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FIT Da war die Welt noch in Ordnung: Aufwärmen auf dem Rudergerät. 58 MANNSCHAFT Crossfit: Fitnessstudios

Da war die Welt noch in Ordnung: Aufwärmen auf dem Rudergerät.

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MANNSCHAFT

Crossfit: Fitnessstudios waren gestern

Es ist unmöglich, den Fitnesstrend Crossfit ohne die Worte «hart» oder «intensiv» zu beschreiben. Redaktor Frank Richter hat das Programm aus den USA getestet. Nach sieben Minuten bereute er seine Entscheidung.

nach meinem ersten Training dasselbe be- haupten zu können.

«Hier habe ich mich gestern übergeben» Wir sind zu viert beim heutigen Probe- training. Für uns zuständig ist Trainer Jeff. Der 26-Jährige trainiert bereits seit vier Jahren Crossfit, nebenbei spielt er American Football. Sein Körperbau ist dementsprechend. Jeff könnte als Tür- steher durchgehen, wären da nicht der geschmeidige Gang und das freundliche Lächeln. Nach einer kurzen Begrüssung nimmt er uns mit auf eine Joggingtour rund um die Halle. Das Einlaufen ist lo- cker, sogar Smalltalk mit den Teamkolle- gen liegt drin. Möglicherweise ist Cross- fit ja doch nicht so hart wie befürchtet,

denke ich. Als Jeff auf ein Gebüsch zeigt

Fotos:

Andrea Monica

Hug

S portmuffel dürfte schon der

Eingang der Reebok-Crossfit

-Halle in Zürich abschrecken.

Eine Wand zeigt Bilder schwit-

zender Menschen, die schwere Gewichte stemmen und sich komplett verausgaben. Die Botschaft ist klar: Wer hier trainiert, will etwas erreichen und scheut weder schweisstreibende Trainingseinheiten noch Muskelkater. Crossfit wurde mir von einer Kollegin empfohlen, die bei der Polizei ar- beitet. Es sei das härteste Training, das sie je absolviert habe, schwärmte sie während eines gemeinsamen Nachtessens. Und sie habe sich noch nie so fit gefühlt. Ich hoffe,

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FIT Frauenvorteil: Beim schönen Geschlecht muss der Medizinball nur die erste Linie überqueren. Dass ich die

Frauenvorteil: Beim schönen Geschlecht muss der Medizinball nur die erste Linie überqueren.

Dass ich die Übung gnaden- los unterschätzt habe, wird mir bewusst, als Jeff die ver- bleibende Zeit angibt: «Noch fünf Minuten.»

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und hinzufügt, dass er sich beim gestrigen Training an dieser Stelle übergeben habe, verwerfe ich den Gedanken wieder. Zurück in der Halle werden wir über den Ursprung und die Grundsätze von Crossfit aufgeklärt. Die Sportart entstand Mitte der Neunzigerjahre in den USA und hat sich innerhalb der letzten Jahre zum Trend gemausert. Crossfit ist ein in- tensives Zirkeltraining, bei dem die Ge- samtfitness gesteigert wird. Im Gegensatz zum Gewichtheben geht es nicht darum, möglichst schnell möglichst muskulös zu werden, sondern individuelle Punkte wie Ausdauer, Kraft, Balance oder Koordi- nation zu stärken. Eine Crossfit-Lektion dauert eine Stunde. Sie beinhaltet klas- sische Übungen wie Liegestützen oder Klimmzüge, aber auch speziell anmuten- de Einheiten wie das Kippen eines Trak- torrads. Trainiert wird in Gruppen unter der Anleitung eines Trainers. Um Erfah- renen wie auch Anfängern ein möglichst intensives Workout zu bieten, passt der Trainer individuell das Gewicht oder die Anzahl Wiederholungen an.

wir Rudermaschinen, Gewichte sowie eini- ge Ringe und Stangen, die von der Decke hängen. Nach dem Dehnen führt uns Jeff die erste Übung vor. Aus der Hocke sol- len wir einen Medizinball an einer Wand in die Höhe werfen. Der Ball muss dabei zwei rote Linien überqueren. Im Anschluss folgt ein «Burpee». Bei diesem springt man aus dem Stand in den Liegestütz, berührt knapp den Boden, springt danach wieder in die Höhe und klatscht in die Hände. Der Probedurchlauf klappt wie geschnit- ten Brot, wir erhalten sogar Lob vom Trai- ner. Dann gilt es ernst. Der Countdown wird auf sieben Minuten gestellt. Die ersten Wiederholungen gelingen mir locker. Zehn mal Medizinball wer- fen, zehn «Burpees», keine grosse Sache. Auch die zweite Runde klappt noch eini- germassen, allerdings knicken mir bei den «Burpees» die Handgelenke ein. Anstatt die Liegestütze auf Fäusten zu machen, gehe ich zur flachen Hand über. Beim dritten Durchgang legt der Kollege neben mir bereits einen deutlichen Vorsprung an den Tag. Meine Beine brennen beim In-die-Hocke-Gehen, für die «Burpees» brauche ich deutlich länger. Dass ich die Übung gnadenlos unterschätzt habe, wird

Sieben Minuten Ewigkeit Die Halle in Zürich ist spartanisch einge-

richtet. Auf unserem Rundgang entdecken

mir bewusst, als Jeff die verbleibende Zeit

angibt: «Noch fünf Minuten.» Ich höre auf, die Wiederholungen zu zählen. Mein T-Shirt klebt mittlerweile am Rücken, die Oberarme zittern bei jeder Wiederholung. Auch die Mitstreiter haben ihr Tempo verringert, ächzen und stöhnen bei jedem neuen Durchlauf. Jeff fordert uns auf, nochmals alles zu geben. «Noch zwei Mi- nuten.» Eine verdammte Ewigkeit. Wäh- rend im Hintergrund Eminem rappt, mo- bilisiere ich die letzten Reserven. Meine Oberschenkel brennen unerträglich, die Arme sind bleiern. Jede Wiederholung fühlt sich an, als würde ich sie in Zeitlupe durchführen. Dann endlich sind die sie- ben Minuten vorbei. Mir ist übel, mein

für meine Beine. Trotz Beschiss reicht es nur für den zweitletzten Platz. Ich bin total erledigt, meine Mitstreiter allerdings auch. Die Kollegin bei der Polizei hatte Recht. Crossfit ist das härteste Training, das ich jemals absolviert habe. Gäbe es ein Center in meiner Nähe und würde ein Jahresabo nicht über 1'800 Franken kosten, wäre meine Unterschrift bereits auf dem Anmeldeformular. Somit bleibt es jedoch beim einmaligen Probetraining. Allerdings habe ich etwas gelernt. Mei- ne drei Fitnessstudiobesuche pro Woche werde ich in Zukunft schön für mich be- halten. Jeder, der Crossfit betreibt, kann

 

Links

Crossfit-Centers gibt es in verschiedenen Schweizer Grossstädten. Für Interessierte finden regelmässig kostenlose Probetrai- nings statt. Weitere Infos unter:

crossfitbern.ch

crossfitbasel.ch

crossfitzuerich.ch

crossfitturicum.ch (Zürich)

darüber nur lachen.

darüber nur lachen.  crossfitzug.ch

crossfitzug.ch

T-Shirt spannt unangenehm. Ich lächle gequält, als wir uns gegenseitig abklat- schen. Wie peinlich. Ich trainiere dreimal die Woche in einem Fitnessstudio und jogge regelmässig. Trotzdem haben gera- de mal sieben Minuten Crossfit gereicht, um mich komplett zu schlauchen.

 

Trainer Jeff beglückwünscht Frank zu sieben Minuten «Burpees».

Bloss nicht Letzter sein Mittlerweile füllt sich die Halle mit Cross- fit-Athleten. Hinter uns hat einer der Trai- nierenden das T-Shirt ausgezogen. Sein Oberkörper sieht aus, als wäre er einer Fitnesszeitschrift entsprungen. «So könnt ihr aussehen, wenn ihr regelmässig bei uns trainert», muntert uns Jeff auf. Diese Ver- sprechen kenne ich aus dem Fitnessstudio. Beim Crossfit glaube ich sie allerdings auf Anhieb. Viele der Mitglieder trainieren viermal die Woche, stellen ihre Nahrung um, viele Proteine, wenig Kohlenhydrate. Die Übungen hier sind intensiver als die an Fitnessgeräten. Abkürzen oder Wiederho- lungen auslassen liegt nicht drin, die Trai- ner überwachen jede Bewegung. Zur Feier des Tages dürfen auch wir nochmals einen Schritt in Richtung Men's-Health-Cover- body machen. Bei unserer zweiten Übung legen wir 500 Meter auf dem Rudergerät zurück, danach folgen 40 Kniebeugen und 30-mal Schwingen mit einer Kugelhantel. Im Gegensatz zur vorherigen Übung läuft im Hintergrund allerdings kein Timer mehr. Stattdessen gilt es, vier Durchgänge zu absolvieren. Um nicht als Letzter abzu- schliessen, schummle ich mit der Anzahl Wiederholungen, wenn Jeff nicht hinsieht. Meine Oberschenkel brennen noch im- mer vom Medizinballwerfen, jede nicht durchgeführte Kniebeuge ist eine Wohltat

SEPTEMBER 2013

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