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Paul Zindel Selbst Augenzeugen können irren die detektive #1 s&c 07/2008 Die Archäologin Dr. Farr
Paul Zindel
Selbst
Augenzeugen
können irren
die detektive #1
s&c 07/2008
Die Archäologin Dr. Farr wird im Naturkundemuseum tot
aufgefunden. Für die Polizei steht der Täter schnell fest:
Tom Boggs, ein Mitarbeiter des Museums, wird verhaftet.
Doch für Quentin und India gibt es keinen Zweifel: Ihr
Freund Tom ist unschuldig! Auf der Suche nach dem wah-
ren Mörder geraten die beiden Detektive in ein Netz aus
Habgier und Missgunst …

ISBN: 3-7855-4415-4 Original: Hawke mysteries #1: The scream museum Aus dem Amerikanischen übersetzt von Brigitta Merschmann Verlag: Loewe Erscheinungsjahr: 2002 Umschlaggestaltung: Silvia Christoph & Andreas Henze

Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!

Paul Zindel

Paul Zindel Selbst Augenzeugen können irren Aus dem Amerikanischen übersetzt von Brigitta Merschmann

Selbst Augenzeugen können irren

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Brigitta Merschmann

Paul Zindel Selbst Augenzeugen können irren Aus dem Amerikanischen übersetzt von Brigitta Merschmann

Die Deutsche Bibliothek-CIP-Einheitsaufnahme Zindel, Paul:

Selbst Augenzeugen können irren / Paul Zindel. Aus dem Amerikan. übers, von Brigitta Merschmann.

– Bindlach: Loewe, 2002

-1. Aufl

(Die Detektive) Einheitssacht.: The scream museum ‚dt.‘ ISBN 3-7855-4415-4

Der Umwelt zuliebe ist dieses Buch auf chlorfrei gebleichtem Papier gedruckt.

ISBN 3-7855-4415-4 – 1. Auflage 2002 ©2001 by Paul Zindel Die Originalausgabe ist in den USA und Kanada bei Hyperion unter dem Titel P.C. Hawke mysteries #1: The scream museum erschienen. Lizenzausgabe mit freundlicher Genehmigung von Hyperion. Aus dem Amerikanischen übersetzt von Brigitta Merschmann. © für die deutsche Ausgabe 2002 Loewe Verlag GmbH, Bindlach Umschlagillustration: Silvia Christoph Umschlaggestaltung: Andreas Henzey Gesamtherstellung: GGP Media, Pößneck Printed in Germany

Für Donna und Shannon – die schlauen, voreingenom- menen Watsons meiner mörderischen Tinte

Dank an David und Lizabeth, meine Lieblingsdetektive, für die Lebendigkeit und Furchtlosigkeit meiner Helden Quentin Marlon und India Riggs

An P. C. McPhee, den jungen Helden meines Romans Riff des Todes

An Mike Mencotti, der unseren Helden so schlau mit einem Nachnamen versorgt hat

An die vielen Lehrer, Bibliothekare und Medienspezialis- ten, ihre Schulen, ihre tollen, großartigen Schüler, die mich inspiriert und so zur Fallgeschichte dieses Buches beigetragen haben: Teri Lesesne, Jami Hradecky, Anne Hage, Wanda Clement, Jackie Snowden, Lisa Chur- chill, Mary Marks, Randy LaLonde, Marjorie Lohr, Cheryl Sigmon, Debbie Cooke, Sue Malaska, Donna Moody, Cheri Estes sowie an Arleen Perkins und ihre Süßen aus der sechsten Klasse (und diese Liste ist längst nicht vollständig, ächz! stöhn!)

Inhalt

Code eins Zeit für eine Leiche Abscheulich Die Gräber Shrimps und Leichenschauhaus Verräterische Spuren Megabytes gegen Mord Mamis und Mumien Besen, Lügen und Video Spinnenfrau Im Schuh ein Tattoo Giftiges Getier Alte Geschichten Eine Fälschung kommt selten allein Habgier Das Netz zieht sich zu Affenmasken und Gespräche

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Aus den Akten des Schreckens von Quentin Marlon:

Selbst Augenzeugen können irren Fall #1

FALL #1 BEGANN UNGEFÄHR SO:

1. Am Freitag, dem 23. September, um exakt 14 Uhr 43 drang ein ohrenbe- täubender Schrei aus einem Labor im unteren Stockwerk des Museums für Na- turgeschichte von New York. 2. Ein Monsignore und sieben Non- nen vom Kloster Unserer lieben Frau vom Stern des Meeres besichtigten ge- rade das 1,89 Meter lange Kanu in der Ausstellungshalle der Indianer des Nordwestens und hörten den Schrei. 3. Ein Touristenehepaar aus Tokio erklärte, sie hätten in der Halle für Biologie gerade das vergrößerte Mo- dell eines Moskitos betrachtet und gedacht, der Aufschrei komme aus der mit Ton- und Videoelementen ausge- statteten Tyrannosaurus-Rex-Ausstel- lung im vierten Stock. 4. Ein abgedrehter Achtklässler von der Bronx High School für Natur- wissenschaften zeichnete gerade jedes einzelne Härchen des Moskito-Modells ab und dachte, draußen auf der Straße sei jemand von einem Auto erfasst worden. Sehr bald jedoch wurden alle eines Besseren belehrt! Der Schrei, den sie

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vernommen hatten, war das letzte Le- benszeichen von Dr. Conchetta Farr, der Leiterin der Forschungsabteilung des Museums. Noch wichtiger ist al- lerdings, dass ich (Quentin Marlon, von dem diese Notizen stammen) und meine beste Freundin India Riggs im Nu mitten in einem rätselhaften, ge- fährlichen Mordfall steckten. Ich versichere, dass dies die Wahrheit ist und nichts als die Wahrheit, euer Quentin Marlon

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Code eins

Nur eine Stunde nach dem brutalen Mord an Dr. Farr wussten India und ich Bescheid. Wir schmachteten etwa fünf Straßenblocks weiter südlich in unserem Englischkurs an der Westside School – einer Privatschule für Kids, die entweder besonders reich, besonders begabt oder besonders schräg drauf sind. Dem Vater des reichsten Schülers gehört nicht nur die Hälfte des Chrysler-Gebäudes, sondern auch das legendäre New Yorker Tanzensemble „Rocket- tes“; der begabteste Schüler ist in der Denkfabrik einer Raumfahrt-Gesellschaft aktiv; das ausgeflipp- teste Mädchen geht in die zweite Klasse, spielt elekt- rische Gitarre und pflegt aufopfernd ihr Schmusetier, einen Hamster, der seit drei Jahren im Koma liegt. Wie gesagt, an der Westside gibt es scharenweise abgefahrene, irre oder völlig durchgedrehte Typen – und das nicht nur unter den Schülern. Jedenfalls hatte es zum Ende der siebten Stunde geläutet, für alle das Zeichen, den Klassenraum zu wechseln. Ich sprang auf, stopfte meine Bücher in meinen orangenen Rucksack und verließ brum-

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melnd das Klassenzimmer von Miss Conlan. Ja, richtig, ich führe Selbstgespräche. Wenn mir etwas nicht gefällt, dann raune ich Dinge wie fürwahr, Mannomann, ohoh, was soll’s und ächz oder stöhn … Im Moment regte ich mich tierisch über Igor Kazinski auf, dessen Manipulationen wir es zu ver- danken hatten, dass er, India und ich im Rahmen eines Ethnoprojekts im Literaturkurs eine Arbeits- gruppe bilden mussten. Ich wusste nur zu genau, warum er es darauf angelegt hatte, dass ausgerech- net wir drei das Referat über den indischen Gott Ganesh übernahmen. „Fürwahr, fürwahr“, sagte ich und fuhr mit den Fingern durch meine Haarwachsstacheln. „Kazinski war schon immer berechnend, und ein Schwach- kopf obendrein.“ India legte einen Schritt zu, um mitzuhalten, als ich mir im Zickzack einen Weg durch das Ge- wimmel in den Korridoren bahnte. „Da Miss Con- lan die Arbeitsgruppen selbst zusammengestellt hat, müssen wir da wohl oder übel durch. Igor hat ihr eben eingeredet, dass er uns bewundert und dass indische Religion und indisches Brauchtum ihn immer schon fasziniert haben.“ „Was für ein riesengroßer Heuchler! Er hat ja bloß in der Zeitung gelesen, dass Dads Museum das Halsband des Ganesh als Leihgabe aus Indien erhal- ten hat. Er denkt, es geht wer weiß was ab, wenn

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er sich an uns klettet.“ Mein Dad ist Dr. Stephen Marlon, einer der bedeutendsten Archäologen des Landes und Leiter der Abteilung Archäologie im Museum für Naturgeschichte. India überprüfte, ob ihre Leopardenmusterbrille noch an ihrem Platz saß. Sie hatte die Brille hoch- geschoben, um ihr langes blondes Haar zu bändi- gen. „Das Schlimmste, was Kazinski sich bisher geleistet hat“, erinnerte sie sich, „war sein Auftritt damals auf der Schülerratssitzung – mit hautenger, silbrig glitzernder Stoffhose und einem T-Shirt, auf dem stand: ‚Nein, ich bin nicht flüchtig – ich habe nur Freigang‘.“ Ich zuckte zusammen, als sich in meiner Hosen- tasche etwas bewegte. Dann fiel mir ein, dass ich die Vibrierfunktion meines Handys eingeschaltet hatte. Ich holte das Telefon heraus, klappte es auf und drückte auf den Antwortknopf. Das Display verriet mir, dass der Anruf von meinem besten Freund Jesus kam. „Hi, was liegt an?“ Jesus Lopez’ hohe Stimme knisterte und rausch- te übers Handy. „Wo ist dein Vater?“ Ich blieb an den Fenstern im Korridor stehen, in nächster Nähe einer Glasvitrine, in der eine Samm- lung abartiger Puppenköpfe und hässlicher, mit Plastikperlen gespickter Tonvasen ausgestellt war – allesamt das Werk irregeleiteter Schüler.

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„Wieso willst du das wissen?“, fragte ich Jesus. „Nun sag schon.“ „Dad ist gestern nach Sumatra geflogen, um bei der Datierung von irgendwelchen Knochenfunden zu helfen.“ „Gut“, sagte Jesus. „Dann kann er es ja nicht sein.“ „Du sprichst in Rätseln.“ „Im Polizeifunk wurde gerade eine Code-eins- Meldung durchgegeben – es geht um das Museum. Die Streifenwagen sind schon unterwegs.“ Mein Dad war zwar weit weg, aber ich machte mir trotzdem Sorgen. Code eins war das Polizei- kürzel für Mord. „Danke, Jesus. Wir kümmern uns darum.“ Ich klappte mein Handy zu, schob es in meine Hosentasche und wirbelte auf dem Absatz herum. „Schlimme Neuigkeiten aus dem Museum.“ „Was ist denn los?“, wollte India wissen. „Es wurde jemand ermordet. Sieht nach Arbeit für uns aus. Was meinst du – wollen wir hier für heute die Segel streichen und schnell rübergehen?“ „Nichts wie weg!“ India steckte ihren Schreib- block in die Schultertasche aus künstlichem Leo- pardenfell, die sie erst kürzlich für drei Dollar in einem Trödelladen in Soho erstanden hatte, und folgte mir ins Sekretariat. Dort bearbeitete ich Miss Xanthe, die wasserstoffblonde Sekretärin, mit mei-

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nem unwiderstehlichen Lächeln und meiner besten Schmeichelstimme, bis ich ihr zwei Beurlaubungs- scheine abgeluchst hatte. Im Großen und Ganzen hielt ich mich dabei sogar an die Wahrheit. Ich sagte, am Arbeitsplatz meines Vaters gäbe es einen Notfall, und ließ nur aus, dass Dad derzeit auf der Südhalbkugel weilte. Als wir auf den Ausgang zusteuerten, kam uns Igor Kazinski nachgerannt. An seinem Gesicht war schon von weitem zu erkennen, dass er auf Spei- chellecker machen würde. „Ich wollte euch zwei nur warnen, dass Wendy Fillerman mal wieder üblen Klatsch über euch verbreitet“, keuchte er. India gab sich interessiert. „Was hat sie denn diesmal erzählt?“ „Sie hat mich im Hauswirtschaftskurs angespro- chen“, fuhr Igor fort. „Sie sagte: ‚Findest du nicht auch, dass India und Quentin totale Angeber sind, vor allem mit ihrem Detektiv-Getue – ist doch echt albern. Die müssen wohl besonders betonen, für wie unglaublich schlau sie sich halten! Ist das nicht ätzend?‘ Aber ich glaube, die ist nur eifer- süchtig!“ „Danke, Igor“, erwiderte India in einem Ton- fall, der deutlich besagte: Zieh Leine. „Ich freu mich wahnsinnig darauf, mit euch beiden das Referat über Ganesh zu schreiben!“, rief er uns noch nach, als wir die Flucht vor ihm ergrif-

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fen. Wir verließen das Gelände der Westside School und überquerten die Fahrbahn. Das kastenförmige Dakota-Apartmenthaus an der Ecke 72. Straße und Central Park West ragte vor uns auf wie ein neu- gotisches Schloss. Weder ich noch India konnten jemals an diesem Haus vorbeigehen, ohne an den Horrorfilm zu denken, der dort gedreht worden war – der Streifen, in dem eine Frau ein Teufelsba- by zur Welt brachte. Außerdem war John Lennon direkt vor der Haustür dort erschossen worden. Viele glauben, im Dakota-Apartmenthaus spuke es. Wie es scheint, hütet so ziemlich jedes Gebäude in New York sein eigenes dunkles, schauriges Ge- heimnis. Und nun waren wir unterwegs, um Licht ins Dunkel einer ganz neuen Gräueltat zu bringen. „Ein Glück, dass dein Vater auf Reisen ist“, sag- te India – ihre Art, mich wissen zu lassen, dass sie verstand, wie mir zu Mute war. Einen Elternteil hatte ich bereits verloren, und oft plagte mich die Angst, auch noch den anderen zu verlieren, den einzigen, der mir geblieben war. Kurz nach Weih- nachten des vergangenen Jahres war meine Mum an Krebs gestorben. Manchmal macht es ganz schön Angst, allein zu sein. Aber der Tod meiner Mutter hat mich eines ge- lehrt: wie kostbar ein Menschenleben ist. Wenn ich seither von Mord höre, will ich unbedingt, dass der

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Schuldige bestraft wird – und die Identität des Mörders ist zunächst ja meist ein Rätsel. Wie Dad durch seine Forschungsarbeit über Fossilien, antike Tempel und so weiter die Geheimnisse unseres Planeten zu lüften versucht, kläre ich leidenschaft- lich gern Verbrechen auf. Man könnte sagen, wir sind beide Detektive, nur auf verschiedene Berei- che spezialisiert. „Du summst schon wieder“, bemerkte India. „Schon möglich.“ Ich summe oft, wenn ich in- tensiv nachdenke. India und ich gingen schneller, vorbei an der Kunsthalle, mit den wehenden Ban- nern, die die neueste Fotoausstellung ankündigten:

Fastfood-Ketten in Amerika. An der 77. Straße erhob sich das Museum für Naturgeschichte vor uns wie eine Steinfestung aus einer anderen Welt. Der Trakt, der sich über zwei Straßenblocks erstreckt, ist von Eisenzäunen und wehrhaften Toren umschlossen. Die Mauern des Hauptgebäudes aus dicken Granitblöcken ragen fünf Stockwerke hoch in den Himmel – ein wuch- tiger Komplex, versehen mit Türmen, Strebepfei- lern und Wasserspeiern mit boshaften Fratzen. Streifenwagen und Ambulanzen mit blitzendem Blaulicht standen kreuz und quer in der breiten Auffahrt, die auf die Freitreppen des Nebenein- gangs mündete. India und ich pickten sofort den Kombi des Leichenbeschauers mit seinen schwarz

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getönten Fenstern heraus. „Also gibt es wirklich einen Toten“, stellte India fest. „Ja, und wir entlarven den Täter. Hoffentlich wird deine Mutter in diesem Fall als Gerichtsmedi- zinerin hinzugezogen.“ „Hoffentlich nicht“, konterte India. „Gott sei Dank ist sie heute den ganzen Tag mit Autopsien beschäftigt. Wenn sie wüsste, dass ich mich vor der letzten Schulstunde gedrückt habe, würde sie ohne große Umstände mich in Scheibchen schneiden.“

Zeit für eine Leiche

Ich ging voran zum Haupteingang des Museums am Central Park. Auf der ausladenden Treppe herrschte wie gewohnt ein Kommen und Gehen von Touristen und Schülergruppen. Niemand schien das Durcheinander von Streifenwagen mit blitzendem Blaulicht am Nebeneingang zu bemer- ken. Keiner ahnte, dass irgendwo in dem Labyrinth aus Haupt- und Nebengebäuden ein Mord gesche- hen war. Wir gingen hinein. Max Durning, rot im Gesicht und sichtlich angestrengt, stand in der Nähe des

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Sicherheitsbüros und behielt die Menge im Auge. „Max“, sagte ich, „was ist passiert?“ Der stämmige, kurzbeinige Sicherheitsbeauftrag- te Max stöhnte auf – ein Laut, der tief aus seinem Bauch kam. „Das willst du gar nicht wissen.“ „Wir haben gehört, dass jemand ermordet wor- den ist“, fuhr ich fort. „Wer ist das Opfer?“ Zögernd schaute Max sich um, ob auch nie- mand horchte. „Diese kleine zähe Lady – ihr wisst schon, die Leiterin der Forschungsabteilung, unsere Herrin der Insekten.“ „Dr. Farr?“, fragte ich überrascht. „Ja. Sie wurde in ihrem Büro erwürgt“, raunte Max. „Aber von mir habt ihr es nicht.“ „Keine Sorge, Max. So oder so wird es bald über sämtliche Fernsehkanäle gehen“, sagte ich bekümmert. India und mich nimmt es ziemlich mit, wenn jemand ermordet wird. Max’ Walkie-Talkie krächzte. Er wandte sich schnell von uns ab und murmelte eine Antwort, dann rief er über seine Schulter: „Halt dich da raus, Quentin.“ Ich schätze, ich stehe in dem Ruf, mich überall einzumischen. Als Max davonging, sah er aus wie ein Zwerg- rhinozeros mit seinem großen Kopf und dem vorge- reckten, dicken Hals. India und ich hefteten uns an seine Fersen und nickten Mrs Ebb zu, die Eintritts-

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karten einsammelte. Über einem Marmorbrunnen und üppigem Farn erhob sich eine schwindelerre- gend hohe Theodore-Roosevelt-Statue. Wenig später hetzten wir in Max’ Kielwasser durch die Halle der nordamerikanischen Säugetiere. „Wer könnte ein Interesse an Dr. Farrs Tod ge- habt haben?“, fragte India. „Vermutlich gut die Hälfte der etwa 200 Leute, die im Museum arbeiten“, erwiderte ich. „Beim Abendessen hat Dad häufig über sie gesprochen. Er sagte, sie bestimme über die Vergabe sämtlicher Forschungsstipendien. Wer nicht ausdauernd bei ihr schleimte, den stellte sie gnadenlos kalt. Sie ver- fügte über die Macht, eine Karriere zu neuen Hö- hen aufsteigen oder aber den Bach runtergehen zu lassen; entweder man hatte seinen großen Auftritt, oder man machte den Abgang. Komisch, dass letz- tlich sie es war, die endgültig abtreten musste.“ „Max, was meinen Sie – wer hat sie getötet?“, fragte India, sobald wir ihn eingeholt hatten. „Wir haben den Mörder bereits gefasst – in flag- ranti ertappt: Er hatte die Hände noch um Con- chetta Farrs Hals gelegt.“ Das Walkie-Talkie mel- dete sich erneut. Max murmelte unverständliche Worte hinein, während er hektisch weiterlief. „Wer war’s denn?“, fragte ich. „Boggs“, sagte Max. „Boggs?“, platzten India und ich völlig schock-

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iert im Chor heraus. „Tom Boggs?“ „Ja. Der Hausmeister.“ „Das ist doch absurd!“, empörte sich India. „Wir kennen Tom Boggs. Er ist ein netter Kerl! Er könnte keiner Fliege was zu Leide tun.“ „Das habe ich auch immer gedacht“, erwiderte Max. „Aber dann habe ich heute, gegen drei Uhr, diesen grässlichen Schrei gehört. Zwei Touristen aus Cleveland und ich rannten zu Korridor C und sahen, wie unser Tommy der Herrin der Insekten den Hals umdrehte. Und es gab noch andere Zeu- gen.“ Max eilte um eine Ecke, vorbei an einem ausgestopften Walross und an der Ausstellung Weichtiere unserer Welt, dann lief er die Treppe hi- nunter. India und ich folgten ihm unverdrossen. Im unteren Stockwerk befanden sich der Innen- hof mit dem Museumsrestaurant, etliche große Lagerräume, ein Durchgang zum Parkhaus und das Foyer des Planetariums. Von diesem Foyer zweig- ten mehrere breite Korridore ab, die zu den For- schungslabors und Büros im Südflügel führten. Dr. Grant Gardner, der Museumsdirektor, stand vor einer Polizeisperre, die den Eingang zu Korri- dor C abriegelte. Wie immer tadellos gekleidet, in dunkelblauem Anzug und Krawatte, gab er mehre- ren Angestellten, die in ihre Büros zurückkehren wollten, einen Lagebericht. „Noch können wir den Betrieb nicht wieder aufnehmen“, schloss

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Gardner. „Wir haben ein ernstes Problem …“ Gardner nahm Max beiseite, flüsterte ihm An- weisungen ins Ohr, und dieser eilte zu der Gruppe aus uniformierten Polizisten und Kriminalbeamten, die aus Farrs Labor kamen oder hineingingen. Im Sekundentakt flammten die Blitzlichter der Polizei- fotografen auf. India setzte ihre Sonnenbrille auf und zückte Block und Bleistift. „Ich notiere alles, was mir ir- gendwie von Interesse erscheint.“ „Gut“, sagte ich. „Ich spreche mit Gardner.“ Ich ging zu ihm und kam gleich zur Sache. „Entschuldigung, Dr. Gardner, aber Sie glauben doch nicht im Ernst, dass Tom Boggs der Mörder von Dr. Farr ist, oder?“ Der Museumsdirektor schaute mich an. „Quen- tin, ich weiß, dein Vater hat sich dafür eingesetzt, dass Tom den Job hier bekommt, und ich weiß auch, dass er ein Freund von India und dir ist.“ „Ja, wir sind Freunde“, bestätigte ich. Kaum hatte ich ausgesprochen, meldeten sich auch schon Gewissensbisse. Jeder wusste, dass Tom nicht der Hellste war – viele von Indias und meinen Schulkameraden an der Westside hätten die Nase über ihn gerümpft. Aber India und ich glauben daran, dass das Gesicht eines Menschen nicht lügt. Und man erkannte sofort an Toms Au- gen, dass er ein Herz aus Gold hatte. Manche

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Menschen machen ungern viele Worte. So war es auch bei Tom. Alles, was er tat, sagte: Bitte, hab mich lieb. „Ich habe persönlich mit mehreren Augenzeu- gen gesprochen“, fuhr Gardner sanft fort. „Ich fürchte, es besteht nicht der geringste Zweifel:

Tom hat es getan.“ „Aber wieso? Er hatte kein Motiv, er hatte überhaupt keinen Grund, Conchetta Farr umzub- ringen.“ „Ich bin ja auch wie vor den Kopf geschlagen“, beteuerte Dr. Gardner. „Tom muss völlig ausgeras- tet sein.“ „Tom konnte Dr. Farr immer gut leiden“, er- widerte ich. Mir wollte einfach nicht in den Kopf, dass Tom ein Mörder sein sollte. „Sie hat ihm sogar erlaubt, ihre Taranteln und Tausendfüßler zu füt- tern. Ihre berühmten afrikanischen Kakerlaken! Conchetta war sein großes Vorbild. Er schnitt Zei- tungsartikel über sie aus: Herrin der Insekten hält Vor- trag über Gottesanbeterinnen und so weiter.“ „Das wusste ich nicht.“ „Toms Lieblingsspinne war Aristoteles, die Al- binotarantel. Dr. Farr holte die Tarantel oft aus ihrem Terrarium und ließ sie auf Toms Hand sit- zen, während die Spinne ihre Mahlzeit aus eisge- kühlten Larven zu sich nahm. Tom liebte Con- chettas Horror-Kollektion lebender Insekten. Er

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hätte ihr nie etwas zu Leide tun können“, sagte ich. Renée Dell, die stellvertretende Direktorin des Museums, erschien und übernahm an Gardners Stelle die Aufgabe, die Menschenmenge zu be- schwichtigen. Ich signalisierte India, dass ich Gard- ner begleiten würde, und folgte ihm durch das Foyer des Planetariums zu den Aufzügen. „Meines Wissens hat Dr. Farr Tom erst kürzlich verboten, ihr Labor zu betreten“, fuhr Dr. Gardner fort. „Sie hat versucht, ein paar madagaspische Skor- pione zu züchten, und wollte nicht, dass sie gestört werden“, erklärte ich. „Tom hat das verstanden. Mit seinem Kopf ist alles in Ordnung. Er ist eine Seele von Mensch. Außerdem begeht keiner einen Mord, nur weil man ihm das Besuchsrecht bei den Spinnen und Schaben genommen hat.“ „Tut mir Leid, Quentin“, sagte Gardner, „aber ich fürchte, an der Sache ist mehr dran, als du weißt.“ Die Aufzugtür ging auf. Ich stieg ein, Gardner jedoch wurde von Jeffrey Mirsky, dem Leiter der Abteilung Paläontologie, aufgehalten. Mirsky sah mich wohl nicht, da er sofort auf Gardner einrede- te.

„Ich will, dass Sie eins wissen, Gardner – ich verlasse mich darauf, dass Sie mich diesmal nicht übergehen. Schon beim letzten Mal hätte Farrs

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Position von Rechts wegen mir zugestanden. Ich werde kein zweites Mal zulassen, dass Sie mich ins Abseits stellen.“ „Einen Moment mal, Jeffrey“, sagte Dr. Gardner mit seiner ruhigen, beherrschten Stimme. „Dr. Farr hat damals den Zuschlag be- kommen, weil sie die Qualifizierteste war, und …“ „Blödsinn!“, unterbrach Mirsky ihn mitten im Satz. Ich hatte schon oft erlebt, wie Mirsky anderen das Wort abschnitt, auch meinem Vater. Mirsky war Anfang 50 und rühmte sich, ein Wissenschaft- ler von Weltrang zu sein. Als Paläontologe war er bekannt für seine schnelle Datierung prähistorischer Knochen – leider häufig auf Kosten der Genauig- keit. Beverly Congers, eine Anthropologin des Mu- seums, steuerte auf Mirsky und Gardner zu. Schnell drückte ich mich seitlich gegen die Kabinenwand und hielt den Öffnen-Knopf gedrückt. Congers war zehn Jahre jünger als Mirsky und hatte rotes Haar, zu einem Bubikopfgeschnitten. „Dr. Gardner“, begann Congers, ohne Mirsky zu beachten, „ich habe das älteste Anrecht auf Conchettas Job. Betrachten Sie dieses Gespräch als eine offizielle Bewerbung meinerseits.“ „Das soll wohl ein Witz sein!“ Mirsky wandte sich Congers zu. „Nein, mein Guter“, sagte Congers. „Ich wusste

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gleich, dass du nicht mal die Leichenstarre abwar- ten würdest, bevor du mit deiner Wühlarbeit be- ginnst.“ „Teuerste Beverly.“ Mirsky lächelte überlegen. „Du verfügst über keine der nötigen Qualifikatio- nen, um Leiterin der Forschungsabteilung zu wer- den. Diese Vorstellung ist völlig absurd.“ „Weißt du, Jeffrey“, konterte Congers, „solltest du jemals die Religion wechseln, dann nur deshalb, weil du dich nicht mehr selbst für Gott hältst.“ „Sie sehen ja selbst.“ Mirsky sprach zu Gardner, als ob Congers nicht anwesend wäre. „So einer Person können Sie unmöglich eine Position an- vertrauen, von der das Ansehen des Museums ab- hängt. Die Stipendienvergabe erfordert Takt und diplomatisches Geschick – dieser Rotschopf besitzt offensichtlich keins von beidem.“ Congers baute sich direkt vor Mirsky auf. „Du bist ja bloß eifersüchtig, Jeffrey, weil meine Karrie- re noch vor mir liegt und deine schon hinter dir!“ Wütend drehte sie sich um und stolzierte davon; ihre hohen Absätze klapperten auf dem Marmor- fußboden so regelmäßig wie ein Metronom. „Kennen Sie Marlons Sohn?“, fragte Gardner an Mirsky gewandt, um von dem Schlagabtausch mit Congers abzulenken. Ich trat aus dem Aufzug. Mirsky wirkte unangenehm überrascht, als er mich sah.

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„Oh, ja.“ Er spähte über den Rand seiner Brille. „Du warst es, der damals die Leiche in einem Schaufenster entdeckt hat. Sehr gut beobachtet von dir.“ „Ich schätze, ich hatte einfach Glück“, sagte ich. Mirsky wandte sich wieder Gardner zu. „Ver- gessen Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe, Dr. Gardner.“ „Guten Tag, Dr. Mirsky.“ Gardner trat in die Aufzugkabine. Ich tat so, als hätte ich von alledem nichts mitbekommen, und Gardner schien es nur recht zu sein.

Abscheulich

„Was sollte ich Ihrer Meinung nach denn über Tom wissen?“, fragte ich, um Mirsky und Congers vorläufig abzuhaken und wieder zum Ursprungs- thema zurückzukommen. „Zunächst einmal musst du wissen, was genau heute geschehen ist“, erwiderte Gardner. In der fünften Etage stiegen wir aus dem Aufzug und gingen direkt in Dr. Gardners Büro. Er setzte sich auf den Drehstuhl hinter seinem massiven Schreibtisch aus Chrom und Glas. Die Wand hinter

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dem Schreibtisch bestand aus deckenhohen Bü- cherregalen aus dunklem Mahagoni, voll gestopft mit Bänden über Kunst und Geschichte, manche sogar in Leder gebunden und mit Goldbuchstaben verziert. An der Ostseite befand sich ein großes Fenster mit Blick auf den Central Park. Ich nahm auf dem schwarzen Ledersofa Platz und schaute mich um. An den Wänden hingen goldgerahmte Universitätsdiplome; außerdem ein ausgestopfter Stierkopf mit Hörnern und mehrere Familienfotos, darunter eines von Gardner, seiner Frau und seinen Kindern im Westernlook. Auf dem Schreibtisch stand ein Papierbeschwerer aus Glas, in den ein echter Kaninchenfuß eingelassen war. „Von Max wissen wir, dass Tom im Foyer des Planetariums fegte“, begann Gardner. „Die erste Vorführung des Videos Tod des Universums ging gerade zu Ende – du weißt sicher, man kann die Supernova-Explosionen und die Musikunterma- lung bis ins Foyer hören. Eine Kollegin von Max beobachtete zufällig, wie Tom urplötzlich den Be- sen aus der Hand legte und seelenruhig zu Korridor C ging, als wolle er sich Kaffee holen oder eine kurze Pause einlegen. Wenig später hörten Max und die anderen Zeugen den Schrei von Dr. Farr und rannten los. Sie sahen Tom in der Tür zu Conchettas Labor stehen. Conchetta saß auf ihrem

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Stuhl, Tom hatte die Hände um ihren Hals gelegt, und – so sagt Max – in seinen Augen flackerte der Wahnsinn.“ Ich versuchte, mir das Bild vor Augen zu rufen. „Wenn Tom insgeheim ein verrückter Killer wäre, dann hätte Indias Dad es bemerkt“, erwiderte ich. „Dr. Riggs hat Tom lediglich wegen leichter Dep- ressionen behandelt und ihm empfohlen, mehr frisches Obst zu essen. Dr. Riggs machte sich Sor- gen wegen Toms Ernährung; er war der Meinung, dass Tom sich besser konzentrieren könnte, wenn er gesünder essen würde. Das war alles. An der Szene, die Sie gerade beschrieben haben, stimmt irgendetwas nicht, Dr. Gardner. Dad wird aus allen Wolken fallen, wenn er die Geschichte zu hören kriegt.“ „Das glaube ich weniger.“ Ich beugte mich vor. „Da ist noch mehr?“ Dr. Gardner wirkte gequält. „Quentin, dein Va- ter und ich haben uns erst vor kurzem über Tom unterhalten. Hast du nicht bemerkt, welchen Um- gang er in letzter Zeit pflegte? Soweit ich es beur- teilen kann, hat Tom sich mit äußerst zwielichtigen Leuten eingelassen.“ Ich glaubte zu verstehen, worauf Gardner hi- nauswollte. „Sie meinen, er nimmt Drogen?“ „Der Fall liegt komplizierter.“ „Wie bitte?“

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„Aus dem Museum verschwinden Gegenstände. Keine Ausstellungsstücke. Ich rede von Büroaus- stattung wie zum Beispiel ein Laptop, ein Radio, ein Reißwolf. Dinge, die Jugendliche stehlen wür- den, um sie zu verkaufen oder gegen Drogen ein- zutauschen.“ Plötzlich stand er auf und zeigte aus dem Fenster. „Da unten bei den Glyzinien steht einer von Toms neuen Freunden.“ Am Rand des Parks entdeckte ich einen Jungen, dessen mit Gel aufgestellte Haare an einen Igel erinnerten. Er trug eine grau-grüne Militärhose und ein zerrissenes schwarzes T-Shirt. Seine Kör- persprache ließ mich an einen ängstlichen Welpen denken, der etwas ausgefressen hatte. Er musterte jeden, der die Stufen zum Fußgängerüberweg an der 79. Straße hinunterging, so, als wolle er etwas verkaufen oder als halte er Ausschau nach irgen- detwas. Ich hatte genug gesehen und von Gardner ge- hört, um zu wissen, was India und ich tun würden. Nicht zuletzt würden wir Mirsky und Congers ganz oben auf die Liste der Conchetta-Hasser set- zen. „Tja, vielen Dank, dass Sie mich über Tom und die Ereignisse des heutigen Tages ins Bild ge- setzt haben, jetzt muss ich einiges überprüfen“, sagte ich und stand auf. „Was mit Dr. Farr passiert ist, tut mir sehr Leid, aber was ich gehört habe, passt nicht ganz zusammen. Ihrer Schilderung zu-

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folge war Tom völlig ruhig. Ich glaube nicht, dass ein Mensch, der einen anderen erdrosseln will, ruhig ist. Und was mich an den Berichten der Au- genzeugen am meisten stört, ist, dass er Dr. Farr in der Tür zu ihrem Labor erdrosselt haben soll.“ „Wie meinst du das?“ „Kommt es Ihnen nicht auch komisch vor, dass Tom sie direkt in der Tür erwürgt haben soll, wo ihn jeder sehen musste? Das ist doch einfach zu unglaubwürdig“, schloss ich. „Und wie läuft’s sonst so bei dir?“, sagte Dr. Gardner. „Dein Vater hat mir erzählt, dass du vorhast, später einmal zur Kriminalpolizei zu ge- hen.“ „Ja, richtig.“ Sein Gesichtsausdruck besagte: Du lieber Himmel, der arme Junge ist größenwahnsinnig. Ich plauderte noch ein wenig mit Gardner, dann fuhr ich mit dem Aufzug hinunter. Im Foyer des Planetariums traf ich auf India, die gerade mit etlichen anderen Leuten aus Korridor C hinausgescheucht wurde. „Lass uns von hier verschwinden.“ Ich nahm ih- re Hand und zog sie zum Hinterausgang. Draußen angelangt, gingen India und ich über die Columbus Avenue in Richtung Zentrum. Da- bei kamen wir an einem Straßencafé und an Zei- tungskiosken mit den neuesten Schlagzeilen der Boulevardpresse vorbei: „Arzt entfernt überzähli-

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gen Kopf des zweiköpfigen Babys“. Das übliche Feierabendpublikum strömte an uns vorbei: Män- ner mit Aktentaschen und junge Frauen auf Inli- neskates. Fahrradboten mit Essenslieferungen traten wie verrückt in die Pedale. Auf dem Weg berichtete ich India, wie Mirsky und Congers sich gegenseitig an die Kehle gegan- gen waren. „Wenn du mich fragst, hatten beide einen Grund, Dr. Farr um die Ecke zu bringen. Aber nein, Dr. Gardner hält Tom für den Täter und obendrein für einen drogenabhängigen Dieb …“ „Hast du versucht, ihm das auszureden?“, un- terbrach mich India. „Ich habe gesagt, dass ich sein Szenarium für wenig glaubwürdig halte, vor allem, dass Tom für jedermann weithin sichtbar die Hände um Con- chettas Hals gelegt hatte. Das klingt so … arran- giert.“ „Ich glaube, wir kommen nicht weiter, ehe wir nicht mit Tom geredet und seine Sicht der Dinge gehört haben“, sagte India. „Die Augenzeugenbe- richte sind geradezu vernichtend für ihn.“ „Kann deine Mutter eine Erlaubnis für uns be- sorgen, dass wir Tom im Gefängnis besuchen dür- fen?“, fragte ich. „Vermutlich hat man ihn ins Un- tersuchungsgefängnis in der Centre Street ge- bracht.“

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„Bestimmt. Ein Anruf genügt. Mums Pokerrun- de hat vor kurzem einen Stadtrat und einen Staats- anwalt in ihre ehrwürdigen Reihen aufgenommen.“ „Wie praktisch!“ Mrs Riggs ist Gerichtsmedizinerin und extrem gesellig. Da sie mit halb New York befreundet ist, verfügt sie über die nötigen Kontakte, um so ziem- lich alles zu bekommen, was sie möchte. India und ich hatten bisher nur am Rande mit einem Mordfall zu tun gehabt – Mirsky hatte es erwähnt. Damals war eine Schaufensterdekorateu- rin getötet worden, als sie eines Abends im Kauf- haus Bloomingdale’s an einer neuen Dekoration arbeitete. Drei Tage lang waren tausende von Menschen an dem Schaufenster vorbeigepilgert, ohne sich darüber zu wundern, dass eine Frau zwi- schen all den Puppen im Schaufenster lag; India und ich hingegen hatten auf den ersten Blick er- kannt, dass sie tot war. Der Hauptgrund für unser Interesse an rätselhaf- ten Mordfällen ist Neugier. Ich kann nichts dage- gen tun, aber ich rieche sofort, wenn etwas faul ist. Mit den nüchternen Fakten kann ich meist besser umgehen als India. Sie hingegen kennt sich mit Psychologie aus und hat so was wie weibliche In- tuition. Wenn Gefahr im Verzug ist, spürt sie eine Art eiskalten Hauch auf ihrem Kopf und im Na- cken. Und sie weiß, warum Menschen tun, was sie

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tun. „Willst du heute Abend mit zum Essen kom- men?“, fragte India. „Mum bäckt ihre Spezialpiz- za.“ „Sagtest du nicht, dass sie den ganzen Tag Au- topsien vornimmt?“ „Ja, schon …“ „Dann passe ich lieber.“ India blieb stehen und stemmte die Hände in die Hüften. „Hey, meine Mum wäscht sich gründ- lich die Hände, bevor sie den Teig knetet. War’s das, worauf du hinauswolltest?“ „Natürlich nicht.“ Ich lachte und gab ihr einen Klaps auf den Rücken, so, als hätte ich nur Spaß gemacht. Aber das stimmte nicht. Ich begleitete India nach Hause. Wir diskutier- ten noch darüber, ob der inzwischen aufgegangene Mond zunehmend oder abnehmend war, dann verabschiedeten wir uns, und ich ging. „Morgen Früh um zehn an der U-Bahn“, rief ich noch über meine Schulter. Ich legte den ganzen Weg zum Lincoln Plaza, wo ich wohne, im Laufschritt zu- rück. Das Haus liegt am Broadway, Ecke 63. Stra- ße. Mein Vater und ich wohnen in der 16. Etage, in einem Vierzimmerapartment mit Blick auf die Chagall-Wandmalereien im Foyer des Lincoln- Center-Opernhauses gegenüber. Ich war kaum fünf Minuten zu Hause, als Tante

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Doris mit randvollen Einkaufstüten bepackt zur Tür hereingestürzt kam. Sie und Onkel John, der Fotograf bei der Zeitschrift National Geographic ist, wohnen fünf Etagen über uns. „Küsschen, Küsschen“, sagte sie und ging gera- dewegs in die Küche. Sie kauft ein und kocht für mich, wenn mein Dad auf Reisen ist. Während sie den Tisch deckte, redete sie wie ein Wasserfall. „Das Kalbfleisch gefiel mir heute gar nicht; stattdessen kriegst du Brathähnchen und eine Portion Cäsarsalat mit extra viel Käse. Das Obst ging einigermaßen, deshalb gibt’s rote Weintrauben und eine Honigmelone.“ Ihr Sprechrhythmus er- weckte manchmal den Eindruck, als spreche sie in Versen. „Danke, Tante Doris“, sagte ich. Bis ich mir die Hände gewaschen hatte, war das Hähnchen in der Mikrowelle gar gekocht und wartete schon auf mich. „Seit dein Onkel aus Australien zurück ist, treibt er mich zum Wahnsinn“, beschwerte sich Tante Doris, während ich an einem Hähnchenschenkel nagte. „Er tut nichts anderes mehr, als Dias zu rahmen.“ „Er muss tolle Aufnahmen gemacht haben“, er- widerte ich und wartete auf das Unvermeidliche. Ich weiß nicht, warum sie das tut, aber sobald das Essen serviert ist, bringt Tante Doris das Gespräch

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unweigerlich auf derart unappetitliche Dinge, dass Menschen mit empfindlichem Magen wie ich sich am liebsten übergeben würden. Ich wartete also schon darauf, was heute kommen würde. „Wusstest du eigentlich, dass Känguru und Emu auf Australiens Wappen sind? Na, ich nicht. Ich war völlig von der Rolle, als ich erfuhr, dass die Australier das einzige Volk auf der Welt sind, das seine nationalen Symbole kocht und isst“, erklärte Tante Doris. „Hast du schon mal so was Abscheu- liches gehört?“ Hätte ich da schon gewusst, was ich heute über Fall #1 weiß, dann hätte ich Tante Doris noch ein paar Dinge erzählen können, die viel abscheulicher waren.

Die Gräber

Am folgenden Morgen nahmen India und ich die U-Bahn in die Stadt zu den „Gräbern“ – der Na- me, unter dem das Gefängnis von Manhattan bei Polizisten und Verbrechern besser bekannt ist. „Ich wusste nicht, wie man sich für die Gräber anzieht“, sagte India schläfrig. „Man hört ja immer wieder, dass die Typen im Gefängnis wie wild los-

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brüllen und mit ihren Metallbechern gegen die Gitterstäbe schlagen, wenn sie eine Frau zu Gesicht bekommen. Ich wollte niemanden provozieren. Also Jeans und gelbe Bluse. Was hältst du davon?“ „Hannibal Lecter wäre begeistert“, frotzelte ich. Sie fand meine Bemerkung nicht besonders wit- zig. „Gestern Abend“, erzählte sie, „habe ich ver- sucht, Dad anzurufen – er ist doch zurzeit auf einer Konferenz in Oslo. Ich wollte ihn nach Tom fra- gen, aber ich konnte ihn nicht erreichen. Der Zeitunterschied – wahrscheinlich war er entweder arbeiten oder hat geschlafen. Ich versuch’s heute Nachmittag nochmal.“ Direkt am Gefängnis von Manhattan entstiegen wir dem U-Bahn-Labyrinth. Am Bordstein standen dicht an dicht Streifenwagen, und um den Kaffee- und-Brötchen-Stand scharten sich Grüppchen uni- formierter Beamter. Das Gefängnis von Manhattan lag gegenüber auf der anderen Straßenseite; seine fensterlosen Mauern aus orangenen Ziegelsteinen wurden von der Morgensonne grell angestrahlt. „Kannst du dir vorstellen, wie elend Tom sich da drin fühlen muss?“, fragte India. „Man sieht doch immer im Fernsehen und im Kino all diese Gefängnisse, in denen es von Ratten nur so wim- melt; und in den Blechnäpfen, in denen das Mit- tagessen ausgegeben wird, schwimmt ein einzelnes Eigelb in der dünnen Suppe wie ein Augapfel. Und

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erst die Gewalt …“ „Wenn man in den Knast geschickt wird, muss man sich auf einiges gefasst machen“, sagte ich. „Tom hat bestimmt große Angst.“ Mit heulender Sirene brauste ein Rettungswa- gen vorbei, als India und ich das Gebäude betraten. Der Sicherheitsbeamte am Empfang schickte uns durch einen Metalldetektor. Anschließend tastete er mich ab. Prompt schoss auch eine Polizistin aus einer Nische hervor wie der Vogel aus einer Ku- ckucksuhr, um India zu filzen. „Wir möchten Tom Boggs besuchen“, sagte ich. Einer der Beamten, der aussah wie ein Profi- Ringer nach einer Überdosis Muskelaufbauhormo- ne, wies uns an, uns in ein Buch einzutragen. Wir mussten uns kleine Plastikausweise anstecken, dann wurden wir an mehreren Büros vorbei durch einen langen Korridor geführt. Am Ende des Flurs öffnete ein hoch gewachsener Aufseher eine Metalltür mit einem kleinen kugelsicheren Fenster. Der Muskel- mann schloss eine weitere Tür auf und brachte India und mich in einen großen, rechteckigen, vergitter- ten Raum. In der Mitte stand ein langer Stahltisch mit einem halben Dutzend massiver Holzstühle. „Er wird gleich gebracht“, sagte der Polizist und bedeutete India und mir, uns an den Tisch zu set- zen. „Ihr habt fünf Minuten.“ Er nahm sich einen

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Stuhl mit in die Glaskabine am anderen Ende des Raums. So waren wir wenigstens einigermaßen ungestört. Das Erste, was ich von Tom sah, war der Umriss einer mageren, großen Gestalt, die durch den Kor- ridor auf unseren Käfig zuhinkte. Durch die vergit- terten Fenster in seinem Rücken blendete mich die Sonne. Ein Aufseher mit Pferdeschwanz hielt Tom am rechten Arm und half ihm, sich mit mitleider- regend kleinen Schritten fortzubewegen. Seine Hände waren offensichtlich mit Handschellen auf den Rücken gefesselt. Bei Toms Anblick lief mir ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Wir mussten alles tun, was in unserer Macht stand, um ihn hier so schnell wie möglich wieder rauszuholen. „Tja, ich schätze, wenn wir wahre Freunde für Tom sein wollen, dann müssen wir Zahnpasta spie- len“, sagte ich. India starrte mich an, als ob sie es mit einem Wahnsinnigen zu tun hätte. „Wir müssen uns so klein machen, dass wir uns durch die engsten Lücken quetschen können“, erklärte ich. Der Aufseher öffnete die Gittertür und brachte Tom an den Tisch. Er schloss eine der Handschel- len auf, dann führte er die Kette durch einen di- cken Metallring, der am Tisch befestigt war, und

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sperrte sie wieder zu. „Hallo Tom“, sagte India, als sie und ich uns auf die Stühle setzten, die ihm am nächsten standen. „Tut mir Leid“, erwiderte Tom nur. Seine Au- gen waren gerötet, seine Hände zitterten. Er war kaum wiederzuerkennen, so eingefallen war sein Gesicht, was seine leicht vorstehenden Zähne noch mehr hervortreten ließ. Er sah aus, als würde er jeden Moment in Tränen ausbrechen. An seinem linken Ohr trug er einen Silberohrring, und man hatte ihm auch erlaubt, das kleine Kreuz an der goldenen Halskette zu behalten. „Was ist passiert?“, fragte ich. Tom rutschte auf seinem Stuhl herum. Es dauerte eine Weile, bis er sprechen konnte. Sein Kinn zitterte. „Ich erinnere mich nicht.“ India und ich schauten einander an. Dann wandte ich mich wieder Tom zu und betrachtete ihn eingehend. „Wie kann das sein?“ Tom runzelte die Stirn. Es schien, als bereite es ihm Mühe, einen klaren Gedanken zu fassen. „Sie behaupten, ich hätte Dr. Farr getötet“, sagte er. „So was könnte ich nie tun. Ich weiß genau, ich könnte so was niemals tun …“ Er verstummte. „Zeugen haben gesehen, dass du die Hände um ihren Hals gelegt hattest, Tom“, sagte India sanft. Tom begann zu husten. Einer der Aufseher brachte ihm einen Pappbecher mit Wasser. „Ich

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erinnere mich nicht mehr, von dem Moment an, als ich … als ich im Foyer gefegt hab …“, stieß Tom hervor. „Ich weiß noch, ich hielt den Besen in der Hand. Dann sah ich plötzlich Dr. Farrs Ge- sicht vor mir. Ihre Augen. Die waren wie aus Glas. Wie gefroren. Max nahm meine Hände von ihrem Hals. Ich kann nicht verstehen, wieso ich ihr weh- getan haben soll. Wieso sollte ich so was tun?“ „Genau das wollen wir ja herausfinden“, sagte ich. „Wer füttert jetzt Aristoteles, die große Taran- tel?“, fragte Tom. „Wer kümmert sich um all ihre Insekten? Sie hat sie so geliebt …“ Er verstummte wieder. „Wir sorgen dafür, dass ihnen jemand Wasser und etwas zu fressen gibt“, versprach India. „Mach dir keine Sorgen.“ „Dr. Farr war großartig. Sie war immer freund- lich zu mir“, sagte Tom traurig. „Sie hat mir manchmal die Hälfte ihres Sandwiches abgegeben. Sie fragte mich immer, wie es mir geht – wie eine Mutter …“ Plötzlich war ein schriller Aufschrei zu hören. „Geht weg von ihm! Weg mit euch! Lasst ihn in Ruhe!“ India und ich fuhren herum. Wir sahen, wie ei- ner der Aufseher eine Frau aufzuhalten versuchte – dürr wie eine Bohnenstange, ein Gesicht so ver-

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schrumpelt wie ein getrockneter Apfel. Es war Toms Mutter. Sie kam hin und wieder in der Mit- tagspause ins Museum, um Tom zu besuchen und ihm Sandwiches und Cola zu bringen. „Ihr werdet von seinem Anwalt hören, und ob ihr von ihm hören werdet, oh ja!“, schrie Mrs Boggs. Der muskelbepackte Aufseher kam auf uns zu. „Ihr müsst jetzt gehen.“ Mrs Boggs blieb dicht vor uns stehen und brüll- te: „Ihr handelt ihm nur Scherereien ein, oh ja. Er wäre nicht hier, wenn du und dein Vater, der Psy- chologe, euch nicht eingemischt hättet“, giftete sie India an. Dann wirbelte sie zu mir herum. „Aber ihr konntet uns ja einfach nicht in Ruhe lassen. Ich war immer dagegen, dass er im Museum arbeitet. Ihr tut so großmütig, aber wir brauchen eure Al- mosen nicht!“ „Es tut uns Leid, Mrs Boggs“, sagte ich. Einen Moment lang hörte ich das Echo der Stimme mei- ner Mutter – die Leidenschaft, mit der sie mich in den Straßen von New York gegen jeden Übergriff verteidigt hatte. Als meine Mum noch lebte, hatte sie immer hinter mir gestanden, selbst wenn ich im Unrecht war. Zu gegebener Zeit erklärte sie mir dann zwar, was ich falsch gemacht hatte, aber so- lange Gefahr von einem wutschnaubenden Taxi- fahrer oder sonst jemandem drohte, kämpfte sie wie eine Löwin. Der gleiche Instinkt sprach jetzt

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aus Toms Mutter. „Wir wollten Tom und Ihnen doch nur hel- fen“, rief India, während sie und ich zum Ausgang bugsiert wurden. „Ich hab sie nicht getötet. Ich weiß, dass ich es nicht war! Ich weiß, dass ich sie nicht getötet hab!“, schrie Tom uns noch nach. Seine Stimme hallte von den Wänden wider wie Schreie in einer Schulsporthalle. Ich schüttelte noch den Kopf, als India und ich wieder auf dem sonnenbeschienenen Platz standen. „Oh Gott“, stöhnte sie. „Seine Mutter ist ja to- tal durchgeknallt.“ „Ganz bei Trost ist sie nicht, aber im Grunde will sie Tom nur beschützen. Als Putzfrau im Em- pire State Building verdient sie einen Hungerlohn, und Tom hat ihr geholfen, für die Miete aufzu- kommen. Sie muss ganz schön verzweifelt sein. Welche Mutter würde nicht ausrasten, wenn ihr Sohn verhaftet wird, weil er angeblich jemanden umgebracht hat?“ „Sie könnte psychopatisch sein“, gab India zu bedenken. „Und Tom ebenfalls. Er könnte gene- tisch vorbelastet sein. Kaum zu glauben, dass dies die schüchterne ältere Dame sein soll, die wir vor einem Jahr kennen gelernt haben. Sie war meinem Dad so dankbar, weil er Tom behandelt hat, so dankbar, weil ihr Sohn den Job im Museum be-

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kommen hatte. Und jetzt springt sie im Dreieck.“ „Das legt sich bald wieder“, sagte ich, während wir das Gefängnis hinter uns ließen. „Wohin gehen wir?“, erkundigte sich India. „Nach Chinatown. Es ist Mittag. Ich spendier dir ein Essen.“ „Klingt schon viel besser …“ „Und danach müssen wir zum Leichenschau- haus. Ich denke, wir sollten uns mal mit deiner Mum unterhalten. Vielleicht könnte sie Toms Blut auf Medikamente testen, und vielleicht liegen auch schon ein paar Daten zur Autopsie Dr. Farrs vor.“ India blieb urplötzlich in einem Fleck aus Son- nenschein stehen. „Quentin“, sagte sie, „Tom hat niemanden umgebracht. Ich bin mir ganz sicher.“ „Ein kalter Hauch am Kopf und im Nacken?“ „Eiskalt.“

Shrimps und Leichenschauhaus

Um ins Herz von Chinatown zu gelangen, brauch- ten wir nur wenige Straßenzüge zurückzulegen. In der Mott Street legte ich einen Zahn zu, um mög- lichst schnell dem Geruch und dem Anblick der Stände mit großen Eimern voller Krebse und Bar-

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sche zu entkommen, die noch in dem seichten Wasser zuckten. Die Käufer begutachteten auf den Gehwegen Erbsenschoten, Hühnerfüße, krause Kohlköpfe und von Stangen herabbaumelnde Brat- enten mit verdrehten Hälsen. Ich weiß ja nicht, wie ihr darüber denkt, aber ich finde, wir sollten einen Verein zum Schutz von Geflügel, Fischen und Krustentieren gründen und Gesetze gegen Ameisen in Schokolade und in Knoblauchbutter gedünstete Schnecken erlassen. „Das Lieblingslokal meines Dads ist die Nom-Wah-Teestube“, sagte India. „Seiner Ansicht nach ist eine tägliche Dosis Shrimps mit Hummersoße die beste Medizin gegen Stimmungsschwankungen.“ „Dein Dad hat einen ganzen Haufen interessan- ter Theorien.“ Wir betraten den Peking-Garten und setzten uns an einen Tisch in der Nähe des Fensters, durch das man das Gewimmel der Fuß- gänger beobachten konnte. Die chinesischen Kell- nerinnen kamen bereits mit ihren Wägelchen mit in Schinken gewickelten Shrimps, Vanilletörtchen und großen zuckerbestäubten Fleischbällchen zu uns, als India über ihr Handy ihre Mum anrief. Wir verabredeten einen Termin mit ihr im Leichen- schauhaus gleich nach dem Essen. „Was hältst du denn davon?“, fragte ich. India wusste, dass ich nicht das Essen meinte. „Toms Verhalten war merkwürdig, so, als stünde

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er unter Schock. Er war viel zu durcheinander, um zu lügen. Aber das Wichtigste ist: Er hatte kein Motiv. Viele andere aus dem Museum aber schon.“ „Er ist überzeugt, dass er sie nicht ermordet hat.“ Ich nahm noch ein Schälchen mit Shrimps von dem Servierwägelchen. „Zumindest erinnert er sich wohl nicht daran, sie getötet zu haben. Des- halb frage ich dich: Was für ein Mensch würde sich nicht daran erinnern, dass er jemanden erdrosselt hat – in was für einem Zustand müsste er sein?“ „Vielleicht jemand, der unter Schock steht …“ India schob sich eine große Gabel voll Fleischbäll- chen in den Mund. „… oder jemand der hypnoti- siert wurde.“ „Volltreffer.“ „Aber man begeht unter Hypnose kein Verbre- chen, das man nicht auch im Wachzustand bege- hen würde“, wandte India ein. „Nicht unbedingt. Es gab schon Fälle, da haben Menschen einen Mord begangen, ohne zu wissen, was sie taten. Ich habe mal von einer Frau gelesen, der unter Hypnose befohlen wurde, ihren Vater zu töten. Sie wurde so programmiert, dass sie jedes Mal, wenn er ihr Essen lobte, noch ein bisschen Salz auf seinen Teller streute – nur dass in Wahr- heit Arsen im Salzstreuer war.“ „Oh, ja. Ich erinnere mich daran“, erwiderte India. „Aber ich glaube, es war Zyanid.“

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„Kommt aufs Gleiche raus“, sagte ich. „Aber jemanden zu erdrosseln ist ein ganz anderes Paar Schuhe.“ India nahm ihre Sonnenbrille ab und sah mich nachdenklich an. „Was ist denn nun – glaubst du, dass Tom hypnotisiert wurde, oder nicht?“ „Vielleicht ja, vielleicht nein. Man könnte Tom einer Gehirnwäsche unterzogen haben. Es gibt sogar Chemikalien, die die gleiche Wirkung erzie- len, Drogen, von deren Wirkungsweise nur einige wenige Eingeweihte wissen. Universitätsprofesso- ren zum Beispiel, Archäologen und …“ „Leute, die in einem Museum arbeiten“, er- gänzte India. „Die Leute, die Dr. Farr den Tod gewünscht haben könnten.“ „Und deshalb verduften wir jetzt von hier“, schloss ich, wischte mir den Mund mit einer Pa- pierserviette ab und bat um die Rechnung. Draußen auf der Straße holte India ihr Handy heraus und rief nochmal ihre Mum an, um zu fra- gen, ob sie Toms Blut auf ungewöhnliche Substan- zen testen könne. Wir gingen ins Stadtzentrum zurück, vorbei an Wolkenkratzern und Hotdog- Ständen. Im Leichenschauhaus brachte uns ein As- sistent zum Büro des Chefpathologen. India und ich mussten uns gedulden, während Mrs Riggs, Indias Mum, noch ein paar Büroarbeiten erledigte. „Wie viele Leichen haben Sie normalerweise

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hier?“, fragte ich, als Mrs Riggs sich an dem Be- cken in ihrem Büro die Hände wusch. India war zum Damenklo auf dem Flur gegangen. „Im Moment liegen drüben gut 60 Stück auf Eis.“ Geschickt legte sie Instrumente aus rostfreiem Stahl, Skalpelle und Knochensägen in ein Sterilisa- tionsgerät. „In der Regel kriegen wir etwa zehn Tote täglich rein.“ „Und wie viele davon sind Mordopfer?“ „Rund die Hälfte, würde ich sagen. Die meisten Menschen glauben, dass die überwiegende Zahl von anonymen Killern niedergestreckt wird. Aber dem ist keineswegs so. Die meisten Opfer gehen auf das Konto eifersüchtiger Ehemänner, habgieri- ger Ehefrauen oder Kinder – Mörder im Schoße der eigenen Familie. Gewöhnlich geht es um Geld oder Rache.“ „Wie entsetzlich!“, sagte ich. „Klingt wie in ei- nem schlechten Film.“ „So ist es“, sagte Mrs Riggs. Mrs Riggs verbot allen, sie mit „Doktor“ an- zusprechen; sie zog „Mrs Riggs“ oder einfach „Kim“ vor. Sie war Mitte 40, groß, auffallend breitschultrig und hatte vorzeitig ergrautes langes Haar. „Ganz im Vertrauen“, fuhr sie fort, „wir haben die Autopsie von Dr. Farr bereits abgeschlossen. Die Untersuchung hat nichts Ungewöhnliches er-

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geben. Und das Labor hat bereits die Routinetests auf Drogen an einer Blutprobe von Tom durchge- führt. Negativ für Gras, Koks und Alkohol. Wie du weißt, ist das alles, was die Tests in der Regel ab- decken. Nach Indias Anruf habe ich mir von mei- nem Assistenten gleich den Rest der Probe bringen lassen, damit wir das Blut in einem speziellen Gerät auf anderweitige Substanzen untersuchen können.“ Das Desinfektionsgerät begann zu dampfen. Es sah etwa so aus wie ein Dampfkochtopf von der Größe einer Badewanne. Durch die Sichtscheibe des Büros konnte ich einen anderen Gerichtsmedi- ziner im Kühlraum beobachten, wie er auf einem der ausziehbaren Blöcke Leichenteile untersuchte. Mrs Riggs rückte den alten Filzhut zurecht, den sie stets trug. Der Hut hatte ihrem Vater, einem der angesehensten Pathologen von New York, gehört. India kam zurück, und Mrs Riggs ging voran durch den Korridor in ein anderes Labor. In den hohen Regalen standen alle erdenklichen Präparate, von Fläschchen mit verschiedenfarbigen Flüssigkei- ten und einem Behälter für Säure bis zu in Gläsern eingelegten menschlichen Organen. In der Mitte des Raums befand sich eine längliche Insel aus schwarzem Granit mit mehreren Becken, Kupfer- armaturen und einer Ansammlung von Gashähn- chen, die aussahen wie Hände aus Stahl. Ich be- merkte ein großes Elektronenspektroskop in einer

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Ecke des Raums. Ein alter Chinese in weißem Kit- tel wartete auf uns. „Dies ist Dr. Chin“, sagte Mrs Riggs zu India und mir. „Ein Fachmann auf dem Gebiet der Ge- richtsmedizin und der analytischen Chemie – und der wohl angesehenste Experte in analytischer Spektroskopie im ganzen Land.“ Dr. Chin lächelte nur. Dann wandte er sich ei- ner einen Meter hohen Glassäule zu, angefüllt mit mehreren Schichten von spezialangefertigtem Gel und behandeltem Papier. Auf ein Nicken von Mrs Riggs goss er den Inhalt einer Flasche oben in die Säule. „Er hat gerade ein Lösungs- und Kontrastmittel in Toms Blutprobe gegeben“, erklärte Mrs Riggs. „Die verschiedenen Bestandteile des Bluts werden von einzelnen Gel- und Papierschichten aufge- nommen. Auf diese Weise wird eine Art Fingerab- druck der im Blut enthaltenen Stoffe erstellt.“ Mrs Riggs zeigte zur Spitze des Geräts. Dort bildeten sich bereits deutlich unterschiedene Schichten. „Was wir jetzt sehen, sind die normalen Bestandteile des Bluts – Wasser, Blutfarbstoff, Ei- sen.“ Langsam fuhr sie mit dem Finger über die Außenseite des Zylinders. „Plasma-Anteile … Fette …“ Plötzlich stutzte Mrs Riggs. Sie trat näher an die Säule heran und rückte ihre Nickelbrille zurecht.

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„Was ist denn?“, fragte ich. „Ich bin nicht ganz sicher …“ „Was ist?“, wollte auch India wissen. „Wir müssen erst das Ende der Untersuchung abwarten“, sagte Mrs Riggs, „aber da ist etwas, das Dr. Chin sich genauer unter dem Elektronenspekt- roskop ansehen sollte.“ Als die Prozedur abgeschlossen war, legte Dr. Chin den Zylinder auf den Labortisch und entnahm einer der Schichten eine Probe, gab sie auf ein Glasplättchen und schob dieses in den Pro- benhalter des Spektroskops. Konzentriert über das Gerät gebeugt drehte er an mehreren Knöpfen he- rum. Dann gab er einen Druckbefehl ein, um das Ergebnis der Auswertung zu erhalten. Den Aus- druck reichte er Mrs Riggs. „Ist Tom herzkrank?“, fragte Mrs Riggs. „Mein Mann hat gar nichts davon erwähnt. Hat er ir- gendwelche Herzmittel eingenommen?“ Ich schaute India an. „Nein“, sagte India. „Dad hat mich mal gebe- ten, Toms Rezepte einzulösen, daher weiß ich es genau.“ „Was haben Sie gefunden?“, fragte ich Mrs Riggs. „In Toms Blut sind Spuren eines sehr starken Medikaments, eines so genannten Adrenorezep- tors“, sagte Mrs Riggs. „Allgemein bekannt unter

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dem Namen Betablocker.“ „Ach …“, sagte ich. „Aber dieses Mittel hier ist sehr selten. Es ist ei- nes der wirksamsten Medikamente seiner Art – und es war in einer extrem hohen Konzentration in Toms Blut. Eine so hohe Dosis würde man nur dann verschreiben, wenn eine lebensbedrohliche Krankheit vorliegt, zum Beispiel ein Loch in der Herzwand.“ „Könnte dieser Betablocker dazu geführt haben, dass Tom gewalttätig geworden ist?“, fragte ich. Mrs Riggs schüttelte den Kopf. „Nein. Dieses Medikament hat eine eher dämpfende Wirkung. Es könnte erklären, warum er bei seiner Verhaftung einen so abwesenden Eindruck machte. Bestimmte Betablocker werden auch als Beruhigungsmittel eingesetzt, um bei Schauspielern oder Rednern Angst und Lampenfieber zu verringern.“ „Könnte man einen Patienten, der dieses Medi- kament einnimmt, leichter hypnotisieren?“, fragte India. „Ihn leichter kontrollieren?“ „Komische Frage“, sagte Mrs Riggs. Dr. Chin nickte ihr zu. „Unter diesem Gesichtspunkt habe ich noch nie darüber nachgedacht“, fuhr sie fort, „aber denkbar wäre es, ja. Je entspannter ein Mensch ist, umso leichter ist es, ihn in einen Hyp- nosezustand zu versetzen. Aber das ist in diesem Fall eine ziemlich gewagte Theorie, ihr zwei,

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meint ihr nicht auch?“ „Aber nicht völlig auszuschließen“, sagte ich. „Nein“, gab Mrs Riggs zu, „nicht völlig auszu- schließen. Mir ist klar, dass euch die ganze Sache nicht geheuer ist, aber die Polizei wird stur von der simplen Tatsache ausgehen, dass Tom von Zeugen gesehen wurde. Spuren eines nicht verordneten Medikaments in seinem Blut werden ihn nicht entlasten. Es wäre durchaus denkbar, dass er den Medizinschrank eines Bekannten geplündert hat.“ „Ich glaube nicht, dass das die Erklärung ist“, widersprach ich. Klar, ich dachte automatisch an den seltsamen Typen, den Gardner mir im Park gezeigt hatte. Aber India oder ich hätten es be- merkt, wenn Tom drogensüchtig gewesen wäre. „Ich glaube, irgendjemand hat Tom dieses Medi- kament eingeflößt und ihn so dazu gebracht, Dr. Farr zu töten – oder er hat zumindest den Ein- druck erweckt, dass Tom der Mörder wäre.“ „Hm.“ Mrs Riggs dachte kurz nach. „Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll, außer … Dieses Ge- fühl, das ihr da habt, diese Ahnung … Mein Vater hätte gesagt: ‚Folgt eurem Instinkt, wohin auch immer er euch führen mag.‘“ „Ja, das werden wir tun.“ Das Signal des Desinfektionsgeräts ertönte. Mrs Riggs verließ das Labor, und India und ich folgten ihr. „Seid vorsichtig“, sagte sie und hob die Hand,

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damit wir dem dampfenden Bottich nicht zu nahe kamen. Unter ihrem alten Filzhut blickte sie etwas besorgt ihre Tochter an. „Ganz besonders vorsich- tig, hört ihr?“

Verräterische Spuren

Am Samstagabend um acht rief India an, um mir genauere Angaben zu der Chemikalie in Toms Blut zu übermitteln. Ein zweites verfeinertes Testverfah- ren hatte ergeben, dass der Betablocker mit Spuren eines natürlichen roten Farbstoffs versetzt war. „Henna“, sagte India. „Das ist der Name des Farbstoffs – er stammt aus Afrika und wird oft in Haarfärbemitteln benutzt.“ Ich saß an meinem Schreibtisch und hatte den Hörer des schnurlosen Telefons zwischen Kopf und Schulter geklemmt. So hatte ich beide Hände frei, um Notizen in meinen Computer einzugeben. „Und was bedeutet es, dass Spuren von Henna gefunden wurden?“ „Dr. Chin sagt, dass das Medikament wahr- scheinlich in Ägypten oder Marokko gekauft wur- de“, berichtete India. „Henna wird vor allem in Ägypten angebaut; die meisten nordafrikanischen

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Kaufleute führen es. Dort drüben kann man fast jedes Medikament frei kaufen – du weißt schon, ohne Rezept. Jede noch so winzige Apotheke hat starke Arzneien im Angebot: Gifte, Aufputschmit- tel, Beruhigungsmittel – was immer das Herz be- gehrt. Und dort gehen traditionell auch Haarfär- bemittel über den Ladentisch. In den Verkaufsräu- men steht Henna vermutlich direkt neben starken Medikamenten. Man kann wohl davon ausgehen, dass praktisch in jedem Produkt, das dort erhältlich ist, Spuren von Henna zu finden sind.“ „Ein nützlicher Hinweis“, murmelte ich nach- denklich. „Finde ich auch. Und gerade hat mein Dad an- gerufen. In Oslo ist früher Morgen. Er hat bestä- tigt, dass er Tom nur ein einziges Medikament ver- schrieben hat, eine ganz niedrige Dosis Zoloft, ein Antidepressivum. Er kann sich nicht erklären, wie Tom an diesen starken Betablocker gekommen sein soll. Er fand es mehr als verwunderlich.“ India hol- te tief Luft. „Hast du deinen Vater auch nach der Hypnose gefragt?“, erkundigte ich mich. „Na klar. Ich hatte mir schon gedacht, dass du daran interessiert sein würdest. Ich musste einen Crashkurs ‚Hypnose‘ über mich ergehen lassen. Er sagt, Hypnose sei schwer zu definieren. Früher sagte man ‚künstlicher Schlaf‘ dazu. Es gibt sie seit der An-

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tike.“ „Religiöse Ekstase und Trance?“, warf ich ein. „Genau. Dad sagt, mindestens einer von vier Menschen kann hypnotisiert werden. Drogen, Ent- spannungsmittel, Gegenstände, die Licht reflektie- ren – all das kann helfen, jemanden in diesen Zu- stand zu versetzen. Manche Leute können sogar gegen ihren Willen hypnotisiert werden.“ „Also könnte Tom tatsächlich völlig ahnungslos sein. Vielleicht hat er nicht den blassesten Schim- mer, was man mit ihm angestellt hat.“ „Dad hat mir verrückte Geschichten erzählt – zum Beispiel wie einmal ein ganzes Fernsehpubli- kum vom Studio aus hypnotisiert wurde. Die Au- gen fallen einem zu. Man sagt den Leuten, sie sol- len dem Rhythmus des eigenen Atems folgen. So- gar Blinde und Gehörlose können hypnotisiert werden. Ist das nicht irre? Und noch was: Men- schen, die um jeden Preis geliebt werden wollen, sind am anfälligsten für Hypnose.“ „Das passt auf Tom“, warf ich ein. „Außerdem hat jede volle Stunde Igor Kazinski bei mir angerufen. Er will wissen, ob wir drei uns am Montag treffen können, um uns das Halsband des Ganesh im Museum anzusehen.“ „Als ich nach Hause kam, war auch schon eine Nachricht von ihm auf meinem Anrufbeantwor- ter“, sagte ich. „Was für eine Nervensäge!“

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„Mann, bist du heute boshaft. Wir sollten ihm zumindest eine Chance geben. Er gibt sich wenigs- tens Mühe für unser Ethnoprojekt, und auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.“ „Du hörst dich schon wie meine Tante Doris an.“ India musste lachen. „Hör zu, ruf doch bitte Jesus an, und erzähl ihm von dem Betablocker und dem Henna in Toms Blut und von unserer Hypnosetheorie“, sagte ich. „Sag ihm, dass wir glauben, es handle sich höch- stens um einen Fall von Anstiftung zum Mord. Tom ist eindeutig aufs Kreuz gelegt worden. Ich überprüfe derweil die Nordafrika-Connection im Computerarchiv des Museums. Mal sehen, wer von den Angestellten sich schon mal mit Hypnose beschäftigt hat. Mit Voodoo, Tarot und dem gan- zen abgedrehten Kram.“ „Na gut“, sagte India. „Aber dass Tarot abge- drehter Kram ist, finde ich nicht.“ „Ich nehm’s zurück. Entschuldige – ich kann kaum noch klar denken. Es ist schon spät, und ich bin ziemlich müde.“ „Und gereizt.“ „Du hast Recht. Tut mir Leid. Nächste Woche kannst du mich gerne umfassend über Tarot aufklä- ren.“ „Entschuldigung angenommen“, sagte India.

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„Übrigens fällt mir da noch eine medizinische An- wendung der Hypnose ein, die Dad erwähnt hat. Die solltest du kennen.“ „Ich bin ganz Ohr.“ „Es geht darum, an das Unterbewusstsein eines Menschen heranzukommen“, erläuterte India. „Also – man hypnotisiert die Person und sagt ihr, sie sitze in einem abgedunkelten Kinosaal und schaue sich einen Film an, in dem sie selbst die Hauptrolle spielt.“ „Und was dann?“ „Na ja, die Person sieht sich eine Weile den Film an, wie die Figur, die sie verkörpert, sich so verhält. Dann wird dem Betreffenden befohlen, hinter die Leinwand zu gehen. Dort könne er erfahren, was ihn zu seinem Verhalten veranlasst habe. Und es funktioniert tatsächlich! Die Leute glauben, dass alles, was sie im Film gesehen haben, wirklich ihnen passiert ist.“ Sie schwieg kurz. „Überleg nur mal, wie Tom sich fühlen muss, wenn er heute Abend schlafen geht. Rundherum Gitter. Das harte Bett. Ein Kissen, das nach Desinfektionsmitteln riecht und eine Brutstätte für Läuse ist.“ „Wir müssen unbedingt beweisen, dass er un- schuldig ist, und ihn da rausholen“, sagte ich. „Wir müssen es einfach schaffen.“ Nachdem ich aufgelegt hatte, ging ich in die Küche, schüttete Cornflakes in eine Schale und goss mir ein Glas Milch ein. So gehe ich abends am

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liebsten ins Bett, mit Milch und einem Snack aus Getreideflocken, Pistazien oder Käsestangen. Tante Doris hatte zwar eine gefüllte Aubergine gebracht, Artischocken mit sonnengetrockneten Tomaten und einen Becher Schokoeis, mir stand der Sinn jedoch eher nach Knabberzeug. Außerdem war mir der Appetit vergangen, als sie mir vorhin erzählt hatte, dass in den Restaurants von Hongkong Jahr für Jahr tausende von Bernhardinern auf den Teller kommen und aus dem Fell der Tiere Pantoffeln hergestellt werden. Ich aß im Bett und spielte eine Zeit lang auf meiner Playstation Resident Evil 3: Nemesis. Ich dachte, ich würde noch vor Mitternacht einschlafen, hatte aber zu viele neue und wichtige Informationen zu sortieren. Die Hälfte der 200 Beschäftigten des Museums war mehrere Monate im Jahr auf Reisen. Ich überschlug, dass sich wenigstens ein Dutzend von ihnen in den letzten sechs Monaten in Ägypten oder Marokko aufgehalten hatten, wenn auch nur zum Auftanken des Fliegers oder um in eine andere Maschine umzusteigen. Ich bin oft genug mit mei- nem Dad um die Welt gereist, um zu wissen, dass es selbst im schäbigsten, kleinsten Flughafen eine Apo- theke gibt. Mein Kumpel Jesus – ein Computerge- nie allerersten Ranges – würde alles, was ich morgen dazu herausfand, routinemäßig überprüfen. Ich schloss die Augen und ließ noch einmal die

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Ereignisse des heutigen Tages Revue passieren – Stoff für meine Träume. Der bisherige Zwischenstand: Dr. Farr war er- drosselt worden. Tom hatte kein Motiv, die Hälfte der Belegschaft des Museums dagegen schon. Dem Mörder von Conchetta Farr war es gelungen, Tom unter starke Medikamente zu setzen und zu mani- pulieren. Brutal und aalglatt, wie er war, glaubte er, ungestraft davonkommen zu können. Ich rekapitulierte noch einmal die Auseinander- setzung zwischen Dr. Mirsky und Dr. Congers und dachte, dass India und ich noch so manches Alibi würden abklopfen müssen. Die Polizei würde kein Interesse daran haben, Alibis zu überprüfen, da für sie ja bereits feststand, dass Tom der Täter war. Zwischen Traum und Schlaf sah ich eine riesige glitzernde Echse vor mir, einen hässlichen Drachen mit dem Kopf eines Menschen. Ein giftiges Reptil, das sich durch Treppenhäuser und Korridore des Museums schlängelte und höhnisch lachte. Was der wahre Mörder von Dr. Farr nicht wusste: Wenn India und ich uns in etwas verbei- ßen, dann lassen wir nicht so schnell locker, genau- so wenig wie ein Bullterrier.

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Megabytes gegen Mord

Am nächsten Morgen – es war Sonntag – be- schloss ich, ins Museum zu gehen und herauszu- finden, wo sich Congers, Mirsky und all die ande- ren, die Dr. Farr gehasst hatten, zum Zeitpunkt des Mordes aufgehalten hatten. India rief an. Sie wollte mit ihrer Mutter zur Frühmesse in der Ka- thedrale St. John the Divine gehen. Danach wür- de sie so schnell wie möglich ins Museum nach- kommen. Ich nahm den Weg am Central Park entlang. Eine grell geschminkte ältere Frau führte einen Windhund aus, der einen Pelzumhang trug. Ein Mann in violettem Overall mit einem Bart wie Rasputin und einem Turban aus Federn lief hinter den Pferdewagen, die Touristen durch den Park kutschierten, her und sammelte eifrig die Pferdeäp- fel auf, um sie später als Dünger für eingetopfte Azaleen und Feigenbäume an die Besitzer der nob- len Penthouse-Wohnungen zu verkaufen. Wie gewöhnlich rannten ein paar furchtlose Ratten durch den Central Park, um von einer Mülltonne zur nächsten zu gelangen. Als das Museum in Sicht kam, überquerte ich die Straße und mischte mich in den morgendlichen Strom aus Studenten und Touristen, die die Stufen

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zum Eingang des Museums erklommen. Drinnen stand Patience Griffin, Max’ kräftiger, breitschultri- ger Assistent, an der Tür des Sicherheitsbüros. „Hey, Patience, was läuft?“, fragte ich zur Be- grüßung. „Hier geht’s immer noch zu wie im Irrenhaus“, sagte Patience. „Die Polizei knöpft sich die ganze Belegschaft des Museums vor, um Aussagen aufzu- nehmen.“ Ich wusste, es war reine Routine für die Polizei, Leute zu befragen. Sie mussten Informationen sammeln, die vor Gericht gegen Tom verwendet werden konnten, um zu entscheiden, ob er den Mord an Dr. Farr eiskalt geplant hatte oder ob es sich um die Tat eines Geisteskranken handelte. Die Medikamente in Toms Blut waren für die Polizei offenbar belanglos – noch. „Und Gardner hat einen Teil des Personals oben in der Ausstellungshalle der Mineralien versammelt, um die Abläufe für die Museumsgala zu proben“, fuhr Patience fort. „Offenbar reicht ein Würger allein nicht aus, um die Gala zu stoppen.“ „Scheint so“, sagte ich. „Hey, Quentin! Hey!“, rief eine einschmei- chelnde Stimme. Das konnte nur ein Albtraum sein! Doch als ich mich umdrehte, sah ich wirklich Igor Kazinski durch die Menge auf mich zukom- men.

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„Was ist denn jetzt schon wieder?“, fragte ich. Die untere Hälfte von Igors Gesicht war ein einziges Grinsen. Er hatte zwar einen normal gro- ßen Körper, aber sein Schädel war lang gestreckt und eckig wie ein Pferdekopf. Seine Haare sahen aus wie nass verklebte Baumwollbüschel. „Ich hatte gehofft, wir könnten mit unserem Referat über Ganesh anfangen. Könntest du es nicht arrangieren, dass wir vorab einen Blick auf die Halskette werfen dürfen?“, sprudelte Igor los. „Du weißt doch, die Leihgabe aus Indien, die noch keiner zu Gesicht bekommen hat. Vielleicht könn- ten wir ein Foto davon machen. Ist das ein cooler Vorschlag, oder ist das ein cooler Vorschlag?“ „Völlig unmöglich“, sagte ich. „Bis zur Gala wird das Halsband im Tresor unter Verschluss ge- halten. Niemand darf es sehen.“ „Ach, komm schon“, bettelte Igor. „Du könn- test doch deinen Vater bitten, ein paar Fäden zu ziehen. Im letzten Halbjahr hast du diese supertol- len Museumsskizzen von mittelalterlichen Rüstun- gen und das irrsinnig witzige Foto von India, ein- gespannt in einer Folterbank, eingereicht. Für sol- che Extras lässt Miss Conlan immer die besten No- ten springen.“ „Mein Vater ist auf Sumatra.“ „Dann schick ihm eine E-Mail, dass er sich im Museum melden soll.“ Igor gab einfach nicht auf.

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„Er ist bei den Affen im Dschungel“, fügte ich hinzu. Igor rückte mir immer dichter auf den Pelz. Ich hatte große Lust, ihn kräftig durchzuschütteln wie einen Cocktailmixer. „Hey, ich hab schon haufenweise Infos über Ganesh aus dem Internet runtergeladen“, sagte er. „Jetzt seid ihr mal am Zug – du und India.“ „Genau“, erwiderte ich. „Jetzt muss ich nämlich gehen. Wir drei können uns am Mittwoch oder am Donnerstag in der Schule zusammensetzen.“ Ich drehte mich um, winkte Mrs Ebb am Kartenschal- ter zu und bog in den Korridor zum IMAX-Kino des Museums ein. „Es ist der Mord, nicht wahr?“, hörte ich Igor hinter mir rufen. „Ich wette, alles, wofür ihr euch noch interessiert, ist der Mord!“ Ich tauchte ins Treppenhaus ab, um ins untere Stockwerk zu gelangen. Am Tatort in Korridor C erinnerten nur noch eine hölzerne Barrikade und eine Absperrung aus gelbem Polizeiband an der Tür zu Farrs Labor an das Geschehen – es war die Tür, in der Tom den Zeugen zufolge ihren Hals gepackt gehalten hatte. Es war an sich schon merkwürdig, dass sie auf ei- nem Stuhl sitzend getötet worden sein sollte. Hier vor Ort kam es mir noch unwahrscheinlicher vor, dass man sie genau an dieser Stelle erdrosselt hatte, es sei denn, der Täter hatte es darauf angelegt, er-

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wischt zu werden. Das Büro meines Vaters befand sich ein Stück weiter auf demselben Korridor. Mit Gardners und Max’ Zustimmung hatte er mir einen Nachschlüs- sel gegeben. Seit Mums Tod ging ich gern ab und an in sein Büro und setzte mich an seinen Schreib- tisch, vor allem wenn er auf Reisen war. Dann machte ich ein paarmal in der Woche nach der Schule dort meine Hausaufgaben. Und manchmal verkroch ich mich sogar am Wochenende dort, da ich es genoss, von Dads Büchern, Diplomen und Souvenirs von archäologischen Ausgrabungen um- geben zu sein. Die eine Wand bestand praktisch nur aus Ausgrabungswerkzeug: Meißeln, harten und feinen Pinseln und kurios geformten Pinzetten. Dad wusste, dass es mir Sicherheit gab, mich in seinem Zimmer aufzuhalten, eingehüllt in die At- mosphäre seines Wissens – Sicherheit und Mut. Ich schloss die Tür auf, trat ein und knipste das Licht an. Meine Mutter hatte das Büro meines Va- ters eingerichtet, als er die Stelle im Museum be- kam. In diesem Teil des Stockwerks gab es keine Fenster. An der Wand der Tür gegenüber hatte sie einen mit bunten Bildern von Seepferdchen und exotischen Quallen bedruckten Vorhang aufge- hängt, um den Eindruck von Fenstern und Weite zu schaffen, so, wie man es in manchen Motels und in den Billigkabinen der Kreuzfahrtschiffe sah. Aber

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hinter dem Vorhang verbarg sich nur eine hässliche Wand aus Sperrholzplatten. Ich konnte nie ins Bü- ro gehen und mir den Vorhang ansehen, ohne an meine Mum zu denken. Ich setzte mich an den Computer meines Vaters. Er thronte auf dem Schreibtisch, inmitten eines Wusts aus archäologischen Fachzeitschriften, Zei- tungsausschnitten und Andenken an Orte wie Ta- hiti und Java. An der Wand stand ein Bücherregal mit naturgeschichtlichen Lexika und wissenschaftli- chen Schriften. Nachdem ich den Computer ein- geschaltet hatte, rief ich die Suchmaschine des Mu- seumsarchivs auf. Von Computern außerhalb des Museums darauf zuzugreifen war schwierig. Dafür hatte nur Jesus das nötige Know-how. Jesus könnte sogar die Systeme des Geheimdienstes knacken, wenn es nötig wäre – und wenn das FBI ihn dann nicht für 20 Jahre hinter Gitter bringen würde. Ich rief die Personaldateien auf und gab die Wor- te Nordafrika, Ägypten und Marokko ein. Nach drei Suchvorgängen hatte ich die Bestätigung, dass sich 83 Beschäftigte zu dem einen oder anderen Zeit- punkt dort aufgehalten hatten. Als ich die Suche verfeinerte und nur das letzte halbe Jahr berücksich- tigte, belief sich die Anzahl auf neun Personen. Ich startete eine neue Suche, um herauszufinden, wel- che Wissenschaftler derzeit noch im Ausland forsch- ten oder mit einem Projekt dort befasst waren. Diese

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schloss ich aus. Übrig blieb eine Liste von sechs möglichen Verdächtigen, darunter – was mich kaum überraschte – Dr. Jeffrey Mirsky und Beverly Con- gers. Ihren Dateien war zu entnehmen, dass sie bei- de fleißig reisten und dass sich mehrere ihrer Reisen überschnitten hatten, was darauf hindeutete, dass sie einmal ein Paar gewesen waren. Das würde auch erklären, warum sie sich jetzt so verbissen bekämp- ften wie zwei Giftschlangen. Ich schaltete den Computer aus, schloss das Bü- ro ab und ging nach oben in die Halle der Minera- lien. Als ich an der Polizeisperre vorbeikam, fiel mir ein, was India und ich noch tun mussten. Ich rief sie auf ihrem Handy an. „Was ist?“, meldete sie sich genervt. „Was hast du denn?“, fragte ich. „Wir sind mitten in der Predigt, und ich habe vergessen, das blöde Ding auszuschalten“, zischelte sie. „600 Leute auf Kirchenbänken starren mich an.“ „Oh, tut mir Leid“, sagte ich. Da der Schaden ohnehin angerichtet war, wurde ich schnell noch los, was ich auf dem Herzen hatte. „Du musst un- bedingt bei meinem Onkel John vorbeigehen und dir seine Videokamera ausleihen. Bring sie mit ins Museum, einverstanden? Es ist wichtig.“ India hörte sich zwar an, als würde sie mich am liebsten erwürgen, als sie die Verbindung beendete, aber ich wusste, dass ich mich auf sie verlassen konnte.

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Mamis und Mumien

Ein gutes Dutzend Personen hatte sich in der Aus- stellungshalle der Mineralien rings um ein Podest in der Mitte des Raums versammelt. Leute vom Par- tyservice trugen riesige Tische von zwei bis drei Metern Durchmesser herein, um Platz für mindes- tens 200 Gäste zu schaffen. Über die Platten breite- ten sie weiße Tischtücher, dann befestigten sie Mobiles aus Plastikkristallen an der Decke, von denen falsche Diamanten und Rubine herabhingen. Ich ließ mich auf einer Bank neben der Mond- steinkollektion nieder. Von dort verfolgte ich, wie Inspektor Helen Krakowski alle paar Minuten hereinkam und wie- der hinausging. Die untersetzte Beamtin trug die blaue Uniformhose der Polizei und das passende Shirt, darüber jedoch eine bunte Jacke, die an süd- amerikanische Webstoffe erinnerte. Ihr schwarzes Haar war stumpf abgeschnitten wie bei einer Pup- pe. Zwei Uniformierte standen in der Tür, um ihr zu assistieren. Das einzige neue Gesicht der geplanten Mu- seumsgala war mir ebenfalls bekannt – Dr. Liam Spiegelman, ein massiger Mann, der in einem Hightech-Rollstuhl mit allem Drum und Dran saß. Mein Kumpel Jesus sitzt auch im Rollstuhl und

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kriegt deshalb Privatunterricht zu Hause, aber er hat ein Gefährt von der altmodischen Sorte, das er selbst mit den Armen anschieben muss. Als Folge einer Muskelkrankheit haben sich seine Beinmus- keln zurückgebildet, dafür hat er jedoch die kräf- tigsten Arme, die ich jemals gesehen habe. Den- noch dachte ich, dass es cool wäre, wenn er so ei- nen supermodernen Elektrorollstuhl hätte wie Mr Spiegelman. Ich hatte Dr. Spiegelmans Bild in der Septem- berausgabe der Mitarbeiterzeitschrift des Museums gesehen, die mein Vater mit nach Hause gebracht hatte. In der Broschüre war ein Foto von Spiegel- man abgedruckt, umringt von Gardner und ande- ren Angestellten des Museums – darunter mein Vater –, wie er im Museum willkommen geheißen wurde. Spiegelman war beim Museum von Van- couver abgeworben worden, da er ein anerkannter Experte für indische Kunst war. Mirskys lautes Lachen übertönte alle anderen Geräusche im Saal. Congers stand weit weg von ihm neben einem angestrahlten Schaukasten mit Quarzsteinen. Der Blick, den sie Mirsky zuwarf, war hasserfüllt. Ich fand sehr bald heraus, war- um. „Ich werde nicht so unfair sein wie Farr“, brüs- tete Mirsky sich vor seinen Zuhörern. Mit seinem giraffenähnlichen Gang schlenderte er zu Gardner

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hinüber. „Sie werden Ihre Entscheidung nicht be- reuen“, sagte Mirsky. „Ich werde dafür sorgen, dass bei der Vergabe von Forschungsstipendien jeder Bewerber eine faire Chance erhält.“ „Davon bin ich überzeugt“, sagte Dr. Gardner, ohne ihn anzusehen. „Sie hatten die ältesten Rech- te auf den Posten.“ „Die hatte ich auch schon beim letzten Mal“, sagte Mirsky. Ich wartete auf eine günstige Gelegenheit, um Inspektor Krakowski anzusprechen. Die Chance ergab sich, als Gardner ausführlich von der Gästelis- te sprach und Mirsky eine Lobrede auf den Vortrag anstimmte, den er am Abend an der Schule für Ethik und Kultur zum Thema „Mit Menschen beerdigte Fossilien“ halten sollte. „Entschuldigen Sie, Inspektor“, zischte ich Helen Krakowski zu, als sie beobachtete, wie Mirsky Hof hielt. „Ich wollte nur fragen, ob Dr. Riggs Sie und die Polizei schon über den Betablocker informiert hat, den sie in Tom Boggs’ Blut gefunden hat.“ Krakowski schaute mich aus genervten Fischau- gen an. „Wer bist du denn?“ „Quentin Marlon“, sagte ich. „Mein Vater ist Leiter der Archäologie hier im Museum.“ „Tja, Quentin Marlon, wie war’s, wenn du dich irgendwo ruhig hinsetzt und wartest, bis ich Zeit für dich habe?“

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„Klar“, sagte ich, „ich wollte nur sichergehen, dass Sie wissen, dass Tom Boggs ein bewusstseins- veränderndes Medikament verabreicht wurde. Tom wurde benutzt.“ „Quentin Marlon, hörst du schlecht?“ „Nein. An diesem Fall ist bloß viel mehr dran, als man auf den ersten Blick vermutet. In die Sache ist noch eine andere Person verwickelt, und Sie sollten mal die Anwesenden befragen, wo sie sich zu dem Zeitpunkt des Mordes aufgehalten haben. Ich vermute, dass Tom Boggs hypnotisiert wurde.“ Ohne es zu merken, hatte ich lauter gesprochen. Dr. Gardner und die Hälfte der Leute rund um das Rednerpodest starrten mich an. Inspektor Krakowski gab ein heiseres Krächzen von sich. „Weißt du was, Kleiner? Du hast ’ne ziemlich große Klappe“, sagte sie. „Und jetzt sieh zu, dass du auf der Stelle von hier verschwindest. Und wenn ich du wäre, würde ich mich in Zu- kunft aus den Angelegenheiten der Polizei heraus- halten. Wir haben den Richtigen verhaftet. Der Direktor des Museums ist der gleichen Ansicht. Ebenso der Bürgermeister. Und mein Boss, der nächste Woche über meine längst überfällige Be- förderung entscheiden wird. Morgen Früh geht der Fall zur Staatsanwaltschaft, dann können Richter und Geschworene darüber entscheiden, ob Tom Boggs schuldig oder unschuldig ist.“

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In diesem Moment hatte ich nicht übel Lust, ihr einen Eimer Farbe über den Kopf zu kippen, damit ihr Puppenhaar genauso bunt wäre wie ihre grässli- che Jacke. Sie stand so dicht vor mir, dass ich ihr Oberlippenbärtchen und sogar die Härchen in ih- ren Ohren sehen konnte. Ich trat noch näher an sie heran. „Officer, ich will ja nicht unhöflich sein, aber der Fall ist noch lange nicht abgeschlossen. Ich appelliere an Sie, Mrs Riggs anzurufen und die Alibis all derer zu überprüfen, die ein Mordmotiv hatten, und dann …“ Inspektor Krakowski wandte sich an Gardner und brüllte: „Schaffen Sie diesen unmöglichen Jun- gen hier hinaus!“ Stirnrunzelnd kam Gardner auf mich zu. Jetzt starrten mich ausnahmslos alle an. „Ich gehe ja schon“, rief ich, fuhr auf dem Absatz herum und verschwand in Richtung Hinterausgang. Wäre ich länger geblieben, hätte ich es später bestimmt be- reut. Ohnehin hatte ich schon viel zu viel vor unerwünschtem Publikum preisgegeben. In der nächsthöheren Etage durchquerte ich die Halle Humanbiologie und Evolution. Ich hatte vor, zu Dads Büro zurückzugehen und dort zu warten, bis India eintraf. Sie würde wissen, wo ich zu finden war. Hinter den geschlossenen Hallen Mexiko und Mittelamerika und Vögel dieser Welt schlängelte sich ein Durchgang für das Personal entlang. In diesem

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Bereich hatte man den Strom abgeschaltet, um Kapazitäten für die Gala im vierten Stock frei zu machen. Eine Reihe von Buntglasfenstern warf Regenbogenmuster an die Wände. Am Ende des Ganges schloss sich eine der beim Publikum beliebtesten Installationen an, die de- monstrierte, wie viele Kakerlaken eine Küche be- völkern würden, vorausgesetzt, ein einzelnes Pär- chen könnte sich einen Monat lang ungestört fortpflanzen und der gesamte Nachwuchs überleb- te. Das Ganze war die Nachbildung einer Küche mit tausenden und abertausenden dicker, fetter Kakerlaken an Wänden und Decke. Herd und Kühlschrank waren schwarz von ihnen. Ein Blick auf die Szene reichte, um mir Gänsehaut zu ma- chen. Es gab nur zwei Sorten Insekten auf der Welt, die mir das Blut in den Adern gefrieren lie- ßen: Kakerlaken und Skorpione. Gegen die meis- ten anderen hatte ich nichts. Ein seltsames, undefinierbares Geräusch ertönte hinter mir. Ich gab mir Mühe, keine Wahnvorstel- lungen aufkommen zu lassen, zum Beispiel dass der wahre Mörder Dr. Farrs sich in der Halle der Mi- neralien unter die Belegschaft gemischt haben könnte und meine kleine Plauderei mit Inspektor Krakowski mitbekommen hatte: Tom ist unschuldig. Ja, ein anderer hat Dr. Farr umgebracht … Wieder ein Geräusch.

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Dieses Mal drehte ich mich schneller um und sah einen Schatten hinter mir, der aus einer Nische kam und gleich darauf in einem Durchgang ver- schwand, hinter einem Stapel von Klinkersteinen und Kabeln. Eine warnende Stimme meldete sich in meinem Hinterkopf. Da war etwas faul – ober- faul. Alle fünf Meter fielen Sonnenstrahlen durch ein Seitenfenster herein und beleuchteten grinsende Masken, Haifischköpfe mit Reihen scharfer Zähne und Kondore mit geöffneten Krummschnäbeln. Ich erreichte die Treppe hinter den Vögeln dieser Welt und lief hastig die Stufen ins untere Stockwerk hinunter. Da – ein Geräusch. Noch näher diesmal. Jemand folgte mir. Meine Beine waren schwer vor Angst. Dennoch trieb mich mein Instinkt dazu an, immer zwei Stu- fen auf einmal nehmend nach unten zu hetzen. Ein Echo von Schritten folgte mir in der Dunkelheit … In Korridor C entkam ich dem Treppenhaus. Die nackten Glühbirnen an der Decke spendeten nur trübes Licht, als ich an der Sperre und der Tür zu Dr. Farrs Labor mit dem gelben Absperrungsband vorbeilief. Die Nachbartür zu Dr. Farrs Büro stand offen. Ich blieb stehen.

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„Hallo?“, rief ich mit brüchiger Stimme. Es war totenstill. Ein schmaler Lichtstreifen vom Korridor projizierte meinen Schatten auf den Fuß- boden des großen Büroraums. Ich erkannte Con- chettas Schreibtisch, den Aktenschrank und die beiden Computer – wie zwei Wachposten am Ein- gang zum Totenreich. Hinter den niedrigen Bü- cherregalen, die als Raumteiler dienten, schloss sich das Labor mit dem Schauplatz des Verbrechens an. Die Polizei hätte die Tür zum Büro ebenfalls si- chern und den Zugang versperren müssen, aber das war nicht geschehen. Wozu auch? Sie hatten ihren Mörder. Von den Käfigen und Terrarien kam leises Gera- schel. Nur in Umrissen erkennbar, krabbelten Ta- ranteln und Bombay-Wolfsspinnen von der Größe meiner Hand über die Auspolsterungen aus alten Zeitungen und belaubten Zweigen. Mein Blick fiel auf drei hohe, schmale Metallschränke. Dort hatte Conchetta wohl ihren Mantel aufgehängt, ihren Schirm oder Kartenmaterial für Vorträge abgestellt. Daneben stand ein großer hellgrauer Kopierer. Ich dachte mir, dass die Polizei vermutlich eine Durch- suchung vorgenommen hatte, wenn auch wahr- scheinlich nicht jeder Zentimeter von Conchettas Büro systematisch durchkämmt worden war. Den- noch hob ich den Deckel des Kopierers. Auf der Glasfläche lag ein alter vergilbter Zei-

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tungsausschnitt. Ich überflog ihn. In dem Artikel ging es um den Unfall eines Schulbusses in Galves- ton vor über 30 Jahren. Ich suchte im Text und in der Bildunterschrift zu dem abgedruckten Foto nach mir bekannten Namen, fand jedoch keine. Ich faltete den Zeitungsausschnitt zusammen und steckte ihn in meine Tasche. Dieser Artikel war wohl das Letzte, was Conchetta kopiert hatte, und vielleicht hatte es eine besondere Bewandtnis da- mit. Ich wollte gehen, wurde jedoch wie magisch von den Schränken angezogen und öffnete eine der Metalltüren. Der Schrank enthielt einen Regen- mantel mit der Optik eines Häkelpullis und mehre- re aufgestapelte Pakete Kopierpapier. In dem zwei- ten Metallschrank befanden sich ein Diaprojektor, eine Leinwand und Pappkartons mit Büchern und Laborgeräten. Ich öffnete die dritte Tür. Ein Schrei brach los. Eine Gestalt mit dem Kopf einer Mumie sprang heraus. Mit einem ohrenbetäubenden Knall flog die Metalltür gegen die Wand. Es hörte sich an wie ein Schuss. Als die Gestalt sich auf mich stürzte, schrie ich ebenfalls auf. Ich bekam einen knochigen Arm zu fassen. Kreischend versuchte sich das Wesen loszureißen. Plötzlich flammte Licht auf. „Stehen bleiben“, überschrie India den Radau.

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„Sofort stehen bleiben!“ India stand in der Tür, die Hand noch am Lichtschalter. Von beiden Seiten eingekeilt, richte- te sich die Gestalt zu voller Höhe auf. Es war eine Frau, auf dem Kopf eine weiße Baseballmütze – die mich zuerst an einen Mumienschädel hatte denken lassen. „Mrs Boggs!“, rief ich erschrocken. Mrs Boggs fasste an die Mütze. Ihre rissigen Lippen zitterten. „Die Mütze gehört meinem Sohn“, flüsterte sie heiser. „Ich musste seine Mütze doch holen. Tom hat sie hier vergessen. Aber er hat Dr. Farr nicht getötet. Er hat es nicht getan.“ Sie schob sich an uns vorbei zur Tür und rannte den Korridor entlang. India starrte mich an. „Mein Gott, Quentin, Spannung und Nervenkitzel sind ja schön und gut, aber können wir uns nicht mal unter ganz norma- len Umständen treffen?“

Besen, Lügen und Video

„Was für eine Horrormutter!“, sagte ich, während ich India den Camcorder meines Onkels abnahm. „Offenbar will sie vermeiden, dass die Polizei

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noch mehr belastendens Material zusammenträgt. Tom hat ihr erzählt, dass er seine Mütze verloren hat, und da konnte sie sich denken, wo die zu fin- den sein würde. Du weißt ja, wie Mütter sein kön- nen.“ India stockte. Man sah ihr an, wie gern sie ihre Worte ungeschehen gemacht hätte. „Na sicher“, sagte ich beiläufig, um ihr zu signa- lisieren, dass sie mich nicht verletzt hatte. „In ihrer Verzweiflung muss sie gedacht haben, die Mütze wäre der ausschlaggebende Beweis – neben den drei Zeugen, die ihn gesehen haben. Was Mrs Boggs braucht, ist eine große Beruhigungsspritze.“ „Ja, logisch zu denken scheint sie nicht. Und wenn es ein Fall ist von wie die Mutter, so der Sohn?, sinnierte India. „Die eine Hälfte von Tom könnte nett und lieb sein, die andere Hälfte den Hang haben, Leute zu erdrosseln.“ Mir fiel auf, dass India ungewöhnlich groß wirkte. Sie bemerkte, dass ich gleich darauf die 15- cm-Absätze ihrer Schuhe musterte. „Ach ja“, sagte sie. „Die waren im Sonderange- bot. Kunstschlangenleder in allen Neonfarben.“ „Die perfekte Aufmachung, um Detektiv zu spielen“, frotzelte ich. „Genau das war auch mein Gedanke.“ Sie zupf- te an den Fransen ihrer Leopardentasche herum. „Ach ja, auf dem Weg hierher habe ich Beverly Congers getroffen. Ich habe sie gefragt, wo sie war,

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als Dr. Farr starb.“ „Und was hat sie gesagt?“ „Sie sagte, sie hätte bei Zabar’s, dem Delikates- sengeschäft, eingekauft – Zitronenhühnchen, Ba- guette und Oliven –, genauso wie tausende von anderen Leuten, die sich auf die Schnelle ein Mit- tagessen besorgen wollten. Dann habe ich sie noch gefragt, ob jemand sie begleitet hätte, und sie sagte, das ginge mich nichts an.“ „Na ja, das ist doch wenigstens etwas …“ „Wozu brauchst du eigentlich den Camcor- der?“, fiel India plötzlich ein. „Ich will das Verbrechen nachstellen, anschlie- ßend zeigen wir Tom das Videoband – so wie bei dieser Hypnosetechnik. Wir geben ihm das Gefühl, er spiele die Hauptrolle in einem Film über sein Leben. Das könnte seinem Gedächtnis doch auf die Sprünge helfen.“ Ich schaute auf meine Uhr. „Es ist kurz nach halb drei – ziemlich genau die Mord- zeit“, sagte ich. „Wir müssen jetzt anfangen zu drehen.“ „Und wo?“ „Hier entlang.“ Wir verließen Farrs Büro und gingen durch Korridor C zum Foyer des Planetariums. Auf dem Weg weihte ich India rasch in die neuesten Ent- wicklungen ein, die sich während der Vorbereitung der Gala ergeben hatten, inklusive meines Zusam-

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menstoßes mit Inspektor Helen Krakowski, der Schrecklichen. „Gardner hat Farrs Stelle Mirsky gegeben?“, fragte India. „Du sagst es.“ „Die Congers muss kochen vor Wut“, meinte India. „Sie sah aus, als wollte sie Mirsky am liebsten den Kopf abreißen“, bestätigte ich. „Wann findet die Gala statt?“ „Am Dienstagabend – du hast mich da gerade auf was gebracht, India. Kennst du das häufigste Motiv für Mord?“ „Nein.“ „Es ist Habgier“, erklärte ich. „Ich frage mich, ob wohl jemand auf den Gedanken gekommen ist, dass der Mord an Dr. Farr auch mit dem Halsband des Ganesh zu tun haben könnte. Auf der Gala soll es enthüllt werden. Es ist von unschätzbarem Wert, sowohl von seinem Alter als auch von den eingear- beiteten Juwelen her.“ „Oh“, sagte India, „du meinst, getreu dem Motto ‚Diamanten bringen den Tod‘?“ „Es muss doch eine Verbindung geben zwischen dem Vorhaben des Museums, ein auf der Welt einzigartiges Diamantenhalsband auszustellen, und den Tatsache, dass die Chefin der Forschungsabtei- lung ein paar Tage davor das Zeitliche segnet.“

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„Da hast du Recht“, stimmte India mir zu. „Es stinkt zum Himmel.“ „Wie ein überreifer Gorgonzolakäse.“ Wir setzten uns auf die Bank im Foyer, während India die Ergebnisse meiner Archivsuche überflog. Ich rasselte die übrigen Infos herunter, die sie noch nicht kannte, zum Beispiel dass Mirsky an diesem Abend eine Rede an der Schule für Ethik und Kul- tur halten würde und es nicht schaden könne, wenn wir uns unter die Zuhörerschaft mischten. Ein An- geber wie er konnte unwillkürlich mehr preisgeben, als er vorhatte. Außerdem konnten wir ihn danach zur Rede stellen, um herausfinden, wo er sich zum Zeitpunkt des Mordes aufgehalten hatte. Um Punkt 20 vor drei öffnete ich den Wand- schrank des Hausmeisters in der Nähe der Aufzüge, schnappte mir einen Besen und drückte ihn India in die Hand. „Was soll ich damit?“ „Fegen.“ „Hab ich mir fast gedacht. Aber wo?“ „Fang hier im Foyer an“, sagte ich und schaltete den Camcorder ein. „Tu so, als ob du Tom wärst und den Boden blitzblank wienern müsstest.“ Mit saurer Miene machte India sich an die Ar- beit. Wir hörten die ersten Klänge von Orchester- musik und mehrere Explosionen durch die ge- schlossene Tür zum Zuschauersaal des Planeta-

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riums. Im Laufe des Jahres hatte ich mir die Show Tod des Universums mehrmals angesehen und wuss- te, dass die Musikuntermalung im Wesentlichen aus klassischer Musik und einem Hit zum Geden- ken an Prinzessin Diana bestand. „Wie lange muss ich denn fegen?“, fragte India in nörgelndem Ton. Ich schaute auf meine Uhr. „Die erste Vorfüh- rung ist gleich zu Ende, so wie am Freitag. Stell dir vor, du wärst hier der Hausmeister und fegst. Mach weiter.“ Eine Gruppe Nonnen auf Besichtigungstour durchquerte das Foyer. Alle starrten India an, wie sie in ihren hochhackigen Schuhen den Fußboden bearbeitete. „Ich komme mir richtig bescheuert vor“, sagte India. „Warum fegst du nicht mal, und ich über- nehme die Kamera?“ Ich antwortete nicht, da ich konzentriert horch- te, ob die Musik schon ihren Höhepunkt erreicht hatte. Dabei ließ ich die Kamera durchs Foyer schweifen und nahm alles auf, was Tom vor dem Mord gesehen haben könnte: die gekachelten Wände, die Türen und die Hinweisschilder zum Museumsrestaurant. Ein paar Minuten später war die Show beendet, und das Publikum strömte he- raus. Ich warf wieder einen Blick auf meine Uhr. „Na schön“, sagte ich zu India. „Leg den Besen

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weg.“ „Wohin?“ „Egal.“ Aufstöhnend stellte India den Besen in den Be- senschrank zurück. „Und jetzt?“ „Geh langsam zu Korridor C, als wärst du ver- wirrt oder in Trance“, kommandierte ich. „Auch das noch.“ Sie stakste davon, ich folgte ihr und bannte jede ihrer Bewegungen auf Film. Dabei schwenkte ich die Kamera nach links und nach rechts, um alles zu dokumentieren, was auf dem Weg zu sehen war:

der glänzende Marmorfußboden in Weiß und Tür- kis; mehrere angestrahlte Meteoriten in riesigen Schaukästen. India bog in Korridor C ein. „Nur weiter so“, sagte ich. Die Kamera folgte ihr auf Schritt und Tritt, registrierte jede Fliese, jede Nische, jede Verzierung. „Es hieß ja, Tom sei direkt zum Labor gegangen“, rief ich. India blieb vor der versperrten, versiegelten Tür zu Farrs Labor stehen. „Gut. Warte hier einen Moment“, sagte ich und machte eine Großaufnahme von dem Türeingang. „Hier wurde Tom gesehen, wie er ihren Hals ge- packt hielt.“ Ich bedeutete ihr weiterzugehen. „Jetzt zu der Tür zu Farrs Büro, so wie vorhin bei deiner Ankunft.“

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India blieb vor dem Büro stehen. Ich signalisierte ihr, sie solle hineingehen. Sie öffnete die Tür und knipste das Licht an, so wie in dem Moment, als Mrs Boggs wie eine Furie aus dem Schrank gesprungen war. Drinnen ging India zu Conchetta Farrs Schreib- tisch und blieb dort stehen. Ich lief an ihr vorbei und richtete die Kamera auf die Regale mit den Insekten und die Labortische im hinteren Teil des lang ge- streckten Raums. Dort betätigte ich die Zoomfunkti- on, um eine Großaufnahme der Terrarien mit Skor- pionen und Taranteln zu machen. In einer Ecke des Raums hatte India einen klei- nen Kühlschrank entdeckt. Sie öffnete ihn und holte eine Dose Cola heraus, die zwischen Behäl- tern mit lebenden Futterwürmern und Larven stand. Dann riss sie die Lasche auf und trank einen Schluck. „Also werden wir Tom dieses Band vor- führen, ja?“, fragte sie und wischte sich den Mund ab. „Du hoffst, dass das Video irgendetwas auslöst, dass er sich erinnert, wie es zu dem Mord kam?“ Ich nickte zustimmend. India seufzte. „Schon wieder das Gefängnis.“ „Du sagst es.“ Sie stellte die Dose auf Conchettas Schreibtisch und kramte in den chaotischen Stapeln aus Notizen und Papieren. An einer Seite des Tischs waren di- cke Fachbücher über Spinnen und Insekten des Regenwaldes aufgeschichtet. Außerdem waren da

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noch ein randvoller Eingangskorb für Post, ein Aktenordner und ein Stifthalter in Form eines Schweins. Von der Tür hörte ich ein Surren, und ein Schatten fiel auf uns. India zuckte zusammen – es war Liam Spiegelman in seinem motorisierten Rollstuhl. „Pardon, ich wollte euch nicht erschrecken“, sagte Spiegelman. India öffnete den Mund, zögerte jedoch und schaute mich an. Spiegelman legte einen anderen Gang ein und be- förderte seinen Rollstuhl ins Büro. „Was ist hier pas- siert?“, fragte er und blickte sich neugierig um. „Ich habe das Polizeiband an der Nachbartür gesehen. War dies Dr. Farrs Büro und nebenan ihr Labor?“ „Ja“, erwiderte ich nur und schaltete den Cam- corder aus. Spiegelman starrte auf die Regale voller Draht- käfige und Glasterrarien. Er fuhr näher heran. „Mein Gott, das sind ja Taranteln! Ich habe zwar gehört, dass Insekten Dr. Farrs Spezialgebiet waren, aber ich wusste nicht, dass sie sich hier eine ganze Kolonie hielt.“ Mehrere schwarze indische Skor- pione krabbelten seitlich an dem größten Kasten hoch. „Ich bin überrascht, dass die Polizei nicht auch ihr Büro versiegelt hat.“ „Uns hat es auch gewundert“, sagte India. „Ich

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schätze, das Interesse an diesem Fall ist nicht be- sonders groß.“ Aus nächster Nähe konnte ich sehen, dass Spie- gelmans Rollstuhl mit mindestens ebenso viel Zu- behör ausgestattet und vermutlich auch genauso teuer gewesen war wie eine Luxuskarosse. Spie- gelmans Körper wirkte zu massig für die Sitzfläche. Er rutschte hin und her, um bequemer zu sitzen, und machte eine Bewegung, als wolle er sich uns vorstellen. „Wir wissen, wer Sie sind, Dr. Spiegelman“, wehrte ich ab. „Wir haben Ihr Foto in einer In- formationsbroschüre des Museums gesehen. Ich bin Quentin Marlon, mein Dad ist Stephen Marlon, der Leiter der Archäologie.“ „Oh, ja.“ Spiegelman lächelte. „Deinen Vater habe ich schon an meinem ersten Tag hier kennen gelernt. Ich erinnere mich, dass wir kurz geplaudert haben. Er stand unmittelbar vor der Abreise zu einem Projekt im Ausland, nicht wahr?“ „Hm“, machte ich nur. „Und ich bin India“, meldete sich India zu Wort. Spiegelman lächelte erneut, was mir ziemlich auf die Nerven ging. Sein Gesicht wirkte wie aufgebla- sen, zu rund, zu glatt – total künstlich, so, als trüge er eine Maske. „Eine schlimme Sache, dieser Mord“, sagte

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Spiegelman. „Es will mir nicht in den Kopf, dass dieser nette junge Hausmeister Tom Boggs so et- was getan haben soll. Er war mir eine so große Hilfe.“ „Ja, ich erinnere mich – er hat erzählt, er hätte mit Ihnen die Schaukästen für die Gala aufgestellt“, erwiderte ich. „Er hat den Wissenschaftlern gern geholfen.“ „Mit den kleineren Ausstellungsstücken, den Diamanten und Rubinen, bin ich zwar allein fertig geworden, aber bei den größeren Meteoriten und Mondsteinen musste ich Tom hinzuziehen. Es war Dr. Gardners Idee, die Gala in diesem Jahr in der Halle der Mineralien auszurichten.“ „Eine von seinen besseren Ideen“, bemerkte In- dia. „Wie er sagt, gehen die Eintrittskarten weg wie warme Semmeln.“ Spiegelman starrte auf den Camcorder in meiner Hand. „Du filmst hier?“ „Tom ist ein Freund von uns“, sagte ich nur. „Ja“, bestätigte India. Spiegelman dachte kurz nach. „Ich verstehe. Ihr glaubt, wenn ihr den Tatort filmt, dann … nein, eigentlich kann ich mir nicht denken, warum ihr in Dr. Farrs Labor filmt.“ „Wir sind überzeugt, dass Tom hypnotisiert wurde“, erklärte ich und wartete gespannt auf Spiegelmans Reaktion. „Er wurde unter Medika-

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mente gesetzt und hypnotisiert.“ „Du meine Güte! Eine entsetzliche Theorie!“ „Es ist mehr als eine Theorie“, behauptete ich. „Ach ja?“ Spiegelman schob den Steuerknüppel seines Rollstuhls nach links. Surrend drehte der Elektromotor den Stuhl im Halbkreis um die eige- ne Achse. India griff nach ihrer Cola. Prompt schlüpfte ein dickes Insekt aus einem Papierstapel. „Vorsicht, Kakerlake!“, brüllte India und stieß vor Schreck die Coladose um. Die riesengroße afrikanische Kakerlake sprang auf den Fußboden und suchte nach einer geeigne- ten Deckung. India fing sich schnell, zog ihren linken Schuh aus und machte dem davoneilenden Insekt den Garaus. „Voriges Jahr sind Dr. Farr ein paar von den Kakerlaken entwischt, und seitdem war sie auf der Jagd nach ihnen“, erklärte India. Ich war aschfahl geworden. „Quentin kann Kakerlaken nicht ausstehen“, sagte India, während sie Ausschau hielt, womit sie die Kakerlakenleiche und die vergossene Cola auf- wischen konnte. „Eine kleine Macke von ihm.“ Spiegelman brachte seinen Rollstuhl in Stellung, um den mittleren Metallschrank zu öffnen. Er nahm eine Hand voll Papiertücher heraus und half India, Ordnung zu schaffen. „Hoffentlich habe ich keine Spuren beseitigt“,

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sagte India. „Ich glaube nicht, dass hier irgendwelche wich- tigen Hinweise zu finden sind, die die Polizei über- sehen hat“, meinte Spiegelman. Ich spürte, dass meine Gesichtsfarbe sich allmäh- lich normalisierte, und wagte es, mich wieder ins Gespräch zu mischen. „Dr. Spiegelman, in der Broschüre stand, Ihr Fachgebiet sei indische Kunst. Das Halsband des Ganesh war angeblich der Grund, weswegen Sie dem Vancouver Museum abspenstig gemacht wurden.“ „Du hast ein exzellentes Gedächtnis, Quentin“, lobte Spiegelman. „Ja, man hat mich eigens zu dem Zweck engagiert, die Ausstellung des Halsbandes in die Wege zu leiten und zu organisieren. Die könig- liche Familie von Rajasthan gestattet zum ersten Mal, dass die Kette im Ausland gezeigt wird. Zu- dem war ich der Einzige, in dessen Obhut die Fa- milie dieses Schmuckstück geben wollte.“ „Es muss traumhaft schön sein“, sagte India. „Es hat nicht seinesgleichen“, bestätigte Spie- gelman. „Das Herzstück der Gala, wie Dr. Gardner sagt.“ Spiegelman beäugte erneut den Camcorder in meiner Hand und gab dann wieder sein übertrie- ben leutseliges Lächeln zum Besten. „Tja, dann noch viel Glück mit eurer eigenwilligen Theorie.“ „Dr. Spiegelman“, sagte ich rasch, „würde es

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Ihnen etwas ausmachen, uns zu sagen, wo Sie war- en, als Dr. Farr erdrosselt wurde?“ Spiegelman lachte. „Das soll wohl ein Witz sein.“ „Nein, ganz und gar nicht.“ „Na – mal überlegen.“ Spiegelman blickte zur Decke empor, wie es die meisten Menschen tun, wenn sie nachdenken. „Ich glaube, ich war in mei- nem Büro und stellte den Schaukasten mit den australischen Opalen zusammen, sortierte die Steine nach Farbe und innerem Feuer.“ „Hat Ihnen jemand dabei geholfen?“, erkundig- te ich mich. „Nein. Ich hatte sogar die Tür zu meinem Büro abgeschlossen. Selbst auf Klopfen reagiere ich nicht, wenn ich eine der Kassetten mit den Juwelen aus dem Tresor hole. Damit würde man Ärger gerade- zu herausfordern.“ „Logisch“, sagte ich. Wir alle drei wechselten einen Blick und dachten wohl dasselbe: kein was- serdichtes Alibi. Spiegelman wendete seinen Rollstuhl und glitt hinaus. Wenig später hörte ich, wie sich die Auf- zugtür öffnete und schloss. Dann war es still, bis auf das Geraschel der Insekten, die über Zweige und Papierschnipsel krabbelten. Ich holte mein Handy heraus und gab die Nummer von Jesus ein. Das Signal ertönte. Jesus meldete sich.

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„Setz den Namen Liam Spiegelman ganz oben auf die Liste der Verdächtigen“, sagte ich zu ihm. „Direkt neben Mirsky und Congers. Ich erklär’s dir später.“ „Hey, warum hast du das gesagt?“, fragte India, als ich die Verbindung beendet hatte. „Spiegelman ist doch in Ordnung.“ „Ja, aber er hat einen kleinen Schönheitsfehler.“ „Was denn?“ „Er kennt sich in Farrs Büro aus – besser, als er uns glauben machen wollte“, antwortete ich. „Wie kommst du darauf?“ „Ganz einfach“, erklärte ich, „er wusste genau, wo sie die Papiertücher aufbewahrte; er fuhr direkt zum mittleren der drei Schränke.“ „Demnach ist er ein Lügner?“ „Richtig“, erwiderte ich. Eine kleine Stimme in meinem Kopf gab mir noch einen Tipp. „Oh“, fuhr ich fort, „und ruf doch bitte gleich mal Igor Kazinski an. Sag ihm, wir sind wahnsinnig neugie- rig auf die Legenden, die sich um Ganesh ranken. Ja, sag ihm, wir wollen alles, einfach alles über die- sen indischen Gott wissen.“

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Spinnenfrau

Da der Fall am Morgen des nächsten Tages dem Staatsanwalt übergeben werden sollte, schalteten India und ich einen Gang höher. Sie rief ihre Mum an und ließ durch sie die Erlaubnis erwirken, dass wir Tom um fünf Uhr besuchen durften. Sonntags ist ohnehin Besuchszeit im Gefängnis, aber Mrs Riggs zog ein paar Fäden, um dafür zu sorgen, dass es keine unerwartete Unterbrechung durch Toms Mutter geben würde. Danach wollte ich zu Jesus fahren, um mich mit ihm zu beratschlagen, und mich anschließend um acht zu Mirskys Vortrag in der Aula der Schule für Ethik und Kultur einfinden. „Ich will zum Vortrag mitkommen“, verkünde- te India. „Irgendwas sagt mir, dass Mirsky sich ver- plappern wird.“ „Bestimmt. Es gibt nichts Gefährlicheres für ei- nen Menschen, der etwas zu verbergen hat, als eine Rede zu halten.“ Wir verließen Farrs Büro und gingen ins Foyer. „Was meinst du, warum hat Spiegelman gelogen? Warum wollte er, dass wir denken, er würde sich nicht in Dr. Farrs Büro auskennen?“, fragte ich. „Vielleicht wollte er nur nicht in einen Mordfall verwickelt werden“, sagte India. „Viele Menschen reagieren so, wenn jemand umgebracht wird, auch

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wenn sie gar nichts damit zu tun haben. Und du sagst ja selbst, dass eine einzige Begegnung mit In- spektor Krakowski ausreicht, um einen das Fürch- ten zu lehren.“ „Wahrscheinlicher ist wohl, dass Spiegelman sich bei Dr. Farr eingeschmeichelt hat, um Vorteile für sich herauszuschlagen – so wie alle anderen auch.“ „Hey!“ India grinste „Vielleicht hatten die bei- den ja was miteinander.“ „Das soll wohl ein Witz sein“, sagte ich, dachte mir dann jedoch, dass es in Manhattan nichts gab, was es nicht gab – da lag auch die abgedrehteste Romanze im Bereich des Möglichen. Wir traten durch den Hinterausgang des Mu- seums auf die Columbus Avenue, und ich steuerte direkt auf das Cosmic Café zu. „Vor dem Gefängnis brauche ich noch ein paar Nährstoffe“, erklärte ich. „Gute Idee.“ Im Cosmic setzten wir uns an den Tresen, weil man dort am schnellsten bedient wird. India mag ihre Hamburger gern richtig durchgebraten, damit sie vergessen kann, dass sie sich zerkleinertes Rind- fleisch einverleibt. Manchmal nimmt sie auch einen Truthahnburger, einen vegetarischen Burger oder einen Fischburger. Ich ziehe halb rohe Burger vor, aus denen der schmelzende Roquefort-Käse tropft.

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India bestellte außerdem noch Fritten und ich eine Portion panierte Zwiebelringe. Als das Essen kam, schlangen wir es im Schnellverfahren hinunter, hasteten zur Ecke 86. Straße und Central Park West und nahmen die U-Bahn ins Stadtzentrum. Als wir aus der U-Bahn-Station auftauchten, lag der Platz vor dem Gefängnis fast verlassen da. Im Inneren des Gebäudes wurden wir wieder durch- sucht, unsere Rucksäcke wurden durchleuchtet und der Camcorder überprüft. Schließlich erhielten wir unsere Passierscheine. Die Polizisten, die wir auf unserem Weg durch das Gebäude zu Gesicht bekamen, waren alle in Feierabendlaune. Ein paar lachten laut am Telefon, sagten Dinge wie: „Hey, der Vampirfilm fängt erst um zehn nach acht an“, oder: „Weißt du, es würde dich nicht umbringen, wenn du heute Abend auf dem Heimweg noch einen kleinen Umweg machst und ein paar Tüten Knabberzeug besorgst.“ In einem Raum, an dem wir vorbeikamen, sa- ßen fünf Zivilbeamte. Zwei hatten die Füße auf den Tisch gelegt und sahen sich ein Hockeyspiel im Fernsehen an. Ein anderer Polizist überprüfte die Ergebnisse der Pferderennen in der Nachmit- tagsausgabe einer Zeitung. „Oh Mann, das war haarscharf“, rief einer in einem orangenen Jackett einem anderen zu. „Bei der Viererwette hat mir nur eine Zahl gefehlt.“ Wie dem auch sei, bei die-

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sem Anblick wuchs unser Mitgefühl für Tom. Wenn wir ihm nicht die Stange hielten, dann wür- de es niemanden geben, der Beweise zu seiner Ent- lastung sammeln würde, so viel war klar. Der Polizist, der so aussah, als schlucke er Mus- kelaufbauhormone, führte uns in den Besuchsraum. India und ich nahmen unsere alten Plätze an dem großen Tisch ein. Wir mussten fast 20 Minu- ten warten, bis Tom durch den Gang geführt wur- de, begleitet von dem schmierigen Aufseher mit dem Pferdeschwanz. Die gute Nachricht war, dass Tom dieses Mal keine Handschellen trug. Er wirk- te zwar ein wenig matt, aber längst nicht so ver- zweifelt wie bei unserem ersten Besuch. „Deine Mutter hat offenbar ganze Arbeit geleistet“, flüster- te ich India zu. „Ich habe ihr erzählt, wie Tom beim letzten Mal aussah“, sagte India. „Sie sagte, sie würde ihren ganzen Einfluss aufbieten, damit man ihn hier bes- ser behandelt.“ Der Aufseher öffnete die Gittertür und brachte Tom herein. Wie beim letzten Mal musste Tom sich auf den Stuhl am Ende des Tisches setzen. „Ihr habt zehn Minuten“, sagte der Aufseher zu uns, dann zog er sich in seinen Winkel zurück. India und ich rückten näher an Tom heran. „Wie geht’s dir, Tom?“, fragte India, während ich den Camcorder herrichtete.

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„Ganz gut. Danke, dass ihr gekommen seid.“ Toms Augen waren zwar noch gerötet, aber das Händezittern hatte aufgehört. Er lächelte schwach, während er nervös mit dem Kreuz spielte, das er um den Hals trug. „Mein Anwalt sagt, ich soll mich auf einen Handel einlassen“, fuhr er leise fort. „Das kannst du nicht machen“, sagte ich. „Du bist unschuldig.“ „Das weiß ich doch gar nicht“, erwiderte Tom. „Der Anwalt meint, wenn ich mich des Mordes in minder schwerem Fall schuldig bekenne … Er hat was von Totschlag gesagt … Ich weiß nicht … Er sagte, es wäre am besten so. Er sagt, es hätten zu viele gesehen, wie ich Dr. Farr was getan hab.“ India schaute mich an, dann sagte sie: „Tu es nicht, Tom. Du hast niemanden getötet. Wir wis- sen es. Wir wissen es genau …“ „Wir haben nicht mehr viel Zeit, Tom“, fügte ich hinzu. „Wir tun, was wir können, um heraus- zufinden, was im Museum wirklich geschehen ist. Heute Nachmittag haben wir ein Video gedreht, das du dir anschauen sollst. Vielleicht hilft es dir, dich zu erinnern.“ „Was für ein Video?“, fragte Tom verwirrt. „Das wirst du gleich sehen.“ Während ich damit beschäftigt war, das Band in der Kamera zurückzuspulen, fragte India Tom über andere Dinge aus, die wir wissen mussten. „Wir

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haben erfahren, dass du Spiegelman geholfen hast, die Steine und Schaukästen in der Halle der Mine- ralien aufzustellen. Bist du auch Dr. Mirsky oder Beverly Congers zur Hand gegangen? Hat dich vielleicht einer von beiden schon mal gebeten, ih- nen im Büro oder sonst wo behilflich zu sein?“ „Klar“, sagte Tom. „Ich mache viele Dinge für viele Leute.“ „Was genau hast du in letzter Zeit für Mirsky oder Congers getan?“, hakte India nach. Tom überlegte kurz. „Ich habe ihre Papierkörbe geleert. Ich habe Mirskys Fußboden aufgewischt. In Congers’ Büro putzt jemand anders, aber sie bittet mich immer, die Fenster für sie zu öffnen – sie hat Probleme mit ihrer Heizung.“ Tom dachte wieder nach und wirkte erfreut, als ihm noch etwas einfiel. „Und Dr. Mirsky hat mich gebeten, sein Auto zu waschen.“ „Seinen Wagen?“, fragte ich. „Es gehört nicht zu deinen Aufgaben, Privatautos zu waschen.“ „Er sagte, ich soll es tun.“ India war empört. „Ich hab auch ihre Würmer versorgt“, fuhr Tom fort. „Die von Congers.“ „Welche Würmer?“, wollte India wissen. „Die in ihrem Büro, die frische Knochen sauber machen. Die Sorte, weißt du.“ „Das ist allein ihre Aufgabe, nicht deine“, sagte

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ich. „Ja, aber sie kann Maden nicht ausstehen“, er- klärte Tom. „Sie hat mir eine große Schachtel Schokobrezeln mitgebracht, zum Dank für meine Hilfe. Wisst ihr, Würmer stinken nicht so schlimm, wie man vielleicht glaubt.“ „Nett“, bemerkte India. „Also gut, Tom“, sagte ich. „Jetzt schau dir mal das hier an.“ Ich drückte auf den Abspielknopf, und das Bild Indias, wie sie das Foyer fegte, er- schien auf dem Schirm. Tom starrte auf die Kame- ra.

„Du fegst gut“, sagte Tom zu India und lachte. India und ich lachten mit ihm, so wie früher, wenn wir drei uns im Park ein Tunfischbrötchen geteilt oder irgendwo Möhrenkuchen und Kaffee bestellt hatten. „Erzähl uns alles, woran du dich erinnerst“, sag- te ich. „Alles, was dir zu jenem Freitag in den Sinn kommt …“ Tom beobachtete, wie India den Besen schwang. Ich hatte vergessen, dass das eingebaute Mikro alle Geräusche aufnehmen würde, auch wie ich India Anweisungen gab. Ich hasse den Klang mei- ner Stimme auf Tonband. Deshalb war ich froh, als mich die Hintergrundgeräusche der Nonnen und die Musik von Tod des Universums übertönten.

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Das Lächeln verschwand von Toms Gesicht. „Was ist los?“, fragte India. Tom antwortete nicht. Er begann, hin und her zu schaukeln und sich die Hände zu reiben. In sei- ne Augen trat ein dumpfer Ausdruck. „Was siehst du?“, fragte ich ihn. Die Musikuntermalung der Planetariumsshow schwoll an. Tom stand langsam und zitternd auf wie ein Zombie. Ich bedeutete den Wachen, sie sollten sich zurückhalten, und legte die Hand auf Toms Schulter. Er setzte sich wieder. „Es war die Musik“, sagte ich. „Wir haben den Auslöser der Hypnose gefunden!“ „Tom, er hat Recht, nicht wahr?“, fragte India. „Es ist die Musik, oder?“ Aber Tom nahm uns gar nicht wahr. Er wirkte verängstigt, gehetzt, so als müsse er sich unbedingt an einem bestimmten Ort einfinden. Er fing an, zu wimmern wie ein eingeschüchterter Welpe. Als er sah, wie India in dem Video den Besen weglegte und in Korridor C einbog, beruhigte er sich vorü- bergehend. Wie betäubt verfolgte er, wie sie vor Conchetta Farrs Tür stehen blieb. Sein Wimmern setzte wieder ein. „Er wurde eindeutig programmiert“, sagte ich zu India. Sie nickte. „Es könnten zwei Auslöser sein, vielleicht sogar

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drei“, spekulierte ich. „Die Musik war der erste Auslöser, der ihn zu Farrs Labor schickte. Aber da muss noch etwas anderes sein, ein zweiter Anstoß, der ihn dazu gebracht hat, Conchetta zu würgen.“ „Und was?“, fragte India. „Die Person, die ihn programmiert hat, muss etwas ausgewählt haben, das genauso vorhersagbar eintreffen würde wie das Musikfinale am Ende von Tod des Universums. Einen zweiten Auslöser, auf den der Mörder hundertprozentig bauen konnte, wenn Tom zu Conchettas Büro ging.“ „Als Tom Conchetta sah“, sagte India. „Genau.“ „Ein Wort“, platzte India heraus. „Der Killer könnte ein Wort gekannt haben, das jedes Mal fiel. Oder einen ganzen Satz. Etwas, das Conchetta oder Tom garantiert sagen würden. Oder wenn der Mörder da war, könnte er den Auslöser selbst gege- ben haben. Vielleicht hat er sich versteckt gehalten, im Labor gewartet. Es muss etwas gewesen sein, worauf kein anderer so schnell kommen würde.“ „Logo.“ India kann besser mit Worten und Sprache um- gehen als ich. Während ich eine Vorliebe für Rät- sel habe, ist sie die Expertin in Fragen des Vokabu- lars. Beim Scrabble schlägt sie mich immer um Längen. „Hallo Conchetta“, sagte sie probehalber zu

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Tom. Keine Reaktion. „Das war’s nicht“, sagte ich. „Versuchen wir’s mal mit einzelnen Wörtern.“ Ich fing an, Tom mit Wörtern zu bombardieren. „Korridor. Doktor. Farr …“ Nichts. „Wie geht es Ihnen, Dr. Farr? Hallo, Herrin der Insekten.“ India hob die Stimme und sprudelte alles hervor, was ihr in den Sinn kam. Sie holte tief Luft: „Kakerlaken. Skorpione. Tausendfüßler.“ Die Aufseher waren alarmiert und näherten sich uns. Mir war klar, dass sie jeden Augenblick die Geduld verlieren und uns wegschicken könnten. „Essen. Larven. Würmer …“, beteiligte ich mich. Tom wand sich, und in seinen Augen stand die nackte Angst, als tobe in ihm ein furchtbarer Kampf. „Schöner Tag heute. Büro. Hübsches Kleid …“, rasselte India herunter. „Aristoteles, dicke Spinne, haarige Spinne …“, sagte ich. Kaum hatte ich das Wort Spinne gesagt, als India und ich uns ansahen. Uns war im gleichen Mo- ment derselbe Gedanke gekommen, doch sie war schneller. „Spinnenfrau!“, rief sie Tom zu. „Spinnenfrau!“ Die Antwort war ein Furcht einflößendes Knur- ren, gefolgt von einer Serie spitzer, immer schriller

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werdender Schreie wie in einem Affenhaus. Die Geräusche kamen von Tom, er fuhr zu India he- rum, und ehe ich ihn daran hindern konnte, schos- sen seine Hände zu ihrem Hals. India schrie auf. Ich sprang auf Toms Rücken und zerrte an seinen Armen, um seinen Griff zu lockern – aber er entwickelte Bärenkräfte. Inzwi- schen hatten sich auch die Aufseher auf Tom ge- stürzt und versuchten, seine Finger von Indias Hals zu lösen. Sie fingen an, auf ihn einzuschlagen. „Nein!“, schrie India. „Er würgt mich doch gar nicht!“, brüllte sie. „Tun Sie ihm nichts! Er würgt mich nicht!“ Nicht mehr lange, und die Aufseher hatten Tom unter Kontrolle. Ich bemerkte, wie jemand in Blau und in allen Farben des Regenbogens hinter einer Spiegelwand hervor in den Raum schoss. Die Stimme war herrisch, laut, vertraut. „Bringt ihn raus“, befahl die untersetzte Gestalt. „Schafft ihn sofort weg von hier.“ Die Aufseher schleiften Tom hinaus, während Inspektor Krakowski auf uns zukam. Sie schüttelte den Kopf, dass ihr Puppenhaar flog. „Ihr zwei klei- nen Schnüffler steckt in Schwierigkeiten“, zischte sie wutentbrannt. „In großen Schwierigkeiten. Ihr habt ja keine Ahnung, womit ihr es zu tun habt. Euer kleiner Freund ist psychopathisch, und damit

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spielt man nicht herum. Weiß einer von euch überhaupt, was das bedeutet? Psychopathisch? Wisst ihr das?“ „Aber er hat mich nicht richtig gewürgt“, wie- derholte India klar und deutlich. „Ich schwör’s.“

Im Schuh ein Tattoo

„Er hat die Hände zwar um meinen Hals gelegt, aber wehgetan hat er mir nicht“, beteuerte India immer wieder. Inspektor Krakowski lachte auf. „Er wollte dich genauso erwürgen, wie er Dr. Farr erwürgt hat“, rief sie, „so war’s, und nicht anders.“ „Ganz und gar nicht.“ Ich zwängte mich zwi- schen Krakowski und India. „Er wurde hypnoti- siert und dazu programmiert, die Hände um Con- chetta Farrs Hals zu legen, wenn jemand Spinnen- frau sagte. Mehr ließ sein Gewissen nicht zu. Es widerspricht Toms Wesen, jemandem etwas zu Leide zu tun, und das wusste der Mörder. Deshalb hat er das Ganze so inszeniert, dass Zeugen zumin- dest Toms Hände an Conchettas Hals sehen und den Schluss ziehen würden, er hätte sie erwürgt.“ Krakowskis Augen wurden glasig vor Zorn, als

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ich nicht aufhörte, sie mit meinen Erklärungen zu bombardieren. Ich nannte ihr die Auslöser, erläu- terte, dass der Mörder den genauen Zeitpunkt fest- gelegt hatte, zu dem er das Verbrechen begehen musste – fünf, vielleicht auch zehn Minuten vor dem Ende der Planetariumsshow. Dann, als der Killer sah, wie Tom aufs Labor zusteuerte, benutzte er den zweiten Auslöser: Spinnenfrau! Tom dachte wohl, dass er Farr eine Halskette anlegen oder ei- nen Schal um den Hals schlingen sollte – irgendet- was, das Tom als völlig harmlos einstufen würde. Gesteuert wurde all dies von dem Killer, der Tom eingab, er solle zugleich laut schreien. Vermutlich war es Toms Schrei, den die anderen hörten. Tom wusste nicht, dass Dr. Farr bereits tot war. „Weißt du was, Kleiner?“, ächzte Krakowski. „Ich habe rasende Kopfschmerzen von deinem Gefasel.“ „Mannomann, die Gerichtsmediziner müssen Ihnen doch von dem Betablocker erzählt haben, den man in Toms Blut gefunden hat“, sagte ich. „Sehen Sie denn nicht, dass man Tom benutzt hat?“ „Was ich gerade eben gesehen habe, ist, wie ein junger Mann über ein Mädchen hergefallen ist – das habe ich gesehen“, brauste Inspektor Krakows- ki auf. Sie gab den Wachen ein Zeichen, India und mich aus dem Besuchsraum zu bringen.

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„Er hat mir nichts getan“, rief India über ihre Schulter. Ich öffnete den Camcorder und warf Krakowski das Videoband zu. Sie fing es auf, als wäre es ein heißer Ziegelstein. „Probieren Sie die Auslöser an Tom aus! Sehen Sie sich das Band an!“ „Ihr Unruhestifter haltet euch von jetzt an gefäl- ligst aus diesem Fall raus“, brüllte Inspektor Kra- kowski, hochrot im Gesicht. „Und haltet euch fern vom Museum, oder ich verhafte euch zwei wegen Behinderung der Ermittlungen. Glaubt ja nicht, dass das nur eine leere Drohung ist!“ India und ich wurden nach draußen geführt. Wir sagten nichts mehr, bis wir die Straße über- quert hatten und zur U-Bahn-Station hinabstiegen. „Himmel, was für eine sture alte Hexe!“, sagte India, setzte ihre Sonnenbrille auf und zupfte an den Fransen ihrer Schultertasche aus künstlichem Leopardenfell herum. „Abartig.“ „Der würde ich nur zu gern mal eins aufs Dach geben“, steuerte ich bei. „Ich schätze, jetzt wissen wir, womit wir es zu tun haben“, fuhr India fort. „Tom wurde eindeutig mithilfe eines schweren Medikaments hypnotisiert. Farr saß höchstwahrscheinlich schon tot auf dem Stuhl, als Tom zu ihrem Labor kam. Übrigens bin ich jetzt auch der Meinung, dass das Halsband des Ganesh irgendwie in den Fall verwickelt ist.“

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„Es kann nicht anders sein“, bekräftigte ich. „Und was unsere Verdächtigen betrifft, so hat Mirsky ja inzwischen Farrs Job an Land gezogen. Congers ist fuchsteufelswild, und sie hasste Farr ebenso wie alle anderen. Und Dr. Spiegelman ist erwiesenermaßen ein Lügner.“ „Was für ein Haufen!“, sagte India. „Wer auch immer der Mörder ist, er muss absolut skrupellos sein, und deshalb werden wir wohl doch tun, was Inspektor Krakowski verlangt, und uns vom Mu- seum fern halten, oder?“ „Kommt nicht infrage!“, rief ich sofort. „Wusste ich’s doch.“ Es war halb sieben, als wir bei Jesus eintrafen. Er saß draußen vor dem Haus in seinem vergleich- sweise primitiven Rollstuhl und blätterte in einem seiner Notizbücher, das aufgeschlagen auf seinem Schoß lag. Er winkte uns zu, als wir näher kamen. „Ihr seid spät dran“, sagte er, warf sein langes schwarzes Haar zurück und schob seinen Stuhl an, um uns entgegenzukommen. „Ich hatte schon be- fürchtet, im Knast würden sie euch gleich dabehal- ten.“ Jesus ist 13, aber schon seit mehreren Jahren ein Computergenie. „Wir hatten auch Angst, sie sperren uns ein und werfen den Schlüssel weg“, gab India zu. Ich übernahm es, Jesus zu schieben, während India ihn über die jüngsten denkwürdigen Ent-

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wicklungen des Falls aufklärte, darunter Toms Reaktion auf das Video und unser Kräftemessen mit Inspektor Krakowski – und über die Möglich- keit, dass der Fall etwas mit der Gala und den Ju- welen des Museums zu tun hatte. „Der Mörder könnte es auf mehrere wertvolle Stücke der hauseigenen Sammlung abgesehen ha- ben“, sagte Jesus. „Auf den Saphir Stern von Indien oder auf die ägyptischen Rubine.“ „Das Museum besitzt sogar Schmuck, der Na- poleon und Josephine gehört hat“, fügte India hin- zu.

„Ja, viel mehr als nur das Halsband des Ganesh“, bestätigte ich. „Aber das Halsband ist das neueste Stück, deshalb muss es in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen. Außerdem ist es bekanntlich eines der wertvollsten Schmuckstücke der Welt.“ Uns blieb noch eine gute Stunde Zeit, bis India und ich zur Schule für Ethik und Kultur aufbre- chen mussten, daher beschlossen wir, unseren übli- chen Rundgang anzutreten nach Süden rund um das Karussell im Central Park und wieder nach Norden zur Statue von Alice im Wunderland am Bootsteich. Jesus berichtete, was er alles über Mirs- ky, Congers und Spiegelman ausgegraben hatte, während wir die Drehorgel des Karussells alte Lie- der spielen hörten. Aus einer der Satteltaschen des Rollstuhls holte

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Jesus eine abgenutzte braune Mappe – er hatte den Rollstuhl wie ein Büro auf Rädern ausgestattet. „Auf deine Bitte habe ich bei den Hauptverdächti- gen alles berücksichtigt, was etwas mit Hypnose und Suggestion zu tun haben könnte – alles in der Art. Es gab jede Menge Material über Mirsky.“ „Zum Beispiel?“, fragte ich. Jesus holte eine Baskenmütze aus einer Tasche, setzte sie auf und schob sein Haar darunter. „Mirs- ky scheint sich nie mit herkömmlicher paläontolo- gischer Forschung zufrieden gegeben zu haben“, fuhr er fort. „Der Eindruck, den man aus den Zeit- schriften und Interviews gewinnt, die ich im Inter- net aufrufen konnte, ist, dass er sich abwechselnd mit ganz normalen Forschungsthemen beschäftigt und dann plötzlich durchdreht und lauter verrück- tes Zeug veröffentlicht. Wie zum Beispiel einen Artikel über die Existenz von UFOs im Hinter- grund von Gemälden aus dem Mittelalter. Er mischt überall mit, wisst ihr, sitzt in etlichen Auf- sichtsräten und hat wahnsinnig viele Reisen um die ganze Welt, aber vor allem nach Haiti unternom- men.“ „Haiti, der Ursprungsort des Voodoo“, sinnierte India. „Genau mein Gedanke“, sagte Jesus. „Ich bin diesem Hinweis nachgegangen. Mirsky sammelt haitianische Kunst. Er hat haitianische Kultur stu-

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diert, unter anderem den Voodoo-Kult. Wie es scheint, hat er, na ja, den Kopf voll von Voodoo. Er hat sogar seine Doktorarbeit über die Zauber- und Heilkünste von Voodoo-Medizinmännern geschrieben. Echt wirres Zeug.“ „Ich habe in seinen Unterlagen im Museums- archiv nachgesehen; er war in den letzten sechs Monaten in Nordafrika“, ergänzte ich. „Er hätte jede Droge, jedes Medikament kaufen können, alles, was er haben wollte.“ India löste mich ab und schob Jesus’ Rollstuhl zur Promenade der Entdecker, einem mit Kopf- stein gepflasterten Gehweg, gesäumt von Bänken und Statuen großer Berühmtheiten wie Shakespea- re und Madame Curie. „Und Congers?“, fragte sie. „Was hast du über sie herausbekommen?“ „Oh, die ist auf ihre Art genauso beknackt“, sagte Jesus. „Ich habe die Daten ihrer veröffentlich- ten Artikel überprüft. Sieht so aus, als hätte sie ständig Überstunden gemacht, um mit Mirsky mit- zuhalten. Jedes Mal, wenn er einen seiner Artikel über Fliegende Untertassen oder Voodoo veröf- fentlichte, schob Congers ein nicht minder be- scheuertes Thema nach.“ „Was denn zum Beispiel?“, wollte ich wissen. Jesus zog noch eine Mappe aus der linken Sattelta- sche des Rollstuhls. „Einen Moment.“ Er blätterte in seinen Ausdrucken. „Früher forschte sie über Skelette

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und Mumien in den Katakomben der St.-Cecilia- Kathedrale in Galati. Sie veröffentlichte eidesstattliche Aussagen von 100 Mitgliedern dieser Kirchenge- meinde, die behaupteten, sie hätten gesehen, wie Johanna von Orleans auf dem Altar erschien und rief:

‚Wir Frauen werden über die Erde herrschen!‘. Egal worüber Congers schreibt, es geht immer irgendwie um das Thema ‚Frauen an die Macht‘.“ „Sie war in diesem Jahr dreimal in Nordafrika“, sagte ich. Eine Haarlocke entwischte Jesus’ Baskenmütze und fiel ihm in die Augen. Er schob sie wieder an ihren Platz. „Und Spiegelman?“, fragte ich, als wir am Bootsteich ankamen. Die Bänke rings um den Teich waren Indias und mein Lieblingsplatz im Central Park. Dorthin gingen wir, um lange Gespräche zu führen über den Tod, die Schule, Freundschaft, Eltern, Liebe, Filme, Bücher und Musik – kurz und gut, wir re- deten über alles, was uns so einfiel. Scharen alter Männer standen am Teich und steuerten mit Fernbedienung Miniaturboote über das Wasser. Ein paar Kids befestigten Köder an Schnüren, um Flusskrebse aus den trüben Tiefen des Teichs zu locken. Dutzende von Kleinkindern mit ihren Müttern kletterten und spielten auf den glänzenden Messingpilzen und Granitsteinen der

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Statuen von Alice im Wunderland und Hans Christian Andersen. Wir setzten uns an einen Tisch. „Über Spiegelman liegt nicht viel vor, nur dass er Experte für indische Kunst und ein recht zurückhal- tender Autor ist“, sagte Jesus. „Er scheint Indien, seine Kunst und Kultur einfach sehr zu lieben.“ „Er hat einen supermodernen motorisierten Rollstuhl“, sagte India. „Ich wünschte, wir wären reich, dann würden wir dir auch so einen kaufen.“ Jesus lachte. „Ich hätte nichts dagegen.“ Er überflog seine Notizen auf der Suche nach weiteren wichtigen Details. „Mirsky ist verheiratet und hat eine Dogge. Keine Kinder. Congers wohnt in Brooklyn Heights mit zwei Papageien und hat sich schon vor Jahren scheiden lassen. Spiegelman ist allein stehend.“ „Nichts Absonderliches?“ „Nein, eigentlich nicht.“ Wir beobachteten, wie die Männer mit den Rennbooten wie wild auf ihren Fernbedienungen herumdrückten. Die Boote schossen übers Wassers, umrundeten eine Reihe winziger Bojen am ande- ren Ende des Teichs, dann traten sie die Rückreise an. Ein Asiat lenkte eine 1,80 in lange originalge- treue Nachbildung der Santa Maria. Ich bemerkte, dass India auf die Galeone mit den kunstvoll be- stickten Segeln und der zierlich geflochtenen Take-

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lage starrte. Jesus und ich zuckten zusammen, als sie plötzlich ihr rechtes Bein in die Luft schwang und ihren Schuh von sich schleuderte. „Oh, mein Gott!“, rief India. „Was ist denn?“, wollten Jesus und ich wissen. Wir blickten auf ihren Fuß und rechneten da- mit, dass ein riesengroßes Insekt in ihren Schuh gekrochen war. Stattdessen zeigte sie auf einen kleinen roten Schmetterling, der auf ihren Knöchel aufgemalt war. „Mein Tattoo“, sagte sie. „Was ist damit?“, fragte ich. „Es ist aus Henna. Ihr wisst schon, Mehendi- Tattoos – indischer Körperschmuck. Das mit Hen- na versetzte Medikament könnte auch aus Indien stammen. Wir müssen das Museumspersonal noch einmal auf Kontakte zu Indien überprüfen.“ „Und zum Halsband des Ganesh“, ergänzte ich. „Genau“, sagte India. „Dieser Fall ist ein einziges logisches Verwirr- spiel“, sagte ich, während ich auf dem Rückweg Jesus’ Rollstuhl über die Kreuzung an der 72. Stra- ße schob. „Ich kann solche Rätsel nicht leiden“, schimpfte India. Auf einem kleinen Hügel stutzte ich und wurde plötzlich langsamer. India bemerkte es sofort. „Was ist los?“, fragte sie. Ich wusste, wie komisch es aussehen würde,

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vollführte jedoch einen kleinen Hopser, lachte laut und fing scheinbar ohne Grund an zu singen. India und Jesus starrten mich zuerst an, als hätte ich den Verstand verloren, aber dann kapierten sie und lachten mit. Wenn wir glauben, dass uns je- mand beobachtet, geben wir uns immer betont lebhaft. „Er ist dahinten“, flüsterte ich. „Er beobachtet uns.“ „Wer?“, fragte Jesus. „Der Typ, den Gardner mir in seinem Büro vom Fenster aus gezeigt hat.“ „Wo denn?“, fragte India und tat so, als müsse sie ihre Sonnenbrille zurechtrücken und sich die Nase kratzen, wobei sie sich ganz unauffällig um- blickte. Der Junge trug wieder die tief sitzende grau-grüne Militärhose. Sein Haar starrte von Gel. Er schaute mit zusammengekniffenen Augen zu uns herüber. India stieß die Luft aus. „Der sieht ganz schön bedrohlich aus.“ „Finde ich auch“, sagte Jesus. Als ich wenig später wieder dorthin schaute, war der Typ verschwunden.

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Giftiges Getier

Jesus verabschiedete sich, um die Indienkontakte des Museumspersonals zu überprüfen. Die Zeit wurde knapp, deshalb gingen India und ich direkt zur Schule für Ethik und Kultur in der 65. Straße. Wie ich von meinem Vater wusste, waren die Veranstaltungen dort immer völlig überlaufen. Nicht so an diesem Abend. Es war fünf vor acht, als India und ich die Eingangsstufen hinauf ins Foyer hasteten. An einer Reklametafel vor dem Haupteingang prangte ein großes Foto von Dr. Jeffrey Mirsky, am oberen Rand versehen mit dem Titel seiner Ansprache in großen roten Let-

tern: FOSSILIEN DES TODES: TRÖSTUNGEN IN DER GRUFT.

„Verstehst du, was das heißen soll?“, fragte In- dia. „Ich habe keinen Schimmer“, erwiderte ich. „Komm, wir setzen uns direkt in die erste Reihe.“ Ich ging voran durch den Zuschauerraum. „Wenn er der Killer ist, dann hält er uns sein Geständnis wie eine Karotte vor die Nase“, sagte India. „So wie Jack the Ripper, der den Agenten von Scotland Yard Briefchen schickte, in denen stand: ‚Bitte, fangt mich.‘“ Ich grunzte zustimmend, als wir uns Plätze

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suchten. Der Saal war alt, mit geschwungenen Sitz- reihen, Zierleisten und Rängen wie in alten Opernhäusern. Um Punkt halb neun wurde das Licht gedämpft. Im Zuschauerraum saßen nur wenige Dutzend Leute, zumeist Frauen mit dunkel getönten Haaren und Männer mit Glatzen und Hörgeräten. Mirsky kam heraus und zeigte lächelnd die Zähne. Er sah wie gelackt aus in seinem schwarzen Nadelstreifen- anzug. Langsam ging er zum Rednerpult, legte ein Häufchen Karteikarten neben ein Glas Wasser und rückte sich das Mikrofon zurecht. Er schaute zu den Rängen hoch. Ich drehte mich um, folgte seinem Blick und stieß India an. „Da ist Congers.“ „Was macht die denn da oben?“, fragte India. „Seit grauer Vorzeit interessieren sich die Men- schen für Fossilien“, begann Mirsky. „Es ist bemer- kenswert, wie viele Fossilien als Grabbeigaben bei den Überbleibseln prähistorischer Menschen ge- funden wurden. Im Mittelalter wurden Fossilien wahlweise als Schöpfung Gottes, als Abnormität oder als ein Mittel betrachtet, das der Teufel be- nutzte, um die Menschen in die Irre zu führen …“ India beugte sich vor und stützte die Ellbogen auf ihre Knie. Aufmerksam hörte sie auf jedes Wort. „Erst in der Renaissance wurde die wahre Be-

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deutung der Fossilien von den Gelehrten dieser Welt erkannt“, plapperte Mirsky weiter. „Es war Leonardo da Vinci, der großes Interesse an den Fossilien zeigte, die in Gräbern von im Eis mumifi- zierten Cromagnonmenschen gefunden wurden …“ Mirsky fuhr fort, abwechselnd in belehrendem und herablassendem Ton. Nachdem ich zehn Mi- nuten lang sein gekünsteltes Lächeln und seinen wirren Vortrag über mich hatte ergehen lassen, wurde ich allmählich schläfrig. Eine Zeit lang räus- perte er sich nach jedem zweiten Wort und trieb mich fast zum Wahnsinn, weil er erst nach einer halben Stunde zu dem Glas Wasser griff und einen Schluck trank. In dem Moment, als er das Glas hob, bemerkten India und ich eine plötzliche Bewegung am Rand des Rednerpultes, auf die Stelle zu, an der Mirskys linke Hand lag. Erst sah es nur aus wie ein Schatten – ein schwarzer Schatten, der vorwärts glitt. Mirsky schien die Bewegung nicht wahrzunehmen. Ich dachte schon, India und ich hätten uns nur etwas eingebildet, als der Schatten sich auf Mirskys Hand schlängelte und schließlich in den Ärmel seines Anzugs kroch. Plötzlich wussten wir, was es war: einer der großen giftigen Tausendfüßler, die wir in Conchettas Labor gesehen hatten. Mirsky konnte den Tausendfüßler inzwischen

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spüren – oder zumindest merkte er, dass etwas sei- nen Arm entlangkrabbelte. Zuerst klopfte er sich nur verstohlen auf seinen Oberarm, als ob er einen Krampf hätte, bald jedoch wurde ihm klar, dass das „Etwas“ lebte. „Ein Tausendfüßler!“, rief India laut. Einen Moment lang starrten sie alle an. Ich war aufgesprungen, und wir stürzten ge- meinsam zur Bühne, als der Tausendfüßler auch schon aus Mirskys weißem Hemdkragen platzte und über seinen Hals tief. Mirsky stieß einen schril- len Schrei aus. Er schlug nach dem Ding, das seit- lich an seinem Gesicht hochkrabbelte. Einer der Schläge traf, und das längliche, sich windende In- sekt flog in Richtung Publikum. Der Tausendfüß- ler landete gut sichtbar vor der Bühne und kroch auf die Sitzreihen zu. Überall schrien Leute, aber India, einen Plateauschuh in der Hand, holte aus. Als sie das Insekt traf, kroch es gerade an der Rückenlehne eines Sessels in der zweiten Reihe hoch. Ihr Absatz zerquetschte den Kopf des Tieres. Eine Zeit lang zuckte sein Körper noch, dann fasste India es mit einem Taschentuch an und warf beides in einen Mülleimer. „Die Polizei!“, schrie Mirsky. „Ruft die Polizei. Jemand hat es auf mich abgesehen …“ Ich schaute zum Balkon, aber Congers war ver- schwunden. Es dauerte eine gute Viertelstunde, bis

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die Polizei eintraf – zwei stämmige Beamte, die aussahen, als wären sie bei einem abendlichen Ni- ckerchen gestört worden. Mirsky brachte sie dazu, den toten Tausendfüßler an sich zu nehmen. Er sagte immer wieder, jemand habe das Insekt gezielt in einer kleinen, leicht geöffneten Schachtel unter dem Sims des Pultes platziert. „Jemand will meinen Tod, und ich verlange, dass Sie etwas dagegen unternehmen!“, rief Mirsky. Einer der Polizisten verbiss sich das Lachen, während er sich Notizen machte, bis Mirsky brüll- te: „Ich bin vom Museum! Ich arbeite da, wo neu- lich der Mord geschehen ist. Der Mord! Der Mord!“ Von da an nahmen sie ihn ernst. Mehrere wei- tere Beamte erschienen und sorgten dafür, dass alle anderen den Saal verließen. „Gehen Sie nach Hau- se. Der Vortrag ist beendet …“ India zitterte leicht, als ich ihren Arm nahm und wir die hohen Stufen zur Straße hinuntergingen. So ist sie oft, wisst ihr – erst die Tapferkeit in Per- son und später, wenn sie Zeit hat, um über alles nachzudenken, wird sie nachträglich fast ohnmäch- tig vor Angst. „Jemand hat den Tausendfüßler auf ihn ange- setzt“, sagte India. „Es ist, als ob der Geist Con- chettas Rache nimmt – obwohl Mirsky als Ver- dächtiger jetzt wohl ausscheidet. Derjenige, der

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den Tausendfüßler auf ihn angesetzt hat, muss auch Conchetta auf dem Gewissen haben.“ „Das ist noch nicht raus“, wandte ich ein. „Wir müssen erst noch sein Alibi überprüfen. Wo war er, als Conchetta starb? Jeder Mord lockt Tritt- brettfahrer an. Es könnte jemand den ersten Mord benutzt haben, um sein eigenes Verbrechen zu decken. Wie dem auch sei, der Schuldige wusste genau, welches Insekt er aus Conchettas Zucht entwenden musste. Er wusste, welches besonders gefährlich war.“ Ein kühler Wind blies durch die Straßen- schluchten New Yorks, als ich India nach Hause begleitete. „Ach, Dr. Farr hat doch überall verbreitet, dass bestimmte Insekten aus ihrer Sammlung einen Menschen mit einem einzigen Biss töten könnten“, sagte India. „Es muss die Congers gewesen sein:

Mirsky hat sie ausgestochen und ihr den Job vor der Nase weggeschnappt. Na ja, Congers oder Spiegelman, einer von beiden.“ „Nicht unbedingt“, wandte ich ein. „Was willst du damit sagen?“, fragte India. „Mirsky könnte den Tausendfüßler selbst dort platziert haben.“ „Um Selbstmord zu begehen?“ „Quatsch, nein. Wäre er gebissen worden, dann hätte man ihn schleunigst ins Roosevelt Hospital

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gebracht, keine fünf Minuten von hier. Er weiß, dass man dort Gegenmittel gegen alle erdenklichen giftigen Tierbisse hat, von der Klapperschlange bis zu einem räudigen Tasmanischen Teufel. Es kommt immer mal wieder vor, dass jemand im Supermarkt von einem Insekt gebissen wird, das sich in einem importierten Bund Bananen versteckt hat.“ „Worauf willst du hinaus?“ „Mirsky könnte es darauf angelegt haben, den Verdacht von sich abzulenken. Die Polizei wird jeden Tag zu Verbrechensschauplätzen gerufen, wo der Mörder sich selbst eine Schnitt- oder Schuss- wunde beigebracht hat und brüllt: ‚Jemand hat ver- sucht, mich zu töten. Jemand hat versucht, mich zu töten!‘“ „Na schön, nehmen wir an, du hast Recht“, sagte India. „Wie passt das mit deiner Theorie über Habgier zusammen?“ „Das weiß ich noch nicht. Vielleicht gar nicht“, gab ich zu. „Ich weiß nur, dass wir Toms Un- schuld beweisen und ihn aus dem Knast holen müssen.“ India fing an, leise zu weinen. Wir wünschten uns beide so sehr, dass Tom freigelassen würde, nach Hause gehen und wieder in seinem eigenen Bett schlafen könnte.

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Alte Geschichten

Ich sah India erst am Montag in der dritten Stunde an der Westside School wieder. Vorher hatte sie Physik und Schauspielunterricht, während ich in Chemie festhing, gefolgt von Kochen, das ich ge- wählt hatte, weil ich noch einen möglichst stress- freien Kurs brauchte. Außerdem konnte es nicht schaden zu wissen, wie man einen Hackbraten zu- bereitete. In der dritten Stunde trafen wir uns im Büro der Schülerzeitung. Wir schrieben ab und zu Buch- und Filmkritiken, vor allem weil wir da- durch viele Gratisbücher und Kinokarten bekamen. Außerdem konnten wir in der dritten Stunde das Büro benutzen und dort frei schalten und walten, ohne dass uns jemand störte. „Igor hat mich im Schauspielkurs gekrallt“, be- richtete India, als sie mit zwei Blätterstapeln he- reinkam. „Er hat alles aus dem Internet herunterge- laden, was er zu Ganesh finden konnte. Bilder von ihm mit Elefantenkopf und wie er auf einer Maus reitet – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.“ Sie warf einen der Stapel vor mir auf den Tisch. „Danke“, sagte ich. „Hast du das alles gelesen?“ „Ja, ich hatte viel Zeit“, sagte India. „Unser Schauspiellehrer Mr Raposo ist nicht gekommen – irgend so eine abgedrehte Geschichte, dass er übers

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Wochenende nach Las Vegas geflogen sein soll und seine Maschine einen Motorschaden hatte. Wir gehen davon aus, dass all das frei erfunden ist. Wendy Fillerman behauptet, im Frühjahr will er das Musical ‚Cabaret‘ inszenieren und ihr die Hauptrolle geben. Daraufhin hat Igor sie gefragt, ob sie heute vergessen hätte, ihren Medikamenten- cocktail einzunehmen.“ Ich saß an einem der Computer, ein großes Farbbild des indischen Gottes Ganesh auf dem Schirm. Eigentlich war ich ganz froh, dass Igor so viel Material gesammelt hatte. Ich hatte das Gefühl, dass das Halsband des Ganesh der Dreh- und An- gelpunkt des Falls war, wenngleich wir noch nicht wussten, inwiefern. Schon den ganzen Morgen kam es mir irgendwie vor, als ob India und ich einen hohen Berg erklimmen wollten – aber im Moment befanden wir uns erst im Basislager und hatten den Gipfelsturm noch vor uns. Das Bild vor mir zeigte den elefantenköpfigen Ganesh, wie er eine Venusmuschel, eine Diskusscheibe, einen Holzschläger und eine Lotusblume in der Hand hielt. „Wie ist er denn an den Elefantenkopf ge- kommen?“, fragte ich. „Oh, das ist eine ganz schreckliche Geschichte“, sagte India. Sie setzte sich auf einen der Drehstühle und rollte neben mich. „Zunächst mal lieben alle Inder Ganesh. Er ist der Gott der Weisheit, der

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Umsicht und der Erlösung.“ „Klingt wie ein Gott, den Tom gebrauchen könnte“, warf ich ein. „Das hab ich auch gleich gedacht. Jedenfalls ist Ganesh der Lieblingsgott Indiens. Er ist auf sämtli- chen Glückwunschkarten abgedruckt, sein Bild schmückt Hochzeitseinladungen und Geburtsan- zeigen.“ „Und was ist mit seinem Kopf?“ „Ach ja. Nun, die Legende sagt, dass er vor lan- ger, langer Zeit ein ganz normaler hübscher Junge war“, sagte India und blätterte in ihren Unterlagen. „Er stand Wache vor der Tür seiner Mutter, als diese ein Bad nahm – sie hatte ihn darum gebeten –, und als sein Vater in das Gemach wollte, ver- wehrte Ganesh ihm den Zutritt. Da nahm der Va- ter eine Axt und enthauptete den Jungen. Hackte ihm mir nichts, dir nichts den Kopf ab, der über den Boden davonrollte.“ „Ganz schön grausam …“ „Ja“, India nickte. „Das dachte Parvati, seine Mutter, auch. Sie war tieftraurig und meckerte und nörgelte so lange an Shiva, ihrem Mann, herum, dass er seinen Wachen befahl, dem ersten Lebewe- sen, dem sie begegneten, den Kopf abzuschneiden …“ „Und das war zufällig ein Elefant?“ „Richtig – ein Elefantenbaby“, fuhr India fort.

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„Shiva setzte den Elefantenkopf auf Ganeshs Schul- tern und hauchte ihm neues Leben ein.“ „Der arme Junge“, sagte ich. Dann blätterte auch ich in Igors Material. „Darin steht, wie Ganesh um die Welt reiste“, berichtete India. „Es ist die bekannteste Geschichte über ihn.“ Sie streckte die Hand aus und zog ein Blatt aus dem Haufen. „Hier“, sagte sie und zeigte auf einen Absatz. Eine Legende erklärte, warum Ganesh größere Verehrung genoss als alle anderen indischen Got- theiten. Es ging auf seine große Umsicht und Klugheit zurück. Eines Tages befahl sein Vater ihm und seinem Bruder Kertikeya, um die Welt zu rei- sen – und wer von ihnen am schnellsten den Er- dball umrunden würde, der würde sein Reich er- ben. Kartikeya reiste sogleich ab, um die sechs Wochen hinter sich zu bringen, die er brauchen würde, um die Welt auf seinem Zauberpfau zu umrunden – aber Ganesh umkreiste einfach seine Eltern. Er erklärte seinem Vater und seiner Mutter, für ihn seien sie die ganze Welt – und so gaben sie ihm all ihr Geld und ihr Königreich. „Siehst du“, sagte India. „Und solche Nummern zieht Ganesh laufend ab. Er legt seine Gegner aufs Kreuz, er ist enorm clever. Deshalb sind die Inder so begeistert von ihm. Trotz seines Elefantenkopfs ist er ein supercooler Typ.“

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Es klopfte. Im Türfenster erblickten wir Igors weit aufgerissene Augen und sein starres Gesicht. Es sah aus, als hätte man ihn in eine Waschmaschi- ne gesperrt. Sein Haar hing in wirren Zotteln he- runter, so wie bei den Insassen von Irrenanstalten in alten Filmen. „Was willst du?“, rief ich. India kniff mich, stand auf und öffnete die Tür. „Wir haben gerade dein Material gesichtet“, sagte sie zu Igor. „Ein toller Einstieg in unser Projekt.“ „Ja“, stieß ich hervor. „Gute Arbeit.“ Igor lächelte. „Ich wollte euch nur sagen, dass ich schon sehr viel Zeit in das Referat investiert habe. Ich hab mir gedacht, dass ihr zwei jetzt etwas ganz Bestimmtes tun könntet, damit wir garantiert eine Eins kriegen.“ „Lass hören“, sagte ich. Igor sah aus, als wollte er mich am liebsten mit einem Bleistift erstechen. „Du könntest erwirken, dass wir uns das Halsband ansehen dürfen. Wir könnten uns Notizen machen oder die Broschüre des Museums auswerten – oder einen Kassettenre- korder mitnehmen und unsere Eindrücke einfach auf Band sprechen, so, als wären wir Reporter, die live berichten. Vielleicht könnten wir sogar eine richtige Präsentation vorbereiten – auf Power Point. Irgendwas Buntes, Auffälliges. Für so was hat Miss Conlan viel übrig“, dozierte Igor. „Sie

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legt Wert darauf, dass man alles so anschaulich wie möglich macht.“ „Das ist leider unmöglich“, entgegnete ich. „Vor morgen Abend darf niemand das Halsband sehen.“ „Na ja, dann …“ Igor hielt inne. „Hey, ihr könntet doch zumindest Pressefotos von dem Teil an Land ziehen. Es werden bestimmt Pressemappen mit allen wichtigen Angaben verteilt.“ „Nein“, sagte ich. „Das Halsband des Ganesh darf erst auf der Gala abgelichtet werden. Vorher gibt’s keine Fotos.“ Igor schmollte. „Du gibst dir überhaupt keine Mühe. Ich habe gründlich recherchiert, und wenn ihr Insiderinfos beisteuern könntet, würden wir noch besser abschneiden.“ Wir wurden Igor Kazinski erst kurz vor dem Läuten los. Als er weg war, murmelte ich: „Mann, geht der mir auf die Nerven …“, und stopfte das Material über Ganesh in meinen Rucksack. India gab mal wieder Tante Doris’ Lieblingsspruch „auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn“ zum Bes- ten, als ich auf den Zeitungsartikel stieß, den ich in Conchetta Farrs Kopiergerät gefunden hatte. Ich hatte vergessen, dass ich ihn in ein großes Reißver- schlussfach zwischen einen Notizblock und mein Geschichtsbuch gesteckt hatte. Ich zog den Aus- schnitt heraus und faltete ihn auf dem sonnenbe-

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schienenen Tisch vorsichtig auseinander. „Was sagt man dazu!“ Der vergilbte Artikel über den Unfall des Schulbusses in Galveston zog mich plötzlich in seinen Bann. „Was ist das?“, fragte India. Sie schaute nach dem Datum. „Der Unfall ist vor über 30 Jahren passiert.“ Sie brauchte nicht lange, um in dem Foto etwas zu sehen, was mir gleich zu Beginn hätte auffallen sollen. Die Bildunterschrift enthielt zwar immer noch keinen uns bekannten Namen, aber das Foto des Busfahrers zeigte einen jungen Mann, den wir sehr wohl kannten. Zumindest kannten wir ihn jetzt, drei Jahrzehnte später. „Es ist Gardner“, sagte sie. „Definitiv.“ Wir lasen den Artikel aufmerksam durch. Auf dem Foto war Gardner 24 Jahre alt, und laut Bild- unterschrift war sein Name Chad Taylor Young. Er hatte einen Schulbus gefahren, der auf einer Schotterstraße umgekippt war. Der Bus hatte To- talschaden, sieben Kinder waren verletzt, ein paar davon schwer. „Er war blau“, sagte India, als sie die Einzelhei- ten gelesen hatte. „Hier steht, er war betrunken und fuhr zu schnell in eine Kurve.“ „Und Conchetta wusste davon“, stellte ich fest. „Sie wusste nicht nur davon, sie hat auch diesen

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Artikel über Gardner ausgegraben und aufbe- wahrt.“ „Und wir wissen jetzt, wie sie an den Posten als Leiterin der Forschungsabteilung kam“, sagte ich. „Wir werden Dr. Gardner noch einen kleinen Be- such abstatten müssen“, fügte ich hinzu, als wir uns unter die Horden mischten, die im Zickzack durch die Flure stürmten. „Und zwar so schnell wie mög- lich.“

Eine Fälschung kommt selten allein

India und ich kamen erst um halb vier am Museum an. Wir fuhren direkt in die fünfte Etage hinauf, wo ich an Gardners geöffnete Bürotür klopfte. Überrascht schaute er von seinem Schreibtisch auf. „Oh, Quentin … und India“, sagte er. „Kommt doch rein. Was kann ich für euch tun?“ „Wir müssen mit Ihnen reden“, verkündete ich. „Ich bin ziemlich beschäftigt –“, begann Gard- ner. Ich unterbrach ihn. „Es ist wichtig.“ „Ach ja?“ Dr. Gardner wurde neugierig. „Wenn das so ist, nehmt Platz.“ India und ich setzten uns auf das schwarze Le-

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dersofa. Ich sah, wie sie ihren Radarblick über die Regale mit Kunstbänden und historischen Titeln schweifen ließ und schließlich bei dem Stierkopf und dem Papierbeschwerer mit der Kaninchenpfo- te verweilte. Mit neuem Interesse schaute ich auf die gerahmten Fotos von Gardners Familie, vor allem auf die Aufnahme, die alle in Cowboytracht zeigte. „Wir wollen über das hier mit Ihnen reden.“ Ich schob ihm den Zeitungsartikel hin. Gardner saß lange Zeit reglos da. Er nahm den Artikel nicht, schaute ihn nur an, er wusste ganz genau, worum es ging. Schließlich drehte er sich auf seinem Stuhl herum und starrte aus dem Fens- ter auf den Park. „Dr. Farr hat Sie jahrelang erpresst, nicht wahr?“, fragte ich. „Ich hätte meine Stellung verloren“, sagte Gardner kaum hörbar. „Es war klar, dass ich auf der Stelle gefeuert worden wäre, wenn diese Affäre an die Öffentlichkeit gelangt wäre. Nicht einen Tag länger wäre ich Direktor des Museums geblie- ben.“ Er räusperte sich. „Ich habe Familie. Ich hät- te so vieles verloren: meine Pensionsansprüche, die Gesundheitsversorgung. Mit solch einer Vergan- genheit hätte mich auch kein anderes Museum eingestellt. Es war ein Fehler. Der Fehler eines sehr jungen Mannes. Drei der in den Unfall verwickel-

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ten Kinder sind heute behindert. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke, an die jungen Leben, die ich ruiniert habe. Ich habe versucht, es wieder gutzumachen durch meine Arbeit hier – durch die Programme für junge Leute. Durch be- sondere Projekte …“ Ich warf India einen Blick zu. Ich wusste, wel- che Frage ihr auf den Nägeln brannte, aber sie be- herrschte sich. Um die Wahrheit zu sagen, saßen wir beide ei- ne Zeit lang ebenso traurig da wie Gardner. Schließlich zwang ich mich, die entscheidende Fra- ge zu stellen. „Haben Sie Dr. Farr getötet?“ „Nein.“ „Wir haben den Artikel in Dr. Farrs Kopierer gefunden“, warf India ein. „Wieso hat sie ihn wohl gerade jetzt kopiert?“ „Sie hat mir immer mal wieder eine Kopie ge- schickt, um mein Gedächtnis aufzufrischen“, sagte Dr. Gardner. „Gewöhnlich dann, wenn sie eine neue Gefälligkeit von mir verlangte. Ihr wisst ja nicht, wie oft ich mir gewünscht habe, sie würde endlich von der Bildfläche verschwinden. Als ich hörte, dass sie tot war – als Max in mein Büro kam und es mir sagte –, da war meine erste Reaktion ein Gefühl der Erleichterung.“ Ich beschloss, nicht länger um den heißen Brei herumzureden. „Wo waren Sie, als Conchetta er-

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mordet wurde?“, fragte ich. Gardner schien überrascht von meiner Frage, so, als hätte er damit überhaupt nicht gerechnet. „Ich habe einen verspäteten Mittagsimbiss hier in mei- nem Büro zu mir genommen, ein Arbeitsessen – mit Dr. Mirsky. Wir haben Einzelheiten der Gala besprochen. Die Reden …“ „Sie und Dr. Mirsky waren die ganze Zeit zu- sammen in diesem Büro?“, fragte India. „Mal überlegen … Nun ja – nein. Irgendwann sagte Dr. Mirsky, er müsse einen bestimmten Ord- ner aus seinem Büro holen und dass er gleich zu- rück sein würde. Er war vielleicht zehn Minuten weg, als Max hereinkam, um mir mitzuteilen, dass Dr. Farr ermordet worden war. Ich habe kein sehr überzeugendes Alibi, aber ich versichere euch, ich habe Dr. Farr nicht getötet. Dass diese Frage an sich eine Unverschämtheit ist, lassen wir jetzt mal beiseite. Was werdet ihr tun?“, fragte Gardner. „Wollt ihr die Polizei über meine Vergangenheit aufklären?“ India hielt den Blick auf mich gerichtet und wartete, dass ich den nächsten Zug machte. „Ich weiß nicht, was wir tun werden, aber dafür weiß ich, was Sie tun könnten“, sagte ich. „Für uns.“ „Was denn?“ „Wir wollen das Halsband des Ganesh anschau- en“, erklärte ich.

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„Das kommt nicht infrage“, sagte Gardner. „Bis zur Gala darf niemand das Halsband sehen, und damit basta.“ „Sie haben es doch gesehen, richtig?“, fuhr ich fort. „Und Spiegelman muss es ebenfalls gesehen haben.“ „Das versteht sich von selbst.“ „Können Sie es uns wenigstens beschreiben?“, fragte India. „Ich denke, dagegen spricht nichts“, sagte er. „Es ist ein recht großes Schmuckstück – beinahe 60 Zentimeter Juwelen und Gold … hm … was noch?“ Er überlegte kurz. „Es besteht aus sieben je acht Zentimeter langen Halbmonden, an deren Spitze sich jeweils ein großer weißer Diamant be- findet. Jeder dieser Diamanten hat exakt 36 Karat und ist schon für sich genommen von unschätzba- rem Wert.“ „Wieso nennt man es das Halsband des Ga- nesh?“, fragte India. „Die wörtliche Übersetzung des indischen Na- mens lautet Ganesh reist um die Welt, erwiderte Gardner. „Von jedem Halbmond hängen Rechte- cke aus massivem Gold herab. Die Rechtecke zei- gen mehrere kunstvoll ausgeführte Szenen, zum Beispiel wie Ganesh durch eine Siedlung aus Bam- bushütten geht. Auf einem anderen Bild reitet Ga- nesh auf einem Tiger durch den Sumpf. Oder er

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schwimmt durchs Meer. Szenen eben, die Ganesh auf seiner Weltreise zeigen.“ „Und niemand außer Ihnen und Spiegelman hat das Halsband zu Gesicht bekommen?“, hakte ich nach. Gardner dachte nach. „Moment mal“, sagte er dann, „Dr. Farr hatte mich gebeten, es sehen zu dürfen. Vielleicht war das ja der Grund, warum sie den Artikel ausgegraben hat. Womöglich dachte sie, dass ich ihr den Wunsch abschlagen würde. Spiegelman und ich wollten nicht, dass sonst je- mand das Halsband sah. Es ist das faszinierendste Schmuckstück, das mir jemals unter die Augen gekommen ist.“ „Ist es wahr, dass das Halsband noch nie zuvor fotografiert worden ist?“, fragte ich. „Das ist der große Coup, den das Museum ge- landet hat. Morgen Abend, anlässlich unserer Gala, wird es zum ersten Mal öffentlich ausgestellt. Die Presse, alle Fernsehsender werden vertreten sein. Es ist die Krönung meiner Laufbahn als Leiter des Museums, dass es Dr. Spiegelman gelungen ist, die königliche Familie von Rajasthan dazu zu bewe- gen, das Halsband freizugeben und es uns ausstellen zu lassen.“ „Die Museumsleute von Vancouver müssen au- ßer sich sein, dass Dr. Spiegelman hierher überge- wechselt ist“, sagte India.

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„Zweifellos“, erwiderte Gardner. Ich bemerkte, dass seine Hände zitterten. „Es muss nervenaufreibend sein, die Verantwor- tung für die Sicherheit einer solchen Kostbarkeit zu tragen“, sagte ich und beobachtete seine Reaktion. „Oh, ja. Quentin, India – was wollt ihr jetzt tun? Werdet ihr zur Polizei gehen und mich anzeigen?“, drang Gardner in uns. „Mir läge viel daran, erst einmal mit deinem Vater darüber zu reden, Quen- tin.“ „Und ob dir daran liegt“, dachte ich. Bis ich Dad telefonisch im Dschungel von Sumatra er- reicht hätte, könnte Gardner India und mich eben- falls bequem aus dem Weg räumen. „Wir müssen uns erst noch über ein paar Dinge klar werden, Dr. Gardner“, erwiderte ich. „Genau.“ India hielt sich an ihrer Schultertasche aus künstlichem Leopardenfell fest wie an einer Schmusedecke. „Ich verstehe“, sagte Gardner. Wir sahen einander kurz an. Dann drehte India sich um und ging zur Tür; ich folgte ihr auf den Fersen. Als wir das Museum durch den Ausgang zur 79. Straße verließen, pfiff India durch die Zäh- ne: „Hat er sie denn nun umgebracht oder nicht?“ „Sagen wir, er und Mirsky haben nicht gerade ein hieb- und stichfestes Alibi“, erwiderte ich. „Richtig. Beide sind Zeuge, dass der jeweils an-

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dere genug Zeit hatte, den Mord an Farr zu bege- hen. Und natürlich kommt Spiegelman auch im- mer noch infrage – und wir müssen überprüfen, ob die Congers ein Alibi hat.“ Die Mimosenbäume rings um das Museum wimmelten von tschilpenden Schwalben, die sich auf die Reise nach Süden vorbereiteten. Ich be- gann, die Risse in den Platten des Gehsteigs zu zählen, was mich furchtbar auf die Palme bringt, weil ich manchmal nur schwer wieder damit auf- hören kann. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Mirsky sich die Hände mit einem Mord schmutzig gemacht hat“, sagte ich schließlich. „Dazu ist er sich viel zu fein. Und Congers – ich glaube, ihre Bosheit er- schöpft sich darin, Tausendfüßler auszusetzen. Vermutlich bewirft sie ihre Feinde sonst höchstens mal mit Wasserbomben. Ich werde das Gefühl nicht los, dass wir bisher nur die Spitze des Eisber- ges zu sehen gekriegt haben.“ Ich hob den Blick zu den Spitzen der Wolkenkratzer, die im Dunst ver- schwammen. „Nur Gardner und Spiegelman ken- nen die Kombination des Tresors. Nur sie können an das Halsband herankommen!“ „Klingt ja so, als wäre es ein geradezu sagenhaf- ter Schatz“, sinnierte India. „Hast du Gardners träumerischen Blick gesehen, als er es beschrieben hat – als wäre es das achte Weltwunder.“

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„Schade nur, dass es eine Fälschung ist“, sagte ich. India blieb wie angewurzelt stehen und stemmte die Hände in die Hüften. „Wie meinst du das – es ist eine Fälschung?“, quiekte sie empört. „Woher willst du das wissen?“ „Schau, in Indien ist Ganesh der wichtigste Gott überhaupt“, erklärte ich. „Jeder dort kennt die Le- gende, wie Ganesh um die Welt reiste – Ganesh umkreist seine Eltern. Undenkbar, dass ein Hals- band hergestellt wird, das die Ganesh-Legende komplett auf den Kopf stellt – jedenfalls nicht in Indien. Dieses Halsband muss eine Fälschung sein. Verstehst du nicht? Deshalb wurde Farr ermordet! Es hat etwas damit zu tun, dass das Halsband eine Fälschung ist!“ Ich nahm Indias Arm und marschierte mit ihr die Straße hinunter. Die üblichen Fußgängerscha- ren nach Büroschluss umspülten uns: Frauen in Kostümchen, Fahrradboten, Männer mit Aktenta- schen. An zwei Autos wurde Alarm ausgelöst, und Busse mit Unterwäschereklame brausten vorbei. „Es gibt viele Juweliergeschäfte, die auf Imita- tionen spezialisiert sind“, fuhr ich fort. „Wer auch immer das Halsband in Auftrag gegeben hat, er hatte null Ahnung von indischer Religion und den alten Legenden.“ „Du hast Recht“, sagte India. „Und wenn

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Dr. Farr Bescheid wusste, war das Grund genug, sie aus dem Weg zu schaffen. Der Mörder hatte Angst, dass sie ihn ans Messer liefern würde.“ „Oder er wollte sich nicht länger von ihr erpres- sen lassen“, gab ich zu bedenken. „Der Artikel über Gardner war ein kleiner Fisch, nachdem Farr das Halsband gesehen hatte. Mit ihrem breiten Wissen über Indien erkannte sie sofort, dass das Halsband eine Fälschung war.“ „Aber wieso erkannte Spiegelman es nicht auch als Fälschung, wenn er ein so großer Experte für indische Kunst ist?“, fragte India. Ich dachte kurz darüber nach. „Weil er viel- leicht auch ein falscher Fuffziger ist.“ „Du meinst, er ist selbst eine Fälschung, die eine Fälschung hat anfertigen lassen?“ „Schon möglich. Wir müssen jetzt Folgendes he- rausfinden: Wieso macht sich jemand die Mühe, eine Nachbildung herzustellen, um das echte Halsband zu ersetzen, ohne sich an das Original zu halten?“ „Das heißt, wir müssen mehr über Spiegelman herausfinden“, stellte India fest. „Volltreffer.“ Mein Handy piepste. Es war Jesus. „Was liegt an?“, fragte ich. Jesus redete drauflos, hatte jedoch wegen der hohen Gebäude ringsum ein starkes Echo. Ich lief ein Stück weiter die Stra- ße entlang. Dort sorgte die weite Fläche des Cent-

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ral Parks für einen klaren Empfang. „Ich habe überprüft, wer von den Museumsleu- ten in den letzten Jahren in Indien war. Weißt du, wer am häufigsten dorthin geflogen ist?“ „Wer denn?“ „Farr“, sagte Jesus. „Ja, Gardner hat uns erzählt, dass sie oft dort war.“ „Genau. Sie war etliche Male in Rajasthan, ge- wöhnlich um Insekten zu sammeln – Spinnen. Sie war in Bombay und Delhi. In Bangladesch und in den Sümpfen im Süden …“ India hielt das Ohr an den Hörer gepresst und hörte mit. „Natürlich“, sagte sie. „Farrs Wolfsspin- nen, die wir in ihrem Labor gesehen haben, stam- men aus Indien. Ich habe eine Sendung über sie im Fernsehen gesehen.“ „Wir wissen auch, dass Farr nicht gerade ein schüchternes Pflänzchen war“, ergänzte ich. „Be- stimmt hat sie sich Einladungen in sämtliche Paläste verschafft. Vermutlich hatte sie auch Zutritt zum Palast von Rajasthan.“ „Sie kannte das echte Halsband“, sagte India. Jesus’ Stimme knisterte. „Wovon redet ihr ei- gentlich?“ „Von Fälschungen“, erwiderte ich. „Wir reden von Fälschungen!“

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Habgier

„Hey, wie läuft’s?“, fragte Santo, der Türsteher aus der Dominikanischen Republik, als ich durch die Drehtür ins Foyer unseres Hauses ging. Es war acht Uhr, und in dem Gebäude herrschte so viel Be- trieb, dass es eher einem Luxushotel ähnelte als einem Apartmenthaus. „Ich kann nicht klagen“, sagte ich. Ich winkte Louie, dem Portier, und ging weiter zu den Aufzügen. Oben in der Wohnung schaltete ich nicht sofort das Licht ein, sondern nahm das abendliche Panorama der Wandgemälde von Cha- gall im Opernhaus gegenüber in mich auf. Viele der Sänger und Orchestermitglieder wohnten in unserem Gebäude. Um halb zehn an diesem Abend rief India an. „Ich habe alles nochmal mit Mum durchgespro- chen“, berichtete sie. „Sie meint, wir sollten der Polizei restlos alles erzählen, was wir über den Fall wissen. Von Gardners Vergangenheit und wieso wir ihn für den Mörder von Farr halten. Alles Wei- tere sollen wir denen überlassen. Die hätten die nötige Kompetenz. Oder zumindest die Routine.“ „Da hat sie vermutlich Recht“, sagte ich schläf-

rig.

„Mum ist bewusst, wie langsam die Mühlen der

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Polizei mahlen. Aber sie meint, es wird sich trotz- dem sehr bald herausstellen, dass Tom unschuldig ist, und dann wird er auf freien Fuß gesetzt. Es dauert eben eine Weile, bis die Beamten den gan- zen Papierkram erledigt haben und so. Sie sagt, wir sollten Inspektor Krakowski vertrauen und nicht mehr ins Museum gehen, bis dein Vater zurück- kommt und die ganze Sache vom Tisch ist. Es wäre viel zu gefährlich für uns.“ „In Ordnung.“ „Es ist das Beste so“, meinte India. „Ja“, murmelte ich. „Wir haben getan, was wir konnten …“ India sprach in einem Ton, der besagte: Ich lege jetzt gleich auf. Den schlägt sie oft an, wenn wir so spät noch telefonieren und sie sich gleichzeitig eine Talk-Show oder eine Tiersendung ansieht. „Aber weißt du, was?“, fügte sie plötzlich lebhaft hinzu, „Eins gibt mir zu denken – die Frage, warum der wahre Mörder beziehungsweise der Fälscher nicht geflohen ist. Ich frage mich, warum er nicht schon längst in einem Flieger nach Buenos Aires oder Rio sitzt, wenn das Halsband des Ganesh bereits durch die Fälschung ersetzt wurde.“ „Habgier eben“, sagte ich. „Entweder ist er ver- rückt, oder er kriegt den Hals nicht voll.“ „Ja, genau, vielleicht hat er es noch auf den be- rühmten Saphir Stern von Indien abgesehen!“, rief

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India. „Oder die Diamantenkollektion aus Südafri- ka. Oder den königlich-britischen Rubin- und Opalring. Gardner und Spiegelman kennen alle Stücke des Museumsschatzes, die zu stehlen sich lohnt, und sie haben die Kombination für den Tre- sor.“ Ich dachte laut nach. „Die gute Nachricht ist, dass der Killer uns für relativ harmlos halten muss – weil wir offiziell nicht wissen, dass das Halsband des Ganesh eine Fälschung ist. Er denkt, dass wir bis zu Dads Rückkehr tatsächlich den Mund hal- ten. Vermutlich ist Gardner plötzlich völlig durch- geknallt.“ „Schon möglich“, erwiderte India. „Seit Jahren kauft er wertvolle Juwelen von historischer Bedeu- tung ein und stellt sie aus, hat täglich mit unermess- lichen Schätzen zu tun. Ein Typ wie er muss ja von brennender Habgier erfüllt sein. Gardner ist doch unser Mann, oder?“ „Ich glaube schon. Ich habe von Typen wie ihm gelesen“, sagte ich. „Ich auch. Kunstdiebe, die vor nichts zurück- schrecken, um sich mit Gemälden und Juwelen zu umgeben, die so berühmt und kostbar sind, dass man sie nie weiterverkaufen könnte.“ „Ja“, pflichtete ich bei. „Sie stehlen das Zeug, und dann kaufen sie sich eine Hazienda irgendwo in der südamerikanischen Pampa und leben dort

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zusammen mit ihren Schätzen. Sie sitzen allein da- mit in einem Zimmer und zünden Kerzen an – und zittern am ganzen Leib, wenn sie ihre Kleino- dien berühren. Man muss ein echter Fanatiker sein, total verkorkst, um solch ein Leben zu führen. Man gibt Heimatland, Familie und Freunde auf, um unerkannt in völliger Einsamkeit dahinzuvegetie- ren. Krank.“ „Willst du, dass Mum Inspektor Krakowski an- ruft und sie informiert?“, fragte India. „Ich höre auch mit, um sicherzugehen, dass sie nichts ver- gisst.“ „Ja, in Ordnung. Ich halte mich da lieber raus. Beim Klang meiner Stimme würde Krakowski ja doch nur gleich keifen wie ein Fischweib.“ Ich legte auf und ging früh ins Bett in der Hoff- nung, meinen Kopf abschalten zu können. Manchmal ist es das Beste, wenn ich nur daliege und an die Decke starre. Mein Gehirn arbeitet dann wie ohne mein Zutun, bis alles, was ich am Tag erlebt habe, sortiert ist. Irgendwann schlief ich ein, doch dann träumte ich. Zuerst sah ich eine ganze Schar von Frauen, alle ein Ebenbild von Inspektor Krakowski, die hinter Bäumen hervorsprangen und mich anbrüll- ten. Im ersten Augenblick hielt ich sie für Tänze- rinnen eines experimentellen Balletts. Danach träumte ich eine Zeit lang, ich ginge durch eine

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ganze Landschaft aus russischen Puppen, die, wenn man sie öffnet, nur wieder eine andere Puppe enthalten und wieder eine und wieder eine, bis man den Verstand verliert. Normalerweise träume ich so einen Unsinn, wenn ich Schnupfen habe und meine Nase verstopft ist. Am Morgen, kurz vor dem Aufwachen, hatte ich noch einen Traum, in dem Inspektor Krakows- ki mit einer Kettensäge hinter mir her war. Ein total abartiger Traum. Ich rannte und rannte, kam aber nicht von der Stelle, und Krakowski rückte mir immer näher, bis ich zum Glück mit einem Schrei aufwachte. Ich stand auf, zog mich an, schlang eine Schale Cornflakes mit Mandeln und Smarties hinunter und machte mich auf den Weg zur Schule. Als ich in der Mittagspause India traf, teilte sie mir mit, dass ihre Mutter mit der Polizei gesprochen hatte. Die Infos sollten an Krakowski weitergegeben werden. Den Rest des Tages brachten India und ich wie Schlafwandler hinter uns. Ich war wie be- täubt, völlig unempfindlich; selbst als Igor Kazinski sich beschwerte, wie wenig Einsatz wir für unser gemeinsames Projekt zeigten, hatte ich nur ein müdes Lächeln für ihn übrig. Nach der Schule begleitete India mich nach Hause. Auf dem Weg riefen wir bei Jesus an und baten ihn, Spiegelman zu überprüfen. Im Mu-

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seumsarchiv war kaum etwas über ihn zu finden, aber Jesus würde garantiert in den Rechner des Vancouver Museums hineinkommen und etwas über ihn ausgraben. India und ich nahmen uns nicht einmal die Zeit, einen Burger im Cosmic Café zu essen. Wir gingen direkt zu mir nach Hau- se, wo ich auf Jesus’ Rückmeldung warten wollte. Im Foyer blieb India stehen. „Ich schätze, wenn die Presse das Halsband fotografiert hat, wird das Bild durch sämtliche Nachrichtenkanäle gehen. Irgendjemand wird es als Fälschung identifizieren und Alarm schlagen – das muss Gardner doch klar sein.“ „Vermutlich schon“, sagte ich. „Wir sollten alle Fluglinien überprüfen, um festzustellen, wer wohin abzischen will. Könnte nicht schaden zu wissen, ob jemand vorhat, das Weite zu suchen.“ „Diese Information wird man dir am Telefon aber nicht geben.“ „Ich weiß.“ „Hoffentlich kann Krakowski zwei und zwei zusammenzählen“, sagte India. „Vermutlich steckt sie schon bis zu den Ohren in einem neuen Fall.“ „Ja, ist anzunehmen“, murmelte ich. Ich ging allein nach oben in die Wohnung. Tante Doris kam mit einer halben Salami-Käse- Pizza und einer Schachtel Törtchen mit kleinen Teufeln aus Marzipan obendrauf. Ich hatte noch

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nicht einmal mein erstes Törtchen zur Hälfte ver- speist, als sie mich fragte, ob ich wisse, dass nach einer neuen Studie für 93 Prozent aller Menschen ihr eigener Tod völlig überraschend kommt. Dar- aufhin hatte ich keinen Hunger mehr. Als sie schließlich ging, schlenderte ich ein bis- schen durch die Wohnung, dann schaltete ich den Fernseher ein und sah mir eine Wiederholung an von „Wie überlebe ich einen Angriff der Killerbä- ren“, zappte hin und her zwischen der zweiten Hälfte eines Actionfilms und einer Dauerwerbesen- dung zu dem Thema, wie man es anstellt, in nur zwei Wochen Muskelpakete à la Arnold Schwarzen- egger zu entwickeln. Es war nach acht, als ich in die Küche ging und mir ein Glas Milch eingoss, in das ich die küm- merlichen Reste einer fast leeren Kakaopackung kippte. Während ich an dem Kakao nippte, trieb ich durch den Flur wie ein körperloser Geist. Die Tür zu Dads Schlafzimmer war offen. Der Licht- schein aus der Diele fiel auf ein Bild meiner Mut- ter, das in einem Silberrahmen auf seinem Nacht- tisch stand. „Es dauert etwa zehn Jahre, über den Tod seiner Mutter hinwegzukommen“, hatte Tante Doris bei Mums Beerdigung zu mir gesagt. „Ich meine, so richtig kommt man ja nie darüber hinweg“, hatte sie noch hinzugefügt, „aber du verstehst schon.“

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Wie kommt es nur, dass ausgerechnet meine Tante das Talent hat, Dinge zu sagen, die mir so lange nachgehen und mich quälen, bis ich fast aus der Haut fahre? Eine Zeit lang lag ich auf dem Bett meines Va- ters und fragte mich, wieso ich nicht aufhören konnte, an den Mord und das Halsband des Ganesh zu denken. Indias Mum hatte Recht. Es war zu gefährlich geworden – ein Fall für die Polizei, nicht für mich und India. Dann wurde mir klar, warum ich nicht loslassen konnte – nicht loslassen durfte. Meine Mum schau- te mich von dem Foto an. Es gab so viele Dinge, die sie mir beigebracht hatte, aber besonders ein Satz von ihr ließ mir keine Ruhe: „Nichts im Le- ben ist einfach“, hatte Mum zu mir gesagt. „So etwas gibt es nicht …“ Wie dem auch sei – als ich wieder einigermaßen klar denken konnte, fasste ich in Gedanken zu- sammen: Sobald die Fotos des gefälschten Halsban- des in den Nachrichten auftauchten, würde der Schwindel auffliegen. Der Killer würde also direkt nach der Enthüllung das Weite suchen müssen. Ich stand vom Bett auf. Plötzlich wusste ich, was ich zu tun hatte. Ich ging ins Wohnzimmer und wählte Indias Nummer. Nach dreimaligem Läuten melde- te sie sich. „Was ist?“

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„Erinnerst du dich an das Kleid, das du zu Wendy Fillermans Geburtstagsparty getragen hast?“, fragte ich. „Na klar. Das war erst vorletztes Wochenende.“ „Zieh es an.“ „Jetzt?“, fragte India verwirrt. „Ja.“ „Wieso?“ „Weil wir zu der Museumsgala gehen.“ „Du bist verrückt, Quentin!“ „Ja“, sagte ich. „Und ich hole dich in zehn Mi- nuten ab.“ India wartete schon draußen, als ich im Taxi vorfuhr. Sie sah cool aus in ihrem roten Cocktail- kleid, das oben nicht viel Stoff hatte und unten auch nicht. Wie gewohnt klammerte sie sich an ihre Schultertasche aus künstlichem Leopardenfell, als sie neben mir auf den Rücksitz glitt. „Hoffentlich weißt du, was du tust“, sagte sie. „Nicht unbedingt.“ „Hab ich mir gedacht.“ Schon als das Taxi auf den Broadway einbog, konnten wir die Lichter der Gala sehen. Vier Transporter, die mit Laserstrahlern ausgerüstet war- en, standen vor dem Museum und schickten Licht- strahlen in den Himmel, so, als wäre die Veranstal- tung eine Hollywoodpremiere. „Wir sind spät dran.“ India zupfte die Strassrie-

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men an den Schuhen ihrer Mutter zurecht, die sie sich für den Abend ausgeliehen hatte. „Die leckers- ten Häppchen hat man uns wohl schon wegge- schnappt.“ „Wir sind ja nicht wegen des Essens hier“, rief ich ihr ins Gedächtnis. „Wir sind nicht mal einge- laden.“ Ich wählte Jesus’ Nummer auf meinem Handy. An diesem Abend hatte ich bereits einmal Rücksprache mit ihm gehalten. Jesus meldete sich beim ersten Läuten. „Wo brennt’s denn, Quentin?“ „Wir sitzen im Taxi, auf dem Weg zur Gala“, sagte ich. Der Taxifahrer war ein kleiner Mann mit Hornbrille und einem riesigen weißen Turban. Er beobachtete uns im Rückspiegel, als India ihren Kopf an meinen lehnte, um zu hören, was Jesus sagte. „Jesus, du musst noch ein paar Dinge für mich überprüfen, die mit Mirsky, Congers und Spiegel- man zu tun haben“, fuhr ich fort. „Erkundige dich nach männlichen Weißen, die um den fünften Sep- tember in Rajasthan tot aufgefunden wurden. Ich glaube, ungefähr zu dem Zeitpunkt hat Spiegelman das Halsband des Ganesh abgeholt. Ruf außerdem bei der Polizei von Bombay an, ob es dort zu die- sem Zeitpunkt irgendwelche ungeklärten Morde oder Unfälle gab. Über den Flughafen von Bombay ist Spiegelman angereist, und von dort ist er auch

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wieder abgeflogen.“ „Ich habe eingehend darüber nachgedacht – Spiegelman kann es nicht gewesen sein“, warf India ein. „Es ergibt doch keinen Sinn, dass ein Experte für indische Kunst jemanden beauftragt, eine so offensichtlich falsche Nachbildung von dem Hals- band des Ganesh herzustellen.“ „Es sei denn, unser Dr. Spiegelman ist nicht der wahre Dr. Spiegelman“, sagte Jesus, dem ich bereits von meiner Theorie erzählt hatte. India schrie auf. „Du hältst es auch für möglich, dass Conchetta Farr die Fälschung gesehen hat und deshalb ihr Leben lassen musste?“ „Hört zu“, sagte ich, „es kann nicht schaden, den Fall von allen Seiten abzuklopfen. Wir dürfen nichts übersehen, Jesus, sorg dafür.“ „Habe verstanden“, sagte Jesus. Mir fiel noch etwas ein. „Moment noch, Jesus. Ruf das Vancouver Museum an. Finde heraus, ob es irgendwelche Unregelmäßigkeiten gab – abgese- hen davon, dass Spiegelman plötzlich die Stelle gewechselt hat. Bring so viel in Erfahrung, wie du nur kannst. Wir brauchen das alles – sofort.“ „Alles klar.“ „Ach, und sag den Leuten vom Vancouver Mu- seum, sie sollen Dr. Spiegelmans Foto aus ihren Akten an das Büro von meinem Dad faxen.“ Ich klappte mein Telefon zu, als das Taxi vor

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dem Museum hielt. Ein roter Teppich erstreckte sich von der Bordsteinkante über die breiten Stufen bis zum Eingang. Mehrere Fotografen stürzten he- ran, um zu sehen, ob irgendwelche Promis einget- roffen waren. Sie hielten ihre Blitzlichtkameras hoch in die Luft, bereit abzudrücken, als India und ich aus dem Taxi stiegen. Enttäuscht stöhnten die Männer auf und ließen die Kameras wieder sinken. „Es ist niemand“, sagte uns einer von ihnen ins Gesicht. „Und ob wir jemand sind!“, zischte India erbost. Wir schoben uns an ihnen vorbei und liefen die Treppe hoch. Max und Patience waren an der Tür postiert, um dafür zu sorgen, dass niemand ohne Einladung hineinkam. Außer uns natürlich. „Hey“, begrüßte uns Max, „wohin wollt ihr zwei?“ „Dr. Gardner erwartet uns“, behauptete ich. „Hallo Patience“, sagte India. Wir rauschten an ihnen vorbei und liefen einige Korridore entlang. Ich hatte nicht direkt gelogen, als ich sagte, Dr. Gardner erwarte uns. Insgeheim musste ihm klar gewesen sein, dass er uns nicht zum letzten Mal gesehen hatte. Wir ließen die Ausstellung Weichtiere unserer Welt links liegen und durchquerten die Halle der Humanbiologie und Evolution.

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„Es muss Spiegelman oder Gardner sein“, spe- kulierte ich. „Ich werde mit Gardner anfangen.“ „Was willst du ihm denn sagen?“, wollte India wissen. „Du wirst schon sehen.“ „Es wird Ärger geben, nicht wahr?“ „Darauf kannst du Gift nehmen“, antwortete ich. Vom Saal der Meteoritenausstellung aus konn- ten wir sehen, dass die Gala bereits in vollem Gan- ge war. Auf jedem der Esstische brannten Kerzen, bunte Strahler beleuchteten mehrere eigens herge- richtete Schaukästen. Das Halsband des Ganesh und mehrere andere wertvolle Exponate aus der Samm- lung des Museums lagen in speziellen Hochsicher- heitsvitrinen. Vergebliche Liebesmüh, hätte ich am liebsten allen zugerufen. Ein Streichorchester spielte einen Marsch, dann stimmte es einen Walzer aus der Lustigen Witwe an. India und ich betraten die Ausstellungshalle der Mi- neralien und Edelsteine. Auf einer kleinen rechtecki- gen Fläche vor dem Orchester tanzten mehrere Paa- re. Mirsky produzierte sich vor seiner Tischgesell- schaft. Congers trug ein Kleid, das aussah wie aus Aluminium gewebt, und kicherte, als hätte sie zu viel von der Weißweinsoße genossen. Ihr ganzer Tisch amüsierte sich. Vermutlich war es eine Privatfeier nach dem Motto: „Na, die Tausendfüßler-Nummer

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konnten sie mir jedenfalls nicht anhängen.“ „Wo ist Spiegelman?“, fragte India. Wenig später übertönte ein Surren die Gesprä- che in unserer Nähe. Ich erhaschte einen Blick auf Spiegelman, der vor einem Schaukasten mit einem riesengroßen Smaragd Hof hielt. Er trug wieder dieses übertriebene Lächeln zur Schau, das sein Gesicht in zwei Hälften zerteilte, und sagte: „Die- ser Smaragd wurde im Jahre 1920 in den kolum- bianischen Anden gefunden. Er hat 632 Karat und ist damit einer der größten Smaragde der Welt …“ Spiegelman wirkte an diesem Abend besonders aufgeplustert und rosig; launig fuhr er in seinem motorisierten Rollstuhl hin und her, um sein Pub- likum zu unterhalten. Sein massiger Körper passte so wenig zu dem Gefährt wie ein Nilpferd auf ein Fahrrad. Wir entdeckten Gardner. „Du wartest hier“, sagte ich zu India. „Und halt dich gut an deiner Tasche fest.“ Ich grinste. Sie zog die Nase kraus. „Sei vorsichtig.“ Ich schlängelte mich zwischen den voll besetz- ten Tischen hindurch. Gardner saß mit den wich- tigsten Gästen an der Ehrentafel, darunter der Lei- ter der Bezirksverwaltung von Manhattan. Der Tisch stand direkt zwischen der Vitrine mit dem Halsband des Ganesh und einer anderen, die den

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Stern von Indien enthielt. Vor Jahren hatte ich alles über den Saphir gelesen, was ich in die Finger be- kam: wie er vor 300 Jahren in Sri Lanka entdeckt und sogar einmal aus dem Museum entwendet worden war. Ein Typ namens Murpher, der Surfer, hatte den Einbruch ausgeheckt, doch acht Wochen danach wurden die Diebe erwischt, und der Edel- stein kehrte ins Museum zurück. Gardner hielt mitten im Satz inne, als er mich in der Menge erblickte. Alle an seinem Tisch drehten sich um. Er entschuldigte sich, dann stand er auf, um mich abzufangen. „Was gibt’s, Quentin?“, fragte er lächelnd, um sich nicht anmerken zu lassen, wie besorgt er war. Ich allerdings durchschaute ihn. „Ich wusste gar nicht, dass du heute Abend kommen wolltest.“ „India und ich haben Ihnen etwas Wichtiges zu sagen“, flüsterte ich. „Es geht um das Halsband des Ganesh.“ „Lass hören, Quentin.“ „Es ist eine Fälschung.“ Gardner starrte mich an – verblüfft, fand ich, aber nicht schockiert. „Eine gewagte Behauptung“, sagte er schließlich. „Es liegt sehr nahe, dass es nicht echt ist“, führte ich aus. „Jemand, der keine Ahnung von indischer Kunst hat, ließ die Fälschung anfertigen. Sie wissen schon, für ein Bäumchen-wechsle-dich-Spiel.“ Ich

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wartete auf seine Reaktion. Nach kurzer Verlegen- heit fing er an zu lachen. Er amüsierte sich immer noch, als ich ein mir inzwischen vertrautes Ge- räusch hörte. Surrrrrrrr. Spiegelman glitt in seinem Rollstuhl an uns vor- bei. Gardner bedeutete ihm anzuhalten. „Dr. Spiegelman, konnten Sie heute Nachmittag Ihre Flugtickets bekommen?“ „Alles bestens“, antwortete Spiegelman. „Dan- ke, dass Sie mir die Gelegenheit geben, die Unter- lagen persönlich abzuholen.“ „Wohin fliegen Sie?“, fragte ich. „Zu meiner Schwester und meinen Neffen – sie leben in Florida …“ „In Weekeewatchie oder wie es hieß, nicht wahr, Dr. Spiegelman?“ „Ja. Wir wollen angeln und an einer Behinder- tensegelregatta teilnehmen. Ich kann einen kleinen Urlaub dringend brauchen – wegen der Gala war ich rund um die Uhr eingespannt.“ „Tja.“ Gardner beugte sich verschwörerisch zu uns. „Dann wollen wir Sie mal mit einem guten Witz verabschieden. Scheint so, als wäre Marlons Sprössling hier nicht nur Detektiv, sondern auch ein Experte für indische Kultur. Quentin behauptet näm- lich, das Halsband des Ganesh ist eine Fälschung.“ Gardner lachte noch lauter – so hatte ich ihn

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noch nie erlebt. Mit Spiegelman wollte ich keinen Blickkontakt aufnehmen, aber als er nicht mitlach- te, blickte ich unwillkürlich in sein komisches Teiggesicht. Ich sah, wie seine Miene gefror und sich in eine Maske des Hasses verwandelte. Seine Augen flackerten, sein zornfunkelnder Blick bohrte sich in meinen. Mir wurde klar, dass ich einen Fehler gemacht hatte. „Tja.“ Ich rang mir ein Lächeln ab. „Ich schät- ze, ich muss jetzt gehen.“ Ich drehte mich um und zwängte mich wieder durch die Scharen von Leuten. An einem der Ti- sche war gerade der erste Gang serviert worden; die Gäste mampften gegrillte Hähnchenbrust, garniert mit Radieschen, die geformt waren wie Rosen. Ich wusste, dass Gardner mir nicht folgen würde, um mich auszuquetschen, und ganz sicher würde Spie- gelman es nicht schaffen, sich mit seinem Rollstuhl einen Weg durch das Gedränge zu bahnen. „Was ist los?“, fragte India, als ich zu ihr ge- stürzt kam. „Gardner ist nicht der Mörder“, stieß ich her- vor. „Es war Dr. S.“ „Woher weißt du das?“ „Ich weiß es eben“, erwiderte ich. „Und noch einiges mehr.“ Ich klappte mein Handy auf, einge- keilt zwischen den Stahl- und Betonwänden des Museums bekam ich jedoch kein Freizeichen. In-

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dias Telefon streikte ebenfalls. „Geh zum Büro von Max“, sagte ich. „Erzähl ihm, was los ist.“ „Max hat vielleicht auch eine Waffe“, meinte India hoffnungsvoll. „Nein, leider nicht. Das wäre ein Verstoß gegen die Hausordnung des Museums. Ruf die Krakows- ki an. Die Polizei. Oder die Feuerwehr. Egal wen!“ Ich merkte, dass ich allmählich die Nerven verlor. „Sag Inspektor Krakowski, dass Spiegelman der Täter ist und sich noch heute Abend ins Ausland absetzen will.“ „Ich will sie aber nicht anrufen“, murrte India. „Sie wird ohnehin nur sagen, dass wir spinnen.“ „Tu’s trotzdem!“ Ich fuhr herum und lief zu den Aufzügen. Aufgebracht stemmte India die Hände in die Hüften. „Und wohin gehst du?“ „Ins Büro meines Vaters!“ „Bist du wahnsinnig geworden? Wir sollten bei- de möglichst schnell von hier verduften!“ Die Aufzugtüren öffneten sich. Ich stieg ein und zeigte in die Richtung von Max’ Büro. „Na los, mach schon!“ Als die Türen sich schlossen, hatte es fast den Anschein, als wollte India den Fuß dazwischen- kommen. „Dieser Wahnsinnige wird dich finden!“, schrie sie und schlug gegen die Tür. „Todsicher!“ Im nächsten Augenblick war der Aufzug bereits

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auf dem Weg nach unten.

Das Netz zieht sich zu

Da das Museum geschlossen war, brannten in dem weitläufigen Foyer des Planetariums nur ein paar nackte Glühbirnen. In Korridor C war die Nacht- beleuchtung aktiviert und warf Zickzackschatten an die Wände. Man hatte eine Reihe von Puppen und anderen Gegenständen für die Mittelalterschau aus dem Magazin geholt; Museumsangestellte sollten sie reinigen und in Stand setzen. Am kommenden Morgen würden die Ritterrüstungen, die Schwer- ter und Schilde und die Schlachtrösser alle an ih- rem Platz stehen. Als ich an der abgesperrten Tür zu Conchettas Labor vorbeikam, dachte ich an Tom. Eine Tür weiter sah ich wieder sein Gesicht vor mir, wie er gezittert und geschrien hatte. Ich wollte ihn nicht im Stich lassen, durfte nicht schlappmachen. „Es wird jetzt nicht mehr lange dauern, dann bist du frei“, dachte ich und wünschte, ich könnte ihm meine Gedanken übermitteln. Ich erreichte das Büro meines Vaters, schloss die Tür auf und ging hinein. Als ich auf den Licht-

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schalter drückte, flackerte jedoch nur eine der Neonröhren an der Decke auf. Ich sprang hoch und schlug ein paarmal auf die Plastikabdeckung der Leiste. Das reichte normalerweise, um alle Lampen in Betrieb zu setzen. Nicht so an diesem Abend. Der Vorhang meiner Mutter mit den Seepferd- chen und den Quallen hing schlaff von der gege- nüberliegenden Wand herab. Der Killer konnte mich hier zwar stellen, aber ich musste noch einige wichtige Dinge erledigen. Ich probierte Dads Tele- fon aus; wie immer zwischen neun Uhr abends und sechs Uhr früh konnte man nicht hinaustelefonie- ren. Dafür räumte die Telefongesellschaft dem Mu- seum einen günstigeren Tarif ein. Der Geruch ei- nes scharfen Putzmittels hing in der Luft und brannte mir in der Nase, als ich es noch einmal mit meinem Handy versuchte. Lange blinkte die Mel- dung keine Verbindung auf, bevor es schließlich doch funktionierte. Ich wählte Jesus’ Nummer. Während die Ver- bindung hergestellt wurde und es läutete, überprüf- te ich Dads klobiges graues Faxgerät, das seitlich neben dem chaotischen Schreibtisch in der Ecke stand. Es war kein Fax angekommen. Jesus meldete sich. „Hast du meine Nachricht erhalten?“, fragte er. „Nein.“

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„Zur Polizei von Rajasthan bin ich nicht durch- gekommen. Aber bei den Cops in Bombay habe ich herausgekriegt, was du wissen wolltest. Die dortige Polizei sagt, am zwölften September sei ein Weißer aus dem Ganges gefischt worden. Ich habe die Daten abgeglichen: Gardner und Spiegelman waren dort. Gardner hatte letzte Vereinbarungen zu mehreren anderen Ausstellungsobjekten im dor- tigen Museum getroffen und traf sich mit Spiegel- man, nachdem der das Halsband in Rajasthan ab- geholt hatte.“ „Was hat die Polizei von Bombay sonst noch gesagt?“, wollte ich wissen. „Die Wasserleiche hatte extrem schwache Bei- ne.“ „Der Tote war behindert?“ „Genau. Und er war erwürgt worden, nicht et- wa ertrunken.“ Der Empfang wurde immer schwächer und setz- te dann ganz aus, wie so oft. Ich versuchte es mit der Wahlwiederholung, bekam jedoch keine Ver- bindung mehr. Ich war allein in der Stille und spürte meinen eigenen Herzschlag. Meine Nase war taub gewor- den von dem Geruch nach Desinfektionsmitteln. Ich starrte auf das Faxgerät und fragte mich, ob Jesus wohl jemanden in Vancouver erreicht hatte. Auf dem Gang waren Geräusche zu hören.

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Ich identifizierte das Knarren des Lastenaufzugs am Ende des Korridors, gefolgt von einem Scheppern, als die Tür der Kabine von Hand geöffnet wurde. Als es danach wieder still wurde, zog sich mein Magen zu einem eiskalten harten Knoten zusammen. Dann folgte ein Surren. Ich hielt die Luft an und horchte angestrengt. Zuerst war das Geräusch des Motors unregelmäßig, und mir wurde klar, dass der Rollstuhl um die ge- spensterhaften Silhouetten von Rittern und Waffen herumgesteuert wurde. Ich hatte eine Streckbank gesehen, Spanische Stiefel und andere Folterin- strumente. Wenig später stand der massige Mann in seinem Rollstuhl in der Tür zum Büro. Über seinen Schoß war eine kleine Decke gebreitet, so, als friere er. „Hallo Dr. Spiegelman“, sagte ich mit belegter Stimme. „Ja.“ Spiegelman verlagerte sein Gewicht und lenkte den Rollstuhl über die leicht erhöhte Alu- miniumschwelle, dann blieb er stehen, sodass er den einzigen Ausgang versperrte. „Ich bin froh, dass Sie gekommen sind“, sagte ich. „Darf ich fragen, warum?“ Meine Augen brannten, und ich fühlte mich unwohl in meinen feinen Klamotten. Der Smoking engte mich ein, und die Fliege würgte mich am

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Hals. „Ich denke, wir sollten darüber reden, ob Sie sich nicht der Polizei stellen wollen. Eigentlich geht daran kein Weg vorbei, Dr. Spiegelman.“ Spiegelman blickte mich nachsichtig an. Er wirkte gut aufgelegt, so, als wären wir uns gerade zufällig in einem Supermarkt begegnet und unter- hielten uns darüber, welche Tiefkühlpizza oder Hühnerpastete zu empfehlen war. Peperoni oder Salami? Knusprig oder eher weich? „Welch sonderbarer Gedanke!“, sagte er. „Wie- so sollte ich dergleichen tun?“ „Weil Sie Dr. Farr getötet haben, Sir“, erwider- te ich, ohne zu wissen, warum ich ihn überhaupt noch mit „Sir“ ansprach. Es war, als wollte ich möglichst viele Worte aneinander reihen, um die einzelnen Sätze zu verlängern und um abzumil- dern, was ich zu sagen hatte. Jetzt wirkte Dr. Spiegelman längst nicht mehr so belustigt. „Du bist verwirrt“, sagte er. „Dein Freund Tom Boggs wurde gesehen, wie er die ar- me Conchetta erdrosselte, nicht ich. Du sagtest doch, Tom wäre dein Freund, oder? Mir ist klar, dass dieser Umstand deine Urteilskraft schwächt. Wo ist übrigens deine bildhübsche Freundin?“ Ich beobachtete, wie seine leutselige Maske all- mählich dahinschmolz. Stattdessen trat ein Aus- druck von Strenge auf sein Gesicht, so, als wäre er ein gutmütiger Lehrer, dem es nicht behagte, einen

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bereits ausgesprochenen Rüffel wiederholen zu müssen. „Oh, ja“, sagte ich. Meine Hände zitterten, und Spiegelmans Habichtblick saugte sich an diesem Zeichen der Schwäche fest. „Tom wurde gesehen, wie seine Hände um Conchettas Hals lagen“, fuhr ich fort, „aber Sie hatten sie bereits getötet. Wir wissen schon seit geraumer Zeit von dem Medika- ment, das Sie Tom verabreicht haben. Wir wissen, dass Sie ihn programmiert haben, und wir kennen die Auslöser. India verständigt gerade die Polizei. Sie werden jeden Augenblick hier sein.“ Er wusste, dass ich mir meiner Sache nicht ganz sicher war. Spiegelman ließ die Hände in seinen Schoß sin- ken. „Wir sind nicht informiert, wo Sie Ihre Kenn- tnisse über Gehirnwäsche – oder wie man es sonst nennen soll – erworben haben“, fuhr ich fort. „Vielleicht haben Sie mal Hunde abgerichtet. Die Techniken sind so ziemlich die gleichen, oder?“ „Welch amüsante Theorie, Quentin! Hoffent- lich stört es dich nicht, wenn ich das sage – aber wenn du tatsächlich Detektiv werden willst, wie du ja jedermann erzählst, dann wirst du nicht gerade eine Leuchte sein. Du wirst lernen müssen, dass Gerichte und Polizei nicht auf wilde Theorien hin tätig werden, die weder Hand noch Fuß haben.

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Die Behörden brauchen, was man harte Fakten nennt. Dort hat man keine Verwendung für einen Teenager, der die absurdesten Theorien ausheckt.“ Als das Telefon läutete, schwenkte er seinen Rollstuhl herum. Die Decke fiel von seinem Schoß und enthüllte einen großen Hammer, der auf sei- nen Beinen lag. Spiegelman schaute hinunter, als ob er eine Fluse oder einen kleinen Soßenfleck entdeckt hätte. Nach dem zweiten Läuten schaltete das Tele- fonsignal automatisch zum Faxgerät um. Es piepste ein paarmal laut, und gleich darauf lief der Druck- kopf blitzschnell hin und her, hin und her, bis das Bild fertig war. Es war das Foto eines kleinen Mannes, der lächelnd vor der Statue einer vielarmi- gen indischen Göttin im Rollstuhl saß. „Sind das genug harte Fakten, was meinen Sie?“, fragte ich. „Und wenn nicht, reicht das ge- fälschte Halsband des Ganesh oben in der Halle, das Sie haben anfertigen lassen, völlig aus. Für die Poli- zei ist es ein Leichtes herauszufinden, wer es für Sie geschmiedet hat.“ „Oh, die Hirngespinste werden immer wirrer, wie?“ „Eigentlich nicht. So vieles an Ihnen hat India und mich von Anfang an gestört. Sie sind zu dick für Ihren Rollstuhl. Völlig logisch – es ist nicht Ihrer. Sie haben gelogen, als Sie sagten, Sie hätten

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Conchetta Farrs Büro nie betreten. Die Wahrheit ist vermutlich, dass Sie angelaufen kamen, sobald sie nach Ihnen rief, da sie von Beginn an wusste, dass sowohl Sie als auch das Halsband eine Fäl- schung waren.“ Hass umwölkte Spiegelmans Augen. „Sie war eine schrecklich habgierige Person“, stieß er her- vor, und seine Stimme klang, als hielte er sie erneut an der Kehle gepackt und drücke zu. „Wer Sie auch sind, Sie kannten den wahren Dr. Spiegelman, so viel ist klar. Sie wussten eine ganze Menge über ihn und viel über Edelsteine, allerdings nichts über indische Kunst – und Sie witterten die Chance, sehr, sehr reich zu werden.“ Der falsche Spiegelman setzte den Rollstuhl in Bewegung und kam langsam auf mich zu. Mit der rechten Hand packte er den Hammer, aber mein Instinkt befahl mir weiterzureden. „Sicher, als Sie das echte Halsband des Ganesh zu Gesicht beka- men, wussten Sie, dass es Probleme geben würde, wenn Sie den Rest Ihres Plans in die Tat umsetzen wollten – nämlich sich mit dem Halsband und zu- sätzlich den Herzstücken der hiesigen Juwelen- sammlung davonzumachen. So war es doch, oder? Die Gala heute Abend war Ihr letzter Auftritt. Bei all dem Presserummel war klar, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis jemand merken würde, dass es sich bei dem Halsband um eine Fälschung han-

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delte.“ Der Doppelgänger stellte die Füße auf den Bo- den und stand langsam auf, den Hammer in der Hand. Meine Stimme war brüchig. „Wir wissen, dass Sie den echten Dr. Spiegelman in Indien getötet haben, gleich nachdem er das Halsband abgeholt hatte. Ich kann mir vorstellen, wie überrascht Sie waren, als Sie ihm das Schmuckstück abnahmen und sahen, wie das echte Halsband des Ganesh aus- sah – wie sehr es sich von der Fälschung unter- schied, die Sie bereits hatten machen lassen. Aber es war zu spät, um es vor dem Treffen mit Gardner noch ändern zu lassen.“ Ich hielt die Hände hinter dem Rücken und tas- tete nach dem Wandvorhang, dann übernahm mein Instinkt alles Weitere. Ich riss den Stoff he- runter und wirbelte ihn zwischen mich und den Killer. Der Vorhang flatterte durch die Luft wie das rote Tuch eines Toreros – dann landete er auf dem Fußboden, und mich trennte nichts mehr von dem Riesen, der vor mir stand. Ich schluckte. Ein Schrei ertönte von der Tür. „Lassen Sie ihn in Ruhe!“, brüllte India. „Es ist vorbei“, sagte eine entschlossene Stimme hinter ihr, und ein bunter Pullover tauchte auf. India trat zur Seite, und da stand Inspektor Kra- kowski mit gezogener Pistole. „Lassen Sie den

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Hammer fallen“, befahl sie. Zwei weitere Beamte stürzten ins Zimmer. Der falsche Dr. Spiegelman ließ den Hammer los, als die Polizisten ihn auch schon packten, ihm Handschellen anlegten und ihn hinausführten. Zum Abschied stieß er wüste Be- schimpfungen gegen uns aus. India rannte zu mir und drückte mich. Kra- kowski starrte uns an. „Ihr zwei gebt wohl nie auf, wie?“, fragte sie beinahe gehässig. „Egal, wie viel Scherereien ihr anderen damit macht.“ „Nein, Inspektor Krakowski“, sagte ich. „So sind wir nun mal.“

Affenmasken und Gespräche

Erst fast zwei Wochen später verlief unser Leben wieder in normalen Bahnen. Mein Dad kam aus Sumatra zurück. India und ich waren am Flugha- fen, um ihn abzuholen. Er ist schon von weitem leicht zu erkennen, weil er aussieht wie Harrison Ford mit Vollbart – das heißt, wie ein Harrison Ford, der zu viel Zeit im Burger King oder in Piz- zerien verbringt. Dad winkte überschwänglich, als er durch den Zoll kam. Er schwenkte eine Ausgabe einer Zei-

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tung, in der ein Artikel über Spiegelman und das Halsband des Ganesh abgedruckt war. „Gardner hat angerufen und mir alles erzählt“, sagte er, während er uns drückte. „Ich bin so stolz auf euch, weil ihr an Tom geglaubt habt … dass ihr euren Freund nicht im Stich gelassen habt. Gardner sagt, wenn ihr nicht den ganzen Schwindel durch- schaut hättet, dann wäre Tom vermutlich wegen Mordes verurteilt worden.“ „Schon möglich“, sagte ich. „Hm“, machte India. Offen gestanden hatten wir gehofft, dass Gardner Dad nicht allzu viel erzählen würde – er sollte lieber nie erfahren, in welche Gefahr wir uns begeben hatten. Wir hatten Gardner versprochen, nieman- dem – auch Dad nicht –von dem Unfall mit dem Schulbus zu erzählen, wenn er wiederum Dad nicht sagte, welches Risiko wir eingegangen waren. India und ich hatten gründlich nachgedacht und waren zu dem Ergebnis gekommen, dass Gardner lange genug für seine damalige Tat bezahlt hatte und jetzt wirk- lich gute Arbeit für Kids leistete. Während der Taxifahrt nach Hause brachten India und ich Dad auf den neuesten Stand. „Die Cops haben schließlich die Abdrücke an Conchet- tas Hals untersuchen lassen, und es stellte sich he- raus, dass diese zu den Händen des wahren Mör- ders passten“, berichtete ich. „Aber diese Untersu-

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chungsmethode hätte die Polizei wirklich auch schon früher anwenden können! Es ist geradezu unheimlich, wie sie immer nur das Naheliegende zur Kenntnis nimmt. Die denken nur an ihre näch- ste Gehaltserhöhung.“ „Richtig“, stimmte India mir zu. „Hey, seid nicht so zynisch“, mahnte Dad. „Es gibt auch Polizisten, die so sind wie ihr – engagiert und talentiert … ihr habt tolle Arbeit geleistet!“ „Der richtige Name des Mörders ist Louis Bos- sier“, lenkte India ab. „Er arbeitete früher mit Spiegelman zusammen. Bossier hat schließlich ein Geständnis abgelegt, als die Leiche, die man in Bombay gefunden hat, zweifelsfrei als Spiegelman identifiziert wurde.“ India verdrehte die Augen. „Hätte Bossier seine Hausaufgaben gemacht und sich besser über Ganesh informiert, dann hätte er nicht eine so miserable Fälschung in Auftrag gege- ben.“ „Stichwort Hausaufgaben“, warf Dad ein, „wie sah’s bei dem ganzen Wirbel denn für euch in der Schule aus?“ „Hey“, sagte ich, „im Literaturkurs haben wir die allerbeste Wertung gekriegt.“ „Genau“, ergänzte India. „Und wir haben einen neuen Freund gefunden, Igor. Er läuft zwar oft wie der letzte Idiot herum, aber auf jeden Fall haben wir dieses Projekt mit ihm zusammen gemacht,

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und wir haben alle drei eine Eins bekommen.“ Igor hatte ein Foto von mir, India und dem Hals- band des Ganesh eingereicht, das Zeitungen und Fernsehsender gebracht hatten. Hinzu kam ein Schnappschuss des Mörders – und wenn ihr jetzt denkt, unserer doofen Mitschülerin Wendy Fillerman wären danach die dummen Sprüche über uns und Leichen ausgegangen, seid ihr auf dem Holzweg. Zur Begrüßung hatten wir Dad eine Schachtel Pralinen besorgt. Er hatte uns beiden je eine Af- fenmaske aus Sumatra mitgebracht. Natürlich setz- ten India und ich die Dinger gleich auf und brüll- ten aus dem offenen Fenster des Taxis. Der Fahrer hielt uns für komplett verrückt, aber mein Dad kennt uns nicht anders. Er sagte, dass er vielleicht bald noch einmal nach Sumatra müsse, weil man dort in der Gegend noch mehr prähistorische men- schliche Knochen gefunden hatte. „Können wir dann mitfahren?“, fragte ich. India und ich hatten ihn seit der Reise nach Madagaskar im letzten Winter auf keiner seiner Exkursionen mehr begleitet. „Das ließe sich sicherlich einrichten“, versprach Dad augenzwinkernd.

Seit der Aufklärung des Mordfalls hatten India und ich uns in der Schule möglichst bedeckt gehalten und uns auf ausgedehnte Spaziergänge im Park

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verlegt. Die gute Nachricht war, dass Tom aus dem Ge- fängnis entlassen worden war und bald wieder im Museum arbeiten konnte. Es ist uns gelungen, ihn ein paarmal zu überreden, mit uns in den Park zu kommen. Sicher, der komische Typ mit der Igelfri- sur tauchte hin und wieder auf; es stellte sich je- doch heraus, dass er Tom nur ins Gespräch verwi- ckelt hatte, um ihn über das Museum auszufragen. „Meinst du, Igelkopf war es, der die Büros aus- geräumt hat?“, fragte India. „Macht eins und eins zwei?“, gab ich zurück. „Alles klar.“ Ich glaube, was India und mir half, die ganze Aufregung zu verarbeiten, war vor allem unser Lieblingsplatz in der Nähe des Bootsteichs. Wie immer brachten wir dort die abgedrehtesten Fragen zur Sprache, die uns einfielen. Wir sprachen viel über Mord und Tod. An einem Tag taten wir nichts anderes, als nur dazusitzen und minutenlang ganz schnell die Hände zu öffnen und wieder zu schließen. Irgendwo hatte ich gelesen, dass die Wirkung, die sich dabei einstellt, im Prinzip diesel- be ist wie bei Leichenstarre, weil man Unmengen von Milchsäure produziert. Andere Themen, die wir diskutierten, waren Fragen wie, warum Haut eigentlich jucken kann, warum Frauen den Mund öffnen, wenn sie Wimperntusche auftragen, und

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wie die Polizei es schafft, bei Ausschreitungen nach einem Fußballspiel die Anzahl von Hooligans zu schätzen. An einem Tag gingen uns irgendwie die Ge- sprächsthemen aus, deshalb saßen wir mit Indias Mum an ihrem freien Tag nur vor dem Fernseher und schauten uns den ganzen Abend Wiederho- lungen von Serien mit nörgelnden Ehefrauen, stumpfsinnigen, egoistischen Ehemännern und ner- vigen Kids an. Ich glaube nicht, dass wir auch nur einmal lachten.

Was wir uns am meisten von der Klärung des Mu- seumsmordes erhofft hatten, ereignete sich schließ- lich doch noch. Es geschah in der Schule. India und ich standen im Korridor. Igor, Wendy und ganze Heerscharen ausgeflippter Westside-Kids schnatterten in der kurzen Pause zwischen zwei Unterrichtsstunden und stolperten übereinander wie ein neugeborener Wurf weißer Mäuse, als ein vertrautes Geräusch ertönte. Surrrrrrrr. Alle gingen aus dem Weg, als Jesus in einem su- permodernen motorisierten Rollstuhl mit allen Schikanen durch den Korridor fuhr. „Hey, schaut mal!“, rief er uns zu. Er schaltete und fuhr im Kreis herum; ein strahlendes Lächeln lag auf seinem Gesicht. Dann drückte er auf die

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Hupe und lachte, wie ich ihn noch nie zuvor hatte lachen sehen. „Ich kann mir nicht helfen“, sagte India, „aber irgendwie kommt mir dieser Rollstuhl bekannt vor …“

Bereits in der Highschool begann Paul Zindel, kleine Geschichten und Theaterstücke zu schreiben. Trotzdem arbeitete er nach dem Studium zuerst einige Jahre als Chemielehrer, bevor er sein Hobby zum Beruf machte. In der Zwischenzeit ist er einer der erfolgreichsten Kin- der- und Jugendbuchautoren Amerikas und wurde un- ter anderem mit dem renommierten Pulitzer-Preis aus- gezeichnet. Paul Zindel lebt mit seiner Familie in New Jersey.

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