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Freie Universität Berlin Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften Proseminar: „Kapital-Lektüre“ Leitung: Prof. Dr. Frieder Otto Wolf Wintersemester 2007/2008

Das „Vorab“ der Marxschen Tätigkeitskonzeption

soziale oder bio-psychische Kategorie?

Hausarbeit

Vorgelegt von

Grischa Dallmer

HU Berlin Matrikelnr.: 521007 g.dallmer@gmx.net Frühjahr 2008

1

Inhaltsverzeichnis

 

Einleitung

3

I. Biene und Baumeister

4

II.

Arbeit – Gegenständliche Vermittlung

5

III.

Denken – Gegenständliche Vermittlung

6

a) Hegel

6

b) Marx

6

IV.

Instinkt und Tätigkeit

7

a) Schmitz

7

b) Plessner

9

V.

Bewusstsein und Tätigkeit

9

a) Exzentrische Positionalität

10

b) Tätigkeit und Bewusstsein

12

VI.

Individuell-gesellschaftliche Zielsetzung

14

Zusammenfassung

15

Fazit

16

 

Ausblick

16

Literatur

18

2

Einleitung

Im Anblick der momentanen Lage fehlender konkreter gesamtgesellschaftlicher Sozialutopien haben biologitische Erklärungsansätze gesellschaftlicher Beziehungen wieder großen Zulauf. Durch die Naturalisierung der Warenform der kapitalistischen Produktionsweise erscheinen die Auswirkungen dieser spezifischen historischen Gesellschaftsverhältnisse als Eigenschaften eines „Menschen an sich“. Was kann schon nicht in den Genen gefunden werden? Gegen diese Rebiologisierung sozialer Verhältnisse und die daraus folgende Legitimation des Status quo und anti-emanzipativer Regressionen in den gesellschaftlichen Diskursen kann nicht genug getan werden.

In dieser Arbeit wende ich mich deshalb dem Arbeitsprozess-Kapitel (VI.1) des Marxschen Kapital Band I 1 zu, wobei es mir explizit um den kurzen Abschnitt geht, in dem Marx auf die Vorab-Planung menschlicher Tätigkeiten 2 eingeht (MEW23, 192f.). Es soll herauskristallisiert werden, dass und auf welche Weise individuelles Bewusstsein und somit auch jede Tätigkeitskonzeption bei Marx nur als gesellschaftliches Bewusstsein zu verstehen ist. Dies hat zur Konsequenz, individuell-menschliche Vorab-Planungsfähigkeit als Produkt spezifischer gesellschaftlicher Verhältnisse zu betrachten, wider aller ahistorischen Erklärungsmuster, die derlei als biologisch-psychische anthropogene Konstanten betrachten, fern jeglicher Sozialität. Nach einer Vorstellung des zu betrachtenden Abschnitts im Kapital (Kapitel I. Biene und Baumeister) werde ich kurz auf den Marxschen Arbeitsbegriff eingehen (Kapitel II. Arbeit – Gegenständliche Vermittlung). Dies spannt den Bogen zum Denken und dessen Zusammenhang mit menschlicher Tätigkeit, wobei ich kurz Hegels Begriffslogik 3 und Marx' Abwandlung dieser darstellen werde, dass Bewusstsein immer Bewusstsein von etwas sein muss (Kapitel III. Denken – Gegenständliche Vermittlung). Mit den gewonnenen Analysekategorien dialektisch-gegenständlicher Vermittlung in Tätigkeit und Denken wird

1 Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band, MEW23, Berlin 2005

2 „Tätigkeit“ und „Arbeit“ verwende ich weitestgehend synonym. Diese Unterscheidung wäre meiner Meinung nach für die Trennung von Produktion von Gebrauchswerten für mich und Produktion von Gebrauchswerten für andere

relevant. Da ich jedoch der Meinung bin - und dies hier zu zeigen versuchen werde - dass jede Tätigkeit eine gesellschaftliche ist, wenn auch nicht explizit für die Gesellschaft ausgeführt, ist diese Unterscheidung allenfalls für Kapitel VI. Individuell-gesellschaftliche Zielsetzung relevant (s.u.).

3 Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik. Bd 1. Die objektive Logik. 1812/1813. In: Gesammelte Werke. Bd 11. Hamburg 1978 Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik. Bd 2. Die subjektive Logik. 1816. In: Gesammelte Werke. Bd 12. Hamburg

1981.

Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik. Bd 1. Die objektive Logik. Buch 1. Die Lehre vom Sein. In: Gesammelte

Werke. Bd 21. Hamburg 1985

3

im Kapitel IV. Instinkt und Tätigkeit anhand der Ansätze Hermann Schmitz' 4 und Helmut Plessners 5 auf die Tätigkeit nichtmenschlicher Lebewesen eingegangen. Dies als Basis nehmend, werde ich im Kapitel V. Bewusstsein und Tätigkeit Plessners Ansatz weiterführen (Exzentrische Positionalität), der meiner Meinung nach interessant ist, um die Möglichkeit aber auch Notwendigkeit bewusster Handlungen bei Menschen herauszustellen. Weiterhin wird Alexej Leontjews Tätigkeitspsychologie 6 hier weiterhelfen, den Zusammenhang zwischen Tätigkeit, Bewusstsein und Sprache noch genauer zu fassen. Marx selbst wird dann noch einmal zu Rate gezogen, so dass individuelles Bewusstsein nur als individuelle Teilhabe am gesellschaftlichen Bewusstsein der momentanen, bestimmten Gesellschaftssituation zu denken ist. Inwiefern dies nicht nur auf die Existenz des Bewusstseins sondern auch auf dessen Eingehen in der Arbeit zutrifft, wird im Kapitel VI. Individuell-gesellschaftliche Zielsetzung aufgezeigt. Im Ausblick wird eine aus meiner Arbeit sich ergebende Perspektiven für Theorie und Praxis kurz angerissen.

Ich werde die angeführten ontologischen 7 Konzeptionen als Instrumente der Herauskristallisation der für meine Fragestellung relevanten Aspekte aus dem Arbeitsprozess-Kapitel nutzen. Dabei sehe ich diese ontologischen Konzeptionen als heuristische 8 Erkenntnismuster, die prozessual genauso offen sind wie die Realität, derer sie durch ihre Rekonstruktion habhaft werden wollen.

I. Biene und Baumeister

Den Arbeitsprozess stellt Marx in Kapitel IV.1 des ersten Kapital-Bandes dar. Da der Kapitalismus nur die gegenwärtige Form der gesellschaftlichen Produktionsweise darstellt, gilt für Marx:

„Die Produktion von Gebrauchswerten oder Gütern ändert ihre allgemeine Natur nicht dadurch, daß sie für den Kapitalisten und unter seiner Kontrolle vorgeht. Der Arbeitsprozeß ist daher zunächst unabhängig von jeder bestimmten gesellschaftlichen Form zu betrachten.“ (MEW23, 192)

Arbeit ist zunächst ein Prozess, in dem der Mensch 9 als Naturmacht so auf seine Umwelt

4 Schmitz, Hermann: Situationen und Konstellationen. Wider die Ideologie totaler Vernetzung, Freiburg/München

2005

5 Plessner, Helmut: Mit anderen Augen. Aspekte einer philosophischen Anthropologie, Stuttgart 1982, Reclam

6 Leontjew, Alexej: Tätigkeit, Bewusstsein, Persönlichkeit, Köln 1982

7 ontologisch: das Sein in seinem Wesen erfassen wollend

8 heuristisches Prinzip: Arbeitshypothese als Hilfsmittel der Forschung (Duden-Fremdwörterbuch 2003)

9 Ich benutze die männlich-ontologisierende Kategorie „der Mensch“ trotz aller Bedenklichkeiten, da die angeführten

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einwirkt, dass er die für sein Leben notwendigen Lebensmittel erhält. In dieser Tätigkeit verändert der Mensch nicht nur die ihm äußerliche Natur, sondern auch seine eigene. Er sammelt Erfahrungen und entwickelt Fertigkeiten. Um die Analyse des allseits beliebten Biene-Baumeister-Abschnitts soll es in dieser Arbeit gehen:

„Wir haben es hier nicht mit den ersten tierartig instinktmäßigen Formen der Arbeit zu tun. Dem Zustand, worin der Arbeiter als Verkäufer seiner eignen Arbeitskraft auf dem Warenmarkt auftritt, ist in urzeitlichen Hintergrund der Zustand entrückt, worin die menschliche Arbeit ihre erste instinktartige Form noch nicht abgestreift hatte. Wir unterstellen die Arbeit in einer Form, worin sie dem Menschen ausschließlich angehört. Eine Spinne verrichtet Operationen, die denen des Webers ähneln, und eine Biene beschämt durch den Bau ihrer Wachszellen manchen menschlichen Baumeister. Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut. Am Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn desselben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war. Nicht daß er nur eine Formveränderung des Natürlichen bewirkt; er verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seinen Willen unterordnen muß “ (MEW23, 192f.).

II. Arbeit – Gegenständliche Vermittlung

Andreas Arndt beschreibt in seinem Band Unmittelbarkeit 10 Marx' Verständnis menschlicher Tätigkeit folgendermaßen:

Menschliche Tätigkeit vollzieht sich nach Marx nicht im luftleeren Raum, ihr ist immer etwas vorausgesetzt, mit dem hantiert wird. Bei der Herstellung von Gebrauchsgütern sind dies auf stofflicher Seite die Produktionsmittel (Ressourcen, Maschinen/Werkzeuge, Standortbedingungen sowie der eigene Körper etc.), auf geistiger die bisherige Welterkenntnis, heute in Form von Wissenschaft und individueller Erfahrung, sowie die emotionalen Situationen der Beteiligten. All dies Vorausgesetzte – stoffliches, geistiges und emotionales - wendet das Tätigkeitssubjekt mehr oder weniger bewusst an, alles arbeitet sich aneinander ab, einem vom Subjekt gesetzten Zweck folgend. Das in den Arbeitsprozess Eingehende steht dem Subjekt als objektive Struktur entgegen, es schafft diese nicht. Dieser Produktionsprozess ist also gegenständliche Vermittlung: real Getrenntes (Gegenständliches und Subjekt) wird vom Subjekt zusammengeführt, so dass die somit aufeinander wirkenden Pole temporär verschmelzen, sich verändern und getrennt wieder aus der Bewegung hervorgehen. Das Subjekt vermittelt seine Existenz mit der Umwelt (es produziert Lebensmittel) sowie

Autor_innen diese so verwenden und Missverständnisse ansonsten vorprogrammiert wären, insbesondere in Bezug auf die Substitution von Begriffen weiblichen Genus' durch „sie“.

10 Arndt, Andreas: Unmittelbarkeit. Bibliothek dialektischer Grundbegriffe. Band 14, Bielefeld 2004

5

Gegenständliches miteinander (etwa in der Form des Wirkens des Werkzeugs auf den Rohstoff). Die Vermittlung ist also Einheit von objektivem Vorausgesetzten und subjektivem Setzen (Kombinieren des Vorausgesetzten), dialektischer Materialismus.

III. Denken – Gegenständliche Vermittlung

Sieht mensch Arbeit als materielle Nutzbarmachung der Welt, so ist Denken dessen Gegenpart, der Prozess der ideellen Aneignung der Welt. Es ist gegenständliche Vermittlung wie der Arbeitsprozess, da dem Denkenden die konkret existierende Welt als materielle und geistige Empirie vorausgesetzt ist.

a) Hegel

Marx' Vorstellungen von Denk- bzw. Reflexionsprozessen sind stark an Hegels Wissenschaft der Logik orientiert wenn auch in entscheidenden Punkten different. Bewusstsein ist für Hegel – wie auch für Marx – ein Phänomen, das nicht bei der Betrachtung menschlicher Individuen erschöpfend bestimmt werden kann. Vielmehr sind Individuen Träger_innen eines gesellschaftlich zusammenhängenden Bewusstsein Bei Hegel ist dieses „Weltbewusstsein“ (von Hegel „Idee“ oder „Begriff“ genannt) nun jedoch Subjekt eines historischen Reflexionsprozesses, in welchem die materielle Wirklichkeit mit Bewusstsein durchdrungen, sich die Welt also sich selbst erkennend bewusst wird. Damit das passiert, muss sich das Weltbewusstsein innerlich ausdifferenzieren, durch Reflexion. Dafür teilt es sich in Subjekt und Wissensgegenstand, welchen das Subjekt erkennen möchte. Der Wissensgegenstand ist nur er selbst, indem er alles andere nicht ist („omnis determinatio est negatio“ [Jede Bestimmung ist Negation] sagt Spinoza 11 (Spinoza, Epist. 59)). Um richtig bestimmt zu werden, muss der Wissensgegenstand also auf das ganze Weltbewusstsein inklusive Subjekt bezogen werden. Das Weltbewusstsein erkennt sich also selbst, indem es die Einheit Unterschiedener (Subjekt und Objekt) denkt. Bei Hegel werden im geistigen Vermittlungsprozess (die soeben beschriebene Selbsterkenntnisbewegung) sowohl das Subjekt als auch alle Wissensgegenstände selbst gesetzt, um diese dann in Einheit, in Synthese zu denken. (Arndt

2004)

b) Marx

Dem widerspricht Marx vehement. Bei ihm ist das Weltbewusstsein kein Subjekt. Die Subjektebene ist die menschliche und anstatt sich selbst und die Wissensgegenstände aus

11 Spinoza, Baruch de: Epist. 59

6

dem Nichts zu setzen, sind diese der vermittelnden Denkbewegung vorausgesetzt (wie auch im Arbeitsprozess).

„Auch die geistige Reproduktion der Wirklichkeit im Verhältnis von Denken und Sein [materiell und geistig bereits Existierendes; Anm. GD] ist Einheit des Setzens und Vorausgesetztseins; diese Struktur gegenständlicher Vermittlung im Denken selbst aber wird verfehlt, wenn der Denkprozess »unter dem Namen Idee [Weltbewusstsein; Anm. GD] in ein selbstständiges Subjekt verwandelt«“ (Arndt, 44, Hervorhebungen i.O.) wird.

Hegels sich selbst erkennendem System des Weltbewusstseins wird der Inhalt entnommen und es wird zur Methode, die auf die äußere empirisch auffindbare materielle und geistige Wirklichkeit angewendet wird. Dadurch kann die Denkende die materielle Realität eines existierenden Systems dialektischer Vermittlung wie den Arbeitsprozess oder die kapitalistische Produktionsweise im Kopf näherungsweise rekonstruieren so weit ihr das Vorausgesetzte dieser Systeme bewusst ist (für den Arbeitsprozess: Produktionsmittel, Mensch und Wissen; für die kapitalistische Produktionsweise: von Produktionsmitteln befreite Rechtssubjekte als Lohnarbeiter). Für Marx ist also Bewusstsein immer Bewusstsein von etwas, der vorausgesetzten Empirie. Drum nun ein beliebtes Zitat:

„Das Bewußtsein kann nie etwas Andres sein als das bewußte Sein, und das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozeß“ (MEW3, 26) 12 .

So wie real Verschiedene in die Vermittlungsbewegung eingehen, so trennen sich diese danach wieder, wenn auch verändert.

IV. Instinkt und Tätigkeit

Wenden wir uns nun der Fragestellung nach dem Bewusstsein in der Tätigkeit etwas näher zu. Marx schreibt über den von ihm beschriebenen Arbeitsprozess:

„Wir

(MEW23, 192)

haben

es

hier

nicht

mit

den

ersten

tierartig

instinktmäßigen

Formen

der

Arbeit

zu

tun.“

Wenn es instinktmäßige Formen der Arbeit gibt, von denen sich die Tätigkeit des Baumeisters unterscheidet, so stellt sich die Frage, inwiefern diese ohne jede bewusste, auf Sprache basierende Konzeption überhaupt möglich ist. Dafür sind die vom Autorenkollektiv Frieder Otto Wolf, Gerd Peter, Pia Paust Lassen sowie Andreas Peter in ihrem „Werkstattbuch“ (ebd., 13) Welt ist Arbeit 13 (WiA) angeführten Erklärungsansätze Helmut Plessners sowie Hermann Schmitz' hilfreich.

12 Marx, Karl; Engels, Friedrich: Die deutsche Ideologie. MEW3, Berlin 1969

13 Wolf; Peter; Peter; Paust Lassen: Welt ist Arbeit. ImKampf um die neue Ordnung, Münster 2008

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a) Schmitz

Nach Schmitz besteht die grundlegende Daseinsform eines jeden Lebewesens aus Situationen. Diese Situationen sind ein Zusammenhang von Sachverhalten, die nicht als voneinander getrennte Ansammlungen von „einzelnen“ Sachverhalten betrachtet werden können, sondern vielmehr als ganzheitliche Lebensmomente. Diesen Situationen fehlt dadurch jedoch nicht jede Ordnung. Vielmehr ist es so, „dass in chaotischem Mannigfaltigem trotz fehlender Einzelheit vernetzbarer Bestandteile eine u. U. hochgradige Ordnung herrscht“ (Schmitz, 57). Die Lebewesen spüren „im elementar-leiblichen Betroffensein von Engung“ (Schmitz, 21), dass sie selbst gemeint sind, dass dies ihre Bedürfnisse und Emotionen sind.

„Das neugeborene Menschenkind ist ebenso wie das Tier [

des Sichspürens durch affektives Betroffensein“ (Schmitz, 21)

]

keineswegs ohne Selbstbewusstsein in Gestalt

„Auf dieser Stufe gibt es also durchaus schon Identität und Verschiedenheit, selbes und anderes, aber

keineswegs Einzelnes [

Subjektivität [

Im engenden, affektiven Betroffensein ist Identität, verschmolzen mit

]

]

nebst Verschiedenheit also schon präsent“ (Schmitz, 23).

Tiere spüren sich und die Außenwelt im „Hier-jetzt-sein-dieses-ich“ (Schmitz, 42).

„Selbstgewissheit und Wirklichkeitsgewissheit haben ihre Quelle vielmehr da, wo sie zusammenfallen, indem ich (als Beispiel für jeden) leiblich spürbar in die Enge getrieben werde, durch einen Ruck, der das

gleitende Dahinleben zerbricht und der Neutralität des Beobachtens [

]

ein Ende macht.“ (Schmitz, 71)

Daraus resultiert nun das Tätigsein des Lebewesens, den lebensnotwendigen Bedürfnissen nachgehend:

die

leibliche Dynamik und die leibliche Kommunikation in gemeinsamem, Leiber übergreifenden vitalem Antrieb an, Situationen bildend und umbildend, vielsagende Eindrücke verarbeitend, mit Identität

vertraut, aber [

„An die primitive Gegenwart, den Schreck und das Stutzen als schwachen Schreck, knüpft sich [

]

]

noch ohne Einzelheit.“ (Schmitz, 79)

Diese Einzelheit entsteht bei Menschen durch das sprachliche Fixieren und Erklären von Eindrücken ähnlich wie bei Leontjew weiter unten dargestellt werden wird (Kapitel V.b)).

Nach Schmitz besitzt das Tier eine affektive Selbstwahrnehmung, die er „Selbstbewusstsein“ tauft. Hier sei auf Novalis' Schriften 14 zu Fichte verwiesen: „Das Gefühl kann sich nicht selber fühlen“ (ebd., 114) und kann somit noch nicht als Selbstbewusstsein bezeichnet werden. Nichtsdestotrotz resultiert gerade aus der Betroffenheitsengung eine Notwendigkeit, auf die Außenwelt handelnd einzuwirken. Diese Engung erzeugt ja im Innenleben des Lebewesens gerade die Trennung zwischen sich (Subjekt) und dem Rest (Objekt), die Voraussetzung für eine Vermittlung zwischen beiden (siehe Kapitel II. und III.).

14 Novalis: Schriften. Hg. R. Samuel, H.-J. Mähl und G. Schulz, Bd. 2.

8

Um zwischen sich und der Außenwelt zur Befriedigung der gespürten Bedürfnisse zu vermitteln, muss das Tier diese teilweise (er)kennen. Somit tragen Lebewesen nach Schmitz in die jeweils aktuelle Situation ihre eigene, zäher sich wandelnde, ständig mit sich herumgetragene „zuständliche Situation“ (Schmitz, 54) hinein, so dass sie als lern- und wandelfähig betrachtet werden können.

b) Plessner

Plessner sieht Lebewesen als in die Welt gesetzte/geworfene Wesen, die eine klare Abgrenzung zu ihrer Umwelt haben, die zu ihnen gehört (Membran bei Pflanzen, Haut bei Tieren); sie haben „Positionalität“ (positio: Gesetztheit/Setzung). Anhand dieser Grenze vermitteln Lebewesen zwischen sich (Subjekt) und der Umwelt (Objekt) entsprechend der oben dargestellten Marxschen gegenständlichen Vermittlung. Wie sie das tun hängt von ihrem Organisationsgrad ab. Tiere handeln aufgrund ihres zentralen Nervensystems aus ihrer Mitte heraus, sie leben „zentrisch“ (Plessner, 6ff.).

„Das Tier kann trennen zwischen ihm und seiner Umwelt; es kann dies nicht zwischen ihm und 'sich selbst'. Es hat keinen Abstand zu seinem Selbst – im Unterschied zum Menschen“ (Dilger, 5) 15 ,.

Also tritt in der Vermittlung mit der Außenwelt dem Tier diese scheinbar unmittelbar direkt entgegen. Die so aufgenommenen Reize werden als Erfahrungen aufgenommen und nach außen als Reaktion „zurückgespiegelt“ in Ausdruck und Tätigkeit (Dilger, 15).

Es vollzieht sich also nach Plessner und Schmitz beim Tier ein Lernvorgang, der durchaus als Bewusstsein kreierend und formend angesehen werden kann, wenn darunter nach Thomas Luckmann das Folgende verstanden wird:

„Bewusstsein besteht aus fortlaufenden Synthesen, in denen sich etwas, das nicht dieses Bewusstsein selbst ist, vorstellt“ (Luckmann, 15).

Etwas stellt sich vor, präsentiert sich und wird somit teilweise erkannt. Es entsteht also „be-wusstes Sein“: Sein, von dem gewusst wird.

V. Bewusstsein und Tätigkeit

Der Unterschied zwischen eben beschriebener instinktiver und der historisch aktuellen menschlichen Tätigkeit besteht nach Marx darin:

„Was aber von vornherein den schlechtesten Baumeister vor der besten Biene auszeichnet, ist, daß er die

15

Dilger, Martin: Exzentrische Positionalität und die anthropologischen Grundgesetze bei Helmuth Plessner, Berlin, 2003 http://www.martin-dilger.de/science/exzentrische_positionalitaet

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Zelle in seinem Kopf gebaut hat, bevor er sie in Wachs baut.“ (MEW23, 193)

Um diesen von Marx postulierten Unterschied zu begreifen, ist es sinnvoll, sich weitergehend mit Plessners ontologischem Klärungsansatz und der ebenfalls im oben genannten Buch Welt ist Arbeit angeführten Tätigkeitspsychologie Leontjews auseinanderzusetzen.

a) Exzentrische Positionalität

Das Tier lebt zentrisch aus seiner Mitte heraus. Der Mensch geht jedoch darüber hinaus. Er lebt zwar auch aus seiner Mitte heraus, kann sich durch Selbstreflexion jedoch von sich selbst distanzieren und das eigene Erleben und Handeln erleben. Er schaut sich also sein Innenleben, seine sich entwickelnde Seele von außen an. Aus dieser Perspektive erlebt sich der Mensch als Zentrum seiner Tätigkeit, seine Positionalität (sein Gesetztsein, s.o.) nennt Plessner deswegen exzentrisch.

„Das Gesetz der Exzentrizität bestimmt einen Doppelaspekt seiner Existenz als Seele und Erlebnis. Seele als vorgegebene Wirklichkeit der Anlagen, die sich entwickelt, und Erlebnis als die durchzumachende Wirklichkeit des eigenen Selbst im Hier-Jetzt“ (Plessner, 13).

Diese Innenwelt existiert auch beim Tier, doch es ist sich dieser nicht bewusst, da es nur in ihr lebt.

„Als Innenwelt ist er [bzw. es; Anm. GD] vorhanden, ob er davon weiß oder nicht. Gegeben ist sie ihm freilich nur in Akten der Reflexion“ (Plessner, 13).

Die Sphäre der Selbstreflexion nennt Plessner „Mitwelt“ (Plessner, 11). In dieser erlebt der Mensch sich ähnlich wie er andere Menschen erlebt. Hier wird sich das Lebewesen seiner selbst bewusst, es wird zur Person. Dies ist die Sphäre des Geistes, welche nicht individuell begreifbar, jedoch Mittel zur Selbsterkenntnis der Einzelnen ist.

„'Die Mitwelt umgibt nicht die Person [

die Person [

alle faktisch zusammenbindet.“ (WiA, 194: Plessner, 14)

].

Die Mitwelt erfüllt auch nicht die Person [

].

Die Mitwelt trägt

],

die uns

].

Zwischen mir und mir, mir und dir, mir und ihm liegt die Sphäre des Geistes' [

„Dennoch ist es nicht einfach so, dass wir dabei das 'unmittelbare Tier' in uns beobachten und analysieren.

Unmittelbarkeit einen Schritt

zurücktritt und das eben oder früher Getane neu bewertet. Und der Vollzug des Beobachtens wirkt zurück auf den Beobachteten selbst.“ (Dilger, 13).

Wir selber sind das Tier 16 , das bei der Beobachtung der vorgeblichen [

]

Im Erleben und Erfahren der Außenwelt konstituiert sich bei Menschen wie bei Tieren so wie im Abschnitt „Gegenständliche Vermittlung“ beschrieben in dieser Vermittlung das Wissen über eben diese Außenwelt scheinbar unmittelbar direkt. Der Mensch vermittelt aus seiner

16 Gerade angesichts der in der Einleitung geäußerten Bedenken gegenüber einer Rebiologisierung der Erklärung menschlicher Existenz möchte ich auf die von Dilger vernachlässigte Problematik der Bezeichnung von Menschen als Tiere hinweisen. Dies gilt auch angesichts dessen, dass ich innerhalb dieser Arbeit zu zeigen versuchen werde, dass bei Tieren Entwicklungspotentiale hin zu menschenähnlichen Lebensformen gedacht werden können.

10

Mitte heraus - wie das Tier - zwischen sich und Außenwelt. Dem Tier wie dem Menschen hier ist „die Beziehung noch unmittelbar, weil es [bzw. er; Anm. GD] sich selber ja noch verborgen ist“ (Dilger, 12).

Durch die exzentrische, sich nach außen stellende Position erkennt der Mensch nun aber die Vermittlung. Er erkennt also, dass seine Beziehungen zur Außenwelt „vorbelastet“ sind, also nicht direkt Subjekt und Objekt verbinden: sowohl seine Sinnesorgane als auch sein kulturell geformtes Bewusstsein vermitteln zwischen ihm (seiner Innenwelt) und den Dingen.

„Wenn aber das Wissen, mit dem er den Kontakt herstellt, das Auge, mit dem er sieht, ein Zwischending ist, so kann der Wissende, der Subjektspol nicht mehr in einem direkten Realkontakt stehen. Er verliert also notgedrungen das Vertrauen in das Bewusstsein, wie es für sich, für ihn ist“ (Plessner, 41).

Somit „kann der Mensch seinen Handlungsimpulsen nicht einfach fraglos folgen. Er steht vielmehr immer wieder unausweichlich vor der Frage: 'was soll ich tun, wie soll ich leben, wie komme ich mit dieser

Existenz zu Rande'? [

Gebrochenheit und Zweifel angesichts von Instinktunsicherheit und angesichts

des Verlustes naiver Direktheit machen dem Menschen ein nur-natürliches Leben prinzipiell unmöglich“

(Dilger, 8).

]

Also ist der Mensch dazu „verdammt“ und befähigt, ein mehr oder weniger bewusstes Leben zu führen.

Um nun zur Tätigkeitskonzeption von Biene und Baumeister zurückzukehren:

Bei der Biene schiebt sich ihr Wissen nicht zwischen sie und das Objekt ihrer Tätigkeit. Sie handelt aus unmittelbarer Betroffenheit heraus ohne sich ihres Verhältnisses als ein Verhältnis bewusst zu sein. Dadurch dass der Mensch sich exzentrisch von außen betrachtet, betrachtet er auch seine innere Verfasstheit/Seele, begreift also seine eigene Vermitteltheit (Gewordenheit durch Erfahrung) und erkennt das „darin“ existierende Wissen.

„Er sieht, dass er faktisch nur Bewusstseinsinhalte hat und dass [ Etwas zwischen ihn und die Dinge schiebt“ (Plessner, 40).

]

sein Wissen von den Dingen sich als

Durch den Verlust der naiven Direktheit entsteht die Notwendigkeit, bewusst das eigene Leben zu vermitteln, also statt instinktiver Reaktionsanwendung (was bei den behandelten Autor_innen durchaus nicht mechanistisch zu verstehen ist, siehe Schmitz' und Plessners Ansätze in Kapitel IV) von einem abwägenden Hinterfragen geleitet den Prozess im Geiste durchzuspielen.

Plessner spricht davon, dass für die Menschen das „Gesetz der natürlichen Künstlichkeit“ (Plessner, 15) gelte und sie sich deswegen ihre historisch besondere Kultur schaffen. Weiterhin verweist seine Rede von der Mitwelt des Geistes „zwischen mir und mir, dir und mir, mir und ihm“ (Plessner, 14) auf ein gesellschaftliches Verständnis des individuellen

11

Bewusstseins und somit auch der Tätigkeitskonzeption. Dafür sprechen auch ein Blick auf Marx selbst sowie auf Leontjews Tätigkeitspsychologie.

b) Tätigkeit und Bewusstsein

Im oben zitierten Abschnitt schreibt Marx:

„Dem Zustand, worin der Arbeiter als Verkäufer seiner eignen Arbeitskraft auf dem Warenmarkt auftritt, ist in urzeitlichen Hintergrund der Zustand entrückt, worin die menschliche Arbeit ihre erste instinktartige Form noch nicht abgestreift hatte.“ (MEW23, 192f.)

Für Marx existierte menschliche Arbeit also in „instinktartige[n] Form[en]“, von denen die marktförmig vermittelte Form sich unterscheide. Der Teilsatz: „worin der Arbeiter als Verkäufer seiner eignen Arbeitskraft auf dem Warenmarkt auftritt“ spricht dafür, dass der Formunterschied der Tätigkeit zur tierartig instinktmäßigen Arbeit als sozialer Formwandel zu verstehen ist.

Leontjew macht sich an Marx orientiert dafür stark, dass das Psychische nicht nur Widerspiegelung der stofflichen Tätigkeit und deren Verursachendes ist, sondern dass das Psychische selbst als direktes Produkt der stofflichen Tätigkeit aufgefasst werden sollte (Leontjew, 18ff.). Anhand des Werkzeugs geht die Wirklichkeitserkenntnis über die durch Sensibilität der Sinnesorgane beschränkte Erkenntnismöglichkeiten hinaus. Mensch denke nur an die Methoden der Teilchenphysik. Somit meint Leontjew:

„Ursprünglich ist die Erkenntnis von Eigenschaften der gegenständlichen Welt, die die Grenzen der unmittelbar-sinnlichen Erkenntnis überschreitet das unbeabsichtigte Ergebnis von Handlungen, die auf praktische Ziele ausgerichtet sind, das heißt von Handlungen, die zur industriellen Tätigkeit der Menschen gehören.“ (Leontjew, 43)

Er denkt Handeln und Denken hier zusammen. Handlungen, die darauf zielen, Erkenntnisse zu erweitern, also nicht Stoffliches umzuformen mit Ziel der Nutzbarmachung sondern als Mittel zur Wissenserlangung, „stellen bereits echtes Denken dar“ (Leontjew, 43). Somit ist das Psychische in den Arbeitsprozess integriert.

Der „Prozess der Aneignung der gegenständlichen Welt in ihrer ideellen Form [

dem selben System objektiver Beziehungen, in dem der Übergang des gegenständlichen Inhalts der Tätigkeit in ihr Produkt erfolgt“ (Leontjew, 127).

entsteht ursprünglich in

]

Dabei kommt der Sprache eine ganz besondere Funktion zu:

Es „muss seine Transformation [des Produkts der Tätigkeit, Anm. GD] stattfinden, durch die es als vom Subjekt erkennbar, das heißt ideell, auftreten kann. Diese Transformation erfolgt über die Sprache, die Produkt und Mittel des Verkehrs der Produktionsteilnehmer untereinander ist. Die Sprache enthält in ihren Bedeutungen (Begriffen) einen gegenständlichen Inhalt, dieser ist jedoch von seiner Stofflichkeit völlig befreit“ (Leontjew, 127).

12

Auch für Schmitz ist Sprache das Mittel, mit dem komplexes menschliches Bewusstsein erst möglich wird:

Die satzförmige Rede „hebt aus der Ganzheit einzelne Faktoren heraus, die durch intelligente Vernetzung zu Konstellationen [Wissens-/Begriffssysteme; Anm. GD] verknüpft werden können, um die unerschöpfliche Situation näherungsweise zu rekonstruieren“ (Schmitz, 9)

Die sprachlich weitergegebenen Erkenntnisresultate bilden ein System von Kenntnissen, „die den Bewusstseinsinhalt eines Kollektivs, der Gesellschaft bilden“ (Leontjew, 44).

Somit ist das „Bewusstsein [

erzeugt nicht das Bewusstsein sondern ist 'seine Existenzform. 17 '“ (WiA, 157: Leontjew, 35).

]

von Anfang an ein gesellschaftliches Produkt.“ (Leontjew, 33) “Die Sprache

Ähnlich stellt Marx sein Verständnis in der Deutschen Ideologie dar:

„Die Sprache ist so alt wie das Bewußtsein - die Sprache ist das praktische, auch für andre Menschen existierende, also auch für mich selbst erst existierende wirkliche Bewußtsein, und die Sprache entsteht, wie das Bewußtsein, erst aus dem Bedürfnis, der Notdurft des Verkehrs mit andern Menschen“ (MEW3,

30).

Also komme ich nun auf den Baumeister zurück, dessen Arbeit/gegenständliche Vermittlung gesellschaftliches Bewusstsein als Vorausgesetztes hat, das dadurch in den Prozess eingeht,

„daß er die Zelle in seinem Kopf [

Nach Leontjew gilt:

]

bevor er sie in Wachs baut“ (MEW23, 193).

„Die sprachliche Ausdrucksform der ursprünglich äußerlich-gegenständlichen Form der Erkenntnis- tätigkeit ist eine Bedingung, 'die es ermöglicht, dann ihre einzelnen Prozesse bereits nur auf der verbalen Ebene auszuführen. Da die Sprache hierbei ihre kommunikative Funktion verliert, wird ihre lautlich- phonetische Seite allmählich reduziert. Die entsprechenden Prozesse erlangen immer mehr den Charakter innerer Prozesse, die für sich, 'im Kopf' ablaufen'“ (WiA, 157f.: Leontjew, 44).

Somit ist der Zusammenhang von Produktivkraft und planendem Bewusstsein ausgeführt:

Der komplexe Produktionsprozess produziert das komplexe Bewusstsein, das als Sprache existiert und als komplexer Planungsprozess wieder in die Produktion eingeht. Je fortgeschrittener die Produktivkräfte sind, desto umfassender und präziser muss die Sprache als Bedeutungsträgerin sein und umso bewusster kann und muss die menschliche Arbeit 18 geplant werden.

Dass sie das muss, zumindest im Reproduktionsbereich der Gesellschaft, also im Produzieren von Gebrauchsgütern für andere, zeigt der folgende Abschnitt.

17 Hier erscheint ein Widerspruch zwischen den Bewusstseinsverständnissen Schmitz' und Plessners einerseits und Leontjews andererseits, auf den im Abschnitt Ausblick spekulativ eingegangen werden soll.

18 Hier ist zu beachten, dass die Produktion von Gebrauchswerten für andere gemeint ist. Dies umfasst wesentlich mehr als der Lohnarbeitsbegriff, gilt aber nicht für Tätigkeiten, die für den eigenen direkten Gebrauch produzieren.

13

VI. Individuell-gesellschaftliche Zielsetzung

Wenn das individuelle Bewusstsein nur als individuelle Teilhabe am gesellschaftlichen Bewusstsein gesehen werden kann, wie Leontjew und Marx zeigen, so kann das „Im-Kopf- Bauen“ als individuell getragener Teil der gesellschaftlichen Zielsetzung gesehen werden. So ist wohl auch der folgende Satz zu sehen:

Der Baumeister „verwirklicht im Natürlichen zugleich seinen Zweck, den er weiß, der die Art und Weise seines Tuns als Gesetz bestimmt und dem er seine Willen unterordnen muß“ (MEW23, 193).

Um seine Reproduktion zu sichern, muss der Mensch seine äußere Natur so umformen, dass sie für ihn brauchbar ist. Diese Arbeitstätigkeit entspringt also nicht seiner Lust und Laune sondern tritt in einer dringenden Notwendigkeit an ihn heran. Da die Menschen Gesellschaftswesen sind, und ihre Reproduktionstätigkeit in arbeitsteiligen Gesellschaften Teil der gesellschaftlichen Reproduktion ist, sie also Gebrauchswerte für andere produzieren, resultiert die individuelle Zwecksetzung aus der Notwendigkeit der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion. Dafür spricht etwas, das Marx im Kooperationskapitel des ersten Bandes des Kapitals schreibt:

„Alle unmittelbar gesellschaftliche oder gemeinschaftliche Arbeit auf größrem Maßstab bedarf mehr oder minder einer Direktion, welche die Harmonie der individuellen Tätigkeiten vermittelt und die allgemeinen Funktionen vollzieht, die aus der Bewegung des produktiven Gesamtkörpers im Unterschied von der Bewegung seiner selbständigen Organe entspringen“ (MEW23, 350).

Marx bezieht sich zwar hier auf die Leitung kooperativer Arbeiten auf betrieblicher Ebene. Doch dies ist meiner Einsicht nach durchaus auf gesamtgesellschaftliche Kooperation zu übertragen. Unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen übernimmt diese Zusammenführtätigkeit jedoch der Markt, der die kooperativen Tätigkeiten hinter dem Rücken der Produzenten auf höchst absurde und destruktive Weise zusammenführt.

Genauso ist das folgende Zitat auf gesellschaftliche Dimensionen übertragbar:

„Der Zusammenhang ihrer Arbeiten tritt ihnen daher ideel als Plan, praktisch als Autorität des Kapitalisten gegenüber, als Macht eines fremden Willens, der ihr Tun seinem Zweck unterwirft“ (MEW23, 351).

Der „Wille“ des Marktes tritt den Produzent_innen als fremder gegenüber, der ihnen Zwecke setzt, denen sie sich unterzuordnen haben.

Es ist mir wichtig zu betonen, dass es sich bei der Fremdheit der Zwecksetzung durch das gesellschaftliche Allgemeine, (heute: Markt und Staat), um eine nur für Herrschaftsverhältnisse typische Form handelt. In zukünftigen Gesellschaften kann durch die immense Produktivität, die ja durchaus schon erreicht ist, sowie einer daraus folgernden

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Humanisierung von Arbeitsverhältnissen ein solch hoher Grad an Autonomie der Subjekte erreicht werden, dass diese auch gerne die notwendigen Reproduktionsarbeiten der Gesellschaft angehen, sich in ihnen verwirklichen. Das wahre Allgemeine widerspräche den Subjekten nicht mehr.

Zusammenfassung

In Kapitel I habe ich den Abschnitt des Marxschen Kapitals vorgestellt, um den es sich in meiner Arbeit dreht, den Planungsprozess von Tätigkeit. Im zweiten Kapitel (Arbeit – Gegenständliche Vermittlung) bin ich auf den Arbeitsprozess eingegangen und habe dargestellt, dass dieser von Marx als gegenständliche Vermittlung verstanden wird: In den Produktionsprozess gehen materielle, geistige und emotionale Voraussetzungen ein, auf die das Subjekt angewiesen ist, um tätig sein zu können. Nach der Einheit in der Vermittlung trennen sich diese Vorausgesetzten wieder, haben sich jedoch gewandelt. Das dritte Kapitel (Denken – Gegenständliche Vermittlung) handelt davon, inwiefern bei Marx Denken wie Arbeit als gegenständliche Vermittlung gesehen wird, im Gegensatz zu Hegel, bei dem alles Bewusstsein Selbstbewusstsein des Weltgeistes ist anstatt Bewusstsein von etwas. Das öffnete mir den Weg, um der Frage nachzugehen, inwiefern dieses „etwas“ in das Bewusstsein gelangt und wie jenes „bewusste Sein“ durch Tätigkeit auf die Welt zurückwirkt (Kapitel IV und V):

Mit Schmitz und Plessner werden in Kapitel IV Positionen stark gemacht, die von einer geordneten Innenlebenstruktur sprechen auch ohne menschliches Sprach-Bewusstsein. Somit können auch nichtmenschliche Wesen als durch implizite Erkenntnis geleitete Subjektivitäts-Pole gesehen werden. Schmitz spricht davon, dass sich Tiere durch „affektives Betroffensein“ (Schmitz, 21) spüren, von der Welt abheben und auf sie wirken können. Dies tun sie nach Plessner aus ihrer Mitte heraus, das Subjekt erkennt sich also nicht selbt explizit. Plessners Konzept exzentrischer Positionalität, das ich in Kapitel V a) dargestellt habe, beschreibt, wie sich der Mensch als Vermittlungspol bewusst wird. Dadurch kommt es zum Verlust der naiven, vorher scheinbar direkten Beziehung zwischen ihm und der Außenwelt. Daraus resultiert die Notwendigkeit und Möglichkeit anhand eines abwägenden Hinterfragens zwischen sich und der Außenwelt selbstbewusst zu vermitteln, Die Menschen handeln in der „Sphäre des Geistes“, dem gesellschaftlichen Bewusstsein. Inwiefern diese Sphäre des Geistes die Kehrseite der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse ist, wie das Bewusstsein von etwas also in der gesellschaftlichen Tätigkeit entsteht, habe ich versucht, in Kapitel V b) anhand von Leontjews Tätigkeitspsychologie und Ausschnitten aus Die Deutsche Ideologie herauszuarbeiten.

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Im letzten Kapitel (Individuell-gesellschaftliche Zielsetzung) bin ich darauf eingegangen, dass dieses Bewusstsein auch in der den Produktionsverhältnissen entsprechenden Komplexität in die individuelle Zielsetzung eingehen muss, soweit es sich um Produktion von Gebrauchsgütern für andere handelt. Dies liegt daran, dass die Produzentin dann einen Teil der Reproduktion der ganzen Gesellschaft ausführt. Die gesamtgesellschaftliche Situation (Wissen, Produktionsverhältnisse etc.) ist sowohl das dieser Reproduktion Vorausgesetzte als auch deren Resultat. Also muss auch für das Individuum, das am (Re-)Produktionsprozess teilnimmt, die gesamtgesellschaftliche Situation mit ihrem komplexen Wissen in die Arbeit eingehen um als Resultat ein gesellschaftlich anerkanntes Produkt zu erhalten.

Fazit

Es lässt sich also sagen, dass in Marx' Konzeption kein „Mensch an sich“ postuliert wird, als biologisch-psychisches Wesen, das unabhängig von seinen gesellschaftlichen Relationen gewisse Planfähigkeiten besäße. Auch wenn Menschen gegenüber anderen Lebewesen komplexere Bewusstseinspotentiale besitzen, sind diese nicht unabhängig von ihrer sozialen Einbettung: Sprache ist die Existenzform des spezifischen gesellschaftlichen Bewusstseins der Einzelnen. Die Komplexität und somit Abstraktheit des planenden menschlichen Bewusstseins hängt von den Anforderungen und Möglichkeiten der gesellschaftlichen Situation ab:

Das „Vorab“ der Marxschen Tätigkeitskonzeption ist ein sozial konstruiertes.

Ausblick

Eine Ungereimtheit zwischen den Konzepten von Schmitz und Plessner einerseits und dem Leontjews andererseits verweist auf einen interessanten Aspekt. Ich habe oben dargestellt, wie bei Plessner und Schmitz das Innenleben des Tieres zwar nicht als Selbstbewusstsein jedoch als pragmatisch orientiertes, oberflächliches, lernendes Bewusstsein über die Außenwelt aufgefasst werden kann. Nach Leontjew ist jedoch jegliches Bewusstsein auf Sprache angewiesen, die von Stofflichkeit losgelöst Bedeutungsträger ist, sowohl verbal als auch im Kopf der Bewusstseinhaberin. Wie sind diese Aspekte zu verbinden? Ich möchte hier, ohne weiter auf diese einzugehen, auf sprachphilosophische Ansätze wie sie z.B. Jerry Fodor mit seiner „Language of thought“ (LOT) postuliert. LOT bedeutet, das eine mentale Sprache existieren muss, damit es überhaupt zu einer verbalen kommen kann. Wenn diese psychisch angelegte Sprachlernfähigkeit die Bedingung für Sprache ist, so kann mensch Leontjews Ansatz möglicherweise etwas modifizieren. Anstatt dass LOT nur als

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für verbale menschliche Sprachen existierend begriffen wird, könnten die von Plessner und Schmitz beschriebenen Bewusstseinsstrukturen bei Tieren als solche LOT beschrieben werden. Möglicherweise könnte dann menschliche verbale Sprache und also gesellschaftliches Bewusstsein als eine „Verlängerung“ der individuellen LOT- Bewusstseinsstrukturen begriffen werden. Diese „öffnen“ sich nach außen und verbinden sich in Form der Sprache zum komplexen menschlichen Bewusstsein, dann auf das individuelle Innenleben zurückwirkend. Auch hier würde weiterhin gelten, dass Sprache als die Existenzform des menschlichen Bewusstseins betrachtet würde und menschliches Bewusstsein sowie Selbstbewusstsein somit nur gesellschaftlich zu erfassen wären. Da Sprache wie gezeigt als ein Produkt spezifischer Gesellschaftsverhältnisse verstanden werden sollte, macht meine These vielmehr eine Position stark, die besagt, dass wir erst zu Menschen werden durch die Form, in der wir uns gesellschaftlich aufeinander beziehen. Dies hieße, dass also der Unterschied zwischen Menschen und Tieren als ein gradueller zu begreifen wäre und in einer vernünftigen Gesellschaft nichtmenschlichen Lebewesen durch eine andere Form der Gesellschaftsintegration, geholfen werden könnte, ihre soziale Evolution mitanzutreiben - durch bewusstes Fördern ihrer Selbstorganisation. Möglicherweise bestünden derlei Möglichkeiten sogar bis zu dem Punkte, dass einige Arten eines Tages als gleichberechtigte Kooperationspartner mit uns die Gesellschaft bewusst gestalten könnten, ganz im Sinne Blochs Allianztechnik mit dem Natursubjekt (Bloch, 259ff.) 19 .

19 Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung. Bd. 3, Frankfurt a. M. 1967, Suhrkamp

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Literatur

Arndt, Andreas: Unmittelbarkeit. Bibliothek dialektischer Grundbegriffe. Band 14, Bielefeld

2004

Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung. Bd. 3, Frankfurt a. M. 1967, Suhrkamp

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Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik. Bd 2. Die subjektive Logik. 1816. In: Gesammelte Werke. Bd 12. Hamburg 1981.

Hegel, G.W.F.: Wissenschaft der Logik. Bd 1. Die objektive Logik. Buch 1. Die Lehre vom Sein. In: Gesammelte Werke. Bd 21. Hamburg 1985

Leontjew, Alexej: Tätigkeit, Bewusstsein, Persönlichkeit, Köln 1982

Marx, Karl: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band, MEW23, Berlin 2005

Marx, Karl; Engels, Friedrich: Die deutsche Ideologie. MEW3, Berlin 1969

Novalis: Schriften. Hg. R. Samuel, H.-J. Mähl und G. Schulz, Bd. 2.

Plessner,

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Mit

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philosophischen

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Wider

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