und
nahrhafte Speise gibt, sondern sie soll auch ganz gesüßt und wohlduf-
tend sein. Sie möchten, daß wir nicht einmal die Augustmücken vor
unseren Augen tanzen sehen. Das sind Wünsche einer allzu weichlichen
Vollkommenheit, deren man nicht viele hegen darf. Glauben Sie mir,
meine Tochter, auf die süßen Speisen bekommen die kleinen Kinder
Würmer; und auch ich, der ich doch kein kleines Kind mehr bin; darum
mischt unser Heiland Bitteres darunter.
Ich wünsche Ihnen großen Mut und zwar einen, der nicht zimperlich
ist; einen Mut, der ganz entschieden sagt: Es lebe Jesus, und das ganz
vorbehaltlos, der sich dabei weder um Süßes, noch um Bitteres, weder um
Licht noch um Finsternis kümmert. Gehen wir, meine Tochter, kühn un-
seren Weg in dieser wesentlichen, starken und unbeugsamen Liebe zu
unserem Gott und lassen wir diese Hirngespinste von Versuchungen hin-
und herhuschen; mögen sie auch, sooft sie wollen, unseren Weg kreuzen.
Der hl. Antonius sagte: „Ja, ich sehe euch, aber ich schaue nicht auf euch.“
Nein, meine Tochter, schauen wir auf unseren Heiland, der uns jen-
seits all dieses Geschreies des bösen Feindes erwartet. Erflehen wir sei-
ne Hilfe, denn zu eben diesem Zweck erlaubt er ja, daß diese Vorspiege-
lungen uns Angst einjagen.
Gestern Abend hatten wir hier gewaltige Donnerschläge und schreck-
liche Blitze und ich freute mich zu sehen, daß unsere jungen Leute,
besonders aber mein Bruder, unser Groisy,51 sich wiederholt bekreuzig-
ten und den Namen Jesu anriefen. Ach, sagte ich ihnen, ohne dieses
schreckliche Wetter hätten wir unseren Herrn nicht so oft angerufen.
Aufrichtig gesagt, empfing ich daraus besonderen Trost, obgleich die

152
Heftigkeit der Einschläge mich aufzucken ließ, und ich konnte mich
nicht enthalten, zu lachen.
Mut, meine Tochter, haben wir nicht Grund zu glauben, daß unser
Heiland uns liebt? Gewiß haben wir allen Grund dazu; warum sich also
wegen der Versuchungen kränken? Ich empfehle Ihnen unsere Einfach-
heit, die so anmutig und dem göttlichen Bräutigam so angenehm ist, und
auch unsere arme Demut, die so viel über ihn vermag; und tun Sie mir
eine gleiche Liebe an, indem Sie mir dasselbe anempfehlen. Was Gott
mir durch den Nächsten sagt, bewegt mich sehr.
Da Sie es wünschen, will ich Ihnen noch einiges von mir berichten.
Vor drei Wochen verließ ich Thonon. Ich blieb zwölf Tage in Viuz, um
die Angelegenheiten dieses Gebietes zu regeln, und tat es auch ziemlich
günstig. Von da reiste ich nach Sales für einen einzigen Abend und kam
am letzten Tag des Juli hierher, um unser großes Fest des hl. Petrus in
Ketten zu feiern, des Schutzpatrons unserer Kirche. Der Pater Rektor
von Chambéry befand sich auch da, mit dem ich meine arme Seele über-
prüfte von der Zeit an, da ich dieses Amt übernahm; aber mir scheint,
daß ich mich nicht genug verdemütigte, wie ich es hätte nach der Sachla-
ge tun sollen. Zweifellos bedarf ich sehr der heiligen Demut. Mein Gott,
wer bin ich denn? Nicht viel, meine Tochter, weniger als nichts. Also
heißt es, von nun an mehr Sorgfalt darauf verwenden.
Ich werde erst wieder nach dem Fest der Kreuzerhöhung im Septem-
ber auf Visitation gehen; ich mußte das in Kauf nehmen ...
Ich werde Ihnen bald schreiben; dies ist der sechste Brief, den ich
Ihnen seit Ihrer Abreise geschrieben habe, denn ich will Ihnen nicht
wortbrüchig werden. Ich lasse überall für Sie beten und will mit Gottes
Hilfe selbst noch viel mehr und besser beten, als ich es bisher getan
habe. Ich habe, scheint es mir, mehr den Willen und Wunsch, unseren
Heiland zu lieben, als ich ihn jemals hatte. Also voran, meine liebe
Tochter! Es lebe Jesus! Amen.
Ich verbleibe jener, den er immer mehr zu dem Ihren macht ...
Sein heiliger Name sei immerdar gelobt und gepriesen. Amen. Ich
werde sogleich die Heilige Messe für Sie feiern, wie ich es zweifellos
immer für Sie tue. Empfehlen Sie mich der hochheiligen Mutter unseres
Herrn und unserer hl. Marta. Sind wir nicht überglücklich, zu wissen,
daß man Gott lieben muß und unser ganzes Wohl darin liegt, ihm zu
dienen, und unser Ruhm darin, ihn zu ehren? O wie groß ist seine Güte
gegen uns! So trete ich also jetzt an seinen heiligen Altar ...
Am Vorabend des Festes des hl. Laurentius 1607.

153
Annecy, 16. August 1607.
Das ist das siebente Mal, daß ich Ihnen seit Ihrer Rückkehr schreibe;
ich lasse keine Gelegenheit dazu ungenützt verstreichen. Dennoch ist
meine Liebe nicht zufriedengestellt, denn sie ist unersättlich in dem
Wunsch, unserem Gott die Pflicht zu erfüllen, die ich Ihnen gegenüber
habe. Ich sage, unserem Gott, meine Tochter, weil ich jeden Tag mehr in
dem Glauben bestärkt werde, daß Gott es ist, der mir diese Pflicht auf-
erlegt; darum liebe ich diese Pflicht so über alle Maßen.
Vorgestern und gestern empfand ich eine außerordentliche Freude im
Haus der hl. Marta, die ich so kindlich geschäftig sah, unseren Herrn zu
umsorgen, und meiner Meinung nach ein wenig eifersüchtig auf die Se-
ligkeit, die ihre Schwester zu Füßen des Heilands empfand (Lk 10,38-
42). Wahrlich, meine liebe Tochter, sie hatte recht, zu wünschen, man
möge ihr helfen, ihren lieben Gast zu bedienen, aber sie hatte nicht
recht, zu wollen, daß ihre Schwester zu diesem Zweck ihr Verhalten
aufgeben und den gütigen Jesus allein lassen sollte; denn dessen über-
große Liebe hätte keine Gelegenheit gehabt, sich zu verströmen, und sie
hätte ihm Schmerzen bereitet, wie einer Mutter (Hld 8,1) die Brust,
strotzend voll köstlicher Milch, Schmerzen verursacht, wenn nicht min-
destens ein Kind da ist, davon zu trinken und diese himmlische Flüssig-
keit aufzunehmen.
Wissen Sie, wie ich den Ausgleich bewirken wollte? Ich wollte, daß
die hl. Marta, unsere liebe Herrin, sich an Stelle ihrer Schwester zu den
Füßen unseres Herrn niederließe und ihre Schwester die restlichen Vor-
bereitungen für das Essen treffe; so hätten sie Arbeit und Ruhe geteilt
als gute Schwestern. Ich denke, daß unser Herr das gut befunden hätte.
Unseren Herrn aber ganz allein lassen zu wollen, darin hatte sie meiner
Meinung nach unrecht; denn er ist nicht in diese Welt gekommen, um in
der Einsamkeit zu leben, sondern um mit den Menschenkindern zu sein
(Spr 8,31; Bar 3,38).
Sind das nicht sonderbare Gedanken, unsere gute hl. Marta zurecht-
weisen zu wollen? O, nur aus Liebe, die ich zu ihr hege; ja, ich glaube,
daß sie froh wäre, das, was sie damals nicht tat, jetzt in Gestalt ihrer
Töchter zu tun, derart, daß sie ihre Stunden teilen, von denen ein guter
Teil aufgewandt werden soll auf äußere Werke der Nächstenliebe, der
bessere Teil aber auf das innerliche Werk der Beschauung.52 Diesen
Schluß ziehe ich jetzt während des Schreibens, denn neulich dachte ich
nicht daran, da meine Aufmerksamkeit nur auf das gerichtet war, was
sich in diesem Geheimnis ereignete.

154
Und da mein Herz mich drängt, Ihnen alles zu sagen, was es erfreut
hat (was ich so ziemlich keinem anderen geschöpflichen Wesen gegen-
über mitzuteilen pflege), will ich Ihnen sagen, daß ich in den vergange-
nen drei Tagen unvergleichliche Freude empfand im Gedanken an die
große Ehre, die jedem Herzen dadurch zuteil wird, daß es ganz allein
mit seinem Gott, diesem höchsten, unermeßlichen und unendlichen
Wesen sprechen darf. Ja, denn was das Herz zu Gott sagt, weiß niemand
als Gott zu allererst und nachher nur jene, die es Gott wissen läßt. Ist das
nicht ein wunderbares Geheimnis? Ich denke, das meinen die Gottesge-
lehrten, wenn sie sagen, daß es beim Gebet gut sei, zu denken, es gäbe
nur Gott auf der Welt; denn das sammelt zweifellos die Kräfte der Seele
und bewirkt ihre viel stärkere Hinwendung (zu Gott).
Das mußte ich Ihnen sagen. Sehen Sie, meine Tochter, ich muß oft
zu Ihnen sprechen; darum bin ich gezwungen, Ihnen diese Dinge zu
sagen, wie sie sich mir ergeben, zur Unzeit oder zu gelegener Zeit.
Daher sind das nicht Antworten, denn ich habe erst zwei Briefe von
Ihnen erhalten, auf die ich Ihnen schon vor langer Zeit geantwortet
habe.
Gott befohlen, meine liebe Tochter, ich bin sehr mit Arbeit bedrängt.
Herr von Nemours hat mich derart beschworen, ihm die Leichenrede
für seine Frau Mutter zu schicken, daß ich gezwungen bin, fast eine neue
zu schreiben; denn ich erinnere mich an die Rede, die ich hielt, nur in
großen Zügen. Es fällt mir zweifellos schwer, solche Dinge zu tun, in die
weltlichen Belange miteinbezogen zu werden, zu denen ich Gott sei
Dank keine Neigung habe.
Ich fange jetzt energisch an, mir die Morgenstunden vorzubehalten
und zu bestimmten Stunden zu essen. – All die Ihren hier befinden sich
wohl. Mein Gott, welche Angst hatte doch meine arme Mutter an dem
Tag, an dem sich ein so schweres Gewitter entlud, wovon ich Ihnen
früher geschrieben habe. Denn der Blitz schlug mehrmals ganz in der
Nähe von Sales ein. Wenn auch niemand dabei zu Schaden kam, gab es
doch einen derartigen Wolkenbruch und ein Krachen, wie man es noch
nie erlebt hatte. Alles war in der kleinen Kapelle zusammengedrängt
und aufeinandergepreßt. So möge auch, meine Tochter, manchmal un-
sere Seele sein, wenn Sturm und Blitz sie umtosen: dann heißt es Mut
haben und sich in unserem kleinen Tabernakel aufhalten; solange des-
sen Säulen stehen, wird es nur Angst, aber kein Übel geben.
Frau von Lalée besuchte mich gestern und erkundigte sich nach Ih-
nen; sie schätzt Sie überaus. Ich weiß nicht, wo Frau von Charmoisy ist;

155
es heißt jedoch, daß sie in acht Tagen hier sein wird, und ich wünsche es
sehr; denn sehen Sie, ich bin immer ein wenig in Sorge während des
Noviziatsjahres. Ich sage in Sorge, aber auch ohne Sorge, denn ich bin
voll guter Hoffnung wegen unseres Herrn, der so gut, gütig und liebevoll
zu den Seelen ist, die ihn lieben wollen (s. Klgl 3,25).
Gott befohlen, meine Tochter. Ich werde gleich die Heilige Messe
feiern, nachher will ich, wenn ich kann, ein paar Worte meinem Herrn
Grafen schreiben. Gott befohlen also, meine Tochter, in unbegrenztem
Maße, vorbehaltlos und über alle Maßen; alles andere sei seinem Wohl-
gefallen überlassen. Halten wir uns so recht an Gott, meine Tochter, und
an seine heilige Mutter. Amen.
Ich bin durch seinen Willen einzigartig und unwiderruflich ganz der
Ihre ...

Annecy, 6. September 1607.


Wie viel hätte ich Ihnen zu sagen, meine Tochter, wenn ich Zeit dazu
hätte, denn ich habe Ihren Brief vom Tag der hl. Anna erhalten, der eine
eigene Sprache, eine Herzenssprache spricht und eine ausführliche Ant-
wort erfordert.
Da sind Sie nun auf dem rechten Weg, meine Tochter, machen Sie nur
so weiter. Haben Sie Geduld mit Ihrem innerlichen Kreuz! Ach, unser
Heiland läßt es für Sie zu, damit Sie eines Tages besser erkennen, was Sie
aus sich heraus sind. Sehen Sie nicht, meine Tochter, daß die Unruhe des
Tages erhellt wird durch die Ruhe der Nacht? Ein klares Zeichen, daß
unsere Seele nichts anderes braucht, als ganz ergeben in ihrem Gott zu
werden und einen solchen Gleichmut zu erringen, daß man Gott glei-
cherweise inmitten von Dornen wie von Rosen dient.
Würden Sie wirklich glauben, meine gute Tochter, daß ich heute Abend
gerade erst einer Angelegenheit wegen in eine kleine Unruhe geriet, die
gewiß nicht verdiente, daß ich daran einen Gedanken verschwendete?
Immerhin kostete mich dies zwei Stunden Schlaf, was mir selten vor-
kommt. Aber noch mehr: daß ich mich selbst über diese Schwäche lu-
stig machte und ich sonnenklar erkannte, daß all dies nur Kleinstkinder-
Unruhe war, und doch keine Möglichkeit sah, da herauszufinden. Gott
wollte mich verstehen lassen, daß nicht ich es bewirke, wenn Anfechtun-
gen und schwere Angriffe mich nicht in Verwirrung bringen, wie sie es
in Wirklichkeit auch nicht tun, sondern die Gnade meines Erlösers (1
Kor 15,10), und, ohne zu lügen, fühle ich mich nun nachher erfreut über

156
dieses Erfahrungswissen, das Gott mir über mich selbst zuteil werden
läßt.
Ich versichere Sie, daß ich recht fest bin in unseren Entschlüssen und
viel Gefallen daran finde. Ich kann Ihnen heute nicht viel sagen, denn
der gute Pater reist in einer Stunde ab und ich muß die Heilige Messe
feiern; ich muß also alles andere unbeantwortet lassen.
Ihre Frage in einem Ihrer Briefe, ob ich das betrachtende Gebet pfle-
ge, machte mir viel Freude. O meine Tochter, tun Sie das nur weiter!
Fragen Sie mich immer nach dem Zustand meiner Seele, denn ich weiß
wohl, daß diese Ihre Wißbegierde der herzlichen Liebe entspringt, die
Sie zu mir hegen. Ja, meine Tochter, dank der Gnade Gottes kann ich
jetzt besser als früher sagen, daß ich das betrachtende Gebet pflege, weil
ich es nicht einen einzigen Tag auslasse, außer manchmal am Sonntag,
um Beichte zu hören. Gott gibt mir auch die Kraft, manchmal dafür
vorzeitig aufzustehen, wenn ich eine Menge von Hindernissen tagsüber
voraussehe, und all dies tue ich ganz fröhlich; es scheint mir, daß ich es
sehr liebe und es zweimal am Tag tun möchte; aber das ist mir nicht
möglich.
Es lebe Jesus! Es lebe Maria! Gott befohlen, meine liebe Tochter! Er
hat mich ja für immer, vorbehaltlos und über jeden Vergleich zu dem
Ihren gemacht ...
Am ersten Donnerstag des September 1607.

Sales, 2. November 1607.


Meine liebe Tochter, ist es denn nicht recht und billig, daß der hochhei-
lige Wille Gottes geschehe, sowohl in Dingen, die wir lieben, als auch in
den anderen? Ich muß mich dennoch beeilen, Ihnen mitzuteilen, daß
meine gute Mutter diesen Kelch mit einer ganz christlichen Standhaftig-
keit getrunken hat;53 und daß ihre Tugend, von der ich immer schon tief
beeindruckt war, noch weit höher steht, als ich sie je geschätzt hatte.
Am Sonntag-Morgen54 ließ sie meinen Bruder, den Kanonikus55 ho-
len; und da sie am Vorabend gesehen hatte, wie sehr traurig er und all die
anderen Geschwister waren, sagte sie zu ihm: „Ich habe die ganze Nacht
geträumt, daß meine Tochter Jeanne tot sei; sag mir bitte, ist das wahr?“
Mein Bruder, der auf mein Kommen gewartet hatte, um es ihr zu sagen
– denn ich befand mich auf Visitation,56 – sah, daß dies der rechte Zeit-
punkt wäre, ihr den bitteren Kelch zu reichen, und da sie zu Bette lag,
sagte er: „Es ist wahr, meine Mutter“, sonst nichts, denn er hatte keine
Kraft mehr, etwas hinzuzufügen. „Der Wille Gottes geschehe“, sagte

157
meine gute Mutter und weinte einige Zeit bitterlich; dann rief sie ihre
Nicole57 zu sich und sagte: „Ich will aufstehen und in die Kapelle gehen,
um für meine arme Tochter zu beten.“ Und sie tat sogleich, was sie
gesagt hatte. Nicht ein Wort der Ungeduld, nicht ein Augenblick der
Unruhe; tausendfacher Lobpreis Gottes und tausendfache Ergebung in
seinen Willen. Niemals sah ich einen stilleren Schmerz: ein großer Trä-
nenstrom, aber all dies aus dem einfachen Leid des Herzens heraus,
ohne eine Spur von Auflehnung. Und doch war es ihr liebes Kind! Wie
sollte ich solch eine Mutter nicht recht innig lieben?
Gestern, am Allerheiligentag, hörte ich die Beichte der ganzen Fami-
lie und mit dem hochheiligen Sakrament versiegelte ich das Herz dieser
guten Mutter gegen jede Traurigkeit. Indessen dankt sie Ihnen überaus
für die Sorge und mütterliche Liebe, die Sie dieser kleinen Verstorbe-
nen zuteil werden ließen, und sie fühlt sich ebensosehr in Ihrer Schuld,
als wenn Gott sie durch Ihre Sorge erhalten hätte. Das gleiche sagen
Ihnen alle Geschwister, die im Schmerz über diesen Tod eine äußerst
gute Haltung gezeigt haben, vor allem unser guter Boisy,58 den ich des-
halb noch mehr liebe.
Ich weiß wohl, daß Sie mich nun gerne fragen möchten: „Und Sie, wie
haben Sie es getragen?“ Ja, denn Sie wünschen zu wissen, was ich tue.
Ach, meine Tochter, ich bin nichts so sehr als ein Mensch. Mein Herz
war mehr davon ergriffen, als ich je gedacht hätte, in Wahrheit aber
haben das Leid meiner Mutter und das Ihre viel dazu beigetragen, denn
ich bangte um Ihr Herz und um das meiner Mutter. Sonst aber: Es lebe
Jesus! Ich werde immer die Partei der göttlichen Vorsehung ergreifen,
sie macht alles richtig und ordnet alle Dinge zum Besten (Weish 12,15).
Welches Glück für dieses Mädchen, von der Welt hinweggenommen zu
sein, auf daß die Bosheit nicht ihren Sinn verkehre (Weish 12,15), und
diesen schmutzigen Ort verlassen zu können, bevor sie noch von ihm
besudelt wurde (Ps 69,13)! Man pflückt die Erdbeeren und Kirschen
vor den Bergamottebirnen und den Äpfeln, weil eben die Zeit dazu da
ist. Lassen wir also auch Gott pflücken, was er in seinen Garten ge-
pflanzt hat; er pflückt alles zur rechten Zeit.
Sie können sich denken, meine liebe Tochter, wie herzlich ich dieses
kleine Mädchen liebte. Ich hatte sie ihrem Erlöser geboren, denn ich
hatte sie eigenhändig vor etwa 14 Jahren getauft; sie war das erste Ge-
schöpf, an dem ich mein Priesteramt ausübte. Ich war ihr geistlicher
Vater und versprach mir so recht, aus ihr eines Tages etwas Gutes zu
machen; und was sie mir besonders teuer machte (ja, wirklich), war, daß

158
sie Ihnen gehörte. Dennoch, meine liebe Tochter, empfinde ich inmitten
meines Herzens aus Fleisch, das über diesen Tod so viel Trauer hatte,
fühlbar eine gewisse Süße, Stille, und ein gewisses mildes Ruhen meines
Geistes in der göttlichen Vorsehung, die in meiner Seele trotz all des
Leides doch eine tiefe Zufriedenheit verbreiten. Derart sind also meine
Gefühle, die ich Ihnen, so gut ich konnte, geschildert habe.
Was wollen Sie aber sagen, meine liebe Tochter, wenn Sie mir schrei-
ben, daß Sie sich bei diesem Anlaß ganz so gefunden haben, wie Sie
sind? Sagen Sie mir, bitte: war unsere Kompaßnadel nicht immer auf
ihren schönen Stern, auf ihr heiliges Gestirn, auf ihren Gott gerichtet?
Was hat Ihr Herz getan? Haben Sie jenen Ärgernis gegeben, die Sie
hierbei und bei diesem Ereignis gesehen haben? O, meine Tochter, sa-
gen Sie es mir offen; denn sehen Sie, ich habe es nicht für gut befunden,
daß Sie Ihr Leben oder das irgendeines Ihrer Kinder anstelle des Lebens
der Verstorbenen angeboten haben. Nein, meine liebe Tochter, man muß
nicht nur damit einverstanden sein, daß Gott uns schlägt, sondern auch
ihm beistimmen, daß er dort schlägt, wo es ihm gefällt; man muß Gott
die Wahl lassen, denn ihm steht sie zu.
David bot sein Leben für das seines Abschalom an (2 Sam 18,32);
aber deshalb, weil er als Verlorener starb; und in einem solchen Fall
muß man Gott beschwören. Bei zeitlichem Verlust aber, o meine Toch-
ter, soll Gott unsere Laute streichen und zupfen, wo immer und auf
welcher Saite er auch mag, er wird stets nur eine gute Harmonie hervor-
rufen: Herr Jesus, Dein Wille geschehe, vorbehaltlos, ohne Wenn, ohne
Aber, ausnahmslos und schrankenlos an Vater, Mutter, Tochter, in al-
lem und überall. Ach, ich sage nicht, daß wir nicht wünschen und darum
beten sollen, sie mögen uns erhalten bleiben; aber zu Gott sagen: „Laß
dies und nimm dies“, meine liebe Tochter, das darf man nicht. Und
darum werden wir es auch nimmer tun, nicht wahr? Nein, meine Toch-
ter, mit Hilfe der Gnade seiner göttlichen Güte wollen wir das nimmer
tun.
Meine liebe Tochter, mir ist, als sehe ich Sie mit Ihrem starken Her-
zen, das gewaltig lieben und wollen kann. Ich weiß ihm viel Dank dafür;
denn diese halbtoten Herzen, wozu sind sie gut? Wir wollen aber jede
Woche einmal eine besondere Übung machen, den Willen Gottes noch
kraftvoller, ja ich gehe noch weiter, zärtlicher und liebevoller wie nichts
sonst in der Welt zu wollen und zu lieben; und das nicht nur bei erträg-
lichen Anlässen, sondern bei den unerträglichsten. Sie finden irgendet-
was darüber in dem Buch vom Geistlichen Kampf, das ich Ihnen so oft
empfohlen habe.

159
Ach, meine Tochter, offen gesagt: diese Lektion ist hoch; aber Gott,
für den wir sie lernen, ist doch auch der Allerhöchste. Meine Tochter,
Sie haben vier Kinder; Sie haben einen Vater, einen Schwiegervater,
einen so teuren Bruder und auch noch einen geistlichen Vater: alle diese
sind Ihnen teuer, und mit Recht, denn Gott will es so. Sollte nun Gott
Sie all dieser berauben, hätten Sie nicht noch genug, wenn Sie Gott
haben? Ist das nach Ihrer Meinung nicht alles? Hätten wir nur Gott,
wäre das nicht viel? Ach, der Sohn Gottes, mein lieber Jesus, hatte fast
nicht einmal das am Kreuz. Da er alles aus Liebe zu seinem Vater und
aus Gehorsam ihm gegenüber verlassen hatte, war er von diesem wie
verlassen und aufgegeben (Mt 27,46). Und der Strom der Leidenschaf-
ten riß sein Schifflein in die Verzagtheit; kaum wurde er noch der Kom-
paßnadel gewahr, die nicht nur auf seinen Vater hinwies, sondern auch
unzertrennlich eins mit seinem Vater war. Ja, er war eins mit seinem
Vater (Joh 10,30), aber der untere Seelenteil wußte und merkte gar nichts
davon; eine Prüfung, der die göttliche Güte keine andere Seele je unter-
zog, noch unterziehen wird, denn sie vermöchte sie nicht zu ertragen.
Also, meine Tochter, wenn Gott uns alles nähme, er würde sich uns
doch nie entziehen, solange wir es nicht wollen. Aber mehr noch: alle
unsere Verluste und Trennungen sind nur für diesen kurzen Augenblick
(2 Kor 4,17). O wahrlich, für so wenig muß man Geduld haben. – Mir
scheint, ich verbreite mich etwas zu sehr darüber; aber sehen Sie, ich
folge meinem Herzen, das sich niemals zu viel mit dieser so lieben Toch-
ter aussprechen kann.
Ich schicke Ihnen ein Wappen, um Ihren Wunsch zu erfüllen; und da
Sie wünschen, daß das feierliche Requiem dort gehalten wird, wo dieses
Mädchen seinem Leib nach ruht, so finde ich es gut, aber es soll ohne
große Aufmachung geschehen, gerade so, wie es der christliche Brauch
erfordert; denn wozu alles andere? Nachher werden Sie eine Liste all
dieser Kosten und jener ihrer Krankheit aufstellen und mir schicken,
ich will es so. Indessen wird hier für diese Seele gebetet werden und wir
wollen ihr liebevoll die ihr zustehenden kleinen Ehren erweisen. Wir
werden niemand zu ihrem Quartal59 schicken; nein, meine Tochter, wir
dürfen nicht soviel Aufsehen erregen für ein Mädchen, das in dieser
Welt keinerlei Rang eingenommen hat; das hieße sich lächerlich ma-
chen. Sie kennen mich: ich liebe die Einfachheit, im Tod und im Leben.
Ich würde gern den Namen und die Bezeichnung der Kirche wissen, wo
sie begraben liegt. Das ist alles in dieser Angelegenheit ... 60
Ihr sehr ergebener Diener ...

160
Sales, 1606-1607.
... Meine Tochter, ich kann Ihnen nicht verheimlichen, daß ich gegen-
wärtig in Ihrem Sales bin, überhäuft von liebevollem und unvergleichli-
chem Trost bei meiner guten Mutter. Wahrlich, Sie würden mit Freude
eine so enge Übereinstimmung zwischen Personen sehen, die gewöhn-
lich in Zwietracht leben: Schwiegermutter, Schwiegertochter, Schwäge-
rin, Brüder und Schwäger. Ich kann Sie versichern, meine wahre Toch-
ter, daß sie alle zum Ruhm Gottes nur ein Herz und eine Seele (Apg
4,32) sind in der Einheit seiner hochheiligen Liebe; und ich hoffe, daß
der Segen und die Gnade des Herrn in Fülle herabkommen möge, denn
es ist jetzt schon Vieles und Gutes, Schönes und Wohltuendes in der
Eintracht dieser Familie zu sehen (Ps 133,1.3).
Ihr Bote wird Ihnen sagen können, daß gestern unsere ganze liebe
Familie geschlossen in unserer kleinen Kapelle zu mir zur Beichte ging,
aber mit so viel Frömmigkeit, daß man hätte meinen können, es wäre
der Jubiläums-Ablaß eines heiligen Jahres zu gewinnen. O meine Toch-
ter, wir können alle unsere Jahre, Monate, Tage und Stunden durch gu-
ten und besseren Gebrauch heiligen. Das mußte mein Herz Ihnen sa-
gen; denn was könnte es Ihnen tatsächlich verbergen? ...

Annecy, 1606-1607.
... Mein lieber La Thuille61 grüßt Sie ergebenst; er weilt hier bei mir
und ich bin sicher, daß meine gute Mutter niemals zufriedener war,
noch die Frömmigkeit in der Familie je mehr in Blüte stand. Lob sei
dafür einzig und allein Gott, und uns die vollkommene Freude darüber.
Ich gestehe Ihnen, daß ein guter Teil des Lobes La Thuille gebührt; denn
dieses Einverständnis läßt sich nicht erzielen ohne sehr große Klugheit
und Frömmigkeit bei dem, der die hauptsächliche Führung in all dem
hat ...

Annecy, 1. Januar 1608.


Meine Tochter,
ich bin derart in Eile, daß ich nicht Zeit habe, Ihnen mehr zu schrei-
ben als das große Wort unseres Heiles: Jesus. Ja, meine Tochter, könn-
ten wir doch wenigstens einmal diesen heiligen Namen von ganzem
Herzen aussprechen. O, welchen Duft würde er in allen Fähigkeiten
unseres Geistes verbreiten! Wie glücklich wären wir, meine Tochter,
nur Jesus in der Einbildungskraft zu haben! Jesus wäre immer in uns

161
und wir wären überall in ihm. Versuchen wir es, meine ganz liebe Toch-
ter: sprechen wir ihn aus, sooft wir können. Wenn wir ihn auch vorerst
nur zu stammeln vermögen, werden wir ihn schließlich doch gut aus-
sprechen können.
Aber was heißt das, diesen heiligen Namen gut auszusprechen? Denn
Sie wollen, daß ich mich klar ausdrücke. Ach, meine Tochter, ich weiß
es nicht; ich weiß nur, daß man, um ihn gut auszusprechen, eine ganz
feurige Zunge haben muß, d. h. daß er durch die göttliche Liebe allein
ausgesprochen werden kann, die ohne weiteres Jesus in unserem Leben
ausprägt, indem sie ihn in den Grund unseres Herzens einprägt. Aber
Mut, meine Tochter, zweifellos werden wir Gott lieben, denn er liebt
uns. Bleiben Sie aus diesem Grund fröhlich und erlauben Sie Ihrer See-
le nicht, über irgendetwas in Unruhe zu geraten.
Ich bin, meine liebe Tochter, in eben diesem Jesus völlig der Ihre ...

Annecy, um den 20. Januar 1608.


Muß ich Ihnen denn immer in aller Eile schreiben, meine gute und
liebe Tochter? Es ist, scheint es mir, schon lange her, daß ich Ihnen
einmal nicht in Eile schrieb; und doch hätte ich Ihnen etwas ausführli-
cher über den Gehorsam und die Liebe zum Willen Gottes zu schrei-
ben. Aber was soll ich tun? Es ist immer noch besser, ich schreibe wenig,
als gar nichts. Erst heute Abend, als wir zu Tisch gingen, sagte mir der
Bote, daß er morgen zeitlich früh abreisen werde. Ich schreibe Ihnen
also um 10 Uhr abends.
O meine Tochter, wie sehr bitte ich doch Gott jetzt für Sie! Sicherlich
mit außerordentlicher Freude, ich fühle mich mit einem ganz neuen
Eifer dazu angetrieben. Was erbitte ich also für Sie? Nichts, außer der
reinen und heiligen Liebe zu unserem Erlöser. O wie sehr sollen wir uns
doch nach dieser Liebe sehnen und wie sehr diese Sehnsucht lieben,
denn die Vernunft will, daß wir immerdar zu lieben begehren, was nie-
mals genug geliebt werden kann, und daß wir zu begehren lieben, was
niemals genug begehrt werden kann.
Ich bin recht froh, meine Tochter, daß Sie armen Kranken das Bett
machen; und ich bin auch recht froh, daß Sie dabei Widerwillen empfin-
den, denn dieser Widerwille ist mehr Anlaß zur Erniedrigung als Ge-
stank und Unsauberkeit, die ihn hervorrufen.
Sie müssen wissen, meine liebe Schwester, meine Tochter, daß ich
mich jetzt in meiner traurigen Zeit befinde, denn von Dreikönig bis

162
Aschermittwoch hege ich sonderbare Gefühle in meinem Herzen: denn
so armselig, ja verachtenswert ich bin, erfüllt mich doch Schmerz, zu
sehen, wieviel Frömmigkeit verlorengeht, ich will sagen, wie viele See-
len nachlassen. An den letzten zwei Sonntagen habe ich die Zahl unserer
Kommunionen um die Hälfte vermindert gefunden; das hat mich recht
betrübt; denn wenn auch jene, die so handelten, nicht gleich schlecht
werden, warum hören sie denn auf? Wegen nichts und wieder nichts,
wegen Nichtigkeiten. Das geht mir sehr zu Herzen. Darum, meine liebe
Tochter, flehen Sie recht zu Gott für uns und danken Sie ihm, daß wir
uns entschlossen haben, niemals so etwas zu tun. Nein, ich denke nicht,
daß wir den Mut hätten, derart mit Vorbedacht nur einen einzigen Schritt
auf unserem Weg einzuhalten, was immer auch die Welt uns bieten könn-
te, nicht wahr, meine Schwester, meine Tochter? Zweifellos nein, mit
Hilfe der Gnade Gottes.
Gott befohlen, meine liebe Tochter; unsere Liebe sei ganz in Gott
und Gott sei in allem unsere Liebe. Amen. Es lebe Jesus! Denn in ihm,
durch ihn und für ihn bin ich ohne Ende, vorbehaltlos und einzigartig
der Ihre ...

Annecy, 24. Januar 1608.62


Meine Tochter!
Ich ergreife die Feder mit dem Wunsch, Ihnen viel zu schreiben zur
Entschädigung für die lange Zeit, da ich Ihnen, scheint es mir, nur in
Eile geschrieben habe. Ich bin im Besitz Ihrer Briefe vom 18., 19. und
25. November, vom 5., 14. und 22. Dezember vergangenen Jahres, die
ich noch nicht zur Gänze beantwortet habe; zumindest nehme ich es an.
Im ersten Brief sagen Sie mir, daß Sie mehr als sonst ausgehungert
sind nach der hochheiligen Kommunion. Es gibt zweierlei Arten von
Hunger: der eine, verursacht durch die gute Verdauung, der andere durch
Beschwerden des Magens. Demütigen Sie sich recht, meine Tochter,
und erwärmen Sie Ihren Magen durch die heilige Liebe zu unserem
gekreuzigten Jesus Christus, damit Sie geistig diese himmlische Speise
recht gut verdauen mögen. Und da sehr nach Brot verlangt, wer über
Hunger klagt, sage ich Ihnen, meine Tochter: Ja, kommunizieren Sie in
dieser Fastenzeit außer an den Sonntagen auch am Mittwoch, Freitag
und Samstag, dem Tag Unserer lieben Frau.
Aber was verstehen Sie darunter, daß man Jesus Christus geistig
verdauen soll? Jene, die eine gute körperliche Verdauung haben, ver-

163
spüren Kräftigung im ganzen Körper dadurch, daß die Speise in alle
Teile des Körpers verteilt wird. So, meine Tochter, verspüren jene, die
eine gute geistige Verdauung haben, daß Jesus Christus, der ihre Spei-
se ist, sich in alle Teile der Seele und des Körpers verströmt und sich
allem mitteilt. Sie haben Jesus Christus im Kopf, im Herzen, in der
Brust, in den Augen, in den Händen, auf der Zunge, in den Ohren und
in den Füßen. Was tut aber unser Erlöser da? Er richtet alles auf, er
reinigt alles, er tötet alles ab, er belebt alles. Er liebt im Herzen, er
denkt im Kopf, er belebt in der Brust, er schaut mit den Augen, spricht
mit der Zunge usw.: er tut alles in allem, und dann leben wir, nicht
mehr wir selbst, sondern Jesus Christus lebt in uns (Gal 2,20). Und
wann wird das sein, meine liebe Tochter? Mein Gott, wann wird das
sein?
Indessen aber will ich Ihnen zeigen, was man anstreben soll, wenn
man sich auch damit zufriedengeben muß, nur ganz allmählich dahin
zu gelangen. Halten wir uns demütig und kommunizieren wir nur
getrost; nach und nach wird unser innerlicher Magen mit dieser Spei-
se vertraut werden und sie gut zu verdauen lernen. Es ist wesentlich,
meine Tochter, nur von einer Speise zu essen, wenn sie gut ist; der
Magen erfüllt dann umso besser seine Aufgabe. Sehnen wir uns nur
nach dem Erlöser, und ich hoffe, daß wir eine gute Verdauung haben
werden.
Ich dachte, Ihnen über diesen ersten Punkt nicht so viel zu sagen, aber
ich lasse mich gern von Ihnen mitreißen. Und dann gehe ich bald mit
Ihnen zu diesem heiligen Mahl; denn es ist Donnerstag, und an solchen
Tagen halten wir uns recht vereinigt, und unsere Herzen, scheint mir,
berühren einander durch dieses heilige Sakrament.
Im zweiten Brief sagen Sie gar nichts, worauf ich antworten müßte. Ja,
meine Tochter, der „Geistliche Kampf“ ist ein großartiges Buch. Seit 15
Jahren trage ich es ständig in meiner Tasche mit mir herum und ich lese
niemals darin, ohne daß ich Nutzen daraus ziehe.
Im dritten Brief sprechen Sie mir von dem jungen Burschen, den Sie
bei mir unterbringen möchten. Ich dachte, es wäre irgendein Junge aus
angesehenem Haus; darum schrieb ich Ihnen neulich, daß ich ihn neh-
men würde, sobald ich einen anderen entlassen habe. Da Sie mir aber
in einem anderen Brief sagen, daß Jacques ihn kennt, erkundigte ich
mich, und er sagte mir, das wäre ein Junge, gut zu allem zu gebrau-
chen; darum sage ich Ihnen jetzt, daß ich ihn, wenn Sie ihn mir schik-
ken, gern aufnehmen will. Mit dem Wort „gut zu allem“ will ich gewiß

164
nicht sagen, daß ich ihn taktlos behandeln will; sondern nur, daß ich
ihn nicht nur zum Schreiben, sondern auch als Kammerdiener zu vie-
len kleinen Diensten verwenden und ihn hübsch bescheiden halten
könnte. Sie werden mich besser verstehen, wenn ich Ihnen sage, daß
ich Sekretären zu begegnen fürchte, die auf die Bitte: „Geben Sie mir
meine Stiefel, satteln Sie mein Pferd, machen Sie das Bett“ antworten:
„Dazu bin ich nicht da“, denn ich wende mich an den ersten, den ich
finde, Geistliche ausgenommen. Schicken Sie ihn also, und ich werde
mich besonders um ihn kümmern. Ich meine, wann Sie wollen, denn
ich sehe, daß das Wetter rauh ist und ich mir Vorwürfe machen würde,
einen Mann drei Meilen weit zu schicken. Schreiben Sie mir bitte,
welchen Lohn ich ihm geben soll ...
Sie machen mir große, ja sehr große Freude, wenn Sie mich zur De-
mut ermahnen; nicht etwa, weil mir nur diese Tugend fehlte, sondern
weil sie die erste Tugend und Grundlage der anderen Tugenden ist. Le-
gen Sie mir immer, wenn Ihr Herz es Ihnen eingibt, die Tugenden ans
Herz ...
Ich hätte große Lust, Ihnen ein Wort über die Liebe zum Willen Got-
tes zu sagen, denn ich sehe, daß Sie diese Übung im betrachtenden Ge-
bet machen. Das meinte ich aber nicht damit; denn Sie brauchen sich
darin, d. h. im innerlichen Gebet, nicht an irgendeine ständige Übung
binden. Aber wenn Sie allein spazieren gehen oder sonstwo sind, werfen
Sie einen Blick auf den allgemeinen Willen Gottes, durch den er alle
Werke der Barmherzigkeit und Gerechtigkeit im Himmel, auf Erden
und unter der Erde will; und stimmen Sie in tiefer Demut diesem höch-
sten, ganz heiligen, ganz gerechten und ganz schönen Willen zu, preisen
Sie ihn und lieben Sie ihn.
Werfen Sie einen Blick auf den besonderen Willen Gottes, mit dem er
die Seinen liebt und in ihnen verschiedene Werke, freude- und leidvolle
Werke wirkt. Denken Sie das ein wenig durch. Erwägen Sie die verschie-
denen Freuden, aber auch Leiden, die die Guten zu ertragen haben.
Stimmen Sie dann in großer Demut diesem ganzen Willen zu, preisen
Sie ihn und lieben Sie ihn.
Betrachten Sie diesen Willen an Ihrer eigenen Person in allem, was
Ihnen Gutes und Böses widerfährt und was Ihnen zustoßen kann, die
Sünde ausgenommen. Stimmen Sie dann all dem zu; preisen und lieben
Sie es und beteuern Sie, diesen höchsten Willen immerdar ehren, lieben
und anbeten zu wollen, indem Sie sich auf Gnade und Ungnade ihm
ausliefern und ihm Ihre Person und alle die Ihren schenken, zu denen

165
auch ich gehöre. Und schließlich schließen Sie mit einem großen Akt
des Vertrauens auf diesen Willen, daß er alles für uns und unser Glück
recht tun werde.
Ich habe fast alles Nötige gesagt, ich füge nur noch hinzu, daß Sie diese
Übung abkürzen, abändern und Ihrem Gutdünken anpassen können,
wenn Sie es zwei- oder dreimal so gemacht haben. Man muß sie nämlich
als Stoßgebete oft ins Herz hineinsenken ...
Mir scheint, daß die Frömmigkeit etwas zunimmt und daß unser Herr
den Platz bereitet für die Arbeit einer kleinen Schar schwacher Frauen,
die sich mit Gottes Hilfe eines Tages in diese Heimstätte zurückziehen
werden. Sie wissen, was ich meine.
Gott befohlen denn, meine Tochter, meine sehr liebe und vielgeliebte
Tochter; mögen wir immerdar Gott gehören! Ich bin in ihm einzigartig
der Ihre ...
Es lebe Jesus! Amen.

Rumilly, 5. März 1608.


Erst gestern, meine liebe Tochter, schrieb ich Ihnen über Lyon; und
jetzt kommt der Mann des Herrn de Sainte Claire und bringt mir Ihren
Brief vom 24. Februar, auf den ich kurz antworten will; und wenn ich
kann, werde ich auch noch auf einen der anderen Briefe antworten.
Ich beginne mit Ihrem Schlafengehen und Aufstehen am Morgen. Wa-
rum tun Sie das, meine liebe Tochter? Nein, man darf den Geist nicht
überlasten durch Überanstrengung des Leibes; das sagte schon der hl.
Franziskus zu seinen Jüngern. Freilich mache ich es auch, aber nur ge-
zwungenerweise; andernfalls schlafe ich sehr gut die nötige Ruhezeit
und ich will, daß Sie das gleiche tun. Der beiliegende Brief wurde Ihnen
um Mitternacht geschrieben, aber es ist schon lange her, daß ich so lange
aufgeblieben bin. Man darf sich nicht aus so geringen Gründen schädi-
gen, besonders die Frauen nicht; nachher ist man den ganzen Tag nichts
wert.
Meine liebe Tochter, Ihr Geist war aber an diesen zwei bis drei ersten
Tagen der Fastenzeit ganz verwickelt. Das wundert mich keineswegs,
denn Sie haben einen so empfindsamen und eifersüchtig über Ihre Ent-
schlüsse wachenden Geist, daß Sie alles, was ihm gegen den Strich geht,
deutlicher empfinden wie nichts sonst; und ich habe Ihnen schon tau-
sendmal gesagt, meine liebe Tochter, daß wir in unseren Aufgaben nicht
so übergenau sein dürfen.
Ach, meine Tochter, soll ich Ihnen sagen, was mir in den vergangenen

166
Tagen zugestoßen ist? Niemals in meinem ganzen Leben hatte ich die
geringste Empfindung einer gegen meinen Beruf gerichteten Versuchung
verspürt. Neulich kam mir, ohne daß ich daran dachte, plötzlich eine in
den Sinn. Nicht, daß ich etwa wünschte, ich gehörte nicht dem geistli-
chen Stand an, denn das wäre wohl zu plump gewesen. Ich hatte viel-
mehr mit einem Vertrauten gesprochen (ich glaube wirklich, daß es
unser Groisy war51) und gesagt, daß ich, vor die Wahl gestellt, den geist-
lichen Stand oder das Erbe eines Herzogtums zu wählen, den geistli-
chen Stand wählen wollte, so sehr liebte ich ihn. Darauf erhob sich in
meiner Seele ein Streit, ob ja oder nein, der einige Zeit lang anhielt. Ich
sah ihn, scheint mir, unten, ganz unten auf dem tiefsten Grund des unte-
ren Bereiches meiner Seele, wo er sich wie eine Kröte aufblähte. Ich
machte mich darüber lustig und wollte nicht einmal denken, ob ich
daran dächte; der Streit löste sich auch bald in Rauch auf und ich wurde
seiner nicht mehr gewahr. In Wirklichkeit wäre ich dadurch fast ärger-
lich geworden und hätte damit alles verdorben; aber schließlich dachte
ich in mir selbst, daß ich gar nicht verdiente, einen so hohen Frieden zu
besitzen, daß der böse Feind nicht wagte, von ferne meine Mauern ins
Auge zu fassen.
Mein Gott, meine Tochter, ich möchte, daß Ihr Herz eine etwas dicke-
re Haut hätte, damit Flöhe Sie nicht hinderten, zu schlafen. Wenn die
Versuchungen Ihnen von links kommen, würde ich mich deshalb nicht
sorgen, denn sie sind gar zu niedrig. Diese Ärgerlichkeiten dauern ja
auch nicht immer, sondern nur im gegenwärtigen Stand Ihrer Angele-
genheiten; darum sagte ich Ihnen ja, daß Sie Geduld haben müssen. O,
da haben wir schon Mittel, uns tapfer zu verteidigen und in geordneter
Schlachtreihe. Wenn Ihnen die Versuchungen aber von rechts kommen,
vermag ich Ihnen nichts zu sagen als: Glauben Sie mir, meine Tochter,
in dieser Hinsicht verlassen Sie sich auf meine Seele; ich habe meiner
Meinung nach dafür tadellose Gründe. Dieser Dinge wegen darf man
sich nicht in einen Streit einlassen; das muß sich mit stillen Überlegun-
gen und in Ruhe lösen; ganz gemächlich und von Herz zu Herz.
Doch ich spreche schon zu viel davon. Da Sie doch in unseren Ent-
schlüssen festbleiben, sollte ich Ihnen nichts sagen, als: Bleiben Sie in
Frieden, meine Tochter, all dies ist nichts. Glaube, Hoffnung und Liebe,
unverrückbare Bestandteile unseres Herzens, sind wohl Stürmen ausge-
setzt, aber nicht von Erschütterung bedroht. Wie wollen wir da, daß
unsere Entschlüsse davon ausgenommen seien? Sie sind großartig, mei-
ne Tochter, daß Sie sich nicht damit zufriedengeben, wenn unser Baum

167
richtig und tief verwurzelt bleibt, sondern auch noch wollen, daß sich an
ihm nicht ein Blatt bewegt.
Lenken Sie sich bei solchen Anlässen ab durch positive Akte der Lie-
be zu Gott und des Vertrauens auf seine Gnade. Nach all dem fürchten
Sie nicht, wegen dieser Kleinigkeiten gegen unsere Entschlüsse zu ver-
stoßen, auch nicht gegen das Vertrauen und die Geborgenheit, die Sie in
diesen Entschlüssen und in mir haben sollen. Das sind grundlose Ängs-
te. Der Engel des Bösen, der auf den hl. Paulus (2 Kor 12,7) „mit der
Faust einhieb“, indem er Stürme unreiner Gedanken erregte, vermochte
dennoch seine Reinheit nicht zu verletzen; warum sollten wir unsere
Entschlüsse durch solche Geistesregungen für verletzt halten?
Im übrigen haben Sie doch einen guten, klugen und gelehrten Beicht-
vater gewählt; teilen Sie ihm furchtlos unsere Entschlüsse mit, so wie sie
sind, damit Ihr Geist durch seine Ratschläge Erleichterung finde; denn
ich zweifle in keiner Weise, daß er nichts daran ändern, sondern Sie nur
darin bestärken wird. Ich sprach über diese Entschlüsse zum Pater Rek-
tor von Chambéry,63 ohne einen Namen zu nennen, und er bestärkte
mich darin; ich sprach auch zu einem anderen hohen Geistlichen darü-
ber, und auch er bestärkte mich darin; ich habe tausendmal zu Gott
darüber gesprochen, wohl nicht so ehrerbietig, wie ich es hätte tun sol-
len, und doch hat er mich immer darin bestärkt. Erklären Sie also Ihre
Angelegenheit eingehend Ihrem Beichtvater, dem Pater Gentil. Sagen
Sie ihm, aus welchen Überlegungen heraus Sie Ihren Eintritt ins Kloster
verschoben haben, und welche Überlegungen ich für die Lebensweise
nach diesem Eintritt angestellt habe (aber, von all dem abgesehen, wird
das zweifellos zur größeren Ehre Gottes gereichen aus Gründen, die ich
nicht sagen kann), und Sie werden sehen, daß er sagen wird, unsere Ent-
schlüsse seien aus Gottes Hand selbst hervorgegangen (Ps 77,11). Ich
zweifle keineswegs daran.
Während ich Ihnen so zwanglos über diesen Gegenstand schreibe,
kommen mir Bedenken, daß ich zu viel davon spreche. Nein, meine
Tochter, grübeln Sie nicht über all dies, denn ich schrieb ja nicht zu
diesem Zweck, auch nicht aus der Angst heraus, daß Ihr Mut Sie im
Stich lasse. Nein, keineswegs. – Nachdem Sie Ihr Vorhaben Pater Gentil
geschildert haben, sollten meine Worte Sie zwar in Ihren Entschlüssen
nicht bestärken – denn ich halte sie für unumstößlich, – wohl aber sollen
Sie darin Trost finden, wie auch ich. – Mein Gott, jetzt ist es wirklich
genug.
Aus dem Brief, den Thibaut mir brachte, habe ich gesehen, daß Sie

168
frei und offen zu Ihrem Beichtvater gesprochen haben, wofür ich Gott
preise, und daß er mit unseren Absichten übereinstimmt.
Unser Herr sei immerdar mit Ihnen, meine Tochter. Ich bin in unver-
gleichlicher Zuneigung ganz der Ihre in ihm und durch ihn. Amen.

Rumilly, 7. März 1608.


Nun schreibe ich Ihnen schließlich auch noch durch Herrn von Favre,
meine liebe Tochter, und doch immer ohne genügend Zeit, denn ich
mußte viele Briefe beantworten und immer sind Sie die Letzte, der ich
schreibe, aber ich fürchte nicht, darauf zu vergessen. Es reut mich, Ihnen
neulich so viel geschrieben zu haben über diese kleine Unruhe des Geis-
tes, die Ihnen zugestoßen ist; denn da sie in Wahrheit nichts war und Sie
es dem Pater Gentil mitgeteilt haben, war das alles ja wieder fortge-
wischt und ich hatte nichts zu sagen, als: Deo gratias. Aber sehen Sie,
mein Geist ist so geneigt, sich mit Ihnen zu verströmen und mit allen,
die ich lieb habe.
Mein Gott, meine Tochter, wie gut wirken sich Ihre Übel auf mich
aus, denn ich bete dafür mit noch mehr Aufmerksamkeit, ich stelle
mich mit noch reinerer Absicht vor unseren Herrn und versetze mich
noch mehr in Gleichmut. Aber glauben Sie mir: entweder bin ich der
am meisten getäuschte Mensch der Welt, oder unsere Entschlüsse sind
von Gott und dienen seiner größeren Ehre. Nein, meine Tochter, schau-
en Sie nicht mehr nach rechts und links. Ach, ich will nicht sagen, daß
Sie gar nicht schauen sollen, nein! Ich will sagen: schauen Sie nicht
herum, um sich dabei aufzuhalten, um etwas sorgsam zu untersuchen.
Lassen Sie sich nicht verwirren, verwickeln Sie Ihren Geist nicht in
Überlegungen, aus denen Sie sich nicht mehr lösen können. Denn,
wenn man nach so langer Zeit, nach so viel innigen Gebeten zu Gott
nicht ohne Schwierigkeiten Entschlüsse faßt, wie sollen wir denken,
das Richtige zu treffen auf grundlose Überlegungen hin (bei denen,
die von links kommen), oder auf einfaches Riechen und Schmecken
hin (bei denen, die von rechts kommen)? Aber lassen wir das, spre-
chen wir nicht mehr davon.
Sprechen wir von einer allgemeinen Regel, die ich Ihnen geben will.
Alles, was ich Ihnen mit diesen Worten sage: „Denken Sie nicht dies und
jenes“, „Schauen Sie nicht an“ oder mit ähnlichen Worten, all das ver-
steht sich im Großen und Ganzen. Denn ich will keineswegs, daß Sie
Ihren Geist zu etwas zwingen, außer dazu, Gott recht zu dienen, ihn

169
recht zu lieben, Ihre Entschlüsse nicht aufzugeben, sondern sie zu lie-
ben. Ich meinerseits liebe meine Entschlüsse so sehr, daß nichts, was ich
sehe, mir genügend erscheint, auch nur eine Unze an hoher Achtung, die
ich davor empfinde, wegzunehmen, auch wenn ich andere, noch ausge-
zeichnetere und höhere Entschlüsse sehe und betrachte ...
Ach, meine Tochter, was Sie mir durch Herrn von Sauzea schreiben,
ist auch etwas Verwickeltes.
Mein Gott, meine Tochter, könnten Sie nicht, wenn Ihnen dies zu-
stößt, sich vor Gott niederwerfen und ihm ganz einfach sagen: „Ja, mein
Herr, wenn Du es willst, will ich es auch, und wenn Du es nicht willst,
will ich es auch nicht“, und dann zu einer Übung und Beschäftigung
übergehen, die Ihnen als Ablenkung dient? Sie aber, meine Tochter,
sehen Sie, was Sie machen: wenn eine solche Kleinigkeit vor Ihrem
Geist auftaucht, dann ärgert er sich darüber und möchte das nicht sehen;
er fürchtet, daß ihn das aufhält. Diese Angst wieder entzieht Ihrem Geist
die Kraft und läßt diesen armen Geist ganz bleich, traurig und zitternd
zurück; diese Angst mißfällt ihm und erzeugt eine andere Angst, daß
diese Angst und der durch sie verursachte Schrecken Ursache des Übels
sei; und so geraten Sie in Verwirrung. Sie haben Angst vor der Angst,
dann fürchten Sie die Angst vor Angst, Sie ärgern sich über ihren Ärger
und dann ärgern Sie sich, über Ihren Ärger verärgert zu sein.
So habe ich viele gesehen, die in Zorn gerieten und nachher zornig
darüber waren, daß sie in Zorn gerieten; das scheint so wie bei den
Kreisen, die ein ins Wasser geworfener Stein verursacht, denn da bildet
sich zuerst ein kleiner Kreis und der macht einen größeren und dieser
wieder einen noch größeren usw.
Was man dagegen tun kann, meine Tochter? Mit der Gnade Gottes
nicht so empfindlich sein! Sehen Sie (hier noch weitere Erwägungen,
aber es geht nicht anders): Jene, die das Jucken, verursacht von einer
Milbe, nicht ertragen können und sich kratzen in der Meinung, es gehe
dadurch vorüber, kratzen sich nur die Hände wund. Machen Sie sich
über die meisten dieser Nebelschwaden lustig. Schlagen Sie nicht um
sich in der Meinung, sie dadurch abschütteln zu können; lachen Sie
darüber, lenken Sie sich durch andere Beschäftigungen ab, trachten Sie,
gut zu schlafen! Stellen Sie sich vor (ich will sagen, denken Sie), Sie
seien ein kleiner heiliger Johannes, der an der Brust unseres Herrn (Joh
13,23), in den Armen seiner Vorsehung schlafen und sich ausruhen darf.
Und Mut, meine Tochter! Wir haben doch keine anderen Absichten als
die Verherrlichung Gottes, nicht wahr? Nein gewiß, jedenfalls keine

170
klar festgelegten Absichten; denn wenn wir solche entdeckten, so wür-
den wir sie doch sogleich aus unserem Herzen reißen. Also, warum
quälen wir uns? Es lebe Jesus, meine Tochter! Ich meine manchmal, daß
wir doch alle ganz erfüllt von Jesus sind, zumindest haben wir keinen
überlegten entgegengesetzten Willen. Das sage ich nicht im Geist der
Überheblichkeit, meine Tochter, sondern im Geist des Vertrauens und
um Sie zu ermutigen. Genug davon.64
Wahrlich, ich liebe Ihren Thibaut sehr, obwohl ich mit ihm noch
nicht gesprochen habe; aber seine Miene gefällt mir und ich meine, daß
ich ihn ganz für mich gewinnen werde; Glauben Sie mir zumindest, daß
es mir viel Freude macht, ihn von Ihnen ganz kurz sprechen zu hören:
„Die gnädige Frau“; das bewegt mich und mir scheint, daß er mir ohne
Worte sagen will, daß ich ihn gernhaben soll. Ich muß nun auch von
geringeren Gedanken reden nach den vorhergegangenen großen: er ist
ein wenig erstaunt, hier nicht Monthelon zu finden, ich meine, hier in
Rumilly.
Ich schicke Ihnen die Übung, die ich Frau von Charmoisy in der Vor-
fastenzeit verrichten ließ, denn sie war nur am Montag und Dienstag auf
Unterhaltungen. Sie sollen sie lesen wie anderes auch; nur der letzte Teil
könnte Ihnen meiner Meinung nach dienen. Jene Dame ist in Chambéry
aus geschäftlichen Gründen. Sie hat sich nun ein wenig enger an das
Kruzifix gebunden und an die Abhängigkeit von ihrem geistlichen Va-
ter; nicht etwa, daß dies nicht immer ihre Absicht gewesen wäre, aber
nicht so offen und klar.
Groisy hat sich am Finger verletzt, befindet sich aber sonst wohl. Ich
will ihn aber nicht entschuldigen, sondern anklagen, daß er Ihnen nicht
schreibt. Als er in Paris war, hat er mich auch so behandelt und dann
schrieb er mir ein für allemal, das Schreiben sei ein zu schwacher Be-
weis der Liebe. O, ich habe ihn wirklich fest ausgeschimpft. Ich mußte
Ihnen das sagen; aber hören Sie nicht auf, ihn liebzuhaben; er ist sicher
ein gutes Kind. Unser Kanonikus ist sehr im Gedränge, der Arme; denn
er steckt inmitten einer Schar von Leuten, die ihn nach allen Seiten
ziehen, um sich seiner für ihre Seelen zu bedienen. Wenn Gott uns hilft,
wird er Erfolg haben ...
Ich versichere Ihnen, meine Tochter, daß es neun Uhr abends ist; ich
muß nun etwas essen und das Brevier beten, damit ich morgen um acht
Uhr predigen kann; aber ich kann mich von diesem Papier nicht losrei-
ßen. Und so muß ich noch schnell diese kleine Verrücktheit sagen: ich
predige an diesem Ort so hübsch nach meinem Wunsch, ich sage, ich

171
weiß nicht was, das diese guten Leute so gut verstehen, daß sie mir fast
gern antworten möchten.
Gott befohlen, meine Tochter, meine sehr liebe Tochter. Ich bin aber
in unvergleichlicher Weise ...

Rumilly, 7. März 1608.65


Meine liebe Tochter!
Ich muß Ihnen diese Übung schicken, an der ich wohl sehe, daß viele
Dinge besonders für diese eine Seele bestimmt sind, für die sie geschrie-
ben ist, sodaß sie anderswo nicht angewandt werden können; Sie aber,
die diese Seele kennen, werden sich trotzdem daran erfreuen. In dieser
Absicht allein schicke ich sie Ihnen und bitte Sie, sie nicht zur Gänze
anderen mitzuteilen; wohl aber, je nachdem Sie sehen werden, einzelne
Stücke davon und mündlich. Die Entschlüsse darin sind allgemeiner
Natur, Gott zu dienen; darum sehe ich keine Schwierigkeit, warum sie
nicht für immer Geltung haben sollen. Und ich füge noch hinzu, daß
auch die persönlichen Entschlüsse für immer gültig sein sollen, wenn
Gott und seine Verherrlichung der Gegenstand unseres Willens sind.
Bei der Gewissenserforschung finden sich Einzelheiten, die nur der Ei-
genart dieser Seele entsprechen; das werden Sie wohl zu unterscheiden
wissen.
Gott befohlen, meine liebe Tochter, und Jesus lebe und herrsche im-
merdar in uns!
Ich habe Ihnen vor kurzem einen Brief meiner Mutter geschickt. Ja
wirklich, diese arme Mutter liebt Sie gar sehr. – Es gibt nirgends mehr
Pestfälle. Wenn Sie zwei Brieflein schreiben würden, eines an Frau von
Equimier, Ihre Gastgeberin von Cruselles, und das andere an Frau de
Lalée, würden Sie ihnen viel Freude machen.
Wenn Sie der Dame schreiben, für die diese Übung aufgestellt wur-
de, sprechen Sie etwas weniger von mir; ich sage wohl „etwas weni-
ger“. Das nicht ihretwegen, denn sie ist ganz offen, sondern weil sie
sich manchmal eine Ehre daraus macht, Ihre Briefe anderen zu zeigen.
Sorgen Sie sich aber nun nicht, ob sie Ihre Worte als Mahnung auffaßt
oder nicht, denn da ist nichts zu befürchten; nein, sie ist ganz offen und
unbefangen. –
Wenn Sie wüßten, wie ich Ihnen schreibe, würden Sie es wie eine
Fastenpredigt verkosten. Ich bin ganz fröhlich, meine liebe Tochter. Es
lebe Jesus. Amen.

172
Annecy, 6. Mai 1608.
Man spricht ernsthaft davon, daß mir eine Rangerhöhung zugedacht
sei und zwar drüben. Das hat mir Sorge bereitet, denn man sagt, es sei
zur größeren Ehre Gottes und zum Wohl der Kirche. Bleiben Sie aber in
Frieden, meine sehr teure Tochter; denn es wird alles nur nach dem
Wohlgefallen der göttlichen Majestät und nach seiner Vorsehung ge-
schehen.
Ich weiß nicht, woher es kommen mag, daß dieser hohe Fürst mich
weiterhin so sehr mit seiner Gunst auszeichnet, ohne daß ich jemals
irgendetwas dazu getan hätte. Meine Antwort lautete (denn wie ich Ih-
nen bereits sagte, ist allen Ernstes daran gedacht), daß ich ganz Gott
gehöre und zu ihm sage: „Herr, was willst Du, daß ich tue?“ (Apg 9,6).
Binnen zwei Monaten werde ich dieser Sorge durch einen endgültigen
Entscheid enthoben sein. Beten Sie also sehr für mich, meine liebe Toch-
ter, daß mein Herz sich rein halte von jeder Eitelkeit und von weltli-
chem Ehrgeiz. Was mich betrifft, so erkläre ich, daß ich nur Gott will
„als mein Erbe“ (Ps 73,26), was auch immer kommen mag. Die Aus-
führbarkeit unserer Entschlüsse kann dadurch nicht in Frage gestellt,
sondern mit Gottes Hilfe sogar erleichtert werden.
O meine Tochter, wann wird uns vollkommene Vereinigung mit Gott
verbinden? Wann werden unsere Herzen von seiner Liebe entflammt
sein? Mut, meine liebe Tochter, wir sind für dieses selige Ziel bestimmt.
Lassen wir uns durch unfruchtbare Zeiten nicht stören, diese werden
letzten Endes doch Frucht bringen; auch nicht durch Trockenheiten,
denn „das dürre Land wird sich in Quellen lebendigen Wassers verwan-
deln“ (Ps 36,7).
Als ich neulich im Gebet die geöffnete Seite unseres Herrn betrachte-
te und sein Herz sah, schien mir, als stünden unsere Herzen rings um ihn
und huldigten ihm als dem höchsten König aller Herzen. Möge er im-
merdar unser Herz sein! Amen ...
Die kleine Aimèe wird eine der meistgeliebten Schwestern auf der
Welt sein, da ich ihr Bruder sein werde. All dies betrifft nur unsere
äußere Verbundenheit, denn Er, vor dessen Auge die Tiefen meines
Herzens offen stehen, weiß, daß das innere Band, durch welches er mei-
ne Seele mit der Ihren verbindet, von all diesen Umständen ganz unab-
hängig ist, die jene tiefe und ganz reine Zuneigung und Einheit, welche
Gott in uns geschaffen hat, weder stärken, noch vermindern können ...

173
Annecy, um den 11. Mai 1608.
In der vergangenen Woche erhielt ich vier Briefe von Ihnen: den einen
vom Ostersonntag, die anderen drei vom 27. April. So will ich Ihnen
denn lieber in aller Eile schreiben, als noch länger zu warten.
Ich sehe, was Sie mir von diesen guten Seelen schreiben, die die glei-
chen Wünsche wie Sie haben, Wünsche, die sich in Ihrem Herzen kräf-
tigen und die zur Tat drängen. Ach, meine liebe Tochter, ich sehe wohl,
daß diese Wünsche an Ihrem Geist oft rütteln; aber glauben Sie mir, daß
auch mein Wunsch, dies alles zur Ehre Gottes durchzuführen, recht oft
(ja, wenn ich dies schon als ein Wort des Selbstlobes sagen darf), mich
öfter noch als Sie bewegt. Aber soll man nicht alles wohl mit sorgsa-
mem, zugleich aber behutsamem, ruhigem und ergebenem Eifer tun?
Nun denn, ich hoffe, daß Gott uns dabei Führer sein wird.
Meine Tochter, beunruhigen Sie sich bitte nicht darüber, was ich Ih-
nen neulich über den Plan schrieb, den man hat, mich aus meinem Land
und von den Meinen fortzuholen (Gen 12); denn nichts wird geschehen
außer durch Gott, und wohin ich auch unter seiner Führung gehen mag,
so wird doch alles sehr gut gehen für Sie und für mich. Nein, glauben Sie
mir nur, meine liebe Tochter (aber bitte, sprechen Sie mit niemand da-
rüber, denn Ihnen sage ich alles), ich würde nicht ohne Widerstreben
meinen Wohnsitz wechseln, wenn es sein müßte, obgleich ich, Gott sei
Dank, hier an nichts hänge, außer an einigen Seelen und mit diesen
gottlob verbunden nur durch ein rein geistliches Band. Aber Gott wird
alles in seiner Hand halten; denn sehen Sie, meine liebe Tochter, meine
Seele hat keinen anderen Treffpunkt als in dieser Vorsehung Gottes:
„Mein Gott, Du hast es mich seit meiner Jugend gelehrt und bis zur
Stunde will ich Deine Wunder künden“ (Ps 71,17).
Gott befohlen, meine liebe Tochter! Seien Sie ganz versichert, daß ich
innig Sorge trage für Ihre Seele, die mir wie meine eigene teuer, wertvoll
und liebenswert ist, ja ich betrachte beide als eins. Gott liebt uns, meine
Tochter; er wird immer mit uns sein, er allein ist unsere Liebe und unser
Vertrauen. O Gott, wieviel Gutes wünsche ich doch Ihrem Geist, meine
liebe Tochter! Die heilige Jungfrau sei unsere liebe Frau und Herrin!
Ich bin der Ihre, wie Gott es will und bewirkt ...

Annecy, 25. Juni 1608.66


Ich schreibe Ihnen noch schnell in dieser Stunde, meine liebe Toch-
ter, die ich innig und unvergleichlich in unserem Herrn liebe. Ich habe
Ihre beiden Briefe vom 24. Mai und 8. Juni erhalten und aus beiden

174
erkenne ich dieses starke Verlangen nach Ihrer Zurückgezogenheit und
Stille. Auch ich, meine ich, wünsche dies ebenso stark, aber wir müssen
warten, bis Gott es will. Ich will sagen, daß wir dies in aller Ruhe und in
Liebe abwarten sollen; das heißt, wir müssen auch dieses Warten lieben,
da Gott es so will ...
Um nun zu Ihnen zu kommen: ich weiß wohl, daß Sie Johanna hei-
ßen und daher diese ganze Oktav hindurch denken, daß ich Sie dem
glorreichen Vorläufer des Herrn empfehle. Tatsächlich betrachtete ich
neulich (am Samstag) die Größe der Liebe Unserer lieben Frau zu
uns. Unter anderem fiel mir dabei ein, was von Bilha, der Dienerin
Rahels, gesagt wird, die ihre Kinder auf den Knien und in den Schoß
ihrer Herrin zur Welt brachte. Diese Kinder waren dann nicht mehr
ihre, sondern die Kinder ihrer Herrin (Gen 30). Es schien mir nun, als
ob unsere Herzen und Neigungen, wenn wir sie durch ein rechtes Ver-
trauen auf die Knie und in den Schoß Unserer lieben Frau legen, nicht
mehr uns gehörten, sondern ihr; das war mir ein großer Trost. Zum
Schluß übergab ich ihr nicht nur die Kinder meines Herzens, sondern
auch das Herz meiner Kinder und meine Herzenskinder. Überlegen
Sie, meine liebe Tochter, ob Sie dazugehören und an welche Stelle ich
Sie setze. O Gott, ich empfand eine gewisse warme Seligkeit, Sie in
diesem geweihten Schoß geborgen zu wissen und Unserer lieben Frau
zu sagen: „Sieh da Deine Tochter, deren Herz Dir ganz geweiht ist.“
Ich könnte nicht genau das sagen, was mein Herz sprach, denn – wie
Sie wissen – haben die Herzen eine geheime Sprache, die niemand
anderer versteht als sie. Es kam mir in den Sinn, Ihnen das zu erzählen,
und so habe ich es jetzt auch getan ...
In den letzten Tagen begab ich mich nach Thonon, um gelehrte geist-
liche Herren wieder aufzunehmen,67 die durch sittliche Verfehlungen
abtrünnig geworden waren und sich mit den Hugenotten eingelassen
hatten. Ach, wie tief waren sie doch gefallen! Es war mir ein großer
Trost, zu sehen, daß sie wieder in den Schoß der Kirche zurückkehren,
wozu es einer gewaltigen Kraftanstrengung ihrerseits bedurfte. Ach, es
waren Ordensleute ... Gegen ihr eigenes Gewissen hatten Jugend, eitler
Ruhm und Sinnlichkeit sie in diesen Abgrund gerissen. Einer vor allem
erweckte in mir, als er mir von seinem Fall erzählte, großes Mitleid und
umso mehr Freude über seine Entschlossenheit, zurückzufinden. O Gott,
welche Gnade war mir doch zuteil geworden, daß ich so lange Zeit und
so jung und schwach noch unter den Häretikern lebte und so oft den
gleichen Verlockungen ausgesetzt war, ohne daß jemals mein Herz die-

175
se unseligen und unglücklichen Gegenstände auch nur anschauen woll-
te! Gepriesen sei die gütige Hand Gottes, der mich in solcher Umge-
bung festgehalten hat! ...
Gott befohlen, meine sehr liebe Tochter; mögen wir ganz und ewig
Gott gehören. Ich habe in den letzten Tagen mehrere Messen für Sie
aufgeopfert. O Gott, meine Tochter, wie sehr gehört Ihnen doch mein
Herz, da Gott es so gewollt hat und will. Möge sein Name immerdar
gepriesen werden! Amen ...

Annecy, 4. Juli 1608.68


... Ich muß Ihnen doch sagen, daß die von uns gewählte Lebensweise
mir täglich erstrebenswerter erscheint und daß dadurch unserem Herrn
ein reicher Dienst geboten wird. Ich sehe zwar mehrere Schwierigkei-
ten, aber da ich glaube, daß Gott es will, mache ich mir darüber keine
Sorgen; wir müssen nur ein wenig Geduld haben. Ich empfehle Sie auch,
scheint es mir, Gott so recht von Herzen, meine liebe Tochter; glauben
Sie mir, daß ich dies mit ganz unvergleichlicher Liebe tue. Leben Sie
indessen ruhig bei unserem Herrn und Unserer lieben Frau und dem
heiligen Josef. Mein Gott, meine Tochter, welch gute und innige Gefüh-
le habe ich doch manchmal in meiner Seele dem Heiland gegenüber!
Aber ach, ich habe kaum greifbare Wirkungen davon in Händen. Den-
noch verliere ich nicht den Mut ...
Gott befohlen, meine liebe Tochter, ich gehe jetzt, die Abendandacht
zu verrichten, die für die Nöte dieses Landes vor dem Allerheiligsten
abgehalten wird. Sie werden dabei nicht vergessen werden, denn der
Platz, den Sie in meinem Herzen einnehmen, läßt ein Vergessenwerden
nicht zu. Ja, ich glaube in tiefster Seele, Gott will, daß ich so unabänder-
lich und so unvergleichlich ganz der Ihre sei ...

Sales, 19. September 1608.69


Übrigens, meine Tochter, muß ich Ihnen erzählen, was mich am ver-
gangenen Sonntag sehr gefreut hat. Ein Bauernmädchen von Geburt,
sehr edlen Herzens und Strebens, bat mich nach der Beichte, daß ich sie
zur Bedienung der Schwestern zulasse, die ich zu stiften gedenke. Ich
erkundigte mich, woher sie von dieser noch ganz in Gott verborgenen
Absicht wisse. „Von niemand“, antwortete sie, „ich sage Ihnen nur, was
ich denke.“ O Gott, dachte ich mir, hast Du also Dein Geheimnis dieser
armen Magd geoffenbart? (Mt 1,25). Dieses Gespräch brachte mir viel

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Trost und ich will dieses Mädchen darin ermutigen und bestärken, so-
viel ich kann, denn ich halte sie für so fromm und fleißig, wie es zum
Dienst an unserem kleinen Beginnen erforderlich ist ...

Annecy, 29. September 1608.70


Jesus, in dessen Herzen meine Seele die Ihre in einzigartiger Weise
liebt, sei immerdar unser Trost, meine Tochter. Ich habe mehrere Dinge
auf dem Herzen, die ich Ihnen sagen muß, ich weiß nur nicht, ob ich sie
werde zu Papier bringen können; denn ich habe auf der ganzen Rückrei-
se71 viel, ja überaus viel über Sie nachgedacht.
Ihre drei Wünsche für das sterbliche Leben mißfallen mir nicht, denn
sie sind recht, vorausgesetzt, daß sie nicht heftiger sind, als ihr Gegen-
stand es verdient. Es ist zweifellos recht, jenem Leben zu wünschen, den
Gott Ihnen zum Führer Ihres Lebens gegeben hat; Gott aber, meine
Tochter, meine sehr teure, Gott hat hunderterlei Mittel, ja unendlich
viele Mittel, Sie auch ohne diesen zu führen; er selber führt Sie wie ein
Schäflein (Ps 80,2). Ach, ich bitte Sie, halten Sie Ihr Herz hoch erhoben,
verknüpfen Sie es unaufhörlich mit dem allerhöchsten Willen dieses so
guten Vaterherzens unseres Gottes; ihm sollen immerdar unsere Seelen
gehorchen, und zwar in aller Liebe.
Dennoch schaue ich schon auf mich, wie ich es Ihnen ja versprochen
habe, und zweifellos mehr deshalb, als aus persönlicher Neigung zu die-
ser Art von Aufmerksamkeit; denn ich glaube schon, daß es Gottes Wille
ist, wenn ich etwas aus Liebe zu Ihnen tun will. Nun, Gott verfahre mit
mir nach seinem Wohlgefallen (Tob 3,6).
Meine Tochter, so lange Gott will, daß Sie in der Welt bleiben aus
Liebe zu ihm, verbleiben Sie darin gern und froh. Viele verlassen die
Welt, verlassen aber deshalb nicht sich selbst, sondern erstreben durch
die Weltflucht Erfüllung ihrer Wünsche, ihre Ruhe, ihre Befriedigung.
Solche Menschen drängen übermächtig dazu, die Welt zu verlassen,
denn die sie treibende Eigenliebe ist eine stürmische, heftige und un-
geordnete. Meine, ja meine wahre Tochter, wir wollen doch nicht zu
diesen gehören. Verlassen wir die Welt, um Gott zu dienen, um Gott
nachzufolgen und um Gott zu lieben. Das soll so sein, daß wir auch
gerne in der Welt bleiben, solange wir nach Gottes Willen ihm in der
Welt dienen, ihm nachfolgen und ihn lieben sollten, da wir doch nur
danach streben, Gott zu dienen. Daher wollen wir uns damit zufrie-
dengeben, wo auch immer wir dies tun. Bleiben Sie in Frieden, meine

177
Tochter! Tun Sie das gut, was Ursache Ihres Verbleibens in der Welt
ist, tun Sie es gern und seien Sie versichert, daß Gott mehr Freude
daran haben wird, als an hundert Verzichten aus Eigenwillen und Ei-
genliebe.
Muß ich Ihnen schließlich nicht noch dies sagen, da es mich sehr
gefreut hat? In Châlons traf ich Herrn André Valladier (den großen
Kanzelredner, der nach mir gepredigt hat, als er noch Jesuit war); er
erwies mir tausenderlei Ehrenbezeugungen und Freundlichkeiten und
erzählte mir vielerlei, unter anderem, daß die erst vor kurzem heiligge-
sprochene Franziska von Rom eine der größten Heiligen gewesen sei,
die man sich vorstellen kann, daß er selbst über Auftrag des Papstes ihr
Leben auf lateinisch beschrieben habe und nun nach Paris gehe, um
diese Schrift drucken zu lassen. Als ich mich nach den Besonderheiten
dieses Heiligenlebens erkundigte, sagte er mir, daß sie 40 Jahre lang
verheiratet war und in ihrer Witwenzeit eine Kongregation für Witwen
gegründet hat, die in einem Haus zusammenleben, darin ein klösterli-
ches Leben führen und daß niemand ohne gewichtige Gründe darin Ein-
laß findet. Die Witwen selbst gehen jedoch hinaus, um den Armen und
Kranken zu dienen, worin die ureigenste Übung der Kongregation be-
steht. Dieses Haus sei für Rom ein großer Gewinn und beispielgebend.
Sie hörten, was Herr Blondeau von Paris erzählte. Es lebe Gott, mei-
ne Tochter, und herrsche immerdar in unseren Herzen! Ich hatte nichts
von alldem gewußt, als ich Sie und unsere guten Witwen in Dijon sprach;
zweifellos ruft der Heilige Geist ähnliche Bewegungen an verschiede-
nen Orten seiner Kirche hervor. Beten wir zu Gott, demütigen wir uns,
warten wir in Geduld, und wir werden Trost finden.
Dieser gute Mann sagte mir noch viele andere weniger erfreuliche
Dinge, denn er sprach mit großer Leidenschaft von seinem Austritt aus
dem Orden, und ich habe doch, wie Sie wissen, eine große Abneigung
gegen unruhige Geister. Er sagte mir, die ungehörigen Machenschaften
des Ordensmannes, von dem wir in der Kutsche gesprochen haben und
worüber Sie zu Herrn de la Curne gesprochen haben, seien dem Kardi-
nal von Givry und der Inquisition in Rom zu Ohren gekommen. Ich
bedauerte es, daß er mit mir darüber sprach, wie über etwas, worüber ich
Bescheid wüßte, obgleich ich mir nichts davon anmerken ließ. Einer-
seits fürchtete ich, daß dies bekannt wird, denn es wäre ein großer Skan-
dal und würde den Weltmenschen viel zu reden geben; andererseits möch-
te ich aber schon, daß diesem Übel Einhalt geboten werde, in der Sorge,
es könnte sich auch bei anderen einschleichen. Er sagte mir, der Pater,

178
dessen Brief Sie mir in Beaume zeigten, handle fast ebenso schlecht. Das
mißfällt mir überaus; wenn ich in seine Nähe komme, will ich versu-
chen, mit ihm darüber zu sprechen.
All das, meine liebe Tochter, läßt mich wünschen, daß meine Schwes-
tern, meine Töchter, niemand außerhalb der Beichte zu großes Vertrau-
en entgegenbringen; denn, mein Gott, liegen darin nicht große Gefah-
ren? Ach, ich will glauben, daß es nicht so arg ist; aber es ist noch weni-
ger arg, taktvoll zu sein. Ich möchte, wie der hl. Bernhard zu seinen
Novizen, jenen, die sich um die Seelen kümmern, sagen: „Dafür will ich
nur Seelen, das Körperliche soll damit nichts zu tun haben.“ Nun, ich
habe das alles gesagt, weil es mir jetzt so in den Sinn gekommen ist, und
auch nur zu einer Seele, die ich kenne und auf die ich mit Recht ein
absolutes Vertrauen setzen kann. Bedienen Sie sich im Bedarfsfall der
Ratschläge aller, aber setzen Sie auf Menschen, auch wenn sie Engel zu
sein scheinen, wenig Vertrauen; ich meine, großes und völliges Vertrau-
en. Aber das bleibt nur zwischen uns Beiden gesagt.
Kommen wir auf Ihren dritten Wunsch zurück: auch er ist gut; aber
mein Gott, meine Tochter, er verdient nicht, daß man sich an ihn hängt.
Empfehlen wir ihn Gott und tun Sie Ihrerseits eifrig alles zu seinem
Gelingen, was auch ich meinerseits tun werde. Darüber hinaus aber darf
es Sie, meine Tochter, nicht den Schlaf einer einzigen Stunde kosten,
wenn seine göttliche Majestät es anders verfügt, weil das die Zukunft
schauende Auge Gottes erkennt, daß dies vielleicht weder seiner Ver-
herrlichung, noch seinen Absichten entspricht. Die Leute werden reden.
Aber was können sie schon sagen? Das alles bedeutet jenen nichts, die
die Welt nur voll Verachtung betrachten und die auf die Zeit nur unter
dem Gesichtspunkt der Ewigkeit schauen. Ich werde mich bemühen, die
Angelegenheit so fest zusammenzuhalten, daß wir ihren Abschluß sehen
können; denn Sie wünschen es nicht mehr als ich; wenn es aber Gott
nicht gefällt, so gefällt es auch mir nicht und auch Ihnen nicht, denn ich
spreche von Ihnen wie von mir.
Ich habe meine gute arme Mutter so schwer krank gefunden, daß ich
ganz bestürzt darüber war; nicht, daß sie bettlägerig ist, aber es scheint
eine Erschöpfung und fortschreitende Altersschwäche zu sein. Nun, wir
werden unser Möglichstes tun. Gott möge mit uns und allem, was uns
gehört, nach seinem Gutdünken handeln.
Unser Buch über die Frömmigkeit72 ist noch nicht gedruckt; sobald
dies der Fall sein wird, werde ich es all jenen schicken, denen ich es
versprochen habe.

179
Unser guter Vater73 ist frohgemut gekommen und seine Seele ist der
Frömmigkeit aufgeschlossen, aber die Menge der Geschäfte verhindert
zweifellos irgendwie eine vollständige Vorbereitung, die ihm an seinem
Lebensabend nötig wäre; sie muß aber ganz sorgsam gemacht werden.
Ich habe ihm die Lektüre gewisser dazu geeigneter Bücher vorgeschla-
gen und er hat das recht gut aufgenommen. Ich bin ihm, nicht nur aus
äußeren Verpflichtungen heraus, sondern aus innerer Zuneigung ganz
ergeben.
Ich habe an Ihren lieben Sohn gedacht, und da ich seine Gemütsart
kenne, meine ich, daß man auf seinen Geist große Sorgfalt verwenden
soll, damit er sich jetzt zur Tugend ausbilde oder zumindest nicht zum
Laster neige. Darum muß man ihn recht dem guten Herrn Robert emp-
fehlen und ihn oft den Wert wahrer Weisheit dadurch verkosten lassen,
daß tugendhafte Menschen ihn dazu mahnen und aufmuntern. Ich bin
immer recht froh, alle Kinder meiner lieben Tochter gesehen zu haben,
denn ich liebe sie wahrhaft wie meine eigenen in unserem Herrn.
Bleiben Sie in Frieden, mit einer besonderen Liebe zum Willen Got-
tes und seiner Vorsehung; bleiben Sie mit unserem gekreuzigten Hei-
land, der inmitten Ihres Herzens aufgepflanzt sei. Ich sah vor einiger
Zeit ein Mädchen, das einen Kübel Wasser auf dem Kopf trug und in
dem Wasser ein Stück Holz schwimmen ließ; ich wollte wissen, warum,
und sie sagte, man tue das, um die Bewegungen des Wassers aufzuhalten,
damit nichts verschüttet werde. So, meine ich, sollen auch wir das Kreuz
in unsere Herzen legen, um in diesem Holz und durch dieses Holz die
Erregungen unserer Affekte aufzuhalten, damit sie nicht anderswohin
zu Unruhe und zur Aufregung des Geistes überströmen. – Ich muß Ih-
nen doch immer meine kleinen Überlegungen mitteilen.
Gott befohlen, meine liebe Tochter, der ich ganz hingegeben bin in
ihm, der sich uns ganz hingegeben hat, damit wir nur für ihn leben, der
für uns gestorben ist (2 Kor 14,15) ...
Es lebe Jesus und Maria! Amen. Der gleiche Jesus hat mich zu dem
Ihren gemacht.

Annecy, 8. Oktober 1608.


Wir feiern heute unser Kirchweihfest, meine liebe Tochter. Zwischen
den Gottesdiensten aber will ich Ihnen diesen Brief schreiben, um dann
gleich wieder zum Altar zurückzukehren, wo ich mit besonderer Liebe
unserem gütigen Heiland Dank sagen will für die Weihe unserer Herzen
und Körper, die wir durch seine Barmherzigkeit mit unseren Gelübden

180
vollzogen haben. O wie glücklich werden wir sein, meine gute, teure
Tochter, wenn unsere Tempel (1 Kor 3,16) nicht entweiht werden! Möge
der Heilige Geist immerdar in ihnen wohnen (Röm 8,11) und nicht
zulassen, daß irgendetwas Ehrfurchtsloses darin geschehe; mögen sie
„Häuser der Betrachtung“ und des Gebetes sein (Jes 56; Mt 21,13), wo
die Opfer der Lobpreisung, der Selbstverleugnung und der Liebe darge-
bracht werden (Ps 50,14.23; 116,17).
O meine Tochter, wie sehr ist doch mein Herz von guten Wünschen
für das Ihre erfüllt! Darf ich Ihnen auch noch diese Empfindung schil-
dern? Am Sonntag hielt ich eine Predigt über den Rosenkranz, weil ich
dieser Bruderschaft seit langem ebenso angehöre74 wie fast das ganze
Städtchen; und in dem Maße, als ich mich meinem lieben Volk ver-
ständlich machen wollte, warum man den Rosenkranz „corona“ („Kro-
ne“) nennt, sah ich mich gezwungen, die Stelle beim hl. Paulus (Phil
4,1) anzuführen, in der er seine Jünger seine „Krone“ nennt? „Verbleibt
so auch, meine Vielgeliebten!“
O meine ganz teure Tochter, ich verließ Sie im Hospital von Beaume
voll Verlangen, den Willen Gottes zu lieben, zu ehren, ihm zu dienen,
ihn anzubeten und in allen großen und kleinen Dingen Ihren eigenen
Willen der Barmherzigkeit seines Willens zu überlassen. Ich verließ Sie
mit unserem Herrn im Herzen, der in Ihnen wirklich Aufnahme fand,
und das inmitten der Armen unseres Herrn. Mein Gott, meine liebe und
einzigartig teure Tochter, so sind Sie auch meine „Freude und meine
Krone“. Und bleiben Sie es auch, meine sehr Teure; bleiben Sie, Herz
und Geist, mit unserem Heiland, bleiben Sie seinem Willen hingege-
ben, bleiben Sie aus Liebe inmitten seiner Armen. Und da es sein Wille
ist, daß Sie noch für den Dienst und die Führung Ihrer Familie bleiben,
so bleiben Sie in Frieden darin, mit all der Treue, die Sie diesem heili-
gen Willen schulden.
Ich verbleibe der, den unser Herr ganz zu dem Ihren gemacht hat und
in besonderer Weise all den Ihren haben will.

Annecy, 28. Oktober 1608.


Auf Ihren Brief vom 7. ds., meine liebe Tochter, kann ich jetzt
nicht antworten, da ich ihn erst gestern spät abends erhielt. Ich muß
jetzt die Heilige Messe feiern und dann eine Kirche inspizieren, die
eine Meile von hier entfernt ist. Ich will nur so viel schreiben, als ich
jetzt vermag.

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Meine Tochter, ich bin nur Eitelkeit, und doch habe ich keine so hohe
Meinung von mir, wie Sie. Ich möchte, daß Sie mich gut kennten. Sie
würden zwar weiterhin vollkommenes Vertrauen zu mir haben, aber
kaum eine hohe Achtung. Sie würden sagen: das ist ein Rohr, auf das ich
mich nach dem Willen Gottes stützen soll; ich fühle mich zwar dabei
sicher, da Gott es will, das Rohr aber taugt trotzdem nichts.
Als ich gestern Ihren Brief gelesen hatte, ging ich einige Male auf und
ab und hatte nasse Augen, da ich sah, was ich bin und wofür man mich
hält. Ich sehe, was Sie von mir denken, und ich meine, daß diese Ach-
tung Ihnen viel Befriedigung gibt; aber das, meine Tochter, ist ein Idol!
Nun, seien Sie nicht ungehalten darüber; denn Gott wird nicht beleidigt
durch die Fehler der Denkkraft, obgleich man sich davor hüten soll,
soweit es geht. Ihre starken Affekte werden sich durch häufige Übungen
des Gleichmuts immer mehr beruhigen. Lesen Sie in dem Brief nach,
den ich Ihnen zu Beginn über die Freiheit des Geistes schrieb.
Gott befohlen, meine recht teure Tochter! Ich verbleibe der, den Gott
immer mehr zu dem Ihren macht ...
Am Tag der Heiligen Simon und Judas 1608.

16. November 1608.


... Niemals hat mich unser La Thuille61 so sehr befriedigt, wie bei der
Güterteilung, die wir diese Woche unter uns Geschwistern in aller Lie-
be getroffen haben. So wird also nun unsere geliebte Marie Baronin von
Thorens sein. All dies aber hat sich so friedlich und in christlicher Liebe
abgespielt, daß ich darüber aufrichtig erbaut und froh bin.

Annecy, 7. Dezember 1608.


Meine sehr teure Tochter!
... Ich bemühe mich um eine recht gründliche Erneuerung meiner
Seele, denn morgen sind es sechs Jahre, daß Gott mich der Welt und mir
selbst wegnahm, um mich seiner Kirche und seinen Schäflein zu geben.
Sie wissen, daß dies der Tag meiner Bischofsweihe ist. Ach, meine Toch-
ter, welche Gnaden erwies mir doch damals der große Gott und welch
schlechten Gebrauch habe ich davon gemacht! Aber es lebe seine Güte
und seine Liebe! Mit Hilfe seiner Gnade will ich noch in dieser Stunde
anfangen, ihm recht zu dienen ...

182
Annecy, 18. oder 19. Dezember 1608.
Sagen Sie mir doch ehrlich, meine sehr teure Tochter, ist das nicht
seltsam, daß mein Bruder jetzt zu Ihnen abreist und ich nur Zeit habe zu
einem halben Brief?
Da kommt er nun zu Ihnen mit einem Herzen, das ganz Ihnen gehört
und Ihnen in allem zu gehorchen wünscht; denn er wird, wie ich es ihm
empfohlen habe, die Angelegenheiten mit Ihnen besprechen in dem völ-
ligen Vertrauen und Gehorsam, den ein demütiges und gutes Kind sei-
ner guten und lieben Mutter entgegenbringen soll, und er wird in allem
Ihrem Rat folgen. Gott sei immerdar dafür gepriesen! Ich kann nicht
bezweifeln, daß ihm diese Heirat zum Gewinn wird, denn da ihm deren
Zustandekommen so rein überlassen und empfohlen wurde, hat er es
nun zu diesem Abschluß gebracht. Gott möge immerdar das innere Band
bestehen lassen und auch das äußere lange Zeit.
Ach, meine Tochter, es fällt meinem Geist sehr schwer, von dieser
Heirat überzugehen zu der armen Frau von Bareul, die sich von ihrem
Gott getrennt hat. Die arme Person will sich denn mit ihrem Mann ins
Verderben stürzen. Die Bekenntnisse des hl. Augustinus und das Kapi-
tel, das ich ihr gezeigt habe, als ich bei ihr war, sollten genügen, um sie
zurückzuhalten, wenn nur die Erwägungen, auf die sie sich beruft, sie in
den Abgrund geschleudert haben. Am Tag des Jüngsten Gerichtes wird
Gott sich ihr gegenüber rechtfertigen und ihr klar zeigen, warum er sie
verlassen hat. Ach, ein Abgrund zieht den anderen mit sich (Ps 42,8).
Ich will Gott für sie bitten und besonders am Tag des hl. Thomas, den
ich bei seiner glückseligen Ungläubigkeit beschwören werde, für diese
unglücklich untreue, arme Seele Fürsprache zu leisten.
Wieviel Dank schulden wir doch diesem großen Gott, meine liebe
Tochter! Ich aber, den in zartem und leicht beeinflußbarem Alter so
vieles verleiten wollte, mich der Irrlehre zu ergeben, und der sie doch
nicht einmal ansehen wollte, als um sie anzuspucken; ich, dessen ju-
gendlich schwacher Geist alle von der Irrlehre verpesteten Bücher durch-
las und doch niemals in die geringste Verwirrung wegen dieses unheil-
vollen Übels geriet: O Gott, wenn ich an diesen Gnadenbeweis denke,
zittere ich erschreckt über meine Undankbarkeit! Meine Tochter, beru-
higen wir uns über den Abfall dieser Seelen, denn Jesus Christus, dem
sie doch viel teurer waren, ließe sie nicht ihren Sinnen nachgehen, wenn
es seine größere Ehre nicht erforderte (Röm 1,28). Freilich müssen wir
sie bedauern und um sie klagen, wie David um seinen toten und verlore-
nen Abschalom (2 Sam 18,9-33; 19,4).

183
Nein, es ist nicht sehr schlimm, daß Sie sie im Gespräch Mißachtung
spüren ließen. Ach, meine Tochter, man kann sich manchmal bei solch
abscheulichen Ereignissen nicht beherrschen. Die Briefe des hl. Hiero-
nymus werden für sie auch noch gut sein, denn sehen Sie, über die Zeug-
nisse hinaus, welche die Kirchenväter hie und da in ihren Schriften zu-
gunsten der Kirche ablegten (denn schließlich sprechen sie alle wie wir),
ist es der Geist selbst dieser großen Persönlichkeiten, der in allem Ab-
scheu vor der Irrlehre atmet.
Neulich besuchte mich am frühen Morgen ein sehr gelehrter Mann,
der lange Zeit Minister gewesen war, und erzählte mir, wie Gott ihn aus
der Irrlehre zurückgeführt hat. „Ich habe“, sagte er, „den gelehrtesten
Bischof der Welt als Katechisten gehabt.“ Ich erwartete nun, einen der
großen berühmten Namen der Gegenwart nennen zu hören, er aber nann-
te mir den hl. Augustinus. Er selbst heißt Corneille und läßt jetzt ein
schönes und würdiges Buch über den Glauben drucken. Noch ist er
nicht in die Kirche aufgenommen, und das ließ mich hoffen, daß ich ihn
aufnehmen könnte. Unter denen, die außerhalb der Kirche stehen, habe
ich nie einen so gelehrten Mann gesehen. Der Gute ging befriedigt von
mir und sagte, ich hätte ihn liebevoll behandelt und besäße den wahren
christlichen Geist. Ich kann mir denken, daß er hinzufügte, daß ich
nicht gerade zu den Gelehrtesten gehörte, aber das sagt man mir natür-
lich nicht. Mein Gott, meine Tochter, was rede ich da? Meine Feder
fliegt dahin und ich rede so zu Ihnen, als wären wir ganz unter uns.
Eigentlich wollte ich sagen, daß der Geist der alten Kirchenväter Geg-
nerschaft gegen die Irrlehre atmet, selbst dort, wo sie keine Streitreden
gegen sie führen.
Als ich in Paris war und in der Kapelle der Königin über den Jüngsten
Tag predigte (es war keine Streitpredigt), befand sich da eine Dame,
Frau von Perdreauville, die aus Neugier gekommen war; sie blieb in den
Netzen hängen und faßte auf die Predigt hin den Entschluß, sich unter-
richten zu lassen; drei Wochen später brachte sie ihre ganze Familie zu
mir zur Beichte und ich war ihnen allen Pate bei der Firmung.75 Sehen
Sie, diese Predigt, die doch gar nicht gegen die Irrlehre gerichtet war,
atmete doch gegen sie, denn Gott gab mir eben diesen Geist zugunsten
dieser Seelen. Seither habe ich immer wieder gesagt: wer mit Liebe pre-
digt, predigt schon genug gegen die Irrlehrer, auch wenn er nicht ein
einziges Streitwort gegen sie sagt. Darum sind auch im allgemeinen alle
Schriften der Kirchenväter geeignet, Irrgläubige zu bekehren.
O mein Gott, meine liebe Tochter, wie sehr wünsche ich Ihnen doch

184
Vollkommenheit! Besonders die eine, die alle enthält: diese Einheit,
diese Einfachheit. Leben Sie friedvoll und freudig oder zumindest zu-
frieden mit allem, was Gott will und mit Ihrem Herzen tun wird.
Ich bin in ihm und durch ihn ganz der Ihre ...

Annecy, Ende Dezember 1608.


... Mut, meine Tochter, Gott will unserem Vorhaben helfen; er berei-
tet erlesene Seelen für uns vor. Fräulein von Blonay, von der ich Ihnen
schon neulich erzählte, hat mir ihren Wunsch geoffenbart, Ordensfrau
zu werden; Gott hat sie für unsere Kongregation bestimmt. Ich habe ihr
gesagt, sie möge mich ihr Geheimnis verwalten lassen, und ich will recht
darauf achten, dieser Seele in ihrer Eingebung zu dienen, denn Gott hat
mich darüber mit einer besonderen Regung bedacht. Ich betrachte die-
ses Mädchen bereits als Ihre und meine Tochter ...

Annecy, Ende 1608 oder 1609.


... Ich versichere Ihnen, meine Mutter ist derart ungeduldig, Mutter
einer Tochter zu werden, die Sie ihr gegeben haben, daß ihr ständiges
Drängen auch in mir und mit ihr die Unruhe wachsen ließ, wenn ich
mich nicht an den Bau erinnerte, an dem ich arbeite, nämlich, meine
Seele ganz fest in ständigem Frieden zu begründen. Gott ist mein Zeuge,
wie sehr ich diese Schwägerin ersehne und wie teuer sie mir sein wird,
sie wird mir mehr sein als Schwester und mehr als Tochter; aber braucht
es dazu dieses Drängen? ...

Annecy, Mitte Februar 1609.


Mein Gott, wie willkommen werden Sie sein, meine liebe Tochter,
und wie innig scheint mir doch meine Seele die Ihre zu umarmen! Rei-
sen Sie doch am ersten schönen Tag ab, der sich ergibt, sobald Ihr Pferd
ausgerastet sein wird; man wird es Ihnen aber zweifellos kaum vor drei
Tagen zurückschicken, wegen der letzten schweren Regengüsse, die in
dieser Gegend gefallen sind. Ich wünsche Ihnen eine gute und glückli-
che Reise, und daß meiner kleinen Tochter die Anstrengung der Reise
nicht schlecht bekommt; wenn Sie aber noch früh am Abend ankom-
men und sie ordentlich ausschlafen lassen, hoffe ich schon, daß sie durch-
halten wird.
Herr von Ballon wünscht so sehr, Sie mögen bei ihm absteigen, daß

185
ich schon der guten Freundschaft wegen, die er uns entgegenbringt, mich
gezwungen sehe, es auch zu wünschen.
Frau von Puits d‘Orbe hatte mir geschrieben, daß sie mit Ihnen kom-
men möchte; doch ist weder die Jahreszeit günstig für sie, noch wün-
sche ich sie in einer so unbequemen Zeit wie die Fastenzeit hier zu
haben. Ich habe ihr also geschrieben, sie möge lieber bis zum richtigen
Frühjahr warten und dann per Sänfte kommen; wenn eine ihrer Schwes-
tern sie begleiten will, muß diese nicht fürchten, aufs Pferd zu steigen.
Ich schicke ihr das beiliegende Buch und das andere dem Fräulein von
Traves auf Ihren Wunsch hin. Der Pater de Monchi bat mich um ein
anderes Exemplar; wenn Sie ihm jenes geben, das Sie haben, werde ich
Ihnen hier ein besseres dafür geben; denn schließlich muß man ihn
trösten. Ich möchte noch mehreren anderen Leuten Exemplare schik-
ken, aber ich versichere Ihnen, daß mir nur 30 Stück hierher zugekom-
men sind, und ich kann kaum den zehnten Teil der Leute damit versor-
gen, denen ich Exemplare geben sollte. Allerdings bin ich darüber
nicht sehr beunruhigt, da ich weiß, daß drüben mehr Exemplare vor-
handen sind als hier. Dennoch habe ich geglaubt, eines Herrn von Chan-
tal senden zu müssen; es müßte ihn kränken, wenn ich es nicht täte;
darum lege ich es bei.
Was soll ich Ihnen sonst noch sagen, meine liebe Tochter? Tausender-
lei Dinge, aber ich habe nicht genügend Zeit, sie niederzuschreiben,
denn ich will, daß Claude ohne Verzögerung abreist. Sie sollen nur wis-
sen, meine wahre Tochter, daß ich voll Freude und Genugtuung darüber
bin, daß Ihr Groisy nicht bloß respektvoll, sondern mit einer ganz zärt-
lichen Liebe von Ihnen, Ihren Vätern und – was mir am meisten gefällt
– von meiner lieben kleinen Aimée spricht. Ich sage die Wahrheit, er
könnte mir keine größere Freude machen, als damit; und ich hoffe wirk-
lich, daß alles gut gehen und daß er niemand Anlaß zur Unzufriedenheit
geben wird. Bedauern Sie doch nicht, mir von den 1200 Pfund geschrie-
ben zu haben, denn es soll Ihnen nie etwas leidtun, was sich zwischen
uns begibt.
Nun, ich werde also viel Elend zu sehen bekommen und wir werden
meiner Ansicht nach ausführlich genug darüber reden.
Meine Mutter wünscht, daß Sie sich ein wenig in Sales ausruhen, wo
sie auf Sie warten wird, um Sie hierher zu begleiten; aber glauben Sie
nicht, daß ich Sie dort allein lasse ohne mich. Nein, gewiß nicht, denn
entweder werde ich Sie dort erwarten oder ich werde auch dort erschei-
nen, sobald ich weiß, daß Sie dort sind.

186
Der Taufpatin Ihrer Tochter76 schrieb ich nicht, weil ich Zeit genug
haben werde, mit ihr ausführlich zu sprechen. Ja, ich bekenne, daß Sie
mir eine rechte Freude dadurch gemacht haben, daß Sie sie auf die Reise
mitnahmen, wenngleich ich mich vielleicht ihretwegen in Unkosten werde
stürzen müssen, damit sie bei ihrer Rückkehr Gutes von meiner Groß-
zügigkeit zu berichten weiß. Sehen Sie, ich bin schon jetzt in der Erwar-
tung Ihrer Ankunft fröhlichen Herzens.
Bringen Sie mir alle Briefe und Abhandlungen mit, die ich Ihnen
jeweils geschickt habe, sofern Sie sie noch haben (das sage ich wegen des
„Schiffbruchs“ zur Zeit der Weinlese).77 Wenn die Anleitung neu aufge-
legt wird, würde mich das stark entlasten, weil ich in ihnen vieles dafür
finden werde. Man hat nämlich am Inhalt des Buches bisher nur ausge-
setzt, daß es zu wenig ausführlich ist.
Die gute Frau von Charmoisy macht sich gut; Sie werden sie im Stre-
ben nach wahrer Frömmigkeit und deren Verwirklichung ziemlich fort-
geschritten finden. Aber, mein Gott, nun hat sie einen Fuß auf die Schwel-
le des Hofes gesetzt. Ich hoffe, daß Gott sie allerorts in der Hand halten
wird; zumindest ließ er sie gute Entschlüsse fassen ...
Ich bitte Sie, der guten Frau von Puits d’Orbe das beiliegende Paket
zukommen zu lassen, denn wir müssen der Armen schon Freude ma-
chen. Ich bin ihrem Herzen sehr zugetan, weil es so aufrichtig mir ge-
genüber ist. Sie schrieb mir, daß sie sich nicht entschließen könne, von
all den Ratschlägen, die ich ihr für die gute Ordnung in ihrem Kloster
gegeben habe, irgendetwas ohne die Zustimmung ihres Bruders durch-
zuführen, der – wie sie sagt – große Macht über ihren Willen ausübt. Ich
bin ihr überaus dankbar, daß sie derart klar gesprochen hat.
Ich habe den Brief, den mein Bruder Ihnen schrieb, geöffnet aus Neu-
gierde nach dem darin befindlichen „Hühnchen“. Ich schreibe der lie-
ben Kleinen zwar nicht, aber ich weiß wohl, daß ich ihr den liebevoll-
sten Gruß aufspare, den ich seit 16 Jahren einem weltlichen Fräulein
entboten habe.
Mein Gott, meine Tochter, wie heiß wünsche ich doch, daß der gute
und gütige Jesus in unseren Herzen lebe und herrsche! In ihm bin ich
ganz einzigartig Ihr ...

Annecy, 27. Mai 1609.


Das ist nun mein dritter Brief seit Ihrer Abreise, meine liebe Schwe-
ster, meine Tochter. N. hat mir viele Nachrichten über Sie und M. ge-
bracht, die er mir als recht bekümmert hinstellt; und ich glaube es gern,

187
da doch ihre Tochter gestorben ist. Ach, man muß Mitleid haben mit
unseren armseligen Seelen. Solange sie in der Schwachheit des Leibes
eingeschlossen sind, bleiben sie Nichtigkeiten unterworfen (Röm 8,20).
Wie ist es möglich, sagt der hl. Gregor zu seinem Bischof, daß die Gewit-
ter auf Erden so stark jene erschüttern, die im Himmel sind? Wenn sie
aber im Himmel sind, wieso können sie bewegt werden durch das, was auf
Erden geschieht? O Gott, diese Lektion der heiligen Beständigkeit ist all
jenen erforderlich, die ernstlich an ihrem Heil arbeiten wollen.
Ich muß zugeben, daß mir diese eingebildete Empfindungslosigkeit
derer, die es nicht leiden wollen, daß man Mensch sei, immer als richti-
ges Hirngespinst erschien.
Hat man aber diesem niedrigen Seelenbereich seinen Zoll gezahlt,
muß man auch dem höheren Bereich gegenüber seine Pflicht tun, in
dem der Glaubensgeist wie auf seinem Thron ruht. Dieser muß uns in
unseren Leiden, ja durch unsere Leiden trösten. Wie glücklich sind doch
jene, die sich darüber freuen, wenn sie zu leiden haben (Mt 5,5; 2 Kor
12,10) und Absinth so zu Honig machen!
Ich brauche Ihnen, meine liebe Tochter, nicht zu sagen, wie innig ich
Sie unserem Herrn empfehle, denn das geschieht mit einem ganz neuen
Herzen, das sich auf dieses Ziel hin immer noch weitet. Ich pflege das
innerliche Gebet ein wenig mehr als sonst; denn muß ich Ihnen nicht
ein wenig von meiner Seele erzählen, die so sehr Ihnen gehört? Gott sei
gedankt, ich wünsche überaus, ganz ihm zu gehören und seinem Volk so
recht zu dienen.
Gott befohlen, meine liebe Tochter, die meine Seele liebt und unver-
gleichlich, unbedingt und einzigartig in Ihm lieb hat, der den Tod auf
sich genommen hat, um uns zu lieben und unsere Liebe zu werden (Gal
2,20; Eph 5,25). Es lebe Jesus! Es lebe Maria! Amen ...

Annecy, 18. Juni 1609.78


Mein Gott, wie voll ist doch mein Herz von Dingen, die ich Ihnen
sagen will, meine so einzig liebe Tochter, denn heute ist das Hochfest
der Kirche. Da ich bei der Fronleichnamsprozession den Heiland trug,
hat er mir in seiner Gnade tausend liebevolle Gedanken geschenkt, bei
denen ich nur mit Mühe die Tränen zurückhalten konnte. O Gott, ich
verglich den Hohepriester des Alten Bundes mit mir und überlegte, wie
dieser Hohepriester einen reichen Brustschild trug, geschmückt mit zwölf
kostbaren Steinen, auf denen die Namen der zwölf Stämme der Kinder

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Israels zu lesen waren (Ex 28,15.21.29). Ich aber fand meinen Brust-
schild reicher, wenngleich nur aus einem einzigen Stein bestehend, näm-
lich der orientalischen Perle, welche die jungfräuliche Perlmutter in
ihrem Schoß empfing aus dem gebenedeiten Himmelstau (Jes 45,8).
Denn sehen Sie, ich hielt dieses göttliche Sakrament fest an meine Brust
gepreßt und mir schien, als ob die Namen aller Kinder Israels darin
eingezeichnet wären. Ja, und besonders die Namen der Töchter und
noch mehr der Name einer von ihnen.
Es kamen mir aber auch der Sperber und der Sperling des hl. Josef in
den Sinn; und mir schien, als wäre ich ein Ritter vom Orden Gottes, da
ich so auf meiner Brust den Sohn selber trug, der ewiglich in der seinen
lebt. Ach, wie sehr hätte ich gewünscht, daß mein Herz sich geöffnet
hätte, diesen teuren Heiland aufzunehmen, wie es das Herz jenes Edel-
mannes getan, von dem ich Ihnen erzählt habe. Aber ach, ich hatte nicht
das Messer, das ich gebraucht hätte, es zu öffnen, denn es tut sich nur der
Liebe auf. Doch hatte ich ein großes Verlangen nach dieser Liebe und
zwar für unser unteilbares Herz ...
Guten Abend, meine sehr teure Tochter, leben Sie ganz in Gott und
für Gott! Ich bin in ihm ganz der Ihre.

Um den 10. Oktober 1609.79


Meine liebe Schwester!
Wir gehen nun zur Messe, essen dann und reisen nachher ab. Wie sehr
drängt es mich, bald bei Ihnen zu sein! Dennoch werde ich erst ziemlich
spät zu Ihnen kommen, denn unsere Pferde sind von den hinter uns
liegenden großen Tagereisen ermüdet. Wenn Herr von Chantal auch
bereits schlafen gegangen ist, werden wir ihm doch nur Gute Nacht wün-
schen. Ich muß aber meine gute Nichte, wenn sie bei Ihnen ist, bitten, sie
möge so lieb sein, mir ein kleines Salbei-Bad für meinen Fuß zu berei-
ten, den ich Ihnen noch ein wenig hinkend hinbringe.
Guten Abend, meine liebe Schwester, meine Tochter; Ihr Sohn, Ihr
Neffe und La Thuille küssen Ihnen die Hände. Wir haben daran ge-
dacht, Herrn von Charmoisy mitzubringen, aber die Ankunft des Herrn
von Nemours hat uns um diesen guten Begleiter gebracht. Unser Herr
sei immer mit Ihnen!

189
Baume-les-Dames, 16. November 1609.
Meine liebe Tochter!
Es ist mir eine besondere Freude, mit Ihnen in dieser stummen Spra-
che der Schrift zu reden, nachdem ich den ganzen Tag über so viel und
mit so vielen Menschen mündlich gesprochen habe. Ja, ich muß Ihnen
sagen, was ich tue, denn ich weiß fast nichts anderes, ja ich weiß kaum
richtig, was ich tue.
Ich komme soeben von der Betrachtung. Da ich über den Grund nach-
dachte, warum wir auf der Welt sind, habe ich gelernt, daß wir nur hier
sind, um den gütigen Jesus zu empfangen und zu tragen: auf der Zunge,
indem wir ihn verkünden; auf den Händen, indem wir gute Werke tun;
auf den Schultern, indem wir sein Joch, seine Trockenheiten, seine un-
fruchtbaren Zeiten tragen und zwar in unseren inneren wie in den äuße-
ren Sinnen. O wie glücklich sind doch jene, die ihn liebevoll und beharr-
lich tragen! Ich habe ihn wahrhaft in all diesen Tagen auf meiner Zunge
getragen und ich habe ihn, scheint mir, nach Ägypten getragen, denn im
Sakrament der Buße habe ich eine große Anzahl Bußfertiger Beichte
gehört, die mit überaus großem Vertrauen zu mir kamen, um Ihn in
ihren sündigen Seelen aufzunehmen. Möge Gott Ihn in ihren Seelen
bewahren!
Ich habe aber auch noch eine Übung der Vergegenwärtigung Gottes
gelernt, die ich nun vorerst in einem Winkel meines Gedächtnisses auf-
bewahrt habe, um sie Ihnen mitzuteilen, sobald ich die Abhandlung des
Pater Arias gelesen habe.
Haben Sie ein weites Herz, meine liebe Tochter, und tun Sie es unter
dem Willen unseres Gottes noch viel weiter auf. Wissen Sie, was ich
sagte, als ich Ihr Korporale für die heilige Wandlung ausbreitete? Möge
so, sagte ich, das Herz jener, die es mir geschickt hat, ausgebreitet dalie-
gen für die heiligen Einflüsse des Willens Gottes. Mut, meine Tochter,
halten Sie sich eng an Ihre heilige Äbtissin und flehen Sie sie unablässig
an, damit wir in der Liebe zu ihrem lieben Kind leben, sterben und
neues Leben finden mögen.
Es lebe Jesus, der mich ganz und mehr, als ich sagen kann, zu dem
Ihren gemacht hat. Der Friede des gütigen Jesus herrsche in unserem
Herzen ...

190
Annecy, (Ende November) 1609.
Sie werden wohl eher glauben, daß wir wieder sicher in unserem Ha-
fen eingelaufen sind, meine liebe Tochter, wenn Sie dieses kleine Be-
weisstück aus meiner Hand sehen. Sie sind also nun ganz in die Hände
unseres Heilands ergeben durch die Hingabe Ihres ganzen Wesens an
sein göttliches Wohlgefallen und seine heilige Vorsehung. O Gott, wel-
ches Glück, so in den Armen und an der Brust dessen geborgen zu sein,
von dem die Braut des Hoheliedes sagt: „Unvergleichlich köstlicher ist
die Milch deiner Brüste als der Wein“ (Hld 1,1). Bleiben Sie so, liebe
Tochter, und während die anderen am Tisch des Herrn verschiedene
Gerichte speisen, legen und lehnen Sie mit ganz einfachem Vertrauen
Ihr Haupt, Ihre Seele, Ihren Geist an die liebevolle Brust dieses teuren
Heilands. Denn es ist besser, an dieser heiligen Brust zu schlafen, als in
jeder anderen Haltung wachzubleiben ...

Annecy, 11. Dezember 1609.80


Endlich komme ich zu Ihnen, meine liebe Schwester und Tochter,
zwar schon ganz müde vom vielen Schreiben, jedoch entschlossen, Ih-
nen, soviel ich vermag, zu schreiben, ganz ungezwungen und wie es mir
in den Sinn kommt.
Ja, meine Seele (ich streiche dieses Wort nur vom Papier, nicht aber
aus meinem Herzen), meine Tochter, ich habe die liebe M. David gese-
hen. Sie gefällt mir recht gut. Ich habe in Dole noch eine andere Dame
aus sehr gutem Haus gesehen, die einen äußerst guten Eindruck machte
und mit mir ein wenig verwandt ist (denn sie stammt hier aus der Ge-
gend). Sie hat Sie in Dijon gesehen, als sie eine Karmelitin hinbrachte.
Schließlich werden wir nur zu viele Leute haben, d. h. mehr, als wir
aufnehmen können.
Noch aber hält Sie, meine liebe Tochter, die Vorsehung unseres lieben
Herrn ein wenig dort zurück, denn bei meiner Rückkehr fand ich Nach-
richten vor, man hätte mich bei Hof arg verleumdet, was geeignet wäre,
mich beim Fürsten in Ungnade zu bringen, der mir erst vor kurzem so
sehr seine Zuneigung bezeugte. Und ich, der ich manchmal Mut auf-
bringe, habe mich in einem Brief bitter beklagt, dessen Auswirkung
verschieden sein kann, aber im allgemeinen zur Ehre Gottes und mir
zum Trost gereichen wird. Nun warte ich also die Angelegenheit ab und
möchte nicht, daß Sie hier seien, bevor sich dieser Sturm gelegt hat, was
mit Gottes Hilfe bald der Fall sein wird. Wenn ich aber Sturm sage, ach,

191
so denken Sie nicht, daß mich dies aufregt, gewiß nicht mehr als die
geringste Sache der Welt; denn es liegt gegen mich im Grunde nichts
anderes vor als dieser gesegnete Ritt durch Genf, den sich die Verleum-
der nicht anders auslegen können, als sei er in einem geheimen Einver-
ständnis mit den Bewohnern Genfs geschehen. Ach, wer mich kennt,
weiß, daß ich niemals an ein solches Einverständnis dachte und daß ich
in wahrhafter Einfalt tausenderlei Mut erfordernde Dinge unternehme;
sicher nicht in der Einfalt des Geistes (denn ich will nicht doppeldeutig
mit Ihnen reden), sondern in der Einfalt des Vertrauens. Doch all dies
bedeutet nichts und ich sage es nur Ihnen, der ich nicht verbergen kann,
was mich bewegt.
Aber ist das, was ich jetzt sagen werde, nicht eigenartig? Bei meiner
Rückkehr habe ich die halben Hoffnungen auf die Errichtung eines Klo-
sters, für das ich unsere guten Karmelitinnen zu gewinnen hoffte, zer-
schlagen gefunden. Eines der Mädchen nämlich, von dem wir hofften, es
sollte dazu beitragen, hat sich nicht entschließen können, die Welt zu
verlassen. Daraufhin schlug mir der Mann, der die ganze Sache führte
und von dem die andere Gründerin abhängt – ohne daß ich jemals davon
zu ihm gesprochen und ohne daß er jemals etwas davon bemerkt hätte –
vor, das für etwa ein Dutzend Töchter gekaufte und fast fertig vorberei-
tete Haus für eine Kongregation frommer Damen zu verwenden, wovon
er schon neulich einen alten italienischen Kapuzinerpater hatte reden
gehört. Ich sagte nichts darauf; nun ist er wiedergekommen, und nach-
dem ich mit ihm darüber gesprochen habe, ist er nicht mehr davon abzu-
bringen. Ich warte nun zu, und wenn ich es für geeignet finde, werde ich
diese Möglichkeit nicht zurückweisen; doch Gott wird für all das mit
uns sein, wenn es ihm so wohlgefällt. Ich werde Sie über alles auf dem
Laufenden halten, damit wir dann dementsprechend verhandeln kön-
nen, ob Sie nach Salins81 kommen sollen oder nicht.
Ich schreibe unserem Herrn de Vaucroissant, der gewiß unrecht hat
zu glauben, ich liebte ihn nicht aufrichtig, denn das tue ich wahrlich
von Herzen; aber sehen Sie, manchmal steigt aus warmer Freundschaft
der Dunst der Eifersucht auf. Ich schicke Ihnen die Briefe, die ich
Ihnen von Frau Vignod, einer recht guten Dame, mitzubringen vergaß.
Schreiben Sie der guten Frau Präsident ein paar Zeilen, denn sie hat
den gleichen Kummer wie Herr von Vaucroissant und sagt, daß sie das
nicht verdiene.
Wir haben eine recht glückliche Reise in die Grafschaft unternom-
men und bei der Betrachtung des heiligen Schweißtuches,82 das man

192
öffentlich zeigte, habe ich zu Gott von ganzem Herzen für Sie gebetet;
ebenso bei der heiligen Hostie83 und unserem lieben Saint Claude, wo
ich in Ihrem Quartier Unterkunft fand und mich freute, den Ort wieder-
zusehen, wo ich Ihre Beichte entgegennahm, und es wurde mir der Trost
zuteil, dieses Herz wieder aufzuopfern, das ich in meiner Eigenschaft
als Vater zum erstenmal am Altar von Saint Claude aufgeopfert habe.
Ich habe fast überall und zufrieden, d. h. mit Nutzen gepredigt.
Die gute Frau von Beaume84 war recht getröstet, obwohl ich von so
vielen Leuten überlaufen war, die bei mir beichten wollten, daß ich
nicht die nötige Zeit fand, mit ihr zu sprechen, wie ich gewünscht hätte;
denn darüber hinaus hatte ich ja noch eine schwerwiegende Angelegen-
heit zu erledigen.
O meine sehr liebe, ganz unvergleichlich liebe Tochter, ich werde
Ihnen ein schönes Exemplar des Buches schicken und Ihnen etwas hin-
einschreiben; aber ich will erst die dritte Auflage abwarten, die ich mit
ganz besonderer Sorgfalt bearbeiten werde. Indessen werde ich nicht
vergessen, Ihnen bei nächster Gelegenheit ein Exemplar der zweiten
Auflage zukommen zu lassen.
Ich habe keine Nachrichten von Herrn von Berulle.
Das ist nun nicht gerade der lange Brief, den ich Ihnen schicken will,
denn Sie sehen wohl, daß ich Ihnen in aller Eile schreibe.
Sie können mir gar nicht glauben, wie heiß mein Herz danach ver-
langt, unserem Herrn zu dienen. Und bestimmt, meine Tochter, ist mein
Verlangen danach so groß, scheint es mir, daß ich hoffe, es eines Tages
tun zu können, nachdem ich mich so recht vor Gott werde gedemütigt
haben.
Es lebe Gott! Meine liebe Tochter, ich meine, daß alles mir nichts
mehr ist als in Gott, in dem ich jedoch und für den ich das zärtlicher
denn je liebe, was ich liebe, vor allem unsere Seele. O, es ist wahr, meine
Tochter, ich habe dieses Empfinden.
Ich will Ihnen noch sagen, daß Ihr Sohn85 während der ganzen Reise
in so freundlicher und angenehmer Verfassung war, daß ich ihn mehr
als brüderlich liebe und vor allem dann, wenn er voll Liebe von seiner
kleinen Frau spricht. Gott ist gut, meine Tochter, seien wir es also
auch.
Guten Abend, meine Tochter, Gott sei immer unser Alles. Ich bin in
ihm mehr der Ihre, als ich jemals in dieser Welt ausdrücken könnte,
denn für eine solche Liebe gibt es hier keine Worte.
Die arme kleine Schwester86 ist guter Hoffnung, wie mir ihr Mann

193
sagte, der sich darüber beklagte, daß sie ein wenig melancholisch sei; ich
denke, daß sie in vier Tagen kommen wird.
Es lebe Jesus und Maria! Amen.
Sprechen Sie zu niemand über meine Schwierigkeiten bei Hof.

Annecy, (gegen Mitte Dezember) 1609.


... Ihre Anne-Jacqueline macht mir täglich mehr Freude. Als sie das
letztemal bei mir beichtete, bat sie mich um die Erlaubnis, im Advent
bei Wasser und Brot zu fasten und den ganzen Winter barfuß zu gehen,
um sich – wie sie sagte – vorzubereiten und daran zu gewöhnen, Or-
densschwester zu sein. O meine Tochter, ich muß Ihnen sagen, was ich
antwortete, denn das erachte ich für die Herrin genau so wichtig, wie
für die Dienerin: daß ich nämlich wünschte, die Töchter unserer Kon-
gregation hätten nicht die Füße, sondern das Herz entblößt und bar
aller irdischen Anhänglichkeiten; nicht ihr Kopf sei unbedeckt, wohl
aber ihr Geist durch vollkommene Einfachheit und das Aufgeben des
eigenen Willens ...

Annecy, 29. Dezember 1609.


Meine sehr teure Tochter!
Nun sinkt auch dieses Jahr in den Abgrund, der bisher alle anderen
verschlungen hat. O wie wünschenswert ist doch die Ewigkeit um den
Preis dieser armseligen und vergänglichen Unbeständigkeiten! Lassen
wir nur die Zeit dahinströmen, mit der auch wir uns nach und nach
verströmen, um umgewandelt zu werden zur Herrlichkeit der Kinder
Gottes (2 Kor 3,18).
Dies ist mein letzter Brief in diesem Jahr, meine liebe Tochter. Ach,
wieviel Segen wünsche ich Ihnen und mit welcher Innigkeit! O weh, wenn
ich daran denke, wie ich die Zeit Gottes angewandt habe, bin ich in tief-
ster Unruhe, ob er mir dann noch seine Ewigkeit geben will, da er sie nur
jenen schenken will, die rechten Gebrauch von ihrer Zeit machen.
Seit drei Monaten bin ich ohne Briefe von Ihnen, aber ich glaube, daß
Gott mit Ihnen ist, und das genügt mir. Ihn allein wünsche ich Ihnen. Ich
schreibe Ihnen ohne Muße, denn mein Zimmer ist voll von Menschen,
die etwas von mir wollen; mein Herz jedoch ist einsam und von dem
heißen Wunsch erfüllt, immer ganz für diese heilige Liebe zu leben, die
das einzige Streben dieses Herzens ist. In diesen heiligen Tagen hat mich
mindestens tausendfach der Wunsch beseelt, Ihnen die wahre Befriedi-

194
gung zu schenken, die Sie so sehr von meiner Seele wie von der Ihren
selbst wünschen. Dies wird ja dadurch geschehen, daß ich sorgfältig zu
dieser heiligen Vollkommenheit vorwärtsstrebe, nach der Sie trachten
und nach der Sie sich zugunsten dieses Herzens sehnen, das Ihnen wie-
derum unablässig all die höchste Einheit mit Gott wünscht, die hier auf
Erden erreicht werden kann.
Dies ist der einzige Wunsch dessen, den Gott Ihnen gegeben hat ...

Annecy, Anfang 1610.


... Diese Gute, die vorhat, Eure Dienerin zu werden, fragt mich oft,
wann die gnädige Frau kommt. Sehen Sie, meine Tochter, Ihr Kommen
liegt ihr sehr am Heizen. Sie hofft ja, Gott recht dienen zu können in
Ihrer Person und in den Mädchen und Frauen, die so glücklich sein
werden, Ihnen in diese kleine, aber heilige und liebenswerte Abgeschie-
denheit zu folgen, die wir im Sinn haben ...

Annecy, 16. Januar 1610.87


Noch weiß ich nicht, meine sehr teure Schwester, meine Tochter, ob
ich Ihnen ausführlicher werde schreiben können, denn Ihr Herr Neffe88
hat mir heute morgen gesagt, daß er erst übermorgen abreisen wird, und
nun packt schon sein Diener den Koffer und sagt, daß er sich nunmehr
entschlossen habe, morgen früh abzureisen; das zwingt mich, den ge-
planten Besuch beim guten Herrn Nouvelet,89 der eine schwere Krank-
heit überstanden hat, aufzugeben, um Ihnen in Eile soviel zu schreiben,
als nur möglich ist.
Wir haben einige Male über Besonnenheit gesprochen, der Baron und
ich; das Übel aber, meine liebe Tochter, das Sie recht wohl in ihm er-
kannt haben, kann nur durch Erfahrung geheilt werden, denn diese fal-
sche Selbsteinschätzung wird von der Eigenliebe derart gefördert, daß
die Vernunft nichts gegen sie vermag. Ach, das vierte der für Salomo
schwierigen Dinge, das nach seinen Worten (Spr 30,18.19) ihm uner-
kenntlich blieb, ist der Weg des Menschen in seiner Jugend. Gott gibt
diesem jungen Mann viel Gnade, einen solchen Großvater zu haben, der
über ihn wacht; er möge sich lange dieses Glückes freuen!
Was Ihr Kommen hierher betrifft, so beeilen Sie sich nicht wegen des
Pariser Planes. Ich habe darüber keinerlei Nachrichten als die, die ich
Ihnen gezeigt habe; so hat es den Anschein, als würde er nicht weiter
verfolgt.90

195
Es scheint mir recht hart, diese Kleine in der Fastenzeit reisen zu
lassen. Außerdem hat mir der liebe Neffe gesagt, daß der gute Vater und
Ihr Herr Bruder die Zeit unmittelbar nach Ostern vorgeschlagen haben.
Ihr Herz wird vielleicht sagen: Schau, wie dieser Mann doch immer die
Angelegenheit hinausschiebt! O meine Tochter, glauben Sie mir, daß
mein Herz Ihren Freudentag mit gleich brennender Begierde ersehnt,
wie das Ihre; aber ich muß so handeln aus Gründen, die ich nicht ratsam
finde, Ihnen zu schreiben. Warten Sie also, sehr teure Schwester, warten
Sie – sage ich – in der Erwartung, um die Worte der Schrift zu verwen-
den (Ps 40,1). Warten in der Erwartung heißt aber: während des War-
tens nicht unruhig werden; denn es gibt viele, die in der Erwartung nicht
warten, sondern aufgeregt und ungeduldig werden.
Mit Gottes Hilfe, liebe Tochter, werden wir es schon recht machen.
Und die Menge kleiner Widrigkeiten und heimlicher Widerstände, die
in meine Ruhe eingebrochen sind, verleihen mir eine so milde und köst-
liche Ruhe wie nichts sonst, und scheinen mir die baldige Niederlassung
meiner Seele in ihrem Gott anzuzeigen, was gewiß nicht nur das große,
sondern meiner Meinung nach das einzige Streben und leidenschaftli-
che Begehren meines Herzens ist. Und wenn ich sage: meine Seele, so
meine ich: meine ganze Seele, einschließlich der, die Gott mit ihr un-
zertrennlich verbunden hat.
Da ich nun einmal auf meine Seele zu sprechen komme, will ich Ih-
nen über sie diese gute Nachricht geben: zweifeln Sie nicht daran, daß
ich das tue und tun werde, was Sie von mir für sie verlangt haben; ich
danke Ihnen für den Eifer, den Sie für ihr Wohl hegen, das untrennbar
von dem Ihrer Seele ist, sofern man in dieser Hinsicht noch von Mein
und Dein reden kann. Ich sage Ihnen noch mehr: ich bin ein klein wenig
mehr zufrieden mit ihr als sonst, da ich nichts mehr an ihr sehe, das sie
an diese Welt fesselt, und ich finde sie empfänglicher für die ewigen
Güter. Wenn ich so lebendig und stark mit Gott verbunden wäre, wie ich
absolut losgelöst bin von der Welt und ihr entfremdet, o mein teurer
Erlöser, wie glücklich wäre ich! Und wie zufrieden wären Sie, meine
Tochter! Ich spreche aber für das Innere und mein Gefühl; denn mein
Äußeres und – was das Schlimmste ist – mein Verhalten strotzen von
einer Menge entgegengesetzter Unvollkommenheiten, denn ich tue ja
nicht das Gute, das ich will (Röm 7,15); ich weiß aber wohl, daß ich es
in Wahrheit und ohne Heuchelei und mit einem fest entschlossenen
Willen will. Wie kann es aber geschehen, meine Tochter, daß bei einem
solch festen Wollen soviel Unvollkommenheiten in mir zutage treten

196
und entstehen? Nein gewiß, das geschieht nicht aus meinem Willen her-
aus noch durch ihn, wenn auch in ihm und über ihn. Das scheint mir wie
bei der Mistel zu sein, die auf einem Baum wächst und sich ausbreitet,
wenn auch nicht aus dem Baum heraus oder durch ihn. O Gott, warum
sage ich all dies? Doch nur deshalb, weil mein Herz immer, wenn es bei
dem Ihren ist, sich weitet und schrankenlos verströmt.
Ihre Gebetsweise ist gut; bleiben Sie nur recht treu bei Gott in diesem
liebevollen und ruhigen Warten des Herzens, in diesem sanften Schla-
fen in den Armen seiner Vorsehung und in dieser schlichten Einwilli-
gung in seinen heiligen Willen, denn all dies ist ihm angenehm.
Wenn Sie drüben blieben, würde ich gern dem Pater Rémond den
Dienst erweisen, den er von mir für die Frau von Saint Jean91 wünscht;
da dies aber nicht der Fall ist, scheint mir, daß ein anderer, den sie öfter
zu sehen die Möglichkeit hat, sich nützlicher erweisen wird; vor allem
der Bischof von Autun; denn wer könnte besser Hand an dieses gute
Werk legen? Ich werde indessen unseren Herrn für sie bitten, denn auf
Grund Ihrer guten Nachrichten über sie beginne ich, die arme Frau
recht lieb zu haben. Ach, welche Freude, diese arme Seele nach einem
so harten, langen und bitteren Winter wieder aufblühen zu sehen!
Ich schrieb Ihnen das letztemal ziemlich ausführlich und berichtete
Ihnen über den Stand der Angelegenheit unseres neuen Klosters, daß
nämlich unsere Hoffnung, die entsprechenden Mittel zu seiner Errich-
tung zu finden, nur zur Hälfte erfüllt ist, daß wir aber trotzdem an dem
Entschluß festhalten, daß diejenigen, die dazu beitragen, sich dahin zu-
rückziehen oder zumindest, wenn sie nicht nach ihrem ursprünglichen
Plan handeln können, sich untereinander dem Dienst Gottes und der
Kranken widmen. Aber das stammt aus ihrem Geist und sie sagen das
alles in der Erwartung, daß Gott anders verfügt. Demnach werden Sie
nicht allein sein.
Es wäre wohl wünschenswert, wenn unsere guten Töchter von Sainte-
Catherine sich dieser Gelegenheit bedienten, um in die Stadt zu kom-
men und sich einer vollständigen Erneuerung zu unterziehen. Es gibt
unter ihnen wirklich eine Anzahl, die überaus geeignet wären, nach ab-
soluter Vollkommenheit zu streben. Aber dies muß von ihnen selbst
und ihrer Äbtissin ausgehen. Nun, das liegt in Gottes Hand und ich
würde weder direkt noch indirekt etwas zu sagen wagen, denn damit
würde ich die Älteren aufregen und für den Augenblick alles verderben.
Alle jungen Schwestern sind ausgezeichnet, unter anderem auch Ihre
Tochter.

197
Es ist schon lange her, daß ich mit dieser lieben Schwester92 gespro-
chen habe, aber ich weiß doch, daß sie sich immer besser macht ...
Ich schicke Ihnen ein Buch,93 aber es ist noch nicht das schöne; denn
ich behalte mir vor, es Ihnen nach der dritten Auflage zu schenken, die
ich vervollständigt und verbessert herauszugeben hoffe. Bei diesem
Abdruck war ich so in Eile, daß einige Kapitel ganz darin fehlen, wie das
„Über die Kleidung“ und „Daß man gerecht und vernünftig sein soll“,
was ich erst vorgestern bemerkt habe. Dann will ich in das Exemplar,
das ich Ihnen geben werde, vieles mit der Hand hineinschreiben; für
heute schreibe ich nur vier oder fünf Worte, damit Sie dieses Buch nicht
aus der Hand geben, bis Sie das andere haben.
An das Buch über die „Gottesliebe“ habe ich noch nicht Hand legen
können, da ich seit meiner Rückkehr ständig beschäftigt war und wegen
der Abwesenheit unseres Predigers an allen Fest- und Sonntagen selbst
predigen mußte.
Ich halte an dem Entschluß fest, nach Salins zu gehen, obwohl sich
mir unerwarteterweise mehrere Schwierigkeiten entgegengestellt haben;
mit Gottes Hilfe aber müssen sie überwunden werden, falls sie sich
nicht noch vergrößern.94
Ich muß Ihnen sagen, daß ich Ihren Sohn alle Tage mehr liebe, denn
meiner Meinung nach wird er alle Tage mehr lieb und liebenswürdig.
Mein Bruder de la Thuille hat sich so sehr in das Fräulein Favre verliebt,
daß man ihn nicht davon abbringen kann, und der gute Vater wünscht so
sehr, sie ihm zu geben, daß ich sehr befürchte, ihr Vorhaben, Ordensfrau
zu werden, würde dadurch erstickt, obwohl es erst drei Wochen her ist,
seit ich sie gesehen habe.95 So muß ich Ihnen die verschiedenartigsten
Mitteilungen machen.
Ich komme auf Ihr Gebetsleben zurück, denn ich habe erst gestern
spät abends Ihren Brief nochmals gelesen. Handeln Sie immer nur so,
wie Sie mir schreiben; hüten Sie sich davor, Ihren Verstand zu sehr
anzustrengen, denn das schadet Ihnen, nicht nur im allgemeinen, son-
dern sogar beim Gebet. Bemühen Sie sich um das, was Sie betrachten,
ganz einfach und so ruhig Sie können, mit liebevollen Empfindungen.
Es mag sein, daß der Verstand zuweilen Anstrengungen unternimmt,
um sich zum Gegenstand seiner Betrachtung aufzuschwingen. Man soll
nicht seine Zeit damit verlieren, sich davor zu hüten. Damit würde man
sich nur zerstreuen. Wenn man es bemerkt, genügt es, einfach auf Wil-
lensakte zurückzugreifen.
Sich in der Gegenwart Gottes halten und sich in die Gegenwart Got-

198
tes versetzen, sind meiner Meinung nach zweierlei Dinge; denn um sich
in sie zu versetzen, muß man seine Seele von jedem anderen Gegenstand
zurückrufen und sie auf diese ständige Gegenwart aufmerksam machen,
wie ich in dem Buch sage (Anl. 2,11). Nachdem man sich aber in diese
Gegenwart versetzt hat, hält man sich immer darin durch Akte des Ver-
standes oder des Willens, indem man auf ihn oder auf etwas anderes aus
Liebe zu ihm schaut; oder indem man auf nichts schaut, sondern mit
ihm spricht; oder aber weder auf ihn schaut, noch mit ihm spricht, son-
dern einfach dort bleibt, wohin er uns gestellt hat, wie eine Statue in
ihrer Nische. Und wenn sich zu diesem einfachen Da-Sein irgendein
Gefühl gesellt, daß wir Gott gehören und daß er unser Alles ist, müssen
wir dafür seiner Güte wohl Dank sagen.
Wenn eine Statue, die man in der Mitte eines Saales in eine Nische
gestellt hat, sprechen könnte und man sie fragte: „Warum stehst du da?“,
würde sie antworten: „Weil der Bildhauer, mein Herr, mich hierher
gestellt hat.“ „Warum bewegst du dich nicht?“ „Weil er will, daß ich
unbeweglich bleibe.“ „Wozu dienst du da, welchen Nutzen hast du da-
von, so zu sein?“ „Ich bin ja nicht hier, weil es mir zu etwas dient, son-
dern um dem Willen meines Herrn zu dienen und zu gehorchen.“ „Aber
du siehst ihn ja nicht!“ „Nein“, würde sie sagen, „aber er sieht mich und
es freut ihn, daß ich da bin, wohin er mich gestellt hat.“ „Aber möchtest
du dich nicht bewegen können, um näher zu ihm hingehen zu können?“
„Nein, außer er befiehlt es mir.“ „Wünschest du also nichts?“ „Nein,
denn ich bin da, wohin mein Herr mich gestellt hat, und sein Wohlgefal-
len ist das einzige, was mich erfreut.“
Mein Gott, meine liebe Tochter, welch gutes Gebet und welch gute
Art und Weise, sich in der Gegenwart Gottes zu halten, ist es doch, sich
in seinem Willen und seinem Wohlgefallen zu halten! Ich meine, daß
Magdalena eine Statue in ihrer Nische war, wenn sie, ohne ein Wort zu
sagen, ohne sich zu bewegen, und vielleicht sogar ohne ihn zu betrach-
ten, zu den Füßen des Herrn sitzend, seinen Worten lauschte (Lk 10,39).
Wenn er sprach, lauschte sie; wenn er abließ zu sprechen, ließ auch sie
ab, ihm zuzuhören, und all die Zeit über war sie da. Ein kleines Kind,
das auf dem Schoß seiner schlafenden Mutter liegt, ist wahrlich an sei-
nem guten und begehrenswerten Platz, auch wenn die Mutter nicht zu
ihm spricht, noch es zu ihr.
Mein Gott, meine Tochter, wie gerne spreche ich doch mit Ihnen ein
wenig über diese Dinge! Wie glücklich sind wir, wenn wir unseren Herrn
lieben wollen! Lieben wir ihn also recht, meine Tochter; fangen wir erst

199
gar nicht damit an, zu sehr das Einzelne zu erwägen, was wir um seiner
Liebe willen tun, sofern wir nur wissen, daß wir nichts tun wollen, außer
aus Liebe zu ihm. Ich denke für meinen Teil, daß wir uns selbst im Schlaf
in der Gegenwart Gottes halten, denn wir schlafen unter seinem Blick,
nach seinem Willen und durch seinen Willen ein und er legt uns da auf
das Bett, wie er eine Statue in eine Nische stellt; und wenn wir erwachen,
dann finden wir, daß er bei uns ist; er hat sich nicht von uns fortbewegt
und auch wir nicht; wir haben uns also in seiner Gegenwart gehalten,
aber mit geschlossenen Augen ...
Glauben Sie mir, daß das erste Wort, das ich Ihnen schrieb, wahrhaf-
tig war; daß mich nämlich Gott Ihnen gegeben hat; dieses Empfinden
wächst alle Tage mehr in meiner Seele. Der große Gott sei ewiglich
unser Alles ...
Bleiben Sie fest, meine Tochter, zweifeln Sie nicht; Gott hält uns mit
seiner Hand und wird uns niemals verlassen. Er sei gepriesen von Ewig-
keit zu Ewigkeit. Amen.
Es lebe Jesus und seine hochheilige Mutter! Amen. Und gepriesen sei
der gute Vater, der hl. Josef! Gott segne Sie mit tausend Segnungen!
An die Frau Baronin von Chantal, meine Tochter.

Annecy, 5. Februar 1610.


Dieser Brief wird kurz sein, sehr liebe Tochter, denn ich habe gar
keine Zeit für mich. Er soll Ihnen nur sagen, daß ich erst vorgestern
erfahren habe, ich solle heuer zur Fastenzeit nicht nach Salins gehen.
Der Erzbischof von Besançon hat sich den Bürgern dieser Stadt gegen-
über geäußert, er wünsche mein Kommen nicht; und er ist ihr Bischof.
Den Grund dafür kenne ich nicht; aber unter uns gesagt, es wird bei
allen nicht gut aufgenommen werden. Was mich betrifft, so bin ich es
zufrieden, auch wenn ich entschlossen war, gerne hinzugehen.
Mein Bruder wird Ihnen in wenigen Tagen einstweilen seinen Bedien-
steten schicken, bis er selbst kommt, nachdem er einige geschäftliche
Dinge hier erledigt hat. Fräulein Favre hat sich endlich mit Zustimmung
ihres Vaters entschlossen, ganz unserem Herrn anzugehören und mehr
denn je meine Tochter zu bleiben, und ich glaube, daß wir etwas Gutes
aus ihr werden machen können.
Ich horche überall hin, was Gott von mir verlangt; bitten Sie ihn,
meine liebe Tochter, er möge dieses gute Wort sagen, daß ich ihm ange-
höre (Ps 119,94). Ja gewiß, ich bin es von ganzem Herzen, wenn ich

200
auch armselig und schwach bin. Mein Versprechen, zu betrachten, halte
ich getreu; von Zeit zu Zeit muß ich Ihnen doch Rechenschaft darüber
geben. Die arme liebe Schwester ist hochschwanger und wirklich recht
gut, wie ich aus dem Jahresüberblick ersehen habe, den sie mir in den
letzten Tagen mit großer Andacht vorgelegt hat. Ich werde nun Hand an
das Buch „Über die Gottesliebe“ legen und versuchen, darüber ebenso-
viel in mein Herz wie auf das Papier zu schreiben.
Seien Sie gegrüßt, meine einzige, ganz teure, unvergleichlich teure
Tochter. Mögen Sie ganz Gott gehören. Ich hoffe alle Tage mehr und
mehr auf ihn, daß wir im Vorhaben, das unser Leben betrifft, Gutes
leisten werden. Mein Gott, ich schreibe richtig atemlos.

Annecy, um den 23. Februar 1610.


Nein, meine liebe Tochter, seit drei vollen Monaten habe ich keinerlei
Nachrichten von Ihnen; und ich kann nicht glauben, daß Sie mir keine
gesandt haben. Je länger sie ausbleiben, desto mehr hoffe ich, daß es gute
Nachrichten sind. Ich gestehe, daß mein Herz mir darüber ein wenig
zusetzt, aber ich verzeihe ihm diese kleinen Erregtheiten, denn es ist ja
ein väterliches und mehr als ein väterliches Herz.
Werden Sie mir das auch glauben, was ich Ihnen jetzt sage? Seit eini-
ger Zeit besitze ich das kleine Büchlein „Über die Gegenwart Gottes“;
es ist ein kleines Werk, aber ich habe es bisher noch nicht ganz lesen
können, um Ihnen zu sagen, was ich davon halte, ob es Ihnen dienen
kann. Es ist wirklich unglaublich, wie sehr ich hier und drüben von
Geschäften gehetzt werde. Sie würden aber darüber in Unruhe geraten,
meine liebe Tochter, wenn ich nicht hinzufügte, daß trotzdem, Gott sei
gedankt, mein armes und schwaches Herz niemals mehr Ruhe hatte und
mehr gewillt war, seine göttliche Majestät zu lieben, deren besonderen
Beistand ich in dieser Hinsicht spüre.
O meine liebe Tochter, welch große Freude bereiteten Sie mir einmal,
als Sie mir die heilige Demut ans Herz legten; denn wissen Sie, wenn
sich in unseren Tälern der Wind inmitten unserer Berge verfängt, dann
ermatten die kleinen Blumen und die Bäume werden entwurzelt; und
mir, der ich in meinem Amt als Bischof ein wenig hochgestellt bin,
erwachsen aus diesem noch mehr Schwierigkeiten. O Herr, rette uns!
Befiehl diesen Winden der Eitelkeit, und eine große Stille wird sich
ausbreiten (Mt 8,25 f)!
Bleiben Sie ganz fest und drücken Sie das heilige Kreuz unseres Herrn

201
innig an sich; der dort von allen Seiten herabströmende Regen schlägt
jeden Wind nieder, so groß er auch sein mag. Wenn ich manchmal vor
dem Kreuz stehe, mein Gott, wie sehr ist dann meine Seele geborgen
und welches Labsal gibt ihr dieser purpurrote Tau! Kaum aber bin ich
einen Schritt vom Kreuz entfernt, erhebt sich der Sturm von neuem.
Ich weiß nicht, wo Sie dem Leib nach in dieser Fastenzeit sein werden;
dem Geist nach hoffe ich, daß Sie in der Höhle der Turteltaube (Hld
2,14) und in der durchbohrten Seite unseres teuren Heilands sein wer-
den. Ich werde wohl trachten, dort oft mit Ihnen zu verweilen; Gott in
seiner höchsten Güte möge uns die Gnade dazu erweisen. Gestern sah
ich, so schien es mir, daß Sie angesichts der geöffneten Seite unseres
Herrn sein Herz herausnehmen wollten, um es in das Ihre aufzunehmen
wie einen König in sein kleines Königreich; und mag auch das seine viel
größer sein als das Ihre, so würde er eben sein Herz kleiner machen, um
sich dem anzupassen. Wie gut ist doch der Herr, meine liebe Tochter!
Wie liebenswert sein Herz! Bleiben wir dort in dieser heiligen Wohn-
statt; möge dieses Herz immerdar in unseren Herzen leben, möge dieses
Blut ständig in den Adern unserer Seelen aufwallen.
Wie sehr bin ich es zufrieden, daß wir dem in dieser Stadt herrschen-
den Karnevalstreiben die Flügel beschnitten haben, so daß man es kaum
mehr erkennt. Wie sehr beglückwünschte ich doch am Sonntag mein
Volk, das in außerordentlicher Zahl gekommen war, um die Abendpre-
digt zu hören, und das alle Unterhaltungen abgebrochen hatte, um zu
mir zu kommen! Das freute mich sehr, auch, daß alle unsere Damen am
Morgen kommuniziert haben und keine Bälle zu veranstalten wagten,
ohne die Erlaubnis einzuholen. Ich war ihnen gegenüber nicht hart, denn
dessen bedurfte es nicht, da sie so gut und von großer Frömmigkeit
erfüllt sind ...
Mein Gott, meine ganz teure Tochter, wie innig und warm empfinde
ich den hohen Wert und das geheiligte Band unserer heiligen Einheit.
Heute morgen hielt ich eine Predigt, die ganz in Flammen war, denn ich
hatte es gut erkannt; ich muß es Ihnen sagen. Mein Gott, welchen Segen
erflehe ich doch für Sie! Aber Sie können doch gar nicht glauben, wie
sehr es mich am Altar drängt, Sie mehr denn je unserem Herrn zu emp-
fehlen.
Was soll ich Ihnen sagen, als daß wir ein Leben führen sollen, das ganz
abgestorben sei, und eines Todes sterben, der ganz lebendig und leben-
spendend sei im Leben und Sterben unseres Königs, unseres Herrn und
Heilands, in dem ich bin Ihr ganz hingegebener Diener ...

202
Annecy, 11. März 1610.
Meine sehr teure Tochter, muß man nicht in allem und überall diese
höchste Vorsehung anbeten, deren Ratschläge heilig, gut und liebens-
wert sind? So hat es ihm jetzt gefallen, unsere so gute und liebe Mutter
von dieser armseligen Welt fortzunehmen, um sie – wie ich ziemlich
sicher hoffe – an seiner Seite und an seiner Rechten zu haben. Bekennen
wir, meine sehr teure Tochter, bekennen wir doch, daß Gott gut ist und
daß sein Erbarmen ewig währt (Ps 136). Sein Wille ist stets gerecht und
all seine Anordnungen richtig (Ps 119,37), sein Wohlgefallen immer
heilig und seine Anordnungen ganz liebenswert (Ps 119,39).
Was mich angeht, meine Tochter, so muß ich bekennen, daß diese
Trennung ein großer Schmerz für mich war (denn nachdem ich die Güte
Gottes bekannt habe, muß ich auch meine eigene Schwachheit beken-
nen); dennoch, meine Tochter, war es ein ruhiger, wenn auch starker
Schmerz, denn ich habe wie David gesagt (Ps 39,10): „Ich schweige, o
Herr, und öffne nicht den Mund, denn Du hast es getan.“ Wenn es nicht
so gewesen wäre, hätte ich unter diesem Schlag zweifellos laut aufge-
schrien; ich meine aber, daß ich nicht gewagt hätte, aufzuschreien oder
mich gegen die Schläge dieser Vaterhand aufzulehnen, die ich dank sei-
ner Güte seit meiner Jugend zärtlich zu lieben gelernt habe.
Aber Sie möchten vielleicht wissen, wie das Leben dieser guten Frau
zu Ende ging. Hier also ein kurzer Bericht, denn ich spreche ja zu Ihnen,
zu Ihnen, der ich im Memento der Messe den Platz meiner Mutter ein-
geräumt habe, ohne Ihnen den von Ihnen bereits eingenommenen Platz
zu entziehen. Dies habe ich nicht tun können, so sehr halten Sie an dem
Platz fest, den Sie in meinem Herzen hatten – und so sind Sie darin die
Erste und die Letzte.
Meine Mutter kam also heuer im Winter zu mir, und während des
einen Monats, den sie hier verbrachte, legte sie die Generalbeichte ab
und erneuerte mit gewiß großem Eifer ihren Vorsatz, das Rechte zu tun.
Sie ging fort als der mit mir zufriedenste Mensch der Welt, der ich ihr,
wie sie sagte, mehr Trost mitgeben konnte, als sie je hatte. Diese große
Freude hielt in ihr an bis Aschermittwoch, wo sie in die Pfarrkirche von
Thorens mit sehr großer Frömmigkeit beichten und kommunizieren
ging, drei Messen und der Vesper beiwohnte. Am Abend, da sie zu Bette
lag und nicht schlafen konnte, ließ sie sich von ihrer Kammerzofe drei
Kapitel der „Anleitung“ vorlesen, um sich in guten Gedanken zu erge-
hen. Sie ließ sich dann die „Feierliche Erklärung“ anmerken, um sie am

203
folgenden Morgen abzulegen. Aber Gott begnügte sich mit ihrem guten
Willen und bestimmte es anders; denn als der Morgen kam, erhob sich
diese gute Frau und während des Kämmens fiel sie plötzlich vom Schla-
ge gerührt wie tot um. Mein armer Bruder, Ihr Sohn, der noch schlief,
wurde benachrichtigt und lief im Nachthemd herbei, ließ sie aufheben,
bewegen und ihr mit Essenzen, Kaiserwasser und anderen Mitteln bei-
stehen, die man bei solchen Gelegenheiten für gut hält. Sie kam darauf
wieder zu sich und begann zu sprechen, aber kaum verständlich, zumal
Schlund und Hals in Mitleidenschaft gezogen waren.
Man kam mich holen und ich eilte sogleich mit Arzt und Apotheker
herbei, die sie lethargisch und halbseitig gelähmt fanden; lethargisch
aber auf eine Weise, daß sie wieder leicht daraus aufwachte und in die-
sen wachen Augenblicken sowohl durch Worte, die sie sich zu sagen
bemühte, als auch durch die Bewegung ihrer heilgebliebenen Hand, d.
h. der Hand, deren Gebrauch ihr geblieben war, ungetrübte Urteilskraft
bewies. Denn sie sprach sehr schön von Gott und ihrer Seele und ergriff
tastend (da sie plötzlich blind war) das Kreuz und küßte es. Niemals
nahm sie etwas zur Hand, ohne das Kreuzzeichen darüber gemacht zu
haben, und empfing so die heilige Ölung. Obgleich sie bei meiner An-
kunft erblindet und fast schlafend war, liebkoste sie mich doch zärtlich
und sagte: „Dieser da ist mein Sohn und Vater zugleich.“ Sie küßte mich,
indem sie ihren Arm um mich schlang und küßte mir vor allem die
Hand. In diesem Zustand verblieb sie etwa zweieinhalb Tage. Später
konnte man sie kaum richtig wachbekommen und am 1. März gab sie
ihre Seele unserem Herrn zurück, ruhig, friedlich und in einer größeren
Haltung und Schönheit, als sie je zuvor gewesen; sie war eine der schön-
sten Toten, die ich je gesehen habe.
Ich muß Ihnen sagen, daß ich noch die Kraft hatte, ihr den letzten
Segen zu erteilen, ihr Augen und Mund zu schließen und ihr den letzten
Friedenskuß im Augenblick ihres Hinscheidens zu geben. Nachher aber
krampfte sich mein Herz zusammen und ich weinte um diese gute Mut-
ter mehr, als ich je geweint habe, seit ich Priester bin; es geschah aber
Gott sei Dank ohne Bitterkeit des Geistes. – Das ist alles, was sich zuge-
tragen hat.
Übrigens vermag ich nicht das so gute Naturell Ihres Sohnes zu ver-
schweigen, dem ich übrigens zu Dank verpflichtet bin für die Sorge um
diese gute Mutter und all seine Mühe, die er mit soviel Liebe auf sich
nahm, daß ich – wäre er irgendein Fremder gewesen – gezwungen wäre,
ihn für meinen Bruder zu halten und zu erklären. Ich weiß nicht, ob ich

204
mich täusche, aber ich finde ihn außerordentlich zu seinem Vorteil ver-
ändert, sowohl im Weltlichen, als auch vor allem im Seelischen.
Nun, meine liebe Tochter, man muß sich eben fügen und immer Gott
preisen, auch wenn es ihm gefallen sollte, uns noch härter heimzusu-
chen. Wenn Sie es für richtig erachten, könnten Sie kommen und am
Palmsonntag hier sein. Ich sage hier, denn es besteht keine Veranlas-
sung, daß Sie diese heiligen Tage auf dem Land zubringen. Ihr kleines
Zimmer wird auf Sie warten, unsere schlichte Tafel und einfache und
bescheidene Bewirtung wird Ihnen gern und von Herzen zuteil, ich meine,
von meinem Herzen, das so überaus das Ihre ist ... 96
Nun will ich aber noch rasch auf die Hauptpunkte Ihres Schreibens zu
sprechen kommen. Unsere arme kleine Charlotte ist wohl glückselig,
die Erde verlassen zu haben, bevor sie sie noch richtig berührt hat (Weish
4,11.14). Ach, und doch mußten wir wohl ein wenig weinen. Haben wir
nicht ein menschliches Herz und eine empfindsame Natur? Warum sol-
len wir nicht ein wenig unsere Heimgegangenen beweinen, da doch der
Geist Gottes es nicht nur erlaubt, sondern uns sogar dazu auffordert (Sir
22,10 f; 38,16)? Ich trauere wohl über den Verlust des armen kleinen
Mädchens, aber ich empfand die Trauer nicht so stark, da doch das große
Leid über die Trennung von meiner Mutter das Empfinden dieser zwei-
ten schmerzlichen Nachricht stark abstumpfte, zumal uns die Nachricht
zu einem Zeitpunkt erreichte, da wir noch den Leichnam meiner Mutter
im Haus hatten. Gott sei auch dafür gelobt. Gott gibt uns, Gott nimmt
uns, sein heiliger Name sei gepriesen (Ijob 1,21).
Ach, unsere gute Frau von Puits d’Orbe bräuchte mehr persönlichen
Beistand, ist sie doch überaus gut und herzlich, aber auch so überaus
schwermütig, so überempfindlich und so schwachen Mutes. Sie sehen:
ich habe ihr so sehr klargelegt, wie notwendig es für sie wäre, und doch
denkt sie gegen den Wunsch der Ihren alle Tage nur daran, wie sie für
dies oder jenes ausgehen könnte. Wenn sie mit Ihnen nach Bourbilly
ging, so war dies kein Herausgehen; nein, meine Tochter, denn das ist
kein Herausgehen, wenn man es tut, um Halt zu machen und wieder
zurückzukehren. Aber diese anderen Ausgänge sind sinnlos; auch plant
und beschließt man die Ausgänge, ohne mich zu fragen. Gott weiß, mei-
ne Tochter, wie zärtlich ich diese Seele liebe und wie sehr ich auf ihr
Wohl bedacht bin, auch, daß ich sie niemals aufgeben will, noch es kann,
was sie auch tun mag. Aber ich wage nicht, sie aus der Ferne zu drängen,
denn sie ist eine Seele, die nur mit Liebe und Vertrauen geführt werden
kann, mit einem Vertrauen, das immer wieder genährt werden muß von

205
erneuten und ständigen Beteuerungen der Zuneigung, was sich aus der
Ferne nicht machen läßt. Wenn Sie aber hier sein werden, wollen wir das
überlegen.
Ich bedaure das Mißgeschick der Frau von St. Jean,97 das früher oder
später eintreten mußte, oder auch nie. Wenn sie ihre Hoffnung so recht
auf unseren Herrn gesetzt hat, wird er sie aus dieser bösen Lage heraus-
ziehen, um sie nur umso näher an sich heranzuholen.
Ich werde dem Pater de Monchi schreiben, er möge nur viel leiden,
denn wir gereichen der Kirche nicht zur Schande, wenn wir unserem
Herrn nachfolgen, der so viel Schmach unseres Heiles wegen erlitten
hat.98 Wenn es um geistlichen Gewinn geht, braucht man die Leiden
nicht zu fürchten.
Ja, meine Tochter, der liebe Gott wird uns helfen und der guten geist-
lichen Verwandten99 auch, obgleich wir versuchen müssen, alles zu er-
reichen, was möglich ist. Wenn Sie hier sind, werden wir die entspre-
chenden Beschlüsse fassen, um unser Vorhaben zu beginnen; wir wer-
den ja sehen, was unsere hiesigen Töchter dazu sagen. Unsere Favre
entwickelt sich prächtig und gehört jetzt ganz Gott an ... 100
Was die Vorschriften über das innerliche Gebet betrifft, die Sie von
der guten Mutter Priorin erhalten haben, will ich Ihnen vorderhand
nichts dazu sagen; ich bitte Sie nur, soweit Sie können, von ihr zu erfah-
ren, womit sie dies begründet. Denn, um offen mit Ihnen zu sprechen,
obgleich ich mich im vergangenen Sommer zwei- oder dreimal ohne
Vorbereitung und ohne Plan in die Gegenwart Gottes versetzt habe und
mich so äußerst wohl bei seiner Majestät fand mit einer einzigen ganz
einfachen und beharrlichen Empfindung einer fast unmerklichen, aber
sehr köstlichen Liebe, so habe ich doch niemals gewagt, vom großen
Weg abzugehen und diese Art zur gewöhnlichen zu erklären. Ich weiß
nicht, ich liebe nun einmal den Weg der heiligen Vorfahren und der
einfachen Seelen. Ich sage damit nicht, daß – wenn man seine Vorberei-
tung gemacht hat und während des Gebetes zu dieser Art innerlichen
Gebetes angezogen wird – man dem nicht nachgeben soll; aber als Me-
thode zu erklären, daß man sich nicht vorbereiten soll, das fällt mir ein
wenig schwer, ebenso mich von Gott zurückzuziehen, gänzlich, ohne
Danksagung, ohne Aufopferung, ohne besonderes Gebet. All das mag
zuweilen mit Nutzen geschehen, doch es zur Regel zu erklären, das muß
ich gestehen, widerstrebt mir etwas. Trotzdem – ich sage das ganz ein-
fach vor unserem Herrn und nur zu Ihnen, mit der ich ganz aufrichtig
und ganz offenherzig sprechen kann – denke ich nicht, so viel zu wissen,

206
daß ich nicht gerne, ja äußerst gerne meine Ansicht aufgeben und der
Ansicht jener folgen würde, die davon aus vielen Gründen mehr wissen
müssen als ich. Ich meine damit nicht nur jene gute Mutter, sondern
auch eine viel geringere Persönlichkeit. Suchen Sie also zu erfahren, was
sie davon denkt, und alles, womit sie ihre Ansicht begründet. Tun Sie das
aber in aller Ruhe und ohne Hast und so, daß sie nicht den Eindruck
habe, Sie wollten sie ausfragen. Ich schätze diese Seele und ihr ganzes
Kloster von Herzen.
Gott befohlen, meine liebe Tochter, bis zum baldigen Wiedersehen,
durch Jesus, der ewig in unserem Geist leben und herrschen möge. Amen.

Annecy, um den 25. März 1610.


... Ich sehe, daß Ihre Ankunft bevorsteht; möge sie glücklich sein!
Darum sage ich nichts weiter.
Wenn diese guten Witwen mit Ihnen reden, sagen Sie ihnen, daß Sie
ihnen alles im besonderen erklären werden, nachdem Sie hier gewesen
sind; denn man darf sie erst dann zu bewegen suchen, wenn es ganz
angebracht erscheint und unser Vorhaben schon ein wenig vorangeschrit-
ten ist, worum ich Unsere liebe Frau und den hl. Josef so recht bitte.
Für das nächste Buch, das ich herausbringen werde, bin ich so sehr
Rigaud gegenüber verpflichtet, daß ich nicht weiß, ob ich es werde nach
Dijon geben können; denn ich habe meine Freiheit durch mein Verspre-
chen stark gebunden.
Also denn, meine Tochter, kommen Sie, kommen Sie in die Berge
(Hld 2,10.13; Lk 1,39); Gott möge Ihnen dort den heiligen Bräutigam
zeigen, der über die Berge eilt, über die Hügel schreitet, durch die Fen-
ster und durch das Gitter (Hld 2,8 f) nach den Seelen ausschaut, die er
liebt. Ach, wie schön wurden doch diese Worte gestern in unserer Kir-
che gesungen und klangen in meinem Herzen nach!
Gott sei immerdar unser Alles. Ich bin in ihm einzigartig ...

Annecy, 24. April 1610.


Sie müssen tapfer bleiben, meine liebe Tochter, und auf Ihre Gesund-
heit achten, denn nun stehen wir im Begriff, uns nach dem Hafen der
Gnade und der Freude einzuschiffen.
Ich hatte heute morgen einige gute Gedanken über das Evangelium
des Tages bei den Worten: „Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der

207
bringt reiche Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun“ (Joh 15,5-
11). Ich denke wohl, daß wir nicht mehr in uns selbst bleiben wollen und
daß wir von Herzen, bewußt und vertrauensvoll für immer unsere Wohn-
stätte in der durchbohrten Seite des Erlösers aufschlagen sollen; denn
ohne ihn können wir nicht nur nichts tun, sondern, wenn wir auch könn-
ten, wollten wir nichts ohne ihn tun.
Alles „in Ihm“, alles „durch Ihn“, alles „mit Ihm“ (Canon Missae),
alles für Ihn, alles Er ...

Annecy, 5. Mai 1610.


Meine liebe Tochter!
Ich muß schon sagen, daß mir unsere Kongregation sehr am Herzen
liegt, denn ganz gegen meine Gewohnheit träume ich davon und finde
beim Erwachen ihre Idee vor mir. Gott möge seine gute und allmächtige
Hand darüber halten.
O meine Tochter, welchen Trost fand ich doch gestern in der Betrach-
tung des Todes und Begräbnisses des Erlösers! Wie ekstatisch waren
doch die Worte des Jesaja (62,11; 63,1-7), die man bei der Messe am
Fest des heiligen Schweißtuches in der Epistel liest. O Gott, wenn dieser
Erlöser so viel für uns getan hat, was sollten wir da nicht für ihn tun?
Wenn er sein Leben für uns ausgehaucht hat, warum sollen wir nicht
unser ganzes Leben seinem Dienst und der reinsten Liebe anheimge-
ben? Schließlich stelle ich mir vor, daß unser Herr diese Pflanze setzen,
sie mit seinem Segen begießen und sie Früchte der Heiligung bringen
lassen wird.
Als ich neulich diesen Plan seiner göttlichen Majestät empfahl, war
ich gewiß beschämt darüber, daß er sich hierfür meines und Ihres, also
unseres Herzens bedient; denn wenn es auch die Vernunft nicht einge-
stehen will, so vermag ich doch dieses Herz weder in der Freude, noch in
der Beschämung in zwei aufzuspalten. Wir sind doch nur allzu glück-
lich, seiner himmlischen Güte diesen Dienst erweisen zu dürfen.
Gott sei Ihr Gott, meine liebe Tochter, Gott sei Ihr Gott; und Ihr
Herz, das Sie ihm bereitet haben, sei sein Haus (Gen 28,21 f) und sein
Altar, auf dem er Tag und Nacht nur das Feuer seiner heiligen Liebe
brennen und leuchten lasse (Lev 6,12 f). O Gott, wer wird uns die Gnade
schenken, uns mit Liebe zu überhäufen! Empfehlen Sie mich Ihrer Äb-
tissin! ...

208
Annecy, 28. Mai 1610.
Morgen also werden Sie sich Gedanken und Sorgen machen; denn auch
ich beginne mir wegen der zeitlichen Angelegenheiten des künftigen Hau-
ses ganz besonders Sorgen zu machen.101 Was die geistlichen betrifft, so
scheint mir, wird sich unser Herr darum kümmern, ohne daß wir uns
absorgen, und er wird seinen tausendfachen Segen dazu spenden.
Meine Tochter, ich muß Ihnen sagen, daß ich niemals so klar sah, wie
sehr Sie meine Tochter sind, wie ich es jetzt sehe, aber ich sage, daß ich
es im Herzen unseres Herrn sehe; darum legen Sie auch die paar Worte,
die ich Ihnen neulich schrieb, nicht als Mißtrauen aus; aber wir wollen
ein andermal darüber reden.
O meine Tochter, wie sehr wünsche ich doch, daß wir eines Tages in
uns selbst vernichtet seien, um ganz für Gott zu leben, und daß unser
Leben mit Jesus Christus in Gott verborgen sei (Kol 3,3). O, wann wer-
den wir leben, ohne selbst zu leben, und wann wird Jesus Christus ganz
in uns leben (Gal 2,20)? Ich will jetzt ein wenig darüber betrachten und
dabei das königliche Herz des Erlösers für unser Herz anflehen. Ich bin
in Jesus Christus mehr der Ihre und staune, wie sehr dies noch zunimmt.
Ja, ich sage es ganz aufrichtig, ich dachte nicht, das zu vermögen, was ich
darin vermag, und ich finde eine Quelle, die mich immer reichlicher
mit Wasser versorgt. Ach, es ist Gott, ohne Zweifel.
Wir müssen nun ganz großen Mut fassen; um Gott so entschieden und
tapfer zu dienen, wie wir nur vermögen; denn denken wir doch, warum
hat er aus zwei Herzen nur ein einziges machen wollen, wenn nicht
deswegen, daß dieses Herz über alle Maßen kühn, tapfer, mutig, bestän-
dig und voll Liebe zu seinem Schöpfer und Erlöser sei, durch den und in
dem ich ganz der Ihre bin ...

Annecy, 10. Juni 1610.


Es ist wahr, liebe Schwester, meine Tochter, ich war ein wenig körper-
lich müde; aber wie könnte ich es im Geist und im Herzen sein, da ich
doch eine so göttliche Arznei vor meine Brust gehalten und ganz an
mein Herz gedrückt habe, wie ich es heute morgen während der ganzen
Prozession tat? Ach, wenn ich mein Herz aus Demut ganz hohl und
durch Selbsterniedrigung ganz klein gemacht hätte, so hätte ich zweifel-
los dieses göttliche Pfand in mich hineingezogen; es hätte sich in mir
verborgen; denn er liebt diese Tugenden so sehr, daß er sich leiden-
schaftlich auf sie stürzt, wo er sie findet.

209
Der Sperling findet eine Stätte und die Turteltaube ein Nest, wohin sie
ihre Jungen legt, sagt David (Ps 84,4). Mein Gott, wie sehr hat mich das
ergriffen, als man diesen Psalm sang! Denn ich sagte: O teure Königin
des Himmels, keusche Turteltaube, ist es denn möglich, daß dein Kind-
lein jetzt meine Brust zum Nest hat? Auch jenes Wort der Braut hat
mich sehr gerührt: „Mein Geliebter ist mein und ich bin sein“ (Hld
2,16); „er bleibt an meiner Brust“ (Hld 1,12); denn an meiner Brust
hielt ich ihn ja. Und die Worte des Bräutigams: „Lege mich wie ein
Siegel auf dein Herz!“ (Hld 8,6). Ach ja, meine Tochter; aber da ich nun
das Siegel weggenommen habe, sehe ich auch nicht mehr den Abdruck
seiner Züge in meinem Herzen. Gibt es eine Wonne, die dieser ver-
gleichbar wäre?
Was die bewußte Angelegenheit102 betrifft, so kann ich nichts sagen,
als daß man sich in einer Stunde zum geringeren Übel entschließen
kann. Hat man aber den Entschluß einmal gefaßt, soll man sich damit
zufrieden geben. Denn – nach welcher Seite man immer die Angelegen-
heiten dieser Welt drehen und wenden mag – so wird es immer viele
Dinge zu wünschen und zu nörgeln geben. Ist man einmal zu etwas ent-
schlossen, soll man nicht mehr seine Zeit damit verlieren, in seiner
Phantasie nach etwas Besserem auszuschauen, sondern trachten, die
gegenwärtigen Schwierigkeiten gut zu überstehen. Wir können ihnen
nicht entgehen, ohne wieder auf andere, ebenso große Schwierigkeiten
zu stoßen, denn überall gibt es solche.
Guten Abend, meine sehr liebe Tochter; der göttliche Heiland, die
einzige Liebe unseres Herzens, sei unsere Ruhe ewiglich. Amen.
Franz, Bischof von Genf.

210
II. BRIEFE AN DIE
MUTTER V ON CHANT
VON CHANTAAL

Annecy, 23. oder 24. Juni 1610.


Muß ich nicht, meine liebe Schwester, da ich Sie schon nicht sehen
kann, Ihnen zumindest im Geiste ein gutes Fest wünschen?
O Gott, welch großer Heiliger offenbart sich da den Augen unserer
Seele! Wenn ich ihn so in der Wüste betrachte, weiß ich nicht, ob es ein
Engel ist, der sich den Anschein gibt, ein Mensch zu sein, oder ein
Mensch, der danach strebt, ein Engel zu werden. Welchen Beschauun-
gen, welchen Geisteserhebungen gibt er sich dort hin!
Bewunderungswürdig schon seine Nahrung (Mt 3,4); denn der Honig
stellt die Köstlichkeit des beschaulichen Lebens dar, gesammelt aus den
Blüten der heiligen Geheimnisse. Die Heuschrecken sind ein Bild des
tätigen Lebens, denn die Heuschrecke bewegt sich nicht auf der Erde
fort, noch fliegt sie in der Luft, sondern man sieht sie in einer eigenarti-
gen Mischung von Sprüngen in der Luft, von Berührungen der Erde und
wieder Sprüngen in die Luft. Denn auch jene, die ein tätiges Leben füh-
ren, erheben sich zuweilen in die Luft und berühren dann wieder die
Erde. Die Heuschrecke lebt vom Tau und tut nichts als zirpen. Meine
liebe Tochter, wenn wir auch gemäß unserer sterblichen Natur die Erde
berühren müssen, um den Notwendigkeiten dieses Lebens zu entspre-
chen, so soll doch unser Herz nur den Tau des Wohlgefallens Gottes in
all dem genießen und alles zum Lobpreis Gottes werden lassen.
Was aber bedeutet es, daß dieser Engel in Menschengestalt mit Ka-
melhaar bekleidet war? Das Kamel, mit seinen Höckern besonders ge-
schaffen, um Lasten zu tragen, stellt den Sünder dar. Ach, wie recht-
schaffen die Christen auch sein mögen, sie dürfen doch nicht vergessen,
daß sie von der Sünde umgeben sind; und wenn die Sünde sie auch nicht

211
berührt, so gibt es doch zumindest immer die Haare der Gedanken,
Versuchungen und Gefahren. Ach, welch geeignetes Gewand, um die
Heiligkeit zu wahren, ist doch das Kleid der Demut!
Sehen Sie bitte diesen heiligen jungen Mann zurückgezogen in der
Einsamkeit: dort ist er aus Gehorsam und wartet, daß man ihn ruft, um
zum Volk zu gehen. Obwohl er den Erlöser schon im Mutterschoße
erkannt und zärtlich gegrüßt hatte (Lk 1,41.44), hält er sich von ihm
fern, um sich nicht dem Gehorsam zu entziehen, da er wohl wußte, daß
er den Erlöser gänzlich verlieren würde, wenn er ihn außerhalb des
Gehorsams finden wollte.
Außerdem war er von einer alten, unfruchtbaren Frau geboren worden,
um uns zu lehren, daß Trockenheit und unfruchtbare Zeiten trotzdem in
uns die heilige Gnade hervorbringen; denn Johannes bedeutet Gnade.
Vor allem aber, meine liebe Tochter, betrachten Sie, wie sein Vater
Zacharias, sobald er den Namen dieses glorreichen Kindes auf sein
Wachstäfelchen geschrieben hatte, sogleich zu weissagen beginnt und
den heiligen Gesang des Benedictus anstimmt. Sicherlich wird dieser
Name – ich meine die Verehrung und Nachahmung dieses Heiligen –
wenn er in unseren Herzen eingegraben ist (Lk 1,63 f; 67-69), uns weis-
sagen und Gott überströmend preisen lassen.
Ich liebe diese schöne Wald-Nachtigall, die, ganz Stimme und Ge-
sang, auf die Straßen von Judäa hinauszog und als erste das Aufsteigen
der Sonne verkündete (Mt 3,1 f; Lk 3,15 f). Ich bitte ihn, er möge Ihnen
von seinem Honig, seinen Heuschrecken geben und seinen Kamelhaar-
mantel übertragen. Franz, Bischof von Genf.

Annecy, 30. Juni 1610.


Wie froh bin ich, meine liebe Tochter, daß diese beiden Töchter unse-
res Herzens1 morgen nicht fasten können und statt dessen kleine unfrei-
willige Abtötungen haben; denn ich liebe besonders die Leiden, die uns
der himmlische Vater allein auswählt und zuteilt, mehr als die selbstge-
wählten. Sie aber, da Sie kräftig sind, werden also bei Wasser und Brot
fasten. Das versteht sich, meine liebe Tochter (denn wenn ich es Ihnen
nicht sage, werden Sie es nicht verstehen wollen), das versteht sich für
das kommende Jahr, wenn der Fasttag dann eintrifft; denn für dieses
Jahr müssen wir wirklich Jude sein unter Juden und Heide unter Hei-
den (1 Kor 9,20 f), müssen mit den Essenden essen und mit den Lachen-
den lachen, wie der große Apostel sagt (Röm 12,15). Führen Sie also
Ihre kleinen Schäflein auf die Weide, meine liebe Tochter.

212
Morgen aber werden Sie die arme, kleine, junge Frau vor Augen ha-
ben, die, den Gottessohn in ihrem Schoß, sich behutsam an ihren lieben
und heiligen Gemahl wendet, um ihre alte Base Elisabet besuchen zu
dürfen; Sie werden sehen, wie sie ihren lieben Nachbarinnen auf drei
Monate Lebewohl sagt, weil sie so lange auf dem Land und im Gebirge
zu bleiben gedenkt (Lk 1,56.39); ich denke, daß alle sich von ihr zärtlich
verabschiedeten, weil sie ja so liebenswürdig und freundlich war, daß
man mit ihr nicht sein konnte, ohne sie zu lieben, noch sie verlassen,
ohne darunter zu leiden.
Sie unternahm ihre Reise mit einiger Eile; denn der Evangelist sagt
(Lk 1,39), daß sie „ins Gebirge eilte“. Ach, sie spürte die ersten Regun-
gen des Kindes unter ihrem Herzen und das erfüllte sie mit heiligem
Eifer. O heilige Eile, die nicht beunruhigt, die uns antreibt, ohne uns zu
hetzen! Die Engel machen sich auf, sie zu begleiten, der hl. Josef, um sie
mit Liebe zu führen. Ich möchte gern etwas von den Gesprächen zwi-
schen diesen beiden großen Seelen wissen, denn es würde Sie freuen,
wenn ich es Ihnen sagte. Überlegen Sie, daß das ganze Empfinden der
heiligen Jungfrau nur zu dem hindrängt, was sie unter ihrem Herzen
trägt, daß sie förmlich nur den Heiland atmet, während der hl. Josef
wieder nur sich nach dem Erlöser sehnt, der durch geheime Strahlen
sein Herz mit Tausenden außerordentlicher Empfindungen berührte.
Und so wie die in den Kellern gelagerten Weine den Duft der Rebenblü-
te ausatmen (Hld 2,13), ohne ihn selbst zu riechen, so empfand das Herz
dieses heiligen Patriarchen, ohne es wahrzunehmen, auch den Duft, die
Kraft und Macht des kleinen Kindes, das in seinem schönen Weinberg
erblühte. O Gott, welch schöne Pilgerschaft! Der Erlöser ist ihnen gleich-
sam Pilgerstab, Mantel und Reisezehrung mit einem Wein, der die En-
gel und Menschen froh (Ps 104,15) und Gott Vater mit maßloser Liebe
trunken macht.
Guten Abend, liebe Schwester, meine Tochter; guten Abend auch mei-
nen lieben Töchtern; empfehlen Sie mich der teuren Herrin unseres
Lebens.

Annecy, (Juli-August) 1610.2


Ich danke Ihnen, meine liebe Schwester, meine Tochter, für Ihre bei-
den Brieflein. Das ist recht, daß man sich bemüht, das Leiden der guten
Nichte3 zu heilen; sie hat mir zwar davon gesprochen, aber so gering-
schätzig, daß ich es für eine Kleinigkeit hielt. Gott sei gelobt!
Gestern ließ mich Herr von Lux wissen, daß sich Ihr Vater wohlbefin-

213
det. Schlafen Sie nur bis sechs, ja sogar bis sieben Uhr, wenn Sie es
brauchen.
Heute habe ich nur eine kurze Betrachtung gehalten, aber mit Gottes
Hilfe werde ich mich noch mehr dem Gebet widmen; denn ich will
Ihnen schon Rechenschaft darüber ablegen, was Sie mit Recht und aus
Liebe für unsere Seele wünschen. Der Schwester geht es besser und mir
sehr sehr gut.
Ich grüße diese lieben Töchter um Sie herum; ihnen gehört meine
zärtliche Liebe in Jesus Christus, und Sie, meine liebe Tochter, Sie sind
mein eigenes Herz in ihm, der, um unser Herz zu haben, uns sein Herz
ganz bloß daliegend zeigt. Ich grüße sehr meine liebe Kleine4 und meine
Schwester Françoise,5 doch ist mein Blick jetzt so sehr auf unsere Kon-
gregation gerichtet, daß ich Tag und Nacht bei ihr bin ...

Annecy, 7. September 1610.


Ich finde die von Ihnen erwähnte Methode bestimmt noch besser,
Pater de Monchi ganz offen Ihren Gedanken zu schreiben, meine sehr
teure Tochter, denn nachher gibt es darüber nichts zu reden. Der gute
Bruder, der hier ist, wird erst am Donnerstag abreisen, denn heute war
ich den ganzen Tag so überbeschäftigt, daß es ärger nicht mehr sein
kann.
Fasten Sie nicht, meine sehr teure Tochter, auch nicht unsere Tochter
von Bréchard; wenn Sie wieder völlig hergestellt sind, werde ich nicht
vergessen, Sie dafür an einem Samstag fasten zu lassen.
Schicken Sie mir unsere Françon6 heute abend zur Beichte. Reden Sie
freundlich, aber ernst mit dem guten Kind de Grenier, von dem ich
hoffe, daß es sich gut machen wird.
Unser lieber Neffe7 möchte nicht zu seinem Vater8 zurückkehren, doch
sehe ich nicht, wie das gehen soll ...
Übrigens fand ich mich heute Morgen in Gelassenheit und Ruhe des
Geistes, ohne irgendein Empfinden des Staunens darüber, daß ich durch
ein Vorgefühl ihres milden Lichtes klar erkannte, die Ankunft Unserer
lieben Frau sei nahe. Ich möchte gern ein wenig eingehend mit Ihnen
darüber reden.
Einstweilen guten Abend, meine sehr teure Tochter, meine Schwe-
ster; erweisen Sie diesem himmlischen Kindlein, das nun kommt, alle
Ehre und erbitten Sie ihre Gunst, um jene ihres Sohnes zu erlangen.
Niemals empfand ich solch heilige Zuneigung, wie ich sie jetzt zu unse-
rer Seele und unserem ganz einzigen Herzen fühle.

214
Annecy, 28. November 1610.
Meine sehr teure Tochter, Sie wollen einige gute Gedanken, die unse-
ren Schwestern helfen sollen, die Adventszeit so fromm zu verbringen,
wie sie es ersehnen. Was soll ich Ihnen sagen, meine Tochter, als daß die
heilige römische Kirche, unsere Mutter, heute ihre Kinder nach Santa
Maria Maggiore führt, um dort Station9 zu halten und den Advent zu
beginnen. Tun wir das gleiche, meine sehr teure Tochter; gehen wir im
Geist auf die Absicht der heiligen Kirche ein und ziehen wir uns in
dieser Gemeinschaft mit ihr zurück zu der heiligen Jungfrau, unserer
guten Mutter und Herrin.
Wir wollen in diesem Monat drei Vorbilder sehen, die nicht nur im-
stande sind, unsere Seelen zu beschäftigen, sondern die unsere Herzen
in die heilige Liebe entrücken sollen: 1. Maria, die unbefleckt Empfan-
gene; 2. den hl. Johannes, das Kind der Gnade, den Rufer in der Wüste,
damit die Wege geebnet werden für den Bräutigam, der kommen soll
(Jes 40,3.4; Mt 3,1-3); 3. eben diesen Bräutigam und Erlöser, der in
seiner heiligen Geburt zu uns kommt, so daß wir zu Weihnachten froh
singen können: „Immanuel oder Gott mit uns“ (Jes 7,14; Mt 1,23).
Das ist genug Stoff zur Betrachtung, meine Tochter, bis ich Sie wieder-
sehe mit der lieben kleinen Schar, die Gott segnen möge.

Annecy, (28. November 1610).


Gott befohlen, meine Tochter. Es war mir ein Trost, vor meinem lie-
ben Volk über die Gottesfurcht zu predigen, und es wird mir auch eine
Freude sein, über seine Liebe zu meiner reinen Taubenschar zu predi-
gen, unter der ich Sie als ganz die meine betrachte in Ihm, dem wir unser
Herz geschenkt haben.

Annecy, 3. Dezember 1610.10


Bei dem neuen Mut, den wir fassen, sehe ich das Fest der Unbefleck-
ten Empfängnis Unserer lieben Frau herannahen, ein Fest, das die mit
ganz besonderer Andacht feiern, die ihrem Dienst geweiht und hingege-
ben sind. Damit sie denn unsere Seele und unsere ganze Kongregation
unter ihren besonderen Schutz nehme, wollen wir an diesem Tag begin-
nen, täglich die heilige Kommunion zu empfangen. Ich mache Sie schon
im voraus darauf aufmerksam, damit Sie die Tage bis zum Fest zur Vor-
bereitung auf den Empfang eines so herrlichen Geschenkes verwenden.
Die großen Heiligen, deren Feste wir in diesen Tagen feiern, kommen

215
uns gerade recht zu Hilfe: der hl. Nikolaus, der hl. Ambrosius und mor-
gen die hl. Barbara. Sonntag ist der Tag, an dem der Heiland unserer
Seelen so herrliche Lobesworte für den hl. Johannes den Täufer findet
(Mt 11,2-10).
Ich grüße Sie, meine sehr teure Tochter, ohne damit sagen zu wollen,
daß ich Sie nicht aufsuchen werde, wenn ich kann.

Annecy, 5. Dezember 1610.


Mein Gott, meine liebe Tochter, gewiß verlangt es mich sehr, Sie zu
sehen. Im übrigen befinde ich mich recht wohl und auch Ihr Herz, so-
weit ich dies erkennen kann. Ich habe heute Morgen mit ganz besonde-
rer Innigkeit für unseren Fortschritt in der heiligen Liebe zu Gott gebe-
tet und verspüre eine Sehnsucht, größer denn je zuvor, nach dem Wohl
unserer Seele. Ach, sagte ich, Heiland unseres Herzens, da wir nun alle
Tage an Deinen Tisch treten werden, um nicht nur Dein Brot zu essen,
sondern Dich selbst, der Du unser lebendiges (Joh 6,51) und übernatür-
liches (Mt 6,11) Brot bist, bewirke, daß wir jeden Tag diese ganz voll-
kommene Speise in der richtigen und vollkommenen Weise in uns auf-
nehmen und so ewiglich leben, erfüllt von Deiner heiligen Gnade, Güte
und Liebe.
Ich gehe zur Predigt des Paters Franziskus; heute Abend halte ich
selbst die Predigt in St. Klara; an einem der nächsten Abende, vielleicht
morgen, muß ich nach Dijon schreiben, denn am Dienstag geht ein Bote
dahin ab; aber wenn ich kann, werde ich Sie schon aufsuchen. Guten
Abend, einzige und sehr liebe Schwester, meine Tochter. Ich will nicht,
daß Sie heuer fasten.

Annecy, (8. Dezember) 1610.


So geht schließlich dieser schöne, so sehr für einen Besuch bei Ihnen
geeignete Tag vorbei, meine sehr liebe Tochter, ohne daß mir diese Freu-
de zuteil wurde; zumindest aber will ich dafür diese paar Zeilen schrei-
ben, die ich mir inmitten von Angelegenheiten, die gewisse Ordensleute
zu mir bringen, für Sie abspare.
Guten Abend also, meine sehr teure Tochter. Bemühen Sie sich, Ih-
rem armen Herzen behutsam Erleichterung zu verschaffen; hüten Sie
sich davor, ihm böse zu sein ob der ärgerlichen Gedanken, die es umga-
ben. Nein, meine Tochter, denn das arme Ding kann doch nichts dafür
und Gott selbst ist ihm darob nicht gram; im Gegenteil, seiner göttli-
chen Majestät gefällt es, zuzusehen, wie dieses arme, kleine Herz vor

216
dem Schatten des Bösen erzittert, wie ein Vogeljunges vor dem Schatten
des Falken, der über ihm kreist; denn das ist ein Zeichen dafür, daß es
gut ist, dieses Herz, und die schlechten Vorstellungen verabscheut.
Wir aber, meine sehr teure Tochter, haben unsere gute Mutter, unter
deren Fittichen wir uns bergen wollen. Flüchten wir zum Kreuz und
umarmen wir es von Herzen; bleiben wir im Schatten dieses heiligen
Baumes in Frieden. Mein Gott, unmöglich kann uns etwas verletzen,
solange wir fest entschlossen sind, ganz Gott anzugehören; und wir wis-
sen doch, daß wir dies wollen.
Nochmals guten Abend, meine sehr teure Tochter; beunruhigen Sie
sich nicht, machen Sie sich über den bösen Feind lustig, denn Sie sind in
den Händen des Allmächtigen. – Gott sei immerdar unsere Kraft und
unsere Liebe! Morgen werden wir Sie, meine ganz liebe, einzige Tochter
meines Herzens, mit Hilfe seiner Gnade aufsuchen.

Annecy, 25. Dezember (1610).


O mein Jesus! Wie schön ist doch diese Nacht, meine sehr teure Toch-
ter! „Die Himmel“, singt die Kirche, „lassen von allüberall her Honig
träufeln ... “
Aber ich bitte Sie, meine liebe Tochter, bin ich nicht anmaßend, zu
denken, daß unsere beiden Schutzengel sich unter der lieben Schar der
himmlischen Musizierenden befinden, die in dieser Nacht ihr Loblied
sangen? O Gott, wenn sie diesen himmlischen Gesang neuerlich für die
Ohren unseres Herzens anstimmen möchten, welche Freude, welcher
Jubel! Ich flehe sie darum an, damit Ehre sei im Himmel und auf Erden
Friede den Menschen guten Willens (Lk 1,12.14).
Da ich nun von der Feier der heiligen Geheimnisse zurückkomme, will
ich meine liebe Tochter begrüßen. Denn ich glaube, daß selbst die Hirten
sich ein wenig nach der Anbetung des himmlischen Kindes ausruhten, das
der Himmel selbst ihnen angekündigt hatte (Lk 2,8-11). Ach, o Gott, ich
kann mir denken, wie süß ihr Schlummer gewesen sein muß. Sie meinten
wohl immer noch die heilige Melodie der Engel zu hören, deren Gruß sie
so ausgezeichnet hatte, und sie meinten wohl immer noch das liebe Kind
und die Mutter zu sehen, die sie besucht hatten.
Was möchten wir denn unserem kleinen König geben, was wir nicht
von ihm (1 Kor 4,7) und seiner göttlichen Freigebigkeit erhalten haben?
So will ich ihm denn beim heiligen Hochamt die einzigartig geliebte
Tochter schenken, die er mir gegeben hat. Ach, Heiland unserer Seelen,
lasse sie in der Liebe ganz Gold werden, in der Abtötung ganz Myrrhe

217
und im Gebet ganz Weihrauch. Dann empfange sie in den Armen Dei-
ner heiligen Hut und Dein Herz möge zu ihrem Herzen sagen: „Ich bin
dein Heil“ (Ps 35,3) von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.
Ihr Vater und Diener, der Sie sehr lieb hat ...

Annecy, (Ende 1610-1611).11


Ich wünsche Ihnen einen überaus guten Abend, meine, ja ganz meine
sehr teure Tochter, da ich vor allem fürchte, daß die ärztliche Behand-
lung12 Ihnen manche Unannehmlichkeit bereitet an Ermüdung, Erre-
gung und Hitzen. Ich weiß aber, daß Sie all dies ganz sanftmütig ertragen
werden, denn Sie sind recht vernünftig, meine liebe Tochter, und werden
niemals etwas zu hart finden, was unser Herr Ihnen schickt.
O, ich flehe diesen Heiland an, er möge unser Herz auch in Wirklich-
keit zu dem seinen machen, so wie es ihm durch Liebe schon seit langer
Zeit gehört. Ja, gewiß, meine, ganz meine sehr teure Tochter, wir hegen
keine andere Liebe in unserem Herzen als die zu seiner göttlichen Güte,
und wir möchten auch keine andere dulden, so klein sie auch sein mag.
Guten Abend, meine ganz liebe Tochter. Bleiben Sie in Frieden! Es
lebe Jesus! Die liebe Nichte13 wird mir sagen, wie Sie es gemacht haben.

Annecy, um den 6. Januar 1611.14


Meine sehr teure Tochter, meine Schwester!
Mein Herz muß wohl das Ihre im Namen unseres Herrn begrüßen. So
bitte ich denn diese höchste Reinheit und Klarheit, sie möge unser Herz
mit ihrem Licht und in ihrer Liebe erleuchten, damit es in diesem Licht
wandle und in dieser Liebe lebe, so daß alles nur in diesem Licht gese-
hen, alles nur in dieser Liebe geliebt werde.
Ich habe wohl das Büchlein gefunden, von dem ich Ihnen erzählte; ich
bin aber darin auf so harte Stellen gestoßen, daß ich es Ihnen nicht
überlassen will, ohne ein Vorwort geschrieben zu haben, das es Ihnen
verständlicher und weniger holprig machen soll. Bleiben Sie indessen
ganz in Gott und bitten Sie ihn, er möge sich unser Herz ganz einzigartig
einfach und vorbehaltlos zu eigen machen.
Ich muß Ihnen noch von einem kleinen Vorhaben berichten, das die
Ehre Gottes und die Rückführung einer großen Seele zum Ziele hat.
Wenn ich kann, will ich dies heute tun; wenn nicht, dann morgen.
Leben Sie denn wohl, meine ganz einzig liebe Schwester, meine Toch-
ter; Jesus behüte immerdar Ihr Herz!

218
Annecy, um den 12. oder 20. Januar 1611.
Sie sollen wissen, meine sehr teure Tochter, daß die höhere Ehre Got-
tes, die die höchste Herrin unserer Bestrebungen ist, mich bei dieser
guten Frau von Saint-Cergues15 zurückgehalten hat, um deren Rückfüh-
rung Sie gebetet haben. Denn da ich sie geneigt sah, den letzten Ent-
schluß zu ihrem Heil zu fassen, wollte ich sie nicht verlassen, bevor sie
sich dazu entschlossen hatte, wofür ich unseren Herrn von ganzem Her-
zen preise. Und auch Sie sollen ihn von ganzem Herzen preisen und
unser beider Herzen werden ihm lobsingen. Ich meine wohl, daß seine
göttliche Majestät durch diese Bekehrung verherrlicht wird.
Ich freue mich, daß sie ein wenig Erholung bei Ihnen gefunden hat, denn
sehen Sie, der Schritt, den sie vollziehen will, wird sie immer noch kleine
Geburtswehen kosten. Wir haben beschlossen, uns morgen zu sehen und
auf meinen Rat hin mit ihrer Beichte und der Vorbereitung auf die heilige
Kommunion zu beginnen, die wir am Sonntag ebenfalls in Ihrem Oratori-
um feiern werden. Ich hoffe, meine sehr teure Tochter, daß die Engel auf das
Schauspiel des Schlußaktes zur Rückführung dieser Seele herabschauen
werden. Daher möchte ich ihn gerne bei Ihrer lieben kleinen Schar vollzo-
gen sehen, damit sie auf uns alle mit außerordentlicher Freude herabschau-
en und wir mit den himmlischen Geistern das Freudenmahl für dieses
heimgekehrte Kind feiern können (Lk 15,10.23 f; 32).
Ich bitte unseren gütigen Heiland, er möge seine liebevolle und wohl-
tuende Güte über Sie verströmen, damit Sie in ihm heilig, heil und fried-
lich ruhen; und er möge väterlich über Sie wachen, da er die höchste
Liebe unseres untrennbaren Herzens ist. O Gott, meine liebe Tochter,
ich empfehle Ihnen unser armes Herz. Erleichtern, trösten Sie es und
gönnen Sie ihm Erholung, so gut und so oft es Ihnen möglich ist, damit
es Gott dienen könne; denn dafür müssen wir es pflegen. Es ist das
Opferlamm, das wir Gott darbringen sollen, wir müssen es also in gu-
tem Zustand und gut genährt halten, wenn es möglich ist. Es ist das
Brautbett, das wir mit Blumen bestreuen sollen (Hld 1,15). Trösten Sie
also dieses arme Herz, meine liebe Tochter, und geben Sie ihm mög-
lichst viel Freude und Frieden. Ach, was können wir denn anderes wün-
schen als dies?
Es lebe Gott, meine Tochter! Entweder Gott oder nichts; denn alles,
was nicht Gott ist, ist nichts oder schlimmer als nichts. Bleiben Sie nur
ganz in ihm, meine liebe Tochter, und bitten Sie ihn, daß auch ich ganz
in ihm bleibe; und in ihm wollen wir uns auch machtvoll lieben, meine
Tochter, denn wir werden niemals zu viel, noch genug lieben. Welche

219
Freude, lieben zu können, ohne ein Übermaß fürchten zu müssen! Ein
solches gibt es aber nicht, wo man in Gott liebt.
Ich sende Ihnen diesen „Spiegel der Liebe“16 und werde ihn nach Ih-
nen durchsehen, wonach es mich verlangt, da ich diese von den Kartäu-
sern gemachte Übersetzung für vollkommen halte ...

Annecy, (Februar 1611).17


O Gott, meine liebe Tochter, ich beteure, und zwar aus meinem gan-
zen Herzen, das mehr Ihnen gehört als mir, wie sehr es mir leid tut, Sie
heute nicht besuchen zu können. Unsere Herrin, die Ehre Gottes, hat es
so eingerichtet, und Sie wissen, meine sehr liebe Tochter, welche Treue
ihr unser Herz gelobt hat, das ganz einzigartig eines ist. Darum lasse ich
sie ohne Vorbehalt über meine Neigung herrschen in allen Fällen, da ich
erkenne, was sie von mir verlangt. Morgen aber werde ich Sie mit Gottes
Hilfe eine gute Stunde vor der Predigt aufsuchen und wir wollen über
unseren Vorsatz sprechen, den Sie, meine liebe Tochter, sehr anspre-
chend und unseres untrennbaren Herzens würdig finden werden.
Dann also guten Abend Ihnen, ganz meine Tochter. Ich möchte Ihnen
das Gefühl schildern können, das ich heute beim Empfang der heiligen
Kommunion über unsere teure Einheit empfand, denn es war groß, voll-
kommen, milde, machtvoll und gleichsam eine Art Gelöbnis und Weihe.
Guten Abend, Tochter meines Herzens, oder vielmehr meine Tochter
und mein Herz. Bleiben Sie ganz in Frieden, ganz in Ruhe und vor
allem, ganz in Gott. Lassen Sie mir ein paar Worte schreiben, denn ich
traue diesen Boten nicht ganz.

Annecy, (März 1611).18


Meine sehr liebe Tochter, ich bin es recht zufrieden, daß Sie sich ruhig
dem heiligen Gebet zuwenden, um unserem armen Herzen ein wenig
Erholung bei seinem Heiland zu gönnen, der wie ein Balsamstrauch
stets einige Tropfen seines heiligen Balsams auf uns herabträufelt, die
friedlich in der Erwartung verharren. Bleiben Sie also morgens eine
halbe und abends eine Viertelstunde dabei und versteifen Sie sich nicht
darauf, zu knien; es genügt auch, wenn Sie dabei sitzen.
Sie können Herrn de la Tour schon empfangen; Gott erweise ihm die
Gnade, aus Ihrer Unterhaltung mit ihm Nutzen zu ziehen, und auch
dem Baron von Effrans, mit dem Sie ein wenig über seine Übungen
sprechen müssen ...

220
Annecy, 9. März 1611.
Ja, meine liebe Tochter, wir werden also, ohne uns halsstarrig zu zeigen,
den Namen Schwestern „Oblatinnen“19 ändern, da diese Bezeichnung die-
sen Herren so sehr mißfällt; wir werden aber niemals unser Vorhaben und
das ewige Gelöbnis ändern, immerdar die ganz demütigen Dienerinnen
der Mutter Gottes zu sein. Erneuern Sie das Versprechen dafür bei Ihrer
Kommunion, ich werde desgleichen beim Meßopfer tun.
Ach, heute sind es zwölf Jahre her, daß ich die Gnade hatte, im Klo-
ster dieser heiligen römischen Witwe das Meßopfer zu feiern mit tau-
sendfachen Wünschen, sie mein ganzes Leben lang zu verehren. Da sie
unsere heilige Patronin ist, muß sie unser Vorbild sein. Sie liebte wohl
ihren kleinen Baptist ebensosehr, wie Sie Ihren Celse-Benigne lieben,
überließ es aber Gott zur Gänze, über ihn nach seinem Willen zu verfü-
gen, und er machte aus ihm ein Kind des Heiles. Das gleiche erhoffe ich
auch für das teure Kind meiner sehr lieben Mutter.

Annecy, (März) 1611.20


Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, meine sehr liebe Tochter. Es ko-
stete mich Überwindung, Sie heute nicht besuchen zu können, da ich
zwei Meilen von hier zu tun habe, um einen größeren Streit unter unse-
ren Franzosen beizulegen. Vor der Abreise aber will ich die Messe fei-
ern, wie immer für unser Herz, das unser Herr mit tausend und abertau-
send Segnungen, vor allem mit dem Segen seiner ganz vollkommenen
Liebe erfüllen möge.
Einen guten Tag also, meine liebe Tochter, und sagen Sie mir, wie es
Ihnen geht. Leben Sie zumindest froh im Heiland, dessen Dienst ganz
vorbehaltlos geweiht zu sein, wir überglücklich sind.

Annecy, 17. März 1611.


Ich bitte Sie inständig, meine liebe Tochter, halten wir uns ganz zu
Füßen des Kreuzes, überfroh, wenn nur irgendein Balsamtropfen, der
diesem Kreuz überall entquillt, auf unser Herz fällt und wir eines dieser
niedrigen Gräser pflücken können, die im Umkreis des Kreuzes wachsen.
O meine sehr teure Tochter, ich möchte gern mit Ihnen ein wenig über
die Größe dieses gottgesegneten Heiligen sprechen, den unser Herz liebt,
weil er die Liebe unseres Herzens und das Herz unserer Liebe genährt
hat. Bei diesen Worten: „Herr, verfahre gnädig mit denen, die gut und
geraden Herzens sind“ (Ps 13,4), meine ich, o wahrer Gott, wie gut und
geraden Herzens mußte doch dieser Heilige sein, da Gott so gut zu ihm

221
war, ihm die Mutter und den Sohn anzuvertrauen. Denn mit diesen bei-
den als Unterpfand beschenkt, mochte er wohl den Engeln Neid einflö-
ßen und den gesamten Himmel herausfordern, ob dieser mehr besäße
als er: denn was wäre unter den Engeln vergleichbar mit der Königin der
Engel und was wäre in Gott mehr als Gott?
Guten Abend, meine ganz liebe Tochter. Ich bitte diesen großen Hei-
ligen, der unseren Heiland so oft liebkoste und wiegte, er möge Ihnen
die inneren Liebkosungen schenken, derer Sie zum Wachsen Ihrer Lie-
be zu diesem Erlöser bedürfen; möge er Ihnen den inneren Frieden in
überreichem Maß erbitten, indem er Sie tausendfach segne. Es lebe Je-
sus, es lebe Maria und auch der große hl. Josef, der Nährvater unseres
Lebens!
Gott befohlen, meine Tochter; die Witwe von Naim ruft mich zum
Begräbnis ihres lieben Sohnes (Lk 7,11-16). Dabei denke ich an das, was
Sie mir von Ihrem Sohn schreiben. Wir wollen Gott angehören, ohne
Ende, ohne Einschränkungen, maßlos. Jesus sei unsere Krone, Maria
unsere Wonne!
Ich bin im Namen des Sohnes und der Mutter Ihr stets getreuer Diener ...

Annecy, 29. April (1611).


Ich gehe nun zum Altar, meine liebe Tochter, wo mein Herz tausend
Wünsche für Ihr Herz ausströmen wird; oder vielmehr, wo unser Herz
tausend Segnungen über sich selbst ausströmen wird; denn so spreche
ich mehr der Wahrheit gemäß.
O Gott, meine liebe Schwester, meine sehr teure Tochter, da ich gera-
de von unserem Herzen rede, warum geschieht es uns nicht wie dieser
gesegneten Heiligen, der hl. Katharina von Siena, deren Fest wir heute
abends beginnen: daß der Heiland unser Herz wegnehme und statt des-
sen sein Herz in die Brust lege? Aber wird es ihm nicht schneller gelin-
gen, unser Herz ganz, unumschränkt, rein und unwiderruflich ihm zu
eigen zu machen? O möge er es tun, der gütige Jesus! Ich flehe ihn
darum an bei meinem eigenen Herzen und bei der diesem Herzen inne-
wohnenden Liebe, welche die Liebe aller Liebe ist. Und wenn er es nicht
tut (o, er wird es aber zweifellos tun, da wir ihn darum anflehen), wird er
es zumindest nicht daran hindern, daß wir sein Herz nehmen, da er doch
seine Brust dazu aufgetan hat. Und wenn wir unsere Brust auftun soll-
ten, um unser Herz herauszunehmen und das seine hineinzulegen, wer-
den wir es nicht tun?
Sein heiliger Name sei immerdar gesegnet!

222
Gex, um den 10. Mai 1611.
... Gott, der mir beisteht, möge nach unserem Wunsch meine Person
und meine Handlungen zu seiner Ehre und seinem Ruhm werden las-
sen. Wir müssen uns bemühen, Heilige zu werden, um Gott und den
Nächsten richtig zu dienen.
Gottes Güte läßt mich gewiß große und wohltuende Freuden genießen,
die ihren Ursprung erkennen lassen. O, wie gut ist doch unser Heiland
und mit welcher Zartheit behandelt er meinen armen schwächlichen Mut!
Ich bin aber fest entschlossen, ihm ganz treu zu sein, besonders im Dien-
ste unseres Herzens, das ich – fühlbarer denn je – als ein einziges sehe und
spüre. O Gott, meine liebe Tochter, wer könnte wohl zwei Wesen so voll-
kommen vereinen, um nur ein einziger und untrennbarer Geist zu wer-
den, wenn nicht ER, der die Einheit seinem Wesen nach ist?
Die sich alle Tage mehr häufenden kirchlichen Angelegenheiten wer-
den mich hier länger zurückhalten, meine sehr teure Tochter, als ich
dachte; aber es ist mir dies gewiß sehr angenehm, da es zur Ehre Gottes
und zum Dienst an den von ihm erlösten Seelen geschieht. An verschie-
denen Orten dieses Gaues verlangen diese, man möge ihnen den katho-
lischen Kult wieder einsetzen. Mein Gott, meine ganz teure Tochter,
welch ehrenvolle und schöne Mühe ist doch dies für mich, die mich
hoffen läßt, daß dieses ganze Land – wenn schon nicht jetzt – so doch
zumindest später einmal gereinigt werden könnte von der großen Seu-
che, die diese unselige Irrlehre dort verbreitet hat.
Gestern richteten wir den katholischen Kult in Divonne wieder ein,
einem großen, schönen Dorf. Für die folgenden Tage hat es den An-
schein, daß wir dasselbe noch in zwei anderen Orten tun können. Au-
ßerdem werden wir hier predigen und zu einigen irregegangenen Seelen
sprechen. Vielleicht werden wir sie nicht zurückführen können, denn
gewöhnlich verhindern menschliche Erwägungen die ihres Heiles; aber
wir glauben doch nicht wenig zu tun, wenn wir sie dazu bringen, daß sie
bekennen, wir hätten recht, was bis jetzt mehrere getan haben. Bitten
Sie, meine ganz einzige Tochter, den Heiland besonders um die Bekeh-
rung derer, um die ich mich schon zu bemühen begonnen habe, damit
sie die heilige Wahrheit sehen, ohne die sie nur verlorengehen würden.
Tausend- und abertausendmal am Tag findet sich mein Herz bei Ihnen
mit tausend und abertausend Wünschen ein, die es vor Gott zu Ihrer
Freude vorbringt. Ach, Herr Jesus, lebe und herrsche ewiglich in die-
sem Herzen, das Du uns gegeben hast.
Ihr sehr ergebener Diener ...

223
Gex, 19. Mai 1611.
Ich kann zwar nicht bei meinem Wort bleiben, meine sehr teure Toch-
ter, aber ich bleibe bei meinem Wunsch, heute Abend in Annecy zu sein.
Mit Gottes Hilfe wird dies morgen der Fall sein, denn die beruflichen
Angelegenheiten machen dies erforderlich. Inzwischen also guten Abend,
meine ganz einzige Tochter; unser Herr überhäufe Sie mit seiner Liebe.
Ich bin etwas besorgt wegen der Krankheit der kleinen lieben Schwe-
ster, obgleich ich einen guten Ausgang erhoffe. Ich grüße alle unsere
Töchter, Sie aber, meine sehr teure Tochter, sind wahrlich, ja ganz einzig
und wahrhaftig ich selbst. Es lebe Jesus! Amen.

Annecy, (22. Mai 1611).


... Erhebe dich Nordwind, komm Südwind, wehe in meinem Garten
und siehe, die Düfte werden ihm überreich entströmen (Hld 4,16). O
meine sehr teure Tochter, wie sehr ersehne ich doch diesen liebenswer-
ten Wind, der vom Süden, von der Wärme der göttlichen Liebe kommt;
diesen Heiligen Geist, der uns die Gnade schenkt, nach ihm uns zu
sehnen und für ihn zu leben.
Ach, wie gerne möchte ich Ihnen irgendein Geschenk machen, meine
liebe Tochter! Ach, abgesehen davon, daß ich so arm bin, schickt es sich
nicht, daß wir am Tag, an dem der Heilige Geist seine Gaben austeilt,
uns damit abgeben, unsere Gaben verschenken zu wollen; wir müssen
am Fest dieser großen Freigebigkeit nur zu empfangen wissen. Mein
Gott, wie sehr brauche ich doch in Wahrheit den Geist der Stärke! Denn
ich bin gewiß schwach und kraftlos; ich rühme mich aber dessen, damit
die Kraft meines Herrn in mir wohne (2 Kor 12,9 f). Ich will lieber
schwach sein vor Gott als stark, denn er nimmt die Schwachen in seine
Arme, die Starken aber führt er an der Hand. Die ewige Weisheit sei
immerdar in unserem Herzen, damit wir die Reichtümer der unendli-
chen Güte des gekreuzigten Heilands verkosten können.
Sagen Sie der großen Schwester, daß sie sich wie ich ihrer Schwäche
rühmen soll, welche so ganz geeignet ist, Kraft zu empfangen; denn wem
soll Gott Kraft verleihen, wenn nicht den Schwachen?
Guten Abend, meine sehr liebe Tochter. Dieses heilige Feuer, das
alles in sich verwandelt, möge auch unser Herz umgestalten, damit es
nur mehr Liebe sei und wir nicht mehr Liebende, sondern Liebe seien;
nicht mehr zwei, sondern ein einziges Wir-selbst, da die Liebe alle Din-
ge in der allerhöchsten Einheit vereint.
Gott befohlen, meine liebe Tochter; beharren wir im Streben nach

224
dieser Einheit, deren Gott uns schon hier erfreuen läßt in dem Maß, als
unsere Schwachheit sie ertragen kann, und die er uns im Himmel noch
viel vollkommener genießen lassen wird ...

Annecy, 10. Juni 1611.


Guten Tag, meine sehr liebe Tochter. Ein Vergleich, den ich heute mor-
gen zwischen zweien unserer Pfarrherren von Gex treffen mußte, nimmt
mir den Trost, meine liebsten Schäflein aufzusuchen und sie selbst mit
dem Lebensbrot zu speisen. Herr Roland wird mich vertreten. Dennoch
ist er kein geeigneter Bote, um Ihnen den Gedanken zu übermitteln, den
Gott mir heute Nacht eingegeben hat: daß nämlich unser Haus der Heim-
suchung durch seine Gnade adelig und ansehnlich genug ist, um sein Wap-
pen, seinen Wappenschild, seinen Wahlspruch und seinen Schlachtruf zu
haben. Ich habe also gedacht, wenn Sie damit einverstanden sind, meine
liebe Mutter, wollen wir als Wappen ein einziges, von zwei Pfeilen durch-
bohrtes, von einer Dornenkrone umschlossenes Herz nehmen; dieses arme
Herz, in das die heiligen Namen Jesus und Maria eingegraben sind, soll
als Einfassung für ein aus ihm emporragendes Kreuz dienen.
Meine Tochter, bei unserem ersten Zusammentreffen werde ich Ihnen
tausend kleine Einfälle vorbringen, die mir diesbezüglich gekommen
sind; denn wahrlich, unsere kleine Kongregation ist ein Werk der Her-
zen Jesu21 und Mariä. Der Heiland hat uns sterbend durch das Öffnen
seines heiligen Herzens das Leben geschenkt; es ist also nur gerecht,
wenn unser Herz durch sorgsame Abtötung immer von der Dornenkro-
ne umschlossen bleibt, die auf dem Haupt unseres Meisters verblieb,
während die Liebe ihn an den Thron seiner Todesleiden fesselte.
Guten Tag nochmals, meine Tochter! Ich sehe unsere klageführenden Her-
ren eintreten, die den Frieden meiner Gedanken unterbrechen kommen.

Annecy, 24. Juni (1611).


Ach, meine sehr teure Tochter, hätte ich doch ein Gefühl der Freude,
würdig dieses engelhaften Menschen oder menschlichen Engels, dessen
Geburt wir heute feiern! Mein Gott, welche Freude hatte ich, mich da-
rüber mit mir selbst zu unterhalten! Aber ich muß Sie versichern, daß
die Größe meiner inneren Vorstellung mich daran hindert, mir selbst
diese Befriedigung zu gewähren.
Ich halte ihn für mehr als jungfräulich, weil er selbst mit den Augen
keusch ist, die er auf die gefühllosen Dinge der Wüste geheftet hat und
nicht von den Sinnen her weiß, daß es zwei Geschlechter gibt; für mehr als

225
einen Bekenner, denn er hat den Heiland bekannt (Joh 1,15-27), bevor
der Heiland sich selbst zu erkennen gegeben hat; für mehr als einen Pre-
diger, denn er predigt nicht allein mit der Zunge, sondern mit der Hand
und mit dem Finger (Joh 1,29.36), was das Höchste an Vollkommenheit
darstellt; für mehr als einen Kirchenlehrer, denn er predigt, ohne die
Quelle der Lehre gehört zu haben; für mehr als einen Märtyrer, denn die
anderen Märtyrer sterben für den, der für sie gestorben ist, er aber stirbt
für den, der noch am Leben ist, und tauscht bei all seiner Kleinheit seinen
Tod mit dem seines Heilands ein, bevor ihn dieser ihm gegeben hat; für
mehr als einen Evangelisten, denn er predigt das Evangelium, bevor es
geschrieben wurde; für mehr als einen Apostel, denn er geht dem voraus,
dem die Apostel nachfolgen (Lk 1,17.76); für mehr als einen Propheten,
denn er weist auf den hin, den die Propheten vorhersagten; für mehr als
einen Patriarchen, denn er sieht den, an den diese geglaubt haben, und für
mehr als einen Engel und für mehr als einen Menschen, denn die Engel
sind nur Geister ohne Leib und die Menschen haben zuviel Leib und zu
wenig Geist; dieser hier hat einen Leib und ist nur Geist.
Ich finde sehr großes Gefallen daran, ihn in dieser düsteren, aber seli-
gen Wüste (Lk 1,80) zu betrachten, die er überall mit dem Duft seiner
Frömmigkeit erfüllt und in der er Tag und Nacht Selbstgespräche und
ekstatische Reden über das große Ziel seines Herzens führt; seines Her-
zens, das sich allein mit Gott weiß, sich so der Gegenwart seiner Liebe
erfreut und in der Einsamkeit die Vielfalt der ewigen Wonnen findet, wo
es den himmlischen Honig in sich aufnimmt, den es bald darauf in die
Seelen der Israeliten am Jordan austeilen wird (Lk 3,3).
Mein Gott, meine liebe Tochter, welch bewundernswerter Heiliger!
Geboren von einer Unfruchtbaren (Lk 1,7.36), lebt er in der Wüste,
predigt den vertrockneten und versteinerten Herzen (Lk 3,4 f.8), stirbt
als Märtyrer, und inmitten all dieser Härten ist sein Herz ganz von Gna-
de und Segen erfüllt. Aber noch bewundernswerter ist dies, daß unser
Herr den Worten „unter den von einer Frau Geborenen gibt es keinen
Größeren als Johannes“ noch hinzufügt: „Dennoch ist der Geringste im
Reiche Gottes, d. h. in der Kirche, größer als er“ (Lk 7,28). O meine
liebe Tochter, das ist wahr, denn der geringste Christ, der die heilige
Kommunion empfängt, ist größer an Würde als der hl. Johannes. Was
aber will das sagen, daß wir so klein an Heiligkeit sind?
Guten Abend, meine liebe Tochter, auch der ganzen lieben Schar un-
serer Töchter. Der gute hl. Johannes möge sie mit ihrer lieben Mutter
segnen ...

226
Annecy, 1. oder 2. Juli (1611).
... Ich gebe Ihnen zu überdenken, meine Tochter, welch feinen Duft
doch diese schöne Lilie während der drei Monate verbreitete, die sie im
Haus des Zacharias weilte; wie jeder um sie besorgt war, und wie sie mit
wenigen, aber ganz wunderbaren Worten ihren heiligen Lippen den
Honig (Hld 4,11) und kostbaren Balsam entströmen ließ; denn wovon
sonst konnte sie überströmen als von dem, wovon sie ganz erfüllt war?
Nun war sie aber ganz von Jesus erfüllt.
Mein Gott, meine Tochter, ich wundere mich, daß ich noch immer so
voll von mir selbst bin, da ich doch so oft schon die heilige Kommunion
empfangen habe! Ach, teurer Jesus, sei auch das Kind unseres Herzens,
damit wir überall nur Dich atmen und empfinden. Ach, Du bist so oft in
mir; warum bin ich so selten in Dir? Du gehst in mich ein; warum bin
ich so sehr außerhalb von Dir? Du bist in meinem Inneren; warum bin
ich nicht in dem Deinen, um darin diese große Liebe, die die Herzen
berauscht, zu suchen und zu sammeln?
Meine Tochter, ich bin ganz inmitten dieser lieben Heimsuchung, in
der unser Heiland im Schoß seiner heiligen Mutter gleich einem jungen
Wein diese herzliche Liebe allseits aufwallen läßt ...

Annecy, 11. August 1611.


Meine sehr teure Tochter!
Nach dem, was Sie mir sagen, sehe ich, daß es besser ist, die Angele-
genheit auf Montag zu verschieben. Bei Euch allen wäre es zu übereilt
und bei jenen auch, denke ich. Es wäre mir auch recht, wenn ich die
Einladung zu den guten Schwestern der hl. Klara, die morgen ihr großes
Fest haben, nicht ausschlagen müßte, sowie auch zum Katechismusun-
terricht in Notre Dame. Dort soll ich die Katechese am Vorabend des
Festes Unserer lieben Frau halten. Ich wurde dazu vor zehn bis zwölf
Tagen eingeladen und es war so recht.

Annecy, (um den 29. August 1611).


Ich danke Ihnen für Ihr schönes, großes Geschenk, meine sehr teure
Mutter, meine Tochter, und mehr noch für Ihr Schreiben. Seien Sie ver-
sichert, daß ich gut auf mich schauen und halten werde, was ich Ihnen
versprochen habe.
Die Tochter von Saint-Claude wird erst kommen, wenn sie in N. gewe-
sen ist. Man wird sie getröstet zurückschicken können, ohne sich jedoch

227
durch ein Wort binden zu lassen, außer in dem Maße, als man es für
geeignet erachten wird. Wenn Fräulein von Chabot oder die anderen sie
aufsuchen, so ermutigen Sie sie stark, sich an unseren Herrn zu binden;
sie braucht Mut und ist im übrigen ein gutes Mädchen.
Guten Abend, meine sehr teure Mutter. Die hochheilige Jungfrau, un-
sere Herrin, möge so recht in unseren Herzen Fuß fassen und herrschen.
Unsere Töchter, die die Gelübde ablegen wollen, könnten als Vorberei-
tungsbetrachtung ein wenig nachdenken über die Gelübde Unserer lie-
ben Frau und so vieler Mädchen und Frauen in Gemeinschaften, welche
diese Gelübde unserem Herrn ablegten und mit so viel Treue hielten, daß
sie lieber für den göttlichen Meister litten, als von ihnen abzulassen.
Ach, wie sehr wünsche ich doch dieser lieben Schar von Töchtern,
daß sie heilig werden, und vor allem dieser ganz einzigen, vielgeliebten
und hochgeschätzten Mutter, meiner, in Wahrheit meiner Tochter. Gott
segne sie und präge ihrem Herzen das Siegel seiner reinen Liebe ein.
Amen.

Thonon, 10. September 1611.


Da bin ich nun seit drei Tagen in Thonon, meine sehr teure Tochter,
wo ich recht gut ankam, ohne Müdigkeit zu verspüren. O Gott, meine
sehr teure Tochter, ich weiß nicht, wohin ich gereist bin, ob nach Tho-
non oder nach Burgund; ich weiß aber wohl, daß ich mehr in Burgund
bin als hier. Ja, meine Tochter, da es der göttlichen Güte so gefällt, bin
ich eben unzertrennlich von Ihrer Seele und, um mit dem Heiligen Geist
zu sprechen, haben wir schon nur mehr ein Herz und eine Seele (Apg
4,32), denn was von allen Christen der Urkirche gesagt wird, gilt, Gott
sei Dank, nun für uns. Bleiben wir also „so recht in unserem Herrn“,
meine sehr Geliebte (Phil 4,1).
Ich erwarte ständig Nachrichten über den Erfolg Ihrer Reise, von dem
ich hoffe, daß er ein guter gewesen ist, wobei ich jedoch nicht ohne Sorge
bin wegen Ihrer schwachen Gesundheit und der übergroßen Hitze, die
in den letzten Tagen während einiger Stunden geherrscht hat; ich will
aber glauben, daß Sie zu diesen Stunden gerastet und zum Reisen die
Morgen- und Abendstunden genützt haben, in denen es immer etwas
Wind gab. Ich bitte Gott, er möge Sie in seiner Liebe und Heiligkeit
erhalten wie meine eigene Seele.
Ach, ich bitte Sie inständig, meine sehr teure Tochter, halten Sie sich
so recht an Jesus Christus, an die Mutter Gottes und an Ihren guten
Schutzengel in all Ihren Angelegenheiten, damit deren Vielfalt Sie nicht

228
beunruhige und deren Schwierigkeit Sie nicht ermüde. Erledigen Sie
eine nach der anderen, so gut Sie können, und gebrauchen Sie nur or-
dentlich Ihren Geist dazu, aber sachte und milde. Wenn Gott Ihnen
einen guten Ausgang schenkt, werden wir ihn dafür preisen; wenn es
ihm nicht gefällt, werden wir ihn auch loben. Und es soll Ihnen dann
genügen, daß Sie sich ehrlich um den Erfolg bemüht haben, denn unser
Herr und die Vernunft verlangen von uns nicht Leistungen und Erfolge,
sondern treue und ehrliche Anstrengung, Arbeit und Sorgfalt; denn das
hängt von uns ab, nicht der Erfolg. Gott wird Ihre gute Absicht für diese
Reise und Ihr Bemühen segnen, die Angelegenheiten dieses Hauses für
Ihren Sohn in Ordnung zu bringen. Er wird Sie entweder durch einen
guten Erfolg oder durch heilige Demut und Ergebung belohnen. Mein
Herz hegt indessen tausend und abertausend gute Wünsche für Ihr Herz
wie für sich selbst und ich werde nicht aufhören, an diesem Ort, der ganz
der Ehre der hochheiligen Jungfrau geweiht ist, ihre Fürsprache zu er-
bitten.
Ich schicke heute unseren Herrn Michel zu unseren Töchtern zurück,
damit sie nicht gänzlich all derer beraubt seien, zu denen sie Vertrauen
haben. Ich schreibe unserer Schwester von Bréchard einen Brief für alle,
um ihnen Mut zu geben. Meine kleine Schwester befindet sich wohl;
dies hat mir Ihre kleine Schwester, meine Cousine, durch eine Kammer-
zofe geschrieben, die sie hierher gesandt hat. Das sind all unsere Neuig-
keiten, meine liebe Tochter. Ich werde Sie von einem Tag zum anderen
über das, was ich tun werde, unterrichten.
Herr von Blonay wird seine Tochter schicken, wenn Sie zurückkom-
men. Ich sah sie am Fest Unserer lieben Frau; sie hat immer ihr gutes
Aussehen und alle Anzeichen eines tugendhaften Mädchens. An diesem
Tag predigte ich vor einer großen Volksmenge und vielen Fremden; und
die glorreiche Himmelskönigin stand mir bei, einige gute Worte zu ih-
rer Verherrlichung zu finden. Ich werde mich um unserer Töchter wil-
len möglichst beeilen.
Gott befohlen, meine sehr teure Tochter, immerdar sollen wir Gott
angehören. Seine Liebe sei ewiglich die Einheit unseres Herzens!
Ich grüße mit besonderer Liebe meine sehr teure große Tochter, der
ich immer die Gesundheit unserer guten Mutter empfehle und sie wohl
beneide, ohne ihr zu wünschen, dessen beraubt zu werden, was sie be-
sitzt. Sie wird sich indessen bemühen, ihr Herz ein wenig stark und
großherzig zu machen gegen die Verzärtelung und Empfindlichkeit, die

229
ihr bei jeder Gelegenheit Anlaß zum Ärger wurden. Sie wissen ja, meine
Tochter, daß unser Herz dem dieser großen Tochter mit Liebe zugetan
ist ... 22
Es lebe Jesus und Maria! Gott segne Sie, meine sehr teure Tochter. Ich
bin in ihm, was er allein weiß.

Thonon, 14. September 1611.


O Gott, meine sehr teure Tochter, ich bemühe mich gewiß, Ihnen bei
allen Gelegenheiten zu schreiben. Gott sei gelobt, der Sie dort ankom-
men ließ, wohin die Angelegenheiten Sie riefen, die Sie noch zu ordnen
hatten. Meine sehr teure Tochter, opfern Sie die Arbeit und Mühe, die
Ihnen dort zu schaffen machen, zur Verherrlichung der göttlichen Maje-
stät auf, der zuliebe Sie diese auf sich nehmen. Behandeln Sie die irdi-
schen Angelegenheiten mit Augen, die auf den Himmel geheftet sind. Ich
werde Ihrer teuren Seele immer gegenwärtig sein wie Sie selbst und Ihren
Mühen sorgfältig die Segnungen der göttlichen Opfer zuwenden, damit
ebendiese Mühen Ihnen erträglich und der heiligen Liebe nützlich seien.
Um diese Liebe besser üben zu können, sind Sie ja fortgereist; sie wollten
das erledigen, was Ihnen Ursache mancher Ablenkungen war.
Meine liebe Tochter, alles, was für die Liebe getan wird, ist Liebe; das
Leid, ja selbst der Tod sind nur Liebe, wenn wir sie aus Liebe auf uns
nehmen.
Sprechen wir aber nun von unseren Angelegenheiten. Ich habe diese
kleine Visitationsreise ziemlich glücklich beendet mit der Hoffnung
auf einige Früchte für die Seelen. Ich befinde mich meiner Meinung
nach äußerst wohl und beobachte sorgsam Ihre Vorschriften für meine
Gesundheit. Aber für meine Heiligkeit, die Ihnen am meisten am Her-
zen liegt, tue ich kaum etwas, außer tausend ständigen Wünschen und
einigen besonderen Gebeten, es möge unserem Herrn gefallen, sie nütz-
lich und fruchtbringend für unser ganzes Herz zu machen. Fast ständig
finde ich mich von einem stillen Vertrauen erfüllt, daß seine göttliche
Güte uns erhören wird. Da wir uns danach in Wahrheit sehnen, werden
wir auch in Wahrheit dahin gelangen; denn dieser große Freund unseres
Herzens erfüllt es, so scheint mir, nur mit Wünschen, um es dann mit
Liebe zu überhäufen, so wie er die Bäume nur mit Blüten schmückt, um
sie später wieder mit Früchten zu beladen. O Heiland unserer Seele,
wann werden wir so glühen, Dich zu lieben, wie wir uns glühend danach
sehnen?
Wann wird doch, meine sehr teure Tochter, dieses Herz, das Gott uns

230
gegeben hat, einzig und untrennbar seinem Gott hingegeben und an ihn
gefesselt sein durch diese heilige einigende Liebe, die stärker ist als der
Tod (Hld 8,6) und alles. Mein Gott, meine sehr teure Tochter, erfüllen
wir unser Herz mit Mut und vollbringen wir Großes für den Fortschritt
unseres Herzens in dieser himmlischen Liebe. Und merken wir doch
darauf, daß unser Herr Ihnen niemals heftige Antriebe zur Reinheit und
Vollkommenheit Ihres Herzens gibt, ohne daß er mir den gleichen Wil-
len einflößt. Wir sollen dadurch erkennen, daß ein und dasselbe Herz
nur einer Eingebung für ein und dieselbe Sache bedarf; und daß wir
durch die Einheit der Eingebung den Willen der höchsten Vorsehung
erkennen, wir sollten ein und dieselbe Seele sein zur Vollendung ein
und desselben Werkes und zur Reinheit unserer Vollkommenheit.
Ich muß nun schließen, meine sehr teure Tochter, meine Mutter. Heu-
te ist der Tag des heiligen Kreuzes. O Gott, wie schön ist es doch und wie
liebenswert! Schlachten werden geliefert, um sein Holz zu erlangen,
und man verherrlicht es auf dem Kalvarienberg. Ach, meine sehr teure
Tochter, wie glücklich sind doch jene, die es lieben und tragen! Es wird
im Himmel aufgerichtet werden, wenn unser Herr kommt, zu richten
die Lebendigen und die Toten (Mt 24,30), um uns zu lehren, daß der
Himmel der Altar der Gekreuzigten ist. Lieben wir also recht diese
Kreuze, denen wir auf unserem Weg begegnen. Gott segne Sie in der
Liebe zum heiligen Kreuz!

Bons, 1. Oktober 1611.23


Diese wenigen Zeilen schreibe ich gleichsam mit dem Fuß im Steig-
bügel, meine sehr teure Tochter, damit Sie über unsere Gesundheit be-
ruhigt bleiben. Gott schenkte mir gute Nachrichten, die ich auch Ihnen
wünsche, denn bis jetzt müssen wir in dieser Hinsicht noch fasten. Nun,
ich hoffe auf die höchste Vorsehung, daß sie Sie in heiliger und liebevol-
ler Weise behüte zu unserem gegenseitigen Trost und beiderseitigen Fort-
schritt in der himmlischen Liebe, wofür ich unaufhörlich schöne und
wünschenswerte Pläne mache. Ich bitte den Heiligen Geist, daß er sie
uns liebevoll ausführen lasse.
Gott befohlen, meine sehr teure Mutter, meine Tochter. Mögen wir
immerdar Gott gehören und es lebe Jesus immerdar! Amen.
Von meinem ganzen Herzen, das Sie kennen, grüße ich unsere große
Tochter und lege ihr unsere liebe und gute Mutter ans Herz, wie auch
Herrn von Thorens, den ich liebe als meinen Bruder und Ihren Sohn,
und das will heißen: über alle Maßen. Ich befinde mich in Bons und auf

231
dem Land; sobald es mir diese Aufgabe erlaubt, d. h. in drei Wochen,
werde ich in Annecy sein.
Ich grüße ergeben Herrn von Chantal und Herrn von Vaucroissant.
Wüßte ich, daß Sie entweder in Dijon oder bei dem Herrn Erzbischof
sind, so würde ich Sie bitten, meine Empfehlungen zu übermitteln, wie
Sie sich wohl denken können.
Der gütige Jesus, in dem und durch den ich ebenso der Ihre bin, wie
Sie selbst, möge Sie segnen und immerdar beschirmen, meine sehr teure
Tochter

Annecy, 15. November 1611.


Meine sehr teure Tochter!
Ich möchte Ihnen offen sagen, was Ihre Gewissenspflicht betrifft, än-
dere ich meine Ansicht keineswegs. Ich halte daran fest, was ich Ihnen
darüber vor langer Zeit gesagt habe mit einem Wort: daß Sie bleiben
sollen, wenn die Not dieses guten Herrn so groß ist, daß Ihre persönliche
Gegenwart notwendig ist, um ihm beizustehen. Wenn Ihre Gegenwart
aber nur für den besseren Stand der Güter notwendig ist, so sind Sie
nicht wirklich dazu verpflichtet. Ist jedoch diese Notwendigkeit äußerst
wichtig und so groß, daß sie nur durch Sie Abhilfe finden kann, d. h.
wenn Sie niemand anderen mit dieser Angelegenheit betrauen können,
dann können Sie in aller Freiheit die dazu erforderliche Zeit bestim-
men; ich überlasse dies Ihrem Gutdünken und Ihrer Klugheit. Ich kann
Ihnen aber nicht verhehlen, daß ich in dieser Angelegenheit eine gewis-
se Versuchung sehe. Denn wenn Sie sich mit irgendeinem Adeligen aus
der tiefsten Gascogne oder Bretagne wiedervermählt hätten, dann hät-
ten Sie zweifellos alles aufgegeben und man hätte nichts dazu gesagt.
Nun aber haben Sie bei weitem nicht so absolut alles aufgegeben, son-
dern sich genügend Freiheit zurückbehalten, um maßvoll für Haus und
Kinder Sorge zu tragen. Weil aber diese doch geringe Absonderung von
der Welt Gottes wegen geschehen ist, finden sich Leute, die versuchen,
die Meinung zu verbreiten, daß Sie schlecht und gegen Ihre Pflichten
gehandelt hätten.
Das will ich nicht von dem guten Herrn24 gesagt haben, der Sie bei sich
wünscht, denn er hat wahrhaft Grund, die Wohltat Ihrer Gesellschaft zu
wünschen, die ihm nur sehr angenehm sein kann; wohl aber von jenen,
die dabei von Gewissen und Skrupeln reden, wozu sie meiner Meinung
nach keinen Grund haben, obgleich ich aus dem Brief des Herrn N.

232
ersehe, daß sie sehr gelehrt und geistvoll sind.25 Ich wiederhole jedoch,
daß Ihr Taktgefühl Sie dabei leiten soll nach dem, was ich Ihnen darüber
schon früher gesagt habe und nun wiederhole.
Unsere guten Töchter tun inzwischen während Ihrer Abwesenheit ihr
Bestes, damit Sie bei Ihrer Rückkehr kein Nachlassen in diesem glück-
seligen Leben vorfinden, in das Gott sie unter Ihrer Führung hineinge-
stellt hat.
Ich wünsche Ihnen tausend und abertausend himmlische Segnungen
für den Fortschritt Ihres Herzens in der hochheiligen Liebe zum Ge-
kreuzigten, dem es ewig zugeeignet und geweiht ist. Ich bin, wie Sie
wissen, von ganzer Seele völlig der Ihre, meine sehr teure Tochter, in
Ihm, der sich ganz uns zu eigen gegeben hat, um uns zu den Seinen zu
machen, in Jesus Christus, der lebt und herrscht von Ewigkeit zu Ewig-
keit. Amen ...

Gex, 7. Dezember 1611.


Sehr teure Tochter!
Sie müssen die Kürze meines Schreibens verzeihen, denn ich befinde
mich noch in Gex inmitten so vieler Geschäfte, daß ich nicht weiß,
wohin ich mich wenden soll, vor allem jetzt bei der Abreise. Wozu aber
darüber so zu einer Seele sprechen, die mich kennt wie sich selbst?
Ich befinde mich, dem Heiland sei Dank, recht wohl; er gibt mir ja
einen gewissen neuen Mut, ihn zu lieben, ihm zu dienen und ihn zu
ehren, mehr denn je zuvor, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und
mit meinem ganzen Wesen, ja, mit meinem ganzen Wesen, meine sehr
teure Tochter; denn ich meine, bis jetzt nicht den glühenden Eifer und
auch nicht die geziemende Sorgfalt für die Pflicht gehabt zu haben, die
ich dieser unermeßlichen Güte schulde.
Ach, ich sehe hier diese armen irrenden Schäflein, ich habe mit ihnen
zu tun und betrachte ihre greifbare und offenkundige Blindheit. O Gott,
die Schönheit unseres heiligen Glaubens erscheint dagegen so herrlich,
daß ich aus Liebe danach vergehe, und ich meine, daß ich dieses kostba-
re Geschenk, das Gott mir damit gemacht hat, in ein ganz von Hingabe
erfülltes Herz versenken sollte. Meine sehr teure Tochter, danken Sie
dieser höchsten Klarheit, die so barmherzig ihre Strahlen in dieses Herz
leuchten läßt, daß ich – gerade da ich inmitten von solchen weile, die sie
nicht besitzen – ihre Größe und ersehnenswerte Anmut viel klarer und
erleuchteter erkenne. Verrichten Sie also Dankesakte für dieses Herz
wie für sich selbst.

233
Gott segne Sie mit seinem reichen Segen; das ist der ständige und un-
veränderliche Wunsch dieses Herzens, das in Jesus Christus das Ihre ist.
Gex, am ... Vorabend meines Weihetages.

Annecy, (Juni-August 1610-1612).


Sie sind also recht erkältet, meine sehr teure Tochter, und ich bin sehr
betrübt, daß Sie es sind. Schützen Sie sich bitte vor Wärme und auch vor
Sonne.
Schreiben Sie mir nicht, wenn Sie bei Tisch sind, denn das ist nicht
gesund für Sie; wenn Sie nicht bei Tisch sind, schreiben Sie mir nur
wenig und wenn, dann über Ihre teure Gesundheit.
Guten Abend, meine sehr teure Tochter; Unser Herr möge uns in
Wahrheit immer mehr ganz zu den Seinen machen, wie wir es dem Her-
zen nach schon sind. Dieser gütige Heiland segne Sie, meine sehr teure
Tochter, die ich aufsuchen werde, sobald ich nur irgendwie kann.
Es lebe Jesus! Amen.

Annecy, um den 23. Dezember 1611.26


Nein, meine sehr teure Tochter, ich bin nicht mehr in Sorge wegen des
Unfalls von vorgestern, denn ich hoffe, daß Sie sich bereits von diesem
Schlag erholt haben mit Hilfe der Gnade unseres Herrn, dessen heiliger
Vorsehung ich meine so einzige Tochter wie mich selbst anvertraue. O
Gott, Herr Jesus, für den allein ich uns das Leben wünsche und dem ich
mich für unseren Tod ergebe, Dein Wille geschehe! (Mt 6,10; 16,42).
Ich möchte schon, daß Sie morgen kommen, wenn Sie sich stark ge-
nug fühlen; und glauben Sie mir, wenn Sie wünschen, mich zu sehen, so
freue ich mich nicht minder darauf, Sie wiederzusehen. Essen Sie aber
dann zeitig, eher um neun als um zehn Uhr, damit Sie sich vier Stunden
ausrasten, bevor Sie zu Pferd steigen.
Ich bitte die Jungfrau Maria, sie möge Sie mit ihrer erbarmenden
Mütterlichkeit schirmen und Ihr Schutzengel, wie der meine, mögen
Ihre Begleiter sein, damit Sie wohlbehalten den Empfang über sich er-
gehen lassen, den Ihnen dieser arme einzige Vater und Ihre lieben Töch-
ter bereiten, die Sie alle mit tausend Wünschen erwarten und besonders
ich, der ich Ihnen gehöre in unserem Herrn, nicht mehr und nicht weni-
ger als Sie selbst. Es lebe Jesus! Amen ...
An die Frau Baronin von Chantal (meine Tochter).

234
Annecy, 1. Januar 1612.
O Jesus, erfülle unser Herz mit dem heiligen Balsam Deines göttli-
chen Namens (Hld 1,2), damit sein süßer Duft sich in all unseren Sinnen
verbreite und sich über alle unsere Handlungen ergieße. Um aber dieses
Herz für diesen köstlichen Balsam aufnahmefähig zu machen, beschneide
es und nimm alles von ihm fort, was Deinen heiligen Augen mißfallen
könnte. O glorreicher Name, den der Mund des himmlischen Vaters
ewiglich genannt hat, sei immerdar über unserer Seele geschrieben, da-
mit sie so für alle Ewigkeit gerettet werde, da Du doch der Retter bist. O
heilige Jungfrau, die du als Erste der ganzen Menschheit diesen Namen
des Heils ausgesprochen hast, lehre uns, ihn so auszusprechen, wie es
sich gebührt, damit alles in uns das Heil atme, das dein Leib für uns
getragen hat.
Meine sehr teure Tochter, der erste Brief dieses Jahres mußte an unse-
ren Herrn und an Unsere liebe Frau geschrieben werden; hier ist nun
der zweite, meine Tochter, mit dem ich Ihnen ein gutes Neues Jahr wün-
sche und unser Herz der göttlichen Güte weihe. Mögen wir dieses Jahr
so leben können, daß es uns als Fundament für das ewige Jahr diene!
Zumindest habe ich heute Morgen beim Erwachen uns zugerufen: „Es
lebe Jesus!“ und ich hätte diesen heiligen Balsam über die ganze Erde
ergießen mögen.
Wenn Balsam in einem Fläschchen fest verschlossen ist, kann keiner
unterscheiden, welche Flüssigkeit das ist, bis auf den, der sie hineingetan
hat; wenn man aber das Fläschchen geöffnet und einige Tropfen versprüht
hat, sagt jeder: das ist Balsam. Meine liebe Tochter, unser lieber kleiner
Jesus war ganz erfüllt vom Balsam des Heils, aber man erkannte es nicht,
bis man behutsam mit diesem grausamen Messer seine göttliche Haut
geritzt hatte (Lk 2,21); und da erkannte man, daß er ganz Balsam und
ausgegossenes Öl sei (Hld 1,2) und zwar der Balsam des Heils. Darum
haben der hl. Josef und Unsere liebe Frau und dann die ganze Umgebung
zu rufen begonnen: „Jesus“, das will heißen „Erlöser“ (Mt 1,21).
Möge es dem göttlichen Kind gefallen, unsere Herzen in sein Blut zu
tauchen und ihnen den Wohlgeruch seines heiligen Namens zu verlei-
hen, damit die Rosen der guten Wünsche, die wir hegen, ganz purpurn
seien von dieser Farbe, und ganz duftend von seinem Wohlgeruch. Mein
Gott, meine Tochter, wie sehr ist diese Beschneidung am Platz bei unse-
ren kleinen, aber doch großen Verzichten; denn das ist wahrhaftig eine
geistige Beschneidung.
Ihr Sie sehr liebender Vater und Diener ...

235
Annecy, 17. Januar 1612.
Da ist Herr Michel, der etwas früher als gewöhnlich geht, damit Sie
Ihre Tabletten mindestens eine Stunde vor dem Essen nehmen können.
Beide Dinge aber, meine sehr teure Tochter, die Sie einnehmen wer-
den, sind herzstärkende Mittel; vor allem das erste, zusammengesetzt
aus dem herrlichsten Erdenstaub. Ja, meine liebe Tochter, denn unser
Heiland hat wahrhaftig unser Fleisch angenommen, das eigentlich Staub
ist (Gen 3,19); in ihm aber ist er so herrlich, so rein und so heilig, daß
Himmel und Sonne nichts sind im Vergleich zu diesem heiligen Staub.
Und die heilige Kommunion wurde in eben diese Tablettenform ge-
bracht, damit wir sie besser einnehmen können; obwohl sie das ganz
göttliche und große Mahl ist, das die Kerubim und Serafim anbeten und
das sie durch wirkliche Beschauung zu sich nehmen, wie wir es durch
die wirkliche heilige Kommunion tun. O Gott, welches Glück, daß un-
sere Liebe in Erwartung dieser offenbaren Einheit, die wir im Himmel
mit unserem Herrn haben werden, durch dieses Geheimnis so wunder-
bar mit ihm eins werden darf!
Meine sehr teure Tochter, halten Sie Ihren Geist in Frieden, schauen
Sie nicht, woher ihm seine kleine Krankheit kommt, noch quälen Sie
sich irgendwie ab, ihn zu heilen, sondern lenken Sie ihn, so gut es geht,
davon ab, auf sich selbst zurückzukommen. Der große hl. Antonius,
dessen Fürsprache an diesem Tag eine besonders große Macht hat, wird
Sie durch die Güte Gottes morgen ganz kräftig aufstehen lassen. Es ist
für Sie heute eine große Herzensfreude, sich diesen großen Heiligen
inmitten seiner Einsiedler vorzustellen, wie er aus der Tiefe seines Geis-
tes ernste und heilige Worte hervorholt und sie mit unvergleichlicher
Andacht wie Himmelsorakel ausspricht. Unter anderem aber scheint es
mir, er rufe unserer Seele die Stelle aus dem Evangelium zu, die er im
Kreise seiner Jünger aussprach: „Seid nicht ängstlich besorgt um eure
Seele oder für eure Seele“ (Lk 12,22). Nein, meine liebe Tochter, blei-
ben Sie in Frieden, denn Gott, dem Ihre Seele gehört, wird ihr Linde-
rung verschaffen.
Unterdessen, meine geliebte Tochter, höre ich nicht auf, im Grund
meines Geistes heilige Hoffnung zu hegen, daß Gott, nachdem er uns
durch diese kleinen Verlassenheiten geprüft und in der inneren Abtö-
tung geübt hat, uns durch seine heiligen Tröstungen wieder beleben wird.
Dieser gütige Geliebte unseres Herzens erniedrigt uns nur, um uns zu
erheben (Mt 23,12; Lk 1,52); er versteckt und verbirgt sich und schaut
„durch die Gitter“, welche Haltung wir einnehmen (Hld 2,9). Ach, Herr

236
und Heiland, ich erahne, so scheint mir, die Klarheit Deines gütigen
Auges, die uns die Rückkehr Deiner Wärme verheißt, um wieder einen
neuen Frühling auf unserer Erde werden zu lassen (Hld 2,12). Ach,
meine Tochter, wir haben wohl viel härtere Schwierigkeiten hinter uns;
warum sollen wir nicht den Mut haben, auch diese zu überwinden?
Glauben Sie mir, meine Tochter, daß ich zu unserem Herrn für Sie
aus unserem ganzen Herzen bete; denn meine Seele haftet an der Ihren
und ich habe sie lieb wie meine Seele, wie es von Jonatan und David (1
Sam 18,1) gesagt wird. Gott sei immerdar diesem Herzen gewogen, das
der himmlischen Liebe ganz hingegeben, ganz gewidmet und ganz ge-
weiht ist.

Annecy, 24. Januar 1612.


Meine sehr teure Tochter, ich werde Sie so mild wie nur möglich bei
Ihrer gerechten Absicht unterstützen, obwohl es zwischen uns beiden
keinen Zweiten oder Ersten gibt, sondern nur eine einfache Einheit.
Heute morgen, als ich etwas zeitig aufwachte, dachte ich, es wäre viel-
leicht gut, wenn Sie morgen, bevor Sie zur Heiligen Messe gehen, alle
unsere Töchter, und dann die zwei, die aufgenommen werden sollen, zu
sich rufen und zu ihnen in Anwesenheit der anderen einige Worte sagen,
etwa in dieser Weise:
„Ihr habt uns gebeten, bei uns aufgenommen zu werden, um hier Gott
zu dienen in der Einheit des gleichen Geistes und des gleichen Wollens.
In der Hoffnung auf die göttliche Güte, daß ihr euch in diesem Bestre-
ben viel Mühe geben werdet, wollen wir euch also heute Morgen in die
Zahl unserer Novizen aufnehmen, um euch – entsprechend dem Fort-
schritt, den ihr im Tugendleben machen werdet – später, zu einer Zeit,
die wir euch noch bekanntgeben werden, zur heiligen Profeß zuzulas-
sen. Vorerst aber sollt ihr in euch selbst die Wichtigkeit eures Beginnens
gut überlegen; denn es wäre viel besser, nicht bei uns einzutreten, als
nach eurem Eintritt Anlaß zu geben, daß ihr zur heiligen Profeß nicht
zugelassen werden könnt. Wenn ihr aber guten Willen habt, dürft ihr
hoffen, daß Gott euch seine Gnade erweisen wird.
Wenn ihr nun hier eintretet, so sollt ihr wissen, daß wir euch nur
aufnehmen, um euch – so sehr wir können – durch Beispiel und Ermah-
nung zu lehren, euren Leib durch Abtötung eurer Sinne und des Begeh-
rens eurer Leidenschaften, Launen, Neigungen und eures Eigenwillens
in einer Weise zu kreuzigen, daß all dies von nun ab dem Geist Gottes
und den Regeln dieser Kongregation unterworfen sei. Und zu diesem

237
Zweck haben wir die Mühe und besondere Sorge, euch auszubilden und
zu belehren, der hier anwesenden Schwester Bréchard anvertraut. Ihr
sollt ihr von nun ab gehorchen und sie mit solcher Ehrfurcht und Ehrer-
bietung anhören, daß man erkenne, wie ihr euch nicht um des Geschöp-
fes willen dem Geschöpf unterstellt, sondern aus Liebe zum Schöpfer,
den ihr im Geschöpf erkennt. Und wenn wir euch jemand anderen zur
Meisterin gäben, ganz gleich, wen immer, müßtet ihr dieser mit aller
Demut aus dem gleichen Grund gehorchen, ohne auf das Antlitz derje-
nigen zu schauen, die euch leiten wird, sondern auf das Angesicht Got-
tes, der es so angeordnet hat.
Ihr tretet also in diese Schule unserer Kongregation ein, um das Kreuz
unseres Herrn richtig tragen zu lernen durch Selbstverleugnung, Ver-
zicht auf euch selbst (Mt 16,24), Entsagung eures Willens und Abtötung
eurer Sinne. Und ich werde euch herzlich lieben als eure Schwester,
Mutter und Dienerin; alle unsere Schwestern werden euch als ihre sehr
geliebten Schwestern ansehen. Einstweilen werdet ihr Schwester von
Bréchard zur Meisterin haben. Ihr sollt ihr gehorchen und ihre Ermah-
nungen mit Demut, Offenheit und Einfachheit befolgen. Dies verlangt
unser Herr von all jenen, die sich in diese Kongregation eingliedern. Ihr
würdet euch sehr täuschen, wenn ihr dächtet, hierher zu kommen, um
mehr Ruhe als in der Welt zu haben, denn wir sind im Gegenteil hier nur
beisammen, um fleißig daran zu arbeiten, unsere schlechten Neigungen
zu entwurzeln, unsere Fehler zu entfernen und Tugenden zu erwerben;
glückselig aber ist die Mühe, die uns die ewige Ruhe schenken wird.“
Nun meine ich aber nicht, meine liebe Tochter, daß Sie diese Worte
oder all dies sagen sollen, sondern das, was Sie für geeignet erachten,
mehr zur Erbauung und Weckung der anderen, als für diese hier. Ich
würde es auch für gut finden, wenn Sie – nach Abnahme des Verspre-
chens, sich gut aufzuführen – noch hinzufügen: „Gesegnet sind die, wel-
che gutes Beispiel geben und euch in eurem Beginnen aufmuntern wer-
den.“
Das habe ich mir so gedacht, wenn Sie es für passend erachten. Guten
Abend, meine sehr teure Mutter, wahrhaft meine Tochter. Es lebe Jesus
und Maria! Amen. Ich befinde mich recht wohl.

Annecy, 25. Januar 1612.


Der große und bewunderungswürdige hl. Paulus hat uns heute sehr
zeitlich geweckt, meine sehr teure Tochter, so laut rief er meinem Her-
zen und dem Ihren zu: „Herr, was willst Du, daß ich tue?“ (Apg 9,6).

238
Meine sehr teure Mutter und ganz liebe Tochter, wann wird es sein, daß
wir – ganz abgestorben vor Gott – zu diesem neuen Leben aufleben
werden (Kol 3,3), in dem wir nichts selbst tun wollen, sondern Gott
alles wollen lassen, was wir tun sollen, um seinen lebendigen Willen
über unseren gänzlich abgestorbenen schalten und walten zu lassen?
Meine liebe Tochter, halten Sie sich also fest an Gott; weihen Sie ihm
Ihre Mühen, erwarten Sie in Geduld die Wiederkehr Ihrer schönen Son-
ne. Ach, Gott hat uns nicht vom Verkosten seiner Güte ausgeschlossen, er
hat sie uns nur für einige Zeit entzogen, damit wir ihm und für ihn und
nicht für seine Wonne leben; damit unsere heimgesuchten Schwestern bei
uns eine mitfühlende Hilfe und eine gütige und liebevolle Stütze finden;
damit er aus einem ganz wunden, abgestorbenen und gebändigten Herzen
den wohlgefälligen Duft eines heiligen Brandopfers empfange.
O Herr Jesus, bei Deiner unvergleichlichen Traurigkeit, bei der über-
großen Verlassenheit, die Dein göttliches Herz am Ölberg (Mt 26,37 f; Lk
22,43) und am Kreuz (Mt 27,46) befiel, und bei der tiefsten Betrübnis
Deiner lieben Mutter, die sie empfand, da ihr Deine Gegenwart entzogen
wurde, sei Du die Freude oder zumindest die Kraft dieser Tochter, wenn
Dein Kreuz und Leiden ganz einzigartig ihrer Seele auferlegt ist.
Ich sende Ihnen, meine sehr teure Tochter, diese meine Herzenswün-
sche, die der große hl. Paulus segnen möge. Ich meine, daß Sie zu der
Schwester unserer Schwester N. recht lieb sein sollen, denn schließlich
ist die gütige Liebe jene Tugend, die den Duft der Erbauung ausströmt.
Weniger gebildete Personen empfangen sie mit noch mehr Nutzen.

Annecy, 9. Februar 1612.


Meine ganz teure Tochter!27
Hier gebe ich Ihr heiliges Heilmittel zurück, das mir bestens geholfen
hat, da Gott nach Ihrem Glauben, Ihrer Hoffnung und Ihrer Liebe mit
mir verfahren ist. Ich muß zur Verherrlichung Jesu Christi und seiner
heiligen Braut bekennen, daß ich nicht glaubte, heute die Heilige Messe
feiern zu können, so sehr waren meine Wange und mein Mund innen
geschwollen. Ich habe mich auf meinen Betstuhl gestützt, die Reliquie
an meine Wange gehalten und gesagt: „Mein Gott, mir geschehe, wie
meine Töchter es wünschen, wenn dies Dein heiliger Wille ist“; und
sogleich hat mein Übel aufgehört. Unser Herr hat mir während dieser
Zeit viele gute Gedanken geschenkt über das erneute Verkosten, das die
heilige Braut nach ihren Worten fühlte (Hld 7,9). Beim Fortgehen sagte

239
mir jeder, daß meine Wange nicht mehr geschwollen sei, und ich spüre
es selbst sehr wohl.
O, es lebe Gott, meine Tochter! Er ist bewunderungswürdig in seinen
heiligen Bräuten und in all seinen Heiligen (Ps 68,36). Er hat gewollt,
daß dieses Übel mich heute befalle, um uns seine Braut Apollonia ver-
ehren zu lassen und um uns einen fühlbaren Beweis der Gemeinschaft
der Heiligen zu geben.

Chambéry, 28. März 1612.


Meine sehr teure, ganz einzige Tochter, es ist wohl Zeit, daß ich Ihnen,
soweit ich kann, auf Ihren langen Brief antworte. Ach ja, meine sehr
teure, ganz wahrhaft sehr teure Tochter; das muß aber rasch geschehen,
denn ich habe recht wenig Zeit, und wäre meine Predigt, die ich binnen
kurzem halten soll, nicht bereits in meinem Kopf fertig entworfen, ich
könnte Ihnen nur das beiliegende Billet schreiben.
Kommen wir aber zu der innerlichen Prüfung, über die Sie mir schrei-
ben. Das ist nichts anderes als eine wirkliche Gefühllosigkeit, die Sie
des frohen Empfindens, nicht nur der Tröstungen und Eingebungen,
sondern auch des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe beraubt. Sie
besitzen diese trotzdem und in recht gutem Zustand, aber Sie erfreuen
sich ihrer nicht; Sie gleichen einem Kind, dem ein Vormund die Hand-
habung all seiner Güter nimmt, so daß das Kind – obwohl ihm in Wahr-
heit alles gehört – trotzdem nichts in der Hand hat und nichts zu besit-
zen und zu haben scheint, als sein Leben. Wie der hl. Paulus sagt (Gal
4,1), unterscheidet es sich, obwohl Herr von allem, darin in nichts von
einem Sklaven. Ebenso, meine sehr teure Tochter, will Gott nicht, daß
Sie Ihren Glauben, Ihre Hoffnung und Ihre Liebe handhaben, noch auch
sich deren erfreuen, sondern daß Sie diese nur besitzen, um zu leben,
und sich ihrer nur bei Gelegenheiten reiner Notwendigkeit zu bedienen.
Ach, meine sehr teure Tochter, wie glücklich sind wir doch, von die-
sem göttlichen Vormund so eingeengt und kurz gehalten zu werden!
Was wir tun sollen, ist zweifellos nichts anderes als das, was wir tun,
nämlich die liebenswerte Vorsehung Gottes anbeten und uns dann in
seine Arme und seinen Schoß flüchten. Nein, Herr, ich will mich weder
meines Glaubens noch meiner Hoffnung, noch meiner Liebe mehr er-
freuen. Ich will nur in Wahrheit sagen können – wenn auch ohne Lust
und Gefühl, – daß ich eher sterben wollte, als meinen Glauben, meine
Hoffnung und meine Liebe aufgeben. Ach, Herr, wenn Dir dies gefällt,
daß ich keine Freude mehr an der Übung der mir durch Deine Gnade

240
verliehenen Tugenden empfinde, füge ich mich mit meinem ganzen Wil-
len darein, wenn es auch gegen die Empfindungen meines Willens ist.
Das ist der Höhepunkt der heiligen Ergebung, mich mit bloßen, trok-
kenen und gefühllosen Akten zu begnügen, die vom höheren Willen
allein geübt werden; ebenso wie es der höchste Grad der Enthaltsamkeit
wäre, sich darauf zu beschränken, stets nur mit Widerwillen zu essen
und nicht nur ohne Lust oder Geschmack daran.
Sie haben mir Ihr Leiden recht gut geschildert und Sie können nichts
anderes dagegen tun, als was Sie tun, daß Sie nämlich unserem Herrn –
in lauten Worten sogar und manchmal singend – beteuern, Sie wollten
selbst vom Tod leben und essen, als wenn Sie tot wären, ohne Lust, ohne
Gefühl und Erkenntnis. Schließlich will der Heiland, wir sollen so voll-
kommen die Seinen sein, daß nichts uns bleibt, um uns ganz und vorbe-
haltlos dem Gutdünken seiner Vorsehung zu überlassen.
Bleiben wir also so, meine sehr teure Tochter, inmitten dieser Finster-
nis der Passion. Ja, in dieser Finsternis, denn ich gebe Ihnen folgendes
zu bedenken: als Unsere liebe Frau und der hl. Johannes inmitten dieser
unerhörten und schrecklichen Finsternis zu Füßen des Kreuzes stan-
den, hörten sie unseren Herrn nicht mehr, sie sahen ihn nicht mehr und
hatten kein Gefühl, als Leid und Trostlosigkeit, und obgleich sie den
Glauben besaßen, war auch dieser in Finsternis getaucht, denn sie muß-
ten an der Verlassenheit des Heilands teilnehmen. Wie glücklich sind
wir doch, Sklaven dieses großen Gottes zu sein, der sich für uns zum
Sklaven gemacht hat (Phil 2,7).
Nun ist es aber Zeit für die Predigt. Gott befohlen, meine sehr teure
Mutter, meine Tochter in eben diesem Heiland. Es lebe seine göttliche
Güte! Mit unvergleichlich brennendem Eifer will ich nach dem Fort-
schritt unseres Herzens streben, wofür ich alle meine anderen Befriedi-
gungen seiner höchsten und väterlichen Vorsehung in die Hände lege.
Gute Nacht nochmals, meine sehr teure Tochter. Jesus, der gütige Jesus,
das einzige Herz unseres Herzens, segne uns mit seiner heiligen Liebe.
Amen ...

Annecy, Ende Mai 1612.


... Es schien mir, als hätten Sie mir den Tag von Saint-Claude vorge-
merkt. Meiner Meinung nach soll man diese Tochter nicht beunruhigen,
wenn sie versucht wird, sondern man soll sie nur auf ihren Wunsch, der
Kongregation anzugehören, prüfen und – wenn man sie schwach findet
– ihr Zeit geben, darüber nachzudenken, damit sie sich ohne Überstür-

241
zung entscheide; denn ich bin der Ansicht, daß sie ein gutes Mädchen
ist, aber einen Widerwillen gegen jede Erniedrigung hat, und – da sie ein
energisches Wesen ist, – kann sie sich jetzt nicht so ohne weiteres beu-
gen.
Leben Sie wohl, meine sehr teure Mutter, leben Sie in heiliger Weise.
Ich bitte Gott für unsere Tochter, von der ich seit gestern weiß, daß sie
krank ist. Gott sei unser Herz und unser Leben.

Annecy, (31. Mai 1612).


Ich freue mich mit Ihnen über die Auffahrt des Heilands in den Him-
mel, wo er lebt und herrscht und wo wir nach seinem Willen eines Tages
mit ihm leben und herrschen sollen. O, welcher Triumph im Himmel
und welche Freude auf Erden! Mögen unsere Herzen dort sein, wo ihr
Schatz ist (Mt 6,21), und mögen wir im Himmel leben, da unser Leben
(Kol 3,4) im Himmel ist.
Mein Gott, meine Tochter, wie schön ist der Himmel nun, da der
Heiland ihm als Sonne dient (Jes 9,19; Offb 21,23) und seine durch-
bohrte Seite als Quelle der Liebe, aus der die Seligen nach Wunsch
trinken können. Jeder wird sich darin betrachten und jeder sieht dort
seinen Namen mit Liebeslettern geschrieben, die die Liebe allein lesen
kann und den die Liebe allein geschrieben hat (Jes 62,2; Offb 2,17). Ach
Gott, meine liebe Tochter, werden unsere Namen auch darin stehen? Sie
werden es zweifellos; denn wenn auch unser Herz nicht die Liebe hat,
hat es doch Sehnsucht nach Liebe und den Beginn der Liebe. Und ist
nicht der heilige Name Jesus in unsere Herzen geschrieben? Ich meine,
daß nichts ihn auslöschen könnte. Wir dürfen also hoffen, daß unser
Name in gleicher Weise in Gottes Herz geschrieben sein wird. Welche
Freude, wenn wir diese göttlichen Schriftzeichen sehen werden, Aus-
druck unserer ewigen Seligkeit!
Was mich betrifft, so habe ich heute morgen an nichts anderes denken
können als an die Ewigkeit der Güter, die uns erwartet, in der mir aber
alles wenig oder nichts zu sein scheint, außer die unveränderliche und
immer gegenwärtige Liebe dieses großen Gottes, der dort ewig regiert.
Mein Gott, meine liebe Mutter, wie wundere ich mich über diese Ge-
gensätze in mir, daß ich so reine Gefühle und so unlautere Handlungen
habe. Wirklich, ich meine, daß das Paradies auch inmitten aller Höllen-
qualen wäre, wenn die Liebe Gottes dort sein könnte. Wenn das Feuer
der Hölle ein Feuer der Liebe wäre, schienen mir diese Qualen sogar

242
wünschenswert. Ich erkannte heute morgen alle himmlischen Freuden
als wahres Nichts angesichts dieser über alles regierenden Liebe. Woher
aber kommt dies, daß ich nicht gut liebe, obwohl ich doch jetzt schon gut
zu lieben vermag? O meine Tochter, beten wir, arbeiten wir, demütigen
wir uns und rufen wir diese Liebe auf uns herab!
Noch nie sah die Erde den Tag der Ewigkeit auf ihrem Erdenrund bis
zu diesem heiligen Festtag, da unser Herr durch Verklärung seines Lei-
bes in den Engeln den Wunsch, glaube ich, wach werden ließ, ähnliche
Leiber zu haben, mit deren Schönheit die Himmel und die Sonne nicht
vergleichbar sind. Ach, wie glücklich sind doch unsere Herzen, eines
Tages der Teilnahme an so großer Verklärung harren zu dürfen, voraus-
gesetzt, daß sie in diesem sterblichen Leben dem Geist gut dienen! ...

Annecy, (24. Juni 1612).


Haben Sie eine Rose vor Augen, meine sehr teure Tochter? Sie ver-
körpert den glorreichen hl. Johannes, dessen purpurne Liebe leuchten-
der ist als die Rose, der er aber doch ähnlich ist, da er – wie sie – inmit-
ten der Dornen vieler Abtötungen gelebt hat.
Bedenken Sie aber, wie dieser große Mann die heilige Jungfrau und
ihr Kind im Innersten seines Herzens eingeprägt hatte seit dem Tag der
Heimsuchung, an dem er als erster der Sterblichen fühlte, wie liebens-
wert die Mutter des Kindes und das Kind dieser Mutter waren. Außer
dieser Mutter und diesem Kind soll nichts das Herz meiner Tochter und
ihres Vaters beschäftigen. Möge dieser glorreiche und göttliche Jesus
auf den Armen seiner heiligen Mutter in unserem Geist wie auf einem
blühenden Thron leben und herrschen.
Hier ist also, meine sehr teure Tochter, ein geistlicher Blumenstrauß,
in dem Sie in einer Rose zwei Lilien sehen, von denen die eine aus der
anderen geboren wurde und alle beide mit ihrem süßen Duft und ihrer
vollkommenen Schönheit die Rose jener Herzen segnen, welche durch
eine vollständige, kraftvolle Abtötung nackt, bloß und um ihretwillen
von allen anderen Dingen losgeschält leben. Ach, wer wird uns die Gna-
de erweisen, daß wir so recht den Honig zu verkosten vermögen, den
diese Mutter einer Biene gleich im Herzen dieser liebenswerten Blume
erzeugt?
Gute Nacht, meine sehr teure Mutter; gute Nacht all unseren Schwes-
tern! ...

243
Annecy, 1. August 1612.
Unser großer hl. Petrus, vom Engel aus seinem Schlaf geweckt, grüßt
Sie, meine sehr teure Mutter. – Wie anmutig ist doch die Geschichte von
dieser Befreiung! (Apg 12,3-11). Seine Seele ist derart davon ergriffen,
daß er nicht weiß, ob er träumt oder wacht. – Möge unser Engel heute
unsere Seite berühren, uns zum liebevollen Harren Gottes erwecken,
uns von allen Banden der Eigenliebe befreien und uns für immer dieser
himmlischen Liebe weihen, damit wir sagen können: „Jetzt weiß ich
gewiß, daß Gott seinen Engel gesandt und mich befreit hat.“
Ach, wie glücklich war unser lieber hl. Petrus, denn aus inniger Liebe
heraus fragte ihn unser Herr so oft: „Petrus, liebst du mich?“ (Joh 21,
15-17). Nicht etwa, daß er daran zweifelte, sondern wegen der großen
Freude, die er daran hat, uns immer wieder sagen und beteuern zu hö-
ren, daß wir ihn lieben. Meine liebe Mutter, lieben wir nicht den gütigen
Heiland? Ach, er weiß wohl, daß – wenn wir ihn nicht lieben – wir
zumindest wünschen, ihn zu lieben. Wenn wir ihn aber lieben, dann
weiden wir seine Lämmlein und Schafe; das ist das Zeichen der treuen
Liebe. Womit aber sollen wir diese lieben Schäflein immer wieder näh-
ren? Mit der Liebe selbst, denn entweder leben sie nicht, oder sie leben
von der Liebe; zwischen ihrem Tod und der Liebe gibt es kein Zwischen-
ding. Wir müssen sterben oder lieben, denn wer nicht liebt, sagt der hl.
Johannes (1 Joh 3,14), der verharrt im Tod.
Wollen Sie aber einen hübschen Gedanken wissen? Unser Herr wird
seinem lieben hl. Petrus sagen: „Als du jung warst, gürtetest du dich
selbst und gingst, wohin du wolltest; wenn du aber alt sein wirst, wirst du
deine Hand ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und dich füh-
ren, wohin du nicht willst“ (Joh 21,18). Die jungen Lehrlinge in der
Liebe zu Gott gürten sich selbst; sie nehmen Abtötungen auf sich, wie es
ihnen gut scheint, sie wählen ihre Buße, Ergebung und Hingabe und tun
ihren eigenen Willen innerhalb des Willens Gottes. Die alten Lehrer
aber in dieser Kunst lassen sich von anderen binden und gürten, unter-
werfen sich dem ihnen auferlegten Joch und gehen die Wege, die sie
ihrer Neigung nach nicht gehen würden. Es ist wahr, daß sie die Hand
ausstrecken; denn trotz des Widerstrebens ihrer Neigungen lassen sie
sich freiwillig gegen ihren Willen leiten und sagen, daß es besser sei, zu
gehorchen, als Opfergaben darzubringen (1 Sam 15,22; Sir 4,31); und
so verherrlichen sie Gott, indem sie nicht allein ihr Fleisch kreuzigen
(Gal 5,24), sondern ihren Geist.
Wahrlich, gestern, als man das Invitatorium sang und rief: „Es lebe

244
der König der Apostel! Kommt und betet ihn an!“ hatte ich ein so süßes
und liebevolles Gefühl wie nie sonst und wünschte plötzlich, daß es sich
über unser ganzes Herz ergieße.
O Gott, unser Heiland sei uns immerdar alles! Halten Sie das Herz
empor in den liebevollen Schoß der göttlichen Güte und Vorsehung,
denn dort ist sein Ruhelager (Ps 132,14). Er ist es, der mich ganz Ihnen
zu eigen und Sie ganz mir zu eigen gemacht, damit wir reiner, vollkom-
mener und einzig die Seinen werden. Amen.

Annecy, 15. August 1612.


Ach, wie schön ist doch dieses Morgenrot des ewigen Tages, das – so
scheint es – gegen Himmel aufsteigend mehr und mehr in die Segnun-
gen ihrer unvergleichlichen Herrlichkeit hinaufwächst! Mögen die Düf-
te ewiger Süße, die über die Herzen ihrer Verehrer ausgegossen sind, das
Herz meiner sehr teuren Mutter wie mein eigenes erfüllen und möge
unsere liebe kleine Kongregation, die ganz dem Lobpreis ihres Sohnes
und der heiligen Brüste, die ihn genährt haben, geweiht ist, sich der
Segnungen erfreuen, die jenen Seelen zugedacht sind, die sie ehren.
Gestern Abend hatte ich ein besonders inniges Gefühl der Wohltat, wenn
auch unwürdig, so doch Kind dieser glorreichen Mutter sein zu dürfen, des
Meeressterns, schön wie der Mond und auserwählt wie die Sonne (Hld 6,9).
O mein Gott! Meine sehr teure Mutter, ich habe besondere Freude daran
gefunden, zu sehen, wie sie ein schönes Gewand von unvergleichlicher Weiße
ihrem Diener, dem hl. Ildefons, Bischof von Toledo, verlieh; denn warum
sollte sie nicht auch ein solches unserem lieben Herzen verleihen? Sehen
Sie, ich komme wieder auf meine Schäflein zurück.
Unternehmen wir große Dinge, getragen von der Gunst dieser Mutter,
denn wenn wir in der Liebe zu ihr ein wenig zärtlich sind, so wird sie
sich wohl hüten, uns nicht das zu gewähren, was wir anstreben. O Gott,
wenn ich mich daran erinnere, daß sie im Hohelied (12,5) sagt: „Um-
gebt mich mit Äpfeln“, so möchte ich ihr gerne unser Herz schenken;
denn welch anderen Apfel kann diese schöne Gärtnerin von mir wün-
schen? – Ich komme von der Predigt, in der ich gern noch viel heiliger
und liebevoller über unsere glorreiche und heilige Herrin gesprochen
hätte; ich bitte sie, es mir zu verzeihen. Gott erweise uns die Gnade, uns
eines Tages von seiner göttlichen Liebe verzehrt zu sehen. Leben Sie
indessen wohl, meine sehr teure Mutter.
Am 15. August, dem Tag der Verherrlichung unserer hochverehrten
Herrin, die immerdar unsere Liebe sei ...

245
Annecy, 20. November 1612.
Sagen Sie mir doch, aber auf Ehre und Gewissen, meine sehr Teure,
wie Sie sich in dem Durcheinander befinden, das Sie gestern in diesem
neuen Haus hatten. Beinahe hätte ich daran Anstoß genommen oder
hätte mich zumindest geärgert. Denn welches Unterfangen, nach so vie-
len Schwächezuständen noch bei diesem Umzug so zu arbeiten und sich
aufzureiben! Ich erwarte jedoch Nachricht, wie Ihnen der Versuch ge-
lungen ist, denn je nachdem werde ich mich entweder in meiner Eigen-
schaft als Vater erzürnen oder den Fehler in meiner Eigenschaft als
Sohn verheimlichen. Indessen wissen Sie wohl, daß Sie heute nicht fa-
sten dürfen; denn unsere glorreiche Königin und Herrin bedarf der ge-
ringen Kräfte, welche Ihnen für die anderen Dienste verbleiben, die sie
künftighin von Ihnen fordern will.
Leben Sie also wohl, meine sehr teure Mutter, bleiben Sie nicht nur in
Frieden, sondern auch in Ruhe. Gott sei immerdar das einzige Streben
unseres Herzens. Amen.

Annecy, 30. November 1612.


Ich versichere Ihnen, meine sehr teure Mutter, meine Tochter, daß ich
gern alle Mühen an Leib und Seele, die Sie mit Ihrem Heilmittel haben,
auf mich nähme. Da ich Ihnen aber dies nicht abnehmen kann, nehmen
Sie eben diese kleinen Abtötungen heilig auf sich, empfangen Sie diese
Erniedrigung im Geist der Ergebung – und wenn möglich – des Gleich-
muts. Passen Sie Ihre Vorstellungskraft der Vernunft, Ihr Naturell dem
Verstand an und lieben Sie diesen Willen Gottes in solchen, an sich
unangenehmen Dingen, als ob es sich um die angenehmsten handelte.
Sie nehmen Ihre Heilmittel nicht aus eigener Wahl oder aus Sinnlich-
keit, sondern aus Gehorsam und aus Vernunftgründen; gibt es etwas, das
dem Heiland wohlgefälliger ist?
Es liegt aber eine Erniedrigung darin! Der hl. Andreas und so viele
Heilige haben die Nacktheit am Kreuz erlitten. O kleines Kreuz, du bist
liebenswert, da weder die Sinne, noch die Natur dich lieben, sondern
einzig die höhere Vernunft.
Meine sehr teure Mutter, mein Herz grüßt das Ihre in seiner Eigen-
schaft als Sohn und über jeden Vergleich hinaus mehr noch als ein Sohn.
Seien Sie ein kleines Lamm, eine kleine Taube, ganz einfältig (Mt 10,16),
sanft und liebenswert, ohne Widerrede oder Rückschau. Gott segne Sie,
meine sehr teure Mutter! Möge unser Herz immer in ihm sein und ihm
angehören. Beschäftigen Sie Ihren Geist nicht mit Geschäften und neh-

246
men Sie demütig und liebevoll die kleinen Behandlungen auf sich, die
Ihre Krankheit erfordert.
Es lebe Jesus und Maria! Ich bin der, den Jesus selbst zu dem Ihren
gemacht hat ...

Annecy, 9. Dezember 1612.


Bei der Predigt habe ich wohl unsere geliebte Tochter Françoise gese-
hen, aber ich habe sie nicht zu fragen gewagt, wie es meiner sehr teuren
Mutter ginge. Es waren so viele Leute da, die mich gehört hätten und
neugierig gewesen wären, wer denn diese sehr teure Mutter sei. Außer
Gott, seinen Engeln und seinen Heiligen und unserem Herzen weiß ja
niemand, wie sehr die Zuneigung, die mich zum Vater, Sohn und zu ein-
und derselben Seele mit Ihnen macht, genügt und mehr als genügt, dies
zu bewirken.
Dieses Brieflein hat daher die Aufgabe, nach Ihrer Gesundheit zu
fragen und unsere liebe kleine Tochter zu bitten, Ihnen etwas über die
Predigt zu erzählen, welche ich kühn und leidenschaftlich gehalten habe.
Nachdem ich es erst gestern hinausgeschoben hatte, über meine Weihe
zu sprechen, weil heute mehr Leute da sein würden, sagte ich unter ande-
rem, daß es nun zehn Jahre seien seit meiner Weihe, d. h. seit Gott mich
mir selbst genommen, um mich zu sich zu nehmen und mich dann dem
Volk zu geben, d. h. daß er mich verwandelt hatte von dem, der ich für
mich war, zu dem, der ich für sie wurde. Was aber uns betrifft, so wissen
Sie, daß Gott mich mir selbst genommen hat, nicht um mich Ihnen zu
geben, sondern um mich zu Ihnen selbst zu machen. So möge es gesche-
hen, daß wir – uns selbst fortgenommen – verwandelt werden in ihn
selbst durch die höchste Vollkommenheit seiner heiligen Liebe. Amen.
Guten Abend, meine sehr teure Mutter und mehr als Mutter; guten
Abend auch unseren Töchtern.
Nicht P. Archange von Tillet, sondern P. Constantin von Chambéry
wird unser Prediger für die restliche Adventzeit sein und ich werde oft
der Adventprediger unserer lieben Schwestern sein, denn ich bin der
Ihre nicht nur oft, sondern immer.

Annecy (1611-1612).
Guten Abend, meine sehr teure, einzige Tochter. Halten Sie den ge-
kreuzigten Jesus Christus fest in Ihren Armen, denn die Braut umfing
ihn wie einen Myrrhenstrauß (Hld 1,12), d. h. einen Strauß voll Bitter-
keit. Aber, meine sehr teure Tochter, nicht er ist uns bitter, sondern er

247
läßt es nur zu, daß wir, wir selbst uns bitter sind. Dennoch ist, sagt His-
kija, „inmitten meiner Mühen meine so bittere Bitterkeit in Frieden“
(Jes 38,17). O, der Gott der Milde möge Ihr Herz beruhigen oder zu-
mindest bewirken, daß Ihre Bitterkeit in Frieden sei.
Diese gute Nonne wünscht, Ihnen ausführlich ihr Herz auszuschüt-
ten, aber sie sagt, daß sie nicht wisse, wie sie es tun soll; Sie müssen ihr
also helfen und können ihr sagen, daß ich es Ihnen gesagt habe. Gott sei
gelobt! Amen.

Annecy, (1611-1612).
... Ich vergaß gestern, Sie zu tadeln, daß Sie das Wort Gottes nicht in
aller Einfachheit aufgenommen, sondern Abneigungen gehegt haben,
daß das Wort Gottes von dem einen Ihnen weniger angenehm war, als
von dem andern. O, Demut und Milde der Liebe des Bräutigams läßt die
Bräute demütig und gelassen aufmerksam bleiben, um sein heiliges Wort
aufzunehmen.
Es lebe Jesus, meine sehr teure Mutter, in allem, was wir sind, gemäß
der Einheit, die er aus uns gemacht hat.

Annecy, (1612-1613).
Meine liebe Tochter!
Preisen Sie Gott dafür, daß er mir diese zwei Tage etwas Zeit gibt, um
ein wenig außerordentliches Gebet zu pflegen; denn wahrlich, seine Güte
hat in meinem Geist so viel Licht und in mein armes Herz so viel Liebe
verströmt, um es in unser teures Buch von der heiligen Liebe zu schrei-
ben, daß ich nicht weiß, woher ich die Worte nehmen soll, um das auszu-
drücken, was ich empfangen habe, wenn der gleiche Gott, der es mich
empfangen ließ, mir nicht hilft, es auch zur Welt zu bringen.

Annecy, um den 10. Januar 1613.


Meine sehr teure Mutter, meine Tochter!
Ich will Ihnen doch schnell guten Tag wünschen, um mein Herz in
jeder Hinsicht zu befriedigen; denn man muß dieses arme Herz lieben,
da es – so schwach es auch sein mag – doch seinen Gott lieben will mit
aller Inbrunst, in Aufrichtigkeit und Reinheit.
Ich wünsche schon, Sie heute noch aufzusuchen, aber ich wage nicht,
es zu versprechen. Unter anderem zweifle ich deshalb daran, weil so-
eben der „Almosenier“ von Belleville kommt, der mir wegen Frau von
Gouffiers geschrieben hat, und es scheint nur vernünftig, wenn ich ihm,

248
der eigens kommt, mich aufzusuchen, hierzu möglichst viel Gelegen-
heit biete. Ich glaube, daß er auch Sie aufsuchen wird, und ich wünsche,
daß dies zu seinem Trost und seiner Erbauung geschehe, zumal er eine
gewisse Neigung hat, unserer künftigen Kongregation anzugehören, wenn
uns Gott die Gnade schenkt, sie zu errichten.28 Er wird vielleicht auch
unsere Tochter Bellod29 sehen wollen, denn er ist der Schwager des „er-
wählten“ Bellod.
Ich habe bereits zwei Stunden an der „Gottesliebe“ gearbeitet.
Muß ich Ihnen nicht sagen, welches Leid mir die gestrige Nachricht
vom Tod unseres Barons von Lux30 bereitet hat? Wie man sagt, wurde er
vom Ritter von Guise durch einen Pistolenschuß getötet. Die Nachricht
ist nicht ganz verläßlich, da sie von Genf kommt; dennoch neige ich der
Meinung zu, daß sie wahr sei, da man sie bestätigt. Ach, wie beklage ich
ihn, wenn er so gestorben ist; sonst freilich ist der Tod zu allgemein und zu
unvermeidlich, um sich darüber übermäßig zu verwundern.
Meine sehr teure Tochter, meine so gute Mutter, Gott überhäufe Sie
mit seinen heiligsten Segnungen in Ihrem ganzen Herzen, in Ihrem gan-
zen Leben. Antworten Sie mir erst heute Abend, aber sagen Sie Herrn
Michel, wie Sie sich befinden. Es lebe Jesus!

Annecy, (um den 7. April 1613).


Ja, der Vespermantel, den die teuerste Mutter, die da lebt, ihrem sehr
teuren Vater schickte, ist wirklich über alle Maßen schön; denn er steht
ganz unter den Namen Jesus und Maria und stellt in vollkommener Weise
den Himmel der Seligen dar, in dem Jesus die Sonne (Offb 22,5) und
Maria der Mond (Hld 5,9) ist, Leuchten, die allen Sternen dieser heiligen
Wohnstätte (Dan 12,3) gegenwärtig sind. Denn Jesus ist hier allen alles (1
Kor 15,28; Kol 3,11) und es gibt keinen Stern auf diesem Himmelsrund,
der nicht wie ein Spiegel sein Bild zurückstrahlt. Und die Doppel-Phi
bedeuten als Anfangsbuchstaben die Philothea und die Philanthropie, die
Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten. Und die geschlossenen S mit
ihren auf der einen Seite an- und auf der anderen Seite absteigenden Stri-
chen zeigen die Übung dieser heiligen Arten der Liebe an, deren eine zu
Gott emporsteigt und die Philotheen macht, die andere aber zum Näch-
sten herabsteigt und die Philanthropen bewirkt. Das ist das einzige Gut
der Liebe, das uns zu wahren Dienern und Dienerinnen der göttlichen
Majestät gestaltet. Der Heilige Geist vor allem wirkt und bringt eine gro-
ße Vielfalt von Blumen und jeder Art von Tugend hervor.
Gesegnet sei immerdar die liebe Hand meiner Mutter, die diese schöne

249
Arbeit so gut zu machen verstand! Möge diese Hand geeignet sein, Starkes
zu vollbringen und in gleicher Weise die Spindel zu drehen (Spr 31,90).
Sie möge mit dem Ring der Treue und ihr Arm mit dem Armreif der
Liebe geschmückt sein: die rechte Hand des Heilands liege immerdar auf
ihr und sie möge am Tag des Gerichtes nicht als zu leicht befunden wer-
den. Möge das Herz, das sie beseelt, stets bekleidet sein mit Jesus, Maria,
der Philothea und der Philanthropia, mit Heiligkeit, mit Sternen, mit
fliegenden Pfeilen der himmlischen Liebe und mit jeder Art blühender
Tugend. Möge der Heilige Geist sie zu jeder Zeit erleuchten.
Guten Abend, meine sehr teure Tochter, meine Mutter.
Ich muß aber noch dies sagen: es steht von der starken Frau (Spr 5,21)
geschrieben, daß alle ihre Leute doppeltes Gewand haben; eines, denke
ich für die Festtage und das andere für den Alltag. Und ich bin nun mit
einem wunderbaren Vespermantel für die Festtage geschmückt, einem
schönen Vespermantel, in der Farbe der Auferstehung, aber auch mit
einem Gewand für alle Tage in der Farbe des Kleides, das unser Herr auf
dem Kalvarienberg trug. Gott, unser Herr, bekleide Sie sowohl mit sei-
ner Passion wie mit seiner Glorie.

Annecy, 8. April 1613.31


Sie können wohl heute und morgen im Haus arbeiten, vorausgesetzt,
daß kein Fremder es betritt außer Herr Grandis,32 Frau Roget33 oder die
kleine Schwester;34 und sollte es auch ein anderer betreten, so können
Sie trotzdem an diesen Arbeiten weitermachen, die für die Kirche be-
stimmt sind.
Ich dachte keineswegs daran, nach Paris zu schreiben; da Sie es aber
gewünscht haben, schreibe ich dem Msgr. von Bourges.
Wenn ich irgendwie kann, werde ich Sie morgen besuchen; schlimm-
stenfalls werde ich zumindest Ihre Heilige Messe am Sonntag feiern. An
all diesen drei Tagen habe ich nach dem Essen schon Besprechungen
vorgemerkt.
Mein Gott, meine liebe Tochter, wieviel Vollkommenheit wünsche
ich Ihnen! Und wie viel Mut und Hoffnung setze ich jetzt auf diese
höchste Güte und seine heilige Mutter, daß – um mit unserem hl. Paulus
zu sprechen – unser Leben mit Jesus Christus ganz in Gott eingeschlos-
sen sein wird (Kol 3,3).
Leben Sie wohl, meine liebe Mutter. Ich grüße alle unsere Töchter,
die kranken besonders, inbegriffen die große liebe Tochter, blaß im Ge-

250
sicht, aber – wie ich hoffe – glühend im Herzen ob der himmlischen
Liebe. Leben Sie denn wohl, meine sehr teure Mutter, wahrhaft meine
Tochter!

Saint-Jean de Maurienne, 21. April 1613.35


Meine sehr teure und sehr geehrte Mutter!
Hier bin ich nun am vierten Tag im Aufbruch von Saint-Jean de Mau-
rienne, wo uns der Bischof freundlichst untergebracht hat. Leben Sie
froh in unserem Herrn, meine wahrhaft ganz gute Mutter. Ich bitte ihn
unaufhörlich, es möge ihm gefallen, unser einziges Herz immer mehr
mit seiner hochheiligen und reinen Liebe zu erfüllen.
Ich bitte Sie, Herrn Michel zu sagen, daß er den Kapuzinerpatres
Almosen geben soll ganz so, als wenn wir dort wären, und daß er, wenn
die Damen von St. Klara Wein brauchen, auch für die Kranken ihnen
solchen geben soll.
O meine sehr teure und wahre Mutter, Gott segne Sie mit seinen reich-
sten Segnungen und die ganze liebe Schar, besonders die Kranke. Ihr
Sohn, Ihr Neffe und alle grüßen Sie. Mögen wir immerdar Gott angehö-
ren, Sie wie ich selbst und ich wie Sie selbst, da es so seiner göttlichen
Güte gefallen hat, die gepriesen sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

(April-Mai 1613).
Meine sehr teure Tochter, man muß den Ausgang dieser Krankheit36
möglichst ruhig abwarten, vollkommen entschlossen, sich in den göttli-
chen Willen zu fügen, bei diesem Verlust, sofern man die Abwesenheit
auf einige Zeit, die mit Gottes Hilfe durch eine ewige Gegenwart ausge-
glichen wird, Verlust nennen kann. Ach, wie glücklich ist das Herz des-
sen, der den göttlichen Willen in allem, was geschieht, liebt und umfängt.
O, wenn wir einmal unser Herz fest auf diese heilige und glückselige
Ewigkeit ausgerichtet haben, werden wir all unseren Freunden sagen:
Geht, geht nur ein, liebe Freunde, in dieses ewige Sein zu der Stunde, die
der König der Ewigkeit euch bezeichnet hat; wir werden nach euch auch
dahin gehen. Und da uns diese Zeit nur dafür gegeben ist und da die Welt
sich nur bevölkert, um einmal den Himmel zu bevölkern, so tun wir
alles, was wir zu tun haben, wenn wir dorthin gehen. Darum, meine
Mutter, haben unsere Vorfahren so sehr das Opfer Abrahams bewun-
dert (Gen 22,1-12). Welches Vaterherz! Ebenso Ihre heilige Landsmän-

251
nin, die Mutter des hl. Symphorianus, von der ich ja etwas am Schluß
meines Buches erzählte.
O Gott, meine Mutter, überlassen wir unsere Kinder der Verfügung
Gottes, der sein Kind uns zur Verfügung gestellt hat; bieten wir ihm das
Leben unserer Kinder dar, da er das Leben seines Kindes für uns gege-
ben hat (Joh 3,16; 1 Joh 4,9). Kurz, wir müssen die Augen auf die himm-
lische Vorsehung heften, deren Führung wir uns aus ganzer Demut unse-
res Herzens anvertrauen müssen.
Gott segne Sie und bezeichne Ihr Herz mit dem ewigen Siegel seiner
reinen Liebe. Wir müssen ganz demütig Heilige werden und überall
den guten und süßen Duft unserer Liebe verbreiten. Gott möge uns mit
seiner heiligen Liebe in Flammen setzen und uns alles ihretwegen ver-
achten lassen; unser Herr sei die Ruhestätte unseres Herzens und un-
serer Körper! Ich lerne alle Tage, nicht meinen Willen, sondern das zu
tun, was ich nicht will. Bleiben Sie in Frieden in den liebevollen Ar-
men der göttlichen Vorsehung und im schirmenden Schoß Unserer
lieben Frau ...

Turin, 6. Mai 1613.


Gestern ganz spät erhielt ich Ihren Brief, meine sehr teure Tochter,
und ich kündige Ihnen in aller Eile unsere Rückkehr von Mailand an,
wo wir auf die Dauer unserer ganzen Reise liebevollst behandelt wur-
den. Vorgestern war ich einer derer, die das heilige Leichentuch feier-
lich zur Schau stellten, wobei Ihre Hoheit mir die Ehre erwies, mir bei
verschiedenen Anlässen viel Wohlwollen zu bezeugen. Ich warte nun
nur noch auf eine gute Audienz bei ihr, wie sie es mir in Trino versprach,
und auf eine andere bei Msgr. von Nemours; dann aber steige ich gleich
wieder zu Pferd, um in mein armes kleines Schneckenhaus zurückzu-
kehren, das mir teurer ist als alle Paläste der großen Fürsten, deren
Freundlichkeit mir zwar den größten Dank abnötigen, ohne mich aber
irgendwie zu verpflichten.
Ich werde Ihnen in zwei bis drei Tagen durch Herrn von Vallon schrei-
ben, ebenso allen meinen Freunden, außer ich bin so glücklich, fertig zu
werden und selbst kommen zu können; diese Kriegszeit aber kommt
mir dabei nicht zu Hilfe. Ich hoffe jedoch, daß es bald sein wird, wenn
auch nicht so bald, wie ich es wünsche.
Wir lassen also diesmal das Kreuz da. Ich grüße unsere ganze liebe
Schar, Frau von Gouffiers, wenn sie dort ist, und alle. Gott segne immer-

252
dar unser einziges Herz, meine sehr teure Mutter. Soeben kommt je-
mand zu mir. Gott sei immer mit Ihnen; ich bin in ihm für Sie das, was
er weiß, und wahrlich Sie selbst.

Turin, 15. Mai 1613.


Und ich, meine sehr teure Tochter, antworte Ihnen noch kürzer auf
Ihren Brief vom 5. ds. sowohl wegen tausenderlei Geschäften und Besu-
chen, wie auch wegen der festen Hoffnung, Sie recht bald zu sehen. Ich
bin ja mit Gottes Hilfe entschlossen, nächsten Samstag oder Sonntag
von hier aufzubrechen, um zum heiligen Pfingstfest in Annecy zu sein,
zumal ich mich nur mehr in Angelegenheiten dieser armen Verbann-
ten37 hier aufhalte; denn für die Depeschen lasse ich den guten Herrn
von Blonay zurück, der gerne bleiben wird, um sich darum zu küm-
mern. Diese Verhandlungen aber, durch die Msgr. von Nemours beru-
higt werden soll, lassen sich nur in meiner Anwesenheit führen; nun, ich
setze mein ganzes Vertrauen auf Gott, daß ich dabei Erfolg habe.
Ich habe Sie bereits wissen lassen, daß wir die Frau Herzogin von
Mantua, welche die Tugend selbst ist, zur Beschützerin haben werden;
darüber darf man aber noch nichts verlauten lassen, aus einem Grund,
den ich Ihnen sagen werde. Herr de La Bretonnière ist noch willens, uns
in manchen Dingen bei der Errichtung unseres Oratoriums zu helfen.
Kommen Sie den Herren, die zurückreisen, besonders Herrn Floc-
card, herzlich entgegen. Ich bin in Sorge wegen der Verspätung der Frau
von Gouffiers, überlasse dies jedoch der heiligen Vorsehung unseres
Herrn, wie auch unsere arme kleine Kranke. Wir werden Ihren Sohn
wieder mitbringen, der wirklich sehr wünscht, sich im Krieg zu verwen-
den, wenn es zu einem kommt.
Ich grüße sehr meine liebe Tochter, Frau von Thorens, und Fräulein
von Rabutin,38 die auch meine Tochter ist; wie auch alle, die um Sie sind
und mir – wie Sie wissen – teurer, als ich sagen kann.
Gott sei immerdar in unserem Herzen, um darin ewig zu leben und zu
herrschen. Er weiß, wie wir nach seinem Wohlgefallen sein sollen in der
ganz vollkommenen Einheit, die er in sich selbst und durch sich selbst
geschaffen hat. Amen.
Es wäre besser, wenn man den Prozeß39 in meiner Abwesenheit bei-
legte angesichts meiner zu großen Nachgiebigkeit. Ich werde für den
armen Herrn Pierre beten und preise Gott, daß er – gut vorbereitet –
verschieden ist ...

253
Annecy, 25. Mai 1613.40
Da bin ich also wieder bei meiner sehr teuren Mutter, ich selbst und
kein anderer, und alle, die mich sehen, bezeugen, daß ich recht gut bei-
sammen bin. Morgen wird mir mit Gottes Hilfe meine sehr teure Mutter
dasselbe sagen und mich willkommen heißen; inzwischen grüße ich sie
sehr demütig von ganzem Herzen und auch alle unsere lieben Schwestern.
Gott schenke Ihnen eine gute Nacht, meine sehr teure Mutter, der ich
von ganzem Herzen in unserem Herrn gehöre.

Annecy, 27. Mai 1613.41


Es ist besser, meine sehr teure Tochter, daß Sie ihm schreiben, da die
restlichen Besprechungen sich mit Ihnen abgespielt haben. Ich möchte
gerne, daß Herr von Beaumont dabei sei, da er energischer jeden Partei-
geist zum Schweigen bringen würde. Jedenfalls besteht, wenn die Ver-
sammlung entsprechend zusammengesetzt ist, keine große Gefahr, zu-
mal es doch nur geschieht, um ein Kompromiß zu schließen.
Sie wissen wohl, daß ich der Ihre bin. Gute Nacht, meine sehr teure
Tochter. Ich war sehr froh, heute Morgen diese guten Damen und beson-
ders Frau von Gouffiers42 zu sehen, die ich ganz so finde, wie Sie sie mir
geschildert haben.
Gott vermehre immer mehr seine heilige Liebe in unserem Herzen.

Annecy, (6. Juni) 1613.


Wie froh bin ich doch, meine sehr teure Mutter, über die gute Nach-
richt von Ihrem Gesundheitszustand! Der große Gott, dem meine arme
Seele und die Ihre immerdar dienen wollen, sei gelobt und gepriesen
und möge diese teure Gesundheit immer mehr festigen, die wir seiner
unendlichen Heiligkeit geweiht haben.
Wie befindet sich aber nun unser teures Herz in Ihnen? Ach, meine
sehr teure Mutter, wieviel Segen wünsche ich ihm doch! Wann endlich
wird uns die Liebe durch den Triumph über alle unsere Neigungen und
Gedanken ganz mit dem höchsten Herzen unseres Heilands vereinen,
nach dem sich das unsere unaufhörlich sehnt? Ja, meine sehr teure Mut-
ter, es sehnt sich wenn auch die meiste Zeit hindurch unfühlbar – doch
unaufhörlich danach.
Heute früh war ich recht betrübt, daß ich meine Arbeit gerade in dem
Augenblick unterbrechen mußte, als mich irgendwie das Gefühl über-
wältigte, das wir beim Schauen Gottes im Paradies haben werden, denn

254
das sollte ich in unserem Buch43 beschreiben; jetzt aber habe ich es nicht
mehr. Da ich aber nur deshalb fortgegangen bin, um eben das Angeld
dieser Schau44 in der Heiligen Messe zu empfangen, hoffe ich, daß sie
mich zur rechten Zeit wieder überkommen wird.
O Gott, meine sehr teure und einzige Mutter, lieben wir doch voll-
kommen diesen göttlichen Gegenstand unserer Liebe, der uns soviel
Beglückendes im Himmel vorbereitet; wir wollen ihm so recht ganz
angehören und Tag und Nacht zwischen Rosen und Dornen weiterwan-
deln, um zu diesem himmlischen Jerusalem zu gelangen.
Die große Tochter45 geht einen ganz sicheren Weg, dessen Rauheit sie
hoffentlich nicht entmutigt. Die leichtesten Wege führen uns nicht im-
mer gerade und sicherer ans Ziel. Man hält sich manchmal so sehr durch
das Vergnügen daran auf, nach der oder jener Seite nach schönen Aus-
blicken auszuschauen, daß man ganz darauf vergißt, die Reise rasch
fortzusetzen.
Ich muß mich kurz fassen. Beiliegendes Schreiben hat man mir heute
geschickt; und da ich dieses arme Geschöpf nie gesehen habe und Sie es
vielleicht vor mir sehen werden, hielt ich es für gut, den Brief Ihnen zu
schicken. Ach, meine sehr teure Mutter, wieviel macht doch die Eitel-
keit diesen schwachen kleinen Geistern zu schaffen, die sich nicht ken-
nen und sich in Gefahren begeben! Wenn man sie mahnt, muß man aber
doch, wie Sie wissen, Liebe und Sanftmut walten lassen; denn so erteilte
Mahnungen wirken nachhaltiger; andernfalls könnte man diesen ein
wenig schwachen Herzen schwer schaden. Ich weiß nur nicht, wie Sie es
ihr sagen sollen, daß Sie diese Mißhelligkeit wissen. Nun, Gott wird
unserem Herzen schon eingeben, was es da sagen soll, darum bitte ich
ihn und auch darum, mir einzugeben, was ich heute abend predigen soll.
Ich schreibe unter vielen Ablenkungen. Guten Abend, meine sehr
teure Mutter, ich bin Ihr Ihnen ganz hingegebener Diener in unserem
Herrn ...

Annecy, (um den 14. Juni) 1613.46


... Der Morgen war für mich wie frischer Tau und heute Nachmittag
werde ich wohl einen Sturm erleben. Glückselig, wenn ich am Abend
Ihren Nelken gleichen kann, deren Duft zur Tagesneige zarter wird und
an Süße zunimmt. Ach, Gott möge uns die Gnade erweisen, daß wir –
immer mehr gegen den Lebensabend hinneigend – vor Gott an süßem
Duft zunehmen. Amen.
Guten Abend auch der Frau von Gouffiers.

255
Annecy, 23. oder 24. Juni 1613-1614.
... Ich bitte unseren Herrn, – das Lamm, welches uns der große hl.
Johannes zeigte (Joh 1,29-36) – daß er Sie ganz mit der hochheiligen
Wolle seiner Verdienste bekleide, meine sehr teure Mutter, meine Toch-
ter. O Gott, welch bewunderungswürdige Herzensreinheit, welchen
Gleichmut allen Dingen gegenüber finden wir doch in diesem wunder-
bar menschlichen Engel oder engelhaften Menschen, der seinen Meister
fast nicht zu lieben scheint, um ihn nur noch inniger und reiner zu lie-
ben. Ich weiß nicht, wie er den Mut hatte, in seiner Wüste zu bleiben,
nachdem er seinen Heiland gesehen und auch gesehen, wie er sich von
ihm entfernte. Dennoch setzt er sein Predigen fort und in seiner heiligen
Härte läßt er sich nicht hinreißen zur Zärtlichkeit und süßen Liebe zu
seinem persönlich gegenwärtigen höchsten Gut, sondern dient ihm mit
einer entsagenden, beständigen und starken Liebe, fern von ihm, aus
Liebe zu ihm.
Gott und der große hl. Johannes mögen Sie mit all unseren Töchtern
mit der Milde ihrer Tröstungen heimsuchen.

Annecy, Ende Juni oder Anfang Juli 1613.


Wenn möglich, will ich der erste sein, meine sehr teure Tochter, der
Ihnen die Ankunft des geliebten Celse-Benigne anzeigt. Er kam gestern
ganz spät abends und wir hatten Mühe, ihn davon abzuhalten, Sie im
Bett, wo Sie alle sich zweifellos schon befanden, aufzusuchen.
Wie betrübt bin ich, nicht Zeuge sein zu können der Zärtlichkeiten,
die ihm von seiner Mutter zuteil werden, die aller natürlichen Liebe
gegenüber fühllos ist, denn ich glaube, daß es ganz schrecklich abgetöte-
te Zärtlichkeiten sein werden. Ach nein, meine liebe Tochter, seien Sie
nicht so grausam. Zeigen Sie ihm Freude über sein Kommen, diesem
armen jungen Celse-Benigne. Man darf nicht derart plötzlich so große
Zeichen dieses Absterbens unserer natürlichen Leidenschaft erbringen.
Also, wenn ich kann, werde ich Sie besuchen, aber nur kurz; denn
angesichts eines so liebenswürdigen Gegenstandes können wir uns nicht
gut sehen lassen.
Gott sei unser Alles, denn die Freundschaft steigt mehr herab als em-
por. Ich begnüge mich damit, nicht aufzuhören, Sie als meine Tochter
ebenso lieb zu haben, wie Sie ihn als Ihren Sohn lieben, wobei ich be-
zweifle, ob Sie dieses Geschäft besser verstehen als ich.

256
Annecy, 12. August 1613.
... Erheben wir unser Herz, meine sehr teure Mutter, sehen wir, wie
das Herz Gottes ganz gut und liebevoll zu uns ist; beten wir all seinen
Willen an und segnen wir ihn; möge er uns auch überall, wo es ihm
gefällt, meißeln und abschleifen, sind wir doch ewig sein. Sie werden
schon sehen, daß wir inmitten so vieler Abwege dennoch das Rechte
tun. Unser Herr wird uns durch die Wüsten in sein heiliges Land der
Versprechungen führen und uns von Zeit zu Zeit die Wüsten höher schät-
zen lehren als die fruchtbaren Landschaften, in denen wohl die Ähren zu
ihren Zeiten reifen, das Manna jedoch nicht herabfällt.
Mein Gott, meine sehr teure Mutter, als Sie mir schrieben, Sie seien
eine arme Biene, wünschte ich, so scheint es mir, es Ihnen nicht, solange
Ihre Trockenheit und inneren Bedrängnisse anhalten; denn dieses Tier-
chen, das gesund so emsig und fleißig ist, verliert sogleich, wenn es krank
ist, den Mut und tut nichts mehr. Später aber änderte ich meinen Wunsch
und sagte: Ach ja, ich will schon, daß meine Mutter eine Biene ist, selbst
wenn sie sich in geistiger Not befindet; denn dieses Tierchen kennt aus
sich selbst heraus kein anderes Heilmittel gegen Krankheiten, als sich
der Sonne auszusetzen und so Wärme wie Heilung durch deren Licht zu
erwarten. O Gott, meine Tochter, setzen wir uns doch ebenso unserer
gekreuzigten Sonne (Mal 3,20) aus und sagen wir dann zu ihr: O schöne
Sonne der Herzen, Du belebst alles durch die Strahlen Deiner Güte;
sieh uns hier halb tot vor Dir, von wo wir uns nicht wegrühren werden,
bis Deine Wärme uns belebt (Ps 19,7), Herr Jesus!
Meine liebe Tochter, der Tod ist Leben, wenn er sich im Angesicht
Gottes vollzieht. Stützen Sie Ihren Geist auf den Stein, der durch jenen
dargestellt wurde, den Jakob seinerzeit unter dem Haupt fühlte, als er
seine schöne Leiter sah (Gen 28,11-13); denn auf dem gleichen Stein
ruhte sich der Evangelist Johannes aus am Tag des Übermaßes der Liebe
seines Meisters (Joh 13,1.23.25). Unser Herz und das Herz unseres
Herzens wird liebevoll über Sie wachen.
Bleiben Sie in Frieden, Gott sei immerdar inmitten unseres Herzens;
möge er es immerdar mehr einzig zu dem seinen machen. Es lebe Jesus!
Amen ...

Annecy, (um den 15. September) 1613.47


Wenn es mein krankes Bein erlaubt, werde ich mir die gute Gesund-
heit und das gute Herz unserer lieben Jüngsten48 anschauen. Ob diese
Armen, die zu ihr gesprochen haben, von der Erde oder vom Himmel

257
sind, weiß ich nicht, Gott weiß es (2 Kor 12,2-3); ich weiß aber wohl,
daß sie die Sprache Jesu Christi und des hl. Johannes gesprochen haben,
als er den Bischöfen von Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes,
Philadelphia und Laodizea schrieb (Offb 1,2; Kap. 1-3).
Sagen Sie dieser lieben Tochter, sie soll ihren Traum49 nicht voll Neu-
gierde untersuchen, sondern sorgsam und demütig aus ihrer Gesundheit
des Herzens und Leibes Nutzen ziehen für den Dienst und die Ehre
Gottes. Demut und innere Treue, verbunden mit echter Liebe und Be-
harrlichkeit im Guten, sind die wahren Kennzeichen echter übernatür-
licher Gnaden ...

Annecy, 7. Dezember 1613.


Ich werde für Ihre Schwester von St. Catherine alles tun, was in mei-
ner Macht liegt, und glauben Sie mir, ich werde es noch liebevoller tun,
weil Sie es wünschen, denn es bereitet mir eine große Freude, Ihren
Willen zu tun! Ach, mit welcher Liebe sollten wir doch den Willen des
vielgeliebten Schöpfers erfüllen, da wir doch soviel Zuneigung zu dem
lieben und in Gott mit uns vereinten Geschöpfe haben.
Ja, meine sehr teure Mutter, legen Sie nur so recht Ihr Herz in die
Hände unserer teuren Herrin, deren Empfängnis wir heute abend in
Erinnerung feiern; ich werde sie darum bitten, denn, meine liebe Mut-
ter, ich bin fest entschlossen, kein anderes Herz mehr haben zu wollen,
als sie mir geben will, diese gütige Mutter der Herzen, diese Mutter der
heiligen Liebe, diese Mutter des Herzens der Herzen. Ach Gott, wie
sehr sehne ich mich doch danach, auf unserer Lebensfahrt die Augen auf
diesen schönen Stern zu richten!
Leben Sie wohl, meine sehr teure Mutter; seien Sie ganz froh ange-
sichts dieses kommenden Festes. Jesus sei unser Herz! Amen ...

Annecy, 8. Dezember 1613.


Ach, meine sehr teure Mutter, wie beschämt bin ich, wenn ich des
heiligen Eifers gedenke, mit dem ich vor elf Jahren an diesem heiligen
Tag im Geist mein ganzes Leben der Verherrlichung Unseres Herrn und
dem Heil dieses Volkes weihte, und wenn ich erwäge, wie wenig ich
diesen Entschlüssen entsprochen habe! Ich überlege dies aber, ohne den
Mut zu verlieren; im Gegenteil, ich habe Mut genug und um so mehr
Mut, als Unser Herr mir eine Hilfe gegeben hat, die nicht nur meines-
gleichen (Gen 2,18.20), sondern ganz eins mit mir ist, derart, daß sie

258
und ich in einem einzigen Geist ganz eins sind. Und dann richtet die
hochheilige Jungfrau, die Schutzfrau unseres Opfers, immer wieder mein
Herz dadurch auf, daß sie mir die Hoffnung auf ihre Gunst schenkt. Sie
nahm sich ja die Mühe, den hl. Gregor von Neocäsarea zu belehren, was
er im Hinblick auf den damals bekämpften Glauben predigen sollte; so
will ich mir von ihrer Barmherzigkeit versprechen, daß sie mich noch
lehren wird, recht zu hoffen und gut zu handeln, wenn ich noch mehr auf
ihre Liebe bedacht bin.
Guten Abend, meine sehr teure und einzige Mutter, die ich völlig wie
mich selbst und mehr als mich selbst liebe. Ich empfehle mich den Ge-
beten unserer lieben Schwestern, die mein Herz grüßt.

Annecy, 25. Dezember 1613.


Das große Kindlein von Betlehem sei immerdar das Entzücken und
die Liebe unseres Herzens, meine sehr teure Mutter, meine Tochter.
Ach, wie schön ist doch dieses arme kleine Kindlein! Es scheint mir, ich
sehe Salomo auf seinem vergoldeten und verzierten Elfenbeinthron, der
nicht seinesgleichen hatte in den Königreichen, wie die Schrift sagt (1
Kön 10,18-20), und dieser König hatte nichts seinesgleichen an Pracht
und Herrlichkeit (1 Kön 10,23); hundertmal lieber aber schaue ich die-
ses teure kleine Kindlein in der Krippe an als alle Könige auf ihren
Thronen.
Wenn ich es aber auf den Knien seiner heiligen Mutter oder in ihren
Armen sehe, sein kleines Mündchen wie eine Rosenknospe an die Li-
lien der heiligen Mutterbrust gepreßt, dann, o Gott, finde ich es herrli-
cher auf diesem Thron als Salomo auf seinem Elfenbeinthron ...
Der große hl. Josef möge uns an seiner Freude teilhaben lassen; die
erhabene Mutter an ihrer Liebe; und das Kind möge immerdar seine
Verdienste in unsere Herzen ergießen.
Ich bitte Sie, ruhen Sie, so innig Sie können, bei dem kleinen himmli-
schen Kind aus; es wird nicht davon ablassen, unser geliebtes Herz zu
lieben und zwar so, wie es ist, ohne Zärtlichkeit und Gefühl. Sehen Sie
nicht, wie es den Atem dieses dicken Ochsen und dieses Esels aufnimmt,
die weder Gefühl, noch irgendwelche Regungen haben? Wie sollte es da
nicht die Sehnsuchtsrufe unseres armen Herzens aufnehmen, das sich
zu seinen Füßen hinopfert, wenn auch jetzt nicht gefühlsüberströmt, so
doch kraftvoll und fest, um immerdar und unbeirrbar Diener seines
Herzens und des Herzens seiner heiligen Mutter und des großen Pflege-
vaters des kleinen Königs zu sein!

259
Meine sehr teure Mutter, das ist die Wahrheit; mir wurde eine ganz
besondere Erleuchtung zuteil, die mich sehen läßt, daß die Einheit un-
seres Herzens das Werk dieses großen Einigers ist, und folglich will ich
von nun ab diese Einheit nicht nur lieben, sondern als geheiligt lieben
und verehren. Die Freude und der Trost des Sohnes und seiner Mutter
seien immerdar der Jubel unseres Herzens!
Ich komme soeben von der Predigt, ganz von der Hand meiner so
liebenswerten und liebenswürdigen Mutter bekleidet,50 und war darü-
ber sehr erfreut. Ach, meine sehr teure Mutter hat mich ganz eingehüllt
in die Namen Jesus und Maria. Möge dieser gütige Jesus und die hl.
Maria sie mir lange bewahren und das Hochzeitskleid ihres Herzens
sein. Amen.
Ihr Ihnen wohlgeneigter Vater und Diener ...

Annecy, 31. Dezember 1613.


Ja, meine sehr teure Tochter, meine Mutter, man muß den hochheili-
gen Willen Gottes in kleinen und großen Geschehnissen lieben. Der
Anlaß, der mich heute daran hindert, Ihnen die Messe zu lesen, ist klein
und groß zugleich; ich werde es Ihnen bei unserem nächsten Zusam-
mentreffen erklären.
Führen Sie inzwischen die kleinen und großen Auswechslungen51 mit
möglichst großer Vollkommenheit durch. Nachdem ich vor Gott sorgfäl-
tig darüber nachgedacht habe, entschloß ich mich, unsere Kongregation
darin zu bestärken, daß sie diese Auswechslungen an dem Tag durchführt,
an dem Gott seinen eigenen Wechsel vollzieht, indem er uns nämlich von
einem Jahr in das andere gehen läßt und uns so jährlich eine Lehre erteilt
über unsere Unbeständigkeit, unseren Wankelmut, über dies Umstürzen
und Vernichten der Jahre, die uns in die Ewigkeit führen ...

Annecy, (1613).
Meine sehr teure Mutter!
Was soll ich Ihnen sagen? Die Gnade und der Friede des Heiligen Geis-
tes seien immerdar im Innersten Ihres Herzens. Legen Sie dieses teure
Herz in die durchbohrte Seite des Heilands und vereinigen Sie es mit dem
König der Herzen, der darin wie auf seinem königlichen Thron sitzt, um
die Huldigung und den Gehorsam aller anderen Herzen entgegenzuneh-
men, und der seine Tür offenhält, damit jeder zu ihm gehen und Gehör
finden kann. Und wenn Ihr Herz zu ihm spricht, so vergessen Sie nicht,

260
meine liebe Mutter, zu ihm auch für mein Herz zu sprechen, damit seine
göttliche und liebevolle Majestät es gut, gehorsam und treu mache.
Leben Sie wohl, meine sehr teure Mutter; ich bin, ohne aufzuhören,
Ihr Ihnen sehr geneigter Diener ...

Annecy, (1610-1613).
Hier ist der Brief, meine sehr teure Tochter; lassen Sie ihn verschlie-
ßen und seien Sie nur recht fest im Vertrauen, das wir in die Vorsehung
Gottes setzen sollen, die – wenn sie Ihnen Kreuze bereithält – Ihnen
auch Schultern geben wird, sie zu tragen. Sie wissen, weshalb ich in so
großer Eile bin, und mit Gottes Hilfe werden Sie sich darüber freuen.

Annecy, (1612-1614).52
... Ich arbeite an Ihrem neunten Buch der Gottesliebe. Heute, als ich
vor meinem Kruzifix betete, ließ Gott mich Ihre Seele und Ihren Zu-
stand im Bild eines hervorragenden Musikers sehen. Dieser war von
Geburt aus Untertan eines Fürsten, der ihn vollkommen liebte und ihn
wissen ließ, daß er die sanfte Melodie seiner Laute und seiner Stimme
leidenschaftlich gern habe. Der arme Sänger wurde wie Sie taub und
hörte seine Melodie nicht mehr; sein Herr entfernte sich oft, er aber ließ
nicht ab, zu singen, weil er wußte, daß sein Herr ihn aufgenommen hatte,
damit er singe ...

Annecy, 11. Januar 1614.


Unser Inneres hat keine Widerstandskraft mehr; Furcht und Trägheit
des äußeren Menschen müssen dem siegreichen Willen unseres Herrn
weichen, der will, daß ich – so kalt und zu Eis erstarrt ich auch bin – doch
über seine heilige Liebe schreibe. Betrachten Sie diesen Tag als jenen, an
dem ich beginne, alle Augenblicke darauf zu verwenden, die ich dem
Andrang meiner anderen Pflichten werde entreißen können, und rufen
Sie unablässig die Liebe des göttlichen Liebenden auf mich herab.

Annecy, (Mitte Januar 1614).


Meine sehr gute Mutter!
Hier sind die Korrekturen Ihrer Briefe.53 Sie müssen diese Briefe heu-
te ausfertigen lassen und außerdem der Gräfin von Tournon schreiben
und sie in einem Absatz bitten, sie möge Msgr. von Nemours im Namen
der Durchlauchtigsten Infantin, der Herzogin von Mantua, ersuchen,
den Ratsherren54 dieser Stadt zu schreiben, daß sie sich Ihre Kongregati-

261
on unter allen Umständen besonders empfohlen sein lassen. Gestern
abend sprach ich noch mit einem der Stadtväter, der mir versprach, die
Angelegenheit möglichst rasch zu betreiben.
Wenn Sie kein schönes Papier zum Schreiben haben, schicken Sie um
solches zu Herrn Rolland, aber in Ihrem Namen, denn wenn es in mei-
nem Namen geschieht, würde er böse, da ich in der letzten Woche zuviel
davon verbraucht habe.55
Meine sehr teure Mutter, die Gott ganz heilig machen möge, ich sage
Ihnen tausendmal Lebewohl. Ich werde nun, soviel ich kann, an dem
Buch arbeiten.
Sie müssen mit dem Falten der Briefe zuwarten, denn Franz wird diese
Aufgabe erledigen, wie es sein soll;56 ich selbst kann ja nicht hinkommen.

Annecy, 19. März 1614.


Meine sehr teure Tochter!
Hier ist die Litanei zum hochseligen Vater unseres Lebens57 und unse-
rer Liebe. Ich glaubte, sie Ihnen von meiner Hand geschrieben senden
zu können; aber wie Sie wissen, gehöre ich nicht mir. Nichtsdestoweni-
ger habe ich mir die Zeit genommen, sie durchzusehen, zu verbessern
und Akzente einzusetzen, damit unsere Tochter de Chastel sie leichter
singen kann, ohne dabei Fehler zu machen.
Sie aber, meine Tochter, die Sie das Loblied dieses Heiligen unseres
Herzens nicht singen können, werden es wie die Braut innerlich über-
denken; d. h. da Ihr Mund geschlossen ist, wird Ihr Herz aufgetan sein
für die Betrachtung der Größe dieses Bräutigams der Königin der gan-
zen Welt, den man den Vater Jesu genannt hat und der sein erster Anbe-
ter nach seiner göttlichen Braut war.

Annecy, (um den 14. April) 1614.


Die Kirche wäre außen schöner, wenn Chor und Altar am Ufer wären;
wollte man sie innerhalb erbauen, dann muß anderswo Platz für einen Kel-
ler gesucht werden zur Aufbewahrung des Holzes und für all die Nebenräu-
me, die das untere Stockwerk des Turmes bieten könnte. Ihr Chor wird
umso weniger für die Gesundheit zuträglich sein, je tiefer er liegt, und man
wird tief hinabsteigen müssen, um vom Schlafraum dahin zu gelangen. Ihr
Schlafraum wird nicht zur ebenen Erde sein und im großen scheint es mir,
daß man Mühe haben wird, die Annehmlichkeit und Bequemlichkeit des
einen Planes jener des anderen gleichzustellen. Es stimmt, daß letzterer
Vorschlag zunächst weniger kostspielig und rascher ausführbar ist. Ich sage:

262
zunächst, weil er schließlich doch weitere Auslagen verursachen wird, um
die Bedarfsräume des Hauses außerhalb des Turmes sicherzustellen, die
man darin unterzubringen geplant hatte.
Ich meinerseits würde eine kleine, außerhalb hübsch angelegte Kir-
che dieser großen und unnötig ausgedehnten Räumlichkeit innerhalb
vorziehen. Immerhin ist es nicht vernünftig, meiner Meinung zu folgen,
denn ich verstehe davon nichts; wohl aber verstehe ich meine sehr teure
und sehr gute Mutter wie mich selbst hochzuschätzen und zu lieben.
Gott sei immerdar in ihrem Herzen und in dem meinen. Amen.
Ich schreibe dies, um zu gehorchen.

Annecy, 4. Mai 1614.


In der Erwartung, einander zu sehen, meine sehr teure Mutter, grüßt
mein Herz das Ihre mit tausend und abertausend Wünschen. Möge Gott es
ganz mit dem Leben und Sterben seines Sohnes, unseres Herrn, erfüllen!
Vor einem Jahr zu ungefähr dieser Stunde war ich in Turin, und als ich
das heilige Leichentuch inmitten einer großen Volksmenge zur Schau
stellte, fielen mehrere Schweißtropfen von meinem Gesicht auf das hei-
lige Leichentuch. Unser Herz sprach daraufhin folgenden Wunsch aus:
Ach, Heiland meines Lebens, möge es Dir gefallen, meine unwürdigen
Schweißtropfen mit den Deinen zu vermischen und mein Blut, mein
Leben, meine Neigungen in die Verdienste Deines heiligen Schweißes
einzutauchen.
Meine sehr teure Mutter, der Kardinal nahm Anstoß daran, daß mein
Schweiß auf das heilige Leichentuch meines Heilands tropfte; mein Herz
aber gab mir ein, ihm zu sagen, daß unser Herr nicht so empfindlich
wäre und daß er seinen Schweiß und sein Blut ja nur vergossen hätte, um
sie mit den unseren zu vermengen und ihnen so den Preis des ewigen
Lebens zu verleihen. Mögen sich so unsere Seufzer mit den seinen verei-
nen, damit sie als Wohlgeruch vor dem ewigen Vater aufsteigen.
Woran aber erinnere ich mich da? Ich habe gesehen, wenn meine
Brüder in ihrer Kindheit krank waren, daß meine Mutter sie in dem
Hemd meines Vaters zu Bett legte, weil sie sagte, daß der Schweiß der
Väter den Kindern heilsam sei. O, möge sich unser Herz an diesem
heiligen Tag in das Leichentuch unseres göttlichen Vaters legen, einge-
hüllt von seinem Schweiß und Blut. Möge es darin wie beim Tod dieses
göttlichen Heilands begraben sein im Grab eines unabänderlichen Ent-
schlusses, in sich selbst immer tot zu bleiben, bis es zur ewigen Herr-
lichkeit wieder aufersteht. Wir sind, sagt der Apostel (Röm 6,14), mit

263
Jesus Christus in seinem Tod begraben, damit wir nicht mehr das alte,
sondern das neue Leben haben. Amen ...

Annecy, um den 6. Oktober 1614.


Meine Mutter!
Der Pater Superior und Pater Chrysostomus kommen, die Lage Ihres
Hauses zu besichtigen und dessen Maße zu nehmen, um den Pater Gene-
ral zu unterrichten, wie notwendig Sie den Garten der Väter des hl. Domi-
nikus brauchen. Sie werden also hineinkommen, und ich bin der Mei-
nung, Sie sollten sie zu Ihnen hinauflassen, um mit ihnen zu sprechen und
ihnen dann eine Begleitung mitzugeben. Schließlich ist es Ihr Haus.

Annecy, (7.) Oktober 1614.


Was meinen Sie, meine sehr teure Mutter, wird Ihnen die Heilige
Messe des Pater Don Simplicien genügen? Wenn dies nicht der Fall ist,
werde ich hinkommen.
Nun arbeite ich wieder an dem Buch, das ich in den letzten Tagen so
vernachlässigt habe, und nach dem Essen haben wir eine Konkursprü-
fung, nach der ich trachten werde, den Austausch der Gärten in die
Wege zu leiten. Gestern erreichten wir nichts, da die Zusammenkunft
auf Donnerstag verschoben wurde.
Leben Sie wohl, meine sehr teure Mutter, der ich tausend Segnungen
wünsche.

Annecy, Anfang November 1614.


Ich weiß wirklich nicht mehr, was ich mit diesen Leuten anfangen
soll, meine sehr teure und hochgeschätzte Mutter, denn sie tyrannisie-
ren mich und halten mich – wie wenn sie sich dagegen verschworen
hätten – mit Gewalt von der Annehmlichkeit ab, die ich mehr als alles
schätze, nämlich Sie zumindest auf kurze Zeit persönlich aufzusuchen.
Es ist mir unmöglich, etwas dagegen zu machen, und das Wichtigste ist,
daß ich Ihnen nicht ein Wort zu sagen wüßte von all dem, was ich heute
getan habe, außer daß ich doch ein wenig an dem Buch geschrieben
habe, das ich jetzt zu Ende bringe ...

Annecy, um den 6. November 1614.


Meine sehr teure Mutter!
Die gute Klosterschwester von Monthoux sagte mir gestern, daß ihre
Cousine, die Frau Senatorin, heute morgen bei mir zu beichten wünsch-

264
te, was ich gerne tun will. Vielleicht ist es ihr auch angenehmer, wenn
dies in der Heimsuchung geschieht; mir jedenfalls, weil ich sonst schwer
einen Morgen retten kann und ohnehin unser Herr Michel, halb krank
wie er ist, nicht niederschreiben könnte, was ich ihm für das Buch ansa-
gen würde; und weil es vor allem uns sehr wohl tun wird, einander zu
sehen, und das wäre damit getan.
Leben Sie wohl, meine sehr teure Mutter; mit Gottes Hilfe werde ich
in einer knappen Stunde kommen. Wenn in der Zwischenzeit ein Pries-
ter kommt, versäumen Sie nicht, zu kommunizieren, denn ich höre, daß
Sie gestern ganz geschwächt waren.
Ich bin, wie Sie selbst wissen, ganz der Ihre.

Polinge, 2. Dezember 1614.


Hiermit beginne ich, meine sehr teure Mutter, Ihnen von meiner Rei-
se58 zu berichten, deren erster Tag uns ein gutes Vorzeichen gibt. Ich bin,
Gott sei Dank, ganz genesen und wohlauf. Dieser gute Schweizer sagte
mir sofort, daß sein Bruder, der Bischof, meine Anwesenheit nicht nur
für die Mitwirkung bei der Weihe gewünscht hätte, sondern auch, um
mit mir mehrere wichtige Dinge zu besprechen für die vollständige Wie-
deraufrichtung der heiligen Religion in diesem Land.59 Darum gehe ich
noch freudiger hin in der Erwartung, daß Gott sich meiner irgendwie zu
seiner Verherrlichung bedienen wird. Wissen Sie, meine sehr teure
Mutter, ich habe unterwegs und mehr noch heute starke Regungen der
Gnade gehabt, die Gott jenen zuteil werden läßt, die er zu seinem Dienst
einsetzt und denen er einen echten Antrieb zum Tugendstreben gibt.
Dieser Gedanke überkam mich bei den Worten, die uns die Kirche ein-
schärft und die der letzte Anstoß zur Bekehrung des hl. Augustinus wur-
den: „Nicht in Schwelgereien und Trinkgelagen, nicht in Wollust und
Ausschweifung, sondern zieht an unseren Herrn Jesus Christus“ (Röm
13,13-14). Dieser Herr sei immerdar unser königliches Kleid, das uns
bedecke, vor der Kälte der Sünde schütze und uns in dieser göttlichen
Liebe wärme, die unser einziges Herz sucht.
Leben Sie wohl, meine sehr teure Mutter, bewahren Sie Ihre Seele und
die meine in der heiligen Freude. Amen.
Ich bin Sie selbst, meine sehr teure Mutter, Sie wissen es wohl, gänz-
lich der Ihre. Es lebe Jesus! Ich grüße herzlich unsere Schwestern. Der
teure Sohn küßt Ihnen demütig die Hände; er kam gestern an, als wir zu
Tisch gingen, d. h. um fünf Uhr.

265
Annecy, (2. Hälfte Dezember) 1614.
Ich werde ihr antworten, daß die Berufung dieses Mädchens60 nicht
mein Werk ist, sondern Gottes Werk, wie ich denke; daß ich es nicht
wagen würde, ein einziges Wort beizutragen, um diese Berufung zu un-
tergraben. Sie möge sich also an unseren Herrn wenden, der die Herzen
der Seinen in Händen hält, um sie dorthin zu lenken, wohin er es für gut
hält.
Sie aber, meine sehr teure Mutter, schreiben Sie ihr recht lieb, daß Sie
nichts zu der Berufung dazugetan haben und daß Sie durch ein Abreden
davon zu sehr Gott zu beleidigen fürchten; daß sie ihre Freiheit hat,
über die sie nach ihrem Gutdünken verfügen kann, und daß die Verwei-
gerung ihrer Aufnahme für Sie eine große Gewissensbelastung in der
Stunde Ihres Todes wäre, wenn Gott sie in unserer Kongregation will;
daß Sie sie bitten, sich darein zu fügen, wie Gott es haben will. Und
schreiben Sie ihr einiges über Ihren Geist und den meinen.
Leben Sie wohl, sehr teure Mutter, ganz mein, ganz ich selbst.

Annecy, (1614).
Meine liebe Mutter!
Fürchten Sie sich nicht: der Glaube herrscht immer am obersten Gip-
fel, an der Spitze Ihres Geistes, und das möge Ihnen die Gewißheit ge-
ben, daß diese Unruhen aufhören werden und Sie sich der ersehnten
Ruhe im Schoß Gottes erfreuen werden. Die Stärke des Lärmes aber
und des Geschreis, das der böse Feind im Übrigen der Seele und im
unteren Bereich des Verstandes verursacht, verhindert, daß die Ratschläge
und Vorstellungen des Glaubens gehört werden. All dies jedoch, meine
liebe Mutter, macht mich keineswegs besorgt; im Gegenteil, ich preise
Gott in der Nacht Ihres Leidens und danke Ihm, der Ihnen zeigt, wieviel
man für Seinen Namen leiden muß (Apg 9,16) ...

Annecy, (1613-1614).
Meine sehr teure Mutter!
Ein angenehmer Anlaß gibt mir die Freude, Ihnen guten Abend zu
wünschen.
Ein sehr ehrenwerter Mann erbat sich soeben von mir einen Brief an
Herrn Le Grand als Empfehlung für eine Angelegenheit; ich habe ge-
dacht, daß es Sie vielleicht freuen würde, Ihrem lieben Kind61 zu schrei-
ben. Und wüßte ich nicht, daß Sie Angst haben, die natürliche Liebe sei
zu sehr abgekühlt und fast ganz erloschen, so wagte ich nicht diesen

266
Versuch, sie wieder zu erwecken. Wenn Sie also schreiben wollen, muß
ich diesen Brief noch heute haben.
Gott segne Sie, meine wahrhaftige, sehr teure und sehr liebenswerte
Mutter. Ich grüße unsere Töchter, besonders die kranke, und bin, wie
Sie selbst wissen, ganz der Ihre durch unseren Herrn. Amen.

Annecy, 26. Januar 1615.62


1.
Dies ist der Wunsch Ihres Vaters, meine sehr teure Tochter: Gott sei
mit Ihnen auf dem Weg, den Sie gehen; Gott gebe, daß Sie immer beklei-
det seien mit dem Gewand seiner Liebe; Gott nähre Sie mit dem himm-
lischen Brot seiner Tröstungen; Gott führe Sie heil und gesund in das
Haus Ihres Vaters zurück; Gott sei immerdar Ihr Gott, meine liebe
Mutter. Diese Segnungen wünschte sich Jakob, als er von Bet-El auf-
brach (Gen 28,20.21), und solche wünsche ich mir selbst, meine sehr
teure und einzige Tochter, bei Ihrer Abreise von dem Ort, an dem Sie
verbleiben, auch wenn Sie fortgehen, und von dem Sie fortgehen, auch
wenn Sie bleiben.
Gehen Sie in Frieden, meine sehr teure Tochter, gehen Sie im Frie-
den, wohin Gott ruft; bleiben Sie in Frieden, aber in dem heiligen Frie-
den Gottes, worin er Sie hält und festhält. Die Herzen, die Gott zu
einem einzigen vereint hat, sind unzertrennlich, denn wer kann trennen,
was Gott verbunden hat? Nein, weder der Tod, noch sonst etwas wird
uns jemals trennen von der Einheit, die in Jesus Christus ist (Röm
8,38.39), der immerdar in unserem Herzen lebe. Amen.

2.
Nun, meine liebe Tochter, da Gott die Einheit unserer Herzen ist, wer
vermag uns da jemals zu trennen? Nein, weder Tod noch Leben, weder
Gegenwärtiges noch Zukünftiges wird uns jemals trennen oder unsere
Einheit scheiden (Röm 8,35-39). Gehen wir also, meine sehr teure Toch-
ter, eines Herzens (Apg 4,32), wohin Gott uns ruft; denn die Verschie-
denheit der Wege läßt keine Verschiedenheit zwischen uns aufkommen,
da wir doch nur auf ein Ziel hin und nur um dieses einen Zieles wegen
unseren Weg gehen.
O Gott meines Herzens (Ps 73,26), halte meine sehr teure Tochter in
Deiner Hand; ihr Engel sei ihr immer zur Rechten, um sie zu beschüt-
zen, und die heilige Jungfrau, Unsere liebe Frau, erfreue sie stets durch
den Anblick ihrer gütigen Augen.

267
3.
Meine sehr teure Tochter, die göttliche Vorsehung wird Ihnen beiste-
hen; rufen Sie sie bei allen Schwierigkeiten, von denen Sie sich umge-
ben finden, voll Vertrauen an. In dem Maße, als Sie vorwärts schreiten,
meine sehr teure Mutter, meine Tochter, müssen Sie Mut fassen und sich
darüber freuen, daß Sie unseren Herrn zufriedenstellen, dessen Befrie-
digung allein das ganze Paradies zufriedenstellt.
Was nun mich betrifft, so bin ich, wo Sie selbst sind, denn so hat es die
göttliche Majestät von Ewigkeit her gewollt. Gehen Sie also, meine liebe
Tochter, liebevoll und freudig daran, das Werk zu tun, das unser Herr
uns bestimmt hat.
4.
Ach, meine sehr teure Mutter, meine Tochter, es fällt mir ein, daß der
große hl. Ignatius, der Jesus Christus in seinem Herzen trug, froh hinging,
um sich den Löwen zum Fraß hinzugeben und das Martyrium durch ihre
Zähne zu erleiden; und Sie gehen nun, d. h. wir gehen, wenn es dem gro-
ßen Heiland gefällt, nach Lyon, um dort unserem Herrn viele Dienste zu
leisten und ihm viele Seelen zu bereiten, deren Bräutigam er werden will.
Wie sollten wir da nicht freudig hingehen im Namen unseres Heilands, da
doch dieser Heilige so froh dem Martertod entgegenging?
Selig die Seelen, die nach dem Willen dieses göttlichen Geistes ihren
Weg gehen und ihn von ganzem Herzen suchen (Ps 119,1.2), alles zu-
rücklassend, selbst den Vater,63 den er ihnen gegeben hat, um seiner
göttlichen Majestät zu folgen.
5.
Gehen Sie also, meine sehr teure Mutter, meine Tochter. Unsere En-
gel von hier mögen die Augen auf Sie und Ihre kleine Schar heften. Die
Engel können Sie nicht verlassen, da Sie ja den Ort, den sie schützen,
und die Personen ihrer Obhut nur aufgeben, um nicht den Willen des-
sen aufzugeben, um dessentwillen die Engel sich glücklich schätzen,
zuweilen den Himmel zu verlassen. Die Engel von dort, die Sie erwar-
ten, werden Ihnen ihre Segnungen entgegenschicken. Sie sehen ja, wie
Sie voll Liebe zu den Ortschaften reisen, deren Engel sie sind, um dort
an ihrem heiligen Amt mitzuwirken.
Bewahren Sie Mut in Ihrem Herzen, denn – da Ihr Herz Gott gehört –
wird Gott Ihr Mut sein. Gehen Sie also, meine Tochter, gehen Sie mit
tausend und abertausend Segnungen, die Ihr Vater Ihnen erteilt. Sie sol-
len wissen, daß er niemals aufhören wird, bei allen Erhebungen seiner

268
Seele zu Gott ungezählte Wünsche über Ihre Seele zu verströmen. Dies
wird seine erste Übung beim Erwachen am Morgen sein, seine letzte
beim Schlafengehen am Abend und sein Hauptanliegen bei der Heili-
gen Messe. Es lebe Jesus und Maria! Amen.

6.
Gehen Sie nur, meine Tochter, gehen Sie; mein Geist folgt Ihnen und
verströmt tausend Segnungen über Sie. Im Namen Gottes gehen und
bleiben wir mit der ganz reinen Absicht, von ganzem Herzen der ewigen
Herrlichkeit seiner göttlichen Majestät zu dienen, hier, wo wir verwei-
len, und dort, wohin wir gehen. O Gott, wie beglückend ist es doch, die
heilige Einheit der Herzen zu besitzen, die uns durch ein der Welt unbe-
kanntes Wunder an mehreren Orten zugleich ohne Trennung und ir-
gendwelche Scheidung sein läßt.
Bleiben und gehen wir in Frieden, meine sehr teure Tochter. Und wie
eine Frau sich freut, wenn sie an einer Hand ihren Sohn und an der
anderen ihren Vater hält, so freuen wir uns in vollkommener Einheit des
Geistes und mit unserem ganzen Wesen, hier, wo wir bleiben, und dort,
wohin wir gehen; darüber, daß wir uns an diesen Heiland halten, den
unser Herz voll Vertrauen wie seinen Vater und zärtlich wie ein Sohn
liebt.
Ich will nun gehen und in der Heiligen Messe dieses Herz unserem
teuren Heiland darbringen.

7.
O Herr Jesus, rette, segne, stärke und bewahre dieses Herz, das zu
einem einzigen zu machen, Dir in Deiner göttlichen Liebe gefallen hat.
Da Du ihm die Eingebung geschenkt hast, sich Deinem heiligen Namen
zu weihen und aufzuopfern, so möge es Dein heiliger Name erfüllen, als
wäre er Balsam der göttlichen Liebe, der in vollkommener Einheit die
verschiedenen, zur Erbauung des Nächsten erforderlichen Düfte und
köstlichen Wohlgerüche (Hld 1,2.3) verbreitet. Ja, Herr Jesus, erfülle,
überhäufe und beschenke überreich an Gnade, Frieden, Freude und Seg-
nung diese Seele, die in Deinem heiligen Namen geht und bleibt, wo
Deine Herrlichkeit sie haben will und hinruft. Amen.
Tausend Segnungen unseren lieben Töchtern, Gott, der sie zusam-
mengeführt hat, möge sie segnen; ihre heiligen Engel seien immerdar
um sie; sie mögen mit vollen Händen die göttlichen Gnaden und Freu-
den in ihre geliebten Herzen fließen lassen und die heilige Jungfrau

269
breite ihren mütterlichen Mantel über sie aus und bewahre sie kraft
ihrer liebevollen Mütterlichkeit! Amen. Es lebe Jesus!

Châteaufort, 4. Februar 1615.


Es lebe Jesus!
Dies ist die zweite Gelegenheit, Ihnen nun zu schreiben, meine sehr
teure Mutter, und hier auch mein zweiter Brief, der Ihnen tausendfache
Nachricht bringen sollte von dem Herzen, das Sie hier haben, wenn ich
nur die Zeit hätte, die es dafür bräuchte; aber ich werde Ihnen davon
genügend sagen, meine sehr teure Mutter.
Die ersten zwei Tage, an denen dieses Herz nicht mehr sich selbst sah,
verblieb es in einer stillen Ergriffenheit und einigen Tränen; als ich es
aber zum erstenmal dahin trug, wo es gewohnt war, seine Seele zu fin-
den, und sie nicht mehr dort fand, wurde es von einer Bewegung ohne-
gleichen ergriffen, die drei bis vier Tage anhielt und die es oft neuerlich
ergreift, wenn es nämlich daran denkt, des Gutes beraubt zu sein, das es
mehr als alles andere auf der Welt liebt. All dies berührt nicht die ober-
ste Spitze des Geistes, der – mehr und mehr der unlöslichen und unver-
änderlichen Einheit gewiß, die Gott aus dem geschaffen hat, was wir
sind – auch jeder Art von Furcht unzugänglich bleibt ... 64 Aber reden wir
nicht mehr davon; denn genügt es nicht, daß wir – da Gott uns zu ein und
demselben Wesen gemacht hat – überall wir selbst ganz die Seinen sind?
Am Sonntag suchte ich Schwester von Bréchard auf und fand sie viel
fröhlicher. Ich sah nur sie, da ich mich nur sehr kurz dort aufhielt; bei
meiner Rückkehr aber will ich alle sehen und mit den Novizen begin-
nen. Sie sagte mir, daß unsere Tochter von Rabutin65 betrübt sei und
weine, weil sie nichts hat, um sich hübsch zu machen; ich sagte ihr, daß
man ihr einen schönen Kragen für die Festtage machen lassen soll, das
wird im Dorf genügen, bis Sie bei Ihrer Rückkehr es noch besser ma-
chen können. Dieses Mädchen glaubt meiner Meinung nach, es sei eine
große Freude, solche Spitzen und aufstehende Kragen (Sie sehen, daß
ich etwas davon verstehe) zu haben; so muß man es halt damit beladen.
Wenn sie sehen wird, daß gar nicht so viel daran ist, wird sie wieder zu
sich zurückfinden. Unsere Tochter von Thorens66 aber hat gebeichtet
und ist froh fortgegangen; sie hat mich gebeten, ihr ein Gebet zu verfas-
sen, das sie an allen Tagen ihrer Schwangerschaft verrichten will. Ich
werde es auch tun und Ihnen dann eine Abschrift davon schicken,67 da-
mit Sie alles wissen.

270
Wie begierig bin ich, meine sehr teure Mutter, etwas über Ihre Ankunft
zu erfahren, und wie Gott den Beginn der Arbeit gestaltet hat, zu der er Sie
berufen. Alles wird gut gehen, dessen bin ich gewiß, und die hochheilige
Jungfrau, Unsere liebe Frau, wird Ihre Kerzen brennend halten, damit Sie
diese guten Seelen erleuchten, die sie in ihrer Güte als ihre Dienerinnen
gekennzeichnet hat. Ich bitte sie ständig darum, der ich unablässig in
Lyon bin, nicht nur in Ihnen wie Sie selbst, sondern auch in Ihrem kleinen
Haus, wo ich, scheint es mir, im Geist an dem ganzen kleinen geistlichen
Haushalt teilhabe, den Gott dort entstehen läßt.
Ich grüße Sie tausend- und abertausendmal, die am stärksten geliebte
und liebende Mutter der Welt, und ich höre nicht auf, heilige Wünsche
für Ihre Person und Ihre Schar auszusprechen. Ach Herr, segne mit
Deiner heiligen Hand das Herz meiner so liebenswerten Mutter, damit
es in der Überfülle Deiner Güte gesegnet und wie eine fruchtbare Quel-
le sei, die Dir viele Herzen hervorbringe, welche Deiner Familie und
Deinem heiligen Geschlecht angehören. Segne meine erste liebe Toch-
ter Marie-Jacqueline,68 daß sie ein bleibender Beginn sei für die Freude
des Vaters und der Mutter, die Du ihr gegeben hast. Die liebe Tochter
Péronne-Marie69 möge ein ständiges Wachstum des Trostes in der Kon-
gregation bedeuten, in die Du sie verpflanzt hast, damit sie hier blühe
und lange Zeit Frucht trage. Die liebe Tochter Marie-Aimée70 möge von
Engeln und Menschen geliebt71 werden, um viele Seelen zur Liebe Dei-
ner göttlichen Majestät zu wecken; und segne auch, Herr, das Herz mei-
ner lieben Tochter Marie-Elisabeth,72 damit es ein Herz unvergängli-
cher Segnung sei.
Meine sehr teure Mutter, möge Segnung auf Segnung bis zum Höchst-
maß Ihrem Herzen zuteil werden. Mögen Sie sehen, wie Ihre älteste
Tochter mit immer neuer Glut wieder frisch von vorne anfängt, wie die
zweite stets an Tugend zunimmt, die dritte immer voll Liebe und die
Letzte immer gesegnet ist, auf daß der Segen der heiligen Liebe in Ihrer
kleinen Gemeinschaft wachse und sich immer wieder erneuere. Möge
vor allem aber das Herz meiner sehr teuren Mutter, wie mein eigenes,
immerdar von der hochheiligen Liebe zu Jesus ganz durchtränkt sein,
der da lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. Gott sei gelobt!
Ich grüße von ganzem Herzen unsere Schwestern von drüben und
wünsche ihnen ein sanftmütiges, lenkbares und freundliches Herz, das
heißt, daß sie das Herz eines Kindes haben möchten, damit sie ins Him-
melreich eingehen (Mt 18,3; 19,14). Ich finde große Freude in der Hoff-
nung, die Segnungen spüren zu können, die Gott ihnen schenken wird.

271
Annecy, 1. oder 2. März 1615.
... Glauben Sie mir, meine sehr teure Mutter, wie sich selbst: Gott will
etwas – ich weiß nicht was – Großes von uns.
Ich sah die Tränen der armen Schwester (Marie-Madeleine)73 und es
scheint mir, daß alle unsere Kindereien nur von einem Fehler herrüh-
ren. Wir vergessen den Grundsatz, den die Heiligen immer wieder ein-
schärfen: wir müssen daran denken, daß wir jeden Tag mit unserem Fort-
schritt oder unserer Vervollkommnung wieder zu beginnen haben. Wenn
wir wirklich daran dächten, würden wir uns nicht wundern, bei uns auf
Armseligkeiten zu stoßen oder auf etwas, das auszumerzen ist. Man wird
niemals fertig damit; man muß immer wieder beginnen und zwar gerne
wieder beginnen. Wenn der Mensch fertig ist, sagt die Schrift (Sir 18),
dann steht er immer noch am Anfang. Was wir bisher getan haben, ist
gut, was wir aber nun beginnen, wird besser sein; und wenn wir es vollen-
det haben, werden wir wieder etwas anderes beginnen, das noch besser
sein wird, und dann wieder etwas anderes, bis wir diese Welt verlassen,
um ein anderes Leben zu beginnen, das kein Ende haben wird, da uns
nichts Besseres zuteil werden kann. Sehen Sie also, meine liebe Mutter,
ob man weinen darf, wenn man findet, daß man an seiner Seele etwas zu
arbeiten hat, und ob man den Mut haben soll, immer weiter voranzuge-
hen, da man niemals stehenbleiben darf; und ob man entschlossen sein
soll, manches auszumerzen, da man doch das Messer ansetzen muß zur
Scheidung von Seele und Geist, Gelenk und Mark (Hebr 4,12).
Sie sehen, meine sehr teure Mutter, daß mein Herz wie Ihr eigenes
voll von diesem Empfinden ist, da es diese Worte heraussprudelt trotz
Mangels an Zeit und obwohl es gar nicht daran gedacht hatte.
Beachten Sie aber, meine sehr teure Mutter, sorgfältig die Vorschrift
der Heiligen, die alle jene, welche Heilige werden wollen, ermahnen,
wenig oder gar nicht von sich selbst und den eigenen Dingen zu spre-
chen. Denken Sie ja nicht, Sie seien, weil Sie nun in Lyon sind, von dem
Vertrag zwischen uns entbunden, nur wenig von mir wie von sich selbst
zu sprechen. Wenn es die Ehre unseres Meisters nicht unter gewissen
Umständen erfordert, so reden Sie nichts davon; wenn sie es aber erfor-
dert, dann seien Sie kurz und genau in der Beobachtung der Einfachheit.
Unsere Eigenliebe verblendet uns oft; man muß schon die Augen recht
fest geschlossen halten, um nicht durch das Schauen auf uns selbst ent-
täuscht zu werden. Darum ruft der große Apostel aus: „Nicht der ist be-

272
währt, der sich selbst empfiehlt, sondern der, den der Herr empfiehlt“ (2
Kor 10,18).
Der gute Pater Granger hat gut gesprochen, der Heilige Geist wird es
ihm vergelten. Ich bin recht froh, daß Sie in Ihrem Bienenstock und
inmitten dieses neuen Schwarmes Ihren König, Ihren Honig und Ihr
Alles bei sich haben.74 Die Gegenwart dieser heiligen Menschheit wird
Ihr ganzes Haus mit Wonne erfüllen; es ist eine große Freude für die
Seelen, die im Glauben leben, daß sie diesen Schatz ihres Lebens so
nahe haben ...

Annecy, 5. März 1615.


Ich schrieb Ihnen auf dem Weg nach Sales, meine sehr teure Mutter;
und nun schreibe ich Ihnen auf dem Rückweg. Es wurden mir dort drei
Freuden zuteil und Sie werden diese sicher gerne wissen wollen, denn
was mich erfreut, erfreut auch Sie wie mich selbst.
Erstens: meine liebe kleine Schwester,75 die ich immer liebenswerter
und inniger bestrebt finde, gut und fromm zu werden.
Zweitens, daß ich gestern den Aschermittwoch-Morgen ganz allein in
der Galerie und in der Kapelle verbrachte und mich dort der angeneh-
men Erinnerung an unsere liebens- und wünschenswerten Gespräche
anläßlich Ihrer Generalbeichte hingab; ich vermag gar nicht zu sagen,
welch gute Gedanken und Affekte mir Gott dabei geschenkt hat.
Drittens hatte es stark geschneit und der Hof war von einer dichten
Schneeschicht bedeckt. Jean ging hinunter, kehrte in der Mitte einen
kleinen Platz vom Schnee frei und warf den Tauben Körnerfutter hin;
diese kamen auch alle auf diesem Speisesaal zusammen und pickten
ihre Mahlzeit friedvoll und in bewundernswerter Rücksicht aufeinan-
der auf; ich schaute ihnen gerne zu. Sie würden nicht glauben, welch
große Erbauung ich von diesen kleinen Tieren empfing. Sie blieben
ganz still dabei, und die zuerst gegessen hatten, flogen nicht weit weg,
um auf die anderen zu warten. Als sie den halben Platz leergepickt hat-
ten, flog eine Schar Vögelchen, die sie beobachtet hatte, zu ihnen herab
und alle Tauben, die mit ihrem Körnerpicken noch nicht fertig waren,
zogen sich in einen Winkel zurück, um den größten Teil des Platzes den
kleinen Vögeln zu überlassen, die sich nun auch zu Tisch setzten und
aßen, ohne daß die Tauben sie jemals dabei störten.
Ich bewunderte diese Liebe; denn die armen Tauben waren so besorgt,
diese kleinen Vögel, denen sie Almosen gaben, nicht zu stören, daß sie
sich alle an einem Ende der Tafel zusammendrängten. Andererseits be-

273
wunderte ich den Takt dieser kleinen Bettler, die erst um Almosen ba-
ten, als sie sahen, daß die Tauben am Ende ihrer Mahlzeit angelangt
waren und noch genug übriggeblieben war. Kurz, ich konnte die Tränen
nicht zurückhalten, als ich die liebevolle Einfachheit der Tauben und
das Vertrauen der kleinen Vögel auf ihre Barmherzigkeit sah. Ich weiß
nicht, ob ein Prediger mich so tief gerührt hätte. Dieses Tugendbild tat
mir den ganzen Tag sehr wohl.
Nun drängt man mich aber, meine sehr teure Mutter. Mein Herz spricht
zu Ihnen über seine Gedanken, und seine Gedanken kreisen meistens
um Ihr Herz, das gewiß eins ist mit dem meinen.
Gott begnadet mich mit vielen Freuden und heiligen Affekten durch
Erleuchtungen und Gefühle, die er im höheren Bereich meiner Seele
verbreitet; der niedere Bereich hat daran nicht teil. Gott sei ewig dafür
gepriesen! Gott, der die Seele unseres Herzens ist, meine sehr teure
Mutter, möge uns immerdar mit seiner heiligen Liebe erfüllen. Amen.
Ich tue mein Möglichstes für das Buch.76 Glauben Sie mir, daß es eine
sehr große Pein für mich ist, nicht die dafür erforderliche Zeit gewinnen
zu können, dennoch komme ich rasch vorwärts und glaube, daß ich
meiner sehr teuren Mutter gegenüber Wort halten kann.
Sie sind, meine teure Mutter, ganz wertvoll meinem Herzen. Gott ma-
che uns immerdar zu den Seinen. Ich grüße unsere lieben Schwestern ...
Am zweiten Tag der Fastenzeit 1615.

Annecy, 19. März 1615.


Schwester Anne-Jaqueline,77 die hier ist und mir soeben in Ihrem
Namen die Hand küßt, will, daß ich diesen Brief mit einem Gruß von
ihr beginne. Das will ich gerne, meine sehr teure Mutter, denn die Liebe
befolgt nicht immer die Rangordnung; andernfalls hätte unser Herr sich
in seinem Leiden zuerst um seine Mutter und um seinen geliebten Jo-
hannes kümmern müssen. In St. Klara habe ich darüber gesprochen; der
Gegenstand meiner Predigt war der große hl. Josef. Ich habe da wohl
gute Dinge gesagt, aber nicht mit der gewohnten Wärme, mit der ich
sonst von diesem bewundernswerten Nährvater unseres Meisters spre-
che. Herr Michel hat mir beim Fortgehen gesagt, daß ich meinen Geist
fast nie so dabei hatte, wie in der Heimsuchung. Ach, nicht etwa, daß ich
nicht sehr wünschte, dieser guten Gemeinde von Dienerinnen Gottes
gut zu dienen; aber die göttliche Vorsehung, die mich unserer lieben
Kongregation geweiht hat, muß mir wohl manche besondere Regungen
schenken, wenn ich ihr diene. O, wie bewunderungswürdig ist doch Gott,

274
meine sehr teure Mutter, und wie glücklich sind wir, eine große Sehn-
sucht nach seinem Dienst zu haben.
Als ich heute morgen von der Predigt zurückkam, habe ich die Schwe-
ster Marie-Madeleine gesehen, die ich noch nicht von Ihnen gegrüßt
hatte. Sie hat mich freudig begrüßt und mich mit ein paar Worten recht
erfreut, da sie sagte, sie wolle eine starke und tapfere Frau werden all
diesen Rührseligkeiten zum Trotz, die sie so oft befallen. Ich habe auch
die kleine Schwester Paule-Hieronyme78 gesehen, der Ihr Gruß unglaub-
liche Freude bereitete und die sagte, sie wäre unser Eustochium.79 Unse-
re Assistentin80 macht auch ihre Sache gut. Kurz, ich bin mit unserer
ganzen lieben Schar sehr zufrieden, zu der ich an einem Tag der kom-
menden Woche sprechen werde, da meine Mutter es mir aufgetragen
hat, nach dem Bericht der Schwester Jeanne-Charlotte ...

Annecy, Ende März oder Anfang April 1615.


Es lebe Jesus!
Obwohl ich Ihnen durch unseren Herrn von Medio schreibe, tue ich
es doch ohne Zeit und in Eile. Denn Sie müssen wissen, daß ich nicht
dachte, er würde so bald abreisen; außerdem bin ich mit dem Buch so
beschäftigt, daß ich alle Zeit, die ich mir ersparen kann, darauf verwen-
de. Da ich bis jetzt mit dem Schreiben zugewartet habe, bin ich in großer
Not; denn ich wollte Ihnen einen langen Brief schreiben und weiß nicht,
ob es mir möglich sein wird. Ich schreibe Ihnen also durcheinander, was
mir als Antwort auf Ihre drei Briefe einfällt; auf den Brief, den ich über
Chambéry, auf den zweiten, den ich durch Herrn Medio, und auf den
dritten, den ich durch Herrn Pierre erhalten habe.
Erstens: Herr Grandis stimmt zu, daß Sie Ihre Kopfverätzungen schlie-
ßen lassen, vorausgesetzt, daß Sie eine Woche vorher eine gewöhnliche
Dosis Ihres Syrups einnehmen.
Zweitens ist es erforderlich, daß Sie Eier essen, und ich glaube, daß es
niemand gibt, der daran Anstoß nehmen könnte.
Drittens: Schauen Sie, meine sehr teure Mutter, wenn ich unsere Töch-
ter aufsuche, möchten sie so gerne durch mich Nachrichten über Sie
bekommen, und wenn ich ihnen Ihre Briefe zeigen könnte, würde sie
dies sehr erfreuen. Darum bitte ich Sie also um Briefblätter, die ich
ihnen, Herrn von Thorens und Ihrem geistlichen Neffen zeigen kann.
Meine Nichte von Bréchard weiß schon, daß ich Sie selbst bin, denn sie
hat Briefe gesehen, die diese Wahrheit enthalten; dennoch wollte ich ihr
aber Ihre drei letzten Briefe weder ganz noch teilweise zeigen. Handeln

275
Sie aber in dieser Sache ganz nach Ihrem Belieben, denn ich werde
nichts tun, was Ihnen nicht recht ist.
Viertens: In den brieflichen Grüßen, wenn Sie mir solche schicken,
dürfen Sie mich nicht „mein Vater, mein Freund“ nennen, denn ich will
sie zur Freude derer herzeigen können, die Sie darin grüßen.
Fünftens: Ich preise Gott, daß Sie beruhigt sind und nicht daran zwei-
feln, daß das Gebet der einfachen Hingabe an Gott äußerst heilig und
heilsam ist. O, meine liebe Mutter, meine Tochter, daran dürfen Sie
niemals zweifeln; wir haben dies schon so lange Zeit überprüft und im-
mer gefunden, daß Gott Sie in dieser Gebetsweise haben will. Sie haben
also nichts anderes zu tun, als ruhig damit fortzufahren.
Sechstens: Gewiß möchte ich in diesen großen Städten die Tür für
Besuche von kranken Verwandten nicht öffnen und zulassen, daß es
alltägliche Ausgänge werden. Wenn es außergewöhnliche Ausgänge sind,
so muß zumindest der geistliche Vater sehen, ob sie notwendig sind,
ebenso Besuche von Frauenklöstern, wenn man darum ersucht wird. Ich
möchte aber, daß die Verpflichtung, es den geistlichen Vater wissen zu
lassen, nur den Zweck habe, daß er für die Umstände der Ausgänge und
für die Schicklichkeit Sorge trage. Außer im Fall eines unerwarteten
und überraschenden Ereignisses sollen, so denke ich, Besuche bei Ver-
wandten nur auf Grund einer im Kapitel gefaßten Entscheidung erfol-
gen. Das heißt, wenn ein Vater oder Bruder einen Besuch wünscht, möchte
ich, daß man je nach der Größe der Erkrankung, der Entfernung und der
Art der Familie beraten soll, ob man mehrere Besuche erlauben darf, ob
mit Dienst und Begleitung, ob in der Kutsche oder zu einer Zeit, wo man
keinen Leuten begegnet, ob es ein Haus mit großer Gesellschaft oder ein
frommes Haus ist, und so weiter. Aber darüber werden wir noch mehr
nachdenken.
Siebtens: Beichtväter, bei denen man sich ausspricht oder bei Gele-
genheit oder anläßlich eines Zusammentreffens beichtet, sind weder ge-
wöhnliche noch außergewöhnliche Beichtväter, sondern solche, bei de-
nen man Andachtsbeichten ablegt. Wenn es sich dabei um geeignete
Personen handelt, bedarf es keiner besonderen Erlaubnis. Außergewöhn-
liche Beichtväter nennt man jene, die nur zu bestimmten Zeiten kom-
men – etwa vier- bis fünfmal im Jahr; Beichtväter für Andachtsbeichten
kommen nur bei Gelegenheit.
Achtens: Ich verstehe nicht den Sinn Ihrer Bitte, ich möge Ihnen eine
Abschrift von der „Errichtung“ schicken, in der die Ausgänge genau
festgelegt werden müssen.

276
Neuntens: der Pater Rektor wäre ausgezeichnet als außergewöhnli-
cher Beichtvater ...

Annecy, 18. April 1615.


Denken Sie so, wie ich Ihnen schreibe, meine sehr teure Mutter. Ge-
stern, am Tag des Todes unseres Lebens,81 fand ich bei der Rückkehr von
Matutin und Laudes Ihre Briefe vor; heute morgen, am Tag der Grabes-
ruhe, werde ich sieben bis acht Männern von Rang in unserer Kapelle
der Heimsuchung die Weihen erteilen.
Was die sehr teure Schwester Marie-Elisabeth82 betrifft, so will ich
ihre Reise weder mißbilligen, noch gutheißen; es wäre aber nützlich,
wenn ich jemand beauftragte, die Zeugen zu vernehmen und ihre Aussa-
gen rechtskräftig aufzunehmen, und nicht nur die Zeugen, sondern auch
die Frau von Paraclet und ihre Nonnen. Ich muß dies aber mit Überle-
gung und viel Sorgfalt tun. Einstweilen wollen wir nachdenken, ob es
zuträglich ist, daß sie selbst hingeht; man muß aber die Überlegungen
geheimhalten.
Wenn es der Herr Erzbischof83 will, könnte man ja diesen Mädchen
bei ihrer Aufnahme Altersdispens geben, in Anbetracht der Mütter, die
teilweise den Entschluß, den das Alter den Mädchen nicht erlaubt, an
deren Stelle auf sich nehmen könnten. Kurz, man sollte schon den Wün-
schen des Herrn Erzbischofs entgegenkommen, soweit man Mittel und
Wege findet, die Folgen davon zu vermeiden; denn es ist schon eine sehr
heilsame Regel, niemand vor dem zulässigen Alter aufzunehmen, um
der Reue jede Entschuldigung zu nehmen, wenn es so weit kommen
sollte.
Alle diese Seelen werden gut sein, wenn sie mutig sind, Frau Colin
und alle. Was aber das Besorgen geschäftlicher Angelegenheiten betrifft,
so wissen Sie, ach, wie ich selbst, wie ich mich dazu eigne, d. h. daß ich
nicht der geeignete Mann dafür bin. Sie können immer ohne Skrupel für
mich antworten, denn es wird immer so sein, daß ich damit geantwortet
habe. Sie sind ja dem Geist, dem Willen und allem nach mit mir eins;
Sie wissen, was ich kann, was ich will und was ich wünsche. Schicken Sie
mir also nichts hierher, sondern antworten Sie mutig selbst.
Man kann ja die Mädchen, die die Kapuziner empfehlen,84 zur Probe
kommen lassen; wenn sie geeignet befunden werden, braucht man sie
nicht zurückschicken; denn es ist keine große Gefahr dabei, sie in ihren
Kleidern zu behalten.
Wenn der Herr Erzbischof kommt, demütigen Sie sich von Herzen

277
für mich wie ich selbst und versichern Sie ihn der Achtung, Liebe und
Ehrerbietung, die ich seiner Person entgegenbringe.
Achten Sie darauf, die Freiheit für außergewöhnliche Ausgänge85 in
bescheidenen Grenzen zu halten; so dürfen meiner Meinung nach dar-
unter Jubiläen fallen, ferner der Besuch von nahestehenden kranken
Personen, ja auch von einigen erklärten Wohltätern oder großen Freun-
den des Hauses, auch von Predigten, wie etwa einer Passionspredigt.
Ebenso Ausgänge für andere Anlässe, bei denen es die Gemeinschaft
der Schwestern nach der Meinung des geistlichen Vaters für ratsam hält.
Denn man soll die Ausgänge nur auf die beschränken, die Höflichkeit
und Bescheidenheit erfordern, verbunden mit Rücksichtnahme auf den
Stand der Personen. So handelt man auch in den italienischen Kongre-
gationen.
Ach, meine liebe Mutter, ich muß schließen. Unsere Schwestern wis-
sen nicht, daß ich schreibe, denn es geschieht über Chambéry. Sie haben
Frau von Châteaufort, Frau Baronin von Chastelard und die Witwe de la
Fléchère bei sich; drei gute und liebe Gäste, von denen die erste sehr
davon spricht, eines Tages für ganz wiederzukommen; die zweite, zwar
verheiratet, ist eine Perle. Ihr Gatte ist der Sohn der Baronin de la Ser-
raz; sie ist die Tochter der Frau Mont-Saint-Jean.
Gestern hielt ich die Predigt über die Leidensgeschichte zweieinhalb
Stunden lang; unsere Leute sagten, das sei etwas Außergewöhnliches.
Meine teure Mutter, ich habe zu Gott so sehr gebetet und werde es
weiterhin tun; alles verkündet mir den Wert unserer untrennbaren Ein-
heit. O Herr Jesus, herrsche und sei immerdar gesegnet in unserem
einzigen Herzen. Amen ...

Annecy, 10. Mai 1615.


Ach, meine Mutter! Ich schreibe Ihnen, ohne auch nur ein wenig Zeit
zu haben; stellen Sie sich vor, daß diese Zeilen für eine Dame sind,
welche die Absicht hat, einzutreten. Ich grüße Sie tausendmal. Meine
Seele drängt zu Ihrem Geist, sofern man überhaupt noch bei uns Beiden
von Mein und Dein sprechen kann, die wir doch durch nichts getrennt
sind, sondern ein und dasselbe sind.
Ich werde bei erster Möglichkeit schreiben; augenblicklich habe ich
nur eine geringe Möglichkeit, die ich benütze, um ein mütterliches Herz
mit meiner ganzen kindlichen Zuneigung tausendmal zu grüßen. Gott,
der unsere Einheit ist, sei immerdar gepriesen.
Ich grüße unsere lieben Schwestern, meine Töchter. Leben Sie froh in

278
dem göttlichen Jesus, der der König der Engel und Menschen ist. Ich
bin, meine sehr teure Mutter, in ihm gänzlich das, was niemand weiß als
er, der dies gemacht hat. Dafür sei auch ihm Ehre, Verherrlichung und
Preis. Amen. Ihr ...

Annecy, 13. Mai 1615.


... Wir müssen den hochheiligen Gleichmut pflegen, zu dem unser
Herr uns ruft. Ob Sie nun dort oder hier sind, wer kann uns scheiden von
der Einheit, die in unserem Herrn Jesus Christus ist (Röm 8,35)? Schließ-
lich kann es meiner Meinung nach unserem Geist hinfort nichts mehr
ausmachen, ob wir nun an einem oder an zwei Orten sind, da unsere so
liebenswerte Einheit dank Ihm, der sie geschaffen hat, überall besteht.
Wie oft habe ich Ihnen gesagt, meine sehr teure Mutter, daß Himmel
und Erde nicht weit genug voneinander entfernt sind, um die Herzen,
die unser Herr verbunden hat, zu scheiden! Bleiben wir mit dieser Ge-
wißheit in Frieden.
Ich habe es viel lieber, wenn man sich hinsichtlich des Hauses ganz
auf Sie verläßt, denn es wird dann alles in Ruhe und liebevoll geschehen,
vorausgesetzt, daß man Ihnen Ihre Freiheit läßt und Vertrauen schenkt.
Ich fürchte aber, daß man Sie dort behalten will, was eine ungerechte
Idee wäre, die ich nicht anhören könnte. Ich sage Idee, denn von ihrer
Durchführung kann keine Rede sein. In dieser Sache heißt es also ruhig
und klar sagen und dabei bleiben, daß Sie wohl genügend Sorge um
dieses Haus tragen werden.
Man muß die heilige Freiheit, die der Orden für die geistlichen Aus-
sprachen und Ansprachen gewährt, wie seinen Augapfel hüten. Die Er-
fahrung läßt mich erkennen, daß nichts den Dienerinnen Gottes so nütz-
lich ist, als wenn diese Freiheit unseren Regeln gemäß gehandhabt wird.
Ich antworte, daß die Leidenschaftlichkeit dieser von ihrem eigenen
Urteil erfüllten Geister mich nicht beunruhigen würde, vorausgesetzt,
daß man sie die allgemeinen Grundlehren, die für die Kongregation
maßgebend sind, gelehrt hat: Sanftmut, Nächstenliebe, Einfachheit, so-
wie die Überwindung von Launen und natürlichen Zu- und Abneigun-
gen. Wenn man nur jene aufnähme, mit denen es keine Mühe gibt, dann
würden die Orden kaum dem Nächsten dienen, da solche Menschen
überall ziemlich gut tun würden.
O, meine sehr teure Mutter, leben Sie froh, ganz tapfer, ganz sanft,
ganz mit dem Heiland verbunden, und möge es seiner Güte gefallen, die
hochheilige Einheit zu segnen, die er aus uns geschaffen hat, und sie

279
auch immer mehr zu heiligen. Ich grüße unsere lieben Schwestern; ach,
wie sehr wünsche ich, daß sie vollkommen werden!
Am 13. Mai, an dem ich das 23. Jahr meines Lebens im geistlichen
Stand beginne, beschämt darüber, daß ich so wenig willens war, in der
Vollkommenheit dieses Standes zu leben ...

Annecy, 14. Mai 1615.


... O wie erfüllt ist doch seit mehreren Tagen meine Seele von einer
neuen und mächtigen Sehnsucht, der hochheiligen Liebe Gottes mit
allem mir möglichen Eifer zu dienen! Ihre Seele, meine sehr teure Mut-
ter, die ein und dieselbe ist, wird das gleiche tun; denn wie könnte sie
andere Neigungen hegen, da sie doch ein und dasselbe Leben besitzt?
Unsere Schwestern sind ausgezeichnet und erwecken in meinem Her-
zen eine große Dankbarkeit gegen die Güte Gottes, deren Auswirkun-
gen in ihren Seelen ich so klar sehe. Ich hoffe, daß die Schwestern dort in
Ihnen gleiche Empfindungen wecken und daß die göttliche Güte so ih-
ren Geist über diese ganz kleine Gemeinschaft von Geschöpfen aus-
gießt, die sich zu ihrer Verherrlichung zusammengeschlossen haben.
Ach, meine sehr teure Mutter, wieviel sind wir doch unserem Herrn
verpflichtet und welches Vertrauen sollten wir doch daran setzen, daß
seine Barmherzigkeit das vollenden wird, was sie in uns begonnen hat
(Phil 1,6), und daß sie das wenige Öl unseres guten Willens so vermehrt,
daß alle unsere Gefäße damit erfüllt werden und viele andere unserer
Nächsten auch (2 Kön 4,3-6). Wir müssen nur das Zimmer hinter uns
gut schließen (2 Kön 4,4), das heißt, immer mehr unser Herz ganz in
dieser göttlichen Güte bergen.
Ich sage Ihnen tausendmal guten Abend und bitte Gott, er möge immer
inmitten Ihres ganzen Herzens sein und es mit seinen hochheiligen und
wünschenswerten Gnaden segnen. Ich grüße alle unsere Schwestern ...

Annecy, 14. Mai 1615.


Es lebe Jesus!
Wir hatten nun acht Tage lang keine Gelegenheit zu schreiben, und
nun bieten sich solche Schlag auf Schlag. Sicherlich warten wir mit from-
mer Ungeduld auf Herrn du Crest, der noch nicht angekommen ist, um
einige Nachrichten von Ihnen zu erhalten, denn ich bilde mir ein, daß er
uns welche bringen wird, ebenso Herr Pierre, durch den ich Ihnen Brie-
fe für Herrn des Hayes offen geschickt habe, damit Sie diese lesen kön-
nen. Nun heißt es also weiter warten.

280
Was soll ich Ihnen nun von unserem Herzen hier erzählen, als daß
Gott ihm täglich neue Liebe zu seinem Dienst gibt. Heute morgen, als es
ein wenig allein war, vollbrachte es einen unvergleichlichen Akt der
Ergebung, über den ich nicht schreiben kann, mir aber vorbehalte, es
Ihnen mündlich zu sagen, wenn Gott mir die Gnade erweisen wird, Sie
wiederzusehen! O wie glücklich sind die Seelen, die allein vom Willen
Gottes leben! Ach, wenn man schon ein klein wenig davon infolge flüch-
tiger Erwägungen verkostet und dann so viel geistliche Freude im Grun-
de des Herzens empfindet, das diesen heiligen Willen mit all seinen
Kreuzen hinnimmt, was wird dann erst aus den Seelen, die ganz einge-
taucht sind in die Vereinigung mit diesem göttlichen Willen!
Doch genug für diesmal, denn ich habe heute morgen schon durch
Herrn Grandis geschrieben, durch den wir viele und lange Briefe erwar-
ten; denn Sie haben genug Zeit zu schreiben, da er Sie gleich bei seiner
Ankunft aufsuchen wird und seine Angelegenheiten ihn dort ein wenig
zurückhalten werden.
Indessen sei Gott ewiglich unser Alles. Ich bin in ihm ganz der Ihre
nach seinem Wohlgefallen und wie Sie es selbst wissen ...

Annecy, 16.-18. Mai 1615.


Meine sehr teure Mutter!
Diese Zeilen gehen unvorhergesehen ab, um Ihre liebe Seele, die ich
wie meine eigene liebe, zu grüßen; sie ist ja in Ihm, der die Grundlage
aller Einigkeit und Einheit ist. Ich will nicht leugnen, daß ich über Ihr
Fieber beunruhigt war; machen Sie sich aber keineswegs Sorgen wegen
meiner Sorge, denn Sie kennen mich: ich bin ein Mensch, der bereit ist,
zu leiden ohne zu leiden, alles, was immer Gott gefallen wird, aus Ihnen
wie aus mir zu machen. Ach, es darf keine Erwiderung geben und kein
Nachgeben. Ich bekenne vor dem Himmel und den Engeln, daß Sie mir
so wertvoll sind, wie ich selbst; das enthebt mich aber nicht des ganz
festen Entschlusses, mich völlig in den göttlichen Willen zu fügen. Wir
wollen Gott in dieser Welt hier wie dort dienen mit allem, was wir sind;
mag er es nun für besser halten, daß wir in dieser oder jener Welt oder in
allen beiden seien, sein hochheiliger Wille geschehe! (Mt 6,10; 26,42).86
Ich will Ihnen nicht mehr sagen, als daß ich mich besser befinde und
es meinem Herzen besser geht als seit langem schon; ich weiß aber
nicht, ob sein Wohlsein natürlichen Ursachen oder der Gnade zuzu-
schreiben ist.

281
Gott sei immerdar inmitten Ihres Herzens, um es mit seiner heiligen
Liebe zu erfüllen. Amen. Es lebe Jesus! Meine sehr teure Mutter, ich bin
– wie Sie selbst wissen – immer mehr ganz der Ihre ...

Annecy, (den 14. Juni 1615 oder 1616).


Zur gleichen Zeit, da die übergroße Güte der heiligen Dreifaltigkeit
den Geist ihrer Anbetung in die heilige Kirche sendet, erneuert sie – wie
mir scheint – auch den Geist der heiligen Berufung meiner sehr teuren,
sehr guten und verehrten Mutter, die ihre Heimat verließ, ohne zu wis-
sen, wohin sie ging, aber an Gott glaubte, der ihr gesagt hatte: „Verlaß
dein Land und deine Verwandtschaft“ (Gen 12), und so zu dem Berg
kam, dessen Name lautete: „Gott wird schauen“; und Gott hat sie gese-
hen und er vermehrte ihr geistliches Geschlecht wie die Sterne des Him-
mels (Gen 22,14.17).
O, Gott sei ewiglich gepriesen, meine sehr teure Mutter, mit der ich
mich freue und in deren Namen mein Herz sich freut wie in sich selbst.
Möge dieses Herz meiner Mutter immerdar am Himmel stehen wie ein
schöner Stern, den eine Vielzahl anderer umgibt. Können wir da dem
Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist nicht auf ewig den Lobgesang
anstimmen? Ja, die Seele meiner Mutter wird ihn in alle Ewigkeit sin-
gen. Amen. Und Gott sei dafür gepriesen in alle Ewigkeit. Amen. Es
lebe Jesus!
Ehre sei dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist, daß er alle
diese Herzen zu seiner Ehre zusammengefügt hat; aber ach, welche Scham
für mein Herz, das so wenig treu an einer so heiligen Aufgabe mitge-
wirkt hat! Möge uns eben diese hochheilige Dreifaltigkeit in ihrer über-
großen Güte gnädig sein und mögen wir hinfort ihren Willen erfüllen.
Amen ...

Lyon, den 2. Juli 1615.


Das gestern unterbrochene Brieflein zeigte mir gut, wie es um meine
Seele steht. Es lebe Jesus und meine Seele wird leben!
Herr von Alincourt87 speiste gestern hier und blieb bis fast elf Uhr. Er
will heute morgen zur Predigt kommen, die ich nur als besondere Pre-
digt für die Klostergemeinde vor hatte. Heute abend werde ich bei Ihnen
und unseren Schwestern sein – ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich
betrübt bin, weil meine Zeit derart dahingeht.
Gottes wegen, meine sehr teure Mutter, wollen wir unser Herz in
stiller Freude immer untrennbar sich selbst gegenwärtig halten, da die

282
außergewöhnliche Einheit, mit der Gott es begabt hat, dies wohl bewir-
ken kann. Die Notwendigkeit des Dienstes zu seiner Ehre erfordert auch,
daß wir diese Gnade dazu benutzen. O Herr, dem alles gegenwärtig ist
(Hebr 4,13), gib unserem Geist das gleiche Gegenwärtigsein seiner selbst,
wie Du ihm die Einsicht gegeben hast, damit er so freudig lebe, wie es
erforderlich ist in Deiner Gegenwart, o Herr, und in seiner eigenen gut
zu dienen. Es lebe Jesus! Amen.
Ich will nun eine liebeserfüllte Predigt halten, so glühend ich es ver-
mag.

Lyon, 1.-9. Juli 1615.88


Es hilft doch nichts; man sagte mir, ich müsse das Memorandum vor-
legen, und man fügte hinzu, ich dürfe nicht weiter zuwarten. Also werde
ich heute diesen Herrn aufsuchen; möge Gott die Hand anlegen. Die
Schrift selbst gab ich Herrn Sedite zur Durchsicht und Verbesserung.

(Lyon, 1.-9. Juli 1615).


Meine sehr teure Mutter!
Mit tausend Guten-Abend-Grüßen mache ich Sie darauf aufmerk-
sam, daß der Minoritenpater morgen eine Stunde vor Tag abreisen wird;
wenn Sie geschrieben haben, werde ich das Memorandum abfassen. In-
dessen aber achten Sie auf sich, meine sehr teure und sehr gute Mutter,
die ich mit Gottes Hilfe morgen sehen werde.
Guten Abend, meine sehr teure Mutter, unser Herr sei auf ewig inmit-
ten unseres einzigen Herzens. Amen.

Annecy, 14. Juli 1615.


Mit dieser ersten Gelegenheit will ich Ihnen, meine sehr teure Mutter,
Bericht über unsere Reise erstatten. Als der Herr Erzbischof mich ver-
ließ, erwies er mir viel Freundschaft, und ich werde die Gunst, die mir
dieser große Kirchenfürst bezeugte, höchst sorgsam pflegen.
An diesem Tag kamen wir also nach Saint-Priest, und zwar immer in
Begleitung der guten Frau Präsidentin Le Blanc, die mir, soweit die Gele-
genheit es ihr erlaubte, ganz offen ihr Herz aufschloß. Sie hat wahrlich ein
gutes Herz, dem ich ein schönes Gedeihen wünsche. Sie bedarf recht
liebevoller Unterstützung und Beratung bei der Vielzahl der Schwierig-
keiten, die ihr lebhafter Geist ihr aufbürdet. Dieser bietet ihr fast ständig
Anlaß, ihr Übel noch zu vergrößern. Sie bat den Herrn Erzbischof um die
Erlaubnis, zu Ihnen ins Kloster hineinkommen zu dürfen, was er ihr be-

283
willigte. Er machte ihr sogar Hoffnung auf die Erlaubnis, dort über Nacht
bleiben zu dürfen. Wenn dies geschieht, meine sehr teure Mutter, dann
helfen Sie ihr ja recht, denn sie verdient und braucht es. Wenn sie im
nächsten Jahr hierherkommt, was sie geplant hat, dann werden wir mehr
Möglichkeiten haben, sie gut zu trösten. Ich werde Ihnen ein kleines
Brieflein extra schreiben, damit sie es sieht. Ich möchte, daß sie weiß, wie
lieb ich sie habe und schätze zur größeren Ehre Gottes.
Am Samstag kam ich in Sessel an, wo ich am Sonntagmorgen predigte.
Ich übernachtete in dieser Stadt, wo ich bei meiner Ankunft die Nach-
richt vorfand, daß Frau von Travernay im Sterben liege. Ich brach ge-
stern am frühen Morgen auf, um ihr meinen letzten Dienst zu erweisen,
da sie doch zu meinen Töchtern gehörte. Bei meiner Ankunft begrüßte
sie, die nie eine herzliche Regung mir gegenüber merken ließ, mich mit
einer bei ihrer melancholischen Gemütsart ganz außergewöhnlichen
Freude. Kurz, sie erholte sich derart, daß sie meiner Meinung nach noch
mehrere Tage leben wird, wenn ich auch nicht glaube, daß sie es noch
lange machen wird.89
Sie beichtete von neuem bei mir, zu ihrem Trost und nicht aus Notwen-
digkeit, denn sie hatte am vorhergehenden Tag die Sakramente und selbst
die letzte Ölung empfangen und zeigte den vollkommensten Gleichmut,
den ich jemals gesehen. Wenn ihr Gesinde und die Nachbarn sie bedräng-
ten, für ihre Heilung Gelübde zu machen, wollte sie dies nie tun, sondern
sagte, was Gott mit ihr vorhabe, sei ihr am angenehmsten. Sie möchte
Gott weder um das Leben, noch um den Tod bitten – nicht mit dem be-
scheidensten Wunsch von der Welt – sondern sie lege vorbehaltlos ihr
Leben in seine Hände, damit er nach seinem Gutdünken damit verfahren
möge. Was ihm gefalle, das wolle auch sie. Sie sagte dies aber so fest, daß
ich klar sehen konnte, wie ihr wirklich alles gleichgültig war. Obgleich sie
sagte, daß ihr wegen Franziska, meines Patenkindes, das ja noch so klein
ist, das Herz ein wenig schwer sei, fügte sie nicht nur mit Festigkeit, son-
dern auch voll Zärtlichkeit hinzu, daß Gott, wenn er sie abberufe, wohl
wisse, was er mit diesem Mädchen vorhabe, und daß sie ihretwegen kei-
neswegs am Leben zu bleiben wünsche, sondern nur das wolle, was Gott
beabsichtige. Kurz, ich sagte ihr, was ich wußte, und das entsprach ganz
ihrem Wunsch. Ich ließ sie in Frieden zurück, ohne den Anschein eines
Leides, ohne Klage, ja selbst ohne den, ihren Gatten wiederzusehen, das
zweite, was sie noch vor ihrem Hinscheiden gewünscht hatte. Solche klei-
ne Geschichten von Landbewohnern gefallen mir und erbauen mich, dar-
um erzähle ich sie Ihnen.

284
Ich schreibe dem Herrn Erzbischof, um ihm meine Achtung zu bezeugen.
Ich bin, meine sehr teure Mutter, wie Sie es ja selber wissen, ganz der
Ihre, vorbehaltlos und unterschiedslos. Leben Sie voll hochherziger und
edler Freude in ihm, der unsere einzige Freude ist. Ich grüße von Her-
zensgrund meine sehr teure Tochter, meine Mutter und meine lieben
Töchter mit unseren lieben Novizinnen, von denen ich meine Schwester
Françoise-Hieronyme, meine Base, besonders lieb habe, weil sie in Lyon
die Jüngste ist.
Gott befohlen, meine sehr teure Mutter; der gütige Heiland sei unser
Leben auf ewig. Amen ...

Annecy, 16. oder 17. August 1615.


Welche Hetze, meine sehr teure Mutter! Gestern spät abends erhielt
ich Ihre Briefe; und heute, am Tag meiner Abreise, versuche ich inmit-
ten tausenderlei Störungen zu antworten, wie es mir möglich sein wird.
Zuerst will ich sagen, daß die guten Damen90 nach Allerheiligen, wenn
Sie wieder hier sein werden, willkommen sind, falls Sie es für gut befin-
den, sie für die erbetene Zeit in die Heimsuchung aufzunehmen, und
wenn Sie meinen, daß sie durch den Verkehr mit unseren lieben Schwes-
tern und im Verkehr mit mir erbaut werden sollen. Sie, meine liebe
Mutter, die diese Damen gesehen haben, können es besser beurteilen als
ich. Ich mache mir nur über den guten Herrn Präsidenten Rességuier91
Sorgen, da er es als Mann von Rang zweifellos schwer haben wird, unse-
re Armseligkeiten und Unvollkommenheiten zu ertragen, wenn er so
lang bei uns bleibt. Halten Sie sich dies ein wenig vor Augen, meine
liebe Mutter, und denken Sie darüber nach; und wenn es Ihnen zur Ehre
Gottes zu gereichen scheint, dann sagen Sie ihnen „Ja“ in meinem wie in
Ihrem eigenen Namen. Sie müssen mir, meine liebe Mutter, in solchen
Fällen immer Ihre Meinung sagen; denn wie kann ich, der ich nur durch
Ihre Augen wie durch meine sehe, hierin ohne Sie richtig urteilen?
Was den anderen Plan betrifft, so sehe ich gewiß keinen Sinn darin,
unsere Schwestern für die Klöster des Dritten Ordens einzusetzen; wir
haben auch keine Schwestern übrig, die als Leiterinnen dienen könnten.
Und dann: wie könnten sie einem Institut helfen, das sie nicht kennen?
– Ich wundere mich über diese gute Dame,92 wie sie dem Plan einer
Umwandlung in Karmelitinnen Widerstand entgegensetzt; denn, um zu
Ihrem Herzen wie zu dem meinen zu sprechen,93 ...
Was unsere Kongregation betrifft, so finde ich nicht, daß sie jetzt gleich

285
so viel tun kann, nicht einmal hinsichtlich des Vorschlages unserer gu-
ten großen Schwester für Billon.94 Meiner Meinung nach wäre es ein
guter Ausweg, wenn die Mutter Elisabeth95 zwei ihrer fähigsten Töchter
von Toulouse und zwei von Billon zu uns herbrächte, die in vier bis fünf
Monaten genügend ausgebildet werden könnten, um zu den anderen
zurückzukehren. Sie könnten dann, unterstützt durch Briefe und Besu-
che des Herrn Spirituals oder eines anderen, mit dem wir uns bespre-
chen würden, die anderen in Gang bringen. Denn eigentlich sehe ich in
dieser Stadt gegenwärtig nur die Schwester de la Roche, die vielleicht
auch noch nicht geeignet dafür wäre, wenn sie allein hingeschickt wür-
de. Die Schwester von Gouffiers könnte es, wenn ihre Angelegenheit
geordnet wäre. Aber wer sonst? Das sind höchstens zwei oder drei.
Wenn man also nicht den Ausweg ergreifen will, die Töchter hierher
in die Lehre zu schicken, und wenn man nicht zumindest eineinhalb
Jahre zuwarten will, dann ist es besser, etwas demütig abzulehnen, was
man nicht gut durchführen kann, als es unüberlegt zu unternehmen.
Und dann muß auf alle Fälle abgewartet werden, daß unsere Regel be-
stätigt wird und das Haus von Lyon durch die Autorität des Herrn Erzbi-
schofs ordnungsgemäß errichtet ist. Man soll sich wohl hüten, sich in
irgendeiner Diözese niederzulassen, bevor der zuständige Bischof be-
schlossen hat, nichts dagegen einzuwenden.

Annecy, den 8. Oktober 1615.


Sie sind vernünftig, meine sehr teure Mutter, und erwarten keine lan-
gen Briefe von mir in dieser Zeit, in der so viele Angelegenheiten auf
mir lasten, daß ich keine weiteren mehr auf mich nehmen kann. Ich
möchte Ihnen bloß sagen, daß meiner Meinung nach unsere Schwester
Jeanne-Charlotte nunmehr außer Gefahr ist, obgleich sie noch immer
an ihrer Entzückung leidet; aber das Fieber ist fast ganz gesunken und
sie beginnt schon ordentlich zu essen.
Wir hatten den Pater General der Feuillanten hier, einen Mann von
großer Tugend und Heiligkeit. Als bei irgendeiner Gelegenheit von der
Mutter Isabeau, über die Sie mir vor drei Monaten schrieben, die Rede
war, erzählte er mir, man habe ihm aus Paris nach Rom, von wo er kam,
Merkwürdiges von ihr berichtet; ich meine, von außerordentlichen Vor-
fällen wie Entrückungen oder Illusionen. Das macht mich sehr besorgt,
denn wenn sie mit dieser Art unbekannter Dinge hierherkommt, wird sie
– anstatt von uns Tröstungen zu erlangen – uns sehr zu schaffen machen
und uns zwingen, zu untersuchen, ob dies Heiligkeit oder Täuschung ist.

286
Dies würde die arme kleine Schar unschuldiger Seelen, die keine derarti-
gen Entrückungen für sich erstreben, äußerst verwirren. Wenn Sie wissen,
daß dem wirklich so ist, so suchen Sie sie davon abzubringen. Schreiben
Sie ihr, daß ich Sie gebeten habe, ihr mitzuteilen, daß ich nicht wisse, ob
ich in diesem Winter hier sein werde, und wünsche, daß weder sie, noch
der Herr Präsident Rességuier sich irgendwelchen Ungelegenheiten aus-
setzen. Sollte sie aber drei Schwestern schicken, so würden Sie diese auf-
nehmen und gern bis nach Ostern behalten. Wenn jedoch keine derartige
Gefahr besteht, dann lassen Sie sie kommen.
Gute Nacht, meine sehr teure Mutter, von ganzem Herzen. Es lebe
Jesus! Amen.

Annecy, 1. Januar 1616.


Sie sind die erste, meine sehr teure und gute Mutter, die in diesem
neuen Jahr einen Brief von mir erhält. Dies verlangt sicherlich schon die
Vernunft. Nachdem ich dem himmlischen Vater und der himmlischen
Mutter meine Huldigung dargebracht, mußte ich doch der einzigen Mut-
ter Ehre erweisen, die ihre Majestäten mir für dieses Leben gegeben
haben.
Ein gutes und recht heiliges Jahr meiner sehr teuren Mutter von ih-
rem Sohn. Dieser wünscht ihr überreich die Gnade des ewigen Vaters,
den Frieden des Sohnes in seiner heutigen Beschneidung, und die Trö-
stung des Heiligen Geistes (1 Tim 1,2; Apg 9,31). Mit eben diesem
Herzen meiner sehr teuren Mutter weihe ich das meine wie das ihre der
Verherrlichung der göttlichen Güte und opfere ihr alle Augenblicke
dieses neuen Jahres auf. So soll eine völlige Beschneidung eben dieses
Herzens erreicht und dadurch bewirkt werden, daß es rein und vollkom-
men die heilige Liebe aufnehme, die der himmlische und göttliche Name
Jesus über die heilige Menschheit des Heilands, in Blut geschrieben,
uns verkündet (Lk 2,21).
Ich kann nicht versprechen, Sie vor Mittwoch zu sehen, außer mit
dieser beständigen Schau, mit der meine Seele die Ihre im Grunde unse-
res Herzens liebevoll betrachtet und hütet.
O mein Gott, liebe Mutter, wieviel göttliche Liebe ersehne ich doch
diesem Herzen, wieviel Segnungen wünsche ich ihm! Küssen wir doch
tausendmal die Füße des Heilands und sagen wir ihm: „Mein Herz, o
mein Gott, beteuert Dir Treue, mein Antlitz ersehnt Dich; o mein Herr,
mein Antlitz sucht das Deine“ (Ps 27,8). Das heißt, meine liebe Mutter,
heften wir doch unsere Augen auf Jesus Christus, um ihn zu betrachten,

287
öffnen wir unseren Mund, ihn zu preisen, und schließlich möge unser
Antlitz nur den Wunsch atmen, dem unseres geliebten Jesus zu gefallen;
Jesus, für den wir uns demütigen, uns bemühen, arbeiten und leiden
sollen, wie der hl. Paulus sagt (Röm 8,36; Ps 44,22): „Schäflein“ wer-
den, „die man zur Schlachtbank führt“, wenn es seiner göttlichen Maje-
stät gefällt, uns um seiner Ehre und seiner Verherrlichung willen die
Ehre nehmen zu lassen.
Ein gutes und sehr heiliges Jahr meiner sehr teuren Mutter, ganz durch-
duftet vom Namen Jesus, ganz durchtränkt von seinem heiligen Blut.
Kein Tag dieses Jahres, kein Jahr und kein Tag vieler Jahre, die Gott
meiner sehr teuren Mutter geben möge, soll vergehen, der nicht die Kraft
dieses Blutes verspüre und nicht den milden Hauch dieses Namens emp-
fange, der die höchste Süßigkeit verbreitet. Amen.
So möge dieser heilige Name die ganze Kongregation unserer Schwes-
tern mit seinem Wohllaut erfüllen und die Blutstropfen des göttlichen
Kindes sich in einen Strom von Heiligkeit verwandeln, der alle Herzen
dieser teuren Schar und vor allem das Herz meiner sehr teuren Mutter,
das mein Herz wie sich selbst liebt, beglückt (Ps 15,5) und fruchtbar
macht.
Es lebe Jesus, es lebe sein Blut! Es lebe Maria und ihr Schoß, von dem
Jesus sein Blut empfing! ...

Annecy, (7. April 1616).


... Verbleiben Sie, meine sehr teure Mutter, inzwischen mit dem Frie-
den und der Freude unseres Herrn. Mit seiner Gnade werde ich in spä-
testens acht Tagen hier sein.96 Ich werde niemals daran denken, von hier
fortzugehen, während Gott mich da in mir selbst festhält. Sie, meine
sehr teure Mutter, wissen wohl selbst, daß die von Gott geschaffene
Einheit stärker ist als alle Trennung, und daß die örtliche Entfernung ihr
nichts anzuhaben vermag. So möge Gott Sie auf ewig mit seiner heiligen
Liebe segnen. Er hat uns ein im Geist und Leben einziges Herz geschaf-
fen.
Leben Sie wohl, meine sehr teure Mutter; ich bitte Sie, bewahren Sie
mich, wie ich Sie mit Gottes Hilfe wohl bewahren werde.

Annecy, (12. oder 13.) Mai 1616.


Guten Abend, meine sehr teure Mutter; hier sind Briefe, die aus Lyon
gekommen sind; wenn sie etwas Wichtiges enthalten, werden Sie es mir
schon mitteilen.

288
Ich befinde mich recht wohl, empfinde weder Schmerz noch etwas
ähnliches; nur fühle ich mich derart appetitlos, daß ich am liebsten
heute nichts mehr essen möchte, nachdem ich nur eine kleine Bouillon
zu mir genommen habe. Ich behalte mir aber vor, alles zu tun, was mei-
ne liebe Mutter haben will. Ich bitte diese aber im Namen Gottes, der
wohl weiß, daß ich nicht lüge, sich meinetwegen keinerlei Sorgen zu
machen, denn ich fühle mich äußerst wohl, bis auf diese Erkältung, wo-
durch ich manchmal husten muß.
Gute Nacht also, meine sehr teure Mutter, der ich gewiß – wie sie weiß
– ganz sie selbst bin. Es lebe Jesus! Amen.

Annecy, 14.-16. Mai 1616.


Meine sehr teure Mutter!
Sie wären recht tapfer, wenn Sie über diese kleine Unpäßlichkeit et-
was gelassen und ruhig sein wollten. Sie besteht nur darin, daß mein
Gaumen stark geschwollen ist und mich beim Spucken und Schlucken
schmerzt. So war ich gestern abend fiebrig und unruhig; aber heute
morgen befinde ich mich bis auf den Mund recht wohl und fühle im
großen und ganzen merklich, daß weiter nichts daran ist und ich bei
etwas Ruhe wieder in Ordnung kommen werde. Die Bouillon ist schon
recht; ich werde sie so bitter nehmen, wie verlangt wird.
Bleiben Sie recht im Frieden mit unserem Herrn, der allein unseres
einzigen Herzens Alles sein soll. Amen.

Annecy, (15.-17. Mai) 1616.97


... Wann wird doch endlich diese natürliche Liebe zum eigenen Blut,
zum Herkömmlichen, Schicklichen, zu Verbindlichkeiten, Sympathien
und Gnaden geläutert und zum vollkommenen Gehorsam gegenüber
der ganz reinen Liebe zum Wohlgefallen Gottes umgewandelt werden?
Wann wird diese Eigenliebe keine Anwesenheit, keine äußerlichen Be-
kräftigungen und Zeichen mehr wünschen, sondern völlig gestillt sein
von der unveränderlichen und unwandelbaren Gewißheit, die Gott ihr
von seiner Beständigkeit gibt? Was kann schon Anwesenheit einer Lie-
be hinzufügen, die Gott geschaffen hat, stützt und erhält? Welche Anzei-
chen von Beharrlichkeit kann man von einer Einheit verlangen, die Gott
begründet hat? Entfernung oder Anwesenheit werden niemals etwas zur
Festigkeit einer Liebe beitragen, die Gott selbst gebildet hat.
Wann werden wir alle unserem Nächsten gegenüber durchtränkt sein
von Güte und Milde? Wann werden wir die Seelen unserer Mitmen-

289
schen in der heiligen Brust des Heilands sehen? Ach, wer den Nächsten
nicht darin betrachtet, läuft Gefahr, ihn weder rein, noch beständig,
noch gleichmäßig zu lieben. Wer aber würde ihn dort, wer wird ihn an
diesem Platz nicht lieben? Wer ihn nicht ertragen? Wer nicht seine Un-
vollkommenheiten erdulden? Wer fände ihn lästig, wer langweilig? Denn
da, meine sehr teure Tochter, ist er dieser Nächste, im Schoß und in der
Brust des göttlichen Heilands; er ist darin so sehr geliebt und so liebens-
wert, daß aus Liebe zu ihm der Liebende stirbt, dessen Liebe in seinem
Tod und dessen Tod in seiner Liebe liegt ...

Annecy, 18. Mai 1616.


Meine sehr teure Mutter!
Ich weiß wohl, daß ich noch den heutigen und vielleicht auch den
morgigen Tag in Einsamkeit und Schweigen werde verbringen müssen.
Wenn dem so ist, werde ich – wie ich Ihnen sagte – meine Seele wie die
Ihre vorbereiten.
Es ist mir recht, daß Sie die Übung der Selbstentäußerung fortsetzen,
indem Sie sich unserem Herrn und mir überlassen. Werfen Sie jedoch,
meine sehr teure Mutter, zwischenhinein einige Akte von Ihrer Seite –
als Stoßgebete – oder als Akte der Zustimmung zu dieser Entäußerung,
wie z. B.: „Ich will es gewiß, o Herr; reiße kühn alles weg, was mein Herz
noch umkleidet. O Herr, nein, ich will nichts davon ausnehmen, entrei-
ße mich mir selbst. O mein Ich, ich verlasse dich auf immer, bis mein
Herr mir befiehlt, dich wieder aufzunehmen.“ – Das soll kraftvoll, aber
ganz ruhig, zwischendurch ausgerufen werden.
Auch sollen Sie bitte, meine sehr teure Mutter, keine Amme nehmen,
sondern, wie Sie sehen, müssen Sie auch diese aufgeben, die Sie haben,
und als armes, kleines, schwaches Geschöpf vor dem Thron der Barm-
herzigkeit Gottes verbleiben. Sie sollen ganz entblößt bleiben, ohne je
irgendeine Tat oder einen Liebeserweis für das Geschöpf zu erbitten,
und doch sich allen jenen gegenüber gleichmütig verhalten, die Ihnen
zuzuweisen ihm gefallen wird. Geben Sie sich auch nicht mit dem Ge-
danken ab, daß ich Ihnen als Amme dienen soll. Denn sehen Sie, wenn
Sie Ihre Amme nach Wunsch nähmen, würden Sie nicht aus sich heraus-
gehen, sondern kämen immer auf Ihre Rechnung, und das ist es gerade,
was man vor allem fliehen muß.
Wunderbar sind diese Verzichte auf die Hochschätzung seiner selbst,
auch dessen, was man nach Ansicht der Welt war (was ja in Wirklichkeit
nichts war, außer im Vergleich zum Los der ganz Elenden) – auf seinen

290
Eigenwillen, auf sein Gefallen an allen Geschöpfen und an der natürli-
chen Liebe – und schließlich auf sein ganzes Ich, was man in einem
ewigen Aufgeben begraben soll, um es nicht mehr zu sehen und zu ken-
nen, wie wir es gesehen und gekannt haben, sondern nur, wenn Gott es
uns anordnet und so, wie er uns anordnen wird. Schreiben Sie mir, ob
Sie diese Unterweisung gut finden.
Möge Gott mich für immer in Besitz nehmen. Denn ich bin sein, hier
wie dort, wo ich ganz vollkommen in Ihnen bin, wie Sie wissen, denn Sie
sind untrennbar von mir, außer in der Übung und Beobachtung des
Entsagens auf unser ganzes Wir selbst um Gottes willen ... *

Annecy, 19. Mai 1616.


O Jesus, welch ein Segen! Welche Freude für meine Seele, meine Mut-
ter so ganz von sich entblößt vor Gott zu wissen! Seit langem schon emp-
finde ich eine unvergleichliche Beglückung, wenn ich das Responsorium

*Antwort der Mutter von Chantal:98

(Annecy, 1616).
Mein einziger Vater, ach, wie gut tut mir Ihr lieber Brief! Gepriesen sei der Herr,
der ihn Ihnen eingegeben hat! Gesegnet sei auch das Herz meines Vaters von Ewig-
keit zu Ewigkeit!
Ja, ich habe den glühenden Wunsch und, wie es mir scheint, die feste Absicht, in
meiner Selbstentblößung zu bleiben durch die Gnade meines Gottes und ich hoffe,
daß er mir helfen wird. Ich fühle meine Seele ganz frei, voll unnennbaren, unendlich
tiefen Trostes, weil sie sich so völlig in Gottes Händen weiß. Mein übriges Ich bleibt
zwar sehr in Verwunderung; aber wenn ich das getreu ausführe, was Sie mir befehlen,
mein teuerster Vater, – und ich werde es ohne Zweifel tun – so wird mit Gottes Hilfe
alles immer besser werden.
Ich muß Ihnen folgendes sagen: wenn ich mein Herz gewähren ließe, so würde es
versuchen, sich wieder mit den Neigungen und Ansprüchen zu bekleiden, wovon es
ihm scheint, daß unser Herr sie ihm eingibt; aber ich lasse das in keiner Weise zu, so
daß diese Ansprüche nur von ferne aufscheinen; denn, es dünkt mich, ich dürfte
nichts mehr denken, wünschen oder beanspruchen als das, was Gott mich denken,
lieben und wollen läßt, wie es mir der höhere Teil meiner Seele eingibt; ich bin
sorgsam darauf bedacht, den niederen nicht zu beachten. Gott stärke uns in seiner
milden Güte und lasse uns in vollkommener Weise vollbringen, was er von uns
erwartet, teurer Vater.
Jesus mache Sie zu einem großen Heiligen. Davon bin ich auch überzeugt. Seine
Güte sei gelobt ob Ihrer Genesung und Erholung!
Leben Sie wohl, mein Vater. Heute Abend gebe ich Ihnen Nachricht von mir ...

291
singen höre: „Nackt bin ich aus dem Schoße meiner Mutter hervorgegangen
und nackt kehre ich dahin zurück. Der Herr hat es mir gegeben, der Herr hat
es mir genommen: der Name des Herrn sei gebenedeit“ (Ijob 1,21).
Wie glücklich waren doch der hl. Josef und die seligste Jungfrau auf
der Flucht nach Ägypten, als sie auf dem Weg meistens nichts anderes
sahen als den liebsten Jesus! Das ist auch das Ende der Verklärung,
meine sehr teure Mutter, weder Mose noch Elija mehr, sondern aus-
schließlich Jesus zu sehen (Mt 17,8). Das war das Ruhen der heiligen
Sulamitin, mit ihrem einzigen König ganz allein sein zu können, um
ihm zu sagen: „Mein Geliebter ist mein und ich bin sein“ (Hld 11,16).
Wir sollen also, was unser Herz betrifft, auf immer ganz entblößt blei-
ben, meine sehr teure Mutter, obgleich wir uns in der Tat wieder beklei-
den; unser Herz soll nämlich so einfach und unumschränkt mit Gott
vereint sein, daß nichts anderes in uns haftet. O wie glücklich war doch
der Josef des Alten Bundes, dessen Gewand weder Knöpfe noch Haken
hatte, sodaß er, als man ihn am Gewand festhalten wollte, in einem
Augenblick daraus entschlüpfen konnte (Gen 39,12).
Mit Ergriffenheit bewundere ich den Heiland unserer Seelen, der nackt
aus dem Schoß seiner Mutter hervorgegangen, nackt am Kreuz gestor-
ben und wieder nackt in den Schoß seiner Mutter gelegt wurde, um
begraben zu werden. Ich bewundere die glorreiche Mutter, die entblößt
von Mutterschaft in ihrer Geburt war99 und am Fuß des Kreuzes dieser
Mutterschaft wieder entblößt wurde und wohl sagen konnte: „Entblößt
war ich meines größten Glücks, als mein Sohn Gestalt annahm in mir,
und entblößt bin ich nun wieder, da ich ihn tot in meinem Schoß emp-
fange. Der Herr hat ihn mir gegeben, der Herr hat ihn mir genommen:
der Name des Herrn sei gebenedeit“ (Ijob 1,21).
Ich sage Ihnen also, liebe Mutter: gebenedeit sei der Herr, der Sie
entblößt hat! Wie froh ist doch mein Herz, Sie in diesem so wünschens-
werten Zustand zu wissen! Und ich sage Ihnen, wie es Jesaja gesagt wur-
de (Jes 20,2.3): „Gehen Sie und prophezeien Sie ganz entblößt diese
drei Tage.“ Verweilen Sie beharrlich in dieser Entblößung bei unserem
Herrn: Sie brauchen keine Akte mehr erwecken, wenn Ihr Herz sich
nicht dazu gedrängt fühlt. Singen Sie vielmehr, wenn Sie können, ganz
sanft das Lied Ihrer Entblößtheit: „Nackt bin ich aus dem Schoß meiner
Mutter hervorgegangen“ und was folgt. Machen Sie keine Anstrengung
mehr, gehen Sie, meine sehr teure Tochter, gestützt auf den gestrigen
Entschluß, hören Sie und neigen Sie Ihr Ohr; vergessen Sie das ganze
Volk anderer Affekte und das Haus Ihres Vaters, denn der König hat

292
nach Ihrer Entblößtheit und Einfachheit verlangt (Ps 45,11.12). Blei-
ben Sie so im Frieden, im Geist eines ganz einfachen Vertrauens, ohne
sich nur nach Ihren Gewändern umzusehen; ich meine, ohne sich mit
irgendwelcher Aufmerksamkeit oder Sorge umzusehen.
Leben Sie wohl, meine sehr teure Mutter. Es lebe Jesus, entblößt von
Vater und Mutter am Kreuz; es lebe seine hochheilige Entblößtheit! Es
lebe Maria, am Fuß des Kreuzes entblößt des Sohnes!
Willigen Sie sachte, wenn auch nicht fühlbar, in Ihre Entblößtheit
ein; machen Sie keine Anstrengungen mehr; verschaffen Sie Ihrem Kör-
per liebevoll einige Erleichterung. Es lebe Jesus! Amen ...

Antwort der Mutter von Chantal:

(Annecy, 1616).
Mein lieber Vater!
Herr Grandis hat mir heute gesagt, daß wir Sie noch gut pflegen müßten, daß Sie
nicht mehr so strenge Diät halten sollen, daß Sie sich noch sehr halten und genau in
acht nehmen müßten wegen der Entzündung, die zu befürchten ist. Ich freue mich
über all diese Anordnungen, auch daß Sie noch in Ihrer Einsamkeit bleiben, denn sie
wird auch Ihrer lieben Seele zugute kommen. Ich konnte nicht sagen „unserer“, denn
es scheint mir, daß ich daran nicht mehr teilhabe, so sehr finde ich mich entblößt und
all dessen beraubt, was mir das Kostbarste war.
Mein Gott, teurer Vater, wie weit ist das Messer vorgedrungen! Ob ich diese
Gemütsverfassung lange aushalten kann? Wenigstens wird mich Gottes Güte bei
diesem Entschluß erhalten, wenn es ihm gefällt, wie ich es so sehr wünsche. Ihre
Worte haben meine Seele sehr gestärkt. Es hat mich tief berührt und getröstet, wie
Sie sagen, welchen Segen und welchen Trost es für Ihre Seele bedeute, mich ganz
entblößt vor Gott zu wissen! Jesus gewähre Ihnen weiter diesen Trost und mir dieses
Glück!
Ich bin voll Zuversicht und Mut, Frieden und Ruhe. Gott sei Dank, drängt es
mich nicht, das zu betrachten, was ich ausgezogen habe. In aller Einfachheit sehe ich
es als etwas weit Entferntes an; wenn es mich aber doch ergreift, wende ich mich
sogleich davon ab. Gelobt sei Jener, der mich entäußert hat! Seine Güte bestärke
und kräftige mich in der Ausführung, wenn es sein Wille ist. Als unser Herr mir
diesen guten Gedanken eingab, von dem ich Sie am Dienstag in Kenntnis setzte,
nämlich, mich ihm zu überlassen, dachte ich keineswegs daran, daß Er mich auf diese
Weise Hand ans Werk legen ließ. Er sei gepriesen für alles und möge mich bestärken!
Ich sagte Ihnen nicht, daß ich wenig Licht und inneren Trost habe. Ich bin
nur ganz in Frieden und es scheint sogar, als habe der Herr in diesen vergange-
nen Tagen ein wenig die Freude entzogen, die das Gefühl seiner lieben Gegen-
wart verleiht. Auch heute bleibt mir mehr oder minder nur sehr wenig, was
meiner Seele Hilfe und Ruhe schenken könnte; vielleicht will unser guter

293
Annecy, 21. Mai 1616.
All dies geht sehr gut, meine sehr teure Mutter. Sie müssen wahrhaftig
in dieser heiligen Entblößtheit verbleiben, bis Gott Sie bekleidet. „Bleibt
da“, sagte unser Herr zu seinen Aposteln, „bis ihr von oben mit Kraft
bekleidet werdet“ (Lk 24,49). Ihre Einsamkeit darf bis morgen nach der
Messe nicht unterbrochen werden.
Meine sehr teure Mutter, Ihre Einbildungskraft spiegelt Ihnen zu Un-
recht vor, Sie hätten die Sorge um sich selbst und die Liebe zu geistli-
chen Dingen nicht aufgegeben und verlassen; denn, haben Sie nicht alles
verlassen und alles vergessen? Bekennen Sie doch an diesem Abend,
daß Sie auf alle Tugenden verzichten und sie nur in dem Maße haben
wollen, als Gott sie Ihnen verleihen wird, und daß Sie auch nur in dem
Maße sie zu erwerben trachten werden, als seine Güte Sie dafür verwen-
det um seines Wohlgefallens willen.
Unser Herr liebt Sie, meine Mutter; er will, daß Sie ihm ganz gehören.
Keine anderen Arme sollen Sie tragen als die seinen, keine andere Brust
Sie ausruhen lassen als die seine und seine Vorsehung. Richten Sie Ihre
Blicke nicht anderswohin und wenden Sie Ihren Geist nur ihm allein zu.
Halten Sie Ihren Willen so einfach mit dem seinen verbunden in allem,
was ihm aus Ihnen, in Ihnen, durch Sie und für Sie zu tun beliebt. Auch

Herr überall in meinem Herzen Hand anlegen, um alles wegzunehmen und es von
allem zu entblößen; Sein heiligster Wille geschehe!
Mein einziger Vater, heute kam mir in den Sinn, daß Sie mir eines Tages befahlen,
mich (aller Dinge) zu entäußern; ich antwortete: „Ich weiß nichts mehr, wovon ich
mich noch entäußern könnte“, und Sie sagten: „Habe ich Ihnen nicht gesagt, meine
Tochter, daß ich Sie aller Dinge entäußern werde?“ O Gott, wie leicht ist es doch,
alles zu verlassen, was um uns ist! Aber seine Haut, sein Fleisch, sein Gebein zu
verlassen und in das innerste Mark einzudringen, wie wir es anscheinend getan haben,
das ist etwas Großes, Schweres und Unmögliches, wenn Gottes Gnade nicht hilft.
Ihm allein gebührt also Ehre und sie sei Ihm auf ewig erwiesen.
Mein Vater, ohne Ihre Erlaubnis möchte ich mir nicht mehr den Trost verschaf-
fen, den mir die Unterredung mit Ihnen gewährt. Es scheint mir, daß ich mir weder
eine Tätigkeit, noch einen Gedanken, noch eine Neigung, noch ein Wollen gestatten
darf, außer auf einen Befehl hin.
Lassen Sie mich schließen, indem ich Ihnen tausendmal einen guten Abend wün-
sche und Ihnen sage, was ich gesehen habe. Es scheint mir, daß ich Ihre und meine
Seele nur als eine einzige sehe, die ganz an Gott hingegeben ist. So sei es, viellieber
Vater. Jesus sei gelobt und herrsche auf ewig! Amen. Stehen Sie nicht wieder zu früh
auf; ich fürchte, daß dieses heilige Fest Sie zum Übermaß verleiten könnte. Gott
führe Sie in allem.

294
in allen Dingen, die außerhalb von Ihnen liegen, soll nichts zwischen
beiden sein. Denken Sie nicht mehr an die Freundschaft, noch an die
Einheit, die Gott aus uns geschaffen hat, auch nicht an Ihre Kinder, an
Ihren Leib, an Ihre Seele und schließlich an irgendetwas. Sie haben ja
Gott alles überlassen. „Zieht an unseren gekreuzigten Herrn“ (Röm
13,14). Lieben Sie ihn in seinen Leiden. Verrichten Sie dazu Stoßgebete.
Was Sie machen müssen, tun Sie das nicht mehr, weil Sie dazu geneigt
sind, sondern nur deshalb, weil es der Wille Gottes ist.
Ich befinde mich, Gott sei Dank, wohl. Heute morgen habe ich mit
meiner alljährlichen Gewissenserforschung begonnen und werde sie mor-
gen abschließen. Unmerklich spüre ich im Grunde meines Herzens ein
neues Vertrauen, Gott „in Heiligkeit und Gerechtigkeit alle Tage“ (Lk
1,74.75) meines Lebens besser zu dienen; und – ja, ich fühle mich gleich-
falls entblößt dank ihm, der entblößt gestorben ist, damit wir entblößt
zu leben versuchen. O meine Mutter, wie glücklich waren doch Adam
und Eva, solange sie noch keine Kleidung hatten!
Leben Sie ganz glücklich in Frieden, meine sehr teure Mutter, und
seien Sie bekleidet mit Jesus Christus, unserem Herrn. Amen ...

Annecy, 21. Mai 1616.


Nein, ich schreibe nicht, denn nach einer Mahlzeit darf man dies nicht
tun, meine sehr teure Mutter; aber ich sende Ihnen recht liebevoll einen
Gutenachtgruß und bitte Gott, er möge Sie, die er zu der liebenswerten
und hochheiligen Reinheit und Nacktheit der Kinder zurückgeführt hat,
nun in seine Arme nehmen wie den hl. Martial, um Sie nach seinem
Willen zur äußersten Vollkommenheit seiner Liebe zu tragen. Und fas-
sen Sie Mut, denn wenn er die Tröstungen und Gefühle seiner Gegen-
wart von Ihnen genommen hat, so deshalb, damit selbst seine Gegen-
wart nicht mehr Ihr Herz festhält, sondern nur er und sein Wohlgefallen,
wie er es mit jener tat, die ihn umarmen und sich an seinen Füßen fest-
halten wollte, aber von ihm anderswohin geschickt wurde. „Berühre
mich nicht“, sagte er zu ihr, „sondern melde es Simon und seinen Brü-
dern“ (Joh 20,17). Wir werden noch darüber sprechen. Glückselig die
Entblößten, denn unser Herr wird sie bekleiden.
Möge diese Güte nicht mehr zulassen, daß ich so wenig Heiligkeit in
einem Beruf und einem Alter habe, wo ich deren so viel haben sollte.
Leben Sie ganz fröhlich vor Gott, meine Mutter, und preisen Sie ihn mit
mir von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen ...

295
Annecy, 15. August 1616.
Meine sehr teure Mutter!
Abends betrachtete ich, soweit es meine schwachen Augen erlaubten,
die Königin, wie sie dahinstirbt am letzten Anfall eines Fiebers, köstli-
cher als jede Gesundheit, eines Liebesfiebers, das ihr Herz austrocknet,
um es zu entzünden, zu entflammen und zu verzehren, so daß sie ihren
heiligen Geist aushaucht, der geradewegs in die Hände ihres Sohnes
emporsteigt. Ach, möge die heilige Jungfrau uns durch ihre Gebete in
dieser heiligen Liebe leben lassen, die auf immer das einzige Ziel unse-
res Herzens sei. Möge unsere Einheit ewiglich die göttliche Liebe ver-
herrlichen, die den heiligen Namen „einigend“ trägt (s. Dionys. Areo-
pag, De Div. Nom C IV).
Ich bin nicht so glücklich, am selben Tag auf Erden erschienen zu
sein, an dem die hochheilige Jungfrau, unsere Königin, im Himmel er-
schien, in ihrem köstlichen Gewand aus golddurchwirktem Tuch mit
feinster Nadelarbeit vielfach übersät (Ps 45), wie wir am Sonntag beten
werden, an dem ich geboren wurde. Man kann diesen wohl als einen
besonders glanzvollen Sonntag bezeichnen, da er in die Oktav dieser
hehren Aufnahme in den Himmel fällt. Ach Gott, meine sehr teure
Mutter, wie tief will ich doch unser Herz beugen vor dieser hocherhabe-
nen Frau, auf daß es ihr gefalle, dieses Herz mit jenem überreichen,
duftenden Tau vom Hermon (Ps 133,3) zu beschenken, den ihre heilige
Gnadenfülle allseits verbreitet.
O, welch höchste Vollkommenheit ist doch dieser Taube zu eigen
(Hld 6,8), im Vergleich zu der wir nur Raben sind! Ach, in der Sintflut
unseres Elends habe ich gewünscht, sie möge den Ölzweig (Gen 7,10.11)
der heiligen Liebe, der Reinheit, Milde, des Gebetes finden, um ihn als
Friedenszeichen ihrem lieben Tauber, ihrem Noach zu überbringen.
Es lebe Jesus, es lebe Maria, der Halt meines Lebens. Amen ...