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Ursula Stock Rabenschwester

Meine Schwester und ich lebten mit Mutter und Oma zusammen. Dass wir keinen Vater hatten, war in der Nachkriegszeit nichts Besonderes. Unsere Eltern waren geschieden, aber wir waren schon einmal bei unserem Vater und den Großeltern zu Besuch gewesen, sodass er uns nicht ganz fremd war. Wir waren unbe- schwert und fröhlich, die Mutter ging arbeiten und Oma sorgte liebevoll für uns. Morgens beim Flechten unserer Zöpfe sang sie, abends las uns die Mutter Märchen vor, und wenn diese gruselig waren, kuschelten wir eng zusammen. In dem Jahr von dem ich berichten will, war ich neun und meine Schwester sieben Jahre alt. Wir hatten nicht soviel gemeinsam, meistens ging tagsüber jede von uns ihre eigenen Wege. Unser Vater und die Großeltern wohnten in einer Kleinstadt in Hessen, er hatte wieder eine Frau und wünschte sich, dass wir einen Teil der Sommerferien zu ihm kommen würden. Schon die Zugreise war spannend. Unser Opa holte uns ab. Jeden Tag wurden Ausflüge oder Besuche gemacht, aber am lieb- sten waren wir am Main. Dort gab es eine Fähre, und während man wartete, saß man in einem Wartehäuschen mit einem dicken Dachbalken, auf dem geschrieben stand: „Hier darf man lügen bis sich die Balken biegen.“ Unser Papa war lustig und erzählte uns Geschichten, die vielleicht oder doch nicht erlogen waren. „Tante Lina“, die Frau des Vaters, war auch sehr nett und so verging uns die Zeit wie im Fluge. Wieder zuhause, hatten wir viel zu erzäh- len.

Aber bald spürten wir, dass etwas vorging, das wir nicht ver- standen. Oma war mürrisch und schimpfte oft mit uns, und sie hatte auch keine Lust mehr zu singen. Die Mutter war gereizt und schweigsam. Abends im Bett hörten wir die beiden streiten, das war schrecklich für uns. Wir verkrochen uns unter die Decke, bis es still wurde. Tagsüber vergaßen wir unseren Kummer, aber abends verschwand die Mutter immer öfter ohne uns vorzulesen. Wir schliefen bei ihr im Ehebett. Manchmal wachte ich auf und hörte sie weinen, dann schlüpfte ich schnell zu ihr und fragte, wa- rum sie weinen müsse, da nahm sie mich dann in die Arme, hielt mich fest an sich gedrückt und flüsterte: Schlaf weiter Schatz, es ist nichts, alles ist gut. Es wurde Herbst und nichts war gut, die Streitigkeiten wurden immer lauter. Endlich an einem Sonntag Nachmittag nahm uns die Mutter in ihre Arme und erzählte uns, dass wir ein Geschwis- terchen bekommen würden. Da war unsere Freude groß. Doch die Oma war und blieb zornig. Aber als Anfang Dezember der Bub geboren wurde, schmolz sie dahin, und wir liebten unser winziges Brüderle über alles. Doch dann stand an einem Sonntagnachmittag plötzlich unser Vater mit Frau in der Tür. Die Begrüßung war nicht so, wie wir es von ihm kannten, er hatte keine Umarmung und kein Lächeln für uns. In kühlem Ton teilte er mit, er müsse mit unserer Mutter etwas be- sprechen Und die Oma sollte mit uns nach oben gehen. Mich er- fasste eine schreckliche Angst, und ich weigerte mich, zu folgen. Da wurde er laut. Oma nahm uns an den Händen und wir gingen in ihr Zimmer. Sofort holte sie das Gesangbuch und betete laut. Da wussten wir, dass etwas Schlimmes vor sich ging. Im Zimmer

war es eisig, und nach einer Weile legten wir uns angezogen ins Bett. Ich kann die Zeit nicht benennen, die wir zitternd und wei- nend zusammenlagen. Als die Mutter uns holte, war sie vollkom- men aufgelöst. Wie wir runterkamen, weiß ich nicht mehr, aber ich sehe sie stehen, schon in den Mänteln, in der Nähe der Tür. Es war still. In diese Stille hinein sagte der Vater: „Urselkind, zieh deinen Mantel an.“ Eine grauenvolle Übelkeit fiel mich an. In Sekundenschnelle lag ich unter dem Tisch, der nur einen Fuß in der Mitte hatte, und klammerte mich daran fest. Ich schrie und schrie. Jemand zerrte an meinen Beinen, meine Angst drohte mich zu zerschmettern. Plötzlich sagte meine kleine Schwester sehr laut: „Ich gehe mit.“ Bis heute erinnern wir uns nicht, ob es einen Abschied gab. Ich aber weiß, dass ich eine große Erleichterung empfand, als sie ge- gangen waren: Ich war gerettet. Ich habe meine Schwester zehn Jahre lang nicht wiedergesehen.

Ursula Stock Regentanz

Am Wochenende durfte ich bei meiner Freundin übernachten, in einer winzigen Dachkammer, zusammen mit ihren kleinen Ge- schwistern. Wir waren 17 und mussten uns ein Bett teilen. Das war ein Getuschel und Kichern, mehrmals unterbrochen von Ihrer Mutter, genannt der Feldwebel, die uns anschnauzte: Wir sollten endlich Ruhe geben. Am Sonntagmorgen erwachten wir früh. Das Wetter war herrlich und wir freuten uns auf den Nachmittag. Zuerst war Küchen- dienst angesagt. Das hieß, die niederen Arbeiten beim Kochen verrichten, nach dem Essen abspülen. Aber dann waren wir frei! Also nach oben, ein bisschen Katzenwäsche in der Waschschüs- sel, dann wurde der Sonntagsstaat angelegt. Dieser bestand zwin- gend aus Petticoat, weitem Rock, engem Pulli oder Bluse, Balleri- nas oder Stöckelschuhen. Danach wurden die Haare toupiert und mit reichlich Haarspray fixiert, das Kunstwerk an einem fleckigen Spiegel begutachtet. Wir schminkten uns, zuerst fette Lidstriche mit schwarzem Kajal à la Brigitte Bardot, dann die Wimpern mit einer Zange gebogen und getuscht. Nebenher hatten wir uns natürlich überlegt, wo wir spazieren gehen wollten, da gab es mehrere Plätze, wo die Jungs aus den Nachbardörfern herumsaßen. Wir waren voller Träume, wer weiß, vielleicht würde er uns heute begegnen, der Wunder- bare, der Schöne, Einzige, der Prinz! Mittlerweile war es sehr schwül geworden, der Himmel war grau, und am Horizont türmten sich schwarze Wolken auf. Also schnell

nach unten. Aber leider stand da schon die Oma, genannt der Dragoner, und verbot uns, rauszugehen. Also hinein in die sticki- ge Stube. Die Mutter hob kurz den Kopf, musterte uns, „wie seht ihr denn wieder aus“, blätterte dann aber weiter in ihrer Zeitung. Nun hörte man schon ein fernes Grummeln, und auch in uns braute sich etwas zusammen. Zorn und Wut über den verdorbe- nen Sonntag brachten uns fast zum Platzen. Voller Verachtung beobachtete ich die spießige Mutter, die profitlich auf dem Sofa saß. Die Sitzflächen waren mit muffigen Decken belegt um das gute Stück zu schonen. In dieser Enge musste man ja verblöden. So wollte ich bestimmt nicht leben. Inzwischen war das Gewitter über uns, es blitzte und donnerte und es begann zu regnen. Ich dachte an den Roman „Lady Chat- terley“, den wir erst kürzlich gelesen hatten. Es gibt da eine Szene, in der die Gefühle der unglücklichen Dame mit ihr durchgehen und sie ungeheuerlicherweise nackt im Regen tanzt. Ich schob meine Freundin in die Küche nebenan, ein kurzer Satz, und ohne lange zu überlegen die Kleider runter und durch den Hinterausgang raus in die losgelassenen Naturgewalten. Der Regen nahm uns fast den Atem, aber wir hielten stand, wir hoben die Arme himmelwärts, kreischten und lachten, wir drehten uns im Kreis, kurzum, wir waren außer Rand und Band. Man sagt ja, ein Gewitter reinige die Luft. Und so erging es auch uns, alle hässlichen Gedanken und Gefühle waren wegge- schwemmt. Der Regen fiel nun sanfter auf unsere Haut, die Schminke lief an uns herunter, die schönen Frisuren dahin, aber das war egal, wir fühlten uns glückselig.

In der Tür stand der Feldwebel und fand keine Worte. Wir griffen nach unseren Kleidern, gingen nach oben, machten es uns im Bett gemütlich und … lasen!

Ursula Sybille Stock. 1943 das Licht der Welt erblickt, 1945 Geburt meiner Schwester Johanna. 1945 Scheidung der Eltern, 1952 Geburt eines Bruders, Wegnahme meiner Schwester durch meinen Vater. 1953 einen Stiefvater und in schneller Folge drei Schwestern erhalten. Besuch der Volksschule, mit 14 Jahren Umzug nach Ulm in ein möbliertes Zimmer. Ausbildung zur Apothekenhelferin in der Mohren-Apotheke in Ulm. Heirat 1966 und Umzug nach Bermaringen, Geburt unserer Tochter 1970. 42 Jahre fast immer Vollzeit gearbeitet, auch ehrenamtlich in der Kirche und im Krankenhaus als Rotkreuz-Schwesternhelferin. Seit 2003 in Rente, seither auf Wolke 7 schwebende Oma von Ben (5) und Jule (20 Monate)