____

AFRIKA

I REPORTER-NETZWERK

Afrika über Afrika
Eine differenziertere Afrika-Berichterstattung in den westlichen Medien wird seit Jahrzehnten gefordert. Eine mögliche Lösung: Afrikanische Journalisten berichten selbst - auch international.
VON

MARTIN

STURMER

Die Journalistin Mae Azango setzt sich für die Rechte von Frauen in Liberia ein.

m 20. November 2012 hatte Mae Azango ihren großen Auftritt. Die liberianische Iournalistin nahm im Waldorf·Astoria in New Yorkeinen der begehrten »International Press Freedom Awards« der US-Menschenrechts· organisation »Committee to Protect Journalists« (CP]) entgegen. In ihrer temperamentvollen Dankesrede erinnerte Azango daran, was ihr Beitrag über weibliche Genitalbeschneidung in Liberia ausgelöst hatte. Von einem Tag auf den anderen musste sie untertauchen. »Aber ich dachte mir, mein Leben für die Sache zu riskieren, sei es wert,« sagte Azango, »die Beschneidungen haben so vielen Frauen und Mädchen das Leben gekostet - manche davon erst zwei Jahre alt.« Ihr Artikel »Growing Pains« war am 8. März 2012 in der investigativen liberianischen Tageszeitung FrontPage Africs erschienen. Das Datum war nicht

A

zufällig gewählt: Azango hatte sich für eine Veröffentlichung am Internationalen Frauentag entschieden, um eine möglichst hohe internationale Aufmerksamkeit zu erzielen. Eine Art Lebensversicherung, wie sich später herausstellen sollte. Denn in ihrem Artikel brach sie mit einem Tabu: Sie griff darin frontal die SandeGemeinschaft an. Dieser einflussreiche Geheimbund, in dem auch traditionell·orientierte Frauen organisiert sind, führt in sogenannten »Buschschulen« KlitorisBeschneidungen durch, die mitunter tödlich enden.
Morddrohungen gegen Mae Azango

Unmittelbar nach Erscheinen des Beitrags begann für Azango ein Alptraum: Sie erhielt offene Morddrohungen, musste sich verstecken und alle zwei Tage ihren Aufenthaltsort wechseln. »Ich war wie eine Fledermaus, die an jeder möglichen Decke hing, wenn die Nacht hereinbrach«, erzählte Azango in New York. Ihren Mitstreiterinnen im Journalistennetzwerk »New Narratives« ist es zu verdanken, dass die Sache letztendlich glimpflich ausging. Das internationale Netzwerk, das im Juli 2010 von der australisch-amerikanischen Journalistin Prue Clarke und der US-Projektmanagerin Susan Marcinek initiiert worden war, sorgte dafür, dass die Drohungen gegen Azango breit in den USAwahrgenommen wurden. Der Druck auf die liberianische Regierung und Staatspräsidentin Ellen-lohnson Sirleaf stieg. Ende März 2012 dann der unerwartet schnelle und spektakuläre Erfolg:Die liberianische Regierung und die Sande-Gemeinschaft kamen überein, die »Buschschulen« zu schließen. »Africans reporting Africa« - so lautet der Slogan von »New Narratives«. »Afrikaner sind besser platziert, um tiefgreifende und nuancierte Analysen über ihre Heimatländer abgeben zu können«, heißt es auf der Website des Netzwerks.

22

messace

.2/2013

TITELTHEMA'--

_

Die Idee für diesen Perspektivenwechsel ist allerdings keineswegs neu. Die Nachrichtenagentur Inter Press Service (IPS) verfolgt diesen Ansatz bereits seit fast einem halben Jahrhundert. Mit IPS Deutschland in Berlin verfügt die Agentur auch über einen eigenen deutschsprachigen Tagesdienst. Die Afrika-Zentrale befindet sich in Icharmesburg - von dort wird die Arbeit von mehr als 130 Journalisten in fast allen afrikanischen Ländern koordiniert. Kudzai Makombe, die Regionaldirektorin von IPS Africa, erklärt: »IPS· Journalisten schreiben Afrikas unerzählte Geschichten. Sie berichten aus der Sicht der einfachen Menschen. Um ein Beispiel zu nennen: Internationale Medien haben in den letzten Monaten stark über den Wirtschaftsboom in Afrika berichtet. Aber was bedeutet dieser Boom zum Beispiel für den durch· schnittliehen Afrikaner? Wir liefern die Antwort.«
Auf Tuchfühlung mit der Bevölkerung

IPS bietet damit ein klares Kontrastprogramm zur Elitenzentrierung des deutschsprachigen AfrikaJournalismus, in dem vor allem afrikanische Regierungsvertreter, Politiker, Rebellen oder Putschisten die Hauptrolle spielen. Wogegen Vertreter der einfachen Bevölkerung oder der Zivilgesellschaft dort nur selten zu Wort kommen. In seiner Studie »Icurnalisten der Finsternis« hat Lutz Mükke (2009) diese Elitenzentrierung in den deutschen Leitmedien dpa, Spiegel, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Süddeutsche Zeitung bestätigt. In den Beiträgen von IPS Deutschland kommt die Akteursgruppe »Afrikanische Bevölkerungs mehr als drei Mal so häufig zu Wort. Damit in Zusammenhang steht folgendes Problem: Vertreter von »New Narratives« und IPS bemängeln, derzeit hätten noch zu wenige afrikanische Iournalisten Zugang zu internationalen Medien. »Ich bin aber überzeugt, dass Europäer an der afrikanischen Perspektive interessiert sind«, meint IPS·Regionaldirektorin Makombe im Interview. Aber haben IPS-Beiträge überhaupt eine Veröffentlichungs chance? Der deutschsprachige Agenturmarkt ist hart umkämpft. Schauen wir nach Österreich: Seit Ende 2007 biete ich mit meiner Nachrichtenagentur afrika.info die Afrika-Beiträge von IPS Deutschland in Österreich an. Der wichtigste Abnehmer ist derzeit die Tageszeitung Salzburger Nachrichten (SN). Eine Inhaltsanalyse zeigt: Im Untersuchungszeitraum von 2. Juni 2008 bis 3. Juni 2011 wurden von 1.293 angebotenen IPS-

Beiträgen exakt 100 von den SN veröffentlicht. Zwar entspricht das nur einer Ouote von zunächst bescheidenen acht Prozent. Dem Großteil der veröffentlichten Beiträge wurde allerdings von den Redakteuren durchwegs hoher Nachrichtenwert zugewiesen. 57 Prozent der Beiträge wurden als Vier- oder Fünfspalter publiziert und bei der Hälfte wurden von der SN-Redaktion keine oder nur geringfügige Änderungen vorgenommen. Das zeigt, afrikanische IPS-Journalisten sind mühelos in der Lage, redaktionelle Anforderungen deutschsprachiger Medien zu erfüllen. Und auch aus medienökonomischer Sicht gewinnt dieser Perspektivenwechsel an Bedeutung. Denn die Zahl von deutschsprachigen Medien, die eigene Auslandskorrespondenten entsenden, befindet sich auch wegen ihrer hohen Kosten seit Jahren im Sinkflug. Zudem stellen viele Redaktionen die großen Nachrichtenagenturen mehr und mehr in Frage - wegen der Kosten, manchmal aber auch wegen deren allzusehr dem Mainstream entsprechenden, sich gleichenden Angeboten.
Trend zu »New Foreign Correspondents«

GROWING

PAINS
Dieser Artikel in Frontpage Africa löste internationale Aufmerksamkeit Morddrohungen - und aus.

Große internationale Medienhäuser wie Reuters, Agence France Press oder Al Iazeera sind längst dazu übergegangen, afrikanische Mitarbeiter vor Ort zu engagieren. Aus gutem Grund: Die sogenannten »New Foreign Correspondents« kennen sich mit örtlichen Gepflogenheiten aus, sind meist hervorragend ausgebildet und vernetzt und haben ein besseres Gespür für relevante Themen. Einige afrikanische Kollegen haben sich international bereits eine ausgezeichnete Position erarbeitet und sind auch über Afrika hinaus bekannt geworden. Dazu zählen etwa Anas Aremeyaw Anas (Ghana), Mabvuto Banda (Malawi), Stanley Kwenda (Simbabwe), Orton Kiishweko (Tansania) oder Rosebell Kagumire (Uganda). Und nun wohl auch Mae Azango. In deutschsprachigen Medien ist der Einfluss afrikanischer Journalisten auf die Afrika-Berichterstattung minimal - ein unhaltbarer Zustand. •

Martin Sturm er hat Afrikanistik und Kommunikationswissenschaft in Wien und Dar es Salaam studiert. Er betreibt die Nachrichtenagentur
sfrike. info.

messace

.212013

23

Sign up to vote on this title
UsefulNot useful