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Institut für Sprach- und Kommunikationswissenschaft der RWTH Aachen Magisterarbeit im Fach Kommunikationswissenschaften Prüfer: Prof. Dr. Ludwig Jäger

Analogie und Sprache

Betrachtungen zum Analogie-Begriff

bei Saussure und Wittgenstein

vorgelegt von Adrian Pohl Clarenbachstraße 158 50931 Köln Matrikelnummer: 222486

Köln im Herbst/Winter 2006/07

„Die Sprache ist ein Labyrinth von Wegen. Du kommst von einer Seite und kennst dich aus; du kommst von einer andern zur selben Stelle, und kennst dich nicht mehr aus.“ Ludwig Wittgenstein, PU 203

Inhalt

1 Einleitung

4

2 Die Zwei-Welten-Ontologie

5

2.1 Sprechen besteht wesentlich in der Anwendung von Regeln

6

2.2 Die Regeln des Sprechens sind universal und autonom

7

3 Saussure

3.1 Grundlegende Einsichten

10

10

3.1.1 Die kontinuierliche Transformation der Sprache in der Zeit und im Raum

11

3.1.2 Die Sprache: eine eigentümliche Institution

15

3.2 Saussures Semiologie

21

3.2.1

Das Prinzip der Differenz: Sème = Parasème

21

3.2.2

Das

Aposème

27

3.2.3

Der notwendig soziale Charakter der Sprache

30

3.3

Analogie

33

3.3.1 Analogie als „Phänomen der intelligenten Transformation“

35

3.3.2 Iteration,

Fluktuanz, Analogie

43

4 Vom Diskurs zum Sprachspiel

48

5 Wittgenstein

50

5.1 Wittgensteins Gebrauch des Terms ‚Analogie’

50

5.2 Projektion

54

5.3 Regelbefolgung vs. Projektion

59

6 Die Metaphorizität der Analogie

63

6.1 Aufbau eines Symbolsystems

65

6.2 Die Metapher

66

7 Parasemische Schöpfung, Projektion und Metapher

69

7.1 Die Problematik einer Unterscheidung verschiedener Analogieformen

70

7.2 Analogie als „grammatische Bewegung“

74

8

Schluss

77

1

Einleitung

Der zentrale Begriff dieser Arbeit ist jener der Analogie und zwar nicht in einem ontologischen, erkenntnis- oder wissenschaftstheoretischen sondern in einem sprachtheoretischen Sinn. Es geht hier also in erster Linie um die analogische Kre- ativität in der sprachlichen Performanz als Ursache für den Sprachwandel. Zur Explikation dieses Konzepts der ‚Analogie’ werde ich die Verwendung des Begriffs in den Schriften Ferdinand de Saussures und Ludwig Wittgensteins beleuchten. Der Problemhorizont, vor dem unsere Betrachtung des Analogiebegriffs bei Saus- sure und Wittgenstein stattfindet, ist die von Sybille Krämer so genannte „Zwei- Welten-Ontologie“ der Sprache, welche der Analogie als Veränderung der Kompe- tenz durch die Performanz, der langue durch die parole, in ihrer Theorie keinen Platz einräumt. Dieser Grundgedanke der Zwei-Welten-Ontologie wird im zweiten Kapitel skizziert. Anschließend werden in den Kapiteln 3 bis 5 mit Saussure und Wittgenstein und einer genaueren Betrachtung ihres Gebrauchs des Ausdrucks ‚Analogie’ die Un- adäquatheit der Zwei-Welten-Ontologie nachgewiesen und die Umrisse eines al- ternativen Sprachbildes gezeichnet werden. Das Saussure-Kapitel gliedert sich in eine Darstellung der grundlegenden Einsichten, die eine jede Sprachtheorie zu be- rücksichtigen hat, um sodann Saussures Semiologie zu entfalten, mit deren Beg- riffsinstrumentarium ich mich schließlich an die Betrachtung von Saussures Ana- logie-Begriffs mache. Dabei wird deutlich, dass Saussure die Analogie allein auf morphologischer Ebene betrachtet. Nach einer Überleitung zu Wittgenstein in Kapitel 4 wird im fünften Kapitel die Analogie bei Wittgenstein als Zustand tiefengrammatischer Verhältnisse in der Sprache gedeutet, welche durch Projektionen entstanden sind. Wir werden sehen, dass es sich um Projektionen syntaktischer Gefüge wie auch einzelner Wörter han- deln kann. Am Ende des Kapitels werden wir die Projektion gegen die konventio- nelle Regelbefolgung abgrenzen. In Kapitel Sechs führe ich zunächst in Goodmans symboltheoretische Begrifflich- keit ein, um sodann seinen umfassenden Metaphernbegriff darzustellen und die Analogie als eine solche Metapher auszuweisen. Auf dieser Basis sowie mit Rekurs auf eine Betrachtung Saussures werde ich die Problematik einer Unterscheidung verschiedener Analogie- bzw. Metaphernformen verdeutlichen, um schließlich die Synthese der verschiedenen Analogietypen im Begriff der ‚grammatischen Bewe-

gung’ vorzuschlagen. Zum Abschluss der Arbeit erfolgt die erneute Kritik an der Zwei-Welten-Ontologie, deren Vertreter für den „Verlust der Analogie“ in der Sprachtheorie verantwortlich gemacht werden.

2 Die Zwei-Welten-Ontologie

Der Ausdruck „Zwei-Welten-Ontologie“ bzw. „Zwei-Welten-Bild“ oder „Zwei- Welten-Modell“ 1 der Sprache ist von Sybille Krämer geprägt. Sie benutzt ihn in ei- ner „Diagnose“ 2 von Sprachtheorien des 20. Jahrhunderts, die der klassischen Un- terscheidung zwischen system- und handlungsorientierten Sprachtheorien zuwi- derläuft, deren Witz also darin besteht, „einen Darstellungsweg jenseits der ver- trauten linguistischen und philosophischen Kontroversen zu beschreiben.“ 3 Dies hat zur Konsequenz, dass Krämer sowohl die ‚üblichen Verdächtigen’ Chomsky und – den fiktiven 4 – Saussure als Vertreter des Zwei-Welten-Modells einordnet, zudem aber auch pragmatisch orientierte Sprachtheoretiker wie John R. Searle, Jürgen Habermas und Karl Otto Apel. Die zentrale Annahme der Zwei-Welten-Ontologie der Sprache ist die einer „Spra- che hinter dem Sprechen“, eines „logisch-genealogischen Vorrangs“ 5 der –virtuell 6 , institutionell 7 , hirnphysiologisch 8 existierenden oder auch als eine kontrafaktische

1 Erstmals verwendet sie den Ausdruck ‚Zwei-Welten-Bild’ der Sprache in Krämer (1999), S. 374. Den noch aussagekräftigeren Ausdruck „Zwei-Welten-Ontologie“ benutzt sie in Krämer (2001), etwa auf S.95 und in Krämer (2002), S.111.

2 Vgl. Krämer (2001), S.9.

3 Krämer (2001), S.14.

4 Ziel dieser Arbeit ist es unter anderem, den authentischen Saussure als Kritiker eines solchen Zwei-Welten-Bildes auszuweisen. Zum authentischen vs. den fiktiven Saussure vgl. Jäger (1975) und Jäger (1976). Krämer selbst betont, dass sie sich auf den „fiktiven Saussure“ und somit auf den Cours de linguistique générale [Saussure (1972), im Folgenden zitiert als CLG] bezieht, dessen Edi- tion die ‚sprachphilosophische Substanz’ des authentischen Saussure „verstümmelt und defor- miert“ [vgl. Jäger (1975), S.2].

5 Krämer 2002, S.98.

6 Dies bezieht Krämer (2001), S.35 auf (den fiktiven) Saussure. Wir werden im Verlauf der Arbeit ein differenzierteres Bild der Sprachtheorie des ‚authentischen’ Saussure bekommen.

7 John R. Searle unterscheidet Krämer zufolge das institutionelle Regelsystem einer Einzelsprache, welches wirksam wird, indem es sich in den Dispositionen der Individuen widerspiegelt, von einem universalen Sprechakt-Regelsystem, das im jeweiligen Regelsystem einer Einzelsprache realisiert ist. [Vgl. Krämer (2001), S.71f] Somit wäre jeder Sprechakt eine Anwendung a) unmittelbar der

„operativ wirksame Fiktion“ 9 konzipierten – reinen Sprache vor dem jedesmaligen, raumzeitlich situierten Sprechen. Als Ausgangspunkt sowie Ziel der späteren Kritik dieser Arbeit soll hier eine grundlegende Implikation der Zwei-Welten-Ontologie beleuchtet werden: die An- nahme eines universalen sprachlichen Regelsystems, welches zwar das Sprechen determiniert, von diesem aber nicht affiziert wird. Ich werde also von einer Hierar- chisierung von reiner, universaler Sprache und konkretem Sprechakt sprechen. 10 Dieser Universalismus independenter Regeln des Zwei-Welten-Modells behauptet also 1.) dass wir im jedesmaligen Sprechen Regeln folgen, welche dem einzelnen raumzeitlich bestimmbaren Sprechakt zugrundeliegen und welche die universellen Eigenschaften von Sprache darstellen, „an denen alles teilhat, was überhaupt ‚Sprache’ bzw. ‚Rede’ genannt werden kann“ 11 sowie 2.) dass diese Regeln unsere Sprachhandlungen zwar determinieren, von diesen aber wiederum nicht beein- flusst werden.

2.1 Sprechen besteht wesentlich in der Anwendung von Regeln

„Unsere Sprachlichkeit zu erklären bedeutet, die Regeln zu beschreiben, denen wir im Sprechen folgen; seien dies nun Regeln, nach denen wir elementare sprachliche Einheiten zu grammatisch korrekten Sätzen verknüpfen oder Re- geln, nach denen wir Sätze als verständigungsorientierte Äußerungen gebrau- chen. Eine Sprache zu beherrschen, setzt somit die implizite Kenntnis dieser Regeln voraus“ 12 .

Einzelsprache, die „als Institution ein System konstitutiver Regeln verkörpert“ und b) mittelbar eines universalen sprechakttheoretischen Regelsystems [ebd.].

8 Mit seinem „first conceptual shift“ von der deskriptiven Betrachtung einer E(xternen)-language zur explanativen Betrachtung der I(nternen)-language hat Chomsky das Objekt seiner Linguistik als ein internes, letztlich neuronal instantiiertes Subsystem des menschlichen kognitiven Appara- tes, als eine kognitive Struktur klassifiziert, welche als grammatische Kompetenz, als ein „knowled- ge of form and meaning“ bestimmte Aspekte – nämlich die grammatischen – der menschlichen Rede, d.h. der Performanz regele. [Vgl. Botha (1989), S.68-75]

9 Habermas (1984): Vorstudien und Ergänzungen zur Theorie des kommunikativen Handelns. Frankfurt am Main, S.180 zitiert nach Krämer (1999), S.376. 10 Weitere Implikationen des Zwei-Welten-Bildes der Sprache finden sich in Krämer (2001) auf

S.98-103.

11 Krämer (2001), S.98.

12 Krämer (1999), S.373.

Das Zwei-Welten-Bild der Sprache sieht das jedesmalige Sprechen auf der Ebene der Illokution, wie der Syntax, Wortwahl und Morphologie als einen Fall von re- gelgeleitetem Handeln an: diese Annahme impliziert, dass die Sprachregeln not- wendige Bedingung der Sprechhandlung sind, dass sie a priori feststehen und dass die wesentlichen Eigenschaften der Sprechhandlung durch die Regeln bestimmt sind. Diese Auffassung vom Sprechen entspricht – man kann hier sehr passend auf Wittgenstein vorgreifen – dem Verfahren nach einem Kalkül. Ein Kalkül ist – wie etwa der Fremdwörterduden erläutert – eine „durch ein System von Regeln festge- legte Methode“ 13 . Die These von der Benutzung der Sprache als dem Verfahren nach einem Kalkül birgt mehrere zusammenhängende Annahmen in Bezug auf den Regelbegriff in sich, die Klaus Puhl wie folgt expliziert:

„1. Für das Lernen, Verstehen, Meinen und Befolgen einer Regel ist die Benut- zung eines Ausdrucks oder einer mentalen Repräsentation der Regel notwen- dig und hinreichend.

2. Die Regel, nach der jemand handelt, muß von vorneherein feststehen.

3. Alle Aspekte eines regelfolgenden Verhaltens müssen durch die Regel (d.h.

nach 1. durch ihren Ausdruck) bestimmt sein.“ 14

Die allgemeine Kritik dieses Regelbegriffs wird hier nicht tiefergehend betrachtet werden. 15 Die Analogie ist eine sprachliche Handlung, die dieser Konzeption ent- gegengeht, weil sie gerade dadurch definiert ist, dass im Sprechen ein Regelbruch stattfindet.

2.2 Die Regeln des Sprechens sind universal und autonom

Aus den gerade aufgezählten drei Implikationen eines Kalkül-Begriffs vom Spre- chen lässt sich auf unseren Hauptkritikpunkt, auf die Autonomie des Regelsys- tems, seine Unabhängigkeit von der Regelbefolgung, schließen. So die Regel von vorneherein, a priori feststeht und laut Punkt 3 das Handeln vollständig bestimmt, bleibt kein Spielraum im Handeln, um über die Regel hinauszugehen und sie da- durch zu erweitern.

13 Duden. Fremdwörterbuch (1997), S. 395.

14 Puhl (1998), S. 124.

15 Ich werde lediglich im Wittgenstein-Kapitel, in Abschnitt 5.3 kurz darauf zu sprechen kommen.

Zwar ist nach Krämer eine Leistung der Zwei-Welten-Ontologie darin zu sehen, dass sie dem

„repräsentationalen Sprachkonzept die Nachfolge [aufkündigt], insofern Form, Ordnung, System und Regel durch Sprache nicht bloß zur Darstellung kommen, sondern jetzt in der Sprache selbst lokalisiert werden und durch sie auch alleine begründbar sind. Die Sprache wird zur Springquelle von Form, Systematizität und Regel, und das macht sie autonom; die Sprache stellt Strukturen nicht dar, sondern wird selbst strukturgebende Instanz.“ 16

Autonom wird die Sprache aber nicht nur gegenüber der Welt konzipiert, sondern auch gegenüber ihrer Anwendung, dem jeweiligen Sprechakt. Die Sprache, als Re- gelsystem oder interne Grammatik stellt damit eine autonome, independente Kompetenz dar, das jedesmalige Sprechen kann nicht auf sie rückwirken, d.h. das Abhängigkeitsverhältnis zwischen Kompetenz und Performanz ist als ein einseiti- ges bestimmt. Die Realisierung des Regelsystems im jedesmaligen Sprechen ist wesentlich durch das zugrundeliegende Regelsystem bestimmt und eine Rückwir- kung von der Performanz auf das Regelsystem ist jedoch nicht vorgesehen. In die- sem Sinne haben wir es also auf der Seite der Kompetenz mit einem universal- geltenden Regelsystem, einem Kalkül zu tun, welches als reine Sprache die wesent- liche Struktur der je konkret realisierten Sprechakte determiniert, ohne in seiner Beschaffenheit durch diese Sprechhandlungen in irgendeiner Weise affiziert zu werden. Zwar kann die Realisierung unter Umständen in einem gewissen Rahmen variieren, die Variationsbreite ist aber endlich. 17 Die Regeln der Sprache werden im Zwei-Welten-Modell als sprachliche Universa- lien angesehen, die allgemein und umfassend das konstituieren, was als ‚Sprache’ bezeichnet werden darf:

Es gibt grammatische resp. pragmatische Universalien, an denen alles teilhat, was überhaupt ‚Sprache’ bzw. ‚Rede’ genannt zu werden verdient. Als Spre- chen bzw. Kommunizieren zählt nur, was diese universellen Eigenschaften exemplifiziert. Das, was am Sprechen hinausgeht über den Sachverhalt, Mani- festation eines universalen Typus zu sein, ist sprachfremden Bedingungen ge- schuldet und stellt – gemessen am Maßstab der reinen Sprache und Kommu- nikation – das Außer-Sprachliche dar. Der privilegierte Gegenstand von

16 Krämer (2001), S.97. Vgl. zum ‚repräsentationalen Sprachkonzept’ unten 3.2.1 und 3.2.3. 17 Ich denke hier an Chomskys Universalgrammatik, die als ein im mind/brain lokalisiertes System von gewissen universalen, fundamentalen Prinzipien und Parametern, den „initial state of the lan- guage faculty“ oder „the genetically encoded linguistic principles” darstellt, auf dem die ontogeneti- sche Entwicklung jeder menschlichen Sprache fußt. [Vgl. Botha (1989), S.25-35.]

Sprachwissenschaft und Sprachphilosophie sind die syntaktischen, semanti- schen und pragmatischen Universalien.“ 18

Die Zwei-Welten-Ontologie impliziert also die Annahme einer Universalität der Sprachregeln auf der Ebene der Grammatik, Semantik wie der Pragmatik, d.h. sprachtheoretische Ansätze solchen Typs rekonstruieren das kommunikative Knowing-how als ein Knowing-that, das als „ein Wissen um die universalen Bedin- gungen von Kommunikation“ 19 dem Sprechen zugrunde liege. Somit handele es sich beim Sprechen um die Anwendung der „universalen Sprachmuster“ 20 . Im Rahmen eines solchen Sprachbildes ist nun „das Sprechen gegenüber der rei- nen Sprache prinzipiell etwas unvollständiges, mangelhaftes, defizitäres, verzerrtes [sic]: weniger Form denn Deformation.“ 21 Entsprechend verfolgen Vertreter dieser Sichtweise in ihrer Bestimmung der Sprache eine „Purifizierungsstrategie“ 22 , mit- tels der alles, was im konkreten Sprachgebrauch nicht als Realisierung von univer- salen Sprachtypen kategorisiert werden kann, einfach zu einem „Epiphänomen“ 23 degradiert wird und somit nicht zur Sprache gehört, von dem bei einer Darstellung der Sprache mithin abstrahiert werden könne. Ludwig Jäger nennt diese Strategie das „Idealisierungs-Konzept der Sprache“ 24 , das den Ausgangspunkt der „kogniti- vistischen Modellierung des Sprachbegriffs“ bilde. Auch Krämer spricht von einer „Strategie der Idealisierung“ 25 , welche die Vertreter des Zwei-Welten-Bildes ver- folgen, um das Postulat einer kognitiven, universalen Regelkompetenz systema- tisch fassen zu können. Im Folgenden wird mit der Betrachtung der Sprachtheorie Saussures und Wittgen- steins die Einseitigkeit eines solchen Sprachbildes herausgestellt werden.

18 Krämer (2001), S.98.

19 Krämer (1999), 375.

20 Krämer (2001), 10.

21 Krämer (2001), S.105.

22 Krämer (2002), S.103.

23 Vgl. Chomsky (1981), S.88: “Die Sprache ist aber ein Epiphänomen.” Durch die Purifizierung bleibt bei Chomsky nur das grammatische Wissen, die ‚mentale Grammatik’ oder die ‚I-(nterne) Grammatik’ als reine Sprache und Untersuchungsgegenstand einer Linguistik übrig. Vgl. auch Jä- ger (1994), S.292-295 für eine knappe Skizze der „kognitivistischen Modellierung des Sprachbeg- riffs“.

24 Jäger (1994), 292.

25 Krämer (2001), S.99.

3

Saussure

Vor dem skizzierten Hintergrund des Zwei-Welten-Bildes der Sprache 26 werde ich mich jetzt bei meinen Reflexionen zu den beiden Autoren Saussure und Wittgen- stein einer Betrachtung der Sprache zuwenden, welche die Regelanwendung, die Performanz als wesentlichen Bestandteil der Sprache berücksichtigt und sie gar als den Ursprung sprachlicher Regeln ausweist, ihr also eine sprachkonstitutive Funk- tion zuschreibt. Dabei werde ich besonders einen zentralen Begriff einer solchen Sprachauffassung – den der Analogie – einer genaueren Untersuchung unterzie- hen.

3.1 Grundlegende Einsichten

Zum Verständnis des Analogie-Begriffs bei Saussure sind zunächst dessen grund- legenden Einsichten über Sprache zu erläutern, welche der „Definitionsarbeit“ 27 , also der Sprachtheorie, sowie einer daraus folgenden Wissenschaftstheorie und Methodologie einer jeden Sprachwissenschaft zugrundeliegen sollten. Diese legt er in seinen – notes genannten – fragmenthaften Notizen dar, die meist nicht in der gewohnten linear-stringenten, kohärenten Weise wissenschaftlicher oder philoso- phischer Texte einen Gedanken entfalten, sondern oft aphoristisch und somit häu- fig die Richtung des Gedankengangs wechselnd das weite Gebiet der Sprache durchwandern. 28

26 Der Term ‚Sprache’ bezieht sich im Folgenden, wenn nicht anders angemerkt, auf die orale Spra- che. Saussure und Wittgenstein waren sich des Unterschieds und der Problematik des komplexen Verhältnisses dieser beiden Medien – von langue und écriture – durchaus bewusst, wenn sie auch häufig in ihre Beispiele nicht genug differenzieren. Wir werden aber diese mediale Frage hier nicht weiter thematisieren. Vgl. dazu Stetter (1997), S.117-29.

27 Vgl. Saussure (1997), S.296, N 9.1 „Notizen zu einem Buch über allgemeine Sprachwissenschaft. Ausgangspunkt“: Die „wesentliche Aufgabe der Theorie der Sprache [‚langage’]“ besteht darin, „zu entwirren, was es mit unseren ersten Unterscheidungen auf sich hat. Es ist uns nicht möglich, zu- zugestehen, daß man das Recht habe, eine Theorie aufzustellen, in der man sich dieser Definitions- arbeit enthält, obwohl diese bequeme Vorgehensweise bisher das sprachwissenschaftliche Publi- kum zu befriedigen schien.“

28 Hier zeigt sich eine Parallele zum Denken Wittgensteins. Zu Saussures „aphoristischen Den- kungsart“. Vgl. Jäger (1975), S.285 und Jäger (2oo3), S.44-47, wo auch die Ähnlichkeit zu Wittgen- stein herausgestellt wird.

Ich werde mich hier zunächst auf die in der ersten Hälfte der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts entstandenen notes beziehen 29 . Bei diesen metatheoretischen, d.h. einer jeden wissenschaftlichen Betrachtung vorgängigen Erörterungen be- stimmt Saussure die Gesetze der Sprache, welche eine jede Linguistik berücksich- tigen muss. Somit bleiben diese Gesetze „für alle späteren Entwürfe Saussures be- stimmend“ 30 und dienen der Gegenstandsbestimmung der Sprachwissenschaft, die ja Saussures erklärtes Ziel ist, als Fundament. Darauf basierend werde ich Saussures Ansätze zu einer Semiologie in den Notes Item darstellen, die ein begriffliches Instrumentarium zur abschließenden Be- leuchtung seines Analogie-Begriffs liefern.

3.1.1 Die kontinuierliche Transformation der Sprache in der Zeit und im Raum

Der Aufhänger der Genfer Antrittsvorlesung Saussures von 1891 ist die Frage, ob die Sprachwissenschaft ihren Platz unter den Naturwissenschaften oder unter den Geisteswissenschaften hat. Saussures Antwort ist denkbar einfach: Er erklärt diese Debatte für abgeschlossen 31 und behauptet, man habe mittlerweile „die wahre Na- tur der Tatsachen der Sprache“ „besser begriffen“ und somit sei es „einsichtiger geworden, daß die Wissenschaft der Sprache [‚langage’] eine historische und nichts als eine historische Wissenschaft“ 32 sei. Es ist dieser historische Charakter der Sprache, der die Zugehörigkeit der Sprach- wissenschaft zu den Geisteswissenschaften bestimmt, den Saussure einer genaue- ren Analyse unterzieht. Dabei macht er zwei „Hauptpunkte“ 33 , „Merkmale“ oder „Gesetze“ 34 aus, welche das Sein der Sprache in der historischen Dimension bestimmen und den Linguisten „für das Studium einzelner Tatsachen auf einem ganz bestimmten Terrain [ansiedeln]“ 35 . Es handelt sich also um elementare, vor-

29 Ich weise darauf hin, dass ich bei allen Saussure-Zitaten zum Zweck der besseren Lesbarkeit auf die Wiedergabe der diakritischen Zeichen verzichte.

30 Stetter (1996), S.425.

31 Vgl. Saussure (1997), S.248, N 1.1 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Erste Stunde“.

32 Ebd.

33 Vgl. Saussure (1997) , S.251, N 1.1 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Erste Stunde“.

34 Vgl. Saussure (1997), S.252, N 1.1 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Erste Stunde“.

35 Saussure (1997), S.251, N 1.1 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Erste Stunde“.

wissenschaftliche Prinzipien der Sprache mit „universeller Gültigkeit“ 36 , die jegli- che wissenschaftliche Betrachtung der Sprache zu berücksichtigen hat:

Erstens das „Prinzip der Kontinutät in der Zeit“ 37 und im Raum 38 , welches als ers- tes „Gesetz der Weitergabe menschlichen Redens“ besagt, dass es keinen „Bruch“ 39 oder „Sprung“ 40 in der Geschichte einer Sprache gibt, dass wir es vielmehr mit ei- ner „unweigerlichen Ununterbrochenheit41 zu tun haben, denn: „Jedes Indivi- duum gebraucht am folgenden Tag dasselbe Idiom, das es am Vortag gesprochen hatte, und dies hat sich schon immer so abgespielt.“ 42 Dieser Sachverhalt sei – ne- gativ – durch zwei Irrtümer illustriert, welche Saussure im Zuge der Etablierung dieses ersten Prinzips – in Anlehnung an Gaston Paris 43 – entlarvt:

Den einen Irrtum bezeichne ich als Irrtum der genealogischen Abfolge verschie- dener Sprachen. Er findet in solchen Formulierungen wie „Das Französische

36 Saussure (1997), S.258, N 1.1 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Zweite Stunde“.

37 Saussure (1997), S.251, N 1.1 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Erste Stunde“. Die Kur-

sivierung findet sich auch im Original. Soweit nicht anders erwähnt, finden sich sämtliche Hervor- hebungen wie Nicht-Hervorhebungen in Zitaten auch in den Originalen wieder.

38 Ich werde hier eine genaue Erläuterung der Raum-Dimension der beiden Prinzipien unterlassen.

Die Prinzipien der Kontinuität und der Transformation beziehen sich analog zur chronologischen auch auf die räumliche Distanz [vgl. Saussure (1997), S.271-277, N 1.1 „Notizen zur Genfer Antritts- vorlesung 1891. Dritte Stunde“] und räumliche wie zeitliche Dimension der Prinzipien „müssen, wenn man eine exakte Sicht der Ereignisse haben will, immer auf einmal und nebeneinander be- trachtet werden“ [Saussure (1997), S.251, N 1.1 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Erste Stunde“], weil es sich um zwei Phänomene der „Weitergabe der menschlichen Rede“ handelt, die

per se eine räumliche und eine zeitliche Dimension hat. Genaugenommen ist die Veränderung im Raum eine Konsequenz aus der Veränderung in der Zeit. In Saussures Notizen zum Cours III heißt es dazu: Der „Veränderung in der Zeit [‚Temps’] [entspricht] immer auch eine Diversifizierung im Raum.“ [Saussure (1997), S.390, N 23.1 „Notizen zu Cours III. Einteilung der Vorlesung und geo- graphische Sprachwissenschaft“]. In den Gartenhausnotizen heißt es, es sei „dasselbe, die geogra- phischen Unterschiede erklären zu wollen oder die Unterschiede zu untersuchen, die die Zeit der Sprache [langue] beibringt, da es ja an jedem Punkt nur eine Veränderung [modification] in der Zeit gibt.“ [Saussure (2003), S.178, [7] [Geographische Diskontinuität]] Vgl. auch Fehrs ausführli- che Darstellung der Transformation der Sprache im Raum in Fehr (1997), S.80-86.

39 Vgl. Saussure (1997), S.252, N 1.1 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Erste Stunde“.

40 Vgl. Saussure (1997), S.259, N 1.1 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Zweite Stunde“.

41 Saussure (1997), S.252, N 1.1 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Erste Stunde“.

42 Ebd.

43 Vgl. Saussure (1997), S.253, N 1.1 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Erste Stunde“.

kommt vom Latein44 oder auch in der Rede von „Mutter-Sprachen“ und „Tochter- Sprachen“ seinen Ausdruck. Saussure hält dem entgegen:

„Das Französische kommt nicht vom Latein, sondern es ist das Latein, das La- tein, das man zu einem bestimmten Datum und innerhalb bestimmter geogra- phischer Grenzen spricht. Chanter kommt nicht von lateinisch cantare, son- dern es ist das lateinische cantare.“ 45

Der andere Irrtum ist jener von der Sprache als Organismus, der geboren wird, lebt und stirbt. Saussure zitiert Hovelacque als Vertreter dieser Auffassung 46 . Saussure stellt klar, dass „in Wirklichkeit … die Sprache [‚langue’] nicht ein in der Zeit definiertes und begrenztes Wesen“ ist, dass sie weder geboren wird noch stirbt und zwar „aus einer Ursache [‚cause’], welche die innere Organisation dieser Spra- che betrifft“ 47 . Diese „innere Organisation“ der Sprache ist eine analogische und wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit herausgearbeitet werden. Damit verbunden ist die Annahme, dass wir es mit dem Sprachursprung nicht mit einem ursprüngli- chen Vertrag, einer creatio ex nihilo zu tun haben können, weil jede langue in der Aufnahme und Veränderung vorgängiger Sprachstrukturen existiert. 48 Das zweite universelle Prinzip ist jenes der Transformation der Sprache in der Zeit und im Raum. Und hiermit bewegen wir uns auf der Domäne des analogi- schen (und des ihm entgegengesetzten phonetischen) Wandels. Zunächst scheint dieses Prinzip in einem offensichtlichen Widerspruch zum Gesetz der Kontinuität zu stehen. Saussure betont aber, dass „der Gesichtspunkt der Bewegung der Spra- che in der Zeit“ „keinen Moment, denn hier liegt alles, dazu kommt, in Konflikt zu sein mit der Einheit der Sprache [‚langue’] in der Zeit“ 49 . Vielmehr befinden sich diese beiden Prinzipien „in einer derart engen und evidenten Wechselbeziehung, daß, sobald wir versucht sind, die eine zu verkennen, wir der anderen Unrecht tun“ 50 . Die Transformation ist nämlich niemals „Produktion eines neuen sprachli-

44 Saussure (1997), S.253, N 1.1 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Erste Stunde“.

45 Ebd.

46 Vgl. A. Hovelacque: La linguistique, 4. Auflage, Paris 1888 zitiert nach: Saussure (1997), S.255, N

1.1 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Erste Stunde“: „Die Sprache [‚langue’] kommt zur Welt, wächst geht unter und stirbt wie jedes organisierte Wesen“.

47 Saussure (1997), S.255 N 1.1 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Erste Stunde“.

48 Vgl. unten, S.39f.

49 Saussure (1997), S.258, N 1.1 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Zweite Stunde“.

50 Saussure (1997), S.259, N 1.1 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Zweite Stunde“.

chen/linguistischen Wesens, das eine unterschiedene Existenz hätte, von dem, was ihm vorangeht und was ihm folgen wird“ 51 , sie ist niemals ‚Sprung’ oder ‚Bruch’, sondern basiert immer auf der kreativen Anwendung der bestehenden Relationen, die das System sprachlicher Zeichen zu einem bestimmten Zeitpunkt konstituie- ren. So ist in der Transformation ein Moment der Ununterbrochenheit, der Konti- nuität enthalten. Aus diesem Grund ist diese Transformation auch eine unmerkli- che, sie ist nur mittels eines Vergleichs zweier voneinander weit entfernter (Zeit-) Räume beobachtbar. Saussure hat dieses Phänomen sehr anschaulich mit der fol- genden Anekdote dargestellt:

“Ein Original namens Boguslawski hat kürzlich in einer russischen Stadt die Eröffnung einer neuen Art von Ausstellung ankündigen lassen: Es waren ganz einfach 480 photographische Porträts, die alle dieselbe Person darstellen, ihn, Boguslawski, und identisch, in derselben Pose. Seit zwanzig Jahren, mit einer bewundernswerten Regelmäßigkeit, begab sich dieser Mann am Ersten und am Fünfzehnten jedes Monats zu seinem Photographen … Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß wenn man in diesem Maße auf der Wand zwei Photogra- phien nähme, die nahe beieinander liegen, man den gleichen Boguslawski hät- te, daß aber, wenn man Nummer 480 und Nummer 1 nimmt, man zwei Bogus- lawski hat.“ 52

Christian Stetter hat dieses Moment der Transformation in Anlehnung an Dilthey und Stegmeier das Phänomen der Fluktuanz der Sprache getauft. 53 Dieses univer- sale, das Leben jeder Sprache bestimmende Prinzip der Fluktuanz ist ein schwer- wiegendes Hindernis für die Konstitution eines Gegenstands der Sprachwissen- schaft. Insofern wir es mit stetig wandelnden, d.h. in der Zeit nicht identischen Phänomenen zu tun haben, wird es nahezu unmöglich, linguistische Gegenstände oder Einheiten zu definieren. Die begrifflichen Mittel der Saussureschen Semiologie 54 werden ein Verständnis der Hintergründe dieses grundlegenden ‚Gesetzes der Weitergabe menschlichen Redens’ ermöglichen sowie uns die Begriffe für eine genaue Betrachtung des ana- logischen Wandels der Sprache liefern. Zunächst widme ich mich aber von einer anderen Seite dem Problem der vorwissenschaftlichen Konstitution sprachlicher Einheiten.

51 Saussure (1997), S.258, N 1.1 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Zweite Stunde“.

52 Saussure (1997), S.257f, N 1.1 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Zweite Stunde“.

53 Vgl. Stetter (1997), S.129.

54 Vgl. Abschnitt 3.2.

3.1.2

Die Sprache: eine eigentümliche Institution

Die zweite fundamentale Annahme Saussures bezieht sich in direkter Weise auf das grundlegende Problem der Konstitution des Gegenstands der Sprachwissen- schaft, d.h. auf die Frage: Wie definiere ich Einheiten, Identitäten, die im Folgen- den einer wissenschaftlichen Untersuchung unterzogen werden? Saussure war sich – entgegen der sprachwissenschaftlichen Tradition – bewusst, dass die Beantwor- tung dieser Frage die primäre Aufgabe ist, der sich die Sprachwissenschaft vor der Entwicklung einer Wissenschaftstheorie und Methodologie und vor der konkreten sprachwissenschaftlichen Forschung zu widmen habe. Im Unterschied zum jung- grammatischen Paradigma der sprachwissenschaftlichen Forschung und dem vor- herrschenden wissenschaftstheoretischen Konventionalismus 55 war es dieser „er- kenntniskritische Grundzug“ 56 , der das Saussuresche Denken Zeit seines Lebens prägte. Die Notwendigkeit einer vorgängigen Bestimmung des Gegenstands der Sprach- wissenschaft drängte sich Saussure deswegen auf, weil er erkannte, dass eine Übernahme von Forschungsprinzipien aus den Naturwissenschaften nicht in Frage kommt und zwar aus dem Grund, dass sich der Gegenstand Sprache von den Ge- genständen der Naturwissenschaften wie auch anderer Geistes- und Sozialwissen- schaften wesentlich unterscheidet. Diese Auffassung richtet sich gegen die jung- grammatische Schule, die der Meinung war, dass die Sprachlaute unmittelbar sinnlich gegeben seien und somit einer naturwissenschaftlichen Untersuchung der Laute und ihrer Entwicklung nichts im Wege stand. Der Gegenstand Sprache ist aber ein besonderer, und zwar weil er sich eben nicht auf Naturphänomene zu- rückführen lässt. Wiederholt taucht dieser Gedanke zum Beispiel in Saussures Entwurf zu einem Ar- tikel über den US-amerikanischen Sprachforscher William Dwight Whitney (1827- 1894) auf 57 . Ausgehend von seiner Suche nach einer Rechtfertigung für die Rede von der Identität eines Zeichens, also für eine Etablierung des Zeichens als einer Entität, als eines identischen Gegenstands kommt Saussure immer wieder auf die-

55 Vgl. hierzu Jäger (1976), S.214-216.

56 Ein „erkenntniskritischer Grundzug“ macht das Denken schon des jungen Ferdinand de Saussu-

res aus. Es lässt sich anhand seiner Notizen eine ‚ausgeprägte Kontinuität’ dieses erkenntniskriti-

schen Denkens bis zu seinem Tode feststellen. Vgl. Jäger (2003), S.12 und 20 und Jäger (1975),

S.202ff.

57 N 10 „Notizen für einen Artikel über Whitney“: Saussure (1997), S.303-328.

sen besonderen Charakter der Sprache zurück: Im Anschluss an Whitney nennt er die langage eine „menschliche Institution“ 58 , was sie für die naturwissenschaftli- che Betrachtung disqualifiziert. Außerdem sei diese Institution Sprache „ohne Analogie59 zu anderen Institutionen und unterscheide sich somit auch von ande- ren Gegenständen der Geistes- und Sozialwissenschaften. So ist die Sprache „eine menschliche Institution, aber von solcher Natur, daß alle andern menschlichen In- stitutionen … uns nur täuschen können über ihre wahre Natur, wenn wir ihrer Analogie trauen.“ 60 Auf welcher Eigenschaft beruht dieser außerordentliche Charakter der Sprache? Saussure begründet den Sonderstatus der Institution des sprachlichen Zeichens dadurch, dass die Verbindung von sprachlichen Zeichenformen und einer Vorstel- lung 61 nicht „auf NATÜRLICHE Bezüge … , auf eine Übereinstimmung zwischen den Dingen als finales Prinzip“ 62 gegründet sei, sondern auf „die Unvernunft selbst“ 63 :

Sprachliche Zeichen sind unabhängig von dem durch sie Bezeichneten, es gibt kei- ne feste Beziehung zwischen signifiant und signifié 64 . Außerdem sind sowohl signifiant als auch signifié in keinster Weise durch irgendein Prinzip fixiert oder gar vorherbestimmt, denn: Zum einen ist der sprachliche Signifikant nicht selbst- bedeutsam zum anderen gibt es auch keine transzendentalen Signifikate, keine au- ßersprachliche Bedeutung. 65 Im Vergleich zu anderen menschlichen Institutionen – Saussure nennt z.B. die Mode, das Recht oder das Geld – lässt sich diese Besonderheit so darstellen:

58 Saussure (1997), S.314, N 10 „Notizen für einen Artikel über Whitney“.

59 Ebd.

60 Ebd.

61 Ich benutze hier die Termini einer mentalistischen Zeichentheorie der doppelten Repräsentation,

welche – knapp formuliert – besagt, dass ein Zeichen auf eine Vorstellung, einen Begriff verweist, der wiederum auf ein außersprachliches Ding bezug nimmt.

62 Saussure (1997), S.314, N 10 „Notizen für einen Artikel über Whitney“.

63 Saussure (1997), S.318, N 10 „Notizen für einen Artikel über Whitney“.

64 Ich verwende hier und in diesem gesamten Abschnitt die Saussuresche Terminologie, wie sie

auch aus dem Cours bekannt ist. Diese Begrifflichkeit wird zwar mit einer traditionell- repräsentationalen Zeichentheorie assoziiert [vgl. Anm. 61], allerdings geht Saussure in der Whit- ney-note auch von einer solchen Abbildtheorie der Sprache aus, um schließlich die Notwendigkeit ihrer Überwindung aufzuweisen.

65 Vgl. zu dem Begriff des transzendentalen Signifikats Derrida (1986), S.56 und unten Abschnitt

3.3.2.

Wir bedienen uns der Zeichen, dieser ‚besonderen Vereinigung’ 66 von signifiant und signifié, zum Zwecke der Verständigung. Letztlich gibt es aber – aufgrund der fehlenden Selbstbedeutsamkeit des Signifikanten – keine Notwendigkeit zum Zwe- cke der Bezeichnung eines bestimmten Begriffs, wie z.B. dem Begriff ‚Kuh’ ein be- stimmtes Zeichen zu verwenden:

„Die Institution irgendeines Zeichens, zum Beispiel σ oder s oder von cow oder vacca, um die Vorstellung von Kuh [‚vache’] zu bezeichnen, ist auf die Unver- nunft selbst gegründet; das heißt, daß es keine in der Natur der Dinge und in ihrer Übereinstimmung [‚convenance’] begründete Vernunft/Ursache [‚rai- son’] gibt, die in irgendeinem Moment eingreifen würde“. 67

Dieser Einsicht kann jede Person folgen. Dazu muss sie sich allein die Existenz verschiedener Sprachen vergegenwärtigen. Eine Institution wie die Mode hingegen muss sich immer nach der natürlichen, physischen Beschaffenheit des menschli- chen Körpers richten 68 , so dass wir für eine wissenschaftliche Betrachtung solcher Institutionen eine feste Grundlage, ein „finales“ oder ‚erstes’ Prinzip 69 , haben, auf der wir unsere Untersuchungen aufbauen können. Wie schon erwähnt ist Saussure in seiner note über Whitney noch sehr einer rep- räsentationstheoretischen Terminologie verhaftet, obwohl er dabei ist, dieses zei- chentheoretische Paradigma zu sprengen. Gemäß einer mentalistischen repräsen- tationalen Theorie der Sprache 70 ließe sich – in Ermangelung eines ‚vernünftigen’ signifiants als ‚natürlicher’ Grundlage einer Sprachwissenschaft –, das Signifikat, d.h. die ‚Vorstellung’, seinerseits als signifiant denken, welcher wiederum die Ge- genstände repräsentiert, die letztenendes als fester ontologischer Grund für eine

66 Vgl. Saussure (1997), S.357 [N 15 „Item“] oder Saussure (2003), S.78, [2c] NATUR DES GE- GENSTANDES IN DER SPRACHWISSENSCHAFT, wo es heißt, die sprachliche Tatsache sei „das Ergebnis einer höchst besonderen Art von Vereinigung: insofern als es zwischen einem Zeichen und dem, was es bedeutet, keine Gemeinsamkeit im Wesen gibt.“

67 Saussure (1997), S.318, N 10 „Notizen für einen Artikel über Whitney“.

68 Vgl. Saussure (1997), S.314, N 10 „Notizen für einen Artikel über Whitney“.

69 Ebd.

70 Man kann von einer mentalistischen Abbildtheorie der Sprache sprechen, wenn das Zeichen in ein Modell der doppelten Repräsentation dadurch definiert ist, auf eine Vorstellung bezug zu neh- men, die sich wiederum auf einen Gegenstand oder Sachverhalt beziehen kann. Diesen Sprachbeg- riff finden wir schon bei Aristoteles. Von einer realistischen Repräsentationstheorie der Sprache spricht man, wenn die Zeichen so konzipiert sind, dass sie sich unmittelbar auf Gegenstände oder Sachverhalte in der Welt beziehen.

Sprachwissenschaft bzw. zumindest für eine Semantik dienen könnten. Diesen Weg geht Saussure aber nicht, er folgert vielmehr aus den bisherigen Überlegun- gen das „gänzlich letzte Gesetz der Sprache“ 71 . Es besagt, „daß es nichts gibt, was dauernd in einem Term residieren kann (dies als direkte Folge des Umstands, daß die sprachlichen/linguistischen Symbole keine feste Beziehung zu dem haben, was sie bezeichnen sollen)“ 72 . Das heißt, weil die Verbindung von signifiant und signi- fié eine irrationale ist, eine ‚radikal arbiträre’ 73 , gibt es demgemäß keinen fixen Be- zugspunkt, oder – mit Saussures Worten – kein „finales Prinzip“, welcher das Kri- terium für Identität eines Zeichens ist. 74 Vielmehr haben wir zuallererst nur ver- schiedene Gesichtspunkte und „sonst [ ] … ist es schlicht unmöglich, eine sprachli- che Tatsache zu erfassen“ 75 . In den „Notizen zu einem Buch über allgemeine Sprachwissenschaft“ heißt es:

„Anderswo gibt es Dinge, gegebene Gegenstände, bei denen es einem freisteht, sie hinterher unter verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten. Hier gibt es zunächst Gesichtspunkte, richtige oder falsche [Hervorhebung von mir, A.P.], aber einzig Gesichtspunkte, mit Hilfe deren man sekundär Dinge SCHAFFT. Diesen Schöpfungen entsprechen Realitäten, wenn der Ausgangspunkt richtig ist, oder sie entsprechen ihnen nicht im gegenteiligen Fall: Aber in beiden Fäl- len ist kein Ding, kein Gegenstand auch nur einen Moment in sich selbst gege- ben. Auch dann nicht, wenn es um die allermateriellste Tatsache geht, die am

71 Saussure (1997), S.323, N 10 „Notizen für einen Artikel über Whitney“.

72 Saussure (1997), S.323f, N 10 „Notizen für einen Artikel über Whitney“.

73 Nichts anderes besagt ja das Prinzip der Arbitrarität, als dass die Verbindung eines signifiant mit einem signifié im Zeichen vollkommen frei von jeder vorgängigen Determination ist. Vgl. EC, S.152 III C 280 1123 (Das Kürzel ‚EC’ bezieht sich hier wie im restlichen Text auf die Édition Critique des Cours [Saussure (1989).] Es werden bei dessen Zitation jeweils das Original in der Fußnote ange- geben, wobei zuerst die Seitenzahl der Édition Critique, dann die Abschnittangabe des Vorle- sungsmanuskripts und schließlich jene zum entsprechenden Abschnitt des Cours genannt wer- den.): „Le signe linguistique est arbitraire. Le lien qui relie une image acoustique donnée avec un concept déterminé … est un lien radicalement arbitraire.” Somit ist es also das Arbitraritätsprinzip, welches den eigentümlichen Charakter der Sprache als ‘Institution ohne Analogie’ begründet.

74 Saussure betont übrigens selbst eine Verbindung, die zwischen dem Prinzip der kontinuierlichen Transformation der Sprache und dem Charakter der Sprache als ‚Institution ohne Analogie’ be- steht, wenn er sagt „daß vom Moment an, in dem ein System von Symbolen unabhängig ist von den bezeichneten Objekten, es seinerseits unterworfen war, von der Tatsache der Zeit her, für den Logiker unberechenbare Verschiebungen zu erleiden“ [Saussure (1997), S.311, N 10 „Notizen für einen Artikel über Whitney“].

75 Saussure (2003), S.77, [2b] (Stellung der Identitäten).

offensichtlichsten in sich selbst definiert zu sein scheint wie zum Beispiel eine Folge von stimmlichen Lauten.“ 76

Was ist nun der ‚richtige Gesichtspunkt’, von dem ausgehend man linguistische ‚Realitäten’ erschafft? Was ergibt sich unter diesen Bedingungen für die anfänglich gestellte Frage nach der Bestimmung von identischen Gegenständen, von Entitä- ten, die man einer sprachwissenschaftlichen Untersuchung zuführen kann? An- hand welchen Kriteriums bestimmen wir sprachliche bzw. linguistische Einheiten, wenn sowohl signifiant als auch signifié nicht als naturgegebene, unveränderbare Basis fungieren können? Saussures Antwort findet sich in seiner note über Mor- phologie unter der deutlichen Überschrift „Großes Prinzip“:

„Was in einem gegebenen Sprachzustand real ist, das ist das, dessen sich die sprechenden Subjekte bewußt sind, es ist alles das, dessen sie sich bewußt sind, und nichts als das, dessen sie sich bewußt sein können.“ 77

Weder von der Seite des signifiant noch von der Seite des signifiés aus kann Spra- che also als auf Naturphänomenen basierend begriffen werden „weil in jedem Au- genblick ihrer [der ‚langue’, A.P.] Existenz sprachlich nur das EXISTIERT, was vom Bewußtsein wahrgenommen wird, d.h. was Zeichen ist oder wird.“ 78 Die Exis- tenz der sprachlichen Einheiten ist eine psychologische. Linguistische Entitäten lassen sich somit nur mit Rekurs auf das Bewusstsein der Sprachbenutzer bestim- men, d.h. nur mit Rekurs auf das Zeichen als Synthese aus Laut und Bedeutung. Denn: „Die Sprache [‚langue’] ist sich des Lautes nur als Zeichen bewußt“ 79 . Es ist also ein wesentlicher Gedanke Saussures, dass die Sprachbenutzer sich nur des Zeichen als Ganzem bewusst sind, sie Bewusstsein nur von ‚Sinn-Formen’ 80 , vom Zeichenganzen haben. Saussure spricht auch von einer „Unklarheit und Vergeb- lichkeit der Vorstellung eines Gegensatzes zwischen Laut und Vorstellung, der Form und dem Sinn, dem Zeichen und der Bedeutung.“ 81 Dementsprechend schließt er auf die Unmöglichkeit einer reinen Untersuchung der Sprachformen

76 Saussure (1997), S.300f, N 9.2 „Notizen zu einem Buch über allgemeine Sprachwissenschaft. Ge-

sichtspunkt“.

77 Saussure (1997), S.294, N 7 „Morphologie“.

78 Saussure (2003), S.106, [8] [Semiologie].

79 Saussure (1997), S.288, N 7 „Morphologie“.

80 Vgl. Saussure (2003), S.75, [1] Vorwort.

81 Saussure (1997), S.332, N12 „Zustand und Ereignis“.

und konstatiert: „Der wahre Name der Morphologie wäre: Theorie der Zeichen – und nicht der Formen.“ 82 Christian Stetter spricht in diesem Zusammenhang vom „logisch-hermeneutischen Gesichtspunkt“ den Saussure zur Geltung bringe, der besagt, „daß ein fait lingu- istique nur existiere, sofern es als Zeichen von einem Sprecherbewußtsein artiku- liert und verstanden wird, als Tatsache also, daß der Ausdruck x das und das be- deutet.“ 83 Aus diesem Grund bezeichnet Stetter die Existenzweise der Sprache auch als eine noumenale, d.h. im Gegensatz zu einer realistischen Seinsweise exis- tiert Sprache nur im Verstand der sprechenden und verstehenden Subjekte, ist „durch und durch idealer Natur“. 84 Ich habe somit zwei grundlegende Erkenntnisse Saussures dargestellt – die konti- nuierliche Transformation der Sprache in der Zeit und den noumenalen Charakter des sprachlichen Zeichens – und damit den Horizont für alle weiteren Überlegun- gen Saussures aufgespannt. Allerdings handelt es sich –wie oben schon angedeutet – um denkbar ungünstige Ausgangsbedingungen für eine Grundlegung der Lingu- istik: Eine Bestimmung diskreter, zeitlich abgegrenzter Entitäten ist durch die kontinuierliche Transformation der Sprache einerseits wie durch ihren noumena- len Charakter großen Schwierigkeiten ausgesetzt. Am Ende seiner note über Whitney zieht Saussure aus dieser Problemlage Schluss- folgerungen, welche den Ausgangspunkt für seine weiteren Überlegungen zur me- tatheoretischen Grundlegung der Sprachwissenschaft darstellen:

1.) „Sprache [‚langage’] ist nichts mehr als ein besonderer Fall der Theorie der Zeichen“, d.h. der Semiologie. 2.) Ein Zeichen ist „von seiner Natur her bestimmt …, übermit- telt/weitergegeben [‚transmis’] zu werden“, d.h. es ist allein aufgrund sei- ner Transmission existent. 85

In den folgenden beiden Teilen der Arbeit werde ich Saussures Auseinanderset- zung mit diesen beiden Schlussfolgerungen und die Ergebnisse seiner Überlegun-

82 Saussure (1997), S.288, N 7 „Morphologie“. Vgl. auch den Abschnitt 3.2.1, wo der Begriff des sème eingeführt wird, der folgerichtig das Zeichen als synthetische Einheit von Form und Inhalt bezeichnet.

83 Stetter (1997), S.206.

84 Vgl. Stetter (1997), S. 124 und S.221 und Stetter (1996), S.430.

85 Vgl. Saussure (1997), S.325, N 10 „Notizen für einen Artikel über Whitney“.

gen behandeln. In 3.1 wird Saussures Semiologie – wie er sie in den Notes Item entwirft – dargestellt, im darauffolgenden Abschnitt werde ich mich schließlich mit dem Phänomen der Analogie befassen, wobei der transmissive Charakter der Sprachzeichen ebenso wie das Verhältnis von langue und parole konkretisiert werden. 86

3.2 Saussures Semiologie

Die folgenden Darstellungen der Saussureschen Semiologie werden vornehmlich aus den Notes Item gespeist, welche das „semiologische Hauptstück“ 87 der Notizen Saussures darstellen. In ihnen entwirft Saussure, aufbauend auf seinen grundle- genden Einsichten zur Sprache, „das Projekt einer Semiologie als Begründungsba- sis linguistischer Kategorien“ 88 , um die entstandene Problematik des Gegenstands der Linguistik in den Griff zu bekommen.

3.2.1 Das Prinzip der Differenz: Sème = Parasème

Saussure verortet – mit den Worten Chrisitan Stetter – den „systematischen Grund“ 89 der ungünstigen Ausgangsstellung für eine Grundlegung der Linguistik „in einem Begriff des sprachlichen Zeichens, welcher einem isolierten Ausdruck eine ebenso isolierte Bedeutung zuordnet.“ 90 Bei diesem „semiotischen Mythos der Repräsentation“ 91 handelt es sich um die einschlägige Zeichentheorie der philoso- phischen Tradition, die von einer sprachvorgängigen Existenz von Lautformen so- wie Bedeutungen als „transzendentales Signifikat“ 92 ausgeht– welches in der Regel die Vorstellungen, die Gedanken sind, die auf die Welt der Gegenstände verweisen

86 Ich verwende diesen Gegensatz zwischen Sprachsystem und jedesmaligem Sprechen, analog zur Verendung durch Saussure in seinen Genfer Vorlesungen. Vgl. Jäger (1976), S.232-236 und unten

S.25f.

87 Jäger (1986), S.7; Die folgenden Darstellungen zur Saussureschen Semiologie lehnen sich an die

Einsichten Ludwig Jägers an und nehmen dessen hermeneutische Weiterentwicklung der Saussu- reschen Semiologie auf. Vgl. auch Jäger (1976), Jäger (1986), Jäger (2001).

88 Stetter (1997), S.210.

89 Stetter (1996), S.426.

90 Ebd.

91 Jäger (1986), S.22.

92 Vgl. Anm. 65.

–, die in der Kommunikation einer Sprachgemeinschaft konventionell verknüpft werden, um als Mittel der nachträglichen Übertragung sprachvorgängiger Bedeu- tungen zu dienen. 93 Das Sprachzeichen ist hier lediglich Mittel der Nomenklatur vorher erkannter Entitäten und Sachverhalte zum Zweck des interindividuellen ‚Transports’ der Bedeutungen und trägt zur Konstitution der Erkenntnisgegens- tände nichts bei. Saussure verabschiedet sich – an sein „Großes Prinzip“ anschließend – mit seiner Semiologie vom dualen Zeichenbegriff und damit von einer instrumentalistisch- repräsentationalen Zeichenidee, welche er zu den „grundlegenden Irrtümern“ 94 zählt, um diesen – wie Christian Stetter bemerkt – „durch ein Konzept differentiel- ler Wertbestimmung zu ersetzen.“ 95 Die klassische Annahme von der Sprache als einer Onymik 96 , einer „Nomenklatur von Objekten“, „von vorgängig gegebenen Objekten“ 97 nennt er – ähnlich wie später Wittgenstein – das Resultat einer Ver- allgemeinerung eines ‚falschen Beispiels’ - und zwar ‚des Plumpsten, was es in der Semiologie gibt’ 98 – auf die Struktur der Sprache schlechthin. 99 Saussures Semio- logie impliziert nun eine erkenntniskonstitutive Funktion der Sprache: Erst die Sprache ermöglicht die Erkenntnis unterschiedener Gegenstände und Begriffe, d.h. es gibt weder eine „dem Prozeß der Verständigung logisch (nicht zeitlich!) vorausliegende Welt bestimmter Gegenstände und Sachverhalte“ 100 noch einen „dem Prozeß der Verständigung logisch vorausliegenden, gleichsam transzenden- ten Bedeutungsgrund bestimmter Begriffe oder Denkinhalte, den es in der Ver- ständigung lediglich noch zu repräsentieren gälte.“ 101 Begriffe und Denkinhalte werden – wie die Lautformen auf der anderen Seite – erst mit ihrer Vereinigung im Zeichen als differente, identische Formen und Beg- riffe gebildet: „[I]n Wirklichkeit ist in der Sprache [langue] weder der Begriff noch

93 Vgl. hierzu auch Jäger (1986), S.22f.

94 Saussure (1997), S.361, N 15 „Item“.

95 Stetter (1997), S.212.

96 Vgl. Saussure (1997), S.360, N 15 „Item“.

97 Saussure (1997), S.338, N 12 „Zustand und Ereignis“.

98 Vgl. Saussure (1997), S.360, N 15 „Item“.

99 Saussure (1997), S.338, N 12 „Zustand und Ereignis“. Bei Wittgenstein heißt es in den Philoso-

phischen Untersuchungen (PU 593): „Eine Hauptursache philosophischer Krankheiten – einseitige Diät: man nährt sein Denken mit nur einer Art von Beispielen.“

100 Jäger (1986), S.10.

101 Ebd.

die Form bestimmt; es gibt keine andere Bestimmung als die des Begriffs durch die Form und die der Form durch den Begriff“. 102 Paradoxerweise schafft also eine synthetische Einheit des Zeichens, die dem Sprecher nur als Ganzes verständlich ist, die er nur als Ganzes gebraucht, die Möglichkeit der – nachträglichen – Unter- scheidung von Laut und Begriff, welche allerdings die Zerstörung des Zeichens voraussetzt. Ich rekurriere hier auf eine Formulierung im Cours 103 , die Saussures Auffassung sehr passend wiedergibt:

„Es ist nicht die charakteristische Rolle der Sprache gegenüber dem Denken, ein lautliches materielles Mittel für den Ausdruck der Gedanken zu schaffen, sondern als Vermittlerin zwischen dem Denken und dem Laut zu dienen, der- gestalt, dass deren Vereinigung notwendig zu wechselseitigen Abgrenzungen von Einheiten führt. Das Denken, von seiner Natur her chaotisch, wird ge- zwungen, sich in seiner Zergliederung zu präzisieren. Es gibt also weder eine Materialisation von Gedanken noch eine Vergeistigung von Lauten, sondern es handelt sich um diese auf irgendeine Weise mysteriöse Tatsache, dass der ‚Ge- danken-Laut’ Gliederungen mit sich bringt und dass die Sprache diese Einhei- ten bildet, indem sie sich zwischen zwei amorphen Massen konstituiert.“ 104

Was Saussure im Cours den ‚Gedanken-Laut’ nennt, bezeichnet er in den Notes Item als sème. An das ‚Große Prinzip’ anschließend, dass den Sprechern ein Zei- chen nur als Ganzes, als bedeutsames Lautbild, bewusst ist 105 , geht er von der syn- thetischen Einheit des Zeichens, einer „Vereinigung von besonderer Art“ 106 aus, welche er sème tauft:

102 Saussure (2003), S.100, [6e] [Form – lautliche Figur].

103 Der Ausdruck Cours nimmt entweder auf CLG oder auf die tatsächlichen drei Vorlesungen be- zug, wie sie in der Édition Critique wiedergegeben sind.

104 CLG, S.156 (Ich verwende das Kürzel ‚CLG’ mit Bezug auf den von Charles Bally und Albert Se- chehaye herausgegebenen Cours de linguistique générale, der hier in der kritischen Ausgabe von Tullio de Mauro zitiert wird [Saussure 1972].): “Le rôle caractéristique de la langue vis-à-vis de la pensée n’est pas de créer un moyen phonique matériel pour l’expression des idées, mais de servir d’intermédiaire entre la pensée et le son, dans des conditions telles que leur union aboutit nécessai- rement à des délimitations réciproques d’unités. La pensée, chaotique de sa nature, est forcée de se préciser en se décomposant. Il n’y a donc ni materialisation des pensées, ni spiritualisation des sons, mais il s’agit de ce fait en quelque sorte mystérieux, que la ‘pensée-son’ implique des divisions et que la langue élabore ses unites en se constituent entre deux masses amorphes.” [Übersetzung von mir, A.P. Die folgenden Übersetzungen der Édition Critique des Cours sind auch alle von A.P.]

105 Vgl. oben Abschnitt 3.1.2.

106 Saussure (1997), S.357, N 15 “Item”.

„Item. Unter anderem beseitigt oder möchte das Wort sème beseitigen jede Vorherrschaft und jede anfängliche Trennung zwischen der stimmlichen Seite und der ideologischen Seite des Zeichens. Es stellt das Ganze des Zeichens dar, das heißt Zeichen und Bedeutung in einer Art Persönlichkeit vereint.“ 107

Allerdings, betont Saussure, „wäre es falsch zu sagen, daß wir aus sème statt Zei- chen eine sehr wesentliche Frage machen. – Die Wahrheit ist, daß parasème und aposème wesentliche Begriffe sind.“ 108 Was hat es nun mit diesem Begriff des pa- rasème auf sich? Der Begriff des parasème folgt aus Saussures Kritik an den klassischen Repräsen- tationstheorien, gegen die er nämlich das ‚Prinzip der Differenz’ formuliert. Saus- sure redet schon in der Whitney-Note von sprachlichen Zeichen als Termen, die „ihren Wert allein in ihrer gegenseitigen Differenz“ haben und keiner habe „nicht einmal in einem seiner Teilchen (…), seine Bedeutung anderswo als in diesem Ge- flecht [‚plexus’] ewig negativer Differenzen.“ 109 Und weiter:

„Es ist von absoluter, sogar apriorischer Evidenz, daß es niemals ein einzel- nes/einziges Sprachfragment [‚fragment de langue’] geben wird, das auf etwas anderes gegründet sein kann, im Sinne eines letzten Prinzips, als auf sein Nichtzusammenfallen oder auf den Grad seines Nichtzusammenfallens mit dem Rest“. 110

Das parasème ist nun das sème in der Perspektive des Geflechts negativer Diffe- renzen, welches die langue ist. Es ist ein durch sein ‚Nichtzusammenfallen’ mit anderen parasèmes bestimmtes Zeichen, ein Wert, der durch die Opposition zu anderen Werten, also durch Negativität bestimmt ist: 111

„Item. Die parasèmes Für irgendein Wort, das Teil der Sprache [‚langue’] ist, ist ein zweites Wort, das mit dem ersten keinerlei ‚Verwandtschaft’ hat, ein parasème. Die einzige und einfache Eigenschaft des parasème ist es, zu einem selben psychologi- schen Zeichensystem zu gehören“ 112 .

107 Saussure (1997), S.358f, N 15 “Item”.

108 Saussure (1997), S.359, N 15 “Item”.

109 Saussure (1997), S.324, N 10 „Notizen für einen Artikel über Whitney“.

110 Ebd.

111 Valeur/‚Wert’ ist der in den Genfer Vorlesungen benutzte Ausdruck für die Bezeichnung eines Zeichens aus der Perspektive eines Systems von Differenzen.

112 Saussure (1997), S.361, N 15 “Item”.

Der Term ‚parasème’ steht also für das Zeichen als Element eines Zeichensystems. Außerdem macht Saussure hier deutlich, dass es sich bei den parasèmes um Wör- ter handelt und nicht um Sätze oder gar kleinere Einheiten als Wörter. 113 In den Notes Item lesen wir auch:

Item. Während es eine Analyse braucht, um die Elemente des Worts festzule- gen, resultiert das Wort nicht aus der Analyse des Satzes. Denn der Satz exis- tiert nur in der Rede [‚parole’], in der diskursiven Sprache [‚langue discursi- ve’], während das Wort eine Einheit ist, die außerhalb jedes Diskurses im men- talen Schatz lebt.“ 114

Letztendlich handelt es sich also bei dem ‚Großen Prinzip’ und dem Differenzprin- zip um zwei Seiten derselben Medaille. So schreibt Saussure: „Das sème existiert nicht nur durch Phonismus und Bedeutung, sondern auch durch seinen Zusam- menhang mit anderen sèmes.“ 115 Und an anderer Stelle wird die wesentliche Ver- bindung der beiden Prinzipien noch deutlicher, wenn Saussure schreibt: Die sprachlichen Identitäten zu einem bestimmten Zeitpunkt „sind durch das Verhält- nis von Bedeutung und Zeichen oder durch das Verhältnis der Zeichen unterein- ander festgelegt, was keinen Unterschied macht.“ 116 Folglich setzt Saussure also sème mit parasème gleich, d.h jedes Zeichen als synthetische Einheit von signifi- ant und signifié, jedes sème, existiert als solches nur als Teil eines Systems, d.h. in Differenz zu anderen Zeichen. Es konstituiert sich als negative Größe in Oppositi- on zu den anderen sème desselben Systems. Wenn das sème qua parasème Bedeutung nur als Teil eines Systems hat, in Diffe- renz zu den anderen Zeichen, drängt sich hier die Frage auf, wie wir uns dieses System vorzustellen haben. Handelt es sich dabei um die langue des klassischen Strukturalismus, der sich ja auf Saussure als seinen Gründer beruft, also um ein fixes System von Zeichen, das allen Sprechern einer Sprache gemein ist und deren Sprechhandlungen, die jeweilige parole, determiniert? 117 Ich betrachte hier ja Saussure als Kritiker der Zwei-Welten-Ontologie. Dementsprechend handelt es

113 Diese Bestimmung des parasème als Wort ist allerdings durchaus kritikwürdig und ließe sich mit Saussures eigener Behauptung der Problematik traditioneller grammatischer Kategorien – wie wir sie in Abschnitt 7.1 erläutern – ins Wanken bringen.

114 Saussure (1997), S.374, N 15 “Item”.

115 Saussure (1997), S.359, N 15 “Item”.

116 Saussure (2003), S.80, [2e] [Vier Gesichtspunkte].

117 Im CLG findet sich diese Bestimmung der Sprache als langue und der langue als ein „abstraktes, überindividuelles System von Zeichen“ [Buss (2004), S.211].

sich bei der langue nicht um eine einseitig deterministische, hierarchische Auffas- sung von Sprachsystem und Sprachgebrauch. Entgegen einer solchen „unilateral-deterministische[n] Interpretation“ 118 des Ver- hältnisses von langue und parole haben wir es vielmehr mit einem „Wechselspiel“ dieser beiden Aspekte von Sprache zu tun, mit einer Interdependenz von Parase- mie und Diskurs. Dabei ist festzuhalten, dass wir es bei den parasèmes mit Einhei- ten der individuellen Ebene zu tun haben, denn sie sind Teil eines „psychologi- schen Zeichensystem[s]“ 119 , eben der individuellen langue. Das Zeichen als para- sème existiert nur im Subjekt, in der individuellen Psyche. Dem gegenüber befin- det sich die soziale, überindividuelle langue, die langue als soziale Tatsache. 120 In ihrer sozialen Dimension ist die langue nun eben die Institution Sprache, das kon- ventionelle System sprachlicher Gewohnheiten einer Sprachgemeinschaft, welches intersubjektiv zugänglich ist. 121 . Sie lässt sich als mehr oder weniger große Über- einstimmung der individuellen Parasemien verstehen, als die Tatsache, dass der Gebrauch der sèmes mit einer gewissen Regelmäßigkeit, eben mit Kontinuität ver- bunden ist. Die langue qua Parasemie ist aber nicht ein für jeden Sprecher einer Sprache iden- tisches Zeichengeflecht, ein fixes System, sie unterliegt vielmehr dem Phänomen der kontinuierlichen Transformation, und ist nicht einmal an aufeinanderfolgen- den Zeitpunkten für den jeweiligen Sprecher identisch. 122 Saussure hält das Zei- chen also für eine mentale Entität, aber eine solche – wie ich im folgenden Ab- schnitt herausarbeiten werde –, „deren Genese fortwährend von den Bedingungen

118 Zur „unilateral-deterministische[n] Interpretation des Langue-Parole-Theorems“ vgl. Jäger (1976), S.232f.

119 Vgl. Saussure (1997), S.361, N 15 “Item” und siehe oben S.24. 120 Es ist dies die langue als ein überindividuelles Zeichensystem wie sie einseitig im Cours zum genuinen Objekt der Sprachwissenschaft, unter Ausschluss der parole, gemacht wurde und wie sie darauf in der strukturalistischen Linguistik konzipiert wurde.

121 Entsprechend der Aufteilung der langue in eine individuelle und soziale, findet sich diese Auftei- lung auch auf Seiten der parole, wobei die individuelle parole sich auf die individuelle Realisierung eines Syntagmas auf der Basis einer Parasemie bezieht. Vgl. hierzu Jäger (1976), S.232-236 und dort insbesondere das Kreuzklassifikationsschema auf S. 235.

122 Wie Mareike Buss bemerkt gelten die Prinzipien der Kontinuität und der ständigen Transforma- tion „auch auf der ebene individueller Parasemien“ [vgl. Buss (2005), S.222]. Vgl. auch Jäger (2001), S.22.

seiner interaktiven Prozessierung im Diskurs abhängen.“ 123 Das heißt, konstitutiv für die Existenz des sème als parasème ist der interindividuelle Disurs, die parole. Diese beiden grundlegenden Annahmen Saussures sollen noch näher beleuchtet werden. Zu diesem Zweck muss zunächst der Begriff des aposème eingeführt und sodann die Funktion des Diskurses, des intersubjektiven Gebrauchs für die Zei- chenkonstitution behandelt werden. Ich habe also die individuelle, psychische Existenz des Zeichens qua parasème verdeutlicht. Saussure schreibt dazu: „Es gibt einen ersten – psychischen, inneren – Bereich, in dem das Zeichen ebenso wie die Bedeutung existieren, das eine un- trennbar mit dem anderen verbunden“. Allerdings, unmittelbar daran anschlie- ßend heißt es: „es gibt einen zweiten, äußeren [Bereich, A.P.], wo nur noch das ‚Zeichen’ existiert, aber dann verdient das Zeichen, das auf eine Abfolge von Schallwellen reduziert ist, für uns nur noch die Bezeichnung lautliche Figur.“ 124 Bei dieser ‚lautlichen Figur’, die im äußeren – im wahrsten Sinne des Wortes – in- terindividuellen Bereich existiert, handelt es sich um das Aposème, dem wir uns im folgenden Abschnitt widmen werden.

3.2.2 Das Aposème

Wir haben uns bisher mit dem Teil der Saussureschen Semiologie befasst, der sich auf seine Ablehnung einer repräsentationalen Zeichentheorie und auf das „Große Prinzip“ gründet und wurden so zum Prinzip der Differenz und dem Begriff des sème/parasème geführt. Nun gilt es, die grundlegende Einsicht Saussures in den Fluktuanzcharakter der Sprache zu berücksichtigen 125 , der Sprache als ‚werdende Substanz’ 126 bestimmt. Wir müssen das ‚soziohistorische Phänomen’, die ‚unauf- hörliche soziale Wirkung’, die den „Wirbel der Zeichen in der vertikalen Kolonne“ verursacht in Augenschein nehmen, um nicht irrtümlich die langue für ein fixes

123 Jäger (2005), S.8.

124 Saussure (2003), S.79, [2d] [Prinzip des Dualismus].

125 Vgl. Abschnitt 3.1.1. Würden wir an diesem Punkt stehen bleiben, die langue als ein soziales Phänomen definieren, als ein gegebenes, überindividuelles System von Formen, das in der parole seine Anwendung findet, ohne durch den Sprechakt beeinflusst zu werden, so haben wir in etwa die Argumentation des Cours, der das Primat der Synchronie vor der Diachronie und der langue vor der parole postuliert.

126 Vgl. Stetter (1997), S.129.

System zu halten. 127 Der Begriff des aposème spielt eine wichtige Rolle bei dieser Betrachtung. Ich werde hier kurz seine wichtigsten Charakteristika erläutern und im folgenden Abschnitt die sprachkonstitutive Rolle des Diskurses, des Gebrauchs und damit des aposème als einer diskursiven, sozialen Größe betrachten. Während es sich beim parasème um das sème, das Zeichenganze, als Teil eines in- dividuellen psychischen Zeichensystems handelt, also um eine psychische ‚Entität’, bezieht sich der Begriff aposème auf die real erscheinende Zeichengestalt, im Falle der oralen Sprache also auf die lautliche Erscheinung des Zeichens. Bei dem Aus- druck ‚aposème’ handelt es sich somit gleichsam um einen medientheoretischen, weil er sich auf die „Hülle des Zeichens“ 128 in ihrer medialen Erscheinungswirk- lichkeit bezieht. Saussure entwickelt den Begriff gegen den des signifiant, welcher ja noch einer repräsentationalen Zeichenidee verhaftet ist. Entgegen der Annahme einer je autonomen Existenz der beiden Seiten des Zeichens signifiant und signi- fié, liegt dem Begriff des Aposème keine Zerstörung des Zeichens zugrunde, denn es ist die Hülle des synthetischen Zeichens und „nicht die Hülle einer Bedeu- tung.“ 129 Es ist ein „von einem Zeichen abgeleitetes und abstrahiertes Ding oder ein Ding, das seiner Bedeutung oder von Bedeutung entledigt ist“ 130 , das also nicht selbstbedeutsam ist. Im Gegensatz zur klassischen Opposition ‚Laut’ gegen ‚Bedeu- tung’ setzt Saussure also sème und aposème in Opposition und unterscheidet da- mit den ‚materiellen Laut’ gegen „die Gruppe Laut-Vorstellung131 oder „lautliche Figur“ gegen die „Sinn-Form132 oder den ‚Gedanken-Laut’ 133 . Ludwig Jäger redet in diesem Zusammenhang von „zwei Aggregatzuständen“ der Lautseite des Zei-

127 Vgl. Saussure (1997), S.355f, N 15 “Item”. Dort wirft Saussure den Psychologen vor, Sprache als fixe Form zu definieren, weil sie sich ausschließlich in dem, was Saussure „die horizontale Tranche der Sprache [‚langue’]“ nennt, bewegen.

128 Saussure (1997), S.359, N 15 “Item”.

129 Ebd.

130 Ebd.

131 Vgl. Saussure (1997), S.302, N 9.2 „Notizen zu einem Buch über allgemeine Sprachwissenschaft. Gesichtspunkt“: „Was dem materiellen Laut entgegengesetzt werden kann, ist die Gruppe Laut- Vorstellung, aber nicht die Vorstellung.“

132 Vgl. Saussure (2003), S.75, [1] Vorwort: Es ist richtig, „lautliche Figur einerseits und Sinn-Form [forme-sens] andererseits einander entgegenzusetzen.“

133 Vgl. oben S.23 und Anm. 104.

chens, zum einen als Element des psychischen sème und zum anderen als physi- sche Erscheinung, als aposème. 134 Der Witz des Aposème ist nun, dass es als materielle Erscheinung die Bedingung der Möglichkeit interindividueller, sozialer Kommunikation ist, welche wiederum der Ort der Konstitution der Zeichen qua parasème im Individuum ist. Damit ver- körpert es die grundlegende Bedeutung der Sozialität, des Diskurses, der interin- dividuellen parole für die Existenz der langue. Während also das sème qua para- sème eine individuelle psychologische Größe ist kann man – so Saussure – „im Diskursiven von aposèmes (von lautlichen Figuren [‚figure vocales’]) reden“ 135 , wobei zu berücksichtigen ist, dass eine wechselseitige Abhängigkeit zwischen bei- den Seiten besteht: Das parasème konstituiert sich im interindividuellen Gebrauch der aposème, die wiederum ‚Zeichenhüllen’ nur vor dem Hintergrund je individu- eller Parasemien sind. Ohne diesen parasemischen Hintergrund, den individuellen „trésor de la langue“ der Kommunizierenden wären sie allein Geräusch und Kom- munikation käme nicht zustande. 136 Aposèmes sind die in der parole, im diskursi- ven Vollzug erscheinenden präsenten Lautgestalten, während die parasèmes ge- gen die das verwendete aposème mit seiner Integration in eine Parasemie – sozu- sagen mit seiner ‚Parasemierung’ – seine Bedeutung gewinnt, in Opposition zu de- nen es semantisiert wird, virtuell in einer depräsenten, absenten Struktur existie- ren, weil sie gerade nicht verwendet werden. 137 Den sprachkonstitutiven Charakter des Diskurses, der parole, des sozialen Aspekts der Sprache gilt es im nächsten Abschnitt genauer zu beleuchten.

134 Vgl. Jäger (2005), S.9 und Jäger (2001), S.21.

135 Vgl. Saussure (1997), S.359, N 15 “Item”.

136 EC S.376/383 R 2.23 2522=2560: “S’il est vrai que l’on a toujours besoin du trésor de la langue

pour parler, réciproquement, tout ce qui entre dans la langue a d’abord été essayé dans la parole un

nombre de fois suffisant pour qu’il en résulte une impression durable; la langue n’est que la consécration de ce qui avait été évoqué par la parole.” Vgl. Buss (2005), S.221: „Kommunikation wird also dadurch ermöglicht, daß die Mitglieder einer Sprachgemeinschaft immer schon über Netzwerke von Parasèmen verfügen, vor deren Folie sie die aktuellen Verwendungen von Aposè- men im Diskurs verstehen bzw. interpretieren.“

137 Vgl. Jäger (2001), S.21

3.2.3 Der notwendig soziale Charakter der Sprache

Im Gegensatz zu einer zwei-Welten-ontologischen Konzeption der Sprache, welche die langue als „die notwendige Bedingung für die Sprache [langage] darstellt“, und somit diese als die „Anwendung“ 138 jener sieht, behauptet Saussure, man sehe

„daß eine durchgängige notwendige Reziprozität besteht und daß die Sprache [langue] im Akt des Sprechens [act de langage] gleichzeitig ihre Anwendung sowie ihre einzige und stete Quelle findet [] daß die Sprache [langage] gleich- zeitig Anwendung und ständige Hervorbringung der Sprache [langue] ist, nicht nur die Reproduktion und die Produktion“ 139 .

Der Akt des Sprechens, mit anderen Worten der Diskurs oder die parole 140 ist – Saussure macht das hier ganz deutlich – nicht nur Anwendung, sondern „stete Quelle“, Ort der „Hervorbringung“ und der „Produktion“ der Sprache, d.h. sowohl der individuellen Parasemien als auch der überindividuellen langue. Das aposème spielt bei dieser immerwährend im Diskurs stattfindenden Erschaf- fung der langue eine grundlegende Rolle, weil es als lautliche Erscheinung den materialen Mittler zwischen den Individuen spielt. Es bietet als bedeutungsloser, nicht semantisierter Laut den kommunizierenden Individuen materiale „Anlässe für mögliche Semantisierungen, d.h. kommunikative Deutungsangebote“ 141 . Ihm wird – durch die Intention des Sprechenden oder im Verstehen des Hörenden – erst in der Integration in einen subjektiven parasemischen Sinnzusammenhang Bedeutung gegeben. Jäger schreibt dazu:

„[K]onstitutiv für das Zustandekommen von Verständigung ist … das Aposème insofern, als es die, sowohl vom Verständigungssubjekt gedeutete, als auch vom Verständigungspartner zu deutende, in sich bedeutungslose ‚Hülle des Sème’ darstellt, wobei die Rede vom ‚in sich bedeutungslosen’ Aposème her- ausstellen soll, daß Bedeutung nichts ist was in irgend einer ominösen Weise der physikalisch erscheinenden (‚ertönenden’) Lautgestalt anhaftet, sondern ein Effekt, der sich bei der Deutung von Lautgestalten im Lichte subjektiver Sinnhorizonte allererst einstellt.“ 142

Wir haben uns also den Kommunikationsvorgang wie folgt vorzustellen:

138 Vgl. Saussure (2003), S.164, [1] [Sprache [langage] – Sprache [langue] – Rede [parole]].

139 Saussure (2003), S.164 [1] [Sprache [langage] – Sprache [langue] – Rede [parole]].

140 Zur synonymen Verwendung der Ausdrücke ‚discours’ und ‚parole’ bei Saussure vgl. Bouquet

(2004), S.210-214.

141 Buss (2005), S.221.

142 Jäger (1986), S.18.

In der Intention des Sprechers wie im Verstehensvorgang des Hörers hängt sich unser Geist an „Terme, die in sich null und nichtig sind“ 143 , an aposèmes, und ver- leiht ihnen, mit dieser Integration in ein Netz, ein System von Zeichen, Bedeutung. Dabei können sich die Kommunikationspartner im übrigen niemals über den Grad des Gelingens der Kommunikation sicher sein, dieser schwankt – im Falle „trans- parenter“ Kommunikation – zwischen den Polen völligen Missverstehens, welches ja immer noch ein Verstehen ist – und Verstehen. 144 So die Kommunikationspart- ner allerdings in einer Phase sind, in der sie das Zustandekommen eines Verste- hens bezweifeln und die Kommunikation selbst thematisieren, um durch „seman- tisches Mäandern“ 145 wieder einen gemeinsamen Ausgangspunkt der weiteren Kommunikation zu finden, spricht man bei dieser Metakommunikation von einer Störung t . 146 Jede Verständigungshandlung wird so „zu einem kommunikativen Ort, an dem die Interaktionspartner in einer spezifischen Weise an der Konstituti- on des kommunizierten Sinns beteiligt sind“ 147 , indem sie den ‚in sich null und nichtigen Termen’, den aposèmes Bedeutung verleihen. Saussure selbst hat eine solche Kommunikationstheorie nicht konkret ausgearbei- tet, sondern mit seiner Semiologie den Anstoß dazu gegeben. Gleichwohl impliziert diese Semiologie die Annahme der parole, des Diskurses als Ursprungsort der lan- gue und Saussure hat diesen Gedanken an verschiedenen Stellen eindeutig zum Ausdruck gebracht. So schreibt er:

143 Vgl. Saussure (1997), S.365, N 15 „Item“.

144 Es muss hier unterstrichen werden, dass, im Gegensatz zu vielen Kommunikationstheorien in

Bezug auf natürliche Sprachen, die sich an dem – technischen – Kommunikationsmodell von Shannon und Weaver [vgl. Shannon (1949)] orientieren, von einem „Transport“ identischer Bedeu- tung von A nach B nie gesprochen werden kann, weil sich zwei Parasemien – sowohl verschiedener Personen als auch einer Person zu zwei Zeitpunkten – niemals gleichen.

145 Jäger (2001), S.23. Im Original kursiviert.

146 Bei der Störung t handelt es sich um „Unterbrechungen“ oder „Time-out-Phasen“, die der Klä-

rung der Redeintention dienen. Vgl. zu dieser Kommunikationstheorie, die – an Saussure anknüp- fend –diese Störung t einerseits sowie die Transparenz andererseits als „die beiden Aggregatzustän- de, die alle Prozesse medialer Sinn-Inszenierung durchlaufen“ [Jäger (2004), S.59] ansieht Jäger

(2004).

147 Jäger (2001), S.24.

„Welchen Gesichtspunkt man auch immer einnimmt, ein Wort existiert tat- sächlich nur durch die Anerkennung [sanction], die ihm immer wieder durch diejenigen zuteil wird, die es verwenden.“ 148

Ein jedes Wort, jedes sème existiert also nur durch die Anerkennung der Sprach- benutzer, d.h. durch die wiederholte Verwendung des Zeichens. 149 Andernorts in Bezug auf das Zeichensystem, die langue, schreibt Saussure: „Implizites Element [élement tacite], das alles andere hervorbringt; daß die Sprache [langue] unter den Menschen zirkuliert, daß sie sozial ist.“ 150 Das individuelle Zeichen, das sème qua parasème, wie das Zeichensystem als Ganzes sind also notwendig mit der Institu- tion Sprache, mit dem – in Anlehnung an Wittgenstein – Gebrauch der Zeichen in Sprachspielen einer Lebensform verbunden: „Nur das Zeichensystem, das etwas Kollektives geworden ist, verdient den Namen eines Zeichensystems, ist ein Zei- chensystem“ 151 . Mit Christian Stetter lassen sich nun zusammenfassend zwei „Grundtatbestände“ für Saussures „Konzeption der ‚langue’“ festhalten:

S 1 : Jede sprachliche Einheit (‚terme’) ist Element (‚parasème) eines Systems von Zeichen (‚langue’).“ „S 2 : Die Etablierung einer parasemischen Relation geschieht in der paro- le.152

Die parole ist die ‚korrelative Instanz der langue’, sie ist „der Ort der sozialen Ar- beit am ‚jedesmaligen’ System“ 153 . Das aposème bildet dabei gewissermaßen die Gelenkstelle von parole und Parasemie, ist Zentrum des immerwährenden Wech- selspiels von langue und parole. Wie sich Saussure die stetige Genese der Sprache in der parole vorstellt und wie dabei die Freiheit der Sprachbenutzer, ihre Kreati- vität mittels Analogiebildungen, den Fluktuanzcharakter der Sprache ausmacht, werden wir im nächsten Unterkapitel betrachten, wo die ‚soziale Arbeit am jedes-

148 Saussure (2003), S.151, [29b] [Differenz und Entitäten].

149 Gleichzeitig verunmöglicht diese Wiederholung, qua Iteration, die Identität eines Zeichens. Vgl.

Abschnitt 3.3.2.

150 Saussure (2003), S.159, [3] [Grundlegende Elemente – Laut als solcher – Satz/Ritus – sprachli- che Einheit (Zeichen-Laut-Bedeutung)].

151 Saussure (2003), S.173, [5] [Zeichensystem – Gemeinschaft].

152 Stetter (1997), S.212.

153 Stetter (1996), S.429.

maligen System’ in Form der analogischen Transformation in den Blick genom- men wird.

3.3 Analogie

Auf der Basis der dargelegten semiologischen Grundeinsichten Saussures lassen sich die Gründe des zu Anfang eingeführten Phänomens der kontinuierlichen Transformation der Sprache nun folgendermaßen fassen: Da das sème/parasème sich allein durch Negativität, durch sein Nichtzusammenfallen mit anderen Ter- men des Systems bestimmt, weil das Zeichen „auf die Unvernunft selbst gegrün- det“ 154 , d.h. arbiträr ist, gibt es keinen positiven Fixpunkt des sème, es hat seine Identität allein im Bewusstsein der Sprachbenutzer, im wiederholenden Gebrauch der aposèmes. In der sozialen Zirkulation ändert sich – wie wir unten sehen wer- den – das aposème eines sème notwendigerweise phonetisch, und die langue als Ganzes analogisch 155 , weil es keinen Fixpunkt der Zeichen – weder als ein präe- xistentes Bezugnahmeobjekt noch als Selbstbedeutsamkeit der Lautformen – gibt. Also wird jede Parasemie und damit auch die Sprache als Institution vielmehr im sozialen Gebrauch, in ihrer Anwendung notwendig verändert. So erklärt sich nun auch die Kontinuität: Um die Sprache zur Verständigung nut- zen zu können müssen die Sprachbenutzer von der Kontinuität identischer Zei- chen ausgehen, das ist Bedingung der Möglichkeit von Kommunikation. Dieses Bewusstsein der Identität eines Zeichens schafft nun wiederum das Zeichen als Identisches, bedingt aber auch seine Veränderbarkeit. In der Analogie finden wir die Wechselbeziehung zwischen langue und parole, zwischen Parasemie und Sprechakt, zwischen Transformation und Kontinuität expliziert als bewusste Kreation neuer Zeichen durch den Sprachbenutzer. Die analogische Veränderung nennt Saussure entsprechend das „principe général des creations de la langue156 und er schreibt:

154 Saussure (1997), S.318 , N 10 „Notizen für einen Artikel über Whitney“.

155 Die analogische Transformation ist ein Wandel der langue und kein Wandel eines aposèmes (=phonetischer Wandel) oder sèmes. Vielmehr handelt es sich um eine Kreation von sèmes wie wir weiter unten sehen werden.

156 Vgl. EC, S.374 I R 2.19 2510. Ich werde im Folgenden verstärkt auf den Cours zurückgreifen,

denn in den Genfer Vorlesungen hat Saussure sich sehr ausführlich mit der Analogie befasst.

„[I]rgendeine langue zu irgendeinem Zeitpunkt ist nichts anderes als eine weitreichende Verflechtung von Analogiebildungen, die einen absolut frisch, die andern so weit zurückgehend, daß man sie nur erraten kann.“ 157

Jede existierende Sprache ist also jeweils das Ergebnis vergangener analogischer Kreationen. Saussure unterscheidet den analogischen schon in seiner Genfer Antrittsvorlesung vom phonetischen Wandel. Dieser ist ein nicht-intendierter Wandel der das sème allein von der Perspektive des aposème, der Lautseite betrifft, d.h. die physiologi- sche und physische Seite des Zeichens – oder wie Saussure es auch nennt: den „Kadaver des Wortes“ 158 – verändert. Er ist somit unbewusst, wird – im Gegensatz zum analogischen Wandel – nicht bewusst zur Innovation in der langue einge- setzt, mit anderen Worten: er passiert schlicht und einfach. Saussure bezeichnet ihn deshalb auch als „rein mechanische Operation“ 159 , die nicht von Sinn geleitet ist, weil sie ja auch nur die bedeutungslose ‚Hülle des Zeichens’ betrifft. In den Notes Item heißt es dazu:

Item. Die sprechenden Subjekte haben nicht das geringste Bewußtsein von den aposèmes, die sie aussprechen, nicht mehr als von der reinen Vorstellung auf der anderen Seite. Sie sind sich nur des sème bewußt. Das ist es, was die vollständig mechanische Veränderung des aposème durch die Jahrhunderte sicherstellt.“ 160

Der phonetische Wandel war zu Saussures Zeit zentraler Gegenstand der Sprach- wissenschaft. Die junggrammatische Schule versuchte vornehmlich, Gesetze für den Wandel der Laute, für den mechanischen Ablauf der Lautverschiebungen auf- zustellen. 161 Denn der Lautwandel „schlägt blindlings alle Formen der langue, in welchen sich der fragliche Laut vorfindet, und bietet folglich das Merkmal der ma-

157 Saussure (1997), S.263, N 1.2 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Zweite Stunde“.

158 Vgl. EC, S.375 I R 2.21 2514, wo Saussure über den phonetischen Wandel sagt: „On n’a pas le

concours d’une autre forme ou du sens du mot; je ne dois invoquer ni l’un ni l’autre; C’est purement le cadavre du mot qui passe de φιλοτερος à φιλτερος.“

159 Vgl. Saussure (1997), S.261, N 1.2 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Zweite Stunde“.

160 Saussure (1997), S.364, N 15 „Item“.

161 Vgl. Putschke (1984).

thematischen Regelmäßigkeit“ 162 , was ihn zu einer ‚naturwissenschaftlichen’ Un- tersuchung prädestiniert. 163 Gegenüber dem hier kurz skizzierten phonetischen Wandel gilt es nun die analogi- sche Transformation der Sprache zu betrachten. Eine nähere Betrachtung des phonetischen Wandels ist hier nicht nötig, weil die beiden Arten der sprachlichen Transformation voneinander unabhängig stattfinden. So schreibt Saussure, dass „die eine [die Sprache transformierende Operation] … in vollkommen unabhängi- ger Weise von der anderen wirkt, ausgenommen in ein paar sehr speziellen Fällen, die zwar sehr viel Beachtung fanden, aber wirklich ungewöhnlich sind.“ 164

3.3.1 Analogie als „Phänomen der intelligenten Transformation“

Saussure führt die Analogie im Cours als eine Art Reaktion der langue auf den phonetischen Wandel ein. Da der phonetische Wandel als rein mechanische Ver- änderung ‚blindlings’ alle Formen der Sprache, die den betreffenden Laut enthal- ten, „ohne Rücksicht auf ihre Funktion im jeweiligen System betrifft, zerstört er dessen Ökonomie“ 165 . Denn durch ihn wird „die Summe der existierenden Formen in der langue … vergrößert“ 166 . Die analogischen Veränderungen sind dagegen „ei- nigend und arbeiten gegen die phonetischen Veränderungen“ 167 , indem sie –wie wir sehen werden – in der langue Symmetrien wiederherstellen. 168

162 Saussure (1997), S.265, N 1.2 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Zweite Stunde“.

163 Dass es sich dabei um eine pseudonaturwissenschaftliche Untersuchung handelt, hat Saussure

stets betont. Denn die Einheiten der Untersuchung, d.h. die Laute sind als identische nicht natürli-

cherweise gegeben, sondern werden stets durch einen gewählten Gesichtspunkt „erschaffen“, sind „das Ergebnis einer verborgenen Operation des Geistes“, nämlich eben das Ergebnis des Verste- hens des Zeichenganzen durch das Sprecherbewusstsein. Vgl. oben Abschnitt 3.1.2 und Saussure

(2003), S.81f, [3a] [Sich dem Gegenstand nähern] und Saussure (1997), S.296f, N 9.1 „Notizen zu einem Buch über allgemeine Sprachwissenschaft. Ausgangspunkt“.

164 Saussure (1997), S.269, N 1.2 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Dritte Stunde“.

165 Stetter (1992), S.516.

166 Vgl. EC, S.365 I R 2.5 2457: “Le résultat le plus général du changement phonétique est une action différenciatrice. La somme des formes existant dans la langue est augmentée.167 EC, S.365 I R 2.5 2458: “[L]es changements analogiques sont unificateurs et travaillent à l’encontre des changements phonetiques.”

168 Dies nur in dem Fall, dass die analogisch neu gebildete Form eine alte ersetzt. Wie wir unten sehen werden dient die Analogie aber auch der Neubildung von Formen, welche zwar in Symmetrie zu bestehenden kreiert werden aber auch die Summe der Worte in der langue vergrößern.

Das wesentliche Unterscheidungsmerkmal zwischen phonetischen und analogi- schen Wandel ist, dass es sich entgegen dem ‚mechanischen’ phonetischen Wandel beim analogischen um eine kreative, intelligente Operation handelt, eine bewusste Handlung, die der Intentionalität der Sprecher geschuldet ist. Mit anderen Wor- ten: Während der phonetische Wandel allein ein Wandel des aposèmes, des ‚Wortkadavers’ ist, handelt es sich beim analogischen Wandel um einen Wandel des sèmes, bzw. – wie wir sehen werden – um die Schöpfung, die Kreation eines neuen sèmes/parasèmes und damit um ein grammatisches Phänomen 169 :

Item. Sehr darauf achten, daß es im analogischen Wandel keinen Wandel des aposème gibt. Das Paradox löst sich bereits auf, wenn man statt ‚Wandel des aposème’ ‚Wandel des aposème eines Worts’ oder ‚des aposème eines sème’ sagt. Man schafft ein anderes sème, ein parasème (zu dem natürlich ein apo- sème gehört). Es gibt keinen Wandel eines Teils des ersten sème. Der Wandel ist vollständig im Bereich des sèmes. Er wird ganz vom Sinn geleitet.“ 170

Beim „Wandel des aposème eines sème“ handelt es sich um den phonetischen Wandel, der mechanisch und sinnlos ist. Die Kreation eines neuen sèmes/parasèmes, die analogische Kreation, ist dagegen ‚vom Sinn geleitet’, die Sprecher gehen bewusst und intentional vor. Ihr intentionaler Charakter, die Tat- sache, dass sie dem Bewusstsein eines intelligenten Sprechers geschuldet ist, legt auch den Ort der Betrachtung der Analogie fest: Dies ist die parole, der interindi- viduelle Diskurs, in dem freie intelligente Individuen kommunizieren. Um die „un- aufhörliche, alltägliche Kreation in der langue“ 171 , welche die Analogie ist, verste- hen zu können, müssen wir uns also notwendigerweise auf die Ebene der parole, den Ort der ‚Hervorbringung’, der ‚Produktion’ der langue begeben 172 , denn: „Alle

169 Vgl. SM 57 II,18 R2. 19-25 [‚SM’ steht hier und im Folgenden für die Sources Manuscrites du

Cours de linguistique générale, Godel (1957)]: “Pour distinguer le phénomène analogique du phénomène phonétique, il ne suffit pas d’en reconnaître la nature psychologique: il faut voir que la création analogique est d’ordre grammatical, c’est-à-dire qu’elle s’exerce sur des formes associées aux idées quèlles expriment“. Zum ‚grammatischen’ Charakter der Analogie vgl. Kapitel 7.

170 Saussure (1997), S.363, N 15 „Item“. 171 Vgl. EC, S.369 II R 148 2481: „Une autre erreur proprement linguistique, une autre grosse lacune qui devait plus tard se combler, c’est qu’elle, la première linguistique, a fait extrêmement peu atten- tion à tout l’ordre de phénomènes qui constituent la création incessante, journalière dans la langue:

je veux parler d’analogie.”

172 Vgl. EC, S.376 I R 2.23 2520: „Il faut … ce mettre en face de l’acte de la parole pour comprendre une création analogique.” Und vgl. oben S.29f.

Veränderungen [modifications], seien es phonetische oder grammatische (analogi- sche), entstehen einzig und allein in der Rede [dans le discursif].“ 173 Wie haben wir uns die analogische Kreation nun genauer vorzustellen? Betrachten wir zunächst eine Definition Saussures:

„Eine analogische Form ist eine nach dem Bild einer anderen kreierte Form. Analogischer Wandel findet statt, wenn für eine bestehende traditionelle Form eine andere durch Assoziation gebildete eingesetzt wird.“ 174

Wie findet dieser Wandel nun statt und was heißt es, dass das neue sème durch Assoziation’ gebildet wird? Im ‚Drama’ der analogischen Innovation spielen drei Personen mit:

1. „der bis dahin weitergegebene, vererbte, legitime Typ.

2. der Konkurrent

3. eine Kollektivperson: die Formen, die den Konkurrenten hervorbrin-

gen.“ 175 Wir haben z.B. den Typ honor, der im Laufe der Zeit honos als Nominativ Singular des entsprechenden Substantivparadigmas (honos/honor, honoris…) ersetzte. 176 Saussure beschreibt dieses Phänomen, das mit Lautwandelgesetzen nicht erklärt werden kann, mithilfe der genannten ‚drei handelnden Personen’, die in diesem Fall wären: 1.) der traditionelle Typ honos, 2.) der Konkurrent honor und 3.) das mit honor assoziierte Paradigma – im wahrsten Sinne des Wortes 177 orator, ora- toris. Als Darstellungsweise des analogischen Wandels wählt Saussure für gewöhn-

173 Saussure (2003), S.160, [4] [Die Rede, Ort der Veränderungen – Unterteilungen dieses Buches].

Zur hier von Saussure vollzogenen – wie sich herausstellen wird paradoxen – Gleichsetzung von ‚grammatischer’ und ‚analogischer’ Veränderung vgl. Abschnitt 7.

174 EC, S.365 I R 2.13 2460: “Une forme analogique est une forme créée à l’image d’une autre. Il y a fait [sic], changement analogique, quand à une forme traditionnelle existante on en substitue une autre créée par association.” Vgl. auch SM 57 I,17 R2.5-19.

175 Vgl. EC, S.370 I R 2.13 2489:

“C’est un drame à trois personnages:

1.

le type transmis jusqu’alors, héréditaire, légitime.

2.

le concurrent

3.

un personnage collectif: les formes qui ont engendré le concurrent.”

176 Vgl. zu diesem Beispiel Vgl. EC, S.365 I R 2.7 2462-2463.oder EC, S.370 I R 2.13 2490-2492.

177 ‚Paradigma’ kommt von griechisch παράδειγµα, was mit Beispiel, Vorbild übersetzt wird.

lich die „Formel der vierten Proportionalen“ 178 : orator : oratoris = x : honoris. Die gesuchte Form x, welche sich bei einer Analogiebildung am Beispiel von orator, oratoris ergibt, ist folglich honor. Bei genauerem Hinsehen wird nun deutlich, dass das überlieferte Wort keine Rolle bei der Kreation des neuen Worts spielt. Obwohl Saussure dies in seinen Genfer Vorlesungen durch die Verwendung entsprechender Beispiele nahelegt, ist es kein wesentliches Merkmal der analogischen Kreation, dass das neu erschaffene Wort in Konkurrenz zu einem bestehenden, traditionellen Typ tritt. Allein die Schaffung eines Wortes aufgrund des Vorbildes eines anderen macht das Phänomen der Ana- logie aus. Eine zu ersetzende Form ist weder für eine analogische Bildung notwen- dig – weshalb Saussure im übrigen auch den Terminus der analogischen Trans- formation, des analogischen Wandels ablehnt und ihm die Ausdrücke ‚Kreation’ und ‚Innovation’ vorzieht 179 – noch findet sie sich bei allen analogischen Bildun- gen. Im Gegenteil kann man davon ausgehen, das die Kreation neuer Wörter, die

178 Vgl. EC, S.366 I R 2.6 2464: „Pour trouver la nouvelle forme créée par analogie avec d’autres oun

pour exprimer cette analogie, on se sert de la formule de la quatrième proportionnelle“. Schon in seiner Genfer Antrittsvorlesung wählt Saussure diese Darstellungsweise. [Vgl. Saussure (1997), S.262 & 265, N 1.2 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Zweite Stunde“.] Mit dieser Erläu- terung der sprachlichen Analogie durch eine geometrische Formel kehrt das Etikett ‚Analogie’ wie- der in seine Heimat zurück. Denn ‚Analogie’ war „ursprünglich ein Begriff der Mathematik, der in der pythagoreischen Schule entwickelt wurde“ und so sprach man bei der „Gleichheit von Verhält- nissen“ von einer ‚geometrischen Analogie’. [Vgl. Schwarz (1971), Sp.214.] Bei der ‚Vierten Propor- tionalen’ handelt es sich nun um eine geometrische Formel zur Bestimmung der Länge einer Stre- cke mithilfe der Strahlensätze, also auf der Basis einer ‚Gleichheit von Verhältnissen’. Sie hat die

Form: a : b = c : x.

179 Vgl. hierzu EC, S.371 I R 2.13 2491: “La forme héréditaire est la seule qui ne participe pas à la formation du nouveau type. On ne peut parler de transformation puisque la prémière forme est absente dans la conscience au moment où s’opère cette soi-disant transformation.” Vgl. auch EC. S.374 I R 2.16 2508: „[C]ette conception [des changements analogique, A.P.] est incorrecte: les formations que nous qualifions de changements reposent sur le même principe que la création.” Vgl. EC, S.374 I R 2.16 2508. Vom analogischen Wandel lässt sich nur in Hinblick auf die langue als Ganzes sprechen. Vgl. Saussure (2003), S.154, [29g] [Analogischer Wandel]: „Der ‚analogische Wandel’, den man insofern mit dem Lautwandel vergleicht, als er der zweite Faktor der Transfor- mation der langue in der Zeit sein soll, kann damit nicht verglichen werden und ist kein Wandel [changement]. Er ist dann sehr wohl für die langue ein Wandel [changement], wenn man sie als eine einzige Masse auffaßt, oder für das allgemeine Verhältnis von Gedanke und Ausdruck, wenn man uns beweist, daß dieses Verhältnis der zentrale Gegenstand ist, dessen Spur der Sprachwissen- schaftler versucht im zeitlichen Verlauf zu folgen“.

nicht alte Typen ersetzen, häufiger stattfindet als der von Saussure zumeist bei- spielhaft genannte Fall der Konkurrenz eines alten und neuen Worts. 180 Saussure gebraucht diese Beispiele im Cours, weil er die Analogie in Anschluss an und im Vergleich zum phonetischen Wandel betrachtet. Dass die Konkurrenz zweier For- men für die Analogiebildung nicht notwendig ist, war Saussure aber durchaus be- wusst:

“Es ist die Verdrängung der traditionellen Form, welche die Illusion eines Wandels erweckt; nun ist aber das Schicksal dieser Form, sein Verschwinden oder seine Erhaltung eine von der Tatsache der Analogie unabhängige Tatsa- che. Es ist gleichgültig, ob die neue Form in Konkurrenz zu einer existierenden Form tritt oder ob sie nichts zu ersetzen hat …: In beiden Fällen gibt es eine Kreation, oder besser: Innovation, neue Kreation, ausgehend von bereits ge- gebenen Elementen“. 181

An anderer Stelle nennt Saussure die Analogiebildung eine „Dekomposition“ der Einheiten der langue, der parasèmes, auf welche eine „Rekomposition“, die Er- schaffung neuer Wörter anhand der gewonnenen Elemente folgt. So schreibt er in seiner note zur Morphologie:

„Wenn neue Formen auftauchen, spielt sich alles, wir haben es gesehen, über die Dekomposition der existierenden Formen ab und über Rekomposition an- derer Formen mittels Materialien, welche von den ersteren [den dekomponier- ten existierenden Formen, A.P.] geliefert werden. (…) Aber niemals ist es der Sprache [‚langue’] möglich, eine Form so mir nichts, dir nichts und durch einen wirklich schöpferischen Akt zu erschaffen. Immer stammen die Elemente der neuen Form aus dem bestehenden Fonds. Weil sich nun dieser Fonds aus Worten zusammensetzt und nicht aus Suffixen, Wurzeln etc., braucht es immer, um neues zusammenzusetzen, eine vorgängi- ge und geheime Dekompositionsarbeit.“ 182

180 Vgl. hierzu Schneider (1992), S.343: „Darüber hinaus ist nach dieser Auffassung der konstitutive Fall, d.h. derjenige, in dem der neue Gebrauch durch schon vorhandene ‚wörtliche’ Formulierungen nicht ersetzbar ist, für natürliche Sprachen sowohl charakteristisch als auch quantitativ gesehen der durchaus überwiegende und in diesem Sinne der ‚normale’ Fall.“ Vgl. hierzu auch unten Ab- schnitt 5.2.

181 SM 57 I,17 R2.5-19: “C’est l’éviction de la forme traditionnelle qui donne l’illusion d’un change- ment; or le sort de cette forme, sa disparition ou sa conservation, est un fait indépendant du fait de l’analogie. Il est indifférent que la forme nouvelle entre en concurrence avec une forme existante ou n’ait rien à remplacer …: dans les deux cas, il y a création, ou mieux: innovation, création à nou- veau, à partir d’éléments déjà donnés. C’est seulement si l’on envisage l’ensemble de la langue qu’on peut parler de changement.” Vgl. auch EC, S.372f I R 2.16 2500-2509.

182 Saussure (1997), S.292, N 7 „Morphologie“. Hier erwähnt Saussure auch, „daß sich die Formen, die als Ausgangspunkt für Neubildungen dienten, ihrerseits nicht anders als mittels anderer For-

Sehr schön wird diese analogische Kreation mit dem Terminus „parasemische Schöpfung“ veranschaulicht. 183 Der ‚bestehende Fonds’, aus dem die Sprecher die Formen zu Zwecken der sprachlichen Innovation schöpfen, ist ja die langue, bzw. das jeweilige im sozialen Diskurs entwickelte parasemische Netzwerk eines Spre- chers. Das neu kreierte Wort wird durch die bestehenden parasèmes zur Welt ge- bracht. Parasèmes sind nach Saussure Worte und nicht kleinere Einheiten wie Suffixe, Wurzeln etc. aber auch keine Sätze. 184 Die Elemente des Wortes erschließen die Sprecher in der analogischen Kreation durch Analyse, sie zerlegen die Wörter auf- grund ihrer Relationen untereinander, indem sie z.B. ein Flexionsparadigma mit einem anderen vergleichen. „Wir gehen immer mittels Proportionen vor … Es ist demnach immer das gemachte Wort, das unsere grundlegende Einheit ist.“ 185 Aus den gemachten, d.h. verwendeten und verstandenen Wörtern lösen die Sprecher sämtliche Elemente heraus, die sie zur Bildung eines neuen Zeichens benötigen. D.h. es wird im eigentlichen Sinne nichts Neues kreiert, denn alle Elemente sind bereit Teil der langue, wir haben es vielmehr allein mit einer neuartigen Kombina- tion bestehender Elemente zu tun:

„Es wird also nie eine Schöpfung ex nihilo geben, sondern jede Erneuerung wird nur die neue Anwendung von Elementen sein, die vom vorangehenden Sprachzustand [‚état de langage’] geliefert werden. So kommt es, daß die ana- logische Erneuerung, die in gewisser Weise sehr destruktiv ist, dennoch nie-

men, welche die Sprache [‚langue’] analysiert hatte, bilden konnten.“ Somit ist das Problem des Sprachursprungs nicht von dem des Sprachwandels zu unterscheiden.

183 Vgl. Saussure (1997), S.363, N 15 „Item“. Hier setzt Saussure auch die „parasemische Schöpfung“

vom „parasemischen Einfluß“ ab, arbeitet diesen Unterschied allerdings nicht weiter aus und hat arge Zweifel, ob ein solcher überhaupt gerechtfertigt ist. Hinter dem parasemischen Einfluss steckt

der Gedanke, dass ein sème sich durchaus ändern kann, ohne dass seine Hülle, das aposème, dieses erkennen lässt. Das sème wird ein anderes, „ohne daß wir erkennen würden, daß es ein anderes sème ist“. Diese ‚vollständige Veränderung’ des Sinns eines sème kann z.B. Effekt des metaphori- schen Gebrauchs eines parasème sein. Wir werden auf diese Problematik am Ende dieser Arbeit zurückkommen. Vgl. Abschnitt 7.1.

184 Die Einheiten der langue sind – nach Saussure – Wörter, während wir es nur im Diskurs, in der

parole mit Sätzen zu tun haben. Vgl. Saussure (1997), S.374f, N 15 „Item“ und oben S.25.

185 Saussure (1997), S.294, N 7 „Morphologie“.

mals etwas anderes macht, als die Kette der seit dem Ursprung der langues überlieferten Elemente fortzusetzen, ohne sie je zerreißen zu können.“ 186

In der analogischen Kreativität als grundlegendem Prinzip des sprachlichen Wan- dels spiegelt sich auf diese Weise die ‚enge und evidente Wechselbeziehung’ zwi- schen Transformation und Kontinuität wieder, das der Sprache wesentliche Zu- sammenspiel der Destruktion einer bestehenden langue mit ihrer Fortsetzung, ih- rer Erhaltung. 187 Morphologische Einheiten existieren also immer nur als Elemente des ‚gemachten Wortes’ d.h. als Elemente verwendeter, verstandener Spracherscheinungen. Dem Linguisten ist es nur möglich, die morphologischen Einheiten ex post, aus der nachträglichen Analyse von Neubildungen und Analogien zu erhalten. So antwor- tet Saussure folgerichtig auf die Frage, wie man die Existenz einer morphologi- schen Einheit einer Sprache beweist: „Wie in allen solchen Fällen sind es die Neo- logismen, das heißt Formen, in welchen sich die Aktivität der Sprache [‚langue’] in einem einwandfreien Dokument zeigt“ 188 . Und er kommt zu dem Schluss:

„Die morphologische Analyse des Grammatikers wird in dem Maße nicht als Abstraktion gelten können, als sie sich mit der Analyse der Sprache [‚langue’] im Einklang befindet, die in den Neologismen und Analogiebildungen belegt sind.“ 189

Allerdings handelt es sich bei der langue nicht um einen fixen Fundus von Ele- menten, aus dem stetig neue Wörter komponiert werden, sondern der Fluktuanz- charakter der Sprache bringt eine „kapitale Tatsache“ mit sich, die es zu berück- sichtigen gilt: „daß nämlich die Analysen, welche die Analyse der langue selbst zu einem bestimmten Moment wiedergeben, nicht notwendig den Analysen entspre- chen, welche diese in einem vorhergehenden Zustand vorgenommen hatte.“ 190 Ne- ben anderen Ursachen nennt Saussure hier den phonetischen Wandel. So gliederte sich z.B. früher cantor in can-tor, wohingegen chanteur sich heute chant-eur glie-

186 Saussure (1997), S.262 N 1.2 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Zweite Stunde“.

187 Vgl. oben S.14.

188 Saussure (1997), S.290, N 7 „Morphologie“.

189 Ebd.

190 Saussure (1997), S.295, N 7 „Morphologie“.

dert. 191 Daraus folgt für die Analyse der langue, d.h. für die Analyse die sich im Sprachgebrauch der Sprecher, in ihren kreativen Neubildungen zeigt, nach der sich wiederum der Linguist zu richten hat: „Alles hängt folglich von der reziproken Situation der verwandten Formen zu einer gegebenen Epoche ab. Die Analyse ist nur für eine bestimmte Zeit wahr.“ 192 Die Sprecher schöpfen also zum Zwecke der Neubildung von Zeichen, „aus den be- reits gemachten Worten 193 “, gewinnen aus der Analyse dieser Worte Elemente, aus denen sie neue Wörter bilden. In diesem Akt kreieren sie – mittels einer Rekom- position bereits existierender Elemente – neue parasèmes und transformieren so die langue als Ganzes. Aus welchem Grund aber, unter welchen Umständen, kreie- ren Sprecher neue Wörter? Die Sprecher improvisieren das neue Wort in der paro- le, weil im kommunikativen Kontext der Bedarf besteht, etwas auszudrücken, für das es entweder kein vorhandenes sème gibt oder aber der Sprecher dasselbe nicht kennt. So nennt Saussure die neu gebildete Form eine „von der parole, von der Not hervorgerufene Form“. 194 Aus dem Grund zeigt sich die analogische Kreativität re- gelmäßig bei kleinen Kindern, die, weil sie viele Formen noch nicht gehört oder benutzt haben und ihr Gedächtnis auch nicht in der Lage wäre, alle zu behalten, gezwungen sind, „Zeichen fortwährend selbst herzustellen“ 195 . Will das Kind z.B. mitteilen, jemand habe gerufen, ohne die stark flektierte Vergangenheitsform von ‚rufen’ vorher gehört bzw. gelernt zu haben, so bildet es diese selbst analogisch nach dem Muster er sagt : er sagte = er ruft : x. So wird es also etwa sagen: „Papa rufte.“ Diese analogische Kreation ist von Sinn geleitet, vom Bedürfnis des Sprechers, z.B. des Kindes, etwas zu kommunizieren, was es bisher konkret noch nicht gelernt hat. Oder auch: Er möchte etwas ausdrücken, für das es keine standardisierte Form gibt.

„Jede Neuerung entsteht durch Improvisation im Sprechen (und geht von dort entweder in den inneren Schatz [trésor intime] des Hörers oder in den des

191 Vgl. ebd.

192 Saussure (1997), S.295, N 7 „Morphologie“.

193 Saussure (1997), S.292, N 7 „Morphologie“.

194 Vgl. EC, S.384 I R 1.22 2562: “On pourrait appeler la nouvelle forme: forme évoquée, suscitée réellement par la parole, par le besoin”.

195 Saussure (1997), S.263, N 1.2 „Notizen zur Genfer Antrittsvorlesung 1891. Zweite Stunde“.

Sprechers ein, sie entsteht aber somit im Zusammenhang der gesprochenen Sprache [langage discursif].“ 196

Die Feststellung einer wichtigen Beschränkung des Saussureschen Analogiebeg- riffs – dem aufmerksamen Leser dürfte es diese längst aufgefallen sein – ist nach der ausführlichen Darstellung der Analogie angebracht: Die analogische Kreation operiert bei Saussure allein auf der Ebene der Morphologie, nur die Kreation neuer Wörter durch die innovative Kombination bestehender Morpheme gilt als Analo- gie. Ich werde in Kapitel 7 darauf zurückkommen.

3.3.2 Iteration, Fluktuanz, Analogie

In diesem Unterkapitel machen wir einen kleinen Exkurs zu Jacques Derrida, um darauf hinzuweisen, dass das Konzept der Différance bzw. der Iterabilität, das dieser ja u.a. aus einer dekonstruktivistischen Lektüre des Cours ge- winnt 197 , beim authentischen Saussure schon enthalten ist, dass – wie es Lud- wig Jäger ausdrückt – Saussure nicht der Begründer, sondern vielmehr einer der „grundlegendsten Kritiker“ der „modernen, strukturellen Linguistik“ ist 198 oder – mit Johannes Fehr gesprochen – „dass Saussure den Poststrukturalis- mus schon antizipiert hat, noch ehe er zum Vater des Strukturalismus ausgeru- fen werden konnte.“ 199 Derridas Projekt ist das einer Dekonstruktion der klassischen abendländischen Philosophie, der „Präsenzmetaphysik“ oder des „Logozentrismus“. Er führt den

196 Saussure (2003), S.160, [4] [Die Rede, Ort der Veränderungen – Unterteilungen dieses Bu-

ches]. 197 Wir werden uns hier vornehmlich auf den Begriff der Iterierbarkeit beziehen, der mit dem diffé- rance-Konzept stark verwandt ist, wenn diese Begriffe nicht sogar synonym sind. Vgl. zur différan- ce Derrida (2004), besonders S.121-130 und zu Derridas Saussure-Lektüre auch Derrida (1974), Kapitel 2: Linguistik und Grammatologie, S.49-129. Derrida unterzieht mit seiner „Saussure- Lektüre“ allerdings nur die dogmatisierte Saussure-Interpretation des Strukturalismus einer aus- giebigen Kritik, setzt sich aber z.B. mit den Notes Item gar nicht auseinander, weswegen es sich auch um eine Cours- und um keine Saussure-Lektüre handelt. [Vgl. Lagemann, Jörg (1998): Dem Zeichen auf der Spur. Derrida – Eine Einführung, hg. von Klaus Gloy, Aachen, S.96ff.]

198 Vgl. Jäger (1976), S.213: Es sei „geboten, sich bei Saussure aufzuhalten. Nicht bei Saussure als

dem ‚großartigen Anstoß der modernen, strukturellen Linguistik’, sondern bei dem authentischen Saussure als gleichsam einem ihrer grundlegendsten Kritiker.“

199 Fehr (1992), S.54.

Charakter dieser Philosophie auf den ihr inhärenten Zeichenbegriff, auf das signe (signum) als Einheit von signifiant (signans) und signifié (signatum) zurück:

Durch das Beibehalten der im wesentlichen und im rechtlichen Sinn strengen Trennung zwischen signans und signatum sowie der Gleichstellung von signatum und Begriff bleibt von Rechts wegen die Möglichkeit offen, einen Begriff zu denken, der in sich selbst Signifikat ist, und zwar aufgrund seiner einfachen gedanklichen Präsenz und seiner Unabhängigkeit gegenüber der Sprache, das heißt gegenüber einem Signifikantensystem. (…) Er erfüllt die klassische Forderung nach einem, wie ich es genannt habe, „transzendentalen Signifikat“, das von seinem Wesen her nicht auf einen Signifikanten verweist, sondern über die Signifikantenkette hinausgeht, und das von einem bestimm- ten Zeitpunkt an nicht mehr die Funktion eines Signifikanten hat. 200

Die Annahme eines transzendentalen, präsenten, fixen Signifikats, eines Signifi- kats, mittels dessen sich die Identität eines Zeichens positiv bestimmen lässt, ist also eng mit dem Logozentrismus verknüpft. Derrida versucht nun – wie Fehr schreibt – „aufzuzeigen, dass Saussures Theorie im Verhältnis zu dieser Tradition eine komplexe, wenn nicht eine paradoxe Stellung einnimmt“ 201 . So ist Derrida der Meinung, dass Saussure „sich an einer Grenze befindet: in der Metaphysik, die es zu dekonstruieren gilt, und zugleich jenseits des Zeichenbegriffs (Signifi- kat/Signifikant), dessen er sich noch bedient.“ 202 Saussure habe mit seiner Abkehr von einem absoluten, präsenten Signifikat hin zum Differenzprinzip den richtigen Weg eingeschlagen, indem er „den differentiellen und formellen Charakter der semiologischen Funktionsweise hervorgehoben“ 203 und die Identität eines Zei- chens als eine negative, als eine durch Opposition zu anderen Zeichen konstituier- te, herausgestellt hat. Deshalb schließt Derrida einerseits mit dem Konzept der différance an das Prinzip der Differenz an, kritisiert aber andererseits Saussures Verhaftetbleiben am dualen Zeichenbegriff, welcher ja per se die Möglichkeit eines transzendentalen Signifi- kats bedingt. 204 Aus diesem dualen Zeichenbegriff folge nun ein Kommunikations- begriff, „der in der Tat eine Transmission impliziert; eine Transmission, die darin

200 Derrida (1986), S.55f.

201 Fehr (1992), S.40.

202 Derrida (1974), S.128, Anm.38.

203 Derrida (1986), S.54.

204 Derrida hätte nur die Notes Item lesen müssen, um zu sehen, dass Saussure die Problematik des dualen Zeichenbegriffs bewusst war und er versuchte, sie mit einer neuen Terminologie zu über- winden.

besteht, daß die Identität eines bezeichneten Objekts, eines Sinns oder eines Beg- riffs, die von Rechts wegen vom Übergangs- und Bezeichnungsvorgang selbst ab- getrennt werden können, von einem Subjekt zum anderen weitergeleitet werden soll.“ 205 Die Derridasche Kritik des dualen Zeichenbegriffs verläuft also analog zur oben geschilderten Kritik des authentischen Saussures an der Nomenklatur-Auffassung der Sprache. 206 Dennoch nimmt Derrida für sich in Anspruch, über Saussure hi- nauszugehen und eine Radikalisierung des Prinzips der Differenz, bzw. seine ‚ko- härente Anwendung’ 207 zu betreiben, indem er behauptet, „daß wir jeden Bezeich- nungsvorgang als ein formales Spiel von Differenzen anzusehen haben. Dabei handelt es sich um Spuren.“ 208 Mit anderen Worten: Die Identität eines Zeichens beruht nicht allein auf der Relation zu den anderen Zeichen desselben Systems, auf der Differenz, sondern auch auf seiner Funktion als Spur, mit der die Verwendung eines Zeichens einerseits durch vorherige Verwendungsweisen bestimmt ist und andererseits nachherige Verwendungsweisen bestimmt. Die Spur des zitierten Zei- chens, die Spur vorheriger Kontexte der Zeichenverwendung ist notwendige Be- dingung der Identität eines Zeichens. Es ist somit die Historizität des Zeichens, sein sozialer Charakter, der sich in der Weitergabe des Zeichens zwischen Perso- nen zeigt, seine wiederholte Verwendung, die das Zeichen allererst konstituiert. Eine jede wiederholende Verwendung eines Zeichens trägt dabei die Spur vorher- gehender Verwendungsweisen in sich, wiederholt das Zeichen in gewissem Maße, wobei es jedoch notwendig verändert wird und gilt als Regel für die zukünftige Verwendung. Bei Derrida klingt das so:

„Die différance bewirkt, daß die Bewegung des Bedeutens nur möglich ist, wenn jedes sogenannte ‚gegenwärtige’ Element, das auf der Szene der Anwe- senheit erscheint, sich auf etwas anderes als sich selbst bezieht, während es das Merkmal [marque] des vergangenen Elementes an sich behält und sich bereits durch das Merkmal seiner Beziehung zu einem zukünftigen Element aushöhlen läßt, wobei die Spur sich weniger auf die sogenannte Zukunft be- zieht als auf die sogenannte Vergangenheit und die sogenannte Gegenwart durch eben diese Beziehung zu dem, was es nicht ist“. 209

205 Derrida (1986), S.62.

206 Vgl. oben Abschnitt 3.2.1.

207 Vgl. Derrida (1986), S.66.

208 Derrida (1986), S.66.

209 Derrida (2004), S.125.

Derridas Terminus der Iterabilität beschreibt dieses grundlegende Prinzip der Zei- chenkonstitution sehr treffend: Iterierbarkeit ist die Verknüpfung der Wiederhol- barkeit mit gleichzeitiger Veränderung: „[I]ter, nochmals, kommt von itara, an- ders im Sanskrit“ und Derrida benutzt den Term zur „Ausbeutung dieser Logik …, die die Wiederholung mit der Andersheit verknüpft“ 210 . Bedingung der Möglichkeit der Selbstidentität eines Zeichens ist nach Derrida wi- dersprüchlicherweise die Iterabilität, die zugleich die Selbstidentität des Zeichens verunmöglicht, weil sie ja Andersheit impliziert. Iterabilität – d.h. variierte Wie- derholung – konstituiert die „Einheit der signifikanten Form“ 211 , den type, der wiederum als Regel für seine Iterabilität gilt. „Weil nämlich [die] Einheit der signi- fikanten Form nur durch ihre Iterabilität konstituiert wird“ 212 und „jede Wiederho- lung zugleich mit einer Andersheit verbunden“ 213 ist, ist das zeichenkonstituieren- de Prinzip gleichzeitig das, was ihre Identität unmöglich macht. Zeichen werden also allererst durch ihre Sozialität, durch ihre Weitergabe oder Zitation konstitu- iert und dadurch wiederum notwendig verändert. Derridas Gegenentwurf zum zweistelligen hierarchischen Zeichenbegriff kann als „Modell des unendlichen Verweises“ 214 oder „Modell der Signifikantenkette“ 215 be- zeichnet werde. Jeder Signifikant verweist in seiner Iteration auf vorherige Ver- wendungen wie auch auf die anderen Elemente im Zeichensystem, so dass „sich jedes ‚Element’ … aufgrund der in ihm vorhandenen Spur der anderen Elemente der Kette oder des Systems konstituiert.“ 216 Deshalb ist der Ausdruck ‚Signifikan- tenkette’ irreführend und sollte besser durch ‚Gewebe’ oder ‚Text’ ersetzt werden, wie auch Derrida es vorschlägt. 217

„Kein Element kann je die Funktion eines Zeichens haben, ohne auf ein ande- res Element, das selbst nicht einfach präsent ist, zu verweisen, sei es auf dem Gebiet der gesprochenen oder auf dem Gebiet der geschriebenen Sprache. Aus dieser Verkettung folgt, daß sich jedes ‚Element’ … aufgrund der in ihm vor-

210 Derrida (2001), S.24.

211 Derrida (2001), S.29.

212 Ebd.

213 Krämer (2001), S.226.

214 Vgl. Lagemann (1998), S.122.

215 Vgl. ebd., S.124.

216 Derrida (1986), S.67.

217 Vgl. ebd.

handenen Spur der anderen Elemente der Kette oder des Systems konstituiert. Diese Verkettung, dieses Gewebe ist der Text, welcher nur aus der Transfor- mation eines anderen Textes hervorgeht. Es gibt nichts, weder in den Elemen- ten noch im System, das irgendwann oder irgendwo einfach anwesend oder abwesend wäre.“ 218

Wie ich oben herausgearbeitet habe, finden sich diese wesentlichen Merkmale der Zeichenkonstitution sowie das damit verbundene Problem, die Identität ei- nes Zeichens zu bestimmen, schon bei Saussure: die Ablehnung des dualen Zei- chenbegriffs, der notwendig soziale Charakter des Zeichens in der Weitergabe und damit verbunden die Historizität der Sprache, die eine Kontinuität der langue – auf sozialer wie individueller Ebene – in ‚evidenter Wechselbezie- hung’ mit ihrer Transformation impliziert. Das folgende Zitat Saussures zur kontinuierlichen Transformation der Sprache in der Zeit z.B. könnte sich auch als eine Charakterisierung der Iterabilität in Derri- das Texten finden: „Die Kontinuität schließt die Tatsache der Veränderung, die ei- ne Verschiebung von Werten ist, mit ein.“ 219 Mareike Buss hat nun das Konzept der Spur – zweifellos in Anlehnung an Derrida – auch auf Saussure übertragen, indem sie auf der Basis der wechselseitigen Kon- stitution von parole und langue diese als ein „System von Gebrauchsspuren“ cha- rakterisiert hat. Ich folge hier dieser Argumentation:

„In den individuellen parasemischen Strukturen des ‚inneren Schatzes’ eines Sprechers oder Hörers sind die Spuren vormaliger Zeichenverwendungen ver- zeichnet – Gebrauchsspuren.“ 220 Auf diesen Gebrauchsspuren wandelnd orien- tieren sich die Sprecher an den bisherigen Zeichenverwendungen, wobei sie in der jeweiligen Anwendung die Spur mehr oder weniger verändern. In der paro- le findet die Konstitution wie Erneuerung der Spur statt, die gleichzeitig Vor- aussetzung der Sprech- oder Verstehenshandlung ist:

„Die langue ist als System von Gebrauchsspuren der sich stets verändernde Hintergrund, vor dem die kommunikativen Akte der Sprechergemeinschaft ablaufen. (…) Die durch den Sprachgebrauch sanktionierten Sprachverwen- dungen wirken auf das parasemische Netzwerk zurück, indem sie übliche Zei-

218 Derrida (1986), S.66f.

219 Saussure (1997), S.402, N 23.6 “Notizen zu Cours III. Notwendigkeit der Veränderung der Zei- chen: Synchronie und Diachronie”.

220 Buss (2005), S.222.

chenverwendungen sedimentieren und verstärken, während das System durch neue, unübliche Verwendungen verändert wird.“ 221

Die Analogie lässt sich auch vor diesem Hintergrund als ein grundlegendes Prinzip der sprachlichen Fluktuanz, der Iterabilität des Sprachzeichens ausmachen. Mit der analogischen Kreation bewegen sich die Sprecher auf den Spuren der je vor- gängigen langue, indem sie aus einer Analyse ihrer je individuellen Parasemien schöpfen, um im gleichen Zug die soziale wie individuelle langue im selben Zug zu verändern. Mit dem Gedanken der Konstitution, der Genese der langue im Diskurs, welcher wiederum als Anwendung derselben gilt, kurz: mit der Konzeption der notwendi- gen Iterierbarkeit des Zeichens und der langue als ein System von Gebrauchsspu- ren lässt sich – wie Mareike Buss anmerkt – die Hierarchisierung von Regel und Anwendung im Zwei-Welten-Modell ins Wanken bringen:

„Die traditionelle dichotomische Hierarchie von langue und parole, also das Grundaxiom des ‚Zwei-Welten-Modells’ gerät damit ins Wanken, denn nicht das System hat Vorrang vor den einzelnen Sprechakten, sondern es besteht ei- ne Wechselwirkung zwischen den beiden Instanzen“. 222

4 Vom Diskurs zum Sprachspiel

Ich habe oben ausführlich die Saussuresche Semiologie als Gegenkonzeption zur Zwei-Welten-Ontologie herausgearbeitet. Dabei habe ich mich auf die analogische Kreation neuer Spracheinheiten als Ort der Veränderung der langue durch die pa- role konzentriert, als den Ort, an dem mittels des aposème als Gelenkstelle zwi- schen parole und Parasemie die langue von ihrer individuellen wie von ihrer so- zialen Seite verändert wird. Damit habe ich die Unzulänglichkeit einer Hierarchi- sierung von Kompetenz und Performanz erwiesen, die Auffassung vom jedesmali- gen Sprechen als Deformation der reinen Sprache als verfälschend herausgestellt. Vielmehr ist es ja die Deformation, die eine Form erst konstituiert. Im Folgenden werden wir uns Wittgenstein widmen, vor allem seinen Philosophi- schen Untersuchungen. Eine deutliche Parallele im Denken Saussures und Witt- gensteins ist die Kritik des dualen Zeichenbegriffs. Christian Stetter sieht auch eine klare Parallele Wittgensteins zu Derrida, der – wie gerade gezeigt – in seinen An-

221 Buss (2005), S.223.

222 Ebd.

sichten zum sprachlichen Zeichen stark Saussure ähnelt, wenn er behauptet, „daß die Sprachkritik Wittgensteins in den Philosophischen Untersuchungen dadurch eine neue Qualität erhält, daß sie zur Metaphysikkritik wird in Form der Destruk- tion des repräsentativen Zeichenbegriffs. Die erste Bedingung dafür, daß sie so ‚zu sich selbst’ kommt, ist die endgültige Überwindung der Abbildtheorie.“ 223 Wie in Abschnitt 3.2.3 herausgearbeitet ist jede Sprache notwendig sozial. Der Grund liegt in der „innere[n] Nichtigkeit [‚nullité’] der Zeichen“ 224 , im Arbitrari- tätsprinzip des Zeichens, welches – mit Stetter gesprochen – „zur transzendenta- len Bedingung des Gebrauchsprinzips der Bedeutung“ 225 wird. Entsprechend heißt es bei Wittgenstein: „Jedes Zeichen scheint allein tot … Im Gebrauch lebt es.“ 226 Saussure hat uns nun nicht nur mit dem Differenzprinzip und dem parasème das begriffliche Werkzeug für ein psychologisches Verständnis der Sprachbenutzer ge- liefert, sondern auch den engen Zusammenhang der Bedeutung eines Wortes mit seinem Gebrauch, seiner Funktion gesehen:

„Wir setzen keinen ernsthaften Unterschied zwischen den Termini Wert, Sinn, Funktion oder Gebrauchsweise einer Form an, nicht einmal zwischen diesen und dem ‚Begriff’ als Inhalt einer Form; diese Termini sind synonym.“ 227

Es ist aber Wittgenstein, der mit der Beschreibung verschiedener „Sprachspiele“ diese Synonymie von Bedeutung und Gebrauch eines Wortes, d.h. eben dieses Gebrauchsprinzip der Bedeutung tiefergehend betrachtet. Es ist Wittgenstein, der mit seiner ausgiebigen Betrachtung und Beschreibung von Sprachspielen die tat- sächliche Konstitution der Sprache verständlich zu machen sucht, der das „Arbei- ten der Sprache“ 228 beschreibt. Während die analogische Kreation bei Saussure auf der morphologischen Ebene stattfindet und eine Neukombination bestehender morphologischer Elemente der langue bedeutet, werden wir bei einer Betrachtung von Wittgensteins Analogie- Begriff, den wir mit Hans J. Schneiders Projektionsbegriff erklären, den Fall vor-

223 Stetter (1974), S.33.

224 Saussure (1997), S.365, N 15 „Item“.

225 Stetter (1996), S.428.

226 PU 432.

227 Saussure (2003), S.87f, [3f] [Wert, Sinn, Bedeutung …].

228 Vgl. Wittgenstein (1999), Abschnitt 109 und 132 [PU 109 & 132]. Im Folgenden werden wie meist üblich die Abschnitte des ersten Teils der Philosophischen Untersuchungen abkürzend mit PU x zitiert, wobei an die Stelle des x die Nummer des jeweiligen Abschnitts tritt.

finden, dass ein bestehendes sème wie auch ein syntaktisches Gefüge durch die Kreativität der Sprecher in unkonventioneller Weise gebraucht wird, wodurch sich das sème und mit ihm die gesamte Parasemie wandelt.

5

Wittgenstein

Ich werde in diesem Kapitel zunächst einen Aspekt des wittgensteinschen Gebrauchs des Ausdrucks ‚Analogie’ skizzieren, den Aspekt von Analogien als Sprachzuständen. Anschließend werde ich mit Hans Julius Schneiders Interpreta- tion des Wittgensteinschen Begriffs der Projektion in der Philosophischen Gram- matik die Genesis von Analogien erläutern. Zum Abschluss des Kapitels erfolgt ei- ne knappe Erläuterung des Regelbegriffs der Philosophischen Untersuchungen in Abgrenzungen zur Projektion als kreativem Regelbruch.

5.1 Wittgensteins Gebrauch des Terms ‚Analogie’

Die Betrachtung des Ausdrucks ‚Analogie’ in den Schriften Wittgensteins führt uns direkt ins Zentrum seines Philosophierens. Denn einerseits bestimmt Wittgenstein Analogien unserer Sprache als hauptsächliche Gründe für die Verirrungen der tra- ditionellen Philosophie, der Metaphysik, die Wittgenstein ja destruieren will. An- dererseits ist Wittgensteins Methode zu philosophieren grundlegend geprägt vom analogischen Denken. Er therapiert uns von den durch unerkannte Analogien ent- standenen philosophischen Fragen, oftmals indem er uns mittels von ihm selbst kreierter Analogien eine Sache in neuem Licht sehen lässt. Ich werde mich hier vor allem dem ersten Punkt widmen, der den Grund für Witt- gensteins Philosophieren abgibt. 229 So schreibt er schon im Big Typescript:

„Wenn ich einen philosophischen Fehler rektifiziere und sage, man hat sich das immer so vorgestellt, aber so ist es nicht, so muß ich immer eine Analogie aufzeigen, nach der man gedacht hat, die man aber nicht als Analogie erkannt hat.“ 230

229 Zum zweiten Punkt, zu ‚Wittgensteins analogischem Denken’ und Philosophieren vgl. Arroyo

(2006).

230 Wittgenstein (2000), S.408f. Ich zitiere hier und im Folgenden nach der Seitenzählung des Ty-

poskripts. Im Typoskript finden sich hier folgende Varianten: „…, so zeige ich immer auf eine Ana-

zeigen/, nach der man sich gerichtet hat, und, daß diese Analogie nicht

logie/so muß ich immer

In diesem Typoskript, das Wittgenstein wahrscheinlich im Laufe des Jahres 1933 verfasste 231 , bestimmt Wittgenstein sein Ziel also als eine Berichtigung philosophi- scher Fehler, welche mittels des Aufzeigens nicht erkannter Analogien stattfinden soll. Demgemäß spricht er auch noch in den Philosophischen Untersuchungen da- von, Klarheit zu schaffen durch das Wegräumen von Missverständnissen, „die den Gebrauch von Worten betreffen; hervorgerufen, unter anderem, durch gewisse Analogien zwischen den Ausdrucksformen in verschiedenen Gebieten unserer Sprache.“ 232 Um ein besseres Verständnis von der Irreführung durch Analogien zu erlangen, bietet sich als begriffliche Basis eine Erläuterung der wittgensteinschen Unter- scheidung von Oberflächen- und Tiefengrammatik an. Gleichwohl Wittgenstein diese Termini nur in einem Abschnitt der Philosophischen Untersuchungen er- wähnt, sind diese Begriffe zum Verständnis vieler Gedanken Wittgensteins – wie z.B. seines Begriffs der Analogie – von äußerstem Nutzen. In PU 664 heißt es:

„Man könnte im Gebrauch eines Wortes eine ‚Oberflächengrammatik’ von ei- ner ‚Tiefengrammatik’ unterscheiden. Das, was sich uns am Gebrauch eines Worts unmittelbar einprägt, ist seine Verwendungsweise im Satzbau, der Teil seines Gebrauchs – könnte man sagen – den man mit dem Ohr erfassen kann. – Und nun vergleiche die Tiefengrammatik, des Wortes ‚meinen’ etwa, mit dem, was seine Oberflächengrammatik uns würde vermuten lassen. Kein Wunder, wenn man es schwer findet, sich auszukennen.“ 233

Bei der Oberflächengrammatik handelt es sich um die Verwendungsweise der Wörter im Satzbau, das heißt um die Ordnung der Wörter im Syntagma. Somit entspricht der Term ‚Oberflächengrammatik’ in etwa der klassischen Auffassung von Grammatik. Eine solche klassische Grammatik leistet die Einteilung der Wör- ter in Subjekt, Prädikat, Objekt etc., also in Wortklassen, deren Elemente dadurch bestimmt sind, dass sie an ihren jeweiligen Stellen im Satzbau austauschbar sind, ohne die Wohlgeformtheit des Satzes zu beeinträchtigen. Das, was Wittgenstein ‚Tiefengrammatik’ oder oftmals auch nur ‚Grammatik’ nennt ist ein zentraler Begriff der wittgensteinschen Spätphilosophie und bezieht

stimmt.“ Die Schrägstriche ‚/’ markieren Varianten des Typoskript-Textes. Den serifenlos wiederge- gebenen Wörtern entspricht eine gewellte Unterstreichung im Typoskript.

231 Vgl. zur zeitlichen Einordnung die Einleitung in Wittgenstein (2000) von Michael Nedo, S.VII.

232 PU 90.

233 PU 664.

sich auf den Gebrauch eines Wortes in Sprachspielen, d.h. den Gebrauch von Sprache in sozialen Handlungszusammenhängen, die mit Sprechhandlungen ver- bunden sind. Wenn er im oben schon zitierten Abschnitt 90 der Philosophischen Untersuchungen die klarifizierende Betrachtung eine „grammatische“ nennt, be- zieht er sich explizit darauf, Licht in philosophische Probleme zu bringen, indem er „Mißverständnisse, die den Gebrauch von Worten betreffen“ 234 , den Gebrauch von Worten „in verschiedenen Gebieten unserer Sprache“, aufklären will. Das tut er mittels des Aufzeigens von irreführenden Analogien, welches uns vor Irrwegen bewahren und dabei helfen soll, „sich auszukennen“ 235 . Im Blauen Buch schildert Wittgenstein die Gefahr, analoge Oberflächengrammati- ken von Wörtern als gleichfalls analoge Tiefengrammatiken zu deuten, folgender- maßen: „Wenn Wörter in unserer Umgangssprache prima facie analoge Gramma- tiken haben, sind wir geneigt zu versuchen, sie analog zu deuten; d.h. wir versu- chen, die Analogie durchweg bestehen zu lassen.“ 236 Wir nehmen also die augenscheinliche Gleichförmigkeit der oberflächengrammati- schen Verwendungsweise zweier Wörter – wie z.B. ‚sagen’ und ‚meinen’ – wahr und schließen auf eine tiefengrammatische Gemeinsamkeit, in dem betrachteten Beispiel also auf die Bezugnahme des Wortes auf eine Handlung nicht nur beim Wort ‚sagen’, sondern auch mit dem Wort ‚meinen’, welches sich dann auf eine geistige Handlung bezieht. Die gleichförmige Strukturiertheit der Oberflächengrammatik ist also die Quelle philosophischer Irrtümer oder wie Wittgenstein auch sagt: „Es ist eine Hauptquel- le unseres Unverständnisses, daß wir den Gebrauch unserer Wörter nicht überse- hen. – Unserer Grammatik fehlt es an Übersichtlichkeit.“ 237 Nun hat Wittgenstein es sich zur Aufgabe gemacht eine „übersichtliche Darstel- lung“ 238 unserer Grammatik zu liefern. Gleichwohl handelt es sich dabei nicht um eine umfassende Darstellung, denn „es wird nun an Beispielen eine Methode ge- zeigt, und die Reihe dieser Beispiele kann man abbrechen. – Es werden Probleme

234 PU 90.

235 Vgl. PU 664 und unten, wo noch weitere Beispiele dieser wittgensteinschen Orientierungsmeta- phorik genannt werden.

236 Wittgenstein (1984), S.23.

237 PU 122.

238 Ebd.

gelöst (Schwierigkeiten beseitigt), nicht ein Problem.“ 239 Wittgenstein zufolge hat ein philosophisches Problem, das ja immer daraus resultiert, dass uns die „Ein- sicht in das Arbeiten der Sprache“ 240 fehlt, dass wir also „den Gebrauch unserer Wörter nicht übersehen“ die Form: „’Ich kenne mich nicht aus.’“ 241 Anstatt also unreflektiert die „unverstandene Verwendung“ eines Wortes wie z.B. ‚verstehen’ „als Ausdruck eines seltsamen Vorgangs zu deuten“ 242 und darauf aufbauend eine Reihe philosophischer Probleme zu konstruieren, sieht Wittgenstein seine gram- matische Orientierungslosigkeit ein und versucht mit einer „Menge von Land- schaftsskizzen“ 243 , die ja per se rein beschreibend sind, den Grund der Probleme in einer Missachtung oder einem Missverstehen der tiefengrammatischen Beziehun- gen unserer Sprache freizulegen und damit die Probleme selbst aus der Welt zu schaffen. Dass diese Aufgabe durch Beschreibung von bereits Bestehendem und nicht durch Erklärung geleistet wird, zeigt sich sehr schön in PU 109:

„[W]ir dürfen keinerlei Theorie aufstellen. Es darf nichts Hypothetisches in unsern Betrachtungen sein. Alle Erklärung muß fort, und nur Beschreibung an ihre Stelle treten. Und diese Beschreibung empfängt ihr Licht, d.i. ihren Zweck, von den philosophischen Problemen. Diese sind freilich keine empiri- schen, sondern sie werden durch eine Einsicht in das Arbeiten unserer Spra- che gelöst, und zwar so, daß dieses erkannt wird: entgegen dem Trieb, es miß- zuverstehen. Diese Probleme werden gelöst, nicht durch Beibringen neuer Er- fahrung, sondern durch Zusammenstellung des längst Bekannten. Die Philo- sophie ist ein Kampf gegen die Verhexung unsres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache.“ 244

Ich werde mich nach dieser Skizze der wittgensteinschen Charakterisierung eines philosophischen Problems und nach unserem kurzen Blick auf seine Methode an diesem Ort aber nicht mit weiteren Konsequenzen von Wittgensteins grundlegen- den Einsichten für die Methode seiner Philosophie oder für eine Philosophie des Geistes befassen. Die vorhergehende Betrachtung macht deutlich, das Wittgenstein den Ausdruck ‚Analogie’ überwiegend benutzt, um auf bestehende grammatische Verhältnisse hinzuweisen, auf oberflächengrammatische Ähnlichkeiten von Formen unserer

239 PU 133.

240 PU 109.

241 PU 123.

242 Vgl. PU 196.

243 PU, Vorwort S.231.

244 PU 109.

Sprache, die sich nicht mit Ähnlichkeiten in der Tiefengrammatik , d.h. in ihren Gebrauchsweisen, decken und denen wir deswegen unsere philosophischen Prob- leme verdanken. Ich werde im nächsten Schritt das Zustandekommen von Analo- gien in der Sprechhandlung und damit die analogische Verfasstheit der Sprache mit der Interpretation von Wittgensteins Begriff der Projektion durch Hans Julius Schneider erläutern. Wir deuten also Analogien im Sinne bestehender grammati- scher Verhältnisse als überkommene Produkte kreativer Handlungen, nämlich der Projektionen. Wir vereinfachen insofern Wittgensteins Analogiebegriff zum Zweck eines besseren Verständnisses, indem wir sagen: Der Terminus ‚Analogie’ bezieht sich auf einen Sprachzustand, auf grammatische Verhältnisse unserer Sprache, welche aber je Ergebnis kreativer Sprechhandlungen, nämlich von Projektionen, sind.

5.2

Projektion

Die Grundlage dieses Abschnitts bildet ein Gedankengang aus Hans Julius Schnei- ders Buch Phantasie und Kalkül. Über die Polarität von Handlung und Struktur in der Sprache. 245 Schneider beginnt seine Argumentation mit einem Vergleich Wittgensteins aus der Philosophischen Grammatik, wo dieser unsere gewöhnliche Subjekt-Prädikat-Objekt-Struktur, also das, was er später Oberflächengrammatik nennen wird, einer Projektion gegenüberstellt. 246 Zunächst geht Wittgenstein von der Annahme einer Ebene I aus, welche die Wirklichkeit bzw. logische Formen darstellt, die in eine Ebene II, die Sprache, projiziert wird. 247 Die Stelle in der Philosophischen Grammatik, auf die sich Schneiders Interpretati- on bezieht, lautet wie folgt:

„Es wäre unsere Aufgabe, Figuren verschiedener Gestalt, die sich in einer Ebe- ne I befänden, in eine Ebene II zu projizieren. Wir könnten dann eine Projek- tionsmethode bestimmen (etwa die der orthogonalen Projektion) und nach ihr die Abbildung führen. Wir könnten dann auch leicht von den Bildern auf der Ebene II auf die Figuren in I Schlüsse ziehen. Wir können aber auch diesen Weg einschlagen: Wir bestimmen etwa (vielleicht weil uns diese Darstellung am bequemsten ist) daß die Bilder in der zweiten Ebene sämtlich Kreise sein

245 Vgl. Schneider (1992), Teil IV, Unterkapitel 6 & 7, S.319-345.

246 Vgl. Wittgenstein (1984b), S.204f.

247 Ganz ähnlich zu Saussure und Derrida nehmen Wittgensteins Überlegungen hier wie an anderen Orten auch von einer Repräsentationstheorie der Sprache ihren Ausgang, um – wie wir sehen wer- den – die Inadäquatheit einer solchen Theorie nachzuweisen.

sollen, – was immer die abgebildeten Figuren in der ersten Ebene sein mögen. Das heißt, verschiedene Figuren der ersten Ebene werden durch verschiedene Projektionsmethoden in die zweite abgebildet. Um dann die Kreise in II als Bilder der Figuren in I zu deuten, werde ich zu jedem Kreis die Projektionsme- thode angeben müssen; die bloße Tatsache aber, daß sich eine Figur in I als ein Kreis in II darstellt, sagt nun allein noch nichts über die Gestalt der abgebilde- ten Figur. Daß das Bild in II ein Kreis ist, ist ja die festgesetzte Norm unserer Abbildung. – Dasselbe geschieht nun, wenn wir die Wirklichkeit nach der Sub- jekt-Prädikat Norm in unsere Sprache abbilden. Das Subjekt-Prädikat Schema dient als Projektion unzähliger verschiedener logischer Formen.“ 248

Die ‚festgesetzte Norm der Abbildung’ ist im Beispiel also nicht eine bestimmte Projektionsmethode, wie z.B. die orthogonale, sondern eine Festlegung der auf der Ebene II erscheinenden Formen, die kreisförmig sein bzw. Subjekt-Prädikat-Form haben sollen. Wir haben also traditionell unser Subjekt-Prädikat-Schema, welches als einförmige Projektion verschiedener „logischer Formen“ bzw. verschiedener Sachverhalte dient. Das Abgebildete selbst scheint mithin bei Wittgenstein nicht einfach als Wirklichkeit gefasst zu sein, denn er nennt ja auch ‚logische Formen’ als Ausgang des Projektionsprozesses. Wir wollen hier jedoch der Auseinandersetzung Wittgensteins mit seinen Lehrern Frege und Russell nicht weiter folgen, weil eine solche logische Betrachtung unseren Rahmen sprengen würde und werden uns deswegen auf die Darstellung der Probleme beschränken, welche eine Konzeption der Projektion von Wirklichkeit mit sich bringt. 249 Tatsache ist: Damit die Projektionen verschiedener Dinge jeweils die normierte Struktur aufweisen, muss sich von Projektion zu Projektion die Projektionsmetho- de unterscheiden. Da diese aber nicht angegeben wird, lässt sich schließen: So wir nur die Projektionen nicht aber die jeweilige Projektionsmethode kennen, ist es unmöglich eine Aussage über die Struktur des Projizierten, d.h. der Wirklichkeit oder der ‚logischen Formen’, zu machen. Somit wird die Oberflächengrammatik nicht dem Abgebildeten gerecht, d.h. sie ist inadäquat, weil sie eben nicht immer „orthogonal“ oder mit einer anderen regelmäßigen Projektionsmethode abbildet:

„Sie ist verfälschend, weil sie relevante Unterschiede verwischt oder ganz ver- schwinden läßt.“ 250 Dementsprechend vermutet Schneider: Wittgensteins „primä-

248 Wittgenstein (1984a), S.204f. In ähnlicher Form finden wir diesen Vergleich auch in den Philo-

sophischen Bemerkungen Wittgensteins, vgl. Wittgenstein (1964), S.118f.

249 Zu Wittgensteins Auseinandersetzung mit Frege und Russell an dieser Stelle der Philosophi- schen Grammatik vgl. Schneider (1992), S.324-331.

250 Schneider (1992), S.320.

res Ziel ist offenbar, auf Differenzierungen in den Gebrauchsmöglichkeiten eines Ausdrucks oder einer Ausdrucksweise hinzuweisen.“ 251 Als Beispiel einer solchen Differenzierung betrachtet Wittgenstein Namen und be- hauptet: Wir haben verschiedene Arten von Namen, „da verschiedene grammati- sche Regeln von ihnen gelten“ 252 . Handelt es sich z.B. um Namen für räumliche Gegenstände, „so beruht unsere Verwendung dieser Namen auf einem Kriterium der Identität, das die Kontinuität der Bewegung der Körper und ihre Undurch- dringlichkeit zur Voraussetzung hat.“ 253 Dieser Gebrauch von Namen ist nun nicht möglich, wenn wir es mit sich gegenseitig durchdringenden Dingen zu tun haben, z.B. mit zwei zusammenfließenden Flüssen. Wittgenstein spricht hier von der Möglichkeit, „daß ich nun ein ganz neues Kriterium der Identität einführe“ 254 , was Schneider als einen ‚aktiven Schritt’ bezeichnet, „der frei gewählt wird“ 255 . So kön- nen wir den vereinten Fluss nach einem der beiden zusammenfließenden Flüsse benennen, etwa nach dem, der in die gleiche Richtung fließt, wie Wittgenstein vor- schlägt, oder nach dem Fluss, der die größere Wassermenge führt oder aber wir geben dem Fluss nach der Vereinigung einen ganz neuen Namen. Der ausschlag- gebende Punkt hier ist:

„Die Regeln, die die verschiedenen Arten von Namen konstituieren (Perso- nennamen, Flußnamen etc.), sind … nicht durch ‚die Wirklichkeit’ festgelegt; es hätte hier keinen Sinn zu sagen, diejenige Unterscheidung von Wortarten sei eine logische, deren Regeln sich (im Sinne einer orthogonalen Projektion) an der Wirklichkeit orientieren. (…) Vielmehr müssen wir selbst, wenn wir Flüssen auf eine ähnliche [d.h. analoge, A.P.] Art, wie wir es bei Personen tun, Namen geben wollen, wenn unsere gewohnten Identitätskriterien dabei aber nicht brauchbar sind, in einem voranschreitenden projektiven Schritt neue Kriterien festlegen.“ 256

Hier zeichnet sich schon ab, wie Schneider das wittgensteinsche Bild von der Pro- jektion interpretiert, wie er bei Wittgenstein eine Drehung dieses Bildes ausmacht. So haben wir es in unserem Namenbeispiel mit der Erschließung einer neuen Gebrauchsmöglichkeit von Namen, einer Anwendung von Namen „in einem neuen

251 Schneider (1992), S.325.

252 Wittgenstein (1964), S.118.

253 Wittgenstein (1984b), S.203f.

254 Wittgenstein (1984b), S.203.

255 Schneider (1992), S.330.

256 Schneider (1992), S.330f.

Anwendungskontext“ 257 zu tun, wenn wir beginnen, sich gegenseitig durchdrin- genden Gebilden wie Flüssen Namen zu geben und im selben Zuge für die benann- ten Dinge Identitätskriterien zu entwickeln gezwungen sind, die aber wohlgemerkt nicht von der Realität vorgegeben sind. An das Fluss-Beispiel anschließend folgert Schneider für die sprachlichen Projek- tionen:

„Der Ausgangspunkt einer Projektion in diesem Sinne ist also nicht eine in sich schon strukturierte und nun sprachlich zu artikulierende Wirklichkeit; die Gleichförmigkeit der grammatischen Formen ist nicht das Resultat einer Re- duktion einer für sich existierenden, verfügbaren Vielfalt auf wenige sprachli- che Formen. Vielmehr ist der Ausgangspunkt der Projektion die für einen be- stimmten, notwendigerweise zunächst spezifischen sprachlichen Handlungs- bereich schon entwickelte Form, die dann in einem freien, aus den jeweils bis dahin verfügbaren Handlungsmöglichkeiten (‚Regeln’) der Sprache nicht vor- hersehbaren Schritt der Spontaneität, der Phantasie, auf andere Bereiche des Handelns übertragen wird, wobei ein äußerer oder innerer Handlungsdruck durchaus eine Rolle spielen kann. 258

In der Not bzw. unter ‚äußerem oder innerem Handlungsdruck’ stehend, weil es etwas Neues auszudrücken gilt, d.h. ein Sprachspiel zu spielen ist, dessen Regeln noch nicht konventional festgelegt sind, sind die Sprachbenutzer gezwungen, be- stehende sprachliche Formen in einem ‚freien Schritt der Spontaneität, der Phan- tasie’, auf neue Handlungsbereiche zu übertragen, womit sie das Fundament für mögliche neue Sprachspiele legen, die sich mit der regelmäßigen Wiederholung der Projektion konstituieren. Schneider präsentiert schließlich die Pointe von Wittgensteins Projektionsvergleich:

Die Projektionsstrahlen haben ihre Richtung um einhundertachtzig Grad ge- dreht: sie gehen nicht mehr von ‚der Wirklichkeit’ zur Sprache (deren Struktur im orthogonalen Fall der Struktur dieser ‚Wirklichkeit’ entspricht), sondern von der Sprache (von einem spezifischen Sprachspiel) zu bisher nicht zur Sprache gekommenen Bereichen der ‚Wirklichkeit’.“ 259

Mithin behauptet auch Wittgenstein einen erkenntniskonstitutiven Charakter der Sprache. Entsprechend konstatiert auch Kurt Wuchterl mit Bezug auf das Verhält- nis von Sprache und Welt bei Wittgenstein: „[N]icht die Welt, deren Struktur sich in der Sprache zeigt, schreibt der Sprache ihr Wesen vor, sondern die Sprache ist

257 Schneider (1992), S.332.

258 Ebd.

259 Schneider (1992), S.332f.

als Ausdruck einer originären Lebensform das Urgegebene, von der aus die Welt anvisiert werden kann.“ 260 Damit „zeichnet [die Sprache] nicht einfach die ontolo- gischen Strukturen nach, sondern stellt ein Konstitutionssystem der Welt dar. (…) Die Sprache ist an der Gegenstandskonstitution beteiligt.“ 261 In diesem Zusammenhang ist bemerkenswert, dass Schneider im weiteren Verlauf seines Gedankengangs auf eine Stelle im Braunen Buch verweist, wo Wittgenstein die Projektion einer räumlichen Zustandsbeschreibung auf die Fähigkeit eines Menschen, etwas zu tun, die sich in Ausdrücken wie ‚er ist in der Lage oder im- stande … zu tun’ niederschlägt, als Metapher bezeichnet. Letztendlich handelt es sich bei einer Projektion – wir werden diesen Umstand im sechsten Kapitel mit Nelson Goodman genauer betrachten – um eine Metapher, eine Übertragung, ei- nen Transfer, denn: „Eine verfügbare Ausdrucksweise wird auf eine neue Art von Fällen übertragen; ein neues Problem sehen und lösen wir im Licht und mit Hilfe einer alten sprachlichen Form.“ 262 Wittgenstein hat also schon die Projektion als Metapher begriffen, Analogien konstituieren sich somit in linguistischen Übertra- gungshandlungen. Schneider bezeichnet die Projektion dementsprechend auch als Metapher, er unterscheidet aber die – von ihm vornehmlich betrachtete – ‚syntak- tische Metapher’, in deren Vollzug ja ‚Komplexbildungsweisen’ oder „Fügungswei- sen“ 263 , d.h. syntaktische Strukturen, wie etwa die Subjekt-Prädikat-Struktur, auf verschiedene Bereiche menschlichen Handelns projiziert werden von der traditio- nellen (‚lexikalischen’) Metapher, bei der „ein ‚lexikalisches’ Wort so verwendet wird, wie es der bis dahin üblichen Sprachpraxis nicht entspricht.“ 264 Wir werden in Kapitel 7 auf die Problematik der Unterscheidung von Metaphern auf verschie- denen sprachlichen Ebenen zurückkommen. Nun ist dieser metaphorischen Projektion, ob ‚syntaktisch’ oder ‚lexikalisch’, ähn- lich wie Saussures analogischer Kreation, ja ein ‚konstitutiver Charakter’ inhä- rent. 265 Dabei handelt es sich um die Tatsache, dass die Übertragung einer Form von einer konventionellen Weise des Gebrauchs auf einen ‚neuen Bereich der

260 Wuchterl (1969), S.110.

261 Wuchterl (1969), S.113. Vgl. zur erkenntniskonstitutiven Funktion der Sprache bei Saussure oben S.22f.

262 Schneider (1992), S.333.

263 Vgl. Schneider (1992), S.410f

264 Schneider (1992), S.410.

265 Vgl. Schneider (1992), S.339.

Wirklichkeit’ sich nicht durch einen ‚eigentlichen’ Sprachgebrauch ersetzen lässt. Das ist auch der Grund warum Wittgenstein Analogien zwar oft als ‚irreführend’, ausdrücklich aber nicht als ‚falsch’ bezeichnet. 266 Sie haben eben ihre erkenntnis- konstitutive Funktion und ermöglichen uns die Erschließung neuer Bereiche der Wirklichkeit. Folglich sind sie in den jeweiligen Sprachspielen unersetzlich, denn sie ‚tun ihre Schuldigkeit’. 267

5.3 Regelbefolgung vs. Projektion

Wir wollen nun die Unterschiede und Gemeinsamkeiten sowie das Zusammenspiel von Regelbefolgung und Projektion, von gewöhnlichem Sprachgebrauch und Ana- logie, betrachten. Schneider spricht hier von ‚entgegengesetzten Seiten des Konti- nuums’ sprachlicher „’Operationen’ der Phantasie“ 268 , die er als „Operationen in einem Kalkül“ auf der einen und die bereits erläuterten „Projektionsschritte“ auf der anderen Seite bestimmt. Da sich beide Handlungen in unterschiedlichem Ma- ße der Phantasie bedienen, muss wohl auch die Regelbefolgung einen kreativen Kern enthalten, was im Folgenden gezeigt werden soll. Die folgende kurze Erläuterung des Regelbegriffs in den Philosophischen Untersu- chungen liefert die allgemeine Kritik am Regelbegriff der Zwei-Welten-Ontologie wie wir ihn in 2.1 skizziert haben. Wir orientieren uns in unserer Betrachtung der wittgensteinschen Auffassung vom Regelbefolgen an Christian Stetters Aufzählung von drei Aspekten des Befolgens einer Regel, die Wittgenstein hervorhebt: 1. den praktischen Aspekt, 2. den normativen Aspekt und 3. den sozialen Aspekt. 269 Der praktische Aspekt bezieht sich auf den kreativen Akt in jeder Regelbefolgung, welcher uns hier am meisten interessiert. Entgegen der Annahme, das Einer- Regel-folgen bestehe in einem hermeneutischen Akt, in einem Akt der Deutung, stellt Wittgenstein fest, dass eine Regel deuten lediglich heißt: „einen Ausdruck der Regel durch einen anderen ersetzen“. 270 Zudem arbeitet er an verschiedenen Stel-

266 Vgl. zu Wittgensteins Verteidigung der Richtigkeit des normalen Gebrauchs von Analogien, die uns beim Philosophieren in die Irre führen können: PU 402, PU 305, PU 306.

267 PU 402. Vgl. zu dieser zunächst paradox klingenden Haltung Wittgensteins, die Analogien zwar

als irreführend nicht aber als falsch zu bezeichnen Schneider (1992), S.336-339.

268 Schneider (1992), S.342.

269 Vgl. Stetter (1998), S.571-575.

270 PU 201.

len heraus, dass ein Regelausdruck genauso wie seine Deutung, die ja den Re- gelausdruck nur durch einen anderen ersetzt, nicht a priori ihre Befolgung un- missverständlich festlegen kann. „Jede Deutung hängt, mitsamt dem Gedeuteten in der Luft; sie kann ihm nicht als Stütze dienen. Die Deutungen allein bestimmen die Bedeutung nicht.“ 271 Jede Regel stellt vielmehr in ihrer Form als eine allgemeine Anweisung den Regelanwender vor die Frage, ob und wie er die Regel im je speziellen Fall anwen- den soll. Die Anwendung der Regel selbst kann nicht geregelt sein, weil diese Rege- lung der Regel auch missverständlich wäre und wiederum einer Regel bedürfte etc., so dass wir zu folgendem Schluss kommen: „Das Befolgen einer Regel kann letztlich nicht selbst geregelt sein; andernfalls geriete man in einen infiniten Re- gress.“ 272 Somit muss man „die Anwendung der Regel im besonderen Fall“ eben „ohne Führung machen.“ 273 Es gibt nämlich keinen Regelausdruck, der „keinen Zweifel eindringen“ 274 lässt, das ‚Spiel’, welches wir mit den Wörtern unserer Spra- che spielen „ist nicht überall von Regeln begrenzt“ 275 . Am Ende ist der Gebrauch der Sprache ein Handeln, wir vollziehen den Sprechakt spontan, eben ‚ohne Füh- rung’. 276 Der Regel folgen’ ist eine Praxis. 277 und zwar eine kreative Praxis, denn „auch die erprobteste Regelanwendung fordert immer wieder einen Schritt der Phantasie.“ 278 Auch die abgedroschensten Sprechhandlungen bergen in sich einen kreativen Kern. Die Bedeutung einer Regel zeigt sich nun mit Wittgenstein in die- sem Akt ihrer Befolgung, in der praktischen Anwendung. Die Projektionen finden wir wie gesagt am anderen Pol kreativer sprachlicher Handlungen, da sie weitaus größeres kreatives Potential voraussetzen. Schneider setzt die beiden Grenzfälle phantasievoller Handlungen auch als „Kalkül und

271 PU 198.

272 Stetter (1997), S.577.

273 PU 292.

274 Vgl. PU 84.

275 PU 68. 276 Dieser kreative Aspekt jeder Regelbefolgung steht nicht im Widerspruch zu ihrem normativen Aspekt. Vielmehr zeigt sich an diesem Punkt bei Wittgenstein das Wechselspiel von Kontinuität und Transformation der Sprache in der Regelbefolgung und Regelveränderung. Vgl. oben Abschnitt 3.1.1 und 3.3.

277 Vgl. PU 202.

278 Schneider (1992), S.342, Anm. 69.

Phantasie“ 279 gegeneinander und bezeichnet die „Ineinanderschachtelung von Re- chen- und Projektionsschritten“ mit Wittgenstein „als ein charakteristisches Merkmal natürlicher Sprachen“ 280 :

„Das Einverständnis, das Gelingen im Handeln, erfordert in jedem Einzel- schritt Übertragungsfähigkeit, ‚Phantasie’; es ermöglicht dann aber den Auf- bau komplexer Handlungen, deren Muster auf neue Fälle schematisch ange- wendet werden können; es werden nach Regeln Strukturen erzeugt (‚Kalkül’). Sind sie vorhanden und beherrscht, laden sie zu Übertragungen, Projektionen, ‚Mißbräuchen’ ein, d.h. zu neuen, nicht schematisch erreichbaren Schritten.“ 281

Dies besagt, dass jede Analogie letztenendes aus einem durch den regelmäßigen Gebrauch seiner Elemente konstituierten Zeichensystem hervorgeht. Oder wie wir im Abschnitt 3.3.1 mehrmals in Bezug auf die Analogie bei Saussure betonten, wird jede innovative Form aus der bestehenden langue heraus gebildet, ist somit keine creatio ex nihilo, sondern hat ihre Grundlage im überkommenen Zeichensystem. Diesen systematischen, konventionellen Aspekt der Regelbefolgung, der als Vor- aussetzung von Regelbrüchen, Projektionen, analogischen Handlungen notwendig ist, finden wir in den beiden anderen Seiten – der normativen und sozialen Seite – der Regelbefolgung aufgehoben, die ich nun kurz erläutere. Dies geschieht ohne eine weitere Unterscheidung der beiden Aspekte, die für unsere Zwecke nicht nötig ist, weil die normative und soziale Seite eng miteinander verknüpft sind. Der normative Zwang ergibt sich daraus, dass ein Verstoß gegen eine Regel von anderen Mitgliedern der Sprach- und Lebensgemeinschaft sanktioniert wird. Witt- genstein schreibt: „Einer Regel folgen, das ist analog dem: einen Befehl befolgen. Man wird dazu abgerichtet und man reagiert auf ihn in bestimmter Weise.“ 282 Durch Abrichtung und die Sanktionierung unerwünschten Verhaltens wird die Re- gelmäßigkeit der Regelbefolgung durch den Einzelnen sichergestellt. Schon das Hineinwachsen in eine Gemeinschaft ist wesentlich mit der Abrichtung, mit dem Erlernen ihrer Regeln, der Gepflogenheiten, verbunden, die man sodann „blind“ befolgt. 283

279 Vgl. Schneider (1992), S.343. Der Haupttitel seines Buches ist ja auch „Phantasie und Kalkül“.

280 Vgl. Schneider (1992), S.342f.

281 Schneider (1992), S.343.

282 PU 206.

283 Vgl. PU 219: „Wenn ich der Regel folge, wähle ich nicht. Ich folge der Regel blind.“

Hier sind wir auch schon beim sozialen Zug des wittgensteinschen Regelbegriffs angelangt. In PU 199 macht Wittgenstein deutlich, die „Grammatik“ des Wortes „Regel“ lasse es nicht zu, dass „ein einziges Mal nur ein Mensch einer Regel ge- folgt“ 284 sei. Demnach ist es ein notwendiges Charakteristikum der Regel, dass sie in einer Gemeinschaft existiert und befolgt wird: „Einer Regel folgen, eine Mittei- lung machen, einen Befehl geben, eine Schachpartie spielen sind Gepflogenhei- ten285 . Hier wird auch der historische Charakter der Rede, ihre Konstitution durch wiederholte Anwendung in einer Gruppe deutlich. Damit von einer Regel gesprochen werden kann – Wittgenstein argumentiert da- für aufwändig in seiner Widerlegung der Möglichkeit einer privaten Sprache – ist Öffentlichkeit zur Kontrolle der richtigen Regelbefolgung eine notwendige Bedin- gung: So ist es nicht ausreichend, dass jemand glaubt, einer Regel zu folgen, damit wir auf die tatsächliche korrekte Regelbefolgung schließen können. In einer priva- ten Sprache, deren Wörter allein für einen einzelnen Sprachbenutzer gelten sollen, sind aber der Glauben, die Regel zu befolgen und die korrekte Regelbefolgung nicht voneinander zu trennen. Die Privatsprachenproblematik soll hier aber nicht näher betrachtet werden. 286 Die Existenz einer Regel, eine Gepflogenheit setzt also eine Gemeinschaft voraus, eine Lebensform, deren Mitglieder sich in Sprachspielen, im sprachlichen wie nichtsprachlichen Handeln, wechselseitig auf regelmäßige Verhaltensweisen ab- richten und Fehlverhalten sanktionieren. Somit können wir auch das Gebrauchs- prinzip der Bedeutung konkretisieren. Man kann zwar sagen: „Alle Bedeutungen der Wörter konkretisieren sich in ihrem Gebrauch innerhalb eines Sprach- spiels.“ 287 Allerdings reicht der Gebrauch alleine nicht aus. Wir können z.B. an Pla- tons Hermogenes denken, dessen radikaler sprachlicher Konventionalismus Kommunikation verunmöglichen würde. 288 „Doch die bloße Verwendung von

284 PU199

285 Ebd.

286 Vgl. PU 243-315 und Stetter (1997), S.579-587.

287 Wuchterl, (1969), S.131.

288 Vgl. Platon, Kratylos 384c-385e. In 385d spricht Hermogenes: „Ich wenigstens, Sokrates, weiß von keiner anderen Richtigkeit der Benennungen als von dieser, daß ich jedes Ding mit einem an- dern Namen benennen kann, den ich ihm beigelegt habe, und du wieder mit einem andern, den du.“ Zitiert nach: Platon (1994): Sämtliche Werke Band 3. Übersetzt von Friedrich Schleiermacher und Hieronymus und Friedrich Müller (Briefe). Reinbek.

Wörtern bildet noch keine Sprache. Erst die Regelhaftigkeit im Gebrauch ermög- licht das Sprachspiel.“ 289 Diese Regelhaftigkeit findet sich aber nur in einem sozia- len Zusammenhang, einer Gemeinschaft. Das Gebrauchsprinzip bezieht sich nicht nur auf die produktive Seite der Bedeutungskonstitution, sondern beinhaltet auch ihren sozialen und historischen Aspekt, nämlich die regelmäßige Handlungsweise der Mitglieder der Gemeinschaft in der Zeit, ihr kontinuierliches Spiel mehr oder weniger bestimmter Sprachspiele. Nach dieser kurzen Untersuchung des Verhältnisses von Regelfolgen und Re- gelmissbrauch oder kreativem Regelbruch, d.h. der Projektion, werden wir uns im folgenden Kapitel der Metaphorizität der Analogie widmen. Dies tun wir mit einer kurzen Einführung des Goodmanschen Metaphern- oder Transferbeg- riffs, der uns eine systematische Begrifflichkeit auf der Grundlage eines exten- sionalen Zeichenbegriffs liefert, die uns in unserer abschließenden Synthese des saussureschen Analogie- und des wittgensteinschen Projektionsbegriff als eine unabhängige Terminologie von großem Nutzen sein wird. 290

6 Die Metaphorizität der Analogie

Um ein Verständnis des goodmanschen Metaphernbegriffs zu gewährleisten, wird hier zunächst die nötigste Terminologie seiner allgemeinen Symboltheorie erläu- tert. Nelson Goodman hat einen sehr weiten Symbolbegriff. 291 Die Sprache ist nur ein Symbolsystem neben anderen wie Kunst, Wissenschaft und sogar der Wahr- nehmung. Von Goodmans Philosophie kann man sagen, dass sie den Ansatz der sprachanalytischen Philosophie weiterentwickelt, weil sie alle symbolischen Pro- zesse als erkenntnisschaffend ansieht, um daraus folgend eine allgemeine Symbol- theorie zu entwickeln. Goodman könnte demnach als ein Vertreter des medial

289 Wuchterl (1969), S.131.

290 Schneider verweist selbst auf die Ähnlichkeit von Projektion und Metapher, wobei er auch auf Goodmans Metaphernbegriff verweist. Vgl. Schneider (1992), S.366 und dort auch Anm. 5.

291 Vgl. Goodman (1997), S.9. Dort schreibt Goodman, ‚Symbol’ werde in seinen Werken „als ein sehr allgemeiner und farbloser Ausdruck gebraucht. Er umfasst Buchstaben, Wörter, Texte, Bilder, Diagramme, Karten, Modelle und mehr, aber er hat nichts Gewundenes oder Geheimnisvolles an sich.“

turns verstanden werden 292 . Er selbst sieht sich in der Tradition Kants und des linguistic turns. So schreibt er in der Einleitung seines Buches „Weisen der Welt- erzeugung“, dieses gehöre

„zur Hauptströmung der modernen Philosophie …, die damit begann, daß Kant die Struktur der Welt durch die Struktur des Geistes ersetzte, in deren Fortführung C.I. Lewis die Struktur der Begriffe an die Stelle der Struktur des Geistes treten ließ, und die nun schließlich dahin gekommen ist, die Struktur der Begriffe durch die Strukturen der verschiedenen Symbolsysteme der Wis- senschaften, der Philosophie, der Künste, der Wahrnehmung und der alltägli- chen Rede zu ersetzen.“ 293

Diese verschiedenen Symbolsysteme liefern uns ‚Beschreibungsweisen’, mittels de- rer wir Weltversionen für die verschiedensten Zwecke kreieren: „Wir sind bei al- lem, was beschrieben wird, auf Beschreibungsweisen beschränkt. Unser Univer- sum besteht sozusagen aus diesen Weisen und nicht aus einer Welt oder aus Wel- ten.“ 294 Symbolsysteme ermöglichen also Welterkenntnis, indem wir in ihnen Weltversion erschaffen. Neue Weltversionen entstehen immer aus alten Weltversi- onen anhand verschiedener Arten der Welterzeugung. 295 Was Goodman glaubt finden oder vielmehr erschaffen zu können ist eine „sie alle umfassende[] Organi- sation“ 296 . Er geht dabei den Weg „einer analytischen Erforschung von Typen und Funktionen von Symbolen und Symbolsystemen.“ 297 Denn Weltversionen sind uns in Symbolsystemen gegeben.

292 Vgl. zum „medial turn“ Margreiter (1999), der sich mit der Entstehung des medial turn und den Aufgaben einer Medienphilosophie auseinandersetzt.

293 Goodman (1990), S.10.

294 Goodman (1990), S.15. Goodman betont, dass die Erschaffung von Weltversionen keine beliebi- ge ist. Vielmehr unterliegt die Kreation von Weltversionen Kriterien wie „Triftigkeit, Bündigkeit, Reichweite, Informationsgehalt und organisierende Kraft des gesamten Systems“. [Vgl. Goodman (1990), S.34.]

295 Vgl. Goodman (1990), S.20-30. Als „Weisen der Welterzeugung“ aus bereits bestehenden Wel- ten nennt Goodman: Komposition und Dekomposition, Gewichtung, Ordnen, Tilgung und Ergän- zung sowie Deformation. Die Metapher zählt er hier nicht auf, allerdings bedeutet ihre Verwendung – wie wir unten sehen werden – eine Neuordnung und kann auch die anderen Weisen der Welter- zeugung mit einschließen.

296 Goodman (1990), S.18.

297 Ebd.

6.1

Aufbau eines Symbolsystems

Wie erwähnt haben wir es bei Goodmans Zeichenbegriff mit einem extensionalen zu tun, d.h. es findet eine klare Trennung zwischen der formalen, syntaktischen Seite eines Zeichensystems, dem Symbolschema und der Anwendung eines sol- chen, dem Schema im Gebrauch, statt, welches erst ein Symbolsystem genannt wird. 298 Wenn wir auf einen Gegenstand oder eine Eigenschaft bezugnehmen, wenden wir dafür ein Etikett an. Ein Etikett gehört zu einer ‚Familie von Alternativen’ 299 , ei- nem Schema, und funktioniert nur in, nicht isoliert von einem solchen. Denn: „Wir kategorisieren durch Mengen von Alternativen.“ 300 Hier klingt das saussuresche Prinzip der Differenz an. Ein Etikett, das der Einordnung eines Gegenstands in ei- ne Kategorie dient, hängt in seiner Bedeutung und seiner Extension von den ande- ren im jeweiligen Kontext anwendbaren Etiketten ab. „Was als rot gilt, variiert et- was, und zwar abhängig davon, ob Gegenstände als rot oder nicht rot oder als rot oder orange oder gelb oder grün oder blau oder violett klassifiziert werden.“ 301 Welches Schema wir anwenden, ob eines mit starkem „Auflösungsgrad“ 302 , d.h. einer großen Menge von unterscheidenden Etiketten, oder ein grobkörniges, hängt von Gewohnheit und Kontext ab, von dem jeweiligen Sprachspiel, das wir spielen. So verwenden wir ein gröberes Farbschema, wenn wir auf einen Menschen in einer Menge hinweisen wollen als wenn ein Modedesigner eine neue Oberbekleidungs- Kollektion entwirft. In dem einen Fall z.B. wenden wir auf eine Jacke das Etikett blau’ an, während der Modedesigner vielleicht auf dieselbe Jacke das Etikett ‚indi- go’ anwendete. Der Ausdruck Symbolschema ist eine rein syntaktische Kategorie. Er bezieht sich bei Goodman allein auf eine Familie von Etiketten als einer rein formalen Menge

298 Gleichwohl ist sich Goodman bewusst, dass diese Trennung aus einer theoretischen Analyse ex

post resultiert, da es uns unmöglich ist eine Zeichengestalt, eine Form unabhängig von ihrer sym- bolischen Funktion wahrzunehmen: „Nichts wird entblößt gesehen oder bloß gesehen“, „das un- schuldige Auge gibt es nicht“ [Goodman (1997), S.19], vielmehr sehen wir immer etwas als etwas.

299 Vgl. Goodman (1997), S.76.

300 Goodman (1997), S.76.

301 Goodman (1997), S.76.

302 Ich übernehme hier eine – wie mir scheint sehr treffende – Metapher aus dem Bereich der Op- tik, die Geert Keil in seinem Aufsatz „Über die deskriptive Unerschöpflichkeit der Einzeldinge“ [vgl. Keil (2006), hier: S.99-104] benutzt.

von alternativen Zeichengestalten, abstrahiert von ihrer Anwendung auf eine Sphäre. Von einer Sphäre sprechen wir, wenn der Gebrauch eines Schemas ins Spiel kommt, es ist der Bereich von Gegenständen, der durch ein Schema sortiert wird, auf den die Etiketten bezugnehmen. Das auf eine Sphäre angewendete Sym- bolschema, das Symbolschema im Gebrauch ist ein Symbolsystem. Der Begriff ‚Symbolsystem’ beinhaltet bei Goodman also immer einen semantischen Aspekt, eine Bezugnahme auf eine Sphäre. Ein Schema kann auf verschiedene Sphären an- gewendet werden. Genauso kann eine Sphäre durch verschiedene Schemata sor- tiert werden. Das Verhältnis von einer Sphäre und dem sie ordnenden Schema ist aber nicht so einfach, wie es hier geschildert wurde. Denn Gegenstände, ja die Welt, existieren für uns ja nur in Symbolsystemen, welche eine erkenntnisschaffende Funktion ha- ben. Also kann eine Sphäre von Gegenständen nicht vorgängig zu und unabhängig von ihrer Sortierung durch ein Symbolschema existieren. Die Gegenstände einer Sphäre werden gleichermaßen mit ihrer Organisation durch ein Symbolschema geschaffen. Das Erkennen und das Wiedererkennen von Einzeldingen sowie das Erkennen von Sphären von Gegenständen sind nur unter der Voraussetzung einer Ordnung mittels eines Symbolschemas möglich. „Identifikation beruht auf der Einteilung in Entitäten und Arten“ 303 und „Wiederholung ist ebenso wie Identifi- kation relativ zu Organisation.“ 304 Wir haben es somit auch bei Goodman mit einer erkenntniskonstitutiven Funktion von Symbolen zu tun, allerdings ist diese nicht auf Sprachzeichen beschränkt. In der anschließenden Betrachtung der Metapher werden wir sehen, wie ein kon- ventionell auf eine bestimmte Sphäre angewendetes Symbolschema dazu dienen kann, auf eine andere Sphäre transferiert, Ordnung in diese zu bringen.

6.2 Die Metapher

Goodman nennt eine Metapher – metaphorisch – den Transfer eines Etiketts und des mit ihm assoziierten Schemas von seiner „Heimatsphäre“, der Sphäre seiner „Naturalisierung“ 305 auf eine andere oder die Verlagerung oder Umkehrung eines

303 Goodman (1990), S.20.

304 Goodman (1990), S.22.

305 Vgl. Goodman (1997), S.80. Goodmans Ausführungen zur Metapher exemplifizieren die Allge- genwart metaphorischer Wortgebräuche wie auch ihren erkenntniskonstitutiven Charakter. Sein

Schemas innerhalb einer Sphäre. Das heißt, wird ein Etikett oder ein gesamtes Schema von der Sphäre, auf die es lange gewohnheitsmäßig angewendet wurde, auf eine neue Sphäre übertragen, so spricht Goodman von Metapher. Die Möglichkeiten des Transfers von Schemata sind unbegrenzt, d.h. wir können ein beliebiges Schema nahezu auf beliebige Sphären übertragen. Allerdings wird diese „Neuorientierung eines ganzen Netzwerkes von Etiketten“ 306 in ihrer An- wendung auf die neue Sphäre von ihrer vorherigen Benutzung gelenkt, ist also nicht vollkommen willkürlich. „Selbst dort, wo einer höchst merkwürdigen und fremdartigen Sphäre ein Schema aufgezwungen wird, dirigiert vorausgegangene Praxis die Anwendung von Etiketten.“ 307 So kann ich etwa unser Schema zur Kate- gorisierung von Temperaturgraden auf „Töne, Schattierungen, Persönlichkeiten oder auf Näherungsgrade an eine richtige Antwort“ übertragen; „aber welche Ele- mente in der gewählten Sphäre warm sind oder wärmer als andere, das ist dann in hohem Maße festgelegt.“ 308 Goodman unterscheidet analog zu unserer in Abschnitt 5.3 erfolgten Abgrenzung von Regelbefolgung und Projektion die Metapher von der „routinemäßigen Projek- tion“ 309 . Beide bedeuten zwar einen innovativen Umgang mit Symbolen, aber nur die Metapher bricht mit überkommenen Regeln, während die ‚routinemäßige Pro- jektion’ eine konventionelle, kalkülhafte Symbolverwendung bedeutet 310 : „Jedes Zutreffen eines Prädikats auf ein neues Ereignis oder einen neu gefundenen Ge- genstand ist neu; aber eine derartige routinemäßige Projektion begründet noch keine Metapher.“ 311 Um von einer Metapher zu reden, muss vielmehr die Routine, die konventionelle Regelbefolgung aufgekündigt werden, der metaphorische Gebrauch handelt der Regel zuwider, er bricht mit der Gepflogenheit. Während die routinemäßige Projektion das „bloße[s] Anwenden eines vertrauten Etiketts auf

Text über die Metapher ist von Metaphern durchzogen. So taucht z.B. die Metapher eines ‚Symbol- schemas auf Reisen’ immer wieder auf. Vgl. Goodman (1997), S.76-88.

306 Goodman (1997), S.76f.

307 Goodman (1997), S.78.

308 Vgl. Goodman (1997), S.78.

309 Goodman (1997), S.74.

310 Der Projektionsbegriff bei Wittgenstein/Schneider und Goodman wird also für entgegengesetzte Zeichenhandlungen benutzt, die einen nutzen ihn zur Bezeichnung eines freien „nicht vorhersehba- ren Schritt der Spontaneität“ (vgl. oben S.56), der andere benutzt ihn gerade für vorhersehbare, routinierte Zeichenhandlungen.

311 Goodman (1997), S.74.

neue Dinge“ ist, wenden wir es bei der Metapher „auf neuartige Weise“ 312 an. Als „kalkulierte Kategorienverwechslung“ 313 bewirkt die Metapher eine Spannung zwi- schen Regelbruch und Konvention:

„[E]ine Metapher ist eine Affäre zwischen einem Prädikat mit Vergangenheit und einem Gegenstand, der sich unter Protest hingibt. Bei der routinemäßigen Projektion wendet die Gewohnheit ein Etikett auf einen noch nicht entschie- denen Fall an. Eine willkürliche Anwendung eines neugeprägten Ausdrucks wird ebenfalls nicht durch eine frühere Entscheidung gestört. Aber die meta- phorische Anwendung eines Etiketts auf einen Gegenstand setzt sich über eine explizite oder stillschweigende frühere Ablehnung dieses Etiketts für diesen Gegenstand hinweg. Wo es Metaphern gibt, gibt es Konflikte“.“ 314

Der Konflikt entbrennt durch die doppelte Verwendungsweise des metaphori- schen Ausdrucks. „Bei der Metapher … wird ein Ausdruck mit einer durch Ge- wohnheit etablierten Extension anderswo unter dem Einfluß dieser Gewohn- heit angewandt; hier liegt sowohl Abweichen von als auch Achtung vor dem Vorhergehenden vor.“ 315 Goodman unterscheidet verschiedene „Modi der Metapher“ 316 , die er in zwei Klassen unterteilt: zum einen können wir es bei einer Metapher mit einem „Transfer eines Schemas zwischen disjunkten Sphären“ 317 zu tun haben zum anderen mit dem Transfer eines Schemas innerhalb einer Sphäre oder zwi- schen sich überschneidenden Sphären. Auf der einen Seite finden sich Personi- fikation, Synekdoche und Antonomasie, auf der anderen Hyperbel, Untertrei- bung, Ironie etc. Symbolsysteme sind nun – auch für Goodman – von Metaphern durchzogen, „Metaphern durchdringen jeden normalen oder speziellen Diskurs“ 318 . Den Grund für die Metaphorizität eines Symbolsystems sieht Goodman im „Bedürf- nis nach Ökonomie“, in der unser Gedächtnis entlastenden Wirkung von Meta- phern:

312 Ebd.

313 Goodman (1997), S.77.

314 Goodman (1997), S.74.

315 Goodman (1997), S.75.

316 Goodman (1997), S.84-88.

317 Goodman (1997), S.84.

318 Goodman (1997), S.83.

Der „unablässige Gebrauch von Metaphern entspringt nicht nur der Liebe zur literarischen Farbigkeit, sondern auch dem dringenden Bedürfnis nach Öko- nomie. Wären wir nicht in der Lage, Schemata ohne weiteres zu übertragen, um neue Sortierungen und Ordnungen hervorzubringen, dann müßten wir uns mit unhandlich vielen verschiedenen Schemata belasten, und zwar entweder durch Übernahme eines ungeheuer großen Vokabulars elementarer oder durch Erarbeitung außerordentlich vieler zusammengesetzter Ausdrücke.“ 319

Diese Argumentation erinnert an Saussures Begründung für die analogische Verfasstheit der (zumindest morphologischen Ebene der) Sprache, die er auf die Beschränktheit des menschlichen Gedächtnisses sowie das Bedürfnis nach Ökonomie in der langue zurückführt, auf das Bedürfnis nach Symmetrie. 320 Allerdings ist hier nochmals auf die ordnende Funktion des Transfers eines Schemas zurückzukommen. Sei es die neue Ordnung einer schon bekannten und bereits auf andere Weise geordneten Sphäre oder die Erschließung einer neuen Sphäre mittels des Transfers eines Schemas; immer haben wir es mit der Kreation einer neuen Weltversion, mit der Konstitution von Welt, von Er- kenntnis zu tun. Die Metapher lässt sich somit als umfassende ‚Weise der Welt- erzeugung’ verstehen, die der Tilgung, Ergänzung, wie (Neu-)Ordnung, Kom- position und Dekomposition etc. von Weltversionen fähig ist.

7 Parasemische Schöpfung, Projektion und Metapher

Wir haben nun ausführlich die analogische Verfasstheit der Sprache wie auch an- derer Symbolsysteme betrachtet, die sich auf den erkenntnisschaffenden und öko- nomischen Charakter der Analogie gründet. Im Laufe dieser Arbeit sind uns aber drei unterschiedliche Analogie- oder Metaphernbegriffe begegnet: die morphologi- sche Metapher bei Saussure, die syntaktische Metapher oder Projektion und die ‚lexikalische’ Metapher bei Wittgenstein und Schneider. Soeben haben wir Good- mans umfassenden, sich auch auf andere Symbolsysteme außer der Sprache bezie- henden, Metaphernbegriff erläutert. In diesem Kapitel geht es zuerst darum, die Problematik einer Unterscheidung zwischen verschiedenen Phänomenen der Metapher oder Analogie darzustellen, um darauf aufbauend die bisher betrachteten Analogietypen unter einem Prinzip zu vereinen.

319 Goodman (1997), S.83f.

320 Vgl. oben S.35 & 42.

7.1 Die Problematik einer Unterscheidung verschiedener Analogieformen

Die anschließende Betrachtung der Problematik einer Unterscheidung von mor- phologischer, lexikalischer und syntaktischer Analogie nimmt eine Frage auf, die sich im Zuge der Betrachtung der analogischen Kreation bei Saussure und der kre- ativen Projektion bei Wittgenstein und Schneider immer wieder aufdrängte: Ha- ben wir es bei diesen metaphorischen Prozessen nicht mit einer Betrachtung un- terschiedlicher sprachlicher Handlungen auf verschiedenen Ebenen der Sprache zu tun? Befasst sich nicht Saussure mit der Kreation neuer Wörter auf morpholo- gischer Ebene, während es sich bei einer Metapher um die Schaffung neuer Wort- bedeutungen durch einen innovativen Gebrauch von alten Wörtern handelt oder bei der Projektion eines syntaktischen Gefüges um ein entsprechend syntaktisches Phänomen? Saussure hat die Problematik wie folgt formuliert 321 :

„[E]ine Schwierigkeit wird darin bestehen, die parasemische Schöpfung vom parasemischen Einfluß abzugrenzen, der den Sinn eines sème vollständig ver- ändern kann, ohne daß wir erkennen würden, daß es ein anderes sème ist. Wenn aber die ‚Form’ ändert, sagen wir ausdrücklich, daß es ein anderes sème ist. Ist dieser Unterschied gerechtfertigt?“ 322

Der ‚parasemische Einfluss’ resultiert nämlich zum großen Teil aus (‚lexikali- schen’) Metaphern, wie wir gleich mit Goodman zeigen werden. 323 Diese Frage be- rührt also die Frage nach der Unterscheidung von Morphologie und Lexikologie.

321 Vgl. oben Anm. 183.

322 Saussure (1997), S.363, N 15 „Item“.

323 Zum anderen könnte man auch von parasemischem Einfluss reden, wo der Gebrauch, d.h. die Bedeutung, der Etiketten eines Schemas sich durch die Verfeinerung des Schemas, durch die Erhöhung seines Auflösungsgrades ändert, die wir durch Hinzufügung zusätzlicher Etiketten erhal- ten. Goodman würde in diesem Fall wohl auch von einer Neuordnung einer Sphäre oder einer Er- gänzung eines bestehenden Symbolsystems sprechen. Saussure schreibt dazu: „Wenn Sie einer Sprache [‚langue’] ein Zeichen neu hinzufügen, vermindern Sie um ebendies die Bedeutung der an- deren.“ [Saussure (1997), S.500, „Aus der Mitschrift von A. Riedlinger zum Cours II“]. Ohne den Terminus zu verwenden beschreibt Saussure auch an anderer Stelle sehr schön diese Art des para- semischen Einflusses, die hier nicht weiter beleuchtet wird [Saussure (2003), S.157, [29j] [Integra- tion oder Postmediation-Reflexion]]:

Inwiefern können wir es beim parasemischen Einfluss mit dem Produkt des Trans- fers von Etiketten oder Schemata zu tun haben? Wie oben bereits angedeutet, äh- nelt sich die Rede Goodmans vom Symbolschema als einer ‚Familie von Alternati- ven’ sehr dem saussureschen Prinzip der Differenz. „Wir kategorisieren durch Mengen von Alternativen“, durch Mengen von Etiketten, d.h. durch Symbolsche- mata. Dabei funktioniert jedes Etikett „nicht isoliert, sondern in seiner Zugehörig- keit zu einer Familie“ 324 . Jeder Transfer bedeutet eine „Neuorientierung eines gan- zen Netzwerkes von Etiketten“ 325 , d.h. jeder unkonventionelle Gebrauch eines Eti- ketts eines Schemas – wie z.B. die Metapher – wirkt sich verändernd auf den Gebrauch aller Etiketten des Schemas aus. Der Transfer eines Etiketts auf eine an- dere Sphäre ändert für dieses Sprachspiel die Bedeutung eines gesamten Etiket- tennetzwerks, erschafft gewissermaßen eine ganze Reihe neuer parasèmes. Dieses Phänomen lässt sich – neben anderen 326 – als parasemischer Einfluss verstehen und es handelt sich um eine Wirkung der– von uns so kategorisierten – lexikali- schen Metapher. Im Anschluss an das ‚große Prinzip’, welches ja zur Identifikation linguistischer Einheiten den Rekurs auf die ‚Sinn-Formen’ des Sprecherbewusstseins fest- schreibt, lässt sich an der klaren Unterscheidung zwischen Morphologie und Lexi- kologie als Unterteilungen der Grammatik zweifeln. So macht Saussure die Igno- ranz des doppelten Charakters des Zeichens, der Entgegensetzung von sème und aposème, verantwortlich für fragwürdige Kategorisierungen in der Grammatik:

„Die Sprache [langue] hat eine physische und eine psychische Seite. Der un- verzeihliche Irrtum aber, der sich auf tausenderlei Weise in jeden Abschnitt einer Grammatik übertragen wird, besteht darin, zu glauben, daß die psychi- sche Seite der Begriff, die physische Seite hingegen der Laut, die Form, das Wort sei. Die Dinge sind ein wenig komplizierter.“ 327

„In jedes existierende Zeichen GEHT also in jedem Augenblick ein bestimm- ter Wert EIN [s’INTÉGRER], bildet sich später aus [se post-élaborer], nicht weniger!!!, der immer nur aufgrund der Gesamtheit der Zeichen bestimmt ist, die zum selben Zeitpunkt vorkommen; und da sich die Anzahl und der rezip- roke sowie relative Aspekt dieser Zeichen von ein