“D

ie Aufschrift am Fausthaus lesen!”, gebietet eine auf blanken Beton gekritzelte Kreidebotschaft. 1492

steht auf der Fassade des schmucken Fachwerkhauses in Bad Kreuznach und ein langer Trinkspruch legt sich ums Gebälk. “Der zwar geht auf schlechten Wegen, der sich auf den Trunk tut lege, denn der Satan kommt verschmitzt, wenn man einen Rausch besitzt”. Klebrig seidige Spinnfäden glitzern in der späten Mittagssonne. Im Schaukasten der Weinstube schnörkeln Kunstblumen eine Karte ein, auf der Speisen und Getränke noch

Spurensuche in Bad Kreuznach — Eine Reisereportage von Sibylle Zerr, © 2003

in D-Mark ausgezeichnet sind - “Wegen Krankheit geschlossen”. Eine Kreuzspinne hat die solide Eingangstür des Fausthauses endgültig versiegelt. Der Trinkspruch aber geht weiter: “Doch

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dem Braven ist zu gönnen, wenn am abend sinkt die Sonnen, dass er in sich geht und denkt, wo man einen Guten schenkt”. Der Ellerbach bahnt sich seinen Weg durch Bad Kreuznachs Klein Venedig. Nur wenige Schritte sind es zur Klappergasse, wo Johann Georg Sabellicus Faust im Jahre 1507 in der Lateinschule unterrichtet hat. Magister Faustus mag sich auf der Brücke über dem Bach gefragt haben, was wohl die Welt im Innersten zusammenhält. Schlank wachsen die Häuschen am Ufer in die Höhe, eng aneinander geschmiegt legen sie sich ums munter rauschende Bächlein wie ein Nadelöhr. Ins Kiesbett der Nahe sprudelt der Ellerbach und verliert sich endgültig in der Weite des größeren Stromes. Freunde sitzen mit Blick auf die Pauluskirche friedlich am Gestade unter den Häusern. Einer angelt Bierdosen

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aus dem kühlen Nass kurz bevor es sich in die behäbigere Nahe ergießt, wo sein helles Plätschern verstummt. Breit geädert ist die Flußaue zwischen Wilhelmsbrücke und Pauluskirche, in der vor 161 Jahren Karl Marx Jenny von Westphalen geheiratet hat. Bald lenkt eine geklinkte Ufermauer einen Teil der Nahe unter den historischen Brückenhäusern in geordnete Bahnen, macht die Wasseroberfläche glatt, während der ungebändigte Teil eine Flußschleife um Crucenia-Therme und Kurpark legt und an der Felswand unter den Weinbergen nagt.
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Auf den silbernen Fluten der geglätteten Nahe treibt eine Familie im Ruderboot und zerteilt die Spiegelungen der Stadt.

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Im Kurpark spielt das Abendlicht in den Kronen von Baumriesen. Das Kurorchester spielt Bellami. Alte Liebespaare gehen Hand in Hand. Blätter malen Schattenflecken auf die weitläufigen Grünflächen zwischen den Promenaden. In der Flusslandschaft zwischen Elisabeth-Quelle und Heilstollen steht ein Sportfischer mit langen Gummistiefeln und schwingt seine Angel wie eine Peitsche. Fliegenfischen, während andere in einer Reihe sitzend an den Rieselwänden der Saline Luft schnappen. Im Wasserdunstkreis des Solezerstäubers wird Haut weich und Atem frei. Aus 500 Metern Tiefe wird das Wasser mit einem Salzgehalt von bis zu zwei Prozent heraufgepumpt und an den Reisigwänden der Solezerstäuber verdunstet. Die Sole wird seit 1817 erfolgreich zur Behandlung verschiedener Krankheitsbilder angewandt. Kreise schwimmen kann man im runden Soleteich

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der Crucenia Thermen unter freiem Himmel, den Fels, den die stete Wasserkraft der Nahe unter den üppigen Weinbergen poliert hat, immer vor Augen und die Gesundheit im Visier. Im Neubau des Gesundheitszentrums direkt bei der Therme kann man sich mit Heilschlammbehandlungen, Inhalationen, Massagen und Akupunktur kurieren. Am still gelegten Quecksilberstollen hält ein Baustellenband Neugierige vom Eingang fern, hinter dem im Bergesinneren die schwach radioaktive Strahlung des Radon in unschädlicher Konzentration ihre heilende Wirkung entfalten.
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Vergleichbare Einrichtungen gibt es ansonsten nur in Österreich, Russland und Südamerika. Nirgendwo, so scheint es, können sich ältere und stressgeschwächte Menschen besser der Erholung

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und Genesung hingeben. Ein Vater mit dem Sohne schichtet unterhalb am Ufer im seichten Wasser Kieselsteine zu Phantasiewesen auf. Passanten bleiben stehen und staunen. Über den Baumwipfeln in den Weinbergen oberhalb der Nahe thront ein winziger roter Tempel wie ein vom sehen wundes Auge. Am Hotel Quellenhof im Nachtigallenweg glitzern vier Sterne, während die Hängebrücke unter der Last ihrer Besucher ächzt und der Weg hinauf zum Aussichtstempel führt. Da liegt eine Landschaft hinter den Rebflächen und über der Stadt, die sanft und unwirklich von dannen schwebt und einem lichten Wald entgegen wogt. Auf einer Wand im Aussichtstempel über der Stadt beklagt eine wasserfeste Edding-Sudelei den Verlust einer Liebe, die sie einfach aber alles beschreibend

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“Universum” nennt. Blickt man vom Tempel hinab auf den roten Kirchturm, so liegt Bad Kreuznach wie eine fruchtbare Oase vor dem Rhein-Hessischen Rebland. Es zieht einem hinab an die Ufer der Nahe, um auf den silbern geschwätzigen Fluss zu blicken und schweigend einen jungen Riesling zu schlürfen.

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Impressum
Die Reisereportage “Spurensuche in Bad Kreuznach” von Sibylle Zerr wurde veröffentlicht von der Edition Sibylle Zerr am 2. August 2013 bei www.scribd.com © Sibylle Zerr, 2003 & 2013 - www.sibylle-zerr.de

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